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Handwörterbuch
des deutschen Aberglaubens
Herausgegeben von
Hanns Bächtold-Stäubli
unter Mitwirkung von
Eduard Hoffmann-Krayer
mit einem Vorwort von
Christoph Daxelmüller
Band 4
Hieb- und stichfest - Knistern
Walter de Gruyter • Berlin • New York
1987
Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
herausgegeben unter besonderer Mitwirkung von E. Hoffmann-Krayer
und Mitarbeit zahlreicher Fachgenossen
von Hanns Bächtold-Stäubli, (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde,
herausgegeben vom Verband deutscher Vereine für Volkskunde,
Abteilung I, Aberglaube), erschienen 1927 bis 1942 bei
Walter de Gruyter & Co. vormals G. J. Göschen’sche Verlagshandlung -
J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung - Georg Reimer - Karl J. Trübner -
Veit & Comp., Berlin und Leipzig.
Abbildung auf dem Einband:
Das Einhorn, nach Sebastianus Munsterus, Cosmographey, 1598.
Die Originalausgabe dieses Bandes erschien 1932
ClP-Kurztitelaufnähme der Deutschen Bibliothek
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens / hrsg.
von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitw. von Eduard
Hoffmann-Krayer. Mit e. Vorw. von Chnstoph Daxel-
müller. - Unveränd. photomechan. Nachdr. - Berlin;
New York: de Gruyter
ISBN 3-11-011194-2
NE: Bächtold-Stäubli, Hanns [Hrsg.]
Bd. 4. Hiebfest - Knistern. - Unveränd. photomechan.
Nachdr. d. Ausg. Berlin u. Leipzig, de Gruyter, Gutten¬
tag, Reimer, Trübner, Veit, 1932. - 1987.
Alle
© 1931/1932/1986 by Walter de Gruyter & Co., Berlin.
Printed in Germany.
Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der Übersetzung, der Herstellung
von Photokopien - auch auszugsweise - Vorbehalten.
Druck: H. Heenemann GmbH & Co, Berlin
Einbandgestaltung: Rudolf Hübler
Bindearbeiten: Lüderitz & Bauer, Berlin
H.
r
hieb- U. stichfest s. festmachen
2, 1353 ff.
Hilarius, hl. Bischof von Poitiers,
gest. 367. Sein Kult ist durch fränkische
Mission zu den Alemannen in die Schweiz
gedrungen 1 ). Sein Gedenktag (13. Ja¬
nuar) bezeichnet das Ende der Weih¬
nachtszeit 2 ) und den Beginn der Fast¬
nachtszeit 3 ). An ihm wird das Hilari-
brot gebacken 4 ). In Binn (Kt. Wallis)
ist H. Seelentag; es wird Brot für die
Toten geopfert 5 ). In den Vogesen läßt
man Brot und Salz weihen und verteilt
es unter die Tiere 6 ).
l ) Herzog-Hauck 8, 57 ff. 2 ) Hof¬
ier Fastnacht 8; Hoffmann-Krayer
x 22 f. (es wird auch eine Strohpuppe, der
Glarili, vergraben). 3 ) SchwVk. 13, 4 (Solo¬
thurn). 4 ) Höf ler Fastnacht 8; Birlin-
ger Schwaben 2, 28. 6 ) SchwVk. 12, 37.
•) Seligmann 2, 327. Sartori.
Hilde. Eine Wasserdämonin mit blauen
Haaren, deren schöner Schwanengesang
die Bewohner des ,Hildebrand 4 , einer
Gegend bei Gräfendorf, entzückte. Zu¬
letzt habe sie sich selbst verbrannt, wo¬
her der Flurname x ).
*) Bechstein Thüringen 2, 152; s. a.
Hille. Hoffmann-Krayer.
Hildegard, hl.
1. Gemahlin Karls d. Gr., Stifterin des
Klosters zu Kempten. Manche Sagen
werden von ihr erzählt x ). Eine Quelle
bei Kempten trägt ihren Namen 2 ).
') Schöppner Sagen i, 29 ff.; 2, 410.
414; Reiser Allgäu 1, 441 ff. 2 ) Reiser
1. 441. f.
2. Äbtissin des Klosters auf dem
Rupertsberge bei Bingen. Gest. 17. Sep¬
tember 1179. Berühmt als Seherin,
• •
Dichterin, Philosophin, Ärztin und Na¬
turforscherin 3 ). Ihr werden Glossen aus
B S chtold-Stäubli, Aberglaube IV.
einer unbekannten Sprache zugeschrie¬
ben, bei der es sich jedoch um spielerische
Verdrehungen deutscher und lateinischer
Worte handelt 4 ).
3 )Wetzer u. Welte 5, 2061 ff. Ver¬
schiedene Einzelheiten namentlich aus ihren
„Physica" berührt z. B. Franz Benedik¬
tionen 2, 685 (Register). Zu ihrer Auffassung
des Schöpfungsberichtes: Wolf Beitr. 2,
349 f. 4 ) Güntert Göttersprache 29. 78 ff.
Sartori.
Hille. Name der einen Jungfrau in
einer unvollständigen Variante des Drei¬
frauensegens l ). Grimm 2 ) vermutete dar¬
in die Walküre Hilda (s. a. Hilde), Eber¬
mann denkt wohl mit Recht an ein Reim¬
wort zu ,,stille“ und ,,Sibylle“ (s. d.),
bringtauch die Parallele,,Brunhille“ (s.d.)
in einer ferneren Variante. Ein ähnliches
Reimspiel liegt wohl vor in dem Namen
des Köhlerinstrumentes ,,Hillebille“ 3 ).
Die Frau des Hintzelmanns heißt Hille
Bingeis 4 ).
1 )Kuhn u. Schwarz 437 Nr. 310;
ZfdA. 4, 391; Ebermann Blutsegen 85.
2 ) Myth. 2, 1042. 3 ) ZfVk. 5 {1895), 103 ff.
4 ) G r ä s s e Preußen 1, 646. Jacoby.
Hillebille 1 ). Das in verschiedenen deut¬
schen Gegenden 2 ) bis zur Wende des
19. Jahrhunderts vorzugsweise bei Wald-
und Bergarbeitern nachweisbare hoch¬
altertümliche Signalgerät (wahrscheinlich
von slavischen Besiedlern eingeführt) 3 )
ist gegenwärtig wohl nur noch in Muse¬
en anzutreffen. Weder mündliche noch
schriftliche Überlieferungen 4 ) berichten
über einst damit verknüpfte abergläu¬
bische Vorstellungen. Vgl. im übrigen:
Klapper, Ratsche.
*) Zur Etymologie: A n d r e e in ZfVk. 5
(1895), 105; Hoops ebd. 328t. Zuletzt:
Manninen in WZfVk. 35 (1930), 146
Anm. 13. 2 ) ZfVk. 5, 103 ff. (Harz, Erzge¬
birge, Pommern); ebd. 327 (Kurland); Globus
1
3
Himbeere—Him mel
4
83, 52 (Westpreußen); ebd. 196 (Ostpreußen);
ZfrwVk. 5 (1908), 174 ff. (Westfalen). Im öster¬
reichischen unter der Bezeichnung „die
Kl op f“ (ZföVk. i, 127); ,,F reßglocke"
(Ebd. io, 186); ,,K lebem“ (ZfVk. 12, 214 f.
Vgl. auch 13, 436 f.). 3 ) WZfVk. a. a. O. 146.
4 ) Zur Literatur: Andree in ZfVk. 5, 103 ff.;
Ders. Braunschweig 185 f. Dazu: ZfVk. 6
(1896), 444 f.; 8 (1898), 347; 15 (1905), 93; 20
(1910), 257. 263 f.; Li pp er t Christentum
558; Globus 82, 315; 94, 7 (Bulgarien); WZfVk.
a. a. O. 143 ff. (Ost- und Südeuropa).
Perkmann.
Himbeere (Rubus idaeus). Die H. wird
im Gegensatz zur nahverwandten Brom¬
beere (s. d.) nur ganz wenig im Aber¬
glauben genannt. Dem verhexten Pferd
bindet man einen Zweig der wilden H.
um den Leib x ). Wie die H.n reifen, so
reift auch das Korn 2 ).
l ) Haltrich Siebenb. Sachsen 278. 2 ) Fi¬
scher SchwäbWb. 3, 1585. Marzell.
Himmel.
1. Allgemeines. — 2. Zum H. weisen. -—
3. Einfluß des H.s auf die Erde. — 4. Der H.
als Gewölbe. H.söffnungen. Mehrere H. —
5. H. als Ort Gottes und der Seligen. — 6. Weg
zum H.
1. Die Vorstellung des H.s als eines
Daches ist sehr verbreitet und für primi¬
tiveres Denken natürlich l ).
J ) Grimm Myth. 2, 582; 3, 203 f.
2. Zum H. weisen (vgl. 2, 1483 ff.).
Während der Mensch in seiner irdischen
Umgebung durch eine bunte Fülle wech¬
selnder Erscheinungen beschäftigt wird,
inmitten derer er seinen Lebensunterhalt
sucht und mit denen er in persönliche
Berührung tritt, bleibt der H. seinem Zu¬
griff entzogen. Deshalb ist das Interesse
für ihn ein sekundäres. Andererseits ist
der H. die Szene, vor der die Sonne und
der Mond und die Sterne erscheinen, aus
dem fruchtbare Regen und zerstörende
Gewitter hervorkommen. Durch diese
Erscheinungen einerseits, durch die Un¬
beeinflußbarkeit derselben andererseits
und endlich durch seine Gleichmäßigkeit
und Größe macht der H. den Eindruck
de» Majestätischen, von dem letzten
Ende» Alles abhängt.
Ilirirn Eindruck bestätigt zunächst
eine Allgemeine Scheu vor dem H. So
heißt e» im Erzgebirge: Wer unter freiem
H. tanzt, bekommt einst keinen Myrten¬
kranz, und: Wer unter freiem H. spielt,
der spielt einst in der Hölle 2 ). Besonders
ist das Weisen nach dem H. wie den
einzelnen himmlischen Erscheinungen ver¬
pönt. Nach dem H. mit den Fingern zu
weisen, ist nicht gut, sonst sticht man
dem lieben Herrgott nach den Augen,
heißt es in der Mark 3 ), oder man sticht
sonst einem Engel die Augen aus 4 ), oder
ihn tot 5 ). Tut man es trotzdem, so wird
der Finger steif oder fault ab 6 ). Diese
Folge kann man verhüten, wenn man sich
alsbald in den Finger beißt (Wetterau) 7 ).
Man soll ebensowenig mit dem Finger in
die Sonne deuten 8 ), noch nach dem Mond
und den Sternen, man verletzt sonst den
Engeln die Augen 9 ) oder sticht sie tot 10 ).
Wer mit dem Finger auf die Sterne
zeigt, dem fällt er ab, oder es fällt ihm
der Stern ins Auge, und er wird blind n ).
Weist man auf Sternschnuppen, muß
man bald sterben 12 ). Wenn es blitzt,
darf man nicht gen H. blicken 13 ).
Strecken beim Blitz die Kinder einen
Finger gen H., so wird der böse 14 ),
oder schlägt es ein 15 ). Nach Gewitter¬
wolken darf man nicht mit dem Finger
weisen 16 ), auch nicht auf einen Regen¬
bogen, sonst schlägt es ein 17 ). — Ein
Messer darf mit der Schneide nicht nach
oben liegen, sonst schneidet man Gott
ins Gesicht, sticht Gott die Augen aus 1S ),
oder die Engel verletzen sich daran 19 ).
Es heißt aber auch, daß sonst der Teufel
darauf sitzt 20 ), oder Hexen darauf reiten,
oder auch die armen Seelen, oder es
heißt, daß sonst der böse Feind Gewalt
habe 21 ). Die Zwerge fürchten es dann 22 ).
Eggen, Mistgabeln und alles, was spitzig
ist, soll nicht so liegen 23 ). Kommen böse
Leute (Hexen) in ein Zimmer, woselbst
ein Messer im Rücken liegt, so müssen,sie
sich zu erkennen geben und fangen ein
entsetzliches Geschrei an 24 ). Die letzten
Beispiele zeigen, daß man ursprünglich
nicht fürchtete, durch Hinweisen mit
dem Finger oder durch einen scharfen
Gegenstand einen bestimmten Gott im H.
oder Wetter zu beleidigen, sondern daß
hier eine gefühlsmäßige Scheu vor dem
Oberen, dem H., sich zeigt. Sekundär
5
Himmel
6
sind die Erklärungen, daß Gott und die Hoffnungen. Da schießt er mit seiner
Engel, Zwerge, Hexen oder Teufel da- Flinte verzweifelt in den H. Darauf ver-
durch getroffen würden. Diese Achtung endet sein Roß, sterben Weib und Kind,
vor den bedenklichen oberen Mächten verbrennt sein Anwesen. Bei der nächsten
konnte nun in das Gegenteil Umschlägen, Kirchweih erschießt er sich selber 33 ),
wenn der Mensch in Zorn gegen sie ge- Aus diesem ins Wetter Schießen entwik-
riet. Im Salzburgischen finden wir die kelte sich mit dem Hexenglauben die
Meinung
wird, wenn eine Egge mit den Zähnen würde (s. Wetterschießen). Es ist nicht
nach oben außerhalb der Dachtraufe immer ein Unwetter, gegen das der
liegen bleibt 25 ). Wenn es aber hagelt, Mensch sich empört. Ein polnischer
legt der Bauer die Egge mit aufwärts- Edelmann bei Soldau hatte in unrecht¬
stehenden Zähnen in den Hof 26 ), oder mäßiger Weise eine große Viehherde zu-
er wirft Stühle und Tische in den Hof, sammengebracht. Eines Morgens war
jedoch so, daß die Füße aufwärts stehen, alles Vieh tot. Darauf schoß er seine
oder zum Schutz vor dem Blitz Pistole zum H. mit den Worten: Wer das
stellt er die Egge mit den Zähnen nach Vieh totgeschlagen hat, der mag es auch
oben 27 ). fressen. Da wurde er in einen schwarzen
Besonders Regen und Gewitter konnten Hund verwandelt und begann, das tote
auf den Landmann wie ein Anschlag auf Vieh zu zerfleischen 34 ). In diesen Fällen,
seine Felder wirken und ihn heraus- in denen Landwirte geschädigt werden,
fordern. So berichtet eine weit verbrei- ist der Schuß nach dem H. besonders
tete Sage von einem Gutsbesitzer, der bei motiviert. Er findet sich aber auch noch
anhaltendem Regen in den H. schoß, in Sagen von Spielern, die aus Wut über
weil er seine Ernte nicht einfahren konnte. den Verlust im Spiel nach dem H.
Ein Blitzstrahl schlug ihn nach dieser Tat schießen. Schon im 12. Jh. wird bei
zur Hälfte in die Erde 28 ) oder zerschlug Thomas Cantipratensis von einem Spieler
ihm einen Arm und einen Fuß 29 ), so daß erzählt, der ärgerlich über sein Unglück
er elend zugrunde ging. Ein Inspektor mit den Würfeln einen Pfeil gen H. schoß,
zielte mit dem Stock in den H. und sagte, Der Pfeil fiel blutig wieder herunter, der
er wolle Gott erschießen, als ein Gewitter Spieler bereute und tat Buße 35 ). Im
das Einfahren unmöglich machte. Da Jahr 1553 warf einer von drei Spielern
krachte es mit einem Male los, und der wütend den Dolch zum H., um ihn Gott
Inspektor war verschwunden, an seiner in den Leib zu stoßen. Der Dolch kam
Stelle lag ein großer Stein 30 ). In der nicht wieder hernieder, dagegen fielen
Regenperiode Ende Juli 1905 tauchte drei Blutstropfen auf die Karten der
diese Sage wieder auf. Ein ostpreußischer Spieler. Der Teufel holte den Lästerer 36 ).
Besitzer schießt mit einem Revolver Im Dom zu Schleswig spielten Kosaken,
dreimal in den H., da blieb er versteinert Einer, der verlor, rief endlich aus: er wolle
stehen. Der Stein war halb in die Erde Gott die Augen ausstechen, dazu warf
gesunken und unentfernbar. An der er sein Schwert in die Luft. Es blieb im
Stelle des H.s, wohin er geschossen hatte, Gewölbe stecken. Nach ihrem Abzug
blieb ein schwarzer Fleck 31 ). Aber auch wurde es herausgehauen, aber sein
bei anhaltender Dürre soll ein Herr Schatten blieb unvertilgbar haften
v. Reibold mit seinem Jagdgewehr zum Auch ein altersschwacher Greis droht
H. geschossen haben, um Gott zu be- mit der geballten Faust zum H., wenn
drohen. Zur Strafe ist er irrsinnig ge- ihn die Bürde des Lebens zu schwer
worden und spukt nach seinem Tode als drückt 38 ). Aus lauter Übermut soll ein¬
schwarzer Kater 32 ). Ein verschuldeter mal ein Heer aus allen Kanonen und
Gastwirt bei Frankfurt a. M. hofft von Gewehren gegen den H. geschossen haben,
der Kirchweih große Einnahmen und Darauf versank das Heer in die Erde, ein
Rettung. Ein Unwetter zerstört seine Mädchen fand es später unter der Erde
, daß dann die Hexe getroffen
Meinung, daß ein Gewitter herbeigezogen
7
Himmel
8
schlafend 39 ). Ein Jäger, der statt eines
Rehes seinen Hund geschossen hat, ver¬
flucht sich selber: hätte ich doch eher die
Sonne vom H. geschossen. Da richtete
sich von selber sein Gewehr auf die Sonne,
und er starb und verweste in dieser
Stellung 40 ). Diese Sage ist wohl die Ab¬
wandlung einer Freischützensage. Um
Freischütz zu werden, zielte einer auf die
ersten Strahlen der aufgehenden Sonne,
ein Blutstropfen fiel nach dem Schuß
auf die Hand 41 ). Sonst heißt es, daß der
Freischütz in die Sonne 42 ) oder auf
Sonne, Mond und Gott selber 43 ) schießt.
Ein Wilddieb schießt in die helle Sonne,
um Gott zu treffen, weil sein Kind ge¬
storben ist 44 ).
*) John Erzgebirge 251. Die Scheu vor dem
H. und seinen Erscheinungen findet man auch
anderwärts. Charakteristisch sind die Vorstel¬
lungen der südafrikanischen Bergdama. Auf
den Blitz, den Regenbogen oder den H. darf
man nicht mit dem Finger weisen. Auch die
Folgen, die sich der Unachtsame zuziehen kann,
sind z. T. Parallelen zu deutschem Aberglauben.
Wer auf den Blitz mit dem Zeigefinger weist,
den erschlägt er, wer auf ein Grab weist, dem
fault der Finger ab. H. Vedder Die Berg¬
dama I (Hamburg. Universität. Abhandl. a. d.
Gebiet d. Auslandskunde, Bd. n. Hamburg
1923), 122. 3 ) Engelien und Lahn 279.
4 ) (Keller) Grab 5, 291. 5 ) Grimm
Myth. 3, 469 Nr. 937. 947; Wolf Beiträge
I, 235; SAVk. 23 (1921), 220. •) Wutt-
ke 13 § 11. 7 ) Wolf Beiträge 1, 235.
8 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 52. 9 ) Grimm
Myth. 3, 445 Nr. 334. 10 ) Wuttke 13 § 11.
u ) Grohmann 32 Nr. 175; Kuhn und
Schwartz 458. 12 ) Wuttke 13 § 11.
13 ) Meyer Baden 362. 14 ) Birlinger
Schwaben 1, 402. lö ) Schramek Böhmer¬
wald 250. 1# ) Ebd. 17 ) Grohmann 41
Nr. 247. 250. i®) S c h ö n w e r t h Oberpfalz 3,
280; Meier Schwaben 2, 501 Nr. 343; SAVk.
23 (1921), 220. 19 ) Keller Grab 5, 291.
20 ) Schulenburg Wend. Volksthum 85.
21 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 280.
22 ) Schell Bergische Sagen 2 294 Nr. 769 b.
2 3 ) Schulenburg Wend. Volksthum 85.
24 ) Meier Schwaben 2, 515 Nr. 446. 2S ) Baum¬
garten Aus der Heimat 1, 59. *«) Ebd. 64.
27 ) Ebd. 65. **) Kuhn und Schwartz
8f.; Wolf Beiträge 2, 17. 2Ö ) Kuhn und
Schwartz 144 f. 30 ) Knoop Posener
Märchen 25. 31 ) Ranke Sagen 231 f. 285.
32 ) M e i c h e Sagen 64 Nr. 77. 33 ) ZfVk. 23
(1913). 303. 34 ) Wolf Beiträge 2, 18 f. 33 ) Ebd.
2, 17t. *') Rochholz Glaube i, 44—46;
Wolf Beiträge 2,17; Kohlrusch Sagen
190 f. 37 ) Möllenhoff Sagen 126 Nr. 163.
38 ) Wolf Beiträge 2, 17. 3# ) Meier Schwa¬
ben 1, 122 f. 40 ) K o r t h Bergheim 16.
41 ) Schell Bergische Sagen 2 22 Nr. 54.
42 ) Wolf Beiträge 2, 19. 43 ) Ranke Sagen
33 - 44 ) Rochholz Glaube 1, 42.
3. Einfluß des H.s auf die
Erde. Ehe die Vorstellung von einem
Einfluß der einzelnen Erscheinungen des
H.s auf das Leben auf der Erde deutlich
ins Bewußtsein tritt, entwickelt sich ein
Gefühl für die Beziehung zwischen H.
und Erde überhaupt. Besegnungen wer¬
den deshalb gern unter freiem H. vor¬
genommen Besonders wirksam ist
der H. in der Weihnachtszeit. Man muß
am Heiligen Abend dem Vieh Futter
geben, das vorher unter freiem H. ge¬
legen hat, oder man legt es in der Christ¬
nacht unter den H. und gibt dem Vieh
am Morgen davon zu fressen oder erst
später in Krankheitsfällen. Der sichtbare
Träger dieses himmlischen Einflusses ist
der Tau, der Christtau, der auf das Futter
fallen soll 4d ). Ist in der Weihnachtszeit
dieser Einfluß aus nahegelegenem reli¬
giösen Grunde heilsam, so ist es in
demselben Maße gefährlich, wenn Stö¬
rungen am H. beobachtet werden. So soll
man bei Sonnenfinsternis das Vieh im
Stall zurückbehalten, weil alsdann Gift
vom H. fällt, ebenso muß man dann die
Brunnen zudecken 47 ).
Der H. gilt auch als die Quelle für
allerlei ungewohnte Dinge, die gelegent¬
lich in größerer Menge auf der Erde ge¬
funden werden. Man denkt dann, daß
diese vom H. geregnet seien. Die braunen
Knollen von Lathyrus tuberosus gelten
in dem Volke als Manna oder H.sbrot,
und man glaubt, daß sie vom H. fallen **).
Von derartigem H.sbrot spricht eingehend
schon Megenberg 49 ). In den meisten
Fällen ist nicht ersichtlich, was im ein¬
zelnen den Anlaß zu diesen Phantasien
gegeben hat. Häufig wirkt sich die Er-
regung, die bei solchen Gesichten die
Menschen befällt, dahin aus, daß die
Erscheinungen als Vorzeichen gedeutet
werden, in der Regel Vorzeichen von
Katastrophen. Im Elsaß soll ein Tau vom
H. gefallen sein, der war zäh und süß
und wurde H.schweiß genannt. Danach
brach eine Viehseuche aus 50 ). Die Chro¬
Himmel
IO
niken berichten, daß es Fische, Getreide,
Steine 51 ), Fleisch 52 ), Blut oder Schwe¬
fel 63 ) geregnet habe. Gelegentlich war das
Vorbote einer Teuerung. Paracelsus er¬
klärt solche Erscheinungen mit dem
tiefen Ernst, mit dem sein Geist den
Kosmos sah; so stammt ihm der Blut¬
regen von dem leichten schwefeligen
Schaum der Morgenröte, der zu etwas
Festem verkocht wird usw. Nach ihm
hat es einmal Milch geregnet, die wie
Blut aussah. Die Stoffe, die aus dem
Äther auf die Erde in solchen Wunder¬
regen fallen, seien von den Naturforschern
geschätzt worden, sie hätten sie H.s-
blume genannt 54 ). In seiner Weise er¬
klärt Paracelsus weiter Feuer- und Stein¬
regen 55 ). Beachtenswert ist die Neigung,
solche Wunderregen mit religiösen Vor¬
stellungen zu verbinden. Wenn sie als
Vorboten von Katastrophen gelten, so ist
als weitere Motivierung gern die Sünd¬
haftigkeit der Menschen gegeben. Das
führt dann weiter zu freien Phantasien,
daß einmal Kreuze von verschiedener
Farbe auf die Menschen 56 ), oder daß ein
Marienbild vom H. gefallen sei 57 ). Vom
H. gefallene Götterbilder kannte schon
die Antike 58 ), wie auch Wunderregen
von Kreide, Milch, Asche, Wolle, Blut 59 ).
Der von der Natur viel abhängigere
und daher ihre Erscheinungen viel ge¬
spannterbeobachtende primitivereMensch
ist gewohnt, aus bestimmten H.serschei-
nungen Schlüsse auf zukünftige, vor
allem Wetterereignisse zu ziehen. Das
bezeugen die Wetterergeln. Trotz man¬
cher richtiger Beobachtungen fehlte doch
oft jede Kritik, und die unsichere Span¬
nung, mit der er seine Beobachtungen
anstellte, gaben den Boden für üppige
Phantasien. So sah man Menschenköpfe
in den Wolken oder feurige Drachen
und brennende aufeinander losgehende
Heerhaufen 61 ). Meist sind solche Ge¬
sichte zu Kriegszeiten gesehen worden:
die nervöse Spannung projizierte Waffen
u. ä. an das Firmament. So berichten die
Chroniken von Schwertern, Sicheln und
Säbeln, einem weißen Kreuz, einem Dop¬
peladler, dem Tod als Gerippe, Deutschen
und Türken, die gesehen wurden 62 ). Die
Gesichte werden dann gewöhnlich als
Vorzeichen kriegerischer Verwüstung ge¬
deutet, so ein H.brennen und Kriegs¬
knechte, die sich mit Spießen und Schwer¬
tern in der Luft schlagen 63 ). Solche Ge¬
sichte wurden auch im Jahre 1870 ge¬
sehen 64 ). Zu Beginn des Weltkrieges ging
durch die Zeitungen die Nachricht, daß
an einem bestimmten Orte eine große
Volksmenge am H. einen deutschen Sol¬
daten und daneben eine 3 gesehen habe.
Der Deutsche habe den Sieg und die
Ziffer drei Monate Krieg bedeutet. Auch
andere Katastrophen erkannte man in
entsprechenden H.serscheinungen. So sah
man zur Pestzeit ein Zeichen gleich einer
schwarzen Bohne, dabei Besen und
Rechen. Die Seuche hörte nicht eher auf,
als bis diese Zeichen verschwunden
waren 65 ). Oder ein H.brennen deutet eine
Überschwemmung an 66 ). Oder man sieht
in ähnlichen Gebilden Zeichen des jüng¬
sten Tages 6? ). Aber auch auf das Schick¬
sal eines einzelnen Menschen können sie
hinweisen. Ein Weib in Kindsnöten sah
am H. ein feuriges Schwert, während sie
einen Knaben gebar. Dieser wurde Mörder
und Dieb 68 ) (s. H.serscheinungen).
45 ) ZfVk. 23 (1913), 131; Romanusbüchlein
13. 48 ) Sartori Sitte 3, 32. 47 ) Wolf
Beiträge 1, 235. 48 ) Kühnau Sagen 3, 448.
49 ) Megenberg Buch der Natur 72. 60 ) Stö¬
ber Elsaß 1, 26 Nr. 37. 5l ) Haupt Lausitz
1, 258—259. 52 ) Kunze Suhler Sagen 132 ff.
oa ) Haupt Lausitz 1, 257 f.; Müller Sie¬
benbürgen 71. 64 ) Paracelsus 62 f. 55 ) Ebd.
63 f. 5# ) Meie he Sagen 624 Nr. 768. 67 ) Mül¬
le nho ff Sagen 122 Nr. 155. “) Pfister
Reliquienkult 1, 346. ö9 ) Stemplinger
Aberglaube 31. *°) SAVk. 25 (1925), 50.
61 ) Müller Siebenbürgen 70. e2 ) Haupt
Lausitz 1, 273 f. 43 ) Müller Siebenbürgen 72.
64 ) Kühnau Sagen 3, 455. 491. #6 ) Mül¬
ler Siebenbürgen 72. * 6 ) Ebd. 197. 67 ) (Kel¬
ler) Grab 3, 224. w ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 273.
4. Der H. als Gewölbe. H.s-
öffnungen. Mehrere H. So
wirkte der H. durch die Segnungen und
Verheerungen, durch seine Größe und
Ferne auf das menschliche Gemüt und
wurde zu dem Ort, an dem der Mensch in
gespannter Erregung Vorzeichen er¬
blickte, die ihn warnten und in Schrecken
setzten. Keine philosophischen Erwä-
II
Himmel
Himmel
14
gungen, daß das irdische Geschehen am
H. im großen vorgebildet sei, war die
Quelle für die Verbindlichkeit solcher
himmlischen Zeichen, sondern sie sind
zunächst nur aus dem Affekte hervor -
gegangen. Erst sekundär und in viel be¬
scheidenerem Maße hat sich das Denken
des Volkes mit dem H. beschäftigt. Die
natürliche Anschauung vom Wesen des
H.s, zu der man dann gelangte, war nach
irdischen Analogien die eines Deckels,
eines hohen Gewölbes, das über der
flachen Erde errichtet war. Diese Vor¬
stellung ist beständig lebendig geblie¬
ben. Der H. deckt das Land. Man
sagt: der H. ist meine Decke, die Erde
mein Bett; der H. ist mein Hut, er ist
ein Gewölbe, er kann einbrechen 69 ). In
der Skaldenpoesie heißt er gelegentlich
das schöne Dach, wozu Güntert an die
Bezeichnung bunter Deckel im Kale-
wala erinnert 70 ). Im Salzburgischen stellt
man sich den H. als eine ungeheure
Hohlkugel vor 71 ). In Ertingen nennt man
die Decke der Kirche H. In dieser ist eine
Lücke mit einem Brett verschlossen, auf
welches ein Auge gemalt ist. Man nennt
es das. Auge Gottes. Ganz so, sagt man,
sehe unser Herrgott durch die Sonne auf
die Erde herab, weshalb man nicht in die
Sonne sehen könne 72 ). Im Rätsel wird der
Himmel mit einem ausgespannten Tuch
verglichen: Min Modder heff en Laken un
kann’t nicht foalen (falten) 73 ). Eine an¬
dere, freilich kaum je ins volle Bewußtsein
des Volkes gerückte Anschauung, sieht in
dem männlichen H. den die weibliche
Erde als Braut umfangenden Gott 74 ).
Denkt man sich den H. als eine Decke,
so notwendig als eine feste abschließende
Schicht, hinter der noch etwas anderes
verborgen sein muß, das durch regel¬
mäßige oder gelegentliche Öffnungen
dieser Decke zu sehen sein muß. Der
stärkste Eindruck, den der H. auslöst, ist
der des Lichtes, so ist es ein natürlicher
Gedanke, daß man hinter der Schicht
des H.s die Fülle des Lichtes vermutet.
Nach Oberpfälzer Glauben w~ar der H.
zuerst ganz ohne Sterne, da warfen die
Riesen mit Kugeln nach der Sonnen¬
scheibe und durchlöcherten dabei den H.
12
Aus diesen Löchern scheint nun das Licht
des inneren H.s, die Löcher sind die
Sterne 75 ). Ebendort gilt auch die Sonne
als H.söffnung, denn w r er in die Sonne
schauen kann, sieht den H. offen 76 ). Die
gleiche Vorstellung ist es, wenn der Mond
als Fenster Gottes bezeichnet wird und
von einer über den Mond hinziehenden
Wolke gesagt wird, Gott mache sein
Fenster zu 77 ). In Böhmen gilt der Blitz
als ein teilweises Öffnen des H.s, es öffnet
sich dann der Flammenhimmel, hinter
welchem man die Engelchöre sehen
kann 78 ). Derselbe Gedanke liegt wohl
dem Schlüssel mancher Sagen zugrunde,
der den H. im Blitz erschließt 79 ). Den
Sonnenaufgang empfindet der Kinder¬
reim als H.söffnung: Heiland, tu dein
Türle auf, Laß die liebe Sonne raus, Laß
den Schatten droben 80 ), und der Ober¬
pfälzer Glaube, der den Himmel, im
Sinne Paradies, in den Osten verlegt 81 ).
Ekstatischen Visionären erscheint der H.
gelegentlich offen, so einem alten Bauern
beim Abendgebet. Er sah für einen kurzen
Augenblick eine große schöne Helle 82 ).
Bei der Pest vom Jahre 1348 sah ein
zwölfjähriges sterbendes Mädchen den
H. offen und die Seelen als viele schöne
Lichter emporfahren 83 ).Einige Mädchen
erblickten an einem Sommerabend einen
hellen Schein am H., sie sahen das H.s-
blau an einer Stelle durchbrochen und in
der Lücke lauter golden strahlendes
Licht. Mitten in diesem Glanze sahen sie
einen Engel schweben, doch bald ver¬
schwand er in dem überhellen Licht, und
darauf verblich der Glanz 84 ). Zu be¬
stimmten Zeiten ist der H. offen. So soll
man sich nach westfälischem Aberglau¬
ben in der Christnacht unter einen
Apfelbaum stellen, dann sieht man den H.
offen 85 ), nach schwäbischem in der Neu¬
jahrsnacht auf einem Kreuzweg, man
erfährt dann, was sich im kommenden
Jahr zutragen wird 86 ). Nach böhmischem
Aberglauben öffnet sich am Dreikönigstag
um Mitternacht der H., wer es sieht, dem
gehen drei Wünschein Erfüllung 87 ). Nach
schlesischem Volksglauben ist am Kar¬
freitag H. und Erde geöffnet und kann
dann Zauber gewirkt werden 88 ).
13
Seltener versetzt sich der Volksglaube
in die Welt jenseits des H.sgewölbes, aber
auch dann empfindet er die Notwendig¬
keit einer Öffnung, um auf die Erde
herabblicken zu können. Nach Paulus
Diaconus blickte Wodan durch ein Fen-
iter (per fenestram orientem versus) auf
die Erde 89 ). Nach einer schwäbischen
Legende blickte einst der Herrgott aus
dem H.sfenster heraus, als gerade Moses
aus dem seinigen herausschaute 90 ).
Die Quelle aller abergläubischen Vor¬
stellungen sind vor allem Affekte. Die
Logik, die auch dem primitiveren Men¬
schen nicht abgeht, wird ihm bei
allen Denkoperationen immer wieder von
Affekten abgelenkt, oder dient nur dazu,
verschiedene Affekte miteinander zu ver¬
binden. Wohl haben sich in den Köpfen
Einzelner Phantasien gebildet über die
Schichten und die Einrichtung des H.s,
da diesen Phantasien aber die Affekte,
aus denen der Aberglaube hervorgeht
und die ihn tragen, fehlen, sind solche
Meinungen nie wirklicher Besitz des
Volkes geworden. Niederschläge solcher
Spekulationen finden sich freilich in
Redensarten, wie: jemanden bis in den
dritten H. erheben, oder: bis in den
siebenten H. verzückt sein 91 ), aber damit
soll nur ein Superlativ ausgedrückt
werden, bestimmte Meinungen über die
einzelnen H. sind nicht vorhanden. Wenn
Snorri gelegentlich einmal drei H. nennt,
so ist das Skaldengelehrsamkeit 92 ). Eben¬
so unvolkstümlich ist es, wenn ver¬
einzelt in einer Exempelsammlung der
Predigermönche aus dem 13. Jh. drei H.
aufgezählt werden. Es heißt dort, daß
im alten Rom ein Haus für die Sena¬
toren — de auro et speculis plena —,
eines für die Philosophen — de cristallo
— und eines für die Veteranen bestanden
hätte, dementsprechend gäbe es im H.
drei Häuser: prima plena speculis est
celum empireum, in quo habitant rectores
ecclesie. . . secunda domus est celum
cristallinum, in quo habitant religiosi . . ,
tercia domus est celum sidereum, in
quo habitant boni et iusti seculares, qui
deo militant in hoc mundo 93 ). Skalden¬
gelehrsamkeit erwähnt auch neun H. 94 ).
Christliche theologische Spekulation redet
vereinzelt von ursprünglich zehn H.n,
erst seit Lucifers Fall seien es neun 95 ).
Megenberg zählt die zehn H. auf. Der
oberste H. heißt auch bei ihm Empy-
reum, in ihm wohnt Gott mit seinen
Auserwählten, der zweite ist der Kri-
stallh., dann folgt der Firmamentum
genannte, dann die sieben Planeten-
H. 96 ). Diese orientalisch-antiken Vor¬
stellungen hatte das Christentum mit¬
gebracht. Sie spielen im Volksglauben
keine Rolle. Volkstümlich könnte da¬
gegen der Gänse-H. sein, den der Schle¬
sier kennt, wenn er sagt: du kommst
gleich in den Gänse-H. Möglich, daß hier
an einen Aufenthaltsort der wilden Gänse
gedacht ist, die der Volksglaube sehr alt
werden oder gar nicht sterben läßt 97 ).
Wahrscheinlicher, daß der Ausdruck mit
der grünen Wiese zusammenzubringen
ist, auf die die Verstorbenen gelangen
(s. Grüne Wiese, Hölle, Paradies).
69 ) Grimm Myth. 3, 203 f. 70 ) Güntert
Göttersprache 142. 71 ) Baumgarten Aus
der Heimat 1,5. 72 ) Birlinger Volksth. 1,
382 Nr. 606. 73 ) Stracker j an 2, 108.
74 ) Grimm Myth. 2, 736; Golther
Mythologie 454 ff. 7S ) Ranke Sagen 217.
76 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 52. 77 ) Roch-
holz Sagen 2, 133. 78 ) G roh mann 37
Nr. 207 f. 79 ) S c h w a r t z Studien 371.
80 ) Mannhardt Götter 134. 8l ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 53. 82 ) Baumgarten
Aus der Heimat 1, 6. 83 ) K r u s p e Erfurt 1, 37.
84 ) Luck Alpensagen 77. 85 ) Kuhn West¬
falen 2, 106 Nr. 321; Wuttke 67 § 77.
88 ) Meier Schwaben 2,468. 8T ) Gr oh mann
Sagen 305. 88 ) Drechsler 1, 83. 89 ) Grimm
Myth. 1, mf. 90 ) Birlinger Volksth. 1,
381. 91 ) z. B. Heyl Tirol 804 Nr. 274;
Drechsler 2,120. ez ) Grimm Myth. 2,
674 Anm. 2; Meyer Germ. Myth. 191 § 257.
93 ) Klapper Erzählungen 405 f. M ) Grimm
Myth. 664; Golther Mythologie 519.
95 ) Grimm Myth. 237. 9Ö ) Megenberg
Buch der Natur 43. 97 ) Drechsler 2, 94.
5. H. als Ort Gottes und der
Seligen. Die dem Christentum so ge¬
läufige Anschauung, daß der H. der Wohn¬
ort Gottes und der Seligen sei, ist durch¬
aus nicht so natürlich, wie es scheinen
möchte. Im germanischen Heidentum
finden sich mannigfache Lokalisierungen
der Wohnung der Götter 98 ), doch nur
vereinzelt die Meinung, daß sie in den
15
Himmel—Himmelfahrt Christi
16
obersten H.sräumen um den Zenith
wohnen"). Mit dem Christentum ge¬
wann der H. eine neue Bedeutung. Dort¬
hin blickte man nun mit der Gewißheit,
daß dort Gott sei, und daß von dort aus
Gott die Welt regiere und auf die Erde
herabschaue. Bei der Erklärung der
himmlischen Vorzeichen sagt Paracelsus,
daß diese aus dem inneren H. heraus¬
befohlen würden, um der Zeit die Zu¬
kunft zu verkünden 100 ). Grimm Märchen,
Nr. 35 versetzt einen Schneider auf den
Stuhl des Herrn im H., von wo er auf die
Erde herniederblickt 101 ). Es gilt als gött¬
liche Gnade, den H. schauen zu dürfen,
und einem Büßer wird deshalb auferlegt,
nicht gen H. zu blicken 102 ). H. ist als
Aufenthaltsort der Seligen mit Paradies
gleichbedeutend gebraucht (s. d.).
**) Meyer Germ. Myth. 187 f.; Meyer
Religgesch. 41. w ) Meyer Germ. Myth. 187.
i°°) Paracelsus 63. 101 ) Rochholz Sagen
2, 133. 102 ) Heyl Tirol 670 Nr. 146; 667
Nr. 143.
6. W e g zum H. Nachdem man im
H. einen Ort der Wonne zu sehen sich
gewöhnt hatte, rückte der Gedanke einer
Verbindung zwischen dem H. und der
Erde in den Vordergrund. Als eine na¬
türliche Brücke zum H. erschien der
Regenbogen (s. d.). Besonders in reli¬
giösen Visionen sah man, angeregt durch
die Jakobsleiter, die Möglichkeit dieser
Verbindung. So hieß ein Haus in Würz¬
burg H.sleiter, weil dort eine Frau
im Traum eine solche gesehen hatte 103 ).
Oder ein Priester sieht im Traum zwei
H.sleitern, zwischen diesen einen lichten
Stuhl, auf dem ein Bruder von den
Predigern mit vermachten Augen saß.
Leitern und Stuhl fahren dann zum H.:
der Priester hatte den Tod des hl. Do¬
minikus gesehen 104 ). Im allgemeinen ist
aber gerade im Volksbewußtsein der Ge¬
danke lebendig, daß eine Verbindung zu
dem fernen H. unmöglich ist. So be¬
richtet eine Oberpfälzer Sage von einem
schönen übermütigen Weibe Selamena,
daß sie mit ihrem Kinde gleich der Mutter
Maria zum H. fahren wollte. In der Mitte
des Weges zwischen H. und Erde ward
sie gestürzt und von ihrem Kinde ge¬
trennt. Sie schweben in der Luft, die
Mutter als heulender^Sturm, das Kind als
klagender, winselnder Wind 105 ). Weiter
ist es wohl ebenfalls die Unmöglichkeit
einer Verbindung zum H., die Sagen
inspiriert hat, in denen der Teufel eine
Straße zum H. bauen soll. Wie Gebannten
unmögliche Aufgaben, z. B. das Zählen des
Sandes, der Tropfen des Meeres anbe¬
fohlen werden, so verpflichtet ein Kärnter
Bauer den Teufel, in 24 Stunden eine
Stiege zum H. zu bauen, er wird aber
nicht zur rechten Zeit mit der Arbeit
fertig 106 ). Nach einer mährischen Sage
versuchte der Teufel aus Steinen eine
Straße in den H. zu bauen, Räuber
störten ihn aber, so entstand der Pradl-
stein oder Prallstein (nördl. von Müglitz
in Mähren) 107 ). Drastisch illustriert diese
Unmöglichkeit ein Salzburger Lügen¬
märchen: ein Bauer macht aus Enten¬
federn eine Leiter zum H., blickt hinein,
macht sich aus Kleie ein Seil und steigt
daran zur Erde herab 108 ).
103 ) ZfdMyth. 3 (1855), 70. 104 ) Heyl
Tirol
130 Nr. 20. 105 ) Schön werth Oberpfalz 2,
108. 106 ) Gräber Kärnten 277. 107 ) Ver¬
na 1 e k e n Mythen 358. 108 ) Baumgar¬
ten Aus der Heimat i, 5 f. Winkler.
Himmel s. Finsternisse (2,
1509), Horoskopie, Sterne,
Sternbilder.
Himmelbrand s. Königskerze.
Himmelfahrt Christi.
I. Den Hauptteil der kirchlichen Feier
dieses Tages bildete bis tief ins MA.
hinein eine Prozession, weil der
Herr seine Jünger aus der Stadt hinaus
auf den Ölberg führte 4 ). So sind an vielen
Orten kirchliche Prozessio¬
nen und namentlich Flurgänge
üblich geblieben 2 ) (s. Kreuzwoche). Auch
der Volksbrauch schreibt überall Aus¬
flüge ins Freie, in den Wald und
namentlich auf Berge vor 3 ). Man
beobachtet dabei die aufgehende Sonne,
wie sie drei Freudensprünge macht 4 ). Sie
geht überhaupt schöner auf als an andern
Tagen 5 ). Man kann am H.smorgen noch
immer sehen, wie der Heiland zum Him¬
mel auffährt 8 ). Von der Burg bei Stau¬
17
Himmelfahrt Christi
18
fenburg aus soll das geschehen sein 7 ).
Wenn man den Berg hinaufgeht, so geht
man das ganze Jahr leicht 8 ). Manche
Mai- und Pfingstbräuche haben sich an
den H.stag geheftet 9 ). Bei den Sieben¬
bürger Sachsen ist Todaustreiben 10 ). In
Waldeck jagt und fängt man Eich¬
hörnchen n ).
l ) Kellner Heortologie 83. 2 ) S a r t o r i
Sitte u. Br. 3, 187. 3 ) Ebd. 185 f. 4 ) Ebd. 186
A. 3; ZfdMyth. 2, 240; Wüstefeld Eichs¬
feld 92. 6 ) Meyer Baden 505. •) Meier
Schwaben 2, 399- 7 ) Pröhie Harzsagen 41.
•) Zahler Simmenthal 47. 9 ) Sartori
3, 186 f. 189. 10 ) Haltrich Siebenb. Sachsen
285; vgl. Peuckert Schles. Vk. 97 h
,l ) Curtze Waldeck 441; Sartori 3,
186 A. 2.
2. Ch. H. ist der 40. Tag nach Ostern
und fällt also immer auf einen Don¬
nerstag. Der Tag wird daher in
mannigfache Beziehung zum Gewit¬
ter gebracht. An ihm kommt immer
eines 12 ). Viele Schutzmaßregeln werden
ein Familien¬
empfohlen. Wenigstens ein Familien¬
mitglied muß zum Abendmahl gehen,
sonst schlägt der Blitz ein l3 ). Ein Be¬
gräbnis am H.stage hält schwere Gewitter
vom Orte fern 14 ). In Schwaben werden
zwei Blumenkränze von den weißen und
roten Mausöhrlein gewunden und in den
Ställen über dem Vieh aufgehängt, damit
es nicht einschlage 15 ). Manche bringen
Kränzchen in die Kirche, die dann, im
Hause aufgehängt, es vor Blitz be¬
wahren 16 ). In der Schweiz werden zu
diesen Tschäppeli ausschließlich Feld- und
Flurblumen, keine Gartenblumen ver¬
wendet. Die Reste des alten Tschäppeli
müssen verbrannt werden 17 ). Vom Ge¬
treide schnitt man einige Halme und
trug sie zur Segnung gegen Unwetter um
den Altar 18 ). Käse, der am H.stage
gemacht war, wurde in den toskanischen
Apenninen, wenn ein Ungewitter heran¬
zog, auf die Haustür gestrichen; auch
befestigte man Eier, die an diesem
Tage ausgebrütet waren, an die Dächer 19 ).
Ein an H. gelegtes Ei verdirbt nicht
leicht ") und schützt nach thurgauischem
Glauben Land und Haus vor Unwetter
und Hagel; daher wird an diesem Tage
auch zuweilen das Spiel des Eierlesens
gehalten 21 ).
l2 ) Sartori 3, 187 A. 8; Mitteil. Anhalt.
Gesch. 14, 15. 20. 13 ) Drechsler 1, 116.
14 ) John Erzgeb. 128. 1J> ) Mannhardt
Germ. Myth. 18; Meyer German. Mythol. 216.
16 ) Meyer Baden 505. 1T ) S t o 11 Zauber -
glauben 55 f. 18 ) Meyer Myth. d. Germ. 32.
lö ) Meyer Aberglaube 214. 20 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 233 (16. Jh.). 2l ) SchwVk. 11, 42.
3. Wohin das Christusbild, das
beim Gottesdienste zur Veranschaulich¬
ung der H. zur Kirchendecke empor¬
gezogen wird, hinsieht, ehe es im
,,Heiliggeistloche“ verschwindet, von dort
kommen in diesem Sommer die Gewitter.
Es ist ein Segensblick,dem daher die größte
Aufmerksamkeit gewidmet wird. Man
stellte auch wohl einen Gewittervorgang
anschaulich dar, indem man Feuer von
oben herabwarf und Wasser nachgoß 22 ).
In Münster i. W. meint man, so oft wie
das zum Apostelgange im Dom empor¬
gezogene Kreuz knacke, so viel Taler
koste das ganze Jahr hindurch der Malter
Roggen 23 ). Im Bergischen herrschte der
Glaube, daß in der Nacht zum H.stage
am Kölner Dom eine seidene Fahne
herausgehängt werde; wenn diese steif
würde, so gebe es teures Brot 24 ). In Ro߬
haupten mußte man in den Häusern,
wohin der aufgezogene Christus zuletzt
sah, Kuchen backen 25 ). In Bayern
steckte man die Fetzen der Puppe, die
nach dem Aufzug des Heilandbildes als
Symbol des seiner Macht beraubten
Teufels vom Kirchenboden herabge¬
stürzt wurde, zur Abwehr gegen Hagel
auf die Felder 26 ).
22 ) Sartori Sitte u. Br. 3, 188; Albers
Das Jahr 212; Zingerle Tirol 155(1324);
ZfVk. 4, nof.; ZfdMyth. 2, 102; Geramb
Brauchtum 43; Pollinger Landshut 231;
Reiser Allgäu 2, 140; Niderberger
Unterwalden 3, 396. 23 ) Sartori Westfalen
115. 24 ) Schell Bergische Volksk. 97.
25 ) Reiser Allgäu 2, 140. 2fl ) Franz
Benediktionen 2, 144 (nach Panzer Beitr.
2, 281).
4. Um sich vor Gewitter zu schützen,
soll man am H.stage nicht arbeiten
oder doch gewisse Tätigkeiten mei¬
den (s. Arbeit I, 569, I b). Wer arbeitet
und strickt, dem ziehen die Gewitter
nach 27 ). Woran gearbeitet wird, danach
trachtet das Gewitter 28 ). Besonders gilt
das für das Nähen (s. d.). Man soll
19
Himmelfahrt Christi
Himmelfahrtsblümchen—Himmelsbrief
22
weder nähen noch flicken, sonst ziehen
dem, der das Gewand am Leibe trägt, die
Gewitter nach 29 ), oder seine Mutter
stirbt 30 ). Wer etwas näht oder flickt, wird
vom Blitz erschlagen 3l ). Man soll nicht
einmal eine Nadel anrühren oder einfä¬
deln 32 ). Wenn ein Hausbewohner näht,
sind alle Schutzmittel gegen Gewitter um¬
sonst 33 ). Man soll auch nicht mit dem
Bleuel klopfen, sonst schlägt der Hagel
und zwar so weit im Felde, als der
Bleuel gehört wurde 34 ).
27 ) B i r 1 i n g e r Aus Schwaben i, 388.
2a ) Grimm Myth. 3, 461 (772: Osterode am
Harz). 2S ) Ebd. 3, 436 (43: Chemnitzer Rocken¬
philosophie); Bartsch Mecklenburg 2, 270
(„an den Himmelfohrtsvörmiddag“); Schu¬
lenburg Wend. Volkstum 145; Verna¬
lek e n Alpensagen 372. 30 ) Schüller
Progr. d. Gvmnas. in Schäßburg 1863, 23 (9).
3l ) Kuhn u. Schwartz 177 f.; Enge-
lien u. Lahn 280. 32 ) Mitt. Anhalt. Gesell.
14, 20; ZfVk. 14, 424; Grimm Myth. 3, 459
(703: Ansbach). 33 ) John Erzgeb. 27.
34 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 286.
5. Noch mancherlei anderes ist am
H.stage verboten. Man soll nicht
baden, denn der Fluß will sein Opfer
haben 35 ). Wenn Kinder ins Wasser
pissen, so weint die .Mutter Gottes 36 ).
Heirat in der H.swoche bringt Unglück 37 );
das Paar muß bald sterben 38 ). Man soll
nicht säen 39 ) und in der H.swoche keine
Bohnen pflanzen 40 ). In Waltersdorf bei
Sprottau rührt man am H-.stage den
Flachs nicht an, damit keine Brechannen
hinunterfallen, sonst bekäme das Vieh
Läuse 41 ). Am Tage nach H. geht in
Mittelfranken kein Bauer aufs Feld 42 ).
Der Mann im Monde hat am H.stage
einen Zaun gemacht 43 ).
35 ) John Westb. 76; Meier Schwaben
2, 400. 36 ) Birlinger Volksth. 1, 493.
37 ) Strackerjan i, 31, 3S ) H ö r m a n n
Volksleben 94; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20.
39 ) Drechsler 1, 116; vgl. Rantasalo
Ackerbau 2, 28. 31. 40 ) Urquell 5, 173 f,;
Strackerjan 2, 79. 4l ) Drechsler
Haustiere 12. 42 ) Wuttke 78(91). 43 ) Se-
billot Folk-Lore 1, 13.
6. Dagegen ist der H.stag zu andern
Verrichtungen wieder besonders
geeignet. So für das Setzen von
Glucken 44 ). In Mecklenburg legt man
Gurken, Kürbisse und Wurzeln, wenn am
Abend vor H. das Fest eingeläutet wird 45 ).
Am Tage vor und nach H. gedeiht Kraut,
auch wenn man es auf Steinhaufen
setzt 46 ). Flachs soll man am Abend vor
H. säen, damit er recht hoch werde 47 ).
Welches von den läutenden Mädchen in
Hildesheim von der schwingenden Glocke
am höchsten emporgezogen wird, das
bekommt den längsten Flachs 48 ). In
Rußland werden Leitern aus Teig ge¬
backen und auf dem Felde im Korn auf¬
gestellt, damit es höher wachse 49 ). But¬
ter machen muß man am Morgen des
H.stages, weil da die Hexen nicht buttern
können a0 ). Man muß es vor Sonnenauf¬
gang tun, aber die Butter nicht salzen,
dann ist sie zu vielen Dingen heilsam 51 ).
Kräuter, die im Walde gesucht und
eingcsammelt werden, haben besonders
heilsame Kräfte 52 ). Wenden kommen
von weither zum Valtenberg, um die
Sprossen des Hexenkrautes zu pflücken,
das gut gegen bösen Zauber ist 53 ). Ein
Zweig vom H.saltar hilft gegen alle
Gichter 54 ). Wer die an H. in der Kirche
geweihten Kränze das Jahr hindurch
nicht in seiner Stube aufhängt, setzt sich
und seine Habe mutwillig bösen Mächten
aus 5o ). Der Maibusch, mit dem H. aus-
gemaiet ist, soll, zwischen die Garben
gelegt, ein Mittel sein, die Mäuse von
ihnen fernzuhalten, auch zum Räuchern
von krankem Vieh soll er sich eignen 56 ).
Kreuzdorn wird in drei Stallecken ge¬
steckt 57 ). Kranke soll man durch die
• •
Öffnung einer Eiche zwängen 58 ). Wäh¬
rend das Baden im Flusse am H.stage
gemieden wird (s. o. 5), gilt das W a -
sehen im H.stau vor Sonnenaufgang
als gutes Mittel gegen Sommersprossen 59 ).
Auch sonst glaubt man an kräftige Wir¬
kungen des Wassers in der H.snacht 60 ).
Wer am Auffahrtstage sein Vieh nicht
tränkt, setzt sich bösen Mächten aus 61 ).
Die Brunnen werden bekränzt, und man
trinkt daraus 62 ).
44 ) Mitt. Anh. Gesch. 14, 20. 4ä ) Bartsc h
2. 165. 269; vgl. ZfVk. 7, 363. 4a ) Eber¬
hard t 3. 4T ) Meyer Baden 421; vgl.
Rantasalo Ackerbau 2, 31. 48 ) Sar-
t o r i Sitte u. Br. 3, 189. 49 ) Z e 1 e n i n Rus¬
sische Volksk. 369. 50 ) Wuttke 448 (707).
51 ) Kuhn Westfalen 2, 159 (446: Neumark).
M ) Sartori 3, 186; A 1 b e r s Das Jahr
113 f. M ) Meiche Sagen 656. 54 ) Meyer
Baden 38. 56 ) SchwVk. 11, 42. 66 ) Bartsch
M$ckl. 2, 269 (1400). 57 ) Heckscher 395
(fr&nk. Niederhessen). M ) ZfrwVk. 24, 52.
*•) Meyer Baden 549. ®°) Sartori 3, 188
A. 10. 81 ) SchwVk. 11, 42. 62 ) Sartori 3,
187 A. 7; Meyer Germ. Myth. 216.
7. Im Hinblick auf den Flug Christi zur
Höhe ißt man an manchen Orten nur
,, fliegendes Fleisc h“, d. h. Ge¬
flügel. Im Allgäu wird das durch Brot¬
vögel ersetzt, die man den Kindern
schenkt 63 ).
M ) Sartori S. u. Br. 3, 1S9.
8. Am ,,HeIig Thörsdag“ sonnt nach
nordischem Volksglauben der auf dem
Golde liegende Drache seine Schätze 64 ).
Schätze werden am H.stage gehoben 65 ).
Auf dem Bielstein bei Ilfeld geht ein
kopfloser Schimmelreiter um 66 ). In
Ilsenburg glaubt man, daß die Prin¬
zessin Ilse an einem H.stage gen Himmel
fahren werde 67 ).
• 4 ) Mannhardt Germ. Mythen 151.
#a ) Schell Ber gische Sagen 253. 66 ) Pro hie
Harzsagen 226. 67 ) Kuhn u. Schwartz
1 77-
9. Wenn es am H.stage regnet, so
wird es 40 Tage oder 10 Sonntage reg¬
nen 63 ). Das Heu gerät dann nicht 69 ). Es
gibt ein unfruchtbares Jahr 70 ). Ver¬
dorren die auf den Weg gestreuten
Blätter und Blumen alsbald, so gibt es
guten Heuet 71 ).
w ) Vernaleken Alpensagen 415; Zin-
gerle Tirol 156(1326). 6& ) John Westb. 76.
T# ) Bartsch 2, 270 (1402). 71 ) Meyer
Baden 435. 505. Sartori.
Himmelfahrtsblümchen s. Katzen¬
pfötchen.
Himmelsbrief.
I. Der H. in der Religions¬
geschichte. Der H. führt seinen
Namen nach der einleitenden Legende,
der zufolge er ein vom Himmel gefallener
oder gesandter Brief ist. Die H.e wollen
schriftliche Offenbarungen des göttlichen
Willens sein. Ihrem Inhalte nach sind es
Schutzbriefe (s. d.), denen die
magische Kraft innewohnt, gegen Waf¬
fengewalt, vor Krankheiten, Feuers¬
brunst und andern Unfällen zu schützen.
Dieser Schutz ist oft gebunden an die
im H. geforderte Heilighaltung des Sonn¬
tags. Die älteste erkennbare Gestalt des
H.s ist ein als göttliche Offenbarung auf¬
tretender Brief, der strenge Sonntagsruhe
fordert (s. Sonntagsbrief). Die ursprüng¬
liche Form ist mannigfach erweitert. Der
erste Typus, benannt „Gredoria“ (s. d.),
verheißt allen Segen und Glück, Schutz
gegen Blitz, Feuer, Wasser und einen
leichten Tod, die im Brief aufgeführtc Ge¬
bete sprechen und gewisse moralische
Forderungen erfüllen. Für die zweite
Gestalt, den ,,Holstein-Typus“ (s. d.),
ist die Verschmelzung mit ehemals selb¬
ständigem Schutzspruch kennzeichnend
§ •
(s. die Art. Olbergspruch, Grafenamulett,
Kaiser Karl-Segen). Daneben erscheinen
bisweilen noch kleinere Stücke, die teils
aus der mittelalterlichen Zauberpraxis
stammen, teils biblische Stellen verwen¬
den. Der H. ist ein Stück der Volksreligion;
von der Kirche bald geduldet, bald be¬
stritten, hat er sich Jahrhunderte hin¬
durch im religiösen Volksbrauch erhalten
und wird heute noch in Form gedruckter
Bilderbogen (Verlag Gustav Kühn in
Neu-Ruppin) vertrieben *).
Als literarisches Dokument gehört der
Himmelsbrief zu den christlichen Pseud-
epigraphen. Seine Grundlage aber ist die
Idee einer unmittelbar von der Gottheit
ausgehenden schriftlichen Of¬
fenbarung, die in der Briefgestalt
ihren eigentümlichen literarischen Aus¬
druck findet 2 ). Während in der Regel die
Gottheit zu ihren Propheten und durch
sie spricht, finden wir hier die Vor¬
stellung, daß göttliche Wesen schrei¬
ben oder Briefe senden. Erst wo ein
Volk die Schrift besitzt, ist die anthro-
pomorphe Vorstellung von schreibenden
Göttern möglich. Dem entspricht es, daß
wir schreibende Götter dort finden, wo
die ältesten Schriftsysteme geschaffen
sind, d. h. bei Ägyptern, Babyloniern und
Chinesen.
Die Babylonier bezeichnen Nebo als
den ,,Schreiber der Götter“. Ein Text,
der unmittelbar von einem Gott stammen
soll, ist in der keilschriftlichen Literatur
bisher nicht gefunden. In China ist
23
Himmelsbrief
Himmelsbrief
2 6
der H. aus dem 12. Jh. nachgewiesen 3 ).
Das älteste Zeugnis für den H. liegt im
ägyptischen ,,Totenbuch“ vor 4 ). Es ist
nicht unmöglich, daß Ägypten die Heimat
des H.s ist, wo ihn der Hellenismus über¬
nommen haben kann. Die in den ,,Her¬
mesbüchern“ vorliegenden Zauberpapyri
sind eigentlich H.e. Mit Hermes ist der
ägyptische Gott der Wissenschaft und
der Schreibkunst, Thot, identifiziert.
Während wir im alten Ägypten und im
semitischen Orient alte Spuren des H.es
finden, scheint die Vorstellung einer
schriftlichen Offenbarung den indoger¬
manischen Völkern unbekannt zu sein.
Die Inder nehmen allerdings für den
Wortlaut der vedischen Lieder göttliche
Offenbarung an; aber die von Ewigkeit
her vorhandenen Texte sind durch Hören
vermittelt. Ebenso kennt die altpersische
Religion nur das Wort des Ahuramazda,
das an den Propheten Zarathustra er¬
geht. Auch den Griechen und Römern
ist in klassischer Zeit die Vorstellung
fremd, daß die Götter schreiben.
Aus der Tatsache, daß sich im vorderen
Orient schon sehr alte Spuren des H.s
finden, läßt sich vielleicht erklären, daß
wir ihm in den religionsgeschichtlichen
Kreisen wieder begegnen, die im Orient
ihre Heimat haben, d. h. im Judentum,
Christentum und Islam. Erst aus semi¬
tischen Einwirkungen in der antiken
Kultur erklären sich dann auch die
späteren Spuren des H.es in der griechi¬
schen Literatur.
Die Vorstellung, daß die Gottheit
selbst schreibe, tritt schon im AT. her¬
vor, wo die zehn Gebote in den jüngeren
Schichten des Pentateuch von Gott selbst
geschrieben sind (2. Mos. 20, I; 32, 15 f.;
34 » I; vgl. 5. Mos. 4, 13; 9, 10). In diesen Zu¬
sammenhang gehört vielleicht der offen¬
barende Brief Ezech. 3, I—13. Die Sym¬
bolik dieser Stelle ist Offenb. 10, 10 nach¬
gebildet 5 ). In diesen Zusammenhang ge¬
hört vielleicht auch das Bild II. Cor. 3, 3,
wo Paulus die Korinthische Gemeinde als
einen von Christus diktierten, von ihm
geschriebenen Brief bezeichnet. Im Tal¬
mud wird ein Buch genannt, das Gott
an Adam sandte (Tr. Aboda zara 6a). In
der jüdischen Mystik des MA.s wird der
Inhalt solches Buches ausführlich ange¬
geben im Sepher Sohar 6 ). Um 1200 hat
der hebräische Grammatiker einen H.
verfaßt, in dem er zu strenger Beachtung
des Sabbatgesetzes mahnt 7 ). Deutlicher
tritt der H. bei der judenchristlichen
Sekte der Elkesaiten im 2. Jh. hervor,
deren heiliges Buch Elxai vom Himmel
auf die Erde gefallen ist 8 ). Inden Oden
Salomos ist die Idee des H.es in
Worten ausgesprochen, die auffallend
mit der Fundsage im Holsteiner Typus
des H.es übereinstimmen: ,,Des Höchsten
Gedanke war wie ein Brief . . . und es
stürzten sich auf den Brief viele Hände,
um ihn zu fassen, zu nehmen und zu
lesen. Und er entfloh ihren Händen . . .
und der Brief war eine große Tafel, voll¬
ständiggeschrieben vom Finger Gottes“ 9 ).
In den gnostischen ,,Thomasakten“ emp¬
fängt Christus selbst einen Brief von
„seinen göttlichen Eltern“ in Form eines
Hymnus 10 ). Im „Hirten des Hermas“
(um 130 n. Chr.) erscheint die Kirche
als Überbringerin eines „Büchleins“, das
himmlischer Herkunft ist 11 ). Ein Brief
Jesu selber tritt in der Abgarsage (s. d.)
auf.
In der Antike ist der H. ganz ver¬
einzelt. Auf zwei attischen Vasen aus der
ersten Hälfte des 5. Jhs. ist Isis dar¬
gestellt, die einen Brief trägt. Und der
Tragiker Achaios (bei Athenaeus 541 C)
erwähnt dasselbe in einem Satyrspiel.
Sonst überbringt Isis immer nur münd¬
lich Aufträge der Götter an die Men¬
schen (s. Ilias 2 166 ff.). Wie die ver¬
einzelten Denkmäler zu erklären sind,
ist unbekannt 12 ).
Erst in hellenistischer Zeit, in der die
antike Kultur stark von orientalischen
Einflüssen durchsetzt war, tritt der H.
mehrfach auf. Die wunderbare Heilung
eines Augenleidens durch einen Brief,
den Asklepias sendet, berichtet Pau-
sanias (X, 38), und der Rhetor Älius
Aristides (129—189 n. Chr.) behauptet,
selbst durch einen Brief des Gottes ge¬
heilt zu sein (Orat. 23).
Auch die „Canones“ des Epikur werden
als „vom Himmel gefallen“ (Plutarch,
adn. Colot. 19; Cicero, Defin. I, 19, 63)
oder als „Caeleste volumen“ (Cicero, De
nat. deor. I, 16, 43) bezeichnet. Mehrfach
werden auch Heilungswunder durch sol¬
che Briefe berichtet, ein Motiv, das in die
christliche Heiligenlegende übergegangen
ist (Julian, Epist. 60. 61; Vita S. Mar¬
tini 19). Als literarische Form tritt der
H. bei dem Semiten Lucian in seinen
„Götterbriefen“ auf und in den Satiren
des Menippos von Gaiara: „Briefe, die
sich rühmen vom Angesicht der Götter zu
stammen“. Dieser Titel klingt wie wört¬
liche Übersetzung eines hebräischen Aus¬
drucks 13 ).
Auf semitischem Boden hat die Vor¬
stellung von einer schriftlich vermittelten
Gottesoffenbarung ihren stärksten Aus¬
druck im Koran gefunden. Der Koran ist
präexistent als eine göttliche Offenba¬
rungsurkunde und wird stückweise „her¬
abgesandt“ (Sure 97, 1; vgl. 96, 47; 85,
2l) 14 ). In jüngster Zeit ist im Islam ein
H. aufgetreten, der sich in vielen Zügen
mit dem christlichen H. berührt. Der
sog. „Mekkabrief“ soll auf dem Grabe
des Propheten gefunden sein, das fälsch¬
lich nach Mekka verlegt wird. Der Brief ist
eine politische Agitationsschrift, die das
Reich des Mahdi verheißt und das nahe
Ende der Herrschaft der Ungläubigen
verkündet. Er hat 1880 in Niederländisch-
Indien und 1908 in Ostafrika starke Er¬
regungen bewirkt 15 ). Wie das Mor¬
monentum in vielen Zügen muham-
medanisch ist, so ist auch das „Buch
Mormon“ vom Himmel gesandt als eine
unmittelbar von Gott stammende
Schrift 16 ).
*) W. Köhler Himmels- und Tenfelsbrief
(— RGG. 3. 29 ff.); Ders. Briefe vom Himmel
und aus der Hölle , Die Geisteswissensch. 1
(1914), 588 ff. 619 ff.; A. A b t Von den Him¬
melsbriefen, Hess.Bl. 8 (1909), 81 ff.; J.
Jordan Himmelsbriefe, ARw. 3, 334 ff.;
A. Dieterich Himmelsbriefe, Bl. f. hess.
Vk. 3 (1901), 9 ff.; T. O. Rad lach Zur
Lit. u. Gesch. d. Himmelsbriefe, ZdVfKirchen-
gesch. der Prov. Sachsen 5, 238 ff.; Röh¬
richt Ein Brief Christi, ZfKirchengesch.
11, 436 ff.; S t ü b e Himmelsbrief; Sar-
tori 2, 19; Reuschel Volkskunde 2, 20;
Hell wig Aberglaube 17. 116. 133 f.; Gra¬
bin s k i Sagen 44; Ders. Neuere Mystik
60 ff.; N. Larsen Moderner Aberglaube.
2 ) S t ü b e Himmelsbrief 33 f. 3 ) H. Hack*
mann Laien-Buddhismus in China. Gotha
1924, 265; für ältere Zeit (um 450 v. Chr.)
kann wirklich eine Angabe im Schi-ki (43, 13a)
in Frage kommen; s. Forke Lunheng 229.
4 ) Das ägyptische Totenbuch der 18. bis 20. Dy¬
nastie. Herausgeg. von Ed. Naville. Berlin
1881. Einl. 25 f. 29 ff. 5 ) Bo 11 Offenbarung
Johannis 7, 2. 142. 6 ) S. K a r p p e Etüde sur
les origines et la nature du Zoter. Paris 1901,
73 f. 107 f. 356 f. 381 f.; Eisenmenger
Entdecktes Judentum 1 (1700), 375 f.; 2, 675.
7 ) M. B i t t n e r in Denkschriften der
Kaiserl. Akad. d. Wiss. Philos.-hist. Kl. Bd. 51.
Wien 1906. 8 ) Origenes bei Eusebius
Hist. eccl. VI, 38; A. Harnack Chronologie
der altchristl. Lit. 2, 167 f.; Bardenhewer
Gesch. d. altkirchl. Lit. 1 (1902), 349 f.; Jor¬
dan Gesch. d. altchristl. Lit. 268. 9 ) O. U n -
g n a d und W. S t a a r k Die Oden Salomos
aus dem Syrischen übersetzt. Bonn 1910; A.
Harnack Ein jüdisch-christliches Psalmen¬
buch aus dem 1. Jh. Leipzig 1910; H. Jordan
Gesch. d. altchristl. Lit. 457—460. l0 ) Neu
testl. Apokryphen. Herausgeg. von Edg. Hen¬
necke. Tübingen 1904, 522 f.; H. Jor¬
dan a. a. O. 465. n ) Der Hirt des Hermes.
Erkl. v. H. D i b e 1 i u s. Tübingen 1923,
442 f.; Neutestl. Apokryphen 232; H. Jor¬
dan a. a. O. 478 f. 12 ) B i r t N. Jahrb.
19 (1907), 707 f.; vgl. Baumeister
Denkmäler. Supplt.-Tafel (Monum. d’Instituto
9,46). 13 ) O. Wein reich Antike Himmels-
briefe ARw. 10, 566 f.; Stübe Himmels¬
brief 31 ff. l4 ) Th. N ö 1 d e k e Gesch. des
Korans. 2. Aufl. v. Fr. Schwally 1, 20—*34.
74 ff. l5 ) C. H. Becker Materialien zur
Kenntnis des Islam in Deutsch-Ostafrika, Der
Islam 2 (1911), 43—48). 16 ) E d. M e y e r Die
Mormonen.
2. Der H. in der Gegenwart.
Im Volksglauben und -brauch der Gegen¬
wart ist der H. noch weit verbreitet 17 ).
Er vereint die verschiedenen Zwecke in
sich, die teils den Sprüchen entsprechen,
die mit dem H. verschmolzen sind. Noch
immer dient er in der Gestalt „Gredoria“
als Forderung der Sonntagsheiligung, mit
der allgemeine Segensverheißungen ver¬
bunden werden 18 ). Die häufigste An¬
wendung ist die als Schutzmittel im
Kriege; der H. macht unverwundbar und
kugelfest. So ist der H. in allen Kriegen
seit 1793 aufgetreten 19 ).
Sodann tritt der H. als Gebet auf; wer
es täglich liest, hört oder bei sich trägt,
wird nicht plötzlich sterben. Das Haus
wird vor Donner und Blitz bewahrt
bleiben; ferner werden Geburten leicht
erfolgen 2D ) } wenn der H. auf die Ge-
27
Himmelskörper—Himmelsrichtu ngen
Himmelsrichtungen
30
28 29
bärende gelegt wird. Besonders gegen
Feuersbrunst und Pest schützt der
Brief 21 ). Als Schutzmittel gegen alle
Krankheiten dient er, besonders Nasen¬
bluten heilt er, wenn man den Brief in die
Hand nimmt 22 ). Endlich ist mit dem H.
die Verheißung der Sündenvergebung
oder Erlösung verbunden. Als heil¬
spendend wird er auch in den Sarg ge¬
legt 23 ).
Der abergläubische Gebrauch des H.es
hat mehrfach den Einspruch der Kirche
veranlaßt 24 ). Da der Vertrieb von H.en
auch mit Betrug verbunden war, so haben
sich auch Gerichte mehrfach mit den H.
befaßt 25 ).
17 ) Aus der großen Masse hierhergehöriger
Literatur s. Andree-Eysn Volkskund¬
liches 123 f.; Güntert Sprache der Götter 2 8.
40; Haas u. Worm Mönchgut 75; ARw.
5, 141 ff.; 16, 566; DG. 10, 65h; ZfVk.
25, 241 ff.; 26, 327; 29, 78; MschlesVk.
Heft 3 (1896), 59; H. 4 (1897), 90; 13/14. 609 ff.;
18, 47; 19, 56 ff. 140 ff.; Alemannia 13 (1885),
200; 24 (1896), 15 f.; 37 (1909). 22. 57; Bayr.
Hefte 2 (1915), 71; Niderberger Unter¬
walden 3, 595; Sartori Westfalen 74;
Ganzlin Sächsische Zauberformeln 15.
18 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 4; ZfVk. 21
(1911), 255; SAVk. 2, 277; ZfrheinVk. 4 (1907),
101; Drechsler 2, 268 ff. 19 ) ZfrheinVk. 4
(1907). 95 ; Strackerjan 1,61; Sey-
farth Sachsen 143; Brandenburg^ 1916,
172; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 2; Meyer
Baden 239; Sartori 2, 169; K r o n f e 1 d
Krieg 20 f. 100. 102; Berthold Unver¬
wundbarkeit 67; Kondziella Volksepos
159. 20 ) Strackerjan 1, 62. 66; Sey-
f arth Sachsen 143 f.; ZfVk. 1914, 60; Höhn
Geburt 260; Urquell 5 (1894), 252; bei
Kühne in ZfVk. 24 (1914). 61. 21 ) Höhn
Volksheilkunde 1, 151. 2t ) Seyfarth Sachsen
143; Urquell 2 (1891), 177. 23 ) Seyfarth
Sachsen 144; Schönwerth Oberpfalz 2, 395;
Müller Isergebirge 25. 24 ) V. G. Kirch¬
ner Wider die Himmelsbriefe. Leipzig 1908;
ZfVk. 19 (1909), 356; Seyfarth Sachsen
147. * 5 ) ZfVk. 16 (1906), 422; Brandenburgs
1916, 172; Seyfarth Sachsen 145.
| Stübe.
Himmelskörper s. die Sonderartikel
wie Komet usw.
Himmelsrichtungen.
I. Bezeichnungen. Bis auf den
heutigen Tag haben sich zur Bezeichnung
der H. neben Osten, Süden, Westen,
Norden in den germanischen Sprachen
Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht
erhalten. Ein schwacher Nachhall aus
einer fernen Vergangenheit, da die vier
wichtigsten Himmelspunkte nicht ein Be¬
griff des abstrahierenden Geistes waren,
mathematisch bestimmt durch den in vier
Winkel zu je 90 0 geteilten Kreis; viel¬
mehr offenbart sich darin ein kosmisches
Gefühl, indem diesen Bezeichnungen
deutlich der Bezug des Menschen und
seines Tageslaufs auf den um die Erde
kreisenden Sonnenball, d. h. etwas Über¬
irdisches, innewohnt. Das Nebeneinander
von zweierlei Bezeichnungen für die H.
kann man vielfach in den Sprachen der
Kulturvölker feststellen; indessen über«
wiegt die Benennung nach dem Sonnen¬
lauf 1 ).
Bei den GriechenundRömernwurde sehr
oft au«h die Richtung durch einen Wind,
ferner durch Sternbilder bezeichnet; die
antike Windrose ist indes nicht auf die
vier hauptsächlichen H. beschränkt. Auch
die Germanen haben schon früh neben den
vier Hauptrichtungen vier Nebenrich¬
tungen gekannt: im Isländischen bei¬
spielsweise existieren die Worte: üt-
nordur = Außennord, d. h. NW; üt-
sudur = Außensüd, d. h. SW; land-
nordur = Landnord, d. h. NO; land-
sudur = Landsüd, d. h. SO 2 ). Karl d. Gr.
ergänzte diese Skala aus der Kenntnis
der lateinischen Windrose — die lat. Na¬
men kannte er aus Isidor. Etymol. XIII
II, 2—14— und schuf nach Einhards
Bericht in der Vita Caroli (29) die Be¬
zeichnungen für 12 Winde, in denen Na¬
men von 12 H. enthalten sind. Die Über¬
setzungen heißen
subsolanus
ostroniwint
eurus
ostsundroni
euroauster
sundostroni
auster
sundroni
austroafricus
sundwestroni
africus
westsundroni
zefyrus
westroni
caurus (coras)
westnordroni
circius
nord westroni
septentrio
nordroni
aquilo
nordostroni
volturnus
ostnordroni
Indessen werden diese von Karl ein¬
geführten Bezeichnungen wesentlich Ei¬
gentum der Sprache der Gebildeten ge¬
wesen sein. Das Volk wird selbst die
Benennung der H. nach dem Sonnen¬
lauf noch vielerorts nicht gekannt und
eine Bezeichnung der H. nach Ortsnamen
und Ländern seiner engern Heimat vor¬
gezogen haben. Denn noch heute ist das
üblich: am Lech nennt man den Ost¬
wind noch Bayerwind, gegen die Würm
zu den österreichischen Wind 3 ). Aus
Mückenloch bei Heidelberg wird berichtet,
daß eine Frau daselbst sich einmal nach
der geographischen Lage von Rumänien
erkundigte, wobei der Gefragte die H.
nannte. Sie verstand es indes erst, als
man mit der Hand in die H. wies. Sie gab
zur Antwort: ,,Jetzt weiß ich’s, schräg
über Wimmersbach hinaus“ 4 ).
l ) Schräder Reallexikon s. v. 2 ) ZfVk.
19 (1909), 207. Wahrscheinlich sind es die alten
Bezeichnungen eines von Norwegen einge¬
wanderten Volkes, da dieselben an der Ostseite
Land, an der Westseite Meer voraussetzen. Die
Gebildeten sagten allerdings schon lange
‘norSvestur, su&vestur, norfaustur, su&austur’.
— Vgl. Müllenhoff Altertumskunde 4,
651!. 3 ) Leoprechting Lechrain 151.
4 ) Alemannia 27 (1899), 246.
2. H. und Religion. Es wird
wohl kaum Religionen geben, die von der
Mystik der H. frei sind. In Babylonien
beobachtete man am Himmel auftretende
Wolken, Sternerscheinungen, Kometen
usw. und interpretierte neben ihrer her¬
kömmlichen Bedeutung jeweils die Rich¬
tung ihres Herkommens 5 ). In Ägypten
waren vor allem Osten und Westen wich¬
tig 6 ); Osten als Punkt, von dem alle
schaffende Kraft kommt — ganz deut¬
lich wird die Auffassung in dem Kultlied
des Königs Echnaton 7 ) —, während im
Westen als der Gegend der untergehenden
Sonne das Reich des Todes lag 8 ); in der
Zauberei war alles, was mit dem Westen
zu tun hatte, böse 9 ). Ebenso ist für die
homerischen Griechen der Westen das
Totenreich; für den Dichter der Nekyia
freilich der Norden oder Nordwesten; als
Odysseus zur Unterwelt fuhr, steuerte er
sein Schiff zu dem Punkt des Okeanos,
den niemals die Sonne bescheint 10 ). Die
spätere Zeit des Hellenismus baute die
Mystik der H. wesentlich aus* und leitete
von ihnen die Bedeutung der Zahl 4 ab;
sowohl für die Astrologie wie die Gnosis,
ferner für die Mysterienkulte waren die
vier H. die Angelpunkte der Welt 11 ). In
der Astrologie bestimmten die im Osten,
Westen, Süden und Norden gelegenen
Häuser des Horoskops (s. Horoskopie)
wesentlich das Leben des Menschen; die
zugrunde liegende Anschauung von der
Identität des Kosmos und des Menschen
— ihrem Ursprung nach wohl babylonisch
— ist dann vor allem in der Gnosis ausge¬
baut worden 12 ). Um nur ein Beispiel zu
geben, sei an die Lehre von Adam als kos¬
mischem Menschen erinnert 13 ); auch der
Kosmos, dessen Synthese nach dieser
Interpretation ’Avoct oXri (Osten), AOoi?
(Westen), ”A py.*:o£ (Norden), Msar^ißpioc (Sü¬
den) ist, ist ein Mensch (Adam heißt hebr.
Mensch); denn die Anfangsbuchstaben die¬
ser (griechischen!) Bezeichnungen der H.
ergeben zusammen AAAM (Adam). Dabei
überwiegt die Bedeutung des Ostens: ge¬
gen Osten wendete man sich im Mysterien¬
kult flehend und bittend, denn die gute
den Menschen helfende und errettende
Gottheit kommt vom Osten 14 ); gegen
Westen machte man nur Zeichen der
Abwehr, denn dort liegt das Reich der
bösen Dämonen, die den Untergang des
Menschen wollen 15 ). Bei den Römern
waren die H. ebenfalls unterschiedlich
gewertet: bei der Beobachtung der H.
(z. B. bei Donner, Blitz) galt den Harus-
pices nach der uralten etruskischen Lehre
unter Anwendung der Südorientierung
die linke Seite des Himmels (Osten) als
günstig, die rechte (Westen) als ungün¬
stig. Der Norden spielt in dem System
insofern eine Rolle, als er als Wohnung
der Götter gedacht wird und demnach die
Blitze aus Nordosten als ganz besonders
günstig, die aus NW als ganz besonders
ungünstig gelten 16 ).
Ob auch die Germanen vor der Berüh¬
rung mit den Römern den H. sakrale
Bedeutungen beimaßen, ist nicht auszu¬
machen. Als der Zeit nach einzige authen¬
tische Quelle glaubte der Verfasser des
3. Bandes der Grimmschen Mythologie
hierfür eine Annalenstelle des Tacitus
(XIII 55) heranziehen zu müssen; indes
ist eine Himmelsrichtung bei dem dort
erwähnten Gebet des Germanen Boioca-
31
Himmelsrichtungen
32
lus, an Sonne und die Sterne (!) gerichtet,
gar nicht genannt. Das Zitat besagt also
nichts; außerdem scheint die Situation,
durchaus von römischer Stilkunst aus
geschaffen, römische Empfindungen wie¬
derzugeben. Trotzdem ist eine Himmels¬
richtungsmystik bei den Germanen, aller¬
dings eben erst in später Zeit (Edda),
nachzuweisen: Odin wird gen Osten,
Ulfs gen Westen gewandt angerufen 17 ).
Der Norden aber, wo das alte Jötun-
heimar = Riesenheim liegt, war die Ge¬
gend, von der das Böse kam; daher sind
Opfer, die gegen Norden gewandt dar¬
gebracht werden, Zauberei x8 ). Von hier
zogen die Riesen aus, um gegen die Götter
zu streiten 19 ), hierher wandte sich Thor,
als er gegen die Riesen zog. Aber es ist
sehr wohl möglich, daß diese Himmels¬
richtungsmystik nicht ursprünglich ger¬
manisches Gut ist, sondern erst mit der
Christianisierung Deutschlands und des
Nordens in der germanischen Religion
Eingang fand.
*) „Was die verschiedenen Seiten anbelangt,
auf denen die Omina vor sich gehen, so galt die
rechte nicht ohne weiteres als günstig und die
linke als ungünstig, sondern ähnlich wie in der
römischen Lehre (s. w. u.) bezieht sich die
rechte Seite auf die eigenen, die linke auf die
fremden und feindlichen Verhältnisse; daher
kann z. B. ein an und für sich günstiges Omen
für den Befragenden schlecht ausgehen, wenn
es auf der linken Seite liegt, da dann eben der
Feind den Vorteil davon hat, und umgekehrt.“
Bruno Meißner Babylonien und Assy¬
rien 2 (1925), 247. e ) Wiedemann Das
alte Ägypten 408 § 293. 7 ) G. Roeder Ur¬
kunden zur Religion des alten Ägypten 63.
8 ) Erman-Ranke Ägypten und ägypti¬
sches Leben im Altertum 349. 9 ) Hopfner
Offenbarungszauber 1 § 50; vgl. Procl. in Tim.
I 24 d. 10 ) Odys. XI 12—22; vgl. Leh¬
mann-Haupt in Pauly-Wissowa
s. v. Kimmerier Sp. 429—434 § 60—66.
ll ) B o 11 Offenbarung 20. u ) Leisegang
Die Gnosis (Kröner) 117 f.; vgl. Br.
Meißner a. a. O. 110. 13 ) B o 11 Offenba¬
rung 63. u ) Vgl. 'ex Oriente lux' und Clem.
Alex. Protrept. p. 80, 25 Stählin: Chri¬
stus vr\v Öuaiv et£ dvaioXyjv ixei^Ya^ev xai töv
9 -ävaxov elg £ü)y;v dveoxaupcoaev. Weiteres Ma¬
terial bei Boll Offenbarung 20 Anm. 4. lß ) Vgl.
die Gebräuche* des frühchristlichen Gottes¬
dienstes, wie sie D ö 1 g e r Die Sonne der Ge¬
rechtigkeit u. der Schwarze (Münster 1918), 3 ff.
48 beschreibt. ie ) Pauly-Wissowa s. v.
Haruspices Sp. 2441 §14; Plin. n. h. 2, 142 f.;
vgl. Cic. de divin. 2, 12 ff. 17 ) Grimm My¬
thologie i, 28; 3, 2. l8 ) Ebd. — Nach Norden soll
daher kein Wurf geschehen; ferner heißt in
langobardischen Grenzurkunden der nördliche
Strich „nulla ora". In Reinhart Fuchs betet
der Fuchs christlich, der Wolf heidnisch S. XLI.
19 ) Stelle: Voluspä 24. 25.
3. Anwendungen. Eine we¬
sentliche Beachtung schenkte das ger¬
manische Rechtszeremoni e 1 1
diesen Auffassungen der H. Richter,
Kläger und Beklagter standen hier gleich¬
sam mit der Gottheit in Beziehung, wenn
ihnen nach den H. während des Proze߬
ganges ihre Plätze angewiesen wurden.
Der Richtplatz ist nach Osten geöffnet;
dem Eingang gegenüber sitzt in Westen
mit dem Blick nach Osten der Richter
auf erhöhtem Sitz: der Anblick der im
Osten sich erneut jeden Tag erhebenden
Sonne wird zu der Anschauung geführt
haben, daß von dort das Rechte kommt.
• ♦
Überhaupt wendet der Richter sich bei
allen feierlichen Zeremonien nach Osten.
Rechts vom Richter steht der Kläger,
links der Beklagte; er hat die Richtung
nach Norden einzuhalten als der Gegend
allen Unheils. Nach Norden sprach man
den Reinigungseid in peinlichen Sachen;
einem Bösewicht, der enthauptet werden
soll, wendet man das Gesicht nach
Norden 20 ).
In den vier H. ist die Welt gestützt;
ihre Beziehung zum Sonnenlauf be¬
stimmt ihre moralischen Qualitäten. Da¬
her ist es auch verständlich, wenn wir sie
im Zauber, jener geheimen Wissenschaft,
mit der zu allen Zeiten die Menschen den
Kosmos zu meistern unternahmen, wie¬
derfinden. Sagen und Novellen bie¬
ten viele Beispiele, deren einige aus den
deutschen Sprachgebieten angeführt
seien:
Ein Bergmännlein begegnet einem
frommen Mann, den es reich machen
will. Vor einem kleinen Hügel schwingt
es seinen Zauberstab in die vier H. und
senkt ihn dann zur Erde. Der Hügel tut
sich auf und Gold und Silber quillt wie ein
Springbrunnen hervor 21 ).
Ein letzter Rest eines Opfers an die
Weltgottheiten ist vielleicht in einem erz-
gebirgischen Brauch wieder zu er¬
kennen. Um die Vögel von der Saat fern¬
33
Himmelsriegel, die heiligen sieben
34
zuhalten, behält der Bauer daselbst wäh¬
rend der Aussaat drei oder fünf Körner,
die er am Schluß kaut und für die Vögel
auf den Weg speit; er wirft, in der Mitte
des Ackers stehend, nach der Vollendung
der Saat eine Hand voll Getreide nach
den vier Himmelsgegenden mit den
Worten: „Für die Vögel“ 22 ).
Ferner nimmt ein Zauber zur Ent¬
fernung von Schnecken auf die H. Be¬
zug: Sind viele Schnecken auf dem Land,
so muß man frühmorgens vor Sonnen¬
aufgang hingehen und eine Schnecke an
der Ostseite wegnehmen, dann über
Norden nach Westen hier eine andere;
ähnlich wird jetzt eine im Norden er¬
griffen und von da über Osten nach
Süden gegangen. Hängt man die vier
aufgelesenen Schnecken in einem Beutel
in den Schornstein, so sollen die übrigen
Schnecken vom Land in den Schornstein
kommen, wo sie dann sterben 23 ).
Endlich wird derHimmelsgegenden auch
in Weissagungen gedacht: Wie der
Blitz wird der Donner gewertet, je nach
den H., aus denen er kommt. Die Bei¬
spiele s. Art. Blitz, Donner, Gewitter.
Hier ein anderes Praesagium: Im Erz¬
gebirge soll man am Silvester mit dem
Glockenschlag zwölf vom Kirchturm aus
nach den vier Himmelsgegenden spähen;
die Häuser, hinter denen sich ein röt¬
licher Schein zeigt, sollen nämlich im
kommenden Jahr abbrennen 24 ).
Das Gemeinsame aller dieser Vorstel¬
lungen und Zauberriten ist die Bezogen-
heit derselben auf den Kosmos als Ganzes,
als dessen Inbegriff die vier Himmels¬
gegenden verstanden werden. Für die
einzelnen Zauberriten jeweils den Ur¬
sprung aufzuspüren (germ., röm. oder
christlich), dürfte ein schwieriges und
wenig aussichtsreiches Unternehmen sein,
da die Riten zu ganz verschiedenen Zeiten
entstanden sind. Wenn ursprüngliche
Mystik der H. bei den Germanen voraus¬
zusetzen ist, so wurde diese durch ein
Buch wie die Offenbarung Johannis
(vgl. Kap. 7, 1.2) nur unterstützt, wie
die Edda zeigt (Voluspa).
l0 ) Grimm RA. 2, 431—433. Vgl.
I: die Beschreibung des grausigen Saals
Bächtold -Stäubli, Aberglaube IV
am Totenufer in der Edda (Voluspä 25):
„Einen Saal sah ich, der Sonne fern, am Toten¬
strand, das Tor nach Norden; tropfendes Gift
träuft durch das Dach; Wurmleiber sind die
Saalwände“. 21 ) Kühn au Sagen 3, 746.
£2 ) John Erzgebirge 220. 23 ) Grimm
Mythol. 3, 471 Nr. 982 (aus Deutschland;
nähere Angaben fehlen). 24 ) John Erz¬
gebirge 181. Erwähnt sei auch noch ein Brauch
der Oberpfalz: um ein Gewitter zu bannen,
soll man in die Himmelsrichtung, aus der es
heranzieht, beten (Schönwerth Oberpfalz
2, 117).
Über die H. im Volksglauben der Angel¬
sachsen vgl. Fischer Angelsachsen 20.
35 - 4 2 - Stegemann.
Himmelsriegel, die heiligen sieben. So
heißt ein Gebet, das ein frommer Ein¬
siedler von seinem Schutzengel erhalten
haben soll und das gegen allerlei Schaden
hilft. Die Einleitung erzählt die über¬
natürliche Herkunft und schildert die
wunderbare Kraft des Gebetes, worauf
dieses dann im Stil der üblichen volks¬
tümlich-kirchlichen Frömmigkeit folgt;
daran schließt sich ein kurzes Reimgebet
und die sieben Worte Jesu am Kreuz x ).
Die Vermutung Meyers 2 ), die H. seien
aus den sieben Bußpsalmen der Litanei
hervorgegangen, die im n.Jh. beim
Gottesgericht gesprochen wurden, ist
grundlos, da das Amulett sicher erst
neueren Ursprungs ist. Die Siebenzahl —
die H. sollen die sieben Riegel des Him¬
mels öffnen; vielleicht ist dabei an die
sieben Himmel gedacht — begegnet in der
kirchlichen Symbolik häufig 3 ), vgl. auch
die sieben Schloßgebete (s. d.). Die Da¬
tierung unter Clemens XII. (1730 bis
1740) 4 ) — Clemens VII. (1378—1394) 5 )
ist sicher ein Druckfehler — könnte stim¬
men; aus dieser Zeit etwa sind nun auch
die Schloßgebete schon nachweisbar. Die
H. haben eine weite Verbreitung ge¬
funden und sollen 1720 bzw. 1750 6 ) in
Köln zum Druck befördert worden sein.
Die Kirche hat sie verboten.
*) Wuttke 192; John Erzgebirge 38.
48. 52. 53. 118 f. 227; John Westböhmen
166. 279. 303 f.; ZfVk. 2 (1892), 173 f.; 6 (1896),
2 52 ; 13 (1903), 444 i 22 (1912). 66 f.; Dre chs-
I e r 2, 270 f.; Seyfarth Sachsen
145 ff.; L a m m e r t 166; Meyer Baden
389- 573 : Ders. Deutsche Volkskunde 187;
Bohnenberger 25; Höhn Geburt 260;
MschlesVk. 4 (1897), 68; DG. 5, 7L: 10, 72;
2
35
Hi mmelssch 1 ii ssel—Hi mmel sziege
Hindläufte—Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
38
Hartmann Dachau und Bruck 221 Nr. 72;
SAVk. 24 (1922), 61; Egerl. 4 (1900),
34; ZföVk. 14 (1908), 31; MittsächsVk. 2
(1902), 362 ff.; Die Dorfkirche 1 (1908), 283 f.;
Hauck RE. 23, 39; Das sechste und sie¬
bente Buch Mosis (Buchversand Gutenberg),
199. 205 f.; ein Exemplar in meinem Besitz
(gedr. von F. C. Wentzel, Weißenburg i. Eis.).
*) Deutsche Volkskunde a. a. O. 3 ) Hauck
RE. 18, 315 ff. 4 ) John Erzgebirge 303;
ZfVk. 2, 173; 22, 66. 5 ) Drechsler 2, 270.
•) John Erzgebirge 118; ZfVk. 22, 66.
Jacoby.
Himmelsschlüssel. Der alte H. ist nach
Pfälzer Überlieferung irgendwo vom Him¬
mel auf den Altar einer Kirche gefallen
und wurde täglich gebetet und in hl.
Kette weitergegeben, weil er den Himmel
aufschließt 1 ), vgl. zu diesem Motiv den
Himmelsbrief (s. d.). Gemeint ist das
alte geistliche Volkslied: ,,Als Jesus in
den Garten ging“ usw. 2 ). Der Schluß:
„Wer das Liedlein fein singen kann und
alle Wochen recht fleißig thut singen, des
Seele kommt ins himmlische Paradeis“ 3 ),
bzw.: „Wer dies Gebetlein dreimal
spricht, erlöst drei Seelen aus dem Feg¬
feuer“ usw. 4 ) zeigt, wie das Lied zu der
Bezeichnung H. gelangt ist. Seine Ver¬
wendung erinnert an die des Traumes
Marias (s. d.). Mit der Schilderung von
Balders Tod, wie Grünenwald anzuneh¬
men scheint, hat es nichts zu tun.
*) L. Grünenwald Volkstum und Kir¬
chenjahr Mitt. d. Hist. Ver. d. Pfalz 44 (1927),
83. 2 ) J. W. B r u i n i e r Das deutsche Fo/As-
/i'fii (1914), 77; Hruschka und Toischer
Deutsche Volkslieder aus Böhmen (1891), 57
Nr. 84 a. 503 (Literatur); A. Wrede Eifeier
Volksk. 280. 3 ) Hruschka und Toi¬
scher a. a. O. 4 ) K. Mersch Die Luxem¬
burger Kinderreime (1884), 36. Jacoby.
Himmelsschlüssel s. Schlüssel¬
blume.
Himmelswagen s. Sternbilder II.
Himmelsziege.
1. Onomastisches. Diese Be¬
zeichnung hat eine doppelte Bedeutung.
Unter H., daneben auch Donnerziege,
Donnerstagspferd 1 ) i versteht man zu¬
nächst die in der Frühlingszeit gegen
Abend in den Lüften dahinziehende 2 )
Heerschnepfe (scolopax gallinago), für
die noch die Dialektnamen Himmelsgeiß,
Haberziege , Haberzicke, Haberbock, Ha¬
berlämmchen Vorkommen 3 ) (Haber ist
ein altes Wort für „Bock“). Analogien
aus Fremdsprachen: schwed. himmelsget ,
engl, heather bleater „Heideblöcker“, bog
bleater „Sumpfblöcker“, slov. kozica , ital.
(Romagna) cavrelia „Zicklein“, franz.
chevre celeste „H.“, chevre volante „flie¬
gende Ziege“. Grimm 4 ) führt noch an
lett. pehrkona kasa „Donnerziege“, p.
ahsis „Donnerbock“. Hiezu teilt mir Prof.
S u 0 1 a h t i (Helsingfors) freundlichst
folgendes mit: Im Finnischen findet sich
* •
die genaue Übersetzung von schwed.
himmelsget : taivaanvuohi . Der Name wird
auch volkstümlich gebraucht. Litt, devo
ozys, Perküno ozys sind genau entspre¬
chende Namen des Vogels, devo-ozys =
Himmel-Ziege, Perküno ozys — Donner-
Ziege, Perkünas „der Donnergott des
heidnischen Altertums“ — Donner. In
Karelien heißt der Vogel auch (finn.)
Pyhän Iljan vuohi , d. h. die Ziege des
heiligen Ilja (Ilja als Bezeichnung des
Donners). — Die Benennung nach der
Ziege beruht auf dem eigentümlichen an
das Ziegenmeckern erinnernde Flug¬
geräusch des Vogels. Von den obigen
Namen weichen ab engl, horse gowk
(Orkney- u. Shetlandinseln), schwed.
horsgjök , isl. hross-agaukr „Pferde¬
kuckuck“. Dän. myrehest bedeutet.
„Sumpfpferd“ 5 ). In diesen Namen wird
das Fluggeräusch des Vogels mit dem
Wiehern eines Pferdes verglichen. Von
oldenburgischen Namen seien angeführt
Bäwerbuck und Hawerblatt 6 ), die bei
S u o I a h t i 7 ) erklärt werden.
l ) Natur und Schule 6, 65. 2 ) Schell Berg.
Sagen 161 Nr. 54. 3 ) MnBöhmExc. 33, 58.
4 ) Grimm Myth. 1, 153. 5 ) A. a. O.
*) Strackerjan 2, 167 Nr. 398. 7 ) Vogel¬
namen 275 f.
2. Mythisches. Die H. ist auch
ein mythisches Wesen. Lehrreich für die
Mythisierung dieses Vogels ist ein Be¬
richt aus dem Kreise Münsterberg in
Schlesien 8 ). Eine alte Frau erzählt näm¬
lich, sie habe einmal als Kind mit ande¬
ren Kindern in der Dunkelheit Ziegen
meckern hören, die seien durch die Luft
gekommen, immer eine hinter der anderen
und hätten gemeckert. Die anderen
Kinder hätten gesagt, das wären „H.n“.
So hält man auch in Westfalen den Vogel
für ein Gespenst 9 ). Eng berührt sich die
H. mit der alpenländischen Habergeiß
(s d.). Nach L a i s t n e r 10 ) ist Haber -
geiß auch ein Name der Heerschnepfe.
G r i m m n ) und M a n n h a r d t 12 )
nehmen Beziehungen des Vogels zu Donar
an. Sein Flug verkündet nahendes Ge¬
witter, daher auch die Namen Wetter¬
vogel, Gewittervogel, Regenvogel 13 ). Er
ruft in der Abenddämmerung zur Ernte¬
zeit mit wieherndem Ton (vgl. die vom
Pferde genommenen Namen) 14 ).
Als rein mythisches Wesen erscheint
die H. (seltener „Himmelskuh“) um
Leobschütz (Schlesien). Eine scherzhafte
Verkörperung dieser mythischen Ge¬
stalt, die an die Habergeiß der Alpen¬
länder erinnert, schildert Drechs¬
ler 15 ): Eine Magd hat auf ihrem Rücken
mittels der Schürzenbänder zwei Stöcke,
gewöhnlich lange Stubenbesen, befestigt,
die, wenn die Trägerin sich bückt, vorn
und hinten überragen. Darüber ist ein
Bettuch gebreitet. Das Gespenst mahnt
die faulen Spinnerinnen an ihre Pflicht
und erscheint somit wesensgleich mit
der „Zompeldroll“, „Spilladrulle“ oder
„Mückendrulle“ (auch „Spillahöle, „Po-
pelhöle“) 16 ), in denen landschaftlich ver¬
schiedene Erscheinungsformen der „Frau
Holle“ zu sehen sind.
Bemerkt sei noch, daß im Hennebergi-
schen eine durch ihre bizarre Gestalt auf¬
fallende Spinnenart, der Weberknecht
(s. d.), als „H.“ bezeichnet wird 17 ).
8 ) Kühnau Sagen 3, 454 f. 9 ) Woeste
Wb. 102. 10 ) Sphinx 2, 219. 250. n ) Grimm
Myth. 1, 153. 12 ) M a n n h a r d t Germ.
Mythen 48. 13 ) Grimm a. a. O. l4 ) Witz-
s c h e 1 Thüringen 2, 220. 15 ) Schlesien 1, 172.
1# ) A. a. O. 17 ) Grimm Myth. 3, 69.
Riegler.
Hindläufte s. Wegwarte.
Hingerichteter (— H ), Armsünder
(= A.), Hinrichtung (= Hg.).
i. Der ursprünglich sakrale Sinn der Hg. und
die sich daraus ergebenden Vorstellungen und
Folgen. — 2. Zauberkraft der A.reliquien. —
3. Spukleben der H. — 4. Hg.sspiele.
1. Die Hg. eines Menschen oder Tieres
— vgl. Tierprozeß — ist für das vor¬
christliche germanische Rechtsempfinden
nicht rachsüchtige Vergeltung oder gar
berechnete Abschreckung gewesen. Ein
starrer Grundsatz mechanisch abgezirkel¬
ten Wiedergutmachens erscheint zwar für
die verschiedensten nicht todeswürdigen
Vergehen in den agerm. Volksrechten aus¬
geprägt x ), er darf aber nicht für die alte
Todesstrafe in Anspruch genommen wer¬
den, vgl. Strafe. Wie die rituellen Formen
der einzelnen Hg.sarten, besonders des
Hängetodes (s. hängen § i) und die Stel¬
lung des mit dem Tabu des Priesters be¬
legten, daraus später „unehrlich“ gewor¬
denen Scharfrichters (s. d.) vermuten
lassen und der Glauben an geheiligte
Zauberkräfte der Gerichteten, Gehenk¬
ten, Enthaupteten bestärkt, ist die Hg.
eines durch ein „Neidingswerk“ ins Un¬
recht Verfallenen einst nicht als strafende
Vernichtung, sondern höchstens als Aus¬
merzung eines Entarteten, vor allem aber
als ein reinigendes Opfer an die gekränkte
Gottheit und so als eine haßlose Besse¬
rung, Buße der verletzten Rechtsordnung,
ein Sühnopfer aufgefaßt worden 2 ).
Rache und Vergeltung schließt schon die
agerm. Einschätzung des Verbrechers als
eines Entarteten, seiner Tat als eines
Neidingswerkes aus 3 ), vgl. Dieb § 1, Ver¬
brecher, Strafe. Für die Deutung der Hg.
als eines Sühnopfers spricht aber außer
der schon genannten Eigenart des Hen¬
keramtes und dem Hg.szeremoniell 4 ), zu
dem auch das vorausgehende Henkers¬
mahl (s. d.), die bestimmten Vorschriften
_ _ * •
über Ort und Zeit der Hg. und die Öffent¬
lichkeit der „Opferhandlung“ (Versamm¬
lung der Opfergemeinde) zu rechnen sind,
auch die Auffassung, daß die Gottheit,
wenn ihr das Opfer nicht genehm sei, es
durch Mißlingen der Hg. zurückweise,
so durch Reißen des Stricks, welches für
das Volksempfinden seit alters einen un¬
bedingten Begnadigungsgrund darstellt,
denn „man hängt keinen zweimal“ 5 ). So
steht die Hg. des Verbrechers anfänglich
auf der gleichen Linie mit anderen Men¬
schenopfern, Hg.en von Kriegs¬
gefangenen, Jungfrauen, Königen, wie
sie uns alte Berichte und Sagen für die
ganze idg. Welt und noch neuere Paral-
39
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
40
leien für außereuropäische primitive
Völker belegen, vgl. Menschenopfer. Die¬
ser sakrale Sinn eines Opfers er¬
klärt uns erst restlos viele dunkle Eigen¬
tümlichkeiten des A.aberglaubens, vgl.
enthaupten § I, Galgen §§ 2. 4, hängen
§§ I. 5. Da auch die Selbstrichtung einst
vielfach den Charakter eines Opfertodes
getragen hat 6 ), begegnen zahlreiche Vor¬
stellungen für den Selbstmörder und den
gerichteten Verbrecher gemeinsam, wohl
bewahrt durch ein für beide gleich¬
wertiges christliches Verdammungsurteil,
vgl. hängen, Selbstmörder. Die Anschau¬
ung, daß jede Hg. ein Sühnopfer sei, ist
auch dem christlichen Volksempfinden
nicht entschwunden. Deshalb sehen wir
alle Folgeerscheinungen dieses Glaubens,
die zum großen Teil nur aus vorchrist¬
lichen Voraussetzungen erklärbar sind,
so zäh sich behaupten.
Der religiöse Charakter eines unter kul¬
tischer Heiligung vollzogenen gewalt¬
samen Todes muß natürlich die Leiche
des entsühnten und der Gottheit
geweihten Verbrechers gleich an¬
deren Opfergaben (s. d.) zu
einem Fetisch erhöhen, der imstande
ist, zauberhafte Kräfte zu entsenden,
Glück anzuziehen und Unheil abzu¬
wehren 7 ). Der Besitz von A.r e 1 i -
quien beglückt, ihr Genuß
(A.blut) ist heilbringend wie die
Teilnahme an einem Opfermahle, s. § 2.
So nimmt die Leiche eines H., oder viel¬
mehr einzelne bevorzugte Teile wie
Finger, Fett, Blut, einen ersten
Platz ein in dem Glauben an fort¬
lebende Kräfte im toten
Menschen. Diese Vorstellung von
einem zweiten Leben nach dem ersten
Tode und von glückbringenden Eigen¬
schaften der Mumie wird schließlich von
jedem Toten gehegt, aber — ganz abge¬
sehen von der kultischen Heiligung des H.
— besonders von einem zu früh, in der
Blüte seiner Lebenskraft
aus dem sichtbaren Leben gelösch¬
ten, ,,außergewöhnlichen“
Toten 8 ), vgl. Mord, Toter, Orendismus,
Verbrecher, Reliquien. Es zeigt sich hier
eine durchaus amoralische Überzeugung,
ohne einen näheren Zusammenhang mit
dem christlichen Wunderglauben an Hei¬
ligenreliquien; denn je kraftvoller, außer¬
gewöhnlicher, d. h. meist scheußlicher
die Leistung eines Verbrechers gewesen
ist, desto versprechender und begehrter
sind seine Reliquien. Die frühere Öffent¬
lichkeit der Hg.en brachte auch das
Außergewöhnliche dieser
Todesart dem Volke immer wieder
zum Bewußtsein 9 ), infolgedessen sich
auch seine Erzähllust einst sehr stark mit
Hg.sgeschichten ergötzte, zumal mit Be¬
richten über geschickte und ungeschickte
Hg.en 10 ), vgl. auch die Geschichte einer
geheimnisvoll nächtlichen Hg. n ).
Daß die Stärke der A.reli-
quien jedoch nicht nur auf den zuletzt
erwähnten Glauben an die noch nicht
erloschene Lebenskraft des vorzeitig Ge¬
töteten zurückzuführen, sondern w e -
sentlich durch den sakralen
Akt der Hg. bestimmt ist, geht
ferner auch daraus hervor, daß alles Gerät,
das zum Vollzug einer Hg. gedient hat,
gleichfalls Träger ähnlicher geheimnis¬
voller Kräfte wird und deshalb für die
verschiedensten Zauberhandlungen noch
heute lebhaft begehrt ist, also das
Opfergerät der Opfergabe
an Wirkung gleichkom mt 12 ).
Denn was man nur immer zu einer Hg. ge¬
braucht hat, vermag zu wirken. Wenn
man z. B. Hufeisen schmiedet ,,auss
einem Eysen.. damit einer umbbracht
worden“, so erhält man wendige, be¬
hende Pferde 13 ). A.strick, Diebsstrang,
Galgenstrick, A.kette, Diebskette, Gal¬
genkette, Galgennagel, Galgenholz, Gal¬
genspan s. Galgen § 4 (Galgenamulette).
A.nagel s. a. rädern; vgl. Richtschwert.
Und ebenso fließt das große Kön¬
nen des Henkers oder Scharf¬
richters (s. d.) vorzüglich aus dem sakra¬
len Akt der Hg. 14 ), in dem wie gesagt
auch die frühere zur ,,Unehrlichkeit“ ge¬
wordene Sonderstellung des für die
rechtsprechende Gemeinde waltenden
Nachrichters wurzelt, vgl. hängen § I,
unehrlich. Wir haben schließlich noch
einen Rest dieser uralten Verbindung der
Hg. mit dem Walten der Gottheit in dem
Überall bewahrten Glauben, unheimliche
Mächte umtobten als Wind, als Sturm
oder Ungewitter den Tod des Verbre¬
chers 15 ) bzw. des Selbstmörders. Man
erzählt dies mit Vorliebe vom Galgentod
oder wenn einer sich selbst erhängt, vgl.
hängen § 4 a (Gehenktenwind). In sol-
* chem Sturmeswüten erkennen wir das
brausende Seelenheer des Gehenkten¬
gottes Wuotan-Odinn, dem einst die
Gehenkten als Opfer dargebracht worden
sind; im Sturme nimmt der
Gott die Seele des Opfers
in seine Schar auf. Christliche Umdeu¬
tung sehen wir später an Stelle des alten
Seelenheeres den Teufel, die wilde Jagd
und ähnliches setzen 16 ) oder von der
Entrüstung der beleidigten Natur spre¬
chen, vornehmlich beim Selbstmord —
dies letzte wohl eine ganz späte, mehr
gelehrte christliche Erklärung.
Zu dem Reliquienglauben kommt als
eine verwandte Vorstellung vom zwei¬
ten Leben, wenn man nicht nur den
Leichenteilen eines mit seltenen Kräften
erfüllten H. geheimnisvolle Stärke zu¬
schreibt, sondern auch davon überzeugt
ist, daß der H. gleich anderen gewaltsam
und verfrüht Verstorbenen unter den
Toten vorzüglich weiterdauere, als
,,Geist“ umgehen, spuken müsse —
s. § 3 — und dies eben nicht als Strafe
(vgl. das Umgehen unschuldig zu früh
ums Leben Gekommener), sondern ein¬
fach aus übergroßer Lebens¬
kraft. Erst spätere christliche Um¬
deutung moralisiert auch diese uralte
Vorstellung in ein Büßen des verdammten
Verbrechers, ohne freilich den eigentlichen
Grund des Glaubens in Vergessenheit
bringen zu können 17 ), vgl. Wieder-
ganger.
♦ •
Uber Vorbestimmung 18 ) und
Vorzeichen einer Hg. s. hängen § 3,
Richtschwert.
Wir dürfen als Ergebnis unserer Er¬
klärung der Zauberkraft und des Fort¬
lebens, die den H. in erhöhtem Maße vor
den anderen Toten zukommen, zwei
Gründe festhalten, einen stets sich
erneuernden Grund: den Glauben an die
noch unverbrauchte Lebens¬
kraft in dem zu früh Gestor¬
benen; und einen allmählich in Ver¬
gessenheit geratenden, jedoch durch den
mehr moralisierenden christlichen Sühne¬
gedanken noch erhaltenen Grund: die
Vorstellung von einer heiligenden
Opferung des A.s. Auch wo die
Grundanschauung verblaßt, will sich der
Glaube selbst nur langsam verdrängen
lassen, zum Teil gerade wegen mancher
christlichen Umdeutung. In unserer Zeit
schwindet freilich der A.aberglauben mit
den H. rascher als zuvor zugunsten ande¬
rer Totenfetische.
x ) Amira Grundriß 234 ff. 243 ff. 2 ) Ders.
Grundriß 240 f.; Ders. Todesstrafen 198 ff.
223 ff. 229 ff.; Grimm RA. 2, 526 ff.;
Angstmann Henker 75 ff.; Wolf Bei¬
träge 2, 367; Meyer Germ. Myth . 199 f.;
W. § 191; Brunner Deutsche Rechts¬
geschichte 2 1, 175; 2, 468. 476. 685; Schrö¬
der Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte •
95; H ö f 1 e r Organotherapie 9 ff. 20.
3 ) Amira Grundriß 233 f.; Ders. Todes¬
strafen 65 ff. 4 ) Z. B. DG. 7, 119; zum „Stoßen
an den blauen Stein" in niederrheinischen
Städten vgl. Heckscher 185 f. 435; blau
§18; Hg. am Dienstag : Kolbe Hessen 112;
vor Sonnenuntergang: Grimm RA. 2, 531.
5 ) K. Bey erle Von der Gnade im deutschen
Recht (1910), 5. 16; Beyerle faßt auch das einst
dem Opferakt vorausgeschickte Gottesurteil als
eine Anfrage an die Gottheit auf, ob das Opfer
erwünscht sei; s. a. Bö ekel Volkslieder
8 ff.: JbhistVk. 1, 120. •) Tacitus Germania
c. 6; weitere Beleges. SAVk. 26, 146. 7 ) Amira
Todesstrafen 223. 8 ) Joh. Diez Ende des 17. Jhs.:
„Das ist die gerecht und krefftigest Mumie: der
Leib des Menschen, der nicht eines natürlichen
Todes stirbt, sondern eines unnatürlichen
Todes stirbt, mit gesundenem Leib und ohne
Kranckheiten, und ehe ihm darzu wehe ist",
MschlesVk. 21 (1919), 110; vgl. F. Pfister
Der Glaube an das „außerordentlich Wirkungs¬
volle 4 ' (Orendismus) in BIBayVk. 11, 24 ff.;
Pfister Schwaben 42; L i p p e r t Chri¬
stentum 461; Höfler Organotherapie 3;
Naumann Gemeinschaftskultur 18 ff. 81 ff.;
Ders. Grundzüge 74 ff. 86 ff. 152 ff.; NdZfVk.
5, 92 ff. 97; Fehrle Volksfeste 3 51; SAVk.
26, 151. •) Vgl. H. Fehr Das Recht im Bilde
(1923), 77—101, Abb. 85—130: Ders. in
„Volk und Rasse" Nov. 1926; W. R enger
Hinrichtungen als Volksfeste in Süddeutsche
Monatshefte 10 (1913), 2, 8 ff.; über die früher
viel häufigere Tätigkeit der Scharfrichter s. die
Tagebücher der Scharfrichter von Reutlingen
(1563/68): WürttVjh. 1, 85, von Ansbach
(1575/1603) : JbhistVerMittelfranken 2, 1 ff.,
von Nürnberg (1573/1607): Schmidt Nach¬
richter. 10 ) Angstmann Henker 104 ff.;
43
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
46
Schmidt Nachrichter XII f.; wenn eine Hg.
übel abläuft, hat der Scharfrichter drei Köpfe
gesehen, er hätte aber nach dem mittleren
zielen sollen: Angstmann nof.; Huß
Aberglaube 21; Panzer Beitrag 2, 296;
Bartsch Mecklenburg 1, 461. n ) J. P.
Hebel Schatzkästlein des rhein. Hausfreundes
„Heimliche Enthauptung“ (Scharfrichter von
Landau); Kruspe Erfurt 1, 64 f. l2 ) Amira
Todesstrafen 224. 13 ) Staricius (1623), 125.
l4 ) Angstmann Henker 90 ff.; über die
Ausübung des Henkeramtes vgl. Grimm
RA. 2, 526 ff. lä ) Pfister Schwaben 56;
Rochholz Naturmythen 281. 16 ) So er¬
füllt bei der Hg. eines „Teufelsjüngers“ Sturm¬
geheul die Luft, bis jener verbrannt ist: M e i c h e
Sagen 517; vgl. Baumgarten Aus der
Heimat 1869, 125; die wilde Jagd wird zum
,,A.j a g e n“, zum Umzug verstorbener Holz-
und Waldfrevler: Schönwerth Oberpfalz
2, 150; Bavaria 2, 236. 17 ) Vgl. NdZfVk. 5,
232 ff.; 7, 8; SAVk. 26, 151 (weitere Literatur).
18 ) W. § 86: am Gründonnerstag ge¬
borene Kinder sterben auf dem Blutgerüst
(Oberpfalz); W. § 460: wenn man ein Messer
mit der Schneide nach oben auf den Tisch legt,
wird das in dieser Stunde geborene Kind durch
das Schwert gerichtet werden (Preußen, Schle¬
sien); s. u. Anm. 144; Belege für das Klin¬
gen des Richtschwertes als Vor¬
zeichen einer Hg. s. Angst mann Henker
in ff.
2. Zauberkraft der Lei¬
ch e n t e i 1 e eines H. Da die Hg.
früher meist durch Hängen erfolgt ist,
findet sich dieser Aberglaube vielfach
speziell von Gehenkten ausgesagt. Man
vergleiche daher mit dem Folgenden die
unter hängen §5 aufgeführten Be¬
lege.
Zunächst werden die Knochen der
H. als Heilmittel gebraucht, zur
Vertreibung der Krankheitsgeister, und
daher seit alters eifrig gesammelt und
verhandelt 19 ) — s. u. — wobei natürlich
gilt: je frischer, desto besser 20 ). So wird
im 17. Jh. gegen Ruhr geraten: nimb
eine kleine Rippen von einem gehangenen
Dieb, pulverisier die, und gib ein Quint¬
lein in Wein oder Essig ein, es hilft gleich
in derselben Stund 21 ). Dem entsprechen
ein von Plinius angegebenes Mittel gegen
die Bisse eines tollen Hundes, Pillen, die
aus der Hirnschale (calvaria) eines
Gehängten verfertigt werden 22 ), und ein
in Dänemark überliefertes Mittel gegen
Fallsucht: die Hirnschale einer Manns¬
person, die nicht an einer Krankheit ge¬
storben ist, am liebsten die eines gehenk¬
ten Diebes, brenne man in einem heißen
Backofen, bis sie ganz weiß ist, stoße sie
dann zu Pulver und nehme davon ein
Quentchen und drei kleingestoßene Päo¬
nienkerne, um dies dem Kranken morgens
nüchtern in Lavendelwasser zu geben 23 ).
In der Oberpfalz hilft man sich einfacher
durch Trinken aus einem A. s c h ä d e 1 24 )
vgl. Schädel. Wunderpulver aus Knochen
h. Verbrecher verhandelte man früher bei
Gera 25 ), in Schwaben bot 1618 die Lau-
inger Apotheke granium hominis suspensi
praeparatum an 26 ) und noch vor wenigen
Jahrzehnten verordnete ein Quacksalber
im badischen Hinterland ,,etwas von
eines A.s Hirnschale“ 27 ). Man verwendet
einen A.schädel aber auch beim Lotto¬
orakel 2S ). Um Freikugeln zu erhalten,
gießt man Kugeln durch die rechte Augen¬
höhle eines A.schädels 29 ). Moos, das auf
einem A.schädel gewachsen ist, dient als
ein altberühmtes Mittel zum Festma¬
chen 30 ), vgl. Galgen § 4 b, hängen § 5 a
Anm. 136, Schadenzauber s. u.
Ein ,,wertes Hilfsmittel“ gegen Dra¬
chen und Hexen ist ein A.finger 31 ).
Ein solches Knöchelchen, unter die Haus¬
schwelle vergraben, wehrt daher alles
Übel ab und schafft so beständigen Haus¬
segen 32 ). Die Berührung mit einer A.hand
vertreibt Kropf und Warzen 33 ). Wenn
man einen A.knochen in der Tasche trägt,
bekommt man kein Ungeziefer 34 ). Auch
im Krieg sucht man sich mit Körperteilen
Gerichteter zu schützen 35 ). Neben solchen
abwehrenden Diensten üben die A. -
reliquien, besonders von gehängten Die¬
ben, auch eine glückliche An¬
ziehungskraft aus, vgl. Diebs¬
daumen (Dieb § 7). Die große Zehe
eines H. in der Tasche, hat man Glück im
Kartenspiel 36 ). Ebenso wirkt das Knö¬
chelchen eines H. im Geldbeutel 37 ). Glück
und Kunden bringen A.finger oder Diebs¬
daumen auch den Wirten, die sie ins Faß
hängen 38 ), den Kaufleuten, die sie zur
Ware legen, und den Fuhrleuten für ihre
Pferde 39 ), ebenso wie A.blut (s. u.). Sogar
in der Küche fehlt die A.hand nicht 40 ).
Wenn das Vieh nicht fressen will, reibt
ein schelmischer Scharfrichter die Krippe
mit einem A.daumen rein 4l ). Man kratzt
das Vieh statt eines Striegels mit einem
A.finger, damit es fett werden soll 42 ), oder
man rührt das Futter mit einer A.hand
um 43 ). Entsprechend verrät der Scharf¬
richter Huß: A.-Hand mit drey Körnlein
Haber im Stall unter die Krippe gegraben,
da werden die Pferde in gutten Stand,
bey Leib und muthig seyn; dabey bethen
sie für die armen Seelen 44 ). Dies erinnert
an den Oberpfälzer Rat, den ersten Finger
eines H. abzuschneiden und schon beim
Abschneiden in Gedanken zu einem be¬
liebigen Zweck zu bestimmen, dabei sich
aber zu verpflichten, alle Tage für die
Ruhe des Toten zu beten 45 ). In Anbe¬
tracht all dieser wunderbaren Verwen¬
dungsmöglichkeiten hat man ein der¬
artiges Amulett zu allen Zeiten um hohen
Preis erstrebt. Deshalb begegnet der
Finger eines Erhängten im Verzeichnis
eines Scharlatans im Jahr 1602 46 ), oder
wir erfahren vom Diebstahl von A.glie¬
dern 1582, 1593, 1616 in Schlesien 47 ). Es
sei aber auch auf einen neueren Fall hin¬
gewiesen, wo Gerichteter und Heiliger in
einer Person verschmelzen: nach der Hg.
Andreas Hofers 1810 verbanden sich eini¬
ge Soldaten, darunter ein nachmaliger
Direktor der Strafhäuser in Wien, um
sich eines Gliedes seines Leibes zu be¬
mächtigen, sie wurden jedoch ertappt und
bestraft 48 ). Noch später sind solche Lei¬
chenschändungen wirklich verübt wor¬
den, so wurde 1823 in Schneeberg eine
A.leiche aller Finger, Zehen und Kleider
beraubt 49 ), 1837 in Rochlitz der Kopf
eines enthaupteten Mörders in der auf die
»g folgenden Nacht gestohlen 50 ). Als in
Breslau der alte Rabenstein abgebrochen
Wurde, trieben die Arbeiter einen sehr
einträglichen Handel mit den bei der Auf¬
grabung Vorgefundenen Knochen 51 ). Es
ilt übrigens schon der Anblick der Leiche
eines frisch gehenkten A.s gegen das Er¬
blinden der Pferde gut, man fuhr deshalb
mit ihnen zu den Hg.en, damit sie hin-
•ehen sollten 52 ).
Auch schlimmer Schadenzauber
ilt schon mit A.gebein versucht worden,
wie wir aus den Akten eines hessischen
Hexenprozesses von 1596 erfahren: wenn
man einen knochen von einem Schelmen
neme, dasselbig im feuer schwartz ahn¬
brenne und vergrüebe es (mit einem be¬
stimmten Spruch) under die erden, wel¬
cher mensch alsdenn zum ersten darüber
trette, der muste verlamen 53 ). Eine
andere Hexe bekennt 1575: jr bul habe
sie gelert, sie solte haar nemen von todten
schelmen, dergleichen auch todten bein
oder schelmen bein, dieselbig verklopfen,
eine salben darauss machen und den
leuten damit vergeben; wann sie ge¬
hässige leut hett, solt sie jnen nechst-
berurte salben in jre heuser begraben,
davon sie dann auch schaden bekommen
wurden; sie solt mit solchem die hend be¬
streichen, einem darnach an einen arm
greiffen, alss solt er beschediget sein 54 ).
Ähnlich soll 1617 in Schlesien die Erde,
auf die ein gehängter A. Wasser gelassen
hatte, im Stall vergraben worden sein;
die verzauberte Erde wurde ,,blau wie ein
Tuch“ und stank sehr, daß alles Vieh starb
—- wo sie trocken eingestreut wurde, ver¬
dorrte das Vieh, wo sie aber benetzt
wurde, wurde jenes immer fetter, bis es
tot hinfiel 55 ). Über eine Verwendung des
A.kopfs im Strafzauber gegen Diebe
s. Dieb § 5 e 2, 225. Auch im Hexen¬
zwingzauber benötigt man etwas von der
Hirnschale eines A.s 56 ). Der greulichste
Schadenzauber wird aber mit der zum
Diebslicht mißbrauchten A.hand oder
Galgenhand verübt, s. Dieb § 6 a.
Auch die Haut von H. schnitt man
früher in Riemen, trug sie als Amulett
(1769) oder legte sie Kreißenden zur Er¬
leichterung um 57 ). Solche Riemen aus
Menschenleder verkauften die Apotheken
zu Dresden 1652 und zu Leipzig 1669
für drei Taler das Stück 58 ). Es über¬
rascht daher nicht, wenn wir zufällig er¬
fahren, daß einmal der Leobner Freimann
Ende des 17. Jhs. um die Haut eines H.
bat 59 ). Man verfertigte daraus auchWolfs-
gürtel, s. d., hängen § 5 a Anm. 151.
Zu allem gut ist A.f e t t , das sogar
überall einst in den Apotheken zu haben
war — noch 1761 erscheint Menschenfett
in der offiziellen Dresdener Medizinal¬
taxe m ), — und zuweilen noch heute ver¬
langt werden soll (Franken) 61 ), da eben
4 7
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
48
A.schmalz jede Krankheit heilt (Wutach¬
tal) 62 ). Es ist früher wirklich verwendet
worden, wie zwei Beispiele beweisen
mögen, ein Zeugnis aus dem Jahre 1568,
daß einer sich vom Nachrichter Men¬
schenschmer verschafft habe, um seine
Bienenbruten damit zu schmieren und so
viele Bienen anzulocken 63 ), und die 1613
dem Egerer Freimann von seinem Stadt¬
rat erteilte Erlaubnis, das Fett von Ge¬
hängten abzichen zu dürfen, „weil davon
vielenMenschen Hülff geschehen kann“ 64 ).
So gebraucht man A.fett gegen Bruch¬
schaden 65 ) und gegen Fallsucht 66 ). Auch
wenn man einen Diebssegen sprechen
will, muß man die Schuhe mit A.schmalz
geschmiert haben 67 ), ebenso wichtig ist
dieses im Strafzauber gegen Diebe, s. Dieb
§ 5 d 2, 221.
Am höchsten wird aber das Blut
eines H. geschätzt, gerade wie einst das
Blut des Opfertieres 68 ). Da das Blut
(s. d.) in der Regel als Träger der
Lebenskraft angesehen wird, über¬
rascht es nicht, wenn es zunächst als
Heilmittel eine hervorragende
Rolle spielt. Man empfiehlt natürlich
nicht nur das Blut von H., sondern ebenso
das anderer gewaltsam Verstorbener,
doch frisches A.b 1 u t gilt vor allem
als wirksam, vorzüglich als Helfer
gegen Fallsucht 69 ). Hier ver¬
einigen sich besonders deutlich der Glaube
an die heilende fremde Lebenskraft und
die Vorstellung von der beglückenden
Teilnahme am Opferkult durch Trinken
des Opferblutes, wobei für uns diese An¬
schauung später gegenüber jener zurück¬
getreten ist, nachdem sie die Bevor¬
zugung des A.blutes für immer begründet
hat.
Gegen die Fallsucht tranken schon die
Römer vom Blut gefallener Gladia¬
toren ro ), sie fingen aber auch auf den
Richtplätzen das Blut enthaupteter Ver¬
brecher in Schalen auf, um es zu trinken 71 ).
Die Zimmernsche Chronik weiß vom Be¬
ginn des 16. Jhs. zu berichten, daß ein
Landfahrer eines Enthaupteten Leib er¬
faßt, ,,wie der noch nit gefallen, und
supft das Blut von ihfti, und wie man
sagt, ist er der hinfallenden Siechtagen
davon genesen“ 72 ). Dieser Glaube ist
bis heute in großen Teilen Deutschlands
erhalten 69 ). Erst im 18. Jh. hat ihn die
Wissenschaft fallen lassen, Zedier ver¬
merkt immerhin noch: einige rathen das
Blut von einem Decollirten zu trincken 73 ).
Wir haben zahlreiche Fälle belegt, wo der
Henker Fallsüchtigen sogleich nach
der Enthauptung Gläser rau¬
chenden Blutes zum Trin¬
ken gereicht, oft teuer verkauft
hat; gewöhnlich wird berichtet, daß man
nach diesem Trunk mit dem Kranken in
wilder Flucht davonläuft oder ihn gar
mit Peitschenhieben wegtreibt, von zwei
Reitern fortreißen läßt, bis er ohnmächtig
zu Boden sinkt, eine richtige Gewalt¬
kur zur Auffrischung der kranken Le¬
bensgeister 74 ). Derartige Heilverfahren
sind uns auch aus neuerer Zeit glaubhaft
überliefert: noch mit offizieller Geneh¬
migung 1755 in Dresden 75 ), ferner 1812
bei einer Hg. zu Neustadt im hessischen
Odenwald 76 ), 1823 in Schneeberg bei
Zwickau 75 ), im gleichen Jahr auch in
Dänemark 77 ), 1829 in Reutlingen 78 ),
1844 im Oldenburgischen und 1859 in
Göttingen 75 ), ja noch später in Hanau
(1861), Marburg (1865), Kassel 79 ) und
Dresden 80 ). Noch 1862 erhielt daher ein
an Fallsucht leidendes Weib in einem
Armenhaus in Appenzell vom Vorstand
die Erlaubnis, zu einer Hg. zu reisen und
dieses Heilmittel zu versuchen, wobei ihr
geraten wird, drei Schluck unter Anru¬
fung der drei höchsten Namen warm
hinunterzutrinken 81 ). Solch offizielle Er¬
laubnis verwundert nicht, wenn wir neben
den obigen Nachrichten auch in einem
1842 erschienenen sympathetischen Bu¬
che diese Kur noch als etwas Selbst¬
verständliches angeführt finden 82 ). Daß
der Glaube auch heute nicht ausgestorben
ist, beweisen neuere Vorkommnisse in
Freiberg und Braunschweig 83 ). Die Vor¬
schrift, das Blut zu trinken, ist oft ver¬
gessen, und es heißt dann, das Blut
heile die Krankheit auch, wenn man es
in einem Schnupftuch auf¬
gefangen bei sich trägt 84 ). Um 1850
benetzten daher die Leute in Wolfen¬
büttel Tücher mit dem Blut eines H., um
49
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
50
diese Fallsüchtigen zu geben 85 ), ebenso
1859 bei einer Hg. in Göttingen 75 ); 1864
tauchten in Berlin die Scharfrichter¬
gehilfen eine Menge weißer Schnupf¬
tücher in das Blut zweier Mörder und
verkauften jedes für 2 Taler 86 ). In den
unteren Schichten der Mainzer Bevölke¬
rung glaubte man zur Zeit des Bischofs
Ketteier fest daran, daß dieser ein Mittel
gegen Fallsucht besitze, das aus dem
Blut eines H. hergestellt sei 87 ). Dieser
Glaube an das A.blut ist natürlich auch
außerhalb Deutschlands weit verbrei¬
tet 88 ); den Gebrauch von Herz, Leber,
Galle und Blut h. Verbrecher findet man
z. B. auch heute noch in China 89 ). Nur
vereinzelt tritt als Mittel gegen Fallsucht
an Stelle von A.blut der A.strick, der
Strick des Selbstmörders 90 ), vgl. Galgen
§ 4 b. Seltener spricht man bei uns dem
A. b I u t Heilkraft für andere
Krankheiten zu 91 ), so soll das
Essen von in A.blut getauchtem Brot die
Gicht vertreiben 92 ). Es fehlt selbst die
Übung nicht, das Vieh gegen Krankheit
damit zu bestreichen 93 ). Auch als ein
Zaubermittel, mittelst dessen zu binden
und zu lösen ist, erscheint A.blut 94 ). So
sind Blutstropfen H. überhaupt
stets als segenbringend erstrebt
gewesen 90 ). Man schreibt ihnen wie den
Diebsdaumen besonders in ostdeutschem
und slawischem Gebiet die Zauberkraft
zu, zwischen Getränke oder Eßwaren ge¬
legt, Käufer anzuziehen, weshalb früher
nach einer Hg. gierig der blutbefleckte
Sand aufgegriffen worden ist 96 ). Aber
auch in Baden benützte man „A.-
t ü c h 1 e i n“ (weiße Tüchlein, in die A.¬
blut aufgefangen worden), man trug sie
bei sich als Mittel gegen den Einfluß böser
Geister, man legte sie in die Frucht¬
truhen, um die Frucht zu bewahren, man
schob sie unter das Kopfkissen der Ster¬
benden zur Erleichterung des Todes¬
kampfes, man versuchte damit den Blut¬
fluß der Frauen zu stillen oder gar sich
die Zuneigung oder Treue einer geliebten
Person zu erwerben, indem man das A.-
tuch in ein Getränk eintauchte, das man
dann jener anbot 97 ). Vierblättriger Klee,
der unter dem Galgen mit dem Bluteines
H. befeuchtet worden, ist von besonderer
Stärke gegen Hexenkünste 98 ). So sind
alle A.dinge „erprobte Mittel“ 99 ), für
die zuweilen nur die Einschränkung ge¬
macht wird, daß ihre wunderbare Kraft
bloß bis ins dritte Glied reiche 10 °).
Die Zauberkraft der H. geht auch auf
ihre Kleidung über 101 ), vgl. hängen
§ 5 b. Es ist eine spätere christliche Ein¬
schränkung, wenn die Slowenen glauben,
die Kleider der H. hülfen gegen allerlei
Übel nur dann, wenn jene bußfertig ge¬
storben seien — eine typische Verchrist-
lichung des altheidnischen Sühnegedan¬
kens 102 ). Wie A.finger und A.blut bringen
auch Fetzen eines A.kleidcs Glück im
Handel 103 ). Ein Schuster wischt daher
seine Stiefel 104 ), ein Hafner sein Geschirr
mit einem solchen „A.fleckl“ 105 ), ja so¬
gar vor dem Buttern reibt man den
Rührstecken damit ab 106 ). Ferner schüt¬
zen A.lappen ebensogut wie A.finger
Haus, Mensch und Vieh vor Hexerei lü7 ).
Wenn man solche Lappen Pferden an¬
hängt, werden sie gleich blank 108 ), und
das Vieh wird satt (fett), wenn man es
(täglich) mit einem A.lappen putzt, über
den Rücken streicht 109 ) oder wenigstens
mit einem A.lappen die Krippe aus¬
wischt no ).
Es sind naturgemäß zuvörderst die
Scharfrichter gewesen, die früher im Be¬
sitz all dieser trefflichen Mittel ihre
Künste übten, und dies mitunter auch
noch in einer Zeit, wo sie selbst nicht mehr
an ihre Mittel glaubten 311 ). Sie waren
daher immer sehr erpicht auf den offi¬
ziellen Zuspruch von allem, was der De¬
linquent „um- und anhat“, dies bildete
einen Teil ihres Lohnes, mit dem sie
wuchern konnten 112 ) im Verein mit Ab¬
deckern, Wasenmeistern, Schäfern und
Hirten ll3 ). Heute sind alle diese Glücks¬
spender mit der verminderten Gelegen¬
heit seltener geworden, doch noch immer
nicht ganz vergessen, wie mancher
Scharfrichter bezeugen kann 114 ).
19 ) A m i r a Todesstrafen 224 (Literatur);
Schönbach Berthold v. R. 148 f. *°) M-
schlesVk. 21 (1919), 110. 21 ) Staricius
1623, 128. 22 ) Plinius 28, i, 7. 23 ) Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 211 (nach
Troels-Lund Gesundheit) ; vgl. Alemannia
51
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
52
12, 29 (18. Jh.); zum Gebrauch der Päonienwur¬
zel vgl. Zedier 8, 1405. * 4 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 204 = Hovorka u. Krön-
feld 2, 211; Amira Todesstrafen 223.
* 5 ) Köhler Voigtland 418t. 28 ) Bir-
linger Schwaben 2, 508. 27 ) Hmtl. 11, 13.
») Schönwerth 3, 152; vgl. Bolte-
P o 1 i v k a 3, 480. 29 ) Schönwerth 3,
204; SAVk. 19, 227; Kühnau Sagen 3,
420 f. 30 ) Staricius 1623, 104 f.; Drechs¬
ler 2, 241 (Beleg von 1667); Becker Be¬
zauberte Welt (1693) = Kronfeld Krieg
87; Albertus Magnus 4. Teil 49 Nr.
172; Lammert 84; Schindler Aber¬
glaube 178. 31 ) ZföVk. 6, 123 = Huß Aber¬
glaube 40. 3a ) W. § 188; Urquell 4, 991 Heck¬
scher 362 Anm. 190. 33 ) Keller Grab
d. Aber gl. 3, 172; 5, 445. 34 ) Kuhn u.
Schwartz 460. 35 ) Brandenburgia 1916,
178. 3Ä ) ZfVk. 20, 382 (Dithmarschen); Ur¬
quell 5, 261. 37 ) Drechsler 2, 240; Hell-
wig Aberglaube 72. 38 ) Grimm Myth. 3,
474 Nr. 1065; Drechsler 2, 239; Groh-
m a n n 229; vgl. S t o r m Im Brauerhause.
39 ) Strack Blut 46; Hovorka u. Kron¬
feld 1, 86 f.; Amira Todesstrafen 223;
Frischbier Hexenspr. 106; Drechs¬
ler 2,241; Helm Religgcsch. 1,167; Keller
Grab i, 85 f.; B ö c k e 1 Volkslieder 31
Anm. 1; s. weitere Belege unter Diebsdaumen!
Baumgarten Aus der Heimat 2, 96.
4l ) V o g e s Braunschweig 74. 42 ) S c h ö n -
werth 3, 204. 43 ) Drechsler 2, 241.
44 ) ZföVk. 6, 119 = Huß Aberglaube 17 —
John Westböhmen 285; Frischbier 106;
Hovorka u. Kronfeld 1, 86 f.
45 ) Schönwerth 3, 205. 4ti ) Lütolf
Sagen 234. 47 ) MschlesVk. 27 (1926), 146.
te ) Strack Blut 43 = Hovorka u.
Kronfeld 1, 87. 4fi ) Seyfarth Sachsen
287. *°) D e r s. 286; Hell wig Aberglaube
65 ff. 61 ) W. § 188. 52 ) Baumgarten
Jahr u. s. Tage 6; Ders. Heimat 1869, 139
(2, 96). 53 ) ZfdMyth. 2, 71. 54 ) Ebd. 2, 69.
Sä ) Drechsler 2, 260. 58 ) Geistl. Schild
155 = Schramek Böhmerwald 265.
57 ) Seyfarth Sachsen 286 = Amira
Todesstrafen 224. M ) M a r s h a 11 Arznei-
kästlein 31 = Seyfarth a. a. O. 59 ) Jb-
histVk. 1, 92. w ) Marshall a. a. O. 1 r
= Seyfarth a. a. O. 61 ) W. § 190 —
Löwenstimm A bergl. 108 = Amira
a. a. O.; L i p p e r t Christentum 464. C2 ) Hmtl.
11, 135. M ) Drechsler 2, 242; vgl. Bl-
PommVk. 2, 26(1708). 44 ) John Westböhmen
284. #5 ) Lammert 257. 8e ) Ebd. 271.
* 7 ) Schramek a. a. O. 267. M ) Amira
Todesstrafen 224 (Literatur!). 89 ) Strack
Blut 43 ii.; Hovorka u. Kronfeld 1,
85 ff. (1, 87: Zusammenhang zwischen der fal¬
lenden Sucht und dem fallenden Kopfe des H.);
2, 216 f.; Höhn Volksheilkunde 1, 131;
H ö f 1 e r Volksmedizin 1893, 216; Ders. Or¬
ganotherapie 50: Belege für den agerm. Brauch,
Gefangene den Göttern zu opfern und deren
Blut aus ihren Schädeln zu trinken (Literatur);
ZföVk. 12, 75 ff.; Lammert 271; ZfVk.
8, 400 (Bayern); Schönwerth 3, 205;
BIBayVk. 11, 29. 31; Schmitt Hettingen
17. 70 ) P 1 i n i u s 28, 1, 4; 28, 4, 43. 7l ) Are-
taeus Cappadox De curatione morbo-
rum ic. 4; Hovorka u. Kronfeld 1,
85. 72 ) 2, 494 = Waibei u. Flamm 1,
208. 73 ) Zedier 8, 1405 (mit Verweis auf
Breslauer Sammlungen anno 1721
mens. Jun. dass. IV. artic. 17 p. 644); noch
Hufeland empfahl frisches Tierblut gegen Epi¬
lepsie, s. Blut 1, 1437. 74 ) Grimm Myth.
3, 473 Nr. 1080; Keller Grab 3, 172. 174;
Strac ker j an 1, 109; Strack Blut
43 = Hovorka u. Kronfeld 1, 85 f.
7i ) Strack a. a. O. = Hovorka u.
Kronfeld 1, 86. 76 ) O. Beneke Von
unehrlichen Leuten 1889, 142 = SAVk. 4,
4; S, 314; vgl. Wolf Beiträge 1, 223. 77 ) An¬
dersen Märchen meines Lebens c. 3 =
Hnvnrka u. Kronfeld 1. 8=;: 2. 2l6f.
78 ) Höhn Volksheilkunde 1, 131 = Pfister
Schwaben 42. 79 ) HessBl. 24, 61 f.; W. § 190.
80 ) Hovorka u. Kronfeld r, 83 (nach
Busch Volksglaube). 8l ) Aargauer Nach¬
richten 26. Juli 1862 = Hovorka u.
Kronfeld 1, 86; 2, 217. 82 ) Most Sym¬
pathie 150. 83 ) H e 11 w i g Ritualmord 120 ff.
84 ) Engelien u. Lahn 266 = Drechs-
1 e r 2, 306. 8ä ) A n d r e e Braunschweig 422 f.
88 ) W. § 190; Hell wig Aberglaube 67 f.
8: ) Abt Apuleius 199. M ) Strack Blut
43 ff.; Hovorka u. Kronfeld i, 85;
2, 217; Urquell 3, 4 (Skandinavien); 4, 99
(Siebenbürgen); Löwenstimm Aber gl.
144 f. M ) Strack 46; He 11 wig Aber¬
glaube 67; Frazer 8, 155. 93 ) Fogei
Pennsylvania 292 Nr. 1548. 91 ) BIPommVk. 1,
63. 84; Strackerj an 2, 180; Voges
Braunschweig 74; Heckscher 134; SAVk.
4, 3 f. ; Lütolf Sagen 234; A. Keller
Der Scharfrichter 1921, 229; Scharfrichter
Joseph Längs Erinnerungen hrsg. von
O. Schalk 1920, 84. 92 ) W. § 1S9 (Franken).
93 ) Schönwerth 3, 204. 94 ) Frischbier
Hexenspr. 24. 93 ) Hovorka u. Kron¬
feld 1, 87; ZfrwVk. 1908, 271; 19^4.
163; Urquell 3, 210 (Berg); W. §§ 189 f.
636 f. 96 ) Toeppen Masuren 107; Frisch-
bier 106; Jahn Pommern 350 Nr. 440;
Strack Blut 45; ZföVk. 6, 120 =
Huß Aberglaube 20; Urquell 3, 50 f. (Po¬
len); A n d r e e Anthropophagie 10 f.
97 ) Hmtl. 2,18. *>) S e 1 i g m a n n Blick 2,
69; vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 484.
") Keller Grab 3, 179; John Westböh¬
men 264. 284; Drechsler 2, 240; W.
§ 188. 10 °) Strack Blut 45. i01 ) Keller
Grab 3, 179. 102 ) ZföVk. 4, 151. 103 ) Baum-
garten Jahr 6; Ders. Heimat 1869, 138
(2, 95). 104 ) Schönwerth 3, 204.
105 ) Baumgarten a. a. O. 106 ) Schön¬
werth 1, 337. 107 ) ZfdMyth. 1, 200 (Harz)
= Seligmann Blick 2, 220; ZföVk. 6,
53
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
54
X23 = Huß Aberglaube 40. 108 ) ZfdMyth. 1,
200. I09 ) Keller Grab 1, 87 f.; ZfrwVk. 1914,
163 (Beleg von 1789); Curtze Waldeck 421
= HessBl. 24, 60; Bartsch Mecklenburg 2,
154. 447; Birlinger Schwaben 1, 399;
Eberhardt Landwirtschaft 15; Schön¬
werth 1, 319; 3, 204; ZföVk. 6, 119 = Huß
Aberglaube 19; Baumgarten a. a. O.;
Haltrich Siebenbürger Sachsen 279.
X1 °) Drechsler 2, 241. l11 ) Belege s.
Angst mann Henker 94; Voges Braun¬
schweig 74; W. § 190. 112 ) Angstmann
a. a. O.; Lip pert Christentum 463 f.; Jb-
histVk. 1, 92. 113 ) ZföVk. 6, 120 (Huß).
m ) Z. B. Längs Erinnerungen 81 ff.; jüngste
Beispiele s. MschlesVk. 29 (1928), 425.
3. Allezeit und überall haftet den
Richtstellen ein gewisses Grauen an, eine
Angst, die deutlich durch die Vorstellung
hervorgerufen wird, die H. gingen dort um
und könnten den Lebenden Böses zu¬
fügen. Denn man traut den gewalt¬
sam ums Leben Gekommenen 115 ), den
entarteten H. 116 ) am ehesten ein zwei¬
tes Spuk-Leben zu, und man
fürchtet sich vor ihrer Rache 117 ), der
u. a. wohl auch das Henkersmahl (s. d.)
Vorbeugen helfen soll. Zahlreich sind da¬
her die Sagen von geisternden H.,
die sich an den Richtplätzen klagend oder
leuchtend zeigen, mit Vorliebe in der
Geisterstunde und in stürmischen Näch¬
ten, vgl. Galgen § 3, hängen § 4 b, ent¬
haupten § I b, Wiedergänger.
So hört man von einer alten Galgen¬
stelle zu gewissen Abenden um Mitter¬
nacht leises Wimmern von einem dort h.
Verbrecher 118 ). Ein anderer H., dessen
Leiche in Stücke gehauen und verschieden
begraben worden, geht in der Geister¬
stunde um, seine Körperteile zusammen¬
zusuchen 119 ) . Die Geister der H. sind so
nachts auf den einstigen Richtplätzen
auch zu sehen, meistens mit dem Kopf
unterm Arm 12 °) oder mit einem roten
Ring um den Hals 121 ). Denn die Ver¬
stümmelung nimmt der H. mit in sein
zweites Leben 122 ), vgl. kopflos. Man kann
die Gespenster mit ihren eigenen Köpfen
kegeln sehen 123 ), und sie versetzen ab¬
sichtlich oder unabsichtlich den späten
Wanderer in schwere Angst 124 ). Sie
greifen sogar mitunter an ihrem Richt-
und Grabplatz Vorübergehende schlimm
an, so daß mancher sein Leben lassen
muß 125 ). Wenn man aber für ihre
„schamroten Seelen“ betet, können sie
sich sehr wohl als dankbare Helfer er¬
weisen 126 ). Vor einer neuen Exekution
zeigen sich die Schatten der früher H.
besonders gerne, wie allgemein die Seelen
früher Verstorbener erscheinen, wenn
einer sterben soll 127 ); vgl. das „Galgen-
weible“, Galgen § 3 Anm. 19. Eine nahe¬
liegende Sage läßt dagegen die Geister ei¬
ner Ermordeten dem Mörder seine Hg. im
voraus anzeigen 128 ).
Das zweite spukhafte Le¬
ben der H. ist also ebenso an den
Todes- und Begräbnisplatz
gebunden wie das Umgehen der
Selbstmörder (s. d., hängen § 4 b). Außer¬
dem bleiben aber, wo eine Hg. statt¬
gefunden hat oder eine Richtstelle, ein
Galgen gewesen ist, auch dem Boden
unauslöschliche Merkmale eingeprägt:
es wächst kein Gras 129 ), die Löcher für
den Galgen können nicht eingeebnet
werden 13 °). In Deutschland finden sich
jedoch diese und andere wunderliche
Zeichen fast nur als Zeugen einer un¬
gerechten Hg., s. Gottesurteil § 14.
Der Ort der Hg. ist deswegen seit alters
auch zum Begräbnisplatz der H. gewor¬
den, weil die Furcht vor ihrem ge¬
fährlichen Umgang im Verein mit
der steigenden Verachtung des zum aus¬
gestoßenen Sünder gewordenen Opfers
dazu geführt hat, daß man die H. nicht
ehrlich unter ehrlichen Leuten auf dem
geweihten Friedhof, sondern an der ge¬
bannten Richtstätte, dem „Schindanger“
bestatten wollte l31 ), ja überhaupt nicht
im Gemeindebereich duldete, vgl. hängen
§ 4 b, Begräbnis 1, 993. Denn das Be¬
gräbnis eines H. bringt (wie die Bestat¬
tung eines Selbstmörders !)- f Hagel über
die Felder der Gemeinde 132 ). Um nun den
H. ihr trotz aller Vorsicht gefährliches
Dasein als Wiedergänger oder gar als nicht
verwesende Vampire (Nachzehrer) zu neh¬
men, hat man sie noch im 17. Jh. ver¬
brannt und dadurch ihrem Wesen mit
der völligen Vernichtung des Leibes auch
den zweiten Tod zu bereiten geglaubt l33 ).
Auch eine Reihe anderer, bei den Ger¬
manen besonders lange erhaltener Vor-
55
Hingerichteter, Armsünder, Hinrichtung
56
kehrungen sind durchaus als Abwehr¬
maßnahmen aufzufassen, so, über
das Verbannen der Leiche an einen ab¬
gelegenen Platz hinausgehend, der
Brauch, dem Verbrecher die Augen zu
verhüllen, dem Geköpften das Haupt
zwischen die Beine zu legen oder ihn mit
Dornen zu bedecken, bzw. zu durch¬
pfählen 134 ); vgl. Begräbnis 1,987; ent¬
haupten § 2 c, pfählen.
Eine Gruppe von Sagen läßt den so¬
eben h. Körper durch die Willens¬
kraft des H. noch eine kurze Weile im
eigentlichen Sinne belebt sein, um noch
eine bestimmte Handlung auszuführen.
Es kann nicht nur ein geschickter Scharf¬
richter den Enthaupteten einige Schritte
weit führen — vgl. enthaupten § I b —
der H. vermag auch selbst noch eine be¬
stimmte Strecke im Lauf zurückzulegen,
sei es um seine Mitschuldigen freizu¬
lösen l35 ) oder um seinen Hinterbliebenen
das Land, das er ohne Haupt zu durch¬
laufen imstande wäre, zu gewinnen 136 ),
oder um seine Unschuld darzutun 137 ).
Aus mittelalterlicher Zeit her lassen Sage
und Volkslied unschuldig Verurteilte und
Gehängte durch Hilfe eines Heiligen
wunderbar am Leben bleiben, z. B. einen
Jakobspilger 138 ). Denn man glaubte, der
Körper eines unschuldig H. könne
nicht aufhören zu leben, zu
bluten l39 ), s. w. Unschuldzei¬
chen, Gottesurteil §14.
Wie drastisch-sinnlich und wenig sche¬
menhaft man sich aber auch das zweite
Leben der H. vorgestellt hat, zeigen die
verbreiteten Erzählungen von dem auf
eine übermütige Einladung hin leibhaftig
sich einfindenden Gast vom Gal¬
gen — in der Zimmernschen Chronik
sind es sogar drei dürre Brüder — und
von dem gehenkten Toten, der zürnend
um Mitternacht auftaucht, um ihm ge¬
raubtes Eingeweide, gewöhnlich Leber
oder Lunge, zurückzuverlangen, s. hängen
§ 4 b Anm. 116—118. Daß ein gehängter
Dieb seine ihm von einem Stendaler
Branntweinbrenner zu Zauberzwecken
gestohlene Hirnschale nachts zurück¬
fordert, berichtet schon Remigius in
seiner 1693 erschienenen Daemonolatria,
ebenso begehrt nach des Francisci Hölli¬
schem Proteus (1695) ein vom Anatom
sezierter Verbrecher seine Haut beim
Gerber wieder 140 ). Kein Wunder, daß
man unterm Galgen soll das Fürchten
lernen können, vgl. Grimms Märchen 141 ).
Auch die alte, stark religiös gefärbte
Rechtsgewohnheit, eine Hg. an der
Leiche eines seiner Strafe entgange¬
nen Verbrechers oder eines Selbstmörders
zu vollziehen, ist nur ermöglicht durch
den Glauben an den lebenden Leichnam,
an die sinnliche Fortdauer der Persön¬
lichkeit auch im „toten“ Körper, aus
welcher Vorstellung sich einst sogar noch
in christlicher Zeit geradezu ein Recht
der Toten entwickelt zeigt 142 ), vgl. Recht,
Toter. Daher gräbt man z. B. im 13. Jh.
in Antwerpen nach vier Jahren die
Leiche eines Ketzers wieder aus, um sie
durch Verbrennung zu richten 143 ) —
nicht nur ein symbolischer Akt, wie wir
heute zu deuten geneigt sein möchten!
An gang: Als verhängnisvoll wurde
früher der Angang eines zur Richtstätte
geführten A.s aufgefaßt; wenn eine
Schwangere ihm begegnete oder gar
nachfolgte, ja nur seinen Weg kreuzte,
mußte ihr Kind des gleichen Todes
sterben 144 ).
115 ) Vgl. NdZfVk. 5, 232 ff.; 6, 133; Nau¬
mann Gemeinschaftskultur 34 f. 116 ) A m i r a
Todesstrafen 66 f. 117 ) Vorbeugungsmaßnah¬
men gegen die Geister der H. werden daher
z. B. auch in Afrika und China getroffen,
Frazer 3, 171 f. 180 f.; vgl. Roh de
Psyche 1, 277. 118 ) Lütolf Sagen 174 f.;
NdZfVk. 5, 234; S e b i 11 o t Folk-Lore 4, 210.
lia ) Eckart Südhannover. Sagen 10.
120 ) Bohnenberger 7 (97); K ü h n a u
Sagen 1, 59. 121 ) Meie he Sagen 187. m ) Nd¬
ZfVk. 5, 234 ff. 123 ) Mackensen Nds.
Sagen 17 f. 124 ) Schell Belgische Sagen 96.
125 j Heckscher 82; MschlesVk. 21 (1919),
137 f. 12e ) L ü t o 1 f Sagen 146 f.; vgl. Bolte-
Polivka 3, 513 (der dankbare Tote); in
außerdeutschen Gebieten findet sich sogar hier
und dort geradezu ein gewisser Kult der H.,
vgl. Reinsberg-Düringsfeld Eth¬
nograph. Curiositäten 2 {1879), 26; FL. 21, 168;
Pi t r e Proverhi motti e scongiuri sicil. (1910),
416; Trede Das Heidentum in der römischen
Kirche 3 (1890), 31 ff. (Gehenkte als Schutz¬
geister in Sizilien); man bittet aber auch in
Franken zum Tod Verurteilte um ihre beson¬
ders wirksame Fürsprache im Himmel, W.
§190. 127 ) ZfVk. 15, 4; vgl. Goethes Faust
57
hinken
58
1» 4399 ff. (Szene am Rabenstein). 128 ) Bl-
PommVk. io, 149. 129 ) A m i r a Todesstrafen
230; Sebillot Folk-Lore 1, 197t.; 4, 210.
lS0 ) Bohnenberger 7 (97). 131 ) A m i r a
a. a. O. 130; D e r s. Grundriß 238; Brun¬
ner Rechtsgesch . 2 1, 247; Klapper Er¬
zählungen Nr. 67; SAVk. 26, 161. 132 ) Ale¬
mannia 10, 12 (18. Jh). 133 ) NdZfVk. 6, 25.
134 ) Amira Todesstrafen 131. 203. 213;
SAVk. 26, 162; Sch wenn Menschenopfer
28 ff. 135 ) Angst mann Henker 108 Anm. 2.
13< ) Waibel u. Flamm 2, 288 f.; Ur¬
quell 4, 253 = K ü h n a u Sagen 1, 16.
l37 ) Kühnau a. a. O. r, 13; Rochholz
Sagen 2, 128. 138 ) Böckel Volkslieder
8 ff. Nr. 2; SAVk. 2, 223 ff.; es ist auch
schon griech. Glaube gewesen, daß den unschul¬
dig H. ein Wunder rette, R o h d e Griech .
Roman 392 Anm. l39 ) Böckel a. a. O.;
Chroniken der deutschen Städte 14, 737 (Köln
1400); Stretlinger Chronik (hrsg. von J. B äch¬
told) 54; Wolf Niederl. Sagen 253;
M e i c h e Sagen 639; K r u s p e Erfurt 2,
12; Alemannia 8, 277; Birlinger Schwaben
1, 47; Lütolf Sagen 368; Germania 10,
447; B o 11 e - P o 1 i v k a 1, 25; Gering
Aeventyri 2, 172. 140 ) Bolte-Polivka 3,
480 (slaw. Parallelen); Schön werth Ober¬
pfalz 3, 152; Grässe Preußen 1, 173.
l41 ) Bolte-Polivka r, 22 ff. l42 ) H.
Schreuer Das Recht der Toten in ZfvglRw.
33 » 333 ff- 3541 34 » 1 ff -1 Roh de Psyche 1,
21 7. 322 ff. ; ZfKg. 7, 52 ff. ; Amira Grund¬
riß 241; Schröder Rechtsgeschichte 6 838
Anm. 28 b. l43 ) ZfvglRw. 33, 420. 144 ) Grimm
Myth 3, 449 Nr. 465 (Rockenphilosophie);
Keller Grab d. Abergl. 5, 297.
4. Die H g.s s p i e 1 e , die unter den
Frühlingsbräuchen, in der Re¬
gel den Pfingstbräuchen, aber
auch bei den Erntefesten (Kirch¬
weih) der meisten deutschen Land¬
schaften, vor allem in Süddeutschland
vom Rhein bis Siebenbürgen begegnen,
sind nicht als spielerische Nachahmungen
eines öffentlichen, schauerlich-reizvollen
Aktes der Rechtsprechung entstan¬
den, sondern sie enthüllen sich bei
näherem Zusehen als in das Spiel der
Jugend gesunkene Überbleibsel
alten Regen- und Frucht¬
barkeitszaubers 145 ). Die feierliche
Tötung (Verwandlung!) des Wachs¬
tumsgeistes durch Enthaupten
bzw. die Wassertauche oder das Ver¬
brennen ist in christlicher Zeit allmählich
zum sinnlosen Hg.sspiel geworden, in
dem die alten kultischen Formen nun
durch scherzhafte Nachahmungen des
Rechtslebens, gewöhnlich in seiner Ge¬
stalt im 18. Jh., ersetzt sind. Denn hier¬
bei fehlt im allgemeinen weder ein nach
• •
bestimmter Überlieferung sich abwickeln¬
der Prozeß noch der Henker, der das
Todesurteil spricht und vollzieht und so
dem Pfingstdreck einen falschen Kopf
abschlägt, einen Frosch enthauptet, die
Fastnacht köpft u. dgl. m. 146 ). Solches
Hg.sspiel findet sich auch mit einem
Burschenschaftsfest verbunden, dem lu¬
xemburgischen Amecht (s. d.) am Kir¬
mestage, hier haben sich Zauberreste des
alten Erntefestes in den spielerisch auf¬
genommenen Formen eines späteren
Rügegerichts bis ins 19. Jh. erhalten 147 ).
Auch das Gericht der Burschen über die
Dorfmädchen ist da und dort ganz zum
Scharfrichterspiel geworden 148 ), vgl. Ge¬
richt. S. w. enthaupten § 2 a, hängen II
(Henkengehen), Pfingstbutz, Pfingstl
u. a. m., Regenzauber, Vegetation, Fast¬
nacht, Todaustragen.
145 ) Mannhardt 1, 321 ff. 343. 353 ff.
386. 514; Gesemann Regenzauber 70 f.;
Amira Todesstrafen 212; Frazer 4,
207 ff. 227 ff. l46 ) M a n n h a r d t a. a. O.;
Meyer Baden 140 ff. 158; Meier Sagen
371. 409 ff.; Birlinger Schwaben 2, 98 ff.;
Ders. Volksth. 2, 100 ff.; Fischer Schwäb-
Wb. 5,703; Panzer Beitrag 1, 236; 2, 444;
Reinsberg Böhmen 231 ff. 253 ff. 262 ff.
269 ff.; Lehmann Sudetendeutsche 146.
150; Schullerus Siebenbürgen 142 f.;
F. A. Reimann Deutsche Volksfeste im
19. Jh. 17 f.; Angstmann Henker
103 f.; Sartori Sitte u. Brauch 3, 198. 203.
20S. l47 ) Zur Lit. unter „Amecht“ vgl. Use-
ner Vorträge u. Aufsätze 1907, 149 ff. 153
— Angst mann 82. 104. l4s ) Lehmann
a. a. O. 146; Mannhardt 1,355; Hof f-
mann-Krayer 61.
A. g 1 0 c k e s. Wahrzeichen.
Müller-Bergström.
hinken.
Von den Namen des Teufels, die sich
auf seine äußere Gestalt beziehen, ist der
h.d e Teufel (Diable boiteux, Hinke¬
bein) einer der bekanntesten: der Teufel
erhielt einen lahmen Fuß beim Sturz aus
dem Himmel, gleich wie der von Zeus
herabgeschleuderte Hephäst 4 ), oder weil
er, mit Schlingen von Bast gefesselt, auf
dem Amboß mit dem Hammer geschlagen
wurde 2 ). Nach dem Glauben der Ober-
59
hi nken
Hinterer
6 2
pfalz hinkt er, weil er einen Bocks- oder
Pferdefuß, manchmal beide zugleich hat 3 ),
nach demjenigen in der Schweiz, weil er
das Felsstück, welches er auf die betende
hl. Verena schleudern wollte, auf seine
eigenen Füße fallen ließ 4 ).
Wie der Teufel, so h. auch seine Tra¬
banten: die Hexen h. oft 5 ); im
Kinderspiel holt eine H.de gleich einer
Hexe ein Kind nach dem andern aus der
Schar zu sich 6 ). Caspar Peucer berichtet
in Übereinstimmung mit Melanchthon,
daß die Werwölfe vornehmlich in den
Zwölften ihr Wesen treiben; ein h.der
Knabe ruft in der Christnacht die Teufels¬
leute zusammen 7 ).
Die Ursache des H.s wird ver¬
schieden angegeben: Als einst böse Buben
den Kochkessel der Zwerge beschmutz¬
ten, riefen die Zwerge den Knaben einen
Fluch nach, so daß sie Zeit ihres Lebens
h. mußten 8 ). Auf einer Pilgerfahrt nach
dem Berge Gargano in die Höhle des
Erzengels Michael berührte ein Engel die
Hüfte Kaiser Heinrichs II., ,,aIso daß er
von jener Stunde an h.d ward, um seiner
Keuschheit willen, weil Gott jene züch¬
tigt, welche er lieb hat“ 9 ).
Das Volk fürchtet den A n g a n g
eines H.den als übles Vorzeichen 10 ): ,,Und
so er (d. h. Johannes Freiherr v. Zim¬
mern) dahin ritt, bekam im ain h.der
Mensch, so wandt er sich wieder umb
und ritt ain andern weg, unangesehen
wie fern derselbig umb wer gewesen“ n ).
Ein Fuchs, ein altes Weib oder ein
h.der Hund, welche dem Jäger über den
Weg laufen, sind diesem Zeichen eines
beutelosen Tages 12 ). Paul Verlaine
glaubte, daß, wenn er morgens einen
H.den träfe, dies ein schlechtes Vor¬
zeichen sei, zwei H.de bedeuteten eine
sichere Katastrophe. Aber zeigte sich ein
dritter, dann war das Unglück bis auf
weiteres beschworen. Hatte er nun zwei
H.de getroffen, so nahm er, der selbst
lahmte, gewöhnlich zu einer List die Zu¬
flucht. Erstellte sich vor den Spiegel einer
Auslage, betrachtete sich selbst als drit¬
ten H.den und hielt damit die Gefahr
bis auf weiteres für abgewendet 13 ).
Ein bezaubertes Schloß kann nur durch
einen schwarzen Hahn, der h.d geboren
wurde, erlöst werden 14 ).
Wenn man einer Ziege ein rotes Tuch
an einen Fuß bindet, so hinkt sie 15 ).
Die vorislamische Religion Arabiens
kannte ein kalendarisches Fest (Hagg),
dessen Riten das Pilgern zum Heiligtum
und den Hink- und Laufschritt rings
um den Tempel erforderten 1B ) (vgl.
oben 3, 441). Beim Ehetanz im Land¬
bezirk Dachau und Bruck hinkt die
Braut. Der Bräutigam beschuldigt sie,
daß sie das Tanzen nicht könne. Der
Hochzeitlader legt sich ins Mittel, sucht
mit einem Lichte und Besen, woher das
H. der Braut komme und kehrt dreimal
die vermeintlichen Hindernisse aus dem
Wege. Endlich bemerkt er, daß im Schuh
der Braut ein Nagel drücken müsse. Die
Braut zieht den linken Schuh ab; darin
ist ein Geldstück, das die Musikan¬
ten bekommen. Ebenso h. auch die
Kranzljungfrauen und sonstige wohl¬
habende Mädchen, welche damit groß tun
wollen. Haben alle gehinkt, wird noch
einmal herumgefegt, dann zur Türe hin¬
aus, und aus ist der Tanz 17 ). Im Kreise
Olmütz in Mähren heißt die letzte Garbe
Zebrak (Bettler); ein altes Weib erhält
sie, das damit auf einem Fuße nach Hause
h. muß 18 ).
Das abwechselnde H. auf dem rechten
und linken Bein soll schon im Altertum
als Mittel gegen die Faszination gegolten
haben lö ).
Gegen das H. half das Anrufen des
hl. Claudius “J, bei Vieh wurden Segen
gesprochen (Verrenkungssegen) 21 ).
l ) Grimm Myth. 2, 829; Pauly-
W i s s o w a 8, 1, 333 ff. 335. 336. *) Grimm
Myth. 2, 844 f. nach Mährische Sagen (Brünn
1817), 69. 72. 123. 3 ) Schön werth 3, 39.
4 ) Kohlrusch Sagen 344 f. Nr. 21 = H e r -
zog Schweizersagen 2, 174 Nr. 158. 5 ) H eyl
Tirol 305 Nr. 122. *) ZfVk. 30—32, 58.
7 ) Sieber Sachsen 205; ZfVk. 30—32, 128.
8 ) Schell Berg. Sagen 283 Nr. 49 = Mon¬
tanus-Waldbrühl Vorzeit 1, 109.
®) Bavaria 3, i, 277. 10 ) Grimm Myth. 2,
942; Meyer A her glaube — Anhorn
Magiologia (1674) 152; ZfVk. 4, 47 f. (mit
antiker Lit.); Stemplinger Abergl. 45.
ll ) Birlinger Schwaben 1, 376. l2 ) Kohl¬
rusch 399. 13 ) Werke (Inseiverlag) 2. Bd.
(Lebensdokumente). 14 ) Müllenhoff
Sagen 331 Nr. 467; Grimm Myth. 3, 192.
,8 ) Hüser Beiträge 2, 28 Nr. 28. 1Ä ) Jere¬
mias Religgesch. 93. l7 ) Hartmann
Dachau und Bruck 219 Nr. 11. 16 ) Mann¬
hardt Forschungen 49 = F r a z e r 7, 232.
284. lö ) Seligmann Blick 2, 288 f. (ohne
Beiege!). 20 ) Oeuvres facetieuses de Noel du
Fail 2 (Paris 1874), 71 = Gerhardt Franz.
Novelle 55. 21 ) Albertus Magnus
Egypt. Geh. 2, 57. Bächtold-Stäubli.
Hinterer (Arsch).
I. Sprichwörtlich heißt es in Bayern:
Die zweite Frau hat einen silbernen H.n,
die dritte Frau ist Königin 1 ). Für hä߬
lich gilt ein zu breiter H., ,,en Arsch
wie-n-e Wanne“ 2 ). Die eine der drei
Spinnerinnen 3 ) hat ein breites Gesäß;
Frau Venus hat im Narrenschiff einen
,,ströwen ars“ 4 ). Der Letzte im Zuge des
Nachtvolkes hatte eine Kochkelle im
H.n stecken 5 ). Eine angehende Hexe
stellt der Teufel beim Hexentanz auf den
Kopf und steckt ihr ein Licht in den
After 6 ). Der dumme Hans trifft mit sei¬
nem Schiff, das zu Wasser und Land
geht, einen Mann, ,,der hatte in seiner
H.thür einen großen Zapfen stecken“;
,,Wenn ich ihn herauszöge“, erklärte er,
„könnte ich ein ganzes Königreich voll¬
machen“ 7 ). Wenn man in Wollbach (Ba¬
den) nachts in den Spiegel schaut, sieht
man dem Teufel in den H.n 8 ). An den
letzten Faschingstagen geht in Böhmen
die Frau Hille um, und wenn in irgend¬
einem Hause nicht abgesponnen ist,
wischt sie sich mit dem Flachse den H.n
ab 9 ). Sächsische Sagen wissen zu erzäh¬
len, wie der Teufel einen Müllerburschen,
der ihn in der Mühle belauschte, auf den
Schleif- (resp. Mühl-) Stein setzte und
ihm dadurch den H.n aufs ärgste ver¬
stümmelte, aber auch, wie dem Teufel
selbst dieses Mißgeschick passierte 10 ).
Die Spur von des Teufels H.n findet sich
heute noch in Externsteinen (s. d.) n ).
J ) Lammert 157. 2 ) Meyer Baden 164
und die verschiedenen Mundart-Wörterbücher.
*) Grimm KuHM. Nr. 14 und Lit. bei
Bolte-Polivka 1, 109 ff.; Wolf Bei¬
träge 2, 224; Mannhardt Germ. Myth.
672 f. 4 ) Meyer Myth. 275.282; Grimm
Myth. 1, 223. 224; 3, 86. 5 ) V o n b u n Beitr.
7 ff. •) Thür. Mitth. VI. 3, 69 == Grimm
Myth. 2, 896. 7 ) Meier Märchen 114!.
Nir. 31. 8 ) Ca. 1890, mündlich. ®) Grohmann
1 Nr. 2. 10 ) Meiche Sagen 443 Nr. 580; 477
Nr. 618; Haupt Lausitz 1, 90 Nr. 97.
n ) Grässe Preußen 1, 734 Nr. 783.
2. Das Zeigen des H.n ist ein
außerordentlich verbreiteter Zauber¬
brauch. Heute zwar wird es meist als ein
Zeichen der Verhöhnung aufgefaßt:
Mitte Mai 1913 haben z. B. mehrere Sol¬
daten und Zivilpersonen auf dem serbi¬
schen Dampfer „Belgrad“, der sich bei
Semendria dem Ufer näherte, die dort
aufgestellte ungarische Wache „durch
Entblößen eines gewissen Körperteils ver¬
höhnt. Die Wache feuerte mehrere Schüsse
ab, durch die der Kapitän des Schiffes
und ein Reisender verletzt wurden“ 12 ).
Nach einer Sage wurde ein Freiburger
Student, der dem hohen Kruzifix bei
der Martinskirche in seiner Trunken¬
heit zum Hohn den bloßen H.n zeigte,
zur Strafe in ein Kalb verwandelt und
spukt seither als ‘Stadttier’ in den Stra¬
ßen 13 ). Herzog Johann von Görlitz be¬
nutzte fliehend eine kurze Rast auf
einem Aussichtspunkt, um der Stadt
„sein Antlitz zu zeigen, aber nicht
sein vorderes, und einen einladenden
Wunsch dazu“ auszusprechen 14 ). Be¬
sonders geläufig finden wir diese Sitte in
Sagen von Belagerungen. Die Weiber von
Fritzlar zeigten, wie die Chronik von
Joh. Rothe erzählt, dem Belagerer Kon-
rad den „blanken Spiegel“ über die
Zinnen herab, und Ähnliches wird vom
bernischen Burgdorf berichtet 16 ). Die
Beispiele ließen sich leicht häufen 16 ):
schon im Altertum galt es als eine schwere
Beleidigung, jemandem die Schamteile
zu zeigen, man mußte sie daher im Ver¬
kehr mit der Gottheit bedecken 17 ).
Ursprünglich ist jedoch das Zeigen des
H.n ein Abwehr brauch 18 ): es schützt
namentlich gegen den bösen Blick 19 ).
Schon der Leipziger Gelehrte Prätorius
erzählte 1669, daß Mütter, um ihre Kin¬
der vor dem Berufen zu schützen, bei
verdächtigen Worten sagen: „Lecke mich
im Arse“ 20 ). Diese berüchtigten Worte
Götz von Berlichingens werden in der
Schadenabwehr häufig gebraucht; man
wiederholt sie möglichst rasch dreimal,
beim zweiten Male mit Inversion, wobei
63
Hinterer
Hinterer
66
das zum Zwecke des Berufens Gelobte
als Objekt genannt wird 21 ). Ist im Nor¬
den das Kind von einer Hure versehen
worden, hat Skrofeln bekommen, so
wird es gesund, wenn man die erste beste
Gelegenheit benutzt, ihr den H.n des
Kindes zu zeigen 22 ). Der „Feullaton“,
ein gefürchteter Wirbelwind in Sal-
van (Wallis), muß einen verschonen, wenn
man ihm den H.n zeigt 23 ). Wenn der
italienische Fischer auf offenem Meere
vom Sturm überrascht wird und einen
erstgeborenen Sohn unter seinen Seeleu¬
ten hat, muß dieser geschwind seine
Hosen fallen lassen und, während seine
Kameraden St. Barbara und St. Franzis¬
kus anrufen, dem Unwetter seinen bloßen
H.n zeigen; der Sturm wird dann gleich
innehalten 24 ). Auch gegen Hagel kann
dieser Zauber benützt werden: Wenn
gar nichts gegen aufziehenden Hagel
hilft, bücken sich die nackten huzulischen
Zauberinnen und zeigen dem Hagel den
bloßen H.n 25 ). 1653 haben um Sorau
herum Bleichweiber eine sechzehnwö¬
chige Dürre verursacht, indem sie jedes¬
mal, wenn eine Regen wolke am Him¬
mel erschien, mit dem bloßen H.n rück¬
wärts gegen sie liefen und dazu sagten:
,,Regne mir in den H.n und nicht auf
meine Leinewand“, worauf die Wolke
verging 26 ). Wie man die Wind- und
Sturmdämonen durch das Zeigen des
H.n vertreibt oder ihre Kraft bricht, so
auch Geister: Der Solothurner Flößer
beehrte den Burggeist von Ober-Gösgen,
der die Flößerknaben hinderte, das Treib¬
holz aus der Aare zu fischen, mit einer
sehr unanständig lautenden Einladung
und veranschaulichte sie, um ganz ver¬
standen zu sein, damit, daß er die Hosen
fallen ließ. Nun konnten die Knaben
landen, der Alte aber trug einen ge¬
schwollenen Kopf davon 27 ). In Däne¬
mark erzählt man sich von einem Manne,
welcher des Nachts von einer unheim¬
lichen brennenden Torfmiete verfolgt
wurde; er ergriff am Ende das letzte Mit¬
tel, kehrte ihr den Bloßen zu, und sie
verschwand augenblicklich 28 ). Zur Ab¬
wehr des Totengeistes setzt man sich in
der Oberpfalz mit dem bloßen H.n auf
das (Leichen-) Bett, von dem eben der
Tote genommen wurde 29 ). Wenn man
dem (Geld-) Drachen die blanke
Scheibe des H.n zukehrt, läßt er etwas
von seinem Gelde fallen, das man sich
dann aneignen kann 30 ). Auch der nor¬
dische Niß wurde aus dem Hof vertrie¬
ben, als die Magd ihren Unterrock
über den Kopf warf und gebückt rück¬
lings in den Stall schritt 31 ). Ebenso
geht der alte Schwank zweifellos auf
ursprüngliche Abwehr des Teufels zu¬
rück: Der Bauer soll dem Teufel ein Tier
zeigen, das er noch nie gesehen. Der
Bauer bestreicht seine nackte Frau mit
Honig, wälzt sie in Flaum, und die Frau
nähert sich dem Teufel rückwärts auf
allen Vieren gehend 32 ).
Schlagen die Kühe beim Melken,
so soll sich die Magd mit dem nackten
H.n auf den Melkschemel setzen, dann
werden die Tiere ruhig stehen (Branden¬
burg) 33 ).
Wie den Drachen hindert man die
Bienen dadurch daran, auszuschwär¬
men, daß man ihnen das Gesäß zeigt 34 )
(vgl. oben I, 1243).
Wenn in Flandern ein Bursche zum
Militär einberufen wird und beim Loszie¬
hen, um vom Militärdienst frei
zu werden, eine hohe Nummer wünscht,
so muß er in eine gewisse Kapelle
(welche?) hineingehen und dem dort be¬
findlichen Heiligenbilde (welcher Hei¬
lige?) den bloßen H.n zeigen; dann er¬
hält er die gewünschte Nummer 35 ).
Vielleicht ist es eine Verstärkung sol¬
chen Abwehrzaubers, wenn man sich
bücken und durch die eigenen Beine hin¬
durchschauen muß; denn ohne dem Ab¬
zuwehrenden den H.n zuzukehren, ist
diese Stellung ja unmöglich 36 ). Etwas
Ähnliches überliefert schon der Papier¬
kodex des 14. oder 15. Jhs. in der Biblio¬
thek zu St. Florian: ,,item an dem sunn-
benttag (Sonnwendtag), so geht aine
ersling (ärschlings, rückwärts) auf allen
viern mit plassem (bloßem) leib zu irs
nachtpahrin tar (Tor), und mit den fuz-
zen steigt sy ersling an dem tar auf, und
mit ainer hand halt sy sich, vnd mit der
andern sneit sy drey span aus dem tar
vnd spricht zu dem ersten span spricht sy
‘ich sneit den ersten span, noch aller mi-
lich wan\ zu den andern auch also, zu
dem dritten spricht sy ‘ich mist den drit¬
ten span, noch aller meiner nappaurinnen
milich wan’, vnd geh ersling auff allen
viern her wider dan haim“ 37 ).
ll ) Basler Nachrichten vom 15. Mai 1913.
13 ) Baader Sagen (1851), 48 Nr. 58.
14 ) Peuckert Sagen 27. I5 ) R o c h h o 1 z
Glaube 2, 317 f.; Germania 31 (1886), 206;
DWb. 1,565 f.; SAVk. 21 (1917), 97 f. 1# ) Vgl.
z. B. ZfVk. 11 (1901), 426; Pitre Usi 2, 372
Anm. 5; 4, 323; Melusine 3,211; Andree
Parallelen 2, 51; Sittl Gebärden 124; Se¬
lig m a n n Blick 2, 206; Visscher Natur¬
völker 2, 274 ff. 17 ) Usener Götternamen
179 f.; Boehm De symbolis Pythagoreis
(1905), 52 f.; F e h r 1 e Keuschheit 38. lft ) Ho-
vorka-Kronfeld 1, 38; 2,130 f. 19 ) Se¬
lig m a n n Blick 2, 275; SAVk. 21 (1917), 98;
AnzschweizAltertumsk. 16 (1914), 63 f.; Jahn
Böser Blick 30 f. und Tafel III; Germania 31
(1886), 207. *°) Glücks-Topf 412 = Sey-
farth Sachsen 47. *>) Seyfarth 47;
Frischbier Hexenspruch 9.10; ZfrwVk. 2
(1905), 181. 203; Andree Braunschweig 386;
Schulenburg 114; Seligmann Blick
2, 367 f. “) ZfVk. 11, 326 f. = Seligmann
Blick 2, 206 f. = Kristensen Folkeminder
8,328.558; Thiele 3 Nr. 492. 23 ) Reit-
hard Schweiz. Familienbuch 1845, 175 =
R o c h h o 1 z Naturmythen 65. ,4 ) Rivista
trad. pop. 1, 391 = ZfVk. 11 (1901), 426 f.;
vgl. Sebillot Contes des Marius 249;
Jahn Böser Blick 88 Anm. 250 = Germania
31 (1886), 207 (wo noch andere Beispiele).
,Ä ) K a i n d 1 Ruthenen 2, 90 = Weinhold
Ritus 35 = ZfVk. 11 (1901), 427; vgl. F e h r 1 e
Geoponica 8. 15. *•) Haupt Lausitz 1, 195
Nr. 229 = M a g n u s Histor. Beschreibung voji
Sorau (1710), 214 = Grässe Preußen 2, 393
Nr. 340; vgl. ZfVk. 11 (1901), 427 = Wein ¬
hold Ritus 26. * 7 ) Rochholz Natur¬
mythen 65 = ZfVk. 11, 428 — Weinhold
Ritus 11; Germania 31 (1886), 207 f. = J. G.
Wood The Natural History of Man. Africa
(1868), 680. 28 ) Kristensen Sagn 2, 503.
73 = ZfVk. 11, 428. 29 ) Schönwerth 1,
30
)
Kuhn u. Schwartz 5.
421 Nr. 208; Müllenhoff Sagen 206
Nr. 280; Meiche Sagen 314 Nr. 413;
Jahn Sagen 135. 165; BlpommVk. 4, 142;
Haas Greifswald 34 Nr. 37, I; Schulen-
burg Sagen 102. 103; ZfVk. 11, 427h
E. H. M e y e r Germ. Myth. 98; Weinhold
Ritus 11. 31 ) ZfVk. 8 (1898), 266 Nr. 9. 3Z ) Vgl.
Jegerlehner Oberwallis 232 Nr. 161;
Bolte-Polivka 1, 398 ff. zu Grimm
KHM. Nr. 46; ZfVk. 8, 266 Anm. 2. 33 ) ZfVk.
I, 185 Nr. 4 = Weinhold Ritus 4 2. 34 ) ZfVk.
II, 428; Liebrecht ZVolksk. 355 Nr. 24;
BlpommVk. 2, 26; 6, 75; W e i n h o 1 d Ritus
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV.
45; Germania 1, 109; Urquell 3 {1892), 205;
Drechsler 2, 87. 3S ) ZfVk. 11, 428 =
de Cock in Volkskunde 7, 183. 3Ä ) ZfVk. 5,
443; 11, 428 f.; Weinhold Ritus 10.
37 ) Grimm Myth. 3, 417 Nr. 30.
3. Ehedem war es in Florenz gebräuch¬
lich, daß insolvente Schuldner an¬
gesichts des auf dem Mercato Nuovo ver¬
sammelten Volkes mit ihrem H.n auf
einen noch jetzt dort befindlichen großen
Pflasterstein (lastra) stoßen mußten, wo¬
durch sie eine Cessio bonorum zugunsten
ihrer Gläubiger anzeigten, dagegen von
jedem persönlichen Zwang seitens letz¬
terer frei blieben; daher die Redensart:
‘batter il culo sul lastrone’, d. h. bank¬
rott werden. In Neapel hieß dieser
Rechtsbrauch ‘Zitta bona’, verderbt aus
‘cedo bonis’ 38 ). Eine andere Form ist das
,,Herablassen der Hosen“ (s. Hose § 5). Ob
dieses öffentliche Zeigen des H.n als eine
,,Ehrenstrafe“ oder das Sichsetzen mit
bloßem H.n auf einen Stein, das auch
aus Holland überliefert ist 39 ), die ältere,
ursprüngliche Form des Rechtsbrauches
darstellt, ist schwer zu entscheiden.
Wenn eine schlesische Mutter das
Kind entwöhnt und sich dabei auf
einen Kieselstein setzt, so bekommt das
Kind niemals Zahnschmerzen; es be¬
kommt steinharte Zähne, wenn sie sich,
sobald zur Kirche geläutet wird, mit dem
bloßen Gesäß auf einen Stein setzt 40 ).
In Sagen siegelt derjenige, der
den Schatz vergräbt, denselben da¬
durch, daß er sich mit bloßem H.n auf
ihn setzt. Der Schatz kann nur dann
wieder gehoben werden, wenn der gleiche
H. wieder dort gesessen 41 ).
Wettermacher stoßen mit dem
nackten H.n dreimal ins Wasser; sofort
steigt ein Rauch auf, der rasch zur
schwarzen Wetterwolke wird 42 ).
38 ) Liebrecht ZVolksk. 427 §8; vgl. G.
Basile Pentamerone 2 (1909), 291 Anm. 4
zum 46. Märchen; Saint-Foix Essais
historiques sur Paris 7 {1759), 172 = Germania
31 (1886), 208; Archivio 4, 285 ff. 3# ) Scheible
Kloster 12, 1140. 40 ) Drechsler 1, 214;
W u 11 k e 393 § 601; Germania 31 (1886),
209 f. 41 ) Müller Siebenbürgen 87 Nr. 134;
Panzer Beitrag 1, 106 Nr. 129; Sieber
Sachsen 154. 42 ) Schönwerth Oberpfalz 3,
184 — Weinhold Ritus 25 = ZfVk. 11,
417; vgl. Grässe Preußen 2, 318 Nr. 279 r.
3
67
Hiob—Hiob in den Segen
68
4. Fruchtbarkeitszauber ist
cs, wenn in Westböhmen die Bäuerin sich
mit entblößtem H.n auf den Lein setzt,
bevor sie ihn sät 43 ), und wenn in einem
Dorfe bei Breslau sich eine alte Frau
auf jeden Kürbiskern setzte, den sie
steckte, damit er so groß werde wie ihr
Gesäß 44 ). Bei den Deutschen Pennsyl-
vaniens muß man dem Flachs den H.n
weisen, dann wird er hoch 45 ).
Erinnert sei auch an das Gleiten
( 3 , 864 f.).
Im oberpfälzischen Fastnachts¬
brauch wird den Mädchen, die von
den Burschen erwischt werden, ein Brett¬
chen auf den H.n gesetzt und ein Schlag
mit dem Hammer darauf getan. Dafür er¬
hält sie eine Fastenbretzel 46 ). Einen ähn¬
lichen Brauch kennt man auch in West¬
böhmen 47 ) (vgl. schlagen) 48 ).
Nach Burchard von Worms ließen sich
Frauen, um Liebeszauber auszu¬
üben, indem sie niederknieten, auf ihrem
entblößten Gesäß Brotteig kneten und
gaben von diesem Brote dem Manne zu
essen (vgl. oben 1, 1635 f.) 49 ).
43 ) John Westböhmen 196. 44 ) Drechs-
1 er 2, 55. 46 ) Fogel 196 Nr. 956; vgl.
Meyer Dt. Volksk.227. 4 «) Bavaria 2 a, 273.
47 ) John Westböhmen 45. 48 ) ARw. 14 (191i),
643 ff.; S a r t o r i Sitte 3, 61. 49 ) G rimra
Myth. 3, 409 f.; W e i n h o 1 d Ritus 48; Ger¬
mania 31 (1886), 209.
5. Kleinen Kindern dürfen die Eltern
nicht aus Zärtlichkeit den H.n küssen,
sonst begegnen ihnen die Kinder später
grob w ).
Beim Hexensabbat huldigten die He¬
xen dem Teufel, resp. dem Bock oder Ka¬
ter dadurch, daß sie seinen H.n küßten 51 ).
Davon leitete Alanus ab insulis (j* 1202)
Contra Valdenses Über I, sogar das Wort
‘Ketzer’ ab: „Catari (für cathari) di-
cuntur a cato, quia osculantur posteriora
cati, in cujus specie, ut dicunt, apparet
eis Lucifer“. 1303 wurde ein Bischof von
Coventry (England) einer Reihe großer
Verbrechen angeklagt, u. a. quod diabolo
homagiumfecerat, et eum fuerit osculatus
in tergo 52 ).
H ) Drechsler 1, 215. «) Grimm
Myth. 2, 891 f. ; Schindler Aberglaube 274
Anm.; Hertz Elsaß 207. M ) Grimm
Myth . 2, 892.
6. Wenn einem der H.e beißt,
kommt ein gutes Butterjahr 63 ). Einen
Bernickel am Auge bekommt, wer je¬
mandem in den H.n schaut 54 ). Nach
Suidas soll ein Augenkranker einem
Hund oder drei Füchsen in den H.n
gucken 65 ). Den Fingerwurm heilt man,
wenn man ,,den Finger nur vorne, wo
der Schmutz ist, in Anum“ steckt und
ihn eine Weile drin läßt 6ß ). Hat ein Kind
die Gichter, so berührt man seinen After
mit demjenigen einer weißen Taube;
dann stirbt diese bald unter schweren
Schmerzen, und das Kind wird ge¬
sund 57 ).
63 ) Foge) Pennsylvania 83 Nr. 306; vgl.
ZfdMyth. 3> i 75 . ««) Drechsler 2, 297
Anm. 5ä ) Germania 31 (1886), 209. 66 ) Sta-
ricius Heldenschatz (1679), 511; Sey-
farth Sachsen 190. 57 ) Wuttke 326 § 485.
Bächtold- Stau bli.
Hiob. Patron der an Aussatz, Skorbut
und Syphilis Leidenden J ). Die Einwohner
von Mettet (Namur) führen den Spitz¬
namen Jobins von einer ihm geweihten
Quelle, zu der viele Leute pilgern, die mit
Geschwüren behaftet sind 2 ). In Stein¬
mehlen (Kr. Prüm) ruft man ihn als
,,Schwerenmännchen“ an 3 ). Die Bauern
in Friaul 4 ), in Belluno 5 ) und in der Pro¬
vence 6 ) glauben, daß die Seidenraupen
aus den Würmern H.s entstanden seien.
Auch in Calabrien ist er Schutzpatron der
Seidenwürmerzucht 7 ). Im O.-A. Blau¬
beuren ist H. der Leinmann 8 ). Steckt
man an H. (9. Mai) die Bohnen, so wird
es sich lohnen, Kartoffeln gesteckt an H.,
dann wachsen sie im Galopp 9 ). Die
Woche vor H. heißt in Schlesien die
Hosawuchc; in ihr säet man keine Gerste,
weil sie sonst in den Ährenhülsen wie in
Hosen stecken bleibt 10 ).
*) Höf ler Krankheitsnamen 251; ZfVk.
3 °; 34 i Fontaine Luxemburg 108. 2 )Se-
b i 11 o t Folk-Lore 2, 269 f.; vgl. Arnold
v. Harff 194». 3 ) Wrede Eifler Volksk*
83. 4 ) Mailly Sagen a. Friaul 92. ß ) Dähn-
hardt Natursagen i, 336 f. •) Sebillot
3, 301. 7 ) Tr e d e Heidentum 1, 209 f.
8 ) Eberhardt Landwirtschaft 3. *) Ebd. 2.
10 ) Drechsler 1, 115. Sartori.
Hiob in den Segen *), hier gewöhnlich
in der Form Job (Jop). Die HS. sind von
Alters her Wurm segen (s. d.); laut
69
Hiob in den Segen
70
Hiob 2, 7 f. wurde dieser Fromme mit
Schwären (Beulen) geschlagen — ein
Leiden, das nach alter Anschauung Wür¬
mer verursachen 2 ), vgl. auch Hiob
17, 14* Erst eine spät belegte Gruppe
(unten 4) will die Mundfäule heilen.
I. Job auf dem Miste 3 ) (nach
Hiob 2, 8 Vulgata ,,in sterquilinio“).
Deutsch in z. T. gereimter Form seit dem
12. Jh., lateinisch erst seit dem 15. Jh.
und in Prosa 4 ) (die lateinischen Formen
vertreten schwerlich die Grundform des
Segens). Die deutschen Varianten zeigen
von Anfang an unter sich recht große Ab¬
weichungen; gemeinsam ist in der Regel
das erste Zeilenpaar mit dem Reime
„M iste: Christ e“. Eine Form des
12. Jhs. hebt an: ,,Der herre Job lach
in miste, rief uf ze Christe, mit Eiter bc-
wollen, die maden im uz wielen (d. h.
sprudelten); des buozte im der hailige
Crist“. Eine andere des 12. Jhs. ist mehr
kirchlich angehaucht 5 ). Eine vom 16. Jh.
an beliebte Form ist hauptsächlich wie fol¬
gende: ,,Joblagvff dem myst, da rufft er
dem hl. Crist: Crist hatt mein vergessen,
mich wollen die wurme essen. Die wurme
lagen alle dot, da der hl. Crist gebot“ 6 ).
Die lat. Formen sagen ,,sedet“ (sedebat),
Hiob 2, 8, statt ,,lag“. — Vom 14. Jh. an
können die Farben des Wurmes her¬
gerechnet sein 7 ), dies ist jedoch häufiger
in der Gruppe 2 (unten). — Statt des
Mistes findet sich ausnahmsweise ,,in den
strozen“ 8 ), ,,in eim stein“ (dem Zahn¬
segen, s. d., über Petrus entlehnt 9 ));
niederländisch ,,in de woude“ (Walde) 10 ).
— Daß Hiob an Christus betet und dieser
ihn heilt, war der altkirchlichen Auffas¬
sung unanstößig; auf Christus hofften
alle Frommen des alten Bundes, siehe bes.
Hiob 19, 25.
4 ) Literatur: H ä 1 s i g Zauber Spruch 92 ff.
*) H ö f 1 e r Krankheitsnamen 820 b. 821 b.
*) Literatur: MSD. 2, 276 ff. 4 ) Lateinisch
Germania 32, 453; AnzfKddV. 1871, 303
*) Beide MSD. 1, 181 Nr. 2 (mit A vgl.
Mo ne Anzeiger 1837, 474 Nr. 35). •) Ale¬
mannia 27, 94 (26, 71), vgl. Birlinger
Schwaben i, 445; MschlesVk. 1899 H. 6,
31 Nr. 3. 7 ) M o n e Anzeiger 1834, 279
Nr. 9; vgl. Germania 25, 507; ZfdA. 38, 16.
•) ZfdA. 38, 16. •) Alemannia 27, 98. 10 ) Mone
Übersicht der niederländischen Volksliteratur
337; vgl. noch tschechisch Hovorka u.
Kronfeld 2, 101.
2 . Drei Würmer aßen Job.
Deutsch, seit dem (u. haupts. in dem)
15. Jh. üblich. ,,Der wurme woryn dry, di
sente Job bissyn; der eyne der was wys, der
andir swartz, der dritte rot. Herre s. Jop.
lege der würme tot“ (d. h. läge [sonst]
tot wegen der Würmer) ll ). Der Schluß
auch so: ,,Her sant Job der Wurm ist
Üg tod“ o. ä. 12 ). Die meisten Züge des
Segens sind schon früher bezeugt, teils
im ,,Mist“-segen (s. 0.), teils auch sonst
(bes. lateinisch) — nur ohne den Eingang
mit den drei Würmen. Z. B. lat.: ,,Mor-
tuus est iste vermis, qui vermes mandu-
caverunt beatum Job ab jnfantia (1. in
facie}) 13 ) sua et mortui sunt . . .“ 14 ). —
Die Farben, drei oder mehr, und
auch der Reim ,,rot: tot“ finden sich
deutsch auch in anderen Wurmsegen
(s. d.), bes. in dem Wurmackersegen.
Noch früher als in den Wurmsegen (s.
auch § 1) sind sie in lateinischen Äugen-
segen (s. d. § 2) bezeugt.
Der Segen von Job und den drei
(neun) farbigen Würmen ist schon seit
dem 15. und 16. Jh. auch in anderen ger¬
manischen Sprachen bekannt 15 ).
ll ) Klapper Schlesien 233: MschlesVk.
1907, H. 18, 11. 12 ) Birlinger Schwaben
L 459 ; ZfdA. 38, 15; vgl. Hovorka u.
Kronfeld 1,83 (Preußen). Mit dem Segen
§ 1 zusammen Mone Anzeiger 1837s. Anm.5.
13 ) Vgl. den byzant. Text, in Anm. 14 verzeich¬
net. l4 ) Pier Giacosa Magistri Saler -
nitani 367, spätestens 14. Jh.; vgl. Stein¬
meyer u. Sievers Die ahd. Glossen 4,
518 (12. Jh.); MschlesVk. 1907, H. 18, 25
(1417); deutsch z. B. Birlinger Schwaben 1,
460 f. (15. Jh.); ZfVk. 26, 200 (15. Jh.); italie¬
nisch: P i t r e Bibi. d. tradizioni popolari
Siciliane 19, 394; byzant.: Pradel Gebete
13, aber wohl aus dem Lateinischen. 15 ) Mone
Übersicht der niederländischen Volksliteratur
334 (Germania 32, 460); DanmTryllefml.
Nr. 417ff.; Norske Hexefml. Nr. 118; Klem-
m i n g Läke - och Örteböcker (Stockholm 1886),
42. 308.
3. Außerdem gedenken ganz verein¬
zelte ältere Wurmsegen Hiobs: ,,bi . . .s.
Job unte siner heligin chinde“ 12. Jh. 16 );
Hiobs „patientia“ lat. 16. Jh. 17 ). Und
eine beliebte sinnlose Formel gegen
Wurm, u (j)ob tridanson 1 ' usw., vom
15. Jh. an, enthält seinen Namen 18 ); diese
71
Hippolytus
72
Formel schließt zuweilen den Segen über
die drei Würmer (oben § 2) ab.
"•) Germania 12, 466. 17 ) W i e r u s De
praestigiis daemonum (Basel 1577), 518. 18 ) Bir-
linger Schwaben 1, 460; Klapper Schle¬
sien 233; Alemannia 27, 94; ZfVk. 4, 450 (vgl.
Alemannia 10, 228, 14. Jh.). Eine Formel
Mago . . . Job : Schönbach HSG. Nr. 181
auch im Süden, P i t r 6 Cur io situ de Ile tra-
dizioni popolari 3, 10 (15. Jh.).
4. Mundfäule-Segen. Erst
in neuerer Zeit belegt, sehr verbreitet,
z. T. durch gedruckte Bücher. Die be¬
liebteste Form ist diese: ,,Job zog über
Land, der hat den Stab in seiner Hand,
da begegnete ihm Gott der Herr . . .
Job, warum trauerst du so sehr . . .
Mein Schlund u. mein Mund will mir
abfaulen. Da sprach Gott zu Job:
Dort in jenem Thal, da fließt ein Brunn,
der heilet dir N.N. dein Schlund u. dein
Mund“ l9 ). Der Schluß auch so: ,,Nimm
Wasser in deinen Mund, spei’ es wieder in
den Grund“ o. ä. 20 ). Einer kürzeren Fas¬
sung fehlt der Schluß mit dem Rate 21 ). —
Statt Hiobs (oder neben ihm) kommen
oft andere Heilige vor, die meisten doch
nur vereinzelt. So an ,,Job“ anklingend:
Jost, d. h. S. Jodocus vgl. unten,
Jakob 22 ), Josef, Josaphat.
Weiter Ahab, Abraham, Tho¬
mas, Petrus 23 ). Der Stab wird in
unserem Segen nur für Job und Jakob
genannt und paßt für letzteren, der als
Pilger mit Stab abgebildet wird, beson¬
ders gut. Andererseits treffen wir im
15. Jh. in einem der alten Hiobsegen
(oben § 2) einmal Jakob statt,, Job“ 24 ).
Mit den alten Hiobsegen ist also nur
(und höchstens) der Name Job gemein¬
sam. Für die Frage ,,warum trauerst du“
gab sicher der alte Zahnsegen (s. d.) über
Petrus (am Stein) das Vorbild. Und der
Rat, Wasser in den Mund zu nehmen, wird
im Jahre 1439 als Abschluß eben dieses
Segens erwähnt 2S ) (in den noch älteren
Varianten des Zahnsegens kommt er
nicht vor). Job als Empfänger dieses
Rates ist zum erstenmal im Jahre 1628
bezeugt:,, Job saß ahn demsee. . . Christe
wie thun mir mein zähn so wehe; Job
nehme du dz wasser“ usw. 26 ). Vgl. aus
dem J. 1630: ,,Dc hillige Jost“ in einer
ähnlichen Fassung 27 ). Die übliche Form,
wo der Leidende wandert und an der
Mundfäule leidet, kommt erst spät vor.
9 •
Übrigens hat schon der alte Hiobs¬
segen § I gelegentlich den Wurmsegen
über Petrus angezogen, s. § 1 Schluß.
Diese beiden Segen hatten den Wurm ge¬
meinsam, während unser Segen § 4 nor¬
mal von keinem Wurme spricht; doch
deutet eben Hiobs Auftreten nach Hof¬
ier 28 ) vielleicht darauf, daß die Mund¬
fäule als infektiös aufgefaßt wurde.
19 ) Geistl. Schild 144, vielfach zitiert.
20 ) Schmitt Hettingen 19; vgl. Meier
Schwaben 523 f. 2 ‘) WürttVjh. 13. 159 Nr. 5
(Albertus Magnus). 22 ) Alemannia 25, 239;
ZfrwVk. 1905, 285; Seyfarth Sachsen
ui. 23 ) Höhn Volksheilkunde I, 101; ZfVk.
6, 216; 10, 64; Alemannia 14, 234; Meyer
Baden 42; Frischbier Hexenspr. 90
Nr. 2; ZfVk. 22, 297 Nr. 7. 24 ) B i r 1 i n g e r
Schwaben 1, 459; vgl. 1, 445 (Jakob auf einer
Miste). 2a ) ZfVk. 12, 12. 2C ) ZfKulturgesch.
8, 310; vgl. dän. DanmTryllefml. Nr. 461.
2 ') Bartsch Mecklenburg 2, 427 Nr. 1981.
28 ) Hofier Krankheitsnamen 124. Ohrt.
Hippolytus, hl. Römischer Krieger,
Märtyrer unter Valerian (Decius? Dio-
cletian?), nach der Legende von Pferden
zerrissen. Sein Gedenktag ist der 13. Au¬
gust *). Er gilt als Pferdepatron 2 ), hilft
auch Haustieren aller Art 3 ). Die Gör-
litzer fasteten an seinem Tage, weil er
ihnen gegen den Ritter Elvil, Besitzer
eines Zauberpferdes, geholfen hatte 4 ).
Die Kornopfer in Dettingen am H.tage
wurden zum Teil in Weiberhauben dar-
gcbracht und diese dann an die Armen
verteilt 5 ). H. ist Patron von Blexen an
der Wesermündung und hat dort einst
mit eherner Keule vom Himmel herab
die Feinde der Friesen zerschmettert 6 ).
In Angermanland fürchtet man am
13. August Nachtfröste 7 ).
') Wetzcr u. Welte 6, 12 ff.; Nork
Festkalender 1,512 f.; Menzel Symbolik 2,
221; F r a z e r 1, 21. 2 ) Franz Benedik¬
tionen 2,131. 3 ) Fontaine Luxemburg 109.
4 ) Haupt Lausitz 1, 183. 5 ) Herr lein
Sagen d. Spessarts 64. «) Strackerjan
2, 390; Meyer German. Mythol. 219 will ihn
daher mit Donar zusammenbringen. Eine an¬
dere Sage von H.: Strackerjan 1, 128.
7 ) Heckscher 517. Sartori.
Hippomanes—Hirn
Hippomanes, auch Roßwut, Wonne,
das Lätizel, Fohlenbrot, Fohlengift, Netz- >
lein, der Nutzen oder Pferde- und Fohlen¬
milz geheißen, ist ein milzähnliches,
embryonales Allan toisgebilde, das im
Fruchtwasser schwimmt und von dem
viel gefabelt wird. In einem medizinischen
Sammelwerk des 18. Jahrhunderts wird
H. erklärt als „die Nachgeburt und Mem¬
branen, welche mit dem Partu der Pferde
ausgeschlossen werden, werden vor ein
Philtrum gehalten“ *). Es dient ge¬
trocknet und gepulvert (auch zusammen
mit anderen Ingredienzien) gegen die !
„schwere Not“ und die „schwere Krank¬
heit“ und gegen die Fallsucht. Es soll
auch die Milchsekretion steigern, wie die
Eselsmilz. Es gilt als Liebesgift, soll
geschlechtlich erregen und liebestoll
machen 2 ) 4 ). Nach Agrippa ist H. ein
Stückchen Fleisch von der Größe einer
Feige, das auf der Stirne des neugeborenen
Füllens sich zeigt. Wenn die Mutter es
nicht sogleich wegfrißt, so hat sie nicht
die geringste Neigung zu ihrem Jungen
und will es auch nicht ernähren. Aus
diesem Grunde wird behauptet, daß die
Kraft des H. zur Erregung der Liebe
außerordentlich sei, wenn man es, in
Pulver verwandelt, mit dem Blute des
Liebenden als Trank darreiche 3 ) 4 ).
Aeneide IV 515/6:
Quaeritur et nascentis equi de fronte revulsus
Et matri praereptus amor 4 ).
In dieser Beschaffenheit und Ver¬
wendungsform scheint es auch Ovid zu
kennen:
Fallitur, Haemonias siquis decurrit ad artes,
Datque, quod a teneri fronte revellit equi®).
Nach anderen ist H. ein milzähnlicher
Körper, den die Füllen nach ihrer Ge¬
burt auf der Zunge haben, aber beim
ersten Atemzug verschlucken sollen 4 ) 5 ).
Noch ein drittes Zaubermittel wird H.
genannt: der Brunstschleim der Stuten
(auch Plinius XXVIII, 49) 5 ). „Es ist
dies jenes Gift, das aus der Scham ;
rossiger Stuten läuft“, und dessen Virgil j
in folgenden Worten gedenkt:
Dorther stammt Hippomanesgift, von den
Hirten die Roßwut
Richtig benannt, ein Saft, der zäh entquillt
dem Geburtsglied:
Roßwut, welche sich oft boshaft Stiefmütter
gesammelt,
Kräuter vermischend damit und unheilbrin¬
gende Worte.
Auch der Satiriker Juvenal spricht davon:
Von dem gekochten Gift, dem Hippomanes
und Fleische
Red' ich, das man dem Stiefsohn gereicht 3 ).
Fugger 7 ) spricht sich sehr heftig gegen
den Aberglauben vom H. aus und er¬
zählt, er habe in seinen Gestüten von
zuverlässigen Leuten nach jenen beiden
Fleischkörpern, jedoch vergeblich, suchen
lassen 4 ).
*) Johann Jacob Woyts Gazophylacium
medico-physicum , oder Schatzkammer medicinisch
und natürlicher Dinge etc. Leipzig 1751, 960.
2 ) Höfler Organth. 267 f.; ders. Krank¬
heitsnamen 75. 194. 344. 444. 450. 838. 851;
Jühling Tiere 128. 3 ) Agrippa v. Nettesheim
i, 192. 4 ) Jähns Ross 1, 374 f. 5 ) Höfler
Organoth. 268. ®) Ovid Ars amatoria II. Buch
Vers 99 f. 7 ) Fugger Ritterl. Reutterkunst ,
Frankfurt a. M. 1584. Steller!
Hirmon. Ein eisernes Heiligenbild in
einer Kapelle bei Bischofsmais im baye¬
rischen Walde (Brustbild ohne Füße mit
breiter Grundfläche), das auf wunder¬
bare Weise gefunden sein soll. Das Volk
nennt es auch Konteri (Günther). Es
wird von Wallfahrern am 10. und 24.
August (St. Lorenz- und St. Bartholo¬
mäustag) dreimal emporgehoben (s. 3,
1603) und geküßt. Dabei muß man aber
vorsichtig sein, daß das Bild (man benutzt
seit 1856 einen hölzernen Ersatz) nicht
nach vorn oder hinten das Übergewicht
erhält, denn damit verbindet sich der
Glaube an noch ungesühnte Sünden
des Hebenden. Das alte Bild soll schon
oft in das Moos versenkt worden sein,
ist aber jedesmal wieder ans Tageslicht
gekommen. H. ist auch Fürbitter für
das Getreide und das Vieh *).
*) Panzer Beitrag 2, 39. 402 f.; Quitzmann
140. 145L; Andree Votive ioöf.; Höfler Wald¬
kult 142. 145. Sartori.
Hirn.
1. Schädel, Kopf und H. sind anschei¬
nend in älterer Zeit nicht deutlich von¬
einander unterschieden worden, denn
ahd. hirni, mhd. hime gehören vielleicht
zu skr. giras = Kopf, griech. xpotvtov =
Schädel und lat. cerebrum 1 ). Dem nhd.
H. steht das nd. bregen gegenüber. Im
75
Hirn
76
Vergleich mit griech. ßps^jxor, dem vor¬
deren Teil des Kopfes, liegt ein Hinweis
auf eine ähnliche Entstehung des Begriffs
wie bei H. In der Neuzeit sagt man im
Steirischen zu Kopfbinde auch „Hirn¬
binde“ und spricht vom „Hirnschädel¬
moos“, das den Fallsüchtigen empfohlen
wird. Allgemein spricht man von „Hirn¬
holz“ für Stirnholz 2 ). Bei der Unter¬
suchung, ob das H. als Seelen- und Le-
benssitz angesehen wurde, ist das zu
berücksichtigen. Es ist anzunehmen, daß
der Kopf (s. d.) als Sitz der Sinne weit
eher im ganzen als Seelensitz erscheint
als das unsichtbare, oft dem Knochen¬
mark gleichgesetzte H. 3 ). Die Griechen
haben zuerst die Bedeutung des H.s für
das Denken erkannt 4 ). Die rationale
Seele hat ihren Sitz nach Plato im Gehirn,
die irrationale im Unterleib. Aristoteles
vermutet die Seele im Herzen, nach
Galen ist das H. Sitz des Verstandes,
der Mut wohnt im Herzen, die Liebe in
der Leber 6 ). Plinius gibt vermutlich
die Volksanschauung wieder, wenn er das
H. zum Sitz der Sinne und des Geistes
macht, im übrigen aber es vom Herzen be¬
herrschen läßt 6 ). Er mag das M. A. beein¬
flußt haben. Hildegard von Bingen spricht
das H. an als „materia scientiae, sapien-
tiae et intellectus hominis ... sedet vires
cogitationum retinet. Cogitationes autem
cum in corde sedent, aut suavitatem aut
amaritudinem habent; suavitas vero ce-
rebrum impinguat et amaritudo eum
evacuat“ 7 ). Die Güte gibt dann den
Sinnesorganen den Ausdruck der Freude,
die Bitterkeit bringt Zorn, Traurigkeit
und Tränen. Bei Plinius wie bei Hilde¬
gard fehlt der Ausdruck anima für das H.,
im 14. Jh. braucht Konrad von Megen-
berg das Wort sele, das ebensogut Sin¬
nenkraft wie psychische Eigenschaft oder
ganz allgemein Leben bedeuten kann.
Nach ihm hat die H.-schale drei Käm¬
merlein, die eine vom im Haupt „und
in dem ist der sei kraft, die da haizt
fantastica oder imaginaria, daz ist als
vil gesprochen sam diu püderinne, dar
umb daz si aller bekanntlicher ding pild
und gleichung in sich samnet, daz ander
kämerlein ist ze miteist in dem haupt
und in dem ist der sei kraft, die da haizt
intellectualis, daz ist Vernunft, daz dritt
kämerlein ist ze hinderst in dem haupt
und in dem ist der sei kraft, die da heizt
memorialis, daz ist gedachtnüss. die drei
kreft der sei die behaltent den schätz
aller bekanntnuss“ 8 ). Von der Seele im
H. unterscheidet Megenberg den Geist,
meint damit aber nicht unsem Begriff,
sondern das lat. spiritus, dessen verschie¬
dene Arten am besten unser Ausdruck
„Lebensgeister“ wiedergibt. Es sind die
Kräfte, die neben dem Blute als luft¬
förmiges Leben durch die Adern ziehen:
„der hals hat vil ädern, durch die vlie-
zent die gaist und daz pluot von dem
herzen und von der lebern in daz haupt
und in die sideln (Sitze) aller sinnen und
aller kreften der sei“ 9 ). Megenberg folgt
in Begriffen und Bezeichnungen der An¬
tike, erst mit d. 15. Jh. setzen, vor allem
durch Vesal, die Bestrebungen ein, sich
von den alten Anschauungen zu lösen.
Haben schon die Araber des 10. Jh. das H.
dem Herzen übergeordnet 10 ), so wird
nun der Gedanke von der Beherrschung
des H.s durch das Herz immer mehr zu¬
rückgedrängt, wenn gleich der Volks¬
glaube heute noch keine klaren Vorstel¬
lungen zeigt. Er neigt dazu, immer noch
dem Herzen den Vorrang zu geben, und
wird der Seelensitz nach oben verlegt,
dann in das ganze Haupt, nie in das H.
allein 11 ). Höchstens in Scherzworten
werden vereinzelt Denkfunktionen mit
dem H. in Verbindung gebracht, so in
dem nd. „bregenklöterig“ d. h. verwirrt,
benommen sein, oder „Stroh im Schädel“
haben und in ähnlichen Wendungen 12 ).
Landläufig ist die Ansicht, H. und Haupt
als Träger der Lebenskraft anzusehen.
Die Exekutionsart des Hauptabschlagens
bei Verbrechern und Vampyren gehört
hierher wie das kopflose Gespenst und die
verschiedenen Formen des Schädelkults 13 ),
die bis in die Neuzeit ihre Wirkung geübt
haben 14 ). Die Wertschätzung des Tier¬
hauptes im Rechtsbrauch, Opferkult und
Zauberglauben könnte ebenfalls in Ver¬
bindung stehen mit solchen Anschau¬
ungen, aber auch hier steht das H. nicht
im Vordergrund des Interesses 15 ). Nur
77
Hirn
78
einmal, im Artikel XVI des Indiculus
superstitionum wird „de cerebro anima-
lium“ geredet 16 ). Keine ältere, gleich¬
zeitige oder spätere Quelle meldet etwas
von einer H.schau, und doch mag von H.-
inantik die Rede sein, denn Artikel XVI
steht zwischen anderen Gebräuchen, die
alle mantischen Aberglauben angeben 17 ).
x ) Heyne Wörterb. 2, 171 f.; Kluge® 176.
*) Bargheer Eingeweide 345. 3 ) Höfler
Organotherapie 49. 4 ) Win di sch Über den Sitz
der denkenden Seele (1891) 159. h ) Bargheer
Eingeweide 13. ®) Plinius nat. hist. XI, 37 (49)-
7 ) Hildegardis caus. et cur. 91, 30. 8 ) Megen¬
berg Buch der Natur 4 f. ®) ib. 19. 10 ) Die-
terici Araber (1861) 203. n ) Eckart Sprich¬
wörter (1893) 215: Andrian Altaussee (1905)
118; Bargheer Eingeweide 16. 12 ) vgl. Grimm
DWb. 4, 2, 2485; Curtze Waldeck (1860)
Idiotikon s. v. 13 ) Bargheer Eingeweide 18 f.
14 ) Andree-Eysn 147; Lammert 25; ZföVk.
1, 80 f. u. 288. 16 ) Bargheer Eingeweide 19,
X2i. l4 ) Saupe Indiculus 21. l7 ) ib. und Fela
Aber gl. (1857) 68.
2. Näher liegt jedoch der Gedanke
an H.-zauber und -heilzauber, der
sich verhältnismäßig häufig im deutschen
Sprachgebiet nach weisen läßt. Auch hier
ist nicht ganz klar zu scheiden zwischen
Haupt- und H.-zauber. Menschenh.
zum Zaubern ward erwähnt in einem
irischen Ketzerprozeß von 1324 18 ) und
in den Rariora Naturae et artis von
1737 19 ) aus Polen. Noch im Juli 1930
stellt im südbulgarischen Orte Rosental
eine Zigeunerin Liebestränke her nach
einem Rezeptbuche in türkischen Schrift¬
zeichen. Dazu benutzt sie das H. eines
kürzlich Verstorbenen, den sie mit ihrem
Sohne gemeinsam ausgräbt 20 ). Bärenh.
soll schon seit Plinius benutzt worden
sein, um die Leute unsinnig zu machen:
„Wenn einer Bärenh. einfrißt, so gereht
er darüber in solcher Phantasei und stärke
Imagination, daß er sich bedünken läßt,
glich alls wäre er zum Bären worden" 21 ).
Sperlingsh. fördert die „Venus-Lust“ 22 ).
In beiden Fällen soll anscheinend eine
vermutete Tiereigenschaft übergehen. So
soll Adlerh. die Menschen zanksüchtig und
kühn machen 23 ), Krähenh. die Augen¬
brauen zum Wachsen bringen 24 ). Organ¬
eigenschaften sollen eingegeben werden,
wenn man glaubt, daß Eichhömchenh. 26 )
oder Geierh. 26 ) „die gedechtnuss“ stärke.
Seltsam steht diesem Glauben die in
Österreich und auch sonst verzeichnete
Anschauung entgegen, nach der man
Kindern kein Tierh. geben soll, damit
sie nicht dumm werden 27 ). Vielleicht
sind es hier wiederum die Tiereigen¬
schaften, die man fürchtet, dem Kinde
einzuverleiben. So wird der Genuß z. B.
von Fischh. sorgfältig vermieden 28 ).
Der ursprüngliche Zusammenhang zwi¬
schen maleficium und veneficium wird
klar an den Zauberrezepten mit Katzenh.
In einem Hexenprozeß von 1544 heißt es
von der Krankheit eines Mannes: „vnd
were do die gmein red, bylis frow die sölte
in katzenhimy han zu essen geben“ 29 ).
1545 soll in Stralsund eine Hexe einem
Bürgersolme einen Trank gegeben haben,
„alse einn egedissenn quaden poggenn,
schnakenn, kattenbregen“, worüber er
den Verstand verloren 30 ). 1550 braucht
nach der Zimmemschen Chronik eine
Dirne Katzenh., um einen Schneider
zu „vergeben“ 31 ), in einer Schrift des
17. Jh. heißt es: „Bezoarticum solare ist
ein gar geheimes und kräftiges Mittel
wider — Mercurius sublimatus — Katzenh.,
Toxica oder Pfeil-Gift, Zauber- und
Liebes-Tränck“ 32 ). Becher sagt vom Gift
der Katzen, es sei „allein in dem H.
derselbigen“ 33 ), und noch 1737 sagt man
vom Katzenh., „daß es etwas gyfftig sey,
und mögen leichtfertige Dime gewisse
Liebestränke davon machen, solche denen-
jenigen Mannspersonen beizubringen, die
sie auf schlüpferige Wege zu ihrer Liebe
bringen wollen“ 34 ). Bis ins 19. Jh. haben
sich solche Anschauungen gehalten. Ein¬
mal wird aus Westböhmen 36 ) ähnlich
berichtet, und um 1880 vermerkt ein
Sammler aus Mecklenburg: „Das Geh.
krepierter Katzen geben die Hexen den¬
jenigen ein, welche sie wahnsinnig machen
wollen“ 38 ). Wiedehopfh. wird zum
Kugelzauber benutzt 37 ), Rabenh., um
Schweine zu hüten 38 ), wozu schon Plinius
bemerkt hat: „porcos sequi eos, a quibus
cerebrum corvi acceperint in offa“ 39 ).
Erklärlicher ist es, wenn der Stein aus
dem H. des Hahnes zum Liebeszauber
dient, zu einer Zauberkerze nimmt das Re¬
zept eines Scharfrichters auch Hasenh. 40 ).
79
Hirn
8o
Häufiger ist die Verwendung des
H.s zum Heilzauber. Eine gewisse
Ähnlichkeitswirkung wird erwartet bei
Hauptleiden. Das Geierh. steht in der
älteren Überlieferung hier an erster Stelle.
Plinius kennt es bereits 41 ), im Cod. San-
gallensis heißt es: cerebrum de uulturio
in aqua bibat, sanat 42 ). In einem Arznei¬
buch des 13. Jh. 43 ) und ähnlich später
bei Megenberg 44 ) wird das Geierh. über
alle Maßen gelobt. Der Geier soll sogar
sein eigenes H. in der Gefahr verschlingen,
damit es dem Menschen nicht nütze.
Diese Mär kehrt im 15. Jh. wieder 45 ) und
ist sogar noch im Anfang des 18. Jh.
bekannt 46 ). Im 16. und 17. Jh. wird das
Geierh. „Zum haubt... fuer großen
schmertzen darinn“ 47 ) gebraucht, in den
Einzelheiten des Rezepts besteht Ähn¬
lichkeit mit Plinius’ Vorschriften 48 ).
Geierh. hat man vielleicht gewählt wegen
der Schwierigkeit der Beschaffung, auch
mag die Emährungsart des Geiers eine
Rolle gespielt haben, endlich sein Auf¬
enthalt in großen Höhen. Widderli.
soll gegen „Thummigkeit des H.s“
helfen 49 ), gegen Schwindel und Kopfweh
nahm man in Oberwölz das warme II.
eines Zaunkönigs, Eichhörnchens oder
einer Katze 50 ). Paullini erzählt 1714
von einem Seiltänzer, der „curirte allen
Schwindel mit dem Gehirn solcher Eich-
hörngen, auff waserley Weise es auch
genommen wird“ 5I ). Weshalb man gegen
Schwindel das H. gerade dieser gewandten
Tiere wählte, mag einleuchten. — Die
gleichfalls bereits von Plinius erwähnte
Benutzung des H.s gegen Epilepsie und
Tollwut kehrt im deutschen Heilbrauch
wieder. Becher sagt:
So aus dem Menschenh ein Wasser wird be¬
reit.
Ein Scrupel dessen hilft und stillt das böse
Leid 32 ).
Gegen das „böse Leid“, die Epilepsie soll
nach der königlich preußischen Taxe von
1749 der„Menschenhimspiritus“ helfen 53 ),
dessen Herstellung beschrieben wird: „Das
Menschen H. / auch alles was auss ihm
bereitet wird / ist sehr gut vor die schwere
Noth / es werden aber auss ihme dreyerley
bereitet / nemblich ein Spiritus, Oel / und
aqua antepileptica“ 54 ). Gegen Epilepsie
werden sonst noch Raben- und Elsternh.,
besonders aber der Stein aus dem Schwal-
benh. gelobt. Vom späteren Mittelalter
bis in die Neuzeit ist es endlich die H.-
schale, die man gegen den „fallenden
Siechtag“ benutzt 55 ). Eine lindernde
Wirkung des fetthaltigen H.s wird häufig
erwartet. Menschenh. wird schon im
alten Ägypten zu einer Augensalbe
empfohlen a6 ), allgemein scheint zu allen
Zeiten die Verwendung von Hasenh.
gewesen zu sein, um den Kindern das
Zahnen zu erleichtern 57 ). Im Altertum
kennt man die Asche des Hasenhauptes
als Mittel gegen Zahnkrankheiten, Plinius
schreibt aber ausdrücklich die Verwen¬
dung von Hasenh. vor zur Erleichterung
des Zahnens. In der Düdeschen Arstedie
des 14. Jh. heißt es: „Van den kynder-
theilen. Sede hasenbregen an watere
vnde smere dar de kyndertene mede vnde
dat gagel, wan se den kynderen scholen
vpghan“. Becher schreibt vor:
Mit frischem Hasen-H. den Kieffer wol
geschmiert
Den Kindern es die Zähn gar leicht heraußer
führt.
Für die Neuzeit ist das Rezept über¬
liefert im rechtsrheinischen Alemannien,
in Schwaben und in Bayern, für Mittel¬
und Norddeutschland fehlen Belege, trotz¬
dem die Düdesche Arstedie das Mittel
noch kannte. Höfler erklärt den Heil¬
brauch aus dem Opferkult 58 ), die Quellen
selbst betonen stets die lindernde Wirkung,
etwa in der Gleichsetzung mit Honig und
Butter, wie Gesner sagt. Sonst wird
Hasenh. noch gegen Zittern der Glieder
verwandt 59 ). Gegen Frostbeulen soll
Katzen- oder Rabenh. helfen 60 ), Adler-
und Hasenh. heilen Beschwerden der
Hamorgane 61 ). Gelegentlich wird
Katzenh., in Essig gesotten, gegen Gelb¬
sucht empfohlen 62 ), Plinius kennt schon
die Verwendung von Hundeh. gegen
dieselbe Krankheit 63 ). Adlerh. soll
gegen Verstopfung der Pferde helfen 64 ),
und die Seeleute aus Oldenburg heilen die
Gicht mit der fetten Flüssigkeit, die aus
dem H. eines aufgehängten „swinfisch“
(delphin phocaena) träufelt 65 ). H.-
Him
82
iteinrezepte sind selten in neuerer Zeit.
Außer dem Schwalbenstein wird in älterer
Zeit der Stein aus dem H. des Krebses
gegen „herzstechen“ empfohlen 66 ), der
„Quirindros haizt geirstain. den zeuht
man dem geirn auz seim him und ist
guot wider all schedleich sach und füllet
den ammen ireu prüstel mit milch“ 67 ).
Der „Nosech“ aus dem Krötenh. „ist
guot für den würm piz und für vergift“,
der „Dracontides“ oder Drachenstein, „den
nimt man auz ains drachen him, und
zeuht man in niht auz ainz lebendigen
drachen him, so ist er niht edel“. Er
hilft gleichfalls gegen Gift 68 ).
*•) Hansen Zauberwahn 341*. 19 ) Aleman¬
nia io (1882), 6 f. 20 ) Bargheer Eingeweide
|66. 21 ) SAVk. 6, 53; Höf ler Organotherapie
05 f. a2 ) Schröder Jagd-Kunst (1728) 165;
Grässe Jäger-Brevier 2 (1869). 23 ) Männ-
ling (1713) 311; Buck Schwaben (1865) 52.
•*) Gesner Vogelbuch (1555) 319; ZfVk. 23,
127. M ) Höf ler Volksmedizin (1893) 164.
M ) Friedli Grindelwald 2, 219. 27 ) Wurth
Niederöstr. 1 (1865), 75. 28 ) mündlich Ham¬
burg. 29 ) SAVk. 3, 216. 30 ) Haas Rügen 39;
vgl. Schiller Mecklenb. 1, 2. 31 ) Archiv d.
Pharmazie 262, 411; vgl. noch Alsatia 1856/57,
288. 32 ) Alemannia 8 (1880), 286. 33 ) Becher
(1663) 42. 34 ) Bargheer Eingeweide 167.
14 ) John Westböhmen 317. 36 ) Bartsch Meck¬
lenb. 2 (1880), 37; Bargheer Eingcw. 167 f.
I7 ) ZfVk. 23, 7; John Westböhmen 329; ZföVk.
n (1905)» 174: SAVk. 7, 52. 38 ) SAVk. 7, 52.
••) Plinius nat. hist. 28, 17 ( 53 )- 40 ) Bar¬
gheer Eingeweide 168 f. 4l ) Plinius nat. hist.
29 , 6 ( 3 6 ) 42 ) Jörimann Rezept (1925) 22.
w ) Pfeiffer Arzn. 2, 154, 28. 44 ) Megenberg
Buch d. Natur (ed. Pfeiffer) 230, 1. 45 ) ZfVk. 1
(1891), 323. 46 ) Alemannia 10 (1882), 110.
47 ) Schöner von Karlstadt (1528) B 1; vgl.
Bargheer Eingeweide 248. 48 ) Plinius nat.
hist. 29, 6 (36). 49 ) Bargheer Eingeweide 248.
••) Fossel Steiermark (1886) 88; ZrhwVk. 9,
263; SAVk. 15, 48. 51 ) Paullini Dreckapo¬
theke (1714) 39. 52 ) Becher Parnassus med. 12;
vgl. für 1732: Janus 1900, 576. M ) Marshall
89. M ) Becher Parnassus 12. 55 ) Bargheer
Eingeweide 249. 5# ) Papyrus Ebers 282.
i7 ) Zusammenstellung bei Bargheer Einge¬
weide 249 £E. 58 ) Höf ler Organotherapie 60.
*•) 7, 49; Tabernaemontanus Artzneyb.
(1597) 146c; MsäVk. 8,91. ®°) Bavaria 4 (1866), 1;
ZfVk. 8,38 ff.; ZrhwVk. 1905, 287. 61 ) Taber¬
naemontanus Artzneybuch 508 d; ZfVk. 8,
68 ; Alpenburg Tirol (1857) 384; Plinius 28,
15 (60). <l ) Pauli Pfalz (1842) 71. •*) Plinius
Nat. hist. 30,39. 84 ) Buck Schwaben (1865)
52. tt ) Goldschmidt Volksmed. (1854) 121.
••) Megenberg Buch d. Natur 248, 25.
• 7 ) ib. 457, 14. «) ib. 444, 5.
3. Das Volk kennt nur wenige H.-
krankheiten. Ein Zusammenhang
zwischen H. und gewissen Lähmungser¬
scheinungen wird angenommen, wenn
man nach dem Vorbild der Ärzte des Alter¬
tums diese auf im H. niederfallende
Tropfen zurückführt. Jedoch redet die
ältere und die neuere Zeit zugleich vom
„Schlag“, nimmt also zunächst dämo-
nistischen Einfluß an 69 ). Im 12. Jh. wird
schon der „troppho“ 70 ) erwähnt als Krank¬
heitsbezeichnung, ein Arzneibuch des
13. Jb. gibt ein Rezept für einen, den „der
trophe wirret“ 71 ) (s. 1,1459 ff.). Bei Taber¬
naemontanus ist offen die Ansicht gegeben,
der Schlag stamme aus dem H. Unter
den 5 vermerkten Arten marschiert an
dritter Stelle: „Paralysis, der Schlag
vn Tropffen“ 72 ). Wenn auch der Schlag
oder Tropfen andere Teile des Körpers
treffen kann, so herrscht doch im allge¬
meinen die Ansicht vor, daß der Tropfen
im H. falle. Gewöhnlich sind es drei Bluts¬
tropfen (s. d.), die Erkrankung und den
Tod bringen. Geiler spricht vom „schlack“
oder „tropfft“ oder „parli“: „sie sagen das
der brest im H. sei, vnd die ederli, die
zuo dem h. gond, wenn sie gantz ver-
stopffet sein von wuost, so werd sant
veltins siechtag daruss, so sprechen ir,
cs hangen drei tropffen am h.“ 73 ). Nach
niederösterreichischem Glauben hat jeder
Mensch drei Blutstropfen im Kopf.
Fällt einer zur rechten Seite herab, so
trifft ihn der Schlag rechts, fällt der
Tropfen links, wird die linke Seite lahm,
der Fall des Tropfen in der Mitte aber
bringt den Tod 74 ). Ähnlich heißt es in
der Steiermark 75 ), in Tirol 76 ) und in
Schwaben 77 ). Im Frankenwald sagte man
bei plötzlichem Tode, drei oder auch sie¬
ben Blutstropfen seien ins H. oder Herz
geschossen 78 ). Beim Ohrenklingen soll
gleichfalls ein Tropfen Blut herabfallen 79 ).
Bei „Geschoß“ (s. d.) oder „Kopfgeschoß“,
heftigem Kopfschmerz, sind selten Ver¬
knüpfungen mit dem H. festzustellen,
ebensowenig wie bei Geisteskrankheiten,
Fallsucht (s. d.) u. Tollwut (s. d.). Bei
allen wird dämonistischer Einfluß ver¬
mutet, wie denn durch Zauberei auch das
H. beeinflußt werden kann. 1633 be-
kennt ein 16 jähriger Zauberer, daß er
Leuten das H. aus dem Kopfe gezaubert
habe durch Berühren mit einem vergif¬
teten Stäbchen 8Ü ). Eine Hexe glaubt
man treffen zu können, wenn man einen
Nagel in einen Balken treibt, dabei ihren
Namen und den Teufel nennt. So weit
der Nagel eindringt, so weit dringt er der
Hexe ins Haupt 81 ). Auch der böse Blick
kann Kopfschmerzen verursachen nach
wendischem Glauben 82 ). — Häufig wer¬
den Tiere als Erreger von H.-kränklichen
angenommen. Nach dem Glauben der
Mark erregten ,,Elben“ Kopfschmerz und
Gedächtnisschwund, cs gibt schwarze,
rote und weiße Elben, die man sich viel¬
leicht als Würmer vorstellte 83 ). Die an
prähistorischen Schädelfunden beob¬
achtete Trepanation mag derartige Auf¬
fassungen zum Grunde haben. Im alt¬
deutschen Gedicht vom Reinhart Fuchs
kriecht dem Löwen eine Ameise ins H.
und veranlaßt sein Siechtum 84 ), im Mit¬
telalter wird häufiger von Würmern ge¬
sprochen, die sich im H. aufhalten 85 ),
Konrad von Megenberg kennt den Wurm
im Haupte des Hirsches, ,,dcr in oft mü-
et“ 86 ), der aber anscheinend zum Leben
so wichtig ist wie der Herzwurm (s. Herz).
Vom H.wurm erzählt anschaulich die
Düdesche Arstedie: „Wedder den worm,
de in deme koppe ys. Snyd eine den bra-
genkop vp vnde lat de scheluere darto
hanghen vnde nym klcyne boemwulle
vnde bore deme worme de vothe behende-
liken vp vnde legge em wat boemwulle
darvnder myt enen behenden instru-
mento vnde des gelik do vnder alle syne
vothe. Dama nym eyne behende tanghe
vnde the ene hastliken vth vnde vathe
ene yo vaste vnde se darto, dat he dy
nicht wedder vntvalle, he sloge anders
syne vothe vnde syne clawen in dat
braghen, vnde so moste de mynsehe
steruen“ 87 ). Nach der genauen Be¬
schreibung scheint es fast so, als ob
wirklich solche Operationen vorgekom¬
men sind. Um 1600 gibt es ein Mittel
gegen ,,Würmer im Gehirn“ 88 ). Seitz
erzählt 1715 noch ausführlich von der
Tätigkeit der H.würmer 89 ). Auch
heute ist der alte Glaube lebendig. In
Finkenwärder warnt man davor, die Nase
dicht an Blumen zu bringen, es könnten
Käfer ins H. dringen ö0 ). In der Schweiz
trifft man die Meinung an, H.krankheiten
rührten von Ameisen und Würmern her,
die man ausräuchern könne 91 ), nach
württembergischem Glauben wird Geistes¬
krankheit durch Wasser oder durch einen
Wurm im H. verursacht 92 ). Verein¬
zelt wird auch sonst Wasser im H. ver¬
mutet, bei Lähmungen vom Zergehen
des H.s gesprochen 93 ). Entzündung der
H.häute wird ,,Hirnebrand“ genannt ö4 ).
Andere Anschauungen von H.krank¬
heiten gehen zurück auf die Säftelehre 95 ).
Kalt und feucht ist das H. ,,Quod si forte
aliquando exsiccatur, mox in infirmitatem
ducitur“ 96 ), sagt Hildegard von Bingen.
Gereinigt wird das H. durch den Schleim,
der aus der Nase abfließt 97 ). So überlie¬
fert im großen und ganzen das gesamte
Mittelalter. Geht der Schleim nicht durch
die Nase ab, so schlägt er auf die übrigen
Organe und schädigt sie. Umgekehrt
können Säfte und Dünste von den Or¬
ganen aufsteigen und dem Gehirn Scha¬
den bringen. H.schmerzen können nach
neueren Anschauungen immer noch ,,aus
dem Magen“ stammen 98 ), der Pfälzer
unterscheidet drei Arten von Kopfschmerz,
solchen aus dem ,,nach dem Kopf stei¬
genden Geblüte“, solchen aus der auf¬
steigenden Galle und „wenn der Fluß
sich auf den Kopf geworfen hat“ ").
Auch die Ansicht, daß das H. sich durch
den Nasenschleim reinige, ist heute noch
durchaus lebendig 100 ), beim Niesen ge¬
schieht die Reinigung gründlicher, wes¬
halb Niespulver empfohlen wird 101 ). —
Bei der Heilung von H.krankheiten wird
fast allgemein nur der Kopfschmerz
bekämpft. Außer organotherapeutischen
und mechanisch kühlenden Mitteln 102 )
wird empfohlen, die Krankheit mit dem
Urin fortzulassen 103 ) oder in einen um¬
gekehrt wieder eingelegten Wasen oder
in ein Vogelnest zu bannen 104 ). In Ost¬
preußen wird das „Aufkochen des Bre¬
gens* 1 angeraten: „Dem Kranken muß
Wasser auf dem Kopf kochen! Das ge¬
schieht mittelst eines irdenen Topfes und
einer Schüssel. Das Wasser kocht ohne
85
Hirsch
86
Feuer und verschwindet ganz. Und so
wie das Wasser verschwindet, sind auch j
die Kopfschmerzen weg“ 105 ). Waschung
mit Osterwasser soll helfen wie die Opfe¬
rung von Votivköpfen, bekannt ist die
Hilfe durch die Johannishäupter 106 ).
St. Pantaleon hilft gegen Kopfschmerz,
weil ihm nach der Legende ein Nagel
ins Gehirn getrieben wurde 101 ), andere
H.-schmerzheilige sind Athanasius, Ma¬
karius und Quirinus. — In Kopfschmerz¬
segen werden „die kleinen Leute“ be¬
schworen, aus dem Haupte zu gehen 108 ),
sonst wird „das wilde Geschoß Anwart“
oder „Anwaht“ (s. d.) gebannt 109 ), das in
seiner Wurzel vielleicht auf wehen zurück¬
geht und damit dämonistischen Ursprung
verrät.
Gegen „Hauptscheid“, bei dem die
Schädelknochen angeblich drohen zu zer¬
springen, wird gesagt:
H. verschließe dich,
wie Maria ihren Leib verschlossen hat
vor ihrem Mann 110 ).
••) Bargheer Eingeweide 345 f. 70 ) Ger¬
mania 18, 46. 71 ) Pfeiffer Arzneibuch 2,
138. 8 . 72 ) Taberna emontanus Artzneybuch
I43. 73 ) Rochholz Gl. u. Br. 1, 41. 74 ) Wurth
Niederöstr. 2 (1866), 289. 75 ) Fossel Steierm.
(1886) 88 f. 7Ö ) Alpenburg Tirol (1857) 370;
Zingerle (1859) 459; Menghin 115. 77 ) Buck
Schwaben 15. 78 ) Flügel Frankenwald (1863) 76.
7 *) Ebeling Drömling (1889) 275; Köhler
Voigtland 397; Wurth Niederöstr. 2, 289.
I0 ) Alemannia 4, 170. 81 ) Buck Schwaben 67.
•*) Schmaler-Haupt Wenden (1843) 261;
v. Schulenburg Wenden 1, 225. 8a ) Kuhns
Zeitschr. 13, 142 ff.; Grimm Mythol 3, 498 ff.;
ZfdA. 4, 389; Wolf Beiträge 2, 228 f. 84 ) Grimm
Mythol. 2, 980. 85 ) Lammert 129; vgl. Büch¬
ner Arzte u. Kurpfuscher (1922) 302. 8e ) Me¬
genberg Buch der Natur 130. 87 ) Norrbom
Düdesche arstedie 134, 22. 88 ) ZföVk. 3, 343.
M ) Seitz Trost der Armen (1715) 504 f. 90 )
mündlich. 9l ) Manz Sargans 81. 92 ) Höhn
Volksheilk. 1, 134 f. 98 ) Br enner-Schäf fer
Oberpfalz (1861) 29. 94 ) Friedli Lützelflüh 1
(1905), 450. 9S ) Bargheer Eingeweide 349 f-
H ) Hildegardis caus. et cur. 91, 27. 97 ) ib. 97,
10; Bargheer Eingeweide 350. 88 ) Flügel
Frankenwald 62. 99 ) Pauli Pfalz (1842) 14.
I0 °) Wolf Beiträge 1 (1852), 206; Goldschmidt
Volksmed. (1854) 115; Fossel Steiermark 96;
Flügel Frankenwald 62; Buck Schwaben (1865)
16. 101 ) Bargheer Eingeweide 351. 102 ) ib. 352.
10t) Wlislocki Siebenbürgen 1 (1893), 99.
104 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 238. 106 )
Lemke Ostpreußen 1, 53; ähnl. BllpommVk.
5, 86. 10e ) Bargheer Eingeweide 352; SAVk.
14, 287 ff. l07 ) Buck Schwaben 27; Lammert
Bayern 223. l08 ) Frischbier (1870) 74; ZfVk.
5, 15 ff.; Wolf Beiträge 1, 256. 109 ) Höhn 121;
Wuttke-Meyer 182. n0 ) Höhn 125, andere
Kopfschmerzsegen bei Bargheer Eingeweide
334 f. Bargheer.
Hirsch (Cervus elaphus, Rothirsch und
Dama dama, Damhirsch).
1. Name. Die Cerviden verfügen über
eine große Menge idg. Namen 4 ). Ich
hebe hervor 1. sert. reya-, ahd. elah
(unser Elch), lat. alces (vgl. IV) 2 );
2. gr. el.crf'j c — der Gehörnte, dazu
altsl. jeleni, unser Elen 2 ); 3. lat. cervus,
verwandt mit gr. xsp nc, xepsoc, gehörnt,
\ ahd. hiruz, mhd. hirz, unser H., ags.
heorot, an. hjortr; daneben gr. xspa^
ahd. hinta, mhd. hinde, Hinde 2 ). Damh.
geht auf lat. dama, worunter die Alten
eine Antilope verstanden 3 ). In den Sette
! communi heißt der H. biliarochs, die
Hinde billakua 4 ). Volkstümliche ro¬
manische Namen verzeichnet Rolland 6 );
in der deutschen Weidmannssprache findet
sich für den H. ein großes Material 6 ).
Über Beziehungen zwischen H.ge weih und
Hahnrei vgl. Germania 26, 124 f. 6a ); zu
Ortsnamen mit H.: Schröder in Germ.-
rom. Monatsschr. 17, 27.
*) Schräder Reallex. i 2 , 501 ff.; Sigm.
Feist Indogermanen 1913. 181. 2 ) Ebd.; vgl.
auch Pauly-Wissowa 8, 1936 t.; mundartl.
Formen von „Hirsch" Grimm DWb. 4, 2,
1563 f.; im Isergebirge ist heut noch die schwache
Form Hirsche üblich. 3 ) Keller Tiere 73;
Pauly-Wissowa 8, 1937. 4 ) Balla Torre
Tiernamen 82. 6 ) Rolland Faune 1, 92 ff.
6 ) Antike Weidmannssprache: Pauly-Wis¬
sowa 8, 1489 t.; romanische: Rolland 1,
94 ff.; deutsch: Ulrich Morhart Handtbüch-
lin grundtlichs bericht s, recht vnd wolschry-
benes 1501 = Sattler Teutsche Orthographey
1617 = ZfdPhil. 13, 369. 6a ) Vgl. auch Ed¬
mund O. v. Lippmann Beiträge z. Gesch. d.
Naturwiss. u. d. Technik 1923, 225 f.
2. Naturwissenschaftlicher Aber¬
glaube. Das MA. wußte vom H. nicht
mehr als die Alten 7 ). Er wirft sein Ge¬
weih ins Wasser 8 ) oder verscharrt es
mißgünstig 9 ); das neue hält er zum
Trocknen in die Sonne 10 ). Eine aben¬
teuerliche Darstellung des Geweihwech¬
sels gibt die hl. Hildegard 11 ). Lunge
und Herz sind im Märchen ähnlich
Menschenlunge und -herz 12 ); doch er¬
zählte Aesop, er hätte kein Herz 18 ), ein
87
Hirsch
88
verbreitetes Marchenmotiv 14 ). Im Herzen
sei ein Knochen enthalten (s. § n) 15 ). Da
man die Gallenblase bei ihm vergeblich
suchte, fand man sie am Schwanz 16 ),
in den Därmen 17 ); deswegen rieche das
Fleisch übel 18 ), sei schwarz und schwer
verdaulich 19 ). Die Juden fanden es da¬
gegen nach Mannah schmeckend 20 ). Die
Hinde hat einen engen Uterus und
empfängt (slav\ Juden)» gebiert (babylon.
Juden) nicht eher, als bis eine Schlange
sie in die Scham gebissen hat 21 ). Schlange
undH. sind sonst einander feind (s. §4e) 22 ).
Die Schlangen saugen den Hinden die
Milch aus 2Z ). Der alte H. verschlingt
eine Schlange, trinkt und wechselt die
Haut; so wird er wieder j ung 231 ). Weil
der H. die Schlange „anzieht“, eine an¬
ziehende Kraft hat, braucht man das
Geweih im Liebeszauber (zieht das Ge- i
liebte an) 23b ). Die Hinde erleichtert
sich die Geburt durch das Verzehren
gewisser Kräuter 24 ), wie dem H. über¬
haupt Kenntnis der Heilkräuter zuge¬
schrieben wird 25 ). Aus seinem Speichel
(semen?) entsteht die „Hirschbrunst“ 26 ).
Damit bringt er sein Alter weit über das
menschliche hinaus : 3 (Plinius VIII 119)
oder im Deutschen 3x3 Menschenalter 27 ).
Von gezähmten H.en ist öfter die Rede 28 ).
DerH. ist neugierig, dumm 29 ), liebt musi¬
kalische Geräusche 30 ), fürchtet aber den
Laut des Fuchses 31 ). Im Herbst kämpfen
die H.e um die Herrschaft, und dem, der
siegt, unterwerfen sie sich fröhlich 32 ).
Wunde und sterbende H.e weinen 33 ).
Sagen, welche den weißen Spiegel, das
weiße Bauchfell, einen messerähnlichen
Knochen im Bein erklären wollen, finden
sich bei den Esten 34 ). Die Schwanzspitze
ist giftig 343 ) in der Brunstzeit 34b ).
7 ) Über deren geringe Kenntnis: Keller
Tiere 92. 8 ) Megenberg i°7* *) Keller Tiere
92; Pauly-Wissowa 8, I 94°* *943 (Plin.
VIII 115). Vgl. Rolland Faune i, 101 Nr. 14.
10 ) Megenberg 107; Pauly - Wissowa 8,
1940. u ) Hovorka-Kronfeld 1, 213. 12 )
Grimm KHM. Kr. 76. 13 ) Höfler Organo¬
therapie 241; Keller Tiere 93 (großes Herz:
PHn. XI 183); Pauly- Wissowa 8, 1944.
14 ) Aly Volksmärchen 259; Grimm Sagen
Nr. 491; Goedeke Deiche Dichtung im
MA . 1854, 628. 16 ) Megenberg 107. Vgl.
Meerwarth-So f fei Lebensbilder aus d. Tier¬
welt Europas 2 3 (1921), 88. 14 ) Ebd.; Keller
Tiere 77 (Arist. II. n, 5); Megenberg 107;
Alemannia 13. 145. 17 ) Megenberg 107. 18 )Ebd.
nach Plin. XI 192. 19 ) Arist. II 67; Megen¬
berg 108. 20 ) bin Gorion Sagen d. Juden 4.
292. 21 ) J. Scheftelowitz Altpaläst. Bauern¬
glaube 18; Bapt. Porta Magia naturalis 1713,
16.832. 22 ) Krauß Tausend Märchen der Süd¬
slawen 76 f.; Agrippa v. Nettesheim i, 116;
Keller Tiere 88f.; Pauly-Wi sowa 8, 1944
(Ael. II 9. VIII. 6.; Plin. VIII 118). Deshalb
vertreibt man sie mit H.horn: Megenberg 107;
Stemplinger Sympathie 14. **) Montanus
Volksfeste 167. 23a ) Joh. Kelle Speculum ec -
clesiae 1858, 11; Agrippa v. Nettesheim 1, 105;
Osw. Croll Basilica chymica 1622, 52; ders. Von
den innerlichen Signaturen d. Dinge 1623, 63;
Hess. Bl. 22. 65 f.; Joh. Schröders Medico-
chymische Apothecke 1685, 1277; dort noch
mehrere Meinungen. 23b ) Andreae Tenzelii
Medicinisch-philosophisch- u. sympathetische
Schrifften 1725, 285. 24 ) Megenberg 106;
Agrippa v. Nettesheim i, 113; Pauly-Wis-
sowa 8, 1941. 25) Ebd. 1944 (Aufzählung);
Keller Tiere 92 f.; Just. Christ. Hennings
Von Ahndungen 11. Visionen 2 (1783), 4441!.;
Agrippa v. Nettesheim 1, 113; Croll innerl.
Signaturen 61; Staricius 57; Bapt. Porta
Magia naturalis 1713, 59 §4. 5; Paracelsus
Opera 2 (1616), 545 f. = Archidoxis magicae =
Bücher v. Schrifften 1589. X Append. 70; Ger¬
mania 36, 382 (Steiermark) = Dähnhardt
Natursagen 2, 95; Alemannia 1, 198 (wird
Ehrenpreis genannt); H. kennt Lebenskraut:
Peuckert Schlesien 87. 26 ) Paracelsus Bücher
vnd Schrifften 3 (1589), 52; Boletus Cervinus =
Osw. Croll Von d. innerlichen Signaturen d.
Dinge 1623, 42. 27 ) Keller Tiere 92; Pauly-
Wissowa 9, 1943; Meerwarth -Soffel Lebens¬
bilder 3, 96; Megenberg 106; ZfdA. 3, 28;
Zaunert Rheinland 1, 49 h; Alemannia 13, 145;
Wackernagel Epea 10; Joh. Wilh. Wolf
Dtsch . Märchen u. Sagen 1843, 420. So daß ihm
Efeu auf Geweih wächst: J. F. Brandt u.
Ratzen bürg Medizin. Zoologie 1 (1829), 37.
28 ) Vgl. 4a; Keller Tiere 89 f.; Pauly-
Wissowa 8. 1944 f.; Megenberg 108. 29 )
Pauly-Wissowa 8, 1944. 30 ) Keller Tiere
93; Pauly-Wissowa 8, 1944; Megenberg
io6f.; Brandt u. Ratzenburg Medizin.
Zoologie 1, 37 N. 5. 31 ) Megenberg 107. 32 )
Ebd. 107; Lonicer Kreuterbuch 1577, CCCXI R.
M ) Montanus Volksfeste 167; auch wenn sie
durch Zauber gestellt werden: Knoop Tierwelt
61 Nr. 508; Reiser Allgäu 1, 205t. **) Dähn¬
hardt Natursagen 3, 87 f. 15. Ma ) Lonicer
Kreuterbuch 1557, CCCXII A.; Joh. Schröders
Medicin-chymische Apothecke 1685, 1281; Croll
Innerliche Signaturen 49, Heilung durch Genuß
des H.herzens. MschlesVk. 29, 289 nach
Schwenckfeld.
3. Der H. im Altertum. Der Roth,
ist unter den paläolithischen Jagdtieren
Westeuropas häufig, fehlt aber in den
Hirsch
90
Tundren Mitteleuropas 35 ). Erst mit dem
Axilien erscheint er hier und bleibt bis in
die röm. Kaiserzeit beliebtestes Jagdtier S5 ).
Geweihe und Knochen werden verarbeitet;
lie sind besonders für das ausgehende Pa-
liolithikum von Bedeutung, so daß man
Von einem H.zeitalter spricht 36 ). Schmuck
Aus H.zähnen erscheint bereits im Aurig-
nacien; ich erinnere ferner an die Ofnet-
bcstattungen 37 ). Dargestellt ist der H.
recht häufig worden, und solche Dar¬
stellungen reichen bis in die historische
Zeit (vgl. 4) 38 ).
Das antike Europa kannte nur den
Roth. 39 ). Der Damhirsch war in Klein-
tsien zu Hause. Von dort ist er durch
den Artemiskult bekanntgeworden 40 ).
Der H. ist der Artemis Tier (als Jagd- 41 )
oder Mondgöttin 42 )); sie beschützt ihn 43 ),
empfängt H.opfer 44 ), verwandelt sich in
eine Hinde 45 ), wie auch ihre Hypostasen
Arge, Iphigeneia, Taygete H.gestalt an¬
nehmen 46 ). In ihren Hainen werden H.e
gezogen 47 ). Über andere mit dem H. zu¬
sammengebrachte Gottheiten vgl. Orth 48 ;.
Marx hat in Aktaion einen alten, hirsch¬
köpfigen Berggott sehen 49 ) und ihn mit
dem keltischen, h.köpfigen Cernunnos 50 ),
der durch eine Abbildung auf dem
Gundestruper Silberkessel bekannt ist,
Ausammenbringen wollen.
Ebert Reallex. 5, 326. 3fl ) Ebd. 1, 302.
305; Peuckert Schles. Vk. 9 nach Altschlesien
I, 2 ff. 37 ) R. R. Schmidt Die diluviale Vor -
uit Deutschlands 1 (1912), 38. 40; Ebert Real¬
lex. 4, 2, 452; G. Koss in na Indogermanen 1
(1921), 17; Ebert Reallex. 5, 324b. 38 ) Moritz
H Oernes-Menghin Urgeschichte der bildend.
Kunst in Europa 3 (1925), 161; H.Breuil Font-
de-Gaume 1910, 182 ff. Einzelne Darstellungen:
H oernes-Menghin: Paläol.: 143. 144. 151.
*53- 154. 158 f. H.maske: 669. Prämy-
kenisch in Troja: 496. Bronzezeit: Bohuslän
235; Lahse (s. 4a). Eisenzeit: 507. 509. Vgl.
auch Ebert Reallex. 4, 216. 217; 9 Tfl. 175;
Georg Wilke Relig. d. Indogermanen 1923, 170t.
222; Schröder in Germ. rom. Monatsschr. 17,
411. M ) Pauly-Wissowa 8, 1937b 40 ) Keller
Tiere 73 f. 41 ) Wernicke bei Pauly-Wis¬
sowa 2, 1344 f. 4a ) Keller Tiere 76; Wilke
Religion d. Indogermanen 159. 43 ) Pauly-
Wissowa 2, 1377. 44 ) Ebd. 2, 1344; 8, 1947;
Keller Tiere 96f. 46 ) Ebd. 95. 46 ) Wernicke
bei Pauly-Wissowa 2, 1355. 1357b 1360;
Carl Pschmadt Sage v. d. verfolgten Hinde,
Greifsw. Diss. 1911, 15f. 47 ) Pauly-Wissowa
8, 1942. 1947b 48 ) Pauly-Wissowa 8, 1946b;
Pschmadt 8 ff. 49 ) Sitzb. Leipz. 58 (1906),
101 ff. 50 ) Abbildung u. Literatur: Ebert
Reallex. 4, 2, 576 f.
4. Der H. in der Mythologie.
a) An der Weltesche nagt der H.
Eikthyrmir (Grimnismal 26), wohl ein
älteres mythisches Wesen 51 ), von dessen
Geweih die Quellen tropfen, der aber hier
nur noch in der Nebenrolle des Zerstörers
der Esche erscheint 52 ) (Die Tatsache, daß
H.e Eschenlaub verzehren, mag diese Um¬
formung bewirkt haben). In der Solarljodr
(um 1200) ist vom Sonnenh. 53 ), den zwei
am Zaum führen, die Rede. Man wird
an ein Tier denken müssen, das den
Sonnenwagen zieht; schon die bronze¬
zeitlichen Felsbilder von Bohuslän zeigen
den H. dabei; ich erinnere ferner an
den früheisenzeitlichen Kultwagen von
Strettweg 54 ). Der Jagdgott Freyr 55 ),
der schwertlose 56 ), erschlägt mit einem
H.geweih (H.geweihaxt ? vgl. 3), den
Riesen Beli 57 ). Den Frodi = Freyr 58 )
tötet ein gejagter H. mit dem Geweih
(Skoldungasaga) 59 ). Von den Goten
erfahren wir, daß ihr König (der Ver¬
treter der Gottheit 60 )) mit H.en fuhr:
fuit alius currus quatuor cervis junc-
tus, qui fuisse dicitur regis Gothorum 61 ).
Endlich bin ich geneigt, die Dios-
kurengottheit der Vandali, die Alces,
deren Name schon an den H. erinnert
(s. 1), als ein h.reitendes Brüderpaar
aufzufassen 62 ). Eine Vase, in Lahse
(Schlesien), Bronzezeit Periode VI Mon-
telius, gefunden, würde diesen Schluß
stützen 63 ). Wir würden also bei den
Ostgermanen den H. als Göttertier finden.
Bei den Umzügen des Kultbildes, die
uns hier mehrfach bezeugt sind (Freyr,
Nerthus), mag er den Kult wagen gezogen
haben.
Das schließe ich nicht nur aus der go¬
tischen Nachricht; darauf führt auch, daß
einmal erzählt wird, eine Jungfrau sei als
Braut der Gottheit mitgefahren 64 ), daß
andrerseits der H. oft in Begleitung einer
Jungfrau 65 ), frommen Frau 66 ), der Wald¬
frau 67 ), dem Hirzefräulein 68 ) erscheint.
Im 15. Jh. fährt die „Zeit“ auf einem
mit H.en bespannten Wagen 68a ). Ein H.-
gespann erscheint vor einem Wagen in
Hirsch
92
9 *
Muotes Heer 68b ). Er ist Frodi gebannt 69 ),
erscheint an heiligen Orten 70 ) und auch,
wenn deutsche Kaiser ihm einen goldnen
Halsring anlegen 71 ), hat das bannende Wir¬
kung, obwohl es sich hier um eine Neben¬
form des goldberingten Geweihes (s. u.)
handeln kann 72 ). Infolgedessen ist es ein
Frevel, ihn zu töten 73 ). Als Nachklang
eines solchen Umzuges fasse ich die thü¬
ringische Sage vom Frühlings- und
Herbstumritt einer weißen Frau auf dem
H. auf 74 ). Von Fahrten mit einem
H. -gespann erzählen noch heute Sagen 74a ).
Daß der H. auch im Slavischen eine Rolle
spielt, sei nur erwähnt 74b ).
81 ) Vgl. bin Gorion Sagen d. Juden 1 (1910),
66 f. 62 ) Vgl. die Umgebung der Strophe!
Auch 33: Simrock Myth. 37f.; Bugge Helden¬
sagen 504^. 53 ) Zum „Sonnenh.“: Wolf Bei¬
träge 1, 105 f.; Simrock Bertha die Spinnerin
1853, 77 ff-; üers. Myth. 353 ff.; Pröhle
Unterharz 187f.; Zingerle Oswaldlegende 93s.;
Rochholz Sagen 2, 189 ff.; Kuhn in ZfdPh.
I* 89^.; Losch Balder ; Meyer Germ. Myth.
109; Liebrecht in Germania io, in; Georg
Wilke Religion d. Indogermanen 1923, 135.
M ) Hoernes-Menghin Urgeschichte d. bildenden
Kunst 1925, 235. 507. «) Grimm Myth. 178.
66 ) Lokasenna 42 (Genzmer Edda 2, 57). * 7 )
Gylfaginning c. 37; Meyer Germ. Myth. 157
§203; doch vgl. Neckel-Niedner Die jüngere
Edda 84. 58 ) NeckelBalder ioöff. 59 ) Schröder
Germanentum 63. 60 ) Kauffmann Balder 220
nach Jordanes: Gothi proceres suos non puros
homines sed semideos id est ansis vocaverunt.
91 ) Vopiscus in Aureliano 33 = Rochholz
Sagen 2, 189; vor Thors Wagen denkt ihn R. M.
Meyer Relgesch. d. Germanen 284. 62 )Peuckert
Schles. Vk. 14t. 242f. 63 ) Hoernes-Menghin
53 T - 533 ; Ernst Petersen D. frühgerman. Kultur ,
in Ostdeutschland u. Polen 1929, 25f. ® 4 ) Mann-
hardt 1, 580. M ) Panzer Beitrag 2, 184;
Herzog Schweizersagen 1, 25; Rochholz Sagen
I, 221 ff.; Menzel Odin 216; Pröhle Unterharz
36. 158; Kuhn Mark. Sagen 8f. ®®) Pröhle
Unterharz Nr. 92; Rochholz Sagen 2, 194. 194 t.;
Kohlrusch Sagen 307; Zaunert Westfalen 97.
• 7 ) ZfVk. 10 (1900), 199; Mannhardt 1, 132.
M ) Meyer Germ. Myth. 280. ® e a) Paul Kristeller
Kupferstich u. Holzschnitt in vier Jh.en 4 1922,177.
Mb ) Reiser Allgäu 1, 45. «») ZfdPh. 1, 106 f.
70 ) Knortz 65 nach K.Gander Niederlausitz 181.
n ) Grimm Sagen Nr. 440; Kuhn in ZfdPh. 1,
106 f.; 90 N. 1; Goyert-Wolter 8; Wolf
Niederländ. Sagen 67. 675; ARw. 3, 360«.;
Deecke Lübische Sagen 15. Vgl. Bartsch
Mecklenburg 1, 322. 7i ) Pschmadt 126 ff. 73 )
Kuhn Westfalen 1, i22.i8o;Kuhnu. Schwartz
250 f. 290; Rochholz Sagen 2, 190. 51;
Schönwerth Oberpfalz 3, 166. Vgl. Wolf
Beitr. 2, 425; Heyl Tirol 243; Brandenburg
219; Reiser Allgäu 1, 421; ZfdMyth. 1.
31 f.; Schöppner Sagen 3, 256 f. ; Simrock
Rheinsagen 146 = Germania 1, 75 f.; Haupt
Lausitz 2 , 114 — Kühnau Sagen 3, 401 f.;
Henne-am-Rhyn Deutsche Volkssage 152;
Wuttke 53 § 59. Vgl. unten zu 101. 74 ) Witz-
schel Thüringen 2, 133. 74 a) Peuckert Sibylle
Weiß-, Zauner tHessen-Nassau 242. 74 *>)Graesse
Preußen 2, 41 1; Jungbauer Böhmerwald 169;
Sieber Wend. Sagen 1925, 31.
b) Die verfolgte Hinde. Die Griechen
kennen in verschiedenen Varianten die
Sage von der Verfolgung einer Hinde
mit goldenem Geweih 75 ). Pschmadt hat
in der verfolgten Hinde Artemis, im
Jäger Apoll gesehen 76 ), ihr goldenes
! Geweih aus dem Semitischen herleiten
wollen 77 ) und hat diesen Sagenkreis
bis ins MA. verfolgt. Es wird aus dem
gejagten ein (von Gott gesandtes) wei¬
sendes Tier 78 ). Furten zeigt es in Sagen
aus der Völkerwanderungszeit an 79 ); die
verlorne Tochter 803 ), Quellen 80 ), Heil¬
brunnen 81 ), Bergwerke 82 ), Schätze 83 )
weist der H. noch heut.
75 ) Pschmadt 8 ff. (Apollod. Bibi. II 81;
Pindar Ol. III 24; Diod. IV 13; Callim.
Hymn. III 98 ff.; Pausanias Descr. Graeciae
H 30, 7; VIII 22, 6 ff.; dazu Schol. Pind. Ol.
III53 cd; Hygin. Fab. 205). 7 *) Ebd. 22. 77 )Ebd.
23 ff. (kerynitische Hinde. hebr. qeren = Horn,
Lichtstrahl). 78 ) Ebd. 31; Joh. Schober Sagen
d. Spessarts 1912, 26. 79 ) Pschmadt 30 ff. 38 ff.
(Procop. Bell. Goth. IV 5; Jordanis Getica
24; Gregor. Tur. Hist. Francorum II 37;
Thietm. Merseb. Chronicon VII 53 = Grimm
Sagen Nr. 449; vgl. Bolte-Polivka 2, 485;
officium des hl. Karl, Karlamagnussaga I 51;
V 17; Ogier le Danois 262 ff.); Grimm Myth.
955 ; Zaunert Hessen-Nassau 178; Friedr.
Bangert Tiere im altfranzös. Epos 1885, 145f.
80 ) Deecke Lübische Sagen 15; Meyer Schleswig-
Holstein 96; Harrys Niedersachsen 2 (1840),
15 = Henne-am-Rhyn Deutsche Volkssage
152; Haupt Lausitz 2, 184 Nr. 288. 8 °a) Wolf
Niederländ. Sagen 102 f. 81 ) Jungbauer
Böhmerwald 151; Kühnau Mittel schles. Sagen
2 f.; Aachen: Pschmadt 55h nach MG. SS. 26,
725 etc.; Zaunert Rheinland 1, 67; Wolf
Dtsch. Märchen u. Sagen 378; ZfdU. 14 (1900),
408 f.; Karlsbad: Keller Tiere 362 Anm. 214;
Jungbauer Böhmerwald 151; Zingerle Sagen
1859, 122 f. 495; Lütolf Sagen Nr. 242. 243;
Birlinger Aus Schwaben 1, 189; Müllenhoff
Sagen 104 f. — Graesse Preußen 2, 1059; ebd.
87. 252. 351 = Losch Balder 62; Gastein:
Freisauff 434 f. 436 f.; L. Bechstein
Die Volkssagen ... Österreichs 1 (1840), 1081;
Warmbrunn: Rübezahl (Stettin) 2 (1925); 5
(1928), 25. 82 ) Zingerle Sagen 1859, 123;
Sieber Harz 71 = Kuhn u. Schwartz 187 =
Pröhle Unterharz 198. 83 ) Witzschel Thü-
fingen 1, 170; vgl. Baader Sagen 310.
c) Der H. als Unterweltstier. Zum
Sftgenkreis von der verfolgten Hinde
0.), zu dem schon die Sagen vom H.
al* weisendes Tier (s. d.) zu stellen waren,
IPchnet Pschmadt auch die besonders
in der bretonischen Dichtung bezeugten:
•in Held wird auf der Jagd vom H. in
den Wald (übers Wasser) ins Feenreich
verlockt, wo er der Feen Liebe genießt 84 ).
Doch begegnet diese Sage so häufig,
<ÜLß die bretonischen Lais wohl nicht die
so die Riesin 109 ) f die Hexe uo ), die weiße
Frau U1 ), die Jungfrau im Walde lia ),
Venediger 113 ). Ein H.geweih hat die
Swiza, die Pest, Tödin auf dem Haupt 1133 ),
darum als chthonisches Tier, mag er auch
der Hekate heilig sein 113b ). Vielleicht aus
solchem Wissen (H. = chthonisches Tier)
erklärt sich z. T. der alte Rechtsbrauch,
Wilddiebe auf H.e zu schmieden und die
in den Wald zu jagen 114 ).
8J ) Pschmadt 32 ff. 65 ff. Hierher stellt
Pschmadt auch Parzifal und Friedrich vonSchwa -
ben: ZfdA. 53, 312 ff.; 55, 64 ff.; 57. 135; Bolte-
•lleinigen Ubermittler darstellen. Der H. •
führt in den tiefen Wald 85 ), Abgrund 853 ), j
für Waldfrau (Wasserfrau) 86 ), weißen j
Jungfrau 87 ), zu den Riesen 88 ), zum
Zauberer oder zur Hexe, ins Zauber¬
land 89 ), zur verstoßenen Gattin oder zur !
Geliebten 90 ). Wenn die letzten Varianten
bretonischen Ursprungs sind, so kaum ’
die ersten. Sie erweisen vielmehr den H. :
*i* Führer in die Unterwelt (dergleichen
bildete gewiß auch bei den bretonischen
Lais einmal den Ausgangspunkt). So !
kennt ihn schon die Odyssee (K 158ff.).
Tote wurden ehemals in H.häuten trans¬
portiert 90a ). Ein chthonisches Wesen ist
Polivka 2, 345. 86 ) Pschmadt, Paus. VIII 22,
9; Hahn Märchen 1, 81; Bolte-Polivka 1,
444 (französ.); Gering aeventyri 2, 169;
Henne-am-Rhyn Dtsch. Volkssage 1879, 152;
Willibald Müller Beiträge z. Vk. d. Deutschen in
Mähren 1893, 133 f.; Meier Schwaben Nr. 389;
Kap ff Schwaben 19 f. = Germania 1, 1 ff.
(Zimmemsche Chronik); Schöppner Sa^n 2,
186; Herrlein Sagen d. Spessarts 2 1906, 153 f.
r88f.; Ullrich Kuhländchen 261 f.; Scham-
bach-Müller 154 f.; Graesse Preußen 2,87.
158 f. 843 f. Vgl. Panzer Beitrag 2, 184 ff., wohl
auch imMahabharata: A. Holtzmann Indische
Sagen 1921, 208. 85 *) Zaunert Hessen-Nassau
184. 115. 8# ) Mannhardt 1, 132; San Marte
Die Sagen v. Merlin 1853, 238; Altdeutsche
Bl. 1, 128 ff.; Schönwerth Oberpfalz 2, 223 f.;
Zaunert Westfalen 137; georgisch: Grigol
Robakidse Das Schlangenhemd 1928, 185.
der H., der von der versunkenen Alp Kla-
riden kommt 91 ), der den Ritter ins Unter-
Wcltschloß 92 ), Odin zur Trollkönigin
Hulda 93 ), Dietrich von Bern 94 ), den
wilden Jäger 95 ) verlockte. Der H. führt
*um Totenreich und -heer 96 ), nach „Ve¬
nedig“, dem Totenlande 961 ), Knappen
in den einstürzenden Stollen 97 ), ver¬
leitet zum Betreten des Lehniner Sees 98 ).
Glockenklang bricht seine Verlockung 99 ).
Dem Tode Verfallene reiten auf H.en 10 °),
ebenso wie dämonische Wesen: die wilden
Männer (auf einem Wartburgteppich),
die Waldfrau 101 ), die Wasserfrau 102 ),
der tschech. Rübezahl Pan Jan 103 ), im
Alemannischen die Schlangenjungfrau 104 ),
die Jungfer Lorenz (Tangermünde) 105 ),
die hl. Notburga loe ), der Dämon, der mit
Heliodor, dem antiken Faust, einen Ver¬
trag schließt 107 ), ein Pferd, das in der
wilden Jagd gesehen ward 1073 ), der wilde
Jäger [s. 5] 107b ). (Das Motiv ist schlie߬
lich in den Schwank abgesunken 108 )).
Ja. diese Wesen erscheinen selbst als H.e,
87 ) Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 2,
68 ff.; Graesse Preußen 2, 862; Rochholz
Sagen 2, 192. 221 ff.; H. Sachs vgl. Jos. Bock
Hygms Fabeln 1923, 62. 88 ) Naumann Isländ.
Volksmärchen 1923, 123 ff.; Panzer Beitrag 2,
186; Simrock Bertha die Spinnerin 86 f. 89 ) Vgl.
Nachw. 75; Pschmadt 95 ff.; Wolfdietrich
614 ff.; Grimm KHM. Nr. 85; Bolte-Polivka
1, 332 ff.; Panzer Beitrag 2, 95; Busch Ut
Öler Welt 57 ff.; Jungbauer Märchen aus Türke -
stan u. Tibet 1923, 139; A. von Löwis of
Menar Finnische u. estn. Märchen 1922, 289 f.;
Wolf Beitr. 1, 186; Jungbauer Böhmerwald
36; Bangert Tiere im altfranzös. Epos 146.
90 ) Ebd. 148; Bolte-Polivka 2, 341 ff. 346;
Ritter Radibolt (Volkslied 17./18. Jh.) ZfdA.
6, 59 ff.; Schöppner Sagen 1, 96 f.; J. W.
Wolf Niedert. Sagen 1843, 99 ff.; Rochholz
Sagen 2, 192 f.; Willibald Müller Beiträge z.
Vk. d. Deutschen in Mähren 1893, 127 ff.; vgl.
Simrock Myth. 332; Losch Balder 75 ff.;
Wolf Niederländ. Sagen 173. 90 ») Friedr. Ban¬
gert Tiere im altfranzös. Epos. 1885, 144.
91 ) Müller Uri 1, 74. 92 ) Rochholz Sagen 2,
191 = Graesse Gesta Romanorum Anhang 18;
R. Kap ff Schwaben 13 f. (vgl. Losch Balder
171. 19 f.); Herrlein Sagen des Spessart 176 f.;
Wolf Beitr. 1, 105; 2, 425; Ders. Deutsche
Märchen u. Sagen 317; Pröhle Harz 144; vgl.
Milenowsky Volksmärchen aus Böhmen 1853,
95
Hirsch
96
159 ff. M ) ZfdPh. i, 90; Meyer Germ, Myth.
246; Simrock Myth. 332; ders. Bertha die
Spinnerin 85; vgl. Bechstein Thüringen 2, 234;
Hochholz Sagen 2, 193. M ) Pschmadt 87;
Wilh. Grimm Deutsche Heldensage 3 1889, 44;
Thidrekssaga (übers. Fine Erichsen 1924)»
459f. **) Meyer Germ. Myth. 246; Simrock
Myth. 331 f.; Grimm Sagen Nr. 308; Kuhn
Westfalen 1, 122. 180; Zaunert Westfalen 296;
Wolf Beitr. 2, 421. 96 ) Pröhle Unterharz 187 ff.;
Schambach-Müller 253f.; Schöppner Sagen
I, 360 f.; Kapff Schwaben 22 f.; Rochholz
Sagen 2, 189 f.; Losch im ARw. 2, 261 f.; ders.
Balder 168 ff.; Siuts Jenseitsmotive 270; Wolf
Beitr. 1, 105; RVV. 13, 84 N. 128; Bachofen
Gräber Symbolik 118; Simrock Myth. 330 ff.
Vgl.Nachw. 85—90. ,4a ) Pröhle Unterharz 187 ff.
• 7 ) Zaunert Rheinland 1, 209. ® 8 ) Kuhn Märk.
Sagen 80 f.; Brandenburgia 26, 24. 87 ) ZfVk. 7,
367; Schöppner Sagen 1, 286; vgl. Baader
Sagen Nr. 396. 10 °) Pröhle Harzm = Sieber
Harzlandsagen 63. 101 ) Jos. Freiherr v. Eichen¬
dorff Libertas u. ihre Freier (Ges. Werke,
Propyläenausgabe 6, 342); F. L. Czelakowsky
Nachhall böhm. Volkslieder (übers, bei Wenzig
Westslav. Märchenschatz 316). 102 ) Kühn au
Sagen 2, 328. 103 ) Peuckert Schlesien 176.
104 ) Rochholz Sagen 1, 221. 239. 242. 246.
247; 2, 197 f.; Witzschel Thüringen 2, 133.
1W ) Kuhn Mark. Sagen 8 f. Vgl. Wolf Beiträge
I, 182; 2, 276 f.; Schlesiens Vorzeit N. F. 9,
168. Vgl. auch Joh. Schober Sagen des Spessarts
1912, 254 ff. loe ) Grimm Sagen Nr. 350. 107 )
Görres in Scheibles Kloster 5, 369. Auch
der Teufel: Kühnau Sagen 3, 597. H. reitende
Gottheit bei Giljaken: ARw. 8, 245. H. als Reit¬
tier: Hoffmann v.Fallersleben Schles. Volks¬
lieder 16. 107a ) Kühnau Sagen 2, 446. 107b )
Künzig Schwarzwaldsagen 103. 108 ) Branden¬
burg 203; Rochholz Sagen 2, 192; Schöppner
Sagen 1, 95 f.; Peuckert Schlesien 42 f.
10# ) Naumann Island. Volksmärchen 1923, '
123 ff. uo ) Schönwerth Oberpfalz 3, 166 f.;
Künzig 1 . c. 62; Witzschel Thüringen 67f.
m ) Pröhle Harz 229; Pschmadt 15 f.
(zu Anm. 69); Wolf Beitr. 1, 182; Menzel Odin
216. 290. 112 j Panzer Beitrag 2, 184 f. = Bolte-
Polivka 2, 269. 113 ) Pröhle Unterharz 188 ff.,
Eisei Voigtland 237; Vgl. Heinr. Gradl Sagen¬
buch d. Egergaues 1892, 41 f. 113a ) Jungbauer
Böhmerwald 169. 113b ) J. O. Plaßmann Orpheus,
altgriech. Mysteriengesänge 1928, 4. 114 ) Aus
Hessen: Volksfreund in den Sudeten (Hirsch¬
berg i. R.) 1827, 77 nach Grand theätre histo-
rique ä Leide 5, 22; Hoff mann Ortenau 175;
Künzig Schwarzwaldsagen 331 f.; Jahn Volks¬
sagen 4L; E. M. Arndt Märchen u. Jugend s
erinnerungen (Hesses Klassikerausgaben) 5, 246;
Willibald Müller Beiträge z . Vkd. d. Deutschen
in Mähren 1893, 87; Rosegger Älpler 309 f.
Oder der Wilddieb wird in einem eisernen H.
gebraten: Freisauff 645 f., in eine H.haut
eingenäht und gehetzt: ebd. 464 f.
d) H.e als Seelen- und Schatztiere.
Der Übergang von menschlicher Erschei¬
nung zur h.gestaltigen („Sympathietier“)
ist dem Märchen geläufig 115 ). Als
Spuktier ist der H. im ganzen Sprach¬
gebiet bezeugt U6 ). Spukhafter H.e be¬
dient sich auch der Teufel 117 ); er wird
auch mit einem H. statt einer Seele
bezahlt 118 ). Eine bloße Augenvert>len-
dung war es aber, als ein Schwarzkünstler
einem Jäger einen H. als erschossene
Frau zeigte 118a ) oder einen H. 'vor-
gaukelte 118b ). In Schatzsagen erscheint
der H. als Wächter 119 ), mit dem der
Schatz versetzt ist 12 °); er öffnet den
Schatz 119 ). Auch ist von Goldschätzen
in H.gestalt die Rede 121 ).
11S ) Grimm KHM. Nr. (11) 163; Bolte-
Polivka i, 82ff.; 2, 345. 346L; Panzer Bei¬
trag 2, 185 f. (184); Busch Ut oler Welt 57 f.;
Wisser Wat Grotmoder verteilt i, 51; H. Lohre
Märk. Sagen 1921, 7; Henne-am-Rhyn 153
nach Grohmann 247; Wolf Beitr. 2, 425;
1, 182; Menzel Odin 216; Klara Stroebe
Nord. Volksmärchen 1, 11 ff.; F. Kreutzwald
Estn. Märchen 2 (1881), 34 t. Hierzu Simrock
Volksl. Nr. 261; Rochholz Sagen 2, 192.
U6 ) Naumann Gemeinschaftskultur 115; Roch¬
holz Sagen 2, 51; Herzog 2, 215; Waibel
u. Flamm 2, 150 f.; Reiser Allgäu 1, 290;
Bohnenberger 8. 98; Schöppner Sagen 3,
123L; Langer DVöB. 2, 29; Wilh. Schrem mer
Schlesische Märchen (1928), 30 f.; Wolf Sagen
107; Pfister Hessen 109f.; Eckart Südhannov.
Sagen 105; Pröhle Unterharz 63. 86; Eisei
Voigtland 126. 127; Quensel Thüringen 232 f.
287; Eisei Voigtland 126; ZrwVk. 1909, 273;
vgl. Rolland Faune 1, 103; Wilde-Jagd-Sagen.
117 ) (Jos. Fritz ed.) Das Volksbuch v. Dr. Faust
1914, 18; Strackerjan 2, 154; vgl. Nachw. 107.
118 ) Panzer Beitrag 2, 57. 570. u8a ) Quensel
Thüringen 285 = Eisei Voigtland 220. ll8b )
Eisei Voigtland 229. ll8 ) Witzschel Thüringen
1, 170; Baader Sagen 310; Kuhnu. Schwartz
187; Wolf Niederländ. Sagen 1850, 618; Lo eher
Venedigersagen 75; vgl. Kühnau Sagen 3, 597.
Bechstein Thüring. Sagenschatz 4, 173. 12 °)
Pröhle Unterharz 189. 121 ) Wolf Hausmädchen
Nr. 73; Beitr. 2, 402; Meier Märchen Nr. 54;
Herrlein Sagen d. Spessarts 1906 2 , 200; Nie-
derhöffer Meckl. Sagen 1, 138; Meyer Schles¬
wig-Holstein 100; Meiche Sagen 696; Wucke
Werra 1891, 95L Nr. 149; Eisei Voigtland 126.
184. 239; Rochholz 2,195-191 f. = Schöppner
2, 294 (Nr. 779. 184); Pröhle Harz 129 ±t. ~
Losch Balder 119L; Pröhle Unterharz 1870.;
Meiche Sagen 696; Bechstein Thüring. Sagen¬
schatz 3, 160 f. Vgl. Anm. zu Goldh., Goldh.
der Owsaldlegende.
e) H. = Christus. Der alexandrinische
Physiologus lehrt, entsprechend der an-
!
Hirsch
tiken Naturgeschichte vor 140 n. Chr.:
Der H. ist ein Feind des Drachen . . .
So tötet der Herr den großen Drachen,
den Teufel. Die Kirchenväter haben das
Gleichnis übernommen 122 ) und weit er¬
legeben; (Maria 123 ) oder) Christus 124 ),
fine reine Jungfrau l24a ) erscheinen als
H.; er ist der größte H. der Welt 125 ), der
Weiße 126 ) mit goldenem Geweih 127 )
(Goldh.), der leuchtet oder Lichter 128 j
Öder ein Kreuz trägt 129 ). Er erscheint an
bl. Tagen 13 °), trägt die Hostie 131 ), hat
finen Engel bei sich 132 ); sein abgeworfenes
Geweih macht eine Quelle heilkräftig 133 ),
kurzum, die Heiligkeit des Tieres wird
Christlich motiviert. Auch jetzt noch ge¬
hört er zu den weisenden Tieren; er
erscheint in Gründungssagen 134 ), trägt
Steine zum Bau usw. 135 ), er ist auch
plit der Sage vom „Erlöser in der Wiege“
Verbunden 136 ). In west nordischen Bild¬
werken wird die Seele als H. vom Tod
Oder Teufel als Wolf gejagt 136a ). Dem
Jäger des Kreuzes-H.es kann ein Dop-
E lltes widerfahren: sinkt er vor dem
reuzh. reuevoll zu Boden, dann ist
•ein Frevel vergeben; das ist der Typ
der bei uns auf Hubertus (s. d.) über-
tfigenen ursprünglich griechischen (Eusta¬
chius-) Legende 137 ); läßt aber der Jäger
nicht ab, muß er zur Strafe ewig jagen 138 ),
Und ewig ist der H. seine Beute 139 ),
läuft der H. in seinem Gefolge 14 °). Das
Chthonische Wesen des Tieres ist deut¬
licher erkennbar als beim goldenen H. 127 ).
(Doch überwiegt hier sein lichtes We¬
nn) 127a ). So wird der schwarze H. zum
Teufel 141 ), wie der weiße zu Christus
Wurde.
lM ) Pschmadt 35 (nach F. Lauchert
Gtich. d. Physiologus 1889, 27); Origenes
Homil. 2 in cant. cant. nr. 11 = Migne
K 13 » 56; Ambrosius De interpell. Job.
#f David II 1 n. 4; Hieronymus Comment.
im Js. c. 34 = Migne PL. 24, 386; Beda
im Psalm . 28 = Migne PL. 93/94, 624.
**) Erk-Böhme 3, 633 f.; ich stelle auch
Pfttil Stintzi Sagen d. Elsasses 1 (1929), 132 f.
hierher; ebenso ZrwVk. 6, 273 f. 124 ) Kuhn
Wutfalen i, 180; K. Krohn in Finnisch-
Vfrische Forschungen 7, 177; Schönwerth
(»"Pfalz 3, 309 f. Vgl. Nachw. 130. 131.
**•) Wolf Niederländ. Sagen 102 f. 125 ) Carl
Calliano Niederösterreich. Sagenschatz 1 (1924),
* 4 . 1U ) Zuerst in Karlamagnussaga I 51
Blchtold-Stäubli, Aberglaube IV
und Raimbert de Paris Ogier le Danois
262 ff.; Pschmadt 43 zu diesen Stellen will
Beeinflussung durch bretonische Hindenfee-
sagen annehmen; vgl. ebd. 103 ff. 1150.;
Rolland Faune 1, 103; Gander Niederlausitz
114; Kühnau Sagen 2, 328; Heinr. Gradl
Sagenbuch d. Egergaues 1892, 12; Witzschel
Thüringen 2, 133; Zingerle Sagen 1859, 122;
Rochholz Sagen 1, 239. 221; Kohlrusch
Sagen 307; ZfVk. 7, 367; Kuhn u. Schwartz
187 = Pröhle Unterharz 36. 198; Müllenhoff
Sagen 104 f.; Knortz Streifzüge 67 ff.; Menzel
Odin 216; Wolf Sagen 128; Zaunert Hessen-
Nassau 193; Westfalen 118; Stintzi Sagen des
Elsasses 1, 82; Wolf Niederländ. Sagen 102 f.;
Freisauff 380 f.; Sann Sagen 223; Graesse
Preußen 2, 888; Henne-am-Rhyn 152;
Hocker Volksglaube 223; Wuttke 53 § 59;
Wolf Beitr. 1, 182; Losch Balder 30 ff.; Rol¬
land Faune 1, 103 N. 3; Meerwarth-Soffel
Lebensbilder aus d. Tierwelt 3, 86 f. Vgl. Nachw.
138. Doch ist er auch ein in die Irrnis locken¬
des Tier (vgl. 4 c): Herrlein Sagen d. Spessarts
1906 2 , 153 {., und scheint in älteren mythischen
Zusammenhängen zu begegnen: Zaunert West¬
falen 56 t.; Panzer Beitrag 2, 184 t. 12? ) Zum
Alter des Motivs vgl. Anm. 71; ferner Pschmad t
8 N. 3; 23 ff. 128 ff.; Keller Tiere 98; in der
griech. Eustachiuslegende des 7. Jh.: ASS.
Sept. 6, 124, dann der Meinulflegende ASS.
Okt. 3, 211 Nr. 13 ff. (Pschmadt 45 f. 52 f.);
Wolfdietrich 619; Busch Ut oler Welt 1910,
57 f.; Müllenhoff Sagen 104 f.; Meyer
Schleswig-Holstein 96; Zingerle KHM. 300 ff.
= Losch Balder 40 ff.; Bechstein Thüringen
2, 234. 290; Brandenburg 221 f. Vgl. auch die
Zlatorog-Gemse mit goldnen Krickeln: A. v.
Mailly Sagen aus Friaul u. d. Juli sehen Alpen
1922, 55 fl. u. Anm. Vgl. den Goldh. des
Märchens und der Oswaldlegende: Losch Balder
109 ff. 118 f.; Pschmadt 64 f.; Pröhle KHM.
Nr. 65; Wolf Deutsche Hausmärchen 73 ff.;
Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 1, 25 ff.
= Meier Dtsch. Volksmärchen aus Schwaben
1852, 188 ff. Als chthonisches Tier Pröhle
Unterharz 187 ff. 127 *) Das läßt folgern: Wolf
Niederländ. Sagen 615. 128 ) Baader N. Sagen
46; Künzig Schwarzwaldsagen 244; Wolf
Beitr. 2, 425 f.; Rochholz Sagen 1, 246. 351;
2, 194 f.; Kohlrusch 307; Herzog Schweizer¬
sagen 1, 254 f. 144!.; Vernaleken Alpensagen
317 f.; Henne-am-Rhyn 152; Waibel u.
Flamm 1, 268 f.; 2, 195L; Birlinger Volksth.
1, 511; Zaunert Westfalen 372; Müllenhoff
Sagen 581. Vgl. dazu Peuckert Schlesien
164. 128 ) Görres Christi. Mystik 1, 283 (Hu¬
bertus u. Eustachius); Pschmadt (s. u.);
Lütolf Sagen Nr. 483; Rosegger Volksleben
96; Vernaleken Alpensagen 317 L; Sann
Sagen 223; Carl Calliano Nieder Österreich.
Sagenschatz i, 204; Franz Kießling Frau
Saga im nieder Österreich. Waldviertel 1 (1924),
46; Jungbauer Böhmerwald 192; Eisei
Voigtland 126; Schambach u. Müller 75;
Zaunert Westfalen 15. 295!.; Kuhn West -
4
99
Hirsch
100
falen i, 122. 180 ( = Ranke Volkssagen 2 126).
186. 315. 317 (vgl. Losch Balder 154L); Kuhn
u. Schwartz 251. 500; Eisei Voigtland 126;
Sieber Harz 71; Strackerj an 2, 154; Deecke *
Lübische Sagen 15; Mackensen Hanseat. Sagen \
63f.; Müllenhoff Sagen 110; Meyer Schleswig-
Holstein 100; Quensel Thüringer Sagen 232.
13 °) Kießling Waldviertel 1, 46; Calliano j
Niederöst. Sagenschatz 1, 217 ff.; P. Stintzi
Sagen d. Elsasses 1, 82; Henne-am-Rhyn 152;
Kuhn Westfalen 1, 315. 317. 180. 186. 122. 131 )
Schmitz Eifel 2, 115; Zaunert Rheinland 1,
295. 132 ) Rochholz Sagen 2, 193. 133 ) Müllen¬
hoff Sagen 104 f. 134 ) Meyer Germ. Myth.
109; Pschmadt 51 ff.; Wolf Beiträge 1,
182; Rochholz Sagen 2, 193. 194. 195; Ver-
naleken Alpensagen 317 f.; Schöppner
Sagen 1, 365; Willibald Müller Beiträge z. Vk.
d. Deutschen in Mähren 1893, 136 h; Kühn au
Oberschles. Sagen 178; Zaunert Rheinland 2, 98;
Zaunert Hessen-Nassau 195; Westfalen 95 f.
97. 372; Pröhle Harz 181 = Losch Balder
i8if.; ebd. 182; Brandenburg 214; Kuhn Mark.
Sagen 72h; Müllenhoff Sagen 110; Meyer
Schleswig-Holstein 100; Niederhöffer Meckl.
Sagen 2, 31 f.; Bartsch Mecklenburg 1, 322.
354 »* vgl. Rochholz 2, 194; Grimm Sagen
Nr. 431; Graesse Preußen 2, (628). 729. 888;
Goswin Frenken Wunder u. Taten d. Hei¬
ligen 1925, in; Marquartstein: Sepp im
Correspdzbl. Ges. f. Anthrop. 13 (1882), 189t. |
135 ) Bindewald Sagenbuch 213; Wolf Sagen
128; Zaunert Hessen-Nassau 193; Westfalen 96;
Wolf Sagen 128. Vgl. Birlinger Volkst. 1, 152.
136 ) Meier Schwaben Nr. 7. 138a ) Reitzen¬
stein in: Vorträge d. Bibi. Warburg 1923/24.
162 f. 137 ) Pschmadt 45 ff. (Acta SS. Sept. 6
124; Nov. 1, 836; Jan. 2, 974); hierher auch
Mailly Niederösterreich 13. t 38 ) Mannhardt
1, 151; Zingerle Sagen 1859, 122; Alpenburg
Tirol 34 h; Freisauff 380L; Kuhn Westfalen 1,
122.180. 315. 317 (vgl. Losch Balder 155); Wolf
Niederländ. Sagen 231 ff.; Kuhn u. Schwartz
250. 290 (Ranke Volkssagen 2 126); H. Lübbing
Pries. Sagen 1928, 215; Schambach-Müller
75; Rochholz Sagen 2, 51; Sieber Sachsen
171; Gradl Sagenbuch d. Egergaues 1892, 12;
Germania 27, 368 (aus Deutsch-Böhmen);
Jahn Volkssagen 21; Aus unserer Heimat,
Beilage z. Anzeiger f. Bad CarlsruheOS 1924, 26.
Hat sich selbst zur Jagd verwünscht: Grimm
Sagen Nr. 308; Zaunert Westfalen 296;
Hessen-Nassau 14 f.; Hocker Volksglaube 21;
auch oben. In einer Variante der Hackelberg¬
sage (s. Wildschwein) reißt der halbtote H. dem
wilden Jäger die tödliche Wunde: Krs. Leob-
schütz: Hugo Gnielczyk Am Sagenborn d.
Heimat 1922, 23; Kießling Frau Saga 3, 31.
Vgl. überhaupt hierher Meyer Germ. Myth.
246; Losch Balder 151H; Keller Tiere 362
N. 211, die Iphigeniensage Anm. 89; der weiße
Kreuzh. führt den Wilddieb Jägern in die Arme:
Sann 5 a^« 223. Das Schloß versinkt: Kühnau
Oberschles. Sagen 519; Eisei Voigtland 276. 13B )
Sieber Sachsen 169. 171; Harzlandsagen 73. 77; >
Colshorn 192f.; Größter im Archiv f. Land.-
u. Vk. Prov. Sachsen 3, 147; MnböhmExk. 1,
136. Getötete Frau und Kinder des wilden
Jägers werden H.e: Herzog Schweizersagen 1,
54t 140 ) Bohnenberger 92; MnböhmExk. 1,
136. 141 ) Stöber Oberrhein. Sagenbuch 311 =
Wolf Beitr. 1, 105; Lohmeyer Saarbrücken
56 ff.; Woeste 49; Meier Schwaben 147 t.;
Jungbauer Böhmerwald 40; Kühnau Mittel-
schles. Sagen 135 f.; Wucke Werra 1891, 282 f.
Nr. 449; vgl. Lütolf Sagen Nr. 126; Kuhn
Mark. Sagen 72 h.; Pröhle Unterharz 192 ff.
setzt ihn gleich dem goldn. H.
5. Der H. in der Legende. Wie in
der mytholog. Sage erscheint auch hier
derH. als Zug- (Pflug-) 142 ) oder Reittier 143 ).
Schon aus der Antike überliefert ist, daß
H.kühe Kinder mit ihrer Milch ernähren
(Telephos) 144 ); das wird beibehalten 145 )
(Genoveva 146 )) oder auf Heilige er¬
weitert 147 ). Ja, H.e lassen sich von ihnen
verspeisen und werden wieder lebendig 148 ).
Bei Heiligen suchen H.e hinwiederum
Hilfe 149 ). Zur Hubertus- 15 °) und Eusta¬
chiuslegende 150a ) s. o. Die hl. Salaberga
hing zur Abwehr eines Gewitters einer
H. kuh eine besondere Schelle um 150b ).
142 ) Knortz Streifzüge 66 (Echinus). 143 ) S6-
billot Folk-Lore 4, 112. 144 ) Keller Tiere
100 f.; Pschmadt 21. 146 ) Bolte-Polivka
I, 432 f.; Wolf Niederländ. Sagen 675 Nr. 65 f.;
Witzschel Thüringen 46; Legende de notre
Dame = Sepp Jerusalem u. d. heilige Land 1
(18G3), 505; Friedr. Bangert Tiere im altfranz.
Epos 1883, 144. 148 ) F. Brüll Legende v. d.
Pfalzgräfin. Genoveva Progr. Brünn 1898/99;
Pschmadt 58 ff.; Naumann Gemeinschafts¬
kultur 68; Bolte-Polivka 2, 293 N. 1; Zaunert
Rheinland 1, 263 ff. 148 ) Pschmadt 59 f. (Acta
SS. Sept. 1, 301 Nr. 11); Goswin Frenken
Wunder u. Taten d. Heiligen 1925, 98!. 215;
Zaunert Rheinland 2, 37; Pröhle Unterharz
197; Graesse Preußen 2, 146 f.; Mailly
Niederösterreich 151; Grimm Sagen Nr. 350
(Notburga) u. ZGOR. 1886, 394 ff. = Grenz*
boten 62, 2, 97 f.; Meier Schwaben 301; Trierer
Aegidius: Germania 26, 12. 14 ff.; Kießling
Frau Saga 3, 86; Chevalier au cygne: ebd. 1, 420.
148 ) Mannhardt Germ. Mythen 60 N. 1;
Zaunert Westfalen 117 f. 14B ) Trierer Aegidius,
Germania 26, 14 ff.; Macarius: Gust. Roskoff
Gesch. d. Teufels 2 (1869), 171 (Acta SS. Jan. 2,
230. 14); Kaiserin Edith: MG. SS. 20, 628;
16, 62; Neues Archiv d.Gesellsch. f. ältere dtsch.
Geschichtskunde 20, 55. 80 f. 180 ) Pschmadt
48 f.; vgl. Archiv f. Literaturgesch. 9, 578; Ger¬
mania 27, 368; Else Lüders Buddhist. Märchen
1921, XIV; Wolf Beitr. 2, 112; Kuhn West¬
falen 1, 315; Schambach-Müller 75; Ale¬
mannia 26, 166. 160a ) Rosegger Volksleben 96.
Hirsch
102
!0I
uob ) Marz oh 1 - Schneller Liturgia sacra 6, 690
■= Niderberger Unterwalden 1, 523 f.
6. Der H. als Opfertier. Der H. ist
ein altes Opfertier 151 ), wird im 4. Jh.
vor Chr. auf der phönikischen Opfertafel
in Marseille genannt 151 ), wurde der
Artemis 152 ), dem Dionys 151 ), dem Ak-
taion usw. dargebracht 151 ). Die Nieder¬
sachsen opferten im 9. Jh. Erstlinge der
Jagd 153 ). Schon bei Griechen und Rö¬
mern vertrat ein Gebildbrot das Opfer¬
tier 154 ). Gebildbrote in H.- oder H.horn-
form 155 ) kennt Hofier für den Nikolaus¬
tag 156 ), Weihnachten und Neujahr 157 ),
Drei-Königstag 157a ), Fastenzeit 158 ), am
Hirsmontag 159 ), Tag nach Invocavit 160 ),
Montag nach Aschermittwoch 161 ), Ostern
w *). Ein H.essen war in Schmalkalden
Mariä Himmelfahrt 163 ) üblich, in Corvey
St. Vitustag 164 ), einen Kirmesh. kannte
man in Schlesien 165 ). Zu Fruchtbarkeits-
swecken opferten nach Höfler 165a ) böo-
tische Frauen dem Aktaion, kleideten sich
als H.kühe und benannten sich so.
ll1 ) Höfler Organoth. 81; G. Wilke Religion
d. Indogermanen 1923, 219. 222. 15Z ) Stengel
Opfer gebrauche 197. 200. 226 f.; Keller Tiere
I98. 153 ) Höfler Weihnacht 66. 154 ) Höfler
Organoth. 81; Weihnacht 16; Keller Tiere
97 f.; ZfVk. 1, 304. 155 ) Höfler Weihnacht 65;
ZfVk. 14, 267. 158 ) ZfVk. 12, 199; Bavaria 1,
1002 N. 157 ) Höfler Weihnacht 65. 66; Roch¬
holz Sagen 2, 197; Kolbe Hessen 7. 11. 157a )
Aargau: Sepp im Correspdzbl. Ges. f. Anthrop.
X3 (1882), 188 f. 188 ) Höfler Fastengebäcke
33 - 35 - 5 6 ; Meyer Germ. Myth. 109; Roch¬
holz Sagen 2, 197 f. 15B ) Rochholz Sagen
2, 197; Niderberger Unterwalden 1, 341.
W°) ARw. 8 Beiheft 83; Dieterich Kl. Sehr.
3*5. m ) Rochholz Sagen 2, 195 f. 182 ) Höfler
Ostergebäcke 53. 1Ä3 ) Lyncker Sagen 229 f.
*•*) Zaunert Westfalen 117 f. 188 ) Peuckert
Schles. Vk. 106. 165a ) Höfler Organoth. 81
nach ARw. 10, 57.
7. Apotropäisch (vgl. 4 d.). Geweihe
usw. wurden im Altertum als (Opfer oder)
Weihgeschenk der Jagdgottheit aufge-
hftngt 166 ), meist aber haben sie apotrop.
Bedeutung in vorhistorischer Zeit 167 ),
wie bei den Griechen 168 ), wie in den ro¬
manischen Ländern 169 ). So findet sich
auf dem Dach von St. Michael ein H.,
den man für ein Opfertier ansieht 169a ).
Als Herzog Johann Georg zu Brieg 1582
Hochzeit hielt, wurden zur Feier auf alle
Giebel H.hömer gesetzt 169b ). Im Früh¬
jahr an gewissen Tagen gefunden und auf¬
gehängt, bilden sie nach Montanus 17 °)
einen Schutz gegen Schlangen. Wegwarte
muß man mit einem H.ge weih graben 170a ).
Apotrop. wird das Horn auch als Giebel¬
schmuck gebraucht 171 ). Den Schwalben¬
stein trägt man in H.leder gebunden am
Halse, ebenso andere Zaubermittel 171a ).
Als Amulett trägt man in Frankreich ein
Stück Geweih bei sich 172 ), ebenso in
Österreich gegen den Blitz 172a ), bei uns
H.klauen 173 ), H.zähne ~ Grandein in
Ringen; das Auge Gottes steht auf der
Spitze eines solchen Zahnes 174 ). Das Bild
steht in einer Fraisenkette 175 ). Der Jäger
trägt am Hut ein H.bild aus Blech, damit
er keinen Menschen erschießt 175a ).
166 ) Keller Tiere 96 f.; Stengel Opferge¬
bräuche 200. 16? ) Höfler Organotherapie 81.
169 ) ebd. 82; Pradel Gebete 358 N. 1. 16B ) Selig¬
mann Blick 2, 122; Gerhardt Franz. Novelle
72. 189a ) Mailly Niederösterreich 109. i5i = Kieß-
ling Frau Saga 3, 23. 1€9b ) Nik. Pol Jahr¬
bücher d. Stadt Breslau 4 (1813), m. 17 °) Mon¬
tanus Volksfeste 167; vgl. Megenberg 107.
17 ° a ) Marzeil Volksleben 60. m ) Meyer Germ.
Myth. 109. 171a ) Alpenburg Tirol 388. 360.
172 ) Seligmann Blick 2, 122. l72a ) ZföVk. 33,
21. 173 ) Hovorka-Kronfeld 1, 212. 174 ) Roch¬
holz Sagen 2, 193; helfen für die Augen:
ZföVk. 33, 21. 1 78 ) Hötler Organoth. 84; ZföVk.
13, 104. 175a ) ZföVk 33, 45.
8 . Vorbedeutung und Angang.
Als Todesbote 176 ) erscheint der H. in
hessischen 177 ), sächsischen 178 ) und bre-
tonischen Sagen 179 ); wer einen weißen
sieht, stirbt 179a ); auch ein blutendes
H.hom gilt als Unglücksomen 180 ). Der
Angang galt bei Romanen je nach den
Umständen glück- oder unglückver¬
heißend 181 ), den Persern, Juden, sieben¬
bürg. Zigeunern 182 ) und dem deutschen
Mittelalter als böse 183 ), nach der Rocken¬
philosophie aber als gut 184 ) . Wer in der
Thomasnacht eine H.kuh sieht, Neujahr
einen röhren hört, hat Glück 179a ).
178 ) Schwebel Tod u. ewiges Leben 115 f.
177 ) Pfister Hessen 96. 107 f.; Zaunert
Hessen-Nassau 309. 320. 178 ) Sieber Harz
197; Graesse Sachsen Nr. 23 = Rochholz
Sagen 2, 192. 17B ) Rolland Faune 1, 103 N. 3.
l7Ba ) ZföVk. 33, 21. 18 °) Birlinger Volksth. 1,
241 f.; Meiche Sagen 622. Vgl. oben. 181 ) Hopf
Tierorakel 83 f.; S6billot Folk-Lore 3, 22. 23.
182) ZfVk. 23, 385; Scheftelowitz Altpalästi¬
nensischer Bauernglaube 141. 183 ) ZfVk. 23,
385; nach G. Grupp Kulturgesch. d. Mittel -
103
Hirsch
Hirsch
106
alters (1912) 55; Braeuner Curiositaelen 488.
1M ) Grimm 3, 438 Nr. 128; ZfdMyth. 3, 310;
Montanus Volksfeste 168. Vgl. Rolland
Faune 1, 103 N. 5.
9. H. als Wettertier. Wenn Nebel
von den Berghängen aufsteigen, braut 185 ),
raucht 186 ) der H. Laurentius pißt er in
den Bach, da ist die Badezeit vorbei 187 ).
Bartholomä tritt er in die Brunst 188 ).
Mit welchem Wetter der H. (Aegidien) in
die Brunst tritt, mit dem tritt er wieder
aus 189 ). Späte Brunst zeigt einen langen,
frühe und schnelle einen kurzen Winter
an 190 ). Ebenso zeigt lautes Schreien in
der Brunst einen strengen Winter an (Iser-
gebirge). Wenn die H.e auf die Häuser
zu weiden, deutet das ein volles Jahr 191 ),
nach schlesischem Glauben strenges
Wetter an (mündl.). Bei jedem Wetter¬
umschlag ist das Wild mehr als gewöhn¬
lich auf den Läufen (mündl.). Um
H.sprunglänge nimmt der Tag am Drei¬
königstag zu 192 ).
186 ) Laistner Nebelsagen 16, nach Kuhn
Westfalen 2, 88 Nr. 275. 1B6 ) Ebd. nach Eisei
Voigtland 225. 187 ) Wlislocki Sieb. Volksgl. 76;
ZfVk. 4, 405. 188 ) Curtze Wal deck 315 Nr. 20.
18 ®) Bartsch Mecklenburg 2, 177; HessBl.
11, 12; Schütze Holstein. Idioticon 1, 19.
Leoprechting Lechrain 193. 19 °) ZföVk. 10,
52. im) ZfdMyth. 3, 313-
10. H. als Vegetationsdämon. Der
Vegetationsdämon trägt zuweilen H.-
gestalt; die letzte Garbe wird zum
H. geformt, H. genannt 1923 ); das geht
nach Reuterskiöld 192b ) auch daraus her¬
vor, daß Brotformen diese Gestalt an¬
nehmen. Vgl. ferner Hirschmaske.
m ) Langer DVöB. 6, 25. Nr. 64. 192a ) Mann¬
hardt Korndämonen 1; J. G. Frazer Der goldene
Zweig 1928, 674. 1#2 b) Speisesakramente 118.
11. Der H. im Segen. Bei Beinver¬
renkungen wird der H. genannt 193 ), eben¬
so in einem Segen vom blinden Kalb 194 ),
die Hinde in einem jüdischen, um die Ge¬
burt zu fördern 194a ). Russische 195 ) und
griechische Segen 196 ) verweisen die Krank¬
heit in das Haupt eines H.es, der geduldig
ist und die Schmerzen erträgt 195 ). Auch
Segen gegen die fruchtschädigenden H.e,
Rehe und Schweine sind bekannt (Oden¬
wald) 19? ), wie solche, sie zu binden 197a ).
Eine sächsische Hexe sprach einen Liebes¬
zauber: es müsse den Mann nach ihr
verlangen „wie den H. nach der Hinde“ 198 ).
Gehört hierher auch das Brüsseler ahd.
Bruchstück ,,H. und Hinde“ 199 ) ?
19a ) Albertus Magnus 1, 14; Ebermann
Blutsegen 15f.; Lammert 214; Meier Schwaben
516; Wolf Beitr. 2, 426; Losch Balder 28 f.;
Germania 18, 234 und im ARw. 2, 262 ff.;
ZrwVk. 1912, 1; zusammenfassend Ohrt in
HessBl. 22, 64 ff. 194 ) Köhler Voigtland 405.
194 a) Schudt Jüd. Merkwürdigkeiten II 1, 9.
195 ) Mansikka 50. 75. 19# ) Pradel Gebete 358.
197 ) ZfKulturgesch. IV. Folge, 4, 214. 19?a ) Ale¬
mannia 13, 186 f; MVerBöhm. 18 {1880), 156.
198 ) Sieber Sachsen 232. 199 ) MSD. 1873 2 , 12.
Nr. VI.
12. Zauberische und medizinische
Kräfte (vgl. auch apotropäisch) 20 °).
Der H. liefert hauptsächlich fruchtbar
machende Mittel, wird im Frauen¬
dreißiger (s. d.) getötet 2001 ), und zwar
werden die Geilen, Rute, der Same
des in der Brunft getöteten usw. zur Er¬
weckung der Geilheit 201 ), Behebung der
Impotenz, auch wenn diese durch Hexerei
entstand 202 ), innerlich und als Schmiere
gebraucht 203 ). Unfruchtbare Frauen ge¬
nießen post coitum Pulver einer dürren
H.rute oder H.enmutter 204 ). Ein Knöchel¬
chen aus der Vulva verhinderte bei den
Alten den Abort 205 ). H.brunst, Cyclamen,
die aus dem Speichel (Samen?), zur
Brunftzeit verloren, entsteht 206 ), wird
gegen die Pest 207 ) angewandt, zu einer
Salbe, um die Feuersbrunst zu löschen,
verarbeitet 207a ). Noch heute suchen
schles. Apotheker Blase, Hoden, das Kurz¬
wildbret als ein Kräfte verleihendes Ge¬
richt (Schlesien) 208 ). Ein Decoctum ex
Priapo Cervi heilte die Ruhr 209 ), Seiten¬
stechen, treibt den Harn 210 ); das genitale
cervi hilft gegen Lungenleiden 210a ) der
Schweiß vom Scrotum erweckte, ge¬
trunken, Widerwillen gegen Wein 211 ).
H.galle erleichtert die Geburt 212 ), H.-
leber ward gegen Wassersucht, Podagra,
Kontrakturen 213 ), das Netz zur Wund¬
salbe 214 ), die Zunge bei Viehseuchen 215 ),
die Lunge gegen Husten 216 ), bei den Al¬
ten gegen die Schwindsucht gebraucht 217 ).
Der Magen, zusammen mit einem vom
Menstruationsblut befleckten Hemd ver¬
brannt, verdirbt Jägern den Schuß 217a ).
Das Hirn (nicht antik) wird zur Salbe
gegen harte Geschwüre und gegen Blut¬
fluß (bloet seken) verwendet 218 ), der
Hirn schädel gepulvert ebenso, gegen
Gift, Schwindel, Fallsucht, Blutfluß, Wei߬
fluß usw. 219 ), kalziniert gegen Eingeweide¬
würmer 220 ). Das H.krönlein aus dem
Kopfe, auf der linken Brust getragen, ist
gut für das Herzklopfen 221 ). Das Herz ist
ein Abortiv- 222 ) und Herzmittel 223 ), ge¬
trunken hilft es gegen die fallende Sucht 224 ).
Der verkalkte, arteriosklerotische Faser¬
ring an der Aorta, das H.kreuzel 225 ),
stärkt das Herz 226 ), hilft gegen Un¬
fruchtbarkeit der Weiber 227 ), Blutgang 228 ),
gegen Alpträume und Herzritt 229 ), Gift 230 ),
Melancholie 230 ) f ist gut in der Weiber
schweren Stunde 231 ), bei arhythmischem
Herzschlag 232 ), Nasenbluten 232 ), wider
Flüsse im Haupt, viertägiges Fieber 233 ),
Fallsucht 234 ), Zittern des Herzens 235 );
es dient zur Herzstärkung in Pestzeiten 236 )
und gegen die Pest 237 ); wer es trägt, den
kann kein giftiges Tier stechen 238 ). Das
H.kreuz oder H.horn löst dem Alchy-
misten das Gold in ein aurum potabile 238a ).
Das aus dem aufgebrochenen Herzen ge¬
trunkene warme Blut stählt und vertreibt
Schwindel 239 ) (ebenso Herzfleisch,
-knochen), die fallende Sucht 240 ), be¬
wahrt vor Pest 241 ). H.blut hilft auch
bei Taubheit 242 ), in öl als Klystier:
Hüft-, Seiten weh, Versehrte Gedärme,
Bauchflüsse, in Wein getrunken: giftige
Aposteme, verjährte Geäder 243 ), auch
Podagra, Schwindungen, kontrakte Glie¬
der, Vergiftungen 244 ) gehört in ein Schlag¬
wasser 245 ). H. mark stärkt die Glieder 246 ),
ist wider den Wolf 247 ), das Grimmen des
Bauches 248 ), alle Geschwulst, Geschwüre
und Fußschäden (Plinius) 249 ), Lungen-
iucht * 50 ), ein altes Liebeszaubermittel 251 ),
das die Periode bringt 252 ), die verlagerte
Gebärmutter einrichtet 253 ), gegen Hüft-
und Seitenweh, Brüche 254 ), Fallsucht 255 ),
Schlaflosigkeit hilft 256 ). Es heilt giftige
Geschwüre und Wunden 257 ), wird als
Z&pflein zur Gebärmutter eingelegt 258 ).
Megenberg empfiehlt es Fiebernden 259 ).
H.unschlitt oder -talg ist gut für
wunde Füße 260 ), zu weißen Händen 261 ),
in der Wundsalbe 262 ), bei offnen Wun¬
den 2ft3 ), an Lefzen und Hintern 264 ), stillt
das Blut 265 ), ist gegen Podagra 263 ),
Brandwunden 266 ), erfrorene Glieder 267 ),
Geschwulst 268 ), Brüche 269 ), für die
Mutter 27 °), Schwindsucht 271 ), Nasen¬
bluten 272 ), gegen Engbrüstigkeit der
Kinder 273 ), Schlangenbiß 274 ), Ver¬
hexung 275 ), für Kontrakte 276 ). Es stillt
Zahnschmerzen, wird erbrechenden Kin¬
dern ins Herzgrüblein geschmiert 277 ), ge¬
hört zu einem Leichdornpflaster 278 ), wird
gegen Läuse 279 ), Geschwüre und Feig¬
warzen 28 °) gebraucht, zieht die Würmer
heraus 281 ). Das Feiste aus dem rechten
Auge fördert die Wehen 282 ). Genuß von
H.unschlitt erzeugt große Geschlechts¬
teile 283 ). Megenberg, alten Autoren fol¬
gend, lobt das Fleisch als fieberstillend 284 ),
das eines ungeborenen Kalbes als gut
gegen Gift und Schlangenbiß 285 ). H.-
tränen (das Feist aus dem Auge?) ward
gegen rote Ruhr 286 ), Schlangenbiß 287 )
gebraucht; es treibt Schweiß, schwere
Geburten 288 ); das mit Stierurin durch¬
tränkte Auge eines brünstigen H.es zur
i Erhöhung der Potenz benutzt 289 ). H.h o r n
und H.hompulver (Hitzpulver 29 °), -asche,
-wasser 291 )) wird in Branntwein morgens
und abends genommen 292 ), hilft Besesse¬
nen und Bezauberten 293 ), bei (hyste¬
rischen) Ohnmächten 294 ), Epilepsie 295 ),
bringt die Periode 296 ), ist gut gegen
übermäßige Blutungen 297 ), Gebärmutter¬
verlagerung 298 ), Unfruchtbarkeit 2 "), Mut¬
tervorfall 30 °), Kindweh 301 ), Harnver¬
haltung 302 ), Wasserbruch 303 ), und
-sucht 304 ), Gelbsucht 305 ), Blutspeien 306 ),
Kolik und Ruhr 307 ), Magenkrämpfe 308 )
und Abnehmen der Kinder 309 ), Wür¬
mer 310 ), Zahnschmerzen 311 ), denn es
stärkt, reinigt die Zähne 312 ), Glieder¬
reißen 313 ), offene Schäden 314 ), Pest 315 ),
Krätze 316 ), Sommersprossen 317 ), Kopf¬
läuse 318 ), unerwünschten Haarwuchs 319 ).
Vor allem ist H.horn gut zur Abwehr von
Schlangen 32 °) und bösem Zauber 321 ), so
schon bei den Alten 322 ), wie überhaupt
H.horn in der alten Medizin eine große
Rolle spielte 323 ). Aus dem j ungen Geweih
wird gegen fiebrige Krankheiten eine
Gallert bereitet (Schlesien, mündl. 324 ));
die Schalen dienen im Kräutersäcklein
Bezauberten 325 ). Den Frauen ist es ein
Amulett 326 ). Am heilsamsten ist H.horn,
107
Hirsch
108
zwischen zwei Frauentagen gesammelt 327 ).
H.harn dient gegen Ohrengeschwüre 328 ),
Pest 329 ), Milzweh und Blähungen 33 °),
Ringe mit H.k 1 au e n werden gegen Krampf
getragen 331 ), H.hufe sind gegen Durch¬
lauf gut 332 ); ein Messer mit H.homschale
wird von den rumän. Hexen gebraucht,
um jemanden herbeizukochen 331a ). Die
Lippe ist das beste Mittel gegen Gift 333 );
mit H.haar wird Blut gestillt 334 ).
H.haut 335 ) oder ein zwischen zwei
Frauentagen aus dem lebenden Tier
geschnittener Riemen 336 ), umgetan, er¬
leichtert das Gebären 337 ), und die
Nachgeburt 338 ) ist gut bei Mutter¬
beschwerden 339 ), dient zum Blutstil¬
len 340 ), wider Fallsucht 341 ), Podagra 342 )
und Kolik 343 ). Juden schrieben den
i. Psalm auf ein Pergament von H.haut
und hingen das Schwangeren um 343a ).
Der Stein aus Magen, Herz, Ein¬
geweide hat die Kraft des Bezoar 344 );
der an der Vulva gefundene erleich¬
tert die Geburt 345 ). H. 1 o s u n g brauchen
Lungensüchtige 346 ). Eine Kugel, mit
der ein H. geschossen wurde, breit¬
geschlagen, hilft gegen das Überbein 347 )
und Nabelbrüche 348 ).
200 ) Die Angaben von William Marsh all
Neueröffnetes, wundersames Arzenei-Kästlein 1894
(St. 12. 17. 28. 57 f. 66 f. 69 f. 71. 73. 74.
81. 84. 87. 91. 93. 94. 102) sind leider ohne
Quellenangabe gemacht und deshalb fast wertlos.
2°o a ) Höfler Organoth. 82; vgl. Anm. 327. 336.
201 ) Joh. Joachim Bechers Parnassus medici-
nalis 1 (1663), 32; Joh. Schröder Medicin-
chymische Apothecke 1685, 1279. 1280; Oswald
Croll Von d. innerlichen Signaturen d. Dinge
1625, 45; Kräutermann 212. 214; Lammert
151; Hovorka-Kronfeld 2, 170. Vgl. Bapt.
Porta Magianaturalis 1713, 32 § 28. Ergänze
diese u. die folgenden Belege durch die zu Bd. 1,
526. 202 ) Die Mylianische zusammengesammelten
geh. Artzneymiltel bei Gockelius Tractatus 1717,
190. 191; Kräutermann 218. 219. 203 ) Jüh-
ling Tiere 61.70. 204 ) Ebd. 70. Vor Brunst heraus¬
geschnitten: Mutterkrankheit: Schröder 1279.
206 ) Höfler Organoth. 242. 206 ) Paracelsus
Bücher vnd Schrifften 3 (1589), 51 f. 207 ) Ebd.
3, 52. 207a ) Germania 22, 262. 208 ) Mündlich;
vgl. Höhn Volksheilkunde 1, m; Anthropo-
phyteia 4, 292. 209 ) Kräutermann 176. 178;
Lonicer Kreuterbuch 1577CCCXII; Schröder
1279; Becher 1, 32. 210 ) Schröder 1279.
210a ) J- J- Loos Joh. Baptista vom Helmont
1807, 27. 211 ) Kräutermann 160. 212 ) Jüh-
ling 69. 213 ) Höfler Organoth. 165. Vgl.
Becher 1, 32; Hovorka-Kronfeld 1, 213.
214 ) Jühling 67. 215 ) St. Gallen 15. Jh.: Ger¬
mania 25, 67. 216 ) Jühling 61; Lonicer
CCCXII A; Höfler Organoth. 273 (PIin.
XXVIII 67). 217 ) Höfler Organoth. 83.
21?a ) Agrippa v. Nettesheim 1, 191 f. 21i> ) Tüh-
ling 275 f. 22( >) Höfler 83 f.; Jühling 71.
221 ) ZföVk. 6, 112; Hovorka-Kronfeld
2, 66. 222 ) Höfler Organoth. 242 f.; Jühling 66.
223 ) Schröder 1279. 224 ) Jühling 68; Höfler
243. 22: ) ZfdPhil. 13, 369 (Ulrich Morhart);
Schröder 320; Höfler 241 f. 226 ) Becher
1, 31; Osw. Croll Von d. innerlichen Signa¬
turen 43. 227 ) Jühling 69; Lammert 157;
Höfler Organoth. 242. Als Amulett: Lammert
157. 228 ) ZföVk. 6, 112. 229 ) Höfler Organoth.
244. 243; Schröder 1279; Becher 1, 31.
23 °) Höfler Organoth. 243 f. 231 ) Schröder
1279; Becher 1, 31; Höfler 242. 243. 244.
232 ) Höfler 244; Schröder 1279. 233 ) Höfler
243. 234 ) Mündi. u. Höfler 241. 235 ) Paracelsus
Bücher vnd Schrifften 3, 265. 236 ) Ebd. 3, 52.
237 ) Ebd. 3, 82. 149. 205. 238 ) Kräutermann
382. 238a ) Osw. Croll Basilica chymica 1622, 42.
23 ®) Höfler 244. Vgl. Jühling 68. 24 °) Höfler
Organoth. 243; Plinius de medicina III 21;
Dölger in Vorträge d. Bibi. Warburg 1923/24,
206. 241 ) Paracelsus Bücher v. Schrifften 3,
52. 56. 242 ) Seyfarth Sachsen 149. 243 ) Lonicer
CCCXII A; Schröder 1280. 244 ) Becher
1, 32; Schröder 1280. 245 ) Schröder 342.
248 ) Jühling 63. 66. 247 ) Ebd. 65. 248 ) Ebd. 60.
249 ) Ebd. 65. 60; LonicerCCCV R; Schröder
1281. 25 °) Paracelsus 3, 385. 251 ) Höfler
Organoth. 81 f. 262 ) Jühling 60. 253 ) Ebd. 60;
Höfler Organoth. 83; Schröder 230. 254 ) Jüh¬
ling 60. 265 ) Ebd. 69; Lammert 271.
266 ) Jühling 64. 65. 66. 257 ) Becher 32.
258 ) Lonicer Kreuterbuch CCCV R. 259 )Megen-
berg 106. 26 a ) Mündlich; Za der Simmen-
thal 81; ZfVk. 8, 41. 44. 46; Jühling 68;
Raymundus Minderer Kriegsart^ney 1620,
41; Albertus Magnus 1, 24. ?8i ) Bapt.
Porta Magianaturalis 1713,661 §2. 282 ) Ho¬
vorka-Kronfeld 1, 213; 2, 360; ZfVk. 8, 46 f.;
Jühling 67. 63 f. 62. 61 f.; Pollinger Lands¬
hut 278; Minderer 282. 263 ) ZfVk. 5, 412;
Becher 1, 31!.; Schröder 1281. 264 ) Lonicer
CCCV A; Paracelsus Natürl. Zaubermagazin
1771, 245; an Brustwarzen: Lammert 177.
286 ) Lonicer CCCXII. 288 ) ZfVk. 7, 62. 287 )
Schröder 1281; Kräutermann 232; Min¬
derer 340; Zahler Simmenthal 81. 288 ) Jüh¬
ling 64; Schröder 1281; Becher 1, 32.
26 ») Paracelsus ( Archidoxis magicae) Opera
2 (1616), 553. 2:0 ) Jühling 63. 271 ) Albertus
Magnus 1, 19; Jühling 61. 272 ) Jühling
65. 273 ) Ebd. 69. 274 ) B. Porta Magia naturalis
I 7 I 3 * 3 1 § * 6 ; Lonicer Kreuterbuch 1577,
CCCV A nach Dioscurides: Schlangen fliehen
den mit H.-Unschlitt Gesalbten. 275 ) ZfVk.
8, 47; Mylian. Artzneymiltel bei Gockelius
Tractatus 1717, 186. 278 ) Paracelsus Bücher
v. Schrifften 4, 112. 113. 277 ) Lammert 138.
278 ) Th. Paracelsus natürliches Zaubermagazin
I 77 I » 135 b 6 9- 279 ) Lammert 134. 28 °) Elsaß
109
Hirschkäfer
HO
14. Jh.: Alemannia 10, 219. 231. 232. 281 ) 1
Schröder 1281. 282 ) Jühling 66; vgl. 69. 283 )
Ebd. 69. 284 ) Megenberg 107; Höfler Or¬
ganoth. 82. 285 ) Megenberg 106; Lonicer
CCCXII A. 28e ) Jühling 70 {.; Hovorka-
Kronfeld 1, 213. Vgl. Grimm Myth. 3, 362
(Hirschstein). 287 ) Bapt. Porta Magia na¬
turalis 1713, 31 § 16. 288 ) Becher 1, 32;
Schröder 1280. 289 ) ZfVk. 23, 257. 23 °)
G. Schmidt Kräuterbuch 62 N. 219; Ma-
gisterium C. C.: Schröder 280; J. F. Brandt
u. Ratz enburg Medizin. Zoologie 1 (1829),
41. 291 ) SchwVk. io, 77 f.; Hovorka-Kron¬
feld 1, 213; Rolland Faune 1, 103. 292 )
Lam mert 242; Hovorka - Kronfeld 2, 25.
••*) Die Mylianische zusammengesammelten ge¬
heimen Artzneymiltel in Gockelius Tractatus
179. 186. 294 ) Hovorka-Kronfeld 2, 202;
Schröder 1278. 295 ) Ebd. 1278; ZfVk. 5, 412;
Lonicer CCCXII A. 298 ) Schmidt Kräuterbuch
62 N. 219; Schröder 1278; Jühling 65. 297 )
Jühling 62. 64. 69; Lonicer CCCXII A;
Minderer 351; Höhn Volksheilkunde 1, 142!.;
Lammert 147 f.; ZfVk. 1, 177; 8, 47. 298 )
Schröder 1278; Jühling 64 f. 2 ") Lammert
156. 30 °) Jühling 64 (Austreten des Mast-
darmes?). 301 )Paracelsus Bücher vnd Schrifften
3, 122; H.hornwasser erleichtert Geburt:
Rolland Faune 1, 103. 302 ) Jühling 65.61;
LonicerCCCXII A; 303 ) Jühling6i. 304 ) Para¬
celsus Bücher 5, 247; 3, 313. 3W ) Jühling 65.
70; ZfrwVk. 1914, 165; Lonicer CCCXII A.
•°*) Ebd.; Hovorka-Kronfeld 2, 31. 32. 307 )
Becher 1, 31; Lonicer CCCXIIA; Minderer
209.222. 223. 232; Höhn Volksheilkunde 1, 149.
109 ) Köhler Voigtland 354; Schmidt Kräuter¬
buch 37 N. 11. 309 ) Kräutermann 278. 31 °)
Lonicer CCCXII A; Becher 1,31; Schröder
1277; Alemannia 10, 225; Höfler Organoth. 83;
ZfVk. 8, 47; Kräutermann 164; Jühling
60. 61. 62. 67. 69. 311 ) Lonicer CCCXII A;
ZfVk. 8, 47; BIPommVk. 5, 13; Jühling
69. 63. 312 ) Lonicer CCCXII A. 313 ) Jühling 65.
* 14 ) Ebd. 67. 63. 315 ) Becher 1, 31; Schröder
1277. 362; Kräutermann 308. 316 ) Ebd. 65;
Kopfgrind: Kräutermann 331. 332. 317 ) Jüh¬
ling 70. 318 ) Lammert 134 f. 319 ) Staricius
481; Th. Paracelsus natürliches Zauber-
magazin 1771, 64. 32 °) Pradel Gebete 373;
Scheftelowitz Altpalästin. Bauernglaube 18
N. 1; Lonicer CCCXII A; Jühling 70;
Agrippa v. Nettesheim 1, 199. 321 ) Ho¬
vorka-Kronfeld 1, 213. 32Ä ) Plin. VIII 42;
Keller Tiere 88 . 323 ) Hovorka-Kronfeld
X, 212; Höfler Organoth. 81. Es treibt den
Schweiß, widersteht Fäulnis, darum gegen
Röteln, Pocken, Fieber; es stillt Bauchflüsse,
Skorbut, Podagra: Becher 1, 31 f.; dazu
Schlafsucht, Hypochondrie, Zipperlein: Schrö¬
der 1277 h; Feigwarzen: Alemannia 10, 231,
gegen Erbrechen u. Ekel; Gift: Kräuter¬
mann 155 f. 382; in Pferdekrankheiten:
Th. Paracelsus natürl. Zaubermagazin 1771,
237; Hauptweh und Schnupfen Lonicer
CCCXII A; Bastgeweihe als Aphrodisiaka:
Albert Le Coq Von Land u. Leuten in Ost-
turkesian 1928, 47. 324 ) Mündlich; vgl. Schröder
1278. 1279; Lonicer CCCXII A (Menses
stillend). 325 ) Mylian. Artzneymiltel bei
Gockelius Tractatus 17. 187. 328 ) S6billot
Folk-Lore 3, 45. 327 ) Schröder 1277. 328 ) MsäVk.
8, 92. 329 ) Paracelsus Bücher vnd Schrifften
3, 56 f. *») Lonicer CCCXII A. **') Jüh¬
ling 70. 331a ) Globus 92, 285. 332 ) Becher
1, 32. 333 ) Lonicer CCCXIII A. 334 ) Jühling
63. 335 ) Montanus Volksfeste 167 f. Vgl.
Friedberg 17; Graf in FFC. 38, 25. 338 ) Grimm
Myth. 3, 344; Kräutermann 265; Becher
Parnassus 1, 31. Sonst muß er, um Heilkraft
zu haben, Aegidien erlegt werden = Schröder
70 f. 337 ) Jühling 68; Staricius 519; An-
dreae Tenzelii Medicinisch-philosophische und
sympathetische Schrifften 1725, 244; Drechsler
1, 150; Birlinger Aus Schwaben 2, 238;
Meyer Baden 388; ZfVk. 8, 46. 338 ) Lam¬
mert 169. 339 ) Schröder 1279. Jühling
63. Vgl. 66. 341 ) Grimm Myth. 2, 981; ZfVk.
1, 175; Jühling 67. 68 f. 34a ) Berthold
Unverwundbarkeit 11. 343 ) ZfVk. 8, 40; Alpen-
bürg Tirol 380; Jägerhörnlein 132; Simrock
Myth. 537. 343a ) Schudt Jüd. Merkwürdig¬
keiten 1714. II. 1, 193. M4 ) Becher 1, 32.
345 ) Schröder 1281. 34Ä ) Hovorka-Kronfeld
2, 41. 347 ) ZfVk. 8, 46. 348 ) Kräutermann 195.
13. Gehörnt. In fast allen Schwarz¬
künstlersagen begegnet die Angabe, daß
der Zauberer seinem Gegner H.hörner
anzauberte 349 ).
349 ) Peuckert Pansophie. 1932; Luther
Tischreden 2, 1425; Wenzig Westslavischer
Märchenschatz 161; Kiesewetter Faust 1921.
1, 212 f. Peuckert.
Hirschkäfer.
1. Benennung nach den „Hör¬
nern 0 . Der H. (Lucanus cervus) wird in
den meisten Sprachen nach seinen ge¬
weihartigen kräftigen Oberkiefern be¬
nannt, die vom Volke für Hörner gehalten
werden. So heißt er im Steirischen Horn¬
käfer 4 ), im Niederösterr. Hörndler 2 ) oder
Kirntelkäfer 3 ) (= gehümdel K.), im
Schwäbischen Hornschretel 4 ). Schretel
scheint Vermischung von Schröter (s.
weiter unten) und Schrat (Waldgeist).
Hierzu stimmt auffallend schwed. horn¬
troll 5 ). In Duisburg heißt der H. niegen-
hönder (Neunhörner) 6 ). Mit diesen
Namen vgl. tschech. rohac (= homtra-
gend) 7 ), franz.-dial. cornard (Creuse) 8 ),
banard (Gard, Languedoc) 9 ), lomb. cor-
nabö 10 ). In bö steckt entweder lat. bos
oder wie Garbini 11 ) vermutet, ital.-dial.
boja „Insekt“.
III
Hirschkäfer
112
Häufig sind Benennungen nach hörner-
tragenden Tieren, und zwar a) nach dem
Hirsch. In deutsch Hirschkäfer ist Käfer
nur ein verdeutlichender Zusatz zu ur¬
sprünglichem Hirsch, so daß das Wort
eine Bildung ist wie z. B. Walfisch, Wind¬
hund, Vogel Strauß. Im Siegerländischen
heißt unser Käfer in der Stadt Hirsch,
auf dem Lande Hirz 12 ). Nach der Zeit
seines Erscheinens (am Johannistag)
heißt er dort auch gehanz-hirz, d. h. Jo¬
hannishirsch, das Weibchen heißt ge-
hanzkö „Johanniskuh“ 13 ). Dem Deut¬
schen entsprechen engl, stag beeile, stag
fly 1 *), hart beeile 15 ), ebenso neugr. eXa?o-
xavOotpo; 16 ). Einfaches „Hirsch“ liegt
vor in serb. jelen (altslav. elenetz 17 )),
poln. jelenek, russ. olenez, beides „Hirsch¬
lein“ 18 ). (Vgl. ital. cerviattolo volonte).
Auf sein Vorkommen auf der Eiche i
bezieht sich dän. eeghjort „Eich¬
hirsch“ 19 ). Die romanischen Sprachen
zeigen analoge Namen: franz. cerf vo-
lant, biche (Weibchen) 20 ). In Lorient
heißt das Männchen Cerf S. Pierre,
das Weibchen Cerf S. fean 21 ) (Vgl.
weiter oben siegerländ. gehanzhirz). Wei¬
tere rom. Namen: ital. cervo [cerviattolo)
volante, span, ciervo volante , port. veado
voante 22 ), rum. cerbariü, capul cerbului
„Hirsch köpf“, cerbul-lui-Dumnezeü ,,H.
Gottes“ 2Z ).
b) Nach dem Rind (Ochs, Kuh).
Deutsch: Ochs 24 ), schwed. ekoxe , ebenso
finn. tammihärkä [tammi „Eiche“, härkä
„Ochs“) 25 ), steir. Hirschochs, Himmel¬
ochs, Herrgottenochs 26 ), franz. bceuf de la
S. fean (Allier) 27 ), rum. botd-lui-Dum-
iiezeü 28 ), vaca-lui-Dumnezeü (Weib¬
chen 29 )),taur „Stier“, buhaiü „Büffelstier“,
buhaiul lut Dumnezeü „Büffel Gottes“,
bourel „kleiner Auerochse“ 30 ).
c) Benennungen nach Bock und Widder
kommen nur vereinzelt vor. Deutsch:
Bock 31 ), westergotl. torbagge 32 ) (schwed.
bagge = Widder) **).
x ) Wein köpf Naturgeschichte 49. 2 ) Ebd.;
Grimm Myth. 2, 576. 3 ) Weinkopf a. a. O.
4 ) Keller Tierwelt 2, 407; Neuphil. Mitt. 26,
181. 5 ) Grimm Myth. 2, 576. 6 ) Leithaeuser
Volkskundliches 1, 18. 7 ) Grimm a. a. O.
•) Rolland Faune 3, 327. ®) A. a. O. 10 ) A. a. O.
U) Garbini Aniroponimie 236. 12 ) Heinzer¬
ling Wirbellose Tiere 7. 13 ) A. a. O. 14 ) Grimm
a. a. O. 1S ) Rolland a. a. O. 18 ) Edlinger
Tiernamen 56. 17 ) Grimm Myth. 3, 200. 18 )
Edlinger a. a. O. 1# ) A. a. Ö. 20 ) Rolland
Faune 3, 326- 21 ) Op. cit. 3, 327. 22 ) Edlinger
a. a. O. 23 ) Rum. Jahresb. 12, 119. 24 ) Grimm
Myth. 2, 576. 25 ) Edlinger a. a. O. 2a ) Wein-
j köpf op. cit. 50. 27 ) Rolland Faune 3, 327.
28 ) Rum. Jahresb. 12, 119. 29 ) Op. cit. 12, 139.
30 ) Ebd. 31 ) Grimm Myth. 2, 576. 32 ) Op. cit.
2, 577 33 ) Neuphil. Mitt. 26, 179.
2. Benennungen nach verschie¬
denen Tätigkeiten. Mit seinen geweih¬
artigen Oberkiefern kann der H. gehörig
zwicken, worauf eine Anzahl von Benen¬
nungen an spielen: so gottscheeisch
zwickarkawer „Zwickkäfer“ M ), klamm-
hirz (Schmalkalden) a5 ), klemmheuern
„Klemmhorn“ (Westrup) 3Ö ), Klemmer,
Klemmhirsch 51 ), hess. knippherz, knipherz
„Kneifhirsch“ 38 ), knipworm (Meiderich) 39 ),
hess. petzgaul (petzen = kneifen 40 )), west-
pfälz. Petzekäfer 41 ) und Hirschbex (bexen
aus mhd. beckezen „stechen, zwicken“) 42 ).
Hiermit vgl. franz. cope-de (coupe doigt,
Deux-Sevres) 43 ), tenaley 44 ) (<tenacula-
rium aus tcnaculum 45 ), Bagnard; vgl.
| franz. tenailles „Zange“), engl, pinches-
! bob (Surrey 453 ), holl, schale-bijtcr 45b ).
Von seiner Tätigkeit des Holzschneidens
| (richtiger: Bohrens) hat der H. den Namen
j Schröter (mhd. schrotel* 5 ), Hornschröter 47 ),
, Baumschröter 48 ), Weinschröter 49 ) (wohl
' scherzhafte unlogische Weiterbildung).
Hiermit vergleicht sich franz.-dial. seien
de buö (= scieur de bois „Holzsäger“, Ban
I de la Roche) 50 ), charpentier „Zimmer¬
mann“ (Cöte d’or) 51 ). In Kärnten heißt
der H. Scharkäfer (von Schar = Pflug¬
schar; vgl. kämt, scher und scharbl
„Maulwurf“) 51a ). Von der Tätigkeit des
Feilens heißt der H. Schmiedkäfer (Ziller¬
tal 52 ), Salzburg 53 )), ebenso rum. favru ,
euvaeiü „Schmied“ 54 ). Weniger klar
ist henneberg, bämschluider „Baum¬
schleuder“, wozu bämfreele „Baumfräulein“
als Bezeichnung des Weibchens 55 ). Auf
das Auftreten des Käfers im Mai bezieht
sich in der Mundart von Fallersleben
Maihengst 56 ).
34 ) Satter Tiernamen 14. 35 ) Heinzerling
Wirbellose Tiere 7. 38 ) Hartwig Minden-Ra¬
vensberg 1, 33. 37 ) Dalla Torre Tiernamen
52. M ) Heinzerling 7; Leithaeuser Volks¬
kundliches 1, 18. 39 ) A. a. O. 40 ) A. a. O.
P
113
Hirschkäfer
Heeger Tiere 2, 15. 42 ) A. a. O. 43 ) Rol¬
land Faune 3, 327. 44 ) A. a. O. 4S ) Meyer-
Ltibke REWb. 8637. 45a ) Rolland a. a. O.
«.b) H einzerling 7. 48 ) Heeger Tiere 2, 15.
**) Leithaeuser Volkskundliches 1, 18. 48 ) Ho-
vorka-Kronfeld 1, 213. 49 ) Wirth Anhalt 4/5,
Vj. 50 ) Rolland Faune 3, 327. 51 ) A. a. O.
*U) carint hia 96, 64. 52 ) Dalla Torre Tier¬
namen 52. 53 ) Baum garten Heimat 1, 113;
Hovorka-Kronfeld 1, 213. M ) Rum. Jahresb.
12 , 119. * 5 ) Heinzerling 7. 56 ) A. a. O.
3. Beziehung zum Feuer. Weit¬
verbreitet ist der Glaube, der H. zünde
Häuser an, indem er mit seinen „Zangen“
glühende Kohlen aufnehme und sie auf
die Dächer trage 57 ) (Im Odenwald be¬
schränkt sich dieser Glaube auf das
Weibchen 58 )). Oder es heißt, der H. ziehe
den Blitz an, daher dürfe kein solcher
Käfer ins Haus gebracht werden 58a ).
Auf diesem Volksglauben beruhen einige
Dialektnamen des Insekts wie Kohlar
„Köhler“ (Vorarlberg) 59 ), Fürdräger
„Feuerträger“, Brenner (ndd. Börner) 60 ),
Husbörner „Hausbrenner“ 61 ), Feuer¬
schröter, Fürböler „Feueranzünder“, Feuer¬
käfer, Donnergueg, Donnerguge (südd.
gueg, guegi „Käfer“), Donnerpuppe, Don¬
nerschröter 62 ).
* 7 ) Wirth Anhalt 4—5, 27; Wuttke 115 § 151;
Bartsch Mecklenburg 2, 187; Baumgarten
Heimat 1, 113; Meyer Baden 362; Liebrecht
Zur Volksk. 109 f.; Meyer Germ. Myth. 113;
Schulenburg Wend. Volkstum 161; Hovorka-
Kronfeld i, 213. 58 ) Wolf Beiträge 1, 233.
••*) Wuttke 304 § 447: 115 § 151; Ho¬
vorka-Kronfeld i, 213; Grimm Myth. 3,
459 Nr. 705 (H.weibchen); Meyer Baden
362. *•) Dalla Torre Tiernamen 52. 60 )
Grimm Myth. 1, 152; Götze Luther 15; DWb.
s. v. „Brenner“. 6I ) Natur u. Schule 6, 65.
**) Grimm Myth. 1, 152; 2, 834; Hovorka-
Kronfeld 1, 213; Lütolf Sagen 360; Wuttke
S. 115 § 151; Meyer Baden 362.
4. Mythische Wertung. Auf Grund
dieses Volksglaubens und dieser Benen¬
nungen nahmen ältere Forscher an, der
H. sei dem Gott Donar heilig gewesen
und habe im Opfer größere Haustiere
vertreten 63 ) (Man vgl. die von Ochs
und Pferd entlehnten Namen.) Nach
freundlicher Mitteilung des Herrn Kustos
Dr. Kuntzen in Berlin (Brief vom 15. 10.
1924) erklären sich die Rolle des H.s als
Blitzanlockers und seine daraus resul¬
tierende Beziehung zum Gotte Donar
aus dem Umstande, daß der Blitz gern
114
in einzeln stehende Eichen — dieser
Baum ist die Futterpflanze des H.s —
einschlägt. Man vgl. die Namen dän.
eeghjort , schwed. ekoxe 64 ) usw. (siehe
weiter oben).
Wie es sich auch mit der Rolle des H.s
in der germanischen Mythologie ver¬
halten mag, eine gewisse mythische Be¬
deutung des Insekts erhellt aus Namen
wie schwäb. hornschretele und schwed.
horntroll (siehe weiter oben).
Auch die Bezeichnung des Teufels
Roß 65 ) ist in Hinblick auf die Beziehung
des H.s zum Feuer mythisch zu werten.
Hingegen scheint veron. diaolo (— dia-
volo) 66 ) einfach durch das tertium com-
parationis der Hörner veranlaßt. Auch
der südfranz. Name escanya-pollets „Hüh¬
nerwürger“ (Pyren.-Orient.) 67 ) deutet auf
elbischen Charakter 68 ). Desgleichen der
in der Haute-Bretagne verbreitete Glaube,
daß, sieht jemand H. und läßt sie am
Leben, sie in der Nacht zu ihm ins Bett
kämen 69 ) (Incubus).
63 ) Grimm Myth. 1, 152; Mannhardt
Germ . Myth. 28 1 f. 64 ) Edlinger Tiernamen 58.
65 ) Wirth Anhalt 4—5, 27. 8e ) Garbini Antro-
ponimie 50; Neuphil. Mitt. 26, 180 f. 87 ) Rol¬
land Faune 3, 327. 68 } Neuphil. Mitt. 26, 181.
8# ) Sebillot Folk-Lore 3, 308.
5. Glückssymbol. Im Gegensatz
hierzu gilt der H. oder wenigstens dessen
Kopf als glückbringend. So in Bayern 70 )
und Nordfrankreich 7l ).- In Chäteaudun
bringt ein in der Tasche getragener
H.kopf Reichtum 72 ), in Loiret Glück im
Lotteriespiel 73 ). H.asche als Liebes¬
zauber, ursprünglich wohl ein Geschlechts¬
reizmittel 74 ), ist in der Oberpfalz üblich 75 ).
Nach Netolitzky 76 ) wird dieser Brauch
auch in Mexiko geübt.
70 ) Keller Tierwelt 2, 407. 71 ) Wolf Bei¬
träge 2, 448. 72 ) Rolland Faune 3, 328. 7S ) A.
a. O. 74 ) Netolitzky Käfer 9. 75 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 129 Nr. 7. 78 ) Käfer 9.
6. Abwehrzauber. Als Abwehr¬
zauber scheint der H. auf deutschem
Gebiet nicht vorzukommen, wohl aber
in Frankreich (Berry) 77 ), wo ein an der
Hutschnur getragener H.kopf vor Zauber
schützt. Auch die Mazedo-Rumänen
verwenden die „Hörner“ des H.s gegen
den bösen Blick 78 ). Die Rumäninnen
tragen sie in den Zöpfen zum Schutz ihres
Hirschmaske
II6
IIS
Haares 79 ). In Konstantinopel werden
die H.hörner im Ramassan als Amulette
verkauft 80 ). Homöopathisch schützt in
den Vogesen der Kopf eines H.s gegen
Blitz 81 ).
77 ) Sebillot Folk-Lore 3, 309; Seligmann
Blick 2, 130. 78 ) Marian Insectcle 46. 79 ) Op.
cit. 41. 80 ) Keller Tierwelt 2, 407. 81 ) Se¬
billot 3, 309.
7. Volksmedizin. In der Volksmedi¬
zin ist der H. heutzutage von geringer
Bedeutung. In früheren Zeiten wurde er
wohl hauptsächlich wegen seiner harten ,
Flügeldecken, die flüchtiges öl und j
Laugensalz enthalten, gegen Wassersucht, j
Rheumatismus, Ohrenschmerzen verwen¬
det 82 ). Das obenerwähnte öl sollte bei i
Kindern gegen nervöse Zuckungen hel¬
fen 83 ). Die „Hörner“ des Käfers werden in
Vorarlberg als Amulett gegen Krampf
getragen. Er heißt daher dort auch
Krampfkäfer 84 ). Ursprünglich Harn¬
treibmittel, wird jetzt das Insekt in
Pulverform — offenbar mißverständlich —
gegen das Bettnässen der Kinder ge¬
braucht 85 ). Schon bei den Römern wurden
den Kindern H. als Heilmittel um den
Hals gehängt 86 ). In Italien (Bisceglie
di Barletta) 87 ) und Rumänien 88 ) be¬
wahren die auf dem Hut getragenen
„Hörner“ des H.s vor Kopfweh.
82 ) Jühling 99; Hovorka-Kronfeld 1,
213t.; Netolitzky Käfer 9. 83 ) Jühling
a. a. O.; Hovorka-Kronfeld a. a. O. 84 ) Von-
bun Beiträge 116. 85 ) Netolitzky Käfer 9.
86 ) Hovorka-Kronfeld a. a. O. 87 ) Garbini
Antroponimie 1414 t. 88 ) Marian Insectele 41.
8. Orakel. In der Grafschaft Mark
benützen die Hirtenknaben den H. als
Orakel, > um verlaufene Kühe ausfindig
zu machen, und zwar in der Weise, daß
sie zwei „Hörner“ vom H. in der ge¬
schlossenen Hand rütteln und dabei an
jene die Frage richten, wo die Kühe seien.
Dann öffnen sie die Hand, und wo die
Spitze des rechten Hornes hinweist, da
sind die Kühe 89 ).
Ein anderes Orakelspiel, von dem
Garbini 90 ) aus Verona berichtet, besteht
darin, daß Knaben einen H. in der Hand
halten und zwischen seine „Zangen“
einen Hut, einen Stein oder ein Stück
Eisen stecken. Hierbei sagen sie einen
Vers auf, der mit der Aufforderung an
den Käfer schließt, er möge das Gewicht
des betreffenden Gegenstandes angeben.
Hierauf zählen sie genau, wie oft der
Käfer seine Kinnladen öffnet und wieder
schließt. Daraus entnehmen sie das
Gewicht des Gegenstandes in Grammen
oder Hektogrammen. Daher die vero-
nesischen Namen des H.s: pesa-capei
„Hutwäger“, pesa-fero , pesa-barete, porta -
capei „Hutträger“, porta-sassi „Steine¬
träger“ 91 ). Auch in Tirol ist dieses Spiel
bekannt, wie aus dem Inntaler Namen des
H.s, Hutklupper ( Kluppe = Zange) her¬
vorgeht 92 ). Über ein grausames und recht
bedeutungsloses Spiel mit gefangenen H.n
in Lautental vgl. Kuhn u. Schwartz
S- 377 Nr. 39 ; S. 512; Sartori Sitten, 173.
89 ) Wolf Beiträge 2, 448; Woeste Mark 56
Nr. 23; Wuttke 115 § 151; 240 § 344;
Sartori Sitte 2, 152. 90 ) Garbini Antropo¬
nimie 50 f. 91 ) Garbini a. a. O.; AnSpr.
1 49 . 78- 92 ) Dalla Torre Tiernamen 52.
Riegler.
Hirschmaske. Aus Norditalien, Frank¬
reich, Westdeutschland (also ursprünglich
keltischen Gebieten), wird in der Völker¬
wanderungszeit und im frühen MA. in
kirchlichen Quellen über Umzüge berichtet,
die an den Kalenden des Januar statt¬
fanden, und bei denen „cervulus et vetula“
umgeführt wurden 1 ), und zwar galt dies
cervulum facere als bäurischer Brauch 2 ).
In der Reformationszeit bezeugt Geiler
v. Kaisersberg die H. 3 ). Am Hirs-
montag (nach Aschermittwoch) fand ein
Scheingefecht statt, das hirzen, Hirsstoß
! hieß (Aargau), bei dem der Hirsnarr eine
Hauptrolle spielte, ein in Stroh verkleideter
: Vegetationsdämon (s. Hirsch 10) 4 ). Hirs-
hörnli wurden verzehrt (s. Hirsch 6) 4 ).
In Baden führt man Lätare den Hißgier,
Hirzgiger, Hierlagiger, Huzgür um 5 ),
wie andernorts den Strohbären (s. Bär).
H.n haben sich im Salzburgischen er¬
halten 6 ). Im Waldviertel (N.-Österreich)
ist heut noch die Rede von heimlichen
Opferfesten (Hexenfesten), bei denen die
Teilnehmer H.n tragen 7 ).
1 ) Franz R. Schröder in Germ. rom.
Monatschr. 17, 411; Nilsson im ARw. 19,
71 ff.; F. Schneider im ARw. 20, 87 ff.;
ObZfVk. 1, 102; Du Meril Histoire de la comedie
ancienne 1, 75; Weiser Jünglingsweihen 55;
Hoffmann-Krayer im SAVk. 7, ii7f. 119
117 Hirse Il8
Anm. 188 ff.; Maaß in Jahreshefte d. österr.
archäol. Inst. 10 (1907), 1130. (Boese Superst.
Arelat. 9 f. 45 fr. 57 f ). 2 ) Caesarius Serm.
129 — ARw. 20, 89; vgl. ebd. 19, 74. 3 ) Roch-
holz Sagen 2, 196. S. „Hirsch“ Nachw. 159.
Vgl. Kuhn in ZfdPhil. 1, 110. 4 ) Rochholz
Sagen 2, 196. 197; ZfdPhil. 1, 110. 5 ) Meyer
Baden 82 f. 8 ) SAVk. 7, 119. 7 ) Franz Kie߬
ling Frau Saga im nieder oster reich. W aldviertel
4 (1926), 39. Peuckert.
Hirse (Panicum miliaceum).
1. Botanisches. Getreidegras mit
rauhhaarigen Blättern und überhängender,
in der Jugend zusammengezogener, später
mehr ausgebreiteter Rispe. Die Körner
•ind sehr klein und von gelblicher Farbe.
Der Anbau der H. ist in Deutschland,
wo er im Mittelalter sehr verbreitet war,
stark zurückgegangen und heutzutage
fast verschwunden 4 ). Die H. gehört
in Europa zu den ältesten Getreidearten,
sie wurde bereits in der jüngeren Stein¬
zeit vielfach angebaut 2 ). Auch dem
klassischen Altertum war sie bekannt 3 ).
l )Ma.rzeU Kräuterhuch 211. 2 ) Hoops Reallex.
2, 529ff. 3 ) Pauly-Wissowa 8, 2, 1950 ff.
2. Wegen der vielen Körner ist die H.
ein weitverbreitetes Fruchtbarkeits¬
symbol. Als solches erscheint sie be-
sondersim Hirsebrei (oberdeutsch „Brein“),
der vorzüglich in Ost- und Süddeutsch¬
land ein traditionelles Hochzeitsessen ist
und bis in die jüngste Zeit bei Bauernhoch¬
zeiten nur selten fehlte 4 ). Wenn das
Mädchen am Neujahrstag Milchh. ge¬
kocht hat, so tritt es mit dem Quirl und
dem Rührlöffel vor die Tür. Kommt zu¬
erst ein Tischler oder Schneider, so wird
auch der zukünftige Mann dieses Hand¬
werk haben 5 ). Wer den H.topf kratzt,
dem regnet es auf der Hochzeit 6 ). Auch
in Hochzeitsbräuchen und im erotischen
Zauber der Südslaven 7 ) sowie der Fran¬
zosen 8 ) spielt die H. eine Rolle. Die
Hühner werden an Neujahr mit H. ge¬
füttert, damit sie gut Eier legen 9 ). Zu
dem gleichen Zweck gibt man den Hüh¬
nern die Überreste des an Fastnacht ge¬
gessenen H.breis 10 ).
4 ) Hofier Hochzeit 13 f.; Fastengebäcke 30 f.;
Bavaria 1, 407; Düringsfeld Hochzeitsbuch
125. 190. 251; Meyer Baden 242. 249. 272 f.;
John Westböhmen 152; Veckenstedts Zs. 2, 475;
ZfVk. 6, 261; Brandenburg 3, 150; Wirth
Beiträge 6/7, 3. 150; Brunner Ostd. Volksk.
174 f. 5 ) Köhler Voigtland 364. 6 ) Haltrich
Macht d. Aberglaubens 1871, 29. 7 ) Krauß
Sitte u. Brauch 169 f. 445. 448. 451; die Mord¬
winen an der Wolga reichen nach der Geburt
des Kindes den Taufgästen H.: Ploß Weib 1
1 > 356 - 8 ) Sebillot Folk-Lore 3, 486. 9 ) Köhler
Voigtland 363; Spieß Obererzgebirge 7 („damit
die Hühner die Eier nicht verlegen“). In der
Szegeder Gegend streut man den Hühnern viel
H. hin, damit sie ebenso viele Eier legen: ZfVk.
4, 310. I0 ) Reubold Beitr. z. Volkskde (von
Ansbach) 1905, 33; vgl. auch Marzell Bayer.
| Volksbotanik 15.
3. Wegen der zahlreichen Körner und
wohl auch wegen deren gelber (an Gold
erinnernder) Farbe symbolisiert die H.
Reichtum. An Fastnacht 11 ), an Sil¬
vester 12 ), an Neujahr 13 ), an Weihnach¬
ten 14 ), an Lichtmeß 15 ) muß man H.
essen, damit einem das ganze Jahr das
Geld nicht ausgeht. Träume von H.
(oder Reis) dagegen bedeuten Armut
und Dürftigkeit 16 ). Wenn man H. an
Fastnacht ißt, stehen einem die Kleider
schön 17 ), vgl. Pilze.
u ) Rockenphilosophie 3 (1707), 102; ZfKul-
turgesch. N. F. 3 (1896), 221 (Nassau im
17. Jahrh.); Journ. v. u. f. Deutschland 3
(1786), 180 (im Ansbachischen); Mannhardt
Germ. Mythen 153; Höfler Fastengebäcke 30;
Marzell Bayer. Volksbotanik 14 f. ; Bavaria
3, 341; Drechsler 2, 208; MschlesVk. 27
(1926), 232. 12 ) Das Vogtland 2 (1913/14),
382. 13 ) Kuhn u. Schwartz 408; Vecken¬
stedts Zs. 2, 442; 4, 29; Wirth Beiträge 6/7, 6;
ZfVk. 6, 432 (Anhalt); Regel Thüringen 1 (1895),
691; Drechsler 1, 44 (so viel H.kömer
man ißt, so viel Markstücke wird man im
kommenden Jahr einnehmen); Köhler Voigt¬
land 360; John Westböhmen 28. 14 ) Drechsler
I, 32; Dähnhardt Volkst. 1, 76. u ) Wirth
Beiträge 6/7, 6. 16 ) Ryff Traumbuch 1551, 59.
17 ) Drechsler 2, 209.
4. Als alte Kulturpflanze ist die H.
eine Seelenopferspeise, die bei der
volksüblichen Bewirtung bei Bestattungen
und Leichenschmäusen auftritt 18 ). Wohl
aus dem gleichen Grund gilt sie als Speise
der „Unterirdischen“, der Zwerge, der
Hausgeister. Der Hausgeist wird mit H.-
brei gefüttert 19 ). H.brei ist eine Nahrung
der Zwerge 20 ). Der „Drache“ wird mit
H. gefüttert 21 ). In der Leitmeritzer
Gegend sind die Kinder vor ihrer Geburt
in der Elbe und klauben dort H.kömer 22 ).
In Gladbach (Oberhessen) erzählen die
Eltern ihren Kindern, daß das Hünnelche
am Hünnstein H.brei koche ; es ist die
Hirsmontag—Hirsmontagschwung, -stoß
122
119
Seelenspeise damit gemeint, welche das j
elbische Kleinvolk erhält 24 ).
18 ) ZföVk. 9, 189; 13, 72; so viele H.körner
man am hl. Abend ißt, so viele Seelen erlöst
man aus dem Fegfeuer: Sebillot Folk-Lore
3, 5 J 5 - 19 ) ZfVk. 2, 78 (Brandenburg); Handt-
mann Mark. Heide 2, 78. 20 ) Gand er Nieder¬
lausitz 45; Schön werth Oberpfalz 2, 310.
2X ) Gander Niederlausitz 35. 37 f.; ZfVk. 2,
78; Schulenburg 103. in; bei den Slovenen
ist die Lieblingsspeise des Schrateis H.brei
(Krauß Slav. Volkforschung 88), bei den Ru¬
mänen des Vampirs (ZföVk. 16, 210). 22 ) Ur¬
quell 6, 218. 23 ) HessBl. 1, 10. 24 ) Höfler
F astengebäcke 31.
5. Der H. werden auch apotropäische
Eigenschaften zugeschrieben. Man muß
dreimal H.körner über den Besen werfen, ;
um das „Übersehen ‘ (bösen Blick) un- !
schädlich zu machen 25 ). Meist aber wird
der Gegenzauber der H. damit be¬
gründet, daß die Hexen usw. die ge¬
streuten H.körner zählen müßten und j
dadurch aufgehalten würden, vgl. auch 1
das Zählen der Birkenblätter (s. 1, 1334)« *
Damit die Hexe nicht in den Stall kann, |
t
streut man H. (oder Salz), dadurch wird
die Hexe mit dem Zählen der Körner bis ;
zum Hahnenkrähen aufgehalten 26 ). Dem ;
Pferd, das den „Schratlzopf“ (s. Weichsel¬
zopf) hat, hängt man ein Säckchen H. j
in den Stall. Davor erschrickt der j
„Schratl“, er meint, er müsse die
H.körner zählen (Steiermark) 27 ). In den j
Pyrenäen stellt man dem „Drac“ (Haus- j
kobold) einen Topf H. hin, den er aus
Übermut umstößt. Dann muß er die !
1
Körner zusammenlesen; da aber seine
Hände durchlöchert sind, wird er damit
nicht fertig 28 ). Wer sich von einem |
Geist verfolgt glaubte, schüttete um j
Mitternacht eine Maß Körner (gewöhnlich
H., weil diese am meisten ausgibt) an
eine wüste Stelle hin als Nahrung für die
gequälte Seele, die aber alljährlich nur
ein einziges Körnchen davon verzehren,
auch ehe alles aufgezehrt war, diesen
gebannten Ort nicht verlassen durfte
(Provinz Minho, Portugal) 29 ).
25 ) Grohmann 155; in Frankreich halten
die in die Kleidungsstücke eingenähten H.körner
die Zauberei fern, die Neugeborenen schützt
man vor Verzauberung, indem man sie mit
H.körnern überschüttet: Sebillot Folk-Lore
3, 486. 28 ) Drechsler 1, 30, ähnlich in Bosnien:
ZföVk. 6, 210. 27 ) Veckenstedts Zs. 3, 377; vgl.
J 120
auch ZfVk. 4, 397; ein Geist muß zur Strafe
für seinen Geiz eine Viertel H. zählen: Meiche
Sagen 100. 28 ) Maaß Mistral 19. 29 ) Lieb-
recht Zur Volksk. 374; Urquell N. F. 2, 209.
6. Als eine der ältesten Getreidearten
offenbart sich die H. auch dadurch, daß
mit ihrer Aussaat und ihrem Ge¬
deihen viele abergläubische Mei¬
nungen verknüpft sind. Die H. soll an
Urban (25. Mai, „H.mann“) 30 ), 2 bis
3 Tage vor oder nach dem Sonntag
Cantate (4. Sonntag nach Ostern), in der
Woche nach Pfingsten entweder früh
morgens oder abends bei zunehmendem
Monde gesät werden 31 ). Damit die Vögel
(Sperlinge) die H. nicht fressen, soll man
sich vor dem Säen die Hände mit einem
Stück Speckkuchen von Fastnacht ein¬
schmieren 32 ), die H. durch eine Wolfs¬
gurgel laufen lassen 33 ), durch ein Hosen¬
bein 34 ), oder man soll ein Steinchen oder
ein Spänchen von einer Radspeiche in den
Mund nehmen (bzw. zwischen den Zähnen
halten) und dies dann in der Erde ver¬
graben 35 ), ein Stückchen Brot zwischen
den Zähnen halten 36 ), ein Körnchen unter
die Zunge legen und während des Säens
nicht sprechen, „weil man da den Spatzen
den Schnabel zusperrt“ 37 ), nach Sonnen¬
untergang 38 ), aus der Mütze eines Toten
säen 39 ). Gegen Vogelfraß soll man
die H. aussäen zusammen mit Erde von
einem Acker, „darumb sich jr zweene
gehaddelt (gestritten) hätten“ 40 ). In Un¬
garn umschreitet der Bauer gegen Vogel¬
fraß in der Laurentiusnacht nackt das
H.feld 41 ), s. nackt. Damit die H. nicht
brandig wird, sät man sie aus einem
Tuch (es darf nicht gewaschen sein),
worin ein totgeborenes Kind bei seiner
Geburt gewickelt war 42 ) oder läßt die
Körner durch einen brennenden Stroh¬
wisch („damit sich der Brand der H.
verbrennen soll“) laufen 43 ). Der Brand
kommt in die H., wenn man an einer
Ecke des Tisches oder des Herdes Feuer
schlägt 44 ), oder wenn man die H. im ersten
Viertel des Mondes sät 45 ).
30 ) Yermoloff Volkskalender 236. 31 ) G. F. v.
Forst ner Physikalisch-ökonomische Beschrei¬
bung von Franken 1 (1791). 102. 3a ) ebd. 1, 103.
33 ) ebd. 1, 102; Drechsler 2, 57. Kuhn
Westfalen 2, 68. 35 ) Forstner a. a. O. 1, 102.
38 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 299. 37 ) ZföVk.
121
2, 317; drei Körner unter die Zunge legen:
MschlesVk. 27 (1926), 234; ZfVk. 1, 186. 38 )
Kuhn u. Schwartz 446; ZfVk. 1, 186; Wirth
Beiträge 6/7, 20; frühmorgens (vor Sonnenauf¬
gang) säen: Zincke Oeconotn. Lexikon 1 (1744),
1192; RTrp. 20, 357; MschlesVk. 27 (1926), 234
(nüchtern säen). 39 ) Brandenburg 3, 260. 40 )
Colerus Oeconomia 8 (1599 ff ), 131. 41 ) ZfVk. 4,
405; Knuchel Umwandlung 81. 42 ) Forstner
a. a. O. 1, 102. 43 ) Zincke a. a. O. 1, 1192;
ZföVk. 13, 19 (Gottschee). 44 ) Grimm Myth. 3,
475; Drechsler 2, 59. 45 ) Zinckea.a. 0 .1,1192.
7. In der Sympathiemedizin schüttet
der Gelbsucht kranke in einen neuen, un¬
gebrauchten Topf H., läßt vor Sonnen¬
aufgang seinen Harn hinein, trägt den
Topf auf einen Kreuzweg, wo er ihn hin¬
wirft und schleunigst davongeht, ohne
umzusehen. Fressen die Vögel die H.,
so verschwindet die Gelbsucht 46 ). In
einem Segen gegen Kolik kommt die
„Hirschsuppe“ vor 47 ). Kinder unter
einem Jahr dürfen nicht H. essen, weil
sie sonst H.körner im Gesicht (H.korn =
hordeolum, Gerstenkorn) 48 ) und Gersten¬
körner im Gesicht (s. 3,695) bekommen 49 ).
Das Wasser, womit H. angebrüht worden
ist, darf man nicht zum Futter für Schweine
verwenden, sonst werden sie finnig (Ähn¬
lichkeit der Finnen mit H.körnern) 50 ).
Vielleicht gehört hierher auch der mittel¬
alterliche Glaube, daß der Genuß von
H. Aussatz (Lepra) verursacht 51 ).
4# ) Drechsler 2, 305; ähnlich gegen Aus¬
schlag: Seyfarth Sachsen 187. 47 ) Fischer
SchwäbWb . 3, 1691; Höhn Volksheilkunde 1,
Ui. 48 ) Vgl. Höfler Krankheitsnamen 299.
*•) Köhler Voigtland 424. ß0 ) Jäckel Oberfran¬
ken 203. 51 ) Megenberg hrsg. v. Pfeiffer 403.
8. Verschiedenes. Der H.brei muß
an Fastnacht ohne Löffel gegessen werden,
dann wird man im kommenden Sommer
von den Mücken nicht gestochen 52 ).
Hier gilt vielleicht die H. als Kultspeise,
die vor den Schädigungen des Sommers
schützt, vgl. Frühlingsblumen (3, 160).
Wenn man H. gegessen hat und bekommt
eine gelbe Weide zu sehen, so wird man
hungrig M ).
M ) Heimatbild, aus Oberfranken 6 (1921), 38.
M ) Schulenburg 268.
Literatur: ZfVk. 10, 339 f. (Aberglaube usw
über die H. zusammengestellt von Weinhold) ;
17, 128 (Bericht über einen Vortrag E. Hahns
Die H. im deutschen Volksleben ); R. Brand¬
stetter Die H. im Kanton Luzern. In: Ge¬
schichtsfreund. 72 (1917)» 71—109. Marzeil.
Hirsmontag heißt in der Schweiz, im
Elsaß und in Baden der Montag nach
Invocavit 1 ). Den Namen leitet man
von dem Hirsebrei ab, der an ihm
verzehrt wird 2 ) oder von hirsen =
Mummereien treiben 3 ). An einzelnen
badischen Orten wird erst an diesem
Tage die Fastnacht begraben 4 ). In
einigen Schweizer Kapuzinerklöstem wird
noch jetzt der Fastnachtstag als H. ge¬
feiert 5 ). Es finden allerlei Kampf¬
spiele statt 6 ), Narrenzeitungen und
-Protokolle werden verlesen 7 ), im el-
sässischen Sundgau sind die Frauen
„Meister“ 8 ). Im Dorfe Rosrütti (St.
Gallen) wählte man einen „Hirschkönig“,
dem man ein Hirschgeweih aufsetzte;
es wurde allerlei Schabernack getrieben
und ein eigenes Protokoll darüber ge¬
führt 9 ). Eine vermummte Person, der
sog. Hirsnarr, läuft umher 10 ). In Melch-
nau (Kt. Bern) zogen die jungen Leute
maskiert in den Wald, um eine große
Tanne zu holen, auf der während der
Fahrt ein Narr seine Sprünge machte
(s. Blockziehen) u ). In Zürich wurde das
Bild eines Mannes, des Kridi- oder
Kreidenglade, und seines Weibes, Else
genannt, auf einem Wagenrade herum¬
geführt, auf dem sie sich drehten 12 ). —
Wenn das Vieh „hirschig“ wird, so daß
es „verlocht“ werden muß, unternimmt
man am Hirschmöntig Wallfahrten 13 ).
*) Andere Bezeichnungen: Höfler Fastnacht
82 f. 2 ) Lütolf Sagen 381; Hoffmann-
Krayer 125; Höfler 82. 3 ) SAVk. 7, 119;
Niderberger Unterwalden 3, 341. 4 ) Meyer
Baden 124. 217. 5 ) Niderberger 3, 341. 8 ) Hoff-
mann-Krayer 135; Vernaleken Alpensagen
356. 357 - Mannhardt 1, 550; Roch-
holz Sagen 2, 195 f. 197. 7 ) Rochholz Natur¬
mythen 99 f.; Hoffmann-Krayer 61. 133;
SchwVk. 16, 34 f.; Sartori 5 . u. Br. 3, 121
A. 150. 8 ) Becker Frauenrechtliches 27 (s.
Weiberfeste). 9 ) SAVk. 20, 195; Nork Fest¬
kalender 2, 801 ff. 10 ) Schade Klopf an 71.
11 ) Lütolf Sagen 366. 12 ) Vernaleken Alpensag.
356; Rochholz Teil 10 f. Vgl. Meyer Baden
204; SAVk. 11, 241 f. 13 ) Meyer Baden 407. 500.
Sartori.
Hirsmontagschwung, -stoß, ein bis
ca. 1771 jährlich am Hirsmontag (= 1.
Montag nach Aschermittwoch, Tag nach
Invocavit) im Entlebuch (Kt. Luzern)
abgehaltener Scheinkampf zwischen der
123
Hirte
Hirte
126
Jungmannschaft von zwei benachbarten
Dörfern; ähnlich auch aus andern Ge¬
genden der Schweiz bezeugt (Aargau).
1. Quellen. Wir kennen genau nur
den Entlebucher Brauch, und zwar aus¬
schließlich durch F. J. Stalder, Frag¬
mente über Entlebuch 2 (1798), 109 ff. Da
Stalder selber angibt, der Brauch habe
nur bis ca. 1771 bestanden, so geht seine
Schilderung kaum auf Autopsie zurück.
Stalder ist 1757 in Luzern geboren, war
also i. J. 1771 14 Jahre alt. Dies mag
gewisse Unklarheiten und Unvollständig-
keiten im Bericht des sonst sehr zuver¬
lässigen Stalder erklären.
2. Verlauf. Dem Kampfe ging die
Verlesung eines Spottgedichts durch einen
Abgesandten auf dem Dorfplatz voraus;
der Kampf selbst spielte sich auf einer
Wiese ab. Trommeln und Trompeten,
ja sogar ein Schlachtgebet eröffneten
das Treffen. Gekämpft wurde ohne Waffen.
Die beiden Abteilungen zogen, eng an¬
einander geschlossen, mit verschränkten
Armen gegeneinander und suchten sich
gegenseitig wegzudrücken. Die Alten
und die Frauen hetzten. Dem Kampfe
folgte Schmaus und Gelage; dann mar¬
schierte die Mannschaft des Nachbar¬
dorfes ab.
3. Deutung. Die bei Stalder 110 und
in gegebenen historisierenden Aitia sind
Deutungen dörflicher Gelehrter, nach
denen der Kampf freilich auch gelegentlich
gestaltet sein mag. Der hochaltertümlich
anmutende Kampf gehört vielmehr zu
jenen Scheinkämpfen, von denen Mann¬
hardt 1, 550 ff. einige zusammengestellt,
auf deren Deutung er 552 ausdrücklich
verzichtet hat. Man glaubt durch sie
ein fruchtbares Jahr zu erzielen. Ver¬
wandte Begebungen 1 ) deutete Usener
ARw. 7 (1904), 312 ff. = Kl. Sehr. 4, 447
als Kampf des Winters mit dem Sommer,
etwas weiter gefaßt Lesky ARw. 24
(1926), 73 ff. als Kampf der Dämonen des
Wachstums gegen die Dämonen der
Unfruchtbarkeit; er soll im Sinn eines
Analogiezaubers wirken. U. E. handelt
es sich vielmehr, wie im Art. Schein¬
kämpfe gezeigt werden soll, um eine
Sühnehandlung nach einem Opfer, be¬
stimmt, den am Tod des Opfers angeblich
Schuldigen zu ermitteln, zu bestrafen
I und dadurch die Heilswirkung des Opfers
zu sichern 2 ). Dieses Opfer, von dem der
Stal der sehe Bericht freilich schweigt,
wird uns durch Rochholz 3 ) bezeugt:
es war eine dem Austragen der Fast¬
nacht ähnliche Begebung. Vgl. Schein¬
kämpfe, Stopfer.
*) Mannhardt u. Usener a. a. O.; Roch¬
holz Kinderlied 484; J ürgensen Martinslieder
(1910) 35 ff.; Ed. Osenbrüggen Wander¬
studien a. d. Schweiz 2 (1869), 37 ff.; Ostheide
ARw. 10 {1907), I 54 Ö-: HessBl. 4 (1905), 34 {.;
Hoffraann-Krayer 134t; Deubner ARw.
16 (1913)’ 134 . 3 : Radermacher Beiträge 13 f.;
Sartori 121; Clemen ARw. 17 (1914), 139 ff.;
Nilsson Griech. Feste 414; Lesky ARw. 24
(1926), 73 ff. 2) SAVk. 28 (1927), 18 ff. 3 ) Roch¬
holz Sagen 2, 195 f. Meuli.
Hirte.
Der H. ist der Hüter des Viehes A)
einer Dorf-Gemeinschaft auf ihrer ge¬
meinsamen Weide, der sog. Gemeinde-,
Dorfh., ein älterer Mann oder erwachsener
Bursche. Da sein Amt in dieser Gemein¬
schaft wurzelt, so hat ihre Lockerung oder
gar ihre Auflösung eine Herabminderung
der Bedeutung des Gemeindeh.n zur
Folge oder zieht auch sein völliges Ver¬
schwinden nach sich. Durch die Auf¬
teilung der Gemeindeweide und Aufhe¬
bung des Flurzwanges wurde dem deut¬
schen H.n von seiner früheren Lebens¬
berechtigung viel genommen, und so ken¬
nen viele Landschaften keinen eigenen
H.nstand mehr. Seine einstige Bedeutung
aber erweisen die zahlreichen Bestim¬
mungen in den Dorfordnungen l ). B)
Durch den Fortschritt von der Weide¬
wirtschaft zur Stallfütterung wurden die
zur Pflege des Viehes im Stall verwendeten
jungen Leute auch mit dem wenigen H.n-
dienst betraut. Dieser H. ist meist ein
der Schule entlassener Knabe, der mit dem
H.namt die erste Stufe seines bäuerlichen
Berufslebens beginnt. Diese Entwick¬
lung im H.nberufe mußte eine Wand¬
lung in der Stellung des H.n im Aber¬
glauben bedingen, besonders deshalb,
weil sich an die Stelle des erwachse¬
nen H.n die Jugend geschoben hatte.
Durch sie wird die Übertragung von H.n-
festen oder einzelnen ihrer Elemente in
die Frühlingsfeste der bäuerlichen Ju- |
gend erfolgt sein.
Nach der Viehart unterscheidet man
neben dem Pferde-, Gänse-, Schweineh.n
den H.n für das Großvieh, kurz H.,
in den Alpen Halter geheißen, den
für das Kleinvieh (Schafe, Ziegen),
den Schäfer. Beide stehen in einem Ge¬
gensatz insofern als der H. mehr dem ober¬
deutschen Gebiet und enge der dörflichen
Gemeinschaft angehört, dagegen der Schä¬
fer aus dieser ausgeschlossen, fern von
ihr und meist auf einer niederen gesell¬
schaftlichen Stufe steht. Im Aberglauben
spielt er eine bedeutendere Rolle als der
H.; daher erhält er eine Sonderbehand¬
lung, s. Schäfer.
*) Sartori Sitte 2, 145 f.; Heyne Nahrung
204 fr, Steinhausen Kulturgeschichte 1, 138;
Künßberg Bauernweistümer 18. 66. 80; Ha- j
berlandt Die Völker Europas 358; Lehmann -
Sudetend. Volksk. 190.
I. Der H. betätigt Aberglauben zur
Abwehr des Unheils von seiner Herde.
Für die pflichtgemäße Pflege und Ge¬
sunderhaltung des an vertrauten Viehes und
die erste Heilung aller den Tieren zuge¬
stoßenen äußeren und inneren Verletzun¬
gen und Schäden wendet er die volksmedi¬
zinischen Mittel an 2 ). Für die Herstellung
der Heilsalbe besitzt er die Kenntnis der
Heilkräuter (s. d.); er nimmt auch den
Aderlaß vor. Soweit er für die Volks¬
medizin aus seiner besonderen Natur- und
Berufserfahrung schöpft, ist es meist noch
keine abergläubische Betätigung, so wenn
der Senne in seiner H.ntasche Wacholder¬
beeren, bestimmte Alpenblumen, Salz,
Kleie, Gerstenkeim, das sog. »Miet, Ge-
miet, Jochmiet« trägt 3 ); diese Naturalien '
haben gewisse Heilwirkungen (s. Volks¬
medizin).
Darüber hinaus schützt er seine Herde
am besten 4 ), 1. wenn er um ihre Weide
den Bannkreis zieht a) durch Umgehung,
damit sie gegen das von außen drohende
Unheil (Seuchen) und vor allem gegen den
Wolf gesichert sei. Der H. muß deshalb
die Schweine alle Jahre einmal um Mitter¬
nacht nackt dreimal umspringen 5 ). Die
Motivierung ist meist dahin verschoben,
daß der H. seine Herde auf dem bestimm¬
ten Platz beisammen haben muß 6 ), da¬
mit kein Tier verloren geht oder auf frem¬
der Weide Schaden anrichtet, für den der
H. haftbar ist. Der H. steckt deshalb
den H.nstab, in dem er oft eine oder meh¬
rere (bis zu 9) vom Abendmahltisch ent¬
wendete Hostien eingeschlossen hat, in¬
mitten der Herde in den Boden, hängt
seine Mütze darauf, umgeht die Herde
dreimal, streut auf sie segnend Zwölften-
asche, Graberde und Kirchensand (Ge¬
gend von Wehlau) 7 ). Der H. beschreibt,
seinen Stab auf der Weide nachziehend,
einen Ring um die Herde und pflanzt
ihn dann in ihrer Mitte auf 8 ). Die ma¬
gische Umgehung ist verbunden und ge¬
steigert durch das christliche Kultobjekt.
Um die Kunst dieser Bannung auf den
Weideplatz zu erlernen, hätte ein H.
7 Stück Vieh lebendig die Haut abziehen
| müssen; beim 7. Stück sei ihm der Teufel
erschienen, und er sei entflohen 9 ). Vgl.
den Umlauf der Luperci zur Abwehr der
Wölfe längs der Grenze der ältrömischen
Siedlung auf dem Palatin 10 ), ferner die
gleiche Übung bei den russischen H.n 11 )
(s. Umgang, umgehen, umschreiten, um¬
wandeln). b) durch den Hornruf; soweit
dieser im Umkreis gehört wird, sichert
er die Herde vor bösen Mächten. Daher
muß der H. am ,,großen Freitag" (s. Frei¬
tag) und zu Georgi auf einem Hügel vor
dem Dorf blasen 12 ). Als Gemeindebeam¬
ter muß er dieses auch gegen Hagel und
Gewitter tun (Grafenried) 13 ). 2. Der H.
vertreibt durch Fluchen einen Berggeist,
der die Tiere belästigt. Je fürchterlicher
er flucht, desto besser. Man schreibt ihm
deshalb eine gewisse magische Kraft zu 14 )
(s. fluchen). 3. Er spricht vor Sonnen¬
aufgang gegen Wolf, Bär und Diebe ab¬
wehrende Sprüche 16 ). Dagegen gibt es
ausdrückliche Synodalverbote ie ). Die
Vintschgauer vertrieben den Wolf durch
Abbeten des J ohannesevangeliums 17 )
(Hirtensegen, Wolfssegen). 4. Gegen Be¬
hexung legt er seinen Stab und eine Axt
kreuzweise in den Torbogen und laßt die
Herde darüber hinwegschreiten. Die
Axt schlägt er dann bis Sonnenuntergang
in den Torpfahl 18 ). Vgl. die römischen
H.n ließen das Vieh durch Feuer schreiten.
5. Er bannt das Heimweh der Herde durch
127
Hirte
128
das sog. Gewöhnbrot (s. Brot). Daher Kenntnisse auch auf den Menschen an¬
gibt jeder Besitzer vor dem Austrieb dem wendet, kommt er in den Ruf, geheimnis-
H.n ein Seidl (etwa 6 /io 1 ) Korn, wofür er volle Heilkräfte zu kennen und zu be-
ein Stück Brot zurückgibt, das das Vieh sitzen 22 ), besonders der Schäfer (s. d.).
zu fressen bekommt, damit es sich auf der 2. Er besitzt die geheimnisvolle Kraft,
Weide zusammenhält und sich an diese die Herde nach seinem Willen zu lenken,
gewöhne (Planergegend) 19 ). Daß sich domestizierte Tiere der bedeut-
II. Der H. betätigt Aberglauben zu- samen Führung durch den Menschen an-
gunsten der Herde durch den Fruchtbar- vertrauen, der mit ihnen viel zu tun hat,
keitszauber a) an den Rindern durch das i darin sah man eine im H.n wirkende Kraft
Kälberquecken. Er oder sein Gehilfe geht
an einem Maitag zu der Stelle in den Wald,
auf welche zuerst die Sonnenstrahlen
fallen. Hier schneidet er einen Ebereschen¬
zweig mit einem Ruck ab und kehrt nach
Hause zurück, wo sich alles um die
Sterke, d. s. die jährigen Rinder, versam¬
melt. Auf dem Düngerplatz werden sie
vom H.n auf Kreuz, Hüfte und Euter
mit dem Zweig geschlagen, jedesmal
mit einem Vers. Dafür erhält er von
der Hausfrau Eier, auch Geld. Aus den
Eiern bäckt er sich einen Kuchen. Der
Zweig wird mit den Schalen und bunten
Bändern und buntem Papier geputzt
und über der Stalltür aufgehängt 20 )
(s. Lebensrute, Zweig, schlagen), b) an
der Weide, indem er die Schalen des
Eies, das er beim ersten Austrieb be¬
kommen hat, vergräbt und das Vieh
darüber hinwegschreiten läßt. Das Vieh
verläuft sich nicht von der fruchtbar
gemachten Weide 21 ).
*) Heyne Nahrung 205 f. 3 ) Höhn Volks-
Heilkunde 1, 64. 140; Schönwerth Ober Pfalz 3,
226 f. Nr. 18; Hovorka u. Kronfeld 1, 439;
Grimm Mylh. 2, 963 t.; Rosegger Steiermark
286b 4 ) Frischbier Hexenspr. 140. 5 )Haltrich
Siebenb. Sachsen 279. «) ZföVk. 33, 21. 7 ) Frisch¬
bier Hexenspr. 174. 8 ) Panzer Beitrag 2, 104t.
fl ) Reiser Allgäu 1, 218. 10 ) ARw. 13, 181 f.;
Wissowa Religion 20g f. 517 Anm. 6. 559 t.;
Fowler Festivals 321; Knuchel Umwandlung
102. n ) Zelenin Russ. Volksk. 517. 12 ) ZföVk.
13, 20. 13 ) John Westböhmen 98. 14 ) Alpen¬
burg Tirol 352. 16 ) Franz Benediktionen 2, 139h;
Fehrle Zauber 25 u. v. O. 16 ) Hefele Conci-
hengeschichte 3, 97 Nr. 4. * 7 ) Zingerle Tirol 59.
18 ) Frischbier Hexenspr. 147. **) John West¬
böhmen 211; ZfVk. 3, 113. 20) Kuhn Westfalen
2 » 157 Nr. 445; Woeste Mark 25; Sartori
Westfalen 37. 114. 21) ZfVk. 25, 215 f.
III. Der H. als Objekt des Aberglau¬
bens.
1. Indem er seine volksmedizinischen
(Orenda). In dieser krafterfüllten Füh¬
rerschaft wurzelt m. E. letzten Endes die
Vorstellung vom guten H.n. Er kann
1 daher auch eine fremde Herde bannen.
Aus dieser Kraftvorstellung erklären sich
verschiedene Tabugebote des H.n, so bei
den Russen 23 ). Hierher mag auch das
Verbot des Gasthausbesuches für den
oberpfälzischen H.n zu Fastnacht ge¬
hören ; es würde ihm sonst das Vieh nicht
mehr nachfolgen 24 ).
3. In der Volkssage wird der H. wegen
seines Verweilens auf einsamer Weide
in abgeschiedenen Tälern, wohin sich die
vor der Kultur des Ackerbaues fliehenden
Naturgeister zurückgezogen haben, in
Verbindung mit überirdischen Wesen ge¬
bracht. Denn die Weide wird vor und nach
dem Weidegang von Alpgeistern in Besitz
genommen (s. Kasermandl). Das Ver¬
hältnis zu diesen ist meist freundlich; es
ist der arme, brave, unverdorbene H.n-
knabe, dem a) die Wildmänner und Wild¬
frauen helfen 25 ) (s. d.); diese übernehmen
auch das H.namt, begehren keinen Lohn,
holen morgens an einer bestimmten Stelle
die Herde ab und geleiten sie abends dort¬
hin zurück 26 ). Rohe H.n vertreiben sie
und mit ihnen allen Bergsegen 27 ). b) Er
sieht bergentrückte Wesen 28 ), eine weiße
Jungfrau 29 ), eine schwarze Frau 30 ), er
beobachtet Zwerge 31 ); er sieht einen rie-
sengroßen Mann über die Almweide schrei¬
ten, unter dessen Tritten das Gras ver¬
dorrt 32 ). Vgl. auch den troischen H.n
erscheinen die Gestalten der homerischen
Helden riesig 33 ), c) Er wird von unsterb¬
lichen Frauen als Geliebter begehrt; sie
suchen ihn auf einsamer Weide auf. Er
vergißt aber sein gegebenes Wort und sein
Glück ist dahin 34 ). Umgekehrt verliebt
sich der Schäfer in eine Nixe 35 ). VgL
Hirte
130
' dit griechischen H.n Attis, Daphnis, An-
ghiftes, Endymion 38 ) u. a. d) Bei den
H.n wachsen Helden und Göttersöhne
Wf"). e) Der H. steigt in den Berg
(Kyffhäuser) hinein auf der Suche nach
finer Sau 38 ), kommt in eine Burg 39 ),
tinen Goldkeller 40 ), findet einen Schatz,
dtn ihm die Entrückte gezeigt hat tt );
dessen Gewinnung ist aber meist an ge¬
wisse Bedingungen geknüpft 42 ). Er findet
Blumen, die sich in Gold verwandeln 43 ).
Auch arme Seelen kommen zu ihm (s.
Schatzheben, Schatzblume, Schatzhüter,
Schatzjungfrau, bergentrückt), f) Diese
Wesen treten dem H.n auch feindlich ent¬
gegen ; er muß mit Riesen kämpfen 44 );
weil er fluchte, hat er den Teufel in Gestalt
einer roten Kuh in der Herde, die ihn ver-
folgt 45 ) oder als Hase unter den Schwei¬
nen, die von Wildheit gepackt werden 48 ).
4. Von dem H.n, dessen Herde von
wilden Tieren verschont ist, nimmt man
an, daß er diese durch Überlassung von
Tieren vertraglich gebunden hat 47 ). Auch
nach dem Glauben der Nordgroßrussen
Schließt der H. mit Waldgeistem einen
derartigen Vertrag. Dafür bekommen sie
Kühe im Sommer oder Milch aus
X, 2 oder 3 Zitzen einer Kuh 48 ).
5. H. der Wölfe und Hasen. In den Er¬
zählungen der Viehzüchter und Jäger
haben die Wölfe und Hasen ihren H.n,
der sie befehligt, ihnen in einer Versamm¬
lung die Beute für das kommende Jahr
SUweist 49 ). Vgl. denselben Glauben bei
den Großrussen 50 ).
6. Für verletzte Berufspflicht wird der
H. nach dem Tod bestraft, besonders für
Rohheit gegen das Vieh, böswillige Ver¬
stümmelung aus Zorn und Rache, daß es
sich auf fremde Weide begeben hat und
den H.n für den begangenen Schaden
haftpflichtig macht. Er muß — meist
ist es ein Senne — nach dem Tode geisten.
Man sieht ihn ein Rind die Bergweide
herabjagen, es über einen Felsen herab¬
werfen, dann wieder hinauf tragen und
diese Tätigkeit fortwährend wiederho¬
len 51 ). Weil er aus Ärger, daß das Vieh
bei schlechtem Wetter bei der Hütte blei¬
ben wollte, es zum Absturz trieb, muß er
als Geist die H.n warnen 62 ). Ein spuken-
BichtoId-StÄubli, Aberglaube IV
der Senn steigt alle 7 Jahre aus dem
See 53 ); weü er die Hostie in den H.n-
stab einschloß, geistet er zu Weihnachten,
Pfingsten und Allerseelen 54 ). VgL er
findet solange keine Ruhe, bis nicht der
Preis des Tieres ersetzt wird; oder er muß
bis zum Morgen schreien, weil er das Hü¬
ten vernachlässigt hat (Alpes Vaudoises).
Weil er Salz gestohlen hat, muß er in der
Sennhütte geisten und während des Win¬
ters unaufhörlich Salz mahlen (franz.
Schweiz) 55 ).
H.nsteine, eine sich häufig findende
Bezeichnung für zerstreut liegende Fels¬
blöcke auf einer Weide, werden in der
Volkssage mit der Bestrafung des H.n
durch Verwandlung in Stein erklärt 6# ).
H.n, die aus Übermut mit Käse- und But¬
terballen Kegel schieben, verarmen 57 ).
7. Der H. kann Verwunschene erlösen,
meist durch Kuß und Umarmung 58 ),
indem er den Schlüssel zum Schatz über¬
nimmt 59 ). Der ungetreue H. kann nur
durch den H.nknaben erlöst werden 80 ).
8. Der H. als Wetterprophet. Wie der
weittragende Glockenton, so wird der
helle Gesang des H.n als Vorzeichen für
Regen auf gefaßt. Bestimmte Beobach¬
tungen mögen dabei mitgewirkt haben.
Wenn die H.n auf der Weide viel und laut
singen, bedeutet das Regen 6l ). Vgl.
den Regenzauber slavischer H.n. Sie
binden einem Mädchen Bei fuß (Artemi¬
sia) auf die Zehe und treiben es zu einem
Bach und besprengen es unbarmherzig
mit Wasser unter dem Ruf: „Gib Was¬
ser“ 62 ).
**) Höhn Volksheilkunde 1, 64. 23 ) Zelenin
Russ. Volksk. 517. u ) Wuttke 435 § 684.
25 ) Vonbun Sagen 14 Nr. 16. 28 ) Reiser
Allgäu i, 148; Vonbun Sagen 11 Nr. 1; 12
Nr. 12; ZföVk. 3, 291. 27 ) ZföVk. 24, 49.
M ) Haupt Lausitz 1, 148 Nr. 168. 29 ) Waibel
u. Flamm 2, 275 f. 30 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 413 f. Nr. 50. 31 ) Ebd. 2, 296; Möllen¬
hoff Sagen 308. 3a ) Sepp Sagen 470f. **) Rohde
Psyche 2, 350 Anm. 3. 34 ) Sepp Sagen 455 f.
35 ) v.d. Leyen Sagenbuch 4, 203 f. *•) Hepding
Attis 103. 37 ) ARw. 23, 378; PetersenZ>4£ wun¬
derbare Geburt des Heilandes 21. 38 ) Leyen
Sagenbuch 4, 86. *•) Sepp Sagen 5 f.; Waibel u.
Flamm 2, 327 f. 40 ) Meiche Sagen 37. u ) Wai¬
bel u. Flamm 2, 86. 143 f. tt ) ZföVk. 4, 227.
NieddZfVk. 6, 105 Nr. 11 c. 44 ) Schön-
werth Oberpfalz 2, 275 f. Nr. 13. 48 ) ZfVk. 10,
5»
Hirte
Hirte
50 f. 4# ) Meyer Baden 128. 47 ) Waibel u.
Flamm 2, 220. 48 ) Zelenin Russ. Volksk. 517.
4# ) Krauß Volkforschung 141. 50 ) Zelenin
a. a.O. 51 ) Reiser Allgäu 1, 66. 307. 340. 341;
Bavaria 2, 2, 865; Kuoni 116. 52 ) Schiern 5, 1.
63 ) Herzog Schweizersagen 1, 122. 54 ) ZfVk. 8,
400 f. fi5 ) Sebillot Folk-Lore i, 233; Zingerle
Sagen Nr. 390. 5# ) Kühnau Sagen 3, 395;
Paudler Sagenschatz aus Deutschböhmen (1893)
36 f. 67 ) SAVk. 14, 3 Nr. 2 (Wallis). M ) Niederd-
ZfVk. 6, 97 - w ) Ebd. 6, 101. 60 ) Ebd. 6, in.
#1 ) Wiener Völkerkunde 1, 196. 62 ) Andrian
Wetterzauberei 104.
H. nstab.
I. Seine Entwicklung aus dem Geh*
stock 63 ).
Er bildet mit der Tasche die H.n-
ausrüstung. Seine Stelle vertritt oft die
Keule (Kolben), aber auch beide zusam¬
men führt der H., und es wird dann der
Stab als Amtszeichen, die Keule als Waffe
aufgefaßt. Legt zwar die Form der Keule
diese Auffassung für eine spätere Ent¬
wicklung nahe, so braucht diese doch
nicht die ursprüngliche gewesen zu sein;
man kann in Stab und Keule die verschie¬
denen Formen des beiden zugrunde lie¬
genden Gehstockes sehen, zumal da Reise¬
stöcke auch als Keulen erscheinen 64 ).
Daß der H. im Notfall diesen keulenför¬
migen Gehstock zur Selbstverteidigung be¬
nützte und dieser mehr den Charakter einer
Waffe ausbildete, ist begreiflich. In ihrem
Äußeren mögen sie sich nicht wesentlich
unterschieden haben, da auch der Stab
möglichst viele Krümmungen (min¬
destens 9) haben mußte, somit recht
knorrig war. Der H.nstab hat sich aus
dem ursprünglichen Gehstock entwickelt,
zu dessen vollkommenem Wesen die be¬
stimmte Holzart (Hasel) und die zaube¬
rische Gestaltung (Krümmungen) gehört.
Durch den bestimmten Zweck erhielt er die
Form (verlängert, Krümmung am oberen
Ende zum Einfangen der Schafe) für
den besonderen Gebrauch durch den H.n
und wurde dadurch zu einem Abzeichen des
H.nberufes. Mit dieser Entwicklung zum
Berufsabzeichen vereinigt sich die, wo¬
nach der Gehstock zum Wahrzeichen eines
Amtsauftrages geworden ist, insofern die
Gemeinde durch Überreichung des H.n-
stabes ihn zu ihrem Beamten macht.
In seiner äußeren Ausgestaltung mag der
H.nstab durch andere Stabformen be¬
einflußt worden sein, so vielleicht durch
den des Gemeindebüttels, zumal beide
Ämter und auch das des Nachtwächters in
einer Person oft vereinigt waren. Ist er
mit Ringen versehen, heißt er Klinger-
stock (ringstaf in Schonen) 6S ). In der
gleichen Entwicklungslinie zum Amts¬
und Würdezeichen liegt es, daß stap im
metaphorischen Sprachgebrauch den H.n
(-stab) und seinen Bezirk bedeutet und
der H.nstab im Bischofsstab zum litur¬
gischen Instrument wird.
2. Seine Zauberkraft (s. auch o. I. 1).
Er hält auf der Weide in den Boden ge¬
steckt, das Vieh zusammen und die
Hexen und Unholde fern 66 ). Durch diese
ihm innewohnende Kraft (Orenda) wird
er auf dieselbe Stufe gestellt, wie die Werk¬
zeuge der Tiefkulturvölker, an die dieselbe
Kraft Vorstellung geknüpft ist 87 ). Dabei
wirkt auch noch die Vorstellung von der
sympathetischen Wirkung des Pfählens
mit (s. Pfahl, pfählen, festmachen, bin¬
den). Wegen seiner Kraft darf er nicht
leichtsinnig weggeworfen werden: will
sich der H. einen neuen machen, muß
er den alten in drei Stücke zerbrechen,
sonst könnte dem Vieh etwas Böses an¬
getan werden 68 ). Vgl. im Wierland
trugen die H.n „Schutzstäbe“, die von
„kundigen Leuten“ angefertigt waren und
Zauberzeichen trugen 69 ).
Verwendet der H. eine Geißel, wird sie
am Palmsonntag geweiht (s. Fuhrmann
3, 207). Der Geißelstecken muß so wie
der Stab behandelt werden 70 ). Vgl.
daß bei den lausitzischen Wenden (nach
Thietmar von Merseburg 7 c. 50) die
Vorstellung von der Kraft im H.nstab zu
einem Spezialgott entwickelt war. Der
H. des Ortes ging mit einem Stab, an des¬
sen oberen Ende eine Holzhand befestigt
war, welche einen eisernen Ring um¬
klammerte, von Haus zu Haus und sprach
an jeder Tür einen Spruch 71 ). Zu dieser
Ausgestaltung des H.nstab es bei den
Slaven sei kurz darauf verwiesen, daß der
Büttelstab ebenfalls ähnliche Verzierun¬
gen zeigt, so auch den Kugelknauf 72 ).
63 ) Amira in SitzMü. XXV, 2. Abh. 1 f.
M ) Ebd. 5 Anm. 3. 68 ) ZfdMyth. 3, 304; ZfVk.
so, 317 f. (Westerwald). ••) Schönwerth Ober-
pfaU 1,321; Meyer Baden 138; Bavaria 2, 302.
•*) Preuß Die geistige Kultur der Naturvölker 26.
*) ZfVk. 11, 8; 20, 317 f. ••) Boeder Ehsten
116. 127; Frischbier Hexenspr. 147. 75 ) Meyer
Btden 96. 71 ) Haupt Lausitz I, 13 Nr. 11;
Meiche Sagen 432 Nr. 571. ») SitzMü. 70.
H .nfeste: Allgemeines.
I. Ihren Terminen liegen die für das
Leben von Herde und H. wichtigen Wen¬
depunkte des H.nwirtschaftsjahres zu-
nunde, das sich vom Austrieb im Früh¬
jahr bis zum Heimtrieb im Herbst er¬
streckt, ähnlich dem bäuerlichen Wirt¬
schaftsjahr von der Aussaat bis zur Ernte.
2. Ihre inneren Elemente bilden ur¬
sprünglich die bei Aus- und Heimtrieb
angewandten Übergangsriten; daher stim¬
men sie zum großen Teil mit denen bei
Aussaat und Ernte überein. Der Stellung
des Bauers bei den Erntefesten ent¬
spricht die des H.n bei den H.nfesten;
Vollzieht der Bauer diese magischen Riten
für seinen Acker, so tut der H. dies für
die Herde im Namen der Gemeinschaft
aller Viehzüchter mit gemeinsamer Weide.
Daher tritt der H. bei Aus- und Heim¬
trieb aus der primitiven Gemeinschaft
Stärker hervor. Das Gefühl, daß der Aus¬
trieb der Beginn und der Heimtrieb das
Ende seiner Tätigkeit im Dienste der pri¬
mitiven Gemeinschaft ist, macht ihm diese
Tage stark religiös betont, macht sie ihm I
SU Festen. Wie in die Mitte des agrari¬
schen Jahres fällt auch etwa auf die Höhe
des Weideganges ein H.nfest. Zusammen
mit den Ackerbaufesten bildeten die H.n-
feste das bäuerliche Festjahr; sie sind nicht
•ine unterscheidbare ältere Schicht, da
Weidewirtschaft und Ackerbau bei den
Deutschen seit jeher nebeneinander stehen
Und sich ergänzen. Da die Termine der
H.nfeste nicht mit den agrarischen zusam¬
menfielen, da der Austrieb nach der Aus¬
saat und ebenso der Heimtrieb nach der
Ernte erfolgte, füllten Feste in größerer An-
sahl die Zeit vom Frühling bis zum Herbst
aus. Weil die Jugend unter den H.n
die Mehrzahl stellte und sie Knaben-
SChaften bildete, haben die H.nschaften
S roßen Anteil an der Veranstaltung von
esten, vor allem den Frühlingsfesten, im
besonderen am Pfingstfest 73 ). Vgl. die
134
röm. H.ninnung veranstaltet die Luper¬
ealien.
H.nfeste 1. im Frühling. Frühlingsbe¬
ginn und Austrieb fallen für den H.n zu¬
sammen. Daher bilden rituelle H.nbräuche
die Grundlage in den Frühlingsfeiem, be¬
sonders im Oster- und Pfingstfest (s. d.).
A. Die Stellung des H.n bei dieser Austrieb-
Frühlingsfeier vergleicht sich mit der des
Bauers beim ersten Pfluggang und bei der
Aussaat. Fruchtbarkeitszauber wird zu¬
teil, 1. dem H.n: er wird mit Eiern be¬
schenkt 74 ), er erhält die beste Morgen¬
suppe 75 ), er wird mit Wasser begossen,
der zuletzt austreibende wird ins Wasser
geworfen: die Mädchen tanzen mit ihm
(s. Austrieb). 2. Der H. vermittelt ihn den
Tieren durch das Kraft und Gesundheit
fördernde Rennen, a) In der Form des
Wettaustriebes am Pfingstmorgen 76 ),
b) des Pfingstrittes der Pferdeh.n am
Pfingstsonntag mittags nach der Weide 77 )
(s. Pfingstritt), immer mit der Absicht,
der FruchtbarkeitsWirkung des Taues teil¬
haftig zu werden 78 ) (s. Pfingsttau und
Tauschleifer) oder c) eine Würde zu er¬
ringen, wie der Wettlauf der Gailtaler
Halter zeigt, wo die Verschiebung des ur¬
sprünglichen Sinnes des H.n Wettrennens
insofern eingetreten ist, als nicht die
Weide sondern der Maien das Ziel wurde
(s. Maien). Der Sieger heißt König. Die
Nacht verbringen sie am Feuer mit Peit¬
schenknallen 79 ) (s. Pfingstfeuer, Pfingst-
peitschen, Pfingstkönig).
B. H.n stellen die Jugend dar bei der
Frühlingsfeier, 1. zur Einholung des Maien,
wenn der H. am Pfingstsonntag jede Kuh
aus einem Haus, wo eine Jungfrau war,
bekränzte 80 ), oder der größten Kuh einen
Kranz von Laub und Blumen umhing 81 );
er wurde beschenkt wie der Überbringer
des Maien überhaupt. Dagegen rächt er
sich mit einem Schandmaien an der faul¬
sten Dirne, indem er einer alten Kuh
einen Spottkranz aus Stroh umhängt 8a ).
2. bei der Tötung des Vegetationsgeistes
in Gestalt des Frosches (oder auch einer
Katze, eines Kaninchens), die sie am
Pfingstsonntag nach einem Umzug töten 83 ).
Dies fiel dem zuletzt austreibenden zu,
der Froschschinder hieß u ) (s. Frosch,
Hirte
Hirte
Henkengehen). Auch dafür sammelt die
H.njugend Gaben. Aus dem Wettaustrieb
erklärt es sich, daß die Burschen in der
Pfingstnacht manchem Mädchen einen
Schabernack antun, damit ihre Kühe
nicht zuerst zur Herde kommen 85 ).
2. im Herbst.
Die glückliche Heimbringung der Herde
entspricht der Ernte. Daher gestaltet
sich der Heimtrieb zu einem H.nfest, in
dessen Mittelpunkt die feierliche Einho¬
lung des H.n und seiner Herde steht, seine
Entlohnung und der Schmaus mit Tanz.
Zufolge des landschaftlich zeitlich ver¬
schiedenen Heimtriebes finden sich an
mehreren Terminen gegen den Herbst
zu H.nfeste 86 ) mit Schmausereien 87 );
die wichtigsten sind Leonhardi (6. Nov.)
und Martini (ii. Nov.). Bei den jetzt er¬
folgenden Schmausereien wird man nicht
an H.nopfer denken, da sie zunächst im
Anschluß an die Schlachtung jenes Viehes
erfolgen, das man nicht überwintert.
3. in der Mitte des Weideganges.
H.nstandesfeste.
Das Hochsommerfest begeht auch der H.
mit Tanz auf der Bergwiese, so zu Bar-
tholomä am Dreisesselberg 88 ). Die
H.n treten jetzt auf dem Höhepunkt des
Erträgnisses in der Milchwirtschaft vor
allem als Standesgruppe (Zunftgenossen-
schaft, H.nverein) auf. Gleich den anderen
Ständen haben sie einen Gottesdienst
und eine nachfolgende Standes Versamm¬
lung 89 ), die H.nkirchweih (Sennekirbe im
Allgäu) 90 ), am häufigsten zu Jakobi,
Johanni und Michaeli, wo noch jetzt in
Thüringen H.nzusammenkünfte statt¬
finden 91 ). Den Beschluß bildet der H.n-
tanz 92 ). Die H.n haben frei, und es
müssen andere für sie hüten. Die H.n-
jimgen entscheiden durch einen Wett¬
kampf die Führerschaft in ihrem Ver¬
band 93 ). Auf einen H.nverband weist
das sog. Häufeln hin, das an der oberen
Donau bei Mühlheim in Stetten an dem
geübt wird, der zum erstenmal als H.
auszieht. Es wird ihm eine Schauppe
(Joppe) über den Kopf gezogen und er
bekommt Prügel 94 ) (s. Hänseln).
7S ) Lippert Christentum 634; Wundt Mythus
u. Religion 3, 424. 426. 428. 74 ) Kuhn West¬
falen 2, 165 f. 75 ) Birlinger Schwaben 2, 106.
7# ) Sartori Sitte 3, 193. 77 ) Kuhn Westfalen
2, 164 Nr. 461. 78 ) Bartsch Mecklenburg 2,
270. 272. 79 ) Franzisci Kärnten 43. ®°) Pol-
linger Landshut 214. 81 ) Meier Schwaben 2,
402. 82 ) Bronner Sitt u. Art 172. 83 ) John
Westböhmen 79 f.; Lehmann Sudetend . Volksk.
157; Sartori Sitte 3, 203. 84 ) John Westböhmen
90. 8S ) Meyer Baden 158. 86 ) Sartori Sitte 2,
148 Anm. 14; Globus 98, 327 (Bretagne).
87 ) Drechsler 2, 110. 88 ) Bronner Sitt u. Art
223. 89 ) Reiser Allgäu 2, 387 f. 90 ) Bronner
a. a. O. 91 ) Pfannenschmid Erntefeste 117.
92 ) John Westböhmen 117. ® 3 ) Sartori Sitte 2,
148 Anm. 13. M ) Birlinger Schwaben 2, 348.
H.ndingung.
Bedingung hierfür war in Deutschland
die Abstammung vom H.n und sie er¬
folgte an bestimmten Terminen (Ja¬
kobi 95 ), Weihnachten 96 ), Fastnachts¬
sonntag 97 ), Aschermittwoch 98 )) durch
den Gemeindebevollmächtigten mit der
Überreichung der Amtszeichen (Stab und
Horn) und des Dienstgroschens oder Haftl-
geldes und bei einem gemeinsamen Essen
in der rechtlichen Form der Dingung 99 ).
Der H. wird mit Käsekuchen bewirtet 10 °);
er wird beim Weihnachtsfladen als dem
Vertragssymbol für die Sippendienste
verpflichtet;,,man soll ihn dingen by dem
Fladen ze wienacht“ (14. Jh. Schweiz)
101 ). Auch er gibt den Gemeindevertretern
ein Mahl und hält sie zechfrei 102 ). Er
wird aber auch in der Gemeindeversamm¬
lung gewählt. Wo die Jugend den H.n
stellt, wird sie als Dienstbote gedungen
(s. Dienstboten).
H.nlohn und H.nsammelgänge.
Das Ende des Weideganges ist nach den
Landschaften verschieden, meistens zu
Martini, weil dies ein allgemeiner Rechts¬
termin war (s. Martini). Es wurde bei der
sog. H.n-Schüttung festgestellt, wieviel
jeder in der Gemeinde zu dem Getreide für
den H.n und die übrigen Gemeindebeamten
zu schütten, d. i. beizusteuem habe 103 )
(s. Dienstboten, Martini). Den zum größten
Teil in Naturalien bestehenden Lohn er¬
hält der H. auf einem Sammelgang in den
Häusern gegen Überreichung einer Gerte
(Hasel) und unter Aufsagung eines Spru¬
ches (H.nsegen). Beide gehören enge zu¬
sammen. Mit dem Spruch wird dem
Menschen und dem Vieh Glück durch das
Wort gewünscht und mit der Gerte der
Segen in Gestalt des Lebenszweiges für
den folgenden Weidegang überreicht; da¬
her die Aufforderung des H.n an den
Viehbesitzer, die Gerte für den Austrieb
lu bewahren. So entspricht der H.nsegen
dem Segenswunsch der antiken Buko-
lUsten um die cqafla und die Gerte
ihrem Sack mit der Panspermie 104 ). Mit
Ende der Weidezeit ist auch der H. be¬
strebt, den Segen in das nächste Jahr
hinüber zu erhalten. Dem Emtemahl
entspricht ein Mahl, das ihm beim Ge¬
meindevorsteher gereicht wird für die Ge-
iamtheit der Viehbesitzer, bestehend aus
Brot und Bier (im Schüttarschen Mar¬
tinigans geheißen) oder einem Eimer Bier
und zwei Hammeln (Nürschan); aber
Auch der H. gibt seinen Gönnern am näch¬
sten Sonntag ein Mahl 105 ). Sind in einer
Gemeinde mehrere H.n, so nimmt das
gemeinsame Lohneinsammeln die Form
von Bettelumzügen an (s. d.), dies be¬
sonders, seitdem an Stelle des einen Ge-
meindeh.n die Jugend das H.namt über¬
nommen hat. Sie veranstaltet ebenfalls
Heischegänge für ihre H.nleistung an
allen Terminen des Jahres, wo die Ju¬
gend überhaupt diese pflegt, so am Weih¬
nachtsabend mit viel Lärm, Schellen,
Kuhhorn, H.npfeifen 106 ), ferner zu Sil¬
vester 107 ), Neujahr 108 ), Fastnacht 109 ),
Ostern 110 ), Pfingsten 111 ), Maria Himmel¬
fahrt (dem Küchelsonntag im Allgäu U2 )).
Die Gaben sind außer den bei Bettelum¬
zügen üblichen Eier, auch Geld, Kuchen
(Allgäu); sie dienen nicht als Lohn zum
Lebensunterhalt, sondern werden von der
Jugend gemeinsam verschmaust. Vgl.
dieselbe Entwicklung auch bei den Grie¬
chen, wo die Bukoliasten im Dorf herum¬
zogen und in Liedern das pecorum ac
frugum hominumque proventum erfleh¬
ten (Gramm. Lat. 1, p. 486, Keil) 113 ).
ff eotui/rtTfic fk
03 / >
] J KJU.L1 _
Sudetend. Volksk . 148. 96 ) Birlinger Schwabet
2 , 106. 97 ) Höfler Fastnacht 27 (Tirol); Andre«
Braunschweig 159. 98 ) Ebd. (Allgäu im 17. Jh.)
H ) Schweizld. 1, 1168. 10 °) Höf ler a. O
Wl ) Schweizld. 1, 1168. 102 ) ZföVk. 3, 114
John Westböhmen 91. 103 ) John Westböhme-i
98. ««) Nilsson Griech. Feste 204. 105 ) Johi
Westböhmen 98. 106 ) Sartori Sitte 3, 16 Anm
X09. 107 ) ZfVk. 6, 431. 108 ) Sartori Sitte 3, 5I
Anm. 23. 1W ) Ebd. 3, 95 Anm. 21. ll °) Ebd. 3
159 Anm. 63. m ) Ebd. 3, 196 Anm. 21.
112 ) Ebd. 3, 246. 113 ) Nilsson Griech. Feste 203.
Ein besonderes Brot für den H.n sind
die Martinihörner (s. d.).
H.nopfer.
Davon sind Spuren nicht mehr leicht
nachzuweisen. Sie müssen den Mittel¬
punkt der H.nfeste gebildet haben (s. o.).
In der Schlachtung eines Hammels aber
bei einem Fest-auf der Gemeindewiese am
2. Sonntag nach Ostern, dem Bocksonn¬
tag, hat man ein ursprüngliches H.nopfer
zu sehen, das zu Beginn der Weide dar¬
gebracht wurde. Ebenso, wenn in Gö¬
denitz (Thüringen) am Himmelfahrts¬
morgen aus jedem Haus ein Bewohner
auf dem sog. Bierhügel ein Fest mitfeiern
muß. Denn würde das Fest aufgelassen
werden, so müßte nach der Volkssage
der Obrigkeit der Zehent gegeben wer¬
den und dazu ein schwarzes Rind mit
weißer Blesse, ein Ziegenbock mit ver¬
goldeten Hörnern und ein Fuder Sem¬
meln 114 ). Daß die Votivgaben eiserner
und wächserner Haustiere an den hl. Le¬
onhard der Nachhall eines Tieropfers
seien, ist noch nicht bewiesen 115 ). Vgl.
die Syrakusaner opferten um 500 v. Ch.
der Diana bei Viehseuchen Gebildbrote
in Gestalt von Tieren 116 ). Das Opfer der
römischen H.n an Silvanus (Cato de r. r.
83, 176).
Das sog. Hörndlstutzen aber ist m. E.
nicht als der Rest eines ehemaligen H.n-
opfers aufzufassen, sondern als eine Vor¬
bereitung auf den Austrieb, damit sich
die Tiere nicht mit den über den Winter
scharf gewordenen Hörnerspitzen ver¬
letzen können. Die Belohnung des H.n
für seine Tätigkeit mit einem Ei und daß
er mit entblößtem Haupt und unter
einem Spruch den Stall betritt, wird
gleichfalls nicht in dieser Richtung aus¬
gedeutet werden dürfen 117 ).
H.ngott, -patron.
Begreiflicherweise sind Spuren ger¬
manischer H.ngötter noch schwerer nach¬
zuweisen, da die Götter nebenbei noch an¬
dere Funktionen hatten; so soll bei den
heidnischen Baiem Hirmin außer Stamm¬
gott auch H.ngott gewesen sein 118 ). Eben¬
so ist eine Entscheidung schwer, inwieweit
139
Hirtentäschchen—Hochschulen de r Zauberei
140
man hinter den Heiligen Leonhard und
Martin, die allgemein Vieh und Herden
beschützen, auch einstige germ. H.n-
götter sehen darf (s. Leonhard, Martin).
Der hl. Wolfgang wird gegen den Wolf an¬
gerufen (s. Wolfssegen) und Wendelin
besonders von den Schäfern. Der hl. Ja¬
kobus ist im besonderen der H.npatron,
und auf seinen Tag sind viele H.nfeste ver¬
legt worden (s. o.). Sonstige landschaft¬
liche H.npatrone stehen mit H.nbünden
in Verbindung, so St. Castulus nö ); die
Verdrängung, bzw. Überschichtung der
heidnischen Riten durch das Christen¬
tum ist sicherlich sehr gründlich gewesen.
Königh.ntum. Bei vielen Völkern wird
das Königtum als Volksh.ntum aufge-
faßt und der König als H. des Volkes be¬
zeichnet 120 ).
114 ) Goldmann Einführung So f.; Höfler
Ostern 64f. 115 ) Andree Votive 5^. 11«) Nilsson
Griech. Feste 200 Anm. 3; Hoops Reallex.
s. v. Gebildbrote. U7 ) Höfler Oberbayr. Jahr 90;
Bavaria 2, 306; John Westböhmen 335. 118 )
Quitzmann 146. 119 ) Andree Votive 38. 12 °)
Urquell 3, 119; Goldmann Einführung u6f.
Jungwirth.
Hirtentäschchen (Blutkraut, Seckel -
kraut; Capselia bursa pastoris).
1. Botanisches. Kreuzblütler, dessen
untere Blätter meist fiederspaltig und zu
einer Rosette angeordnet sind. Die kleinen
weißen Blüten stehen in Trauben. Be¬
sonders kennzeichnend sind die drei¬
eckigen, oben herzförmig ausgerandeten
Schötchen. Das H. ist ein überall häu¬
figes Unkraut x ).
*) Marzell Kräuterbuch 324.
2. Wie bei der Wucherblume (s. d.) die
weißen Strahlblüten, so werden die
Schötchen des H.s im Liebesorakel ab¬
gepflückt („Ich lieb dich von Herzen'‘
usw.) 2 ).
2 ) Schullerus Pflanzen 173.
3 - Das H. ist ein altes Sympathie¬
mittel zur Stillung von Blutungen,
ln der Hand gehalten, stillt es jede
Blutung 3 ), ebenso wenn es auf die Füße
grlegt wird 4 ), ja es genügt schon, die
Pflanze anzusehen 5 ). Gegen Blutspeien
l#gt man das H. in die Schuhe oder hält
e* in der Hand, bis es warm wird 6 ), vgl.
Kornblume. Das H. ist übrigens in I
neuester Zeit wieder als blutstillendes
Mittel in der wissenschaftlichen Medizin
in Aufnahme gekommen 7 ). Dem zah¬
nenden Kinde werden die Früchte (wegen
ihrer zahnähnlichen Form?) in ein rot-
seidenes Fleckchen eingebunden um den
Hals gehängt; nach der Zahnung wird das
Amulett von der Mutter stillschweigend
rückwärts in fließendes Wasser geworfen 8 ).
Haben die Kühe die „Schwini“ (Schwin¬
den), so hängt man das H., in „Tara“
(rauhes Zeug) eingewickelt, dem be¬
treffenden Tier um den Hals 9 ). Essen
die Kinder im Frühjahr drei von den
ersten H., die sie sehen, so werden sie nie
krank 10 ), vgl. Frühlingsblumen (3,160),
Windröschen.
3 ) Gart der Gesundheit (Hortus Sanitatis)
14^5* 67. 4 ) Wo!ff Scrutin. amulet, medicum
1690, 199- 6 ) Thesaurus pauperuni 1576, 350.
«) Zimmermann in Tschirch-Festschrift 1926,
^59- 7 ) Grimme Altes und neues über Capsella
bursa pastoris. In: Pharmazeut. Zentralhalle
1919, Nr. 23 und 24. 8 ) Lammert 126. »)
Wartmann St. Gallen 19. *°) Seyfarth
Sachsen 301. Marzell.
Hnz Hnz Hnz. Zauberzeichen oder
-Worte, die, mit untergesetztem Vor- und
Zunamen des Kranken, auf Butterbrot
oder Semmel gesetzt und gegessen, gegen
Fieber dienen x ). Die Punkte sind viel¬
leicht kryptographische Vokalzeichen (vgl.
Geheimschrift).
i) Scheible Kloster 12, 513; Hovorka u.
Kronfeld 1, 146. Jacoby.
Hobax, geschrieben x .H.O.B.A.X. x>
gegen Fieber auf drei Mandelkernen auf¬
gezeichnet und gegessen x ), ist wohl nur
eine Variante von: Hax pax (max) s. d.
*) Höhn Volksheilkunde 1, 153. Jacoby.
Hochgericht s. Galgen 3, 25S ff.
Hochschulen der Zauberei. Die
ersten Nachrichten über H. d. Z. führen
nach Spanien. Die Mauren hatten dort,
als das Land in ihre Hände gekommen war,
in einer Reihe von Städten wie Toledo,
Salamanca, Sevilla, Granada, Cordova
usw. „Universitäten", d. h. eine Art Semi¬
nare und Kollegien errichtet, die, den
Moscheen angegliedert, in besonderen
Schulgebäuden, „Medresch“ genannt, un¬
tergebracht waren x ). An diese Schulen,
die vornehmlich Theologie und Philosophie
lehrten, knüpft die Überlieferung von H.
4 . Z. an, die auch frühzeitig auf die durch
die Rückeroberung von Toledo im Jahre
1085 christlich gewordene dortige Uni¬
versität übertragen wurde. In Wirklich¬
keit waren wohl die Kreise, die sich an
diesen Orten mit magischen, kabbalisti¬
schen, nekromantischen, astrologischen
und alchemistischen Studien abgaben,
Geheimzirkel, die ihr lichtscheues Wesen
abseits im Verborgenen trieben 2 ), wie
sich das aus unten gegebenen Mitteilungen
erschließen läßt. Zumeist werden die
Geheimkünste durch Araber und Juden
gelehrt worden sein, die antikes und orien¬
talisches Erbgut aufnahmen und neu
verarbeiteten.
Bereits der um 1143 verstorbene Wil¬
helm von Malmesbury 3 ) berichtet 4 ):
„sicut Christiani Tole tum, ita ipsi (näml.
die Sarazenen) Hispalim, quam Sebiliam
(d. i. Sevilla) vulgariter vocant, caput
regni habent, divinationibus et incanta-
tionibus more gentis familiari studentes“.
In Sevilla habe Gerbert, der spätere Papst
Silvester II. (996—1002), der seiner
großen Kenntnisse wegen als Zauberer
verschrien wurde 5 ), Astrologie, Vogel¬
schau und Dämonenbeschwörung erlernt
und sich dann mit Hilfe eines seinem sara¬
zenischen Meister gestohlenen Zauber¬
buchs zum Papst gemacht 6 ). In Toledo
wirkte im 12. Jhdt. der durch zahlreiche
Übersetzungen aus dem Arabischen und
Hebräischen bekannte Gerhard von Cre-
mona (1114—1187) 7 ), der eine „Geo-
mantia et practica planetarum“ 8 ) schrieb
und auch als Übersetzer der Kyraniden
gilt 9 ). Im folgenden Jhdt. erzählt Cae-
sarius von Heisterbach von zwei jungen
Leuten, die apudToletumstudebantnecro-
mantiam 10 ), und an einer weiteren Stelle
schildert er eine Geisterbeschwörung, die
einige Studenten „in arte necromantica“,
junge Schwaben und Bayern, erlebten, als
sie ihren Lehrer auf forderten, ihnen seine
Kunst in praxi vorzuführen 11 ); die Be¬
schwörung ist eine Variante der Verlöbnis¬
legende 12 ). Ins 13. Jhdt. führt uns auch
die Vita des Dominikanerheiligen Aegidius
(ti2Ö5), der in seiner Jugend, vom Teufel
verführt, nach Toledo zog, um dort die
magische Kunst zu lernen 13 ): „Intellexit
Aegidius magicas artes, a quibus illa
tempestate in Hispaniis non abhorre-
bant homines, ab illo viae comite (dem
Dämon) perhiberi: et paululum quidem
cogitabundus substitit, deinde autem pes-
simo acquievit consilio. Quare ommisso
coepto itinere, Toletum deflexit, seque
magistris impiae ac nequissimae disci-
plinae, loca subterranea atqueab hominum
conspectu remota frequentantibus, juxta
imperatas leges horrendo nefarioque sa-
cramento addicit, seseque in animae
exitium devovit, chirographo, sua manu de
suo sanguine facto, in testimonium illis
dato. Decurso septenni spatio, bene ac
male agendum instructus“ zieht er nach
Paris, wo er durch seine Kenntnisse als
Arzt großen Ruhm gewinnt. Nach der
Relation des Historikers der Dominikaner,
Ferdinand del Castillo, bringt der böse
Begleiter Aegidius „in vastum specum,
prope Toletanam civitatem, ibi occurrere
laeti, et excepere venientem viri dae-
monesque humana effigie etc.“ 14 ). Deut¬
lich sind hier die Geheimzirkel angedeutet.
Als H. d. Z. wird uns Toledo noch genannt
im „Wartburgkrieg“ 15 ), von B. Basin 16 ),
Delrio 17 ), Thiers 18 ), Elinandus 19 ). In
jener Höhle soll auch Virgil die Zauber¬
kunst gelernt haben 20 ). Nach dem alten
Volksbuch studierte dort auch Faust's
Famulus Wagner die daselbst öffentlich
gelesene Schwarzkunst 21 ). Delancre 22 )
berichtet das Geständnis eines Zauberers,
daß in Toledo 73 Magister die Magie
lehrten; ihren Vorlesungen legten sie den
Text der „Teufelsbibel“ zugrunde.
Ähnliche Erzählungen gingen auch über
Salamanca um. Basin 23 ) weiß, daß einst
bei der Stadt ein Marmoridol in einer
tiefen Höhle verehrt wurde, durch das der
Teufel als Lehrer der Magie wirkte; die
Höhle sei vermauert und darüber eine
Kirche erbaut, während das Idol vor der
Kirche von den Vorübergehenden zer¬
stört worden und kaum noch zu erkennen
sei: Es wird die gleiche Höhle sein, die
Delrio 24 ) aus eigener Anschauung be¬
schreibt: „ostensa mihi fuit crypta pro-
fundissima gymnasii nefandi vestigium,
quam virilis animi mulier Isabella regina,
143
Hochschulen der Zauberei
Hochschulen der Zauberei
146
Ferdinand! Catholici uxor, vix ante annos
centum caementis saxisque jusserat ob-
turari“. Nach Cardanus 25 ) las man in
der Akademie von Salamanca öffentlich
über Zauberkunst, ,,nunc vero publicis
legibus sublata est“, doch sind noch Reste
dort. Die Schule erwähnt auch Geßner 26 );
aus ihr gingen die fahrenden Schüler
hervor. Im Volksbuch von Fortunatus
von 1530 heißt es 2? ): ,,es was eyner von
Sparga auss der Stadt Alamanelia, da
dann noch die hoche Schul von der hochen
Kunst der Nigromantia ist und gelert
wird“ d. i. Spanien und Salamanca.
Auch Thiers 28 ) nennt die Schule. In ihr
soll zuerst öffentlich, später geheim die
„Pneumatologia occulta et vera“ vorge¬
tragen worden sein 29 ).
Über Sevilla s. 0. Die dortige H. d. Z.
wird auch von Delrio 30 ) und Thiers 31 )
bezeugt.
Granada, die letzte Stütze der Mauren
in Spanien, fiel im Jahr 1492. Der mau¬
rische Kult, der als Götzendienst und
Magie galt — vgl. die lehrreiche Ge¬
schichte, die Delrio 32 ) von einem Manne
Ramirez in Toledo aus dem Jahr 1600
erzählt —, wurde 1495 verboten; die
Juden waren bereits 1492 von Isabella
und Ferdinand verjagt worden. Damals
erging dann auch nach Delrio 33 ) das
Verbot der Magie und der Vorlesungen ,
darüber, wozu Basin’s 34 ) Bemerkung j
stimmt, daß ,,hac tempestate magicae
artes“ nirgends mehr in Spanien toleriert
würden; nach dem 1597 verstorbenen
Kanonisten P. Gregoire von Toulouse 35 )
erfolgte das Verbot unter Karl V. Über
die spanischen H. d. Z. vgl. noch Moeh-
sen 36 ).
Auch in Italien gab es derartige Schu¬
len. So spricht Delrio 37 ) von einer am lacus
Nursinus und einer zweiten im spelaeum
Visignianum. Bei der ersten handelt es
sich um einen Venusberg 38 ), dessen Höhle
auch als Sibyllenhöhle galt, bei Norcia
gelegen; von ihr weiß Delrio 39 ) nach
Crespetus allerlei Merkwürdiges zu er¬
zählen. Es ist nun interessant, daß schon
Enea Silvio, der bekannte Humanist und
nachmalige Papst Pius II. (1405—-1466),
in einem Brief, den er in seiner früheren I
144
Zeit an seinen Bruder schrieb, davon
redet, daß in Umbrien, im alten Herzog¬
tum (Spoleto) unweit der Stadt Nursia
eine Höhle sei, in der Wasser fließe, der
Aufenthaltsort von Hexen, Dämonen und
Schatten; dort könne man von Geistern
die Zauberkunst lernen 40 ). . Es ist der
Ort, an dem nach Benvenuto Cellini
magische Weihehandlungen» über Zauber¬
büchern vorgenommen wurden 41 ). Venus¬
berge waren überhaupt, wie Bebelius 42 }
mitteilt, die Schulstätten, an denen die
fahrenden Schüler Vorgaben, die Magie
gelernt zu haben. Der Kardinal Beno,
Gregors VII. leidenschaftlicher Gegner,
nennt das Rom des 11. Jhdts. gewisser¬
maßen eine Schule der schwarzen Magie,
die Gerbert dorthin gebracht habe 43 ).
In Padua, wo einst Albertus Magnus
Alchemie und andere Künste studiert
hatte, trieb nach dem Volksbuch Wagner,
der Famulus Fausts, magische Studien
und lehrte selbst diese Wissenschaft 44 ).
Auch Venedig wird als Ort einer Schule
genannt, in der des Teufels Lehrstuhl
stand 45 ). In der Virgilsage wird das Sep-
tizonium 46 ) in Rom ,,scuola di Virgilio“
genannt und ebenso ein Ort am Strand
von Neapel; nach dem französischen
Volksbuch gab es in Neapel eine Zauber-
Schule Virgils 47 ). An dem Ort stand
früher ein Tempel der Venus oder For¬
tuna.
Wenden wir uns nach Frankreich, so
begegnet uns dort die Tradition von einer
solchen Schule in der Auvergne 48 ); nach
Bekker 49 ) war sie zu Vincester( ?). Dort
befinde sich ein Fortunatusrad, auf das
sich zwölf neu angekommene Studenten
setzen müßten; einer unter ihnen stürze
von dem umgedrehten Rad und falle
dem Teufel zu, die andern elf lernten in
drei Monaten alle Wissenschaften und
Künste. Das ist auch der Inhalt einer
aus dem 16 . Jhdt. bereits bezeugten Sage:
das Glücksrad 00 ). Eine Variante dieser
Auslosung eines Studenten wird auch von
Salamanca erzählt 51 ). Eine andere Über¬
lieferung weiß von einem Venusberg in
Frankreich, auf dem der „Stein der Un¬
sichtbaren“ liegt; wer mit dem linken
Fuß auf diesen tritt, wird sofort in die
MS
Schule des Teufels versetzt und lernt
dort alle Wissenschaften 52 ).
In Polen galt Krakau als Universität
der Zauberkunst, an der diese öffentlich
gelehrt werde. Nach Manlius 53 ) studierte
dort Faust: „Hic cum esset scholasticus
Cracoviensis, ibi magiam didicerat, sicut
ibi olim fuit ejus magnus usus, et ibidem
publicae ejusdem professiones“, was auch
Wier 54 ) und das Volksbuch von Faust 55 )
melden. Auch der polnische Faust
Twardowski hatte in Krakau magische
Studien getrieben und magische Bücher
von ihm wurden, um sie unschädlich zu
machen, daselbst in Bibliotheken an
Ketten gelegt 56 ).
Eine Zauberschule befindet sich ferner
in Ab o in Finnland. In einem Loch auf
einem Berg ist dort eine von der Natur
gebildete Bank wie in einem Auditorium;
der Teufel hielt dort Schule 57 ).
Nach der Chronik des Albericus von
Troisfontaines 58 ) soll im Jahre 1223 ein
Schwarzkünstler ausToledo nach Mastricht
gekommen sein und eine Anzahl Geist¬
licher zur Magie verführt haben; der Autor
ist Zeitgenosse des Ereignisses. Die Geist¬
lichen verbreiteten danach die Abgötterei
des Lucifer, und in Köln war eine Schule
dieser Ketzer, in der das Bild Lucifers
Orakel erteilte. Die Überlieferungen, daß
in Universitäts-, Kloster- und andern
Bibliotheken wie in Krakau — so in
Tübingen, Wittenberg, Dorpat, Weilheim
t. d. T., Crailsheim, Schloß Suchow —
die Zauberbibel an die Wand gekettet sei
(g. a. 6. u. 7. Buch Mosis) werden auch
darauf zurückgehen, daß man glaubte,
dort würde oder wurde ehedem die Magie
gelehrt. Merkwürdig ist, was Horst 59 )
erzählt, daß auf protestantischen Universi¬
täten noch in der ersten Hälfte des 18.
Jhdts. die „Pneumatologia occulta et
vera“ gelesen wurde, namentlich in Halle,
wo sie in den dreißiger Jahren sein Vater
gehört habe; den Namen des Professors
hatte Horst vergessen. Für das 16. Jhdt.
bezeugt ähnlich Wier 60 ), daß zu seiner
Zeit noch Leute sich der Bücher über
Nekromantie erinnerten, die in einigen
Schulen öffentlich erklärt wurden. Nach
Müllenhoff 61 ) erzählt man in Nordfries¬
land und im Dänischen viel von der
schwarzen Schule, in welcher der Teufel
selber Lehrmeister ist, und namentlich
angehende Prediger werden darin unter¬
richtet.
Einige ergänzende Mitteilungen mögen
noch folgen. Von Saemund Sigfusson,
dem angeblichen Sammler der Lieder-
Edda (gest. 1133), berichtet eine alte
Chronik: qui in Parisiis artem magicam
didicit 62 ). In Böhmen sah man Budek
als Schule der Magie an: prima schola
ethnicorum et quasi urbs literarum et
academia quaedam Budeka urbs Bohe-
miae fuit .... ad hanc magicam scholam
tota properabet Bohemiae nobilitas 63 ).
Die Teufelsschule in Salamanca (s. u.
Anm. 51) erwähnt auch Grimm 64 ). Eine
solche Schule gab es nach Luther auch in
Köln; in ihr verfiel alljährlich ein Scholar
dem Teufel nach dem Los als Lohn 65 ).
Im Biterolf wird von Tolet erzählt, daß
in einem nahe der Stadt gelegenen Berge
„der list nigrömanzi“ erfunden ward 66 );
ähnlich weiß Mathesius von der dort ge¬
lehrten Schwarzkunst zu sagen 67 ). Nach
einer Nachricht um 1600 lernt man die
Nigromantie im Venusberg 68 ). Was
Horst über Vorlesungen über die Pneu¬
matologia occ. et vera (s. u. Anm. 59)
sagt, scheint auf Tatsachen zu beruhen 69 ).
Für die Entstehung des Glaubens an
H. d. Z. sind verschiedene Gründe ver¬
antwortlich. Die Tatsache, daß alche-
mistische, astrologische und andere ge¬
heimnisvolle Wissenschaften an den Uni¬
versitäten betrieben wurden, ist nicht
zu leugnen, und es scheinen auch Vor¬
lesungen über Zauberbücher stattgefunden
zu haben. Die höheren Studien waren
überhaupt verdächtig, und die lateinischen,
griechischen und hebräischen Bücher der
Pfarrer und Gelehrten mit ihren unver¬
ständlichen Zeichen mögen nur zu oft als
magische Bücher angesehen worden sein.
*) E. O. v. Lippmann Entstehung und Aus¬
weitung der Alchemie (1919), 462 ff. *) a. a. O.
^65. 3 ) Hauck RE. 21, 299 ff. 4 ) De gestis
egum Anglorum II p. 64 (W. Savile 1596);
Uigne Patr. lat. 179, 955 ff.; Kiesewet-
:er Die Geheimwissenschaften 304. 6 ) J. v.
3 öllinger Die Papstfabeln des Mittelalters
1890), 1840. •) v. Lippmann a. a. O. 464
147
Hochwasser—Hochzeit
148
Anm. 1; Kiesewetter Faust 1 (1922), 119;
Wier Dg praestigiis daemonum 1.6 c. 5 (franz.
Ausg. 1885, II, 229 ff.); Scheible Kloster 5,
286 (nach A. Lercheimer Christi. Bedencken
vnd Erjnnerung von Zauberey 1585). 7 ) v.
Lippmann a. a. O. 465; Kiesewetter Ge -
heimwissenschaften 304. 8 ) Agrippa v.
Nettesh. 5, 60 ff. 8 ) H. Sehe lenz Geschichte
der Pharmazie (1904)» 186. 10 ) Dial. 1 . 1 c. 33.
u ) Dial - 1 . 5 c * 4 - 12 ) H. Günther Die christl.
Legende des Abendlandes (1910), 86 f. 13 ) Acta
Sanct. Boll. Mai 3, 405; J. Gör res Die christl.
Mystik 3 (1840), 118; Scheible Kloster 5, 376.
14 ) Hist, gener. Praedic. p. 1 1 . 2 c. 72; Delrio
Disquis. mag. (Köln 1679), 1056 f. 15 ) Scheible
Kloster 5, 376. 18 ) Bern. Basin Tractatus de
artibus magicis ac magorum maleficiis, zuerst
1482 u. ö.; er war Kanonikus in Saragossa, vgl.
über ihn und sein Buch: J. Hansen Zauber¬
wahn (1900) 447 und Quellen (1901) 236 ff.;
Kiesewetter Faust 1, 31. ”) A. a. O. Pro-
loqu. Nr. 9. 107. 308. 18 ) Thiers 1, 125.
19 ) D. Comparetti Virgil im Mittelalter
(deutsch von H. Dütschke 1875), 272.
20 ) Scheible Kloster 2, 132; n, 259; Görres a.
a. O. 3, 118; Comparetti a. a. O. 272.
21 ) Scheible Kloster 3, 131. 134. 169; 11, 647.
22 ) Delancre Incri'duliti et mecriance du sor-
tilege etc. (1612) traite 7; Collin de Plancy
Dictionnaire infernal (1850), 87. 23 ) Kiese-
Wetter Faust 1, 32. 24 ) A. a. O. Proloqu. Nr. 9.
25 ) De subtilitate (1558), 976 lib. 19; Kiese¬
wetter Faust 1, 32. 26 ) K. Geßner Epistola¬
rum medicmalium lib. III (1577) p. 2., lib. 1
cp. i von 1561; Kiesewetter Faust 1, 28;
Scheible Kloster 5, 63; 11, 323. 27 ) Horst
Zauber-Bibliothek 1, 102; J. G. Th. Grässe
Lehrbuch der Literärgeschickte 2, 3, 1 (1842),
193. 28 ) Thiers 1, 125. *>) Horst a. a. O. i, 102.
30 ) A. a. O. Proloqu. Nr. 9. 31 ) Thiers 1, 125.
32 ) A. a. O. 233. 33 ) A. a. O. Prol. Nr. 9. 34 ) Kie¬
sewetter Faust 1, 31. 33 ) Syntagma juris uni-
versi 1 . 34 c. 21 Nr. 10; Thiers 1, 125. 3 «) Bei¬
träge zur Geschichte der Wissenschaften in der
Mark Brandenburg (1783), 36. 37 ) A. a. O. 107.
) A. a. O. 188. 3# ) A. a. O. 3 ° 9 ; Kiesewetter
Faust 2, 167 f. 48 ) J. Burckhardt Die Kultur
der Renaissance in Italien 18 (1928), 500 f. I
41 ) A. a. O. 501 f.; Kiesewetter Faust 2, 162 ff. !
) Scheible Kloster 11, 318 nach Bebelius
Facetiae ed. Argent. 1508. 43 ) v. Döllinger
a. a. O. 186. 44 ) Scheible Kloster 3, 78 ff. 108 ff.
“) Wuttke 149 § 208. «) Über das S. siehe
E. Maaß Die Tagesgötter in Rom u. den Pro¬
vinzen (1912). 47 ) Comparetti a. a.O. 372. 295.
311. 316. 48 ) Scheible Kloster 3, 11, im Vor¬
wort der Neu-Ausg. des Wagnerbuchs (1594)
von 1714 von P. I. M.; über den Editor vgl.
Kiesewetter Faust 1, 72 f. 48 ) Balthasar
BekkerDi^ bezauberte Welt (1693), 140; Kiese-
wetter Faust 1, 32. *<>) Grimm Sagen Nr. 210.
) Horst a. a. O. 1, 100 f. 82 ) Ziegler und
Klipphausen Histor. Schauplatz und Laby¬
rinth der Zeit 1 (1718), 750; von Valvassor
Ehre des Herzogthums Krain lib. 4 fol. 663;
Scheible Kloster 11, 318; Kiesewetter Faust
I, 32. 63 ) Joh. Manlius Collectanea locorum com-
munium etc. (Basel 1590), 38; Scheible Kloster
II, 320; 2, 191; Kiesewetter Faust 1, 28; vgl.
auch Camerarius Horae subcis. cent. 1 (1615),
314; Scheible Kloster 11, 323. 64 ) De praest.
daem. 1 . 2 c. 4 (franz. Ausg. 1885, 1, 181).
65 ) Scheible Kloster 2, 942; 5, 114. 386; 11, 525;
Kiesewetter Faust 1, 81. M ) Scheible
Kloster n, 526 ff. 67 ) Kiese wetter Faust 1, 32
nach Berkenmeier Kurioser Antiquarius 1,855.
68 ) G. Roskoff Geschichte des Teufels 1 (1869)
326 ff.; Mon. Germ. Hist. SS. 23, 845. 931. 932!
Bö ) A. a. O. 1, 99. 80 ) De praest. daem. lib. 2 c. 11
(franz. Ausg. 1885, 1, 228). «) Müllenhoff
Sagen 192 Nr. 264. 555 Nr. 560. 82 )F. Rühs
Die Edda (1812), 48. « 3 ) Scheible Kloster 12
880. 84 ) Myth . (1854) 976. 8B ) DWb. 5, 2677!
66 ) Grimm Myth. 989. 67 ) DWb. 5, 2677
68 ) Grimm Myth. 1230. 8 *) Vgl. Anm. 121 in
meinem im nächsten Heft der MschlesVk. er¬
scheinenden Vortrag: Die Zauberformel vom
! Mittelalter bis zur Neuzeit, ihre Sammlung und
Bearbeitung (31, 228). Jacoby.
Hochwasser s. Überschwemmung.
Hochzeit.
1. Allgemeines und Geschichtliches. 2. Göt¬
ter, Ahnen und Tod. 3. Bräuche und Symbole.
Sorge um Hausherrschaft und Eheglück.
4. H.stag und H.swetter. 5. Sorge um Nach¬
kommenschaft. 6. Dämonenabwehr; Reinigung.
7 ; H - in der Sage. Vgl. Braut, Ehe. Frau,
Verlobung.
1. Die Tatsache, daß H.sfeiern und
H.sriten allen Völkern auch bei sonst
ungebundener Eheform bekannt sind 1 ),
beweist, daß seit Urzeiten allgemein der
Menschheit die Eheschließung als ein ge¬
sellschaftlich wie religiös bedeutsames Er¬
eignis erschien 2 ). Solange der Einzelne
noch den natürlichen Gemeinschaften
nicht entwachsen ist, bedeutet die H.,
zumal bei Bauern Völkern, nicht die Ver¬
bindung zweier Einzelwesen, sondern
zweier Lebenskreise, die in ihrer Ge¬
samtheit (mit Einschluß der im Ahnen¬
kult lebenden Verstorbenen und der
dahinter wirkenden Gottheit) mitbe-
stimmend an dem wichtigen Ereignis teil¬
nehmen, weshalb sich vielfach „die H.s¬
riten ursprünglich vor allem an die Toten
wandten" 3 ) und heute noch die Ehe¬
schließenden am H.stage oder dem Vor¬
tage gern die Gräber der nächsten Ver¬
wandten besuchen 4 ).
H.sbrauch und H.saberglaube erklärt
sich vor allem aus dieser sozialen und
religi Ösen Bedeutung der H.; sie ist
Ab künstliche Vereinigung zweier in sich
blutsverwandter Gemeinschaften für diese
in ihrer Gesamtheit ein Erlebnis, das
Weihe und Freude, und ein Wagnis, das
Vorsicht auslöst.
Zweifellos hat auch das germanische
Heidentum, — weit davon entfernt,
„die Eheschließung als ein rein welt¬
liches Geschäft 5 ) anzusehen" — wie je¬
dem seiner Feste eigene religiöse Weihe
für das H.sfest besonders ausgeprägt 6 );
freilich muß die Rolle des „mit seinem
Hammer (Symbol der Fruchtbarkeit,
phallisches Symbol ? 7 )) die Braut weihen¬
den Donar-Thor" 8 ), der „den Segen
der Ehe spendet oder versagt“ 9 ), und auf
dessen Heiligtümer manches versteinerte
Brautpaar der Volkssage hinweisen soll 10 ),
ebenso wie die Rolle anderer zu „Ehe-
göttern“ mythologisierter Götternamen
(Freyr, Var) 11 ) neu geschrieben werden
(s. Freyr). Der Segen germanischer Göt¬
ter wartete nicht, der „profanen" Welt ent¬
zogen, im Heiligtum auf den H.szug, son¬
dern wohnte im H.shaus und im Herdfeuer,
betätigte sich beim feierlichen Austausch
von Mitgift und Morgengabe, verband
Gäste und Gastgeber durch Festfrieden
und Gastgeschenk, heiligte das Gelage
mit Minnetrunk und Gelübde, segnete die
Ehe mit Einmütigkeit und Fruchtbar¬
keit und gipfelte im Gastbesuch der Gott¬
heit selbst 12 ). So bedurfte das germa¬
nische Fest keiner „heiligen Hoch¬
zeit" 13 ) von „Ehegöttern" oder Natur¬
kräften 14 ) (auch nicht der „H. des Kor¬
nes") 15 ), auf die anderswo das gläubige
Phantasiespiel der Völker die eigenen
Ehebegriffe und H.sbräuche übertrug 16 ),
(der tepo; ^aixoc „als Ideal und Prototyp
sämtlicher menschlicher H.en") 17 ). Von
innen her, aus dem Zusammenfluß der
beiderseitigen Glücks- und Lebenskraft
und des sie nährenden göttlichen Kraft¬
quells (vgl. den agerm. Waffentausch) 18 )
empfing die germ. H. ihre Heiligung. Der
immer wiederholte Versuch, etwa im
Nerthusfest einen Anklang an die „hei¬
lige H." zu finden 19 ), entbehrt jeder Wahr¬
scheinlichkeit, weil man den göttlichen
Bräutigam erst dazu erfinden muß. Prie-
sterliche Vermählungsgleichnisse (Himmel
und Erde, Gottheit und Menschheit, Jah-
weh und sein Volk), wie sie zumal in Agada
und Kabbala (in letzterer unter Ver¬
wendung „obszöner, an Blasphemie strei¬
fender Bilder") 20 ) und ähnlich dann in
Scholastik und Mystik sich zeigen, suchen
wir in der gleichnisreichen germanischen
Dichtung vergeblich. Gegenüber der ver¬
suchten Rekonstruktion eines indoger¬
manischen H.szeremoniells in der Drei¬
teilung: „Fingierung alter Raubehe, Be¬
ziehung auf die ersehnte Fruchtbarkeit,
Bedeutung von Feuer und Wasser in den
H.sbräuchen" 21 ), verlangt die altger-
manische H. — (als ein religiöses Ver¬
einigungsfest zweier ebenbürtiger Men¬
schen und ihrer Sippen, jede „Fingierung
alter Raubehe" ausschließend [s. Ehe]) —
gesonderte Beachtung. Die zur Ver¬
bindung, Festigung und Heiligung
der neuen Lebensgemeinschaft nötigen
Maßnahmen legen die Deutung der mei¬
sten abergläubisch betonten H.sbräuche
als Aufnahme-, Verbrüderungs-und
Weiheriten nahe, ohne daß sich Gen-
neps Dreiteilung aller Einweihungs¬
riten: Trennungs- und Übergangszeit,
Eingliederung in das Neue, Rückkehr
zum Alltag, schematisch anwenden ließe 22 ).
Ergänzend tritt hinzu die römische Be¬
wertung von Wasser und Feuer bei der
H. 23 ), meist christlich-jüdische Begriffe
von Sünde (Reinigungsriten) und Mut¬
terschaft (Fruchtbarkeitsriten) und eine
meist slawisch bezeugte Gewöhnung an
Frauenraub und weibliche Hörigkeit 24 ),
endlich die Entartung wachsender Schick¬
salsangst zu den internationalen Abwehr¬
methoden gegen böse Geister und
Teufel. Nach Sartori betonen „die
fast unübersehbaren Bräuche" das
Wesen der H. „als Gemeindeange¬
legenheit", als „wichtigen Lebens¬
übergang" („Trennungs- und Anglie¬
derungsbräuche"), als gefährliche Zeit
(Abwehr feindlicher Mächte) und als Ge¬
legenheit, Glück und Fruchtbarkeits¬
segen dem Ehestand zu sichern 26 ). Rein¬
liche Scheidung dieser Einflüsse ist nicht
mehr möglich 26 ). Gerade im H.sbrauch
und -aberglauben zeigt die Volksseele
die Mannigfaltigkeit ihrer Anlage und Er¬
ziehung.
x ) Wilutzky Recht i, 19. *) Vgl. Wester-
marck Zur Entwicklungsgesch. d. menschl. Ehe
1 ff. 3 ) Samter Familienfeste 10 ff. 96 f.;
ders. Geburt 207. 211 ff. 4 ) Ders. Geburt 212.
*) Hoops Reall. 1, 511. *) Vgl. Neckel i. Zs.
f. dt. Bildung 6, 1, 8. 7 ) Fritzner Ordbog 2,
307k. 8 ) Maurer Rechtsgeschichte 2, 473;
Colshorn Myth. 346; Rochholz Sagen 2,
227, dazu Gering Eddakommentar 1, 325. *)
Mannhardt Germ. Mythen 129f.; Weinhold
Frauen z 1, 351. 10 ) ZfdMyth. 3, 70. u ) Wi¬
lutzky Recht 1, 209 u. a.; vgl. Snorra-Edda
Gylfaginning 35, 116. ia ) Für diese Auffassung
vgl. Grönbech For Folkecstt i Oldtiden 3, 199ff.
13 ) Dieterich Mithrasliturgie 127 ff. 14 ) Vgl.
die Gleichnisse der ma.lichen Chemie: Andreae
Chymische Hochzeit ; Siecke Götterattribute 260.
15 ) Mannhardt Forschungen 264. 16 ) Nilsson
Griech. Feste 372. 17 ) ZfdU. 14, 607 (Schmitz).
18 ) Tac. Germ. c. 18. 1# ) Zuletzt auch Fehrle
Tde .-Kommentar . 20 ) Rubin Kabbala 50.
31 ) Sehrader Indogermanen 76; vgl.Winternitz
Das altindische H.srituell 100. 22 ) Vgl. Gennep
Rites de passage. 23 ) Schräder Reall. 356;
Knuchel Umwandlung 13. 24 ) Vgl. ,,Brynhild"
in russischen Volksmärchen Panzer Sigfrid
143 ff. 35 ) Sachwörterbuch d. Dtkd. t , Hochzeit"
546 ff. 24 ) Ebd. 547.
2. Bei Naturvölkern holen sich die
Heiratslustigen einen Fetisch beim Prie¬
ster zur Weihe des neuen Hauses 27 ). Bei
uns hat die Kirche, die im allgemeinen
ohne eine würdige Auffassung von der
Ehe 28 ) und mit der herkömmlichen aske¬
tischen Bevorzugung der Ehelosigkeit ins
Land kam 29 ), erst später die Eheschlie¬
ßung durch die Trauung, erst vor,
dann in der Kirche, geheiligt 30 ), und von
da aus dem durch die Ausgliederung des
Göttlichen profanierten Fest in Haus
und Familie rückwirkend neue Weihung
zu geben versucht. Daher mag es als
überdauernde vorchristliche Auffassung
gelten, wenn der Volksglaube nicht nur
das ganze Fest auf seine Art ehrfürchtig
und abergläubisch umgibt, sondern auch
in manchen Gegenden gebietet, in der
Kirche Weihungen des Weines und selbst
Trinkgelage vornehmen zu lassen, oder
den Pfarrer mit ins Haus und zur Tafel
zu bitten 31 ).
Zahlreiche H.s-Bräuche aber, vielleicht
aus uralter idg. Zeit 32 ), weisen auf die alte
Heilighaltung des Herdes und Hau¬
ses. So läßt man vielerorts, zumal im
bergischen Lande, die Braut, manchmal
auch das Brautpaar (dreimal) um Herd
und Herdfeuer schreiten 33 ), oder den
Tisch (in slawischen Gegenden auch den
Brottrog) umwandeln 34 ) und die H.s-
gesellschaft muß dreimal um Herd und
Türmittelpfosten tanzen 35 ). Im Kanton
Luzern wurde das H.skränzchen unter
Gebeten um Eheglück auf dem Herd ver¬
brannt 36 ). Selbst die Vorschriften, daß
die junge Frau sich in der Pfanne spie¬
geln 37 ) oder in den Rauchfang sehen muß,
,,damit sie kein Heimweh bekomme“ 38 ),
gehören hierher (Vgl. aber auch das
Verhüllen der Braut bei der Heimholung,
,,damit sie den Rückweg nach Hause nicht
kennen lerne“ 39 ); ferner auch Isolier¬
maßnahmen wie das Treten der Frau auf
einen Stein, ,,damit sie ein starkes Herz
bekomme“ 40 ), das Heben über die
Schwelle, das ins Haus Tragen der Braut
u. a. m. 41 )). Andere Tendenzen (Rei-
nigungs-, Schutzzauber) mischen sich ein,
wenn man die um den Herd geführte
Braut mit dem Feuerbrand scherzhaft
bewirft, oder unter ihrem Stuhl bei der
Feier eine Schaufel glühender Kohlen hin¬
durchzieht 42 ). Auch wo der Braut bei
der Umwandlung Lichter oder Wasser¬
gefäße in die Hand gegeben werden 43 ),
liegt der Gedanke an die Reinigungs¬
riten nahe (wie überhaupt bei jeder An¬
wendung von Feuer und Wasser im H.s-
brauch) 44 ), obgleich die jenen Riten zu¬
grunde liegende Bewertung der Frau und
des Geschlechtlichen in unserem Volks¬
glauben weder ursprünglich noch herr¬
schend gewesen ist 45 ).
Ergänzend treten neben diese Spuren
alter Aufnahme- und Hauskulte 46 ) an¬
dere, die zu den alten Gemeindegott¬
heiten oder Heiligtümern führen; so ge¬
leitet man die Braut aus fremdem Ort
feierlich um den ,,Roland“, oder der H.s-
zug zieht dreimal um die Dorflinde oder
um nahe, bedeutsame Quellen und Bäu¬
me 47 ).
Der indische Bräutigamsspruch: ,,Das
Mädchen weg von seinen Ahnen“ 48 ),
hat für die Erklärung deutscher Bräuche
keine unmittelbare Bedeutung, da im
Altgermanischen die Frau gleich dem
*53
Hochzeit
154
Mann lebenslang mit den Blutsverwandten
eng verbunden blieb.
Im Gegenteil: Wie schon die griechische
Braut H.sspenden am Grabe des Vaters
darbrachte, wie noch im modernen Indien
der Brautvater seine Ahnen mit Opfer¬
gaben zur H. bittet 49 ), und auch bei an¬
deren, christlichen Völkern der Neuzeit
(Esten, Westböhmen 50 ) die verstor¬
benen Verwandten des Brautpaares
durch Lieder, 'feierlichen Aufruf oder Grä¬
berbesuch 51 ) zur H., zum Brauttanz
oder zum Kirchgang geladen werden 52 ),
so zeigt sich auch bei uns vielfach das Be¬
streben, durch Gräber besuch, Gräber¬
schmücken, gemeinsames Gedenken und
Gebet die beiderseitigen Ahnen der
H.sfeier einzugliedern 53 ). Selbst die den
H.szug begleitenden vermummten Ge¬
stalten kann man als scherzhafte Ver¬
körperungen der an der Festfreude teil¬
nehmend gedachten Ahnengeister auf¬
fassen 54 ). In Baden machte der H.s¬
zug noch vor der Kirche halt, um die
Brautleute erst zum Grabe verstorbener
Eltern zu entlassen 55 ). Durch solche
Heimkehr in den Segenskreis verstorbener
Ahnen glaubt man auch heute noch wie
vor Jahrtausenden das Glück und den
Kindersegen der neuen Ehe am wirk¬
samsten zu begründen.
Etwas Licht fällt von hier aus auf die
eigentümliche Nachbarschaft von H.
und Tod in Volksglauben und Sage 56 ).
Dem unvermählt Gestorbenen gibt man
im Gedanken an eine himmlische H. 57 )
den Brautkranz mit ins Grab 58 ). Der Traum
von einer H.sfeier kündigt einen Todes¬
fall an 59 ) (oder Streit) 60 ), der Traum
von einem Toten eine H. 61 ). Pferde ver¬
lieren ihren Schneid, wenn sie eine Leiche
fahren müssen, bekommen ihn erst wie¬
der, wenn sie eine H.erin fahren 62 ). Eine
H. hebt alles auf, auch die Trauer 63 ). Die
Frauen bedecken die schwarze Trauer¬
schürze mit einer weißen 64 ). Aber ande¬
rerseits bedeutet ein Toter im H.sdorf oder
eine Beerdigung am H.stag glücklose und
kurze Ehe 66 ), baldigen Tod eines Gat¬
ten 66 ), weshalb man streng vermeidet,
daß sich H.s- und Leichenzug begeg¬
nen 67 ). „Allerlei Vorgänge, die mit der
H. Zusammenhängen, deuten auf den Tod
hin“ 68 ). Wenn bei der Trauung ein Stuhl
leer bleibt, setzt sich der Tod darauf und
einer der Gatten muß bald sterben 69 ),
desgleichen, wenn während der Feier ein
Grab offen steht, oder gar das Paar dar¬
an vorbei muß 70 ).
Aus vielen Zufällen am H.stag und
aus dem Schicksal seiner Symbole glaubt
man orakeln zu können, wer von den Gat¬
ten zuerst stirbt. So achtet man darauf,
ob die Braut bleich ist 71 ), wessen H.s-
strauß eher welkt 72 ), wessen H.sbrot oder
-semmel eher schimmelt 73 ) (s. Brot § 40),
wessen Hand kälter ist 74 ), wessen Licht
oder Fackel matter brennt 75 ) oder eher
verlöscht 76 ) (Lebenslichter beim Es¬
sen) 77 ), wer sich zuerst zu Tisch setzt,
zuerst sich umsieht 78 ), zuerst niest, wes¬
sen H.swachsstock rascher vergilbt 79 ), wer
den Ring verliert 80 ), wer am Altar zuerst
niederkniet, „Ja“ sagt 81 ), aufsteht 82 ), in
der H.snacht zuerst ins Bett steigt w ), ein¬
schläft 84 ) oder das Bett zuerst verläßt 85 ).
Die Braut stirbt zeitig, wenn der H.s-
schleier verbrennt 08 ) u. a. m.
Tief ins Religiöse greift der Aber¬
glauben über, wenn erH.sstrauß und -an-
zug als Heil- und Segensmittel ver¬
wendet 87 ) und Sterbenden durch Be¬
decken mit dem H.shemd und -kleid,
das vielfach nur zu H. und Tod getragen
werden darf 88 ), Erleichterung schafft 89 ).
Die H. selbst aber wird bisweilen in Ge¬
stalt einer Strohpuppe, einer Ladung
Scherben u. ä. dort, wo man die nächste
erwartet, begraben 90 ).
* 7 ) Visscher Naturvölker 1, 277. M ) Thei-
ner Einführung der erzwungenen Priesterehe-
losigkeit 1, 425. *•) Ebd. 1^405 ff. (Auffassung
des Bonifacius und seiner Zeit). 80 ) Im Lateran¬
konzil 1215 vorgeschrieben: RGG. 2, 210
(Ehe). 31 ) ZfVk. n (1901), 276. 3S ) Hirt In¬
dogermanen 2, 140. 472. 714. 725 ff.; vgl. dazu
Ahnen- und Herdkult bei Bantunegern: Frazer
2, 231. M ) Schräder Reall. 356 0 .; Winter¬
nitz 62 t; Weinhold Frauen 3 1,
MschlesVk. 1, 40; Hastings 3, 657; Kuhn u.
Schwartz 433 u. a. M ) Knuchel Umwand¬
lung 20. 35 ) Kück Lüneburg 183. M ) Beüage
z. Luzerner Tagbl. 1900, 62. 37 ) ZfVk. 10, 430.
M ) ZfVk. 6, 260; Witzschel Thüringen 2, 228;
Köhler Voigtland 235; John Erzgeb. 104;
Urquell 5, 190. 39 ) v. Schroeder Hochzeits¬
gebräuche der Esten 97. M ) Ebd. 77; Weber
155
Hochzeit
156
Ind. Studien 5, 317 ff. 341t.; vgl. altnord.
Gelübdebräuche und Steinkult in Frankreich:
S6billot Reg. «) v. Schroeder Esten 88 ff.
42 ) ZfVk. 10, 430; ZrwVk. 4, 295. «) Globus
81, 271; Wilutzki Recht 1, 209. 44 ) Knuchel
Umwandlung 27. «) Vgl. dagegen Sartori
Sitte und Brauch 1, 115 t.; Weinhold Frauen
i a , 408. 48 ) Vgl. bes. Knuchel Umwandlung
13 ff. 47 ) Knuchel Umwandlung 18 ff.; vgl.
das Abschiednehmen der Braut von den Bäu¬
men im elterlichen Garten: Drechsler 2, 80.
48 ) Knuchel Umwandlung 12. 49 )Dubois Maurs,
institutions et ce're'monies des peuples de l'Inde 1,
305. M ) Globus 89 (1906), 257; John Westböhmen
J 55 ‘ 41 ) Sepp Völkerbrauch bei Geburt, Hochzeit
und Tod 55. B2 ) Vgl. a. Art. Ahnenglaube
oben 1, 227. 53 ) Samter Geburt 212 f.; Meyer
Volkskd. 178; Birlinger Schwaben 2, 249.
45 ) Sartori Sachwörterb. d. Dtkd. 547. B5 ) Meyer
Baden 293. B «) Allg. vergl. Samter Geburt.
ß7 ) "Vgl. a. Schräder Totenhochzeit (Witwen¬
tötung). ») SchwVk. ii, 12 ff.; Gaßner Met-
tersdorf 85 *•) Wuttke § 325; PoIIinger
Landshut 295; Reiser Allgäu 2, 429; Hart-
mann Dachau 221; Grohmann 187; Höhn Tod
311; Wolf Beiträge 1, 213; Fogel Pennsylvania
78. *°) Strackerjan 2, 193. «) Wuttke
§ 325; Keller Grab 1, 48. •*) PoIIinger
Landshut 300. **) Höhn Tod 354; Stracker¬
jan 1, 31. * 4 ) Höhn Tod 354. «) Tetzner
Slaven 372; Alemannia 24, 153. ««) Wett¬
stein Disentis 172; Wuttke § 298 (je nach Ge¬
schlecht des Toten stirbt Braut oder Bräu¬
tigam). * 7 ) SAVk. 21 (1917), 50 (mit Lit.).
8 ) Höhn Tod 313. 69 ) Wuttke § 304. 70 ) Ebd ;
SAVk. 21 (1917), 50. 71 ) Wuttke § 313.
7a ) Höhn Tod 313. 73 ) Praetorius Phil. 213f.
74 ) Ebd. 7B ) Engelien und Lahn 243.
7# ) Hoffmann-Krayer 38; Grimm Myth, 2,
959 ; Tetzner Slaven 372. 77 ) Kück Lüneburg
180. 78 ) Tetzner Slaven 372. 79 ) Höhn Tod 313.
®°) Grimm Myth. 3, 461; Kuhn u. Schwarz
434. 81 ) ZrwVk. 2, 118; SAVk. 7, 140; Köhler
Vo igtland 439. 82 ) Schultz Alltagsleben 122;
Dirksen Meiderich 48. 83 ) Wuttke § 313!
M ) John Erzgeb. 103. w ) Grimm Mythol . 2, 959! |
8# ) John Erzgeb. 102. 87 ) Höhn Tod 319 ff.;
Wuttke § 731; Gaß ner Mettersdorf Fogel I
Pennsylvania 334. “) Bucht o\AHochzeit z, 245 f.
") Wuttke § 724. *>) Sartori Westfalen 99.
3. a) Gerade auf dem ernsten Hinter¬
grund der Gedanken an Sippe, Ahnen
und Tod erwächst dem Aberglauben die
magisch in die Zukunft wirkende Be¬
deutung des H.sfestes, das mit seinen
tausend Zufällen, Geschehnissen und
Handlungen erhofftes Sippen-, Ehe-
und Elternglück wie gefürchtetes Mi߬
geschick vorausbestimmt, und dabei
der Götter wie der Dämonen entraten
kann. Seit der vorchristlichen Germanen¬
zeit 91 ) bis heute bietet die H.sfeier die
erwünschteste Gelegenheit, durch Ver¬
schwägerung und Gastfreundschaft den
eigenen, oft bedrohlich engen Lebenskreis
zu erweitern. Der alte Spruch „H. macht
H. 92 ) bewährt sich immer wieder, ob¬
gleich im MA. und noch weit über die
Reformation hinaus unter dem sitten¬
verderbenden Diktat der kirchlichen Ehe¬
verbote für Verwandte (bis zum 7. Grad;
dazu geistliche Verwandtschaft!) solche
„Familienfeste sehr wenig Gelegenheit
zur Eheanbahnung boten 93 ).
Der Gaben tausch, der „bei der Schaf¬
fung künstlicher Verwandschaftsver¬
hältnisse überhaupt Sitte ist“ 94 ), spielt
eine große Rolle (der „Brauthahn“! altes
Hahnenopfer ?) 95 ).AnordnungundRei-
henfolge bei H.szug, Schmaus und Tanz
werden abergläubisch überwacht, bes. bei
den sog. Ehrentänzen, die sinnbild¬
lichen Ausdruck der Sippenvereinigung
oder der Aufnahme der Braut in die neue
Verwandtschaft geben 98 ) (nicht „Reste
ursprünglichen Anrechts aller an die
Braut“) «).
Wie einst nicht nur bei Vertragsschluß
(„Kauf“) und Austausch von Mitgift
und Morgengabe 98 ), sondern beim ganzen
Fest bis zur feierlichen Bettbesteigung
(vor Zeugen) ") die beiderseitigen Ver¬
wandten durch ihre Teilnahme erst den
Eheschluß gültig machten, so ist auch in
unserem Volksglauben die einmütige
Teilnahme aller Verwandten und
Freunde, ja schließlich der ganzen Ge¬
meinde (daher wohl auch Doppelehe
verpönt) 10 °) und ein zahlreiches, frohes
und prächtiges Gastgebot Bedingung für
glücklichen Ehebestand. Der Gast¬
freundschaft des H.shauses gestattet
die Sitte kaum eine Beschränkung;
wie das alte, nach vielerlei Vor¬
schrift bereitete H.sbrot, wird auch der
H.skuchen 101 ), auch allerlei Zuckerwaren
(„Brautzucker") 102 ) zumal an die Kin¬
der verteilt; jedes Haus gibt der einladen¬
den Braut oder dem H.sbitter eine Brot¬
schnitte, aus der die wichtige H.ssuppe
für das Paar zubereitet werden muß 103 ),
und jeder hofft auf solche Einladung, zu¬
mal, wem das Johannisfeuer „lustig“
brannte 104 ), wer zu Silvester auf dem
l
Hochzeit
Kreuzweg lustige Musik hörte 105 ), wem
ein rotes tanzendes Licht 106 ) oder ein
hüpfendes Flämmchen erscheint 107 ), wer
die Treppe hinauffällt 108 ), den Spiegel
zerbricht 109 ) oder einem Vorangehenden
auf die Ferse tritt 110 ).
Schon der Name „H.“ für das Fest
der Freude 111 ), das nicht die Gewin¬
nung eines Weibes oder gar die erstmalige
sexuelle Vereinigung, sondern von jeher
die Gründung einer neuen Lebens¬
gemeinschaft, das ,.Einswerden in
Glück und Hoffnung“ feiert (Gemein¬
schaft von Tisch und Bett, Dach und
Herd, Schicksal und Gottheit; gemein¬
sames Essen U2 ), Gabentausch, Hände-
reichung usw. 113 )), verbietet die übliche
Deutung gewisser H.sbräuche und
Scherze in Richtung auf den Braut-
raubgedanken 114 ) und die sexuelle
Anspielung. Seit Urzeiten hat die
Gemeinschaft Anrecht und Anteil
am Glück der Einzelnen; die Heira¬
tenden, in der , ,H o c h z e i t “ ihres Glückes,
sind deshalb Objekte scherzhaften
Angriffs jeder Art, wie einst Balder im
Kreise der mit seinem Glücke spielenden
Götter (Überfall auf den H.szug, Steh¬
len von Schuh, Kranz und Hut, Trennung
der Liebenden, Brautstehlen u.a.) 115 ). Die
Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft fin¬
det immer neue Mittel, sich ihren Anteil
an dem Feste zu erzwingen, sich die Los¬
lösung des Paares und seines Glücks ab¬
kaufen zu lassen 116 ) (Loskauf von Bur¬
schen- und Jungmädchenschaft 117 ), Seil¬
spannen, Weg versperren, Loskauf, Ge¬
schenke erpressen 118 ), Verkaufen, Ver¬
steigern der Braut 119 ) und des ,,Braut¬
winkels“ 120 ), Verstecken und Vertauschen
der Braut m ) u. a.). Die alte germanische
Vorliebe für Tanz und Sport (vgl. Alt-
und Neu-Island) und zumal für Wett¬
kampf und Wettlauf als Programm¬
punkt jedes Festes (wobei die körper¬
liche Tüchtigkeit des weiblichen Ge¬
schlechts auch Wettkampf des Paares er¬
möglichte [Brünhild-Sage]) lebt in unseren
H.sbräuchen fort (Wettlauf des Braut¬
paares 122 ), der H.sgäste 123 )). Der„Braut¬
lauf“, „eine Art Tanz bei der H.“ 124 ),
der einst dem ganzen Fest den Namen
gab 125 ), weist weder auf „alte Frauen¬
raubsitte“ 126 ) („nach der Braut lau¬
fen“ 127 ), noch auf eine rohe und einseitige
Betonung des Beischlafs als Sinn des
Festes 128 ).
91 ) Vgl. die in den Islandsagas geschilderten,
oft von vielen Hunderten besuchten H.sfeiern
in Norwegen, Island u. Grönland. 9I ) Unoth i,
188; Urquell 3, 165. 93 ) Troels-Lund 9
(1930): ,,Trolovelse “ 1 ff. M ) Bächtold Hoch-
zeit I, 250, vgl. 232 ff. 95 ) Simrock Mythol.
601; Grimm RA. 441; Höfler Hochzeit 12.
M ) Kück Lüneburg 182. 97 ) Vgl. dazu Hertz
Abhdlgn. 2ogü.\ Scheible Schaltjahr 3, n6ff.
266ff. 441. 98 ) Tacitus Germ. 18: „intersunt
parentes et propinqui“; Ne ekel in Sachwb. d.
Deutschk. 434. 99 ) ,,im Lichte“: Maurer Rechts -
gesch. 2, 543. 10 °) Wuttke §559 §564; Höhn
Hochzeit 2, 4; ZrwVk. i, 62; 2, 118. 101 ) Meyer
Baden 288. 102 ) Mannhardt Forschungen 360.
103 ) Sartori Hochzeit i. Sachwörterb. d. Dtkd.
54Öff. 104 ) Fehrle Volksfeste 72. 105 ) Schulen¬
burg 132. 108 ) Stracker jan 2,113. 107 ) Wuttke
§ 323. 108 ) Fogel Pennsylvania 87, 333.
109 ) Ebd. 85, 327. ™>) Wuttke § 289.
111 ) Vgl. dagegen in Orient. Sprachen H. = Be¬
schneidung Stern Türkei 2, 365. ni ) Quitz-
mann 133; vgl. Bächtold Hochzeit 1, 104 f.
113 ) Vgl. Sartori in Sachwtb. d. Dtkd. 547,
U4 ) Vgl. bes. Bächtold Hochzeit 1, 193 ff., mit
Warnung vor voreiligen Schlüssen auf Braut¬
raub; Große Die Formen der Familie 105 ff.;
Samter Geburt 166. llß ) Hoffmann-Krayer
39; Weinhold Frauen 1, 269. 377; Schultz
Alltagsleben 124; Tetzner Slaven 319; Dar¬
gun Mutterrecht 134 ff. 116 ) Samter Geburt
162 ff. U7 ) ZrwVk. 1 (1904), 57; Hoffmann-
Krayer 31 f. 118 ) Meyer Baden 321; Simrock
Myth. 599; Meyer Volksk. 169. 174; Brauch
auch bei Taufzug und Festumzügen: s. u. a.
John Erzgeb. 63, 206; MschlesVk. 1894/5,
39f.; v. Schroeder Esten noff. 119 ) Mitt. d. Ver.
f. Gesch. d. Dt. in Böhmen 28, 172 ff. 120 ) Tetz¬
ner Slaven 259. 121 ) Hoffmann-Krayer
35 ff.; v. Schroeder Esten 68 ff.; SchwVk. 1,
3 f. m ) Kuhn Mark. Sagen 363; Frazer 2,
303 f. 123 ) Simrock Mythol. 599. m ) Neckel
Germanen i. Sachwb. d. Dtkd. 434. 1ÄS ) Sim¬
rock Myth. 598. 12# ) Schon deshalb nicht,
„weil altgerm. laufen... nicht rennen, sondern
springen bedeutet“ Neckel Germanen i. Sachwtb.
d. Dtkd. 434 . 127 ) Grimm RA. 434. 128 ) Vgl.
anord. ,,at hleypa til “ zulassen der männl.
Tiere zu den weibl. Maurer Rechtsgesch. 2, 541.
b) Gewiß haben jene nachweisbar
fremden, durch das mönchische Schrift¬
tum des MA.s geförderten 129 ) Tendenzen,
die in der Ehe nur eine Regelung des Trieb¬
lebens und in der Frau nur ein Objekt
männlichen Begehrens sehen lehrten (vgl.
Art. Frau u. Ehe), unseren H.sbräuchen
159
Hochzeit
Hochzeit
IÖ2
ihren Stempel aufgedrückt. Auch un¬
sere Bräuche behandeln daher, zumal
nach slavischem Vorbild, die Braut bis¬
weilen als passives, ja widerstrebendes
Opfer (Tiervergleiche) 130 ); sie wird bei
der slavischen H. versteckt, verkleidet,
vertauscht, zurückgehalten und gegen den
Käufer oder Räuber verteidigt 131 ).
Sie muß den Verlust ihrer von den
H.gästen kontrollierten Jungfräulichkeit
beweinen, sich wehren 132 ), fliehen, sich
verstecken 133 ), kurz ihre Unfreiheit
bei dem entscheidenden Schritt ihres
Lebens der niedrigen slavischen Frauen¬
geltung gemäß dartun. In solcher
Tiefe verschiebt sich notwendigerweise
leicht das Schwergewicht des Vereini¬
gungsfestes auf das Sexuelle. Das wider¬
liche „Brauthänseln“ 134 ) nach der
Brautnacht, das „Niedersingen“ 135 ),
entstammt dem entarteten Schamgefühl
unseres MA.s, desgleichen etwa der
Brauch, den Schlüssel zur Brautkammer
als Preis beim Burschenwettlauf zur H.
auszusetzen 136 ), vielleicht auch das oben
erwähnte Brautversteigern am H.s-
abend 137 ).
Man hat von hier aus auf fremdlän¬
dische H.sbräuche verwiesen, in denen sich
„alte hetärische Rechte“ geltend
machen 138 ).
Auf den Balearen ist die Braut in der
H.snacht Eigentum aller Gäste 139 ), und
schon Herodot berichtet Ähnliches 140 ).
Mit Hinweis auf Derartiges wurde leicht¬
fertig etwa das Töpfezerschlagen am Polter¬
abend als symbolisches Zerbrechen der
Jungfrauschaft 140a ), das Verstecken des
Brautpaares im deutschen Brauch als
Reaktion eines Schuldgefühls gegen die
Gemeinschaft, der die Braut gehört, d. h.
als eine einheimische Spur jener nie be¬
wiesenen „Promiskuität“ gedeutet 141 ).
Befreit von den Irrtümem einer modernen
Asphaltpsychologie und vertraut mit alt-
germanischer Sittlichkeit jedoch erkennt
die Volkskunde heute den Widersinn
solcher Schlüsse 142 ).
Auch das deutsche Echo auf das pau-
linisch bestimmte „Er soll dein Herr
sein“ 143 ) wurde erst durch eine Störung
der natürlichen Arbeitsteilung und We¬
sensergänzung in der Folge des karolin¬
gischen Kulturbruchs erweckt, und der
Volksglaube bietet nun beiden Braut¬
leuten am H.stage eine günstige Gelegen¬
heit, sich die Herrschaft zu sichern.
Wer bei der H. „voran“ ist 144 ), nach der
H. zuerst ausgeht 145 ), in der H.snacht
zuerst ins Bett steigt 146 ), zuerst ein¬
schläft 147 ), regiert in der Ehe. Bei der
Trauung suchen beide die Hand obenauf
zu haben oder dem anderen auf den Fuß
zu treten (wodurch sich die Frau auch vor
künftigen Schlägen schützt) 148 ), im Haus
mit dem rechten Fuß die Schwelle zu
überschreiten 149 ); der Mann sucht beim
Knien den Rocksaum der Braut unterm
Knie zu haben 150 ) und legt sich die Hosen
unters Kopfkissen 151 ), die Braut läßt den
Mann zuerst die Kutsche besteigen 152 ),
zuerst zur Kirche gehen 153 ) oder ihn über
ihren in die Türschwelle gelegten Gürtel
schreiten 154 ) oder legt sich selbst des
Mannes Hosen unter das Kissen 155 ). Zur
Trauung nimmt sie ein Geldstück des Man¬
nes im rechten Schuh mit, damit der Mann
nie Geld für sich behalten kann 158 ) oder
versieht sich mit Senf und Dille und
sagt während der Trauung: „Ich habe
Senf und Dille, Mann, wenn ich rede,
schweigst du stille" 167 ). Bei den Slaven
weiß sie sich gegen die übliche Prügel¬
zucht zu schützen, indem sie dem Mann
ein kleines Stückchen in das Halstuch
bindet oder ein solches vor dem Altar
zerbricht 158 ).
Auch hier hat das fremde Beispiel zu
Mißdeutungen deutscher Bräuche
geführt. So wenig wie die Waffe, die die
germanische Braut dem Verlobten brach¬
te 159 ), das Symbol der Muntgewalt über
sie war, so wenig ist auch der Ring, den
in England 16 °) wie vereinzelt z. B. auch
in der Schweiz 161 ) nur die Frau trägt,
ein Symbol der Bindung des Weibes an
den Mann 162 ), oder das neue Paar
Schuhe, das der Bräutigam der Braut
anzieht, das Zeichen der „Besitzer¬
greifung“ 163 ). Der altgermanische Bräu¬
tigam, der den Ring an der Klinge des
Schwertes als „Warnung vor Untreue“ 164 )
dem künftigen Lebensgefährten überreicht,
ist eine schlechte Erfindung.
llf ) Theiner s. o. Anm. 28. 130 ) Stern
Türkei 2, 104 f. 131 ) Tetzner Slaven 262. 277;
v. Schroeder Esten 69 ff. 13a ) Krauß Sitten.
Brauch 226. 462; v. Schroeder Esten 87.
99; Schurtz Urgeschichte der Kultur 194t
m ) v. Schroeder Esten 141; Dargun Mutter¬
recht 88f. 107t 130t 134 ) „Vexiert die Jung¬
fer Braut!“, Erk-Böhme 2, 668 f.; Schultz
Alltagsleben 125. 135 ) Weinhold Frauen 3 1, 401.
W) Bavaria 1, 398; Simrock Myth. 599.
137 ) Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Deutschen in Böh¬
men 28, 173. 138 ) Vgl. Stör f er Jung fr. Mutter¬
schaft 17 t 57 u. a. a. O. 139 ) Bastian in
ZfEthn. 6, 406. 14 °) Herodot IV, 172.
l40a ) Schräder Reallex. 1, 581. 141 ) Z. B. Wi-
lutzki Recht 1, 201. 142 ) Vgl. Neckei Ger¬
manen i. Sachwörterbuch der Dtkd.; ders. in
ZfdBldg. 6, 1 S. 2, 8. 143 ) Z. B. in Brautlie¬
dern: „dem Mann sollst du gehorsam sein, das
soll dein Buß’ und Strafe sein“ (für den
Sündenfall), Erk-Böhme 3, 164. 144 ) SAVk.
15 (1911), 10.
145
) Bohnenberger 19.
I4# ) Wuttke § 313. 147 ) ZfVk. 5, 416. 148 ) v.
Schroeder Esten 80; Gaßner Mettersdorf 63 f.;
Tetzner Slaven 372; Dirksen Meiderich 48.
I4# ) Stern Türkei 2, 104 ff. 16 °) Tetzner
Slaven 321. 151 ) Männling Albertäten 300;
Schultz Alltagsleben 122. U2 ) John Erzgeb.
93. 163 ) Grimm Mythol. 3, 447. 164 ) Ebd.
m ) Tetzner Slaven 372. 1M ) Engelien u.
Lahn 244, „Trauungsopfer“: Bohnenberger
20. 157 ) Engelien u. Lahn 243. 138 ) Tetz¬
ner Slaven 372. Vgl. Stabzerbrechen bei Über¬
gabe der Braut, Stab im H.sbrauch; Roseg¬
ger Steiermark 126; ferner Ohrfeige als H.s¬
brauch in Kroatien, Krauß Sitte u.Brauch 385 ff.
IM ) Tacitus Germ. c. 18; Hoops Reall. 1,
511. 16 °) Max Müller Essays 2, 251. 1#1 ) Hoff-
mann-Krayer 31 ; Bächtold Hochzeit 1, 154.
161 ) Max Müller Essays 2, 251. 143 ) Simrock
Mythol. 599. 1,4 ) Ebd. 601.
c) Das so mit Scherz, Musik und
Tanz froh gefeierte Fest 165 ) ist vor allem
beherrscht von dem Gedanken an Glück,
Wohlstand und Kindersegen der
neuen Ehe, und der Aberglaube sucht Mit¬
tel, das Schicksal derselben zu erraten
oder zu beeinflussen 166 ). Zank bei der
H. bedroht den künftigen Ehefrieden 167 ),
um dessentwillen man auch Kranz und
Strauß vor fremden Händen hüten
muß 168 ) und wohl früher die Braut
selbst dem Bräutigam an manchen
Orten vor den Gästen den Brautkranz
aufsetzte 169 ). Unfall und Mißgeschick,
„auch der geringfügigste ungünstige Um¬
stand“ 17 °) bei der H. beeinflussen das
Eheglück 171 ), dessen Ausbleiben der Aber¬
glaube nachträglich etwa damit erklärt,
daß der Bräutigam am H.stage das Tuch
Bächtold>Stäubli t Aberglaube IV
nicht um den Hals kriegen konnte;
„he sat em ümmer verkehrt“ 172 ). Am
H.stag etwas verlieren oder vergessen
bedeutet Unglück 173 ), zumal der Trau¬
ring 174 ) (bevor er gewechselt ist) darf
nicht zur Erde fallen und der Braut¬
kranz nicht wanken 175 ). Die Glocken¬
stränge dürfen nicht verschlungen wer¬
den 176 ). Dem H.szug darf keine Wöch¬
nerin nachsehen 177 ), keine Schwangere
zur Trauung kommen 178 ), und der H.s-
wagen nicht am Hoftor anstoßen 17B ).
Der Schleier darf nicht befleckt 18 °) oder
verbrannt werden 181 ) und die H.sschuhe
dürfen nicht zerreißen 182 ).
Glücklich wird die Ehe, wenn der
H.skuchen gut aufgeht 183 ), wenn beim
H.sschmaus die Tauben oder Schwalben
ums Haus fliegen 184 ), wenn der Braut¬
schleier zufällig zerreißt 185 ) (auch das
Gegenteil!), wenn der Kuckuck ruft, und
wenn man ein Geldstück im Schuh
trägt 186 ).
Nach slavischem Brauch hat das Braut¬
paar Geldstücke im Bett, Weizen¬
körner in der Tasche und muß über die
mit Korn und Stroh gedeckte Diele
gehen; und Brot und Salz muß wie
auch bei uns im neuen Heim vorhanden
sein 187 ). Da alles, was man bei der Trau¬
ung bei sich hat, einem für die ganze Ehe
angetraut wird, nimmt man nicht nur
Geld mit zur Trauung (in Schlesien das
„Brautgröschel“, das, sorgsam aufbe¬
wahrt, vor Armut schützt 188 )), sondern
die Braut trägt auch Brot auf der bloßen
Brust 189 ) oder Flachs an den Schenkel ge¬
bunden 19 °), damit es an Nahrung nie
fehle und der Flachs gut gerate. Auch
das Bestreuen der Braut mit Brot¬
getreide und ähnliches soll oft vor Nah¬
rungsmangel schützen 191 ). Seltsam ist
es, wenn man vom Kochgeschirr und von
den Viehkrippen kleine Teile in die Braut¬
suppe wirft, um das Gedeihen der Wirt¬
schaft zu sichern 192 ), und wenn die
Frau sich das erste Wort des Gatten nach
der Trauung merken muß, damit sie je¬
den Knoten und Wirrwarr lösen kann 193 ).
Die Glücksmacht des H.stages teilt
sich auch den Symbolen des Festes und
der Festkleidung mit und bleibt in ihnen
6
163
Hochzeit
Hochzeit
166
glückbringend erhalten, weshalb man etwa
H.skleid und -schuhe 194 ), Kerzen, Schlei¬
er, Halstuch, Kranz und Strauß 195 ),
schließlich sogar etwas von den H.sge-
bäcken 196 ), von H.sbrot (s. Brot § 40)
und -semmel zu künftigen Zauber- und
Heilzwecken (zumal gegen Kinderkrämp¬
fe) aufbewahrt 197 ).
Natürlich liegt die stärkste Glücks¬
macht im Br aut ring (s. a. Braut) 198 ).
Den Namen der Brautleute tragend 199 ),
wird er zur Verlobung oder H. feierlich
überreicht 20 °) oder ausgetauscht, wobei
man um des erhofften Ehefriedens willen
die Finger nicht besehen darf 201 ). Er
darf nicht zerbrechen oder verloren¬
gehen 202 ) (sonst Tod, Unglück oder
Untreue) 203 ), nicht vorher mißbräuchlich
getragen 204 ) und später nie erneuert
werden 205 ), muß sorgsam aufbewahrt 206 )
und dem Toten abgezogen werden, sonst
nimmt er den Überlebenden mit ins
Grab 207 ). Er dient als Wahrsager:
am Zwirnfaden in ein leeres Glas ge¬
halten, gibt er durch Anschlägen die Le¬
bensdauer seines Trägers an 208 ), als
Zaubermittel zwingt er den untreuen
Gatten zurück 209 ), heilt Kinderkrämp¬
fe 210 ), Zahnweh, Gerstenkörner und Ge¬
schwüre und allerlei Krankheit 211 ), so¬
gar des Bräutigams Impotenz 212 ), schützt
schließlich vor Wechselbälgen und beim
Säen vor Behexung und dem Bilmes¬
schnitter 213 ). Auch dieses abergläubische
Aufbewahren und Verwenden der Sym¬
bole des großen Festes hat man als „Fe¬
tischismus“ und „primitive Sexual¬
symbolik“ mißdeutet. Sowohl die Braut¬
schuhe, die man bisweilen mit Getreide
bestreute, mit Ähren und Flachs be¬
legte 214 ), und deren Haltbarkeit die Dau¬
erhaftigkeit der Liebe verspricht 215 ), als
auch die aufbewahrten H.skerzen hat
man als Symbole der beiderseitigen Sexu¬
alorgane angesprochen 216 ), durch deren
„fetischistische“ Aufbewahrung sich die
Brautleute gegen Verminderung oder Ver¬
änderung der beiderseitigen „sexuellen
Vorzüge“ sichern wollten 217 ). Nach dieser
Deutungsart muß dann auch der H.s-
schleier, von dem jeder Gast gern einen
glückbringenden Fetzen mit nach Hause
nimmt 218 ), und der als alter und bedeut¬
samer Brautschmuck („unter dem Lin¬
nen gehen“) 219 ) vielleicht auch bei uns
der „Rest einer einst vollständigeren
Verhüllung der Braut ist 220 ), „die
Hingabe“, „die Bereitwilligkeit zum Ge¬
schlechtsverkehr“ symbolisieren 221 ), und
„ S c h m u c k ist im allgemeinen ein Symbol
des weiblichen Geschlechtsteiles“ 222 ). Sol¬
che Verwechselung sekundär-primitiver
Urwald- oder Asphalt-Dekadenz mit den
Ursprungstiefen unseres Volksglaubens
wäre nicht der Erwähnung wert, wenn
nicht die laute Reklame für gewisse
Einseitigkeiten der Freudschen Psycho¬
analyse selbst in die stillen Gärten der
deutschen Volkskunde hereindränge. Na¬
türlich riefen nicht erst die Humanisten
„auch in Deutschland den Eros zur H.
herab“ 223 ). Nicht nur rechtlich war
das H.sbett und die Bettbesteigung (bei
Licht und vor Zeugen) von jeher von gro¬
ßer Bedeutung, wenngleich die gesunden
Sinne der meist beiderseitig unver¬
braucht zur Ehe kommenden altgerma¬
nischen Jugend die H.snacht mit freund¬
licheren Schatten umstellt und belebt
haben werden, als das weniger reine Gewis¬
sen mittelalterlicher Männlichkeit es tat.
Seltsam ist die Vorschrift,' daß nur
trockenes Holz, aber von leben¬
den Bäumen, zum Brautbett verwendet
werden darf 224 ), und daß es Heu ent¬
halten muß 225 ).
i«5) Vgi Hayn Biblioth. Germanorum nupti-
alis. Verzeichnis v. Einzeldrucken dt. H.s-
gedichte und H.sscherze usw.; Herr mann
Über Lieder u. Bräuche bei H.en in Kärnten,
Archiv f. Anthrop. 19, 3. 16e ) Strackerjan
2, 193 - 187 ) Wuttke § 291. 168 ) SAVk. 15 (1911),
10; 1917, 42. 189 ) Alemannia 17, 284. 17 °) ZrwVk.
2, 118; Köhler Voigtland 439. 171 ) z. B. Ünoth
I, 183; Wuttke § 291. 172 ) Strackerjan 1, 31.
173 ) Stoll Zauberglauben 140. 174 ) Strackerjan
Oldenburg 2, 234; Bartsch Mecklenburg 2, 70;
Bächtold Hochzeit 1, 169 f. 17S ) Rothenbach
46 Nr. 437; 47 Nr. 440. 178 ) ZfVk. 8, 30.
177 ) Wuttke §577. 178 ) Hillner Siebenbürgen 13.
179 ) v. Schroeder Esten not. 18 °) ZrwVk. 2,
118. 181 ) John Erzgeb. 102. 182 ) GrimmM>^A.
3, 462; Schönbach Berthold v. R. 151. 183 ) ZfVk.
5, 97. 184 ) Grohmann Aberglaube 71. 77.
185 ) Alemannia 33, 300; Drechsler Schlesien
1, 258; John Erzgeb. 102; ZfrwVk. 3,
(1906), 82. 188 ) Meyer Volksk. 176: Gaßner
Mettersdorf 63. 187 ) Tetzner Slaven 241 f.
247.
als
179
1M ) Drechsler Schlesien 1, 258. 189 ) Ebd.
2, 16. 19 °) Köhler Voigtland 438. 191 ) Andree
Braunschweig 304. 192 ) Ebd. 193 ) SAVk. 7, 132.
294 ) Lütolf Sagen 548 f.; Bächtold 1,
,M ) z. B. Drechsler 1, 210; Kranz
Votivgabe dargebracht Andree Votive
(s. Braut). 198 ) Höfler Hochzeit 58; ders.
Weihnacht 50; ders. Fastengebäcke 57. 197 ) John
Erzgeb. 101; Wuttke § 175; Grimm Mythol.
3,443; Panzer Beitrag i, 261; Bronner Sitt
und Art 209; Seligmann 2, 223. 198 ) Bächtold
Hochzeit 1, 151 ff.; vgl. a. Fogel Pennsylvania
297; Kolbe Hessen 149 t.; MschlesVk. 21
(1919), 154 f.; Köchling De coronarum vi 20.
li# ) ZrwVk. 1913, 91. 20 °) Finger halten nach
Italien. Brauch ZfVk. 12, 3. 53. 201 ) ZfVk. 20,
383. 202 ) Wuttke § 304; ZfVk. 20, 383;
Strackerjan i, 31; ZrwVk. 2, 118. 203 ) Wolf
Beiträge 1, 212; vgl. Volkslied ,,In einem
kühlen Grunde...“. 204 ) Urquell 3, 247. 206 )
ZrwVk. 2,118. 206 } Wuttke §569. 207 ) Drechs¬
ler Schlesien 1, 299; Urquell 2, 67. 208 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 313. 209 ) ZfVk. 15, 180. 21 °) John
Erzgeb. 53; Seyfarth Sachsen 274;
290. 2n ) Drechsler Schlesien 1, 210;
164; Ba rtsch Mecklenburg 2, 108;
Hinterpommern 161; Strackerjan
,l *) Meyer Aberglaube 100; Hovorka-Kron-
feld 2, 164. 213 ) Wuttke §581. § 653; ZföVk.
5, 196. 214 ) Mannhardt Forschungen 359.
,u ) SAVk 1917, 42. 218 ) Vgl. Storfer Jungfr.
Mutterschaft 22: „Die Kerze als Penissymbol in
H.sbräuchen ist bis auf die Gegenwart der
Kulturvölker erhalten geblieben“. 217 ) Storfer
Jungfr. Mutterschaft 22. 57. 218 ) Strackerjan
2, 198; John Westböhmen 253. 219 ) Vgl. Wein¬
hold Frauen 1, 386; v. Schroeder Esten 77;
Edda, Thrymskvida v. 15 u. 19. 22 °) Sartori
Hochzeit in Sachwtb. der Deutschk. 546; Samt er
Familienfeste 47 ff.; Schräder Reall. 355.
Ml ) Storfer Jungfr. Mutterschaft 54. 222 ) Ebd.
57. Vgl. für Brautschmuck Bächtold Hoch¬
zeit 1, 199 ff- 223 ) Koebner Eheauffassung im
MA. in AKultG. 9, 159. 224 ) Grimm Mythol.
2, 953 i vgl. 486 fr. 22S ) Weinhold Frauen i 2 ,
399; v. Schroeder Esten 166 ff.
ZfVk. 7,
ZfVk. 7,
Knoop
2, 234.
4. Wichtig ist es, dem Fest den richti¬
gen Tag auszusuchen, denn des gewählten
Tages Bedeutung und Art ist wie sein
Wetter bedeutsam für die an ihm ge¬
schlossene Ehe 226 ) (s. Ehe). Ein religiös
gebotener Heiratsmonat wie der der
Hera geweihte (fap. yjXuuv) 227 ) ist nicht mehr
zu erkennen, aber die Verpönung der
Maihochzeit, an der die Kirche — so viele
Zeiten im Jahr weltlichen Freuden ent¬
ziehend (s. a. Geschlechtsverkehr) —
teilhat, dürfte tiefere Gründe haben
als jenen, daß der Volksglaube vor dem
„Leichtsinn der Frühlingszeit“ ein so
wichtiges Geschäft bewahren wollte 228 ).
Maibraut wird der Ehe nicht froh 229 ).
Maiehen werden unglücklich 230 ), schon
nach Ovid 231 ). „Zwischen Ostern und
Pfingsten heiraten die Unseligen“ 232 ).
,,Im Maien gehn Huren und Buben zur
Kirchen“, „Knappen- u. Pfaffen-Ehen
werden im Maien gemacht 233 ) und dauern
nur einen Sommer“.
Abgesehen von den praktischen
Gründen des bürgerlichen und bäuer¬
lichen Lebens, die die Verlegung der H.en
auf bestimmte Zeiten gebieten 234 ), wer¬
den bestimmte, örtlich verschiedene Zei¬
ten vom Aberglauben empfohlen oder ver¬
boten. So bringen in Schwaben die Mo¬
natsersten des März, April, August,
September und Dezember als H.stage
unglückliche und untreue Ehen 235 ).
Nach alten Zeugnissen war immer die
Zeit vor Fastnacht und der Fast¬
nacht s dien s tag sehr beliebt 236 ). Heute
fallen in die Fast nachts- und Kirchweihzeit
die meisten ländlichen H.en 237 ), und gern
wird die H. mit dem „Erntebier“ ver¬
einigt 238 ). Von den Wochentagen ist der
Sonntag vielfach verboten 239 ) (kirch¬
licher Einfluß), desgleichen gilt der Mitt¬
woch als ungeeignet und Unglück
bringend und bleibt den „gefallenen“
Mädchen Vorbehalten 240 ). Bisweilen ist
auch der Freitag verpönt 241 ) und „ge¬
hört den Lausigen“.
Auffallend allgemein beliebt ist der
Dienstag 242 ) (eine angenommene Be¬
ziehung zu Frija mit Hilfe der „Tobias¬
nächte“ 243 ) ist aber ausgeschlossen); da¬
neben der Donnerstag 244 ) (der Don¬
nerstag im Neumond auf den Orkneys
die beste Heiratszeit 245 )). Aber der Aber¬
glaube droht auch: wer Donnerstag
freit, dem donnert's in die Ehe 248 )
(Anklang an den heidnischen Gott des
ehrenhaften Sippenlebens darf man hier
vermuten, vielleicht auch hinter der
Beliebtheit des Dienstags, zumal die
Kirche im Norden gegen das Heiraten an
diesen Tagen kämpft 247 )). — Schließlich
ist in Böhmen der „feiste Montag' 4
ein beliebter H.stag 248 ). Auch auf
Mond- und Sternenstand und andere
Zeichen achtet man, und selbst ein
Cicero hielt es für sündhaft, ohne Au-
167
Hochzeit
168
spizien zu heiraten 249 ). So mieden Stern¬
kundige Krebs, Wage, Skorpion, Fische 250 )
(die Astrologie unserer Tage sucht neue
Irrwege); man bevorzugt den zunehmen¬
den 251 ) oder auch den vollen Mond 252 )
(in Skandinavien auch noch den Neu¬
mond) 253 ), damit den Eheleuten nichts
mangelt, sie alles aus dem Vollen haben
(damit sie reich und gesund bleiben, und
die Frau nicht früh alt und runzlig wird).
Natürlich ist auch das Wetter am H.s-
tage außerordentlich bedeutsam. Heiterer
Himmel verheißt heitere Tage, Regen
einen trüben Ehehimmel 254 ): das ein¬
fache Gleichnis bedarf keiner weiteren Er¬
klärung. Allerlei Mittel verhelfen zu gu¬
tem H.swetter (die Braut darf den Quirl
nicht ablecken 255 ), muß die Katze gut
füttern 256 ) usw.; vgl. Braut). Seltsam
ist es, wenn Regen am H.stage Reich¬
tum 257 ), und Schnee Reichtum und „viel
zu lachen" weissagt 258 ). Vor allem war¬
mer, erquickender Regen soll Glück,
Wohlstand und Fruchtbarkeit verhei¬
ßen **•), heller H.stag kleine Familie 26 °).
Sturm nicht nur stürmische Ehe voll
Streit und Unfrieden 261 ), sondern auch
reichen Kindersegen und schließlich Ar¬
mut 262 ). Nebel deutet auf ein müh¬
seliges Leben und auf Unfrieden 263 ). Ge¬
witter am H.stage bald auf Unglück 264 ),
bald (zumal während der Trauung) auf eine
besonders glückliche Ehe 265 ). Vielleicht
hat sich auch hier die Volksseele noch
einen Rest jenes Empfindens bewahrt,
das im Donner und Blitz keinen zürnen¬
den Richter fürchtete, sondern die Nähe
seines göttlichen Freundes froh be¬
grüßte.
**•) Vgl. bes. Becker Frauenrechtl. 19
Anm. 14. 227 ) Schmitz in Zs. f. d. dt. Unt. 14,
607. 228 ) Ebd. 604 ff. (Beispiele für Italien,
Frankreich, Rußland, England, Deutschland).
229 ) Reinsberg Festjahr 24. 23 °) Hoffmann-
Krayer 33; Bronner Sitt u. Art 178; ZfrwVk.
5, 46 ff.; Uhland Schriften 3 (1866), 390;
AndreeParallelen 1,3. 231 ) „menseMaio nubunt
malae“, Ovid Fasten 5, 490. 232 ) Becker
Frauenrechtl. 39; Wittstock Siebenbürgen 91.
233 ) Sprichwörter des 16. Jh.s: Uhland
Schriften 3, 470. a34 ) Meyer Baden 279; Höhn
Hochzeit 2, 1 ff. 235 ) Wuttke § 100. 238 ) Bir-
linger Aus Schwaben 2, 63; Krauß Sitte und
Brauch 341; Nürnberger Chor. 3, 129; vgl.
Folk-Lore Rec. 4, 107. 237 ) Hoffmann-
Krayer 33; ders. in SAVk. 1, 133; Meyer
Baden 195, 216. 238 ) Bartsch Mecklenburg 2,
304 f.; Sartori 2, 98. 239 ) Hoff mann-Krayer
34. 24 °) Ebd.; Meyer Volksk. 175; ders.
Baden 230. 241 ) Hof f mann-Krayer 34;
Tetzner Slaven 258. 242 ) Simrock Myth. 600;
Lau ff er Niederdt. Volksk.; Tetzner Slaven
238; Kuhn u. Schwartz 434 f. 243 ) Simrock
Mythol. 601. 244 ) Simrock Mythol. 600;
v. Schroeder Esten 51. 24S ) Mannhardt Germ.
Mythen 129 t. 24# ) Kuhn und Schwarz 434.
247 ) Hoops Reall. 2, 510. 248 ) John West¬
böhmen 38. 249 ) Roßbach Römische Ehe 2940.;
vgl. a. Wissowa Religion 432 ff. 260 ) Simrock
Mythol. 600. 251 ) Ebd.; Tetzner Slaven 372;
Kohlrusch 340. 252 ) Kuhn und Schwartz
434 f. 253 ) Reinsberg Hochzeitsbuch 1;
Boeder Ehsten 24. 254 ) z. B. John Erzgebirge
93; Alemannia 24, 353; Andree Braunschweig
304; Rothenbach Bern 46 Nr. 436; Urquell 3,
165; Strackerjan 3, 21. 25S ) Schultz Alltags¬
leben 39. 256 ) Dirksen Meiderich 48; ZfVk.
4, 326; Simrock Mythol. 601. 257 ) Schultz
Alltagsleben 121 (Amaranthes). 258 ) John
Erzg. 93 - 259 ) Wuttke § 563; Drechsler
Schlesien 2, 349; Strackerjan 1, 23.
260) Wettstein Disentis 372. 2#1 ) Andree
Braunschweig 304; Wettstein Disentis 172;
John.Erzge6.93. 262 ) John Erzgeb. 93. 263 )Ebd.;
Tetzner Slaven 372. 264 ) John Erzgeb. 93.
2W ) SchwVk. 3, 74.
5. In dem bisher erwähnten H.saber-
glauben fanden wir neben der Sorge um
das Glück der Neuvermählten immer auch
den Gedanken an Ahnen und Kinder,
an die Verstorbenen und die Kommen¬
den, ohne den das Fest seinen tiefsten
Sinn verlieren müßte. „Was sich zweit,
das drittet sich" 266 ). Freilich hat ein auch
in der Frauenentrechtung des Mittel¬
alters nicht ganz entschwundener Rest
der alten Persönlichkeitsgeltung der Frau
(s. Frau) und der altgerm. Ehegenossen¬
schaft zwischen Mann und Frau (s. Ehe)
unseren H.sbräuchen jene rohe Befruch¬
tungssymbolik erspart, die anderswo (zu¬
mal bei Semiten) die persönliche Leistung
freier Mutterschaft im H.sritual
und -brauch dem männlichen Zucht¬
willen unterwirft. Das vielgenannte
Bestreuen der mit verbundenen Augen
an Türen und Truhen umhergestoßenen
Braut 267 ) (oder beider Brautleute) mit
Körnern aller Art zumal in slavischen, in¬
dischen, jüdischen Bräuchen 268 ) ist bei
uns 289 ) wohl mehr ein Versuch, die künf¬
tige Hüterin des Hauses vor Nahrungs¬
sorgen zu bewahren 27 °) (auch Ge¬
169
Hochzeit
I 70
treide gehört zur Aussteuer 271 )) und er¬
niedrigt das Weib noch nicht im Sinne
des Korans zum „Acker des Man¬
nes" 272 ).
Ähnlich ist es, wenn man den Braut¬
kranz mit Leinsamen beschüttet, mit rei¬
fen Ähren schmückt oder überhaupt
durch einen Erntekranz ersetzt 273 ), oder
Spreu (Symbol der Unfruchtbarkeit) vor
die Tür streut 2S9 ). Bei zwei H.en an
einem Tage fürchtet man, daß ein Paar
kinderlos bleibt 290 ), und keine Braut
darf die H. der anderen ansehen 291 ). Ist
aber bei der H. schon ein Kind unterwegs,
so heißt es dann, wenn es sich zu früh ein¬
gestellt hat: „Das Kind hat auf der H.
der Braut Körner in die Schuhe streut, mitgegessen“, war „H.bitter“, oder auch
wenn die Braut das Vieh begrüßen muß 274 ), nur, „die beiden haben die H. vor der Mahl¬
oder wenn eine blumengeschmückte zeit gehalten“ und „die Hunde haben
Brautkuh dem H.swagen folgt 275 ). Und ihnen den Kalender gefressen“ 2S2 ).
schließlich ist es ein bezeichnendes Ge¬
genstück zu dem serbisch-rumänischen
Brauch, der Braut einen Apfel mit Gold¬
stücken zu schenken 276 ), wenn in der
Heide bei uns die Braut auf der Fahrt zur
Kirche Äpfel und Birnen auswerfen
muß 271 ) oder an ihrem Glückstage der
Henne Eier unterlegen soll 278 ).
Anspielungen auf den erhofften
Kindersegen (Scherze mit Kind oder
Puppe) und Versuche, ihn der neuen
Ehe am H.stage zu sichern, sind gleich¬
wohl auch bei uns sehr häufig. Beim
Schmaus wird der Braut eine Pa¬
stete vorgesetzt, die eine Kleinkinder¬
ausstattung enthält 279 ). ln die Aus¬
steuer sucht man trotz des Widerstandes
der „Kistenfüller“ eine kleine Puppe zu
schmuggeln 280 ), die „Brautmaie auf
dem H.swagen oder H.shaus wurde im
alten Leipzig von den Brautjungfern mit
Kinderklappern, kleinen Schüsseln
und bunten Bändern geziert 281 ). Wie die
Braut ein Kind (einen Knaben) be¬
schenken, tragen oder auf den Schoß neh¬
men muß (sogar ins Bett am Vorabend
der H.) 282 ), so mag mit ähnlichem Sinn
die Amme der Braut deren erste Kinder¬
schuhe dem Bräutigam überreichen 283 ).
Der H.szug umschreitet (im bergischen
Land) feierlich die Wiege 284 ), und die
Braut bindet sich zur Trauung nicht die
Strumpfbänder, „damit sie leichter ge¬
bären kann“ 285 ). Von der H.ssuppe muß
sie essen, sonst kann sie ihr Kind nicht
stillen 286 ). Dagegen bewirkt Mohn, in die
Schuhe gestreut, Kinderlosigkeit 287 ), die
man mißbeliebten Brautpaaren an¬
wünscht, wenn man ihnen am H.svor-
abend „Katzenmusik“ macht 288 ) oder
«») Unoth i, 1S8. 2S7 ) Tetzner Slaven 21 ff.;
Sitten, Gebräuche u. Narrheiten 171. 268 ) Vgl.
V. Schroeder Esten 125. 269 ) Hoflmann-
Krayer 38. 27 °) Andree Braunschweig 304.
| 271 ) Kück Lüneburg 172. 272 ) S. aber Mann¬
hardts Aufsatz ,,Kind und Korn". 27a ) Mann¬
hardt Forschungen 358 ff. 274 ) Sartori Hoch -
zeit i. Sachwörterb. d. Deutschkd. 547. 275 ) Kück
Lüneburg 164 ff.; vgl. Nilsson Griech. Feste 48
| (Hera). 276 ) Stern Türkei 2, 107 f. 277 ) Kück
Lüneburg 176. 278 ) Bohnenberger Nr. r, 16.
279 ) Hoffmann-Krayer 37. 280 ) Kück
! Lüneburg 171. 281 ) Mannhardt 1, 221 ff.;
vgl. 2, 258. 282 ) Krauß Sitte und Brauch 428;
v. Schroeder Esten 125. 283 ) Schultz All¬
tagsleben 326. 284 ) ZfVk. 10, 430. 285 ) Köhler
Voigtland 438. 286 ) Grimm Myth. 3. 447.
287 ) Wuttke § 62. 288 ) Samter Geburt 170:
Geistervertreibung. 289 ) Hoffmann-Krayer
34. 29 °) Fischer Schwab. Wb. 1719. 291 ) Drechs¬
ler Schlesien 1, 236. 292 ) Hillner Siebenbürgen
18.
6 . In dem Buche „Geburt, Hochzeit
und Tod" (Beiträge zur vergleichenden
Volkskunde) hat Samter zahlreiche
deutsche H.sbräuche, die vielfach auch
bei Geburt und Tod begegnen, verglei¬
chend zusammengestellt und als Mittel
zur Abwehr gefährlicher Geister
gedeutet. Aus der Fülle des Mitgeteilten
Belege und Literatur herauszugreifen,
wäre zwecklos. Es handelt sich vor allem
um Zurückhaltung und Vertrei¬
bung der Dämonen durch Lärm und
Waffengewalt 293 ) (Polterabend **)),
Bewaffnete als H.szugbegleiter 295 ), Hiebe
in die Luft, Schüsse, Peitschenknallen 296 ),
Schwert im H.sbrauch, ferner um Ver¬
wendung von Feuer und Wasser
zur Bannung der Geister 297 ) und um
Versuche, sie zu täuschen (Kleider¬
tausch, Braut setzt des Mannes Hut auf
usw., Verschließen des H.shauses, Ver¬
mummungen 298 ) [„de Maschkers"], Pos-
Hochzeit
172
171
sen und Tanz mit der Braut, Erbsenbär, rend das Brautpaar noch überall in alter
Schimmeireiter usw. 29 ®), Brajitvertau- Frömmigkeit die Verstorbenen um sec
ben 3 »ü d ,y er * tecken ’ . Namensfäl- nende Anteilnahme bat 315 ). Während
sc ung )) . schließlich um die vielfältigen die Kirche noch zögerte, dem irdischen
Versuche sich gegen Behexung und H.sglück den vollen himmlischen Segen
vnMmrl : angstllch zu spenden, wuchs den entmündigten Ge-
vor und nach der H das Haus hüten 301 ), wissen die Angst vor den neidischen
über Feuerbrand schreiten **), Hahn und Mächten, und die zahlreichen interna
Besen auf dem Brautwagen mitführen 3 « 3 ), tional verbreiteten Abwehrbräuche wur
che C n-) rf(i Dm de und C sl e Tn!’ ^ ^ eWIgen Seelengeitzen tn der
306i ’ .7 , Salz ™ Schuh tra - Furcht geschaffen oder von auswärts
f jj 3 <m dreimal um d ® n H.swagen übernommen (mit oder ohne Verständnis
gehen 307 ), rotseidenes Band um den Hut ihres Sinns). So betrarWf * a
der bösen Geister im deutschen H s-
• U f ’v, b u der raUUng sich fest Arm brauch beträchtlich an Bedeutung und
m Arm halten eng zusammenknien oder der Versuch liegt nahe viele vo/jenen
TruM) dam hl d a bosen . Leut f (° der der Bräuchen, bei denen ein wirkliches
oder zugleich ins Bett steigen 31 «) u. a. aus ethnographischen Parallelen gSolgen
j 1 r . , werden kann, auf eine natürlichere Art
Auch das Vorspannen, mit dem man zu erklären. Lärm ist laute Freude und
den H.s- wie den Taufzug aufhält (s. o.), gehört zum Fest * reud< : d
soll ursprünglich den bösen Geistern den Glück ie mehr es g f
g sperrt haben ), und diese Gei- | Scherben und um so mehr Glück 316 !
Afc Tfr darch A Heranziehung der auf (Der Polterabend ist eine junge Sitte 31 ’))
Ahnenkult und Ahnenopfer deutenden Peitschenknall und Schüsse zielen be-
Brauche den verstorbenen Ver- wußt ms Leere. Wer Waffenschmuck be
wandten gleichgesetzt 313 ), die man sitzt, trägt ihn zum Fest und w llThn auch
entweder verscheucht oder durch Opfer gebrauchen. Und auch der Mummen
besanftigt, in dem uralten Empfindungs- schanz, von kleinen Leuten den großen
wec se zwischen Ehrfurcht und Angst nachgemacht 318 ), hat oft eine schlichte
a w en / egenUber ’ ZW1SChen Ahnenkult psychologische Erklärung Eine alte
und Wiedergangerwahn 314 ) fast selbstverständliche und einst
. Es 1S h w UfS , scbarfste zu be - giös gebundene Ehrfurcht vor Feuer
tonen, daß die Herkunft dieses bedroh- und Wasser, den Grundelementen der
liehen Damonenschwarms oder besser die Hauswirtschaft, ist noch im H s-brauch
ni 3?? 3130116 Rü ; cksic , htnahme a ^ ^n lebendig (vgl.' den Brauch im Spret
Heidentum entstammt, sondern der lieh gehüteten Laterne alle Lichter im
dU , rC , h den g^altsamen Kulturbruch neuen Heim anbrennt), und ihre Ver-
entstandenen Wüste unseres mittelalter- Wendung bedeutet weder stets eine Gei-
lichen Volksglaubens, m dem die „im- sterbannung noch eine Entsühnung
potenüa ex maleficio“ und der „böse und Reinigung (der Braut des Paare!
Blick und die Heerscharen des Bösen oder des Hauses usw.), auf die zumal die
auch di e H.sfreu de trübten. Nur ein ge- diesbezüglichen vorbereRenden^Bräuche
stortes Gleichgewicht der Seele furchtet im H.sritual zahlreicher alter Kultur
im Tode, was es un Leben geliebt hat, und Völker (aber auch primitiver) abzielen 315 )
die Missionskirche, die - den Glau- Das griechische*^ Xouxplv ZT dis
als Dämonen wiederkehrten, wäh- des Paares oder der Braut 331 ) Auch i!
173
Hockauf—hohl
174
Deutschland wurde vielfach brauchmäßig
vor und unmittelbar nach dem H.sfest
gebadet (Braut, Paar oder die ganze H.s-
gesellschaft), meist in der öffentlichen
Badestube, teilweise nach_ bestimmten
öffentlichen H.sordnungen und mit an¬
schließender Festlichkeit, gegen de¬
ren Ausartung frühzeitig die Behörden
einschritten 322 ).
Aber schon Corvinus hat den einfachen
Reinigungszweck dieses Bades, das, so
nah dem großen Feste, selbst zum Feste
wurde, richtig erkannt 323 ) und jener,
orientalischer Auffassung naheliegende
Entsühnungsgedanke (s. Geschlechts¬
verkehr), ist so wenig wie der Gedanke
an Dämonen zur Entstehung dieser Bade¬
sitte notwendig.
293 ) Samter Geburt 58 ff. 294 ) Ebd. 41 ff.;
Kück Lüneburg 172. 295 ) Vgl- Sartori
Hochzeit in Sachwörterbuch der Dtkd. 547.
296 ) Vgl. v. Schroeder Esten 99. 297 ) Samter
Geburt 83 ff. 298 ) Ebd. 90 ff.; Gruppe Griech.
Myth. 904; Nil sso n Griech. Feste 372;
dagegen v. Schroeder Esten 94; Weinhold
Frauen 3 1, 379. 2 ") Kuhn und Schwartz
433; Rochholz Schweizersagen 2, 227 f. 30 °)
Samter Geburt 98 ff. 301 ) Bächtold 1, 224 h.;
Kück Lüneburg 183. 302 ) Kuhn und Schwartz
434; Simrock Myth. 600. 303 ) Sartori s. o.
295. 304 ) Samter Geburt 52. 305 ) Engelien
und Lahn 244. 306 ) Kuhn und Schwartz
434. 307 ) Tetzner Slaven 372. 308 ) Simrock
Mythol. 600 (Donar?). 309 ) Wuttke §564;
Köhler Voxgtland 437; Meyer Baden 557;
Kohlrusch 340; Tetzner Slaven 321.
31 °) Schultz Alltagsleben 124. 3U ) Vgl. noch
Wuttke § 198. 560; Sei i gm an n 2, 223.
312 ) Samter Geburt 162 ff.; vgl. Sartori (s. o.
295). 313 ) Samter Geburt 171 ff. 314 ) Vgl.
Ankermann in Chantepie de la Saussaye
Lb. d. Rel. Gesch. 4. Aufl. 1, 134 ff. 315 ) Zum
altnordischen Wiedergängerwahn vgl. Kummer
Midgards Untergang 182 ff. 316 ) Drechsler
Schlesien 1, 244; Kuhn und Schwartz 434;
Lauffer Niederdt. Vk. 101. 317 ) Vgl. Wein¬
hold Frauen 1, 405. 318 ) Vgl. Talander Ge¬
treuer Hofmeister usw. Leipzig 1703, 527.
319 ) Vgl. Pauly-Wissowa 16. Hbd. 2129;
Schwartz Volksglaube 52. 32 °) Indien, Rom
ARw. 17, 410; Rußland Schräder Reall. 1,
473; Balkan ZfVk. 4, 269; Krauß Sitte und
Brauch 419; am byzant. Hofe Dieterich
Byzanz 36 f. 321 ) z. B. Gaßner Mettersdorf 63
(Nach der Trauung vor der Tür). 322 ) Vgl. zu
Hochzeitsbad Martin Badewesen 184 ff.;
Schultz Alltagsleben 109. 323 ) Martin Bade¬
wesen 184 ff.
7. Natürlich spielt auch in der vom
Aberglauben durchsetzten Volkssage die
H. eine Rolle. Im Vorspuk werden häufig
H.szüge gesehen und bieten meist einen
häßlichen Anblick 324 ). Auf altem Raub¬
schloß spukt eine H.sfeier mit schwarz¬
gekleideten Gästen 325 ); mit seiner
H.sgesellschaft muß der Ritter, der sein
Mädchen entführte zu heimlicher Trau¬
ung, immerfort eine freudlose Scheinh.
halten, bis ihn ein schuldloses Mädchen
erlöst 326 ). In einem ,,Brautstein“ ge¬
nannten Felsen erkennt man eine wegen
allzu übermütigen Feierns in Stein ver¬
wandelte H.sgesellschaft 327 ).
Die Tragik der zur H. gezwungenen
Braut, der in der Kirchentür das Herz
bricht 328 ), oder die lieber in den Tod als
in die Kirche ging, und dann als wildes
Gespenst im H.sschmuck durch den
Wald schweift 329 ), wird von der Sage nicht
vergessen 33 °). Und den Bräutigam, der
noch in der Kirchentür, gegenwärtiges
Glück mißachtend, die Gedanken in ferne
Zukunft schweifen läßt (,,wie wird es hier
in hundert Jahren aussehen“), läßt die
Sage zur Strafe rätselhaft auf hundert
Jahre verschwinden und heimkehren an
das Grab der Braut 331 ).
324 ) Strackerjan 2, 193. 325 ) ZrwVk. 1914»
280. 326 ) Eisei Voigtland H2f. 327 ) Tetzner
Slaven 374. 328 ) Müller Siebenbürgen 153 f.;
Kühnau Sagen 1, 510. 329 ) Meier Schwaben 1,
307 ff. 330 ) Vgl. noch Koch Siebenschläfer 40 ß.
331 ) Stöber Elsaß 1, 23. Kummer.
Hockauf s. Aufhocker 1, 675 ff.
Hoden s. Geschlechsteile 3, 730 ff.
Höhenkult s. Berg, bes. § 2 Bergkult,
dazu zur Ergänzung und Vergleichung
R. Beer, Heilige Höhen der alten Griechen
und Römer 1891; W. Capelle, Berges¬
und Wolkenhöhen bei griechischen Phy¬
sikern 1916 S. 36 ff.; J. Qvigstad, Lap¬
pische Opfersteine und heilige Berge in
Norwegen. Oslo, Etnografiske Museums
Skrifter 1, 317 ff. 1926; 0 . Schell, Spuren
des H.kultes im Bergischen, Bergischer
Kalender für das Jahr 1925, 55—60; Ar¬
tikel Zeus bei Roscher Lex. Fehrle.
hohl. Grimm *) teilt aus dem Journal
von und für Deutschland 2 (1788), 183 fg.
den württembergischen Glauben mit:
„Will ein Kranker sterben, so öfne man
die fenster, und stopfe alles, was h. im
175
Höhle
176
Hause ist, und kehre es um, damit die
Seele freie Ausfahrt habe und sich nir¬
gends aufhalte“ (s. Sterbender). — Ver¬
schiedene Dämonengestalten haben hohle
Rücken (s. d.); von vorn sind sie schön,
hinten greuelhaft und ungestalt, sie haben
einen Rücken wie ein Teigtrog 2 ).
*) Myth. 2, 988; 3, 457 Nr. 664. *) ebd. 2,
902 fg. Bächtold-Stäubli.
Höhle.
I. Sachkundliches. Natürliche
Höhlen, wie wir sie besonders in gebir¬
gigen Gegenden finden, können auf ver¬
schiedene Weise entstanden sein: durch
unterirdische Wasserläufe, Erdbeben, in
vulkanischem Gebiet auch durch Säuren;
manche bestehen wohl auch seit der Bil¬
dung des Gebirges 1 ). Besonders bemer¬
kenswert sind die Tropfsteinhöhlen mit
ihren oft phantastischen Gebilden und
den weitverzweigten Gängen, die in wei¬
tere Räume führen. Mit W T asser ange¬
füllte H.n bilden unterirdische Seen.
Die H. erscheint als die einfachste, natür¬
liche Wohnstätte der Menschen, die sich
darin vor der Unbill des Klimas schützten 2 ).
Mitunter sind die natürlichen H.n, die
dauernd oder vorübergehend als Wohn-
oder sonstiger Zweckraum dienten, künst¬
lich ausgebaut; neben natürlichen Tischen,
Sitzgelegenheiten und Nischen trifft man
solche, die von Menschenhand ausgeführt
sind. Auch als Ruhestätten der Toten
werden H.n benutzt; vgl. die für Island
bezeugten Geschlechtshügel. Funde von
Waffen und Werkzeugen aus Steinen und
Knochen, Geweihstücken, Topfscherben,
von Resten geschlachteter und in der H.
verspeister Tiere weisen auf die ehe¬
maligen Bewohner, Knochen von Mam¬
mut, H.nbär u. a. auf vorzeitliche Tiere 3 ).
Neben leicht zugänglichen H.n finden
sich solche mit versteckten und schwie¬
rigen Eingängen. Ehemals große H.n
sind jetzt ganz oder teüweise zugeschüttet.
1 ) Fraas Die alten H.nbewohner 25 ff. 2 ) Ebd.
4. 3 ) Ebd. 4 ff.
2. Wunderbare H.n. Die weitver¬
zweigte Ausdehnung, die Unzugänglich¬
keit, die bizarren Felsformen mancher
H.n, die tatsächlichen oder scheinbaren
Spuren von Lebewesen, die einst hier
gehaust, und das geheimnisvolle Dunkel
geben dem Volksglauben reichliche Nah¬
rung. Manche H.n sind unergründlich 4 )
und stehen durch unterirdische Gänge
in Verbindung mit einem andern Berg 5 ),
mit einem entfernten Tale 6 ), mit einem
See 7 ), mit einem Bach 8 ), mit einer
Burg 9 ). Hat die H. einen zweiten Aus¬
gang, der sehr weit vom ersten entfernt
ist, schickt man wohl Tiere zur Probe in
einen hinein, damit sie zum andern
wieder herauskommen, meist Enten 10 )
oder Gänse 11 ); von Ochsen, die in die
Wendellucke am Wendelgupf (Österreich)
gefallen sind, ist das Joch aus der
Bergnandellucke bei Kleinzell herausge¬
kommen 12 ). Manche H.n haben auch
die Eigentümlichkeit, daß hineingeschickte
weiße Enten schwarz wieder heraus¬
kommen, schwarze dagegen weiß 13 ). —
Viele H.n bergen Schätze 14 ), gehütet
von Zwergen 15 ), von einer Fee 16 ), vom
Teufel 17 ); Sarazenen haben sie dort zu¬
rückgelassen 18 ). Ein Verbindungsgang
führt von einer H. zu einem Weinkeller 19 ).
In der Wendellucke am Wendelgupf
liegt ein goldener Wagen, der zur Zeit
der Mette gehoben werden kann, wenn
! man zu dieser Stunde nackt bis zur Lucke
kommt 20 ). Im Ruprechtsloch am großen
Otter (Österreich) hängen viele Gold¬
zapfen 21 ). Wenn man beim Arniloch
hinter Wolfenschießen an der Wand hin¬
aufklettert und durch eine kleine Öffnung
schaut, erblickt man einen schönen großen
I Saal, wo eine Menge Säulen prachtvoll
glitzern, die Wände sind mit Gold, das
hier wächst, bekleidet 22 ). Nach einem
1 Bericht des Gervasius von Tilbury 23 )
aus dem 13. Jahrhundert kam ein Hirte,
der eine Sau in eine dunkle H. in Der-
byshire verloren hatte, beim Suchen
durch einen dunklen Gang an einen
glanzerfüllten Ort mit einer weiten Wiesen¬
fläche, wo viele Ackerbauern damit be¬
schäftigt waren, reife Kornfrüchte ein-
zuemten. In geheimnisvollen H.nseen
schwimmen schwarze blinde Fische 24 ).
Gewisse H.n enthalten eine Miniatur weit 25 ).
— Wieder andere H.n haben andere Eigen¬
tümlichkeiten : Eine H. in den Bündner-
Vareina-Alpen ist klein, hell und trocken
1 77
Höhle
und nach dem Volksglauben immer voll¬
kommen rein und wie ausgeblasen. Kein
verunreinigender Gegenstand, nicht Stern¬
chen und Moos, nicht Holz oder Kohle
bleibt darin liegen; die Hirten sagen, es
läßt nichts drin 26 ). Man mag vorm
Engiloch was immer für Sachen hin¬
streuen, am Morgen drauf ist alles weg
und der Platz wieder fein sauber; ebenso
bei einer H. auf dem Weg von Wolfen¬
schießen nach Maria Rickenbach 27 ). Oder
es heißt: alles, was man in die H. hinein¬
wirft, kommt wieder an den Tag 28 ). —
Aus dem Windloch bei Flatz bläst ein so
starker Wind, daß man zur H.nöffnung
nicht gelangen kann 29 ). Unwetter
lassen die Berggeister in den W'etter-
löchern am Oetscher (Österreich) ent- !
stehen, wenn jemand Steine hineinwirft 30 ),
und ebenso entstehen furchtbare Stürme
*
und Gewitter, wenn jemand mit der
Sibylle in der H. zu Norcia spricht 31 ).
Manche H.neingänge öffnen sich nur
durch einen Zauberstab; die Person, die
etwas heimlich entwendet hat, kann
nicht wieder heraus 32 ). Bekannt sind
aus dem Märchen die Zauberworte:
„Sesam, öffne dich“ 33 ) und ,,Berg
Semsi, tu dich auf“ 34 ). Entstanden
sind H.n, wo ein Schloß 35 ) oder eine
Kirche in die Erde versunken ist 36 ).
4 ) Sebillot Folk-Lore 1, 433; Heller
H.nsagen Nr. 64. 5 ) Ebd. Nr. 14. 6 ) Ebd.
Nr. 64. 7 ) Lütolf Sagen 272 Nr. 211 g. 8 )
Heller a. a. O. Nr. 26. 9 ) Ebd. Nr. 16. 25.
W) Ebd. Nr. 48. 68 f. “) Ebd. 70. 71. 12 ) Ebd.
•68 e. 13 ) Sebillot 1, 434. 14 ) Heller a. a. O.
Nr. 3. 4. 9. 21. 21 a. b. 22. 30. 31. 33 a. 38. 49.
58. 59. 66 a. 68. 15 ) Sebillot 1, 461. 16 ) Ebd.
X, 473. 17 ) Ebd. 1, 475 f. 18 ) Ebd. 1, 475. 19 )
Heller Nr. 3 a. 34 a. 20 ) Ebd. Nr. 68 a. b.
**) Ebd. Nr. 50 a. 22 ) Lütolf 271 f. Nr. 211 a.
33 ) Otia imperialia ed. Liebrecht 24. 24 ) Heller
Nr. 11. 25 ) Sebillot 1, 433. 26 ) Rochholz
Sagen 1, 250. 27 ) Lütolf 271 Nr. 211 b. 28 )
Heller Nr. 35. 29 ) Ebd. Nr. 70. 30 ) Ebd.
Nr. 69. 31 ) Kiesewetter Faust 425 f. 32 ) Se¬
billot 1, 437 ff. 33 ) Tausendundeinenacht:
Ali Baba und die vierzig Räuber. 34 ) Grimm
KHM. Nr. 142. 35 ) Heller Nr. 30. 38 ) Ebd.
Nr. 5° f- g-
3. Sagenhafte Erinnerungen an die
Zeiten, wo die H.n den Menschen als
Aufenthaltsort dienten, leben im Volke
fort. Manchenorts zeigt man Heiden¬
löcher, so in Triengen in der Schweiz 37 ).
In anderen H.n hielten sich Räuber
und Diebe auf, die dort Mädchen ge¬
fangen hielten * oder Verirrte auf-
nahmen 38 ). Die ersten Christen fanden
Zuflucht im Tschetterloch im Tschamintal
hinter Tiers 39 ). In der Reformations¬
zeit hielten die Anhänger der neuen Lehre
in H.n ihre Gottesdienste ab *°); ein
Felsblock in der Höhlturmh. bei Wollers¬
dorf (Österreich) wird als ,,Predigt¬
stuhl“ bezeichnet 41 ). In Kriegszeiten
boten die H.n Schutz vor Feinden, be¬
sonders vor den Türken 42 ). Kloster¬
frauen 43 ), Zigeuner 44 ) haben dort ge¬
wohnt ; ein Ritterfräulein flüchtet mit
ihrem Geliebten in eine H. 45 ). Manche
H. n in Frankreich sollen Begräbnis¬
stätten gewesen sein 46 ).
37 ) Lütolf Sagen 272 Nr. 211 f. 38 ) Sebillot
Folk-Lore 1, 435 f. 39 ) Heyl Tirol 354 Nr. 26.
40 ) Heller H.nsagen Nr. 68 c. 33. 41 ) Ebd.
42 ) Ebd. Nr. 2. 33 c. 34. 36. 41a. 47. 58. 72;
vor den Türken 1, 1 a. 7. 16 a. 17. 23. 45. 51 a.
52. 56. 60. 61. 62. 63. 68 d. 43 ) Ebd. Nr. 23 a.
44 ) Ebd. Nr. 10. 45 ) Ebd. Nr. 32. 46 ) Sebillot
I, 470 ff.
4. Dämonische Wesen in H.n
sind uns bereits als Schatzhüter be¬
gegnet. Wunderbar geformte Fußspuren
weisen auf Gespenster, die hier hausten 47 ).
Merkwürdige Felsgebilde in H.n scheinen
in Stein verwandelte Menschen oder
Tiere zu sein; eine Fee, die verfolgt
wurde, soll sich in einer H. selbst in Stein
verwandelt haben 48 ). Manche Feen
haben eine Art Badewannen in ihren
H.n, worin sie baden 49 ); andere spielen
Orgel: diese akustische Erscheinung wird
durch das rauschende Wasser hervor¬
gerufen 50 ). Durch unsichtbare Eingänge
gehen sie in ihre H.n 51 ). Dort haben sie
auch ihre Herden 52 ). Sie haben dort
Spiegelsäle, goldene Geschenke und wun¬
derbare Gaben, womit sie gute Besucher
belohnen; böse bestrafen sie 53 ). Dorthin
bringen sie auch die gegen Wechselbälge
eingetauschten Kinder 54 ). Ein Weib,
dessen Kind geraubt wurde, drang mit
einem Licht in die H. Dort war es hell,
viele Kinder saßen und standen umher.
In der Mitte saß eine schöne Frau, das
geraubte Kind auf dem Schoße haltend M ).
Kinder stahl ebenfalls die Steinklamm-
179
Höhle
180
1
T
181
Höhle
Gretel in der Steinklamm bei Lilienfeld
(Österreich), ein häßliches Frauen-
zimmer 56 ). Ein Bär schleppte ein Kind
in seine H. für sein gestohlenes Junges;
ein anderer entführte eine Frau dorthin,
mit der ein Kind zeugte 57 ). Auch Zwerge
und Bergmännlein hausen häufig in H.n 58 ).
Die Zwerge entführen ebenfalls Kinder 59 )
und auch Mädchen 60 ) in ihre H.n. Die
Bergmännchen im Ruprechtsloch am
Otter wohnen in einem Palast an einem
See, wo sie sich vergnügen 61 ); sie haben
einmal einen Bauernburschen hinein¬
gezogen, der ihnen vier Jahre dienen
mußte, aber dann erhielt er ein goldenes
Gewand zum Lohne 62 ). „Doggelikirche“
heißt eine H., wo sich eine natürliche
ausgehöhlte Kanzel befindet 63 ). Wilde
Fräulein hausten in der Frauenh. auf
der Gfälleralpe 64 ), im Frauenloch in
Staufen bei Reichenhall drei wilde Frauen,
die bei Hochzeiten und bei Geburten von
Kindern sangen 65 ). Die H. ist auch der
Aufenthaltsort von Riesen 66 ); im Tschet-
terloch im Tschamintal, vor dessen Ein¬
gang ein Wasserfall herabrauscht, ist
ganz hinten ein Raum mit Tisch und
Bänken, wo Riesen, nach anderen Be¬
richten andere Wesen, hausten 67 ). In
einer H. weilt ein menschenfressendes
Ungeheuer, halb Mensch, halb Tier 68 ), in
einer andern fand ein Polyphemabenteuer
statt 69 ). Hexen feiern an Fastnacht
ihren Sabbath in H.n; die Einwohner
des Dorfes Vingrou (Ost-Pyrenäen) haben
vor langer Zeit eine Hexenh. mit einem
großen Stein verschlossen, um sich vor
Schaden zu bewahren 70 ). Bei den Süd¬
slaven glaubt man, daß die Vile, aus¬
gereifte Baumseelen, die hauptsächlich
außerhalb der Bäume handelnd auftreten,
in Berg- und Felsenh.n wohnen 71 ). In
Westfalen kennt man einen Alten in der
H. 72 ). Auch der Teufel hat seinen Sitz
zuweilen in einer H.: im Vikenloch in
der Tannlialp im Melchtal 73 ), in der
„Teufelskirche“ am östlichen Abhang
des Oetschers; dort kann man ihn rufen,
um Schätze von ihm zu erhalten 74 );
in H.n braut der Teufel köstliche Ge¬
tränke 75 ). Man vergleiche auch Loki,
der in einer Felsh. über drei Steine ge¬
fesselt liegt; dort bewirkt er das Erd¬
beben, wenn das Schlangengift ihm ins
Gesicht träufelt und er heftig zuckt 76 ).
Wucherer und Bedrücker der Menschen
werden auf den Oetscher verdammt, wo
sie im Taubenloch in Gestalt von Berg¬
dohlen nisten und ohne Rast und Ruh
in schwarzer Vogelgestalt umherirren
| müssen 77 ); ebenso sitzt ein Mann in
i der letzten der fünf Kammern in der H.
über der sogenannten Kammerkeule bei
Naensen und schreibt, dorthin gebannt
von einem mächtigen Zauberer zur Strafe
für seinen rohen und schlechten Lebens¬
wandel. Auch Drachen finden wir in
H. n 78 ); manchmal bewachen sie dort
gefangene wunderbare Vögel 79 ). Das
Ruprechtsloch am Otter bewachen zwei
mit den Hörnern gegeneinanderstoßende
Ziegenböcke 80 ). Manchmal allerdings
bewohnen auch Engel die H.n, die wohl¬
tätig gegen die Menschen der Umgegend
sind 81 ). In der Otterh. am großen Otter
I herrscht König Oder. Das Getöse im
! Innern, das man in ruhigen Nächten
1 hört, rührt von seiner Hofhaltung her 82 ).
In der Sibyllenh. bei Norcia, erzählt der
Jesuit Martin Delrio (1551—1608), sitze
die Sibylle, von kleiner Gestalt, das auf¬
gelöste Haar auf die Erde herabhängend,
I auf einem niedrigen Sessel. Der Papst
! habe Wachen aufgestellt, daß niemand
• sich der Sibylle nahen und sie befragen
könne 83 ). — Der H.nschlaf, ein weit¬
verbreitetes Märchenmotiv, heftet sich
im griechischen Altertum an Epimenides
als volksmäßige Umdeutung der Be-
I richte von seinen zauberhaften Ekstasen 84 ).
1 Der Abt eines Klosters in Frankreich
! zog sich in eine H. zurück, um dort aus¬
zuruhen; nach hundertjährigem Schlaf
erschien er wieder mit langem weißem
Bart im Kloster 85 ).
47 ) Cysat 49. 48 ) Sebillot Folk-Lore 1, 431 f.
49 ) Ebd. 1, 445. 60 ) Ebd. 1, 432. 51 ) Ebd. 1, 446.
52 ) Ebd. 1, 450. 53 ) Ebd. 1, 437. 54 ) Ebd. 1, 442.
56 ) Mann har dt Germ. Mythen 256. Ähnliche
Sagen ZfdMyth. 3, 85. 66 ) Heller H.nsagen
Nr. 54. 67 ) Sebillot 1, 436. 58 ) Grimm Myth.
I, 376; Sebillot 1, 455 ff.; Heller Nr. 5. 6.
6 a. b. 20. 39. 67. 73; Rochholz Sagen 1, 365;
Grimm KHM. Nr. 13. 59 ) Sebillot 1, 457.
60 ) Ebd. 1, 462 f. «) Heller Nr. 50 d. 62 ) Ebd.
50 b. 63 ) Vonbun Beiträge 43. e4 ) Heller
Nr. 18. 19. Mannhardt a. a. O. 641 f.
M ) Märchen seit Grimm i, 250. 07 ) Heyl Tirol
354 Nr. 26. 68 ) Sebillot 1, 464. «*) Ebd
1. 435 - 70 ) Ebd. 1, 476 f. 7 i) Krauß Relig.
Brauch 76. 72 ) Kuhn Westfalen 1, 69 ff. Nr.
57 ff. 73 ) Lütolf Sagen 272 Nr. 211b. 74 )
Heller a. a. O. Nr. 57 . Sebillot 1, 466 f.
76 ) Snorri Gylfaginning Kap. 50 (Thule 20,
109). 77 ) Heller Nr. 55. ™) Sebillot 1. 468 ff.
7 *) Ebd. 1. 435. « 0 ) Heller Nr. 50. 81 ) Sebillot
1, 466. 82 ) Heller Nr. 43. 83 ) Kiesewetter
Faust 425 f. 84 ) Rohde Psyche 2, 96 4 . 85 ) Se-
hßh^t 1, 465 f.; vgl. auch Koch Siebenschläfer
5 * Der Glaube, daß der Mensch aus dem
Stein hervorkomme, sowie daß Dämonen
oder göttliche Wesen in H.n weilen,
bewirkt die Ausbildung eines H.nkults:
Opfer werden an H.n niedergelegt, man
wallfahrtet hin und hält Gottesdienst
dort ab. Nach griechischer Sage leben
Amphiaraos und Trophonios in H.n
unsterblich fort, nachdem sie dorthin vor
ihren Feinden geflohen 86 ). An der
Orakelstätte des Amphiaraos bei Theben,
wo er in die Erde versank, opfert man
nachts vor der Hinabfahrt einen Widder 87 ).
Den Kult und die Orakeltätigkeit des
Amphiaraos und des Trophonios kennen
und beschreiben als noch bestehend
Celsius und Pausanias 88 ). Im Idagebirge
auf Kreta war eine H. des Zeus, wo der
Gott geboren sein sollte. Nach heimischer
Sage hauste auch noch der vollerwachsene
Gott dort, einzelnen Sterblichen zugäng¬
lich. Ihm war ein mythischer Kultus
geweiht; alljährlich wurde ihm dort ein
Thronsitz gebreitet, d. h. wohl ein Götter¬
mahl wie anderen, vornehmlich chtho-
nischen Göttern ausgerüstet; in schwarzen
Wollkleidern fuhren die Geweihten in
die H.n ein und verweilten darinnen
dreimal neun Tage. Im 4. Jahrhundert
v. Chr. taucht dann der seltsame Bericht
auf, daß Zeus im Ida begraben liege 89 ).
So gab es mehrere H.n, an die sich im
klassischen Altertum die Erinnerung an
Gottheiten oder Heroen knüpfte. „Ein
Teil der Traditionen, die sich mit diesen
Naturmalen beschäftigten, wird sich an
alte dort ausgeübte Kulte geschlossen
haben“ "). Die H. Acherusia galt als
Durchgangsort zu den Manen, wo He¬
rakles den Kerberos heraufzog 91 ); meh¬
rere h.nartige Tempel, bewacht von
Hunden, galten als Eingang in die Unter¬
welt 92 ). Die phrygische Muttergöttin
wurde in H.n in einem Stein, der vom
Himmel gefallen sein sollte, oder in einem
uralten Holzbilde verehrt 93 ). Auch der
Mithraskult fand in H.n statt 94 ). —
Den Hollen oder Hollinnen, die in West¬
falen besonders in H.n verehrt werden,
bringt man Wolle und Brot, wenn Kinder
kränkeln. Ins Nacht fräuleinloch am
Urscheiberg wirft der Vorübergehende
einen Stein (Urschelopfer) 95 ). Die Kinder
kommen aus H.n 96 ): bei Freiburg (Baden)
aus einer H. bei der Felsenmühle am
Kuckucksbad 97 ), im schwäbischen Heu¬
bach aus der H. des Rosensteins, wo eine
weiße Frau der Hebamme die Kinder zu¬
reicht; die in ihrer ersten Jugend verstor¬
benen kehren dorthin zurück 98 ). Sterile
Frauen gehen in die Grotte Sainte-Lucie
zu Sampigny und setzen sich in eine
Nische, um Kinder zu bekommen. Frauen,
die Milch haben wollen, saugen an den
Tropfsteinen einer H., die Zitzen glei¬
chen 99 ). Im französischen Jura begeben
sich die Mädchen, die heiraten wollen,
in einer Mainacht an den Fuß eines
Felsens, in dem eine H. ist, und legen
einen Mistelzweig nieder 10 °). Man warnt
in Frankreich die Kinder vor gewissen
H.n; auch Erwachsene gehen nach Sonnen¬
untergang nicht mehr hin; man wirft
Opfer, Brot oder Kuchen in eine H., wo
eine kinderfressende Fee wohnt. In ge¬
wisse H.n gehen Schäfer nur mit einem
Zweig, einem Stück Brot oder etwas
Milch; Mädchen, die eingedrungen sind,
sterben, wenn sie nicht im nächsten
Jahre heiraten 101 ). Die Marienlucke
(Marienloch) bei Flatz soll Rastort der
Jungfrau Maria auf der Flucht nach
Ägypten gewesen sein 102 ). In der Pro¬
vence findet in einer H. Gottesdienst
statt an Mariä Himmelfahrt, in anderen
H.n sind heil- und segenspendende
Quellen. In manchen H.n beschwört man
böse Geister: eine Prozession geht hin¬
ein mit der Kirchenfahne; anderswo
steckt der Geistliche den Fuß des Kreuzes
in die H. 103 ). Auch in Westfalen kennt
man H.nprozessionen an Ostern 104 ) und
an Pfingsten 105 ). Uber einen H.nkult,
Hoimann—Hölle
der noch bis in unsere Zeit hinein bestand,
berichtet Keller-Tarnuzzer 106 ): „Bis vor
ungefähr einem halben Jahrhundert be¬
stand in Schönholzerswilen und Um¬
gebung der Brauch, am ersten Maisonntag
nach der H. zu ziehen und dort den be¬
ginnenden Frühling mit Tanz, Gesang,
dem Klang der Weidenpfeifen und Wald¬
hörner und Schmausen zu feiern. In der
H. wurde im Lichte von brennenden
Kerzen und Kienspänen ein Feuer ent¬
zündet mit möglichst viel Rauchent¬
wicklung — weshalb heute die Wände
glänzend schwarz sind — und auf dem
Plateau über der H. wurden Verkaufs¬
stände aufgeschlagen, die ein rechtes
Jahrmarktstreiben zur Folge hatten“.
M ) Rohde Psyche i, 133 ff- 87 ) Ebd. 1, 118 ff.
88 ) Ebd. 2, 374 1 . 89 ) Ebd. 2, 435. 90 ) Pfister
Reliquienkult 1, 365- 91 ) Panzer Beitrag 1,
327. * 2 ) Ebd. 1, 329. 93 ) Hepding Attis 124 f.
194. M ) Dieterich Kl. Sehr. 255. 9S ) Meyer
Germ. Myth. 138. M ) Kuhn Westfalen 1, 242
Nr. 274. 91 ) Meyer Baden 14. * 8 ) Mannhardt
Germ. Mythen 256. ••) Sebillot Folk-Lore 1,
478. 10 °) Ebd. 1, 477- 101 ) Ebd. 1, 476. 102 )
Heller H.nsagen Nr. 37 a; vgl. Nr. 65. 103 )
Söbillot 1, 478. 104 ) Kuhn a. a. O. 2. 144
Nr. 416. 105 ) Ebd. 2, 169 Nr. 475: 2, 170 Nr. 479;
über das Verbot der H.nwallfährten s. Cysat
62. 1W ) Das Bruderloch bei Schönholzers¬
wilen 38. Hünnerkopf.
Hoimann s. Hemann 3* 17°^ ff-
Hokuspokus. Ein im Anfang des 17 .
Jhdts. zuerst in England auftretendes,
dann über Holland auf dem Kontinent
sich ausbreitendes Wort, das den Taschen¬
spieler bezeichnet, aber auch als Zauber¬
formel schon 1632 begegnet 2 ). In diesem
Sinn steht es auch z. B. in Bekkers „Die
bezauberte Welt“ von 1693 2 ): „Denn
sehet, sie (die Besessenen) sind daselbst
(im Pabstthumb) nöthig, den Geistlichen
Materie zu Mirakuln zu geben und zu
zeigen, welche Krafft ihr Okusbokus auff
den Teuffel habe“. DWb. und Weigand
nehmen an, daß das Wort auf einen
Taschenspielemamen — unter Jakob I.
nannte sich ein HoftaschenspielerHocus Po-
cus — zurückgehe; die verbreitete Erklä¬
rung, es sei Entstellung der Konsekrations-
formel: „Hoc est corpus meum“, lehnen
beide ab, wie auch Kluge. Aber damit ist
nicht viel geholfen, denn der Name wäre
natürlich auch nicht wirklicher Name,
sondern erfunden und muß irgend mit der
Tätigkeit seines Prägers zu tun haben, for¬
dert also selber eine Erklärung. Kluge
sagt, der Ursprung des Wortes sei dunkel,
es handelt sich aber wohl einfach um die
bekannte Formel: „Hax pax“ (s. d.), in
der das a verdumpft, nach englischer
Art ausgesprochen, zu o geworden ist;
vgl. 1625 die Form: Oxbox. Da diese
Formel auf Hostien usw. geschrieben
gegen Fieber und andere Schäden ge¬
braucht wurde, so ist die Möglichkeit
einer Verstümmelung aus den Konse¬
kration sworten auch des „Hax Pax Max“
nicht ausgeschlossen.
x ) DWb. 4, 2, 1731 f.; Weigand DWb. 1
(1909), 882; Kluge EtWb. (1915)» 208 f. 2 ) G.
Roskoff Geschichte des Teufels 2 (1869), 465.
Jacoby.
Holda, Holla s. Perchta.
Holländer, fliegender s. Nachtrag.
Hölle.
1. Etymologie und Wortgebrauch. — 2. Der
bestimmt lokalisierte Aufenthaltsort der Toten.
— 3. Die mythische H.nlandschaft. — 4. Die
allgemein menschlichen Grundlagen der my¬
thischen H.nlandschaft. — 5. Die H.nvor-
stellungen in der germanischen Religion und
die mythische H.nlandschaft in der älteren
deutschen Literatur. — 6. Die christliche H.
— 7. Die H. als Abgrund. — 8. Lage der
H. — 9. Anlage der H. — 10. Die Bewohner
der H. — 11. H.nfahrten. — 12. Die Quellen
und die Geschichte der christlichen H.nvor-
stellung.
1 . Etymologie und W T ortgebrauch.
Gemeingermanisch, got. halja, ahd. hellia,
hella, ags. hell, nord. hei 1 ). Das Wort
bezeichnet ursprünglich den unterirdi¬
schen Aufenthaltsort der Toten. Erst
sekundär und nur im Norden wurde hei
zu Hel, der Unterweltsgöttin 2 ). Ulfilas
gebraucht haljaiüx aSr^, infernus; ^sswa,
gehenna, gibt er durch gaiainna wieder,
mit dem fremden Begriff blieb das fremde
Wort. Ahd. wird infernus durch hella ,
gehenna, durch hellajiur oder hellawizi
wiedergegeben 3 ). Vom 4.—10. Jhdt. ist
hol ja, hella in der Bedeutung Unterwelt,
Totenreich gebraucht, keinesfalls be¬
zeichnet es einen Qualort. hella in dieser
Bedeutung scheinen nach Widekind von
Corvei sächsische Dichter, einen Sieg der
Sachsen über die Franken besingend,
Hölle
gebraucht zu haben, in ihrem Liede soll
es geheißen haben: ubi tantus ille in-
fernus esset, qui tantam multitudinem
caesorum capere posset 4 ). Derselbe Ge¬
danke findet sich, vielleicht Widekind
nachgebildet, wieder bei Fischart: Ein
so weite hölle find man kaum, da all die
toden hetten raum 5 ). In beiden Fällen
ist infernus und H. Aufenthaltsort der
Toten. In altnordischen Redensarten
erscheint die gleiche Vorstellung: zur
H. fahren = sterben, in die H. schlagen
= töten; von einem, der in den letzten
Zügen liegt, sagt man, er befindet sich
schon auf dem Weg von der Welt zur
H. 6 ). Auch in mhd. Denkmälern findet
sich die Redensart zur H. fahren =
sterben. Noch bei Seb. Brant be¬
zeichnet H. gelegentlich nichts anderes
als Totenreich 7 ). In Spuren findet sich
die noch primitivere Auffassung: H. =
Grab, so heißt es in der Kaiserchronik: si
ist in der helle begraben 8 ). Diesen Sinn
verraten noch die Hellwege in Westfalen,
die Wege, auf denen ursprünglich die
Leichen gefahren wurden 9 ). Im 13 . Jhdt.
hat sich für H. die heute allein übrig¬
gebliebene Bedeutung festgesetzt: Auf¬
enthalt der Verdammten 10 ).
1 ) Zur Etymologie vgl. Güntert Kalypso 35.
*) Golther Mythologie 472. 3 ) Grimm Myth. 2,
667. 4 ) Ebd. 2, 668. 6 ) Ebd. 3, 238. 6 ) Ebd. i,
260. 7 ) Ebd. 3, 94. 8 ) Ebd. 3, 238. 9 ) Ebd. 2,
668 f. 10 ) Ebd. 2, 668.
2 . Der bestimmt lokalisierte Auf¬
enthaltsort der Toten.
Das Grab — Höhlen — Brunnen, Seen,
Sümpfe — sind Eingänge der H., sie liegt —
unter der Erde — in Bergen — an unheimlichen
Orten.
Die H.nVorstellungen werden bestimmt
durch die Vorstellungen von der Seele. ‘
Solange nicht durch eine religiöse Er- i
kenntnis die Trennung von Körper und
Seele vollzogen wird, bleiben die Vor¬
stellungen über die Seele am Erinnerungs¬
bilde des Abgeschiedenen haften. Der
Ort, an den die Phantasie weitere Schick¬
sale des Toten verlegt, ist der Ort, an
dem der Leichnam blieb: das Grab.
Indessen widersprach die Einsamkeit des
Grabes dem Bedürfnis nach Geselligkeit,
das der Lebende empfindet, und so führte
ein weiterer Schritt zu der Vorstellung
von einem unterirdischen gemeinsamen
Aufenthaltsorte der Abgeschiedenen. Das
Grab als Ort, an dem sich das Schicksal
! des Toten fortsetzt, finden wir nur ver-
*
! einzelt, so in der Erzählung einer Exempel¬
sammlung aus der Zeit um 1300. Dort
schlagen aus dem Grabe eines verstockten
! Geizhalses Flammen und tönt Wehe-
! geschrei hervor 11 ). Es ist beachtenswert,
daß das Grab als alleinige Behausung des
Abgeschiedenen dann im Volksbewußt¬
sein gilt, wenn besonders an die Indivi¬
dualität des Toten gedacht wird, so wenn
; gefürchtet wird, daß ein bestimmter Toter
l als Vampir die Hinterbliebenen heim-
1 sucht (vgl. Nachzehrer, Wiedergänger).
Ist es aber weniger die Persönlichkeit des
i Toten als sein Totsein, das im Vorder¬
gründe der Erinnerung steht, so denkt
man ihn sich in Gemeinschaft mit anderen
Verstorbenen ein unterirdisches Leben
führen. So fand ein Mann, der abends an
j einem Grabhügel vorbeiritt, die Unter¬
irdischen bei einem fröhlichen Gelage 12 ).
Ein Bauer in der Oberpfalz wurde von
einem Toten zu Gast geladen. Auf dem
Friedhof fand er ein Grab offen, der Tote
umarmte ihn, und das Grab schloß sich
j über beiden. Nach 100 Jahren, die ihm
nur wie ein langer Morgen vorgekommen
waren, erstand er aus dem Grabe und lebte
noch kurze Zeit 13 ). Wenn die Toten
vereinigt gedacht werden, so ist der Ort
ihrer Vereinigung gewöhnlich unterirdisch,
das Grab ist dann der Zugang zu diesem
Ort und in gleicher Weise werden nun alle
Höhlen, Brunnen, Teiche, alle ErdÖff-
nungen, Pforten zu der Unterwelt. So
befindet sich auf einer Alpe in Obersteier¬
mark ein Loch, das für einen Eingang
zur H. gilt 14 ), oder er ist unter einem
Dornbusch 15 ) oder in Felsenklüften im
Walde, die mit dichtem Gestrüpp be¬
wachsen sind und davon „H.“ heißen 16 ).
Daß Höhlen Eingänge zu einer Unter¬
welt sind, ist eine allgemein menschliche
Idee 17 ). Weiter gelten Brunnen dafür,
so einer im Badischen 18 ) und bei Bücke¬
burg 19 ). Roland fährt in einer Karosse
mit sechs Pferden nach verlorener Schlacht
in einen Brunnen, während seine Witwe
187
Hölle
188
aus Verzweiflung in ein Moor hinein¬
fährt 20 ). Seen und Weiher als H.nein-
gänge kennt man in Hinterpommem, hier
fährt der Teufel mit einer Chaise des
Nachts 12 Uhr umher und schleppt mit
sich, wen er trifft 21 ), im Bergischen fährt
ein betrogener Teufel durch einen Weiher
in die H. 22 ), in Schwaben sind die tiefen
Gumpen der Donau, verschiedene Weiher
und Brunnen, wie der Mummelsee, Ne¬
benwege zur H. 23 ). Dorthin führen weiter
Sümpfe. In Bayern fürchten die Leute,
dem grundlosen Sumpf bei Benatek nahe
zu kommen, um nicht vom Teufel er¬
griffen und in die H. geführt zu werden 24 ),
in Norddeutschland gilt die Sumpfge¬
gend des Drömling für einen Zugang zur
H. 25 ). In Belgien heißen kleine, tief¬
gehende, dunkle Moore Helleput 26 ). Wenn
so Klüfte, Brunnen, Teiche, Moore als
H.neingänge bezeichnet werden, haben wir
— obgleich in manchen dieser Fälle die
durch diese Öffnungen erreichte H. als
ein Strafort ausgemalt wird — nicht eine
solche H. als ursprünglich vorauszusetzen.
Zugrunde liegt hier die Vorstellung eines
unterirdischen Totenlandes, weiter die
eines Seelen- und Geisterlandes. Nicht
nur die Toten gehen dorthin, sondern
auch die Neugeborenen kommen dorther.
Heißt es doch, daß die Kinder aus Brun¬
nen kommen, oder daß sie von Bächen
angeschwemmt werden. Seen, Weiher,
Gumpen und Hülben, weiter Steine und
Höhlen bergen Kinder, oder sie kommen
aus dem Keller 27 ). Die Vorstellungen über
dies unterirdische Land bleiben unbe¬
stimmt. Bemerkenswert ist die scharfe
Grenze zwischen der Welt der Lebenden
und jener Unterwelt, einmal eine äußer¬
liche Grenze, indem man sich jenes Reich
von einer Wildnis, einem Wasser odereiner
Mauer umgeben denkt, dann eine inner¬
liche Grenze, die dadurch beobachtet
wird, daß man die Unterirdischen nicht
berühren, vor allem nicht von ihrer Speise
und ihrem Trank genießen darf, und daß
man beim Betreten ihres Landes bestimm¬
te Vorschriften beobachten muß, um es
wieder verlassen zu können. Weiter ist
bemerkenswert, daß die Zeit in dieser Welt
eine andereist, als auf der Erde. Menschen,
die in das Jenseits (Unterwelt, Zwergen-
land, H., Paradies) gelangt sind, glauben
nur Stunden oder Tage fortgewesen zu
sein, während es Jahrzehnte und Jahr¬
hunderte waren.
In Schlesien kennt das Volk eine Stelle,
auf der die Fußtritte ganz hohl klingen.
Daraus entstand die Sage, daß unter je¬
nem Platz die H. sei 28 ). Nach schwä¬
bischem Volksglauben ist die H. eine un¬
terirdische Welt, mit Berg und Tal,
Äckern und Wiesen, Seen und Teichen,
Häusern und Hausrat. Es gibt dort
Backofen, Küche, Kessel und Häfen
usw. 29 ). Vereinzelt findet sich eine ty¬
pische Unterweltsvorstellung in Stöck-
heim in Südhannover, dort glaubte man,
unter dieser Welt befinde sich noch eine
andere bewohnte Welt, die von einem brei¬
ten und tiefen Wasser umgeben sei, über
welches man fahren müsse, um dort¬
hin zu gelangen 30 ). Eine charakteristisch
bäuerliche Meinung über das unterirdische
Totenreich wird aus der Oberpfalz be¬
richtet: Ein kleiner Junge findet sich beim
Blumenpflücken plötzlich vor einem gro¬
ßen Tore, ein alter Mann winkt ihm freund¬
lich und nimmt ihn in Dienst. Er hat
nichts zu tun, als das Tor zu öffnen, so oft
im Dorfe eine Leiche ausgeläutet wird.
Doch durfte er die Vorübergehenden nicht
fragen, woher sie kommen, und nicht
nachschauen, wohin sie gehen. Viele Be¬
kannte sah er dann im Laufe seines zehn¬
jährigen Dienstes vorübergehen. Einmal
blickte er einem Toten nach und schaute
nun in eine Stube, und in dieser saßen alle,
die vorübergekommen waren 31 ).
Da Höhlen naturgemäß besonders in
gebirgigen Gegenden sich bilden und da
weiter Felsen und Berge gleich den mensch¬
lichen Bauten aus der Erde herausragen,
entwickelt sich die Vorstellung von einem
Toten- und Geisterreich in Bergen. Ein
Knabe, den sein Vater zum Teufel ver¬
flucht hatte, trifft den Teufel als Reiter
und wird von ihm bis an einen Berg ge¬
führt, der Reiter schlägt mit einer Rute
auf den Berg, er öffnet sich, und die H.
liegt offen da 32 ). Es ist zunächst ein neu¬
trales Geisterreich, das die Phantasie im
Innern der Berge vermutet, das bald als H.,
*
189
Hölle
190
I ' bald als Paradies näher bestimmt wird. So
wird ein von der Stiefmutter mißhandeltes
' Kind von der Jungfrau Maria zu einem
. Felsen geführt, die Jungfrau Maria klopft
* an, und ein Tor zu einem prächtigen Pa-
1 laste öffnet sich 33 ). In der Oberpfalz hört
L ; man in einer bestimmten Anhöhe die
Geister Kegel schieben. Einer wollte sich
in der Nähe hängen: schon am Strick
f hörte er wunderschöne Musik aus der An¬
höhe heraus 34 ). Es ist klar, daß die kegel¬
schiebenden Geister im Berg Gestorbene
sind, zu deren vergnügtem Dasein die
Volksphantasie den Selbstmörder ge¬
langen lassen wollte (vgl. Kyffhäuser, Un-
tersberg).
Sehr häufig wird das Leben der Toten
in der Unterwelt mit fröhlichen Farben
geschildert. Freilich war es grausig, mit
den Abgeschiedenen in Berührung zu kom¬
men. Sie sind spukartig, sie haben aufge¬
hört, das Leben fördern zu können, ohne
Inhalt und Ziel verbringen sie die Zeit
bei Spiel und Gelage. Eine Reihe von
Sagen berichtet von Menschen, die zu¬
fällig oder in einer bestimmten Absicht
lur H. gelangt sind und die dort die Ver¬
storbenen gesehen haben. Obgleich in
vielen Fällen diese H. als ein Qualort be¬
schrieben wird, ist doch ersichtlich, daß
erst nachträglich unter dem Einfluß christ¬
licher Vorstellungen ein ursprünglich ganz
neutraler Aufenthaltsort der Toten zu
einem feurigen Strafort gemacht w r orden
ist. Gewöhnlich haben diese H.nbesuche vi¬
sionären Charakter. An unheimlichen Or¬
ten erwacht der Mensch nach dem Gesicht.
So fand ein Müller, der nachts heimritt,
auf dem Schwarzenwürberg (Oberpfalz)
plötzlich eine schöne Straße, der er folgte,
bis er an einen Ort kam, wo viele saßen,
die schon gestorben waren. Sie hoben
ihn vom Rosse und banden dies an eine
Säule, dann brachten sie ihm zu trinken 35 ).
Ebendort gelangte einer in ein Zimmer,
in welchem Verstorbene saßen und Karten
spielten, die Füße hatten sie unter dem
Tisch in einem feurigen Kessel 36 ). Am
Schwarzweiher in derselben Gegend sah
ein Reiter nachts plötzlich ein hell er¬
leuchtetes Haus, darin ein Lärm wie von
einer fröhlichen Gesellschaft. Er band
sein Pferd an die Türe, trat ein und sah
hier mehrere Verstorbene sitzen, im Hof
schoben andere Tote Kegel. Voll Angst
ging er zur Tür, fand sein Pferd an einen
Strauch gebunden, das Haus war ver¬
schwunden 37 ). Aus Südhannover be¬
richtet eine Sage von einem Ritter Hans
von Lichtenstein, der nach seinem Tode
seinem Hofmeister die H. zeigt. Er führt
ihn zu dem Eingang einer Höhleim Walde,
dort treten sie ein, und der Ritter setzt sich
auf ein rotes Ruhebett, alles ist rot, die
Stühle, Geräte, Pantoffeln, rote Diener
bringen rote Speisen und roten Wein.
Alle diese roten Dinge sind glühend. Der
Ort wird jetzt noch H. genannt 38 ). Eine
weit verbreitete Sage berichtet von der
H.nwanderung eines Pächters oder Bauern,
der von seinem verstorbenen Herrn eine
Quittung holen will. Die H. hat in diesen
Sagen denselben feudalen Anstrich, wie in
der eben erwähnten. So geht nach
mecklenburger Sage ein Pächter durch
eine Tür in einen Berg, dann durch ver¬
schiedene Zimmer. Er findet seinen Herrn
im letzten Zimmer, dort spielt er mit noch
dreien Karten 39 ). Oder ein Oberpfälzer
Bauer findet seinen Herrn in einer Burg
beim Kegeln 40 ), oder mit drei andern
mit glühenden Karten spielen, die Füße
in einem Kessel mit Glut 41 ). Nach thü¬
ringer Sage suchte ein Schäfer von seinem
Herrn die Quittung zu erlangen. Ein
graues bärtiges Männchen gab ihm einen
Stab und führte ihn zu einer Tür, die er
bis dahin nie bemerkt hatte. Mit dem
Stabe klopfte der Schäfer an und fand
seinen Herrn mit dreien beim Kartenspiel.
Sobald er ihn mit dem Stabe berührte,
sprühten Flammen um die Spitze des
Stabes. Die Mütze, die ihm der Gutsherr
als Kennzeichen mitgab, brannte ein Loch
in den Tisch 42 ). In Kärnten reitet der
Pächter durch einen Wald und sieht plötz¬
lich das Abbild des Schlosses seines Herrn
vor sich. Ein Stallbursche nimmt ihm das
Pferd ab, im Prunksaal findet er eine
große Gesellschaft fröhlicher Zecher, die
ihm zutrinken. Plötzlich erwacht er und
findet sich auf dem Friedhof liegend, sein
Pferd an ein Grabkreuz gebunden 43 ).
Gelegentlich zerfließen dann solche re-
Hölle
192
191
lativ bestimmte Vorstellungen von einer
Gesellschaft der Toten in spukhaften Er¬
weiterungen. So sah ein Müller an einem
unheimlichen Weiher ein hell erleuchtetes
Schloß, darin Hexen und Druden tanzten,
während Katzen auf spielten. Er band
sein Pferd an einen Ring des Fensters.
Im Zimmer sah er einen schwarz gedeckten
Tisch, daran spielten viele Herren Karten,
sie luden ihn ein, lustig zu sein, zu tanzen
und zu trinken. Wie er herausging, war
alles verschwunden, sein Pferd an einen
Strauch gebunden 44 ). Einem anderen be¬
gegneten in einem solchen Schlosse Pudel
mit ungeheuren Augen, große Katzen und
ein Pförtner mit Schlüsseln. Der führte
ihn in einen Saal, wo gezecht und ge¬
spielt wurde. Karten, Würfel, Damen¬
brett, Kegel und Kugel waren von glühen¬
dem Eisen. Dazu wurde schäumendes
siedendes Bier kredenzt. Wie der Mensch
wieder zu sich kam, stak er bis zum Knie
im Sumpf 45 ).
Es war aber nicht nur die Vorstellung,
daß Höhlen, Weiher und Sümpfe Eingänge
in ein unterirdisches Reich seien, die solche
Orte zu den Stätten höllischer Visionen
werden ließen. Ein anderes Moment
kommt hinzu. Es wird oft berichtet, daß |
Spukgeister, die die menschliche Gemein¬
schaft erschrecken und stören, gefangen
und gebannt werden. Meist sind diese j
Spukgeister ruhelose Seelen, die am Ort
ihrer Verbrechen umgehen müssen. Die
Menschen befreien sich von ihnen, indem
sie sie durch Priester oder andere des
Bannens Kundige in öde, unheimliche,
von den menschlichen Wohnsitzen weit
entfernte Orte vertragen lassen. Fels¬
klüfte, Seen und Moore erschienen oft als
geeignet hierfür, und das Zusammenhausen
der Gebannten an diesen Stätten ließ das
Bild einer H. entstehen. Gefürchtete See¬
len von Tyrannen, Hexen, Zauberern,
Wucherern, Selbstmördern wurden an
solche einsamen Orte gebannt. So in
Bayern in die Gegend am Rachelsee 46 ).
Den Pfleger von Naabburg ließen seine
Kinder von einem Feilenhauer auf einen
Felsen vertragen 47 ), und die Pudel und
Katzen des oben erwähnten Beispiels sind
ebenfalls vertragene böse Geister 48 ), des¬
gleichen die Hexen und Druden 49 ). Das
Volk von St. Maurice in Wallis verbannt
alle bösen belangreichen Mitbürger nach
ihrem Tode in die Bergwüste von Planne-
vet, sündigen sie da fort, so entstehen für
das Land Überschwemmungen und Ge¬
witter 50 ). Bemerkenswert ist die Be¬
ziehung dieser Gebannten zum Wetter.
Erst sekundär werden derartige öde Orte
zu Straf orten. Zunächst handelt es sich
darum, die im Leben der menschlichen Ge¬
sellschaft feindliche Potenz nach dem Tode
zu isolieren, doch bleibt die Gefahr und
entlädt sich im Wetter. Im Tessiner Lande
werden die Seelen der Geizhälse auf die
öden Bergfirsten von Bellinzona gebannt
und müssen da das Wetter machen, eben¬
so die Berner Zwingherren, sie müssen da¬
zu im Frühjahr den Bergschnee weg¬
fressen. In Wallis müssen ränkesüchtige
Advokaten nach dem Tode auf .den Ber¬
gen die Wolken treiben 51 ). Bei Luzern
i hausen im Enziloche die Talherren, die
im Leben die Armen unterdrückt haben.
Wenn das Wetter schlecht wird, hört man
aus diesem Loche Krachen und Donnern 52 ).
Diese Bannorte gefährlicher Seelen werden
dann zu Straforten weiter entwickelt. Das
Krachen im Enziloche wird dann so er¬
klärt, daß die Talherren riesige Felsblöcke
aus der Tiefe heraufwälzen müssen, ohne
daß ihnen dies je gelänge. Oder die ge¬
bannten Seelen der Geizhälse müssen im
Wallis den Rhonesand in bodenlosen Ge¬
schirren zu Berge tragen 53 ). In den Diable-
rets im Wallis ist eine Kolonie Verdamm¬
ter im Gefängnis, die Diablerets gelten als
eine Vorstadt der H. 54 ). In der Nähe von
Chur ist eine öde Schlucht, der Skalära-
tobel, ein Sonderexil für Churer Bürger,
die dort nach Art ihrer Sünden büßen
müssen 55 ).
Die Vorstellung, daß bestimmte Punkte
irgendwie mit der H. zu schaffen haben,
hat durch das ganze deutsche Sprachge¬
biet zahlreiche Ortsbezeichnungen wie
H., H.nloch, H.ntal, H.ntor, H.nküche
usw. hervorgebracht.
n ) Klapper Erzählungen 296. 12 ) Müllen -
hoff Sagen 576 Nr. 591. 13 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 149 h; ähnlich Kühnau Sagen
3, 310. 14 ) ZfVk. 1 (1891), 217. 15 ) FientPräffi-
1 gau 170. 16 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25.
193
Hölle
194
In den Sagen von H.besuchen ist der Eingang
oft eine plötzlich erscheinende Höhle oder ein
Tor im Berg. 17 ) vgl. z. B. die griechischen
Plutonien Rohde Psyche 1, 212 — 214. 18 ) Meyer
Baden 10. 19 ) Kuhn Westfalen 1, 251 Nr. 286.
•®) Müllenhoff Sagen 374 Nr. 503. 21 ) Knoop
Hinterpommern 45. 22 ) Schell Bergische Sagen 2
224 Nr. 611. 23 ) Birlinger Volksth. 1, 262.
•*) Sepp Sagen 391. 25 ) Ebd. 26 ) Böckel Volks -
tage 77. 27 ) Höhn Geburt 258. Die „H.“ zu
Inzikofen und der „H.brunnen“ auf der Alb
Bind Kindlesbrunnen: Meyer Baden 10.
*•) Kühnau Sagen 3, 311. 29 ) Birlinger
Volksth. 1, 262. 30 ) Schambach u. Müller
236 f. Nr. 244. 31 ) Schönwerth Oberpfalz 1,
277 f. 32 ) Ebd. 3, 37. 33 ) Ebd. 3, 313. 34 ) Ebd.
3, 147. 33 ) Ebd. 3, 143. 34 ) Ebd. 3, 144. 37 ) Ebd.
3, 142 f. 38 ) Schambach u. Müller 228 f.
Nr. 239; Eckart Südhannover. Sagen 15 ff.
••) Bartsch Mecklenburg 1, 454 h 40 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 140. 41 ) Ebd. 3, 141.
4f ) Sommer Sagen 68 f. Nr. 60. 43 ) Gräber
Kärnten 189 f. 44 ) Schönwerth Oberpfalz 3,
143. 45 ) Ebd. 3, 141 f. 44 ) Sepp Sagen 392 ff.
Nr. 105. 47 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 142.
4I ) Ebd. 3, 141. 49 ) Ebd. 3, 143. b0 ) Rochholz
Naturmythen 14. 61 ) Ebd. 12. 62 ) Ebd. 13.
M ) Ebd. 12. 54 ) Ebd. 14. 65 ) Luck Alpensagen
27 ff.
3. Die mythische Höllenland¬
schaft.
Weg — Wiese — Wirtshaus — Schranken
zwischen Diesseits und Jenseits, keine Gemein¬
schaft mit den Abgeschiedenen.
Diese Vorstellung von einem unterir¬
dischen durch das Grab, Höhlen oder
Seen erreichbaren Totenreich, wie die von
dem Aufenthaltsort gebannter Geister in
imheimlichen Einöden, ist die unterste
Schicht des H.nglaubens. Die Vorstellun¬
gen bleiben an bestimmte Örtlichkeiten
gebunden. Die Phantasie überschreitet
nicht ihr alltägliches Interessengebiet,
das durch die bäuerliche Gemeinschaft
begrenzt wird. So sitzen die Toten eines
Oberpfälzer Dorfes unter der Erde in
einer Stube beisammen, oder hausen die
irdischen Herren auch als Tote in einem
Schloß, wie sie es auf Erden getan haben.
Charakteristisch für diese Schicht ist,
daß ihre Vorstellungen sich nicht von den
Affekten lösen, die zu ihrer Bildung ge¬
führt hatten. Es sind bestimmte Tote, an
die man denkt und deren Weiterleben
man auf bestimmte, irgendwie nahehe¬
gende Örtlichkeiten verlegt. Auf dieser
Schicht erhebt sich eine andere, in der die
Phantasie sich von den bestimmten Fäl-
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
len befreit hat, sie gestaltet nun — immer
beeinflußt von irdischen Vorbildern —
eine mythische H.nlandschaft. Freilich
hat sich hier keine feste Meinung ge¬
bildet, die allgemein verbindlich gewor¬
den wäre, sondern eine Reihe verschie¬
dener H.nvorstellungen bleibt nebenein¬
ander bestehen, sich in den einzelnen Ge¬
genden in wechselnder Weise zusammen¬
fügend. Aber die wesentlichen Züge
kehren immer wieder.
Zunächst findet sich die Beschreibung
des Weges. Zur H. führt ein schöner,
üppiger, schattiger Weg abwärts 56 ), oder
es wird eine breite Straße genannt, auf
der die Menschen paarweise der H. zu¬
tanzen 57 ). Boleslaus IV. von Oppeln
ritt zu Roß in die H. 58 ). Häufig gilt dieser
Weg als unbequem. Er ist nach einer
Volkssage aus dem Kanton Zürich rauh
und schmal und mit Dornen bewach¬
sen 59 ). Ein Bauer, der es mit dem Teufel
hat, führt seinen Grafen und den Büttel
in die H. Am dritten, letzten Tage kom¬
men sie durch lauter Wildnis über Stock
und Stein, durch Sumpf und Wald 60 ).
Ein altes Weib, das einem Bauern ver¬
sprochen hatte, nach dem Tode ihm Aus¬
kunft über das Jenseits zu geben, erscheint
und sagt, der Weg zu ihm sei ihr
härter angekommen, als wenn sie auf
Disteln und Dornen gegangen wäre 61 ).
Hierher gehört dann auch die Sorge für das
Schuhwerk des Toten, damit er die Reise
im Jenseits bewältigen könne 62 ) (vgl.
Schuh).
Das Ziel dieses Weges wird verschieden
geschildert. Üben aschend ist zunächst
eine grüne Wiese, die vor der H. liegen
soll. Dieselbe Wiese findet sich in den Pa¬
radiesesvorstellungen wieder, dort war
sie geeignet, zu einem Ort der Freuden
weiter ausgemalt zu werden. In den H.n¬
vorstellungen ist die Wiese ein noch neu¬
traler Ort. In Breslau hört man zuweilen,
namentlich von Mädchen: „Komme ich
nicht in den Himmel, so komme ich doch
gewiß auf die grüne Wiese*‘ 63 ). Hier er¬
scheint die Wiese als ein Vorort des Him¬
mels. Zugrunde liegt eine alte Jenseits¬
vorstellung, die nicht in Paradies und
H. differenziert war. So oft ein neuer
7
195
Hölle
197
Hölle
198
Gast kommt und auch bei anderen Ge¬
legenheiten, wird auf dieser Wiese ge¬
tanzt 64 ). Vor allem ist diese Wiese aber
eine Viehweide 65 ). Ein Fastnachtsspiel
aus dem 15 . Jhdt. erwähnt diese; Stuten,
Esel und Kühe weiden darauf 66 ). Die
gleiche Wiese hat wohl ein schwäbisches
Märchen im Sinn, das von einem Riesen
erzählt, der von den Zwergen gefangen
wurde und in der Unterwelt das Vieh
hüten muß 67 ). Auch hier ist das eigentlich
höllische Kolorit erst eine spätere Zutat,
so, wenn es heißt, daß die Wiese vor der
H. früher ganz grün gewesen sei, jetzt
aber von den glühend heißen Füßen der
Verdammten, die hier tanzen, rot ge¬
brannt 68 ); oder wenn das Vieh auf dieser
Wiese als schwarze Wildschweine, Stiere
und Pudel Geister darstellt, die noch er¬
löst werden können; hinzugesetzt wird
dann, daß diese nur an Feiertagen hier
weiden 6Ö ). Ein anderes Märchen erzählt
von einem schlechten Pfarrer, der durch
ein Loch in die Erde hineinfiel, das Loch
aber hatte keinen Grund, so fiel er bis
auf einen grünen Platz, der vor der H.
war. Da jagte immerfort ein stummer
Jäger nach einem Stück Wild. Auf dem I
grünen Platze floß auch ein Wasser, an
dem stand und wusch ein nacktes stum¬
mes Mädchen. Auf dem Rasen waren
auch Musikanten, die spielten immerfort, ]
und Paare, die tanzten immerfort. Auch
diese waren stumm. Dort war weiter ein i
Ruhebett, darauf lag der Freund dieses
Pfarrers, ein ebenso schlechter Pfarrer. :
Neben ihm brannte ein Kirchenlicht, von
dem tröpfelte ohne Aufhören das Wachs
auf seine nackte Brust. Dieser gibt ihm
die Erklärung: der Jäger, das Mädchen, die
Musikanten und die Tänzer haben alle den
Sonntag nicht geachtet. Es gelingt dem
Pfarrer, von diesem Orte wieder auf die
Erde zu kommen, er war 500 Jahre fort
gewesen 70 ). An diese Wiese ist auch ge¬
dacht, wenn in der Alt mark gesagt wird,
im Nobiskrug müßten diejenigen, die im
Leben nichts getaugt haben, Schafböcke
hüten 71 ) (vgl. Asphodeloswiese, grüne
Wiese). Ein neuer Gedanke fließt hier ein,
wenn nach steiermärkischem Glauben die
Soldaten nicht in den Himmel kommen.
196
sondern auf die grüne Wiese. Hier war¬
ten sie, bis der Tag kommt, an dem sie auf
der Welt wieder erscheinen werden 72 )
(vgl. bergentrückt, schlafende Helden).
Ein weiteres Element, das zu der my¬
thischen H.nlandschaft gehört, ist der No¬
biskrug oder das Nobishaus. Ursprünglich
dachte man sich dies Haus wohl als das
letzte Ziel auf der Reise des Toten. Da¬
ran könnte die Meinung aus der Altmark
erinnern, wonach der Nobiskrug der
Himmel selber ist. Hier kommen nach
dem Tode alle zusammen, da wird Karten
gespielt — was ja schon mehrfach als
Zeitvertreib der Abgeschiedenen begeg¬
nete; die, welche es auf der Erde nicht
gelernt haben, müssen Fidibus pflücken 73 ).
Die Vorstellung dieses Totenheims er¬
weiterte sich dann zu der des Wirtshauses;
hier wird der Ankömmling von den Teu¬
feln bewirtet, sie zechen mit ihm und
trinken ihm das Draufgeld 74 ). Eine wei¬
tere Entwicklung läßt aus diesem Wirts¬
haus speziell ein Grenzwirtshaus werden,
hier bekommt man den Paß zum Him¬
mel 75 ) (vgl. Nobiskrug).
Der Weg zur H., die Wiese und das
Wirtshaus sind Vorstellungen, die der
Phantasie, die sich ein Bild vom Jenseits
ausmalte, am nächsten lagen. Neben die¬
sen Gebilden wurde eine andere H.nVor¬
stellung entwickelt, die von dem Gefühl
ausging, daß die Welt der Gestorbenen
eine wesentlich andere sein müsse als die der
Lebenden, daß zwischen beiden kaum
überwindbare Hindernisse liegen. Und
aus der alltäglichen Erfahrung schöpfend,
dachte man sich die H. von Wasser oder
einer Mauer umschlossen. Eine in Deutsch¬
land vereinzelte, aber typische Unterwelts¬
vorstellung ist die aus Südhannover ge¬
meldete: unter dieser Welt ist eine andere
von einem tiefen Wasser umflossene, das
man überfahren muß 76 ). In Westfalen
findet sich der Glaube, daß die H. im
Norden jenseits des großen Wassers läge.
Der Teufel erwartet hier die Seelen mit
einem Ruder in der Hand. Er pflegt sie
dann zu ersäufen 77 ). Oder die H. ist von
einer Mauer umgeben. Ein Knabe, den der
Teufel in Dienst genommen hatte, muß
das große Tor öffnen, kommt ein Großer,
das kleine, kommt ein Armer 78 ). Gele¬
gentlich werden vier schwarze Tore der H.
nach den vier Himmelsrichtungen hin
gezählt 79 ).
Die Schranke, die man zwischen den
Lebenden und den Toten fühlte, erscheint
nicht nur als Wasser oder Mauer, das die
Toten weit umgibt, sondern das Gefühl
für die absolute Andersartigkeit der Ab¬
geschiedenen erzeugte noch den Glauben,
daß jede Berührung mit ihnen für den
Lebenden verhängnisvoll sei. Gelegent¬
lich findet sich die Vorschrift, mit den To¬
tengeistern nicht zu reden. Freiherr
Albrecht von Simmern wurde einst von
einem Geist auf schöne Wiesen und in ein
Schloß geführt, in dem er seinen toten
Onkel und seine Reisigen an einer Tafel
sieht. Alle schweigen, und der Geist sagt
ihm: laß dich ihr Schweigen nicht be¬
fremden, dagegen rede auch du nicht mit
ihnen. Später verwandelt sich die ganze
Herrlichkeit in Qualm, Feuer, Pech und
Schwefel 80 ). Auch in den Märchen er¬
scheint gelegentlich das Gebot, mit Gei¬
stern auf keinen Fall zu reden 81 ). Der
Grund ist der, daß durch ein Gespräch
eine Gemeinschaft mit den Geistern ge¬
schaffen, jene Schranke durchbrochen wer¬
den würde. Aus dem gleichen Grund ist es
gefährlich, die Geister zu berühren 82 ).
Vor allem aber muß vermieden werden,
mit ihnen zu essen und zu trinken. Wer
an ihren Mahlzeiten teilnimmt, ist ihnen
verfallen. Der Oberpfälzer Müller, der
eines Nachts plötzlich eine schöne Straße
entdeckte und zu den Abgeschiedenen ge¬
langte, genoß nichts von dem Trünke,
den sie ihm anboten, ,,und das war sein
Glück“ 83 ). Ein Schusterjunge wird vom
Teufel zu einem Gelage entführt. Wenn
er sein Glas nicht austrinken wollte, wurde
es ihm eingezwungen. Der Teufel sagt
dann zu ihm: du hast mit mir gegessen
und getrunken, du mußt bei mir bleiben 84 ).
Ein Bauer läßt sich von den an einem
Grabhügel zechenden Unterirdischen den
Becher geben, gießt den Trunk aber aus,
dabei versengt die Flüssigkeit die Haare
des Pferdes 85 ). Das feurige Element ist
auch in diesen Geschichten sekundär, aus
der christlichen H.n vor Stellung entlehnt.
Endlich hat das Gefühl für die Gefährlich¬
keit der Jenseitigen noch eine letzte Vor¬
sichtsmaßregel hervorgebracht: Wenn
nämlich ein Mensch in ihre Gesellschaft
gerät, so hat er beim Betreten ihres Gebietes
auf seinen Weg zu achten, wenn er ihn
nicht verlieren und dadurch jenen ausge¬
liefert sein will. Ein Mensch, der in die
Gesellschaft kartenspielender Abgeschie¬
dener geraten war, entdeckte unter diesen
plötzlich seinen Vater. Voll Entsetzen
ging er rücklings hinaus. Der Vater rief
ihm nach: es ist dein Glück, daß du rück¬
wärts zur Türe hinausgingst, sonst hättest
du dich nicht mehr hinausgefunden 86 ).
Gelegentlich werden die Schritte, die man
in jenes Reich gehen darf, begrenzt.
Einer trat drei Schritte hinein, da be¬
fiel ihn Grausen und er trat zurück 87 ).
Als Regel gilt, daß man drei Schritte vor
und drei Schritte zurück machen müsse,
um unversehrt zurückkehren zu kön¬
nen 88 ). Erwähnt sei noch, daß für den
Teufel eine merkwürdige Umkehrung die¬
ser Bestimmung genannt wird: wenn der
Teufel durch ein H.ntor hinausgegangen
ist, muß er durch ein anderes zurück¬
kehren 89 ).
56 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25; Stracker-
jan 1 2, 10. 57 ) Birlinger Volksth. 1, 262.
ß8 ) Kühnau Sagen 1, 341. 59 ) Sepp Sagen 74
Nr. 24. 80 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 34.
81 ) Ebd. 3, 151* <2 ) ZfVk. 4 (1894). 424. 63 ) Ehü.
457. 84 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25 f.
85 ) Ebd. 3, 26. 88 ) (A. v. Keller) Fastnacht -
spiele aus dem 15. Jhdt. Bibliothek des Lite¬
rarischen Vereins in Stuttgart 38 (1853) Nr. 56.
87 ) Birlinger Volksth. 1, 364. 88 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 25. 89 ) Ebd. 3, 26; über Ruhetage
in der H. vgl. bei dieser Gelegenheit Seb.
Merkle Die Sabattruhe in der Hölle, Römische
Quartalschrift 9 (1895), 489 ff. 70 ) Heinrich
Pröhle Kinder - und Volksmärchen (Leipzig 1853)
78 f. Nr. 25. 71 ) Kuhn u. Schwartz 132 Nr.
152, 2. 72 )Vernaleken Mythen 119 f. 7S ) Kuhn
u. Schwartz 132. 74 ) Schönwerth Oberpfalz
з, 25 f. 7ß ) Kuhn u. Schwartz 132. 76 ) Scham¬
bach u. Müller 236 f. 77 ) Graesse Preußen 1,
780 Nr. 831. 78 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 37.
7# ) Ebd. 3, 27. 80 ) Grimm Sagen, hrsg. von
Herrn. Schneider 2, 170 f. Nr. 534. 81 ) z. B.
Ernst Meier Deutsche Volksmärchen aus
Schwaben 3. Aufl. Stuttgart (1864) 180 f. Nr. 50.
82 ) Beispiele bei Schambach u. Müller 380.
83 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 143. 84 ) Tettau
и. Temme 146 ff. Nr. 146. w ) Müllenhoff
Sagen 576 Nr. 591. M ) Schönwerth Ober-
199
Hölle
200
Pfalz 3, 144. 87 ) Ebd. 3, 143. 88 ) Ebd. 3, 140.
8Ö ) Ebd. 3, 27.
4. Die allgemein menschliche Grund¬
lage der mythischen H.nlandschaft.
Die mythische H.nlandschaft mit dem
beschwerlichen Weg, der Wiese und dem
Haus, oder die durch ein Wasser oder eine
Mauer von der übrigen Welt getrennte
H. scheint zunächst eine in sich geschlos¬
sene Vorstellung zu sein. Man ist versucht,
hier eine eigentümlich germanische Jen-
seitsvorstellung zu vermuten. Indessen
zeigt ein Blick auf eine Sammlung 90 ) von
Jenseitsbildem, die aus der Welt der Na¬
turvölker zusammengetragen ist, daß in
der Fülle dieser Materialien die aus
deutschem Volksglauben aufgezeigten Vor¬
stellungen genügend Parallelen finden.
Daß der Tote an die Stätte seines Leich¬
nams gebunden bleibt, wird vereinzelt ge¬
meldet. So glauben die Orinoko-Stämme,
daß die Geister um ihre Gräber wan¬
dern 91 ), und die Kiwai-Leute in Neuguinea,
daß sie unter der Erde neben dem Leich¬
nam hausen 92 ). Daß das Jenseitsland
unterirdisch ist, ist ein verbreiteter Glau¬
be, man trifft ihn z. B. bei den indischen
Todas 93 ), den afrikanischen Basutos 94 ),
bei den Centraleskimos 95 ) oder den Sias
von den Pueblos 96 ). Bei demselben
Stamme findet sich der Glaube, daß die
Seelen der neugeborenen Kinder aus dem
gleichen unterirdischen Jenseits stam¬
men, in das die Toten gehen 97 ), was an
die deutsche Vorstellung erinnert, daß die
Kinder aus Brunnen, Teichen oder Höh¬
lenden Eingängen zurUnterwelt, kommen.
In der Mehrzahl aller Jenseitsvorstellungen
ist dem Wege zurUnterwelt besonderes In¬
teresse gewidmet, meist wird er als müh¬
selig geschildert. Vielfach wird dieser Weg
zu einem Ordal; gelingt es, ihn zu vollenden,
so erreicht man das meist freundlich ge¬
schilderte Totenreich, wenn nicht, ver¬
fällt man irgendwelchen Übeln. Bemer¬
kenswert ist, daß gerade die so charakte¬
ristisch erscheinende grüne Wiese in ver¬
schiedenen Formen immer wieder auf¬
taucht. Es ist begreiflich, daß einem mehr
an die Natur gewöhnten Menschen gerade
eine üppige Wiese als idealster Aufenhalts-
ort erscheint. Auf einen ursprünglich
idealen Aufenthaltsort weist auch die
deutsche H.nwiese hin. Die Thompson-
River-Indianer glauben, daß die Abge¬
schiedenen nach dem Tode unterirdisch
eine schöne Gegend voll Gras, Blumen
und Früchte finden werden 98 ). Einige
Papuastämme denken sich unter der Erde
ein Jenseits, wo alles so ist wie hier, doch
ist die Vegetation viel üppiger "). Die
Basutos kennen ein unterirdisches See¬
lenland mit grünen Tälern und mit Dör¬
fern wie auf Erden 10 °). Bemerkenswert
ist eine Parallele zu deutschem Volks¬
glauben von den ostafrikanischen Bon¬
dei, danach gehen die Seelen der Toten
durch ein ehernes Tor in einen Berg 101 ).
Häufig wird die Trennung dieser Welt
von der andern scharf betont. Meist ist
es ein Wasser. Die Kagoro vom Niger
kennen einen Strom, den die Seelen auf
einer Brücke überschreiten müssen 102 ),
ebenso die nordamerikanischen Hidat-
sa 103 ). Die Seelen der Araukaner müssen
über die See ins Jenseits 104 ). Oder es ist
eine Schlucht, über die die Seele hinüber
muß; so überschreiten die Toten der Oma¬
ha einen Abgrund auf einem Baum¬
stamm 105 ), die der Todas über einen Fa¬
den 106 ). Fast immer ist der Weg über
das Wasser oder die Kluft ein Ordal
in obigem Sinne. Ähnliches wird aus
deutschem Volksglauben noch anzu¬
führen sein. Endlich sei noch darauf hin-
gewiesen, daß der Aufenthaltsort der To¬
ten nach dem Glauben der Naturvölker
auch bei einer Teilung des Jenseits in ein
gutes und ein schlechtes doch kaum
Qualorte vom Charakter der christlichen
H. kennt. Das Feuer, das in die neutrale
deutsche Jenseitsvorstellung eingedrungen
war, findet sich hier nur vereinzelt, z. B.
bei den Sia von den Pueblos, dort werden
die bösen Seelen in ein großes Feuer ge¬
worfen 107 ); bei' den südamerikanischen
Payaguas erwarten die Bösen im Jenseits
Kessel und Feuer, bezeichnenderweise ist
gerade dieser Glaube als christlicher Im¬
port verdächtigt worden 108 ).
So kann gesagt werden, daß die my¬
thische H.nlandschaft sich aus Elementen
zusammensetzt, die überall auf der Erde
dem Menschen nahegelegen haben, wenn
«■*
1
201 Hölle 202
er sich ein Bild vom Jenseits machte.
Bei der Frage nach fremden Einflüssen
auf die H.n Vorstellungen im deutschen
Volksglauben werden entsprechende Vor¬
stellungen im antiken und vorderorien¬
talischen Volksglauben deshalb weniger
als Quellen, denn als Parallelen zu bewer¬
ten sein.
90 ) z. B. J. A. MacCullocb State of the Dead
(Primitive and Savage) bei Hastings 11, 817 ff.
Daraus sind die folgenden Zitate entnommen.
• l ) Hastings 11, 820 1 . 92 ) Ebd. 11, 821 r.
M ) Ebd. ii. 824 1 . M ) Ebd. 11, 820 r. 95 ) Ebd.
xi, 825 1 . M ) Ebd. 11, 824. 97 ) Ebd. 11, 824 r.
") Ebd. ii, 822 r. ••) Ebd. 11. 821 r. 10 °) Ebd.
Xi, 820 r. 101 } Ebd. 11, 820 r. 102 ) Ebd. 11, 821 1 .
l03 ) Ebd. ii, 824 1 . 104 ) Ebd. 11, 825 r. 105 ) Ebd.
11,8241. 106 ) Ebd. 11, 824 1 . 10? ) Ebd. 11, 824 r.
I08 ) Ebd. ii, 826 1 .
5. Die H.nvorstellungen der ger¬
manischen Religion und die my¬
thische H.nlandschaft in der älteren
deutschen Literatur.
Die Materialien, die bisher verwendet
worden sind, um ein Bild von den H.nvor¬
stellungen im deutschen Volksglauben zu
gewinnen, waren im wesentlichen aus neu¬
eren Feststellungen geschöpft. Es sind jetzt
die Ergebnisse durch die ältere deutsche
Literatur bis in die germanische Religion
zu verfolgen. Das Grab als der endgül¬
tige Ort, an dem sich das Schicksal des
Toten fortsetzt, findet sich nur selten, und
auch dann ist das Grab eher die Pforte,
durch die der Abgeschiedene ins Jen¬
seits geht. Burkhard v. Worms berichtet
als Brauch, daß einem Getöteten eine ge¬
wisse Salbe ins Grab gegeben werde,
gleich als ob mit dieser Salbe nach dem
Tode die Wunde geheilt werden könne 109 ).
Daß das Grab als letzter Aufenthaltsort
sich im deutschen Volksglauben, wie all¬
gemein, nur in Spuren findet, ist begreif¬
lich. Es genügte nicht den Ansprüchen der
Phantasie, die dem Toten ein weiteres
Leben in einer Gesellschaft der Gestor¬
benen führen lassen wollte. Die Grabes¬
vorstellung hat aber die germanische Jen-
seitsvorstellung beeinflußt. Von hier sind
z. T. die feuchten, kalten, düsteren Farben
genommen, mit denen in den alten Denk¬
mälern das Totenreich gezeichnet wird.
Neckel hat eine ansprechende Deutung
des Helhauses, das Völuspa 38 geschildert
wird, gegeben: danach ist dieser Saal,
der der Sonne fern mit nach Norden ge¬
richteten Türen auf Nastrand steht,
durch dessen Rauchloch ein Regen von
Gift hereinströmt und dessen Wände von
Schlangen umwunden sind, ein stilisiertes
Grab 110 ).
Der schwierige Weg ins Jenseits ist
schon angesichts der allgemeinen Ver¬
breitung dieser Vorstellung als alter¬
tümlich anzusehen. Die Schwierigkeiten
fließen zusammen mit den Hemmnissen,
die das Jenseits von der Erde trennen.
Deshalb gab man dem Toten den Hel¬
schuh, schon an. helskö, mit ins Grab, um
ihn für diesen Weg zu wappnen m ) (vgl.
Schuh, Leichenkleidung).
Die grüne Wiese war als Vorort der H.
überraschend. Gerade sie findet man aber
in der germanischen Religion deutlich,
freilich da, wo sie auch nach den Analo¬
gien bei den Naturvölkern besser hinpaßt:
in einem glücklichen Jenseits bei den
Göttern. Die eddische Mythologie kennt
die grünen Heime der Götter, in denen
ihr Gehöft liegt 112 ). Man ist versucht, das
Nobishaus an der Wiese mit diesem Bilde
zu vergleichen. Die Gestorbenen, die zu
Odin kommen, gelangen eben auf diese
immergrüne Au 113 ). Bei den Südger¬
manen erscheint diese Wiese als ,,grüne
Gottesflur" im Heliand u. Ö. 114 ). Wein¬
hold verbindet die grüne Wiese mit dem
Idafeld. Nach ihm ist eine Darstellung
der Wiese in der frühmittelalterlichen Ma¬
lerei darin zu sehen, wenn die Bilder auf
einem in drei Zonen (braun, grün, blau)
geteilten Grund gemalt sind, braun be¬
deutet die Erde, blau den Himmel, da¬
zwischen liegt die grüne Wiese 115 ). Hier¬
her gehört wohl auch die vereinzelte Vor¬
stellung, daß sich die Seelen aufs grüne
Gras setzen 116 ). Eine Wiese im Jenseits
findet sich auch in der späteren grie¬
chischen Mythologie 117 ), speziell neben
dem Hades schon die Asphodeloswiese
in der Odyssee 118 ). Ob Urverwandtschaft
vorliegt, ist nicht zu entscheiden. Wie
die Beispiele von den Naturvölkern zei¬
gen, ist die Vorstellung einer grünen
üppigen Jenseitslandschaft dem mensch¬
lichen Gemüt naheliegend, sie kann sich
203
Hölle
204
bei den Germanen und den verwandten
Völkern selbständig entwickelt haben.
Daß diese Wiese auch in den H.nvorstellun-
gen in christlicher Zeit lebendig geblieben
ist, zeigt den starken Eindruck dieses
Bildes. Die grüne Wiese war ursprüng¬
lich ein angenehmer Aufenthaltsort der To¬
ten, deshalb war sie vor allem geeignet, in
das Paradies verlegt zu werden, wo sie
denn auch, unterstützt von entsprechen¬
den, durch das Christentum gebrachten
Vorstellungen mehr zur Geltung kam (vgl.
Paradies).
Weniger befremdend als die Wiese es
zunächst war, erscheint das H.nwirtshaus.
Irgendwo müssen die Abgeschiedenen ein
Unterkommen finden. Bei den Natur¬
völkern sind es häufig Dörfer wie auf
Erden, in denen die Toten hausen. Der
Germane mochte zunächst weniger an
ein Dorf als an einen einzelnen Hof den¬
ken, vgl. oben das von grüner Au um¬
gebene Gehöft der Götter. Weiter mußte
der Gedanke an das beständige Ankom¬
men neuer Gäste nach irdischer Analogie
dazu führen, daß diese hier bewirtet wur¬
den, vor allem, daß ihnen ein Trunk
gereicht wurde. Schon in der Edda wird
der Met in der Unterwelt erwähnt, der
für den künftigen Unterweltsgast Baldr
bestimmt ist 119 ). Besonders nachdem
die Vorstellung von Walhall als dem Orte,
wo Odin die im Kampfe Gefallenen emp¬
fing, Platz gegriffen hatte, wurden Re¬
densarten wie ,,zu Odin fahren, bei Odin
zu Gast sein, Odin heimsuchen“ ge¬
bräuchlich 12 °). Hier ist Odin der Wirt,
Walhall eine Herberge, ein Gasthaus,
wo die Sterbenden noch am selben Abend
einkehren 121 ). In einem Gedichte Wal¬
thers v. d. Vogelweide ist Frau Welt Kell¬
nerin oder Schankmädchen eines Wirts¬
hauses, das dem Teufel gehört 122 ). Lu¬
ther hatte von der H. neben der biblischen
Vorstellung die eines großen Wirtshauses;
er spricht von des Teufels Tabern und
ihren hölzernen Tonnen 123 ). Im 16. und
17. Jhdt. wird für dies Wirtshaus der
Ausdruck Nobiskrug, Nobishaus u. ä.
beliebt, was dann weiter ganz allgemein
H. bezeichnet. Ein fremder Einfluß hat
hier die alte Vorstellung vom H.nwirts¬
haus getroffen; denn das Wort Nobis u.
ä. wird als aus en obis , en äbis, in abys-
sum entstanden gedeutet 124 ). In Parallele
hierzu sprechen die Schriftsteller gern
von dem Abgrund der Hölle. Der Aus¬
druck Nobishaus bezeichnet gelegent¬
lich nur die neutrale Unterwelt 125 ), meist
ist das Nobishaus aber mit höllischen Far¬
ben gemalt, der Teufel ist der H.nwirt,
Flammen schlagen zum Fenster heraus,
auf dem Gesims brät man die Äpfel 126 )
(vgl. Nobiskrug).
Die Trennung zwischen Erde und H.
ist in verschiedener Weise gedacht. Al¬
tertümlich und einheimisch ist wohl die
Vorstellung von dichten Wäldern, die dies
Jenseits umgeben. In einem lat. Lied
auf Bischof Heriger von Mainz (wohl aus
dem 10 . Jhdt.) heißt es: totum esse in-
fernum accinctum densis undique sil-
vis 127 ). In der Visio Godescalci (12. Jhdt.)
muß man auf dem Wege zur H. eine Ge¬
gend voll Dornen und Disteln barfuß
durchschreiten 128 ). Hierher gehört viel¬
leicht eine Redensart: über den Harz
(Wald?) gehen = sterben 129 ). Endlich
findet sich auch das Wasser als Grenze
zwischen der Welt und dem Jenseits als
Unterweltsströme 13 °).
Die nordische Mythologie hat eine sehr
eingehende H.nvorstellung entwickelt (vgl.
Hel), die ihrerseits schon von christlichen
Einflüssen abhängig ist. Diese heidnische
H., die in den nordischen Quellen kurz
vor dem Einzug des Christentums in
Erscheinung tritt, ist aber wenig volks¬
tümlich, mit den im deutschen Volks¬
glauben anzutreffenden Vorstellungen hat
sie nichts zu tun.
109 ) Grimm Myth. 3, 408; Neckel Walhall 38.
n0 ) Neckel Walhall 52. m ) Grimm Myth. 2,
697; Meyer Mythologie 173. 112 } Neckel
Walhall 61. 113 ) Ebd. 66 f. 114 ) Ebd. 66; Meyer
Mythologie 188. 115 ) ZfVk. 4 (1894), 457 * 116 )
Grimm Myth. 3, 247. 117 ) Grimm a. a. O.
ll8 ) Odyssee n, 539. 119 ) Baldrs Draumar 7.
12 °) Grimm Myth. 1, 120. 121 ) Ebd. 2, 668.
122 ) Güntert Kalypso 102. 123 ) Klingner
Luther 22. 124 ) Grimm Myth. 2, 672; Meyer
Mythologie 174. 125 ) Grimm Myth. 2, 837.
126 ) Ebd. 3, 296. 127 ) Ebd. 2, 668. 128 ) Meyer
Mythologie 173; Marcus Landau Hölle und
Fegfeuer in Volksglaube, Dichtung und Kirchen¬
lehre (Heidelberg 1909) 40. 129 ) Meyer Mytho¬
logie 173. 13 °) vgl. bes. Neckel 51.
205
Hölle
206
6 . Die christliche H.
H.nvorstellungen von Theologen gepflegt —
Feuer die charakteristische Pein — Andere
Qualen — Legende vom Mädchen, das den Vater
im Himmel, die Mutter in der H. sah — Die
H.nschilderungen im 13. Jhdt.
Der Ausgangspunkt für alle Jenseits-
und also auch alle H.nvorstellungen ist
darin zu suchen, daß dem naiveren Men¬
schen der Gedanke gar nicht kommt, daß
mit dem Aufhören des körperlichen Le¬
bens das Leben eines Menschen end¬
gültig abgeschlossen sein könnte. Die
Erinnerung an den Abgeschiedenen, die
durch Träume lange nach dem Tode noch
belebt wird, die Veränderung des ver¬
wesenden Körpers, die Nachwirkung der
Autorität des Toten in seiner Familie,
endlich die Furcht vor dem Toten als
einem gefährlichen, den Lebenden etwa
beneidenden Wesen wirkten zusammen
dahin, daß man überzeugt war, der Ge¬
storbene führe sein Leben weiter, nur in
einer anderen Form, einem anderen von
der Menschenwelt getrennten Lande. Im
allgemeinen bleibt der Starke auch nach
dem Tode ein Starker, der Schwache ist
auch im Jenseits der Unterlegene. Die
Toten sind keineswegs alle gleich, auch
dort gehören sie wie auch auf Erden zu
ihren Stämmen. Ein weiterer Schritt
führt zu der Vorstellung, daß die Toten
nicht ohne weiteres in ihr Bestimmungs¬
land kommen, die Schwierigkeiten des
Jenseitsweges werden zum Ordal, die
schwankenden Brücken überschreitet der
im Leben Starke, der tüchtige Krieger,
eben deshalb glücklich, der Schwache
dagegen geht hier zugrunde. Dann tauchen
Vorstellungen auf, daß besonders der
Verächter der Sitten des Stammes im
Jenseits nicht glücklich sein werde: das
erste Auftreten des Vergeltungsgedankens.
Das Ziel des jenseitigen Lebens ist in den
Vorstellungen vieler Völker der zweite
Tod, die endgültige Vernichtung 131 ). Der
Erfolg oder Nichterfolg im Jenseits ist
im ganzen gesehen ein mechanisches
Weiterwirken der Tendenzen, die den
Lebenden beherrscht hatten, wohl sind
es tierische oder dämonische Feinde, die
den Toten auf seinem Wege bedrohen
und ihn vernichten können, aber diese
sind nicht die Werkzeuge eines zentralen
Willens, der die Menschen im Diesseits
berät und im Jenseits zur Verantwortung
zieht. Deshalb finden sich in den Mytho¬
logien der Menschheit erst dann die Jen¬
seitsvorstellungen zu Freuden- und Qual¬
orten voll entwickelt, wenn eine Theo¬
logie vorhanden ist, die ein Sittengesetz
als ein göttliches verkündet. Es läßt sich
beobachten, daß überall da H.n als Qual¬
örter — und zwar überall im wesentlichen
mit den gleichen Farben gemalt — er¬
sonnen worden sind, wo eine Theologen¬
schaft die Erziehung der Menschen zum
Ziele hat, so in Indien, in China, in Japan,
in Iran, in Ägypten, in den antiken Sekten,
im Christentum, Judentum und Islam.
Die Martern der H. sind naturgemäß nach
irdischen Erfahrungen ausgedacht. Feuer
ruft die schrecklichsten Schmerzen hervor,
daher sehr häufig Feuerstrafen in der H.
In der nordischen Mythologie ist die der
späteren H. entsprechende Hel ein düsterer,
nasser, kalter Ort. Geschöpft war diese
Vorstellung aus dem Eindruck der Un¬
wirtlichkeit der nördlichen Gegenden und
besonders aus dem Gedanken an das
feuchte kühle Grab. Daß in dieses Bild
ein Qualort gezeichnet wurde, ist christ¬
licher Einfluß (vgl. Hel).
Die mythische H.nlandschaft kann ent¬
sprechend den Vorstellungen, die bei den
Naturvölkern zu beobachten sind, als
ein neutrales Jenseits verstanden werden,
in dem der Abgeschiedene sein Leben so
fortsetzen konnte, wie er es auf Erden
geführt hatte. Deutlicher bestätigten
diese Auffassung des Jenseits die Geschich¬
ten, in denen der Burgherr auch im Jen¬
seits als ein Burgherr in seinem Schlosse
haust, oder der Bauer mit seinesgleichen
in einer engen Stube zusammensitzt.
Aber in diesen Fällen fehlt doch gewöhn¬
lich nicht ein spezifisch christliches Kolorit.
Alles ist dort feurig und glühend. Ver¬
blaßt die mythische H.nlandschaft mehr
und mehr im Volksbewußtsein, so bleibt
doch eben die aus der Fremde eingeführte,
immer wieder durch die Geistlichen ge¬
nährte Vorstellung einer feurigen H.
Sie ist durchaus die vorherrschende.
Von einem Mädchen, das im Leben
207
Hölle
208
nicht zur Kirche ging und ein lustiges
Leben führte oder die ein Pfaffenweib
war, heißt es im Volkslied, daß ein Reiter
mit drei Federn am Hut sie abgeholt hätte:
Er reit mit ihr über Berg und Tal,
Er reit mit ihr in den höllischen Saal...
Sie setzten 's zu einem glühtigen Tisch,
Sie setzten ihr vor drei glühtige Fisch,
Sie stellten ihr vor eine Kandel mit Wein,
Wo nichts als Schwefel, als Pech glüht drein.
Sie setzten ihr auf eine glühtige Krön
Und tanzten mit ihr drei höllische Rahn
(Reigen) 132 ) oder:
Da kam ein böser Geist hervor
Und nahm sie herein ins Höllentor
Und setzte sie auf einen glühenden Stuhl
Gab ihr einen glühenden Becher in die Hand
Darnach ihr Mark und Adern zersprang 133 ) oder:
Sie setzten das Mädchen auf ’ne glühende Bank
Bis daß ihr das Blut unter die Nägel sprang...
Sie legten sie auf einen Tisch
Sie teilten sie wie einen Fisch 134 ).
Charakteristisch für die H. sind die Teufel.
Nach wendischem Volksglauben hat der
Teufel in der H. ein Schloß und läßt seine
Bedienten die Verdammten brennen 135 ).
Verbreitet ist der Glaube, daß die ver¬
dammten Seelen in verschlossenen Töpfen
auf dem Feuer stehen. Ein Junge, der
von seinem Vater zum Teufel verflucht
worden war, wird von diesem in Dienst
genommen, er muß unter solchen Töpfen
das Feuer schüren, er darf nicht hinein¬
schauen; wie er doch einmal hineinblickt,
sieht er seine Großmutter darin 136 ).
Nach einem Märchen aus Südhannover
sitzt ein Räuber zur Strafe in der H. bei
ungeheuren Schätzen auf einem glühenden
Kohlenbecken. Sobald er etwas berührt,
wird es zu Feuer und verbrennt. Er kann
durch einen unschuldigen Jüngling er¬
löst werden, der ihm freiwillig drei Jahre
seiner Leidenszeit abnimmt. Während der
drei Jahre, die der Jüngling in der H.
verlebt, darf er sich weder waschen noch
kämmen, sich den Bart nicht abnehmen
und die Nägel nicht schneiden, dazu kein
Vaterunser beten. Hält er die drei Jahre
nicht aus, so ist er selbst dem Teufel ver¬
fallen, und des Räubers Leidenszeit be¬
ginnt von neuem 137 ). Nach einem Po-
sener Märchen ist für einen Räuber in
der H. ein Bett und ein Ofen bereitet,
der Ofen ist rot vor Glut, doch kühlt er
sich infolge der Gebete des reuigen
Räubers ab. Das Bett ist mit lauter
spitzen Messern besetzt, sie werden durch
seine Gebete immer weniger 138 ). Nach
einem oldenburger Glauben sitzt in der
H. eine alte freundliche Frau in einem
großen Sessel, sie bläst aus einem Horn
die Ankömmlinge an, dann stehen sie in
Flammen 139 ). Nächst dem Feuer sind
Stichwunden die schmerzhaftesten. In
Württemberg findet sich gelegentlich die
Vorstellung, daß die Verdammten in der
H. auf flammende Töpfe gesetzt würden
und daß dort der Boden mit aufgerich¬
teten Stecknadeln bedeckt sei 140 ). Die
empfindlichsten Körperstellen werden den
Qualen ausgesetzt. Aber die wesentliche
Strafe, die charakteristische, ist doch
das Feuer.
Seit dem Eindringen des Christentums
ist gerade diese Auffassung der H. in den
Denkmälern immer wieder zu belegen.
gehenna wird erklärt als hellafiuri, mhd.
hellefiwer 141 ), helleviur 142 ). Schon ahd.
wird lediglich beh (Pech) für H. gesetzt,
mhd. in dem beche = in der H.; diu
pechwelle 143 ); bech unde swebel ; von deme
bechen ; die swarzen pechwelle ; behwelle ; die
bechwelligen bache ; mit bechwelliger hitze 144 ).
Diese Verwendung von Pech im Sinne von
H. findet sich auch bei Slawen, Balten,
Griechen und Ungarn 145 ). Die H. ist
ein Feuerort: mhd. der helle fiw er st ot ; in
der helle brinnen und braten die Verdamm¬
ten 146 ). Dabei ist die H. düster, was
zu der Vorstellung von dunklem Feuer
führt. Später beschreibt Grimmels¬
hausen in der H. einen See voll kohl¬
schwarzen Feuers, dazu finstere schwarze
Flammen 147 ). Indessen es blieb nicht
nur beim Brennen der Verdammten. Die
Erfahrung der Schmerzen des Verbrühens
belebte immer wieder eine Vorstellung,
die die Schmerzen des Verbrennens und
Verbrühens vereinigte, so findet sich
mhd. ze helle baden 148 ); in der helle baden ;
in den swebelsewen baden 149 ). In einem
mhd. Gedicht wird eine verstorbene
Heidin als Wölfin dargestellt, der die
Teufel Schwefel und Pech in den Hals
gießen 150 ). In einem Schauspiel des
15. Jhdts. sagt Lucifer zu Judas:
*
209
Hölle
210
kum dir ist ein bad bereit,
dar in du badist in e*wikeit
mit schwebel, bech und heißen für,
din falsch verkoufen wird dir zetür 1S1 ).
Und in einem andern sagt Christus:
min rach hat hüt ir zitt
gand in die helle witt,
dar inn sond ir iemer brinnen,
r&w noch rast niemer gewinnen.
da sond ir iemer haben leid,
won die tüfel hand üch nüt verseit,
sie wellent üch seiden alle
und in die heischen kessel vallen,
da sond ir liden grossi not.
nun wol hin in die hellesot!
ir müssent och iemer vinster han,
nieman üch da gesechen kan.
nun strichent mir ab den ougen,
won üwer wil ich hüt verlogen 152 ).
Die Feuerqual findet sich in mannig¬
facher Weise ausgemalt. Die Verdammten
werden in der H.nküche gebraten und
dann von den Teufeln gefressen 153 ).
Statt des Feuers erscheint ungleich
seltener Kälte als Qual. Der Teufel
bringt den Theophilus in eine Burg, wo
es kalt ist, wo aber in Saus und Braus
gelebt wird 154 ). Grimmelshausen kennt
in der H. Orte schrecklichster Kälte 155 ).
Weiter sind Tiere, vor allem Schlangen
und Würmer, die Quäler. Ags. heißt die
H. vyrmsele, mhd. wurmgarten 156 ). Nach
einem Prättigauer Märchen jagte einmal
der Teufel eine Tanzgesellschaft in einem
unterirdischen Saale ohne Türen mit einer
großen Schlange in der Hand, bis alle
ohnmächtig umfielen 157 ) (Weitere Bei¬
spiele der H.nstrafen unten).
Eine bestimmte Erzählung möge die
Stetigkeit der H.nVorstellungen und ihren
Weg illustrieren. Eine von Rochholz mit¬
geteilte Aargauer Version berichtet sie
folgendermaßen: Einem Mädchen sterben
die Eltern, der fromme Vater plötzlich
und unvorbereitet, die leichtsinnige Mutter
dagegen ruhig und friedlich, sodaß das
Mädchen glaubt, der Vater sei in die H.,
die Mutter in den Himmel eingegangen.
St. Peter führt dann das ratlose Mädchen
in den Himmel, wo sie ihren Vater sieht,
dann in die H. durch ein finsteres Tor.
Da sieht sie ihre Mutter in einem Kessel
voll heißen Wassers sitzen. Beim Abschied
gibt die Mutter der Tochter die Hand,
dadurch wird die Hand des Mädchens
verbrannt, weil die Mutter selber brannte.
Das Mädchen befleißigt sich dann eines
guten Lebenswandels, um in den Himmel
zu kommen 158 ). Dieser Besuch von
Himmel und H. findet sich ähnlich in der
Exempelsammlung der Predigermönche
aus dem 13 . Jhdt., die Klapper heraus¬
gegeben hat. Der Vater war fleißig,
fromm und schweigsam, die Mutter schön,
geschwätzig und sittenlos. Beim Tode
des Vaters stört ein anhaltendes Un¬
wetter jedes Begräbnis, beim Tode der
Mutter ist heiteres Wetter. Das Mädchen,
das zweifelte, wessen Leben sie befolgen
solle, führt ein Engel zunächst ins Para¬
dies, in dessen Herrlichkeit es seinen Vater
erblickt, dann zur H.: et vidit vallem
profundissimam nimium sulphure reple-
tam, vbi erat fornax succensa emittens
fetidi ac putridi vaporem fumi. In hac
erat mater eius vsque ad collum mersa et
ignei serpentes eam amplexantes suxerunt
vbera eius; horribiles Spiritus desuper
stabant et eam cum furcis ferreis et igneis
in flamma verterunt 159 ). Etwa aus der
gleichen Zeit und nur wenig verändert
wird diese Geschichte aus Island berich¬
tet 160 ). Die Legende hat große Ver¬
breitung gefunden und liegt in verschie¬
denen Fassungen lateinisch, spanisch,
deutsch (im Seelentrost) und alt franzö¬
sisch vor 161 ). Die Quelle ist Vitae pa-
trum VI, 1 , 15 . Dort ist der Vater kränk¬
lich, fleißig, fromm, schweigsam. Die
Mutter gesund, liederlich und geschwätzig.
Beim Tode des Vaters ein Unwetter, beim
Tode der Mutter schönes Wetter. Ein
Engel — quidam grandi quidem corpore,
aspectu autem horribilis — führt das
Mädchen zu dem Vater im Paradies, und
zu der Mutter in der H.: Statuens autem
me in domo tenebrosa atque obscura,
omni stridore perturbationeque repleta,
ostendit mihi fomacem ignis ardentem et
picem ferventem, et quosdam illic terri-
biles aspectu stantes super fomacem.
Ego autem inspiciens deorsum video
matrem meam in fornace usque ad collum
demersam, stridentem dentibus et igne
ardentem, et vermium multum fetorem
fieri 162 ). Die Aargauer Legende läßt
sich also auf eine Vorlage zurückführen,
I
211
Hölle
212
die seit dem 13. Jhdt. nachweisbar ist
und gerade in dieser Zeit sehr beliebt
gewesen sein muß. Diese mittelalterliche
Form ist ihrerseits aus den Vitae patrum
geflossen. Der Weg ist bezeichnend. Der
Grundstock christlicher H.nVorstellungen
ist aus dem Legendenschatz der alt¬
christlichen Zeit nach Deutschland ge¬
kommen und hat die einheimischen An¬
schauungen mehr und mehr verdrängt,
so daß heute im wesentlichen nur noch
die christliche Feuerh. als H. im Volks¬
bewußtsein lebendig ist. Aber noch ein
zweites lehrt die Geschichte der behandel¬
ten Legende: das intensive Eindringen
dieser fremden Vorstellung im 13. Jhdt.
Wohl hatte schon von Anfang an die
christliche Predigt nur dieses H.nbild
gezeichnet, und seine Farben hatten wohl
auch schon vor dem 13. Jhdt. begonnen,
einheimische Vorstellungen zu verändern.
Z. B. findet sich schon bei Eckehard
v. Aura die Meinung, daß eine im Wormser
Gau nächtlich umgehende Reiterschar
die Geister gefallener Soldaten seien —
das ist einheimischer Glaube —, die aber
im Feuer der Strafe glühen, Waffen und
Pferde sind materia tormenti für sie 163 ) —
das ist christliche H.nauffassung, ganz
wie nach neuerem Volksglauben die
Burgherren in ihrer höllischen Burg mit
glühenden Karten spielen und glühende
Geräte benutzen müssen. Aber erst im
13. Jhdt. wird die H. zu einem Qualort
schlechthin, auch im Sprachgebrauch
setzt sich in dieser Zeit eine solche Auf¬
fassung durch (vgl. oben unter 1 ). Diese
Erscheinung findet ihre natürliche Er¬
klärung darin, daß in diesem Jahrhundert
die Bettelorden der Franziskaner und
der Prediger entstehen und diese im
gesamten Gebiet der Kirche in ener¬
gischer Weise das Volk zu bearbeiten
beginnen. Das Ziel dieser Orden war, die
Menschheit aufzurütteln, glühende Schil¬
derungen des Jenseits dazu das beste
Mittel. Das größte Denkmal über die
christlichen Jenseitsvorstellungen wurde
kurz nach dem Beginn dieser Epoche
geschaffen: Dantes Göttliche Komödie.
Einen guten Einblick in die Art, in der
die Bettelmönche dem Volk das Jen¬
seits nahebrachten, gibt die Exempel¬
sammlung, die Klapper herausgegeben
hat. Auch hier ganz überwiegend Feuer
als die H.nqual und Teufel als die unent¬
behrlichen Peiniger. So heißt es von
denen, die sich den Sünden der Habsucht,
der Falschheit, der Verzweiflung und der
Verschlagenheit schuldig machen: istos
peccatores ad suum artum infernum
deducet dyabolus, vbi secum perpetuo
torquebuntur 164 ). Eine Dirne sieht in
einer Vision den Tag des Gerichtes: die
Verdammten werden von Teufeln in ein
großes Feuer geworfen 165 ). Ein weltlich
gewordener Priester sieht eines Tages
in einer Vision eine schreckliche Teufels¬
schar mit großem Lärm auf sich zu¬
kommen, aus deren Mund und Nase
Flammen hervorgehen, sie kommen, um
ihn in das ewige Feuer zu holen, wo seine
Qual immer zunehmen soll, dort soll er
mit ihnen den Kelch ewiger Verdammnis
trinken 166 ). Als Beispiele der Verdammten
werden gerne Vornehme gewählt. Ein
Graf empfängt in der Todesstunde, ohne
recht gebeichtet zu haben, den Leib
Christi. Der Geistliche betet, den Zu¬
stand dieses Grafen im Jenseits sehen zu
dürfen: . . . subito sensit se raptum in
spiritu ad locum deterrimum, in quo
fuit puteus, ex quo exibant voces lamen-
tabiles et fetor nimius exalabat et dum
hec orando videret, ecce, videt, quod
demones ducebant virum horribiliter
cathenatum ignea cathena ipsum ver-
berantes igneis fiagellis, ut ipsi videbatur,
et nitebantur illum inducere in illum pu-
teum fetidum, sed nequiebant. Et cum
ille miser diu verberaretur, diligenter
intuens eum cognouit comitem esse, pro
| quo orabat, et cum eum magno conspi-
ceret horrore, vidit beatum Petrum
apostolum cum calice venire angelis
reuerenter ministrantibus et flexis ge-
nibus reuerenter illo reddente sacrum
sacramentum, quod minus digne susce-
perat, in calicem accipere. Et dixit:
Date ei, quod meruit et non miseremini.
Ait demon: Et vbi est apud nos miseri-
cordia? Hoc dicto demones comitem in
puteum miserunt. Et audiuit vir orans
lamentabiles uoces, ad quos territus
H«
»1
Hölle
214
euigilans omnia per ordinem narrauit 167 ).
Gelegentlich werden die Strafen speziali¬
siert, jeder wird in der Weise bestraft,
in der er gesündigt hat. So heißt es von
einem Sophisten: Legitur, quod quidam
scolaris nuper defunctus apparuit suis
socys in cappa de pergameno exterius
scripta de sophismatibus et intus ardentem.
Et hoc dicunt magistro. Qui ipsum
coniurans quesiuit, ut statum suum
reuelaret. Ille uero se dampnatum
narrauit. Cuius penam magister perin-
pendens petens, ut in manum suam sibi
mitteret tantum vnam guttam sui sudoris
et fecit. Sed et illa gutta cicius sagitta
manum eius transuerberauit et dixit:
Talis sum totus 168 ). Raffinierter sind
die H.nqualen, die ein reuiger adliger
Sünder in einer Vision zu sehen bekommt:
Videbatur siquidem ipsi in visione, quod
per. .. beatum Petrum apostolum... ad
locum deterrimum deferretur, in quo,
cum plurimos in penis grauibus conspexis-
set, vidit vnum super cratem poni et
a demonibus decoriari et ad ignem maxi-
mam assari. Et dum quereret, ob quam
causam sic cruciaretur, dixit: Quia, cum
essem nobilis, pauperes meos iniustis
exaccionibus turbaui et seruicys pluri-
bus bonis eorum eos excoriaui; et ideo
hanc penam habere merui sine fine.
Deinde uidit quendam iuuenem super
sedem igneam sedentem et in circuitu
eius mulieres, que faces accensas tenentes
ipsum cremabant, et demones ignem
ministrabant, et dum quereret, quis esset,
dixit se fomicatorem fuisse et istas mu¬
lieres esse, que ipsum induxerunt. Post
hec ostendit ipsi equum horribilem ignem
spirantem et super eum sedentem quen¬
dam amictum cappa ignea, et capra
ignea ferrea habens cornua et ignea et
pungebant eum et cor ipsius vulnerabant.
Que videns miles quesiuit a ductore, cur
sic pateretur. Ait ille: Iste fuit predo et
inter alia mala, que fecit, cuidam pau-
percule vidue recepit vnam capram, et
pro eo sic cruciatur, ut vides. Cappa
uero, quam vides, data est ei, quia or¬
dinem intrare vouerat et non inpleuit 169 ).
Es liegt wohl tief in der menschlichen
Natur begründet, daß eine Religion, die
auf der freiwilligen Unterwerfung des
Menschen unter einen göttlichen Willen
aufgebaut ist, in besonderer Weise den
Sinn für das Leiden entwickelt. Im
Christentum fand dieser Sinn sein Objekt
vor allem in dem Erlösertod Christi,
seine Betätigung in Askese und Mar¬
tyrium. Weiter wirkend schaffte er jene
schwüle Atmosphäre der Heiligenlegen¬
den, die in der Beschreibung der Martern
der Heiligen schwelgen, und noch weiter
äußerte er sich in umgekehrter Richtung
und am schrecklichsten in den Hexen-
prozessen. Auch die behandelten H.n Vor¬
stellungen zeigen dieses Interesse für
grausamste Qualen, einerseits an die
Schilderungen der Heiligenleben er¬
innernd, andererseits auf die Praktiken
der Inquisition hinweisend. Die H.nbilder,
die von den Bettelmönchen vorgeführt
wurden, erschöpfen sich nicht nur in
ausgesuchten körperlichen Peinigungen,
gelegentlich begegnen auch auf das Gebiet
des Seelischen hinüberspielende Qualen.
Eine auch künstlerisch durchdachte äl¬
tere Schilderung dieser Art erscheint in
Klappers Sammlung in folgender Gestalt:
Legitur, quod erat quidam nobilis, sed
oppressor pauperum et mundi amator.
Hic cum quadam die quiesceret in camera
sua, camerarius suus iacens ante cami-
natam raptus spiritu ante thronum dei,
vbi accusabatur dominus suus de omnibus,
que peregerat; pro quibus et recepit
sentenciam eterne dampnacionis. Qui
cum magno demonum strepitu ductus
fuit ante Luciferum. Cui demon, qui sibi
fuerat deputatus: Ecce, adducimus ad
te comitem, ut reddas ei precium pro
fideli suo seruicio, quo tibi seruiuit. Et
Lucifer: Adducite ipsum ad me, ut os-
culum dem sibi, seruo meo. Et cum ad-
ductus fuisset dicit ipsi: Non sit tibi pax
in secula seculorum. Post hoc dicit ei:
Iste seruus meus consueuit balneari;
ducite eum ad balneum. Cumque ductus
fuisset ad infernale balneum, vngwibus dya-
bolicis fricabatur. Alij ignem super eum
fundebant. Et eductus ponebatur in lecto
infemali... Tune dixit Lucifer: Date ei
bibere de calice ire domini. Et propinatus
est ei ignis, sulphurus, nix, glacies, que
...1
k
215
Hölle
2 IÖ
sunt pars calicis eorum. Qui dum cla-
märet, quod sufficeret, dicit Lucifer:
In poculo, quo miscuit, miscite illi duplum.
Et dixit: Audire consueuit dulces sym-
phonias. Surgant symphoniaci. Et ecce
duo demones cum tubis igneis appli-
cuerunt se illi et ignem in illum sic in-
sufflauerunt, ut de eius oculis, auribus,
ore et naribus ignis sulphureus exiret.
Et Lucifer: Adducite illum ad me. Et
cum adductus ad eum fuisset, dicit illi:
Tu dulces cantasti canciones, canta michi
et nunc. Et ille: Quid cantabo, nisi
maledicam diem, in qua conceptus et
natus sum. At Lucifer: Canta modicum
melius. Et ille: Quid cantabo, nisi
,,Maledicta sit mater mea, que me genuit“ ?
Et ille: Canta adhuc modicum melius.
Et miser: Quid cantabo: nisi ,,Ipse deus
sit maledictus, qui fecit et creauit me" ?
Et Lucifer: Hoc est, quod uolui. Nunc
ergo ducite eum ad sedem, quam meruit.
Qui cum ductus fuisset ad vnum puteum,
proiectus est in illum et factus est talis
strepitus, acsi omnis mundus caderet.
Ad quem strepitum, euigilans camerarius
cucurrit ad camenatam et dominum
suum mortuum inuenit cunctisque vi-
sionis ordinem narrans. Et postea or-
dinem est ingressus 17 °).
Aus der ersten Hälfte des 13 . Jhdts.
stammt ein weiteres Denkmal, das ein-
drucksvolle H.nschilderungen bietet, der ;
Dialogus miraculorum des Cisterziensers j
Caesarius v. Heisterbach. Die H.nqualen,
die end- und maßlos sind, werden als
neunerlei in einem Versehen zusammen¬
gefaßt: Pix, nix, nox, vermis, flagra,
vincula, pus, pudor, horror (XII, 1 ) 171 ).
Ein Abt, der vom Teufel in der Form
eines Steines höchste Wissenschaft emp¬
fangen hatte, stirbt, erwacht aber, nach¬
dem er die H.nqualen gekostet hat, wieder
zum Leben: Daemones animam tollentes
et ad vallem profundam, terribilem,
f umumque sulphureum e vaporantem,
illam portantes, ordinabant se ex utraque
parte vallis; et qui stabant ex una parte,
animam miseram ad similitudinem ludi
pilae proiieiebant; alii ex parte altera
per aera volantem manibus suscipiebant.
Quorum ex parte altera per aera volantem
manibus suscipiebant. Quorum ungues
ita erant acutissimi, ut acus exacuatas
omneque acumen ferri incomparabiliter
superarent. A quibus ita torquebatur,
sicut postea dicebat, cum eum iactarent
vel exciperent, ut illi tormento nullum
genus tormentorum posset aequiparari
(I, 32 ) 172 ). In ähnlicher Weise wird von
einem anderen berichtet, der mit dem
Teufel ein Bündnis geschlossen hatte.
Nach seinem Tode kommt er in die H.,
sein Leib wird aber wieder zum Leben
erweckt, so daß er noch Buße tun kann:
.. .rnissus est in ignem tarn intolerabilis
ardoris, ut diceret, si ex omnibus mundi
lignis unus ignis esset confectus, mallem
in eo usque ad diem iudicii ardere, quam
per spatium unius horae illum sustinere.
Ex quo extractus, iactatus est in locum
tarn frigidissimum, ut optaret redire in
ignem. Deinde deductus est in tenebras
palpabiles, tantique horroris, ut diceret
intra se: Si servivisses centum annis Deo,
bene te remunerasset, dummodo liceret
tibi redire ad frigus. In hunc modum
sex reliquas poenas... pertransivit (XII,
23 ) 173 ). Zu besonderer Lebendigkeit und
Tatsächlichkeit wurden die H.nschilde¬
rungen dadurch erhoben, daß von den
Peinigungen bekannter Zeitgenossen be¬
richtet wurde. In der Nacht, in der Wil¬
helm v. Jülich starb, hatte eine Nonne
folgende Vision: Eadem nocte... sanc-
timonialis quaedam... in loca poenarum
transposita est, in quibus puteum magni
horroris, igneo tectum operculo, inter
flammas vidit sulphureas. De quo cum
suum ductorem adinterrogasset, respondit
ille: Duae tantum animae in illo sunt,
anima videlicet Maxentii Imperatoris,
et anima Wilhelmi Comitis Juliacensis.
Zur Erklärung der Vereinigung dieser
beiden wird im einzelnen ausgeführt:
Iustum fuit, ut qui pares erant in culpa,
conformes fierent in poena. Derselbe
Graf wird noch folgendermaßen in der
H.npein beschrieben: Post mortem...
suam cuidam inclusae... visibiliter appa-
rens, vultu lurido ac macilento, ait: Ego
sum miser ille Wilhelmus quandoque
Comes Juliacensis. Quem dum illa inter-
rogasset de statu suo, respondit: Totus
217
Hölle
218
ardeo. Et cum levasset vestem vilissimam
qua indutus videbatur, mox flamma erupit;
sieque cum eiulatu disparuit (XII, 5) 174 ).
Ein anderer Fürst, dessen H.nqualen
beschrieben werden, ist Landgraf Ludwig
von Thüringen. Um ihn zu sehen, be¬
schwört ein Geistlicher den Teufel: Ait
daemon: Si vis mecum pergere, ego tibi
illum ostendam. Et ille: Libenter illum
viderem, si sine periculo vitae meae illum
videre possem. Cui diabolus: Juro tibi
per Altissimum, et per tremendum eius
iudicium, quia si fidei meae te com-
miseris, incolumem te illuc ducam hueque
reducam. Ponens clericus propter fratrem
animam suam in manibus suis, collum
daemonis ascendit, quem infra breve
tempus ante portam inferi deposuit.
Introspiciens clericus, contemplatus est
loca nimis horrenda, poenarumque di-
versa genera, et daemonem quendam
aspectu terribilem, super opertum pu¬
teum residentem. Clericus ut haec vidit,
totus contremuit. Et clamavit daemon
ille ad daemonem baiulum: Quis est ille,
quem tenes in collo? Adduc eum huc.
Cui respondit: Amicus noster est, et
iuravi ei per virtutes tuas magnas, quia
eum non laederem, sed animam Lant-
gravii domini sui ostenderem, sanum-
que reducerem, ut omnibus tuam immen-
sam praedicet virtutem. Ille vero statim
operculum igneum, cui insedit, amovit,
et tuba aerea puteo immissa, tarn
valide buccinavit, ut videretur clerico
totus tinnire mundus. Post horam, ut
ei videbatur, nimis longam, puteo eruc-
tuante flammas sulphureas, Lantgravius
inter scintillas ascendentes simul ascen-
dens, videndum se clerico collo tenus
praebuit. Ad quem ait: Ecce praesto
sum miser ille Lantgravius, quondam
dominus tuus, et utinam nunquam natus
(I, 34) 175 ). Von derH.nqual dieses Land¬
grafen erzählt Caesarius noch einmal an
anderer Stelle: Anima vero eius cum
educta fuisset de corpore, principi dae-
moniorum praesentata est, sicuti cuidam
manifestissime revelatum est. Sedente
eodem tartarico super puteum, et scyphum
manu tenente, huiusmodi verbis Lant-
gravium salutavit: Beneveniat dilectus
amicus noster; ostendite illi triclinia
nostra, apothecas nostras, cellaria nostra,
sieque eum reducite. Deducto misero ad
loca poenarum, in quibus nihil aliud erat
nisi planctus, fletus, et stridor dentium,
et reducto, sic princeps principem affatur:
Bibe amice de scypho meo. Illo valde
reluctante, cum nihil proficeret, imo
coactus bibe re t, flamma sulphurea de
oculis, auribus, naribusque eius erupit.
Post haec sic infit: Modo considerabis
puteum meum, cuius profunditas sine
fundo est. Amotoque operimento, eum
in illum misit, et removit (XII, 2) 176 ).
Dieser puteus erscheint mehrfach. Ein
Geistlicher, der seine Pfarrkinder schlecht
versorgt hatte, hat in der H. folgendes
Schicksal: Qui cum mortuus fuisset, paro-
chiani sub eo defuncti saxis comprehen-
sis in locis infemalibus illum artare
coeperunt, et dicere: Tibi commissi fuimus,
tu nos neglexisti, et cum peccaremus, nec
verbo neque exemplo nos revocasti. Tu
occasio nostrae damnationis fuisti. Quem
cum agitarent lapides post eum mittendo,
ille in puteum cadens, nusquam com-
paruit (XII, 6) 177 ). Ein Trunkenbold
sieht denselben H.nschacht: .. .in tantum
bibit, ut inebriatus a mente sua aliena-
retur, sic ut mortuum eum aestimarent.
Eadem hora ductus est spiritus eius ad
loca poenarum, ubi super puteum igneo
operculo tectum residere conspexit ipsum
principem tenebrarum. Interim inter
ceteras animas adductus est Abbas Cor-
beyae, quem ille multum salutans, cum
calice igneo poculum sulphureum ei
ministravit. Qui cum bibisset, amoto oper¬
culo rnissus est in puteum (XII, 40) 178 ).
Ein Dämon, der ein Weib besessen machte,
ließ es beim Tode Brunos, des Mund¬
schenken des Grafen von Berg, vier Tage
frei, dann fuhr er wieder in sie. Als man
diesen Dämon befragte, wo er in der
Zwischenzeit gewesen sei, antwortete er:
Vere maximum postea habuimus festum.
Ad obitum Brunonis congregati fuimus»
ad instar pulveris terrae. Cuius animam
cum gaudio deducentes ad inferos, loca-
vimus eam in sede debita, poculum in¬
fernalem ei propinantes (XII, 10) 17i ).
In einer anderen Erzählung erscheint
219
Hölle
221
Hölle
ein dem Trünke ergebener Ritter nach
seinem Tode seiner Tochter, in der Hand
hält er einen Becher, darin ein Trank
aus Pech und Schwefel: Semper ex illo
bibo, nec eum epotare valeo (XII, 41 ) 180 ).
Hier zeigt sich das Prinzip, daß der
Mensch in der H. damit bestraft wird,
womit er im Leben gesündigt hat. Dafür
noch weitere Beispiele bei Caesarius. Ein
sterbender Pilger hatte einem Priester
seinen Rock (sclavinia) vermacht und
ihm seine Seele empfohlen. Der Priester
hatte den Rock angenommen, sich aber
nicht um die Seele des Verstorbenen ge¬
kümmert: Nocte quadam in dormitorio
iacens et dormiens, per visionem raptus
est ad loca poenarum. In quibus maximus
erat daemonum concursus et occursus.
Alii animas adducebant; alii adductas
suscipiebant; alii susceptas tormentis debi-
tis immittebant. Magnus illic erat clamor
et tumultus, gemitus et planctus... . Sa-
cerdos talia videns et pavens, post ostium
se occultavit. Videns diabolus prae-
dictam in angulo quodam sclaviniam,
dixit: Cuius est vestis illa? Respon-
derunt: Sacerdotis illius qui stat post
ostium. Quam cum a quodam peregrino
in eleemosyna recepisset, nihil beneficii
animae illius impendit. Ad quod dia¬
bolus: Valde occupati sumus, expediamus
nos statim ab illo. Tollensque vestem
quasi in foetidam atque bullientem laxi-
vam intinxit. De qua cum faciem et
collum sacerdotis percussisset, ille ex-
citatus fortiter clamavit: Adiuvate, adiu-
vate. Quem cum signo vocis compes-
cerent, respondit: En morior, en incendor.
Tune surgentes invenerunt caput eius
totum inustum; sieque in infirmitorium
deportaverunt semivivum (XII, 42) 181 ).
Ein Geldleiher, der sich in betrügerischer
Weise vom Kreuzzug losgekauft hat und
der sich über die Kreuzfahrer lustig
macht, hat folgendes Erlebnis. Eines
Nachts hörte er in der Mühle Geräusch:
Iniectaque toga scapulis, eo quod nudus
esset, ad molendinum venit, ostium
aperuit, introspexit, in quo horrendam
visionem vidit. Stabant ibi duo equi
nigerrimi, et vir quidam deformis eius-
dem coloris iuxta equos. Qui dicebat ad
220
rusticum: Festina, ascende equum istum,
quia propter te adductus est. Expalluit
ille et contremuit, quia iubentis vocem
minus libenter audivit. Cumque ad
talem obedientiam imparatus esset, iterato
clamat diabolus: Quid tardas? Proiice
vestem et veni. Erat autem crux, quam
susceperat, eidem vesti assuta. Quid
plura ? Virtutem diabolicae vocis per
desperationem in corde suo sentiens, et
iam resistere non valens, vestem reiecit,
et molendinum intravit; equum, imo dia-
boium, ascendit. Ascendit et diabolus
equum alterum, et sub multa celeritate
simul deducti sunt ad diversa loca poe¬
narum. In quibus homo miser patrem
et matrem miserabiliter vidit, aliosque
plurimos, quos defunctos ignoravit. Vidit
ibi etiam quendam honestum militem
nuper mortuum, Heliam nomine de Ri-
ninge, burgravium in Castro Huorst,
vaccae furenti insidentem averso corpore,
ita ut dorsum haberet ad cornua vaccae.
Quae huc illucque discurrebat, et crebris
ictibus dorsum militis cruentabat. Cui
cum usurarius diceret: Domine, quare
sustinetis tantam poenam ? respondit:
Vaccam istam rapui sine misericordia
cuidam viduae, et ideo sine misericordia
oportet me ab illa poenam hanc sustinere.
Ostensa est ei in eisdem locis ignea sedes,
in qua nulla poterat esse quies, sed sessio
poenalis, et poena interminabilis. Dic-
tumque est ei: Modo reverteris in domum
tuam, post tres autem dies exuto corpore
reverteris in locum tuum, et mercedem
tuam accipies in sede ista. Mox a daemone
reductus, et in molendino depositus,
pene exanimis relictus est (II, 7) 182 ).
Derartige Vorstellungen über die H.
lassen sich auf deutschem Boden auch
schon früher feststellen (vgl. z. T. unten).
Von Bedeutung sind die Zeugnisse des
13. Jhdts. deswegen, weil in dieser Zeit
durch die Arbeit der Bettelmönche diese
H.nauffassung Gemeingut des deutschen,
wie überhaupt des europäischen Volks¬
glaubens wird und es seither geblieben ist.
131
Erk
) Belege Hastings 11, 8170. xai )
Böhme 1, 650. 133 ) Ebd. 1, 647; vgl. 646. 648.
649 t. 134 ) Ebd. 1, 652. 135 ) Schulenburg
Wend. Volksthum 85. 136 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 37 h 137 ) Schambach u. Müller 45;
p
1
: *
!
Eckart Südhannover. Sagen 39 f. 139 ) Knoop
Posener Märchen 4. 139 ) Strackerjan Olden¬
burg 1 2, 11. 14 °) Von einem katholischen Dienst¬
mädchen wurde mir in dieser Weise in Schwen¬
ningen die H- geschildert. 141 ) Grimm Myth.
2, 671. 142 ) Ebd. 3, 239. 143 ) Ebd. 2, 671.
l44 ) Ebd. 3, 239. 145 ) Ebd. 2, 671 f. 146 ) Ebd. 3,
239 - 147 ) Amersbach Grimmelshausen 1, 17.
14Ä ) Grimm Myth. 2, 673. 14# ) Ebd. 3, 240.
150 ) Ebd. 2, 673. 151 ) Mone Schauspiele 2, 285.
1S2 ) Ebd. 1, 293 f. 153 ) Ebd. 2, 26 f. 154 ) Grimm
Myth. 2, 836. 155 ) Amersbach Grimmelshausen
1, 17. 158 ) Grimm Myth. 3, 240. 157 ) Fient
Prättigau 170. 158 ) ZfdMyth. 2 (1854), 250 t.
l5# ) Klapper Erzählungen 372 f. 16 °) Gering
Aeventyri 2, 129 f. 141 ) Vgl. die Nachweise bei
Gering 2, 131, bei Klapper 373. 162 ) Migne
PL. 73, 995 ff. 163 ) Neckel Walhall 48. lfl4 )
Klapper Erzählungen 383. 16S ) Ebd. 367.
lM ) Ebd. 299 f. 167 ) Ebd. 241 f. 148 ) Ebd. 251.
1M ) Ebd. 262 f. 17 °) Ebd. 229 f., dort Literatur.
171 ) Caesarius v. Heisterbach Dialogus 2,
315. 17J ) Ebd. 1, 37. 173 ) Ebd. 2, 334. 174 ) Ebd.
2, 320 f. 17i ) Ebd. 1. 41 f. 17 ®) Ebd. 2, 316 f.;
vgl. oben bei Anm. 170. 177 ) Ebd. 2, 322.
* 78 ) Ebd. 2, 349. 179 ) Ebd. 2, 324. 18 °) Ebd.
2, 349 h 181 ) Ebd. 2, 350 f.; vgl. H. Günter
Legenden-Studien (Köln 1906) 152. 182 ) Caesa¬
rius v. Heisterbach Dialogus 1, 70!.
7. Die H. als Abgrund (s. 1, 89).
Für die christlichen Prediger war das
wesentliche an der H. ihre Realität und
die Qualen. Dem h.ngläubigen Menschen
erschöpft sich hierin schon sein Interesse.
Der Eindruck der feurigen H.nschilderung
war viel zu stark, als daß noch ein nüch¬
ternes Nachdenken über die Lage und
das Aussehen der H. hätte einsetzen kön¬
nen. Deutlich findet diese Beschränkung
ihren Ausdruck im Faust buch von 1587:
darinnen nichts anders zu finden als Ne¬
bel, Feuwer, Schwefel, Bech, vnnd ander
Gestanck, So können wir Teuffel auch nit
wissen, was gestalt vnd weiß die Helle
erschaffen ist, noch wie sie von Gott ge¬
gründet vnd erbauwet seye, denn sie hat
weder End noch Grund 183 ). Die H. als
einen Erdschlund zu denken, war durch die
Vorstellung einer Unterwelt gegeben; der
Zugang zu dieser wurde nun schlechthin
zur vagen H.nvorstellung. Bestärkt wurde
diese Vorstellung des gähnenden H.n-
schlundes durch Alperlebnisse: in den ver¬
schiedensten Jenseitsmythologien begeg¬
nete der Gedanke, daß gefährliche Ab¬
gründe den Abgeschiedenen bedrohen. In
den lateinischen Texten erscheint der
Abgrund als puteus. Eine Nonne, die
weltlich werden wollte, hat folgende Vi¬
sion : Videbatur enim ipsi, quod. . . esset
super puteum magne profunditatis et ma-
xime fedidum ita, quod totum aerem pu-
tabatur inficere et obscurare et scaturire.
Et veniens ibi audiuit horribiles clamores
animarum et demones ipsas torquentes,
qui eciam ipsam rapere nitebantur. Sie
beginnt dann zu Maria zu beten: O do-
mina, non differas liberare me, nam vrget
super me puteus os suum 184 ). Neben
puteus bezeichnet allgemeiner Abyssus
den H.nabgrund, mhd. dbis. Derselbe
Gedanke noch in folgenden Wendungen:
alts. heiligrund , mhd. in afgründe gän\ ir
verdienet daz af gründe] varen ter helle in
den donkren kelre\ der himel allez üf get,
| diu helle siget allez ze tat 185 ); in der helle
gründe verbrunne e ich ; der fürste üz helle
abgründe ; de hellgrunt ; der bodengrunt der
helle ; hellepuzze, obene enge, nidene
wit lB& ), auch als Ortsbezeichnung: Helle¬
put 187 ). Die mittelalterliche Kunst
stellte die H. als einen Schlund dar, dessen
Eingang meist ein weit geöffneter und mit
Zähnen besetzter Tierrachen bildet 188 ).
Auf alten Bildern vom Jüngsten Gericht
zieht der Teufel hohe und niedere Geist¬
liche am Seil in den Rachen der H. hin¬
ab 189 ). In den Schauspielen des Mittel¬
alters pflegten die Franzosen auf der Bühne
die H. durch einen künstlichen Drachen¬
schlund darzustellen, die Deutschen durch
ein Faß 190 ). Hierzu gehört dann die mittel¬
alterliche Vorstellung vom Hafen der H. 191 ),
die bis in den heutigen Volksglauben hin¬
einreicht: Hellekessel, Höll-, Rollhafen,
-kessel. Schwerlich ist dieser Höllhafen
mit dem nordischen Hvergelmir zu ver¬
binden, wie noch Meyer will 192 ). Unartige
Kinder bedroht man in Schwaben: Wart
du kommst ins Höllehäfele 193 ), im Zür¬
cher Oberlande mit dem Rollhafen m ),
im Aargau bezeichnet Höllhafen, Rumpel-
und Rollhafen den tiefsten H.ngnmd 196 ).
Die Vorstellung des gähnenden H.n-
schlundes erzeugte als Ergänzung dazu
die eines Verschlusses. Nach oberpfälzer
Glauben ist die H. mit einem großen,
platten Stein zugedeckt 196 ). Der Bauer,
der seinen Grafen und den Büttel in die
223
Hölle
224
H. fuhr, hielt, nachdem man schon aus
der Ferne die Teufel hatte singen hören
und den H.nrauch und Gestank gerochen
hatte, über einem großen breiten Stein,
wie einer Kellertür. Der Stein bricht zu¬
sammen, Feuer fährt heraus und ver¬
schlingt den Grafen und den Schergen 197 ).
Mhd. heißt dieser Verschlußstein der H.
dillestein (2, 297). Gelegentlich fließt der
Gedanke an die den Toten einschließende
Grabplatte unter: wan ez kumt des tiuvels
schrei, da von wir sin erschrecket : der dille¬
stein der ist enzwei , die töten sint üj ge-
wecket 198 ). Nach einem Volkslied ist der
Dillestein der Stein, „den kein Hund
überbal, kein Wind überwehte, kein Regen
übersprehte“ 199 ). Parallele Vorstellungen
sind der etruskische lapis manalis und der
öfjt^ctXoc von Delphi 20 °).
183 ) Das Volksbuch vom Doctor Faust (nach
der ersten Ausgabe 1587) 2. Aufl., hsg. von
Rob. Petsch (Neudrucke deutscher Litteratur-
werke des XVI. und XVII. Jahrhunderts,
Nr. 7—8 b, Halle a. S. 1911) 28. 184 ) Klapper
Erzählungen 292. 185 ) Grimm Myth. 2, 672.
18 *) Ebd. 3, 240. 187 ) Ebd. 2, 670. 188 ) Wilh.
Molsdorf Führer durch den symbolischen und
typologischen Bilderkreis der christlichen Kunst
des Mittelalters (Hiersemanns Handbücher Bd.
10, Leipzig 1920) 71; Grimm Myth. 1, 261.
18# ) Mone Schauspiele 2, 23. 19 °) Ebd. 2, 19.
m ) Ebd. 2, 27. 192 ) Meyer Mythologie 173.
m ) Meier Schwaben 1, 149 Nr. 2. m ) Messi-
kommer 1, 15 Anm. m ) ZfdMyth. 2 (1854), 252.
m ) Schönwerth Oberpfalz 3, 25. 197 ) Ebd. 3,
34 f- 1M ) Grimm Myth. 2, 672 t.; Meyer
Mythologie 174. 189 ) Grimm Myth. 3, 240.
20 °) Ebd. 2, 673.
8. Lage der Hölle.
Die Ungewißheit über das Jenseits hat
in vielen Mythologien die Vorstellung er¬
zeugt, daß es irgendwo in der Ferne liege.
Näher bestimmt wird diese Feme in der
Regel durch den Sonnenlauf, besonders
durch Sonnenaufgang und -Untergang.
Nach oberpfälzer Glauben liegt im Son¬
nenaufgang das Paradies, links von der
Sonne, im Norden, die H. 201 ). Dort liegt
auch Niflheim. Nach altgermanischer
Henkersgewohnheit mußte der Galgen so
stehen, daß der Verurteilte das Gesicht ,
dorthin gewandt hatte 202 ). Der Teufel
haust im Norden. Christliche Vorstellun¬
gen mischen sich mit einheimischen bei
Hrabanus Maurus: cadens Lucifer . . .
traxit ad inferni sulfurea stagna, in gelida
aquilonis parte ponens sibi tribunal 203 ).
Im ags. Zwiegespräch zwischen Salomo
und Saturn ist die Sonne abends so rot,
weil sie zur H. blickt 204 ). Dabei ist die H.
wohl unterirdisch gedacht. Diese Lage
der H. war die wahrscheinlichste. Die äl¬
teren Vorstellungen von einem unter¬
irdischen Totenreich brauchten nur mit
dem feurigen Kolorit der H. übermalt zu
werden. Berthold v. Regensburg sagt:
die hell ist enmitten da daz ertriche aller
sumpfigest ist™). Quellen und Weiher
sind beliebte Eingänge zur Unterwelt,
speziell zu einem H.neingang werden die
heißen Quellen bei Baden 206 ). Gregor
v. Tours verbindet die Unterwelt mit
dem Gedanken an die heiße H., wenn
ihm der Ätna sowie der heiße Sprudel zu
Grenoble zu Gotteswundern werden, durch
die den Sündern das H.nfeuer vor Augen
geführt werden soll 207 ). Vor allem aber
mußten Vulkane als H.neingänge erschei¬
nen, so der Vesuv (s. d.), der Ätna (s. d.)
und die Hekla. Zum ersten Male wurde
dieser Gedanke von Gregor dem Großen
ausgesprochen (Dialog. IV, 30), wenn er
den Ostgotenkönig Theoderich in einen
Vulkan geworfen werden läßt. Vorüber¬
gehende erfahren hier den Namen und
die Todesstunde des zur H.Eingegangenen,
später prüfen sie die Daten, sie stimmen.
Die Fabel bleibt in der Folge im wesent¬
lichen gleich, nur die Namen und die Vul¬
kane wechseln, der H.ncharakter wird mehr
oder weniger ausgemalt (vgl. Vulkan).
Volkstümlich sind diese Vorstellungen
nicht geworden. Sie wurden im wesent¬
lichen von der Geistlichkeit gepflegt, so
von Caesarius v. Heisterbach (XII, 7—9,
*2, 13). Vor allem blühten diese Geschich¬
ten fern von den Vulkanen selber; der
nur gelegentlich auf der Durchreise einen
Vulkan sehende Fremde war einem der¬
artigen Glauben viel zugänglicher, als der
mit der Erscheinung vertraute Einhei¬
mische. Dies besonders für die Hekla
nachgewiesen 208 ).
201 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 53 Nr. 4.
202 ) Kondziella Volksepos 173. 203 ) Grimm
Myth. 3, 295- 204 ) Ebd. 2, 601. 2M ) Meyer
Mythologie 173. 208 ) Laistner Nebelsagen 37.
*° 7 ) Bernoulli Merowinger 305. 208 ) ZfVk. 4
.
Hölle
226
225
!
1 (1894), 256 fl.; 8 (1898), 452 ff. Auch die Bevöl¬
kerung in der Nähe des Ätna hat eine viel mil¬
dere Vorstellung über das Treiben in dem Vul¬
kane, als die fremden Geistlichen, die hier einen
H.neingang sehen. Vgl. Caesarius v. Heister¬
bach 146 f.
9. Anlage der Hölle.
Weiterschreitend entwarf die Phanta¬
sie ein Bild einzelner Abteilungen der H.
Nach oberpfälzer Glauben liegen hinter
der H .nwiese drei Abteilungen, zu jeder
führt ein eigenes Tor. Vor den beiden
ersten Toren steht ein Teufel als Wache,
1 ‘ zu dem dritten, größeren Raume,
V führt ein offenes, das dritte Tor, vor
« ! welchem der H.nbube sitzt, der auch
1 1 . die H. zu heizen hat 209 ). Im ersten
' Raum sieht die verdammte Seele die
Marterwerkzeuge herrichten, im zweiten
schaut sie, wie ihre Genossen gepeinigt
\) werden. Im dritten Raume beginnt die
I wahre Pein: da werden die Seelen von den
[ Teufeln in öl gesotten und dann mit kal-
■ tem Wasser abgekühlt. Sie leiden fürch-
; terlichen Durst, während die hellsten Was¬
serbäche neben ihnen fließen. Nur damit
sie nicht ganz verschmachten, werden sie
zeitweise getränkt. Dieser Raum hat wie-
k der verschiedene Abteilungen, je nach Art
seiner Bevölkerung 210 ). Nach Grimmels¬
hausen ist die H. in Stockwerke einge¬
teilt: im obersten befinden sich die Heiden,
zum Weg in das nächstuntere Stockwerk
braucht man anderthalb Tage, dort ist
das „Quartier der Mahumetaner", darun¬
ter das Stockwerk der Juden, darunter das
der christlichen Schismatiker und Ketzer,
darunter der Ort für diejenigen, die zwar
die rechte Religion gehabt haben, ihr aber
nicht gemäß lebten, zu allerunterst end¬
lich kommen diejenigen, die vom Christen¬
tum abgefallen sind und sich entweder zu
den Ungläubigen oder gar in Bündnis und
Dienste der bösen Geister begeben ha¬
ben 211 ). Während in der Oberpfälzer und
in Grimmelshausens H.nanlage eine Stei¬
gerung erzielt wird, ist das Bild im Faust¬
buch von 1587 zunächst nur eine An¬
häufung fremder H.ntitel. Mephistopheles
erklärt: die Hell vnd derselben Refier ist
vnser aller Wohnung vnd Behausung, die
begreifft so viel in sich, als die gantze Welt,
vber der Hell vnd vber der Welt, biss un-
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
ter den Himmel, hat es zehen Regiment
vnnd Königreich, welche sind die Ober¬
sten vnter vns, vnd die Gewaltigsten vnter
sechs Regimenten, vnnd sind nemlich die:
1 Lacus mortis. 2 Stagnum ignis. 3 Ter¬
ra tenebrosa. 4 Tartarus. 5 Terra obli-
uionis. 6 Gehenna. 7 Herebus. 8 Bara-
thrum. 9 Styx. 10 Acheron. In dem re¬
gieren die Teuffel, Phlegeton genannt.
Diese vier Regiment vnter jhnen sind
Königliche Regierung, als Lucifer in Orient,
Beelzebub in Septentrione, Belial in Me-
ridie, Astaroth in Occidente, vnnd diese
Regierung wirdt bleiben, biß in das Ge¬
richt Gottes 212 ). Zwei verschiedene Di¬
mensionen kreuzen sich in diesem un¬
klaren Bericht: eine vertikale und eine
horizontale, in der die vier Himmelsrich¬
tungen vier Dämonenfürsten unterstellt
werden. In den fremden H.nnamen ist die
Vorstellung der eigentlichen H. erkenn¬
bar, Mephistopheles beschränkt sich in¬
dessen nicht hierauf, er zeichnet den gan¬
zen Herrschaftsbereich der höllischen
Mächte: biß vnter den Himmel. Die zehn
H.nnamen, die hier zu Abteilungen der H.
gemacht werden, erscheinen im Eluci-
darius (Frankfurt 1572, der Ausgabe, die
dem Faust buch von 1587 am nächsten lag)
lediglich als verschiedene Bezeichnungen
derselben H.: (Die Hell) heißt in der hey-
ligen Schafft, Lacus mortis, ein see deß
todts, dann welche Seelen darein kommen,
die mögen nimmer darauß. Sie heißt
Stagnum ignis, ein hitz deß Fewxs, Wann
als die stein deß Meers grundt nimmer
trucken werden, also erkülen die Seelen
nimmermehr die darein kommen. Sie
heißt Terra tenebrosa, das ist, eine fin¬
stere erd. Wann der weg, der zu der Hel¬
len geht, ist jmmer voll rauchs vnd ge-
stancks. Sie heißt auch Terra obliuionis,
das bedeut die Erden der Vergessung,
Wann die seelen, die darein kommen, seyn
verlorn, vnd wirdt jr vor Gott nimmer ge¬
dacht. Sie heißt auch Tartarus, das be¬
deut die Marter, Dann da ist jmmer wey-
nen der äugen, vnd grißgrammen der zän
von frost. Sie heißt auch Gehenna, das be¬
deut ein ewig fewr. Wann das hellisch ist
so starck, daß vnser fewr ein Schatten
gegen dem Hellischen fewr ist. Sie heißt
8
i'
M
227
auch Herebus, das bedeut Drachen,
dann die Hell ist voll fewriner drachen
vnd wurm, die nimmer sterben. Sie heißt
auch Baratrum, das bedeut die schwartz-
gienung, wann sie gient biß an den Jüng¬
sten tag, wie sie die Seelen verschlinden
mög. Sie heißt auch Styx, das bedeut
on freude, da ist ewig on freud. Sie heißt
auch Acheronta, das bedeut gienung.
Dann da fahren die Teuffel auß vnd ein,
als die funcken in einem ofen. Auch heißt
dieselbig Hell Phieget on, von einem Was¬
ser das durchrinnet, das stincket von bech
vnd schwebel, Vnd ist auch also kalt,
daß es alle Hellische hitz wendet 213 ). Da¬
neben hat das Faustbuch noch eine andere
H.nvorstellung, die unter dem Einfluß der
Gehenna gebildet ist: Man sagt auch recht,
daß die Helle ein Thal genannt wirt, so
nicht weit von Jerusalem ligt, Die Helle
hat ein solche Weite vnd Tieffe deß
Thals, daß es Jerusalem, das ist, dem
Thron deß Himmels, darinnen die Ein¬
wohner des Himmlischen Jerusalems seyn
vnd wohnen, weit entgegen ligt, also daß
die Verdampten im Wüste deß Thals
jmmer wohnen müssen, vnd die Höhe
der Statt Jerusalem nicht erreichen kön¬
nen. So wirdt die Helle auch ein Platz ge¬
nannt, der so weit ist, daß die Verdamp¬
ten, so da wohnen müssen, kein Ende da¬
ran ersehen mögen 214 ). In diese H.n-
schilderung spielt die des Abgrundes hin¬
ein: Die Helle hat auch eine Klufft, Chas-
ma genannt, gleich eins Erdbidems, da er
denn anstößet, gibet er eine solche Klufft
vnnd Dicke, das vnergründlich ist, da
schüttet sich das Erdreich von einander,
vnd spüret man auß solcher Tieffe der
Klufften, als ob Winde darinnen wehren.
Also ist die Helle auch, da es ebenmüßigen
Ausgang hat. Jetzt weit, dann eng, dann
wider weit, vnd so fortan. Die Hell wirdt
auch genannt Petra, ein Felß, vnnd der
ist auch etlicher maßen gestalt, als ein
Saxum, Scopulus, Rupes vnd Cautes, also
ist er. Dann die Helle also befestiget, daß
sie weder Erden noch Steine vmb sich hat,
wie ein Felß, Sondern wie Gott den Him¬
mel befestiget, also hat er auch einen
Grundt der Hellen gesetzt, gantz hart,
spitzig vnd rauch, wie ein hoher Felß 215 ).
2 28
Der Gedanke an nach Art der Sünden ver¬
schiedene H.nschichten erscheint gelegent¬
lich: Also hat es mit den verdampten
Seelen auch eine Gestalt, die in die Helle
geworffen werden, je mehr einer sündiget
dann der ander, je tieffer er hinunter fal¬
len muß 216 ).
Die H.nvorstellung des Elucidarius ist
viel klarer, als die des Faustbuches: Gott
schuf die H. in derselben Stunde, da der
Teufel gedachte, daß er sich wider Gott
setzen wolle. Zweierlei H.n werden hier
unterschieden. Die erste verbindet in sich
die Vorstellung der weiten Ferne mit der
des Abgrundes, sie heißt die innere oder
niedere H., sie ist an einem Ende der Erde,
wohin von Nebel und Finsternis nie ein
Mensch kam, dabei ist sie ,,oben enge
und unten weit, den Grund weiß niemand
als Gott allein, denn die Bücher sagen uns,
daß ewiglich manche Seele hineinfalle
und doch nie den Grund finde“. Hiervon
unterscheidet sich die obere H., sie ist
mancherorts auf der Erde, auf den Höhen
und auf den Inseln, und bei dem Meer, da
brennt Pech und Schwefel, da werden die
Seelen gepeinigt, die erlöst werden sol¬
len 217 ). Der Unterschied zwischen der
niederen und der oberen H. wird nicht
ausgesprochen, die niedere H. ist der ei¬
gentliche und ewige Aufenthalt der Ver¬
dammten, die obere H. ein Ort, wo ent¬
weder Sünder sich durch Buße reinigen,
oder wo die zu verdammenden Geister
bis zum Gericht aufbewahrt werden. Die
Orte, Höhen, Inseln, Gestade des Luci-
darius sind die gleichen öden Stätten, an
die man böse Spukgeister vertragen läßt.
Gelegentlich heißen solche Orte Vorh.
Von dieser Art ist die Vorstadt der H. in
den Diablerets. Im Siebengebirge dachte
man sich ebenfalls eine solche Vorh.
Hierhin wurden die armen Seelen ver¬
dammt, die am Jüngsten Tage ein schlech¬
tes Urteil zu erwarten hatten. Hier wan¬
delt ein kölnischer Wucherer in bleiernen
Schuhen und bleiernem Mantel umher,
ein Bonner Minister als Feuermann. Hier
scheinen zur Wahl des Ortes dieser Vor¬
hölle die Nebelwolken beigetragen zu
haben, die aus den Tälern emporsteigen und
die vom Volk für erlösungsdurstige Seelen
229
Hölle
230
•I
• • 1
II
* u
► m
gehalten werden 218 ). Aber nicht nur in
abgelegener Einsamkeit kann eine Seele
H.nqualen verbüßen, im Heulen, Pfeifen
und Summen des Ofens kann das Leiden
einer armen Seele enthalten, im Knoten
eines Strohseils gebunden sein, in dem
Knarren und Pfeifen großer Türen, be¬
sonders der Scheunentore, in den Tür¬
angeln, besonders wenn der Bauer die Tür
zuwirft, in dem Wagengeleise eines schwer
beladenenWagens oder im Eis der Gletscher
kann eine Seele ihre Pein haben 219 ). Von
dieser Art ist die obere H. des Lucidarius,
es ist das Fegefeuer (s. d.). Zur Vorh.
entwickelte sich besonders die grüne Wiese
vor der H. Die hier als Vieh verzauberten
Geister, die an Feiertagen weiden, können
erlöst werden 22 °). Einen Ort, der zur H.
gehörte, ohne doch eigentlich H. zu sein,
brauchte die Kirche, um dort die Altväter
bis zu ihrer Befreiung durch Christus
unterzubringen, es ist der Rand der H.,
limbus. In den Schauspielen des Mittel¬
alters wird die Erlösung der Patriarchen
aus der zertrümmerten Vorh. und ihr
Einzug in das Paradies gefeiert 221 ). Diese
Vorh. ist vorwiegend als Grab gedacht.
In einem Gebete des 13. Jhdt. heißt es:
wir loben unt danken dir , daz du den Pa¬
triarchen unt den Propheten uzer so langer
vinstere hülfe 222 ). Von der Befreiung eines
gerechten heidnischen Königs aus der
Vorh., hier doch ein Ort ewiger Qual,
durch das Gebet Gregors des Großen, er¬
zählt eine im Mittelalter beliebte Le¬
gende 223 ).
Während die nordische Mythe die Vor¬
stellung von Flüssen, die die Unterwelt
umgeben und durchfließen, weiter die von
einem Gitter, das die hei abschließt (hel-
grindr), entwickelt hatte, kennt die spä¬
tere deutsche H.nauffassung nur in Spuren
die Gewässer, die die H. von der übrigen
'Welt trennen. Häufiger findet sich der
Glaube, daß die Seele nach dem Tode
ein Wasser zu überschreiten habe, aber
dies Wasser ist kein H.nwasser 224 ). Gern
denkt man sich die H. als eine Festung
Und redet von dem H.ntor 225 ), seinen Rie¬
geln oder Grinteln 226 ). Der Gedanke an
das H.ntor verband sich mit dem vom
H.nschlund und erzeugte einmal das gro¬
teske Bild eines Rachens, an dem eine Tür
angebracht ist 227 ). Gelegentlich ist von
der eisernen Tür der H. die Rede 228 ).
Der Weg zur H. ergibt nur geringe
Ausbeute. Er ist mit Totenschädeln ge¬
pflastert, die Priesterschädel sind mit
einem schwarzen Käppchen bemalt, damit
die Bauern auf ihrem Weg zur H. mit
ihren genagelten Schuhen nicht so tiefe
Löcher hineintreten (Schweiz) 229 ). Im
Volkslied reitet der Teufel ein in einen
Rappen verzaubertes Goldschmieds¬
töchterlein in die H., erwähnt wird als
Einzelheit nur die H.npforte 23 °). Vereinzelt
erscheint in der Schweiz eine sehr detail¬
lierte Beschreibung des Jenseitsweges,
die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
im Kanton Zürich noch lebendig war: Der
Weg in den Himmel ist rauh und schmal
und mit Dornen überwachsen. Nicht weit
vom Himmelstor befindet sich ein schreck¬
lich tiefer Abgrund, über denselben führt
ein Steg, ganz besteckt mit scharfen und
spitzigen Schermessern, unter welchem
ein feuriger Drache mit aufgesperrtem
Rachen liegt. Über diesen Steg muß die
abgeschiedene Seele ihre Sündenbürde
tragen, sie sei nun leicht oder schwer.
Manche, die viel und schwer gesündigt
haben, stürzen in den Abgrund und dem
Drachen gerade in den Rachen hinein.
Kommt aber die Seele hinüber, so be¬
gegnet ihr ein schwarzer Mann, der ihr
auf allen Seiten den Weg versperrt und
sie in große Angst und Not bringt. Zuletzt
kommt ihr aber der Herrgott mit vielen
Engeln zu Hilfe und führt sie in den Him¬
mel ein 231 ).
209 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 26. 2l0 ) Ebd.
3, 27. 2U ) Amersbach Grimmelshausen 1, 17.
2l2 ) (Petsch) Faust 29. 213 ) Ebd. 162 f. 21< ) Ebd.
35. 215 ) Ebd. 36. 2ie ) Ebd. 37. 217 ) K. Simrock
Die deutschen Volksbücher 13 (Frankfurt a. M.
1867) 380—382. 218 ) K. Simrock Das malerische
und romantische Rheinland (Leipzig 1851) 329.
219 ) Ranke Sagen 61 f. 22 °) Schönwerth
Oberpfalz 3, 26. 221 ) Mone Schauspiele 1, 267;
2, 8. 10. 222 ) Ebd. 2, 10. 223 ) Klapper Er¬
zählungen 369!. 224 ) Caesarius v. Heister¬
bach 147 f. 225 ) Grimm Myth. 1, 261; 3, 239.
226 ) Ebd. 1, 201; 3, 82. 227 ) Molsdorf Führer (s.
Anm. 188) 71. 228 ) Bartsch Mecklenburg 1,
512. 229 ) Rochholz Kinderlied 352. 23 °) Erk-
Böhme 1, 651; vgl. 652, 32. * 31 ) ZfdMyth. 4
(1856), 178; Sepp Sagen 74 f. Nr. 24.
Hölle
io. Die Bewohner der Hölle.
Die Schrecken der H. werden durch
Peiniger gesteigert. Die älteste Form
dieser Wesen, die noch nicht mit grau¬
samer Freude die Verdammten quälen,
sind Tiere, sie begegnen noch als Er¬
scheinungsformen oder Namen des Teu¬
fels. Thietmar v. Merseburg nennt ihn
lupus vorax, später erscheint er als H.n-
wolf 232 ). Häufiger als Hund: hellchunt,
hellerüde, hellew elf 233 ), als Vogel gern
als Rabe: hellerabe , später auch als Geier,
Kuckuck, Hahn. Sehr alt ist die Erschei¬
nung des Teufels als Schlange, Wurm oder
Drache: slange, hellewurm, helletracke 2 ™),
endlicherscheint er auch als Fliege 235 ). Ob¬
gleich im einzelnen, vor allem in dem Teufel
als Schlange, die christliche Tradition
vorhandene einheimische Vorstellungen
beeinflußt hat, gibt die Zusammenstellung
dieser H.ntiere doch noch einen deutlichen
Hinweis auf den letzten Ursprung dieser
Unterweltswesen. Wolf, Hund, Rabe,
Wurm, Drache und Fliege sind leichenver¬
zehrende Tiere. Aus der Totenwelt, als
deren natürliche Schrecknisse sie dem
Überlebenden erscheinen mußten, sind sie
in die christliche H. hinübergewandert 236 ).
Der erschreckendste und widerwärtigste
Eindruck ist der der Schlangen und
Würmer. Neben dem Feuer werden diese
für die H. charakteristisch. Wie Schlan¬
gen in den Sagen und Märchen regelmäßig
als die Schrecken schauriger Gefängnisse
erwähnt werden, so in der H. Drachen
und Würmer 237 ).
Derartige Leichendämonen finden sich
auch in den Jenseitsmythen fernerer Völ¬
ker, sie liegen der Phantasie nahe, die sich
an der verwesenden Leiche und am Grab
orientiert. Anderer Herkunft sind die
Teufel. Wohl sind sie erst mit dem Chri¬
stentum nach Deutschland gekommen,
und erst durch die Arbeit der Geistlichen
sind sie Gemeingut des Volksglaubens ge¬
worden, aber sie müssen in der Psyche
der Christen einen besonderen Anhalts¬
punkt besitzen, sonst hätten sie sich nicht
in dieser Weise einbürgern können. Da
alle Religionen, die ein offenbartes ethi¬
sches Prinzip zur Grundlage haben, H.n-
und Teuf eis Vorstellungen nach Art der
christlichen gezeitigt haben, wird anzu¬
nehmen sein, daß gerade die Depression
infolge von Verfehlungen gegen die ethi¬
schen Vorschriften den Nährboden bil¬
det, in dem die Vorstellungen von diesen
Sünden strafenden, Martern ersinnenden
Teufeln aufwachsen konnten. Die Teufel
leiden keine Qual, die Qual der Verdamm¬
ten ist ihre Freude: während die Seelen
gesotten werden, trinken sie Wein und
unterhalten sich mit Karten- und Kegel¬
spiel (Oberpfalz) 238 ). Nach Oberpfälzer
Glauben rekrutieren sich die Teufel aus
den Verdammten, einer von diesen wird
H.nbube und hat als solcher die H. zu
heizen, nach dreijährigem Dienst wird er
in die Gemeinschaft der Teufel aufge¬
nommen 239 ). Die Teufel sind hierar¬
chisch geordnet. Der oberste der Teufel,
der Alte oder der Meister, sitzt auf einem
Thron 240 ). Feste Vorstellungen gibt es
hierüber nicht. In der Regel gilt Lucifer
als der Höchste, daneben ist aber auch
schlechthin von den principes tenebrarum
die Rede 241 ). Im Faustbuch erscheinen
sieben Großfürsten der H. 242 ). H.ngeister
wird dann allgemein ein Ausdruck für
böse Geister, ohne daß dabei noch an die
H. gedacht wäre (s. Teufel).
Zwischen den Teufeln und den Ver¬
dammten erscheint gelegentlich noch eine
Klasse der gebannten Geister. Diese haus¬
ten früher auf der Erde, wurden aber
in die H. gebannt, als sie es zu arg mach¬
ten. Vor dem Ende der Welt kommen
sie auf die Erde zurück und können er¬
löst werden 243 ). Es sind diese Wesen
diejenigen, die sonst auch als an einsame
Orte gebannt erscheinen. Die Bevölke¬
rung der H. ist zahlreicher als die des Him¬
mels 244 ). Ein Geistlicher beschwor ein¬
mal einen Verdammten, plötzlich steht
der Abgeschiedene in H.nflammen vor
ihm 245 ). Indessen drangen auch freund¬
lichere Auffassungen gelegentlich durch,
so ist mehrfach von einem Tanz in der H.
die Rede, z. B. in einem mittelalterlichen
Schauspiel: der helle reyen 246 ). Nach Ana¬
logie der in ihrer H. kartenspielenden Her¬
ren wird gelegentlich von einem Ort in
der H. gesprochen, wo die hinkommen, die
ihr Lebtag in Trunk und Spiel hingebracht
233
haben. Sie sitzen in einer pechschwarzen,
von Spanlichtern erleuchteten Kammer,
trinken, schnupfen, rauchen, spielen, rau¬
fen und singen. Gelegentlich werden sie
von Teufeln mit glühenden Zangen ge¬
zwickt 247 ).
In den Jenseitsvorstellungen der Natur¬
völker spielen nicht selten bestimmte Ta-
tauierungen und sonstige Zeichen, die
der Abgeschiedene haben muß, eine Rolle.
Aus apokalyptischen Quellen findet sich
vereinzelt eine ähnliche Vorstellung über
die endgültigen Bewohner der H. Bert-
hold v. Regensburg sagt, daß die Sünder
beim Jüngsten Gericht ,,ein helleceichen,
ein dicpceichen “ bekommen werden 248 ).
232 ) Grimm Myih. 2, 832. 233 ) Ebd. 2, 832 f.
234 ) Ebd. 2, 833 f. 235 ) Ebd. 2, 834. 236 ) Vgl.
Ncckel Walhall 42, 43. 237 ) z. B. (Petsch)
Faust 37. Im Caedmon: Grimm Myth. 2, 673.
238 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 27. 23 ®) Ebd. 3,
26. 24 °) Ebd. 3, 27. 241 ) Klapper Erzählungen
313. 242 ) (Petsch) Faust 48 f. 243 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 28. 244 ) Ebd. 3, 27. 245 )
Kühnau Sagen 3, 192. 246 ) Mo ne Schauspiele
2, 102; vgl. 2, 81; vgl. oben bei Anm. 132.
247 ) Panzer Beitrag 1, 97. 248 ) Schönbach
Berlhold v. R . 117.
Xi. H.nfahrten.
Als Zauberkunst. — Dienst in der H. — Ver¬
trag mit dem Teufel — Quittung — aus der H.
geholt. — H.nfahrt Fausts. — H.nfahrten in der
Visionsliteratur.
In drei Kategorien erscheinen H.nfahr¬
ten. Einmal als Märchen von Menschen,
die leiblich in der H. gewesen sind, dann
als von Profanen gehandhabte literarische
Fiktion, endlich als Visionen, die der ent¬
rückten Seele die H. zeigen. Gelegentlich
erscheint es als besondere Zauberkunst,
in die H. und zurück zu gelangen. Eine
Schweizer Hexe konnte neben anderen
Künsten einen Blick in die H. tun 249 ). In
den Chansons de geste wird ein heidnischer
Magier gerühmt, die H. besucht zu haben
und wieder zur Erde zurückgekehrt zu
sein 250 ). Nach böhmischem Aberglauben
findet derjenige, der auf einer Totenbahre,
auf welcher lauter ehrbare Jungfrauen
zu Grabe getragen worden sind, sechsmal
nacheinander ausschlafen kann, auf dem
Kirchhofe einen goldenen Schlüssel zur H.,
wo ihm niemand etwas zuleide tun kann,
dort kann er sich so viele Schätze holen]
als er will; auf dem Rückwege aber muß
234
er den Schlüssel fort werfen, sonst zer¬
reißen ihn die Teufel 251 ). Eine ganze
Reihe von Sagen zeigen, daß der Gedanke
keinerlei Schwierigkeiten machte, daß ein
Mensch die H. besuchen könne. In diesen
Fällen dachte man sie sich irgendwo,
ohne durch eine bestimmte geographische
Einsicht gestört zu werden. In Tirol lebte
ein Bauernweib, das vom Satan das Pri¬
vilegium hatte, die H. zu besuchen. Als
Führer war ihr ein Geist beigegeben in
Gestalt eines Männleins, und während sie
hinabfuhr, hörte sie allerlei Geisterstimmen.
Drunten verrichtete sie Dienste. Wieder
auf die Oberwelt zurückgekehrt, wurde
sie von den Leuten nach Freunden und
Verwandten gefragt 252 ). Wie handfest
der Glaube an solche H.nfahrten war, zeigt
Berthold v. Regensburg, der sich in sei¬
nen Predigten gegen die Gauner wendet,
die den Hinterbliebenen vorspiegeln, sie
seien in der H. gewesen und könnten den
Abgeschiedenen mit Geld und Kleidung
aus der H. helfen 253 ).
Eine Reihe von Varianten berichten
von der H.nfahrt eines Knaben (seltener
eines Mädchens), der vom Teufel in Dienst
genommen wird. Ein Knabe begegnet
einem grauen Männchen mit steifer Pe¬
rücke, der führt ihn in eine tiefe Höhle,
hier muß der Junge unter großen schwar¬
zen Töpfen das Feuer unterhalten, in einem
sitzt sein früherer Herr. Nach sieben
Jahren wird er ausgelohnt und entlas¬
sen 254 ). Ein elternloses Mädchen trifft
im Walde einen grünen Jäger, mit ihm
geht sie in die H., in den Töpfen sitzen
ihre Eltern. Nach sieben Jahren kehrt
sie auf die Oberwelt zurück, bleibt aber
von schwarzer Hautfarbe 255 ). Ein Wai¬
senknabe trifft bei der Feldarbeit ein Erd¬
männchen, das ihn verpflichtete und mit
ihm durch die Luft in die H. flog. Er muß
unter den Töpfen das Feuer schüren.
Nach seiner Rückkehr auf die Erde stirbt
er 256 ). Ein verirrter Zigeuner junge wird
ebenfalls durch die Luft vom Teufel zur
H. entführt, er muß eine Zeit Torwartl
sein (Tirol) 257 ). Ein anderer, der als
Knabe sieben Jahre in der H. Torwartler
sein mußte, wurde Priester und predigte,
daß die ganze H. mit Geistlichen gewöhnt
Hölle
235 Hölle 236
sei und noch mit solchen gepflastert
werden würde (Tirol) 258 ). Im Salzbur¬
gischen mußte ein Fleischknecht zwei
Jahre vor demH.ntore Wache halten. Wie
auch der Oberpfälzer H.nbube bekam er
das Brot zu essen, über das kein Kreuz
gemacht worden war. Er sah fast lauter
Herren zur H. wandern, nur wenig Bau¬
ern 259 ). Ein Schmied verpflichtet sich
zu sechs Jahren Dienst dem Teufel, der
ihm dafür aus seinen Schulden hilft. In
der rauchigen, stinkenden H. muß er
die Kessel heizen. Der Schmied prellt
den Teufel um die Dienstzeit 260 ).
Eine andere Sage erzählt von einem
Mann, der dem Teufel seinen neugeborenen
Sohn verschreibt, dieser wird geistlich
und geht mit Weihwasser, geweihter
Glocke, Kreuz. oder Degen zur H. und
holt die Urkunde zurück 261 ). In einer
(der Posener) Variante geht der Geistliche
zur H. „in einen Wald“. Die Oberpfälzer
und Lausitzer Variante beschreibt ein glü¬
hendes Bett, das er in der H. sieht, es ist
für einen Räuber bestimmt.
Oder einer holt eine Quittung oder ein
Pfand aus der H. 262 ). Der starke Hans
wird von seinem Herrn in die H. ge¬
schickt, wo er Geld holt, dabei muß er
lauter als ein Teufel ins Höllhorn blasen,
sonst bekommt er das Geld nicht 263 ).
Oder ein Reicher will lieber dem Teufel
als seinem armen Bruder ein Stück
Schinken abgeben. Der Arme geht darauf
ein und bringt das Schinkenstück in
die H. 264 ).
Nach einer Thüringer Sage traf ein
Vogelsteller im Bausenberg über Coburg,
wo der Teufel seine Kanzel und die Hexen
einen Tanzplatz hatten, k einen „Pöpels-
träger“, der einen Geist dorthin vertrug.
Nachdem er wie dieser seinen linken
Schuh mit roten Kreuzen bezeichnet
hatte, sprang er mit ihm in den Entensee.
Da geschah ein Donnerschlag, es war
Nacht um sie, und sie fanden sich in einer
Höhle wieder, in der eine Lohe flammte.
In dieses Feuer hineinblickend sah der
Vogelsteller die Glut wellen der H. voll
Teufel und gepeinigter Seelen. Darin er¬
blickt er seinen Sohn. Obwohl er vor
dem H.nbesuch hatte Stillschweigen ver¬
sprechen müssen, bricht er es bei diesem
Anblick. Da begann das Feuermeer mit
Zischen und Donnern emporzuwallen.
Beide flohen und sprangen in ein Wasser.
Endlich fand er sich in der Nähe des
Entensees am ganzen Körper, außer dem
linken Fuße, verbrannt wieder und
starb bald 265 ).
Als literarische Fiktion ist Fausts
H.nfahrt im Faustbuch von 1587 zu be¬
zeichnen: Als nun in der Nacht, vnd stick
Finster war, erschiene jm Beelzebub,
hatt auff seinem Rucken einen Beinen
Sessel, vnnd rings herumb gantz zu¬
geschlossen, darauff saß D. Faustus vnd
fuhr also davon. Nu höret, wie jn der
Teuffel verblendet, vnnd ein Affenspiel
macht, daß er nit anders gemeinet, denn
er seye in der Helle gewest. Er führet
jhn in die Lufft, darob D. Faustus ent¬
schlieft, als wann er in einem warmen
Wasser oder Bad sesse. Bald darnach
kompt er auff einen hohen Berg, einer
großen Insel hoch, darauß Schwebel,
Pech vnd Fewrstralen schlugen, vnnd
mit solcher Vngestümb vnd Prasseln,
daß D. Faustus darob erwachte. Der
Teuffelische Wurmb schwang in solche
Klufft hineyn mit D. Fausto. Faustus
aber, wie hefftig es brannte, so empfunde
er kein Hitze noch Brunst, sondern nur
ein Lüfftlin, wie im Meyen oder Frühling,
er hörte auch darauf! allerley Instru¬
menta, deren Klang gantz lieblich war,
vnd konnte doch, so hell das Fewer war,
kein Instrument sehen, oder wie es
geschaffen ... In dem schwungen sich
zu diesem Teuffelischen Wurmb vnd
Beelzebub noch andere drey, auch solcher
gestalt. Als D. Faustus noch besser in die
Klufft hinab käme, vnd die drey benannte
dem Beelzebub vorflogen, begegenete D.
Fausto in dem ein großer fliegender
Hirsch, mit großen Hörnern vnd Zincken,
der wollte Doct. Faustum in die Klufft
hinab stürtzen, darob er sehr erschracke.
Aber die drey vorfliegende Würme ver¬
trieben den Hirsch. Als nun D. Faustus
besser in die Spelunck hinab kam, da
sähe er vmb sich herumb seyn nichts,
dann lauter Vnzieffer vnd Schlangen
schweben. Die Schlangen aber waren
Pt
4 +T
l
¥
k
T.
I
Hölle
vnsäglich groß. Ihm kamen darauff
fliegende Bären zu hülff, die rangen vnd
kämpfften mit den Schlangen, vnd
siegten ob, also daß er sicher vnd besser
hindurch käme, vnd wie er nu weiter
hinab kompt, sähe er ein großen geflü¬
gelten Stier aus einem alten Thor oder
Loch herauß gehen, vnd lieft also gantz
zornig vnd brüllend auff D. Faustum zu,
vnd stieß so starck an seinen Stuel, daß
sich der Stuel zugleich mit dem Wurm
vnnd Fausto vmbgewendet. D. Faust
fiel vom Stuel in die Klufft jmmer je
tieffer hinunter, mit grossem Zetter vnd
Wehgeschrey, dann er gedachte, nun ist
es mit mir auß, weil er auch seinen Geist
nicht mehr sehen konnte. Doch erwuscht
jn letzlich widerumb im hinunter fallen
ein alter runtzlechter Affe, der erhielt
vnd errettet jn. In dem vberzoge die
Hellen ein dicker finster Nebel, daß er
ein weil gar nichts sehen kondte, auff das
thäte sich eine Wolcken auff, darauß
zween großer Drachen stiegen, vnd zogen
einen Wagen nach jhnen, darauff der alte
Aff D. Faustum setzte. Da folget etwan
ein viertel Stundt lang ein dicke Finster¬
nuß, also daß D. Faustus weder den
Wagen, noch die Drachen sehen oder
begreiffen kondte, vnd fuhr doch jmmer
fort hinunter. Aber so bald solcher
dicker, stinckender vnd finsterer Nebel
verschwandt, sähe er sein Rossz vnd
Wagen widerumb. Aber in der Lufft
herab schossen auff D. Faustum so viel
Straal vnd Blitzen, daß der Keckest, wil
geschweigen D. Faustus, erschrecken vnd
zittern müssen. In dem kompt D. Faustus
auff ein groß vnd vngestümb Wasser,
mit dem sencken sich die Drachen
hinvnter, Er empfand aber kein Wasser,
sondern große Hitz vnnd Wärme, Vnd
schlugen also die Strömen vnnd Wällen
auff Doct. Faustum zu, daß er Rossz
vnd Wagen verlohr, vnd fiel jmmer
tieffer vnd tieffer in die Grauwsamkeit deß
Wassers hinein, biß er endlich im fallen
ein Klufft, die hoch vnd spitzig war, er¬
langte. Darauff saß er, als wann er halb
todt were, sähe vmb sich, kundte aber
niemand sehen noch hören. Er sähe
jmmer in die Klufft hinein, darob ein
Lüfftlin sich erzeigte, vmb jn sähe er
Wasser. D. Faustus gedacht, nu wie
mustu jm thun, dieweil du von den
Hellischen geistern verlassen bist, ent¬
weder du must dich in die Klufft oder
in das Wasser stürtzen, oder hieoben
verderben. In dem erzürnet er sich darob,
vnnd sprang also in einer rasenden vnsin-
nigen Förcht in das fewrige Loch hineyn,
vnd sprach: Nun jhr Geister, so nemmet
mein wolverdientes Opffer an, so meine
Seel verursachet hat. In dem er sich
also vberzwergs hinein gestürtzet hat,
wirt so ein erschrecklich Klopffen vnd
Getümmel gehört, davon sich der Berg
vnd Felsen erschüttet, vnnd so sehr,
dass er vermeynt, es seyen lauter große
Geschütz abgangen. Als er nun auff den
Grund kam, sähe er im Fewr viel statt¬
licher Leut, Keyser, Könige, Fürsten
vnnd Herrn. Item, viel tausent gehar¬
nischte Kriegssleut, Am Fewer flösse ein
küles Wasser, darvon etliche trancken,
vnd sich erlabeten vnd Badeten, etliche
lieffen vor Kühle in das Feuwer, sich zu
wärmen. D. Faustus trat in das Feuwer,
vnd wolte ein Seel der Verdampten er-
greiffen, vnd als er vermeynte er hett sie
in der Hand, verschwände sie jm wi¬
derumb. Er kondte aber vor Hitze nicht
länger bleiben, vnd als er sich vmbsahe,
sihe so kompt sein Drach oder Beelzebub
mit seinem Sessel wider, vnd sass er drauff,
fuhr also wider in die Höhe. Dann Doct.
Faustus kondte vor dem Donner, Vn¬
gestümb, Nebel, Schwefel, Rauch, Fewer,
Frost vnd Hitz in die länge nicht ver¬
harren, sonderlich da er gesehen hatt das
Zettergeschrey, Wehe, Grissgrammen,
Jammer vnd Pein. etc. 266 ). Später be¬
schreibt in der „Verkehrten Welt“
Grimmelshausen eine H.nfahrt. Er er¬
zählt, wie er im Gebirge vor einem Platz¬
regen in einem hohlen Baum Zuflucht
gefunden habe, plötzlich sei der Boden
unter ihm gewichen, so daß er bis in die
H. hinabfiel 267 ).
Wichtiger als die volkstümlichen
märchenartigen H.nfährten und die lite¬
rarischen der Profanen sind die visionären
der Kleriker. Mag auch immer wieder
von Ekstatikern die Entrückung in die
Hölle
240
die Phantasie beschäftigenden Orte der
Seligkeit und der Strafe erlebt worden
sein, so liegen doch den meisten der
Visionen das Lehrhafte und das Erbau¬
liche, häufig auch politische Tendenzen
in solchem Maße, daß die literari¬
sche Arbeit unverkennbar ist. Sie sind für
die Entwicklung der seit dem 13. Jhdt.
Volksgut gewordenen H.nvorstellungen von
größter Bedeutung 268 ). Gregor v. Tours
erzählt eine Vision des Merowingers
Guntram von Burgund, in ihr sieht dieser,
wie sein Bruder von drei Bischöfen mit
Ketten gefesselt zu ihm gebracht, zer¬
stückelt und in einen Kessel voll siedenden
Wassers geworfen wird 269 ). Gregor der
Große berichtet von einem Mönch, der
stirbt, die H.nqualen sieht, dann aber
kehrt das Leben noch einmal in seinen
Körper zurück: inferni se supplicia atque
innumera loca flammarum vidisse testa-
batur. Qui etiam quosdam huius seculi
potentes in eisdem flammis suspensos se
vidisse narrabat 27 °). Hier die Spitze |
gegen die Großen der Welt, wie schon im
Evangelium. In einer anderen ebendort
berichteten Vision sieht ein Soldat ,,qui
eductus ex corpore exanimis iacuit, sed
citius rediit“ eine Brücke, welche über
einen schwarzen, stinkende Nebel aus¬
strömenden Fluß führt, jenseits der Brücke
sind paradiesische Auen. Der Ungerechte
kann die Brücke nicht überschreiten und
stürzt in den Fluß 271 ). In der vor 630
zu datierenden Vision des Iren Furseus
sieht derselbe unter sich ein dunkles Tal
und vier Feuer. Das eine ist das Feuer
der Lüge, welches diejenigen verdirbt,
die ihr bei der Taufe gegebenes Ver¬
sprechen, die Sünde zu meiden, nicht
gehalten haben. Das zweite ist für die¬
jenigen bestimmt, die die Freuden der
Welt höher achteten, als die des Himmels.
Das dritte verzehrt die Streitsüchtigen,
das vierte die Räuber und Betrüger 272 ).
Etwa gleichzeitig ist eine Vision in den
Gesta Dagoberti. Ein Einsiedler auf einer
Insel bei Sizilien sieht, wie schreckliche
Dämonen den König Dagobert gefesselt
in einen Kahn legen, ihn mit Peitschen¬
hieben mißhandeln und so durch das
weite Meer nach vulkanischen Gegenden
fahren. Seine Heiligen erretten ihn
dann 273 ). Die erste ausführliche mittel¬
alterliche Jenseitswanderung gibt in der
Form einer Vision Beda. Auch hier stirbt
ein Mensch, erwacht wieder und erzählt,
was er im Jenseits gesehen hat. Von
einer Lichtgestalt begleitet sieht er fol¬
gendermaßen die H.: Incedebamus
autem tacentes, ut uidebatur mihi, con¬
tra ortum solis solstitialem; cumque
ambularemus, deuenimus ad uallem mul-
tae latitudinis ac profunditatis, infinitae
autem longitudinis; quae ad laeuam nobis
sita, unum latus flammis feruentibus
nimium terribile, alterum, furenti gran¬
dine ac frigore niuium omnia perflante
atque uerrente non minus intolerabile
praeferebat. Vtrumque autem erat ani-
mabus hominum plenum, quae uicissim
hinc inde uidebantur quasi tempestatis
impetu iactari 274 ). Cum enim uim
feruoris inmensi tolerare non possent,
prosiliebant miserae in medium frigoris
infesti: et cum neque ibi quippiam requiei
inuenire ualerent, resiliebant rursus urendae
in medium flammarum inextinguibilium.
Cumque hac infelici uicissitudine longe
lateque, prout aspicere poteram, sine
ulla quietis intercapedine innumerabilis
spirituum deformium multitudo torquere-
tur, cogitare coepi, quod hic fortasse esset
infernus, de cuius tormentis intolerabi-
libus narrare saepius audiui. Respondit
cogitationi meae ductor, qui me praece-
debat: ,,Non hoc“ inquiens ,,suspiceris;
non enim hic infernus est ille, quem
putas.“ At cum me hoc spectaculo tarn
horrendo perterritum paulatim in ul-
teriora produceret, uidi subito ante nos
obscurari incipere loca et tenebris omnia
repleri. Quas cum intraremus, in tantum
paulisper condensatae sunt, ut nihil
praeter ipsas aspicerem, excepta dumtaxat
specie et ueste eius, qui me ducebat. Et
cum progrederemur ‘sola sub nocte per
umbras' (Verg. Aen. VI 268), ecce subito
apparent ante nos crebri flammarum
tetrarum globi, ascendentes quasi de
puteo magno, rursumque decidentes in
eundem. Quo cum perductus essem,
repente ductor meus disparuit ac me
solum in medio tenebrarum et horridae
'4
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1
• •
1
241
uisionis reliquit. At cum idem globi
ignium sine intermissione modo alta
peterent, modo ima baratri repeterent,
cerno omnia, quae ascendebant, fastigia
flammarum plena esse spiritibus hominum,
qui instar fauillarum cum fumo ascen-
dentium nunc ad sublimiora proicerentur,
nunc retractis ignium uaporibus rela-
berentur in profunda. Sed et foetor in-
comparabilis cum eisdem uaporibus ebul-
liens omnia illa tenebrarum loca reple-
bat. . . audio subitum post terga sonitum
inmanissimi fletus ac miserrimi, simul et
cachinnum crepitantem quasi uulgi in-
docti captis hostibus insultantis. Vt
autem sonitus idem clarior redditus ad
me usque peruenit, considero turbam
malignorum spirituum, quae quinque ani-
mas hominum maerentes eiulantesque,
ipsa multum exultans et cachinnans me-
dias illas trahebat in tenebras: e quibus
uidelicet hominibus . . . quidam erat ad-
tonsus ut clericus, quidam laicus, quae-
dam femina. Trahentes autem eos ma-
ligni spiritus descenderunt in medium
baratri illius ardentis . . . Interea ascen-
derunt quidam spirituum obscurorum
de abysso illa flammiuoma, et adcur-
rentes circumdederunt me, atque oculis
flammantibus et de ore ac naribus ignem
putidum efflantes angebant; forcipibus
quoque igneis . . . minitabantur me com-
prehendere 275 ). In einer anderen Vision
läßt Beda einen unfrommen Mönch die
H. sehen: coepit narrare, quia uideret
inferos apertos et sathanan dimersum
in profundis tartari, Caiphanque cum
ceteris, qui occiderunt dominum, iuxta
eum flammis ultricibus contraditum: ‘in
quorum uicinia' inquit ‘heu misero mihi
locum despicio aeternae perditionis esse
praeparatum’ 276 ). Trotz des Zuspruchs
der Brüder läßt er sich nicht trösten,
sondern stirbt verzweifelt und verstockt 277 ).
In die gleiche Zeit führt die Visio Baronti
(gest. um 700). Von der H. berichtet er
wenig, weil er sie vor Qualm und Dunst
nicht genau erkennen konnte. Er sieht
nur eine unzählige Menge Menschen ge¬
bunden und von bösen Geistern zu Foltern
geschleppt. Sie müssen sich alle in einen
Kreis auf bleierne Sessel setzen. Die
242
Geizigen sitzen bei den Geizigen, die
Räuber bei den Räubern usw. 278 ). In den
Briefen des Bonifatius erscheint in einer
Vision die H. als tiefe Brunnen (putei),
welche Flammen ausspeien 279 ). In der
Visio Rotchari (kurz nach dem Tode
Karls des Großen) erscheint die H. als ein
häßliches Haus, dort sitzen eine Menge
Kleriker und Laien, denen ein schreck¬
licher Dämon Feuer unter die Fußsohlen
legt, welches bis zur Brust emporflackert.
Über ihre Häupter gießt er heißes
Wasser 280 ). In der Vision eines armen
Weibes (um 819) erscheint als H.nstrafe,
daß zwei Dämonen einem auf dem
Rücken liegenden Goldgierigen flüssiges
Gold in den Mund gießen. Eine Königin
erscheint auf Kopf, Brust und Rücken
mit drei Felsstücken belastet 281 ). Man
beginnt individuelle Martern auszumalen.
In der Visio Wettini (824) ist die H. ein
maximus fluvius igneus, in quo innumme-
rabilis multitudo damnatorum poenaliter
inclusa tenebatur ... Et in ceteris locis
innumeris tormentis diversi generis cru-
ciatos aspexerat: in quibus plurimos tarn
minoris quam maioris ordinis sacerdotes
stantes, dorso stipitibus inhaerentes in
igne stricte loris ligatos viderat: ipsasque
feminas ab eis stupratas simili modo
constrictas ante eos, in eodem igne usque
ad loca genitalium dimersas. Dictumque
est ei ab angelo quod sine intermissione,
uno die tantum intermisso, die tertia
semper in locis genitalibus virgis caede-
rentur 282 ). Die Visio Eucherii ist merk¬
würdig, weil Eucherius während des
Gebetes ins Jenseits entrückt wird. Er
sieht in der H. Karl Marteil. Merkwürdig
ist auch die Körperlichkeit des Ver¬
dammten, denn als man Karls Grab nach
dieser Vision öffnete, flog ein Drache
heraus und der Sarg war innen verkohlt 283 ).
Die Visionen der Karolingerzeit sind
politische Machwerke. Typisch ist die
Vision Karls des Dicken. Das Jenseits
ist im wesentlichen mit den Farben Bedas
gemalt. Unter Führung eines Engels
kommt er zunächst in feurige Täler,
welche voll glühender Brunnen sind.
Darin findet er Bischöfe seines Vaters
und seiner Onkel. Dann besteigen beide
Hölle
243
Hölle
244
hohe feurige Berge, auf denen Sümpfe
und Flüsse von glühendem Metall ent¬
springen. In den Flüssen stehen die
Vasallen und Fürsten seines Vaters, die
einen bis an die Haare, die anderen bis
ans Kinn, wieder andere bis an den Nabel.
Sie rufen ihm zu: die Strafen der Mäch¬
tigen werden groß sein. Am Ufer der
Flüsse stehen Öfen mit Schlangen (!) an¬
gefüllt, darinnen die schlechten Ratgeber
Karls 284 ). Im n. Jhdt. erscheint in den
Visionen des Otloh v. St. Emmeram als
visio sexta ein noch in den in neuerer Zeit
aufgezeichneten Sagen lebendiges Motiv.
Eine Magd stirbt, erwacht wieder und
erzählt, sie habe in der H. den Vater eines
bestimmten Beamten gesehen, der seinen
Sohn bitte, durch Rückgabe eines zu Un¬
recht erworbenen Ackers ihn zu erlösen 285 ).
In einer anderen Vision derselben Samm¬
lung wird ein glühendes metallenes Haus
ohne Fenster erwähnt, in dem diejenigen
eingeschlossen sind, die das Friedenswerk
Heinrichs III. störten 286 ). Einen Höhe¬
punkt in der Gestaltung von Jenseits¬
visionen bringt das 12. Jhdt., der nur
durch Dante überschritten worden ist.
Um 1129 entstand in Italien die Vision
des Alberich. Als zehnjähriger Knabe
sieht Alberich während einer neuntägigen
Bewußtlosigkeit zunächst den Strafort der
erst ein Jahr alten Kinder: sie werden
sieben Tage auf glühenden Kohlen ge¬
quält. Der zweite Strafort ist ein Tal, in
welchem sich ein großer Berg von Eis¬
schollen erhebt, Ehebrecher und Hurer
sind hier eingegraben. In einem anderen
Tal hängen Weiber an spitzen Bäumen,
an ihren zerschlitzten Brüsten saugen
Schlangen. Sie hatten verwaiste Kinder
nicht nähren wollen. Ehebrecherinnen
hängen an den Haaren über einem Feuer.
Fastenbrecher steigen auf einer glühenden
Leiter über einem mit siedendem Pech
und öl gefüllten Fasse in die Höhe. In
schwefligem Feuer werden Tyrannen ge¬
quält. Mörder tragen drei Jahre lang
einen Dämon in Gestalt des Gemordeten
an der Kehle. Dann werden sie in einen
blutigen Feuersee getaucht. Nach anderen
Schrecknissen wird der Visionär an den
H.nschlund (puteus) geführt. Daneben
liegt der H.nwurm, der die Seelen der Sün¬
der wie Fliegen verschlingt und wieder
aushaucht. Verleumder werden in einem
mit Schlangen und Skorpionen angefüllten
See gemartert. Diebe sind mit Ketten
gefesselt und mit schweren Eisenmassen
behängt. Über einen Fluß führt eine
Brücke, die dem Ungerechten in der
Mitte so schmal wie ein Faden wird. Die
Seelen sind aus diesen Qualen zu erlösen.
Die ganze H.nszenerie ist also eher als
Fegefeuer zu bezeichnen, nur die im H.n¬
schlund eingeschlossenen Judas, Hannas,
Kaiphas und Herodes sind ewig ver¬
dammt 287 ). In der etwas späteren Vi¬
sion des Oenus wird Oenus von Dämonen
durch vier Straf orte geschleppt, die an
Furchtbarkeit immer zunehmen. In den
ersten sind die Menschen an Händen und
Füßen auf den Boden genagelt, sie haben
den Bauch der Erde zugekehrt und wer¬
den von Dämonen gegeißelt. In dem
zweiten liegen sie auf dem Rücken,
Schlangen zerfleischen und Dämonen peit¬
schen sie. In dem dritten liegen die Ver¬
dammten am ganzen Körper durchnagelt
nackt am Boden, glühend heiße und eis¬
kalte Winde umwehen sie. In einem vier¬
ten Felde sind die einen an Händen und
Füßen mit glühenden Ketten gefesselt
und hängen über einem schwefligen Feuer.
Anderen sind die Augen ausgestochen oder
die Ohren und andere Gliedmaßen abge¬
schnitten. Andere werden in Pfannen ge¬
röstet, an Spießen gebraten, oder es wird
ihnen glühendes Metall in den Mund ge¬
gossen. An einem Rade, dessen Speichen
mit eisernen Nägeln besetzt sind, hängen
unzählige Seelen. Die Hälfte des Rades
ist in ein Feuermeer getaucht, das Rad
wird von Dämonen beständig herum¬
gewirbelt. In Gräben voll flüssigen Me¬
talls stehen andere Seelen. Von einem
hohen Berge werden Nackte in einen eis¬
kalten Fluß geweht. Aus einem großen
Brunnen (puteus) lodert eine Flamme,
Seelen steigen wie Funken auf und nieder.
Eine schmale schlüpfrige Brücke führt
über einen breiten feurigen und stinken¬
den Strom an die Mauer des Paradieses 288 ).
Die verbreitetste (lat., deutsche, nieder-
länd., engl., schwed., isländ., span., pro-
v
245
Hölle
246
I venzal., franz. und ital. Bearbeitungen)
Und vollendetste ist die Visio Tundali.
Die lateinische — älteste — Bearbeitung
Wurde von einem Mönche irischer Her¬
kunft in Regensburg angefertigt. Tunda-
lus sieht während einer dreitägigen Be¬
wußtlosigkeit das Jenseits. Er sieht den
Strafort der Mörder: ein tiefes mit glühen¬
den Kohlen angefülltes Tal. Dies ist mit
einem Deckel bedeckt, auf dem die Seelen
geröstet werden, bis sie zerschmelzen und
in die glühenden Kohlen fallen. Hinter¬
listige werden an einem Berge gepeinigt,
an dessen einer Seite ein schwefliger stin¬
kender Feuerschlund sich öffnet, auf der
anderen braust ein Sturm mit Hagel und
Schnee. Dämonen befördern die Seelen
von dem glühenden Abgrund in die Kälte,
ln einem stinkenden Tale werden die
Hochmütigen gequält. Ein schwefliger
Fluß fließt darin. Über dem Tal ist eine
lange schmale Brücke, die kein Ungerech¬
ter passieren kann. Ein ungeheurer Tier¬
rachen verschlingt die Habsüchtigen. Der
Strafort der Diebe und Räuber ist ein
Sumpf voll von turmgroßen Tieren, aus
deren Rachen Feuer hervorgeht. Über
diesen Sumpf führt eine lange, sehr
•chmale, mit Nägeln gespickte Brücke.
V Die Diebe müssen mit ihrem Diebesgut
L hinüber und stürzen ab. In dem Haus,
r in dem Schlemmer und Hurer gemartert
| Werden, häuten, verstümmeln und köpfen
\ 4 mitten im Feuer dämonische Henkers-
& knechte die Seelen. Geistliche, die sich
* der Unzucht ergeben haben, werden von
einem Tiere mit Flügeln, eisernem Schna¬
bel und Klauen gefressen und in einem
Sumpfe wiedergeboren. Im Sumpfe
Steckend werden sie von Schlangen¬
bissen in den Eingeweiden gequält. Aus
allen Gliedern wachsen Schlangen mit
blühenden Köpfen und scharfen Schnä¬
beln, sie wenden sich im Fleische steckend
gegen das Fleisch und fressen es bis auf
die Sehnen und Knochen. Andere werden
auf einem Amboß mit anderen Seelen zu¬
sammengeschmiedet, dann zu Asche ver¬
brannt. Alle diese Strafen sind die derjeni¬
gen, die noch am Jüngsten Gericht das end¬
gültige Urteil erwarten. Die schon Ge¬
richteten sind in der tiefsten H. in einem
viereckigen Brunnen, aus demselben lo¬
dert eine Feuersäule bis zum Himmel.
Darin steigen und sinken schreckliche
Dämonen und Seelen auf und nieder. Der
Fürst der Finsternis, ein menschenge-
staltiges schwarzes Ungetüm, liegt hier
auf einem Roste gefesselt, unter welchem
das Feuer von Dämonen beständig ange¬
facht wird. Er fängt mit seinen tausend
Händen die umherschwärmenden Seelen,
zerdrückt sie und schleudert sie in die
Ecken, dann atmet er sie wieder ein und
verschlingt sie 289 ). Gegen Ende des
12. Jhdts. entstand in Deutschland eine
in der Folgezeit weit verbreitete Vision,
die das Schicksal eines Erzbischofs Udo
in der H. beschreibt 29 °). Zwei wenig äl¬
tere H.nfahrtsgeschichten, die des Erz¬
bischofs Adalbert von Mainz und Hart¬
wigs von Magdeburg, sind in sie verar¬
beitet 291 ).
Der Überblick über die Visionsliteratur
zeigt, wie die H.nstrafen immer persönlicher
und sinnlicher werden. Die Visionen wa¬
ren sehr verbreitet, sie haben die volks¬
tümliche H.nvorstellung nachhaltig be¬
einflußt, in dem im 13. Jhdt. einsetzen¬
den Angriff der Mönche waren sie eine
Haupt waffe.
248 ) Rochholz Sagen 2, 54. 25 °) Hailauer
Chansons de geste 36. 251 ) Gr oh mann 199;
Wuttke 411 § 639. 262 ) Heyl Tirol 35 Nr. 40.
253 ) Schönbach Berthold v. R. 53. 264 ) Müllen-
hoff Sagen 577 Nr. 592. 255 ) Birlinger
Volksth. 1, 269 f. 256 ) Strackerjan 1, 500.
257 ) ZfVk. 9 (1899), 371; Reise in die Hölle durch
die Luft auch Klapper Erzählungen 356.
258 ) ZfVk. 9 (1899), 370 f.; vgl. ebd. 8 (1898),
328 f. 25# ) Baumgarten Jahr u. s. Tage
16. 28 °) Rochholz Sagen 2, 224 ff. Nr. 436.
Weitere Materialien Köhler Kl. Sehr. 1, 320 f.
261 ) Knoop Posener Märchen 3; Haupt Lau¬
sitz 2, 217 ff.; Schönwerth Oberpfalz 3, 26.
262 ) s. o. bei Anm. 39—43. 2 * 3 ) Schönwerth
Oberpfalz 2, 274. 264 ) Kühnau Sagen 2, 737;
vgl. Köhler Kl. Sehr. 1, 67. *® 6 ) Bechstein
Thüringen 1, 17 f. 266 ) (Petsch) Faust 51—53.
267 ) Amersbach Grimmelshausen 1, 15. 288 ) Die
folgenden Daten nach C. Fritzsche Die latei¬
nischen Visionen des Mittelalters bis zur Mitte
des 12. Jhdts. Romanische Forschungen 2
(1886), 247—279; 3 (1887), 337 — 369 - Vgl.
auch M. Landau Hölle und Fegfeuer in Volks¬
glaube, Dichtung und Kirchenlehre (Heidelberg
1909) 4—17; H. Günter Legenden-Studien
(Köln 1906) 148—155; Th. Wright St. Pa¬
trick’s Purgatory. An Essay on the Legends of
i
t
247
Hölle
248
Purgatory, Hell and Paradise current during
the Middle Ages (London 1844) passim. 269 )
Fritzsche 2, 264 1 . 27 °) Dialog. IV, 36.
271 ) Fritzsche 2, 266. 272 ) Ebd. 2, 268 f.
273 ) Ebd. 2, 269 {. 274 ) Dasselbe Bild in der
Visio Bernoldi des Hincmar v. Reims, Fritz¬
sche 3, 341. Vgl. die ähnliche Vorstellung bei
Caesarius v. Heisterbach oben bei Anm. 172.
276 ) Baedae Historia ecclesiastica gentis Anglo -
rum V, 12, hsg. v. A. Holder (Freiburg i. B. und
Tübingen 1882) 246 f. 276 ) Ebd. V, 14 (Holder
253). 277 ) Dieser Zug später öfters vgl. Caesarius
v. Heisterb ach Dialogus 1, 72. 278 ) Fritzsche
2, 274. 279 ) Ebd. 2, 275. 28 °) Ebd. 2, 277.
281 )Ebd. 2. 278. 282 )Heitonis Visio Wettini VI.
Poetae Latini Aevi Carolini ree. E. Duemmler
(MG. Poetarum Latinorum Medii Aevi tom. II)
269 f. 283 ) Fritzsche 3, 339. 284 ) Ebd. 3, 344!.
285 ) Ebd. 3, 349. 286 ) Ebd. 3, 350. 287 ) Ebd. 3,
355 f- 288 ) Ebd. 3, 338 — 360). 289 ) Ebd. 3,
361 — 366. 290 ) Der wesentliche Inhalt in einem
Exempel bei Klapper vgl. oben bei Anm. 170.
291 ) A. E. Schönbach Studien zur Erzählungs¬
literatur des Mittelalters 3 (Sb. Akad. Wien
Phil.-hist. Kl. 144); H. Günter Legenden-Studien
152 f.
12. Die Quellen und die Ge¬
schichte der christlichen Höllen¬
vorstellung.
Neues Testament — Henoch — Petrus¬
apokalypse — Kirchenväter — jüdische —
antike — islamische H.nvorstellungen.
Die Grundlage der christlichen H.nvor-
stellung finden wir im Evangelium. Über¬
all, wo im NT. von der yee wa die Rede
ist, ist sie als ein feuriger Strafort ge¬
dacht, ausdrücklich Mt. 5, 22 u. 18,9: yEsvva
xou 7rupdc, Mt. 13, 42.50 als Feuerofen, wo
Heulen und Zähneklappern sein wird:
7} xajxtvo; xou rcupdr ixet saxai ö xXauduös
xato ßp ufposTtuv 45 ovtü>v. Dies H.nfeuer ver¬
lischt nicht Mk. 9,43: 7; “(sevva, td 7rup
td aaßearov, ewig brennt es Mt. 18,8;
25,41: to röp to atcuvtov. Im Anschluß
an Jes. 66,24 findet sich neben dem
Feuer wie später immer wieder der Wurm
Mk. 9, 48: 7) feewa, 6 axu>X?j£ aurtuv
00 TeXsüTa xai tö wup ou aßevvuTat. Trotz
des Feuers gilt die H. als finster Mt. 8, 12;
22, 13; 25,30: to axoTo? to iJaiTspov. Ixe!
laxat 6 xXaoÖpo? xai 6 ßpu^fjA? xa>v 68ovtü>v.
Das H.nfeuer erwartet nicht nur die Sün¬
der, es ist auch dem Teufel und seinem An¬
hang bereitet Mt. 25, 41 : xo Ttup xo atomov
xd t|TOtp.aa|AEvov xtp StaßoXu) xai xoR apfeX-
Xotc auToo. Nach Lk. 16, 19 — 26 wird die
feurige H.nqual dadurch gesteigert, daß die
Verdammten über ein hinweg
die Freuden der Seligen sehen. Die H.
als Feuersee erscheint Apk. Joh. 20,14 f.:
7j Xt'jJiv7j xoö iropdp oöxo? d Oa'varo; 6 Seuxepoc
eaxtv. Dazu erscheint Schwefel als H.ningre-
dienz Apk. Joh. 19, 20: tj Xijivt] toÖ rupd? 7;
xatopsvTj iv Oetcp, 20, 10: 7 j XijAV 7 j toü iropd?
xai tlstoo,2i,8: r t Xijavt) y) xatopiev>] ‘irupixaiÖaup.
Apk. Joh. 9,1 f. hat auf die spätere Vorstel¬
lung vom H.nbrunnen, dem puteus des
Mittelalters, gewirkt: xd <ppeap xr^ aßdsaou*
xai avsß7} xa7rvöc ix xoo opsaxoc tu; xatrvos
xajjuvou jjt.eydX7)c.
Diese Vorstellungen entsprechen dem
jüdischen Volksglauben im Zeitalter
Christi. Über das jüdische H.nbild in vor¬
christlicher Zeit — von vor 167 bis vor
64 — orientiert das Buch Henoch 292 ).
Schon mit dem Worte Gehenna blieb der
Gedanke an ein H.ntal verbunden. Hen.
56, 3 ist in diesem Sinne von dem tief¬
sten Abgrund des Tales die Rede, 27,2:
eine verfluchte Schlucht, 54, 1: ein tiefes
Tal mit loderndem Feuer. Feuer das we¬
sentliche Kennzeichen der H. Hen. 100, 9;
102,1: schmerzhaftes Feuer, 90, 24: ein
Abgrund voll Feuer, Flammen und voll
Feuersäulen, 90, 25 h: ein Feuerpfuhl,
98, 3: ein Feuerofen. Dabei ist die H.
ein Ort der Finsternis Hen. 63, 6; 92, 5;
94, 9, der Finsternis, Ketten und lo¬
dernden Flammen 103, 8. Das Bild des
Grabes schwebt vor Hen. 46, 6: Finster¬
nis wird ihre Wohnung und Gewürm
ihre Lagerstätte sein. Das Buch Henoch
ist weiter deswegen von Bedeutung, weil
es von den Christen der ersten Jahr¬
hunderte viel gelesen wurde 293 ) und ihre
H.nvorstellungen beeinflussen konnte. Es
ist bemerkenswert, daß in den H.nschil-
derungen gern von den Mächtigen der
Welt die Rede ist, die im Jenseits ge¬
peinigt werden. Gelegentlich haben da¬
zu politische Wünsche beigetragen, viel¬
fach ist diese Erscheinung aber in anderer
Weise zu erklären. Der Arme, Unter¬
drückte weidet sich an dem Bilde der jen¬
seitigen Rache. Die sozial Schwachen sind
es, die in erster Linie H.n- und Paradieses¬
vorstellungen pflegen. Nicht nur das Indi¬
viduum, auch ganze religiöse Gemein¬
schaften stehen, wenigstens zuzeiten,
unter dem Joch eines Mächtigeren, und
249
Hölle
250
gerade dann pflegen die Farben der H.
aufzuflammen, die in ruhigeren Zeiten ver¬
blassen. So ist besonders die erste Zeit
des jungen verfolgten Christentums reich
an Jenseitsschilderungen.
An erster Stelle ist die Petrusapoka-
lyse (um 135 n. Chr.) zu nennen 294 ).
Sünder und Heuchler werden in den Tie¬
fen nie vergehender Finsternis liegen.
Ihre Strafe ist das Feuer (6) 295 ). Als Un¬
terwelt erscheint die H., wenn am Ge¬
richtstage Gott ihr gebieten wird, daß sie
ihre stählernen Riegel öffne (4) 296 ). Die
Verfolger der Gerechten stehen in der H.
bis zur Leibesmitte in Flammen, sie wer¬
den an einen finsteren Ort geworfen und
gegeißelt, nie ruhendes Gewürm frißt
ihre Eingeweide (9). Denen, die Mär¬
tyrer durch falsches Zeugnis in den Tod
gebracht haben, werden die Lippen ab¬
geschnitten, Feuer fließt in ihren Mund
und in ihre Eingeweide (9) 297 ). Lästerer
werden an der Zunge aufgehängt, unter
ihnen Feuer (7) 298 ), oder sie zerbeißen sich
die Zunge, flüssiges Eisen wird ihnen in
die Augen gegossen (9) 2 "). Die um des
Scheines Willen Almosen gaben, sind blind
und stumm und fallen auf nie verlöschende
Kohlen (12). Zauberer werden an sich
drehenden Feuerrädern aufgehängt (12) 300 ).
In einem kotigen See stehen die Wucherer
(10). Die Bedrücker der Witwen, Frauen
und Kinder werden in eine Feuersäule,
spitzer als Schwerter geworfen (9) 301 ).
Huren werden an den Haaren über einem
glühenden Schlammsee aufgehängt, ihre
Liebhaber hängen hier an den Schenkeln,
die Köpfe im Schlamm (7). Weiber,
die ihre Kinder abtrieben, sitzen bis an die
Kehle in einem Kotsee. Ihnen gegenüber
sitzen ihre Kinder, von ihnen aus schlagen
Feuerblitze den Weibern in die Augen.
Die Milch fließt aus ihren Brüsten, ge¬
rinnt und fleischfressende Tiere entstehen
daraus, sie kriechen heraus und quälen die
Frauen, wie ihre Männer (8) 302 ). Homo¬
sexuelle werden einen Abhang hinunter¬
gestürzt und immer wieder hinaufgehetzt
(10) 303 ). Mörder werden im Feuer von
giftigen Würmern gequält (7) 304 ). Die
Legende von dem Mädchen, das seine Mut¬
ter im Traum in der H. sieht 805 ), scheint
hier schon einzusetzen: ein Engel bringt
Kinder und Jungfrauen, um ihnen die
Bestraften zu zeigen (11) 306 ). Ähnlich
wird später die H. in der Paulusapoka¬
lypse (Ende des 4. Jhdts.) geschildert.
Der von einem Engel geleitete Apostel
sieht einen Feuerstrom, darin die Sünder
teüs bis zu den Knien, teils bis zum Nabel,
teils bis zum Scheitel. Einem unfrommen
hurerischen Priester wühlen Strafengel
mit dreispitzigen Eisen in den Einge-
weiden, ein gleicher Diakonus steht in
einem Feuerstrom mit ausgestreckten
blutigen Händen, Würmer kommen ihm
aus Mund und Nase. Diejenigen, die
Waisen, Witwen und Arme geschädigt
haben, liegen mit zerschnittenen Händen
und Füßen in Eis und Schnee, dazu von
Würmern gefressen. Das Interesse für
alle möglichen Verstöße gegen die christ¬
liche Sexualmoral ist besonders bemer¬
kenswert : weiter die Schilderung des stin¬
kenden versiegelten puteus. Die Paulus¬
apokalypse wurde im Mittelalter viel ge¬
lesen. Vielleicht stand Dante unter ihrem
Einfluß 307 ). Ein später immer wieder auf¬
tretendes Legendenmotiv: die Wiederbe¬
lebung eines Gestorbenen, der dann von
dem Jenseits berichtet, findet sich in den
Thomasakten (um 200). Ein Mädchen er¬
zählt, ein Mensch, häßlich und schwarz,
empfing sie, er zeigte ihr einen Ort, wo
viele Klüfte waren, aus denen üble Dünste
kamen. Darin erblickt sie Feuer, Feuerräder
mit Seelen, diese werden für Sexualsünden
bestraft, in einer andern Kluft sieht sie in
Schlamm und Gewürm Ehebrecher. In
einer anderen hängen an der Zunge, den
Haaren, den Händen oder Füßen, dabei
von Rauch und Schwefel dampfend, Ver¬
leumder, Schamlose, Diebe und die, die
Kranke nicht besuchten, Tote nicht be¬
statteten. Ein Sammelraum dieser H.
ist eine dunkle Höhle voll stickiger Luft
(51— 57 ) 308 )- In den Johannesakten wer¬
den die Schrecken der H. zusammenge¬
faßt: Und wenn ich zu dir komme, weiche
das Feuer, werde die Finsternis besiegt,
werde machtlos die Kluft, gehe der Glut¬
ofen aus, werde die H. gelöscht (114) 309 ).
Derartige wilde H.n Schilderungen mit
im einzelnen ausgemalten Qualen sind für
251
Hölle
252
die apokryphe Literatur charakteristisch, löschbar, dabei finster, Feuer und Wür-
Die Weisheit der Kirchenväter, die den mer quälen die Verdammten 321 ). Diese
Bau der Kirche gründeten, schlossen diese Idee ist im Judentum erst allmählich ent-
Werke aus dem Kanon aus. Ihr H.nbild be- wickelt worden. Deutlich tritt sie in der
ruht im wesentlichen auf den durch das N.T. Makkabäerzeit hervor. Man hat ver-
gegebenenDaten. Ihre H.nvorstellung ist sucht, sie aus fremdem Einfluß zu er¬
schrecklich, aber großartiger als die der klären und dabei an Babylonien gedacht,
Apokryphen. Die ruhigeren Zeiten der indessen fehlt hier die Vorstellung einer
gefestigten Kirche führten zu den Fragen feurigen H. 322 ). In manchen Punkten ist
über die Natur der H., ihre Dauer und die die jüdische Eschatologie von Iran her
Wirkungsmöglichkeit des Feuers auf die beeinflußt worden 323 ), aber gerade die H.
Seelen, Fragen, die den erregten Ver- ist in den parsischen Schriften nicht ein
fassern der zitierten Apokryphen ferner Ort des Feuers, Spuren einer derartigen
lagen. Allgemein wird angenommen, Vorstellung im sassanidischen Arda i
daß die H. ein Feuer sei 310 ). Tertullian Viräf dürfen nicht in diesem Sinne ausge¬
sagt von der Gehenna: quae est ignis deutet werden 324 ). Die parsische Vor-
arcani subterraneus ad poenam thesau- Stellung vom Ende Ahrimans durch Feuer
rus 311 ). DasH.nfeuer ist ewig 312 ), unaus- und vom Feuerordal am Gerichtstage hat
löschlich 313 ). Als Feuerofen erscheint mit der parsischen H. nichts zu schaffen 325 )
es wieder bei Irenaeus 314 ) und bei Cy- Auch griechischer Einfluß ist in der Ent-
prian: saeviens locus gehennae eructan- stehungszeit der jüdischen H. unwahr-
tibus flammis perhorrendum spissae noctis scheinlich. Daß Feuer als jenseitiges Straf -
caliginem saeva semper incendia camini mittel gewählt wird, kann einen natür-
fumentis exspirat globus ignium, arctatus liehen Grund darin haben, daß es das
obstruitur 315 ). Weiter ist das H.nfeuer schmerzhafteste ist. Und wenn die Phan-
dunkel 316 ). Dieser Widerspruch, der durch tasie dazu gelangt, sich eine H. auszu-
die Evangelien angeregt war, führte zu malen, so ist Feuer die wirksamste Illu-
Spekulationen: das Feuer wird geteilt stration. Es spielt auch eine bedeutende
werden, sein Leuchten wird den Gerech- Rolle in indischen, chinesischen und jä¬
ten zuteil werden, sein Brennen die Sün- panischen H.nVorstellungen als die
der peinigen 317 ). Die H. ist ein Feuer- schlimmste Pein. Man ist versucht, in
meer 318 ), ein Feuer- und Schwefel- Indien den Ursprung der Feuerh. zu ver-
pfuhl 319 ). Lactantius definiert das H.n- muten. Diese imposante Vorstellung wäre
teuer: ad ille divinus per se ipsum semper dann einerseits mit dem Buddhismus nach
vivit at viget sine ullis alimentis, nec ad- dem fernen Osten gebracht worden,
mixtum habet fumum, sed est purus ac andrerseits nach dem Westen ausgestrahlt,
liquidus et in aquae modum fluidus 320 ). So ließe sich die Feuerh. im Judentum
Durch die Arbeit der Kirchenväter wurde (in Syrien ? Philodemos, s. u.) und in den
das Feuer der H. zum Dogma, es ist das antiken Sekten als östlicher Import ver-
wesentliche Kennzeichen christlicher H.n- stehen. Diese Hypothese ist aber un-
vorstellung. Ältere Vorstellungen von sicher. Die betreffenden indischen Schil-
Auf enthalt Sorten der Toten im Volks- derungen feuriger H.n sind vorläufig
glauben wurden dadurch zu höllischen nicht genügend früh zu belegen. Spuren
Orten gemacht, daß lediglich dies feurige einer Feuerh. im Rigveda (IV, 5, 4 u.
Element hinein getragen wurde. VII, 59, 8) sind ganz zweifelhaft. So
Die christliche H.nvorstellung ist, wie kommen wir hier zunächst über Vermu-
schon das Buch Henoch zeigte, aus der tungen nicht hinaus. Sicher ist nur, daß im
jüdischen her vorgegangen. Das spätere Zeitalter Christi die Feuerhölle schon Ge-
jüdische Schrifttum hat im wesentlichen meingut des jüdischen Volksglaubens war,
die gleichen Züge gepflegt, die auch im sie wurde in den Evangelien fixiert und so
Christentum Aufnahme gefunden hat- zur Basis für die immer wieder die Men¬
ten: die H. ist feurig, das Feuer ist unver- sehen erschütternde christliche H.
253
Hölle
254
Das Christentum, das mit dem Evan¬
gelium die Lehre vom H.nfeuer verbreitete,
fand in der antiken Welt Vorstellungen
vor, die sich hiermit deckten und die die
christlichen H.nschilderungen befruchtet
haben. Der erste, der das Feuer schlecht¬
hin für H. gebraucht, ist Philodemos
(zwischen 110 und 25 v. Chr.) 326 ). Es ist
wohl kein Zufall, daß Philodemos Syrer
war, und er hat wohl mit der Feuerh.
eine in seiner Heimat geläufige An¬
schauung wiedergegeben. Gleichwertig
mit anderen Strafen findet sich das Feuer
besonders in orphischen Kreisen. Wäh¬
rend dem klassischen Griechenland die
Vorstellung eines jenseitigen Qualortes gar
nicht lag, blühten solche Bilder in späterer
Zeit in der ganzen griechisch-römischen
Welt, getragen von den Sekten, die ihren
Initiaten ein Paradies, den Nichtein¬
geweihten die H. versprachen 327 ). Hier
sind die Erfinder der greulichsten Mar¬
tern, Qualen mit Schwefel und Pech,
Aufhängen an den Haaren, den Bei¬
nen, der Zunge, Menschen aus niederem
Stande 328 ). Auch hier ist die schreck¬
lichste Qual, die des Feuers, mehr und
mehr in den Vordergrund gerückt. Lu-
kian kennt uotoc|aoI T:upo;, ttoVu nup xouofie-
vov, äafir) ofov ttstoo xai TumrjcalsH.ncharak-
teristika 329 ). Dies Feuer ist ursprünglich
ein Reinigungsfeuer gewesen, dem die Ab¬
geschiedenen unterworfen wurden 330 ).
Freilich dient es späterhin zur Qual. Ein
anderer von der Wissenschaft vertretener
Gedanke kam hinzu: die vulkanischen
Eruptionen und die heißen Quellen hatten
die Gelehrten dazu geführt, im Innern der
Erde eine große Feuermasse anzunehmen.
Da man sich nun den Tartarus in der
Äußersten Tiefe der Unterwelt dachte,
mußte hier der Ort jenes vulkanischen
Feuers sein, nun zur Qual der Sünder 331 ).
Das H.nfeuer wird später mit dem vulka¬
nischen verglichen, so bei Minucius Fe¬
lix 332 ), Tertullian 333 ), Pacian 334 ) und
Petrus Damiani 335 ).
Die Vorstellungen der Konventikel im
römischen Imperium hatten die christ¬
liche H. schon vorbereitet. Speziell in
Italien fiel die christliche H.npredigt bei
den Römern etruskischen Blutes auf
fruchtbaren Boden. Nach dem Siege des
Christentums verschwanden diese Sekten
und ihre Literatur allmählich, dafür begann
nun die offizielle Literatur der Antike zu
wirken, vor allem Ciceros somnium Sci-
pionis und weit mehr noch das 6. Buch
von Vergils Aeneis (Vergil entstammte
einem alten etruskischen Geschlechte !).
Beide sind durch Vermittlung des Posei-
donios abhängig von Plato, der im
10. Buche seines ,,Staates“ die Jen¬
seitsvision des Pamphyliers Er bringt 336 ).
Möglicherweise sind diese von Plato
dem Er in den Mund gelegten Vor¬
stellungen orientalischen Ursprungs 337 ).
Der in der Schlacht gefallene Er wird am
12. Tage wieder lebendig und erzählt dem
Volke, was er gesehen hat. Diese Fik¬
tion findet sich später bei Plutarch wie¬
der: ein zügelloser Mensch stürzte von
einem Berge ab, starb, sah die Qualen
und Freuden des Jenseits, erwachte wie¬
der zum Leben und besserte sich 338 ). Ge¬
legentlich ist es nur eine tiefe Ohnmacht,
während derer der Entrückte das Jenseits
sieht 339 ). Diese Vorbilder haben die
christliche Visionsliteratur angeregt. Cle¬
mens Alexandrinus 340 ) und Arnobius 341 )
zitieren als Autorität Plato. Eine Re¬
miniszenz an den Faden der Ariadne
findet sich in der Vision Karls III. 342 ).
Endlich ist noch der Hypothese zu ge¬
denken, daß der Islam während des Mit¬
telalters die christlichen Jenseitsvor¬
stellungen beeinflußt hat. Die Diskussion
über diese Möglichkeiten ist eröffnet wor¬
den durch die Untersuchungen von
Asm 343 ). Die H. des Islams ist der christ¬
lichen außerordentlich ähnlich, da sie in
ihrer Entstehung von der christlichen
stark beeinflußt worden ist. Auch ihr ist
das Feuer wesentlich, so daß sie schlecht¬
hin das Feuer genannt wird. An die christ¬
liche Vorstellung vom H.nrachen, der in
der mittelalterlichen Kunst gelegentlich
mit zwei Füßen versehen dargestellt
wird 344 ), erinnert es, wenn im Islam die
H. als ein Tier erscheint, das auf die ver¬
dammte Menschheit losstürzt und sie
verschlingt 345 ). Auch das H.nfeuer des Is¬
lams ist dunkel, ,,schwärzer als Pech“ 346 ).
H.nfährten berichten eingehend von der
255
Hölle
256
Einrichtung der H. und ihren sieben
Stockwerken, deren Strafen auch hier
schrecklicher werden, je tiefer die Schicht
liegt. In der oberen Schicht, die die ge¬
ringsten Qualen hat, sind tausend Feuer¬
berge, bei jedem Berg 70 000 Feuer¬
ströme, an jedem Strom 70 000 Feuer¬
städte, in jeder Stadt 70 000 Feuerburgen
und 70 000 Feuerhäuser und in jedem
Haus 70 000 Feuerlager und auf jedem La¬
ger gibt es 70 000 Arten von Qualen 347 ).
Eine Legende erzählt von Jesus, der einen
Schädel wiederbelebt, der dann von den
Schrecken der H. berichtet. Er erzählt,
er sei ein König gewesen, habe aber nicht
gottesfürchtig gelebt. Als er gestorben
war, wurde er vor den thronenden H.n-
fürsten geschleppt, der ihn mit einem
Fluch begrüßte. Es folgt dann eine Schil¬
derung der H., ihrer sieben Stockwerke
und der Qualen. Er selber wurde schlie߬
lich in einen Brunnen geworfen 348 ). Die
Geschichte erinnert an den Empfang und
die Strafe eines Edelmannes in der H. in
Klappers Exempelsammlung 349 ). Viel¬
leicht haben muhammedanische H.n-
vorstellungen gelegentlich die christlichen
beeinflußt, sicher aber nicht in dem von
Asm angenommenen Ausmaße 350 ).
Rückblickend läßt sich vorläufig sagen,
daß die Vorstellung einer feurigen H.
auf deutsches Gebiet erst mit dem Chri¬
stentum importiert wurde. Die Feuerh.
gehörte vom Anfang der christlichen Aus¬
breitung zum Bestände der Missions¬
predigt. Diese fremde Vorstellung ver¬
drängte auf deutschem Boden aber zu¬
nächst nur in geringem Maße die der
alten Totenheime. Erst durch die Tätig¬
keit der Bettelorden wurde die Feuerh. der
Evangelien, Kirchenväter und Visionäre
Allgemeingut des deutschen Volks¬
glaubens. Die neutestamentliche H. reprä¬
sentiert den jüdischen Volksglauben im
Zeitalter Jesu, der erst seit nachexilischer
Zeit allmählich eine Feuerh. entwickelt
hatte. In den Jahrhunderten der Aus¬
breitung traf das Christentum auf H.n-
vorstellungen in den verschiedenen Sekten
besonders bei Orphikern und Pythagoreern,
die nun verchri st licht wurden. Es kann
sein, daß die Anregung zur Bildung von
Feuerh.n von Indien ausgegangen ist 351 ).
Abschließendes ist noch nicht zu sagen, da
sichere Daten und einzelne Zwischen-
• •
glieder fehlen. Welche Überraschungen
die orientalistische Forschung noch zutage
fördern kann, zeigt eine soeben veröffent¬
lichte H.nfahrt eines assyrischen Königs
aus dem 8. Jhdt., der im Traum in die
grausige H. entrückt wird 352 ).
292 ) G. Beer Das Buch Henoch (Die Apo¬
kryphen und Pseudepigraphen des Alten Testa¬
ments hsg. von E. Kautzsch, 2,Tübingen 1900)
217 h. 293 ) Vgl. die Exzerpte der Kirchenväter
bei J. A. Fabricius Codex pseudepigraphicus
Veteris Testamenti (Hamburg u. Leipzig 1713)
167 ff. 294 ) Neutestamentliche Apokryphen.
Hsg. von E. Hennecke (Tübingen 1924)
314fr. 295 ) Hennecke 320. 296 ) Ebd. 319.
297 ) Ebd. 323. 298 ) Ebd. 321. 2 ") Ebd. 323.
300 ) Ebd. 325. 301 ) Ebd. 323. 302 ) Ebd. 321 f.
303 ) Ebd. 324. 304 ) Ebd. 321. 305 ) Vgl. oben bei
Anm. 158—162. 30fi ) Hennecke 324. 307 ) M.
Rh. James Apocrypha aneedota [Visio Pauli).
Texts and Studies. Bd. 2 Nr. 3 (Cambridge
1893) 28—35. Vgl. O. Bardenhewer Ge¬
schichte der altkirchlichen Literatur 2 1 (Freiburg
i. B. 1913), 613—620. 308 ) Hennecke 270t.
309 ) Ebd. 191; vgl. noch die höllischen Elemente
in einer Schilderung des Gerichtes: Christliche
Sibyllinen 2, 286—308; Hennecke 419 t.
31 °) Vgl. für die folgenden Zitate Hense Das
Feuer in der Hölle. Der Katholik 58. Jahrg.
1872, 2. Hälfte. NF. 40. Bd. 3n ) Tertullian
Apologeticus c. 18; Migne PL. i, 320. 312 )
Augustin De tempore serm. 80; lrenaeus
Adv. haeres. 2, 28; Migne PG. 7, 810; ebd. 4, 40,
Migne PG. 7, 1112; Cassianus Collationes 1,
14, Migne PL. 49, 503. 3l3 ) Ignatius Epistola
ad Ephesios 16, Migne PG. 5, 657; Gregor
v. Nyssa Oratio catechetica c. 40, Migne PG. 45,
105. 3l4 ) Adv. haeres. 4, 40, Migne PG. 7,
1113. 315 ) Liber de lande martyrii 20, Migne
PL. 4, 798. 3l6 ) Gregor Moralia 9, 66, Migne
PL. 75, 914 ff. 3l7 ) Belege bei Hense 489, 491.
3l8 ) Chrysostomos In Math. Hotnil. 43, 4,
Migne PG. 57, 461. 319 ) Augustin De civ. Dei
21,10. 32 °) Lactantius Instit. 7, 21; Migne PL.
\ 6, 801. 321 ) Vgl. Artikel Gehenna, Jewish Ency-
clopedia Bd. 5. 322 ) Friedrich Schwally
Das Leben nach dem Tode nach den VorStellungen
des alten Israel und des Judentums einschließlich
\ des Volksglaubens im Zeitalter Christi (Gießen
1892) 145. 323 ) A. Frhr. v. Gail BistXeta toü
#co 0 (Heidelberg 1926) 156 ff. 230 f. 341 f.
324 ) Schwally 145. 325 ) v. Gail 342. 326 ) H.
Diels Philodemos über die Götter (Buch 1, Kol.
19, 22) Abhandlungen der Kgl. Preuß. Akad.
d. Wissensch. Jhg. 1915, Phil.-hist. Kl. Nr. 7,
S. 33, 81. 3 ? 7 ) Franz Cu mont After Life in Ro¬
man Paganism. Lectures delivered at Yale Uni-
versity on the Silliman Foundation (New Haven
1922) 170. 328 ) Dieterich Kl. Sehr. 477; vgl.
Roh de Psyche 2, 368 h 329 ) Dieterich Nekyia
257
Hollen—Höllenzwang
258
200. 3: '°) Ebda 200 ff. 331 ) Cumont After Life
176. 3H2 ) Octavius c. 35; Migne PL. 3, 349.
333 ) Apologeticus c. 4&\ Migne PL. 1,827. 334 ) Par-
aenesis ad poenit. n. 11; Migne PL. 13, 1088 f.
336 ) Vita Odilonis Migne PL. 144, 136. 338 ) H.
Diels Himmels- und Höllenfahrten von Homer
bis Dante NJbb. 25 (1922), 247. 337 ) Eisler
Weltenmantel 1, 97. 338 ) De sera numinis vin-
dicta 22; vgl. P. Wendland Antike Geister - und
Gespenstergeschichten. Festschrift zur Jahr¬
hundertfeier der Universität Breslau. Hsg.
von Th. Siebs (Breslau 1911) 55. 339 ) Diels
Himmels- und Höllenfahrten 247. 34 °) Stromat.
5, 14; Migne PG. 9, 133. 341 ) Adversus gentes
2, 14; Migne PL. 5, 831. 34Z ) Fritzsche 3, 344.
343 ) Miguel AsinyPalacios La escatologia mu-
sulmana en la Divina Comedia (Madrid 1919), ge¬
kürzte Übersetzung von Harold Sunderland
Islam and the Divine Comedy (London 1926).
344 ) Molsdorf Führer 71. 345 ) Encyklopädie
des Islam s. v. Djahannatn. 34 ®) Mälik ibn
'Anas Muwa/la',Gahannam, 2. Tradition.
347 ) Die Erzählungen aus den Tausend und ein
Nächten übertr. v. E. Littmann 3 (1924),
829 f. 348 ) R. Basset Mille et un contes, ricits et
legendes arabes 3 (1927), 174 f. 349 ) vgl. oben bei
Anm. 170. 350 ) S. Merkle Dante und die mu¬
hammedanische Eschatologie Deutsches Dante-
Jahrbuch 11 NF. 2 (1929). 3M ) L. Scherman
Materialien zur Geschichte der indischen Vi¬
sionsliteratur (Leipzig 1892) bes. 126 f. 352 ) E.
Ebeling Tod und, Leben nach den Vorstellungen
der Babylonier 1 (Berlin 1931), 1 ff. Winkler.
Hollen, Gottschalk.
Stanovik, ADB. 12, 758.
H. geb. um 1400 zu Körbecke bei Soest,
in Italien gebildet, Augustiner, gest. als
Prediger 1 ) in Osnabrück nach 1481.
Verfasser von Predigten 2 ) und erbaulichen
Schriften.
Die Predigt 47 seiner Sermones domi¬
nicales super Epistolas Pauli enthält eine
Liste 3 ) von Superstitionen: Mittel gegen
allerhand Krankheiten, Gebräuche bei Ge¬
burt und Tod. Wie Zachariae nachgewiesen
hat, entspricht diese Liste größtenteils der
Liste von Superstitionen im Sermo X (de
idolatriae cultu) des Bernardino von Siena
(s. d.) entweder auf Grund eigener Kennt¬
nis der Predigt des Bernardino oder, was
wegen einiger Differenzen wahrscheinlicher
ist, auf Grund einer gemeinsamen Quelle.
1 ) Landmann Das Predigtwesen in West¬
falen 31 ff. 2 ) Ausgaben: Opus sermonum
dominicalium de Epistolis per anni circulum.
Hagenau 1517 und 1519/20. 3 ) Zachariae
Kl. Sehr. 324 -336 339-386-ARw. 9, 538-541;
n» 15! —* 53 ; ZfVk. 18, 442—446; 22, 113 —134.
225 — 244; F. Jostes Ztschr. für vaterl. Gesch.
u. Altertumskunde 47, 85—97. Helm.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Höllenzwang. Es ist ein Grundgedanke
der Magie, daß man durch Kenntnis der
richtigen Worte und Riten auf Götter und
Geister einen Zwang ausüben kann, der
diese nötigt, den Wünschen des Magiers
zu gehorchen und ihm dienstbar zu sein.
Als iTravapcoc, ^Travcqxoc Xo*pc, iitava^xov,
eTtavaYxaaxixot (Xo^oi) ,, Zwangsgebet,
Zwingspruch“ bezeichnen die antiken helle¬
nistischen Zauberpapyri solche Formeln 1 ),
neben denen das dri 9 ojj.ee dravaptaGTtxov
,,Zwangsrauchopfer“ 2 ) steht. In den
gleichen Gedankenkreis gehören die Dro¬
hungen , die man an die Götter und Dämonen
richtet, um sie sich gefügig zu machen 3 ).
Im Anschluß an die Faustsage (s. d.)
entstanden eine Anzahl Bücher zur Be¬
schwörung der Höllengeister, die als ,,im-
perationes Fausti“ 4 ), „imprecationesFau-
sti“ 5 ), ,,vinculum spirituum“ 6 ), „Fausts
Höllenzwang“ 7 ) überliefert sind. Sie
sollten dem gedachten Zweck dienen, vor
allem dem Schatzheben 8 ), aber auch dem
Schutz vor Gefahren aller Art, gegen
Krankheit und zu jeder Dienstbarmachung
der Geister.
Es gibt dieser H.e eine ganze Reihe,
die meist handschriftlich umliefen; sie
liegen aber auch z. T. einzeln in alten
Drucken und Neudrucken, z. T. in Samm¬
lungen vor und sind in Bibliographien
verzeichnet 9 ). Ihre Datierung ist durch¬
weg gefälscht; nach den Jahresangaben
müßten die Bücher oft vor Faust angesetzt
werden 10 ). Als älteste Spur dürfte die
Mitteilung im ersten Faustbuch von 1587
anzunehmen sein, daß dessen Verfasser,
um Ärgernis zu vermeiden, die ,,formae
coniurationum“ ausgelassen habe 11 ). Die
meisten dieser Schriften gehören wohl
erst dem Ende des 17. und dem 18. Jhdt. an.
Ein Gebet in einem der H.e 12 ) zeigt die
Abhängigkeit von dem älteren Hepta-
meron des Petrus von Abano (s. d.) 13 ).
Einzelne Gebete sind hebräisch (in Trans¬
skription) und lassen sich trotz Entstel¬
lungen ziemlich leicht in den Urtext
umsetzen; sie hängen mit der Clavicuia
Salomonis (s. 2, 88 ff.) zusammen. Die Ge¬
bete beweisen, daß dieVerfasser der Bücher
nicht ohne Kenntnisse waren. Die Dä¬
monennamen und -listen gehen auf an-
9
Höllenzwang
260
Holsteiner-Typus—Holunder
262
259
tike magische Schriften zurück und wur¬
den durch die Clavicula Salomonis, Pe¬
trus von Abano und andere derartige
Werke vermittelt 14 ).
Nach der Tradition lagerten die H.e
oft in Kloster- und Kirchenbibliotheken,
an Ketten angeschlossen 15 ); die Über¬
lieferung ist nicht ohne Grund. Von dort
wurden sie der Sage nach gelegentlich
entwendet 16 ). Manchmal führte ihr un¬
befugter Gebrauch zu der Erfahrung des
Zauberlehrlings Goethes 17 ), die ein altes
Zaubermotiv ist l8 ); Rückwärtslesen der
Beschwörung heilte dann den Schaden.
Über die tatsächliche Benutzung des H.
zur Geisterbeschwörung mit dem Zweck,
dadurch zu verborgenen Schätzen zu ge¬
langen, wird mancherlei erzählt 19 ); am
bekanntesten ist die Geschichte der Jenaer
Christnachttragödie von 1715 und Bahrdts
Brief an den Fürsten von Leiningen 20 ).
Neben F.s H. gibt es auch einen Je-
suiten-H.; eine lateinische Fassung führt
den Titel: „Verus Jesuitarum libellus seu
fortissima coactio et constrictio omnium
malorum spirituum etc. Parisiis 1508“ 21 ),
eine deutsche: ,,Wahrhafter Jesuiten-
Höllenzwang usw. gestellt durch Pater
Eberhard, Priester der Gesellschaft Jesu
in Ingollstadt“ 22 ). Wie schon das un¬
mögliche Datum zeigt — der Orden ist
erst 1540 errichtet —, handelt es sich
auch da um Fälschungen, die späten Ur¬
sprungs sind. Die Jesuiten galten von
alters als Teufelsbanner und der Magie
kundige Leute 23 ).
Ähnlich liegt es mit ,,Fausts großer und
gewaltiger Meergeist“ 24 ), einer offenbaren
Parodie, die 1797 für 12 Rthlr. zum Ver¬
kauf ausgeboten wurde (alsManuskript) 25 ).
Die Vorstellung, daß die Schätze aus dem
Meer von dessen Geist emporgebracht
werden sollen, begegnet auch im Ver.
Jes. lib. 28 ) und in Fausts H. 27 ). Die Zeit
der Entstehung des Machwerks läßt sich
ungefähr bestimmen durch das Vor¬
kommen des Wortes Phaeton für den
Wagen des Meergeistes, eine Bezeichnung,
die 1767 von Zachariä, dann von Goethe
und andern Zeitgenossen gebraucht, in
der Literatur auftritt M ), von Campe 29 )
vermerkt wird und nach Brockhaus 30 )
,,in neuerer Zeit“ gewissen hohen, offenen
und leichten Wagen als Namen diente.
Auch in dieser Schrift stehen eine Reihe
leicht zu übersetzender hebräischer Ge¬
bete in Transskriptionen, daneben Sätze,
die spanisch (vgl. Dios) und polnisch
(vgl. Panie) 31 ) sein sollen.
Endlich ist noch zu nennen: ,,Ludw.
von Cyprian. Höllenzwang, worin ge¬
lehrt wird, wie man die Himmlischen u.
Höllischen Geister nach Ordnung eines
jeden Tages in der Woche citiren u.
Alles von denselben erhalten kann, was
man begehret. 1509. Hamburg, S. Glogau
(1898). Mit Abb. 41 SS. 3 Bll.“, womit
zu vergleichen ist: .,,Cypriani citatio
angelorum, ejusque Conjuratio Spiritus,
qui thesaurum abscondidit, una cum illo-
rum Dimissione“, welches Schriftchen
dem Ver. Jes. lib. angehängt ist 32 ).
Über die Tabellae Rabellinae, die mit
dem H. Fausts öfters verbunden sind, s.
Rabellinae Tab.
,,Geßners H.“ ist ein Mißverständnis 33 );
es handelt sich da um ein dem Herpentil
und Komreuther (s. d.) verwandtes Buch,
das dem Michael Scotus (s. d.) zuge¬
schrieben wird.
*) Dieterich Abraxas 173, 4. 10. 13. 175,
16. 194, 18; Papyri Graecae magicae ed. Prei-
sendanz 1 (1928), 22, 43. 24, 63. 108, 1035.
116, 1295. I 52. 2567. 2574. 156, 2676. 158,
2684. 164, 2896. 2901. 166, 2915. 174, 3110;
K. Buresch Klaros (1889), 20. 42; Th. Hopf¬
ner Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 1
(1922), 203 § 785; 204 § 786 t.; 177 § 692; 188
§ 729. *) Pap. Gr. mag. 1, 156, 2676. 3 ) Hopf¬
ner a. a O. 1, 47 § 204; 122 § 483: 204
§ 787 ff.; Er man-Krebs Aus den Papyrus der
kgl. Museen (Berlin 1899), 259; Abt Apu-
leius 48 4 ) G. Ros ko ff Geschichte des Teufels
2 (1869), 439. 8 ) Kiesewetter Faust 2 (1921),
40. •) Kiesewetter a. a. O. 2, 108. 7 ) Mann¬
hardt Zauberglaube 1730.; Niderberger
Unterwalden 3, 597; Ave-Lallemant Bocks -
reit er 96; Höhn Volksheilkunde 1, 80; Küh-
nau Sagen 3, 274 f.; Meiche Sagen 564 Nr. 701;
573 Nr. 712; Golther Mythologie 645; Sim-
rock Mythologie 527; Grimm Myth. 2, 1025;
Eckart Südhannov. Sagen 60; Grohmann
Sagen 315; Wuttke 189t. Fußnote; 189 § 259.
8 ) Eisei Voigtland 181 Nr. 482; Meiche Sagen
508 Nr. 658; Bechstein Thüringen 2, 154;
MschlesVk. 18 (1907), 89t. *) Scheible Doctor
Johannes Faust Magia naturalis et innaturalis
(1849); ders. Doctor Fausts Bücherschatz (1851);
ders. Kloster 2 , 805 ff.; 5, 1029 ff.; Horst
Zauber.-Bibliothek 1, 372; 2, 108 ff.; 3, 86 ff.; 4,
V :
. 1
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. *
?
141 ff.; Graesse Bibliotheca magica et pneu-
matica (1843), 25; Kiesewetter Faust 2 (1921),
1 ff.; ZfVk. 15 (1905), 416 Nr. 38. 39. 422.
10 ) Scheible Kloster 2, 20. u ) Scheible
a. a.O. 2, 940; 5, 87. 11 ) Horst a. a. O. 2,
135 ff.; Scheible a. a. O. 5, 1075 ff. 13 ) Agrip-
pa v. Nettesh. 4, 123 ff. u ) HessBl. 12
(1913), 100 ff. ii9ff. 15 ) Scheible a. a. O. 2,
110. 16 ) Schambach u. Müller 157 Nr. 171.
17 ) Kühnau Sagen 3, 239 f. 269 f. 18 ) Scheible
a. a. O. 5, 116. 12 ) Scheible a. a. O. 2, in ff.
20 ) Scheible a. a. O. 5, 1031 ff.; Wuttke 488
§ 778. 21 ) Scheible a. a. O. 2, 835 ff.; Kiese¬
wetter Faust 2, 49. 22 ) Scheible a. a. O. 5,
1093; Kiesewetter a. a.O.; ZfVk. 15, 414
Nr. 12. 23 ) Wuttke 149 § 207; 412 § 641; 484
§ 774. 24 ) Scheible a. a. O. 5, 11400.; Kiese¬
wetter a. a. O. 2, 54
25
) Horst a. a. O. 1,
371. 2 ®) Scheible a. a. O. 2, 837. 27 ) Kiese¬
wetter a. a. O. 28. 28 ) DWb. 7, 1820. 29 ) Wör¬
terbuch Erg.-Bd. (1813), 475. 30 ) Allg . deutsche
Real-Encyclopädie 7 (1820), 473. 31 ) Scheible
a. a. O. 5, 1145. 1148. 32 ) Scheible a. a. O. 2,
835- 845 ff. 33 )Ganzlin Sächs. Zauberformeln
in Nr. t . Tar.ohv.
Holsteiner-Typus Neben dem „Gre-
doria“ (s. d.) genannten ersten Typ des
Himmelsbriefes (s. d.) steht als eine zweite
Form der Holstein-Typ, so genannt, weil
er in Holstein lokalisiert ist. Es werden
"“in ihm — neben völlig dunklen Namen —
einige nach Holstein und Nordwest¬
deutschland weisende Ortsnamen genannt.
Als Jahr seines ersten Auftretens wird
1724 angegeben. Die erste Abschrift —
d. h. das erste wirkliche geschichtliche
Hervortreten — wird ins J. 1791 verlegt.
Mit dem ,,Gredoria-Typus“ verbindet ihn
die Angabe, daß der Brief ,,über der
Taufe“ schwebte. Niemand konnte ihn
ergreifen; zu dem aber, der ihn ab¬
schreiben wollte, neigte sich der Brief.
Mit dieser Form des Himmelsbriefes sind
verschiedene ältere, ehemals selbständige
Zaubersprüche verbunden, nämlich der
Ölbergspruch (s. d.), das Grafenamulett
(s. d.) und bisweilen der Kaiser Karl-
Segen (s. d.).
MAnhaltGesch. 14, 3; Stube Himmels -
trief 7 f. f Stübe.
Holunder (Alhorn, Ellhorn, Flieder;
Sambucus nigra).
bens- und Sippenbaum. H.holz darf nicht ver
brannt werden. — 3. Apotropäische Eigen
schäften. — 4. Volkserotik. — 5. H. als Baue
desTodes.—6. H. als böser Baum.—7. H.im land
wirtschaftlichen Orakel. — 8. Sympathiemedizie
a) Übertragung der Krankheit, b) H. im Epi-
phytenaberglauben. c)Die ersten H.blüten. d) H.
im Sonnwendkult, e) Bewirkt als Sympathie¬
mittel Durchfall bzw. Erbrechen. — 9. Ver¬
schiedenes.
1. Botanisches. Strauch mit unpaarig
gefiederten Blättern und gelblich weißen, in
großen flachen Trugdolden angeordneten
Blüten. Die Frucht ist eine schwarz violette
Beere. Der H. wächst auf dem Land meist
in der Nähe menschlicher Siedelungen, an
Häusern, in Gärten, an Zäunen usw., wo er
ohne jede weitere Pflege gedeiht. Ab und
zu findet er sich auch im Wald, an Wald¬
rändern usw., wo er auf frühere Siede¬
lungen hindeuten kann. Da die Wurzeln
eine sehr starke Ausschlagsfähigkeit haben,
treibt der Strauch, auch wenn er öfters
umgehauen wird, immer wieder. In der
bäuerlichen Volksmedizin spielt der H.
eine große Rolle *).
*) Marzell Kräuterbuch 142 f.
2. Als Strauch, der ein getreuer Be¬
gleiter des Menschen ist und ohne beson¬
dere Pflege bei dessen Wohnung wächst,
der ferner in fast allen seinen Teilen dem
Menschen Heilstoffe liefert und dessen
Früchte auch genießbar sind, steht der
H. seit alters in hohen Ehren 2 ). Er gehört
ohne Zweifel zu den volkstümlichsten
Pflanzen überhaupt. ,,Vor dem Holunder
muß man den Hut abnehmen“, lautet
ein weitverbreiteter Bauernspruch 3 ); vgl.
Wacholder. Ebenso häufig ist der
Glaube, daß das Umhauen bzw. das Ver¬
stümmeln eines H.s Unglück, ja den Tod
bringt 4 ). Wenn der H. verdorrt, muß
ein Familienmitglied sterben 5 ). Nach
einer schlesischen Sage brannte einem
Manne, der den H. gefällt hatte, ein Jahr
später das Haus ab 6 ). Der H. erscheint
hier als der „Lebensbaum“ 7 ), „der Sippen-
Vegetationsgeist steckt in dem Baum“ 8 ).
Nach verschiedenen alten Zeugnissen
(meist slavischen und nordgermanischen)
wohnen unter dem H. „Unterirdische“.
Nach dem Glauben der alten Preußen
wohnt unter dem H. der Erdengott
Puschkaitis, dem man Brot, Bier und an¬
dere Speisen opferte 9 ). In Schweden goß
man als Opfergabe für die Hausgeister
Milch über die Wurzeln des H.s 10 ), und
ein französisches Predigt buch des 13. Jhdt.
263
Holunder
264
spricht von den Frauen, die ihre Kinder
zum H. trügen, ihm ihre Ehrfurcht er¬
wiesen und ihm Geschenke machten 11 ).
Wenn einem H. die Äste gestutzt werden
mußten, pflegte man nach dem Bericht
des nordschleswigschen Pastors Arnkiel
(1703) mit gebeugten Knien, entblößtem
Haupt und gefalteten Händen zu sprechen:
,,Frau Elhorn gibt mir was von deinem
Holze, dann will ich dir von meinem auch
was geben, wenn es wächst im Walde“ 12 ).
Nach dänischem Volksglauben ist es die
Hyldemoer (H. mutter) oder Hyllefrao
(H.frau), die im H. wohnt 13 ). Die Zwerge
sitzen meist unter den H.bäumen, deren
Duft sie lieben 14 ). Die in populären Dar¬
stellungen oft gebrauchte Deutung des
Wortes H. als ,,Baum der (Frau) Holla“ 15 )
ist jedoch etymologisch unhaltbar, folglich
sind es auch die daran geknüpften mytho¬
logischen Spekulationen. Immerhin ist
vielleicht doch die hl. Maria in einer Sage
aus dem bayer. Odenwald, die erzählt,
daß an der Stelle der Gnadenkapelle zu
Schneeberg einst ein H. gestanden habe und
daß auf diesem immer wieder das Mutter¬
gottesbild der Pfarrkirche gewesen sei 16 ),
die Nachfolgerin einer im H. verehrten
germanischen weiblichen Gottheit. Nach
einer badischen Sage hat die Muttergottes
die Windeln des Jesuskindes an einem H.
getrocknet 17 ), was man sich sonst meist
von der Weinrose (s. Rose) erzählt. Mit
der ,,Heiligkeit“ des H.s hängt es wohl
zusammen, daß sein Holz nicht (oder nur
von Witwen und Waisen) 18 ) verbrannt
werden darf; es gibt sonst Unglück und
Krankheit 19 ), man leidet das ganze Jahr
an Zahnschmerzen 20 ), man bekommt
Rotlauf (Farbe des Feuers!) 21 ), oder die
Pferde im Stall gehen zugrunde 22 ).
In Disentis (Schweiz) wird das Verbot
damit begründet, daß die hl. Emerita
mit H.holz verbrannt wurde 23 ), natür¬
lich eine „sekundäre“ Begründung. Auch
in England 24 ) und in Frankreich („die
Hühner hören zu legen auf“) 25 ) scheut
man sich, den H. zu verbrennen. Vom
Blitz soll der H. nicht getroffen wer¬
den, er gewährt Schutz dagegen 26 ); die
Begründung, „weil die Gottesmutter auf
der Flucht nach Ägypten unter einem
H. rastete“ 27 ), beruht wohl auf einer
j Verwechslung mit der Hasel (s. d.). Die
an Silvester geschnittenen und zu einem
Reifen gebogenen H.zweige im Haus auf¬
gehängt, schützen vor dem Ausbruch
des Feuers 28 ).
2 ) Höfler Botanik 28; Feilberg Ordbog
4, 233. 3 ) Kuhn Westfalen 2, 189; Baum¬
garten Aus der Heimat 1862, 137; Schweiz-
Id. 2, 1184; vgl. Danneil Wb. d. altmärk.-
plattd. Mundart 53 („Wenn ’n Flirrbusch
süt, mütt’n Vaterunser bäd'n"); ZfVk. 8,
442 (Steiermark: „Vor einem Hollerboschen
muß man niederknien"). 4 ) ZfrwVk. 11, 266;
Thier er Ortsgesch. v. Gussenstadt 1 (1912),
264; Höhn Tod 309; Schullerus Pflanzen 358;
ebenso bei den Ruthenen in Galizien (Globus 79,
151; ZföVk. 8, 129) und in Schweden (Mann¬
hardt 1, 11). 6 ) Brunner Heimatb. d. bayer.
Bez.-A. Cham (1922), 233. *) Kühnau Sagen
з, 480. 7 ) Der H. dient auch als „Lebensrute",
vgl. Heimatbilder aus Oberfranken 3 (1915),
118. 8 ) Höfler Botanik 30; über den H. als
Schutzgeist des Hofes vgl. Mannhardt 1, 52.
9 ) Mannhardt 1, 63 b; Gottsched Flora
prussica 1703, 242; Praetorius Deliciae prus-
sicae 17; ZfVölkerpsych. 5 (1868), 297; Dähn-
hardt Natursagen 2, 238. 10 ) ZfVk. 8, 142.
u ) Sebillot Folk-Lore 3, 413. 12 ) Grimm Myth.
343; Mannhardt 1, 10; ganz ähnlich in
Lincolnshire: Bur ne Handb. of Folklore 1914,
34. 13 ) Mannhardt 1, n. 14 ) Arndt Märchen
и. Jugenderinnerungen — Heckscher 72. 15 )
Z. B. Sohns Pflanzen * 63. 1Ä ) Bayld 26, 27;
ähnliches erzählt man sich von der Wallfahrt
Maria Thalheim in Oberbayern: Höfler Wald¬
kult 106 f. 17 ) Meyer Baden 382. 18 ) Schweiz Id.
2, 1185. lö ) Ebd.; Wartmann St. Gallen 70;
Manz Sargans 52. 20 ) Schullerus Pflanzen
358; ebenso bei den Rumänen in der Bukowina:
ZföVk. 3, 371. 21 ) Fischer Schwab. Wb. 3, 1763.
22 ) Marzell Bayer . Volksbotanik 188 f.; Danneil
Wb. d. altmärk.-plattd. Mundart 1859, 53.
23 ) Wettstein Disentis 175. 24 ) Burne Handb .
of Folklore 1914, 34: FL. 20, 343: 22, 24; 23, 356.
25 ) Rolland Flore pop. 6, 284; Sebillot Folk-
Lore 3, 390. 2# ) Alpenburg Tirol 394; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 119; Schweizld. 2, 1185;
Egerl. io, 132; Schullerus Pflanzen 360.
27 ) Höfler Waldkult 107. 28 ) Witzschel Thü¬
ringen 2, 176.
3. Als Schutzbaum des Hauses hat der
H. ganz allgemein apotropäische
Eigenschaften. Vor die Stalltür gepflanzt,
bewahrt er das Vieh vor Zauberei 29 ),
daher sollen auch Türriegel aus H.holz
gemacht werden 30 ). In Ostdeutschland
steckt man vor allem an Walpurgi 31 )
H.zweige oder -kreuze auf die Felder,
an die Fenster oder auf den Düngerhaufen,
um die Hexen abzuhalten 32 ). Der ver-
265
Holunder
2 66
breitete Brauch gegen Maulwürfe 33 ),
H.zweige in die Felder zu stecken 34 ), hat
wohl auch einen abergläubischen Hinter¬
grund 35 ), wenn auch oft angegeben wird,
daß der starke Geruch des H.s die ge¬
nannten Tiere vertreiben soll. Am „stillen
Freitag“ soll man mittags 12 Uhr unter
dem H. Sand wegnehmen und gegen die
Sperlinge in die Saat streuen 36 ). Ein
Haselstöckchen (s. Hasel § 2), mit einem
Zweig von H. zu einem Kreuz geformt,
schützt vor dem Einfluß des wütenden
Heeres 37 ). Die Nachgeburt einer Kuh,
die zum erstenmal ein Kalb hat, muß man
unter einem H. vergraben, dann kann
man es nicht verzaubern oder die Milch
nehmen (handschriftl. Arzneibuch d. 18.
Jahrh. aus Nieder Österreich) 38 ). Unter
den H. soll man von der Milch gießen,
wenn es ihr an Rahm fehlt 39 ). Als hexen¬
abwehrende Pflanze dient der H. auch
zum Erkennen der Hexen (vgl. Gunder¬
mann). An Trinitatis oder Johannis,
wenn die Sonne am höchsten steht, muß
man mit einem Spiegel vor der Brust auf
einem H. sitzen, dann sieht man den
„Binsenschneider“ (Thüringen) 40 ). Man
schnitzt einen Löffel aus H.holz, legt ihn
am Osterabend nach Sonnenuntergang
in gute Milch, daß Rahm daran hängen
bleibt und läßt ihn dann trocknen. Dies
wiederholt man am Sonnwendabend.
Wenn man dann damit zum Sonnwend¬
feuer geht, müssen einem alle Hexen
nachlaufen 41 ). In der Nacht vom Grün¬
donnerstag auf Karfreitag mit dem Schlag
12 Uhr muß man auf dem Kirchhof einen
H.zweig abschneiden und aushöhlen. Da¬
mit kann man am Karfreitag während des
Gottesdienstes die Hexen erkennen (Schwä¬
bische Alb) 42 ). In Frankreich 43 ) und in
England 44 ) wird der H. ebenfalls im
Gegenzauber gebraucht.
*•) Rockenphilosophie 2 (1707), 328; Ulrich
Volksbotanik 39; Manz Sargans 52; Rochholz
Glaube 2, 129; Schweiz. Id. 2, 1185. 30 ) John
Westböhmen 321. 31 ) Selten in der Johannis¬
nacht: Drechsler i, 138. 32 ) Wolff Scrutin .
amuletor. medic . 1690,142; Jahn Opfer,gebrauche
195; Spieß Obererzgebirge 13; Grohmann 101;
John Erzgebirge 197; John Westböhmen 72, 226;
DVöB. 12, 37; Wirth Pflanzen 18. 83 ) Gegen die
Maulwurfsgrille: Manz Sargans 94. M ) Mizal-
dus Hortorum Secreta 1574,14 v.; Strackerjan
1 (1867), 67; Kuhn 2, 67 f. 35 ) Besonders wenn
das Mittel am 1. Mai angewendet wird (Anhalt):
ZfVk. 7, 77 = Wir th Pflanzen 6. 38 ) Schulen¬
burg 252. 37 ) Vonbun Beiträge 127. 38 ) Anz.
f. Kunde der Deutsch. Vorzeit 28 (1881), 332.
39 ) Bohnenberger 112. 40 ) Grimm Myth.
394. 41 ) Alpenburg Tirol 394. 42 ) Alemannia
13, I 99 - 43 ) S6billot Folk-Lore 3, 381. 385. 387.
44 ) Dyer Plants 63.
4. Als Lebens- und Sippenbaum tritt
der H., der dazu noch zur Sonnwendzeit
in vollster Blüte steht, auch in der
Volkserotik hervor. Unkeuschen Mäd¬
chen steckt man zu Pfingsten H.zweige
vor das Fenster (Thüringen) 45 ), vgl.
Kirsche. „Auf Johannistag blüht der
Holler — da wird die Liebe noch toller“
heißt es im Thüringer Wald 46 ). „Holder¬
stock“ ist ein Kosename für die Geliebte
(oder den Geliebten) 47 ), und in erotischen
Liedern wird der H. öfters genannt 48 ).
Schütteln die Mädchen am Thomastag
während des Ave-Läutens eine H.staude,
so kommt der Bräutigam aus der Richtung,
aus der ein Hund bellt (Innviertel) 49 ).
In einem Goslarer Hexenprozeß des 16.
Jhs. erscheint folgende Beschwörung
des H.s, um eines Mannes Liebe zu ge¬
winnen :
„Alhorn, du blote, ik bidde dik dorch dine sote,
Dat ik möge affbrechen unde heime dragen
Sin barnede leve in minen schrägen".
45 ) Kuhn u. Schwartz 389, auch in
Frankreich: Sebillot Folk-Lore 3, 403; vgl.
Meyer Germ. Myth. 85; Mannhardt i, 166.
48 ) Veckenstedts Zs. 4, 191. 47 ) Schmeller
Bayr. Wb . 2 1, 1084; Fischer Schwab. Wb.
з, 1766. 4S ) Z. B. Schmeller a. a. O. 1,
88 4; ZföVk. 3, 264; auch in Rußland:
Stern Gesch. d. öflentl. Sittlichkeit in Rußland 2
(1908), 495. 49 ) Niederbayr. Monatsschrift 9
(1920), 161. 50 ) Zeitschr. des Harzver. f. Gesch.
и. Altertumskde 35 (1902), 415, wo „Alhorn"
fälschlich als „Ahorn" gedeutet ist! Häufig
wird der H. von den Slovaken Nordungarns im
Liebeszauber verwendet: DbotMon. 1 (1883),
86 f.
5. Wie in vielen anderen Beispielen (vgl.
Immergrün) wird der lebenszähe H. (vgl.
unter §1), der wohl auch wegen dieser
Eigenschaft auf Gräbern gepflanzt wird,
zum Baum der Todes. Schon die alten
Friesen bestatteten ihre Toten unter dem
H. 51 ). Mit einem H.stab wird das Maß
zum Sarge genommen, der Fuhrmann,
der den Sarg fährt, hat statt der gewöhn¬
lichen Peitsche einen H.zweig. H.stäbe
267
Holunder
268
werden auf die Leiche gelegt 52 ). In Tirol
besteht die Sitte, daß bei Begräbnissen
dem Sarg ein H.kreuz, ,,Lebelang“ ge¬
nannt, vorangetragen wird, das dann auf
das Grab gesteckt wird. Wird es wieder
grün, so ist der Tote selig 53 ). Möglicher¬
weise gehört auch hierher, daß bei Toten¬
wachen die Vorbeterin ihren Mitbeterinnen
H.tee reicht („damit sie nicht ein¬
schlaf en“) 54 ). Als Todesvorzeichen (für
ein Familienmitglied) gilt es, wenn an
einem H. zu gleicher Zeit Blüten und
Beeren sind (Mittelschlesien) 55 ), wenn der
H. im Herbst wieder blüht 56 ), wenn der
H. lange Wurzelschosse treibt 57 ). Wenn
jemand sterben soll, wohnt die „Bu-
zawoscz“ (= „Gottesklage“, ein dämo¬
nisches Wesen) unter dem H., sonst sitzt
sie in den Zweigen 58 ).
81 ) Halbertsma Lexicon Frisicum 1874, 902.
6a ) Grimm Myth. 3, 465; Montanus Volks¬
feste 149; Rochholz Glaube 1, 193; Wirth
Pflanzen 13; Bodemeyer Rechtsaltertümer 186;
Caminada Friedhöfe 63. 63 ) ZfdMyth. 1, 263;
Alpenburg Tirol 394; Hörmann Volksleben
427. 429; Rochholz Glaube 2, 128. 44 ) Roch¬
holz Glaube 1, 195. w ) ZfVk. 4, 80. 6e ) Spieß
Obererzgebirge 18. 57 ) Treichel Westpreußen XI,
268; Rochholz Glaube 1, 192. 68 ) Schulen¬
burg 145; vgl. Veckenstedts Zs. 3, 19; Nieder¬
laus. Mitteil. 2 (1892), 434.
6 . Ab und zu gilt der H. auch als
böser, teuflischer Baum, vielleicht
ein Hinweis auf seine frühere heidnische
Verehrung (vgl. Eiche). „Hölderlin“ 59 ),
„Hollabirbou“ 60 ) sind Namen des Teufels.
„Under ere Holderstude und under eme
rote Bart wachst nüd guets“, sagt man in
Graubünden 61 ), vgl. Walnuß. Es ist
gefährlich, da zu bauen, wo ein H. ge¬
standen hat 62 ), wohl auch eine Anspielung
auf die „Unverletzlichkeit“ des H.s (siehe
unter §2). Der von ihren Genossinnen zer¬
rissenen Hexe wird eine Rippe aus H.
eingesetzt (Oberösterreich) 63 ), in Tirol
gilt das gleiche von der Erle. Wenn
man sich unter einen blühenden H. legt,
ist man bis zum andern Morgen tot M ),
vielleicht ein übertriebener Ausdruck für
die Tatsache, daß der starke Duft des
H.s auf die Dauer Kopfschmerzen ver¬
ursacht. Ganz besonders gilt der H.
in Galizien und Rumänien als Baum des
Teufels, ein Glaube, der auch von den
Siebenbürger Sachsen übernommen
wurde 65 ). Der Verräter Judas erhängte
sich an einem H.baum, daher verbreiten
seine Blüten einen unangenehmen Leichen¬
geruch 66 ). Nach einer russischen Legende
hängte man die hl. Märtyrerin Barbara
an einem H. auf, seitdem trägt der H.
Beeren 67 ), vgl. Weide. Wenn man das
Vieh mit einer H.rute schlägt, „bekommt
es das Blut“ oder wird tot 68 ); vgl. Hasel,
Weide. Jesus wurde mit einer H.rute
geschlagen, daher ist die Rinde des
Strauches wie die Haut des Herrn voll
von Schrunden 69 ).
69 ) Grimm Myth. 2, 888. 60 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 40. 61 ) Ulrich Volksbotanik 39.
* 2 ) Grimm Myth. 3, 188. 63 ) Blümml Beitr.
z. deutschen Volksdichtung 1908, 147. 64 ) Schu¬
lenburg 267. 65 ) Hoelzl Galizien 157; Mitt.
anthrop. Gesellsch. Wien 26 (1896), 193;
Dähnhardt Natursagen 1, 200; 2, 238; ARw.
2, 332; Schullerus Pflanzen 358 f. ••) Bartsch
Mecklenburg 1, 524; Knoop Pflanzenwelt XI,
36; Aus d. Posener Land 3 (1908), Nr. 24; auch
in England in Shakespeares „Loves labours
lost“ Act 5, sc. 2: „Judas was hanged on an
elder“, und in Frankreich (RTrp. 23, 312;
Sebillot Folk-Lore 3, 369; Rolland Flore
pop. 6, 283). 6? ) Dähnhardt Natursagen 1,
200. ® 8 ) Zingerle Tirol 1857, 64; ebenso
in Frankreich (Rolland Flore pop. 6, 284).
Nach englischem Glauben wachsen Kinder nicht
mehr, wenn sie mit einem H.stock geschlagen
werden (Brand Pop. Ant. 735). 69 ) Handt-
mann Mark. Heide 5.
7. Vielfach dient der H. im landwirt¬
schaftlichen Orakel. Wie der H.
blüht und Früchte ansetzt, so blüht und
fruchtet auch die Weinrebe 70 ). So viel
früher der H. vor Johanni blüht, so viel
früher kann man vor Jakobi schneiden,
d. h. das Getreide ernten 71 ); vgl. Schlehe.
Blüht der H. lang, so gibt es auch eine
lange Ernte, d. h. sie wird vielfach verzö¬
gert und unterbrochen werden 72 ), blüht er
ungleich, sogibt’s eine ungleiche Ernte 73 ),
Wenn der H. Blüte und Frucht zugleich
trägt, ist ein strenger Nachwinter zu
erwarten 74 ). Ein zeitiger Frühling ist
zu erwarten, wenn man in der Christ¬
nacht um 12 Uhr am H. frische Triebe
findet 75 ). „Wenn’s hinter der nackten
Hollerstaud’n dorrt (d. h. wenn es donnert,
so lange der H. noch unbelaubt dasteht,
also im ersten Frühjahr), gibt’s kein Kuh¬
futter 76 ); vgl. Hasel§ 5. Hat der H. Blatt-
269
Holunder
270
läuse (der H. ist sehr oft von diesen Tieren
heimgesucht), so bekommt auch der
Hopfen Blattläuse 77 ). In der Wal¬
purgisnacht (siehe unter 3) steckt man
H.zweige an den Rand der Flachsfelder
und springt darüber ; so hoch man springt,
so hoch wächst der Flachs 78 ); oder man
steckt lange H.zweige in den Flachs,
dann wird dieser ebenso hoch 79 ). Wenn
der H. blüht, hören die Hühner zu legen
auf 80 ).
70 ) Zincke Oecon. Lexikon 1 (1744), 1211;
Fischer Schwab. Wb. 3, 1763; Schweiz. Id. 2,
1184; Manz Sargans 118; Wilde Pfalz 107;
Drechsler 1, 134; 2, 198; auch in Frankreich:
Rolland Flore pop. 6, 281. 71 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 292; Kück Lüneburger Heide
74; Fischer Schwab. Wb. 2, 828; 3, 1763;
4, 66. 72 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik
127. 73 ) Fischer Schwab. Wb. 3, 1763. 74 )
Baumgarten Aus der Heimat 1862, 57.
75 ) Schullerus Pflanzen 100, 359. 76 ) Brunner
Heimatbuch des bayer. B.-A. Cham (1922), 158.
77 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 125. 78 ) Som¬
mer Sagen 148. 79 ) Geschichtsbl. f. Stadt u.
Land Magdeburg 15 (1880), 265; ebenso in
Dänemark: FFC 55, 100. 80 ) Martin u. Lien¬
hart Elsaß.Wb. 1, 325; Wilde Pfalz 107.
8. In der sympathetischen Medizin
spielt der H., diese „lebendige Hausapo¬
theke des deutschen Einödbauern“ 81 ),
unter allen heimischen Sträuchem wohl
die bedeutsamste Rolle. Der Kranke
wird schon geheilt, wenn er im Schatten
eines H.s schläft 82 ).
a) Besonders eignet sich der H. zum
„Übertragen“ der Krankheit. Gegen
Fieber bindet man in der Nacht bei ab¬
nehmendem Mond einen Bindfaden um
einen H., der auf der Scheid (Grenze)
steht, und spricht: „Guten Morgen, Herr
Flieder — Ich bringe dir mein Fieber —
ich binde dich an — Nun gehe ich in
Gottes Namen davon“ (Ostpriegnitz) 83 ).
Ähnliche Besegnungen gegen die Gicht
bzw. Gichter 84 ), die „Suchten“ 85 ), Ab¬
nehmen und Auszehrung 86 ), die Röteln 87 ) >
den Rotlauf 88 ), das „Feuer“ (wohl Ery-
sipelas) 89 ), die „Knerren“ (Halsweh) 90 ).
Das Fieber wird man los, wenn man sich
mit einem betauten blühenden H.zweig
ins Gesicht schlägt 9l ). Der Fieberkranke
soll sich während des Schiedungsläutens
an einem Freitag unbeschrien an einen
H.strauch hängen, danach aber diesen
abhauen, weil derjenige das Fieber be¬
kommen würde, der von den Blüten oder
Beeren dieses Astes in Tee-oder Latwergen¬
form etwas genießen würde (Schwaben u.
Mittelfranken) 92 ),. Gichtknoten vertreibt
man, indem man sie am Karfreitag vor
Sonnenaufgang dreimal über Kreuz an
den „Knoten“ — es sind wohl die Rinden¬
poren (Lentizellen) damit gemeint — des
H.s reibt 93 ). Das Überbein reibt man
mit den Blättern 93 a ) oder einem Ast¬
stück 94 ) des H.s 95 ). Hat eine Kuh die
„Völle“, so gibt man ihr einen H.prügel
ins Maul 96 ). Ein 1617 niedergeschrie¬
bener „Schwinsegen“ schreibt vor, an
einem Sonntag zur Vesperzeit zu einem
H. zu gehen, ein einjähriges Schoß davon
dreimal zu brechen und dabei zu sprechen:
„Was ich brich, das schwin und was ich
damit bestrich, das wachs“ 97 ). Gegen
Zahnschmerz ritzt man das Zahnfleisch
mit einem H.span blutig und fügt diesen
wieder an seiner Stelle ein 98 ). Ähnlich
wird das Fieber 99 ), die Schwindsucht in
den H. verbohrt 10 °). Auch ein Zettel mit
dem Namen des Fieberkranken wird in
den H. verbohrt 101 ). Gegen Zahn¬
schmerzen beißt man am Karfreitag in
einen H. 102 ), biegt den mittelsten Wipfel
einer H.staude herunter 103 ), faßt einen
H. mit der Hand derjenigen Seite an, wo
einem die Zähne wehtun und spricht:
„Meine Zähne tun mir weh, — ein
schwarzer, ein roter, ein weißer (vgl.
Wurmsegen) — ich wollte, daß sie sich
verbluteten— Im Namen Gottes“ usw. 104 ).
Um das Blut zu stillen, taucht man die
beiden Enden eines H.zweigstückes in
das Blut und spricht dazu: „Ich verbinde
diesen Verband in Gottes Hand. Im
Namen“ usw. Wenn das Blut am Zweig¬
stück eingetrocknet ist, steht auch das
Blut in der Wunde 105 ). Gegen Leib¬
schneiden trinkt man einen Absud der
H.wurzel und legt diese wieder dahin,
wo man sie gefunden hat 106 ). Die Warzen
verschwinden in dem Maße, wie ein teil¬
weise abgebrochener H.zweig verdorrt 107 ).
Dem beschrienen Kind zieht man ein altes
Hemd an und legt ihm ein Pflaster von
Hirschunschlitt, Kümmel , und Essig auf
den Magen. Am dritten Morgen scharrt
271
Holunder
272
man Hemd und Pflaster unter einem
H. vor Sonnenaufgang ohne Angang ein.
Dann ist der Schaden wieder gut ge¬
macht 108 ). Auch bei Auszehrung wird
das Hemd unter einem H. vergraben 109 ).
Das Fieber bleibt aus, wenn man Brot
und Salz unter einem H. verscharrt uo ).
Nach dem Aberglauben-Traktat des Frater
Rudolphus (ca. 1250) tun die Frauen das,
was sie ihre Blüte nennen (menstruum),
auf einen H. und sprechen: ,,Trage du
für mich, ich blühe für dich" 1U ). Bei
Fußschmerzen und Gelenkrheumatismus
soll man nachts 12 Uhr in den 3 höchsten
Namen einen H.busch umhauen 112 ).
Flechten vergehen, wenn man am Freitag
währenddesn Uhr-Läutens ein H. stäudlein
auf einen Schnitt abhaut und hinter den
Ofen wirft 113 ). Ähnlich vertreibt man
„Tschütalüs" (Flechten, herpes) vom
Vieh, indem man am Abend von einem
H. drei Schösse abbricht und in den Kamin
wirft. Wenn diese dürr sind, so ist das
,,Tschütalüs" weg 114 ). Dem mit
„Schwund" behafteten Kranken hängt
man die an einem Freitag bei abnehmen¬
dem Mond vor Sonnenaufgang gegrabene
Wurzel des H.s 24 Stunden lang um den
Hals und wirft sie dann in fließendes
Wasser 115 ). Hat ein Haustier „Maden",
so bricht man drei H.zweige ab und
spricht dabei jedesmal: „Dieses Tier hat
Maden in der Seite (Keule usw.). Se solln
dar herutergahn. Im Namen Gottes“ usw.
(Grafschaft Ruppin) 116 ). Ein Kind be¬
kommt nicht den Stickfluß, wenn man es
mit einem H.stab mißt und diesen dann
an eine Stelle legt, wo weder Sonne noch
Mond hinscheinen 117 ). Wie sonst in
Sympathie kuren spielen auch hier nicht
selten bestimmte Zahlen eine Rolle. So
wird zum Blutreinigen Tee aus 7 H.-
blättem gekocht 118 ), und gegen Fieber
nimmt man 77 Laubspitzen des H.s in
Wasser 119 ). Ein H.blatt, das an der Spitze
2 Fiederblättchen hat („Hollermandl"
genannt), ist besonders wirksam 120 ).
b) Besondere Heilkraft wird dem H.,
der als „Überpflanze" (Epiphyt) auf
einer Weide gewachsen ist, zugeschrieben.
Wir haben es hier mit dem „Epiphyten-
aberglauben" 121 ) zu tun, wie er besonders
auch bei der auf anderen Bäumen ge¬
wachsenen Eberesche (s. 2, 525) und der
auf Bäumen schmarotzenden Mistel (s. d.)
zum Ausdruck kommt. Beachtenswert
ist, daß diese „Überpflanzen" vor allem
die dämonische Epilepsie heilen sollen,
so die Ruten eines auf einer Weide
gewachsenen H.s, die zwischen Mariä
Himmelfahrt und Mariä Geburt vor Neu¬
mond zwischen 11 und 12 mittags ge¬
schnitten wurden 122 ). Gegen Nestel¬
knüpfen harnt man durch das Rohr
(ausgehöhltes Zweigstück) eines auf einer
Weide gewachsenen H.s 123 ).
c) Sehr heilsam sind die ersten im
Jahr gefundenen H.blüten (vgl. Frühlings¬
blumen 3, 160). Gegen den Rotlauf (vgl.
unter a) nimmt man nach einem alten
Sympathierezept die drei ersten blü¬
henden H.zweiglein und siedet sie in
einem neuen Hafen mit einem Seidel
Müch. An einem Freitag in der Frühe
muß der Absud getrunken werden l24 ).
Die ersten H.-blüten schützen gegen Rot¬
lauf 125 ) oder vor Hautkrankheit 126 ), auch
Sommersprossen („Hollersprossen") be¬
streicht man mit den ersten H.blüten 127 ).
d) Da der H. zur Zeit der Sommer¬
sonnenwende (Johanni) in schönster
Blüte steht, erscheint er mit Vorliebe im
Heilkult dieser Zeit. Gegen „Salzfluß"
(Ekzema varicosum) sind die H.blätter 128 ),
gegen Halsleiden 129 ) und überhaupt gegen
Krankheiten 130 ) die H.blüten am wirk¬
samsten, wenn sie an Johanni (mittags
12 Uh£ bzw. vor Sonnenaufgang) ge¬
pflückt werden 131 ). Den skrofulösen
Kranken zieht man (s. 2, 478) an Johanni
unter einem umgebogenen H. durch 132 ).
Am Johannistag werden die Blütendolden
des H.s in heißem Schmalz gebacken (oft
am Baum selber) 133 ). Wer diese „Holler¬
strauben" ißt, bekommt (ein Jahr lang)
kein Zahnweh 134 ), kein Fieber 135 ) oder
wird überhaupt das Jahr hindurch nicht
krank 136 ). Wer an Johanni „Hoiler-
kücheln" ißt, kann beim Feuerspringen
am Abend am besten springen 137 ). Das
zurückgebliebene Backschmalz soll man
aufbewahren, es ist gut gegen das Auf¬
liegen (Allgäu) 138 ).
e) Wegen seiner ausgedehnten zeitlichen
273
Holunder
274
und Örtlichen Verbreitung ist ein Sym¬
pathiemittel besonders hervorzuheben:
Wenn man die Rinde des H.s abwärts
(s. 1,125) schabt, führt sie ab, nach auf¬
wärts geschabt, bewirkt sie Erbrechen 139 ).
Das gleiche Mittel finden wir auch bei
den Rumänen 140 ), in Rußland 141 ), in Si¬
birien 142 ), in den Vereinigten Staaten 143 ),
bei den Winnebago- 144 ) und den Menomini-
Indianern 145 ). Wir haben also hier das
Schulbeispiel eines „internationalen"
volksmedizinischen Analogiezaubers.
Ebenso glaubte man, daß die Blätter der
Springwolfsmilch (Euphorbia lathyris)
nach unten abgestreift abführen, nach
oben Erbrechen bewirkten 146 ). Das Tat¬
sächliche an dem Aberglauben ist übrigens,
daß die H.rinde sowohl abführend wie
brechenerregend wirkt 147 ); vgl. Faulbaum
(2, 1269).
81 ) Höfler Botanik 28. 82 ) ZfrwVk. 7, 36.
S2 ) ZfVk. 7, 70; ähnliche Besegnungen gegen
das Fieber: Grohmann 164; Bartsch
Mecklenburg 2, 394 f.; Hovorka u. Kronfeld
2, 333 (Mähren); Geschichtsbl. f. Stadt u.
Land Magdeburg 15 (1880), 86 (Holstein);
Niederbayer. Monatsschrift 9 (1920), 165 (Inn-
viertel); Schullerus Pflanzen 359; desgleichen
in Dänemark: Grimm Myth. 2, 979; Feilberg
Ordbog 1, 175 f.; Ohrt Danmarks Trylleformler
1917, 208 f. 84 ) Andree Braunschweig 421;
Bartsch Mecklenburg 2, 404; ZfdPh. 28, 367;
Most Sympathie 127; ZfVk. 1, 212; 7, 167. 169;
ZfrwVk. 7, 55; Hüser Beiträge 2, 29; ein „Be¬
gegnungssegen“, in dem die „Gichter“ auf einen
H. gebannt werden, wird als Amulett getragen:
Panzer Beitrag 2, 305. 85 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 367. 86 ) Bartsch Mecklenburg 2, 366;
Fossel Volksmedizin 106; Bayerl. 10, 261. I
87 ) Wrede Rhein. Volkskunde 1919, 95 - 88 )
Grimm Myth. 2, 979; beachtenswert ist, daß
Plinius (Hat. hist. 24, 53) bei einer rotlauf-
ähnlichen Krankheit („morbus papularum, cum
rubent Corpora“) den Körper mit einem H.zweig
schlagen läßt. 89 ) Brandenburg 3, 155.
so ) Schullerus Pflanzen 359; Haltrich
Siebeyib. Sachsen 267. 91 ) Grohmann 164.
92 ) Jäckel Oberfranken 215. 93 ) Handtmann
Mark. Heide 6. 93a ) ZfVk. 8, 61. 94 ) Pollinger
Landshut 287. 95 ) Nach dem Evang. des
quenouilles (i5-Jahrh.) vertreibt man die Warzen
-durch Reiben mit einem H.blatt: Rolland
Flore pop. 6, 282. 96 ) Wart mann St. Gallen 69.
97 ) Mones Anz. f. Kde d. Vorzeit 6 (1837), 461.
38 ) Albertus Magnus 20 Toledo. 4, 53. 55
(gegen Bruch); Urquell 2, 27; Manz Sargans 57;
Stoll Zauber glauben 23 f.; Fossel Volks¬
medizin m; Jahn Hexenwesen 324. ") From-
mann De Fascinatione 1033. 10 °) Lämmert
244; ZfVk. 8, 442 (Steiermark). 101 ) Fossel
Volksmedizin 131. 102 ) Drechsler 1, 90.
i°3) Vonbun Beiträge 127. 104 ) Kuhn West¬
falen 2, 205. 105 ) Krüger Mecklenburg 76.
106 ) Fossel Volksmedizin 117. 107 ) Wart¬
mann St. Gallen 69; ähnlich in England, wo
das Zweigstück vergraben wird: FL. 20, 80.
108 ) Leoprechting Lechrain 18. 109 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 102. 110 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 272. 111 ) MschlesVk. 17, 35; anschei¬
nend handelt es sich hier um einen „antikonzep¬
tionellen“ Zauber, da es an der gleichen Stelle
auch vom H. heißt, daß die Frauen dessen
Blüten von sich werfen, um kinderlos zu bleiben.
U2 ) Reiser Allgäu 2, 445. ll3 ) Ebd. 2, 444.
1U ) Vonbun Beiträge 128; Mannhardt 1, 19.
115 ) Fossel Volksmedizin 106. 116 ) ZfVk. 8, 308.
117 ) Fogel Pennsylvania 330; in Frankreich
geschieht dasselbe mit dem Zweig einer Hunds¬
rose: Rolland Flore pop. 5, 242. 118 ) Schul¬
lerus Pflanzen 357. m ) Jahresber. d. naturhist.
Ver. Passau 4 (1861), 155. 12 °) Mar zell Bayer.
Volksbotanik 170. 12i ) Vgl. Frazer Balder 2, 84.
122 ) Wolff Scrutin. amulet, medic. 1690, nof.
112. 221; Schroeder Medzz.-chym. Apotheke
1693, 1136; Grimm Myth. 3, 352. 466; Ale¬
mannia 3, 173 (aus Völter Hebammenschul
1722); ZfdMyth. 1, 446; Gottsched Flora
Prussica 1703, 242; Höhn Volksheilkunde 1,
131; Schullerus Pflanzen 357; Albertus
Magnus 20 Toledo 4, 43. 123 ) Schmeller Bayr.
Wb . 2 1, 1084. 124 ) Pfälz. Geschichtsbl. 4 (1908),
30; Jäckel Oberfranken 226; Bauernfeind
Nordoberpfalz 23. 125 )Witzschel Thüringen 2,
296. 126 ) Wirth Pflanzen 30. 127 ) Ebd. 28; da¬
gegen darf man ein Kind unter einem Jahr
nicht unter einen H. stellen, sonst bekommt es
„Hollersprossen“ ebd. 13
128 ) Branden¬
burg 160. 129 ) Marzell Bayer. Volksbot. 40.
130 ) Wilde Pfalz 107; Baumgarten Aus der
Heimat 1862, 137. 131 ) Ebenso in Frankreich
(Sebillot Folk-Lore 3, 379. 419; Rolland
Flore pop. 6, 281) und in der Tschecho¬
slowakei (FL. 35, 44). 132 ) Drechsler 1, 138.
133 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 48; ZföVk.
16, 92; John Westböhmen 86. 226; Schramek
Böhmerwald 159; Andrian Altaussee 126.
134 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 242 (das
Gebäck muß beim Johannisfeuer verzehrt
werden). 135 ) MnböhmExc. 20, 71 (muß unter
der Feueresse verzehrt werden). 136 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 1862, 28. 137 ) Wal¬
tin ger Bauernfahr im Niederbayerischen 1914,
61. 138 ) Bodenseebuch 2 (1915), 118. i3# ) Bereits
bei Albertus Magnus De Vegetabilibus 6,
220; Frommann De Fascinatione 344; ferner
Most Sympathie 161; Knorrn Pommern 145;
Marzell Bayer. Volksbotanik 160; Veckenstedts
Zs. 1, 436; Höhn Volksheilkunde 1, 108; vgl.
Schweiz.Id. 2, 1185 (im zu- oder abnehmenden
Mond). 140 ) ZföVk. 7, 256: die Spulwürmer
gehen durch den After bzw. den Mund ab.
141 ) De mit sch Russ. Volksheilmittel 230.
142 ) Henrici Volksheilmittel 6. 143 ) Bergen
Animal and Plantlore nof. 144 ) Henrici
Volksheilmittel 6. 146 ) Smith Menomini In -
275
Holzäpfeltanz—Holzbock
276
dians 1923, 28. I48 ) Brown Pseudodoxia epide¬
mica 1680, 548; Rolland Flore pop. 9» 232.
147 ) Schulz Arzneipflanzen 1919, 282.
9. Verschiedenes. Zwischen 11 und
12 Uhr geborene Sonntagskinder können
an jedem Sonntag um dieselbe Zeit in
einer blühenden Fliederlaube Geister
sehen (Harz) 148 ). Der H. zeigt einen
Schatz an 149 ). Wo H. steht, soll ein
Schatz vergraben sein (Pfalz). In Kriegs¬
zeiten sollen die Leute Geld und Wert¬
sachen darunter vergraben haben, weil
der H. nicht zu vertreiben ist (siehe
unter § 1) und so der Schatz wieder leicht
gefunden werden kann 15 °). Der H. blüht
in der Mitternachtsstunde der Christ¬
nacht 151 ), vgl. Eberesche, Hopfen.
Das Röhrlein von einem H., woran ein
Bienenstock zum erstenmal geschwärmt
hat, über der Tür aufgehängt, bringt
Glück 152 ). Wächst ein H. unter der
Mauer heraus, so bringt das Glück 153 )
oder es gibt eine Leiche im Haus 154 ).
Bei Vollmond sind die Äste des H.s mit
Mark gefüllt, bei Neumond sind sie
leer 155 ), das gleiche glaubt man von den
Halmen der Binsen (s. 1,1333). Wenn eine
Gans nicht ausbrüten will, verbrennt man
H. im Ofen (siehe dagegen unter § 2 das
Verbot, H. zu verbrennen!); wie hier die
Rinde des H.s platzt, so platzen die
Schalen der Gänseeier 156 ). Das erste
Badwasser des Kindes schüttet man an
einen H., damit das Kind kräftig wird
und gut klettern lernt 157 ), oder damit die
Zahngichtgeister ferngehalten werden 158 ).
Schließlich erscheint der H. auch als
Weltschlachtbaum 159 ).
148 ) ZfdMyth. 1, 200. 14ß ) Gräber Kärnten
121; Vernaleken Alpensagen 148 (Schatz¬
schlüssel am H.). 150 ) Originalmitt. v. Lehrer
Müller, Oberweiler, BA. Kusel. m ) Schül¬
ler us Pflanzen 100. 359; auch dänischer Aber¬
glaube: Feilberg Ordbog 4, 233. 152 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 1862, 138; nach einem
dänischen Aberglauben ist der H. besonders
heilsam, der über Bienenstöcken wächst:
Grimm Myth. 2, 979. 153 ) ZfVk. 20, 382.
1M ) Urquell 1, 8. 156 ) Wart mann St. Gallen 70.
1M ) Wirth Tiere (1924) 18. 16? ) Meyer Baden
17. 168 ) Zimmermann Pflanzl. Volksheil¬
mittel 39. 159 ) Birlinger Volksth. 1, 185;
Müllenhoff Sagen 378 f.; Müller Sieben-
bürgen 58.
Lit.: A. Arndt Der Holunder als Beispiel
für den Wechsel in der Darstellung einer Pflanze
im Laufe der Zeiten. Monatshefte f. d. natur-
wissensch. Unterricht 3 (1910), 537—550;
J. L. Holuby Der Holler in der Volksmedizin
und im Zauberglauben der Slovaken in Nord¬
ungarn. DbotMon. 1 (1883), 68—70. 86—87;
E. M. Kronfeld Flieder und H. In: Mitt.
Deutsch. Dendrol. Gesellsch. 27 (1918), 209—228;
Marzell Heilpflanzen 188—193; Ida Wegner
Der Holunder im ostfries. Volksglauben. Ost¬
friesland 1930, 135—137- Marzell.
Holzäpfeltanz. Ein Volksfest, das im
nördlichen Baden, namentlich in einigen
Orten der Umgegend von Heidelberg, am
Sonntag nach Mariä Himmelfahrt (15.
August) begangen wird. Am Vorabend
legen die Burschen ihren Mädchen als
Zeichen der Einladung einige Holzäpfel
vor das Fenster; die Mädchen schmücken
die Hüte ihrer Tänzer mit Bändern,
Blumen und Zitronen. Ehe am Sonntag
der Tanz beginnt, geht ein Mann mit einem
Sack voll Holzäpfeln im Kreise umher und
schüttet diese auf den Boden. Fängt der
Tanz an, so wird dem ersten Tänzer ein
Walnußzweig überreicht, der dann an den
zweiten gelangt usw. Wer diesen Zweig
in der Hand hat, wenn eine an einem
Baum befestigte und mit einer brennenden
Lunte versehene Muskete losgeht, ist
Sieger. Er erhält einen Hut, seine
Tänzerin ein Paar Strümpfe. Das Fest
soll aus einer alten Lehnsverbindlichkeit
hervorgegangen sein x ).
*) Reinsberg Festjahr 1 295 ff. Vgl. Meyer
Baden 190. Es gibt eine kolorierte Lithographie
des H.es aus der 1. Hälfte des 19. Jhs. Ähnliche
Unterbrechung des Huttanzes durch Ent¬
flammung von Pulver: Birlinger Volksth. 2,
285. Vgl. auch Brunner Ostdeutsche Volksk. 232.
Sartori.
Holzbock. 1. Onomastisches. Dieses
zu den Milben gehörige Insekt (Ixodes ri¬
cinus) lebt auf Bäumen und Sträuchem
oder auch im Grase der Wälder (daher
seine franz.-dial. Namen bosqui, boscard,
boscart J 1 ), wo namentlich die Weibchen
auf Säugetiere und Menschen lauem, um
sich an sie anzuheften und ihr Blut zu
saugen. Der häufigste Name dieser Milbe
ist Zecke, mnd. teke, holl, teek , engl, tick ;
Franz, tique 2 ) undital. zecca sind aus dem
Germ, entlehnt 2a ). Da die Zecke oft au?
Schafen zu finden ist, heißt sie berg.
schoplüs ,, Schaf laus“ 3 ), schwed. faare-
txge „Schafzecke“ 4 ). Neben „Holzbock“
2 77
Holzfräulein
278
kommt auch Laubbock vor (siegerl.) 5 ),
als Mischform erweist sich westerw.
teckebock 6 ). Lat. ricinus lebt teils in
einigen roman. Sprachen weiter 7 ), teils
wurde es durch Neubenennungen ersetzt
wie schweiz.-franz. lovet, lovetta „Wölf-
chen“ 8 ) (das tertium comparationis ist
die Blutgier). Häufig sind in südfranz.
Dialekten Benennungen nach der Heu¬
schrecke 9 ), lat. locusta > *lacusta: li-
gasto , lingasto, lingasta , lagast, lagas 10 ).
*) Rolland Faune 3, 250. 2 ) Leithäuser
Volkskundl. 2, 39. 2a ) Zandt-Cortelyou In¬
sekten 113. 3 ) Ebd. 4 ) Heinzerling Wirbellose
Tiere 19. 6 ) Ebd. 8 ) jEbd. 7 ) Meyer-Lübke
REWb. Nr. 7300. 8 ) Rolland Faune a. a. O.
9 ) Meyer-Lübke REWb. 5098. 10 ) Rolland
a. a. O.
2. Volksmedizin.
Der H. spielt im Aberglauben eine un¬
wesentliche Rolle. Es ist nur ein volks¬
medizinischer Gebrauch zu verzeichnen,
der darin besteht, daß das Insekt in Essig
gesotten und damit bei Mundsehre und
anderen Mundgeschwüren die Zunge ge¬
rieben wird, während man mit dem Essig
die Gurgel ausspült 11 ).
n ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 138.
Riegler.
Holzfräulein, Holzweibel, Hulzfrau,
Rüttelweiber, Wald weiblein. Loh jung-
fern, Moosleute, auch Busch Weibchen J )
(s. dd.) sind Dämonenfiguren primitivster
Art, meist, aber nicht durchaus, in ihrer
Erscheinung an den Wald gebunden. Sie
treten weniger in Rudeln und Völkern, als
vielmehr vereinzelt und mit individuellen
Merkmalen, oder paarweis auf. Ihr be¬
sonders typischer und primärer Haupt¬
zug ist Verfolgung durch den wilden Jä¬
ger, Nachtjäger, Riesen, bösen Feind,
Teufel 2 ) (s. Wilde Jagd), aber im übrigen
unterscheiden sie sich kaum anders als
dem Namen nach von anderen elbischen,
zwergischen Wesen und sogen. Armen
Seelen (s. d.). Diese immer wiederkehren¬
den Züge seien hier zu folgendem Bilde zu¬
sammengefaßt: sie sind alt, häßlich, zu¬
sammengeschrumpft, moosig, können sich
aber gelegentlich in Schönheit verwan¬
deln 4 ); sie sprechen eine fremde Sprache 5 )
und tragen altertümliche Kleidung (ältere
Trachtenstücke) 6 ); sie lieben die Be¬
rührung mit den Menschen, den Ackers¬
leuten, Holzfällern etc., lassen gar ihre
Säuglinge von Menschenfrauen stillen 7 );
sind aber äußerst empfindlich, unzufrie¬
den mit der neuen Zeit und können leicht
vertrieben werden: durch Kümmelbrot 8 ),
durch Fluchen 9 ), dadurch daß neuerdings
das Brot im Backofen gezählt wird 10 )
(Geiz), durch ein neues Kleid 11 ) usw.;
sie brauen Bier 12 ) und backen Kuchen 13 )
und geben davon gern den Ackersleuten;
der Nebel ist ihr Küchenrauch 14 ), sie
sammeln Holz im Wald 15 ), spinnen
Garn 16 ) (das Moos der Baumäste) und
haben unerschöpfliche Garnknäuel 17 ); sie
sind dankbar, gütig, helfen und beschen¬
ken z. B. mit Laub, das sich in Gold ver¬
wandelt 18 ), zuweilen unter Fluchver¬
bot 19 ), sie helfen in der bäuerlichen Wirt¬
schaft 20 ) oder am Wochenbett 21 ), stehen
gar Pate 2U ); sie wissen Heilmittel 22 ), sie
sehen in die Zukunft 23 ); sie lassen sich
über den Fluß führen 24 ); sie klemmen sich
versehentlich ein und geraten so in Ge¬
fangenschaft 25 ); Stein Vertiefungen rühren
von ihnen her 26 ); sie schrecken die Leu¬
te 27 ), hocken auf 28 ), führen irre 29 ); sie
vertauschen oder rauben Neugeborne 30 ).
Beim Flachsraufen, bei sonstiger Ernte,
bei Mahlzeiten werden sie mit den letzten
Büscheln, Halmen, Resten bedacht 31 ),
drei Körner werden ihnen 32 ) gestreut.
Vor ihrem dämonischen Verfolger können
sie nur durch ein Kreuzeszeichen oder den
Namen Gottes gerettet werden, was sie
meist nur dem Zufall verdanken 33 ).
*) Die Namen und "weiteres s. E. H. Meyer
German. Mythol. 129; Mannhardt i, 74;
Höfler Waldkult 44; Simrock Mythol. 440;
Grimm Mythol. 1, 400; 2, 775 Anm. 1.
2 ) Grimm Mythol. 2, 775; Alpenburg Tirol 5
u. 29; Quitzmann Baiwaren 163; Kühnau
Sagen 2, 158. 184. 175. 179. 163; Schönwerth
Oberpfalz 2, 149; Haupt Lausitz i, 43; Kuhn
und Schwartz 427; Meiche Sagen 347 Nr. 413;
344 Nr. 448. Nr. 447; Seefried-Gulgowski
Kaschubei 174 t.; Caesarius von Heisterbach
131 f.; Lütolf Sagen 469; Köhler Voigtland
458. 3 ) Kühnau Sagen 2, 174; Meiche Sagen
352 Nr. 461; Eisei Voigtland 22; Schönwerth
Oberpfalz 2, 358. 366; Mannhardt 1, 75.
4 ) Kühnau Sagen 2, 194. 5 ) Mannhardt 1, 77;
Schönwerth 2, 362. 8 ) Reiser Allgäu 1, 111;
Kühnau Sagen 2, 184; Köhler Voigtland 451.
7 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 370. 8 ) Köhler
Voigtland 453. 460; Grimm Mythol. 3, 141.
279
Holzhetzer—Holzscheitorakel
280
®) Mannhardt 1,103; Grimm Mythol. 3, 141.
10 ) Grohmann 14; Köhler Voigtland 454.
n ) Panzer Beitr. 2, 160; Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 379; vgl. sonst noch zum Vertreiben:
Bechstein Thüringen 2, 126; John West¬
böhmen 200; Müller Siebenbürgen 19;
Schönwerth Oberpfalz 2, 363. 364. 366.
12 ) Köhler Voigtland 451. 13 ) Eisei Voigtland 26
Nr. 49. 50; Schönwerth Oberpfalz 2, 364;
Köhler Voigtland 457; Bechstein Thüringen
2, 97; Kühnau Sagen 2, 176; Meiche Sagen 353
Nr. 461. 14 ) Kühnau Sagen 2, 176; Drechsler
2, 162. 15 ) Drechsler 2, 163. 16 ) Mannhardt
1, 76; Panzer Beitr. 2, 160; Eisei Voigtland 25
Nr. 47; Meiche Sagen 342 Nr. 445; Kühnau
Sagen 2, 182. 17 ) Köhler Voigtland 453. 18 )
Bechstein Thüringen 2, 118; Drechsler 2,
1 G3; John Westböhmen 200; Kühnau Sagen
2, 183. 174. 176. 194 ; Meiche Sagen 350 Nr. 457;
343 Nr. 445. 446; Eisei Voigtland 26; Schön-
Werth Oberpfalz 2, 360; Köhler Voigtland 458.
453 * lö ) Kühnau Sagen 2, 183. 20 ) Mann¬
hardt 1, 103; John Westböhmen 200. 21 ) Ver-
naleken Alpensagen 188 f. 21a ) Kühnau
Sagen 2, 194. 2a ) Grimm Mythol. 3, 334;
Eisei Voigtland 24; Panzer Beitr. 2, 436;
Schönwerth Oberpfalz 2, 366. 23 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 364. 24 ) Endt Sagen und
Schwänke 194. 25 ) Jecklin Volkstümliches 457,
127; Cosquin 3; Vonbun Vorarlberg 9. 10;
ders. Beitr. 58; Ranke Volkssagen 178.
**) Kühnau Sagen 2, 181. a7 ) Reiser Allgäu 1,
in. 28 ) Kühnau Sagen 2, 174. 29 ) John
Westböhmen 267, 200; Kühnau Sagen 2, 198;
Birlinger Volkstümliches 1, 63. 30 ) John
Westböhmen 267; Köhler Voigtland 451.
31 ) Mannhardt I, 77 ff.; John Westböhmen
189. 197. 200; Sartori 2, 83. 106; 3, 113 t.;
Panzer Beitr. 2, 160 f.; Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 360; Grimm Mythol. 1, 359; Schön-
werth Oberpfalz 2, 378. 32 ) Maack Lübeck 69;
Sartori 3, 110. 33 ) Köhler Voigtland 454 t.,
458; Panzer Beitr. 2, 70. H. Naumann.
Holzhetzer s. wilde Jagd.
Holzhund erscheint in Hirtensegen des
I 5 * Jhdts., hat aber vielleicht keine mytho¬
logische, sondern naturbeschreibend-ap-
pellative Bedeutung, etwa Wildhund oder
Wolf, wie das entsprechend bei Holz¬
huhn 2 ) der Fall ist.
*) So Grimm Mythol. 2, 1037; Höfler
Waldkult 36; Hocker Volksglaube 220. 2 ) S. d.
bei Adelung Wörterbuch 2, 1272.
H. Naumann.
Holzscheitorakel.
Unter diesem Stichwort kann man eine
Anzahl volkstümlicher Methoden der Zu¬
kunftserkundung zusammenfassen, deren
gemeinsames Kennzeichen darin besteht,
daß zur Gewinnung von Vorzeichen Holz¬
scheite, bisweilen auch Späne u. dgl. ver¬
wendet werden. In den meisten Fällen
handelt es sich darum, festzustellen, ob
die Person, die diese Methode an wendet,
auf baldige Hochzeit rechnen darf, und
um die Beschaffenheit des zukünftigen
Gemahls; das H. gehört also zu den
Liebes- und Hochzeitsorakeln. Folgende
Methoden sind die verbreitetsten:
1. Die befragende Person, meist ein
Mädchen 1 ), zieht aufs Geratewohl aus
einem Holzhaufen ein Scheit heraus.
Aus dessen Beschaffenheit wird mit bil¬
liger Analogie auf den Zukünftigen ge¬
schlossen : ein tadelloses, gerades Stück
bedeutet einen gerade gewachsenen, schö¬
nen und tüchtigen Mann, ein langes
einen langen, ein krummes, knorriges
einen krummen oder buckligen 2 ), ein
mit Rinde versehenes einen reichen 3 ).
Bisweilen werden besondere Verhaltungs¬
maßregeln vorgeschrieben, um das Ver¬
fahren wirksamer zu machen: Das Scheit
muß von einem fremden Haufen ge¬
nommen werden 4 ), die Handlung muß
im Dunkeln 5 ) oder mit verbundenen
Augen 6 ) oder rücklings 7 ) vorgenommen
werden. Nach einem alten Bericht zieht
man in des Teufels Namen 8 ), nach einem
neueren unter Anrufung der Dreieinig¬
keit 9 ). Namen für diese Methode sind
,, Scheiteziehen“ 10 ),,, Scheitchenziehen“ 11 ),
,,Spächlen“ 12 ).
x ) Grimm Myth. 3, 470 Nr. 958 (aus Prae-
torius Saturnalia 1663): Knechte und Mägde.
Diese benutzen das H. auch, um festzustellen,
ob sie ihren Dienst behalten: Köhler Voigt¬
land 365; ZfdMyth. 2, 423, vgl. unten Anm. 38.
2 ) Drechsler 1, 6; Grimm Myth. 3, 416 Nr. 7;
419 Nr. 49 (14./15. Jht.); 438 Nr. 109; Rocken¬
philosophie 470 Nr. 958 (s. Anm. 1); John
2, 936 (aus dem Zaun, vgl. Andree-Eysn
Volkskundliches 236); John Erzgebirge 143
(krumm und ästig = große Kinderzahl); John
Westböhmen 3. 296; Naogeorgus Regnum pa-
pisticum 4 (1559), 131; Peuckert Schles. Vk.
117; SAVk. 7, 132; Schulenburg Wend.
Volksthum 127; Schultz Alltagsleben (nach
Männling Albertäten) 5; Walther Schwab.
Vk. 133; WZfVk. 33, 23; ZfVk. 8, 250; 9,
442. 3 ) Hoffmann-Krayer 96; SchwVk.
3 » 87: 15, 3. Ein Birkenscheit bedeutet, daß
der Zukünftige ein Soldat ist: Ruß wurm
Sagen aus Haspal (1861) 153. 4 ) John Erzgeb.
143. 5 ) Naogeorgus a. a. O. 6 ) John West¬
böhmen 3. 7 ) Grimm Myth. 3, 438 Nr. 109;
Kapff Festgebräuche 50. 8 ) Grimm Myth. 3, 416
Nr. 7. 9 ) SchwVk. 3, 87. i0 ) John Erzgeb. 143.
ET '
r
: 1 '1
i.
xv
Holzscheitorakel
282
28l
u ) Brunner Ostdt. Vk. 160; ZfVk. 9, 442; an
der sächsisch-böhmischen Grenze früher auch
,,Trimmeiziehen": Reinsberg Böhmen 513.
12 ) Kapff Festgebräuche 30.
2. Die befragende Person rafft von
einem Holzhaufen einen Arm oder die
Schürze voll Scheite, trägt sie ins Haus,
in die Küche und zählt sie. Ergibt sich
eine gerade Anzahl, so sind die Aus¬
sichten für baldige Verheiratung günstig,
andernfalls ungünstig 13 ). Auch hier
finden sich Sondervorschriften, z. B. die,
daß man drei Körbe voll Holz holt und
durchzählt; erst wenn sich jedesmal eine
gerade Anzahl herausstellt, bekommt die
Dirne im nächsten Jahr einen Bräutigam 14 ).
Fällt beim Tragen der Scheite eins auf
die Erde, so bedeutet dies einen Todes¬
fall in Jahresfrist 15 ). Auch diese Form
vollzieht sich im Dunkeln 16 ). Bisweilen
wird aus der Zahl der Scheite auf die der
zu erwartenden Kinder geschlossen 17 ).
Einer Verbindung beider Formen kommt
es nahe, wenn beim Durchzählen die
Beschaffenheit des letzten Stückes be¬
sonders gewertet wird 18 ), oder wenn das
Zusammenliegen eines Scheites und eines
Spanes auf Verheiratung mit einem Wit¬
wer gedeutet wird 19 ). Diese Methode
wird u. a. mit ,,Holztragen“ 20 ), ,,Scheit¬
zählen“ 21 ), ,,Scheitlaroffa“ 22 ) bezeichnet.
An die Stelle der hereingetragenen Scheite
treten auch Zaunpfähle, die man ab¬
zählt 23 ).
13 )Baumgartenin Heimatgaue 7, 13; Dähn -
hardt Volkst. 2, 79 Nr. 315; Drechsler I, 6;
Haltrich Siebenb. Sachsen 283; John Erz¬
gebirge 143; John Westböhmen 8. 25; Köhler
Yoigtlajid 365; Lehmann Sudetendt. Vk. 128;
Peuckert Schles. TA. 117; Pollinger Lands¬
hut 195 (Abzählen: ja — nein); Reinsberg
Böhmen 515; Rosegger Steiermark 2 (1875),
9; Schönwerth Oberpfalz 1,141; Schulen¬
burg Wend. Volksth. 132; Witzschel Thü¬
ringen 2, 179 Nr. 57. — Baumgarten in
Heimatgaue 7, 6 (Leuchtspäne); MschlesVk.
2, 48 (man denkt sich etwas und greift in ein
Bund Schleißspäne. Gerade Anzahl = Erfüllung
und umgekehrt). 14 ) Heyl Tirol 753 Nr. 9; Schiern
7, 132. Ähnlich bei den Südslaven, s. Krauß
Sitte und Brauch 180. 15 ) John Erzgeb. 118.
16 ) John a. a.O.; Schön werth Oberpfalz 1, 141.
17 ) John Erzgeb. 143. 151. 18 ) Baumgarten
in Heimatgaue 7, 6. 19 ) Witzschel Thüringen
2, 179 Nr. 57. 20 ) Schönwerth Oberpfalz 1,
141. 21 ) John Erzgeb. 143; John Westb. 3;
WZfVk. 33,23 (Brünn). 22 ) Drechsler Schlesien
1, 6; Peuckert Schles. Vk. 117. 23 ) Baum¬
garten in Heimatgaue 7, 6.
3. Das Motiv des Lösens, das den unter x
und 2 beschriebenen Methoden deutlich
zugrunde liegt, ist in anderen, vereinzelt
auftretenden verblaßt oder auch gar nicht
vorhanden, z. B. wenn es nur darauf an¬
kommt, daß beim Hereintragen des
Holzes kein Stück zur Erde fällt 24 ), oder
wenn man abends so viele Holzstücke
an eine Mauer oder einen Zaun lehnt 26 )
oder auf den Tisch stellt 26 ), als Familien¬
mitglieder vorhanden sind, und dann
die Meinung herrscht, daß der, dessen
Stück am nächsten Morgen umgefallen
ist, im kommenden Jahr sterben muß.
Schlechthin zum Träger zukunftdeutender
Kraft ist das Holzscheit geworden, wenn
die Mädchen am Neujahrsmorgen wäh¬
rend der Frühkirche Holz in die Küche
tragen und bei dieser Arbeit ihren Zu¬
künftigen zu sehen hoffen 27 ), wenn sich
die Mädchen in der Thomasnacht drei
Scheitchen Holz unter das Kopfkissen
legen, um im Traum den Bräutigam zu
schauen 28 ) oder ein Stück Holz vor dem
Haus auf die Straße legen: derjenige, der
es aufhebt, wird ihr Mann 29 ), oder wenn
man drei am Christ-, Neujahrs- und Drei¬
königsabend angebrannte Scheite ver¬
brennt, um den Liebsten erscheinen zu
lassen 30 ). Mit ,,Spanwerfen“ wurde ein
österreichischer Brauch folgender Art
bezeichnet: Die Mädchen warfen mit
Stecken nach einem Baume. Die, deren
Stecken gleich auf den ersten Wurf, wo¬
möglich an einem Nußbaum, hängen
blieb, durfte auf baldige Verheiratung
rechnen 31 ). Oder: Mädchen nehmen
neun Spänchen und binden an jedes eine
Kohle und etwas Salz; dann lassen sie
diese Späne auf dem Bache schwimmen,
nachdem sie jedem derselben einen Namen
gegeben haben; welcher Span nicht fort¬
schwimmt, dessen Namensträger ist der
Zukünftige 32 ).
24 ) Heimatgaue 7, 13. 26 ) Gaßner Metters¬
dorf 80; ZfVk. 4, 316 (Ungarn). 26 ) Pollinger
Landshut 197. 27 ) Witzschel Thüringen 2,
179 Nr. 57. 28 ) Pollinger a. a. O. 195.
29 ) Kapff Festgebräuche 50. 30 ) ZfdMyth. 3, 335.
31 ) Baumgarten in Heimatgaue 7, 6. An die
Stelle der geworfenen Späne treten auch Schür-
283
Holzwurm
284
haken oder Strohwische: Dähnhardt Volkst.
I, 76 Nr. 2. 32 ) ZfVk. 4, 317 (Ungarn).
4. Das H. wird an den Tagen vorge¬
nommen, die überhaupt für solche Orakel¬
bräuche bevorzugt werden, in der An¬
dreasnacht 33 ) oder der Thomasnacht 34 ),
zu Weihnachten 35 ) oder Silvester 36 )
oder am Dreikönigsabend 37 ), selten auch
am Markustage (25. IV.), dem Tage vor
einem der Dienstbotenwechseltermine; die
Dienstboten erkennen an der geraden
oder ungeraden Zahl, ob sie im nächsten
Jahre heiraten werden oder noch weiter
dienen müssen 38 ).
M ) Brunner Ostdt. Vk. 160; Dähnhardt
Volkst. 2, 79 Nr. 315; Drechsler Schlesien i, 6;
Hoffmann-Krayer 96; John Erzgeb. 143;
John Westb. 3; Reinsberg Böhmen 515. — All¬
gemein Adventszeit: Naogeorgus Regn. pap.
4, 131. — Neun Tage vor Weihnachten: Schu¬
lenburg Wend. Volksth. 127; MschlesVk. 2, 48.
34 ) Baumgarten in Heimatgaue 7, 6; John
Westb. 8; Lehmann Sudetendt. Vk. 128;
Pollinger Landshut 195 t.; Reinsberg Böh¬
men 543. Grimm Myth. 3, 416 Nr. 7: 438
Nr. 109; 470 Nr. 958; John Erzgeb. 151; John
Westb. 296; Köhler Voigtland 365; MschlesVk. 7,
45 Nr. 26; Pollinger Landshut 197; Reinsberg
Böhmen 574 i. ; ZfVk. 8, 250. 3e ) Baumgarten
in Heimatgaue 7, 13; Gaßner Mettersdorf 80;
Haltrich Siebenb. Sachsen 283; John Erzgeb.
118; John Westböhmen 25; Schulenburg
Wend. Volksth. 132; Witzschel Thüringen 2,
179 Nr. 57; ZfVk. 4, 316. 37 ) Heyl Tirol 753
Nr. 9; Rosegger Steiermark 2 (1875), 9. In
den Unternächten: Grimm Myth. 3, 419 Nr. 49.
M ) Zingerle Tirol 94 Nr. 721. Faschingstag:
Krauß Sitte und Brauch 180 (Südslaven).
5. Der Brauch läßt sich bis ins 15.,
vielleicht sogar bis ins 14. Jhdt. zurück¬
verfolgen 39 ), er ist auch für das 16. 40 ),
17. 41 ) und 18. Jhdt. 42 ) bezeugt und
wird wohl auch noch heute vielfach geübt.
Seine geographische Verbreitung ist, so¬
weit die verstreuten Zeugnisse eine Über¬
sicht erlauben, am stärksten im mittleren
und östlichen Mitteldeutschland (Thü¬
ringen, Sachsen, Schlesien), etwas
schwächer in Süddeutschland und den
Alpenländern und noch spärlicher im
Nordosten. Im westlichen und im mitt¬
leren Norddeutschland scheint er völlig
zu fehlen. Eine verschiedene räumliche
Verbreitung nach der unter 1 und 2
besprochenen beiden Grundformen oder
den Tagen, an denen das H. vorgenommen
wird, ist nicht festzustellen.
6 . Ob sich unter der in der Divinations-
literatur vereinzelt auftauchenden Xylo-
mantie (s. d.) Gebräuche, wie die geschil¬
derten, verbergen oder diese mit der
Rhabdomantie (s. d.) zusammenhängt,
läßt sich schwer entscheiden.
39 ) ZfVk. 12, 8, Traktat des Thomas von
Haselbach: itempeccant, quiqueruntfuturaet
occultainlignis; GvimmMyth.^, 4i5f.,Papierhs.
v. St. Florian; vielleicht bezieht sich darauf
auch der Beichtsatz v. J. 1468 bei Usener
Christi. Festbrauch (1889) 86. 40 ) Naogeorgus
Regn. papist. 4, 131. 41 ) Grimm Myth. 3, 470
Nr.958 = PraetoriusSa/ttr«a/iai663. 4Ä ) Grimm
Myth. 3, 438 Nr. 109: Chemnitzer Rocken¬
philosophie; Schultz Alltagsleben 5;Männling
Albertäten. Boehm.
Holzwurm.
1. Todesomen. Der Holzwurm (Ano-
bium pertinax) ist ein Käfer aus der Fa¬
milie der Holzbohrer. Megenberg 1 )
hält ihn natürlich für einen Wurm. Die
Männchen und Weibchen locken sich
gegenseitig, indem sie mit der Stirne und
dem Vorderrand des Schildes gegen das
Holz schlagen. Diese regelmäßige Bewe¬
gung bringt ein Geräusch hervor, das an
das Ticken einer Taschenuhr erinnert.
(Vgl. den veronesischen Namen tic del
legno ia )). Das unheimliche Ticken des
unsichtbaren Insekts wird vom Volke als
Todesomen gedeutet und wirkt nament¬
lich auf abergläubische Kranke beängsti¬
gend 2 ). Dieser Volksglaube ist fast über
das ganze deutsche Sprachgebiet ver¬
breitet 3 ). Er findet sich auch in Frank¬
reich 4 ), in Italien 5 ), in England. Darauf
beruhen die meisten mundartlichen Na¬
men dieses Käfers. So heißt er in den
Niederlanden Dood kloppertje 5a ), in Steier¬
mark Totenkäfer 6 ), in Steiermark, Kärn¬
ten und Vorarlberg Totenuhr 1 )', womit
sich vergleicht engl, deathwatch, franz.
horloge de la mort 8 ), ital. orologio della
morte ö ). Die Deutung dieses Namens
gibt Knoop 9a ): Bohrt ein Klopfkäfer
in einer hölzernen Uhrplatte und sieht
man darauf, so lebt man nur noch so viele
Jahre, als der Zeiger Stunden anzeigt.
Im Puster- und Drautal findet sich
Toatenhammerle 10 ), wozu sich stellt ital.-
dial. martelina (Bormio) 11 ). Grimm 12 )
zitiert aus Geliert Totenschmied. An den
Sensenmann spielt an Dengelmännle 13 ),
'
Homunculus
das sich in Blaubeuren (Schwaben)
wiederfindet 14 ). Dort sagt man von dem
Ticken des Käfers: Es dängelt ein naus 15 ).
Es beruht daher venez. bisa ,,H.“ < lat.
bestia 15a ) sicher auf Tabu.
*) Buch der Natur 263. la ) Garbini Antro-
ponimie 337. 2 ) Möllenhoff Natur 8; Hopf
Tierorakel 200 f. 3 ) Grimm Myth. 3, 328;
Wuttke 206 § 283; ZfVk. 10, 211; Bartsch
Mecklenburg 2, 125; Urquell 2, 17 (im Ber-
gischen); Hartwig Minden-Ravensberg 36;
ZfdMyth. 2, 420 (Inntal); SAVk. 2, 219; 23,
187; Manz Sargans 120; Alemannia 38, 301
(Heidelberg); ZföVk. 3, 12; Höhn Tod 308
(Schwaben); Knoop Tierwelt 15. 4 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 323; Rolland Faune 3, 343.
6 ) Garbini op. cit. 1372. 6l ) A. de Cock
Volksgeloof 142. e ) Wein köpf Naturgeschichte
136. 7 )Ebd. 135 t.; Carinthia 96, 66; Hartwig
op. cit. 36. 8 ) Rolland Faune 3, 343. 9 ) Garbini
op. cit. 337, 1372. #i ) Tierwelt 15. 10 ) Carinthia
a. a.O.; Weinkopf op. cit. 136. n ) Garbini
op. cit. 1372. 12 ) Myth. 2, 328. 13 ) Dalla Torre
Tiere 112; Weinkopf op. cit. 136. 14 ) Höhn
Tod 308. 15 )a. a. O. J5a ) Meyer-Lübke REWb.
Nr. 1061.
2. Mythisches. Nur auf das Klopfen,
ohne die Vorstellung des Todes, beziehen
sich Namen wie Herdschmiedl 16 ) (deutet
auf den Charakter eines Hausgeistes. Vgl.
die Namen des Heimchens), Erdschmiedl
(süddeutsch 17 )) beruht auf chthonischen
Vorstellungen (Erdschmiedl ~ Zwerg).
Hierher gehört auch finn. seinärantio
,, Wandschmied“ 18 ). Aus dem Ndd.
seien angeführt Wandiur, Uhr, Wand¬
käfer 19 ).
18 ) Dalla Torre Tiere 112; Weinkopf op.
cit. 135. 17 ) a. a. O. 135 f. 18 ) Grimm Myth.
3, 328. l9 ) Hartwig Alinden-Ravensberg 36.
3. Onomastisches. Von den üblichen
Namen ganz abweichend ist Möbel¬
krebs 20 ). Ohne besonderes volkskund¬
liches Interesse sind franz. vrillette ,,Boh¬
rerchen“ 21 ) sowie ital.-dial. camola (<Ctar-
mulus -)- caria) 22 ).
20 ) Bartsch Mecklenburg 2, 209. 21 ) Rolland
Faune 3, 343. 2Z ) Meyer-Lübke REWb. 1692;
Garbini op. cit. 337.
4. Gutes Omen. In seltenen Fällen
wird das Klopfen des Käfers als gutes
Omen gedeutet: im Inntal bedeutet es
baldige Heirat 23 ), in Mecklenburg 24 )
Regen.
23 ) ZfdMyth. 2, 420. 24 ) Bartsch op. cit. 2,
209.
5. Abwehrmittel. Da der H. am
Bauholz nicht unbeträchtlichen Schaden
anrichtet, sucht man es gegen ihn zu
sichern, indem man am Peterstag vor
Sonnenaufgang unter Hersagung einer
gewissen Formel mit einem Stück Eichen¬
holz daran schlägt 25 ).
26 ) Grimm Myth. 466 Nr. 877.
6. Volksmedizin. In der Volks¬
medizin wird der H. gegen Harnbeschwer¬
den verwendet, u. zw. soll man 7 H.er in
Milch kochen und diese trinken 26 ). Das
,,Mehl“, d. h. die Sägespäne, die die H.er
an die Oberfläche des Holzes stoßen, wird
mit verschiedenen Ingredienzien gegen
Schwindsucht empfohlen 27 ).
28 ) Jühling 90; Strackerjan 2, 178 Nr. 412;
Wuttke S. 358 § 540. 27 ) Manz Sargans 76.
7. Erreger psychischer Zustände.
Der Gebrauch von tarlo in der ital. Phra¬
seologie (tarlo del rimorso ,,Gewissens¬
wurm“, aver il t. con Ad., auf jem. einen
Wurm haben) beruht auf der volkstüm¬
lichen Vorstellung vom Vorhandensein
imaginärer Würmer in den menschlichen
Organen, namentlich im Gehirn 28 ). Vgl.
auch die piemontesische Redensart: L'ä
mangiä la camola, er hat den Wurm
gegessen 29 ).
28 ) Rieglcr Das Tier 291 f. 29 ) Virgilio
Voci e cose 223. Riegler.
Homunculus.
1. Das aus Cicero, Plautus, Apuleius
usw. belegte Diminutiv von homo ist im
ausgehenden Mittelalter zur Bezeichnung
eines auf chemischem Wege erzeugten
Miniaturmenschen geworden, den man
als dämonischen Helfer zu magischen
Zwecken benutzte. Bekanntlich hat
Goethe im 2. Teil des Faust diese Vor¬
stellung vom H. verwertet. Der erste,
der sich mit seiner Herstellung befaßt
haben soll, war der im 13. Jh. lebende
Arzt Amaldus von Villanova: ,,ne putet
hac arte hominem verum, modo a na¬
tura ad hanc generationem non instituto,
sed urina vel alio humore (gemeint ist
semen virile), igne aut solein vitreisphialis
decocto posse produci, quod temere Jul.
Camillus asseruit et incaute Thom. Gar-
zonius discur. 41 Fori univers. credidit,
et quidam hoc inventum Arnoldo Villa¬
nova tribuunt, vero an mendacio dispu-
tare non est necesse, inquit Mariana lib.
287
14* rer. Hispan. c. 9“ J ). Genaueres hat
dann Paracelsus darüber mit geteilt, nach
dem semen virile, in verschlossenen Cu-
curbiten 40 Tage lang ventre equino ver¬
goren, lebendig wird und sich nach 40
Wochen, mit Menschenblut ernährt und
auf stetigerWärme ventris equini erhalten,
zu einem Menschenkind, nur viel kleiner,
ausbildet 2 ). Das ist also ein Embryonal¬
wachstum auf künstlichem Wege, wobei
Urin, Sperma und Blut als die Träger des
Seelenstoffes die materia prima darstellen.
Ähnliche Versuche berichtet Borei, der
Leibarzt Ludwigs XIV.: Destillation von
Menschenblut brachte die Gestalt eines
Menschen hervor, von dem blutige Strah¬
len auszugehen schienen; Robert Fludd,
ein Pariser Chemiker, destillierte Blut und
entnahm der Retorte, in der er erschreck¬
liches Geschrei wie von einem brüllenden
Löwen oder Ochsen vernommen, einen
natürlichen Menschenkopf mit einem Ge¬
sicht, Augen, Nase und Haaren; die
Aurea Catena Homeri, ein alchemistisches
Werk, das vor der Blutdestillation warnt:
,,Denn mir begegnete, daß als ich per
Retortum die fixeren Teile wollte destil-
liren, ist mir von denen Menschen
sowohl, als anderen Tieren das Eves-
trum (d. h. das corpus sidereum, der prä-
figurierte Körper) sehr monströs im Reci-
pienten erschienen, hat auch vom Men¬
schen in der Retorte ein Gepolter ange¬
fangen, als wenn ein Gespenst darinnen
wäre, welches sehr entsetzlich, wie wohl
es nicht allezeit geschieht“; der Verfasser
der „Monatlichen Unterredungen vom
Reich der Geister“: „Es ist gewiß, daß
sowohl im Blut des Menschen als des
Tieres ganz besondere Geheimnisse ver¬
borgen liegen, wie ich das nicht allein aus
fremder, sondern eigener Erfahrung be¬
richtet habe, daß nach geschehener Destil¬
lierung des Blutes das ganze menschliche
Wesen wiewohl auf monströse Weise zu
erscheinen pflegt“ 3 ). Einen solchen H.
als dämonischen Helfer hatte der Arzt
Borri im 17. Jh. 4 ). Noch der Philosoph
J. J. Wagner vertrat in der ersten Hälfte
des 19. Jhs. die Meinung, es würde eines
Tages der Chemie die künstliche Bildung
eines Menschen gelingen 5 ).
288
*) Delrio Disquis. mag. i, 5, 2, 3 (Köln 1679)
91; Kiesewetter Faust 347; Ders. Die Geheim¬
wissenschaften 40. 2 ) De natura rerum 1; Meyer
Aberglaube 53 f.; Schelenz Geschichte der Phar¬
mazie (1904) 239; Stemplinger Aberglaube 122.
3 ) P. Cassel Die Symbolik des Blutes (1882)
26 ff. 4 ) Schelenz a. a. O. 252. 6 ) Düntzer
Goethes Faust 2 (1854), 117 ff.; Meyer a. a. O. 54.
2. Daneben nannte man auch aus ver¬
schiedenen Stoffen gemachte Figuren zu
Zauberhandlungen H. So verfertigten nach
Paracelsus 6 ) Hexen zum Schadenzauber
H. aus Wachs, Pech, Brot oder Lehm.
Andere machten sie aus elfenbeinernen
Knochen 7 ).
6 ) Kiese wetter Geschichte des neueren
Occultismus 63 f. 7 ) Meyer a. a. O. 54; Kopp
Geschichte der Chemie 2 (1843), 244 nach Roth-
scholz Theatrum Chemicum ; vgl. auch das
Sennentunschi bei Müller Urner Sagen 2, 245 ff.
3. Entstanden ist die Idee vom H. wohl
in der antiken Alchemie. Schon der um
300 n. Chr. schreibende Alchemist Zosimus
sieht in einer Vision die Transmutation
der Metalle: aus einem als Phiole gestal¬
teten Altar steigt beim Schmelzprozeö
ein avdpturraptov (= homunculus) auf; es
ist zunächst das Kupfermenschlein av-
OptuTraptov y aXxou, das zum Silbermensch
dp^upavDpaiTroc, dann zum Goldmensch
Xpü3dvi)pü):roc wird 8 ). Diese alchemistische
Bilder- und Geheimsprache hat wohl auf
die Bildung der Vorstellung vom H. ein¬
gewirkt 9 ), zumal die alte Magie die künst¬
liche Erzeugung eines Menschen kannte.
Nach den Pseudo-Clementinischen Ho-
milien, die dem 3. nachchristl. Jh. an¬
gehören 10 ), schuf Simon Magus einen
Menschen auf folgendem Wege 11 ): er
trennte durch Mord und unaussprechliche
Beschwörungen eines Knaben Seele vom.
Leibe als Helfer für die von ihm beab¬
sichtigten Geistererscheinungen, zeichnete
das Bild des Knaben ab und stellte es
in seinem Schlafgemach auf, „indem er
erzählte, daß er ihn einst durch göttliche
Verwandlungen aus Luft gestaltet habe
und, nachdem er die Gestalt abgezeichnet,
habe er ihn der Luft wiedergegeben (d. i.
zurückverwandelt in Luft). Er erklärt
aber, daß er solches folgendermaßen
bewirkte: Zuerst, sagt er, habe das Men-
schenpneuma (d. i. Atem, Seelenstoff), in
warme Natur (Kraft) sich gewandelt, die
Homu nculus
I
Honig
umgebende Luft wie ein Schröpf köpf
angezogen und auf gesogen, danach, als
drinnen die Gestalt des Pneuma ent¬
standen sei, habe er sie in Wasser ver¬
wandelt; da dieses durch den Zusammen¬
hang mit dem Pneuma auszufließen ge¬
hindert war, habe er die darin befindliche
Luft in Blut verwandelt, wie er sagte;
das geronnene Blut habe das Fleisch ge¬
bildet. Als das Fleisch fest geworden war,
habe er einen nicht aus Erde, sondern aus
Luft geschaffenen Menschen vorgewiesen.
Und so habe er gezeigt, daß er einen neuen
Menschen bilden könne, und erzählt, daß
er ihn der Luft wiedergegeben, indem er
die Verwandlungen wieder aufgelöst habe“.
Auf irgendeinem Wege der Überlieferung
werden dieseVorstellungen zu den späteren
Alchemisten gelangt sein.
8 ) Berthelot Collection des Anciens Alchi-
mistes Grecs 2 (1888), 108 f.; Ders. Origines
de l'alchimie 60. 156. 180; von Lippmann
Entstehung und Ausbreitung der Alchemie (1919)
80. ®) La Grande Encyclopedie 20, 219. 10 ) Her¬
zog- Hauck 4, 171 ff.; 23, 312 ff. ll ) Horn. 2,
26; Migne Patrologia S. Gr. 1, 94; von Lipp¬
mann a. a. O. 224. 324.
4. Es scheint auch ein Zusammenhang
des H. mit den Galgenmännlein, Alraunen
(s. d.) zu bestehen, die gleichfalls aus dem
Sperma oder Urin (des Gehängten) ent¬
stehen und ähnlich wie der H. gepflegt
wurden 12 ). Wenigstens schildert P. de
Saint-Victor den H. also 13 ): „Au moyen-
äge, les alchimistes pretendaient creer ä
volonte des homuncules et des mulier-
cules, c'est ä dire de petits hommes et de
petites femmes hautes d’un pouce que Fon
conservait dans des fioles et que l’on nou-
rissait de vin et d'eau de rose“ l4 ).
12 ) Grimm Myth. 1, 424; 2, 1005; 3, 353;
Meyer a. a. O. 62 ff. 13 ) Dictionnaire des Dic-
tionnaires (Guerin) 4, 597. 14 ) Zum Ganzen
vgl. meinen im Archiv des Institut Grand-
Ducal de Luxemburg, Sect. des Sciences na¬
turelles etc., Nouv. Ser. t. XII, erscheinenden
Vortrag über den H., wo das Material möglichst
vollständig gesammelt und bearbeitet ist.
Jacoby.
Honig 1 ). Da fast alle im deutschen
Volk noch lebendigen oder ehemals vor¬
handenen kultlichen, abergläubischen und
volksmedizinischen Gebräuche und Vor¬
stellungen, die sich auf den H. beziehen,
entweder auf eine gemein-indogerma-
htold*Stäubli, Aberglaube IV
nische Wurzel zurückreichen oder evi¬
dent von den Griechen und Römern
übernommen sind — abgesehen von ur-
menschlichen Vorstellungen, die wir bei
allen Völkern finden —, so muß jede Dar¬
stellung dieser Materie von einem weit
zurückreichenden Parallelmaterial fun¬
diert sein.
1. Kosmische Vorstellungen vom
H.: Nach dem Rigveda besprengen die
beiden Götter der Morgenröte beim
Schirren des Wagens die Erde mit Butter
und H. 2 ); „mit Gold bekleidet, h.farben,
schmalztriefend rollt euer Wagen her¬
an“ 3 ). „Schirrt den lieben Wagen an,
um H. zu spenden; ihr erquicket die Weg¬
spur mit H.“ 4 ). Die regenbringenden
Götter Varuna und Mitra, welche die
Wolkenmilch vom Himmel regnen lassen,
haben einen goldfarbigen Schausitz;
„möchten wir vom H., der in eurem
Schausitz ist, bekommen“ 5 ). Von dem
Feigenbaum, der das Weltgebäude vor¬
stellt, tropft H. und Soma 6 ). Bei dem
Preise der Heldentaten Visnus heißt es:
„Dessen drei Schritte (Weltenräume) voll
H. unversieglich nach ihrer Art schwelgen“.
Am höchsten Ort des Visnu ist der Ur¬
quell des H.s 7 ). In einer babylonischen
Beschwörungsformel wird der H.gott er¬
wähnt 8 ). Unter den vielen Göttern der
Litauer figuriert auch Prokorimos, der
Gott des H .braches 9 ). Nach griechischer
Vorstellung ist H. eine Götterspeise; sie
strömt vom Himmel als Tau und als Regen,
bes. von den Sternen öa ); daher treffen wir
bei Regenzauber H.opfer 10 ). Wie von dem
Feigenbaum der indischen Mythologie,
so tropft in der germanischen Mytho¬
logie von der Weltesche Yggdrasill Tau,
den man H.fall nennt; von ihm nähren
sich die Bienen 11 ). Als eines der Wunder,
die das Auftreten des Dionysos hervor¬
zaubert, wird genannt: Es fließt der
Boden von Milch, er fließt von Wein,
er fließt vom Nektar der Bienen 12 ). Bei
den Römern hielt man den H. für einen
Himmelstau. „Protenus aerii mellis coelestia
dona exsequar“ beginnt Vergil sein Ge¬
dicht über die Bienen und den H. 13 ).
Dieser Himmelsh. wird durch die Erd¬
dünste im Leib der Bienen verfälscht 14 ).
xo
291
Honig
292
Im goldenen Zeitalter abertröpfelt lauter H.
von den Blättern und Stämmen der Bäume:
Flumina iam lactis, iam flumina nectaris ibant,
Flavaque de viridi stillabant ilice mella.
*) G. Robert-Tornow De apium mellisque
apud veteres significatione et symbolica etymo-
logica. B. 1893; über kulturgeschichtliches
Material: Pauly-Wissowa 3, 1, 438 ff.; Ebert
Realiex. 5, 380 ff.; Schräder Reallex. 850.;
Hoops Reallex. 2, 560; ZfVk. 1903, 127;
Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft
Zürich 3, 120 (Honig als Nachtisch in den
Klöstern zur Zeit Ekkehards IV.); aus der
älteren Spezialliteratur sei hervorgehoben:
Thomas Cantimpratensis Bonum univer¬
sale de proprietatibus apium. Köln 1473; Joh.
Frid. de Pre Dissertatio inaug. medica de
quinta essentia regni vegetabilis sive de melle,
vom Honig. Erfurt 1720, 10 ff. 14 ff. 17 ff.;
Josephi Lanzoni Ferrariensis opera omnia
3, 308 ff.: de mellis praestantia eiusque usu;
sonstige Lit. bei Krünitz Encyklopaedie 15,
39—42; Zedier Reallex. 13, 358 (H.arten);
J. Ph. Glock Symbolik der Bienen. Heid.
1891; Dissertatio physica de melle. .. exponit
A. Myrrhen (Jena 1691, Ex. in München)
10 ff. (H.arten) 16 ff. (Gebrauch des H.s), be¬
ruht wie Albertus Magnus de animalibus
(ed. Stadler) und Vincentius Bellovacenis
speculum naturale cap. 77—96 meist nur auf
Plinius, Dioscorides und andern antiken Quellen;
vgl. Megenberg Buch der Natur (Pfeiffer)
287Ü.; Coler Oeconomia rur. 1, 533. 5640.;
H. Braunschweig Das Buch zum Destillieren
(Straßburg 1519) 205 ff. 228; Melchior
Sebizius 15 Bücher von dem Feld (Straßburg
x 598 ) 404 ff.; J. Bruewel Brandenburgische
bewährte Bienenkunst 2 (Berlin 1719), 491 ff.;
G. Gleditsch Betrachtung über die Beschaffen¬
heit des Bienenstandes in der Mark Branden¬
burg (Riga und Mietau 1769) 102 (in manchen
Gegenden Brandenburgs tragen die Bienen
H. ein, der den Menschen gefährlich ist);
B. Carrichter der Deutschen Speiskammer
(Straßburg 1614) 71 ff.; über die H.gewinnung
bei den alten Germanen von den Waldbienen:
Plinius hist. nat. 11, 33: viso iam in Germania
octo pedum longitudinis favo in cava parte
nigro (H.scheiben von 8 Fuß Länge); die
H.gewinnung aus der Zucht zahmer Bienen
lernten die Germanen von den Römern: Dio
Cassius 54, 33: über die Kultivierung der
Bienenzucht am Rhein: Höfler Weihnacht 95;
aber der H.ertrag der wilden Waldbienen wird
noch im Mittelalter von den, .zidelaere“ geborgen:
Heyne Nahrungswesen 215ff.; vgl. A.Menzel l.c.;
ZfVk. 1900, 18 ff.; Müllenhoff Altertumskunde
396. 398; dazu Fischer Altertumskunde 54.
57; über H. als Abgabe für die Klöster: ZfVk
1902, 84; über H. als Osterzins: Quitzmann
Baiwaren 131; über H.- und Wachsgewin¬
nung im deutschen Altertum bis zur Neuzeit:
Elisabeth Lemke Asphodelos und anderes.
Allenstein 1914; dazu Witzgall Das Buch von
der Biene. Stuttgart 1899; vgl. AfKultg. 7, 142;
berühmt war der Nürnberger H. im Reichs¬
wald bei Nürnberg ,,des hl. römischen Reiches
Bienengarten": ZfVk. 1902, 85; über Eifelh.:
ZrwVk. 1916, 227; über H. als älteste Nahrung:
Ebert Reallex. 1 . c.; ZfEthnol. 1916, 295; Lipp-
mann 1 . c. 2 ) Geldner Vedismus und Brahma¬
nismus ( Religionsgeschichtliches Lesebuch von
Bertholet 2. Aufl. 9. Band) 22. 3 ) I. c. 4 ) 1 . c.
6 ) 1 . c. 42. 6 ) Mannhardt Germ. Mythen 553 A.
2; vgl. Geldner 1 . c. 167; die Wolke ist eine
poetische Bezeichnung für Bienenschiff: Mann-
hardt 1 . c. 371.552. 7 ) Geldner 1 . c. 34. 8 ) Der
alte Orient 7, 4, 23; H. nannten die Babylonier
eine Art Dattelsirup; der mesopotamische
Fürst Schamach-resch-usur usurpiert für sich
den Ruhm, die H.bienen und die Gewinnung
von H. und Wachs eingeführt zu haben: Ich
habe die Bienen, die H. sammeln, . .. vom
Gebirge .. . herabgebracht. ... Die Herstellung
des H.s und Wachses verstehe ich und die
Gärtner verstehen sie auch: F. H. Weißbach
Babylonische Miszellen 15, 4, 13 ff.; Bruno
Meißner Babylonien und Assyrien 1, 223 ff.
*) Usener Götternamen 99. u ») RVV. 3, 2, 45.
115. 10 ) Gruppe Gnech. Mythol. 2, 819.
826 A. 2. 1171 A. 1; Daremberg-Saglio 3, 2,
1704; Zedier Reallex. 13, 357; über H. als
Götterspeise: Roscher Nektar und Ambrosia
1883; ders. Lexikon der griech. Myth. 1, 281;
dagegen mit Recht: Güntert Kalypso 160 ff.
n ) Mannhardt 1 . c. 5340.; Grimm Mythol.
2, 664. 666; Simrock Mythol. 38; ausführlich:
Schwartz Volksglaube 23 ff. über den vom
Himmel fallenden H.tau: Megenberg Buch
der Natur 70; Rochholz Gaugöttinnen 75;
B. Carrichter Der Deutschen Speiskammer...
(Straßburg 1614) 70; Ed. Be van Die Honig¬
biene aus dem Engl, übers. Stuttgart 1828,
71 ff. 12 ) Hauptstelle: Euripides Bakchen
143 ff.; Usener Kleine Sehr. 4, 398 ff.; Gruppe
1 . c. 2, 1426 A. 2; Schwartz 1 . c. 114; ders.
Ursprung der Mythologie 134. i8iff.; Kuhn
Herabkunft 243. 13 ) Georgica 4, 1 ff.; Usener
1 . c. 400; Seneca Epistulae 84. 14 ) Plinius
Hist, naturalis 11, 12; Aristoteles Hist. Ani-
malium 5, 22; Columella 9, 14, 20; Mann¬
hardt 1 . c. 543 A 1.
2. Milch und H. gehören zu den
Attributen des Götterlandes 15 ) und des
Landes der Seligen 16 ), auch im alten
Testament: „Ich bin herabgekommen...
es herzuführen in ein Land, da Milch und
H. fließt“ 17 ). Nach jüdischem Glauben
speist Messias die Frommen im Himmel
mit Manna und H. 18 ). Die h.süße
Speise des Heilands der Heiligen ist die
Eucharistie 19 ). In der mittelalterlichen
Mystik ist Christus selbst die süße H.wabe,
so in den benedictiones ad mensas des
Ekkehard von St. Gallen 20 ):
293
Honig
294
Tristia qui pellis benedic dee nectara
mellis.
His bone Christe favis benedic favus
ipse suavis.
Dieses Epitheton wird auf Maria über¬
tragen ; wie ein mhd. Marienhymnus Maria
also preist 21 ):
Wis gegruezet,
honeges vlade!
du waba triefendiu,
Sancta Maria!
Seher und Dichter werden nach der be¬
kannten griechischen Sage mit H. ge¬
nährt 22 ); Kirchenlehrern wie Ambrosius
wird in der Jugend von Bienen H. ge¬
reicht 23 ). Als man in Stolp mit der Re¬
novierung der Mönchkirche begann
(1602), wurde plötzlich auf einer Eiche,
die niemals Früchte getragen hatte, Ho¬
nigtau gefunden; diese Wunder deutete
man dahin, daß nunmehr das Wort Gottes,
süßer als H. und H.seim, gepredigt werden
sollte 23a ). In der Edda lesen wir im Lied
von Atli: Du hast Deiner Söhne zer-
säbelte Glieder und blutige Herzen mit
H. gegessen 24 ). Im Vorstellungskreis der
Primitiven wird der H. als Totem ver¬
ehrt 25 ).
1S ) Ovid Metamorphosen 1, mff.; Tibull 1,
3, 45; Horaz Epoden 16, 47; Usener 1 . c. 403;
Kuhn Herabkunft 151 ff. 121 ff. 16 ) Usener l.c.
401 ff. 17 ) 2. Moses 3, 8. 18 ) ARw. 17, 337.
1# ) Dölger Ichthys 2, 510. 20 ) Vers 148 in Mit¬
teilungen der antiquarischen Gesellschaft Zürich
3, m. 21 ) Haupt Zeitschr. 8, 280; Argovia 1886,
103; Grimm DWb. 4, 2, 1788. 22 ) Usener 1 . c.
400. 23 ) Görres Die christliche Mystik 2 (Regens¬
burg 1837), 222; Argovia 1 . c. 103; Künstle
Ikonographie 2, 53 ff.; Klapper 261,
11. 239, 32; Stock 1 . c. I99ff. öa ) BlpommVk.
4, 96. 24 ) Jordan 431; Höfler Organotherapie
44. 25 ) Frazer Dotemism 1, 228; 2, 292.
3. H. als lebensrettende Speise der
Kinder: Auf der Verehrung, welche die
Indogermanen dem H. entgegenbringen,
beruht offenbar die auch bei den Indern
und Persern 26 ) belegte Sitte der Ger¬
manen, daß jedes Neugeborene (vgl. A 206)
durch das Einflößen von H. für das Leben
gerettet ist (vgl. Milch undH. als Nahrung
des Zeus-Kindes 27 )). Die Mutter des Hl.
Liudger, Liafburg, wurde auf Befehl der
heidnischen Schwiegermutter, bevor das
Kind Nahrung erhalten hatte — bis zu
diesem Zeitpunkt durfte es nach heid¬
nischer Sitte getötet werden — einer
Dienerin übergeben, die es in einer Wasser¬
wanne töten sollte; aber eine mitleidige
Frau flößte dem Kind H. ein und
rettete es so 28 ). Die heidnischen Czechen 29 )
träufelten H. auf die Lippen des Kindes.
Auch ist in der Mark folgender Brauch
noch belegt 30 ), so auch im serbischen Kin¬
derlied 31 ): Bevor man bei den gali-
zischen Juden den Säugling in die
Wiege legt, wirft man kleine Stücke
H.kuchen hinein 32 ) (apotropäisch?). Bei
diesem Brauch der Germanen und an¬
derer Völker, die Kinder durch Einflößen
des H. für das Leben zu erhalten, braucht
man nicht an die eine Sitte in der alt¬
christlichen Kirche zu erinnern: Bei der
Taufmesse wurde den Täuflingen nach
dem sakramentalen Kelch, also nach der
Taufe und der Aufnahme in die Kirche,
ein Becher mit Milch und H. gereicht
(siehe Milch) 33 ).
28 ) Kuhn Herabkunft 122. 27 ) Grimm Myth. 1,
264; Gruppe Griech. Myth. 1 . c.; Kloster 1 2, 137;
Ploß Kind 1, 285. 28 ) MGSS. 2, 406c. 6 u. 7;
Grimm RA. 1, 630 ff.; Kuhn 1 . c. 122 ff.;
Pfannenschmid Weihwasser 171;Mannhardt
Germ. Mythen 311; Usener Kl. Sehr. 4, 415;
Rochholz Kinderlied 282 ff.; Urquell 2, 35
A. 2; Grohmann 104 A.; Kloster 12, 136 ff.;
Wolf Beitr. 2, 451; Meyer Baden 16. *•) Ur¬
quell I. c. ^ Kuhn Märkische Sagen 383, 57;
Urquell 1 . c. 31 ) Rochholz 1 . c. 32 ) Urquell
4, 211, 200. 33 ) Th. Schermann Die allge¬
meine Kirchenordnung 2 (Paderborn 1915), 329;
die ganze Frage bei Franz Benediktionen 1,
596—600; Usener 1 . c.; Kloster 12, 1360.;
Norden Aeneis 6. Buch 307.
4. Trotz dieser bei den indogerma¬
nischen Völkern klaren Beziehung des
H.s zum Himmelstau und Regen spielt
der H. in den deutschen Sagen und
Märchen von Naturerscheinungen keine
Rolle. In der Sächsischen Schweiz hören
wir vom H.stein in der Nähe von
Rathen; dieser ist heute noch auf der
unzugänglichen Seite mit H. bedeckt;
die Umwohner holten früher viel von der
süßen Speise; als der Ritter von Rathen
einst zwei ehrsame Sammler wegjagen
wollte, überfielen ihn die Bienen und
zwangen ihn zum Todessturz aus dem
Fenster 34 ). Im indischen Märchen vom
H.tropfen wird das Motiv von der kleinen
Ursache und der großen Wirkung ausge¬
sponnen 35 ). Oft spricht das Volk von
295
Honig
296
H. bäumen, -wiesen, -äckem, wo eine
volksetymologische Umdeutung eines ähn¬
lich klingenden Namens zugrunde liegt 36 ).
Im Mittelalter war der H. als Süßstoff 37 )
besonders wichtig, daher erscheint sehr oft
in den Urkunden der H.zehnte 38 ). In den
Benedictiones ad mensas des Ekkehardt
wird auch die H.wabe als Nachspeise
benediziert und der H. als Zugabe zum
Käse 39 ). Unter den an Ostern üblichen
Speisebenediktionen wird neben Milch
und H. 40 ) auch H. allein erwähnt: ut
quicunque ex eo sumpserint, salutem
consequantur mentis et corporis 41 ). In
der Gegend von Erfurt war mit der bene-
dictio mellis eine Rettigweihe verbunden,
offenbar weil H. und Rettig in der Volks¬
medizin eine große Rolle spielen 42 ).
84 ) Me i che Sagenbuch der sächsischen Schweiz
66,5g. von der Leyen Märchen 115. 3 *)
ZfVk. 1914, 272 ff.; vgl. Birlinger Volksth. 1,
37,48 (Honberg= Hunnenberg). 37 ) Fischer l.c.
54. 57; Heyne Nahrung 218ff.; Höfler Waldkult
46. 92 (Lindenh.). 38 ) Heyne 1 . c. 219;
Quitzmann Baiwaren 131; vgl. A. Menzel 1 . c.
3# ) Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft
in Zürich 3, m. 120. 40 ) Franz Benedictionen
I, 594 ff. 41 ) 1. c. 1, 601. 42 ) 1. c. 1, 602.
5. H.opfer: Besonders hier wird die
Abhängigkeit vom antiken Kult ganz
klar werden; es sollen auch nur die
wirklichen Opfer zusammengestellt wer¬
den; was man neuerdings in der Volks¬
kunde alles Opfer heißt, das mahnt zur
Reserve. H. spielt bei der Beschwörungs¬
zeremonie zur Entsühnung des Königs
bei den Babyloniern neben öl, Butter und
Wein eine Hauptrolle 43 ). Auch bei den
Semiten waren H.opfer häufig 44 ) Hier
sollen nur kurz die H. spenden für Zeus
auf Cos 45 ), die dem Helios dargebrachten
H.waben und -kuchen 46 ) und das H.-
wabenopfer in Lykosura 46a ), erwähnt
werden; daß im goldenen Zeitalter, wo
der H. von den Bäumen troff, die Men¬
schen nach Empedokles H. geopfert ha¬
ben sollen, ist begreiflich 47 ). Über die
Opfer der Griechen und Römer wird bei
den einzelnen Opferarten gehandelt. Man¬
che Konzilienbeschlüsse beweisen, daß
im Frühmittelalter H.opfer als Reste des
antiken Kultes dargebracht wurden: Die
Synode von Auxerre (585) verordnet: Nur
Wein mit Wasser gemischt darf zur Kon¬
sekration geopfert werden, und durchaus
nicht mit H. gemischter Wein oder sonst
eine Flüssigkeit 48 ). Auch das berühmte
Milch-H.opfer scheint noch fortgelebt zu
haben; die trullanische Synode (692) nahm
unter ihre Kanones den Satz auf: Man darf
am Altar nicht H. und Milch opfern 49 ). Die
Sage vom Rottweiler H.dieb scheint
diese Opfer für den deutschen Kulturkreis
zu bestätigen: Ein armer Mann stahl einst
einen Bienenkorb mit H. — er war aus
der Nähe des königlichen Hofgutes Rott¬
weil — und brachte ihn in die Kirche des
Klosters St. Gallen als Weihgabe; dort
fand er aber statt des H.s eine harte Masse
im Korb 50 ).
Die einzelnen Opferarten.
a) Schon im Rigveda wird H. als Opfer
für die Totengeister erwähnt 51 ); der
Leichnam des Hindu wird vor der Ver¬
brennung mit Butter oder H., Milch,
Reiskörnern übergossen, ebenso opfert
Odysseus den Totengeistem 52 ) unter
anderm auch H. 53 ). Beim Totenopfer
Achills finden wir H. 54 ); über diese Opfer
handelt Rohde 55 ), dann Lippmann 1 . c.,
Samter 56 ), Usener 57 ) u. Gruppe 57a ).
H. und H.kuchen sind die Opfer für
die Kultschlangen, z. B. die im Er-
echtheion 58 ); Milch und H. bekommt
die Schlange bei den Akikuyu in Afri¬
ka 59 ). Nach einer netten Erzählung in
Lukians Philopseudes ist das Melikra-
ton eine Spende niederen Grades für See¬
lengeister und Heroen 60 ); dieselbe An¬
schauung zeigt eine Stelle bei Menander 61 ).
H.kuchen gibt man den Seelen für den
Kerberos mit, damit sie ihn damit be¬
sänftigen 62 ). In Afrika setzt man neben
den Toten ein Gefäß mit H. 63 ). In Wei߬
rußland spendet man bei der großen To¬
tenfeier auch H. 64 ). Die Totenspeise der
Russen besteht aus einem Teller Reis,
der mit H. gekocht und zu einer Art Brot
geformt ist 65 ). Bei den Mohammedanern
in Bosnien verteilt der Hausvorstand
einen H.fladen an das ganze Viertel,
und jeder ißt ein Stück mit den Worten:
Für die Seele, welcher es zugedacht ist 66 ).
Bei den Letten bekommen die verwand¬
ten Frauen, die bei der Leicheneinklei¬
dung behilflich waren, Kuchen mit H.
1297
Honig
298
bestrichen 67 ). Bei der großen allgemeinen
Leichenfeier der Balten goß man Krüge
mit Bier, Branntwein, Milch und H. nach
allen Himmelsrichtungen aus und setzte
Brot und Speise zu Boden; am Schluß
rief die Menge: Genug, o Geister, habt
ihr getrunken, genug gegessen 68 ). Eine
Berner, von Rochholz edierte Original¬
handschrift enthält eine Sage von dem
Zisterziensermönch Bruder Konrad von
Mellingen, dem eine Frau folgendes
Traumerlebnis erzählte: Totengeister von
Bekannten erschienen ihr und nahmen sie
zu einer Geistermahlzeit mit; dabei be¬
kam jeder Teilnehmer besonders ein Stück
H.wabe hingestellt. Die Frau behielt ihre
H.portion zurück und zeigte sie dem
Mönch. In dieser antiken Sage ist die
Vorstellung von H. als Totenspeise evi¬
dent lebendig 69 ).
b) Das H.opfer für Zwerge und Ko¬
bolde hängt eng mit diesen chthonischen
Opfern zusammen: Nach der deutschen
Sage wird den Zwergen an einem Baum
eine Schüssel mit Milch und H. hin¬
gestellt und das Blut einer schwarzen
Henne hineingeträufelt 70 ). Auch die Opfer
für die Hauskobolde und Hausgeister
sind schon in der Antike vorgebildet, wo
wir deutlich den Übergang vom Toten-
zum Hausgötterkult feststellen können:
Im Philopseudes des Lukian erzählt der
Arzt Antigonos, daß er zu Hause einen
bronzenen Hippokrates habe, dem er
Milch und H. opfere, als eine Art niederes
Opfer 71 ). Nach einer sächsischen Er¬
zählung wurde 1668 ein Jagdjunge an¬
geklagt, weil er einen Spiritus familiaris
kaufte einer Hummel gleich, den er die
Woche siebenmal mit H. füttern mußte 72 ).
Den Bergzwergen von Gummersbach
opferte man früher neben Brei auch H.-
schnitten 73 ). Dem Koberchen in den
Dresdener Heidedörfern setzte man früher
Milch und H. auf den Ofen 74 ). In einem
mecklenburger Hexenprozeß werden zwei
Hexen gefragt, ob sie dem Chimeken Mett¬
würste und H. geopfert hätten (1586) 75 )•
Die Billewiß im Görtschitztal bewirtet
der Bauer mit Butter, H. und schnee¬
weißem Brot 76 ). Bei den Bulgaren legt
jede Haus Vorsteherin am Samstag einen
mit H. bestrichenen Kuchen für die
Geister weg 77 ). Die Slovenen und Kroaten
opferten früher den Schicksalsfräulein
Käse, Brot und H. 78 ).
c) H. im Fruchtbarkeitsritus: Be¬
sonders bei den Römern finden wir ge¬
legentlich der Ackerriten H.opfer; die
Bauern und Hirten opfern H. 79 ). AmFest
der Terminalia (23. Februar) opfert der
Bauer neben Früchten H. waben 80 ); auch die
Arvalsbrüder opferten Milch und H. 81 ).
In einem bekannten von Grimm bei der Be¬
sprechung des germanischen Ackersegens
zitierten Weistum heißt es: Kommt der
Pflüger an ein Ende der Furche, soll er
da finden einen Topf mit H. und am an¬
dern Ende einen Topf Milch (s. Milch),
so er schwach würde, sich daran zu la¬
ben 82 ). E. H. Meyer bringt in seiner be¬
rühmten Abhandlung über den oben er¬
wähnten Pflugritus als Beleg für die indo¬
germanische Grundlage einen Brauch der
Inder bei: An einem günstigen Tag oder
unter dem Indrasternbild spannt der
Bauer den Pflug an, opfert dem Indra . . .
geronnene Milch, Körner,Wohlgerüche und
gibt den Ochsen H. und Schmalz zu
fressen 83 ). Saxo berichtet gelegentlich
der Beschreibung des Erntefestes auf der
Insel Rügen: placenta quoque mulso con-
fecta, rotundae formae, granditatis vero
tantae, ut paene hominis staturam aequa-
ret, sacrificio admovebantur 84 ). Wenn
in Ober- und Niederschlesien der Flachs
auf die Felder gebreitet ist, backt die
Bäuerin den Mägden einen Kuchen, den
Flachszoll, oder sie macht Süßklöße mit
H., dann wird der Flachs recht gelb 85 )
(Sympathiezauber oder ursprüngliches
Opfer?). Bei Regenzauber waren bei
den Griechen H.opfer üblich 86 ). Bei den
Bauern in der Gegend von Reichenberg
in Böhmen herrscht folgender Brauch:
Am Gründonnerstag wirft vor Sonnen¬
aufgang ein Knecht, der sich im fließenden
Wasser schweigend gewaschen hat, ein
mit H. bestrichenes Brot in den Brun¬
nen, ein anderes in die junge Saat des
Ackers 87 ). Dieses Fruchtbarkeitsüber¬
tragungsopfer ist an anderer Stelle zum
Apotropaion geworden: man wirft am
heiligen Abend H. in den Brunnen, um
299
Honig
301
Honig
302
das Wasser vor Fäulnis zu schützen 88 ).
In Frankreich opfert man nach Sebillot
H. an der Quelle 89 ). Bei den Römern
grub man nach Plinius ein bestimmtes
Kraut, „favis ante et melle ad piamentum
datis“ 90 ). Im heutigen Athen murmeln
alte Frauen bei Wirbelwind: Milch und H.
auf euren Weg 91 ); damit meinen sie die
Nereiden 92 ). Man vergleiche damit das
Mehlopfer an den Wind (s. Mehl).
43 ) Alter Orient 7, 4, 17—19. 44 ) Chantepie
de la Saussaye- Ber t holet 1, 579. 45 )Nilsson
Feste 19. 22; Höfler Organotherapie 99. 46 ) ARw.
8, 206. 46a ) Nilsson 1 . c. 345. 47 ) Diels
Vorsokratiker 1, 211, 1. 48 ) Hefele Konzilien¬
geschichte 3, 43, 8. 49 ) 1. c. 338, 57; vgl. 1, 800.
60 ) Birlinger Volksth. 1, 431, 661. 51 ) Geldner
I . c. 65. 70. 72. 62 ) Sartori Toten Speisung 11;
über H. und H.kuchen als Totenspende vgl.
bes. Kloster 9, 193. 810; 12, 472; 7, 70. 932;
Lippmann 1 . c. w ) Ilias 23, 171; Sartori 1 . c.
12. 64 ) Odyssee 11, 27; Stengel Opferbräuche
dev Griechen 157 ff.; über das chthonische Opfer
des Aeneas: Norden Vergils 6. Buch 306.
w ) Psyche? 1, 16 ff.; 2, 238; Gruppe Mythologie
2, 801; Höfler Organotherapie 6.430.; ARw. 20,
397: 10» 219. 222; Fahz doctrina magica 114«.
tÄ ) Samt er Familienfeste 82 ff.; ders. Geburt
143 ; vgl. Kloster 9, 193. 67 ) Kleine Schriften 4,
403. 57a ) Gruppe Griech. Mythol. 2, 908 ff.
68 ) Gruppe Mythol. 2, 909; Frazer 5, 1,
85. 87; Herodot 8, 41; Höfler Organotherapie
144. 69 ) Frazer 4, 1, 85. *°) Darüber aus¬
führlich: Dölger Ichthys 9 ff. 6l ) Ders. 19ff.;
vgl. 385. 297. 62 ) Rohde 1 . c. 1, 305; ARw.
10, 222. 224; Lanzoni 1 . c. 328. 63 ) Sartori
10. 64 ) 1 . c. 55. 65 ) Kloster 12, 472. ••) Krauß
Rel. Brauch 153. 67 ) Sartori 6; Globus 82,
367. 68 ) ARw. 17, 493. ••) Argovia 1886, 98.
132. 70 ) Grimm Sagen Nr. 38; Kloster 9,
200. 71 ) Philopseudes 21 (3, 96 Sommerbrodt);
Dölger 1 . c. 9. 72 ) Meiche Sagen 293, 381.
72 *) Migne Patrologia lat. 197, 1197. 73 ) Schell
Bergische Sagen 374, 13a. 74 ) Meiche 1 . c 298,
387. 7ß ) Bartsch Mecklenburg 2, 35. 7e ) Gräber
Kärnten 66. 77 ) Krauß Rel. Brauch 41. 78 ) ebd.
23. 79 ) Wissowa Kultus 411. 80 ) Religions¬
geschichtliches Lesebuch von A. Bertholet:
Band 5: die Religion der Römer von K. Latte 7.
81 ) 1 . c. 18. 82 ) Grimm Mythol. 2, 1035. 83 ) Zf¬
Vk. 1904, 7. 84 ) PanzerR«/f'fl^2, 229. 86 ) Jahn
Opfergebräuche 200; Drechsler Schlesien 2, 74.
86 ) Gruppe Mythologie 2, 801. 8T ) Höfler
Ostern 7. 88 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2,
* 3 - 274: Jahn 1 . c. 285; Drechsler 1 . c. 1, 40;
Sartori Sitte und Brauch 2, 27 A. 16; auch
andere Speisereste: Sartori 3, 30. 8# ) S6billot
2, 298. M ) Grimm 1 . c. 2, 1001; ZfVk. 1904, 133.
91 ) Dölger 1 . c. 11 A. 3; Wachsmuth Das
alte Griechenland im neuen (Bonn 1864) 31.
M ) ZfVk. 1898, 138; B. Schmidt Volksleben
der Neugriechen 127.
300
6. H. als kraftspendende und glück¬
bringende Festspeise:
a) Benedikt, der Chorherr von St. Pe¬
ter, berichtet 1142 in seinen mirabilia
urbis von einem auf die Antike zurück¬
gehenden Neujahrsumzug der Kinder in
Salerno: Am Silvestertag essen die Kin¬
der „de Omnibus leguminibus“ 93 ); be¬
vor sie am Neujahrsmorgen ihren Umzug
abhalten und die Wünsche entbieten,
„anteqam sol oriatur, comedunt vel fa-
vum mellis vel aliquid dulce, ut totus
annus procedat eis dulcis, sine lite et
labore magno“ 94 ). Diese süße Festspeise
an den Kalenden ist alt 95 ), H. speziell
ist ja das Opfer für die Chthonischen, wie
oben ausgeführt wurde. Nach Antonius
v. Florenz (f 1459) muß man am 1. Ja¬
nuar H. und Feigen essen als Gesund¬
heit szauber 96 ): Si in Kalendis January
comedit in lecto ficus cum melle vel fe-
cit sibi portare piscem vivum; damit ist
der antik-römische Charakter der H.-
festspeise an Weihnachten klar; die Feige
war bei den Römern eine antidämonische
Heilfrucht 97 ), wie der H. ein antidämo¬
nisches Heilmittel war (siehe § 8). In
Österreichisch-Schlesien aß man früher
nach Peter am heiligen Abend neben
andern feststehenden Speisen H.brot
und Kuchen 98 ). Ebenso bekommen die
Rinder am Heiligabend Äpfel und
H.kuchen; außerdem reibt ihnen der
Bauer die Augenlider mit H. ein; dadurch
werden sie das ganze Jahr vor Krankheit
bewahrt, besonders vor dem Hauch, einem
gefürchteten Augenübel"). In Mittel¬
deutschland gab man im 17. Jh. in der
Christnacht den Kühen Brot, das mit H.
oder Dill (antidämonisch) bestreut war 100 ).
Am jüdischen Neujahrsfest wird das
Zopfgebäck in H. getaucht genossen, da¬
mit das neue Jahr ein glückliches und
süßes werde 101 ). In den schweizer Berg¬
kantonen aßen (1746) Mann und Frau
am Weihnachtsabend einen H.kuchen
als Zeichen der Gemeinschaft 102 ); um
1500 war der H.kuchen in Konstanz ein
Weihnachtspatengeschenk 103 ); auf die H.-
gebäcke an Weihnachten macht Höfler
aufmerksam 104 ).
93 ) ARw. 20, 394; W. §. 83; Drechsler
TJ
T:
1
/
Schlesien 1, 33; Weinhold Neunzahl 10 u.
passim. 94 ) ARw. 20, 396. 96 ) Ovid Fasten
1, 186; ARw. 1 . c. 375; vgl. den Brauch
in Ellwangen, an Neujahr süßes Kraut zu
essen: Birlinger Volksth. 1, 469, 7; über H. als
Neujahrsspeise: Zedier 13, 362. 96 ) MschlesVk.
1919, 70. 33; vgl. p. 93 mit Lit. und Parallelen.
97 ) Höfler Organotherapie 14 mit Lit. 98 ) Peter
Österreichisch-Schlesien 2, 273; Drechsler
1, 33 ff. 99 ) Drechsler 1, 37; ders. Tiere 13.
10 °) Höfler Weihnachten 26. 101 ) ZfVk. 1914,
267. 102 ) Höfler 1 . c. 34 ü. 103 ) Ders. 35 -
104 ) 1. c. 51.
b) H. als Frühlingskultspeise: Un¬
ter den sieben- und fünferlei Speisen fin¬
den wir auch den H. Im Vogtland, in
Norddeutschland und Hessen 105 ) an Fast¬
nacht. In Löwenberg in Schlesien aß
man früher am Gründonnerstag Hirse
und H.schnitte, um das Jahr über viel
Geld einzunehmen 106 ). An diesem Tag,
wo der Bienenvater die H.stocke aus¬
nimmt, ißt man H.; das bringt Glück
und bewahrt vor Krankheit (Leobschütz,
Zobten, Haynau, Lüben, Nimptsch), es
schützt auch vor dem Biß toller Hunde
(Ohlau) 107 ). Wenn man den Armen von
dem H. gibt, sind die Bienen das nächste
Jahr noch mildtätiger 108 ) (von Jahn als
Opfer aufgefaßt) 109 ). Wenn man am Grün¬
donnerstag H. zwischen die Finger
schmiert, ist man vor Krätze bewahrt no ).
In Leipzig und auch sonst heißt es: wer
am Gründonnerstag keinen H. ißt, be¬
kommt Eselsohren (vgl. Birnbrot) oder
wird zum Esel 111 ). Wer nicht dumm bleiben
will, muß am Karfreitag H. zur Semmel
essen 112 ). Dieser Brauch ist besonders in
den h.reichen Gegenden Deutschböhmens
üblich; klar hebt sich dieses H.essen in
bienenreichen Gegenden zur Zeit der H.-
ernte ab vom H.kultessen an Weih¬
nachten und Neujahr, das antik-römisch
ist. Der Bauer in Böhmen verzehrt am
Gründonnerstag mit Familie und Ge¬
sinde Brotkuchen, die mit H. bestrichen
sind; davon erhält auch das Vieh 113 ).
In Chotietschau ißt die Familie Maul¬
taschen mit H. bestrichen 114 ). Wer nach
dem Glauben in Bodenbach an diesem
Tag früh H.brot ißt, wird von keinem
giftigen Tier verletzt und kann mit
Nattern spielen, ohne daß er gebissen
wird oder der Biß etwas schadet 115 ).
Am Antlaßpfinztag (Gründonnerstag) ißt
man in Horn (Tirol) am Morgen nüch¬
tern frischen H., um sich das ganze Jahr
gegen den Biß wütender Hunde zu
schützen 116 ). Zu diesen bestimmten Fest¬
zeiten, da der H. eine heilkräftige Speise
ist, vgl. man den H.sonntag 117 ) in
Vals (Schweiz), das H.kuchenschlagen
an Ostern in Rußland 118 ) und das H.-
fest der Lenguas-Indianer in Paraguay 119 ).
105 ) ARw. 20, 395; W. §. 83. 106 ) Drechs¬
ler 1, 80; 2, 209. 107 ) Drechsler 1, 80.
loe ) Ders. 2, 86 ff.; vgl. Sartori Sitte und
B. 3, 141; H.semmel ist das Gründonners¬
tagsessen der Bautzener Wenden: Höfler
Ostern 7; vgl. 65. 109 ) 1 . c. 247. no ) Drechsler
1, 80. ,n ) Mannhardt Germ. Mythen 412;
Wein hold Neunzahl 10; W. 86; Rochholz
Glaube 2, 270; Krünitz Enzyklopaedie 25, 29 ff.;
Wuttke Sächs. Vk. 360. I12 ) Dähnhardt
Volkstümliches 1, 8o, 2. 113 ) Reinsberg-Dü¬
ringsfeld Böhmen 120; Sartori 1 . c. 3, 141.
114 ) John Westböhmen 61; vgl. Birlinger
Schwaben 2, 72. 115 ) Grohmann 81, 579;
John 1 . c. 61; Reinsberg-Düringsfeld
Jahr 128. 450. 620; Höfler Ostern 6. 7.
116 ) Vernaleken Sagen 370. 117 ) SAVk. 2, 124;
Hoff mann-Krayer 65. u8 ) Kloster 7, 932.
119 ) Globus 78, 219; Sartori Sitte u. B. 3, 3 A.
7. H. als Fruchtbarkeitssymbol
in Liebe und Ehe und als Aphro-
disiakon: bei Ovid werden H. und Eier
als Aphrodisiakon gerühmt 120 ); im selben
Sinne empfiehlt Hippokrates Eselsfleisch
und Eselsmilch mit H. 121 ). Bei den Ara¬
bern gilt Milch und H. als Symbol der
Fruchtbarkeit 122 ). Besonders in den Ha¬
rems von Konstantinopel war H. eines der
beliebtesten Aphrodisiaka 123 ). Krauß
beschreibt ausführlich den Gebrauch der
Butter und des ungekochten H.s in den
Liebeszaubermitteln der Südslaven 124 ).
Im Kalotaszeger Bezirk stehlen die
Mädchen zu Neumond H. und Kuchen,
kochen diesen und mischen einen Teil in
die Speisen des Burschen, dessen Liebe sie
erringen wollen 125 ). Bei den Magyaren
bestreicht man die Geschlechtsteile der
Mädchen und Knaben mit H., damit sie
sich großer Beliebtheit erfreuen 126 ). Bei
den Türken in Bulgarien begießt man vor
der Tür die Braut mit Wasser und be¬
streicht sie mit H. 127 ). In Rumänien
werfen, während der Pope die Kränze
wechselt, die Angehörigen Zuckerman-
303
Honig
Honig
dein und Nüsse auf die Gäste. Hierauf
gibt der Pope den Neuvermählten H.-
für die Menschen süß, für die Gespenster
(eigentlich Toten) aber schrecklich ist 137 ).
%
kuchen oder mit H. bestrichenes Brot zu
kosten 128 ). Vor allem bei den Süd¬
slaven ist der H. ein beliebtes Frucht-
barkeitssymbol. In der Gegend von
Ljeskovec bestreicht man das Gesicht des
Bräutigams mit H. 128 ). In Struga reicht
man vor der Tür der Braut Brot und H. 130 ).
In der Bocca von Cattaro streicht die
Mutter der Braut H. in den Mund 131 ).
In Slavonien bekommt die Braut Milch
und H. 132 ). Bei den Weißrussen wird
die Braut vom Schwiegervater, der den
Pelz und die Pelzmütze umgewendet
trägt (apotropäisch), mit H. und Brannt¬
wein begrüßt 133 ). In Polen führte man
die junge Frau nach der kirchlichen Ein¬
segnung dreimal um den Kamin im Hause
des Mannes, wusch ihr die Füße und be¬
strich ihr nach Einsegnung des Braut¬
bettes den Mund mit H. 134 ). Bei den alten
Preußen wurde die Braut bei dem
Betreten des Hauses ihres Mannes
zum Feuerherd geführt, man wusch ihre
Füße und besprengte mit dem Wasser
Gäste, Brautbett und das Vieh. Hierauf
benetzte man ihr den Mund mit H. 135 ).
12 °) Hovorka-Kronfeld 2, 164. 121 ) Höfler
Organotherapie 105. 122 ) ARw. 8, 320. 123 ) Stern
Türkei 2, 252. 253; Hovorka-Kronfeld 2, 166.
m ) Volkforschungen 166—67. la6 ) Urquell 2
(1891), 56. 126 ) Hovorka-Kronfeld 2, 641.
127 ) ZfVk. 1894, 271. 128 ) Mannhardt For¬
schungen 362, vgl. 370; Reinsberg-Dürings¬
feld Hochzeitsbuch 54. 129 ) Krauß Sitte und
Brauch 439. 13 °) 1. c. 447. 131 ) 1. c. 431; in
Serbien gibt die Bräutigamsmutter der Braut
einen Löffel H. dreimal zu kosten: Mannhardt
Forsch. 357; Reinsberg-Düringsfeld 1. c.
73. 132 ) Kraußl. c. 399; vgl. 386. 133 ) Urquell 2,
162; Sartori 1. c. 1, 115. 134 ) Mannhardt
1 . c. 356; Reinsberg-Düringsfeld 1. c. 209.
136 ) Kloster 12, 162.
8. H. als dämonenvertreibendes
und antiseptisches Mittel: Eine Be¬
schwörungsformel der alten Babylonier
lautet: Auf daß nichts Böses naht, stelle
ich den H.gott und den Latarag ins
Tor 136 ). In einem ägyptischen Zauber¬
spruch gegen Kinderkrämpfe (um 1580
v. Ch.) heißt es: Ich habe für es einen
Schutzzauber gegen dich (den Krank¬
heitsdämon) gemacht. . . . aus Knob¬
lauch, der dort schadet, und aus H., der
Codronchus in De morbis venificis et
veneficiis (1595) empfiehlt als Apotro-
paion: Pulver aus Perlen und Johannis¬
kraut in einer Abkochung von H.wasser
zu nehmen 138 ). In Böhmen vertreibt man
Flöhe, wenn man am Karsamstag H., der
vom Ostergebäck übrig bleibt, mit einer
Rute ins Zimmer spritzt 138 ). Wie schon
bei Homer Thetis die Leiche Hektors durch
Nektar und Ambrosia vor Verwesung
schützt 14 °), so ist in der ganzen Antike
H. das antiseptische Konservierungsmittel
beim Einbalsamieren 141 ).
135 ) Alter Orient 7, 4, 23; Höfler Organo¬
therapie 16, vgl. 36. 43. 255; vgl. ZfVk.
1902, 84 ff. 137 ) Dölger Ichthys 62. 138 )
Seligmann Blick 1, 390. 139 ) W. 613;
Höfler Ostern 19 ff. 14 °) Homer Ilias 19, 39;
Güntert Kalypso 160. 141 ) Daremberg-
Saglio 3, 2, 1705 mit Lit.; Lippmann 1 . c.
16 ff.; Lanzoni 3220.; Usener Kl. Sehr. 4,
403; Dieterich Mithrasliturgie 2 170; Roscher
Nektar und Ambrosia (L. 1883) 56 ff.; Diels
Vorsokratiker 1, 382, 35; Robert-Tornow 1 . c.
128—134 mit Lit.; Sb. d. bayr. Ak. d. W. 1900,
222 ff.
9. H. im Zauber (Schadenzauber):
Deubner 142 ) und Dölger 143 ) bieten das
Material für die Verwendung der Milch-
H. spende, der ursprünglichen Gabe für
die Toten, im Zauber. In Schlesien
verwendet man H. zur Bereitung der
zauberkräftigen Fuchskirre, eines Jäger¬
zaubermittels; der dazu gebrauchte H.
muß um Mitternacht gefunden und über
drei Grenzen getragen sein 144 ). Als Scha¬
denzaubermittel wird H. in einem Schwei¬
zer Hexenprozeß erwähnt (1499); der
Person, die den H. genießt, wird es
sterbensweh 145 ).
142 ) De incubatione (L. 1900) 45; RVV. 4, 2, 63.
143 j Ichthys 11 A. 3. 144 ) Drechsler 1. c. 2, 87.
263. 146 ) SAVk. 1899, 95; vgl. den Schaden¬
zauber. den man mit H. in Bulgarien anstellt:
Stern 1 . c. 1, 330; Vergiftungen mit H.: Stern
I, 209.
10. Bosheitszauber mit H. (H. und
Hexen): Wie man Milch durch Hexerei
rauben und an sich ziehen kann (s.
Milch), so auch den H.: Schon das Poe-
nitentiale Arundel setzt für dieses male-
ficium eine Strafe fest: Qui alieuius lac-
tis aut mellis aut ceterarum rerum abun-
I
1
dantiam aliqua incantatione aut male-
ficio auferre aut sibi acquirere labora-
verit, tres annos gravissime peniteat 146 ).
Im Poenitentiale ecclesiarum Germaniae
wird die Frage gestellt: Fecisti, quod quae-
dam mulieres facere solent et firmiter
credunt, ita dico ut si vicinus eius lacte
vel apibus abundaret, omnem abundan-
tiam lactis et mellis quamvis suus vi¬
cinus antea se habere visus est et ad sua
animalia vel ad quos voluerint ad vitam
e suis fascinationibus et incantationibus
se posse convertere credant 147 ) ?
146 ) Schmitz Bußbücher I, 459, 79-
147 ) Ders. 2, 446, 168.
11. H. und Speisegesetze. Eine
große Rolle spielt auch in den Theodor¬
schen dicta die auf die mosaischen Speise¬
gesetze zurückgehende Frage (s. essen
und Fleisch), ob man den H. von Bie¬
nen genießen darf, die einen Menschen
getötet haben: Si apes occidant hominem,
occidere debent apes festinantes et mel
tarnen manducetur 148 ); über die ganze
Frage vgl. Schmitz 149 ). Anders lautet
eine Stelle bei dem Prediger Berthold von
Regensburg in einer Predigt über das
fünfte Gebot, als er von der Kostbarkeit
des menschlichen Blutes spricht: similiter
si apes infantem occiderent sugendo san-
guinem eius, omnes apes deberent occidi
et nec mel nec cera in usum hominis de-
beret redigi 15 °).
148 ) Ders. 2, 538, 141; 1, 545, 6; vgl. i,
380. 617. 690; 2, 573. 149 ) 1, 380 ff. 15 °) Schön¬
bach Berth. v. Reg. 113.
12. H. schenken und verkaufen:
Hier herrscht derselbe sympathetische
Aberglaube und die Angst vor Schaden¬
zauber, wie bei dem Hergeben der Milch
(s. Milch): In Georgenberg (Kreis Tar-
nowitz) 151 ) und in Stadtsteinach in
Bayern 152 ) herrscht bei den Bienen-
Tn'irhfprn dpr fp<;te Glaube man dürfe für
einen Schwerkranken keinen H. her¬
geben, weil sonst die Bienen sterben;
denselben Brauch kennt man in Raithen-
buch (Lenzkirch) 153 ). Die Bunzlauer Mo¬
natsschrift schreibt vor: Ein Bienenwirt
schenke bei der H.ernte viel davon, so sind
die Bienen wieder mildtätig gegen ihn 154 );
Jahn faßt diesen Brauch als Rest eines
Erstlingsopfers auf 155 ). Dagegen darf
man (Oberamt Weinsberg in Württem¬
berg) keinen H. verschenken, damit die
Bienen beim Schwärmen nicht durch¬
gehen 156 ). Im Fränkisch-Henneber-
gischen darf man für geschenkten H.
nicht danken (vgl. Milch) 157 ).
151 ) Dre chsler l.c. 2, 86. 152 ) Urquell 6, 20, 3;
ZfVk. 1895, 213. 153 ) Meyer Baden 584; vgl.
SAVk. 14, 291. 154 ) Grimm Mythol. 3, 47b,
1102; Drechsler 1. c. 2, 86. 155 ) Jahn Opferge¬
bräuche 247. 156 ) Eberhardt Landwirtschaft 22.
157 ) Spi eii Fränkisch-Henneberg 152.
13. H. in Heilzauber und Volks¬
medizin (vgl. A. 41), als antidämonisches
Mittel, als Fruchtbarkeitsüberträger und
Kraftbringer:
a) Die Heilbeschwörung des Kranken
mit dem H.gott bei den Babyloniern 15ä )
ist oben erwähnt worden (§ 1). In dem
medizinischen Papyrus Hearst finden
wir eine magische Besprechung von
Schmalz und H. zu Heilzwecken 159 ).
Bei den Neugriechen wird dem Krank¬
heitsdämon Milch und H. geopfert wie
bei den Totengeistern: Leibschmerz ent¬
setzlicher — entsetzlicher und furcht¬
barer — unten am Ufer, am Gestade
— sind drei Schüsselchen; das eine
mit H., das andere mit Milch, das andere
mit Menscheneingeweiden. — Iß H., iß
Milch und laß die Eingeweide 160 ). In
Brünn wird das Bad für das lungenkranke
Kind mit großem Zauberapparat zube¬
reitet : Man legt in die 4 Ecken der Wanne
Salz, Mehl, H. und Asche; hierauf be¬
rührt man diese 4 Dinge mit einem Brot¬
anschnitt ; es folgt eine Zauberhandlung
mit Gebet 161 ).
b) Vor allem ist der H. ein bei allen
Völkern beliebtes Kräftigungs- und Heil¬
mittel der Volksmedizin und eines der
häufigsten Hausmittel 162 ); namentlich ein
antiseptisches Mittel bei Wunden und
Augenentzündungen. Im Koran wird der
H. als die Arznei bezeichnet 163 ), Moha-
meds Lieblingsgetränk war H.wasser 164 ).
Bei den Türken ist H. neben Rosenwasser
das Allheilmittel 165 ). Dioskurides 166 )
und Plinius 167 ) rühmen die Heilkraft des
H.s besonders. Seit alters ist der Jung-
femh. (mel virgineum, miel de vierge,
der erste reine H.) als besonders heil¬
kräftig gepriesen 168 ); dann gegen Diph-
307
Honig
30 &
therie mel cupratum, die ägyptische Salbe, [ Wundpflaster gerühmt 192 ). Als Abführ-
eine Auflösung von Kupfer in H. 169 ),
ferner das H.öl, dessen Herstellung Co-
ler 170 ) und Zedier 171 ) beschreiben, gegen
Augenweh; auch der Rosenh. wird sehr
gerühmt 172 ). Eigenartig abfällig urteilt
Hildegard von Bingen über den H. 172a ).
Seit Plinius spielt der H. als Augenmittel
eine Hauptrolle, meist vermischt mit
einer Tiergalle; hier wirkt wohl das Wort¬
spiel fel-mel auch herein; Plinius verordnet
gegen Star: fei marini scorpionis rufi
cum oleo vetere aut melle attico 173 );
daneben Adlergalle und H. 174 ). Aus einem
deutschen Arzneibuch des 13. Jhs.: swem
diu ougen we tuont, der neme des gires
gallen unde siede die in honege äne rouch 175 ).
Ein anderes altes Rezept empfiehlt: Die
Rehbockgalle abstergiert die Flecken des
Angesichtes den Staaren der Augen,
wann man mit H. dreinthut 176 ). ,,Die
Galle von einem jungen schwartzen
Hund... vertreibet albuginem oculorum,
wann mans mit H. in die Augen thut“ 177 ).
Höfler bietet über die Verwendung von
Galle und H. bei Augenkrankheiten ein
reiches Material 178 ). Die Slovaken verwen¬
den Hummelh. gegen Hornhautflecken 179 ).
Ein altcymrisches Mittel empfiehlt H.öl
gegen Augenschmerzen 18 °). H. 181 ) oder
Tau 182 ) mit H. ist ein altbekanntes Volks¬
heilmittel gegen Phthisis, auch gegen
Husten 183 ), besonders H., den man über
Nacht in einen ausgehöhlten Rettich getan
hat (Mückenloch bei Neckargemünd) 183a ).
Gegen Halsweh wird erwähnt Schwalben¬
nest 184 ) mit H., Stiergalle mit H. 185 ),
„dem zaepfflin im Hals hilft man zu
Stund diese (Gänse-) Gallen mit wild
Kürbsensaft und H. vermischt“ 186 ). Auch
für Wundbehandlung ist H. ein uraltes
Mittel: Im Papyrus Ebers wird ein H.-
pflaster bei Hautentzündung erwähnt 187 ).
Bei den griechischen Tempelärzten war
H. mit Scharpie als Wundverband im Ge¬
brauch 188 ). Plinius empfiehlt H. gegen
Mundgeschwüre und Bräune 189 ), auch
in der deutschen Volksmedizin belegt 19 °);
Sextus Platonicus kennt Eberlunge mit
H. gegen Schuhdruck 191 ). In den ökono¬
mischen Nachrichten der patriotischen
Gesellschaft in Schlesien wird (1777) H. als
mittel 193 ), bei Dysenterie 194 ), zur Erleich¬
terung der Geburt 195 ) (auch im Orient 196 )),
gegen Kolik 197 ), Würmer 198 ), bei Gelb¬
sucht 199 ), bei Quecksilbervergiftung 200 ,
auch als Schönheitsmittel verwendet man
H. 201 ). Kamelgalle und H. soll nach
Plinius gegen Fallsucht wirken 202 ). „Die
Adlerlebern getrocknet und gepülffert und
mit seinem eigen Blut und einem Syrup
Oxymehl (Sauerh.) in Apoteken genennt
zehen Tag getrunken heylt den fallenden
Siechtag“ 203 ). Gockel 204 ) empfiehlt H.
in Stuhlzäpfchen gegen zauberische Un-
sinnigkeit. Bei den Deutschamerikanern
reibt man den Rücken mit H. ein gegen
das Abnehmen 205 ). Soranus im Heb¬
ammenkatalog nennt H. als erste Nah¬
rung für die Kinder 206 ) (vgl. § 3). In der
Pfalz reinigt man bei Soor mit Rosenh.
den Mund des Kindes 207 ), ebenso bei
den Rutenen 208 ). Sind in Mecklenburg die
Kinder bleich, dann schiebt man die
Schuld auf die Mitesser, d. h. Würmer,
die des Kindes Nahrung aufzehren; das
kommt vom „Antun“ böser Leute; man
badet das Kind, beräuchert es und reibt
es mit Mehl und H. ab 209 ). Von dem
H., der in bestimmten Gegenden Branden¬
burgs geerntet wird, glaubt man, daß
er den Menschen schädlich sei 210 ); auch
de Pre hat ein Kapitel über Schädlich¬
keit des H.s 2n ). H. in der Viehmedizin:
Im Mai legt man in Schlesien 12 Mai¬
würmer in H.; daraus bereitet man ein öl,
das dem Vieh mächtig gut tut 212 ). Wenn
die jungen Fohlen nicht saugen wollen,
schmiert man ihnen das Maul mit H. 213 ).
Einem Pferd, das nicht misten kann,
schmiert man den After mit H. ein 214 ).
14. Träumen von H. und anderes:
„Isset einer im Traum H.seim, so wird
er die Ding überkommen, die er nie
gehofft hätte; er wird auch klug seyn,
weil der H. mit großer Klugheit der
Bienen gemacht ist. Wenn einem König
träumt, wie ihm H.wabe gebracht werde
und er davon esse, so wird er von seinem
Volke Freude und angenehmes Einkommen
haben; denn der H.rost oder Wabe zeucht
sich auf das Volk. Wenn einem träumt,
wie man ihm H. bracht habe, da er doch
309
Hopfen
310
ft
1
.1
/
sonst keines gehabt, so wird ihm sein Ein¬
kommen abgehen“ 215 ). Nach dem in¬
dischen Traumbuch ist der Genuß von
H. im Traum verhängnisvoll 216 ). Fällt der
Christtag auf einen Sonntag, so gedeiht
der H. 217 ). Vom Futterh., auch von dem
Zucker, der im Frühjahr gegeben wird,
darf nicht genascht werden, sonst werden
die Bienen Räuber (Reuthau) 218 ). Wenn
man H. essend seinen Mund und seine
Hände nicht beschmiert, wird man
sterben 219 ). Gekauften Tauben gibt man
in H. getauchte Gerste 22 °).
168 ) Alter Orient 7, 4, 23. 159 ) Eber t Reallex. 10,
41. 16 °) Höfler Organotherapie 44, vgl. 43; vgl.
Brot A. 4Ö3ff. 161 ) Hovorka-Kronfeld 2, 660.
W2 ) Pradel Gebete 116; Robert-Tornow 1 . c.
122—128 mit Lit.; Car rieht er l.c. 7i;Agrippa
vonNettesheim 1, 169 (der H. istvom Himmel
und den Gestirnen mit mehreren Vorzügen
ausgestattet); Myrrhen 1 . c. 16 ff.; Braun¬
schweig 1 . c. 205. 206. 228; Sebizius 1 . c.
404 flf.; Bruewel 1 . c. 491 ff. 163 ) Hovorka-
Kronfeld 1, 220; vgl. Urquell 4, 213 A. 1.
164 ) Stern Türkei 1, 248. m ) 1 . c. 1, 207.
14< ) Hovorka-Kronfeld 1, 219. 1$7 ) ed. Jahn
Index. 1#8 ) Zedier 13, 358; de Pre 1 . c. 11;
Hovorka- Kronfeld 2, 41; Anleitung zut
praktischen Bienenzucht von einem praktischen
Bienenleiter (Key's Vermächtnis) L. 1801,
228 ff. 1<9 ) Behring Die Geschichte der Diph¬
therie. L. 1893, 12; Hovorka-Kronfeld 2, 14.
17 °) Oeconomia rur. 2. Teil, 26. m ) 13, 3640.;
vgl. Hovorka-Kronfeld 2, 781. 172 ) Braun¬
schweig 1 . c. 205. 173 ) Plinius 1 . c. 32, 24.
174 ) Plinius 29, 38. 175 ) Sitzber. Wiener Ak.
phil.-hist. Klasse 42, 48; Höfler Organotherapie
218. 17Ä ) Höfler 1 . c. 215. 177 ) Höfler
I . c. 200 ff. 178 ) 1. c. 176. 195. 198. 207.
209. 214. 221—23. 228 ff.; vgl. Kloster 12,
137; im Papyrus Ebers wird H. mit Schild¬
krötenhirn gegen Hornflecken erwähnt: Janus
1899, 123; Höfler 1 . c. 139. 179 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 798. 18 °) 1 . c. 2, 781. 181 ) Hovor¬
ka-Kronfeld 2, 21. 32. 43. 659; Zedier 13, 359.
361; nach ,,le medecin des pauvres" bes. gegen
Fieber: ZfVk. 1914, 148. 182 ) Schönwerth
Oberpfalz 2, 132, 2. 183 ) Höhn Volksheilkunde 1,
89; Drechsler 2, 210; Hovorka-Kronfeld
2, 20. 21. 22. 183a ) Alemannia 27, 237. 184 ) ZföVk.
1907, 139; Höfler 1 . c. 127. 186 ) Höfler 1 . c.
206. 210. 18fl ) Höfler 1 . c. 216. 184a ) Hovorka-
Kronfeld 2, 10. 187 ) Dölger 1 . c. 155. 188 ) Rhein.
Museum 60, 319; Höfler 1 . c. 194. 278. 18B ) 1 . c.
32, 83. 88. 90. 19 °) Zedier 13, 360; vgl. de Pre
1 . c. 21; Maennling 236. 191 ) Höfler 1 . c. 275.
1M ) 1777, 139. 193 ) Hovorka-Kronfeld 2,
117. 118. 121. 219. 194 ) Höfler 1 . c. 173.
19 *) Höhn Geburt 260 (H.essen in Krailsheim,
H. und Schnaps bei Tuttlingen); Hovorka-
Kronfeld 2, 590; überhaupt bei Frauenleiden:
wenn die Mutter ansteigt, reibt man in Ober¬
österreich den Leib mit H. ein: Hovorka-
Kronfeld 2, 568; Höfler 1 . c. 201 (Kalbsgalle
und H.). 264 (gegen Milchschmerzen). 196 ) Stern
1 . c. 2, 301. 197 ) Braunsch-weig 1 . c. 228.
198 ) Hovorka-Kronfeld 2, 94. 199 ) Ders. 2,
113; H. reinigt die Galle: Bruewel 1 . c. 492.
20 °) Hovorka-Kronfeld 2, 159. 201 ) Gra¬
binski Sagen 42; Drechsler I. c. 2, 265.
202 ) 1 . c. 28, 26. 203 ) Jühling Tiere 185; Höfler
1 . c. 183; vgl. ZfVk. 1898, 176: auf verrückte
Glieder lege man eine Salbe aus H., Salz und
Mehl. 204 ) E. Gockel tractatus polyhistoricus
magicomedicus . Frankf. und L. 1699, 168.
2°6) Fogel Pennsylvania 279 ff. Nr. 1470.
206 ) Soranus ed. Rose 30 ff. 256, 16 ff.
207 ) Hovorka-Kronfeld 2, 665. 208 ) Ders.
2, 666. 209 } Bartsch Mecklenburg 2, 113, 436;
dass, berichtet schon Fischer Aberglaube 257;
über H.kur bei Abszessen: Hovorka-Kron¬
feld 2, 766. 21 °) Gleditschl.c. 102. 211 ) de Pre
1 . c. 22 ff. 212 ) Drechsler 1 . c. 1, 116. 213 ) Ders.
2, 113. 214 ) ZfVk. 1898, 176. 216 ) Traumbuch
Apomasans . .. durch J. Le wen kl aw Frankfurt
1645 (im Anhang zu Colers Oeconomia ruralis)
50 cap. 232. 216 ) RVV. 11. 325; vgl. 259.
217 ) Fischer Aberglaube 337. 218 ) Drechsler
1 . c. 2, 86. 219 ) Urquell 4, 118, 114. 220 ) Eber¬
hardt Landwirtschaft 20 (OA. Blaubeuren).
Eckstein.
Hopfen (Humulus lupulus).
1. Botanisches. Der H. ist eine win¬
dende Pflanze mit drei- bis fünflappigen
rauhborstigen Blättern. Er ist zwei-
häusig. Die Staubblüten stehen in herab¬
hängenden Rispen, die Stempelblüten
sind zu kleinen Zapfen vereinigt. In
Deutschland wird der H. etwa seit dem
8 . Jahrh. im Großen gebaut x ). In feuch¬
tem Gebüsch, an Zäunen usw. wächst er
auch wild 2 ).
x ) Schräder Reallexikon 2 1, 507. 2 ) Marzell
Kräuterbuch 218 ff.
2. In Nord- und Westdeutschland be¬
steht vielfach der Glaube, daß der H. in
der Christnacht zwischen 11 und 12
Uhr selbst unter dem tiefsten Schnee
frische Sprosse treibt, um Mitternacht
verschwinden sie wieder 3 ). Der Glaube
gehört zum Sagenkreis von den Weih¬
nachtsblüten 4 ), vgl. Apfel, Eberesche,
Holunder, Walnuß. Hierher ist wohl
auch die alte Bauernregel zu stellen, daß
Schnee in der Christnacht eine gute
H.emte bedeutet („Fallen in der Christ¬
nacht Flocken — der Hopfen wird sich
gut bestocken“) 5 ).
3 ) ZfdMyth. 1, 403= Stöber Elsaß 2, 130;
horchen
312
311
Kuhn Westfalen 2, 106; Schambach Wb.
113 = Lauffer Niederdeutsche Volksk. 84 (die
hier angegebene volksmedizinische Verwendung
des H.s als „Kristwörtel“ beruht auf Ver¬
wechslung mit Helleborus niger, s. Nieswurz);
Kuhn und Schwartz 404; Hesemann
Ravensberg 94; Schell Berg. Volksk. 107; auch
in den Ver. Staaten v. Amerika: Bergen Ani¬
mal and Plant Lore 119. 4 ) Mannhardt Weih¬
nachtsblüten 1864, 169. 5 ) Schreger Haus¬
büchlein 1770, 131; Fischer Schwab. Wb. 3,
1802; 4, 767; Treichel Westpreußen X, 441;
Waltinger Bauernjahr im Niederbayrischen
1914, 99; ZföVk. 1, 247.
3. Viel H. bedeutet eine reiche Korn¬
ernte im nächsten Jahr 6 ), aber auch
einen strengen Winter 7 ). Zu dem erst¬
genannten Glauben ist zu bemerken, daß
der H. bei slavischen und finnischen
Völkern als Fruchtbarkeitssymbol gilt,
z. B. wird die Braut mit H. überschüttet 8 ).
Im Sternbild des Krebses soll man die
wilden Triebe des H.s nicht abschneiden,
weil er sonst rückwärts geht, d. h. nicht
mehr wächst *). So viele Goldpunkte die
(am H. häufig vorkommende) Puppe des
H.falters (Vanessa C-album) hat, so
viele Carolins (alte süddeutsche Gold¬
münze) wird der H. kosten. In ähnlicher
Weise kann man den H.preis aus den
schwarzen Punkten auf den Flügeldecken
des Marienkäferchens (Coccinella) ab¬
lesen 10 ). Wenn im H. viele „H.-
könige“ oder „H.männiein“ Vorkommen
(es sind wohl die als „blinde Zapfen“
[verlaubte Zapfenschuppen] bezeichneten
Mißbildungen gemeint), so wird der H.
gut verkauft. Die Burschen schenken
diese „H.könige“ ihren Mädchen 11 ).
Sind die Streifen auf den Puppen des
H.falters goldgelb, so wird der H. teuer,
wenn silbern, dann billig 12 ).
6 ) Fischer Schwab. Wb. 3, 1802; 5, 385.
7 ) Wilde Pfalz 109; Yermoloff Volkskalender
383. 8 ) Berckenmeyer Cur. Antiquarius 1712,
685; Festschr. d. Estn. Gesellsch. Dorpat 1888,
261; Schneeweis Weihnachten 101; Mann¬
hardt Forschungen 355; Scheftelowitz Huhn¬
opfer 16. •) Mar zell Bayer. Volksbotanik 99.
10 ) Jäckel Oberfranken 27. ll ) Bavaria 2,
294; 3, 969. 1S ) Mar zell Bayer. Volksbotanik
128.
4. Wenn die Jungfrauen lange Haare
bekommen wollen, dann müssen sie in
der Jugend etwas von den Haaren ab¬
schneiden und mit H.ranken in die Erde
legen, daß sie hernach mit ihnen gleich¬
sam in die Länge wachsen 13 ).
13 ) Praetorius Philosophia Colus 1662,
212 = Grimm Myth. 3, 446. Marzeil.
horchen. Wie „horchen“ im Vergleich
zu „hören“ eine Intensivierung bedeu¬
tet 1 ), so entspricht der aus zufälligen
akustischen Wahrnehmungen schließen¬
den Geräusch Wahrsagung (s. d.) eine
mannigfaltig gegliederte volkstümliche Zu¬
kunftsdeutung, die von absichtlich und
gespannt aufgenommenen Lauten, die
z. T. sogar zu mantischen Zwecken her¬
vorgerufen werden 2 ), ihren Ausgang
nimmt. Die Vornahme dieser Zukunfts¬
befragung zu bestimmten Zeiten und an
bestimmten Orten, die Beobachtung ge¬
wisser Vorsichtsmaßregeln, die hie und
da bis in die Gegenwart übliche Unter¬
stützung durch Gebete oder Sprüche,
opferartige Handlungen u.a.m., läßt ihren
ursprünglich zauberischen und rituellen
Charakter noch deutlich durchscheinen.
Wenn auch zahlreiche Parallelen darauf
hinweisen, daß es sich hier um eine poly¬
genetische, an den verschiedensten Stellen
der Erde feststellbare Form der Weis¬
sagung handelt, so muß doch auf die nor¬
dischen und germanischen Entsprechun¬
gen mit besonderem Nachdruck verwie¬
sen werden. Die in den nordischen Quel¬
len öfters erwähnte Divinationsmethode
der ‘utiseta', des ‘sitja uti', des „Draußen-
sitzens“ wird zwar in ihren Einzelheiten
nicht näher beschrieben, doch liegt die Ver¬
mutung nahe, daß damit eine augurale
Handlung bezeichnet wird, durch die man,
im Freien — vielleicht an Gräbern —
sitzend, die Zukunft aus Erscheinungen
und Stimmen zu erforschen suchte 3 ). Sie
wurde durch die christliche Kirche als
heidnisch verboten, ebenso wie gewisse
germanische Divinationen, in denen das
„Draußensitzen“ ebenfalls eine wichtige
Rolle spielt, so daß sie von der utiseta
kaum getrennt werden können. Bei
Burchard von Worms heißt es: obser-
vasti calendas Januarias ritu paganorum,
ut . . . supra tectum domus tuae sede-
res ense tuo circumsignatus, ut ibi vi-
deres et intelligeres, quid tibi in sequenti
anno futurum esset, vel in bivio se-
313
h orchen
314
disti supra taurinam cutem, ut et ibi
futura tibi intelligeres 4 ) ? Daß es sich
hierbei neben dem Schauen von Erschei¬
nungen auch um Gehör Wahrnehmungen
handelt, geht aus „intelligeres“ hervor,
ebenso aus der Glosse: hleodarsazzo,
hleodarsaz, hleodarsazzeo: negromanti-
cus 5 ), die Sitzen und Horen vereinigt.
Zu „in bivio“ vergleiche man, daß
kein Ort für das H. häufiger genannt
wird, als der Kreuzweg. Die Worte der
aus dem 8. Jh. stammenden pseudoau-
gustinischen Homilia de sacrilegiis: qui. . .
ad scultandum vadet, ut aliquid de dae-
> moneis audeat, non christianus, sed pa-
ganus est 6 ) gehen deutlich auf das H.,
doch ist die Beziehung auf germanischen
Glauben unsicher. Dagegen läßt eine
Beichtfrage bei Antonin von Florenz
(1389—1459), die genau den noch heute
üblichen Formen des H.s entspricht,
keinen Zweifel auf kommen, daß der
Brauch im Schlesien des 15. Jhs. vor¬
kam 7 ). Auf die mit dem H. eng verbun¬
dene Methode des Zaunrüttelns (s. u.)
weist vermutlich ein Satz des Thomas von
Haselbach (1387—1464) und ein Beicht¬
satz v. J. 1468 8 ). Im 17. und 18. Jh.
wird das H. mehrfach erwähnt 9 ), im
i 9 . jh. war es laut zahlreichen Nach¬
richten der gleichzeitigen Literatur noch
sehr im Schwange. Wie weit diese An¬
gaben auch für die Gegenwart Gültigkeit
haben, ist im einzelnen nicht festzustel¬
len, völlig ausgestorben aber ist das H.
sicher noch nicht 10 ).
Der ursprüngliche Zaubercharakter des
H.s ist, wie eingangs bemerkt, aus den
allgemeinen, dabei beobachteten Ma߬
nahmen noch deutlich erkennbar. Die
Handlung muß zu bestimmten Zeiten, an
bestimmten Orten und unter bestimmten
Ritualien und Vorsichtsmaßregeln vor¬
genommen werden, wenn sie von Erfolg
sein soll.
a) Zeiten: Da, abgesehen von halluzi¬
natorischen Gesichtswahrnehmungen, von
denen zuweilen auch beim H. die Rede ist,
außer dem Gehör alle Sinne ausgeschaltet
sein sollen, findet das H. fast immer
in der Dunkelheit statt, am besten um
Mitternacht 11 ). Auch wird die Zeit des
Aveläutens oder Gebetläutens 12 ) emp¬
fohlen oder die Zeit während der Christ¬
mette 13 ). Bevorzugt werden diejenigen
Nächte, die auch sonst für Zukunftser¬
kundung besonders gern gewählt werden,
vor allem die Andreasnacht u ), für das
H. vornehmlich geeignet, da es sich meist
um ein Eheorakel handelt, ebenso die
Thomasnacht 15 ). Ferner die Silvester¬
nacht 16 ), die Christnacht 17 ), die Zwölf¬
nächte 18 ). Die Sonderform des „Saat-
h.s“ (s. u.) wird besonders in der Wal¬
purgisnacht geübt 19 ). Das H. am Licht¬
meßtage ist tschechischer 20 ), am Jo¬
hannistage griechischer Gebrauch 21 ), in
Ungarn betreibt man es dagegen gleich¬
falls besonders am Christ- und Silvester¬
abend 22 ), in Finnland vor Mariä Ver¬
kündigung und in den Nächten vor Fast¬
nacht, Karfreitag und Ostern 23 ); persi¬
scher Aberglaube bevorzugte die Mitt¬
wochnächte 24 ).
b) Orte: Am verbreitetsten ist, wie be¬
merkt, der Kreuzweg 25 ), der typische
Ort für Zauberhandlungen und Geister¬
erscheinungen. Eigenartig ist der be¬
sonders für das Vogtland bezeugte Brauch
des „Saath.s“ oder „Weizenhörens“: man
begibt sich in der Walpurgisnacht auf
ein grünes Kornfeld oder in der Christ¬
oder Andreasnacht auf ein Feld mit grü¬
ner Wintersaat und legt sich mit dem Ohr
auf die Erde, um zu lauschen. Bisweilen
handelt es sich auch in diesem Falle nur
um das Vernehmen zufälliger und all¬
täglicher Geräusche (Musik, Läuten, Hun-
debellen) 26 ), bisweilen aber scheint ein
Rest der Vorstellung zugrunde zu liegen,
daß durch diese primitive Inkubation un¬
mittelbar Stimmen und Gesichte vermit¬
telt werden; man „hört, was das ganze
Jahr im Dorfe geschieht“, oder „eine
Stimme erzählt, was im neuen Jahre Vor¬
kommen wird“ 27 ), oder „man sieht den
Himmel offen und schaut die Ereignisse
des nächsten Jahres“ 28 ). In diesem Zu¬
sammenhänge verdient der Zusatz Bur-
chards a. a. O. „supra taurinam cutem“
besondere Hervorhebung,da dieBedeutung
des Tier felis im Inkubationsritus bekannt
ist 29 ). In manchen Fällen hat sich diese
Form rudimentär erhalten, z. B. wenn
315
horchen
316
neben dem Kreuzweg das Saatfeld nur als
geeigneter Ort für das H. genannt wird 30 ),
oder wenn man mit dem Ohr auf der Erde
horcht, aber nicht auf einem Saatfelde,
sondern auf einem Berge oder an einem
Kreuzweg 31 ). Wenn an die Stelle des
Kreuzweges der Scheideweg oder der
Grenzstein 32 ) tritt, so hängt dies mit der
Bedeutung der Grenze für zauberische
Handlungen zusammen. Dieselbe Vor¬
stellung dürfte der Verwendung des Zau¬
nes beim H. zugrunde liegen, der vor allem
dazu dient, um gerüttelt das zukunft¬
deutende Hundegebell hervorzurufen (s.
u.); vereinzelt verbindet sich diese Vor¬
stellung mit dem H. auf dem Erdboden:
,,Wenn man in der Dreikönigsnacht unter
dem Gebetsläuten einen Zaunstecken aus¬
zieht, das Ohr auf das Loch hält (auf der
Erde liegend), so hört man, ob man das
Jahr heirate, verwittibe, sterbe usw.“ 33 ).
Gleichfalls um das Hervorrufen prophe¬
tischer Tierstimmen handelt es sich, wenn
man an den Hühnerstall 34 ), Schweine¬
stall 35 ), Kuhstall 36 ) oder an die Bienen¬
körbe 37 ) klopft und dann horcht, doch
wird auch der Stall im allgemeinen als
geeigneter Ort für das H. bezeichnet 38 ).
Hydromantische Vorstellungen spielen
mit, wenn man am Brunnen 39 ), an der
Brunnenstube 40 ), an der Ofenblase oder
dem Höllhafen 41 ) horcht. Für den von
Burchard von Worms bekämpften Brauch,
vom Dache des Hauses aus zu horchen,
bietet der deutsche Aberglaube neuerer
Zeit nur eine vereinzelte Entsprechung, die
sich außerdem mehr auf das Sehen, als
auf das Hören von Vorzeichen bezieht 42 ).
Dagegen ist diese Sitte im hohen Norden
noch heute gut belegt, wie aus hs. Auf¬
zeichnungen im Archiv der Finnischen und
der Schwedischen Literaturgesellschaft her¬
vorgeht. In Finnland findet das H. zu den
oben angegebenen Zeiten um Mitternacht
statt. Bevorzugt werden als Ort hierfür
Dächer von Häusern, die „am dritten
Platz stehen”, d. h. zweimal abgebrochen
und jedesmal an anderer Stelle wieder auf¬
gebaut worden sind. Aus der Art der er¬
horchten Geräusche und der Richtung,
aus der sie kommen, wird die Zukunft
gedeutet, z. B. Weinen = Kindsmord,
Tischlergeräusch = Sarg, Pferdegetrappel
und Musik — Hochzeit, Elsterngeschrei =
Zank usw. Bisweilen h. zwei Personen
gemeinsam, indem sie, ohne ein Wort
zu sprechen, Rücken gegen Rücken auf
dem Dache sitzen; sogar das Sitzen auf
einem Kalbfell wird dabei gelegentlich
gefordert 43 ). Wenn, wie in den zuletzt
behandelten Fällen, das H. nicht außer¬
halb der Ansiedlung, an Wegen oder
auf dem Ackerfelde, sondern innerhalb
des Hauses, Gehöftes oder Dorfes statt¬
findet, ist der beliebteste Platz das Fen¬
ster des eigenen oder eines fremden Hauses.
Selten ist die Form, daß der Wißbegierige
von innen aus dem Fenster der eigenen
Stube hinaushorcht 44 ), meist tut er es
von außen vor dem eigenen oder einem
fremden Fenster, fast immer mit vorher
überlegter Frage, für die ein aus dem In¬
nern der Stube vernommenes Ja, Nein
oder ein anderes Wort (z. B. „Hochzeit”)
entscheidend ist 45 ). Zuweilen werden
Fenster mit besonderer Lage bevorzugt,
so das mittelste von dreien 46 ) oder das
unter einem Tragbalken der Zimmerdecke
gelegene 47 ); auch wird verlangt, daß die
Stube drei Deckbalken habe 48 ) oder daß
man sich zum H. genau unter einen nach
Osten gerichteten Balken stelle 49 ). An
die Stelle des Fensters tritt gelegentlich
auch die Tür 50 ). Ganz vereinzelt ist das
Verfahren, daß man in der Andreasnacht
usw. einfach in der Stube auf- und abgeht,
wobei einem dann der Name des oder der
Zukünftigen ins Ohr geflüstert wird 51 ).
c) Besondere Ritualien und Ma߬
regeln: Wie meist bei Zauberhandlungen
muß man beim H. Stillschweigen be¬
wahren 52 ), darf sich nicht umsehen 53 ),
nicht davonlaufen, wenn sich Unheim¬
liches ereignet, sondern man muß sich
innerhalb des mit geweihter Kreide ge¬
zogenen Zauberkreises halten 54 ). Um sich
gegenseitig Mut zu machen, tun sich da¬
her öfters mehrere zum H. zusammen 55 ).
In einem Fall wird auch Nacktheit vor¬
geschrieben 56 ). Vor den Beginn des H.s
wird eine einstündige, stillschweigend zu
verbringende Wartefrist gesetzt 57 ); in ähn¬
lichem Sinne ist es wohl zu verstehen, wenn
in der ältesten ausdrücklichen Erwäh-
317
horchen
318
nung des H.s davon die Rede ist, daß man
sich zunächst die Ohren verstopft 58 ). Das
an der gleichen Stelle genannte vorherige
Beten eines Vaterunsers ist auch noch für
das 19. Jh. belegt 59 ). Sonst wird das zau¬
berische Wort meist durch Sprüche ver¬
treten, besonders bei der Sonderform des
Zaunrüttelns 60 ). Die Dreizahl spielt auch
hier eine Rolle: dreimal wird an das Fen¬
ster 61 ) oder an den Schweinestall 62 ) ge¬
klopft, drei Späne werden vor dem H.
aufgenommen 63 ). Die in der letztge¬
nannten Form zum Ausdruck kommende
Verquickung mit der Stabweissagung (s.
Rhabdomantie) und dem Holzscheitora¬
kel (s. d.) liegt auch vor, wenn vor dem
H. ein Prügel oder ein glattes Stäbchen
über oder auf einen Baum (gewöhnlich
einen Apfelbaum) geworfen wird 64 ). In
anderen Fällen tritt der Schuh an die
Stelle des geworfenen Stabes 65 ), oder man
rüttelt an dem Baum oder klopft an ihn 66 ).
Ein voropferähnlicher Ritus liegt vor,
wenn man beim Abendbrot mit dem ersten
Löffel Suppe vor die Tür läuft, um
zu h. 67 ); werden vorher Apfelschalen
auf die Straße geworfen 68 ), so hat man
darin wohl eine Kombination mit dem be¬
kannten Apfelschalenorakel zu sehn. Der
auch bei anderen Zauberhandlungen ver¬
wendete Kehricht dient gleichfalls ge¬
legentlich zur Vorbereitung des H.s 69 ).
Eine Verbindung mit der Schlüsselweis¬
sagung (s. Kleidomantie) liegt vor, wenn
ein Schlüssel gegen die Tür geworfen wird,
um das zukunftdeutende Hundegebell
hervorzurufen 70 ).
d) Ausübende: Da das H. in der
Mehrzahl der Fälle ein Liebes- und Hei¬
ratsorakel ist, so wurde und wird es vor¬
zugsweise von Mädchen' und — seltener
— jungen Burschen betrieben. Sonntags¬
kinder sind dafür, wie für alle Zauber¬
handlungen, besonders geeignet 71 ).
e) Art und Deutung der erhorchten
Geräusche: Bei der folgenden Zusam¬
menstellung müssen zwei Grundformen des
H.s auseinandergehalten werden: ent¬
weder ist die Aufmerksamkeit auf die
Gesamtheit der sich an dem gewählten
Ort und Zeitpunkt des H.s vernehmlich
machenden, zufälligen Geräusche gerich¬
tet, die dann, etwa wie bei der Traum¬
deutung, beim Angang usw. kasuistisch
ausgelegt werden. Oder man horcht mit
bestimmter Fragestellung und achtet nur
auf ganz bestimmte Geräusche oder Worte,
wie Tierstimmen, besonders Hundegebell,
„ja”, „nein”, „Hochzeit” u. dgl. m. Im
ersten Falle gelten u. a. folgende Deu¬
tungen: Lärm = unruhiges Jahr 72 ),
Klopfen und Pochen = Todesfall (Sarg¬
nageln) 73 ), Seufzen und Stöhnen = Un¬
glück in der Ehe 74 ), Geschrei, Schüsse,
Donner, Schwertgeklirr, Pferdegewieher
— Krieg 75 ), Musik = Hochzeit 76 ), Peit¬
schenknallen und Wagenrasseln = gute
Ernte 77 ), Gesang, Läuten, Gespräch von
Begräbnis = Sterbefall 78 ), Gespräch vom
Heiraten — Hochzeit 79 ), Dreschen = der
Zukünftige ein Bauer 80 ), Sägen = viel
Arbeit 81 ). Wichtig ist meist die Rich¬
tung, aus der das Geräusch kommt; sie
deutet auf den Ort, wo der Zukünftige
wohnt 82 ), besonders achtet man darauf
beim Zaunrütteln. Aus der Windrichtung
schließt man auf den Gang der Gewitter
oder auf die Getreidepreise im nächsten
Jahr 83 ). Die zweite Form nähert sich
dem Typus des Losorakels: es wird von
vornherein eine bestimmte Frage gestellt,
„man denkt sich etwas” 84 ), und sucht
darauf eine unmittelbar verständliche
oder erst zu deutende Antwort zu er-
h. Auch hier handelt es sich meist um
Liebessachen: man will erfahren, ob
man sich im kommenden Jahr verhei¬
ratet, aus welcher Gegend der Zukünf¬
tige kommt, seinen Namen, seine Stimme,
seinen Beruf u. a. m. Die Antwort gibt
am einfachsten das erste erhorchte
menschliche Wort 85 ). Daher wird diese
Form mit Vorliebe in der Weise betrieben,
daß man unbeobachtet an Fenstern oder
Türen horcht und das erste „ja”, „nein”
usw. auf sich bezieht 86 ). Daneben ver¬
traut man auf die prophetische Gabe ge¬
wisser Tiere. Verbreitet ist das Huhn¬
orakel : man weckt die Hühner durch
Klopfen an den Stall, „gackert der Hahn,
kriegt s' en Mann, gackert die Henn’, wer
weiß wenn” 87 ). Ähnlich verfährt man
am Schweinestall: grunzt die Sau, so
bekommt das h.de Mädchen einen
319
horchen
320
alten, quiekt das Ferkel, so bekommt sie
einen jungen Mann 88 ). Auch das Brüllen
des Rindviehs wird entsprechend ge¬
deutet 89 ). In Schlesien klopft man in der
hl. Nacht an die Bienenstöcke und sagt:
„Heute ist heiliger Abend“. Wenn die
Bienen darauf brummen und summen,
so ist ein gutes Bienenjahr zu erwarten 90 ).
Ganz besonderer Wert wird auf das Bellen
des Hundes gelegt, dem ja auch sonst die
Gabe des Zukunfterkennens zugeschrie¬
ben wird. Schon bei dem als erste Haupt¬
form beschriebenen H. auf zufällige Ge¬
räusche ist es bedeutungsvoll und kündet
Sterbefälle, Feuersbrünste 91 ), manch¬
mal auch eine gute Heirat 92 ), die Richtung
aus der der Zukünftige kommt 93 ) oder
auch, wohin man im nächsten Jahre (als
Magd, Knecht usw.) kommt 94 ). Be¬
sonders beliebt aber ist es, nicht zu war¬
ten, bis zufällig ein Hund bellt, sondern
durch Erregung von Lärm das Gebell
hervorzurufen. Man wirft zu diesem
Zweck einen Prügel oder einen Schuh auf
einen Baum 95 ), vor allem aber rüttelt man
an einem Zaun und horcht, aus welcher
Richtung auf dies Geräusch hin zuerst ein
Hund bellt; dies ist die Gegend, aus der
der Zukünftige kommt 96 ). Für das „Zaun¬
rütteln“ als besonders verbreitete Form
des H.s gelten bezüglich der Zeit und der
Ritualien im allgemeinen die gleichen
Vorschriften, wie für das H. überhaupt.
Am häufigsten wird es am Andreasabend
geübt ö7 ), daneben auch in der Thomas¬
nacht 98 ), am Christ- und Neujahrs¬
abend 99 ). Vielfach muß der Zaun ein
Grenzzaun 10 °) oder ein Erbzaun 101 ) sein,
wohl auch aus Haselholz hergestellt 102 );
besonders geeignet ist auch eine Stelle,
wo drei Zäune zusammenstoßen 103 ). Der
bedeutungsvolle Charakter des Zaunes
als Grenze tritt zurück oder ist völlig
geschwunden, wenn an seiner Stelle die
Gartentür 104 ) oder die Wäschestange 105 )
gerüttelt wird. Sehr häufig werden beim
Zaunrütteln Verse gesprochen, die meist
an den Zaun selbst gerichtet sind 106 ),
seltner an den Hund 107 ), an Hund und
Zaun 108 ), an den hl. Andreas 109 ), an
diesen und an den Zaun no ). Verküm¬
merte Formen dürften vorliegen, wenn der
Hund als erwarteter Orakelgeber ver¬
schwunden und das Zaunrütteln nur noch
verstärkende Begleithandlung für das H.
im allgemeinen ist 111 ): eine eigenartige
Sonderform wird noch für 1918 aus Ost¬
preußen berichtet, wo die Mädchen beim
Zaunrütteln (Tunkeschöddern) das Echo
befragen: „Kommst? Ja?“ Hören sie
das Echo „ja“, so heiraten sie, und zwar
kommt der Geliebte aus der Gegend, aus
welcher das Echo ertönte llz ). Daß der
Gebrauch alt ist, ergibt sich aus dem oben
(Anm. 8) angeführten Satz des Thomas
von Haselbach: peccant, qui querunt fu-
tura et occulta in sepibus.
f) Geographische Verbreitung: Es
zeigt sich, wie auch bei vielen andern
Orakelbräuchen, für das deutsche Gebiet
ein starkes Vorwiegen des Südostens; die
Mehrzahl der Belege stammt aus Schle¬
sien, Sachsen, Vogtland, Oberpfalz und
Böhmen, nur vereinzelte aus den anderen
Teilen Deutschlands 113 ); allein die Sonder¬
form des Zaunrüttelns ist oder war auch
im Süden und Südwesten verbreite¬
ter. Außerhalb des deutschen Sprach¬
gebietes ist das H. u. a. bezeugt für Un¬
garn 114 ), die Tschechoslowakei 115 ), Finn¬
land 116 ), Rußland 117 ), Frankreich 117a ),
Griechenland 118 ), Sibirien 119 ), Persien 120 ),
Japan 121 ). Der Glaube der alten Griechen
an xXtjoove; und der Römer an Omina
steht mit dem H. nur in einem äußer¬
lichen Zusammenhang, da es sich in
beiden Fällen um zufällig aufgefangene
Worte u. dgl. handelt, während, wie be¬
reits anfangs gesagt, die bewußte Ein¬
stellung des Subjektes auf irgendwelche
Gehörwahrnehmungen das eigentliche
Kennzeichen des H.s ist. Doch finden
sich in der antiken Überlieferung auch
Fälle, auf die dies Kennzeichen zutrifft.
So wird berichtet, daß Caecilia Metella
mit ihrer Nichte, die heiraten soll, um
Mitternacht eine Kapelle auf sucht, um
eines Omens teilhaftig zu werden l22 ).
g) Namen: Die Bezeichnung des Brau¬
ches ist meist „horchen“ oder „horchen
gehen“, daneben finden sich mundart¬
liche Benennungen, die auf losen = hor¬
chen zurückgehen, so losngehen 123 ), los-
nen 124 ) luasn, lusen 125 ). Leßlen 126 ) von
321
horchen
322
Losen — Los werfen wird außer für H.
auch für andere Orakelbräuche der „Lössel¬
nächte“ gebraucht 127 ).
J ) Kluge EtWb. u. d. W. 2 ) In gleichem
Verhältnis etwa stehen bei den Römern die
'auguria oblativa, quae non poscuntur' zu den
‘auguria impetrativa, quae optata veniunt',
Servius z. Aen. 6, 190. 3 ) Meißner in ZfVk.
27, 98 s.; Gering Weissagung 6; Hoops
Reallex. 4, 505. 4 ) Grimm Myth. 3, 407; Fried -
berg Bußbücher 84; Boudriot Altgerm. Re¬
ligion 78 f. sieht hierin, wie in vielen anderen
von Burchard bekämpften Bräuchen nicht
germanisches, sondern arelatisch-antikes Heiden¬
tum, setzt sich aber doch wohl zu leicht über
die von H. F. Feilberg Jul 2 (1904), 116 bei¬
gebrachten Entsprechungen aus heutigem nor¬
wegischen und isländischem Aberglauben hin¬
weg, zu denen die finnischen und schwedischen,
oben Sp. 315 mit geteilten Bräuche hinzuzufügen
sind; vgl. auch Radermacher Beiträge 90.
*) Steinmeyer-Sievers Ahd. Gloss. 1, 215
Nr. 33, vgl. 2, 365 Nr. 17 und 35, 763 Nr. 9 und
10. 6 ) Ed. Caspari (Christiania 1886) 7 § 5;
Boudriot a. a. O. 16 lehnt auch hier die Be¬
ziehung auf germanisches Heidentum ab.
7 ) Klapper in MschlesVk. 21, 68 Nr. 20: si
dixisti Paternoster ad fenestram auribus ob-
turatis, ut postmodum per prima verba, quae
audierit ab extra, mterpretetur id quod scire
desiderat quod mortale est. 8 ) Schönbach
in ZfVk. 12, 8 ... item peccant, qui querunt
futura et occulta ... in sepibus ... Sic ergo
infinitis modis et factis fiunt pacta cum daemoni-
bus, sicut faciunt querentes scire futura a
longis sepibus in festis Nativitatis, cuius de-
beant sortiri conjugium; Usener Christi. Fest¬
brauch (1889) 86; doch kann in beiden Fällen
auch eine Form des Holzscheitorakels (s. d.)
gemeint sein. 9 ) z. B. Grimm Myth. 3, 470
Nr. 954, aus Praetorius Saturnalia 3(1663);
470 Nr. 962 (a. d. J. 1716); 448 Nr. 420
(a. d. Rockenphilosophie 1759); 2, 932, aus
Denis Lesefrüchte 1 (1797), 128; Schultz
Alltagsleben 5 Anm. 1 (aus Abraham a S.
Clara); Drechsler 1, 4 (a. d. J. 1702). 10 ) s. z.
B. WZfVk. 32, 40; 33, 23; 34, 63 (Wien, Gegen¬
wart). 1X ) Drechsler 2, 86; Eisei Voigtland
2 35 Nr. 589; Grimm Myth. 2, 932; 3, 465
Nr. 854; 470 Nr. 962; John Westböhmen 8;
Kap ff Festgebräuche 50; Panzer Beitrag 1,
270; Schön werth Oberpfalz 1, 138. 144;
ZfVk. 4, 315. Ob das „crepusculum matutinum'',
das Faust übte, mit dem H. etwas zu tun hat,
erscheint trotz Kiesewetter Faust 83. 94 ff.
sehr fraglich. 12 ) Baumgarten in Heimatgaue
7 » 7 - l 4 > John Westböhmen 3; Schönwerth
Oberpfalz 1, 138. 13 ) John Oberlohma 155.
14 ) Brunner Ostdt. Volksk. 160; Drechsler
1, 4; John Westböhmen 3; Kapff Festgebräuche
36; Klapper Schles. Volksk. 251; Lehmann
Sudetendt. Volksk. 127; Wuttke Sächs. Volksk.
350; MschlesVk. 2, 48; ZfVk. 32, 40; 9,
442. 16 ) Heimatgaue 3, 291; 7, 6; John
Bäehtoid - Stäubli, Aberglaube IV
Wesib. 8; Kapff a. a. O.; Lehmann a. a. O.;
Panzer Beitrag 1, 265; Schön werth Ober¬
pfalz 1, 138; WZfVk. 33, 23; 34, 66. 14 ) Drechs¬
ler 1, 28; Eisei Voigtland 45 Nr. 100; 60 Nr. 133;
235 Nr. 589; John Erzgebirge 181; Kapff
Festgebräuche a. a. O.; Köhler Voigtland 401;
MschlesVk. 7, 43 Nr. 2; Witzschel Thüringen
2, 176 Nr. 40. Bereits Burchard v. Worms bei
Grimm Myth. 3, 407 Nr. 193 c zählt das H.
zu den Neujahrsgebräuchen. 17 ) Drechsler
1, 26. 28; 2, 86; Eisei 235 Nr. 589; Grimm
Myth. 2, 932; 3, 448 Nr. 420; 3, 470 Nr. 962;
John Oberlohma 155 (während der Christ messe);
Kapff a. a. O.; SAVk. 24, 62; Wrede Rhein.
Volksk . 2 12 7. Am Tage vor Heiligabend:
Heimatgaue 7, 7 (während des Aveläutens).
Acht Tage vor Weihnachten: Abraham a S.
Clara b. Schultz Alltagsleben 5. 18 ) Eisei
a. a. O.; Schön werth Oberpfalz 1, 138 f.
18 ) Eisei a. a. O.; Köhler Voigtland 373. 401;
Kuhn und Schwartz 376 Nr. 34; ZfdMyth.
3, 106. 20 ) Reinsberg-Düringsfeld Böhmen
(1864) 39. 21 ) ZfVk. 2, 401. 22 ) ZfVk. 4, 315.
318. 23 ) s. Anm. 44. 24 ) Grimm Myth. 2, 934.
25 ) z. B. Eisei Voigtland 43 Nr. 100; 60 Nr. 133;
235 Nr. 589; Grimm Myth. 3, 407. 470 Nr. 962
= Panzer Beitrag 1, 270; John Erzgebirge 181;
Klapper Schles. Volksk. 251; Köhler Voigt¬
land 401; MschlesVk. 7, 43 Nr. 3; WZfVk. 32,
40. Auch im außerdeutschen Aberglauben:
Zelenin Russ. Volksk. 379; Hastings Encycl.
4, 802b (Japan). 26 ) Brunner Ostdt. Volksk.
160; Eisei 235 Nr. 589; Grimm 3, 465 Nr. 854;
Köhler 373. 401. 27 ) Grimm 3, 488 Nr. 420
(Rockenphilosophie); Drechsler 1, 26. 28 )
Wuttke 248 Nr. 359 (Erzgebirge). 29 ) Vgl.
z. B. die Parallelen zu Burchard bei Rader¬
macher Beiträge 103, ferner Deubner De
incubatione 27. Sehr bedeutungsvoll ist die
noch für heute bezeugte Verwendung des Kalb¬
fells beim H. in Finnland (s. o. Sp. 316).
Auch in dem Taghairen der Kelten, das ge¬
wisse Verwandtschaft mit dem H. hat, spielt
die Kuhhaut eine Rolle: der Orakelsu¬
chende wird in sie eingehüllt, s. Dalyell
Darker superstitions of Scotland (1834) 495:
Campbell Superstitions of the Highlands
(1900) 3040.; Macculloch Religion of the
ancient Celts (1911) 249. 30 ) Urquell N. F. 1,
165 (Oberösterreich). 31 ) ZfVk. 4, 315 (Ungarn).
32 ) Grimm Myth. 2, 932; 3, 470 Nr. 962;
Wuttke Sächs. Volksk. 350. M ) Heimatgaue
7, 14. 84 ) Grimm 2, 936; Drechsler 1, 11;
John Erzgebirge 142. 3S ) Kuhn u. Schwartz
376 N. 34; Schönwerth Oberpfalz 1, 138.
38 ) John a. a. O. 37 ) Drechsler 2, 86. 38 ) John
Oberlohma 155; Grimm Myth. 2, 932. Verein¬
zelt steht die auf persönlicher Erinnerung
beruhende Angabe von Denis (* 1729 in
Schärding) Lesefrüchte 1 (1797), 128, daß sich
die H.de in eine Pferdekrippe (Barn) legte.
39 ) Panzer Beitrag 2, 135. 40 ) SAVk. 24, 62.
41 ) Drechsler 1, 4 (a. d. J. 1702); Grimm
3, 451 Nr. 506; Kapff Festgebr. 50 (auch am
Butterfaß); Panzer 1, 265; Schönwerth 1,
11
323
horchen
324
144. Auch in den Backofen wird hineingehorcht:
Fogel Pennsylvania 123 Nr. 537; ZfdMyth. 3,
336, und auf das Geräusch der Mohnstampfe
geachtet: ZfVk. 8, 251. Hier, wie auch sonst
oft, berührt sich das H. mit der Geräusch¬
wahrsagung (s. d.). 42 ) Oben 2, 121. 43 ) Nach
freundlichen Mitteilungen von Hrn. Pastor
Mag. W. Wiren (Borgä). 44 ) Eisei Voigtland 235
Nr. 589; Köhler Voigtland 401. 45 ) Drechsler
1, 28; Heimatgaue 7, 6; John Westböhmen 3;
MschlesVk. 21, 68 Nr. 20 (Antonin v. Florenz: per
prima verba, que audierit ab extra); Witzschel
Thüringen 2, 176 Nr. 40. 46 ) Witzschel a. a. O.
47 ) Eisei 235 Nr. 589; Köhler 401; vgl. oben
I, 858. 48 ) John Westböhmen 3. 49 ) Meiche
Sagen 234 Nr. 296. 60 ) Köhler 401; Urquell
1, 103; WZfVk. 33, 23; 34; 63. 61 ) Kapff
Festgebräuche 50. 62 ) Brunner Ostdt. Volksk.
160; Eisei 235 Nr. 589; Urquell N. F. i, 165
(solange man sich außerhalb der Dachtraufe
befindet; warnende Sage von der Bestrafung
einer Ubertreterin dieses Gebotes). 53 ) Eisei
a. a. O. 84 ) Eisei a. a. O.; John Westböhmen 8;
Zauberdreieck: Drechsler 1, 26. ö5 ) Eisei 45
Nr. 100; 60 Nr. 133; 235 Nr. 589; Köhler 401.
6a ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 506. 67 ) Grimm
3, 470 Nr. 962; vgl. 3, 465 Nr. 854. 68 ) Antonin
v. Florenz in MschlesVk. 21, 68 Nr. 20.
*®) Meiche Sagen 234 Nr. 296. ®°) John Erz¬
gebirge 141; John Westböhmeny, Klapper Schles.
Volksk. 251; Schönwerth Oberpfalz 1, 139;
Jungbauer Bibliographie 137 Nr. 822; 139
Nr. 831. 61 ) Heimatgaue 7, 6. 62 ) Kuhn u.
Schwartz 376 Nr. 34 (Uckermark; der Be¬
fragende reitet vorher auf einem Besen zum
Schweinestall). 63 ) Weinhold Ritus 44, der auf
den einst in Norwegen und auf Island ge¬
brauchten blötspann, Opferspan, verweist.
M ) John Erzgebirge 142; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 139. ® 6 ) Schönwerth a. a. O. (drei¬
mal). M ) Heimatgaue 7, 7 (Zwetschgenbaum);
Lehmann Sudetendt. Volksk. 128; Drechsler
1, 4 (Birnbaum). ® 7 ) Heimatgaue 7, 7. 68 ) Ebd.
3, 291. ® 9 ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 507;
ZfVk. 4, 315 (Ungarn). 70 ) Männling Alber¬
täten 196. 71 ) Wuttke 238 § 341. 72 ) Ur¬
quell N. F. 1, 165. 73 ) Ebd. 74 ) Ebd.; Eisei
Voigtland 235 Nr. 589; Grimm Myth. 2, 932;
John Erzgebirge 181. 75 ) Brunner Ostdt.
Volksk. 160; WZfVk. 34, 63; ZfVk. 9, 442.
7< ) Brunner a. a. O.; ZfVk. 9, 442. 77 ) Köhler
Voigtland 401. 78 ) ZfVk. a. a. O.; Brunner
a. a. O.; Köhler a. a. O. (Läuten auch = Feu¬
ersbrunst, vgl. Eisei Voigtland 235 Nr. 589);
John Westböhmen 3. 79 ) John ebd. 80 ) Kapff
Festgebräuche 50; auch die verschiedenen Ge¬
bräuche beim H. in den Höllhafen werden auf
den Beruf des Zukünftigen gedeutet: Panzer
Beitrag 1, 265. 81 ) WZfVk. 34, 63. 82 ) Ebd.;
ZfVk. 9, 442. M ) Urquell N. F. i, 165. **)
MschlesVk. 2, 48. w ) „per prima verba":
Antonin v. Florenz in MschlesVk. 21, 68 Nr. 20.
86 ) Drechsler 1, 28; Heimatgaue 7, 6; Ho-
vorka-Kronfeld 2, 175; John Westböhmen 3:
.»Ich kloapf oan und fräigh, wos i kröich an
Moa"; Urquell 1, 103. 87 ) Grimm Myth. 2,
936; John Erzgebirge 142; vgl. oben 1, 257
Anm. 22. 88 ) Kuhn u. Schwartz 376 Nr. 34;
Schön werth Oberpfalz 1, 138; Wrede Rhein.
Volksk. 2 127, vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 101.
8 ®) John Erzgebirge 142. ®°) Drechsler 2, 86.
fil ) Köhler Voigtland 401. ® 2 ) WZfVk. 33, 23.
93 )BrunnerÖ5^/. Volksk. 160; John Erzgebirge
142. ® 4 ) Heimatgaue 7, 7. ® 5 ) John a. a. O.;
Jungbauer Bibliographie 103 Nr. 831; Schön-
werth Oberpfalz 1, 138. ® 6 ) Drechsler 1, 8 f.
John Erzgebirge 142; John Westböhmen 3;
Schnippei Ostpreußen 2, 159 Anm. 7; Verna -
leken Mythen 339. Läßt sich kein Hund ver¬
nehmen, so besteht keine Aussicht auf Heirat im
kommenden Jahr, s. D. Stoppe bei Weinhold
Ritus 7: „Man deckt den Tisch, man schüttelt
Zäune, und schweigt der Hund, so fällt der
Schluß, man bleibe noch dieß Jahr daheime";
vgl. a. John Erzgebirge 141 = so oft der Hund
bellt, so viel Jahre sind es noch bis zur Hochzeit.
® 7 ) Drechsler a. a. O.; John a. a. O.; Köhler
Voigtland 400; Lehmann Sudetendt. Volksk.
127; Manz Sargans 140; Meyer Baden 167;
MschlesVk 1, 58. 2, 48; Nork Festkalender 750;
Peuckert Schles. Volksk. 118; Schnippei Ost¬
preußen 2, 160; Urquell 1, 100; ebd. N. F. 1, 71;
Vernalekena. a.O.; Witzschel Thüringen 2,
155 ; Wolf Beiträge 1, 71. ® 8 ) Meyer Baden 167.
®*) Drechsler 1, 24; Schnippei 2, 159 t.
10 °) Drechsler 1, 8;MschlesVk. 1,58; Peuckert
Schles. Volksk. 118 (den „Reenzaun" muß
außerdem der Sohn eines Vaters mit gleichem
Vornamen errichtet haben); Schnippei a. a. O.
101 ) Drechsler 1, 9; John Erzgebirge 141;
Schnippei a. a. O.; Witzschel Thüringen 2,
177 Nr. 48. 102 ) Vernaleken Mythen 336.
103 ) Lehmann Sudetendt. Volksk. 127. 104 ) WZf¬
Vk. 33, 11 (moderner Großstadtaberglaube).
106 ) John Erzgebirge 142; Köhler Voigtland 572
Nr. 190. 106 ) Drechsler 1, 8f.; John a. a. O.
(auch an die Wäschestange); MschlesVk. 1, 58;
2, 48; Schulenburg Wend. Volksth. 127;
Vernaleken Mythen 336; 107 ) Jungbauer
Bibliographie 139 Nr. 831; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 138; Urquell N. F. 1, 309. 108 ) Drechs¬
ler 1, 9;Peuckert Schles. Volksk. 118. 10 ®) John
Westböhmen 3. no ) Lehmann Sudetendt.
Volksk. 127. m ) Manz Sargans 140; Urquell 1,
100; Vernaleken Mythen 336; WZfVk. 33,
11; John Erzgebirge 142 (das Mädchen horcht
hinter dem Astloch einer Bretterwand kniend,
bis Hundegebell ertönt). 112 ) Marquardt
Ostpr. Heimat 6 bei Schnippei Ostpr. 2, 160.
ll3 ) Nach Müller-Fraureuth Wörterbuch 2,
527 scheint heute das H. auch in Sachsen nicht
mehr üblich zu sein. ll4 ) ZfVk. 4, 315 f.
118 ) Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 39; Ur¬
quell N. F. 1, 309. 116 ) S. oben Sp. 315. U7 ) Ze-
lenin Russ. Volksk. 379. 11? a) Sebillot Folk-
Lore 3, 101. 118 ) ZfVk. 2, 401. 119 ) Urquell 4,
117. 12 °) Grimm Myth. 2, 934 Anm. 2. 121 ) ZfVk.
27, 102. 122 ) Cicero De divinatione 1, 46; Va¬
lerius Max. 1, 5, 4. 123 ) Heimatgaue 7, 6.
124 ) Kapff Festgebräuche 50. 125 ) John West-
.
325
Horn I
326
i>
ff
fr
T
böhmen 3. 8. 126 ) Abraham a S. Clara b.
Schultz Alltagsleben 5. 127 ) Schmeller 1,
1519; Grimm 3, 322; vgl. Los. Boehm.
Horn I.
i # Bei den verschiedensten Völkern gilt
das H. als ein wirksames Schutzmittel
gegen böse Mächte und dämonische Ein¬
flüsse J ). Man glaubte, daß die gewaltige
Kraft, die das lebende Tier durch es be¬
sitzt, selbst dann noch dem H. innewohnt,
wenn es vom Tiere abgetrennt ist. Aus
diesem Grunde wurden ehemals als Haus¬
schutz Büffelhörner, Renntiergeweihe oder
H.figuren an Häusern im Bergischen 2 )
und in Sachsen 3 ) angebracht. Bei
Augustenburg auf Alsen waren im 18. Jh.
die Giebelbretter noch wie Ochsenh.er
geformt, ähnlich den jetzigen auf der
dänischen Insel Lolland 4 ). In Branden¬
burg werden Ziegenh.er am Hausgiebel
befestigt zum Schutze gegen Blitz 5 ).
In Böhmen wird mit dem H. eines weißen
Ziegenbocks die Scheuer ausgeräuchert,
wodurch Ratten und Mäuse ferngehalten
werden 6 ). Überhaupt bringt Ziegenh.
Glück 7 ). Im Salzburgischen dient H.
als Schutz gegen Giftschlangen. Durch
H.teile, die am Körper getragen werden,
ist man vor Seuchen gefeit 8 ). Um Wanzen
zu vertreiben, siedet man die vom Be¬
schlagen eines Pferdes herrührenden Horn¬
abfälle, mit denen man dann die Bett¬
laden bestreicht 9 ). Zum Schutze der
Rinder sägt man in Woldenberg ein Stück
vom H. ab und heftet es mit einer Nadel
an den Futtertrog 10 ). Auf diesen ur¬
sprünglich weitverbreiteten Brauch geht
wohl eigentlich das H.abschneiden zu¬
rück, das im Frühjahr, bevor das Vieh
auf die Weide getrieben wurde, feierlich
vorgenommen wurde 11 ). Das in der
Kirche zu Woldegk aufgehängte H.
schützt das in diesem Dorf befindliche
Vieh vor der Seuche 12 ). Wenn in Alpirs-
bach die Eltern ihre Kinder auf das über
dem Portal ihrer Kirche hängende H. hin-
weisen 13 ), soll wohl dieser Anblick die
Kinder gegen Seuchen gefeit machen.
Auch zu Heilzwecken kommt das H.
vor. Wer plötzlich stumm wird, schabe
etwas von einem Rindsh. und lege es
in „Meyeron Wasser und trink's, dan es
hilfft“ 14 ). Schlaflosigkeit glaubt man in
Island dadurch heilen zu können, daß
man einem daran Leidenden ein Ziegenh.
unter den Kopf legt 15 ). Vor einem
Widderhorn, das verbrannt wird, fliehen
nach isländischem Glauben Geister und
Dämonen 16 ).
l ) Fehrle Geoponica 21; Seligmann
Blick 2, 135—138. 375 ff. ; Scheftelowitz
ARw. 15, 474 ff. 2 ) Schell Globus 91, 364;
Z. E. 1898, 40f. 3 ) Wuttke Sachs. Volksk. 2 454.
4 ) Meyer Deutsche Volksk. 70. 5 ) ZfVk. 1, 190.
6 ) Grohmann 62; Wuttke 3 126. 7 ) Müller
Jsergeb. 12. 8 ) ZfVk. 31, 93. ®) Manz Sargans 95.
10 ) ZfVk. 1, 187. u ) Birlinger Aus Schwaben 2,
349; Bronner Sitt’ u. Art 172; Fabricius
Deposition 65. 12 ) Bartsch Mecklenburg 1, 361.
13 ) Birlinger Volksth. 1, 156. 14 ) Zahler
Simmenthal 78. 15 ) ZfVk. 13, 273. 18 ) ebd. 13, 275.
2. Ebenso wie die Asche, die ein be¬
sonders wirksames Schutzmittel gegen
Unheil ist, wenn sie an Fastnacht, hl.
Abend und Ostern angewandt wird, ist
auch die an den gleichen Festen vor¬
kommende H.figur zu beurteilen. H.-
artige Gebäcke spielen nicht nur in
der Osterzeit 17 ) und am hl. Abend
(= Bachl-Abend) 18 ), sondern vor allem
an Fastnacht eine Rolle. Das zu letzterem
gebackene H.gebäck heißt H.affe, das
als Doppelhorngebäck, dann auch als
Kringelgebäck vorkommt 19 ) (s. Sp. 337).
17 ) Höfler Ostergebäcke 66. 18 ) WZfVk. 31, 93.
19 ) Höfler Fastengebäcke 51 ff. 80.
3. Als Behälter ist das H. das Symbol
der Fülle und des Gedeihens (= Füll¬
horn) 20 ). Das Trinkh. war bei den alten
Germanen üblich 21 ). In der Mythologie
trinken Odin und Mimir aus Hörnern 22 ).
Die christliche Kirche verbot den Neube¬
kehrten den Gebrauch der Trinkh.er. Nur
wo keine anderen Geschirre vorhanden
waren, durfte man aus den H.em trinken,
wenn man zuvor das Kreuzzeichen darüber
gemacht hatte 23 ). Die Sage vom unheil¬
bringenden Trinkh. der Grafen v. Olden¬
burg scheint auf dieses christliche Verbot
zurückzugehen 24 ).
*°) Grimm Mythol. 2, 726 f.; Helm Relig-
gesch. 1, 393; Wissowa Relig. 180. 269; Gün-
tert Kalypso 55. 243; Usener Sintflut 267;
Scheftelowitz ARw. 15, 485. 2l ) Grimnism.
1, Qvida Brynhildar I, 2. 22 ) Das. I, 13; Sim-
rock Mythol . 6 211. 23 ) Widlak Synode v.
Liftinae 30. 24 ) Wolf Beitr. 2, 276; Urquell
4, 208.
327
Horn II
328
4. Reste der primitiven Tierverehrung
sind in der Vorstellung enthalten, daß
Götter und Dämonen H.er auf dem Haupte
tragen 25 ). In der Gegend von Lausanne
kommen gehörnte Männlein 26 ) und bei
den Angelsachsen gehörnte Dämonen
vor 27 ). Altchristlich ist der Glaube, daß
der Teufel H.er hat 28 ). Er spießt in
Gestalt eines Ochsen einen Genossen des
hl. Martinus (4. Jhdt.) mit seinen H.ern
auf 29 ). Die Deutschen haben sich den
Teufel ursprünglich als schwarzen Bock
vorgestellt. Von ihm hat er seinen
Bocksfuß und seine H.er 30 ). Ebenso wie
in Indien Dämonen, die die Frauen heim’
suchen, H.er in den Händen haben 31 ),
haben die Hexen der Walpurgisnacht ein
H. in der Hand 32 ). Diese Vorstellung
stammt aus der Kulturstufe, in der die
H.waffe üblich war 33 ). So tötet Freyr
mit einem Hirschh. den Beli 34 ).
26 ) Schef telowitz ARw. 15, 460 ff.; ders.
Altpersische Rel. 98 ff. 26 ) Roch holz Sagen 1,
345. 2? ) Fischer Angelsachsen 13. 28 ) Schef -
telowitz Altpers. Rel. 99. 29 ) Grimm Myth.
946 f. 961; Deutsche Rundschau 1875, Bd. 4,
342; Schmitz Eifel 2, 60; Schell Bergische
Sagen 85, 574; Grupp Kulturgesch. d. MA.s 2 38;
Schönwerth Oberpfalz 3,40. 30 ) Atharvaveda
VIII 6 , 14. 31 ) Simrock Mythol . 6 471; Kuhn
u. Schwartz 26 ff. 471 f. 32 ) Simrock
Mythol .* 64. 330.
5. Uber den Ursprung der Redewen¬
dungen: „jemd. H.er aufsetzen“ und
,,sich die H.er ablaufen“ s. Ger¬
mania 4, 237; 29, 59 f.; Weigand-Hirt
Deutsches Wb. 1, 891. Scheftelowitz.
Horn II (Musikinstrument) und Trom¬
pete (T.). Man hat den T.ninstrumenten im
Laufe ihrer Geschichte und der Entwicke¬
lung menschlicher Kultur zauberhafte und
sakrale Wirkungen in verschiedenster
Hinsicht zugeschrieben. Im deutschen
Volksglauben hat sich von solchen An¬
schauungen vor allem jene erhalten, die
dem Klange dieser Instrumente eine dä¬
monenabwehrende Kraft zuschreibt. Das
zeigt sich an folgenden Belegen. In Zei¬
ten, da nach der Volksanschauung die
Macht schädigender Geister besonders
groß ist, bläst man H.er. So ertönen im
Westfälischen allabendlich von Advent
(s. d. 2 d) bis zur Christmette die Midde-
winters- oder Dwerth.er 1 ). In Tirol
ziehen in der Klöpfelsnacht junge Bur¬
schen mit allerhand Lärminstrumenten
aus, angeführt von Bock- 2 ) oder Kuh¬
hornbläsern 3 ), um die schlimmen Geister
abzuwehren. Die pommerische Sitte, daß
in der Silvesternacht der Nachtwächter
vor jedem Hause bläst und hiebei von
der mit Nachtwächterh.ern und Heul¬
instrumen ten versehenen Jugend unter¬
stützt wird 4 ), hat wohl ebenfalls eine
apotropäische Entstehungsursache. Wenn
in der Walpurgisnacht die Dorfjugend ins
Feld eilt, um durch allerhand Radau die
Hexen zu vertreiben, so fehlt auch hiebei
nicht der Klang desH.s 5 ),und man glaubt,
so weit dieser reiche, müsse die Hexe sich
entfernen 6 ). Auch in den täglichen Kampf
mit den Nachtgespenstern stellt das H. seine
Dienste: wir müssen hieher die Übung
schweizerischer Sennen rechnen, beim all¬
abendlichen Einsegnen der Alpen das
Alph. zu blasen 7 ), und der letzte Grund
für die einst geübte Sitte, den Morgen¬
gruß zu blasen, war wohl ebenfalls der
Wunsch, mit diesen Tönen die Nacht¬
gespenster endgültig zu verbannen 8 ).
Hingewiesen sei hier auch noch auf das
von den Juden an den Neumondstagen
und zu Jahresbeginn ausgeführte Scho-
farblasen, dessen Zweck einst ebenfalls
gewesen sein dürfte, die Dunkelheit zu
verscheuchen 9 ).
Da Gewitter nach verbreiteter Vor¬
stellung Unholdswerke sind, glaubt man
sich gegen sie ebenfalls durch das Blasen
von H.ern schützen zu können 10 ). Im Vor¬
lande des Böhmerwalds ist das Blasen
des Wetterh.s Pflicht des Türmers, der
zur Entschädigung von der Gemeinde das
sog. ,,Hörnlkorn“ erhält 11 ). Solche H.er
dürfen keinem profanen Zwecke die¬
nen 12 ); es heißt auch, sie müßten von
einem reinen Jüngling geblasen werden,
sündige könnten keinen Ton aus ihnen
herausbringen 13 ), oder man müßte einen
geweihten Handschuh anziehen, bevor
man das H. ergreife 14 ).
Da man bei Mondfinsternissen vielfach
glaubte, das Gestirn sei von einem schlim¬
men Wesen bedrängt, das es zu ver¬
schlingen sucht, sprang man ihm durch
Lärmen und H.blasen bei 15 ), eine Sitte*
329
Horn II
330
die nicht nur Primitive, sondern auch
unsere heidnischen Vorfahren ausübten 16 ).
Auch Krankheit gilt dem Primitiven
als Dämonenwerk, T.ngeschmetter wen¬
det er als Heilmittel an 17 ). In anderem
$ Sinne wird die T. bei Geschwüren hei¬
lend gebraucht in Siebenbürgen: man
bläst das Instrument über dem Ge¬
schwür, richtet dann ein Gebet an den
hl. Blasius (!), er solle die Krankheit in
denWald treiben, und stößt hierauf einige-
male in die T. in Richtung des Waldes 18 ).
Bei vielen Völkern spielen H. und T.
. eine starke Rolle in deren schärfster
und aufregendster Lebensbetätigung, im
Kampfe. Auch hier spielt das Dämonische
mit: wie sehr man überzeugt war, in der
Schlacht nicht nur gegen den Feind selbst,
sondern auch gegen allerhand von diesem
angestellten Zauber ankämpfen zu müs¬
sen, dafür bieten u. a. nordische Sagas
i) eine Menge Beispiele. Man erlebte das
Heerh. aber nicht nur als Schreckmittel,
sondern fühlte unter seinem Klange die
eigene Kampfesfreude angefacht und die
Siegeszuversicht gesteigert 19 ). Aus sol¬
chen Erlebnissen heraus entstehen die
Sagen von Heerh.ern mit zauberhaften,
siegesfördernden Eigenschaften: von Ro¬
lands Olifant, der meilenweit gehört
> wird 20 ), von den Hörnern, deren Ton die
l _ *
Erde erzittern macht 21 ) und Mauern,
Festungswerke, Städte und Dörfer über
den Haufen fallen läßt 22 ); man umrankt
berühmte Schlachthörner, wie den ,,Stier
von Uri“ mit Sagen, die ihren mythischen
Ursprung erweisen sollen 23 ), und es ist
verständlich, daß noch in neuester Zeit
das H. bei einem Regimente als sein Ta¬
lisman gelten konnte 24 ). Genannt wer¬
den muß hier auch das Gjallarh., das
nach der nordischen Weltuntergangssage
Heimdall einst blasen wird; man wird es
in allen Welten hören und die Scharen
der Hel werden über seinem Klang er-
* zittern 25 ). Auch in der christlichen Es-
|j chatologie wird das Ende der Dinge
^ durch H.- 26 ) bzw. Posaunenstöße ein¬
geleitet 27 ).
Aus dem Erlebnis des H.s als dem In-
= . Strumen t, mit dem man sich Hilfe herbei-
? rief, entstehen Sagen von Zauberh.em an¬
derer Art. So sollen die Herren von Buren
ein Hifth. besessen haben, das, in der
Gefahr geblasen, einen geharnischten Rit¬
ter als Helfer herbeirief 28 ). Auch in einer
siebenbürgischen Sage werden durch das
Blasen eines H.s dämonische Geister dem
Besitzer untertan 29 ). Für den Türmer
soll es gefährlich sein, nach einer gewissen
Richtung hinauszublasen (Nord oder Süd),
da sonst die Toten aus den Gräbern er¬
stehen und Rache nehmend am Turme
hinaufklettern 30 ), oder gar der Teufel
kommt und dem Türmer das Genick
bricht 31 ).
Auf einer anderen magischen Eigen¬
schaft als der des Dämonenverscheu-
chens 32 ) beruht die Verwendung des H.s
im Fruchtbarkeitszauber 33 ). Ob als ein
letztes Aufflackern solcher Gedanken¬
gänge zu buchen ist, wenn im Saarge¬
biet die Begleiter des Pfingstquacks auf
„Tuten“ blasen, die sie sich aus Erlen-
rinde verfertigt haben 34 ) ?
Daß bei diesen verschiedenfachen ma¬
gischen Verwendungen H. und T. in vie¬
len Kulten einen hervorragenden Platz
sich sicherten, leuchtet ein 35 ). Für das
germanische Gebiet sei in dieser Hinsicht
an die vorgeschichtlichen Luren er¬
innert 36 ).
x ) Sartori Westfalen 2 135 mit weiteren Be¬
legen S. 197. Ebenso in Südholland s. Curt
Sachs Geist und Werden der Musikinstrumente
(Berlin 1929) 85. 2 ) Hermann Mang Unsere
Weihnacht (1927), 24. 3 ) Hörmann Volksleben
220. 4 ) BlpommVk. 4, 75. 6 ) Herzog Volks -
feste 212; Reinsberg Fest fahr 137; Bavaria
3, 302 f. Vielleicht lag einst dem in Schweden
geübten H.blasen als Zauber oder Schreck¬
mittel gegen Raubtiere (Dybeck Vallvisor
S. IV; s. ferner Budkavlen 8/2, 21 f.) eine ähn¬
liche Anschauung zugrunde. ®) Schönwerth
Oberpfalz 1, 317; Bavaria 2, 272; vgl. ZföVk. 13,
20 (Gottschee). 7 ) Sachs Geist und Werden
33 = Sammelb. der intern. Musikges. 1900,
II, 669; nach der Sage verziehen sich auch die
Naturgeister infolge des Blasens, so im Ennstal
die Wildfrauen, seit das Wurzhomblasen auf-
gekommen ist: Das dtsche Volkslied 28 (1926),
12 u. 79t. 8 ) Curt Sachs Die Musikin¬
strumente (Breslau 1923), 22. 9 ) So Sachs
Geist und Werden 132; Reik sieht in Probleme
der Religionspsychologie 1 (1919), 211 in dem
Blasen des Widderh.s die Nachahmung der
Stimme des einst totemistisch als Widder
verehrten Judengottes. S. a. ARw. 15, 486.
10 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 120 f. ; ZföVk. 17,
33i
Horn II
332
49 (Böhmerwald). Bei Tharsander Schau¬
platz 3, 95 ist die, den Otia imperialia des
Gervasius von Tilbury entnommene Legende
vom hl. Simeon wiedergegeben: dieser soll einst
einem Soldaten ein H. geschenkt haben, das
während eines Unwetters geblasen alle Gewitter¬
furcht schwinden läßt und bewirkt, daß das
Unwetter keinen Schaden anrichtet, soweit
der Schall des H.es reicht. n ) Bavaria 2, 272
Anm. 1. 12 ) ZföVk. 2, 191. 13 ) ebd. 2, 128 mit
weiterer Literatur. I4 ) SuaZfVk. 2, 73. 131
(noch 1879 geblasen). — Tschechische Belege s.
ZföVk. 2, 336; 3, 191. Tont.n der Bretagne für
Wetterzauber s. Sachs Geist u. Werden 151.
lß ) z. B. ARw. 3, 114 (Aschanti); nach Tacitus
Ann. 1, 28 bliesen die pannonischen Legionen im
Jahre 14 n. Chr. bei einer Mondfinsternis ihre
H.er (s. a. Samter Geburt 79). lß ) Bronner Sitt*
und Art 23f. mit Anm. 11 S. 349 f. 17 ) Frazer
9 [6], 116. 117 (gegen Cholera in Birma und
China); ARw. 15 486t.: Garo in Assam; sla-
vische Juden bei schweren Geburtswehen und
bei Besessenen. 18 ) Wlislocki Sieb. Volksgl. 93.
19 ) S. a. Sachs Geist u. Werden 36; dort auch
Hinweis auf die aus der Mythologie bekannten
Schneckent.n Vishnus und Tritons, die ihren
Bläsern zum Sieg verhalfen. 20 ) Rolandslied
hrsg. v. Bartsch V. 6053 ff.; Sebillot Folk-
Lore 4, 335; Staricius Heldenschatz (Ausg.
v. 1623 S. 45) mißt dem H.e Rolands die
magische Kraft zu, die Feinde in die Flucht
zu schlagen auf Grund von ,»glaubwürdigen
Historien von Rolando". S. a. Salmon und
Morolf , hsg. v. Fr. Vogt (Halle 1880) XLIIff.
(russ.). 21 ) Kudrun hsg. von Martin V. 1394.
22 ) Bolte-Polivka 1, 464 ff. zu Grimm
Märchen Nr. 54; Aar ne in Memoires de
la Soci6te finno-ougrienne 25 (1908), 83 ff.
Am bekanntesten ist die Sage vom Einsturz i
der Mauern Jerichos (Jes. 6, 4), die manches
Kopfzerbrechen gekostet hat in dem Bestreben
nach rationalistischer Erklärung: s. Tharsan¬
der Schauplatz 3, 310 ff.; vgl. Reik Probleme
der Religionspsychologie 1, 181; Sachs Geist,
und Werden 132. S. a. Rolandslied hsg. v.
Bartsch S. 305 ff.; L. M. Lindemann u Kläre
og nyere Norske Fjeldmelodier Nr. 322. 23 )
Rochholz Sagen 2, 14. 24 ) Kronfeld Krieg
79 f. 25 ) Gylfaginning cp. 26 und 45 (Ausg. von
F. Jönsson S. 30 u. 51); Voluspd Str. 46.
Das Gjallarh. wurde von Mythologen schon als
Mondsichel gedeutet: Simrock Myth. Q 211,
ferner als Gewitter oder Sturm: ZfdMyth. 2,
311 f. Anm. 4 (Mannhardt). In der indischen
Mythologie bläst Shiva am Ende aller Zeiten
in die Schneckent.: Sachs Die Musikinstru¬
mente Indiens 168. 26 ) Muspilli V. 73. 26 ) S.
auch die Belege bei Buhle Die musik. In¬
strumente in den Miniaturen des Mittelalters 1
(Leipzig 1903), 22. 26. 28. 28 ) Argovia 17, 44
mit weiterer Lit. 29 ) Haltrich Siebenb. Sachsen.
®°) Gräber Kärnten 198. 31 ) Jahn Pommern
265 f. = Temme Volkssagen Nr. 119. 32 ) Vgl.
Sachs Geist und Werden 33. 35. 33 ) S. dazu
ebd. 85. Fox Saarl. Volksk. 415. 35 ) Vgl.
Sachs Geist und Werden 151; ders. Altägyptische
Musikinstrumente (Leipzig 1920), 9; Frazer 2,
2 4 (Botutos); Sachs Die Musikinstrumente
Indiens 168; T. blasen bei der Feier der Wieder-
erstehung des Dionysos: Frazer 7 [5, 1], 15;
beim Herbeirufen des Lenzgottes Attys: Sachs
Die Musikinstr. Indiens 17 f.; beim Purimfest
der Juden des Mittelalters in Italien: Frazer
Scapegoat 394. Bei den Totenfeiern hat das T.n-
blasen vermutlich dämonenabwehrenden Zweck;
für das antike Rom bezeugt durch Horaz sat.
I, 6, 42, s. a. Pauly-Wissowa 11, 1, 263 und
Sachs Geist und Werden 193; die Juden blasen
das Schofar beim Leichenbegärgnis * ARw. 15,
487; in Indien werden beim Verscheiden eines
der Krieger-Kaste Angehörigen vom Augenblick
des Todes bis zur Beendigung der Totenfeier
zwei Tuben geblasen: Sachs Die Musikinstru¬
mente Indiens 169. S. a. Das dtsche Volkslied 26
(1926), 78 (Rumänien) und Sachs Geist und
Werden 79. Schneckent.n spielen in totemisti-
schen Kulten eine ausgebreitete Rolle: Sachs
Geist und Werden 34t., ebenso Tuben: ebd. 32 f.
36 ) s. Prähistorische Zeitschrift 7, 85 ff.; Ebert
Reallexikon 8, 356 ff. (Behn).
2. Zu schädigendem Zauber benützen
das H. die Hexen: sie wissen mit ihm Nebel
zu erzeugen 37 ). Es scheint dies ein alter
Wahn zu sein, denn bereits in der Kaiser¬
chronik wird die Hexe als hornbläse be¬
zeichnet 38 ), und auch späterhin läßt sich
dieses Wort als Bezeichnung für ,,Wetter¬
hexe“ nachweisen 39 ).
37 ) Hertz Elsaß 203 = Dorlan Noiices histo-
riques sur l'Alsace 2, 213 (Colmar 1843). 38 ) Hsg.
v. Ed. Schräder (Hannover 1892) V. 12184,
s. a. Lexer Mhd. Handwörterbuch 1, 1341. Vgl.
ferner Child The English and Scottish Populär
Ballads 1, 314. 3Ö ) Sc hm eil er BayWb. 1, 1164.
3. H.er- und T.ntöne glaubt das Volk in
Verbindung mit allerhand Spuk zu ver¬
nehmen. Regimentstrompeter aus dem
Dreißigjährigen 39a ), den Schweden- 40 ) oder
Befreiungskriegen 41 ) will man an bestimm¬
ten Stellen als Geister noch ihr Instrument
blasen hören; bei einer Ruine im Vogtland
bläst zu gewissen Tagen der einstige Burg¬
trompeter das Lied: ,,Allein Gott in der
Höh’ sei Ehr“ 42 ); in einem andern Falle
spinnt man um vermeintlich vernommene
T.n-töne die Sage von einem Trompeter,
der, wortbrüchig, wieder ins Kriegsleben
sich zurückbegab und von seiner Frau ver¬
flucht wurde 43 ). Als in München ein Turm
eingerissen werden sollte, auf dem der
Zug des Kaisers mit Adel und Ritterschaft
angemalt war, hörte man nachts die Rei¬
sigen unter T.ngeschmetter abziehen 44 ).
333
Horn II
334
Eine fränkische Sage weiß von einer vor¬
nehmen Jagdgesellschaft zu erzählen, die
wegen frevelhaften Jagens geisten muß;
wenn sie umgeht, hört man in der Luft
lustigen, wunderlieblichen H.erklang 45 ).
Fährt in stürmischer Nacht die wilde
Jagd einher, so glaubt man unter dem Ge¬
kläff der Hunde und dem Hussarufen der
Jäger auch das Blasen der Jagdh.er zu
vernehmen 4Ö ); in Schwaben läßt man den
Schimmelreiter hörnen, der dem Muotes-
her warnend voraussprengt 47 ). Verein¬
zelt spricht man auch von T.ntÖnen, die
man beim wilden Heer vernahm 48 ).
Schon Fleming, der in seinem „Vollkom¬
menen Teutschen Jäger“ 49 ) auf die Vor¬
stellungen vom wütenden Heer zu spre¬
chen kommt, gibt eine natürliche Er¬
klärung für die angeblich dabei gehörten
H.erklänge: „Eshat dergleichen Klang öf¬
ters seine natürlichen Ursachen, wenn der
Wind an die Spitzen der Bäume antrifft,
so klingt es oft so helle, als ob in ein Hifft-
hom gestoßen würde“. An Stelle des wil¬
den Heeres treten in den Sagen auch ein¬
zelne gespenstige Jäger auf. Diese wil¬
den 50 ), ewigen 51 ), verlorenen 52 ) oder
Nachtjäger 53 ) meint man ebenfalls ins
H. stoßen oder trompeten 54 ) zu hören.
Nach der Zimmemschen Chronik 55 ) soll
einst ein fahrender Schüler dem wilden
Jäger das H. vom Maul weggeschlagen
haben; dieses sei zu ewigem Gedächtnis
in der Kirche zu Büttelschieß aufgehängt.
Eine besondere Bewandtnis hat es mit
dem H. des „Türst“ (s. d.), des höllischen
Jägers, der nach Joh. Cysats Beschreibung
auf dem Pilatus nächtlicher Weile sein
Unwesen treibt 56 ). Er verwirrt das Vieh
und „ergelltet“ es, und um seiner habhaft
zuwerden, bläst er sein Jägerh.: „damües-
sent die armen Thier erschynen“ 57 ).
Angefügt sei hier noch, daß auch Holda
mit H.erschall und Hundegebell durch
die Luft fahren soll 58 ).
Vermeintlicher H.ertön weckt aber auch
die Vorstellung des Postillons. Nach
einer Kärntner Sage geht nachts der
„wilde Mann“ als blasender Postillon um.
Hört man ihn in Frühlingsnächten, so ist
gute Ernte zu erwarten. Tritt man mit
Feuerspänen ins Freie, so ist im Nu alles
still, und man vernimmt weder Wagenge¬
rassel noch H.erklang 59 ). In Ödenburg
soll ein gespenstiger Wagen zum Stadttor
hereinzufahren pflegen, wobei der Postil¬
lon fortwährend und ganz richtig das
Postlied bläst 60 ). Auch der Teufel rum¬
pelt nächtlicherweile durch die Ortschaf¬
ten, die T. 61 ) oder das Posthörndl 62 )
blasend. Eine andere niederösterreichische
Sage weiß von einem Postillon zu berich¬
ten, dessen Frau versprochen hatte, für
ihn 3 Vaterunser zu beten; nach seinem
Tod meldet er sich bei ihr durch H.er¬
töne an 63 ).
Bei Neocorus ist eine Sage zu lesen, wie
die Bauern von Büsum Winters H.erklänge
vernahmen, als sammelte ein Hirte das
Vieh. Im nächsten Herbst ertranken der
betreffenden Bauernschaft bei einer
Springflut 100 Schafe 64 ).
Ohne nähere Ausschmückung erzählt
man sich in der Oberpfalz, daß am Drei¬
königsabend an einem bestimmten Orte
eine wunderschöne H.ermusik zu verneh¬
men sei 65 ).
39a ) Mnordböhm. Ver. Hmtforschg. u. Wander-
pfl. 4c (1927), 63 f. 40 ) Kühnau Sagen x, 507.
41 ) Meiche Sagen 77. 42 ) Eisei Vogtland 247
Nr. 614. 43 ) Wucke Werra 2 500. 44 ) Bavaria 1
(a), 330. 45 ) Schoppner Sagen 1, 274 f.; Bavaria
4 (a), 197. 46 ) Praetorius Blockes-Berges Ver¬
richtung (Leipzig 1668), 16 = Tharsander
Schauplatz I/7, 447; Paulus Christianus
Hilscher Dissertatio de excercitu furioso
(Lipsiae 1688) §1. §31; Vernaleken
Alpensagen 87. 89; Brandstetter Wuotan
152; Luck 79; Schönwerth Oberpfalz 2, 146;
Wolf Sagen 15; Wolf Niederländische Sagen
616 (Ardennen); Schell Bergische Volksk. 62;
Bunte Bilder aus Westpreußen 4, 47 f.
(aus dem H. fährt Feuer zur Abschreckung
der Holzdiebe). S. a. noch Kurt Taut
Die Anfänge der Jagdmusik (1928) 57 f.
Ähnlich in Frankreich bezüglich der ,,chasse
volante": Sebillot Folk-Lore 1, 172. 47 ) Rei-
hing Albheimat (Stgt. 1925) 337. 48 ) Deutsche
Blätter in Polen 3, 605. 49 ) 2 (1724), 35 f.
50 ) Schmitz Siebengebirge 112; Bechstein
Thüringen 2, 63 Nr. 191; Strackerjan 1,
370 § 247; Kas. Pfyffer Geschichte der Stadt
und des Kantons Luzern 1 (1850), 320. 61 ) Kuhn
Westfalen 2, 11; Lohmeyer Saarbrücken 2 43.
62 ) Gredt Luxemburg Nr. 1054. 63 ) Deutsche
Bll. in Polen 3, 604. — Vgl. noch Gredt Luxem¬
burg Nr. 849; Lyncker Sagen 14; Lohmeyer
Saarbrücken 2 88 Nr. 222; Jahn Pommern 221.
Ausland: Frankreich : S6billot Folk-Lore 1,
177 f. 274 f. Viel nacherzählt wurde früher ein
335
Horn II
336
angebliches Erlebnis König Heinrichs IV., der
im Walde von Fontainebleau eine Jagd unter
Blasen von Waldh.ern vorüberziehen hörte. Als
er nachforschen ließ, fand man im Gebüsch
einen großen, schwarzen Mann, von dem die
Landleute sagten, es sei ein Geist; sie hießen
ihn den „großen Jäger“: Tharsander Schau¬
platz I/7, 450; Venantius Diana Jagdge¬
schichten 474 Nr. 81; Brauner Curiositaeten
(Frft. a. M. 1733) 380 ff. Schweden:
Hylten-Cavallius 1, 215. 54 ) Grcdt Luxem-
bürg Nr. 280. 65 ) Hsg. v. Barack 2, 201.
68 ) Brandstetter Wuotan 123; Lütolf 462.
67 ) Brandstetter Wuotan 122. 68 ) Meyer
Germ. Myth. (1891) 280. 59 ) Gräber Kärnten 79.
#0 ) K. J. Sehr öer Beitrag zur deutschen Myth. und
Sittenkunde aus dem Volksleben der Deutschen in
Ungarn (Pressbg. 1855) 10. 61 ) Calliano Nie-
derösterr. Sagen 1, 93. 62 ) Ebd. 1, 76. ® 3 ) Ebd. 4,
20. M ) Müllenhoff Sagen 2 265 Nr. 398 = Neo-
corus 2, 319. ® 5 ) Schönwerth Oberpfalz 3,
147 .
4. H.blasende Naturgeister sind im Be¬
reiche des deutschen Kulturgebiets ver¬
hältnismäßig selten zu belegen 66 ). Eine
Berner Handschrift des 14. Jhs. erzählt:
Einst wurde ein Minorit von einem Ge-
spenste auf Schloß Biberstein entführt
und mußte dort nächtlicherweile mit
Zwergen (homines parvuli) tanzen. Gegen
Morgen stößt der Reigenführer in ein
Jagdh., und auch die übrigen Tänzer er¬
greifen ihre H.er; der Spuk verschwindet.
Der Minderbruder nimmt das H. mit;
es hatte ein völlig eigenes Aussehen; blies
man darauf, so schwoll einem der Mund
an 67 ). Im übrigen ist das H. als Blas¬
instrument elbischer Geister am bekannte¬
sten aus der Oberonsage 68 ). Die Kärntner
erzählen sich von einem Waldgeist, der
durch 3 Stöße in sein Hifth. den Schnee
wegbläst, die Himbeerstauden blühen und
dann reifen läßt 69 ).
86 ) Stärker sind dieselben in Skandinavien
vertreten: man kennt hier Sagen von Berg¬
geistern, die ihre Kühe hüten und dabei auf
ihrem H. den Kuhreigen blasen, s. Dybeck
Vaüvisor 2; eine Polska nach dem vom Bergtroll
abends geblasenen vallät bei Anderson
Svenska Lätar , Dalama 1, 15 f. Nr. 13. 14; ein
vaUät der Bergfrau ebd. 3, 98. S. ferner Norsk
Folkekultur 9, 124. ‘•Vgl. Ludw. M. Linde¬
mann sEldre og nyere Norske Fjeldmelodier
Nr. 449: Huldre-Lok. Hingewiesen sei hier
auch auf die Sage von den Mädchen aus dem
Kivletal, die, ihre Geißen hütend, so wun¬
derbar auf ihren H.ern spielten, daß alles Volk
aus der Kirche strömte, um völlig entrückt und
gebannt den zauberhaften Weisen zu lauschen:
Ivar Aasen Norske Minnestykke (1923) 75
mit Anm. S. 188. S. a. J. Halvorsen Norwe¬
gische Bauerntänze , freie Bearbeitung von Edu¬
ard Grieg (Leipzig bei Peters) S. 49 (darnach
waren die Mädchen die 3 letzten Heiden des
Tals); Ludv. M. Lindeman AEldre og nyere
Norske Fjeldmelodier Nr. 213. 67 ) Argovia 17
(1886), 127. 68 ) Das unwiderstehlich lockende
H. eines elbischen Wesens kommt auch in einem
zum Kreis der Ulingerballaden gehörigen Liede
vor, s.SverkerEk Den svenska Folkvisan 69 ff.;
Child a. a. O. Nr. 4a, s. auch Nr. 2 und
Nr. 61, Str. 18; Uhland Schriften 4 (1869), 63.
In den deutschen Entsprechungen (Erk-Böhme
Nr. 41.42) ist an Stelle der H.weise verführe¬
rischer Gesang getreten. In einigen der deut¬
schen Fassungen besitzt der Mädchenmörder
allerdings auch ein H.; dieses scheint die zau¬
berhafte Eigenschaft zu besitzen, Hilfe für
seinen Herrn herbeizurufen. 69 ) Gräber Kärnten 4
80 Nr. 96, 2.
5. Beim Hexensabbat bläst der Teufel
auf einem ,,verdrehten'‘ H. 70 ); Wanderer,
die in solche Gesellschaft gerieten und auf¬
spielen mußten, erkannten später, daß die
T., auf der sie, ohne alle Musikkenntnis
so wunderschön zu spielen vermocht hat¬
ten, ein Katzenschwanz war 71 ), ja daß
sie gar nicht das H. geblasen, sondern in
Wirklichkeit einer toten Katze die Ge¬
därme aus dem Leib gesogen hatten 72 ).
70 ) Fritz Byloff Das Verbrechen der Zau¬
berei (Graz 1902) 43 Anm. 63. 71 ) Kram¬
beer Mecklenburgische Sagen (1926) 115 f.
72 ) Haas Rügensche Sagen 6 (Stettin 1920), 71
Nr. 126.
6. Eine schauerliche Eigenschaft hat das
Höllenh.: wer mit ihm angeblasen wird,
steht plötzlich in hellen Flammen und
muß ewiglich brennen 73 ). Boten der Hölle,
ans Grab des Verbrechers entsandt, bla¬
sen, daß die Erde aus dem Grabe spritzt 74 ).
Auch im Märchen vom starken Hans tritt
der Teufel als H.bläser auf: er macht mit
dem Klang seines Instruments die ganze
Welt erzittern 75 ).
Gelegentlich stellt man sich auch den
Tod als mit einem „Totenh.“, das er
beim Totentanz führt, ausgestattet vor 76 ).
73 ) Strackerjan 2, 10 f. 71 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 129. 75 ) Schön we rth Oberpfalz 2,
275; vgl. ZfdMyth. 2, 310. 7 ®) Schweizld.2,1624.
7. Der Zauberh.er gibt es viele. Dem
Jäger dient ein solches, das jedes be¬
liebige Wild unter den Schuß laufen
läßt 77 ), dem Krieger ein solches, mit dem
ein Heer zusammengeblasen werden
337
Hornaffen
338
kann 78 ); der Märchenheld besitzt ein H.,
auf dem sich die schönsten Stücke spielen
lassen, ohne daß man das Blasen je gelernt
hätte 79 ). Gewisse H.er können nur von
besonders Berufenen geblasen werden 80 ).
Das unwiderstehlich zum Tanze zwin¬
gende H. ist vor allem aus der Oberon¬
sage bekannt 81 ).
77 ) VfoHHess. Sagen 84. 7S ) Bolte-Polivka !
1, 470; 2, 501. 79 ) ZfVk. 37, 119. 80 ) Vgl. Kurt
Taut Die Anfänge der Jagdmusik 58; ferner
Mann hardt Germ. Mythen 119 Anm. 4. 81 )
Bol te-Polivka 2, 501.
8. Andere Vorstellungen sind vereinzelt.
So soll ein Wildpächter, nachdem er ein¬
mal wilderte, nach 11 Uhr nachts keinen
Ton mehr aus seinem H. haben heraus¬
bringen können 82 ). In Cham soll der Hirte
beim Austreiben nicht blasen dürfen:
man glaubt, die Stadt stehe auf dem
Schweife eines ungeheuren Fisches, der
erschrecken und durch seine Bewegung
die Stadt zerstören könnte 83 ).
82 ) Pröhle Harz 199 Nr. 203. 83 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 179.
9. Nach älterem Aberglauben meinten
Leute, die in der Neujahrsnacht den Hir¬
ten nicht blasen hörten, sterben zu müs¬
sen 84 ). Aus dem Klange des zum neuen
Jahr geblasenen H.s zogen namentlich die
Juden Schlüsse auf die Zukunft 85 ); aus
seinem hellen Klange Glück zu prophe¬
zeien, sollen nach Männling aber nicht
allein die Juden in Übung gehabt haben 80 ).
84 ) Brevinus Norcius Fago-Villanus
Den in vielen Stücken allzu abergläubischen
Christen... (1721) 295. 85 ) Klingt das Scholar
nicht rein oder tritt eine Stockung ein beim
Blasen, so weist dies auf kommende Seuchen,
Hungersnot oder Pogrome hin: R e i k Probleme
der Religionswissenschaft r, 192. 88 ) S. 213.
Estnischer Abergl.: wer vor oder am Georgentage
ein H. nüchtern hört, wird taub oder stirbt noch
in diesem Jahre: Boeder Ehsten 85.
10. Hört ein Kranker im Traume T.n
oder Posaunen blasen, so bedeutet es ihm
den Tod, dem Knechte Befreiung vom
Dienst, den in einen Streit Verwickelten
Sieg. Hört man die Instrumente nur, so
bedeutet es Trauer, sieht man sie nur, hat
man Schrecken zu gewärtigen 87 ).
87 ) Traumbuch Artemidori (Straßburg 1624)
x66. Das LVII. Capitel. Seemann.
Homaffen. Dieses Gebäck wird mit
artocopus oder colympha glossiert x );
nach Du Cange ist artocopus jede Art von
feinem Gebäck 2 ), auch von colympha gilt
dasselbe 3 ), beides sind Klostergebäcke.
H. oder Hornachter heißen verschieden¬
artig geformte Gebäcke der Fastnachts¬
zeit; es sind bald Spitz wecken, bald Bre¬
zeln, bald Kringel, vor allem aber haben
sie Kipfform 4 ) (s. Kipf). Für Erfurt
bezeugt Stieler bei Grimm: species spi-
rarum mense Februarii Erfurti cocta-
rum 5 ). Heute sind in Erfurt die H.
oder Hornachter beliebt, runde mit Salz
bestreute Ringe, die wie Butzenscheiben
zusammengefügt sind 6 ). Am Nachmittag
des ersten Pfingsttages verkaufen die
Bardowicker bei der ältesten Kirche der
Gegend die Räderkuchen; diese sind
rund, in der Mitte durchlocht und auf
einer geschälten Weide aufgereiht; der
Rand ist gezackt 7 ). Zu vergleichen die
Fastenkringel in Königsberg, die ebenfalls
aufgereiht sind 8 ), ebenso die Bretzeln
an Lätare in Süddeutschland. In Mainz
findet am Sonnwendtag die Batzen¬
kuchenprozession statt, wobei die Teil¬
nehmer einen kleinen Fladen bekommen 9 ).
Beim Brunnenfest in Mühlhausen in
Thüringen backt man die Brunnenflietzel,
flache rautenförmige Kuchen 10 ). Am
meisten kommt die Hömchenform vor,
besonders die Doppelhornform. In Krails-
heim werden diese Doppelhörner zum
Stadtfeiertag oder H. gebacken,
zum Andenken an die Aufhebung
der Belagerung von Krailsheim (2. 2.
1380) n ). Auch in Naumburg haben die
H. Doppelkipfelform 12 ). Die H. in den
wendischen Gegenden sind einfache
Hörnchen 13 ), während in Hessen
(Hofgeismar) die H. kranzförmige Ku¬
chen sind 14 ). Daß das Gebäck sehr beliebt
ist und war, zeigt der schwäbische Name
Hornaffe 1S ). Ein in Bayern beliebtes Ge¬
bäck heißt Affenmund; den Namen deutet
Höfler wohl richtig als „Affenmond“,
wegen der Mondsichelform 16 ). Der Name
Hornaffe ist wohl mit Osterwolf und Ho-
oder Wowölfle zusammenzustellen, wobei
der Name auf die Gebäckform gar nicht
mehr paßt; so heißen auch Brezeln und
Hennen Wo-wölfle (s. Howölfle). In den
Hardtdörfem 17 ) bei Karlsruhe bekommen
339
Hornisse
340
die Mädchen an Weihnachten die be¬
kannten „Dampetei“, Gebildbrote in
Menschengestalt (s. Gebildbrote § 10); die
Buben erhalten mondförmige Gebäcke;
und in Dürenbüchig und Helmsheim bei
Bretten heißen diese mondförmigen Ge¬
bäcke „Deier“ eine Abkürzung von Dam-
petei 18 ). Bei den H. kann ursprünglich
ein Gebäck in Koboldgestalt zugrunde
liegen, die im Hornung gebacken wurde.
Später nannte man auch die Kipfform H.
wie in Baden die Bretzel Wo-wölfle (?).
*) Grimm DWb. 4, 2, 1821; Höfler Fasten-
gebäcke 52 ff.; vgl. Lobeck Aglaophamos 2,
1065. 2 ) 1, 413^. 3 ) 2, 401. 4 ) Höfler 1 . c.
6 ) Grimm 1 . c.; Höfler 1 . c. e ) Höfler 1 . c.
53; AfAnthrop. N.F. 3, 107 Fig. 49. 7 ) Glo¬
bus 87, 133; ZföVk. 16, 84. 8 ) AfAnthrop. NF.
3, 107 Nr. 49/50- 9 ) ZföVk. 16, 85. l0 ) 1 . c. 91.
n ) Höfler 1 . c. 52. 54. 12 ) Lepsius Kleinere
Schriften 1, 253; Höfler 1 . c. 53. 13 ) Kloster 7,
137. u ) Niedersachsen 8, 94. 15 ) Höfler 1 . c. 52.
16 ) 1 . c. 54 ff. 17 ) Ochs Wb. Zettelkatalog.
18 ) Ders. Eckstein.
Hornisse.
1. Etymologisches. Mit geringen
Ausnahmen sind die Namen dieses In¬
sektes (vespa crabro) schallnachahmend 1 ).
Neben Hornisse f. (pl. Hornissen) be¬
steht Hornis f., bayrisch auch m. 2 ), das
auf ahd. hornaz (hurnuz, hurniiz ), mhd.
horniz {hornuz, hornüz) beruht 3 ). Die An¬
lehnung an „Horn“ ist volksetymologisch:
gleichsam wie mit einem Horne trom¬
petend 4 ). Hornisse hat zuweilen den Ton
auf der zweiten Silbe (vgl. Forelle, lebendig
usw.). Ältere nhd. Formen sind zahlreich
belegt 5 ). Von dialektischen Formen
seien angeführt: vorarlb. hornus , tirol.
hurnaus 6 ), kämt, huriaßen , hudlaßen 1 ),
gottscheeisch urlossen, urlotzen, urtl ,
hurl 8 ). Im Pfälzischen wird mit Hornessel,
Horneß die Wespe (vespa vulgaris), mit
,,Wefze“ umgekehrt dieH. (vespa crabro)
bezeichnet 8a ). Engl, hörnet beruht auf
angels. hornut. Neubildungen liegen vor
in ndd. patsim „Pferdebiene“, perds -
hörnte*), per-haniken, pia-wesm „Pferde¬
wespe“, peersteker „Pferdestecher“, nirgen -
mörder 10 ). Dem entspricht im Pfälzischen
Neuntöter und Neunangler 10a ) (angel =
Stachel; neun H.n bringen ein Pferd um).
Schallnachahmend ist ndd. wispel n ).
Im Drauntal: Böses Flieg'l 12 ).
Auf Schallnachahmung beruhen auch
die Namen der H. in den alten Sprachen:
griech. tsv^p^vtj (vgl. dial.-franz., Urino,.
Var 13 )), T£vöpYj8o»v, avöp?jv7j, dvdpTjSwv, lat.
crabro 14 ), woraus ital. calabrone mit zahl¬
losen dialektischen Varianten 15 ). Verein¬
zelt volksetymologisch umgestaltet durch
Einmischung von allegro : alegron (Belluno)
< alagron < calabron 16 ). Volkskundlich
interessant sind ital.-dial. Namen wie
apu d’sant Antoni „Biene des h. Antonius''
(Lecce) 17 ), scorpion (Rovereto; tertium
comparationis: Stachel) 18 ), ammazza-
cavallu „Pferdetöter“), ammazza-somäri
„Eseltöter“ (Rom) 19 ), purciello e sanf
Antuono „Ferkel des h. Anton' ‘ (Salerno) 20 ),
mascio de la vespa „Männchen der Wespe“
(Triest) 21 ), malavespa (Foggia) 22 ) (Be¬
nennungen nach der Wespe auch in franz.
Dial. häufig) 23 ), San Piero (Triest) 24 )„
diau-mangiapei ,,'Teufel-Birnenfresser ‘
(Genova) 25 ), roseca-porte „Türennagerin“ -
(Salerno) 26 ). Im Rumänischen hat sich
calabro{nem) in gärgäun 26a ) erhalten.
Nach diesem wurden mit onomat. Stamme
gebildet: bar zäun, bäzgäun, bädaon 21 ).
Franz, frelon (Nebenformen: ferlon, frolon
frondon) ist nach Sainean 28 ) ein ur¬
sprünglich provinzielles Wort, das nicht
über das 16. Jahrh. hinausreicht. Die
Etymologie frelon < fränk. hruslo 29 )
wird daher von Sainean abgelehnt 30 ).
Merkwürdige franz.-dial. Neubildungen
sind: dröle (Isere) 31 ), dard „Stachel“
(Nievre) 32 ), grand-pere (Tourcoing), letz¬
teres animistisch oder humoristisch 33 ). Im.
Soldatenargot heißt die H. bruant „die Lär¬
mende“ 33a ). Nach der Biene ist die H.
im Spanischen ( abejarrön) und im Portu¬
giesischen (abesouro) benannt 34 ). Folklo¬
ristisch besonders beachtenswert ist rum.
dragiciü „kleine Liebe“ (Schmeichelname
als Abwehrmittel) 34a ). Die Namen mit
„Pferd“ wie ndd. peer steker, ital.-dial.
ammazza-cavallu (s. oben) beruhen auf
der richtigen Beobachtung, daß die Pferde
von H.n sehr gequält werden. Möglicher¬
weise liegt auch in dem metathetischen
cavaleron < calaveron (Rovereto) 35 ) eine
Anspielung auf das Pferd (caval{l)o) vor.
1) Edlinger Tiernamen 58. 2 ) Weigand-
Hirt DWb. Sp. 891. 3 )a. a. O. 4 ) Keller Antike
Hornung—Horoskopie
342
341
'■mm -
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1
-3.
Tierwelt 2, 434 f. 6 ) Weigand-Hirt a. a. O.
•)Dall a Tor re Tiernamen 53; Schweizld. 2,1029.
*) Carinthia 96, S. 60. 8 ) Satter Tiernamen 21.
• a ) Heeger Tiernamen 2, 15. 9 ) Lcithaeuser
Volkskundliches I/i, 16. 10 ) Hartwig Minden-Ra-
vensberg 40 f. 10;l ) Heeger a. a. O. n ) a. a. O.
u ) Dalla Torre 53. 13 ) Rolland Faune 13, 50.
14 ) Keller op. cit. 2, 434. 13 ) Garbini Än-
troponimie 319—326. 16 ) op. cit. 320. 17 ) op.
cit. 328. 18 ) op. cit. 329. 19 ) op. cit. 330.
*°) a. a. O. 21 ) op. cit. 330. 22 ) op. cit. 331.
ö ) Rolland Faune 13, 30. 24 ) Garbini op.
cit. 331. 25 ) a. a. O. 26 ) a. a. O. 26a ) Meyer-
Lübke REWb. Nr. 2293. 27 ) Rum. Jahresb. 12.
155. 28 ) Sainean Etymologie francaise 2,
68 f. 29 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 4191.
*°) Sainean a. a. O. 31 ) Rolland Faune 13,
48. 32 ) op. cit. 13, 50. 33 ) op. cit. 13, 51.
l®*) Esnault Le poilu 293. 34 ) Rolland
Faune a. a. O. 34; ‘) Rum. Jahresb. 12, S. 123.
**) Garbini op. cit. 321.
2. Biologisches. Megenberg 36 ) hat,
obwohl er die H. zu den Würmern rechnet,
von ihrem Wesen eine ziemlich richtige
Vorstellung. Nach den Gleichnissen
Salomons entstehen H.n aus faulem
Pferdefleisch 36a ). Im Märchen kommt ein
H.nkönig vor 37 ).
36 ) Buch der Natur 255. 36a ) Grimm Myth.
3, 202. 37 ) Wolf Beiträge 2, 400.
3. Gefährlichkeit. Weit verbreitet
ist der Glaube von der Gefährlichkeit
der H. In Tirol vermögen drei H.nstiche
ein Pferd zu töten 38 ), in Minden-Ravens¬
berg bringen sieben H.n ein Pferd um 39 ),
ebenso in Brudzyn (Posen): Sieben H.n
und ein Wolf fressen ein Pferd auf 39a ).
Im Jura macht eine einzige H. dem Men¬
schen den Garaus, sieben werden mit einem
Pferde fertig 40 ). Ähnlich in der Haute-
Bretagne 40a ). In Oberösterreich bringen
drei ein Kind, sechs einen Mann, neun
ein Pferd um 41 ) (Bezüglich des Pferdes
vgl. die obigen Namen). Nach breto-
nischem Glauben reißt die H. beim Beißen
ein Stück Fleisch mit. Kiefer wie Stachel
gelten als gleich schädlich 41a ). Am besten
tut der Mensch, wenn er vor dem Tiere
flieht, wie die Schatzgräber im Allgäu
und Luxemburgischen, die von einer H.
verfolgt wurden 42 ). In Oberösterreich
glaubt man an H.nbanner 43 ).
3e ) Dalla Torre Tiernamen 53. 39 ) Hart¬
wig Minden-Ravensberg 40 f. 39a ) Knoop Tier¬
welt i 5 . 49 ) SAVk. 41. 4 °b) Sebillot Folk-
Lore 3, 364. 41 ) Baumgarten Heimat i, 112.
4l *) S6billot a. a. O. 42 ) Reiser Allgäu 1, 251;
Gredt Luxemburg 273; Tobler Epiphanie 37.
43 ) Baumgarten a. a. O.
4. Nutzen. Eine H., in Stücke zer¬
rissen und unter den Honig gemischt,
soll die Bienen zum Ansetzen recht vieler
Weiselzellen veranlassen 44 ).
Urquell 5, 22.
5. Krankheitsdämon. Auf der ur¬
sprünglichen Vorstellung von „Gehirn¬
tierchen“, die Geistesstörungen (Rausch,
Wahnsinn) verursachen 45 ), beruht die
südfranz. Redensart: A la testo pleno de
graoulcs, er hat den Kopf voll H.n, d. h. er
hat „Grillen“ 46 ). Ebenso rumän.: Are
gärgäunl in cap, er hat H.n im Kopf. Auch:
I-aü intrat g. in cap, es sind ihm H.n in den
Kopf geflogen oder: Umblä cu g. in cap,
er geht mit H.n im Kopfe herum. Auch
sagt man drohend: I-oiü scuturä eü g.
din ureche, dem werde ich die H.n aus dem
Ohre schütteln, d. h. die Flausen aus-
treiben 47 ).
49 j Ricgler Das Tier 266; WS. 7, 129 bis 135.
4C ) Rolland Faune 15, 53; WS. 7, 132 4 .
47 j Marian Insectele 213; WS. 7, 132.
6. Abwehr. Im Anhaitischen (Luso)
steckt man eine tote H. in einen etwas
aufgedrehten Strang des Pferde- oder
Ochsengeschirres. So sucht man homöo¬
pathisch die H.n vom Zugvieh fern zu
halten 48 ).
4fe ) Wirth Tiere 27.
7. In der Schweiz heißt ein Spiel
„Homussen“, bei dem eine Buchsbaum¬
scheibe (der „Homuß“) mit einem Schläger
(ähnlich dem Golf) weggeschleudert und
von dem Gegner abgefangen wird 49 ).
49 ) Schwld. 2, 1629; Hoffmann-Krayer 86.
Riegler.
Hornung s. Februar 2, 1274 ff.
Horoskopie.
A. Methodische Vorbemerkungen.
Jeden überzeugten Astrologen muß es
empören, wenn er in einem Handwörter¬
buch des deutschen Aberglaubens einen
Artikel findet, der die Methoden des
Horoskopstellens erläutert und in ihrer
Wechselbeziehung zu der jeweiligen Höhe
des mathematischen und astronomischen
Wissens der Menschheit beschreibt. Denn
für den Astrologen ist die Horoskopie
eine Wissenschaft wie Mathematik und
Astronomie, auf denselben Gesetzen der
343
Horoskopie
344
Kausalität beruhend. Wenn wir der H.
und also der Astrologie in dieser Um¬
gebung ihren Platz anweisen, so bekennen
wir damit unsere Zweifel an dem wissen¬
schaftlichen Charakter der H.
Zweifel an der Astrologie als Wissen¬
schaft fordert die Definition dessen, was
sie ist. Uns scheint es hier notwendig, zu
scheiden zwischen dem Glauben an die
Sterne und der auf Empirie und Analogie¬
schlüssen beruhenden Deutung von Kon¬
stellationen. Für den letzteren Teil geben
wir dann den Wissenschaftscharakter zu,
wenn uns Grundgesetze nachgewiesen wer¬
den, auf denen die H. ruht, Grundgesetze,
die sich aus dem Stemglauben ergeben als
richtige, dem prüfenden Verstand ein¬
leuchtende Prämissen ähnlich den eukli¬
dischen Axiomen in der Mathematik.
Der erstere Teil aber ist als Äußerung
eines religiösen Gefühls zu definieren, das
auf dem Determinismus in der Welt
beruht.
Die Astrologie ist eine übernationale
Angelegenheit. Wenn trotzdem in einem
Lexikon des deutschen Aberglaubens
über sie geschrieben wird, so hat das
einen besonderen Grund: vom n.—16.
Jh. ist nämlich die Masse der astrolo¬
gischen Deutungsregeln zu einem wesent¬
lichen Bestandteil gerade des deutschen
Volksglaubens geworden. Es wird also
ein mal über die Bedingungen der astrolo¬
gischen Lehren, die den Volksglauben sich
ihnen nähern lassen, zu reden sein, dann
aber bedarf es auch historischer Aus¬
führungen über die Geschichte der Astro¬
logie und der H. Denn nicht jeder, der
etwas von H. wußte, verstand etwas
von Astrologie. Diese Übersicht geben
wir hier; wenn wir in den Artikeln Planeten,
Sterne, Sternbilder die Überlieferung zu¬
sammenstellen, müssen wir stets auf den
historischen Werdeprozeß astrologischer
Anschauungen zurückgreifen. Dort han¬
delt es sich also um Einordnung von
astrologischen Relikten in den deutschen
Volksglauben als Totalerscheinung, hier
hingegen um die Beschreibung eines
Systems, das vor ca. 5000 Jahren in dem
Bewußtsein der Einheit von Kosmos und
Mensch aufgestellt und seitdem von der
Menschheit weiterentwickelt bzw. be¬
kämpft worden ist. Die Frage der Wissen¬
schaftlichkeit der H. soll nach dem Stand
moderner Naturwissenschaft der Leser
selbst beurteilen. Wir stellen hier daher
die Praxis der H., wenigstens der das
Menschenschicksal deutenden sog. Ge-
nethlialogie in einem geschichtlichen Abriß
der H.methoden in ihren charak¬
teristischen Hauptepochen dar und be¬
handeln nacheinander 1. die babylonisch¬
assyrische H., 2. die hellenistische H.,
3. die Abwandlungen des hellenistischen
Systems durch die Araber, die Renais¬
sance- und neuzeitlichen Astrologen, 4. die
moderne H. Da die Wurzel der H.praxis
die politische und meteorologische Pro¬
gnose ist, haben wir diese in unsere
Betrachtung miteinbeziehen müssen. Auf
die Darstellung der von den Araber- und
Renaissanceastrologen so umfangreich aus¬
geübten Katarchenh. muß, da zu speziell,
hier verzichtet werden.
B. Beschreibung der Methoden
der H.
1. Babylonisch-assyrische H.
a) Vorbemerkungen. Mit babylonischer
H.bezeichneten die griechischen und römi¬
schen Schriftsteller vielfach ein System,
dessen charakteristischer Zug eine be¬
stimmte Ordnung der Planeten ist; in
ihm stehen sie in der Reihenfolge: (£ (Mond;
$ (Merkur) $ (Venus) ©(Sonne) cf (Mars)
2 J. (Jupiter) t? (Saturn), die Sonne ist in
der Mitte. Dieses ,,System“ stand für die
Alten im Gegensatz zu dem ägyptischen,
das erst ([ © setzte und diesen beiden
großen Lichtern die übrigen 5 Planeten
folgen ließ l ); das letztere deckt sich mit
dem System, welches Platon in Timaios
entwickelt 2 ). Indes hat schon Bouche-
Leclerq gesehen 3 ), daß mit den Aus¬
drücken babylonisch bzw. chaldäisch oder
ägyptisch nicht ein historisch begründeter
Unterschied der Systeme fixiert wird
und daß, einer Stelle der astronomischen
Einleitung des Alexandriners Achilles
Tatius 4 ) zufolge, für jenes erstgenannte
System nicht die Babylonier, sondern die
Ägypter, für dieses nur die Griechen
als Erfinder in Betracht kommen. Da
aber andrerseits die Babylonier als
345
Horoskopie
346
Schöpfer der Astrologie immer in Er¬
innerung geblieben sind, während die
Ägypter wesentlich wohl nur als Vermittler
gelten können, nannte man das ägyptische
System der Astrologen, dessen charak¬
teristisches Merkmal die Mittelstellung
der Sonne ist, das babylonische, während
für das griechische die Ägypter als Er¬
finder in Anspruch genommen wurden.
Die Nachrichten der Griechen und
Römer geben uns ein historisch sehr
ungetreues Bild der im alten Zweistrom¬
land gepflogenen H. Nach den einhei¬
mischen Texten zu urteilen, gab es —
und das sei nachdrücklich hervorgehoben
— eine H. im Sinne der griechischen, ara¬
bischen und Renaissance- usw. Astrologie
überhaupt nicht. Wir haben bislang kaum
drei oder vier Texte zur Hand, die No¬
tizen zur genethlialogischen H. liefern,
und es scheint gefährlich, auf sie allein,
zumal sie alle seleukidischer Zeit ange¬
hören, die Behauptung von der gro߬
artigen und ausgebauten babylonischen
H. zu gründen. Diese ist in der uns
bekannten Form ein Erzeugnis der Phan¬
tasie der griechischen und römischen
Autoren.
Die astrologischen Texte, die sich im
Zweistromland fanden, sind entweder
lexikographisch mit astronomischen Be¬
obachtungen gefüllt, oder stellen Briefe
der Astrologen an den König dar, in denen
der Astrologe seine Beobachtungen notiert
und mit seiner Ausdeutung versieht 5 ).
Diese Ausdeutungen, vielfach Sammel¬
werken und astrologischen Prognosen ent¬
stammend, beziehen sich stets auf Ba¬
bylonien mit dessen König sowie auf die
außen- und innenpolitischen Ereignisse,
ferner die meteorologischen Schicksale
des Landes. Vorzüglich werden atmosphä¬
rische Vorgänge in ihren Beziehungen zu
Sonne und Mond notiert und interpretiert:
Lichterscheinungen, Farben, Höfe, Finster¬
nisse sind besonders in der älteren Zeit
wichtiger als die Positionen. Auch diese
werden nicht vergessen: das Wesentliche
der H. ist die Ausdeutung bestimmter
Stellungen eines Planeten oder größeren
Fixsterns zu einem andern, von Sonne
zu Mond, und diesen beiden zu den 5
übrigen Planeten, von deren Beobachtung
wir nicht nur durch die späte Quelle
des Berossos (3. Jh.; bei Diodor) 6 )
wissen, sondern aus den Texten selbst.
Die Beobachtung der Planetenbewegungen
bedingte die astronomische Festlegung
der Positionen — dies ist für die baby¬
lonischen Astrologen die höchste Stufe
ihrer Astronomie.
b) Politisch-meteorologische Voraus¬
sagungen.
Zunächst zeigen wir das Wesen der
älteren babylon. H. an einigen aus astro¬
logischen Sammelwerken entnommenen
Texten.
1. Mond-, Sonnen-, Venuserscheinungen.
a) ,,Ist in diesen Monaten (die vorher
aufgezählt worden sind) der Mond am
27. Tag sichtbar wie am ersten Tage bei
seinem Erscheinen, so bedeutet das Un¬
heil für Elam; ... ist der Mond am
28. Tage sichtbar wie am ersten Tage bei
seinem Erscheinen, so bedeutet es Unheil
für Amurru“ 7 ).
ß) „Ist die Sonne am ersten Nisan bei
ihrem Aufgange rot wie eine Fackel und
erglüht weißes Gewölk vor ihr, oder tritt
dieses dann auf ihre Seite und zieht nach
Osten, so ... wird in diesem Monat der
König sterben und sein Sohn den Thron
ergreifen..“ 8 ).
Y) „Wenn die Venus am (12.) Kislew
bei Sonnenaufgang verschwindet und
2 Monate und 4 Tage am Himmel ver¬
borgen bleibt, dann aber am 16. Sebat
bei Sonnenaufgang wieder erscheint, so
bedeutet das reichen Feldertrag *).
Bleibt (die Venus) bis zum 6. Kislew
stehen und verschwindet dann am
7. Kislew, bleibt dann 3 Monate am
Himmel verborgen und erscheint am
8. Adar als Venus bei Sonnenaufgang
wieder, so wird ein König gegen den andern
Feindschaft entbieten“ 10 ).
2. Bestimmte Konstellationen an be¬
stimmten Tagen.
„Werden Mond und Sonne am 12. Tage
(eines Monats) zusammen gesehen, Ende
der Dynastie, Vernichtung der Menschen,
der Räuber wird den Kopf abschneiden“ u ).
3. Besondere atmosphärische Erschei¬
nungen :
Horoskopie
<x) des Mondes (aus einem amtlichen
Brief):
, ,In dieser Nacht war der Mond von einem
Hofe umgeben, und zwar standen Sagmegar
(= Jupiter) und der Skorpion darin. (Deu¬
tung:) Ist der Mond von einem Hof um¬
geben und steht Sagmegar darin, so
wird der König von Akkad eingeschlossen
werden; ... ist der Mond von einem Hofe
umgeben und steht der Skorpion darin,
so werden sich hohe Priesterinnen Männern
nähern, oder Löwen werden morden und
Handel und Wandel im Lande wird ge¬
hemmt werden. Das sind (Auszüge) aus
der Serie..“ 12 ).
ß) Ähnliche Texte existieren über die
andern Planeten.
Jupiter gilt in ihnen fast immer als
günstig, wenn er erscheint oder stark
glänzt oder in den Mond hineingeht.
Mars ist ständiger Unglückskünder: im
Mondhof stark glänzend und mit andern
Sternen gesehen, führt er immer Unglück
im Gefolge. Schwäche des Glanzes ent¬
spricht dabei einem geringer werdenden
Einfluß. Saturn und Merkur gelten als
Glückspropheten 13 ).
4. Wie die Lichterscheinungen, die
Atmosphäre usw., so haben auch be¬
stimmte Fixsterne und Fixsterngruppen
ihre Qualität und machen derselben ent¬
sprechende Einflüsse geltend; wesentlich
sind die 12 Sternbilder des Zodiakus
(s. Tierkreis) als des von Sonne, Mond
und den Planeten bei ihrem Umlauf
,gefahrenen'‘ Weges 14 ).
c) Genethlialogie.
Dieser politischen H. steht die genethlia-
logische H. gegenüber, die sicher jünger
als die erstere ist, da sie differenzierter
ist. Wie die politische H. beruht auch
sie auf der babylonischen Lehre vom
Makrokosmos und Mikrokosmos, indem
sie den Einzelmenschen als Abbild des
großen Weltalls begreift und aus den Vor¬
gängen am Himmel die Ereignisse seines
Lebens vorauszubestimmen sucht. In
der Tat ist der Schritt von dem Gedanken
einer Beziehung zwischen Land und
Sternen zu dem einer Beziehung zwischen
Einzelmensch und Sternen naheliegend,
setzt aber doch eine erhöhte Bedeutung
des Individuums voraus und ist wohl
nicht in der babylonischen Frühzeit voll¬
zogen worden.
Wir sahen schon, daß das Material
zur Beurteilung der genethlialogischen
H. Babyloniens sehr spärlich ist. Was
sich an methodischen Gesichtspunkten
für sie gewinnen läßt, ist aus den hier
abgedruckten Texten abgeleitet. Aus
ihnen ergeben sich folgende Regeln:
1. Aus dem während der Geburt auf-
gehenden Planeten ist das Leben des Kindes
zu deuten. Text: ,,Wenn ein Kind ge¬
boren wird, während der Mond auf¬
geht, so ist (sein Leben) glänzend, glück¬
lich, richtig, lang... Wenn ein Kind
geboren wird, während die Venus auf¬
geht, so ist (sein Leben) ruhig, üppig,
wo es geht, ist es beliebt, (seine) Tage
sind lang“ 15 ).
2. Sind bei der Geburt 2 Planeten am
Himmel, von denen der eine auf-, der an¬
dere unter geht, so übt der auf gehende die
Hauptwirkung aus , die von dem unter-
gehenden bekämpft wird. Diese Regel
beruht
a) auf der besonderen Wertung des
Ost- und Westpunktes des Horoskops
als dem für die Ausdeutung wichtigsten
Punkte;
b) auf der Ansicht von der sich gegen¬
seitig bekämpfenden Wirkung zweier
diametral entgegengesetzten Planeten (Op¬
position).
Text: ,,Wenn ein Kind geboren wird,
während Jupiter aufgeht und die Venus
untergeht, wird dieser Mensch Glück
haben, aber seine Frau verlassen.. .
Wenn ein Kind geboren wird, während
Jupiter aufgeht und Mars untergeht,
wird dieser Mensch Glück haben und den
Fall des Feindes sehen..Vgl.: ,,Wenn
ein Kind geboren wird, während Mars
aufgeht und der Jupiter untergeht, wird
die Hand seines Feindes ihn gefangen
nehmen" 16 ).
3. Neben der Opposition (180 0 ) ist in
der genethlialogischen H. Gedrittschein (6o°)
zuberücksichtigen. Der Wert dieses Aspek¬
tes wird in den Ton tafeln, auf denen die
in Fig. 1 abgebildeten Trigona eingeritzt
sind, nicht namhaft gemacht 17 ); indes
1
V
%
t
* *4
f
i*
I
*
f,
;*
*
*
Horoskopie
ist bei der vollständigen Übereinstimmung
der Figur auf der Tontafel mit den Tri-
gonaschemata der griechischen Astrologen
den babylon. Aspekten der gleiche Wert
zuzuerkennen, zumal wir auch sonst ;
bemerkenswerte Übereinstimmungen zwi¬
schen babylonischer und griechischer
Astrologie wahrnehmen können 18 ). In
der griechischen H. gilt Opposition (8)
als schlecht, Gedrittschein (Trigonal¬
aspekt [A]) als gut.
4. Als besonders wichtige Regel scheint
die von der Gestirnvertretung angesehen
worden zu sein; nach ihr kann unter ge¬
wissen Umständen ein Himmelskörper
durch einen andern ersetzt werden. Dabei
vertreten sowohl Planeten wie Fixsterne.
Eine Gestirnvertretung tritt für unter¬
gegangene Planeten ein; so wird die Sonne
zum Beispiel durch Saturn ersetzt (daher
auch ,,Sonne" genannt). Die Vertauschung
beider Gestirne geht soweit, daß sogar
die Opposition von Sonne und Mond in
vielen Fällen auf die Stellung des Mondes
zum Saturn übertragen wird 19 ).
Text: ,,Steht die Sonne auf dem Stand¬
ort des Mondes, so wird der König des
Landes fest auf seinem Throne stehen...
Diese Nacht hat sich der feststehende
Planet (=Saturn) dem Monde genähert.
Der feststehende Planet ist der Stern der
Sonne. Also ist die Deutung des Omens:
Es bedeutet Gutes für den König; die
Sonne ist der Stern des Königs" 20 ).
5. Die Sternpositionen in den Horoskopen
wurden meistens (dem Urteil F. X.
Kuglers zufolge) aus Listen entnommen,
die die Sternpositionen des jeweiligen
Jahres enthalten (sog. Ephemeriden). Auf
diese Weise war der Astrologe von der
Witterung unabhängig. Derartige Ephe¬
meriden scheinen nicht zu dem ältesten
Gut der babylonischen Astrologie zu
gehören, da die Berechnung der Posi¬
tionen schon eine hohe Entwicklung der
Astronomie voraussetzt. Die Ephemeri-
dentafeln zerfallen in 2 Gruppen: die
erste Klasse bestimmt die Planetenposi¬
tionen durch ihre Lage in bezug auf eine
Reihe von Normalsternen, die zweite
in bezug auf die 12 Tierkreiszeichen 21 ).
6. Als der für die Schicksale des Neu¬
geborenen wichtigste Moment wurde, wie
ein Horoskop aus dem Jahre 258/7 (Se-
leukidenzeit) zeigt, der der Conceptio an¬
gesehen. Dieses von Kugler aus der Inter¬
pretation jenes Horoskops, — es gibt
leider nur die Positionen der Planeten,
nicht aber die Deutung der Konstellation—
gewonnene Prinzip bestätigt der römische
Architekt Vitruv (IX 4 [7]); er erzählt,
daß Achinopolos, ein Schüler des oben
erwähnten Berossos, die Regeln der Ge¬
burt s-H. auf die Conceptio übertragen
hat. Danach scheint in der älteren Zeit
der Augenblick der Geburt entscheidend
gewesen zu sein, dessen Konstellation
übrigens auf jener Tafel außerdem auf¬
gezeichnet ist 22 ).
7. Beispiel eines Geburtshoroskops aus
dem Jahre ... Vorderseite :
1. Jahr 169, (unter d. König) Demetrius.
2. Adar 30 (März), nachts den 6, an¬
fangs der Nacht, der Mond
3. vor(= westlich von) dem nördlichen
Stier des Wagens (=/? Tauri) 1 Elle
(1 ammatu = 20. 5).
4. Am 6. frühmorgens ward ein Knäblein
geboren.
5. Zur selben Zeit war der Mond im An¬
fang der Zwillinge,
6. die Sonne in den Fischen, Jupiter in
der Wage, Venus
n und Mari im Steinhnr.k. Saturn im
Löwen.
8. Monat Addaru am 14. Vollmondmorgen
9. am 27. letzte Sichel 23 ).
In einer Zeichnung übertragen ergibt
sich von diesem Horoskop das in Fig. 2
wiedergegebene Bild:
Auf die Auslegungsmethode gehen wir
erst im folgenden Abschnitt ein.
Der Glaube an die Prädestination
alles irdischen Geschehens ist die Voraus¬
setzung der babylonischen Stemdeute-
kunst. In dem Pantheon dieses Volkes
gab es Götter, die speziell als Schicksals¬
best immer in Betracht kamen. Schon
das alte Weltschöpfungsepos läßt zum
wertvollsten Besitz der Urgötter die
Schicksalstafeln gehören, die die ewigen
Gesetze enthalten 24 ). Eine spätere Zeit
glaubt, daß die Schicksale eines Jahres
stets von neuem am Anfang von Marduk
35i
Horoskopie
352
festgesetzt würden, und verbindet mit
dem Neujahrstag das Fest der Schicksals¬
bestimmung: an ihm erhält der König die
Interpretation der astralen Erscheinungen
für das kommende Jahr 25 ). So durch¬
zieht die Ansicht von der Entsprechung
zwischen Himmel und Erde das ganze
babylonische Leben: sie bildet, mit Zähig¬
keit bewußt festgehalten, die Hauptstütze
der H. 26 ) und ist die unbewiesene Grund¬
lage aller Astrologie überhaupt.
*) Macrob. Somit. Scip. I 19, 2; Procl. in
Tim. p. 257 F. 2 ) Tim. 38 c/d. 3 ) Bouch6-
Leclerq L’astrologie grecque (weiterhin zitiert
BLA.) S. 64, 1. 4 ) Achilles Tatius Isag. 17.
abgedruckt in Commentarii in Aratum ed. E.
Maaß (Berlin 1898) S. 43. 6 ) Ausführungen
über diese Texte bei Bruno Meißner Baby -
lonien und Assyrien 2, 251. •) Diodor 2, 30,
die Stelle auch bei Meißner 2, 398 f.
7 ) Meißner 2, 248. 8 ) Ebd. 2, 253. 9 ) Ebd. 2,
254. 10 ) Ebd. 2, 255. n ) Ebd. 2, 248. 12 ) Ebd. 2,
251. 13 ) Ebd. 2, 255; Bezold-Boll Sternglaube
und Sterndeutung 3 S. 5L 14 ) Meißner 2, 253;
Bezold-Boll a. a.O. S. 7. Doch steht die Zwölf¬
zahl der Zeichen erst für die Texte der Seleukiden-
und Arsakidenzeit fest; das Gilgamesepos weist
nur 11 Zeichen auf. Vgl. Weltschöpfungsepos
in Ungnad Die Rel. d. Babyl. und Assyrer 1,
126; 2, 32. 15 ) Meißner 2. 257. 1# ) Ebd. 2, 257.
17 ) Original der Tafel im Brüsseler Museum,
Beschreibung von H. Zimmern ZfAssyriol.
32 (1918), 71. Vgl. Bezold-Boll Sternglaube 3
10. 63. 18 ) Bezold-Boll Reflexe astrologischer
Keilinschriften bei griechischen Schriftstellern
(= Sitzber. Heid. Ak. Wiss. 1911 phil.-hist.
Klasse 7) 37 ff. 19 ) F. X. Kugler Sterndienst in
Babel II 2, 466; Bezold-Boll 3 5 f.; Meißner 2,
254. 20 ) Meißner 2, 254. 21 ) Darüber aus¬
führlich Kugler a. a. O. 464 ff. 22 ) Kugler
a. a.O. 562. 23 ) Ebd. a. a.O. 554 f. 24 ) Meißner
2, 125. 25 ) H. Zimmern Das babylon. Neujahrs¬
fest = Der Alte Orient Jahrg. 25, 3, 16 ff.
26 ) Meißner 2, 110.
2. Die hellenistische H. Gemessen
an der babylonischen H. ist die Praxis der
hellenistischen Sterndeuter — in ihren
Grundzügen den Babyloniern entlehnt —
außerordentlich kompliziert. Erst im
Abendland nämlich wurde jedem mög¬
lichen Einfluß der Tierkreisbilder, Pla¬
neten, Cardines, Häuser, Dekane und
Grade auf das Menschenleben nachge¬
gangen. Die astrologische Methode, die
hier in der hellenistischen Welt, vornehm¬
lich in Alexandria, begründet wurde, be¬
hielt seitdem bei den Astrologen Gültigkeit.
Eine Untersuchung über den Zu¬
sammenhang dieser Astrologie mit dem
metaphysischen Bedürfnis des hellenisti¬
schen Menschen haben wir hier nicht vor¬
zulegen 27 ). Nur dies sei angemerkt:
Dem klassischen Griechentum ist die
Astrologie fremd. Erst die stark religiöse,
aufs Jenseits gerichtete Tendenz der
letzten Jahrhunderte vor Christi Geburt
hat wesentlichen Anteil an der Hin¬
wendung der Menschen zu astrologischen
Spekulationen, und wenn auch diese Zeit
in der Tetrabiblos des CI. Ptolemaios den
hervorragenden Versuch zu einer wissen¬
schaftlichen Astrologie vorlegt 28 ) (Pto¬
lemaios war als Astronom und Aristo-
teliker alles andere als ein spekulativer
Mystiker), der allgemeine Charakter
dieser Astrologie ist der der Offenbarung 29 ).
Die Zurückführung der Weisheit auf die
Götter, deren Stimme der ägyptische
König Nechepso ,,aus dem dunklen Ge¬
wand des Nachthimmels" hört, verlieh
der Stemdeutungsmethode des großen
Königs 30 ) ebensolchen Wahrheitsgehalt,
wie ihn Ptolemaios in seinem auf Aristo¬
teles und Poseidonios aufgebauten Ver¬
such einer physikalischen Begründung der
Astrologie darzutun vermochte. Diese
beiden systematischen Darstellungen der
Astrologie bestimmen seitdem alle H.-
praxis. Ihren Doktrinen folgend werden
wir die Methode der hellenistischen H.,
deren Prinzipien das Gros der arabischen,
Renaissance- und modernen Astrologen
als gültig anerkennt, erläutern.
Auch die Griechen und die in ihrem
Kulturbereich stehenden Völker pflegen
die beiden aus der Betrachtung der baby¬
lonischen H. bekannten Teile der politisch-
meteorologischen H. und der Genethlia-
logie. Der Zusammenhang der helle¬
nistischen H. mit der babvlonischen ist
außer durch antike Zeugnisse in Über¬
setzungen griechischer Texte aus Keil-
schrifttexten nachgewiesen 31 ).
a) Politisch-meteorologische H.
Die Planeten sind nach wie vor die
Träger des Geschehens. Vor allem Sonne
und Mond wirken zusammen; die Finster¬
nisse spielen dieselbe bedeutende Rolle.
Wesentlich ist aber, daß die Beeinflussung
der Erdgegenden aus den Tierkreisbildem
Horoskopie
354
3
353
• f
(Zodia) ersehen werden kann. Jedem
der 12 Abschnitte der Ekliptik ist nämlich
ein Teil der Erde unterstellt. Man teilt
zu diesem Zweck nach den Himmels¬
richtungen die Erde (oixoupivij), die
eine längliche Form hatte, in 4 gleiche
Dreiecke, die mit den Spitzen gegenein¬
ander liegen. So geschieht das Unglück,
das eine Finsternis weissagt, vorzüglich
in jenen Gegenden, die dem Tierkreisbild
unterstellt sind. Die Verteilung der
Zeichen ist in den einzelnen Systemen ver¬
schieden. Das äußere Aussehen dieser po¬
litische Prognosen enthaltenden Texte
unterscheidet sich im übrigen unwesent¬
lich von den babylonischen. Ein Beispiel
dürfte genügen: ,,Monat April. Wenn
im Widder die Sonne oder der Mond
verfinstert ist, dann wird es den Gegenden
Ägyptens und Syriens schlecht ergehen,
den Herrschern jener Gegenden wird Tod
und Nachstellung drohen, ferner Auf¬
stände. Die Herrscher werden fallen,
Heere werden vernichtet und es gibt
Brandschatzung in Menge. In Libyen
wird es Einwanderung von Horden geben,
dem Anführer droht Gefahr seitens ge¬
walttätiger Freunde. Wilde Austrei¬
bungen" 32 ).
Auch die meteorologischen Texte
weisen keine prinzipiellen Unterschiede
auf. Ein Beispiel mag sie illustrieren.
,,Sonnenfinsternis im Widder bezeich¬
net Überfluß an Getreide und ein gesundes
Jahr, im Stier Vernichtung des Getreides
durch Heuschrecken, in den Zwillingen
verkündet sie große Hungersnot usw." 33 )
Oder: Monat Oktober: Wenn in der
Wage die Sonne sich verfinstert...,
„wird viel Wasser (Überschwemmung?)
die am Meere und die im N. gelegenen
Gegenden heimsuchen, so daß die Menschen
die Frucht nicht werden einbringen
können" 34 ).
In die letzte Gruppe der meteorolo¬
gischen Monatsprognosen gehören auch
die meteorologischen Jahresprognosen.
Da nach der Lehre der Astrologie jede
Zeiteinheit von einem Tierkreisbild be¬
herrscht ist, hat nicht nur jeder Monat,
sondern auch jedes Jahr sein Zeichen.
Das Tierkreiszeichen des Jahres be-
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
stimmt aus seiner Natur dessen meteoro¬
logische Beschaffenheit 36 ). Beispiel:
,,Jahr des Widders: Dieses Jahr wird
durch den Beginn mit dem Nordwind
rauh. Der Winter ist kalt, andauernd,
heftig und schneereich, vergeht nicht
leicht, ist durch die Winde streng. Um
die Wintersmitte am 28. Januar... wer¬
den große Stürme aus NO eintreten...
Der Frühling ist heiß, der Sommer ge¬
mäßigt, der Herbst heiß. Die Flüsse
werden in diesem Jahr stark anschwellen.
Die Saat muß man früh machen— Die
Getreidefrucht wird ergiebiger als die
Weinernte sein. Die Herden werden
gute Zeit haben; und das Jahr bleibt
nicht unergiebig, sondern wird frucht¬
bar" 36 ).
Neben den Finsternissen selbst wurden
auch die Farbenerscheinungen und die
Größe der Verfinsterung beobachtet.
Ferner die Kometen (s. d.). Auf Bei¬
spiele muß hier verzichtet werden 37 ).
Nach der physikalischen Auffassung
des Ptolemaios war diese H. die wichti¬
gere, weil „sie uns die Eigentümlich¬
keiten von ganzen Reichen, Völkerschaften
und Städten anzeigt" und „die Ereig¬
nisse ganzer Reiche durch umfassendere
und schwerwiegendere Ursachen herauf¬
führt als die des einzelnen Menschen¬
lebens" 38 ). Da die Einzelschicksale Teile
von Allgemein Wirkungen sind, schätzt
Ptolemaios die politische H. höher ein
als die Genethlialogie. Tatsächlich ge¬
staltete sich die Sache aber so, daß die
persönlichen Schicksale das Wichtigste
wurden, wofür als innere Bedingung in
der Antike sicher das zurückgehende
Kollektivbewußtsein der hellenistischen
und römischen Zeit anzusehen ist 39 ).
Demnach haben wir im folgenden auch
den größeren Wert auf die Genethlialogie
gelegt und ihrem System an Hand von
Nechepso-Petosiris’ , »Astrologenbiber 'eine
ausführliche, alles Prinzipielle enthaltende
Darstellung gewidmet.
b) Das System des Nechepso-
Petosiris (Astromantik).
§ 1. Die 12 Orte.
Die beiden Himmelspunkte Osten und
Westen, deren besondere Bedeutung für
12
1
355
Horoskopie
356
•die astrologische Praxis der Babylonier
oben hervorgehoben wurde, gelten auch
in der hellenistischen Astrologie als die
wichtigsten Stellen; sie werden indes
um 2 weitere Punkte vermehrt, die zu
O und W im Winkel von 90° stehen; alle
vier liegen auf der Ekliptik 40 ). Diese
vier xevxpa (cardines) bestimmen im
wesentlichen das Schicksal des Menschen.
Der dieser Auffassung zugrunde liegende
Gedanke ist enthalten in dem babylo¬
nischen Satz von der Gleichung Mikro¬
kosmos und Makrokosmos. Der Makro¬
kosmos, die Welt, ruhte in den 4 Him¬
melsrichtungen, die landschaftlich und,
was die Sitten ihrer Bewohner angeht,
die größten Verschiedenheiten aufweisen.
Diese Spekulation führt dann einerseits
zu dem System der astrologischen Geo¬
graphie als Grundlage der politischen
H. 41 ) und der eigentlichen, auf den Men¬
schen bezogenen H. Die babylonischen
Anschauungen sind dem Westen der
Oekumene im 3. Jahrhundert über Syrien
und Ägypten vermittelt worden 42 ).
Die Rangordnung der 4 xevxpa (dvxe'X-
Xo>v, Suviov, p-eaoüpavajv, avxtpeaoupavuxv)
ist nicht immer die gleiche; vor allem war
strittig, ob der fxeaoupava>v vor dem dvxt-
peffoopavojv den Vorzug hatte oder um¬
gekehrt 43 ). Die Bedeutung des dvxeXXtov
überwog so sehr, daß ,,das Wort mpoaxorco;
und das davon gebildete ursprünglich
transitive u>poaxo7retv (= die Stunde
schauen) geradezu die Bedeutung ‘Auf¬
gang', ‘aufgehen' im astrologischen Sinn
angenommen hat“ 44 ).
Horoskopos oder Aszendent ist der im
Augenblick der Geburt aufgehende Grad
des Tierkreises. Dieser richtet über das
Leben und läßt die ,,fundamenta totius
geniturae“ erkennen; er ist das xevxpov
7tpa)Tov (cardo primus) des Horoskops und
„totius geniturae compago atque sub-
stantia“ 4S ).
Der zweite Cardo geniturae, die untere
Kulmination (dvxip.eaoüpavcuv oder imum
medium caelum [IMC]), steht in engster
Verbindung mit dem Horoskopos, weil
die Punkte sich im Geviertschein an-
blicken. Der Cardo bestimmt vor allem
das Schicksal der Eltern 46 ).
Der 3. Cardo, Suveov, von den Römern
auch occasus genannt, belehrt über Quali¬
tät und Anzahl der Ehen 46 ).
Ein sehr wichtiger Punkt ist der
4. Cardo (peaoopotvtbv, medium caelum
[MC], auch £v£vr,xovTdjA£poc, nonagesima
pars); er steht in der oberen Kulmination,
d. h. in der Mitte der Welt. Leben und
Lebenskraft, alle Handlungen, Vaterland,
Wohnsitz und Verkehr, die Fähigkeiten
und die Laster des Geistes ergeben sich
aus diesem Punkt 47 ). Den großen Astro¬
logen erschien er so wichtig, daß manche
seiner Betrachtung eine bevorzugte Be¬
deutung beimaßen 48 ): vgl. quia... semper
MC. in omnibus genituris possidet princi-
patum et quia hic locus supra primum
verticem est et quia ex hoc loco totius
geniturae fundamenta colligimus, oportune
ex hoc signo initium signis omnibus da¬
tum est 49 ).
Indessen haben nicht nur die einzelnen
Grade diesen Einfluß, sondern ebenso die
30 jeweils in der Drehrichtung des Him¬
mels folgenden Grade (Zeit des Sonnen¬
laufs in einem Monat). Außerdem wies
die griechische Astrologie (wann?) auch
anderen Abschnitten der Ekliptik eine
für das Leben bedeutende Rolle zu und
teilte die Ekliptik in 12 Teile zu je 30 Grad,
die man als die Häuser oder besser Örter
(xo7rot, loci) bezeichnete 50 ). Ihre Bedeutung
veranschaulicht das in Fig. 3 abgebildete,
von den mittelalterlichen und Renaissance¬
astrologen gebrauchte Schema.
Die in der Figur aus Firmicus II 19
belegten Bezeichnungen der Häuser faßt
geschickt ein Vers des Mittelalters zu¬
sammen :
Vita lucrum fratres genitor nati valetudo
Uxor mors pietas regnum benefactaque carcer.
§2. Die sonstigen hervorragenden
Punkte.
Außer den genannten kommen in Be¬
tracht
1. der xX 9 jp<K *rijs Tujpg* oder locus Fortunae,
2. das SwÖsxaTTjfxopiov.
Der xXr,poc •zrfi xopjc, später das Glücks¬
rad genannt, umschreibt gleichfalls das
ganze Leben; über Glück und Unglück,
Liebe und Frauen, Erziehung und Be¬
dürfnisse, Heimat usw. vermag man aus
357
Horoskopie
358
Fig. x. Die Trigonalaspekte
MC
IMC
Fig. 3. Das Schema der Häuser
THC
IMC
Fig. 5. Horoskop Hadrians
76
CCD
Fig. 2. Babylon. Geburtshoroskop
HD
ss
Fig. 4. Antike Aspekte
XED
76
Fig. 6. Horoskop Bebels
359
Horoskopie
360
ihm vieles zu entnehmen 51 ). Man findet
diesen Punkt rechnerisch, indem man die
Länge des Mondes vermehrt um den
Zwischenraum (Winkelbogen) zwischen
der Länge der Sonne und des Aszen¬
denten; oder anders ausgedrückt: „Die
Entfernung, die die Sonne zum Aszen¬
denten hat, hat der Mond zum Glücks¬
rad" 52 ). — Dodekatemorion bezeichnet
das I2fache einer nach Längengraden an¬
gegebenen Sternposition und dient dazu,
die etwa in den bisher charakterisierten
Punkten verheimlichten oder aus ihnen
nicht deutlich zu entnehmenden Ereig¬
nisse zu enträtseln 53 ). Man soll nach
Firmicus von jedem Planeten im Horo¬
skop das Dodekatemorion errechnen 54 ).
Zur Veranschaulichung ein Beispiel. Die
Position der Sonne sei 5 0 5'; das I2fache
ergibt 6i°. Vom 5 0 5' Widder an gerechnet
fiele das Dodekatemorion der Sonne
auf 6° 12' Zwillinge. Merkwürdigerweise
rechnet Firmicus, dem ich das Beispiel
entnehme, diese 6i° nicht von 5 0 5', son¬
dern vom Grad 1 des Zeichens, in dem
das Gestirn steht, dessen Dodekate¬
morion man sucht; er kommt so auf i°
Zwillinge 55 ). Ebenso macht es der Ex-
zerptor des Astrologen Antiochos von
Athen (2. Jh. n. Chr.), der seinerseits
Dorotheos von Sidon — dessen Quelle
ist Nechepso-Petosiris — ausschrieb 56 ):
es scheint, was nicht ganz verständlich
sein will, die Gewohnheit gewesen zu sein.
§ 3. Das System der Tierkreis¬
bilder und Dekane, Planeten und
Domizilien.
Über die Tierkreisbilder. Die
Sonnenbahn (Ccooiaxos, Ekliptik), in deren
Ebene mit mehr oder minder großen Ab¬
weichungen nach N oder S sich auch der
Mond und die fünf Planeten (Merkur 5,
Venus $ , Mars cf, Jupiter und Saturn t?)
bewegen, wird von den Astrologen in
12 Abschnitten zu je 30 0 geteilt. Die Ab¬
schnitte sind benannt nach den in ihnen
stehenden Sternbildern. Die Kenntnis
dieser Zodiakalbilder erhielten die Grie¬
chen wohl schon im 4. Jh. von den Baby¬
loniern; die Figuren, deren Namen sie
nur z.T. änderten, bewahren vielfach noch
eine Erinnerung an ihren babylonischen
Ursprung 57 ). Die Reihe beginnt mit dem
Widder (wohl weil in ihm die Frühlings-
Tag und Nachtgleiche war, als die Baby¬
lonier die ersten Beobachtungen über den
Sonnenlauf machten). Die griechischen
Bezeichnungen Kpioc, TotSpo-, AiSufiot,
Kapxivo;, Ascov, Ilapöevoc, Zu^ov, Zxopirioc,
loJoTTJC, AffOXSpSUC, 'Topo/ooc, ’P/lluEC
sind während des MA.s im Abendland
von den lateinischen Namen verdrängt
worden, die, in folgendem Distichon zu¬
sammengefaßt, leicht zu merken sind:
Sunt Aries, Taurus, Gemini, Cancer, Leo, Virgo
Libraque, Scorpio, Arcitenens, Caper, Am¬
phora, Pisces.
Diese Zeichen (£u»otot) werden bei jedem
Horoskop auf die 12 Häuser verteilt.
Dies geschieht nicht allein, um die Pla¬
netenstellung leichter zu veranschaulichen,
sondern vor allem, weil — und dies ist
wieder ein babylonisches Erbstück —
die Zeichen bestimmte Naturen haben
und ihnen entsprechende Einflüsse aus¬
üben; diese Einflüsse mit der Bedeutung
des Hauses, in dem das Tierkreisbild
steht, zu kombinieren, stellt die eigent¬
liche Aufgabe beim H.ren dar. Ihrer
Natur nach sind die Zodiakalbilder ge¬
schieden in männliche 58 ) (Aries, Gemini,
Leo, Libra, Sagittarius, Aquarius) und
weibliche (Taurus, Cancer, Virgo, Scor-
pius, Capricornus, Pisces); tropische
(Krebs und Steinbock), äquinoktiale
(Widder, Wage), feste (Stier, Löwe, Skor¬
pion und Wassermann), zweijcörperliche
(Zwillinge, Jungfrau, Schütze, Fische),
Tageszeichen, Nachtzeichen, tönende und
tonlose 59 ), gerade (opöa) und schiefe
(irXctyia), feurige und wässerige usw. 60 ).
Aus diesen Naturen werden dann die Wir¬
kungen der Zeichen abgeleitet: Als
h.rendes Zeichen (nur um ein Beispiel
zu geben) schafft der Widder nach dem
Babylonier Teukros ,,farbige, großnasige,
schwarzäugige, kahlköpfige, vornehm¬
tuende (aepvouc), etwas magere, wohl¬
gewachsene, dünnschenkelige, mit schöner
Stimme und edler Gesinnung begabte" 61 );
der Löwe im Horoskop bringt hervor:
„weißfarbige, eine wenig gelähmte (? utto-
iHQpou?), froh- und hellblickende, großmäu¬
lige, mit Zahnlücken versehene, mit schö-
1
Horoskopie
362
361
1 '
i
if
ft
H
* *• t
r :
1 1
r
1
nem Hals und einer stangenartigen Nase
versehene, mit schöner Brust" 62 ) usw.
Man sieht, wie neben den Naturen auf die
Wirkungsbestimmungen vor allem auch
die Vorstellung ein wirkte, die man von
der irdischen Natur des Tieres oder Lebe¬
wesens hatte. Sagt doch Aristoteles in
der Physik 63 ), der Löwe habe ^apoitouc
&p8aXjjtous epcoiTouc (= schönblickende und
tiefliegende Augen): diese Worte finden
ihren Niederschlag in dem angeführten
Verzeichnis der Wirkungen des Löwen.
Über die Dekane. Nun haben aber
nicht nur die 30 0 umfassenden Zodia
Einflüsse, sondern, und das geht vor
allem die Kentra an, Teile der Zodia von
je io°. Diese Abschnitte werden von je
einem göttlichen Wesen beherrscht, De¬
kanus (Sexavoc) genannt. Es entfallen
somit auf jedes Tierkreisbild 3 Dekane;
der ganze Zodiakus enthält deren 36. Die
Dekane sind keine babylonische, sondern
wie die Namenlisten in den Tempeln von
Dendera und Kom Ombo im Ramesseum
und in mehreren Königsgräbem des Neuen
Reiches verraten 64 ), ein Erzeugnis der
ägyptischen Astrologie, die später freilich
(seit der Besetzung Ägyptens durch die
Assyrer, 7. Jh.) stark von babylonischer
Astrologie beeinflußt zu sein scheint. Als
wüste und krause Dämonengestalten
treten diese Drittelgötter uns entgegen:
„Der 3. Dekan des Widders ist ein Mensch;
in der Hand trägt er einen Stab, auf dem
er ausruht. Er ist hitzig und feuer-
farben (SotvOoc). Er trägt einen roten
Mantel. Seine Hände sind gelähmt und
er bearbeitet das Eisen 65 )..." ,,Der
I. Dekan des Krebses ist ein Mensch mit
schiefem und von unten schielendem Blick.
Seine Gestalt ist die eines Elefanten
und eines Pferdes . . . Seine Tracht sind
Blätter und Baumfrüchte" 66 ). Diese Ge¬
stalten haben die Gemüter der Menschen,
seit die Astrologie des Nechepso und Pe-
tosiris die Mittelmeerländer beschäftigte,
mehr beeinflußt als die edleren Zodiakal¬
bilder — eine ergreifende Tatsache für
den seelischen Tiefstand gewisser Volks¬
schichten im Hellenismus und der rö¬
mischen Kaiserzeit. Man kann ruhig sa¬
gen, daß nach der Ansicht der helleni¬
stischen und römischen Astrologen die
Dekane von ungleich tieferer Einwir¬
kung auf die Natur des werdenden Le¬
bens waren als die Tierkreiszeichen. Die¬
selbe Liste z. B., aus der wir oben die all¬
gemeinen Wirkungen (Apotelesmata) der
Tierkreisbilder belegten, teilt in einem
folgenden Abschnitt die 30° des Tierbildes
unter die 3 Dekane auf und bestimmt
einzeln deren Wirkungen. Beispielsweise
heißt es zum Löwen: „Die Menschen
des 1. Dekans sind geschwisterliebend,
Bergwanderer, Mühsal belastet“. Im
2. Dekan werden sie „königsgleich, mutig,
edel, Anführer, kurzlebig und verschleu¬
dern das väterliche Gut". Der 3. Dekan
erzeugt „Leute von schmutziger Gesin¬
nung, ehrbar scheinende, frierende, ge¬
wandte (verschlagen-listige) Führer, außer
Landes reisende, Wohltäter für viele,
aber auch Übeltäter für viele, solche, die
ihre Brüder fallen lassen und an sich selbst
nicht auf ehrenvolle Weise Selbstmord ver¬
üben" 67 ). Man sieht, die Bestimmungen
sind differenzierter als bei den Zodia; die
verschiedensten Charakter Veranlagungen
des Menschen ließen sich auf diese 36 De¬
kane besser verteilen als auf die 12 Zodia.
Dies wird den Dekanen ihre hervorra¬
gende Bedeutung für die H. gegeben haben.
Über die Planeten. Die Interpretation
der Örter eines Horoskops ist vollständig
erst zu geben, wenn die etwa vorhandenen
Beziehungen der in den Häusern stehenden
Zodia zu den Planeten ermittelt sind.
Denn die Planeten sind die eigentlichen,
das Schicksal des Menschen gestaltenden
oder nach anderer Auffassung das Schick¬
sal ankündigenden Mächte 68 ). Wie die
Sonne und der Mond als die ewig wandeln¬
den Lichter die Erde mannigfach beein¬
flussen (Jahreszeiten, Springfluten), so
schloß man analog auch auf Einwirkun¬
gen der übrigen 5 Wandelsterne, die mit
der Sonne und dem Mond ihren Weg durch
die Ekliptik nehmen. Die Klassifizierung
nach Naturen und Wirkungen geschieht
nach denselben Kategorien wie bei den
Zodia; aus dem Göttemamen des Planeten
ist seine Wirkung ersichtlich. Dies ver¬
steht man dann richtig, wenn man sich
erinnert, daß die frühhellenistische Zeit
363
Horo skopie
Horoskopie
366
364
nicht die Sterne selbst als Götter auf¬
faßte, sondern dieselben je einem Gott
zuschrieb, dessen Natur jeweils der des
babylonischen Sterngottes entsprach 69 ).
So wirkte also nicht der Planet, sondern
der Gott, der über ihn herrschte; und
wenn sich langsam auch die Anschauung
von der göttlichen Macht der Planeten
durchsetzte, so ist doch anzumerken,
daß noch im 4. Jahrhundert n. Chr.
der ägyptische Astrolog Hephaistion aus
Theben, wie 8 Jahrhunderte vorher Platon
und die Aristoteliker, von dem Stern des
Zeus, des Ares usw. spricht 70 ). Nechepso-
Petosiris, dem jene Stelle entstammt, hat
sicher auch so geschrieben 71 ).
In der Reihe der 7 Planeten dominieren
Sonne ( 0 ) und Mond ( £ ): von ihnen ver¬
tritt die Sonne das männliche, der Mond
das weibliche Prinzip; ferner ist die
Sonne das Tages-, der Mond das Nacht¬
gestirn. Auch die Naturen der beiden
in ihren Wirkungen am stärksten wahr¬
nehmbaren Planeten sind sich entgegen¬
stehend; während die Sonne Hitze und
Trockenheit bewirkt, hat der Mond die
Eigenschaft zu feuchten 72 ). In ähnlicher
Weise sind die Naturen der anderen Pla¬
neten. Saturn (t?) ist männlich, ein Tages¬
gestirn; seine Natur kältend und, da er
in dem griechischen System der Planeten¬
sphären am weitesten entfernt von der
Hitze der Sonne und den der Erde ent¬
steigenden Dünsten sich aufhält, in einem
gewissen Sinn austrocknend. Weitere
männliche Gestirne sind Jupiter (2J.) und
Mars (cf)> von denen der erste wiederum
Taggestim, der Mars Nachtgestirn ist.
Seiner Natur nach ist Jupiter gemäßigt;
er wärmt und feuchtet, die wärmende
Kraft waltet vor. Mars hingegen ist,
seiner Feuerfarbe entsprechend, aus¬
dörrender, verbrennender Natur. Die Ve¬
nus (2), wie der Mond Nachtgestirn und
weiblich, hat einen im wesentlichen feuch¬
ten Charakter, während der letzte, Merkur
( 5 ), in jeder Hinsicht doppelt begabt ist:
er ist je nach der Stellung am Morgen- und
Abendhimmel entweder Tag- oder Nacht¬
gestirn; ist ebenso männlich wie weib¬
lich und vermag bald seine dörrende, auf-
saugende Macht zu entfalten, bald seine
feuchtende. Die wissenschaftliche Ergrün¬
dung des Planetenzustandes geht auf die
Physik des Aristoteles zurück, der 4 Grund¬
qualitäten angenommen hatte, von denen
je zwei ein Element bezeichnen: warm-
trocken ist das Feuer, warm-feucht die
Luft, kalt-feucht das Wasser, kalt-trocken
die Erde 73 ).
Diesen Naturen entsprechen die Wir¬
kungen der Planeten. Zunächst wer¬
den sie eingeteilt in benificae stellae
(Jupiter und Venus und meist auch der
Mond) und in maleficae (Saturn und
Mars), während Sonne und Merkur eine
Mittelstellung haben. Außerdem hat
jeder Planet einen besonderen Wirkungs¬
kreis: während die Sonne den König, den
Vater, Herrn, Gott und die Würde an¬
zeigt, wendet sich der Mond an die Kö¬
nigin, Herrin, Mutter und bezieht sich auf
den Körper, die Schwangerschaft, Hoch¬
zeit usw. Saturn, der alte, beeinflußt den
Vater, ältere Brüder, das Verwaistsein
der Kinder usw., erregt Krankheiten aller
Art, körperliche Gebrechen, moralische
Minderwertigkeit. In diesem Sinne ist
ihm Mars verwandt: Krankheiten, Ge¬
walttat, Mord, Krieg und Raub, Brand¬
stiftung, Ehebruch und Flucht, Kriegs¬
gefangenschaft, Zerschneiden des Kindes
im Mutterleib, Lüge, Diebstahl, Meineid,
Grabschändung und dergleichen sind sein
Werk. Wesentlich gesitteter ist Jupiter:
Geburt, Ansammlung von Reichtümern,
Gerechtigkeit, Ämter, Staat, Ruhm, Prie¬
steramt, Treue und Sieg werden von ihm
gegeben. Wie Jupiter die Männer, so be¬
günstigt Venus die Frauen: ihr unterstehen
die Mutter, jüngere Schwester, Liebe, Be¬
gierden, ferner Priestertum, Freude,
Freundschaft, Hochzeit, Kinder, einwand¬
freie reine Künste, Malerei usw., Heiter¬
keit der Seele, Lachen, Gelage, Liebko¬
sung und jede Freude. Merkur ist der
Begünstiger alles geistigen Lebens: die
Wissenschaften, Rede, Weisheit, Geome¬
trie, Astronomie, der Handel, endlich das
Vorauswissen der Zukunft sind auf seinen
Einfluß zurückzuführen 74 ).
Die volle Wirkung des Planeten ist ab¬
hängig von dem Tierkreiszeichen, in dem
er gerade steht. Jeder Planet hat nämlich
ein Zeichen seiner höchsten Wirksam¬
keit ((tywua, altitudo) und eines seiner
niedrigsten (xa7te’'v<i>p.a, deiectio). Ferner
haben die Planeten ein Tierkreisbild, wel¬
ches sie am Tage, ein anderes, welches sie
bei Nacht bewohnen. Sonne und Mond
haben nur je ein Zeichen: denn die Sonne
ist einseitig Beherrscherin des Tages, der
Mond der Herr der Nacht. Diese Wohn¬
sitze der Planeten im Zodiakus nennt man
Häuser (oTxoi, domicilia); sie steigern
ebenfalls, wenigstens nach ,,ägyptischer“
Anschauung, die Wirkung des Planeten.
Die Zugehörigkeit der Planeten zu den
Zodia, ihre Höhen und Depressionen, Tag
und Nachthäuser ersieht man aus fol¬
gender Tabelle 75 ):
I?
xi
*
i.
r
r
Pla¬
neten
Er¬
höhungen
Erniedri¬
gungen
Tag-
Häuser
Nacht-
Häuser
0
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3 °
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27 °
XL
np
I 5°
X
15°
np
3T
Indessen haben die Planeten nicht nur
dort die Macht, wo sie wirklich stehen, son¬
dern auch an andern Stellen des Zodiaks,
die ihnen gleichsam gehören. Zunächst
sind ihnen die Dekane zugewiesen; nach
der Natur des Planeten ist die Natur und
die Wirkung des Dekans bestimmt 76 ). Ein
weiteres System teilte die 30 Grade jedes
Zodiakalbildes noch weiter (ohne Berück¬
sichtigung der Dekane) in je 5 Abschnitte,
deren jeder einem der Planeten mit Aus¬
nahme von Sonne und Mond unterstellt
war. Diese opta bzw. fines genannten Ab¬
schnitte oder Bezirke ermöglichten eine
noch genauere Bestimmung der Natur
des Neugeborenen aus den jeweils in den
Cardines stehenden opta und ihrer plane¬
tarischen Natur; der Bezirk war von aus¬
schlaggebender Wichtigkeit, wenn in den
Cardines kein Planet stand. Wir teilen
hier nun die Tabelle der opia des Peto-
siris mit; es gab noch andere Verteilungen,
t. B. eine chaldäische usw.
Bezirke nach Nechepso-Petosiris 77 ):
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5
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9
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2
Über den Oikodespotes (Hausherr).
Wie der Astrologe bestimmte Punkte des
Zodiaks im Horoskop besonders zu be¬
achten hatte, wie das Dodekatemorion
und den Kleros ttjc tu/tjc, so auch neben
den Planeten bzw. dem Bezirk des ersten
Hauses noch einen gewissen Planeten, den
sog. otxoöearoxTjc oder dominus geniturae
(xuptoc fsveaeuiv). Er zeigt das Wesen
der Neugeborenen, wie sie sein werden,
die ihnen eigene Substanz ihres Lebens,
die Charakteranlagen, die äußere Erschei¬
nung des Körpers, kurz er erläutert den
ganzen Menschen 78 ). Über die Auffin¬
dung des Dominus geniturae gehen die
Ansichten weit auseinander. Während
die einen sich dafür entschieden, der
Bezirk habe die Wirkung des ofxo-
SeairoTT]S, in dem bei Taggeburt die Sonne,
bei Nachtgeburt der Mond stehe, be¬
zeichnen andere das 5 ^o>jia des Mondes als
ohcoSeaTTÖTTjc. Für eine kompliziertere Auf¬
findung desselben entscheidet sich Fir-
micus Maternus: in seinem System ist
der Planet Hausherr, dessen Zodiakalbild
die 2. Station des Mondes ist, gerechnet
von seiner Stellung im Augenblick der Ge¬
burt an, wobei das Sternbild, in dem der
Mond sich bei der Geburt befindet, mit¬
gerechnet wird 79 ). Um ein Beispiel zu
geben: Wenn einer in seiner Ge¬
burtsstunde den Mond im Widder hat,
so ist der oöioos 37:6x7] c des Horoskops die
Venus als Herrin des auf den Widder fol¬
genden Zeichens, des Stiers. Dabei ist
zu beachten, daß Sonne und Mond nie¬
mals otxo 5 £ 07 : 6 xat sein können; die Zodia,
in denen Sonne und Mond herrschen,
werden dabei einfach überschlagen. Ist
367
Horoskopie
368
z. B. zur Geburtsstunde der Mond in den
Zwillingen, so ist otxoSecjTtoTTj? nicht der
Mond als Herr des Krebses noch die Son¬
ne, die den Löwen bewohnt, sondern der
Merkur als Hausherr des folgenden Bildes
der Jungfrau 80 ). Die Wirkung des
obcoSscjrox 73 c wird aus der Natur des Pla¬
neten nach den beschriebenen Grund¬
sätzen interpretiert.
§ 4. Die Aspekte.
Die Stellungen der Planeten in den De¬
kanen oder Bezirken der Zodia werden
verstärkt oder geschwächt durch die sog.
<55(73 fi.axtcjp.ot oder radiationes. Anfänge
der Lehre lernten wir schon bei den Baby¬
loniern kennen. In der griechischen
Astrologie sind die Aspekte erheblich ver¬
mehrt, indem neben Opposition und Tri¬
gonalschein Geviertschein und Sextil-
schein treten. Die Deutung der Oppo¬
sition als schlecht, des Trigonalscheins als
gut war wohl schon bei den Babyloniern
üblich; da nun Geviertschein halbe Oppo¬
sition, Sextilschein halber Trigonalaspekt
ist, sind ihre Wirkungen dementsprechend,
nur etwas abgeschwächt: Geviertschein
gilt allgemein als ungünstig, während Sex¬
tilschein als günstig anzusehen ist 81 ).
Nur wenige Astrologen weichen von dieser
communis opinio ab und erklären z. B.
die Opposition als günstig.
Figur 4 zeigt, welche und wie viele
Aspekte zwischen den einzelnen Zodia
möglich sind.
Die Aspektwirkungen verbinden sich
mit den Planetenkräften. Schlechte Pla¬
neten in Opposition und Geviertschein
verstärken die Wirkungen auf das Leben,
im Gedrittschein (und wohl auch im Sex¬
tilschein) schwächen sie sie und umge¬
kehrt:
ayrqiLaai. Tpi7rksupoi<; xaxosdfj.ßX6vovtat
Im Trigonalaspekt schwächen sich die
stellae maleficae 82 ).
Nach diesem Grundsatz haben die
Astrologen die Aspekte aller Planeten
untersucht und mit ihrer Interpretation
ganze Bücher gefüllt, um eine schnellere
Deutung der Horoskope zu ermöglichen.
Von besonderer Wichtigkeit sind in die¬
sen Listen die Oppositionen und Kon¬
junktionen von Sonne und Mond, die Fin¬
sternis verursachten. Eine Finsternis
(s. d.) bedeutet für den Astrologen nie
etwas Gutes. In der genethlialogischen H.
scheinen sie weniger wichtig gewesen zu
sein als in der allgemeinen.
§ 5. Die Methode des H.rens.
Zur Aufstellung eines genethlialogischen
Horoskops war es zunächst erforderlich,
sich darüber klar zu werden, ob die Kon¬
stellation der Geburt oder der Empfängnis
auf das Leben des werdenden Kindes den
entscheidenden Einfluß ausübt. Da schon
ein Schüler (?) des Berossos, Achina-
polus, wohl auch ein Babylonier (s. 0.),
die Theorie des Empfängnishoroskops auf¬
stellte 83 ), überwog in der hellenistischen
Zeit das Empfängnishoroskop, welches
freilich mit dem Geburtshoroskop ver¬
glichen worden sein wird, um so deut¬
licher das Schicksal des Kindes zu be¬
stimmen. Für die Bestimmung des Emp¬
fängnishoroskops aus der Konstellation
der Geburt gab es weitläufige Anwei¬
sungen, die schon in dem großen Werk
des Nechepso-Petosiris standen 84 ). —
Übrigens war der Dienst des Astrologen
bei der Aufstellung des Horoskops nicht
lediglich ein passiver der Interpretation;
er mußte auch den günstigen Augenblick
des Beilagers aus den Sternen ablesen,
ferner die Geburt des Kindes so lange auf¬
halten, bis die Sternkonstellation gut
war 85 ).
Die Aufstellung des Horoskops beginnt
mit der Festlegung des Aszendenten und
der übrigen xevrpa. Es kommt demnach
auf genaue Kenntnis der Geburtsstunde
an. Mit Hilfe eines bis auf io° genauen
Apparates, des sog. Astrolabiums, ver¬
mag dann der Astrologe die Lage des
Tierkreises leidlich zu bestimmen, auf¬
zuzeichnen und aus Ephemeriden die Po¬
sitionen der Planeten einzutragen. Die
Methode der Anwendung des Astrolabiums
zu beschreiben, führt hier zu weit 86 );
Ptolemaios findet das Instrument zu un¬
genau und ersinnt eine andere Rechen¬
methode unter Verwendung der letzten
Konjunktionen oder Oppositionen von
Sonne und Mond 87 ). Ich begnüge mich
mit einem Hinweis auf sie, da mir
das Kapitel seiner Tetrabiblos, das sie be-
369
Horoskopie
370
m
I schreibt, bisher unverständlich geblieben
• .
ist.
Nachdem die Kentra und die Planeten¬
stellungen bestimmt sind, wird der
h.rende Planet bzw. in Ermangelung eines
solchen der horoskopierende Bezirk fest¬
gelegt und in bezug auf sein Tierkreis¬
bild und seine Aspekte interpretiert.
Das geschieht mit Hilfe von Listen;
dieselben enthalten 1. Die Bedeutung
der einzelnen Zodia im 1. Haus; 2. Die
Bedeutung der h.renden Planetenbezirke.
3. Die Wirkungen der Planeten in den
I einzelnen Zodia. 4. Die Wirkungen
l der Planeten in den Bezirken anderer
p Planeten. 5. Die Aspekte der Planeten. Es
!■ ist also ein vielfältiges Kombinationsver-
B fahren nötig, welches, wenn man beispiels-
weise den Firmicus Maternus zugrunde
legt, immerhin das Exzerpieren von
50 Seiten nötig macht 88 ). Dabei sind die
Interpretationsmöglichkeiten, vor allem
wenn man noch die vielfältigen Systeme
berücksichtigt, unbegrenzt. Dafür sind
1 für die Zeit des Mittelalters die arabischen
Sammelkompendien die besten Zeugen.
' Nach der Interpretation des Horo-
..skopos beginnt, wenn wir Nechepso-Pe-
f tosiris folgen, die Interpretation des
i X. Hauses, der pars nonagesima: in
Omnibus enim genituris nonagesima pars
y sagaci debet inquisitione perquiri; die
Wichtigkeit des Punktes für das Leben
| wurde oben § 1 erläutert. Im übrigen ist
R genau zu verfahren wie beim Horoskopos:
fi pars ipsa, in cuius sit dominio ac potestate
\ (Planet), hoc est, in cuius finibus (Be-
( zirk) et similiter dominus partis in quo
^ sit loco positus, et sic omnia ex natura
{ stellae ac loci potestate perfides 89 ).
[' Zu diesen beiden Hauptpunkten der
* Cardines treten dann 1. xXtjooc tt)s xt y/r t s
fl (= locus fortunae), 2. das öcü5£xaT7jjj,6piov,
? das über die Lebensdauer befragt wird.
Nachdem so die Grundlagen festgelegt
sind, erfolgt die Deutung der übrigen
1 Häuser. Dabei kommen dem Range nach
> zuerst die noch übrigen Kentra (VII und
1 IV) an die Reihe, darauf die andern loci.
Stets geht die Betrachtung vom Tier¬
kreiszeichen und dem Planeten aus. Die
zu dem einzelnen Hause gewonnene Er¬
kenntnis wird dann modifiziert nach den
Aspekten.
Die im vorstehenden gegebenen Aus¬
führungen enthalten nicht alle zu beach¬
tenden Momente. Da es uns nur darauf
ankommt, das System der H. zu erläu¬
tern, scheint es überflüssig, auch die Modi¬
fikationen zu beschreiben, denen die In¬
terpretation etwa bei einer Tag- und Nacht¬
geburt unterliegt oder den Abschnitt des
Firmicus über die plenae et vacuae par¬
tes (IV 22) in diese Betrachtung einzube¬
ziehen. Indessen dürfte es wünschens¬
wert erscheinen, abschließend die Materie
durch ein Beispiel zu illustrieren.
§ 6. Beispiel eines antiken Ho¬
roskops und seine Interpretation.
Wir wählen das von dem spätantiken
Astrologen Hephaistion von Theben mit¬
geteilte Horoskop des Kaisers Hadrian
(117—138), exzerpiert aus einem Werk des
Astrologen Antigonos von Nikaia (2.—3.
Jh.) 90 ), das eine Beispielsammlung
solcher Genituren samt Kommentar ent¬
hielt und ausdrücklich als von Nechepso-
Petosiris abhängig bezeichnet wird 91 ).
,»Geboren wurde einer, mit G in 8°,
(T, 2J. und Asz. im i°, ^ in ^ 16 0 , $ in
Z 12°, $ in K 12°, cf in 3*22°, MC in
TTL 22 0 .“ Figur 5 gibt die Konstella¬
tion.
Der dominus geniturae (oixoSearcoTTjc) --
so sagt Antigonos — ist f>. Das ist —
verglichen mit Nechepso-Petosiris — zu^
nächst ein Fehler, denn, wie oben § 4
gezeigt wurde, ist oixo8s<jit6t 7J£ nicht der
Hausherr des dem augenblicklichen Wohn¬
ort des Mondes vorausgehenden, sondern
nachfolgenden Zeichens. Wir setzen
hier über diese Diskrepanz nichts ausein¬
ander; Antigonos war in den damaligen
Astrologenkreisen als Neuerer bekannt,
und so ist es nicht unmöglich, daß er auch
hier eine eigenmächtige Neuerung vor¬
genommen hat. Z ist nun das Haus des
b ; sein Standort der 16. Grad der eben¬
falls b gehört, so daß diese Position sehr
stark ist. Antigonos berechnet aus seiner
und der Venus Position das Alter des Man¬
nes auf 64 Jahre; das geschah auf eine be¬
sondere Methode, die wir hier nicht ana¬
lysieren. Im übrigen aber fügen wir aus
37i
Horoskopie
372
Firmicus, der ebenfalls Nechepso-Petosiris
exzerpiert, hinzu, daß ft als Hausherr „be¬
rühmte und vornehme Leute mit jedwe¬
dem Glückserfolg hervorbringt, die aber
an Wassersucht, Lungensucht (damit ver¬
bunden wohl die Atembeschwerden, Sua-
irvota) und Krämpfen“ sterben 92 ).
Sehr bedeutend ist die Konstellation des
Horoskopos: (f und 2J. im 1. Grad des s*.
Vor allem 2J. weist auf einen „berühmten,
hochgesinnten und tätigen Menschen“
hin; er wird „eine Herrscherpersönlich¬
keit“ 93 ). Damit geht auch der 1. Grad
des sä konform: „in I. parte (Grad, poTpot)
Aquarii quicumque habuerit horoscopum,
si 2J. et ft simul fuerunt inventi . . . et si
(£ bene fuerit collocata, erit rex magnus
gloriosus polychronius, omnium terrarum
possidens circulum“ 94 ): das deutet auf
den römischen Kaiser, den auxoxpaxtup, von
dem Antigonos spricht. Ebenso kündet
dies die Vereinigung von © und £ im
Horoskopos (I. Haus): si O ct (T in mas-
culinis signis constituti in primis sint car-
dinibus collocati, . . . reges facient terri-
biles potentes, regiones vel civitates
maximas subiugantes. Ferner verleihen
beide Lichter in einem Kentron „ansehn¬
liche Größe, Tapferkeit und Anmut“ 95 ).
Diese guten Stellungen sind indes doch
bedroht durch die sog. £{jnt£pi(j/£3t; oder
obsidio 96 ). Wenn nämlich zwei Planeten
so stehen, daß sie in einem bestimmten,
nur wenige Grade betragenden Aspekt
mit ihren Strahlen Sonne und Mond
treffen, so nennt man diese Konstella¬
tionen eine Blockade. Sie liegt hier vor,
denn im 11. Haus steht ft , im 2. Haus
Daraus folgen viele „Prozeßgegnerschaf¬
ten und Anschläge gegen das Leben (?)
des betr. Mannes, da die gute Wirkung
der Lichter durch die Emperischesis von
dem bösen t) und cT erheblich gemindert
wird“ 97 ).
Nun folgt die Betrachtung des MC, des
d<p£ oder der pars nonagesima, bei der
das Wichtigste die Feststellung des Haus¬
herrn und die Beurteilung von dessen
momentaner Stellung ist. Im MC dieses
Horoskops steht TTt, dessen Hausherr ist
cT; derselbe steht X 22°, liegt also genau
in Trigonalaspekt zum MC; nach der Re¬
gel, daß schlechte Planeten im Trigonal¬
aspekt geschwächt werden, wird er axa-
xrnxoc, zumal ersieh in den Fischen, seinem
Hause, und in diesem in seinen Graden
aufhält 98 ). Außerdem steht er im Osten
unter dem Horizont: in solcher Stellung
werden von ihm „berühmte, tätige und
schwer zu bekämpfende Charaktere“ her¬
vorgebracht. Er beeinträchtigt also kei¬
neswegs den „großen Mann“.
Die oben angekündigten Feinde wer¬
den besiegt w r erden. Denn $ im 11. Ort
erzeugt ingeniosos und vernünftige Men¬
schen, zumal in Konjunktion mit t) ")•
Die obsidio der Lichter, über die wir
eben sprachen, weist auch auf Leiden und
Krankheit hin, die zu einem „bösen Tod“
führen: „immer nämlich, wenn böse
Sterne© oder (f oder beide in den Kentra
belagern, sind sie Ursache eines bösen
Todes“ 10 °). Das stimmt mit dem Voraus¬
sagen des oötoö^Ttoxr^ überein; die von ihm
angekündigte Krankheit der Wassersucht
I dürfte auch Ursache des Todes des betr..
Menschen werden. Um sich indes dieses
Ereignisses genau zu vergewissern, muß
man auch die Konstellationen nach 3, 7
und 40 Tagen in Betracht ziehen 101 ).
Nach 40 Tagen steht es nicht besser: C
im ©, cT im T, t) im /5 (wobei und
t) C haben) verkünden gewaltsamen
Tod 102 ).
Aus der langsamen Annäherung des <T
an $ (Synaphie, adplicatio) 103 ) wird auf
eine Schwester, aus der Stellung der G
dazu auf Kinderlosigkeit geschlossen. —
Wir haben nur in großen Zügen den
Kommentar des Antigonos wiedergegeben
und mit den Konstellationsinterpreta¬
tionen des Firmicus verglichen, um die
Tradition des petosiritischen Gutes zu
zeigen und die Angaben des Antigonos
zu ergänzen. Die einzelnen Häuser inter¬
pretiert Antigonos nicht, wohl weil keine
Planeten in ihnen stehen und er vor allem
den allgemeinen Verlauf des Lebens ent¬
wickeln will. Wer den Einzelheiten noch
nachgehen will, möge den Firmicus in die
Hand nehmen und weiter analysieren.
Wir brechen hier ab. —
§ 7. Die übrigen antiken Horo-
skopiesysteme.
373
Horoskopie
374
Die Mannigfaltigkeit der H.-Systeme im
Hellenismus und der römischen Kaiser¬
zeit ist groß. Fast jeder bedeutende Astro¬
loge hatte sein System, dessen Prinzip
freilich bei allen auf Nechepso-Petosiris
zurückging. Infolgedessen erübrigt es
sich, hier über Dorotheos von Sidon, Bal-
billus, Antiochos von Athen, Vettius Va¬
lens, Julian von Halikarnass ausführlich
zu sprechen 104 ). Auf die theoretische Be¬
gründung sowohl ihrer Ansichten im ein¬
zelnen wie auch des Systems als Ganzem
verzichten sie fast ohne Ausnahme; und
wo sich etwas findet, was als wissenschaft¬
liche Rechtfertigung gewertet werden
soll, pflegt es mystischen Ursprungs zu
sein 105 ). Nur die Stoiker und später
Ptolemaios haben eine kausale Begrün¬
dung der H. versucht, indem sie von
Beobachtungen der Abhängigkeit irdischen
Geschehens von astralen Vorgängen aus¬
gingen und diese mit ihrem auf Aristo¬
teles aufgebauten Weltbild in Einklang
zu bringen unternahmen 106 ).
Die Beziehung zwischen Sonne und Jah¬
reszeiten, Mond und Gezeiten, Men¬
struation und Pflanzenleben bilden die
Grundlage dieser wissenschaftlichen Be¬
trachtungen 107 ). Ptolemaios diskutiert ,
dabei auch die Frage der absoluten Sicher¬
heit astrologischer Voraussage aus der
H., die von bedeutenden Köpfen wie
dem Vertreter der mittleren Akademie
Kameades stark erschüttert war 108 ). Da¬
bei gesteht der Astronom rückhaltlos ein,
daß die H. keine Garantien übernehmen
darf 109 ). Freilich ist sie für ihn nicht ein
Wahngebilde, wie Kameades sie hinstellte;
das Unzureichende der Astrologie be¬
ruht vielmehr auf der menschlichen Un¬
kenntnis der physikalischen Eigenschaften
der Planeten bzw. auf der Unmöglichkeit
ihrer genauen Ermittlung durch die Sterb¬
lichen. Wir werden über diese theore¬
tischen Auseinandersetzungen der großen
Astrologen mit ihrem System ergänzend
und ausführlich s. v. Sterndeutung
sprechen. Hier geschieht dieser Richtung
der Astrologie nur darum Erwähnung,
um den weiteren Verlauf der historischen
Entwicklung der H. bei den Arabern ver¬
ständlich zu machen.
Das System der H. ist, wie es in der
Tetrabiblos des Ptolemaios vorliegt, prin¬
zipiell mit dem des Nechepso-Petosiris,
auf den sich Ptolemaios auch einmal be¬
zieht no ), identisch; freilich wird auf jene
oben dargelegte allzu ausführliche und in
Einzelheiten schwelgende Interpretation
bewußt verzichtet. Stellt so das Buch des
Ptolemaios eine Kritik der Astrologie, wie
sie bisher gepflegt wurde, dar, so hat man
doch daraus wenig gelernt: — nach wie
vor blieb für unkritische Köpfe gerade
Nechepso-Petosiris maßgebend, und sein
Traditionsgut vererbte sich dem abend¬
ländischen Mittelalter vor allem in dem
großen astrologischen Kompendium des
sizilischen Senators Firmicus Maternus 111 )
(Matheseos libri VIII). Darum ist auch
die Darlegung hellenistischer H. auf Ne¬
chepso-Petosiris aufgebaut. Erst durch
die Araber und Byzantiner kam neben den
beiden Ägyptern, deren Werk in zahl¬
lose Exzerpte aufgelöst die astrologischen
Sammelhandschriften des Mittelalters
füllt, auch die Tetrabiblos des Ptolemaios
im Abendland zu Ehren.
27 ) Über den Zusammenhang zwischen helle¬
nistisch-römischer Weltanschauung und Astro¬
logie s. Cumont-Gcrich Die orientalischen
Religionen im römischen Heidentum 237 ff.
28 ) Textausgabe von J. Camerarius, Nürnberg
1535 » von Ph. Melanchthon, Basel 1553. Die
neue von Franz Boll vorbereitete Ausgabe ist
noch nicht erschienen. Zitate nach der Aus¬
gabe von 1553. Deutsche Übersetzung von
Erich Winkel, Berlin 1923. 29 ) Vgl. Boll
Offenbarung S. 4 ff. 30 ) Nur in Fragmenten
erhalten. Erste Sammlung derselben von E.
Riess Philologus Suppl. Bd. VI p. 327 ff. Viele
Ergänzungen aus Manetho erforderlich, andere
möglich mit Hilfe des CCA. Datierung CCA.
VII 130 ff. Dazu vgl. Darmstadt Quacstiones
apotelesmaticae. Lpz. 1916. Das angeführte
Zitat Riess frg. 1; vgl. Manil. Astron. I 30 ff.
31 ) Bezold-Boll Reflexe astrologischer Keil¬
inschriften bei griechischen Schriftstellern (= Sitz-
ber. d. Heidelb. Ak. 1911, phil.-hist. Kl. 7)
S. 37 ff. 32 ) CCA. VII 132, 21 ff. 33 ) He-
phaestiov. Theben I 21 ed. Engelbrecht p. 83,
16 ff. 34 ) CCA. VII 137, 19 ff. 38 ) Boll Offen¬
barung 79. 36 ) CCA. II 144, 5 ff. Übersetzung
von Boll Offenbarung 81. 37 ) Zu den Finster¬
nissen allgemein vgl. Ptol. Tetr. p. 44 ff.,
Farbenerscheinungen s. Hephaest. I 21 p. 82
Engelbr.; Vettius Valens ed. Kroll VI 3.
38 ) Ptol. Tetrab. Lib. II praef. p. 54 Melanch-
thon. 39 ) Riess s. v. Astrologie in Pauly-
Wissowa2, 1803. 40 ) Firm. II 15. 41 ) Ptole-
375
Horoskopie
376
maios Tetr. II 58 ff. Dazu Literatur Bezold-
Boll 3 S. 157; Cumont CCA. II 84 f und
Klio (Beiträge zur alten Gesch. IX, 1909) S.
263 ff.; Boil CCA. VII 192 ff. 42 ) Vermittler
war z. B. Berossos: Josephus c. Apion. I
129. 43 ) Gundel in Bezold-Boll Stern glaube*
154; anders Ptol. III 12 p. 128. 44 ) Riess
in Pauly-Wissowa 2, 1804. 45 ) Firm. II 19.
48 ) Ebd. 47 ) Ebd. II 19 p. 64; VIII 2 p. 2S4.
Riess frg. 16. 48 ) So z. B. Ptole maios
III 12 p 128. 49 ) Firm. III 1. 18. 50 ) Vgl.
Salmasius de annis climactericis p. 18 r.
61 ) Firm. IV 17, 5. 52 ) Vgl. C. Aq. Libra
Astrologie, ihre Technik und Ethik, Amersfoort
(Holland) 1919, no, 63 ) Ptol. III 13; Firm.
IV 17; CCA. II ii 8, 13 ff.; Riess frg. 1920.
Firm. III 13, 14- 55 ) Ebd. II 13. 3 ff- 5Ö ) EGA.
II 154, 12 ff. Uber Antiochos v. Athen vgl. Boll
Griechische Kalender I. Das Kalendarium des
Antiochos von Athen (= Sitzber. Heidelb. Ak.
1910, phil.-hist. Klasse 16) S. 8 ff. 67 ) So der
Stier, der Löwe, die Jungfrau (Ähre), Skorpion,
Steinbock (Ziegenfisch). Vgl. Thiele Antike
Himmelsbilder. 68 ) Firm. II 10; CCA. VII 194 ff.
69 ) Ptol. I 10—11 p. 31—34. 60 ) CCA. VII
194 ff. 61 ) CCA. VII 196, 4 ff. 62 ) CCA. VII
202, 6 ff. 83 ) 809b. 64 ) Sethe Zeitrechnung
I 305; Borchard Zeitmesser 55 A. 65 ) CCA.
II 153, 13 ff- 66 ) Ebd. II 154, 18 ff. Andere
Beschreibungen Boll Offenbarung 52. 67 ) CCA.
VII 202, 9 ff. ® 8 ) xä aarpa r.oizi entgegen¬
gesetzt dem xä ä^xpoe arjpcuvei. 69 ) 6 xoü Kpövou
aaxrjo usw. in Roscher Lex. s. v. Planeten.
70 ) Hephaest. I 23; Riess frg. 12 Platon. 71 )Riess
frg. 12. 72 ) Ptol. 14 p. 17 f. 73 ) Bezold-
Boll Sternglaube 3 50. 74 ) CCA. VII 214 ff.
Stammt nicht unmittelbar aus Nechepso-Pe-
tosiris, wird aber, da traditionell, nicht wesent¬
lich von ihm abweichen. 75 ) Bezold-Boll 3
S. 59. 78 ) CCA. II 133; VI 73 - 77 ) Ptol. I 19
p. 45; Dorotheos Sidonius bei Heph. v. Theb.
I 1 p. 46 ff. Engelbr. (= CCA. VI 92 f.). Das
chaldäische System Ptol. I 20 p. 49. 78 ) Firm.
IV 19; Riess frg. 24. 79 ) Die verschiedenen
Ansichten bei Firm. IV 19, 1—2 S. 243 Kroll.
80 ) Beispiele ebd. § 4 p. 244. 81 ) Firm. I 22, 6. 7
S. 70 Kr. 82 ) Dorotheos Sidonius (nach Ne-
chepso-Pet.) CCA. VI 91. 83 ) Vitruv. IX 7 p.
252 Rose. 84 ) Stellen bei Bezold-Boll Stern¬
glaube 3 S. 154. 85 ) Bestes Beispiel die bekannte
Szene im Alexanderroman des Kallisthenes
Hist. Alex. Magni ed. Kroll. I 12. Die Stelle be¬
sprochen von Fr. Boll Sulla quarta ecloga di
Virgilio. (Mem. alla classe di scienze morali della
R. Academia di Bologna 1923) S. 18 ff. Vgl.
Bezold-Boll Sternglaube 3 153. 88 ) Kauff-
mann in Pauly-Wissowa s. v. Astrolabium
2, 1799. 87 ) Ptol. III 2 p. 108 ff. 88 ) Firm.
V—VI. Andere Listen z. B. CCA. II 160—212.
89 ) Firm. VIII 1. 90 ) Über Antigonos v. Nikaia
vgl. Pauly-Wissowa 1, 2422, CCA. VI 67
A. 1. 91 ) Text nach einer Wiener Hs. ed. v. Kroll
CCA. VI 67 ff. 92 ) Firm. IV 19, 67; CCA. VI 68,
15. 93 ) CCA. VI 69, 18; Firm. III 3, 1.
4 ) CCA. VI 68, 11; 17; Firm. VIII 29, 1; vgl.
dazu Heph. v. Theb. ed. Engelbr. I 1 S. 65, 17
und Bolls Interpretation der Stelle Offenbarung
S. 12 und Sulla quarta ecloga di Virgilio
(s. o. A. 85) S. 9 * 5 ) CCA. VI 68 , 18—69,
3; Firm. VII 22,1. 9S ) Darüber BLA. S. 251/52.
97 ) CCA. VI 69, 20. 98 ) CCA. VI 69, 10 ff.
") CCA. VI 69, 5; Firm. III 7, 23. 100 ) vgl.
Firm. IV 16, 2. 101 ) CCA. VI 71, 7 ff.
102 ) Firm. VI 11, 10; vgl. VI 15, 20—21.
103 ) Darüber BLA. 245 f. 104 ) Die Fragmente
größtenteils gesammelt CCA. I—X; vgl. die
Indices der Bände unter den Namen. Über Do¬
rotheos Sidonius vgl. Stegemann Astrolo¬
gie und Universalgeschichte, Studien etc . zu den
Dionysiaka des Nonnos von Panopolis S. 11 ff.;
zu Balbillus s. CCA. VIII 4, 2330.; zu An¬
tiochos von Athen vgl. Anm. 56. l05 ) So z. B.
der Brief CCA. V 2, 48 ff. 106 ) Zur Beziehung
zwischen Stoa und Astrologie vgl. Boll-Gun-
del Sternglaube 3 99/100 z. S. 25. Über Ptole-
maios s. E. Riess in Pauly-Wissowa s. v.
Astrologie Sp. 1S02 ff.; Fr. Boll Studien über
CI. Ptolemaeus (J. f. kl. Phil. Suppl. 21 [1904]).
107 ) Ptol. Tetr. I 2 S. 2 f.; Boll Studien über
CI. Ptolemaeus, 135. 108 ) Literatur Boll-
Gundel Sternglaube 3 S. 99 z. S. 24 f. 109 ) Tetr.
I 2. II Praef. no ) Tetr. I 19. 20 S. 43 ff. Mel.
1U ) Vgl. Boll in Pauly-Wissowa s. v. Fir-
I micus 2367 ff.
III. Berichtigung und Differen¬
zierung des hellenistischen Sy-
1 stems im Mittelalter und in der
Neuzeit.
I Die Kämpfe der Väter des Christentums
gegen die astrologische Weltauffassung
charakterisieren die Ablösung der antiken
j Weltanschauung durch die christliche.
: Sie enden indes nicht mit einem voll-
t ständigen Siege des Christentums. Die
! Kenntnis primitiver H., wie sie sich in den
I Texten spätantiker Laienh. 112 ) (s. d.) er¬
halten hat, blieb auch im frühen Mittel-
alter unvergessen 113 ) und drang mit dem
Mönchtum in Nordfrankreich und Deutsch¬
land ein. Auf diesem Wege wurden den
Völkern des hohen Nordens neben den
Gehalten der neuen christlichen Lehre
auch solche der Astrologie übermittelt.
Ob diese in dem Prozeß der Zersetzung
der germanischen Religion, der in jenen
Jahrhunderten vor sich ging, von Be¬
deutung geworden sind, darüber werden
wir, da einerseits das Christentum prin¬
zipiell den Astrologen als Zauberer ver¬
dammte 1U ), andrerseits die Geistlichen
als die Träger des Christentums fast die
einzige Quelle für die Kenntnis dieser
377
Horoskopie
378
T
f .
!f.
V
Zeit sind, wohl niemals Aufschluß erhalten.
Am Ende des 10. Jahrhunderts war die
germanische Religion in dem eigentlichen
Deutschland ausgestorben, freilich ohne
daß die christliche darum wirklich in das
Bewußtsein der Deutschen übergegangen
wäre. Im Gegenteil, viele müssen damals
an ihr irre geworden sein, denn aus jener
Zeit wissen wir, daß man sich der Astrolo¬
gie in die Arme warf 115 ). Die wissen¬
schaftliche Sternkunde drang vom Orient
her ein — Spanien und Sizilien sind die
Brücken — und errang sich die Anerken¬
nung einer durchaus ernst zu nehmenden
Sache, einer Offenbarung des göttlichen
Worts. Seitdem blieb die Astrologie bis
zum Beginn des 18. Jahrhunderts Eigen¬
tum des europäischen Geistes. Im Zu¬
sammenprall mit der Welt des Christen¬
tums erfuhr sie freilich eine Reihe von
Modifikationen, nachdem der mathema¬
tische Sinn der Araber schon manches
verbessert hatte, um aus dem euro¬
päischen Bewußtsein dann zeitweilig so¬
gar verdrängt zu werden.
Bis zum 9. Jh. n. Chr. blieb das System
des Nechepso-Petosiris in seiner alten
Form erhalten. Byzantiner, Juden, Sy¬
rer 116 ), vor allem aber die Araber kon¬
servierten es und sicherten der H. ein
weites Verbreitungsfeld. Die Araber, an
der späteren Umgestaltung hauptsächlich
beteiligt, tradieren vor allem den Text
des Ptolemaios, den sie oftmals über¬
setzten und kommentieren 117 ). Mit dem
9. Jh. tauchen im Islam plötzlich ara¬
bische Astrologen auf, die selbständige
Interpretation der Konstellationen ver¬
suchen 1I8 ). Allerdings erfreuen sich die
alten Griechen nach wie vor ungemeiner
Schätzung; wo arabische Autoren eine
abweichende Meinung vertreten, geschieht
dies regelmäßig nur, nachdem alle Inter¬
pretationen der Griechen zitiert worden
sind 119 ).
Eine entscheidende Erweiterung erfuhr
zunächst die politische Horoskopie durch
die seitdem für Jahrhunderte den Men¬
schen zur Qual und Angst gewordenen
Lehre von den Konjunktionen der Pla¬
neten, vor allem der sog. ,,großen Plane¬
tenkonjunktion“ 120 ). Dieser Lehre He¬
gen zwei antike Gedanken zugrunde:
1. jedes Land ist einem Tierkreiszeichen
unterstellt (astrologische Geographie) 121 );
2. bei der Konjunktion aller Planeten
im Steinbock tritt nach gewissen Dok¬
trinen der Stoa eine die Welt ver¬
derbende Sintflut, bei derselben Kon¬
junktion im Krebs der W T eltenbrand
ein 122 ). Beide Lehrsätze erfuhren sei¬
tens der Araber eine äußerst eingehende
j Untersuchung 123 ). Nach den Erfahrungen
der ,,Alten“ und den eigenen wurde eine
neue Verteilung der Länder der Weit un¬
ter die Tierkreiszeichen vorgenommen
und aus den jeweiligen in ihnen bemerk¬
ten Planetenkonstellationen, vor allem
aber den Konjunktionen, das politische
Schicksal der in Frage kommenden Län¬
der festgelegt. Am wichtigsten erschien
die Konjunktion der beiden ,,oberen Pla¬
neten“, des Jupiter und Saturn; wegen
der Seltenheit ihrer Verbindung — sie
tritt nur ca. alle 960 Jahre ein — und der
Bösartigkeit des Saturn wurde dieser
Konstellation eine die Erde grundsätzlich
umgestaltende Einwirkung zugeschrie¬
ben 124 ). Die Wirkung einer derartigen
Konjunktion erstreckte sich auf Jahre
vor und nach derselben; so hatte das durch
sie angekündigte Unglück Zeit genug,
sich auf alle erdenkliche Weise über die
| Menschheit auszubreiten 125 ). —Vornehm-
| lieh leiteten die Araber die Neugestaltung
| und Neugründung großer Rehgionen aus
einer Konjunktion Jupiters mit einem der
anderen Planeten her. So ist aus der Kon¬
junktion Jupiters mit Saturn einst die
babylonische, mit der Sonne die ägyp¬
tische, mit Merkur die christliche und mit
Venus die mohammedanische Religion her¬
vorgegangen 125 ).
Sehr wesentlich ist ferner eine mathema¬
tische Feststellung der arabischen Astro¬
logen. Sie bezieht sich auf die Dekane
und deren räumliche Festlegung am Ster¬
nenhimmel. Man geht dabei von der
Frage aus, ob wirklich die Griechen und
Ägypter der Ansicht waren, an den be¬
zeichne ten Stellen des Tierkreises diese
Gestalten zu sehen, oder ob vielmehr nur
die betreffenden zehn Grad eine dieser
Gestalt entsprechende Wirkung aus-
37 9
Horoskopie
381
Horoskopie
382
380
übten. Die antike Dekanlehre ist in
diesem Punkte höchst problematisch. Abu
Ma'schar, einer der größten arabischen
Astrologen des 9. Jhs. erklärt nun 126 ):
„Die alten Gelehrten wollten, wenn sie
diese Gestalten unter Angabe eines be¬
stimmten Zustandes derselben erwähnten,
keineswegs sagen, daß an der Himmels¬
kugel ihnen ähnliche Gestalten nach Um¬
riß, Aussehen und Körper existierten, so
daß jede Gestalt in dieser Beschaffenheit
in einem jeden Dekan aufstiege, sondern
sie haben herausgefunden, welche beson¬
dere Bedeutung jeder Art der Himmels¬
kugel und jeder Dekan für die Dinge auf
dieser Welt hat“. Hier wird also ein
deutlicher Unterschied gemacht zwischen
dem Dekanbilde und dem von dem De¬
kanat eingenommenen Raum. Diese
Feststellung scheint sich aus der astro¬
nomischen Beobachtung der Präzession der
Gleichen (Wanderung des Frühlings¬
punktes, von Hipparch bereits entdeckt!)
ergeben zu haben. Ursprünglich fiel ver¬
mutlich für die Babylonier i° Arietis
mit der Frühlingstag- und Nachtgleiche
zusammen. Seitdem wandert dieser
Punkt ständig rückwärts in die Fische,
die er bald verlassen dürfte. Das für die
H. Problematische dieser Erscheinung
war, ob der Frühlingspunkt nunmehr im
Zeichen der Fische liege, diese also als
das erste Tierkreisbild zu gelten hätten,
oder aber mit dem Wandern des Früh¬
lingspunktes notwendigerweise auch das
Widderzeichen (so im Unterschied vom
Widderbild) rückwärts wandere und astro¬
logisch gesprochen für die Praxis der H.
jetzt der betreffende Teil der Fische die
Wirkung des Widders habe. Abu Ma'schar
bedarf dieser Überlegung zur Dekaninter¬
pretation: er entscheidet, daß die auf
dem Frühlingspunkt aufgebauten Him¬
melsräume, nicht die ursprünglichen Tier¬
kreiszeichen, die Wirkungen ausüben wür¬
den. Namen und Gestalten seien nur zum
Zwecke der Belehrung da. Praktisch
gesprochen heißt das, daß die ursprüng¬
lich die Qualitäten verleihenden Fixstern¬
bilder dafür nicht mehr in Betracht kom¬
men, sondern die entsprechenden Grad¬
abstände vom Frühlingspunkt, während
die Fixsterne gleichsam aus diesen her¬
auslaufen 127 ).
Diese Fragen beschäftigten bald nach
der Übernahme der Astrologie ins Abend¬
land etwa von dem Jahre 1100 an auch
die italienischen und deutschen Astrolo¬
gen. Aber die Unklarheit über die Ange¬
legenheit ist hier sehr groß. Selbst noch
Kepler, der in astrologischen Fragen sonst
überaus klar dachte, hat das Wesentliche
des Unterschiedes zwischen Tierkreisbild
und -Zeichen nicht erfaßt und wußte nichts
anzufangen mit der These seines Zeit¬
genossen, des Arztes und Astrologen Dr.
Röslin: ,,Die Zeichen behalten ihre Qua¬
litäten, obschon die Fixsterne sich draus
versetzen, und haben ihnen die Fixsterne
nicht den Namen oder die Qualität zu¬
gestellt“ 128 ).
Viel schneller erfaßte man in dem abend¬
ländischen Mittelalter und der Renais¬
sancezeit die Lehre der Planeten konjunk-
tionen. In dem Italien des 14.—16. Jhs.
wie in Deutschland zur Zeit der Refor¬
mation hat ihretwegen die Bevölkerung
unheimliche Ängste ausgestanden. Eine
Fülle von Flugblättern und Prognostiken
beschäftigte sich mit ihrer Ausdeutung
129 ). Im Jahre 1484 wurde aus der
großen Konjunktion der Planeten Ju¬
piter und Saturn im Skorpion Unheil für
die christliche Religion erschlossen und
die Geburt eines falschen Propheten an¬
gekündigt. Dabei störte es die Astrolo¬
gen wenig, daß Luther im Jahre 1483
geboren wurde: es ist bekannt, daß der
Konjunktion zuliebe ein italienischer
Astrolog und in seinem Gefolge mancher
deutsche Kollege Luthers Geburtstag ein¬
fach ein Jahr vordatierten. Ungeheures
Aufsehen erregte die Planetenkonjunktion
des Jahres 1524. ,,Wer im 1523. Jahr
nicht stirbt, 1524 nicht im Wasser ver¬
dirbt und 1525 nicht wird erschlagen,
der mag wohl von Wundern sagen“, so
ging eine Prophezeiung um 130 ). Ursache
dieser Ängste, denen zufolge am Hofe
Karls V. erwogen wurde, ob man die
Heere, um sie vor der drohenden Sint¬
flut zu retten, auf die Berge zurückziehen
solle, von Privatleuten Schiffe und Ar¬
chen gebaut wurden 131 ), war ein Ephe-
1
meridenwerk 132 ) vom Jahre 1499-
diesem sagte der Verfasser, der deutsche
Astronom J. Stöffler, aus einer Konjunktion
fast aller Planeten in den Fischen für den 1
Februar des Jahres 1524 eine allgemeine
Sintflut voraus. Ein ähnliches Prognosti¬
ken existiert für das Jahr 1629 132 ):
,,Practica / so Ihr Bäbstl. Heyi. auß
Rohm / vnd von dannen Ihr Kays. May.
vberschickt worden / Anno 1629- Wann
die Sonn im Zeichen der Waag ist / wird
ein zusammenkunfft aller Planeten bey dem
Drackenschwantz werden/darauß zuerken¬
nen / daß Männiglich wunderlich Ding
zugewarten habe: Erstlich wirdt das Meer
wider seinen natürlich Lauft sich er¬
heben vnd bewegen / vnd wird große Ver¬
wirrung werden / dann die Windt werden
von allen Seyten wähen / darnach wird
ein großer Erdbiden volgen / ./
die Baum in Wäldern werden sich vil
von jhren Stätten und Gründten erheben /
desgleichen werden vil Stätt und Märckt
einfallen / . .. aber vor diesem wird ein
groß Finsternuß an der Sonn vnnd Monn
werden / dann die Sonn wird Vormittag
wie ein bluetiger Regenbogen stehn /
darnach werden volgen Krieg und Erd¬
biden in allen Landten von auff vnd ni-
dergang / zu diser Zeit wird ein großer
Herr vnnd Verwalter mit Todt abgehn /
auch werden vil Leuth sterben / vnd dise
Erdbiden werden sich erregen im Monat
Septembris nach St. Lorentztag. Rath
der Sternkündiger. Wir Ew. Königl. May.
vnsers allergnädigsten Herrn Diener vnd
Sternkündiger geben demselben ein sol¬
chen Rath / daß / wann / sich solche Wun¬
der Gottes begeben / Sie wollen allen Ge¬
schlechtern lassen anzaigen / daß sie sich
zu wahrer Bueß bekehren; Ihr May.
wollen sich vmb ein Orth umbsehen /
welches mit Bergen vmgeben ist / vnd alda
einen Wall einnemmen / vnd mit Erden
beschitten lassen / darinn sich Ihr May.
aufhalten künden 20 Tag / dann solche
Weissagung vergleicht sich mit aller Ge¬
lehrten Practic“.
Dieses Prognostikon, zunächst als deut¬
scher Beleg für die Interpretation der ge¬
fürchteten Planetenkonjunktionen ge¬
dacht, ist auch seiner ganzen Form nach
interessant. Wer ihn mit dem oben in
Abschn. II angeführten Beleg zur hel¬
lenistischen politischen H. vergleicht, wird
finden, daß die Form und der Inhalt
solcher Prophezeiungen sich in den ver¬
gangenen 1000 Jahren nicht wesentlich
verändert haben. Mit dem diesem
Prognostikon angehängten Kommentar
der Sterndeuter erinnert der Text ganz
an die alten Berichte babylonischer Astro¬
nomen an den König.
Indessen ist doch auch eine weitere
Verbesserung der genethlialogischen H.,
wiederum seitens eines deutschen Ge¬
lehrten, des Mechanikers und Mathematik¬
professors Johann Müller, genannt Re-
giomontanus (1436—1476) (von seiner
Heimat Königsberg in Franken), zu er¬
wähnen. Es handelt sich dabei um die
Auffindung eines neuen Modus, die Län¬
genposition der Fixsterne auf die Eklip¬
tik zu beziehen. Es hatten sich nach dem
bisher üblichen Verfahren, in dem Him¬
melsäquator und Ekliptik zu je 30 Grad
abgeteilt waren, mancherlei Ungenauig-
keiten eingeschlichen. Um in der Be¬
ziehung zwischen Planeten und Häusern
eine erhöhte Sicherheit zu gewinnen,
führte ,,Maister Künigsperger“ eine Ab¬
teilung der 12 Häuser auf dem Himmels¬
äquator ein; dies ergibt, auf die Ekliptik
projiziert, daselbst Häuser von un¬
gleicher Größe (Modus inaequalis) l33 ).
Die Methode der Interpretation eines
genethlialogischen Horoskops hatte sich
in der Zwischenzeit nicht verändert.
Noch immer begann der Astrolog seine
Untersuchungen mit der Frage nach dem
Charakter, der Wesensart des Geborenen,
interpretierte das erste Haus und die
Cardines. Nur war für die Ausdeutung des
Planetenlaufs allerdings seit Regiomon-
tanus die Methode weitgehend verfeinert
worden durch die Lehre von den Direk¬
tionen 134 ). Diese gründete sich auf den
Satz, daß im menschlichen Leben das
Verhältnis des Tages zum Jahr, d. h. die
Proportion 1 : 365 wirksam sei, womit dem
alten Satz vom Makrokosmos — Mikrokos¬
mos eine neue Seite abgewonnen ward.
Man berechnete dabei den Planetenstand
der auf den Tag der Geburt folgenden Tage
383
Horoskopie
384
und beobachtete die Aspekte, dieser sog.
progressiven Horoskope, zu denen des Ge¬
burt shoroskops. Dabei galt die Regel,
daß ein Tag Unterschied gegen die Stel¬
lung des Geburtshoroskops einem Lebens¬
jahr entspricht, der erste Tag dem ersten,
der zweite dem zweiten Lebensjahr. Die
Regel des progressiven Horoskops ist an
sich schon antik; es scheint bei den Alten
aber anders verwendet worden zu sein:
in der oben analysierten Genitura Hadri-
ani z. B. ist sie zur Bestimmung der Todes¬
art angewandt. Doch war die Berechnung
ungenau. Erst die von Regiomontanus
durch Jahre seines Lebens hindurch be¬
rechneten Ephemeridentafeln boten wirk¬
lich die für die Interpretation der Direk¬
tionen notwendige Sicherheit: der geringste
Fehler einer Positionsberechnung ließ voll¬
kommen verkehrte Aspekte der pro¬
gressiven Planeten zu denen des Ge¬
burtshoroskops (auch Radix geheißen)
beachten, deren Auslegung den Astrolo¬
gen gänzlich in die Irre führen konnte.
Durch das kopernikanische Weltsystem
erhielt dann die Lehre von den Direk¬
tionen eine wunderbare Stütze, indem aus
ihm die Proportion 1 : 365 erklärt wird:
,,Hinwieder will bei mir“, sagt Kepler,
,,die Lehre von den Direktionen ein feines
Ansehen gewinnen, wenn ich mit Coper-
nicus die Erde umgehen lasse, denn als¬
dann findet sich die Proportion Tag zu
Jahr gleich 1 zu 365, unserm domicilio,
unserer Hütte, Wohnung oder unserem
Schiff, darinnen wir in der Welt herum
geführt werden, natürlich eingepflanzt:
Und es ist deswegen desto glaubhafter,
daß in den Direktionen und Nativitäten
der Menschen, welche dieses Schiffes Ein¬
wohner sind, diese Proportion auch re¬
gieren solle: Wie es denn die Astrologen
lehren“ 135 ).
Über Kepler müssen wir hier noch
einiges sagen. Gerade er ist andererseits
schon sehr kritisch an die traditionelle
Astrologie und H. herangegangen. Zwar
hat ihn nicht nur seine schlechte finanzielle
Situation gezwungen, immer wieder mit der
Horoskopstellerei Geld zu verdienen 136 );
es war ihm der in der Astrologie enthaltene
Grundgedanke vom Makrokosmos und Mi¬
krokosmos Überzeugungssache 137 ). Seine
Kritik wandte sich gegen die Astromantik.
Die Ausdeutungsmöglichkeiten des Ho¬
roskops hinsichtlich der Lebensumstände
wurden von ihm stark bestritten, da die
Deutungsregeln vielfach auf freier Phan¬
tasie beruhen würden. Im Tertius inter-
veniens, der Verteidigungsschrift der
Astrologie gegen die Angriffe insbesondere
seitens eines Arztes namens Feselius, der
die Astrologie vollständig abgetan wissen
wollte, da die Astrologen den Sternen und
Planeten ihre Wirkung angedichtet hät¬
ten 138 ), geht Kepler gegen den Unfug
energisch vor: Es sei ,,zu bekennen, daß
von den Astrologen etlichen Dingen, die
ihrer Aussag nach geschehen sollten, oft¬
mals Ursachen zugemessen werden, welche
deren Ursach gar nicht sind“. „Und
laß ich das Exempel einer solchen unge¬
gründeten Demonstration auch passieren,
daß die Conjunktion von Saturn und
Mond Ursach gewesen sein soll, daß
einer von einem Juden betrogen worden
ist. Denn wenn diese Conjunktion ge¬
schieht am Sabbath, so wird zu Prag nie¬
mand von einem Juden betrogen, und
hingegen werden täglich etliche hundert
Christen von Juden betrogen und umge¬
kehrt, so doch der Mond im Monat nur
einmal zum Saturn läuft. Derohalben
ich auch diesem Teil von der Astrologia,
welcher auf lauter erdichtetem Grund be¬
ruhet, den Titel gern gönne aus Cicero,
daß sie sei ein unglaublicher Aberwitz und
ein chaldaisches Ungeheuer“ 139 ). Der¬
artige Ausfälle gegen die zünftigen Astro¬
logen sind bei Kepler sehr häufig. Andrer¬
seits gilt bei ihm die Erfahrung sehr viel
— er vergleicht darin den Astrologen dem
Mediziner 14 °) —; denn der Glaube an
eine Beziehung zwischen der geschaffenen
Kreatur und dem Himmel beherrscht ihn
ganz: um dieses wahren religiösen Ge¬
fühls willen sei es nicht richtig, die Astro-
logie ganz zu verdammen: es mag in vie¬
len Wegen die Beziehung zwischen dem
Menschen mit seiner Seele und deren nie¬
deren Kräften zum Himmel erwiesen
werden, „deren ein jedweder eine Edels
Perl aus der Astrologia ist und keineswegs
mit der Astrologia zu verwerfen, sondern
l
385
Horoskopie
386
r.v
In'
h.
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f.V
:T
1 *
a
fleißig aufzubehalten und zu erklären“ 141 ).
Dieser mystische Gedanke läßt ihm, zumal
dem Menschen sein lebendiger Sinn für
die Geometrie auch die harmonischen Ver¬
bindungen zwischen Himmel und Erde
auf fassen heißt, eine Charakterausdeu¬
tung aus der Geburtskonstellation nur
zu möglich erscheinen 142 ). Freilich bleibt
bei dieser Einstellung merkwürdig, daß
er die Ansichten über die Qualitäten der
Zeichen und Planeten unangetastet läßt.
Wie soll man das Gefühl deuten, das ihn
hier bestimmte ? War der Glaube an die
Erfahrung der Astrologen so mächtig, daß
er, der mit nüchternem Blick die Sternen-
welt auf ihre Gesetzmäßigkeit durch¬
musterte, hier nicht wagte, mit seiner Kri¬
tik anzusetzen, daß er gar aus Furcht vor
einem Zusammenbruch seiner religiösen
Anschauung bei einem Leugnenmüssen
der astrologischen Zeichen- und Planeten¬
lehre hier einfach glaubte, weil er ein
Schicksalsgefühl in sich trug, das den
Menschen mit den Gesetzen des Alls pro¬
portioniert sein ließ ? daß er bei solchem
Zweifel also sich selbst vernichtet hätte,
während seine astronomischen Studien zur
Gesetzmäßigkeit der Sternbahnen sich aus
demselben Schicksalsgefühl rechtfertigten ?
Er verzichtete nicht, er modifizierte nur.
Er faßt die Ereignisse des Lebens auf als
eine notwendige Folge aus den Charakter¬
anlagen seines Trägers: auf welchen Wand¬
lungen des allgemeinen Geistes dieser
philosophische Gehalt seines Menschen¬
tums beruhte, in dem ohne Frage der Ge¬
danke an eine Eigengesetzlichkeit des
Menschenlebens, die in den vorigen Jahr¬
hunderten ungekannt geblieben war, sich
ankündigt, ist noch unergründet. Keplers
Methode der Auslegung läßt den Unter¬
schied der Auffassung von der bisherigen
deutlicher werden als seine oft schwer
verständlichen theoretischen Auseinander¬
setzungen über diesen Gegenstand, aber
man sieht zugleich auch, wohin eine
solche Betrachtungsweise — die damals
beginnende physikalische Erforschung des
Weltalls auf einer immer höheren Stufe
der Einsicht anlangend gedacht — kom¬
men muß, wenn ihr letztes Fundament,
das religiöse Gefühl des Zusammenhangs
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
von Mensch und Kosmos, relativiert
wird. Hier ist doch schon das Ende der
Astrologie als Weltanschauung zu spüren.
In der Tat bezeichnet Kepler die letzte
Abwandlungsstufe der alten Lehre, ehe
die Menschen ihr gänzlich entsagten; da¬
mit versiegte zugleich die H. als Quelle
des Volksglaubens. Um Keplers An¬
schauungen als Exponent einer bestimm¬
ten religiös-kritischen Astrologie zu ver¬
stehen, studiere man seine Auslegung des
Horoskops Wallensteins in ihren beiden
Fassungen von 1608 und 1625, die wir
aus Platzmangel hier nicht einrücken
können 143 ).
112 ) z.B.inLaur. Lyd. deostentis ed. Wachsm.
Vgl. W. Gundel Individualschicksal , Men¬
schentypen u. Berufe in der antiken Astrologie
(= Jahrb. der Charakterologie, her. v. E.
LJtitz, IV. Jahrg. Berlin 1927, Bd.IV) S. 135 ff.;
ders. in Bezold-Boll Sternglaube 3 S. 1730.
113 ) Ebd. S. 185 ff. Vgl. Bauernpraktik. 114 ) Be¬
zold-Boll Sternglaube 3 29—32; vgl. Augustin.
de civit. Dei V 5, 118 ) Gundel in Bezold-Boll
a. a. O. 184; daselbst Literatur. lie ) Stein¬
schneider Die hebräischen Übersetzungen des
Mittelalters § 325. Vgl. das Wort des Syrers
Theophilos v. Edessa (Hofastrolog beim Kalifen
Al-Mahdi f 785): die Astrologie ist 7raarjc im-
äEa-oiva CCA. V 1, 235, 12. 117 ) So
übersetzte Abu Jahjä el-Batüq die Tetra-
biblos für Omar ben Al Farruchan, der sie kom¬
mentierte; von Ibrahim b. el Salt existierten
eine Übersetzung und ein Kommentar desselben
Buches; Ali ben Ridwän schrieb einen Kom¬
mentar. Weiteres über Ptolemaios bei den
Arabischen Astrologen s. in Suter Mathem.
und Astronom . der Araber, Index s. v. Quadri-
partitum und Steinschneider a.a.O. § 325. *—
Über arabische Astrologie allgemein orientiert
C. A. Nallino Encyklopädie des Islam s. v.
Astrologie. 118 ) Mit Al-kindi und seinem Schüler
Abu Ma < schar. 119 ) Vgl. z. B. die Schrift de elec -
tionibus Uber von Zahel (in der Firmicus-
Maternus- Ausgabe von N. Pruckner (Basileae
1533), 2 - Teil, S. 114 ff. Ähnlich noch bei
Albohazen (1016—1062) de iudiciis astrorum
libri VIII, 16 a u. öfter. 12 °) Die Theorie der
großen Planetenkonjunktiven behandelt der
Araber Al-kindi; vgl. Loth Al-kindi als
Astrolog = Morgenländische Forschungen
[Fleischerfestschrift] Leipzig 1875, 263 ff. —
Siehe ferner Fr. Bezold Astrolog. Geschichts¬
konstruktion im Mittelalter = Dtsche Ztschr.
f. Geschichtswiss. 8 (1892) S. 31/32. m )Cumont
Klio 9 (1909), 263 ff.; s. o. Anm. 18 ). 122 ) Seneca
Quaest. natural. III 29, 1. 123 ) Es ist möglich,
daß persische Religion eingewirkt hat:
vgl. Schaeders Darlegungen zu einer Stelle
aus dem großen BundahiSn (über letzteres
Chantepie de la Saussaye Lehrbuch der Re -
*3
387
Horoskopie
388
ligionsgeschichte 2 II 210) in Reitzenstein-
Schaeder Aus Iran und Griechenland,
Studien zum antiken Synkretismus (= Studien
der Bibliothek Warburg 1926) S. 221—225.
124 ) F. v. Bezold Astrol. Geschichtskonstruk¬
tion im Mittelalter — Deutsche Ztschft. f. Ge-
schichtswiss. 8 (1892), 53; H. A. Strauß Der
astrologische Gedanke in der deutschen Vergangen¬
heit, München u. Berlin 1926, S. 68. 12ß ) Ebd.
66/67. 128 ) A bu Ma'schar, ‘Große Einleitung*
Buch VI Kap. I (nach Dyroffin Boll Sphaera
S. 491, Z. 8. v. u.). —Über Abu Ma’schar vgl. die
Bemerkung Dyroffs ebd. S. 483!. 127 ) Ebd.
S. 494—95. 128 ) Strauß Die Astrologie des
Johannes Kepler S. 46/17 (aus: Antwort auf
D. Helisaei Röslini Medici et Philosophi
Diseurs von heutiger Zeit Beschaffenheit 1609).
129 ) H. A. Strauß Der astrologische Gedanke in
der deutschen Vergangenheit S. 66 ff. 13 °) Strauß
a. a. O. 69. 131 ) S. Heilmann Beiträge zur
Geschichte der Meteorologie 1, 5 f. 11 f. 132 ) Strauß
Der astrol . Gedanke usw. S. 71 f. 133 ) Strauß
a. a. O. S. 53. 134 ) Strauß a. a. O. S. 53. Über
die Methode der Anwendung der Direktionen
vgl. ebda. C. Aq. Libra Die Astrologie, ihre
Technik und Ethik (Amersfoort 1919), S.
169—171. 135 ) 41. These des Tertius inter-
veniens, s. Strauß Die Astrologie des Johannes
Kepler S. 133. 134 ) Vgl. Tertius intervenier
These 7; Strauß a. a. O. S. 121. 137 ) Tertius
interveniens These 56—69; Strauß Die A stro-
logie des Joh. Kepler 135—142. 138 ) Tertius in¬
terveniens These 11; Strauß a. a. 0 .123. 13 *)Ebd.
14 °) Ebd. These 12; Strauß S. 124. 141 ) Ebd.
These 64 Ende; Strauß S. 140. 142 ) These 64
Anf.; Strauß ebd. 143 ) Beide Fassungen abge¬
druckt bei Strauß a. a. O. S. 185—214. Vgl.
z. B. S. 202/03.
IV. Die moderne H.
Seit dem Beginn des 18. Jhs. kann man
eine immer stärkere Ablehnung der astro¬
logischen Religiosität wahrnehmen. Wenn
auch, wie wir sahen, das kopernikanische
Weltbild in manchem der Astrologie för¬
dernd entgegenkam, so scheint doch nicht
bezweifelt werden zu können, daß dieses
Weltsystem, ferner die Aufhellung der
Planetenbewegungsgesetze durch Kep¬
ler, der Vorstoß in den Weltenraum in¬
folge der Erfindung des Fernrohrs den
Glauben an die Elemente des astrolo¬
gischen Weltbildes stark erschütterten.
Was sie vernichten mußte, war das
durch die Reformation und Gegenrefor¬
mation neu begründete menschliche Ver¬
antwortungsbewußtsein, dem alle objek¬
tive Weltordnung unbedeutend und un¬
wichtig vorkam gegenüber der Selbst¬
verantwortung des Individuums für sein
Seelenleben. Diese Bewegung führt in
England und Frankreich schließlich zum
Übersteigern des Bewußtseins vom Indi¬
viduum : indem so der Mensch das Schick¬
sal in sich trägt und es aus eigenem
Können gestaltet, ist er sein eigenes Ge¬
setz und damit die Verkörperung der
Welt. Eine Religiosität wie die der
Astrologie wird bei dieser Gesinnung
abgelehnt, da sie den Menschen außer¬
menschlichen Gesetzen unterstellt und so
seine Freiheit unterdrückt, statt sie zu
entfalten.
Noch im 16. und 17. Jh. waren die
Päpste fast ausnahmslos Astrologen oder
hielten sich solche zu ihrer persönlichen
Beratung; im 18. Jh. verbietet die Kirche
den Menschen, den astrologischen Weis¬
sagungen des Astronomen Nostradamus
( i 5°3~66) als ketzerisch Gehör zu schen¬
ken 144 ). Als dann 1781 Herschel in dem
Planeten Uranus einen achten Umläufer
um die Sonne entdeckte, schien das Ur¬
teil über die Astrologie und ihre Ansicht
von dem auf der 7-Zahl der Planeten ba¬
sierenden Weltrhythmus endgültig ge¬
sprochen. Das 19. Jh. hat mit der Astro¬
logie kaum noch etwas zu schaffen. Im¬
merhin hat man die Doktrinen der H.
noch vielfach gekannt, wie unter anderem
auch aus den Werken Goethes und Schil¬
lers hervorgeht. Die Werke des Schrift¬
stellers J. M. Pfaff ,.Astrologie“ und
,,Der Stein der Weisen“ (Bamberg 1816
u. 1821) haben keinen nachhaltigen Ein¬
fluß auszuüben vermocht.
In der Folgezeit verliert sich auch die
Kenntnis der H. 145 ). Die moderne Ma¬
thematik und die moderne Astronomie
begründeten ein Weltbild, das dem su¬
chenden Verstände erforschbar schien
und in dem die Gottheit, die in den Ster¬
nen ihren Willen dem Eingeweihten kund¬
gab, keine Stellung mehr hatte. Indes
barg ein Zweig moderner Wissenschaft,
der sich mit der Erforschung der Strah¬
lungen im Weltenraum in biologischem
Sinne befaßt, Keime in sich, aus denen
die Astrologie neu aufschießen konnte.
Arrhenius hat derartiges nachzuweisen
versucht, und an sich ist eine solche Be¬
einflussung des Lebens durch Stern-
Horoskopie
390
389
strahlen — bei Sonne und Mond uns
allen deutlich — sehr wohl denkbar 146 ).
Vor dem Weltkrieg wußte die Allge¬
meinheit von diesen Dingen nicht mehr
allzuviel. Aber der mehr oder minder
gewaltsame Zusammenbruch einer alten
Weltanschauung, dessen Zeugen wir nach
dem Kriege waren, ließ die irren Seelen
nach einem neuen Halt suchen; man be¬
gann wissentlich an ein objektives Schick¬
sal zu glauben, dessen gesetzmäßige Wir¬
kung in der Welt man nur erkennen
mußte, um den schicksalbeschwerten
Gang der kommenden Zeit aufzuhellen.
Dem technischen Jahrhundert ging der
Sinn der mechanistischen Weltanschaung
der Sterndeuter erneut auf, deren Wissen
überdies Alter und Tradition ihrer Lehren
empfahlen. So kam die Astrologie und in
ihr die H. wieder zu Ehren. Welche H. ?
Zunächst jenes alte phantastische Welt¬
bild, dessen Wiederkehr Franz Boll,
Deutschlands bedeutendster Astrologie¬
historiker, im Jahre 1918 noch für un¬
möglich erklärte 147 ); im System nämlich
besteht zwischen dem „wissenschaft¬
lichen“ Weltbild des Ptolemaios und dem
der modernen Astromantiker kein prin¬
zipieller Unterschied. Das moderne Sy¬
stem ist nur noch komplizierter als das
hellenistische, was bei dem hohen Stande
der modernen Mathematik ganz verständ¬
lich erscheint. Man zieht die Einflüsse
der neu entdeckten Planeten in die Inter¬
pretation; ferner sind die Aspekte unge¬
mein vermehrt worden. Neben den aus
der hellenistischen H. übernommenen
berücksichtigt man heute den Parallel
(tritt ein bei gleicher Distanz zweier Him¬
melskörper vom Äquator), Halbsextil
(15°), Nonagon (40°), Halbquadrat (45 0 ),
Sesquiquintil (io8°), Sesquiquadrat (i 35 °),
Biquintil (144 0 ) und Quincunx (150 0 ),
von denen freilich Nonagon, Quintil, Ses¬
quiquintil und Biquintil als fast gar nicht
beachtenswert bezeichnet werden 148 ).
Die weiteren Differenzierungen vermag
jedes moderne Handbuch der Astrologie
näher zu erläutern.
Daß indes das Horoskopstellen der
Astromantiker reine Phantasie ist, indem
ihre Methode und die Ausdeutung auf
einer Reihe falscher Analogieschlüsse
und auf Prämissen ruhen, die weder be¬
wiesen werden können, noch etwa wie die
Axiome der Mathematik dem Verstand
unmittelbar überzeugend sind, geben
heute viele Astrologen zu, ohne darum
von der Astrologie zu lassen. Diese Rich¬
tung der Astrologie hat sich neben der
Astromantik ihren Platz erkämpft: nicht
im System, wohl aber in der Methode
der Interpretation macht sie der mo¬
dernen Naturwissenschaft erhebliche, viel¬
leicht sogar für sie selbst gefährliche Kon¬
zessionen. Diese Modifikationen sind die
Folge des in allen Jahrhunderten er¬
neuten Versuchs, die Astrologie als Wis¬
senschaft zu erweisen, was von der Na¬
turwissenschaft prinzipiell bestritten wird.
Viele Gegenargumente der Naturwissen¬
schaft sind überzeugend gewesen und
führten die Astrologen zu einer Revision
ihres Weltbildes. Dieser Kampf setzte
mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts
ein: die Gegner der Astrologen schienen
zu siegen. Nach dem Kriege fand die
Astrologie wieder Anhänger. Gegen die
Astromantiker traten die ‘wissenschaftlich
gerichteten' Astrologen mit ihrem moder¬
nen System der H. auf. Ihre Vertreter
bezeichnen gegenüber den Astromantikem
als die einzig mögliche Aufgabe und Ab¬
sicht der Astrologie, die Charakteranla¬
gen eines Menschen, die nach ihrer An¬
sicht durch planetarische und kosmische
Strahlung individuell ausgeformt werden,
festzustellen; sie stützen sich dabei
sowohl auf die Forschungen von Arrhe¬
nius und ähnlich gerichteten Wissenschaft¬
lern, als auch auf die Erfahrung. Es er¬
scheinen also in ihrem System eine
Reihe von Korrekturen an der bisherigen
Auffassung der Planeten, Tierkreisbilder
und Aspekte (d. h. verglichen mit ihrer
antik-mittelalterlichen Interpretation).
Beide Richtungen bekämpfen einander
und werden gemeinsam von der zünftigen
Wissenschaft bekämpft. Doch dies nur
nebenbei. Die für uns wesentliche Frage
ist, ob die zweite Richtung der modernen
Astrologie wirkliche Wissenschaft ist oder
erneut wie das Astrologiesystem der
Astromantiker unwissenschaftliche An-
39i
Horoskopie
392
nahmen und Behauptungen enthält, de¬
ren mystischer Sinn die Menschen in
ihren Bann zieht und so eine Quelle neuen
Aberglaubens werden kann, etwa wie für
das 15. und 16. Jh. die Renaissanceastro¬
logie. Die Astromantik ist eine solche
Quelle des Aberglaubens; sie hier ein¬
gehend zu analysieren, verlohnt nicht
wegen ihrer systematischen Identität mit
den antiken und mittelalterlichen Sy¬
stemen. Hingegen muß auf das moderne
System der biologisch-charakterologischen
Astrologie eingegangen werden. Um dem
Leser die Stellungnahme zur Frage der
Wissenschaftlichkeit der zweiten Richtung
zu ermöglichen, sind im folgenden eine
Reihe fundamentaler Sätze der modernen
Astrologie samt Kommentar abgedruckt.
Ich für meine Person glaube Grund zu
haben, selbst an der Möglichkeit einer Cha¬
rakteranalyse auf dem Wege der Horos¬
kopberechnung (die auch in dieser zweiten
Richtung der Astrologie heute ganz nach
dem antiken Muster erfolgt) zweifeln zu
müssen. Die ‘Erfahrung’, auf die man sich
stets zurückzuziehen pflegt, berechtigt
nicht zur Aufstellung solch fundamentaler
Sätze, wie sie Siegfried Strauß (Wesen
und Bedeutung der Astrologie) formuliert
hat. Will man die Wissenschaftlichkeit der
modernen Astrologie erweisen, so darf
man nicht die Ergebnisse der Strahlen¬
forschung vermengen mit dem alten in
keiner Weise in seiner Glaubwürdigkeit
erwiesenen H.-system. An den ‘Kraft¬
feldern des Tierkreises’ mag vielleicht
nicht zu zweifeln sein, ihre Zwölfzahl
aber ist durch nichts erwiesen, und eine
Zwölfgliederung des Horoskopschemas
ruht dementsprechend ebenfalls auf un¬
bewiesenen Vorausetzungen. Auch diese
zweite Richtung kann also eine neue
Quelle des Aberglaubens werden 149 ).
Der Leser muß sich sein Urteil selbst
bilden. Wir beginnen mit der Hersetzung
von Exzerpten:
a) Die Planeten. 1. Allgemeines.
„Als Tatsache können wir — und zwar
durch Empirie — feststellen, daß eine
Beziehung zwischen Sonne, den Planeten
und der Erde besteht, die zwar die Na¬
turwissenschaft noch nicht kennt,
die aber, sofern sie uns Menschen an¬
geht, mittels des uns überlieferten
Handwerkszeuges der Astrologie
und ihrer seit Jahrtausenden un-
umgestoßenen Ideenlehre näher
bestimmt werden kann 150 ).
„Wenn man die astrologische Sprache
so nimmt, wie sie genommen sein will:
als eine Sprache der Einkleidungen, so
steht sie für ihren Sinn ebenso gut ein,
wie die wissenschaftliche Sprache für ihre
Begriffe“ 151 ). (Diesen Satz, der gerade
die Sprache und damit den astrologischen
Ideenkreis in die Sphäre der Mystik er¬
hebt, beachte man, da er implicite sagt,
daß die Astrologie keine Wissenschaft ist,
wie doch immer von der Zunft behauptet
wird. Eine solche Auffassung kann man
sich gefallen lassen, aber dann muß man
auch den Mut haben, an die dahinter¬
stehende Transzendenz zu glauben und
dies als Notwendigkeit dartun, nicht
aber die Sache wissenschaftlich erweis¬
bar machen wollen.)
2. Die himmlischen Einflüsse betr.: „Die
astrologische Lehre weiß sehr wohl, daß
das Bereich dieser Einflüsse sich natur¬
gemäß auf die ganze belebte und un¬
belebte Natur erstrecken muß“ 152 ).
3. Über die Planeten: „Wir wissen heute,
daß die Annahme von „Eigenschaften“
der Planeten nicht bedeutet, daß die Pla¬
neten solche Eigenschaften besitzen
und sie als Eigenschaft herniedersenden,
sondern nur, daß bestimmte Planeten¬
kräfte beispielsweise eine gewisse typische
Art der menschlichen Konstitution sowie
des menschlichen Denkens und Handelns
auszulösen imstande sind“.
Beispiel: „Jupiters Einfluß drängt die
Substanz, sich zu entfalten, aufzubauen,
produktiv zu sein. Diese Kraft wirkt
in verschiedenen Ebenen Verschiedenes:
Frühere Zeiten aber sagten einfach: Ju¬
piter ist „von Eigenschaft“ fruchtbar, er
spendet Leben, Wachstum und Reichtum
usw.“ 153 ).
4. Zu den Aspekten: „Das schematische
Horoskop dient ... der Fixierung der
Planetenstände im Augenblick einer Ge¬
burt und weiterhin der Sichtbarmachung
der planetarischen Kräfteverteilung. Wie
393
Horoskopie
394
kann nun diese Kraftverteilung aus dem
Planetenstand erschlossen werden? Wo¬
durch entstehen denn die Differenzie¬
rungen ? Sind die Planetenimpulse nicht
stets in gleicher Stärke vorhanden“ ?...
Die astrologische Erfahrung antwortet
darauf: „Zwar wirken die besprochenen
Gewalten zweifellos ununterbrochen in¬
nerhalb des Naturgeschehens. Es wird
aber die einzelne Kraft in ihrer Auslö¬
sung als gehemmt oder gefördert
} empfunden je nach dem Winkel, den
1 die Strahlen des betreffenden Planeten
mit denen eines andern oder mehrerer
andern auf der Erde bilden. Auf dieser
Erscheinung beruht die Lehre von den
1, Aspekten“ 154 ).
6 . Uber die Direktiven oder Direktionen
wird die Keplersche Ansicht vorgetragen
; (s. o.) und dazu bemerkt: „Es ist dies
|' eines der wundersamsten astrologischen
.! Gesetze, das durch die Erfahrung sicher-
h gestellt ist. Hier rühren wir an das Ge-
' heimnis der Enteiechie“ 155 ).
b) Der Tierkreis: Der Ausgangs-
,» punkt dieser Betrachtung ist, daß Tier¬
kreiszeichen und Tierkreisbild nichts mit-
r , einander zu tun haben (s. o.). Der Tier¬
kreis der Astrologen steht in keiner Be-
,, Ziehung zur Welt der Fixsterne. Was
aber nennt man unter dieser Voraus-
%
\ Setzung Widdereinfluß ?
I. „Zunächst einmal sei eine Erfah¬
rungstatsache festgestellt: Der Wid¬
dereinfluß erweckt (grob gezeichnet) im
* Menschen eine angriffslustige Haltung,
ein Vorwärtsstürmen aus überschäumen¬
der Kraft, das von jener Triebhaftigkeit
und Hartnäckigkeit getragen ist, die ein
kämpfender Widder (das Tier Widder)
•0 verblüffend bezeugt. Der dies bewir¬
kende Einfluß geht, wenn wir zunächst
einmal den Jahreslauf betrachten, von
, jener Region aus, die die Sonne im ersten
Monat nach den Frühlingsäquinoktien
ZU durchschreiten scheint. In Wirk¬
lichkeit aber durchschreitet die Sonne
keinen Raum, sondern die Erde wandert
im Jahreslauf. Während nun im Augen¬
blick der (nördl.) Frühlings-Tag- und
Nachtgleiche nördliche wie südliche Halb¬
kugel gleichmäßige Sonnenbestrahlung
empfangen, setzt die Erde im ersten
Monat nach dem Frühlingsäquinoktium
durch die Schiefstellung ihrer Achse unsere
nördliche Halbkugel in zunehmendem
Maße der Sonnenbestrahlung aus... Die
nördliche Halbkugel der Erde antwortet
auf diese zunehmende Sonnenbestrahlung
(die Energien aller Art in sich schließt)
mit einem gesteigerten Willen zum neuen
Leben, mit einem neuen Antrieb und Auf¬
trieb innerhalb der organischen Substanz.
Ein Mensch, in diesem Zeitraum geboren,
während die Sonne „im Widder steht“,
wird Zeit seines Lebens einen Schatz vor¬
wärtsstürmender und äußerst aktiver und
lebensbejahender Kräfte aufzuweisen ha¬
ben. Wir sehen hier den Widderein¬
fluß mit der Gegebenheit des Frühlings
(in breitestem Sinne) verknüpft“ 156 ).
Diese Beweisführung hat in der Tat et¬
was ungemein Bestechendes. Doch ist da¬
mit die Bezeichnung Widder nicht er¬
klärt. Wir beschrieben oben die Ent¬
stehung der Bilder und zeigten die Ab¬
leitung der astrologischen Regeln aus ih¬
rer menschlichen, dinglichen oder tie¬
rischen Natur. So, und nicht umgekehrt,
ist der astrologische Ideenkreis ent¬
standen; das beweist auch das Versagen
dieser eleganten Beweisführung bei den
anderen Zeichen (vielleicht außer der
Waage, dem Wassermann und den Fischen,
da die Waage die Herbst-Tag- und Nacht¬
gleiche symbolisiert, Wassermann und
Fische Winterzeiten regieren, die wenig¬
stens im Norden meist regnerisch sind;
mit ihrer Natur könnte man die Schwäche
der Sonnenstrahlung in den Winter¬
monaten verbinden). Was der Stier und
der Löwe, was Jungfrau, Skorpion und
Steinbock mit der Intensität der Son¬
nenstrahlen zu tun haben, ist mir bei An¬
wendung eines analogen Beweisverfahrens
undurchsichtig.
2. Trotzdem ist der Gedanke, daß von
der Sonne wie bei der Erddrehung um
diese ständig Kraftfelder erzeugt wer¬
den, wohl kaum anfechtbar. Anfecht¬
bar ist aber jede charaktermäßige Aus¬
deutung dieser in die Jahreszeiten ein¬
gegliederten Felder. Die Unsicherheit in
den Punkten wird vielfach auch zuge-
395
Horoskopie
396
standen. „Wir haben es beim Tierkreis alten Punkte IV und X ihre Bedeutung
allem Anschein nach nicht mit in ir- nicht eingebüßt haben, wird man nach
gendeiner Perm „feststehenden Kraft- dem Gesagten ohne weiteres glauben
feldern zu tun, sondern mit Kraftfeldern, c) Das Horoskop dieser Astrolo-
die von der Sonne her dauernd erzeugt gie verzichtet auf die Ausdeutung tat¬
werden, und zwar gemäß der Stellung, sächlicher Ereignisse. „Niemand kann
die die Erde jeweils auf ihrem Jahreslauf durch Astrologie erfahren, was er nicht
in bezug auf die Sonne einnimmt“ 157 ). so schon wissen könnte“, und es ist eine
3. Nun könnte man schließen: „Bringt „Tatsache, daß die Selbsterkenntnisar-
die Sonne zur Zeit, da sie die nördl. Halb- beit an Hand des Horoskops, indem sie
kugel vorwiegend bestrahlt, für diese in sich zum Anwalt verschütteter Natur-
der Richtung ihrer Strahlen das Phäno- triebe macht, entschieden Fruchtbares
men Krebs zustande, so tut sie dies gewiß zu leisten vermag" 162 ). Damit fördert
nicht in bezug auf die südliche, schwach die H. das Streben nach „Selbstver-
bestrahlte Hälfte, die in der Richtung wirklichung“, die als das höchste Ziel des
der Sonnenstrahlen den Steinbock, das menschlichen Daseins bezeichnet wird.
Kraftfeld der geringsten Sonnenbestrah- In diesem Streben liegt der Glaube an die
lung, empfinden müßte. Dieser Schluß menschliche Freiheit beschlossen, deren
ist nur eine Konsequenz, leider konnte selbsterzieherische Absicht durch die H.
im Hinblick auf diese Frage aus- ein Regulativ erhält. Die alte determi-
reichendes --Horoskopmaterial nierende Macht der Astrologie und die in
....noch nicht eingesehen wer- ihrem Determinismus liegende Großartig-
den“ 15S ). Wesentlich ist dann die Be- keit und persönlichkeitsbildende Kraft
merkung, daß die „Tierkreis-Symbolik“ ist damit zerstört; mir scheint die Astro-
ihren jahreszeitlichen Sinn nur für die logie damit selbst zerstört und zu einer
nördl. Erdhälfte besitzt. Hilfe zweiten Grades herabgedrückt. Diese
4- Auch die moderne Astrologie ar- Konsequenzen zog die Moderne aus dem
beitet außer mit den 12 Tierkreiszeichen Verzicht auf die Astromantik. Der Bruch
noch mit 12 irdischen „Häusern“ oder ist schon früher wahrnehmbar. Denn
Feldern, die sozusagen die Himmels- solche Gedanken liest man bereits bei Me-
richtungen darstellen, von denen her die lanchthon in der Vorrede zur Tetrabiblos-
himmlischen Kräfte auf den Geborenen ausgabe des Ptolemaios und vor allem
wirken 159 ). „Es ist nicht gleichgültig, bei Kepler. Bei Melanchthon und Kepler
von welchem Teil des Himmels her der ist Gott die Macht, die dem Menschen
Mensch die Strahlung herniederkommend seine Freiheit zurückgibt, in der Moderne
empfindet“. Es sei eine Erfahrungstat- ist es der Mensch selbst. Aber dieser Wille
Sache der Astrologie, daß es sehrwesent- zur Freiheit ist im tiefsten eine Leugnung
lieh sei zu wissen, von welcher Himmels- der Astrologie, deren unbedingte Gültig¬
richtung her die planetarischen Kräfte auf keit von den wirklichen Jüngern eine
den Menschen wirken 16 °). Einsicht in den Ablauf eines großen Wel-
So weit kann man die Argumentation tenschicksals forderte, dessen Vollstrecker
wieder zugeben. Die Interpretation der die Menschen waren. Von diesem
Häuser aber, deren Wertung aus der alten Mensch-Weltverhältnis ist heute nicht
Astrologie übernommen ist, scheint mir die Rede — der astrologische Glaube
auf reinen auch aus der Erfahrung nicht Friedrichs II. war aktive Tat, Verantwor-
zu bestätigenden Trugschlüssen zu beru- tung, Lebenmüssen, der der Gegenwart
hen. Interessant ist die moderne Aus- ist stumpfe Gleichgültigkeit und unver-
deutung des I. und VII. Hauses, von denen antwortlicher Egoismus, gemischt mit
einst Haus I das Leben, Haus VII die Furcht und Angst. Die H. spielt nur die
Heirat bezeichnete. Heute wird argumen- Rolle eines Kontrolleurs der Lebenswege,
tiert. Haus I bezieht sich auf das „Ich“, die die dem Determinismus Vorgesetzte
Haus VII auf das „Du ! Daß auch die sittliche Willensfreiheit den modernen
397
Horoskopie
398
Menschen gehen heißt: denn „die Zu-
r kunft, wie sie sich im Horoskop dar-
i stellt, ist nicht die Zukunft der geformten
Ausdrücke unseres Lebens, der Ereignisse,
j Gedanken und Taten — es ist vielmehr
f eine Zukunft der Dispositionen, die sich
I aus den Kräfteverhältnissen, die vornehm¬
lich zwischen Grundhoroskop und pro¬
gressivem Horoskop bestehen, natürlich
I ergeben“ 163 ).
Die Methode der Errechnung des Ho¬
roskops ist leicht, da man, nachdem die
eigene Ortszeit auf Greenwichzeit um¬
gerechnet ist 164 ), in Ephemeridentafeln,
die jedes Jahr neu erscheinen, die Kon-
, stellation der Häuser und Planeten so-
, wie deren Aspekte genau feststellen
kann 165 ). In Sammelbüchern sind die
modernen astrologischen Grundregeln über
! , die Werte der Konstellationen vereinigt,
deren Kenntnis man wie in der früheren
, H. zur Interpretation des Horoskops be-
£ darf 166 ). Die Methode der Betrachtung
1 hat sich hier nicht viel geändert.
\ d) Beispiel. An einem Beispiel möge
d die moderne H. erläutert werden. Wir
\ wählen Bebels Horoskop (Fig. 6) 167 ):
< Im Asz. steigt der i. Dekan von ^ auf,
«' das MC wird von dem Zeichen 69 einge-
das MC wird von dem Zeichen 09 einge¬
nommen — was eine Betrachtungsweise
ergibt, bei der Gefühlserregungen eine
große Rolle spielen. Der so Geborene
sucht auf das Gefühl und die Einbildung
der Menschen zu wirken und ist selbst
der Spielball seiner Gefühle und Gemüts¬
bewegungen, was hervorgeht aus den vie¬
len Planeten in K- Bebel hatte alle Pla¬
neten unter dem Horizont, was auf einen
schweren Kampf hindeutet, um in den
Vordergrund zu kommen — aus Mangel
an Gelegenheit. — Daß ihm dies schlie߬
lich doch gelang, ist, abgesehen von seiner
Gabe als Volksleiter, dem tiefen und
starken Mitgefühl mit den Leiden und
Entbehrungen der arbeitenden Klasse zu¬
zuschreiben — er nahm also einen voll-
kommen ehrlichen Standpunkt ein. Die
scharfe, beißende Kritik, die seine Reden
kennzeichnete, findet ihren Grund in dem
ff, auf steigend in TTL und schlechte As¬
pekte erhaltend von c? und %. Besonders
g in Konjunktionen mit w deutet auf
Ruhelosigkeit, Gereiztheit und aufrühre¬
risches Wesen.
144 ) Freilich hatte Nostradamus auch den
Untergang der Kirche prophezeit. 145 ) Zu
nennen wäre als Vertreter der Astrologie nur A.
Drechsler Astrologische Vorträge Dresden 1855.
Neudruck Freiburg i. B. 1924. 14tt ) Svante
Arhenius. 147 ) Sternglaube und Sterndeutung 1
(1918) S. 52; 3. Aufl. S. 43. 148 ) C. Aq.
Libra Astrologie, ihre Technik u. Ethik 91 f.
14 ®) Die Literatur der Verteidiger und Gegner
der Astrologie ist wieder sehr gewachsen.
Übersichten geben H. A. Strauß Astrologie,
Grundsätzliche Betrachtungen S. 9—33; K. Th.
Bayer Die Grundprobleme der Astrologie Lpz.
1927 S. 1—18, insb. 9 ff. Auch die vielen
Prognostikenkalender, die in allen Buchläden
auf liegen, tragen sehr zur Verbreitung des
Aberglaubens bei, ebenso wie die Prognosen
in Vorträgen. 160 ) H. A. Strauß Astrologie
S. 37. 151 ) A. a. O. 40. 1B2 ) A. a. O. 38. 153 ) A.
a. O. 38/39. lß4 ) A. a. O. 42/43. 1BB ) A. a. O. 45.
1B6 ) A. a. O. 52 f. 1B7 ) A. a. O. 55. lB8 ) A. a. O.
56. 169 ) A. a. O. 57. 16 °) A. a. O. 58. 181 ) A. a. O.
59. 162 ) A. a. O. 62. lft3 ) A. a. O. 65. 184 ) Bei¬
spiel in C. Aq. Libra Die Astrologie, ihre Tech¬
nik und Ethik 104 ff. 166 ) Raphael’s Astrono-
mical Ephemeris of the Planets' places, London,
Fontstram & Co. m ) Z. B. (= Astrologische
Bibliothek Bd. 1). 167 ) Nachgedruckt nach
Aq. Libra Astrologie, ihre Technik und Ethik.
Anhang.
C. H. und Volksglaube.
Wir haben uns in dem großen Streit
um die Wahrheit der astrologischen aus
dem Horoskop ermittelten Zukunfts¬
deutung auf die Seite der Gegner der
Astrologie stellen müssen, nicht aus Angst
vor der Zukunft, in deren Bann man dann
notwendigerweise leben müßte, sondern
nachdem eine kritische Untersuchung der
Grundlagen uns dargetan hat, daß diese
wissenschaftlichem Anspruch nicht ge¬
nügen. Wir fassen unsern Standpunkt
hier deshalb nochmals zusammen, weil
wir aus unsern Feststellungen den Schluß
ziehen, daß auch das astrologische Tradi¬
tionsgut des deutschen Volkes keinen An¬
spruch auf wissenschaftlichen Wahrheits¬
wert hat, sondern Glaube ist, und zwar
Aberglaube im eigentlichsten Sinne des
Worts, indem in den hier in Betracht
kommenden Überlieferungen sich nicht
einmal der Niederschlag einer ursprünglich
geglaubten Religion widerspiegelt, sondern
aus für die Deutschen sehr anfechtbaren
Voraussetzungen Dogmen hergeleitet sind,
die einer verzweifelten um die individuelle
399
Hörselberg
400
Zukunft bangenden Menschheit als see¬
lischer Halt dienten. Und damit man
uns von wissenschaftlicher Seite nicht
den Vorwurf mache, daß wir zu viel Raum
und Zeit auf unsere Refutatio der H. als
Wissenschaft verwendet hätten, so be¬
merken wir, daß die bloße Behauptung
von dem Wahn, der Jahrhunderte die
Menschheit genarrt habe, uns als Wider¬
legung nicht genügt, wenn Leute in
führender Stellung an den Universitäten
wie im Privatleben sich mit der Astro¬
logie kritisch auseinandersetzen. Es sei
darauf hingewiesen, daß wir es trotzdem
offenlassen, die Wissenschaftlichkeit der
Astrologie zu erweisen; ich fürchte indes, es
wird nicht gehen, weil die Wissenschaft
mit rationalen Größen rechnet, die Astro¬
logie aber schon ihrem Grundgedanken
nach, wenn ich recht sehe, irrational ist: an
die Entsprechung Makrokosmos-Mi¬
krokosmos kann man nur glauben, und
sie ist nicht wie die Axiome der Mathe¬
matik eine dem Verstände ohne wei¬
teres deutliche Voraussetzung der astro¬
logischen Lehre. Dieses irrationale Ele¬
ment kann kein Rationalismus wider¬
legen, yie umgekehrt dasselbe nicht in
ein Rationales verwandelt werden kann:
daher wird die Astrologie von ihrer tat¬
sächlich vorhandenen irrationalen Voraus¬
setzung aus nie ihren Wissenschafts¬
charakter überzeugend dartun, wie um¬
gekehrt die Wissenschaft vom Rationalen
aus niemals den tiefsten Kern astrolo¬
gischen Denkens erreichen wird. Es ist
also der Streit um die Wahrheit oder Un¬
wahrheit der Astrologie seit ewigen Zeiten
unentschieden geblieben, ohne daß er je
ausgesetzt hat noch in Zukunft aussetzen
wird 168 ).
Und gerade in dem Irrationalen scheint
es auch begründet zu sein, wenn der Volks¬
glaube von dieser Seite seit Jahrhunderten
entscheidende Anregungen erhält. Die
geheime Frage nach dem eigenen Schick¬
sal läßt die Menschen nicht zur Ruhe
kommen. So ist es verständlich, wenn die
erhaltenen Relikte astrologischen Volks¬
glaubens sich vor allem auf die eigene Zu¬
kunft und die der Mitmenschen beziehen,
mit denen man in einer persönlichen,
sei es freundlichen, sei es feindlichen Ver¬
bindung steht. Dabei nehmen die Weis¬
sagungen über das Leben Neugeborener
in den Anschauungen mit den größten
Raum ein. Aber auch an andere Seiten des
Lebens knüpfte sich astrologischer Aber¬
glaube, so an den Ackerbau und das Wet¬
ter. Das gewöhnliche Volk lernte die Dog¬
men nicht aus den dickleibigen Folianten
der zünftigen Astrologen, sondern aus
Sammelkompendien, die zu irgendwelchen
astralen Vorgängen Voraussagen no¬
tierten, ferner aus Bauernkalendern,
Mondbüchern, Tierkreislisten, die als sog.
Laienastrologie (s. d.) schon im Altertum
weit verbreitet waren. Doch muß auch
vieles aus der ,,wissenschaftlichen Astro¬
logie“ in alle Schichten der Bevölkerung
gedrungen sein. Denn die scheinbare Ge¬
schlossenheit des Systems verlieh von je¬
her der Astrologie eine Autorität, wie sie
kaum je eine geistige Bewegung besessen
hat. Sie in ihrer praktischen Anwendung,
der H., als selbständigen, geistigen, das
Leben regulierenden Machtfaktor zu zeigen,
als welcher sie ebenso wie germanische
und christliche Religion Quelle des Volks¬
glaubens wurde, war die Aufgabe, die wir
uns für diesen Artikel gestellt hatten. Im
Gegensatz zu dem germanisch-christlichen
Volksglauben, dessen Ethik auf dem
Sündengefühl der Menschen und der
Angst vor Gottes Strafe beruht, ist der
astrologische Volksglaube mechanistisch.
Seine Ethik ruht in einer außermensch¬
lichen Welt.
168 ) Die moderne Stellungnahme für und
gegen die Astrologie wird von namhaften astro¬
logischen und antiastrologischen Schriftstellern
dargelegt in Süddeutsche Monatshefte, herg. von
P. N. Cossmann 24 (1926/27), 149—216. — Wir
kommen in Artikel Sterndeutung noch ein¬
mal auf die Frage zurück.
Vgl. Bauernpraktik, Laienastrolögie,
Planeten, Sterne, Sternbilder, Stern¬
deutung. Stegemann.
Hörselberg x ). Der H. ist ein Hexen¬
berg 2 ). Im Berge haust der Teufel 3 ),
liegt die Hölle 4 ), das Fegefeuer 5 ), wo
die verdammten Seelen geplagt werden;
man hört bisweilen ihr Schreien 6 ). Der
böse Feind lockte einst Fuhrleute in den
H. und zeigte ihnen einige Bekannte 7 ),
401
Hort—Hose
402
die schon in den Flammen saßen. 1398
erhoben sich bei Eisenach drei große
Feuer, brannten eine Zeitlang in der Luft,
fuhren schließlich gemeinsam in den H. 8 ).
ImH. wohnt Hol da (oder die weiße Frau) 9 ),
zu Weihnachten beginnt sie herumzu¬
ziehen, am Dreikönigstag muß sie wieder
in den Berg zurück 10 ). Die wilde Jagd
kommt zu Weihnachten und Fastnacht
aus dem H. und verschwindet mit einem
harten Klang wieder im Berg 11 ). Fegt
man den Platz vor dem H., sieht man am
nächsten Tag eine Menge Fußstapfen von
Tieren 12 ). Im H. sitzt der treue Eckart,
der der wilden Jagd vorauseilt und die
Menschen warnt 13 ). Im H. sieht jemand
.an allen 4 Fronfasten den Erntesegen
des Jahres voraus 14 ). Seit dem 15. und
16. Jh. gilt der H. als Aufenthaltsort
der Frau Venus 15 ).
x ) Schon Anfang des 16. Jh. als Geisterberg
geschildert Grimm Myth. 3, 282. 2 ) Para¬
celsus 73 ff-i Grimm Myth. 2, 882; Sagen 1,
164 Nr. 174. 3 ) Sagen ebd. 4 ) Witzschel
Thüringen 1, 129 fr.; Sommer Sagen 47
Nr. 41. 5 ) Witzschel 1, 128; 2, 5 Nr. 3.
•) Sommer Sagen 47 Nr. 41 (1601). 7 ) Grimm
Sagen 1, 164 Nr. 174. 8 ) Ebd.; Witzschel 2,
35 Nr. 28. 9 ) Meyer Germ. Myth. 279. 282.
10 ) Grimm Sagen 1, 33 Nr. 5. 11 ) Witzschel
1, 135; Hertz Elsaß 90. 236. 12 ) Mannhardt
Germ. Mythen 264. 13 ) Witzschel 1, 131;
Hertz Elsaß 90. 14 ) Meyer Germ. Myth. 279.
15 ) Grimm Myth. 2, 780; Mannhardt Germ.
Mythen 264; vgl. Kluge Bunte Blätter 29;
Liliencron Deutsches Leben XLV.
Weiser-Aall.
Hort s. Schatz.
Hortensie (Hydrangea Hortensia).
1. Botanisches. Aus Ostasien stam¬
mende, gegen Ende des 18. Jahrhunderts
eingeführte Zierpflanze (einst eine be¬
rühmte Modeblume) mit eiförmigen bis
lanzettlichen Blättern und weißen (auch
blaßrosa oder hellblau gefärbten) Blüten.
Sie wird häufig in Töpfen gezogen, ge¬
deiht im Sommer auch im Freien.
2. H.n im Zimmer gehalten bringen Un¬
glück x ) und Unfrieden in der Ehe 2 ).
x ) Drechsler 2, 193; Treichel Westpreußen
X, 442; Egerl. 10, 132; auch bei den Tschechen
{Urquell N. F. 1, 268) und in Belgien (RTrp.
16, 112). 2 ) Schramek Böhmerwald 247.
Marzeil.
Hose,
Gliederung; 1. Allgemeines. Erklärung.
2. Sage. 3. Schwangerschaft und Geburt.
4. Liebe und Ehe. 5. Rechtswesen. 6. Feld¬
wirtschaft. 7. Viehwirtschaft. 8. Volksmedizin.
9. Sonstiges.
1. Trotzdem die Urform der H. x ), der
Schurz (s. Schürze), als das älteste
Kleidungsstück anzusehen ist, ist die H.
durchaus nicht, wie behauptet wird 2 ),
im Aberglauben stark vertreten. Diese
auffällige Erscheinung erklärt sich zum
Teil daraus, daß das Wort H. selbst,
das noch im Englischen (vgl. Hosenband¬
orden) und hie und da in Norddeutsch¬
land 3 ) den Strumpf (s. d.) bezeichnet,
erst vom Mittelalter an allgemein ge¬
bräuchlich ist 4 ), wobei vielleicht manche
an die alte Bezeichnung Bruch ge¬
knüpfte Überlieferung verlorengegangen
ist.
Die H. vertritt im Volksglauben das
männliche Geschlecht, wie der Rock
(s. d.) oder Kittel oder die Schürze (s. d.)
das weibliche, und wird so zum Sinnbild
der Herrschaft. Da die H. die Scham¬
teile verhüllt, ergibt sich eine enge Ver¬
bindung mit dem Geschlechtsleben
und der männlichen Zeugungskraft,
erklärt sich ihre Bedeutung im Frucht¬
barkeitszauber. Wie das Hemd (s. d.)
ersetzt sie zuweilen die ursprünglich bei
rituellen Verrichtungen und Zauberhand¬
lungen vorgeschriebene Nacktheit (s.d.).
Wichtig ist, ob die H. neu oder alt
und getragen ist, dann die Art, wie sie
getragen oder aufgehängt wird und unter
welchen besonderen Umständen man sie
verwendet. Minder wichtig ist die Farbe,
Herkunft, Länge und Kürze u. a. Neben
der H. selbst kommen auch die H.n-
röhren, das H.nband oder der Gürtel
(s. d.), die H.nträger (s. d.), H.nknöpfe
(s. Knopf) und H.ntaschen (s. Tasche)
in Betracht, in neuerer Zeit auch die
Unterh.n, die bei Männern seit Karl dem
Großen, allgemeiner seit dem 12. Jahr¬
hundert 5 ), und bei Frauen erst seit dem
16. Jahrhundert in Gebrauch kamen 6 ),
bei der weiblichen Landbevölkerung aber
auch heute noch vielfach unbekannt sind.
i) Vgl. DWb. 4, 2, 1837 ff.; Schräder
Reallex . 378 ff. u. Sprachvergl. 2, 269; Hoops
Reallex. 2, 561 f.; Fischer Altertumsk. 40; F.
Hottenroth Handbuch der deutschen Tracht
403
Hose
404
(Stuttgart o. J.) 969; K. Spieß Die deutschen
Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911) 12;
Heckscher 261 f. 493 L; Meyer Konv.-
Lex. 9 (1906), 571; Hjalmar Falk Altwestnor¬
dische Kleiderkunde, Videnskapselskapets Skrif-
ter II. Hist.-filos. Klasse 1918, Nr. 3 (Kristiania
J 9 * 9 )» n6ff. 2 ) K. Rob. V. Wikman Byxorna,
kjolen och förklädet, ett bidrag tili frägan om
klädedräktens tnagi (Hembygden 1915) 61;
Pehr Lugn Die magische Bedeutung der weib¬
lichen Kopfbedeckung im schwedischen Volks¬
glauben, Mitteil. d. Anthropol. Ges. in Wien,
50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 101. 3 ) Hotten-
roth a. a.O. 313 1 . 4 ) Vgl. Schräder Reallex.
380; Fischer Altertumsk. 40. 5 ) Hottenroth
a. a. O. 99, 184, 193. 6 ) Ebd. 552.
2. In der Sage zeigt sich oft ein innerer
Zusammenhang zwischen der Farbe und
Art der H. und den damit bekleideten
Geisterwesen. So hat der im grünen Wald
hausende Nachtjäger grüne H.n 7 ).
Rote H.n hat der Hauskobold 8 ), der
in Pommern deshalb auch Rotbücksch
heißt 9 ) und so als Feuergeist erscheint 10 ).
In Thüringen werden auch die Irrlichter
R o t h ö s e 1 genannt 11 ). Ein Männlein
mit roten Beinhöslein erwähnen Volks¬
reime zu Dreikönig 12 ) und zur Fast¬
nachtszeit 13 ).
Zerrissene H.n hat der Wasser¬
mann 14 ); in einer Böhmerwaldsage
schwenkt der auf einem Baume sitzende
Teufel seine H. und schreckt so Leute,
die am Faschingdienstag in den Wald um
Holz gefahren sind 15 ). Kurze H.n hat
nach einer Überlieferung der ewige
Jude 16 ), schwarze H.n der in einer
Esche bei Genkingen hausende Schreck¬
geist 17 ). Ein anderer schwäbischer
Waldgeist führt den Spottnamen H.n-
flecker 18 ), was wohl dem allgemein
verbreiteten Schimpfnamen H.nscheißer
entspricht.
Eine Zauberh., die ihn unbesiegbar
machte, hatte im Dreißigjährigen Kriege
der Generalwachtmeister Jan von Lintloe,
der erst getötet werden konnte, als er die
H. abgelegt hatte, was seine verräte¬
rische Frau den Mördern durch Singen
eines Weihnachtsliedes anzeigte 19 ). Eine
ähnliche H. besaß der hessische General
%
von Auerochs, der nach jedem Kampfe
die aufgefangenen Kugeln aus der H.
herausschüttelte 20 ). Von einer anderen
Zauberh. berichtet eine Sage aus der
Gegend an der Sülz. Darin war in einer
Tasche ein spiritus familiaris in einem
Fläschlein und in der andern ein Heck¬
taler, der sich stets verdoppelte 21 ).
Geschichtliche Tatsache ist endlich,
daß noch im 16. Jahrhundert zu Luthers
Ärger die in der Stiftskirche zu Witten¬
berg aufbewahrten, angeblichen H.n des
hl. Josef öffentlich ausgestellt wurden 22 ).
7 ) Sieber Sachsen 165. 169. 8 ) Ebd. 260.
9 ) Jahn Pommern 104. n8f. 129t. 10 ) Vgl..
Zaunert Natursagen 1, 36. n ) Quensel Thü¬
ringen 251. 12 ) Jungbauer Volksdichtung 227.
13 ) Erk-Böhme 3, 126 ff. 14 ) Peuckert Schle¬
sien 207. 16 ) Jungbauer Böhmerwald 191.
lö ) Zaunert Westfalen 297. 17 ) Kap ff Schwa¬
ben 97. 1®) Ebd. 23 f.; Birlinger Volksth. 1,.
12. 18 ) Zaunert Westfalen 206 f. 20 ) Quensel
Thüringen 282. 21 ) Schell Bergische Sagen
354 ff. Nr. 55. 22 ) Klingner Luther 121.
3. Die Mannsh., die das Geschlecht,
aber auch die Kraft des Mannes versinn-
bildet, kommt besonders bei der Schwan¬
gerschaft und Geburt zur Geltung.
I Wurde in Brandenburg eine Schwangere
durch einen Mann erschreckt, so räu¬
cherte sie sich mit einem abgeschnittenen
Stück seiner H. und nahm die Asche ein,
damit ihr der Schreck nicht schade 23 ).
Weit verbreitet ist die Sitte, bei oder nach
der Entbindung eine H. auf das Bett der
Wöchnerin zu legen 24 ) oder, wie Luther
angibt 25 ), der Kindbetterin um den Hals
zu hängen. Damit wurde, wie bei allen
mit einem Kleidertausch (s. d.) ver¬
bundenen Bräuchen, ursprünglich der
Zweck verfolgt, böse Geister, die der
Mutter und dem Kind schaden können,
zu täuschen 26 ). Aus diesem Grunde
zieht im Aargau die Wöchnerin beim
Ausgehen die H.n ihres Mannes an 27 ).
Um das Vertauschen der Kinder in
Wechselbälge zu verhüten, legte man
noch im 18. Jahrhundert um Saalfeld
Mannsh.n in die Wiege 28 ). In Mecklen¬
burg und Rügen legt man ein Beinkleid
auf das Bett, um die Kindbetterin vor
Nachwehen zu schützen 29 ); in Braun¬
schweig legt man ihr die H. des Mannes
so auf den Leib, daß der Schlitz auf dem
Nabel liegt 30 ). In diesem Falle handelt
es sich weniger um eine Täuschung als
vielmehr um einen Sympathiezauber.
Ähnliche Bräuche finden sich auch bei
Hose
406
405
1 1 •
!sF i
f .
andern Völkern. In Sardinien hängt
der Mann seine H. vor das Haus, wenn
die Wehen der Frau beginnen. Die Nach¬
barinnen klopfen die H. tüchtig aus und
schreien: „Das ist der Schuldige, der
Lump usw.“ 31 ). Bei den Südslawen
läßt der Mann die H. herunter, behält
aber das H.nband in der Hand. Seine
kreißende Frau kriecht ihm dreimal
nacheinander zwischen den Beinen durch,
wobei er sie jedesmal mit dem H.nband
übers Kreuz schlägt. Mancher Mann
läßt die H. ganz hinab, so daß er wie in
Fußfesseln dasteht und schlägt dann
sein Weib mit dem Hochzeitshemd
übers Kreuz 32 ). Auch in Rußland
spielt die H. bei Entbindungen eine
Rolle 33 ). In Schottland wurde nach
der Entbindung eine H. am Fußende des
Bettes aufgehängt, um die fairies fern¬
zuhalten 34 ). In China legt man nach
der Geburt eine H. des Vaters auf das
Bett der Wöchnerin und befestigt daran
ein Stück rotes Papier, auf dem vier
Worte stehen, die allen bösen Mächten
einschärfen, in die H. zu gehen, statt
dem Kinde zu schaden 35 ).
Im Erzgebirge begibt sich die Mutter
beim Entwöhnen des Kindes am
Johannistage auf den Oberboden und legt
sich des Mannes H. auf die Brust 36 ).
Die erste H. bekommt das Kind zu¬
weilen vom Paten geschenkt 37 ), wo¬
bei meist ein Geldstück hineingesteckt
wird, damit es Glück hat 38 ).
23 ) Wuttke 377 § 572. 24 ) Vgl. Wolf Bei¬
träge 1, 251; Sartori Sitte u. Brauch 2, 35 2 ;
Hillner Siebenbürgen 26 Nr. 98; Pfalz March¬
feld 144. 28 ) Klingner Luther 113. 26 ) Vgl.
Samter Geburt 94 f. 27 ) Liebrecht Zur
Volksk. 360. 28 ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 510.
*•) Bartsch Mecklenburg 2, 43; Urquells (1894),
252. 30 ) Andree Braunschweig 286; Maack
Lübeck 35. 31 ) WZfVk. 31 (1926), 114. 32 )Krauß
Sitte u. Brauch 539. 33 ) ZfVk. 20 (1910), 126.
**) Liebrecht Zur Volksk. 360. 35 ) N. B.
Dennys The Folk-Lore of China (London u.
Hongkong 1876) 13 = Liebrecht Zur Volksk.
360 = Seligmann Blick 2, 226. 257 = Samter
Geburt 90. 36 ) John Erzgebirge 65. 37 ) Höhn
Geburt 274. 38 ) John Erzgebirge 57; ZfrwVk.
1913 . 174 -
4. Die H. und ihre Teile spielen ferner
im Liebes- und Eheleben eine Rolle.
Reißt einem Burschen ein H.n-
ii-
knöpf, so denkt die Liebste an ihn 39 ).
Verliert eine weibliche Person das
Band der Unterh., so ist ihr Freier
oder Mann nicht treu 40 ), was vom Schür¬
zenband (s. d.) erst später auf das H.n¬
band übertragen worden ist.
Als männliches Geschlechtszeichen er¬
scheint die H. bei einem südslawischen
Eheorakel am Ostermontag, an dem
die Mädchen vor dem Schlafengehen H.n
von Burschen, Burschen aber Kopf¬
tücher von Mädchen unter das Kopf¬
kissen legen, um im Traume den oder die
Zukünftige zu sehen 41 ). Bei den Magyaren
schreibt das Mädchen am Silvesterabend
auf mehrere Zettel je einen Männemamen,
wickelt sie in eine Männerh. und legt
sie unter das Kopfpolster. Der in der
Nacht daraus gezogene Zettel kündet
den Namen des Gatten 42 ).
Wurde ein Freier mit seiner Bewer¬
bung abgewiesen, so pflegte man um
Kremsmünster in Oberösterreich zu s^gen:
,,Er hat a Hosn kriegt'". Damit wollte
man scherzhaft ausdrücken, daß er statt
des erwarteten Kittels, der das weibliche
Geschlecht kennzeichnet, das Gegenteil
bekam, also leer ausging 43 ). Die Redens¬
art: ,,Sie hat die H. an“, weist auf die Be¬
deutung hin, welche die H. als Haupt¬
stück der männlichen Tracht in bezug
auf die Herrschaft im Ehestand
hat. Den H.nstreit, d. h. den Streit
zwischen Mann und Weib, wer die H.,
die Herrschaft im Hause, erlangen werde,
hat man im Mittelalter oft bildlich dar¬
gestellt 44 ). Um die Herrschaft in der
Ehe zu bekommen, legt im Stubaital
(Tirol) die Braut am Hochzeitstage
eins ihrer Kleidungsstücke über die H.
des Mannes 45 ), während die Braut in
Westböhmen die H. des Bräutigams unter
ihr Kopfkissen und ihren Rock unter das
Kissen des Mannes gibt 46 ). Hier scheint
aber auch die Täuschung der Dä¬
monen vorzuliegen, von welchen Mann
und Frau beim ersten geschlechtlichen
Verkehr besonders bedroht sind 47 ). Wohl
aus dem gleichen Grunde legt der Bräu¬
tigam bei den Slowenen in Unterkrain
seine H. unter das Kopfkissen der Braut 48 )
und trägt bei einem Indianerstamm
407
Hose
408
Nordamerikas die Witwe einige Tage
lang eine H. aus dürren Grasbüscheln,
um den Geist des toten Mannes fernzu¬
halten 49 ).
In Ketelsbüttel (Süderdit mar sehen) war
es früher Brauch, daß ein Witwer, der
sich wieder verheiraten wollte, eine H.
und eine Witwe im gleichen Fall einen
Frauenrock hinaushängte 50 ), wie ähnlich
in Luxemburg eine Frau, wenn der
Mann mehr als einen Tag auf eine fremde
Kirmes gegangen war, eine blaue H.
vors Haus hängte, um die Nachbarinnen
zum Besuch einzuladen, der Mann aber
im umgekehrten Fall durch eine blaue
Schürze anzeigte, daß er allein im Hause
war 51 ).
Das H.nband des Mannes hat bei
einer Ehescheidung in der Bocca sinn¬
bildliche Bedeutung, da es hierbei in zwei
gleiche Teile zerschnitten wird 52 ).
3 *) Meier Schwaben 2, 505 = Wuttke 220
§ 312. 40 ) ZfdMyth. 3, 310. 41 ) Krauß Sitte
u. Brauch 164. 42 ) ZfVk. 4 (1894), 3*8, vgl. 407.
) Baumgarten Aus der Heimat 3, 44. 44 ) Meyer
Konv.-Lex. 9 (1906), 572. 4 *) ZfVk. 3 (1893).
175 = Sartori Sitte u. Brauch 2, 35. 4 «) Egerl.
20 (1916), 6. 47 ) Vgl. S&mtei Geburt 94. 48 ) Ebd.
91 f. nach Reinsberg-Düringsfeld Hoch¬
zeitsbuch 92. 4 ») Frazer 3, 143. M) Urdhs-
Brunnen 7, 174 f. = Sartori Sitte u. Brauch 2,
35 - fil ) Fontaine Luxemburg 91 = Sartori a.
a. O. 62 ) Krauß Sitte u. Brauch 570 f.
5. Auch sonst erscheint die H. zuweilen
im Rechtswesen. Mit haibangezogener
H. und nachschleppendem H.nbein,
als Zeichen großer Eile, hatten die¬
jenigen vor Gericht zu treten, die noch im
letzten Augenblick Einspruch erheben
wollten, z. B. im Ausland befindliche
Erben gegen die Verteilung des Nach¬
lasses, wie besonders aus der Rastetter
Dorfgerichtsordnung hervorgeht 53 ). In
einem ähnlichen Aufzuge begrüßten die
Hausväter auf Island Thorri (Januar) 54 ).
Im Mittelalter war in Italien, in Frank¬
reich und den Niederlanden die Sitte
des H.nherablassens (cessio bonorum )
verbreitet, die darin bestand, daß ein
zahlungsunfähiger Schuldner auf offenem
Markt oder auf einer dazu errichteten
Säule unter Herablassen der H. und
Zeigen des nackten Hintern (s.d.) erklärte,
daß er nichts mehr habe und daß man
sich an seinem unbewehrten Körper
schadlos halten möge 55 ).
Endlich findet bei den bosnischen
Türken die Adoption mitunter in der
Weise statt, daß die Adoptivmutter das
Kind durch ihre H.n hindurchstopft und
so den Geburtsakt nachahmt (s. Schein¬
geburt) 66 ).
53 ) Grimm RA . 1, 136 f. «) ZfVk. 20 (1910),
58; Liebrecht Zur Volksk . 363 f. mj Lieb¬
recht a. a.O. 427 f.; Meyer Konv.-Lex. 9 (1906),
572- M ) Krauß Sitte u. Brauch 600 u. Cis-
zewski Kiinstl . Verwandtsch. 103 = ZfVk 20
(1910), 144 f.
6 . In der Feldwirtschaft begegnet
nicht selten der Brauch, das erste
Samenkorn durch die H.nbeine zu
säen, wie in der Gegend von Schwerin
beim Weizen 57 ), in Westfalen bei der
Hirse 58 ) und in Ostpreußen bei den
Bohnen, die man vor der Aussaat drei¬
mal durch die H. schüttet 59 ). Damit
will man nicht bloß, wie meist angegeben
wird, das Säen vor den Vögeln, welche
das Saatgetreide fressen, verheimlichen,
sondern sicher auch vor schädlichen
Geistern. Bei den Finnen wird das Saat¬
korn zuweilen auch durch eine Röhre
aus Birkenrinde geworfen 60 ), was beweist,
daß bei diesem Vorgang die hüllenden
Röhren die Hauptsache sind.
Doch übt die H. selbst auch wegen der
ihr innewohnenden Manneskraft eine be¬
fruchtende Wirkung aus 61 ) und erhöht
die Zeugungskraft der Saat 62 ), die
man daher auch schon vor der Aussaat
durch die H. wirft. Unverblümt äußert
sich diese Vorstellung in dem finnischen
Brauche, daß die H. des Säemannes
un ge knöpft bleibt, vorausgesetzt, daß
er nicht ganz nackt geht, und noch mehr
darin, daß bei den Esten der säende Bauer
mitunter den Penis aus der H. heraus¬
hängen läßt 63 ).
Bei der Leinsaat trägt man in Bierde
(Kr. Minden) eine zerrissene H. 64 ).
Aus demselben Grunde ziehen die fin¬
nischen Frauen beim Jäten überhaupt
keine H. an 65 ); denn in beiden Fällen
sieht der Flachs, daß Kleider nötig sind.
Bei den Finnen bezaubert der Säemann
den Samen auch dadurch, daß er, bevor
er an die Arbeit geht, die H. auszieht
A
409 Hose 410
und die Saatkörner in dem Saum seines
Hemdes (s. d.) hält 66 ).
67 ) Bartsch Mecklenburg 2, 161 = Sartori
Sitte u. Brauch 2, 67. 58 ) Kuhn Westfalen 2,
68 Nr. 201 = Wuttke 421 § 656. 6 ®) Toeppcn
Masuren 93 = Wuttke 420 = Sartori a. a. O.
60 ) efc. Nr. 30, 21; Nr. 31, 102. 108 f. 133; Nr.
55, 12. 28. 61 ) Wuttke 421 § 656. 62 ) Maack
Lübeck 35. w ) FFC. Nr. 31, 129. 64 ) ZfrwVk.
1909, 190. ® 5 ) FFC. Nr. 55, 57. •*) Ebd. Nr. 31,
121 f.
7. In der Viehwirtschaft dient die
H., die man auch sonst, um Hexen
den Zutritt zu verwehren, an Türen oder
Fenster hängt 67 ), oder, wie bei den Süd¬
slawen, zum Schutz gegen die Hexen
umgekehrt trägt 68 ), häufig als Ab¬
wehrmittel. In Finnland hängt man
gegen die Hexen eine alte H. über die
Stallt ür, in Estland zieht man das eben
geworfene Ferkel durch eine H., in der
Gegend von Guldal (Norwegen) bedeckt
man die für eine Kuh, welche kalben soll,
bestimmte Wassertonne, bevor man sie in
den Stall bringt, mit irgendeinem männ¬
lichen Kleidungsstück, z.B. auch einer H. 69 ).
Um neugekaufte Tiere vor Krank¬
heit zu schützen und wohl auch, um sie
an das Haus zu gewöhnen, gibt man ihnen
bei den Magyaren das erste Futter in
der Schürze (s. d.) der Hausfrau oder
läßt es durch eine H. des Hausherrn in
den Futtertrog fallen 70 ). In Nellingen
bei Eßlingen wischt man dem Kalb
beim Abgewöhnen mit einer alten H.
das Maul und spricht dazu:
Jetzt putz i(ch) dir dei(n) Maul
Mit Hose(n)lottles Hose(n),
Wenn andre Kälber schreie (n).
Dann sollest du bloß lose(n) 71 ).
Nach einer mittelalterlichen Quelle soll
man ein Junges (vitulus), das Zahn¬
schmerzen hat, womit wohl eine Maul¬
krankheit gemeint ist, mit der H. eines
Mannes oder Weibes reiben; dann
weicht der Schmerz 72 ).
• 7 ) Meyer Baden 560. Vgl. Sebillot Folk-
Lore 1, 142. <8 ) Krauß Slaw . Volkforsch .
71. <9 ) Seligmann Blick 2, 226. 70 ) Wlis-
locki Magyaren 146. 71 ) Eberhardt Land¬
wirtschaft 16. 72 ) ZfVk. 11 (1901)* 274.
8. In der Volksmedizin findet die H.
nur beschränkte Verwendung. Frauen
umwickelten früher bei Ohrenzwang,
den mit großer Empfindlichkeit ver¬
bundenen nervösen Ohrenschmerzen, den
Kopf mit einer Männerh. 73 ), was auf
der richtigen Beobachtung beruht, daß
diese meist aus Erkältung entstehende
Krankheit am besten durch Schwitzen
des Kopfes oder des ganzen Körpers be¬
handelt wird 74 ). Diese Erfahrung ver¬
bindet sich mit dem Aberglauben, der
einer Männerh. besondere Heilkraft
zuschreibt. In Estland wendet man
gegen das Bewundern der Kinder
das folgende Mittel an: man legt einen
Stein von der Ofendecke in Wasser,
schiebt das Kind dreimal durch das linke
H.nbein und tröpfelt von dem Wasser
dreimal mit dem linken Ellenbogen auf
das Kind 75 ). In Piemont wirft man H.,
Hemd und Schnupftuch eines Behexten
mit anderen Dingen und unter Hersagen
von Zauberworten in kochendes Wasser 7Ö ).
In Zentral-Brasilien zieht man die
Unterh.n des Vaters dreimal durch
das Strickbündel der Hängematte, wenn
man die Schwäche eines kleinen
Kindes beheben will 77 ).
73 ) Grimm Myth. 3, 439 Nr. 151 {Rocken¬
philosophie); Schultz Alltagsleben 160. 74 ) Vgl.
Meyer Konv.-Lex. 15 {1908), 8. 75 ) Seligmann
Blick 2, 226. 7C ) Ebd. 1, 310. 77 ) Ebd. 1, 307.
9. Von sonstigem Aberglauben
ist zu erwähnen, daß man in Nord¬
thüringen meint, es komme schönes
Wetter, wenn die Frau des Mannes
H. wäscht 78 ) (s. Wäsche). Will die
Wäscherin im Erzgebirge gutes Wetter
haben, so muß sie zuerst eine Unterh.
aufhängen und dreimal hinein¬
lachen 79 ). In Schlesien muß man zu¬
erst die H. eines Junggesellen auf¬
hängen und hineinlachen 80 ); in Berlin
soll man zuerst die Unterhose des
Mannes aufhängen 81 ); in Sachsen muß
man, weifn der Wind zu einem Unwetter
auszuarten droht, in die H.n lachen,
die man eben trocknen will 82 ). In Nord¬
thüringen müssen überhaupt alle Haus¬
angehörigen, wenn große Wäsche ist,
freundliche Gesichter zeigen, damit das
Wetter gut bleibe 83 ). Um Regen zu
verhindern, hängt man um Landshut
beim Wäschetrocknen die H.n verkehrt,
d. h. an den Füßen auf 84 ).
Hosenträger—Hostie
412
411
Um das Ausbuttern zu beschleunigen,
legt man in Pommern eine Mann sh.
oder einen Besen unter das Butterfaß
oder gibt einen Taler hinein 85 ). Bei den
Esten legt man, wenn der Brot teig
nicht aufgeht, gewissermaßen nicht
schwanger werden will, die H. eines
jungen Mannes auf den Backtrog 86 ).
Bei den pennsylvanischen Deutschen
gilt der Satz, daß jener reich wird,
welcher die H. auf den Knien durch¬
löchert, und jener arm, der sie auf dem
Sitz durchscheuert 87 ). Bei den Wot-
jaken heißt es, daß der träumt, der
seine H. unter den Kopf legt (s. o.) 88 ).
78 ) ZfVk. 9 (1899), 234. 79 ) John Erzgebirge
38. 80 ) Urquell 3 (1892), 39. 81 ) ZfVk. 1 (1891),
191* 82 ) Sieber Sachsen 233. 83 ) ZfVk. 9 (1899),
234. 84 ) Pollinger Landshut 158. 85 ) Knoop
Hinterpommern 171 — ZfrwVk. 1913, 270.
88 ) Seligmann Blick 1, 306. 87 ) Fogel Pennsyl¬
vania 95 Nr. 385 f. 88 ) Urquell 4 (1893), 91.
Jungbauer.
Hosenträger. Die H., welche man in
den Alpenländern gern, namentlich am
Bruststeg, mit Verzierungen schmückt,
kamen erst im 18. Jahrhundert auf 1 ).
In der Schweiz werden sie zuweilen von
der Braut dem Bräutigam als Ehepfand
geschenkt 2 ). In der Sage begegnet man
H.n in Schwaben, wo lange Zeit hindurch
in der Riesenkapelle des Klosters Hirsau
die riesigen H. des Räubers und Menschen¬
fressers Erkinger mit dessen Kleidern und
Riesenschuh aufbewahrt wurden 3 ). Im
Volksglauben Württembergs erscheinen
die H. wie die Hose (s. d.) als männ¬
liches Geschlechtszeichen. Man
glaubt, daß ein Knabe geboren wird,
wenn man die H. des Mannes zum
Fenster hinaushängt 4 ). Wurden
in einem Hause nur Mädchen geboren, so j
befestigte man früher dem Vater zum |
Spott, während er bei der Taufe in der 1
Kirche war, H. an der Tür oder auch
Papierhosen auf Bohnenstecken 5 ). Zer¬
schneidet ein Gebannter seine H., so
stirbt der Banner sofort 6 ).
Vgl. F. Hottenroth Handbuch der deut - I
sehen Tracht (Stuttgart o. J.) 714. 830. 939;
Heckscher 265. 495. 2 ) Bächtold Hochzeit 1,
134. 3 ) Kapff Schwaben 37. 4 ) Bohnenberger
18. 5 ) Höhn Geburt 2 71. •) Schell Bergische
Sagen 186 Nr. 112. Jungbauer.
! Hostie.
I 1. Name, Form, Herstellung. — 2. Kirch-
I licher Gebrauch. — 3. Profaner Gebrauch. —
' 4. H.n wunder. — 5. Attribut der Heiligen.
j 1. Name, Form, Herstellung. Der
| Name H. (hostia, oblata) erklärt sich
| daraus, daß der katholischen Kirche das
Meßopfer als unblutige Wiederholung des
einmaligen Kreuzesopfers Christi gilt. Die
I H. ist das zum eucharistischen Opfer die¬
nende Brot, das ursprünglich von den
Gläubigen geopfert wurde. Es muß aus
; natürlichem Wasser und reinem Weizen-
i mehl ohne jede Zutat gebacken werden.
Im Westen ist es seit dem 8. Jahrhundert
! ungesäuert, im Osten j edoch meist gesäuert.
In den ältesten Zeiten waren es in der
Regel dünne Brotscheiben von Tellergröße,
die mit Kerben zum Brechen versehen
waren; zuweilen waren es auch ringförmige
Gebilde (corona, rotula ) l ). Bei der Aus¬
teilung an die Gläubigen mußten sie zuerst
gebrochen werden. Erst in nachkarolin¬
gischer Zeit kam die jetzige Form von
H.n auf (in modum denarii vel nummi),
mit dem Kreuz oder dem Bild des ge-
» kreuzigten Heilandes, kleinere für die
Laien, größere für die Priester. Die
] Herstellung erfolgte in frühesten Zeiten
durch fromme Männer und Frauen, im
Mittelalter durch Kleriker, jetzt durch
vereidigte Lieferanten. Dazu wird das
H. neisen (ferramentum oblatorium, carac-
i teratum), eine Art Waffeleisen, benützt.
Dem römischen Ritual zufolge sollen
die H.n frisch, also nicht älter als einen
Monat sein, während in den östlichen
Kirchen die H.n am Tage des Gebrauches
gebacken sein müssen 2 ).
x ) F. X. Kraus Realenc. d. Christi. Altert.
I, 671. 2 ) Wetzer u. Welte 6, 307.
2. Kirchlicher Gebrauch. Kon-
sekrierte H.n gebraucht die römische
Kirche jetzt nur noch in der Messe, zur
Ausspendung an die Gläubigen bei der
Kummunion, als Viatikum für die Ster¬
benden und zu theophorischen Pro¬
zessionen und Benediktionen. Nicht
immer war der Gebrauch so eingeschränkt.
In älterer Zeit herrschte die Gewohnheit,
den Sterbenden und sogar den Toten
noch geweihte H.n in den Mund zu legen
als kräftigen Schutz gegen den Wider-
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Hostie
sacher 3 ). Das war besonders im Orient,
in Afrika und Frankreich der Fall 4 ).
In der abendländischen Kirche ist dieser
Brauch noch im 6. Jahrhundert nach¬
weisbar 5 ). Um den Gebrauch des Sakra¬
mentes bei Flurprozessionen ging ein
langer Streit, der mit einem Verbot des
Umtragens endete 6 ). Besonders in der
Reformationszeit gaben diese Prozes¬
sionen den Neugläubigen Anlaß zu Aus¬
setzungen. Ein anschauliches Bild aus
jener Zeit gibt das „Augsburger Buch
von den Papisten“: „An diesem Tage
reitet man an vill Orten umb den Fluer,
das ist umb das Korrn, mit vill Kerzen¬
stangen. Der Pfaff reit auch mit, trägt
unseren Herrgott leibhaftig am Hals
in einem Seckel. An bestimpten Orten
sitzt er ab, singt ein Evangelium über
das Korrn und singt der vier an vier Orten,
bis er umb den Fluer reitet“ 7 ). Auch
außerhalb des Fronleichnamsfestes wurde
das Sakrament um die Felder getragen 8 ).
Ein gleichfalls angefochtener Brauch war
die Verwendung des Sakramentes beim
Wettersegen. Bei Ausbruch eines Ge¬
witters wurde es entweder vom Priester
in Begleitung des Küsters oder eines
Knaben, der dabei mit einer Schelle
läuten mußte, auf dem Kirchhofe herum¬
getragen, oder es wurde mit ihm vom
Kirchenportale aus gegen die Gewitter¬
wolken der Segen erteilt 9 ). In Frank¬
reich drohte sogar einmal (1580) ein
Priester, der gegen ein Gewitter nichts
ausrichtete, der H., er werde sie in den
Kot werfen, wenn sie nicht stärker sei
als der Teufel 10 ). Das Manuale von
Burgos verbot schließlich das Hinaus¬
tragen zum Zweck des Wettersegens 11 ).
Doch auch sonst war der kirchliche Ge¬
brauch umfangreicher als heute. Das
geht aus dem Beschluß des Provinzial¬
konzils zu Salzburg hervor (1456): das
Sakrament dürfe nur bei Überschwem¬
mungen, in Kriegszeiten, bei Feuers¬
gefahr, während der Pest oder bei all¬
gemeinen Unglücksfällen umgetragen
werden 12 ). Als 1090 ein Feuer die Abtei
Tours ergriff, trug man das Sakrament
hin, und das Feuer erlosch. In der Abtei
St. Riquier warf man es bei Brand mitten
in die Flammen 13 ). In die Salzach wurden
von der Oberndorfer Geistlichkeit einige
benedizierte H.n geworfen, um Wasser¬
gefahren abzuwenden 14 ). Bei heftigen
Sturmfluten wurde in den Achsensee
und in den Hechtsee bei Kufststein eine
hl. H. geworfen, um sie zu beruhigen 15 ).
Den unglücklichen Verstiegenen wurde
von einem Priester eine H. entgegen¬
gehalten, welche dann einem unschul¬
digen Kinde gereicht wurde, bei der
„Eisenprobe“ legte der Priester einen
glühenden Eisenbolzen auf glühende Koh¬
len auf dem Altar und steckte dann dem
Beschuldigten die H. in den Mund. Si-
bico, der Bischof von Speyer, ist bei der
Synode der Verführung einer Frau an¬
geklagt. Er schwört seine Unschuld auf
die H., nimmt sie und bleibt gesund 16 ).
Nur symbolische Bedeutung hat wohl der
Brauch, wenn von dem Gewölbe der
Klosterkirche zu Prüm am Gründonners¬
tag kleine H.n herabgelassen wurden 17 ).
Ebenso wurden an Christi Himmel¬
fahrtstag in Hilpach (Tirol) Brot, H.n,
Blumen u. a., in Lüsen Wasser, Feuer
und H.n vom Deckengewölbe in die
Kirche hinabgeworfen 18 ).
3 ) Herzog-Hauck 8, 397; Braun Liturg.
Lexikon (1924) 137. 4 ) Lippert Christentum
269. 403. 409 ; Jos. Sauer Die Anfänge des
Christentums und der Kirche in Baden (1911) 13*
4 ) Cor bl et L’histoire de V Eucharistie 1 (Paris
1885/6), 339. 6 ) Sartori Totenspeisung 9.
®) Franz Benediktionen 2, 105—23. 7 ) Bir-
linger Aus Schwaben 2, 181; vgl. Schmidt
Volksk. 103. 8 ) Birlinger 1, 182. •) Franz
2, 121; Sebillot Folk-Lore 1, 109. l0 ) Ders.
1, 109. u ) Franz 2, 106. 12 ) Ders. 2, 121;
vgl. Corblet 1, 440. 13 ) Corblet 1, 440.
14 ) Sartori Sitte 3, 219 Anm. 3 = DG. 1911,
109. 16 ) Heyl Tirol 808 Nr. 287. ie ) Ders. 738
Nr. 27; 517 Nr. 27: 695 Nr. 20; vgl. zum Mo¬
tiv: Die Legende vom Kaiser Max auf der
Martinswand ZAIpV. 1890, Sep. 8 ff.; Lehmann
Aberglaube m; Lippert Christentum 521.
17 ) Wrede Eifeier Volksk. 213. 18 ) Heyl 757 L
Nr. 35. 36.
3. Profaner Gebrauch. Der profane
Gebrauch zeigt vielfältigere Formen als
der kirchliche. Es läßt sich dabei nicht
immer unterscheiden, was in gutem Glau¬
ben oder was im Bewußtsein des Unstatt¬
haften verübt wurde. Jedenfalls war
die Überlegung maßgebend, daß die
Anwendung einer geweihten H. unbedingt
415
Hostie
416
wirksam sein müsse. So ist es nicht ver- Vieh eingaben. Der König meint: „der-
wunderlich, wenn die unerhörtesten Aus- gleichen Sachen seien scandaleuse vor die
Wirkungen erwartet werden. Wer eine Katholiken selbst, wenn sie ihren Gott
konsekrierte H. bei sich trägt, kann sich von der Messe dem Vieh zu fressen geben",
unsichtbar machen 19 ). Die magische und will den Mißbrauch ohne großen
Kraft der H. wirkt als Amulett gegen Eklat und Lärmen beseitigt wissen 33 ),
den Satan, was schon Gregor von Tours Gegen räuberische Wölfe schützt sich
erwähnt 20 ). Wenn man sich den Ballen der Hirt, wenn er eine geweihte H. in
der Hand aufschneidet und eine kon- seinen Hirtenstab einschließt. Nicht nur
sekrierte H. hineinlegt, ist man unver- der Wolf bleibt weg, sondern das Vieh
wundbar 21 ). Wer eine in die Hand ein- mehrt sich von Jahr zu Jahr 34 ). Sogar
gewachsene H. hat, ist so stark, daß er zur Vertreibung der Raupen werden
alles niederraufen kann 22 ). Nach einer H.nstückchen auf die Pflanzen gestreut 35 ).
Sage des 17. Jahrhunderts konnte beim Wird die H. im Mund behalten und der
Spechtenhof bei Laufenburg ein toter Geliebte damit geküßt, so sichert man
Franzose nicht eingegraben werden, weil seine Liebe 36 ). H.n werden zu Liebes-
er immer wieder den rechten Arm heraus- pulver verarbeitet 37 ). Hält man beim
streckte. Als man den Ärmel unter- Empfang des Abendmahls Kreide im
suchte, fand sich eine H. eingenäht, Mund verborgen, so gewinnt durch die
welche ihm die unbezwingbare Kraft ge- j Berührung mit der H. die Kreide Zauber¬
geben hatte. Auch Wildschützen tragen kraft; alles, was man schreibt, wird er-
geweihte H.n unter der Haut gegen Ver- scheinen 38 ). Eine Mutter haucht nach
wundung. Sie können jedoch erst sterben, Empfang des hl. Sakramentes den ersten
wenn die H. wieder entfernt ist 23 ). Hauch auf den abgestillten Säugling,
Um sicher zu treffen, wird die H. dann lernt das Kind bald sprechen. Ge-
im Kolbenschaft der Flinte getragen 24 ). stohlene H.n schützen vor Prozeßver-
Bekannt ist, daß H.n zum Gießen von lust 39 ). Eine verwunschene Jungfrau auf
Freikugeln verwendet werden 25 ). Mit dem Lilienstein kann erlöst werden, wenn
H.n werden verschiedene Krankheiten ihr eine H. gebracht wird 40 ). Endlich soll
geheilt, so Krämpfe 26 ), Fieber 27 ), sogar eine unter die Branntweinblase einge-
Wahnsinn 28 ). Eine Frau wird schon da- mauerte Oblate den Branntweinabsatz
durch gesund, daß ein Abt sie mit den steigern helfen 41 ). Die magische Wert-
Fingern berührt, mit welchen er den Leib Schätzung, welche die H. vom Mittel-
des Herrn berührt hat 29 ). H.n bringen alter bis auf unsere Zeit erfuhr, mag aus
auch dem Vieh Nutzen. Ziegen, denen dem Orient stammen. In Syrien z. B.
eine H. aus der Kirche gegeben wird, war die Anwendung für die verschie-
geben mehr Milch und Butter als Kühe 30 ). densten Zwecke üblich. Man trug sie
Eine in den Bienenstand gelegte H. am Hals als Amulett, legte sie ins Bett,
macht diesen ertragreich. In den Schweine- verbarg sie im Mauerwerk, brachte sie
stall gebracht, erhält sie die Gesundheit in den Garten, in das Weinland und in
der Tiere 31 ). Krankes Vieh wird gesund, den Obstgarten, um auf diese Weise
wenn es mit einer H. berührt wird 32 ). des innewohnenden Segens teilhaftig zu
Durch ein Schreiben Friedrichs II. von werden. Jakob von Edessa wandte sich
Preußen an den Weihbischof Rothkirch energisch gegen diese Profanationen und
von Breslau wird eine merkwürdige setzte mitbeteiligte Priester ab 42 ). Eine
Praxis der Bettelmönche gerügt: Diese bedeutende Rolle spielt die H.,im Schaden¬
nahmen einen Zettel, schrieben darauf zauber 43 ). Die Hexen in erster Linie
einen Spruch aus der Bibel und taten mißbrauchen gestohlene H.n zu ihren
etwas Klebriges darauf. Damit machten Teufelskünsten. Böse Geister muß man
sie Stückelchen und Krumen aus den H.n- zuweilen für ihre Dienste mit H.n füttern
gefäßen fest. Diese Zettel verkauften (s. o. 3, 482) 44 ). In Ostpreußen ge-
sie den Bauern, welche sie dem kranken brauchen die Hexen die Oblaten zum
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Hostie
418
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„Beschütten“ 45 ). Andererseits ist man
gegen die Einwirkungen der Hexen ge¬
schützt, wenn man eine entwendete
Oblate zu Hause hat 46 ). Zauberer
nehmen das Sakrament zu ihren Tänzen
mit 47 ). Ein Zauberer sieht bei der Wand¬
lung die emporgehobene H. schwarz 48 ).
Wer einem Hexenmeister nicht eine ent¬
wendete Oblate bringt, dem kann er
seine Hexenkünste nicht beibringen 49 ).
Aus H.n, Bocksknochen, Kinderbeinen
und Blut kann er eine Salbe herstellen,
welche teuflische Besessenheit verleiht 50 ).
Aber auch ohne Hexenmeister kann
man die schwarze Kunst lernen. Man
stiehlt eine H. und tritt darauf, dann
hilft einem der Teufel beim Hexen 51 ).
Diese und andere Verunehrungen wer¬
den besonders den Hexen zugeschrieben.
Nach dem mittelalterlichen Glauben
mußten die Hexen geradezu das hl.
Sakrament verunehren, was aus Hexen-
prozeßprotokollen ersichtlich ist 52 ). Die
H.n wurden ins Wasser oder ins Feuer ge¬
worfen, zuweilen auch vergraben. Sogar
zum Siedezauber wurden sie benötigt.
Über den Mißbrauch zum Wetterzauber
berichtet Abraham a Santa Clara im
„Judas der Erzschelm“ (1689 II 183):
„Einige warfen die H.n in einen Sautrog,
zerquetschten sie mit einem hölzernen
Stössel, daß Blut hervorquellte, begossen
sie mit unflätigem Wasser, und nachdem
sie es mit einem alten Besenstiel herum¬
gerührt hatten, verfinsterte sich der Him¬
mel, und Schauer prasselte herunter“ 53 ).
Aus Geschäftsneid warf in Oberschwaben
einmal ein Müller eine H. in das Mühlrad
eines anderen in der Absicht, ihm zu
schaden. Ein Wunder führte diese Un¬
tat jedoch zum glücklichen Ende 54 ).
H. wurden auch mißhandelt, indem sie
mit Stecknadeln durchstochen wurden,
wobei sie aber den Frevlem Blutstropfen
zeigten. Das taten die Hexen 55 ), doch
wurde den Juden ebensogern diese Mi߬
handlungsart nachgesagt. 1514 wird zu
Halle der Jude Pfefferkorn verbrannt.
Er bekannte auf der Folter, daß er drei
konsekrierte H.n gestohlen, eine der¬
selben behalten, zerstochen und zermar¬
tert, die zwei andern aber an die Juden
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
verkauft habe 56 ). Da die H.n durch ihre
eigene, dingliche Kraft, auch vom Glau¬
ben abgesehen, wirkten, zeigten sich auch
bei den Juden die wunderbaren Er¬
scheinungen und waren auch bei diesen
im Mißbrauch wirksam 57 ). In Italien
haben die geheimen Gesellschaften die
ruchlosen Taten der Juden und Hexen
weiterführen müssen. Mit Dolchen durch¬
bohren sie die H.n, welche ihnen von Pro¬
stituierten zugebracht werden, und werfen
sie schließlich als Opfer für den Teufel ins
Feuer 58 ). Daß vergiftete H.n zur Beseiti¬
gung mißliebiger Persönlichkeiten ver¬
wendet wurden, dürfte nicht erstaunlich
erscheinen 59 ).
1# ) Schlossar Volksmeinung und Volksaber¬
glaube in der deutschen Steiermark — Germania
36 (Wien 1891), 403. 20 ) Bernoulli Mero¬
winger 264 f. 21 ) Zingerle Tirol 72 Nr. 610.
22 ) Heyl 665 Nr. 142. 23 ) Hoffmann Ortenau
92; Grohmann 207 Nr. 1439; Leoprechting
Lechrain 62; Künzig Schwarzwaldsagen (1930)
29 f.; vgl. oben 3, 7 f. M )Toppen Masuren 13.
**) Baader Sagen 253 Nr. 267; Andree Pa¬
rallelen 2, 44; Bartsch 1, 235 Nr. 304, 3—5;
2, 56 Nr. 158!.; Kuhn Westfalen 1, 339 Nr. 376;
Meiche Sagen 584 Nr. 726; 726 Nr. 583;
Müllenhoff Sagen 367 Nr. 493; 549 Nr. 552;
Strackerjan 1, 116 Nr. 136; 217 Nr. 176g;
Witzschel Thüringen 2, 294 Nr. 157; Wuttke
261 Nr. 382. 2 *) Toppen 13 = Wuttke 140 Nr.
193. 27 ) Lehmann Aberglauben 125 t.; Zingerle
285. 28 ) Cäsarius von Heisterbach 180.
29 ) Ders. 179f. 30 ) Meiche493Nr. 642. 31 ) Franz
2, 134; Corblet 1, 440; Klapper Erzählungen
82. 32 ) Busch Volksglaube 169. 33 ) Franz 2, 134
= Lehmann Preußen und die katholische
Kirche seit 1640 5, 420. 34 ) Bartsch 1, 354 f. ;
vgl. Andree Votive 176. 36 ) Cäsarius Dialo¬
ges 9, 9; Corblet 1, 440. 38 ) Grimm 3, 413;
Cäsarius von Heist. 167 f. 37 ) Ebenda.
38 ) Drechsler 2, 244. 39 ) Grohmann 110 Nr.
810; Schefold u. Werner 20. 40 ) Meiche
576 Nr. 719. 41 ) Toppen 34 = Wuttke 140
Nr. 193. 42 ) Corblet 1, 441. 43 ) John West¬
böhmen 264; S6billot 2, 62. 44 ) Meyer Baden
553 * 45 ) Toppen 13. 34. 44 ) Müllenhoff
557 Nr. 565. 47 ) Birlinger Schwaben 1, 379.
48 ) Heyl 670 Nr. 146. 49 ) Bartsch 1, 130
Nr. 150. 80 ) Corblet 1, 440. 81 ) Schlossar
406. 82 ) Birlinger Schwaben 1, 132. 137t. 152.
M ) Söbillot 3, 296. M ) Birlinger Volkst. 1,
384. w ) Heyl 678 Nr. 154. M ) Birlinger Volkst.
1, 386; Bartsch 1, 428 Nr. 601,1; Horst Zauber¬
bibliothek 2. T. (Mainz 1821), 406; HefeleCon-
ciliengeschichte 8, 296. 778. 67 ) Wuttke 139
Nr. 192. 68 ) Corblet 1. 441. 89 ) Proele De
hostiis et calice venenatis. Gryphiswaldiae 1703.
4. H.nwunder. Schon bei denbluten-
14a
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Hostie
420
den H.n ist die Grenze zwischen dem vom Corporale zurück, weil eine Wanze
Natürlichen und dem Übernatürlichen in sie eingebacken ist; eine andere H.
nach dem Mirakulosen hin verschoben, wird schwarz, weil sie aus Hafer zubereitet
Für das Mittelalter und die Frommen ist 66 ). Einem unwürdigen Priester trägt
der Folgezeit war indes diese Grenze eine Taube die H. davon, bei einem an-
überhaupt bedeutungslos. Beim hl. Sa- deren weigert sich das wunderbare Kind,
krament, dem Inbegriff aller Kräfte, sich mit ihm zu vereinigen 67 ). Priester,
war das Unglaubhafteste denkbar. Das die H.n verloren haben, müssen umgehen
bezeugen die vielen Erzählungen, die nach dem Tode, bis sie dieselben fin-
H.nwunder zum Gegenstand haben 60 ). den 68 ).
Bei diesen läßt sich fast immer eine didak- Auch die Laien bekommen ihren Teil
tische Tendenz feststellen. Gläubige ab. Ein Graf wollte einmal (1384) eine
werden zu vermehrter Verehrung des gleichgroße H. wie der Priester. Als ihm
Sakramentes angestachelt, schlechte eine solche gegeben wurde, entschwebte
Christen von Frevel und unwürdigem sie blutend 69 ). Wer dem Sakrament
Genüsse abgehalten. Zu den Erbauungs- nicht die gebührenden Ehren erweist,
wundern zählen die Geschichten, die wird von der Erde verschlungen 70 ). Mit
Cäsarius von Heisterbach im 9. Buche gestohlenen H.n kommt man nicht mehr
seines ,,Dialogus miraculorum“ auf- von der Stelle 71 ). Wer unwürdig kom-
tischt. So erfüllt Süßigkeit wie vom muniziert, empfängt statt der H. eine
süßesten Honig den Empfänger der schwarze Kohle 72 ). Einen Wirt, der
Kommunion. Eine H. leuchtet bei der schon lange nicht mehr gültig kommuni-
Elevation wie ein Kristall, bald wird ein ziert hatte, hob der Teufel im Sarg aus
wunderschönes Kind, bald der Heiland dem Grab und beutelte ihn, bis er etliche
selbst, bald die hl. Jungfrau mit dem H.n aus dem Munde spie 73 ). H.n im
Kinde in den Händen des Priesters er- Grabe verwesen in einem solchen Falle
blickt. Bei einem Kirchenbrande bleiben nicht 74 ) und werden durch Engel ab-
H.n unversehrt. Verschüttete H.n geholt 75 ). Hat man mit einer H. Mi߬
werden von Engeln aufgehoben. Eine brauch getrieben, so findet man nach
zu Boden gefallene H. drückt dem Stein dem Tode keine Ruhe 76 ). Seinen Ver-
ihre Zeichen ein. Schadhafte und beiseite- ehrern dagegen ist der Herr gnädig. Als
gelegte H.n werden von den Mäusen nur einst die Wegzehrung zu einem Kranken
am Rande angefressen, die Buchstaben gebracht wurde und eine Dirne ihn um
der Oblate bleiben unangegriffen. Ein Vergebung ihrer Sünden bat, antwortete
frommer Edelmann siegt nach dem Ge- der Herr aus der Kapsel, zuerst lateinisch,
nusse der Kommunion über einen Gottes- dann auf ihr Verlangen deutsch 77 ).
lästerer. Ein anderer kniet vor dem Eine vorbeigetragene H. müssen selbst
Fronleichnam in dem Schmutz, ohne daß die Dämonen verehren 78 ). Ein schwarzer
eine Spur davon an den Kleidern haften Hund, der den Priester von seinem Gange
bleibt 61 ). Mit Cäsarius beginnt die Reihe abhalten will, muß vor dem Sakrament
der Geschichten, in denen selbst unver- zurückweichen 79 ). Gegen eine Monstranz
nünftige Tiere das Sakrament verehren 62 ). kann auch der Teufel nicht an 80 ). Die
Ochsen vor dem Pfluge halten vor einer Erinnerung an H.nwunder ist durch
in der Furche liegenden H. Mit Getreide zahlreiche Wallfahrten festgehalten, um
beladene Esel knien vor dem Sakrament nur Wilsnack, Andechs und Bolsena zu
nieder 63 ). Bienen bauen um eine weg- nennen. Es handelt sich meistens um
geworfene H. eine Wachskapeile und halten Schauwunder: die H. ist nach einem Brand
auf, ihre Art Gottesdienst u ). Um eine unversehrt erhalten oder weist Blutspuren
in einen Teich geworfene H. tanzen und auf oder hat sich zur Hälfte in Fleisch
singen Frösche 65 ). Aber auch auf den verwandelt 81 ); auch blutige Corporalia
säumigen Klerus sind manche Geschichten werden aufbewahrt. Das Mainzer Pro-
zugespitzt. So springt eine H. dreimal vinzialkonzil von 1451 bestimmt c. 16
Hostie
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42 1
m
über verwandelte H.n und gerötete Pal¬
lien: sie sollten konsumiert werden, oder
man soll sie gänzlich verbergen, damit
der Zulauf des Volkes aufgehoben werde.
Auch c. 17 des Provinzialkonzils zu
Köln im Jahre 1452 handelt von angeblich
in blutendes Fleisch verwandelten H.n 82 ).
Manche dieser Wunder richten sich selbst
sowohl durch ihre ziemlich krasse Auf¬
fassung des eucharistischen Brotes, als
auch durch die Häufigkeit zu derselben
Zeit 83 ).
60 ) Coccius Miracula ad veritatem Eucharistiae
et Sacriftcii Missae confirmandam divinitus edita
a Christi ascensione usque ad annum 1591.
Coloniae 1601; Günter Legendenstudien. Köln
1906, 175 f.; Dcrs. Die christliche Legende des
Abendlandes. Heidelberg 1910,159fl; Binterim
Pragm. Konziliengeschichte 7, 474. 541— 5 1 -
61 ) Cäsarius Dialogus 9, 40; 33. 29. 28. 3. 63. 18.
14. 11. 51. 48. 62 ) Panzer Beitrag 2, 166. 63 ) Cä¬
sarius Dial. 9, 7; 4, 98; Klapper 81; vgl.
Birlinger Volkst. 1, 384; Künstle Ikono¬
graphie 83. 85 (Relief des Donatello in S.
Antonio zu Padua). 64 ) Klapper 82; Panzer
2,8; Strackerjan 2,7 Nr. 264. 65 ) Sebillot
3, 294. 6 ®) Cäsarius Dial. 9. 65. €7 ) Cäs. von
Heisterbach 178. 68 ) Sebillot 2, 421; 1,281.
C9 ) Corblet 2, 38. 70 ) Meiche 624 Nr. 769.
71 ) Birlinger Schwaben 1, 76. 72 ) Cäsarius
Dial. 9,63. 73 ) Heyl 523P Nr. 91. 74 ) Birlinger
Volkst. 1, 385. 75 ) Baader A\ Sagen 6 Nr. 10.
7 ®) Toppen 105. 77 ) Klapper 80. 78 ) Ders.
125. 79 ) Schell Bergische Sagen 550 Nr. 19.
®°) Baader N. Sagen 52 Nr. 73. 8 *) Cäs. von
Heisterbach 170. 82 ) Hefele 8, 31. 54.
83 ) Buchberger Kirchliches Handlexikon 1
(München 1907), 2025.
5. Attribut der Heiligen. Die H.
findet sich als Attribut bei einigen Hei¬
ligen, die durch H.nwunder ausgezeichnet
wurden oder besondere Verehrer des hl.
Sakramentes waren.
Die hl. Barbara wird mit einem Turm
abgebildet. Er hat die Form von jenem
Gefäß, in dem im 15. Jh. das hl. Sakra¬
ment aufbewahrt wurde. Diese mi߬
verstandene Form des Ciboriums mag die
Heilige zur Patronin der Artilleristen
gemacht haben. Statt des Turmes hat
sie oft den Kelch mit der H.; damit
wird sie zur Patronin der Sterbenden 84 ).
Der hl. Bona Ventura mit Kelch und
H., welche ihm vom Heiland selbst ge¬
reicht worden war, als er aus Furcht
mehrere Tage der Kommunion sich ent¬
halten hatte. Der selige Burkard von
Halberstadt mit H. 85 ). Die hl. Clara
trat nach dem Bericht ihres Zeitgenossen
Thomas von Celano den ihr Kloster über¬
fallenden Sarazenen mit einem Ciborium
entgegen und verscheuchte sie 86 ). Die HL
Doda, Diözese Auch, Frankreich, hält
ein Ostensorium mit einer großen H. 87 ).
Der hl. Hugo von Lincoln mit einem
Kelch, aus dem das Christuskind hervor¬
geht, weil es ihm während der Messe er¬
schienen war 88 ). Der hl. Hyazinth
ging während der Belagerung Kiews durch
die Tataren mit dem Speisekelch in der
Hand mitten durch die Feinde 89 ). Der
hl. Juliana wurde, weil sie wegen Er¬
brechens die Kommunion nicht mehr
empfangen konnte, die H. auf ihre
mit einem Tuche bedeckte Brust gelegt.
Nach ihrem Tode fand man das Bild
des Gekreuzigten von der H. auf ihrer
Brust sichtbar abgedrückt 90 ). Der hl.
Ivo mit leuchtender H. 91 ). Der hl.
Norbert trägt ein Gefäß mit dem
Sakrament, das er gegen Irrlehrer
verteidigte 92 ). Dem hl. Einsiedler Ono-
phrius reichte ein Engel die H. 93 ).
Der hl. Paschalis von Baylon war ein
glühender Verehrer des hl. Sakramentes,
das ihm ein Engel zubrachte 94 ). In
den Kanonisationsakten des hl. Stanis¬
laus Kostka wird berichtet, daß er
zweimal aus Engelshand die Kommunion
erhielt, weil sein protestantischer Haus¬
herr den Priester hinderte 95 ). Wegen
seiner Fronleichnamssequenz hält der
hl. Thomas von Aquin einen Kelch
mit darüber schwebender H. 98 ). Im
,,Neuen steierischen Bauernkalender“ wird
das Fest Fronleichnam durch eine gelbe
Monstranz mit einer blutenden H. be¬
zeichnet 97 ).
84 ) Künstle 113 = Detzel Christliche
Ikonographie 2 (Frbg. 1896), 181. 86 ) Detzel
211 f. 219. 86 ) Künstle 163 = Detzel 260.
87 ) Detzel 314. 88 ) Künstle 314 = Detzel
418. 89 ) Künstle 315t. = Detzel 419. 90 ) Detzel
465 f. 91 ) Ders. 472. 92 ) Künstle 467 = Detzel
558. 93 ) Künstle 479. 9i ) Ders. 486= Detzel
573. 9Ö ) Künstle 544 = Detzel 641. 9 ®) Detzel
654; Vgl. außerdem: C. Fries Die Attribute der
christlichen Heiligen. Lpzg. 1915; Pf leider er
Die Attribute der Heiligen. Ulm 1908. 97 ) Roseg¬
ger Steiermark 1 1, 98. Karle.
423
Hosti, Hostis—Howölfle
424
backen, die schönsten werden bis zum
nächsten Neujahr aufgehoben und auf
den Schrank ins Wohnzimmer gestellt;
die Leute sagen, man heiße sie Ho-wölfle,
weil man sie hoch auf den Schrank
stellt 3 ); man stellt diese Gebäcke auch
ins Herrgottseck der Wohnstube 4 ). Für
Schwarzach wird aus dem Jahre 1889
bezeugt, daß man neben Wölfen und
Hunden noch Affen und andere Tier¬
gestalten und Adam und Eva gebacken
hat, die man den Kindern schenkte 6 );
wichtig ist die altüberlieferte Ansicht,
daß diese Gebäcke das Haus vor dem Blitz
Howölfle. In Moos bei Bühl (Baden) sichern, beschränkt auf 4 Orte bei Bühl,
backt man in der Neujahrsnacht Gebild- Fehrle erklärt die Sitte in Anlehnung an
brote, die aus Brotteig (Roggenmehl und die Deutung der Osterwölfe durch
Schnitzbrühe) von allen Familienmit- Friedel 6 ), daß nach dem Grundsatz
gliedern geformt werden und Wowölfle similia similibus böse Geister durch Wolfs¬
oder H. heißen (man kennt die H. in bilder vertrieben werden sollen 7 ). Der
15 Ortschaften); sie haben die Form von Name Wo-wölfle ist wohl eine ähnliche
Hunden oder eines Wolfes mit ausge- Bildung wie Bo-Bauserle 8 ). Schon
zacktem Kamm und Schwanz und einer Meyer 9 ) vergleicht die Hauswölfe: Zu
in einem Korb auf Eiern sitzenden Henne Weihnachten backt man an der Rauhen
(diese erinnert auffallend an das Julbrod Ebrach aus Teig allerlei, besonders
von Flistadt in Westergotland x ), der Tierfiguren, die man Hauswölfe nennt 10 );
Kamm ist besonders gezackt, wie der der dasselbe geschieht auch in Oberfranken
Julputte oder Goldhenne aus Schwedisch- bei Staffelstein; wenn eine Feuersbrunst
Jämtland 2 )); auch Bretzeln werden ge- ausbricht, werden die H. hineingeworfen,
formt. Diese Gebäcke (manche sind um zu löschen 11 ). Auch im Steigerwald
dreibeinig!) werden in Schmalz ge- backt man am Neujahrsabend allerlei
Hosti, Hostis, in der Formel gegen Rei¬
ßen und Gicht x ): ,,Gott der Herr ging über
Feld, Da kam der Hosti Hostis“ usw. Der
Ausdruck bezeichnet den Teufel, der schon
im Neuen Testament der e^ftpoc heißt
Mt. 13, 39,Luc. 10,19 und bei den Kirchen¬
vätern gern antiquus hostis genannt
wird 2 ). Als Hostec für rheumatische
Krankheit auch in russischen Zauber¬
formeln 3 ).
x ) Köhler Voigtland, 404; Seyfarth Sach¬
sen 109. 2 ) Grimm Myth. 941. 3 ) Mansikka
Über russische Zauberformeln (1909), 51.
Jacoby.
425
Hubert
426
Tier- und Menschenfiguren, die man
Hauswölfe nennt, für die Kinder wie in
Schwarzach; einige bewahrt man auf,
und wenn ein Brand ausbricht, wirft
man sie hinein 12 ). Mannhardt erklärt
diesen Brauch mit einem alten Opfer für
den Vegetationswolf 13 ), der im Frühjahr
erscheint. Bei den Wo-wölfle deutet in¬
dessen die Henne eher auf einen Zu¬
sammenhang mit dem nordischen Jul-
gebäck, zumal auch dort das Julgris-
bröd 14 ) einen auffallend gezackten Kamm
hat. Auch im Norden wird ja das Julbrot
als Talisman für das Hausglück aufbe-
wahrt 15 ); zu betonen ist, daß auch die
H. dem Vieh gegeben werden (Ober¬
wasser), das sie schützen (Schwarzach),
genau wie das Julbrot.
*) Höfler Weihnachten Tafel 9 Fig. 47.
2 ) Ders. Tafel 10 Fig. 49. 3 ) Mündlich durch
Fräulein stud. phil. Lienhard; vgl. Zettelka¬
talog des. Bad. Wb. Die Zeichnung hat Herr
stud. ing. Tschira gemacht nach dem von Frl.
Lienhart gelieferten Originalgebäcken aus Moos.
4 ) Meyer Baden 482; vgl. 492 (Balzenhofen).
s ) Freiburger Diözesanarchiv 20. 198; vgl. Lenz
in ZfdMundarten 1917; ZfEthnologie 1897,
496. *) Korrbl. d. Gesamtver. dtsch. Geschichts-
und Altertumsver. 1891 Nr. 2, 19. 7 ) Vom Boden¬
see zum Main Nr. 8, 18. 8 ) Ochs Bad. Wb. 1.
*) L. c. 482 ff. 10 ) Schmeller BayrWb. 2,
903; Höfler Ostern 65; SchwVk. 19, 16 fg.;
Bavaria 3, 971. n ) Panzer Beitr. 2, 527; vgl.
Sepp Sagen 605. 12 ) Bavaria 3a, 340; ZföVk.
1903, 202; Stemplinger Aberglaube 393. 13 ) 2,
323. 14 ) Höfler Weihnachten , Tafel 6, Fig. 39.
15 ) ZföVk. 9, 203.
Korrekturzusatz: In der ObZfVk. 1929,
1—40 erschien eine Monographie der H. von
O. A. Müller, dem ich Parallelmaterial auf
Anfrage angab; die Deutung 35 ff. überzeugt
nicht. Eckstein.
Hubert, hl., angeblich aus einem herzog¬
lichen Geschlecht Aquitaniens, zuerst
Bischof von Maastricht als Nachfolger
Lamberts (um 709), dann erster Bischof
von Lüttich (722), Apostel des Ardennen¬
gebietes, das er von Lüttich aus dem
Christentum zuführte, 727 in Lüttich
gestorben und zuerst dort in St. Peter
beigesetzt, 825 in das später St. Hubert
benannte Kloster Andain (Andagium)
in den Ardennen (Belgisch-Luxemburg)
übertragen, von wo die Reliquien seit den
Hugenottenkämpfen 1568 verschwanden.
Fest 3. November (Translationsfest) x ).
1. H. ist oder war bis in die neueste
Zeit hinein einer der volkstümlichsten
Heiligen. Seit dem 10. Jahrhundert
breitete sich seine Verehrung in der Diö¬
zese Lüttich, in den Ardennen, in Luxem¬
burg 2 ), in der ganzen Eifel, im Trierer
Land und im Herzogtum Lothringen, im
Kölner, Jülicher und Bergischen Land
und in Westfalen immer stärker aus.
In allen diesen Gegenden wurden ihm
zu Ehren viele Kirchen und Kapellen
errichtet. Die Diözese Lüttich zählte im
16. Jahrhundert 21 H.kirchen, die Kölner
Diözese einschließlich an Belgien ver¬
lorener Teile noch in unserer Zeit 29
H.kirchen und -kapellen 3 ). Im Herzog¬
tum Jülich nahm die Verehrung des
Heiligen neuen Aufschwung, seitdem am
H.tage 1444 Herzog Gerhard von Jülich-
Berg den Herzog Arnold von Geldern
in der Schlacht bei Linnich besiegt hatte 4 ).
Zum Andenken stiftete Herzog Gerhard
für Jülich den hohen Ritterorden vom
hl. H. (Hubertusorden), der dann später
der höchste Orden des bayrischen Königs¬
hauses wurde. Beachtenswerter Weise
bildete H. in der Kölner Kirchenprovinz
mit den Heiligen Antonius, Cornelius,
Quirinus die Gruppe der heiligen vier
Marschälle (Gottes), die wegen ihrer
,»täglichen Hilfe“ für Menschen und Haus¬
tiere unter den Landleuten hoch verehrt
waren 5 ).
*) AA. SS. Nov. i, 799; Potthast 1377;
Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone 219;
Korth Die Kirchenheiligen im Erzbistum Köln
86—89; Künstle Ikonographie 311. 2 ) Ons
Hemecht 1910, 338. 3 ) Korth a. a. O. 87;
Reinsberg Böhmen 495: in Böhmen nur eine
Kirche trotz reichgepflegter Jagd. 4 ) St. Chr.
7 85 ( 2 5 ) : o hilliger marschalck sent Hup-
recht, dyn genade hat gewerckt recht, Gerhart
dem fürsten by zu stain... item umb deser
verwinnunge [Sieges] willen is vierlich sant
Hupert dach; NA 104 (1920). 139 (Anm. 2).
143. 6 ) Weidenbach Calendarium hist.-crit.
Christ, medii et novi aevi (1855), 200; NA. 39
(1883), 169; 104 (1920), 121—149. Franzö¬
sische Bauern riefen S. H. an, wenn ein Rind
sich auf der Weide verirrt hatte: Grimm
Myth. 3, 485 (n).
2. Der Heilige wurde Patron der Jäger®),
Beschützer der Hunde und Helfer gegen
die Hundswut, wahrscheinlich zuerst
427
Hubert
428
im wildreichen Hochwald der Ardennen.
Hier brachte man noch im 8. Jahrhun¬
dert Diana die Erstlinge der Jagd als
Opfer dar. Der hl. H. soll bewirkt
haben, daß dieser Brauch auf den hl.
Petrus übertragen wurde 7 ). Bereits
im 9. Jahrhundert soll dann unter den
,,großen Herren* ‘ der Ardennen die
Sitte bestanden haben, dem hl. H. in
Andain die Erstlingsbeute der Jagd zu
opfern 8 ). Auf seinen Gedächtnistag
legte man den Tag der Eröffnung der
Großjagd und hält dies vielfach noch
heute so. Ein echter Weidmann wird,
mag die Witterung günstig oder un¬
günstig sein, an diesem Tage der Jagd
obliegen 9 ). Früher auch pflegten Jäger
den Tag ihres Schutzpatrons besonders
feierlich zu begehen. Sie hörten in voller
Jagdausrüstung die hl. Messe, um Flinten
und Hunde gegen Behexung geschützt
zu wissen 10 ). Die unter Jägern und Forst¬
leuten noch heute gepflegte Verehrung
des Heiligen verbreitete sich von den
Ardennen aus allmählich über franzö¬
sischen und deutschen Boden; sie spiegelt
sich auch in dem Attribut des Heiligen
wider, in dem Hirsch mit dem strah¬
lenden Kreuz im Geweih. Ein solcher
Hirsch, der in der Heiligenlegende
Christus bedeutet und deshalb als Führer
zum Heil das Symbol der Erlösung trägt,
soll nach einer spätmittelalterlichen, dem
15. Jahrhundert angehörigen Legenden¬
fassung dem Heiligen, als er noch am
Hof Pipins von Heristal lebte, auf der
Jagd erschienen sein und veranlaßt
haben, daß er sich vom Weltleben ab¬
kehrte. Diese in verschiedene Heiligen¬
legenden n ) verwobene und in Liedern 12 )
und Bildern verherrlichte Wundersage
kennen die älteren H.viten noch nicht.
Vermutlich wurde sie aus der Eustachius¬
legende, der sie schon im 8. Jahrhundert
eigen war, herübergenommen. Jedenfalls
hat sie zu der endgültigen Ausbildung
oder Festigung seines Jägerpatronates
wesentlich beigetragen.
*) AKultG. 5, 261. 7 ) Stemplinger Aber¬
glaube 4; vgl. zu dem an Diana geknüpften
Brauch weiter Höf ler Organotherapie 68.
8 ) Wolf Beiträge 2, 112; Fontaine Luxemburg
77; Gaidoz La rage et St. Hubert (Paris 1887)
41. 8 ) Wolf Beiträge 1, 146; Montanus Volks¬
feste 52; v. Heurck u. Boekenoogen Histoire
de Vimagerie populaire ftamande 63; Fontaine
Luxemburg 76; Hartmann Westfalen 43.
10 ) Schmitz Eifel 1, 44—45; Albers Popu¬
läre Festpostille 272. 11 ) Günter Legenden-Stu¬
dien 38; ZfdPh. 1, 91: aus der Volkssage und
dem Mythos (Odin-Wodan jagt den goldring¬
geschmückten Hirsch) eingedrungen. 12 ) Erk-
Böhme Nr. 1452. 1453; Böckel Handbuch 103.
3. In einem Segensspruch aus Münster¬
eifel (1600) tritt H. als Helfer der Fallen¬
oder Schlingensteller auf 13 ). Nach dem
Inhalt des Spruches handelt es sich um
Fallen oder Schlingen, um die man drei¬
mal ,,mit dem linken Fuß“, d. i. links
herum, gehen und sie dann mit Wasser
besprengen mußte, nachdem man die
Beschwörungsformel hergesagt hatte.
13 ) Rhein. Geschichtsblätter 7, 180: So woar
[wahr] als Gott sindt [sankt] Huberich be-
roeft mit dem Hillighen Crutz, so beschwer
[beschwöre] ich dich...
4. Wie der hl. Sebastian (s. d.) wurde
auch H. vielfach zum Patron der Schützen¬
bruderschaften gewählt, so z. B. von der
noch heute bestehenden alten Hubertus¬
gilde in Kevelaer (Niederrhein).
5. Bereits seit dem 10. Jh. wurde und
wird der Heilige gegen den Biß toller
Hunde angerufen 14 ). Dieser Kult ent¬
stand wohl ebenfalls zuerst im wild-
reichen Hochwalde der Ardennen und
verbreitete sich unter französischen und
rheinischen Jägern und Forstleuten, welche
die Gefahr tollwütiger oder rasender
Wölfe und Hunde kannten. Im Volke
suchte man sich auf die verschiedenste
Weise gegen den Biß und seine Folgen
zu schützen oder der Gefahr vorzu¬
beugen.
14 ) A. A. S. S. 3. Nov. 1, 873; s. vor allem die
ausgezeichnete Monographie von Gaidoz La
rage et St. Hubert (Bibliotheca Mythica I) Paris
1887; vgl. dazu ZlVölkerpsych. 17, 230; ferner
ZfVk 11 (1901), 207 h.; Allgemeine Forst- und
Jagdzeitung 1902 (Novemberheft: St. H. im
Bergischen Lande); Sau v e Folk-Lore des Hau-
tes-Vosges (1889) 344; über die Heilung eines
von einem tollen Hunde Gebissenen aus der
Zeit 1055 bis 1087 s. Schorn Eiflia Sacra 1
(1888), 700.
6. In erster Linie mußte gegen die
Hundswut oder die Folgen des Bisses eines
429
Hubert
430
tollwütigen Hundes, die Tollwut, in der
Eifel „Haupischkränkd“ (H.krankheit)
genannt 15 ), der sogenannte H.Schlüssel
oder Petrusschlüssel helfen 16 ). Dieser
Schlüssel war ein 18—20 cm langes hand¬
geschmiedetes, nagelartiges, gesegnetes
Eisen in hölzernem Heft und in einen
petschaftartigen flachen Kopf endigend;
dieser sollte ein an einer Schnur hangendes
Jägerhorn darstellen und diente zum
Ausbrennen der Wunde, letzteres ein
altes und beliebtes Mittel. Nach einer
späteren Legendenfassung hatte der hl.
H. selbst einen goldenen Schlüssel ge¬
braucht und dieser soll ihm vom hl.
Petrus oder von einem Nachfolger
(Papste) dieses gegeben worden, später
aber verschwunden und durch einen
in Sainte Croix de Liege aufbewahrten
kupfernen Schlüssel aus dem 9. Jh. ersetzt
worden sein. Solche Schlüssel wurden
vielerorts in der Kirche aufbewahrt 17 ).
Die gebissenen Menschen oder Tiere
wurden mit dem glühend gemachten
Eisen oder Schlüssel entweder auf die
Schadenstelle oder auf die Stirne ,,biß
zum lebhaften Fleisch gedruckt“. Früher
ritten, zuerst nachweislich für das 17. Jh.,
fast alljährlich im Spätherbst die soge¬
nannten Herren St. H.i, Geistliche aus dem
Kloster St. H., nach Saarburg (Bez. Trier)
und verblieben dort einige Tage, um Haus¬
tiere (Rindvieh, Schweine) zum Schutz
gegen den Biß toller Hunde oder gegen
dessen Folgen mit dem H.schlüssel zu
brennen 18 ). Auch war es früher üblich, daß
ein Gebissener nach St. H. wallfahrtete.
Dort wurde die Bißwunde ausgebrannt 19 ),
dem Verletzten außerdem die Stirn ge¬
ritzt und in diese ein winziges Fädchen
aus der Stola gelegt, die angeblich dem
Heiligen von einem Engel zur Bischofs¬
weihe gebracht worden war und in St. H.
auf bewahrt wurde. Neun Tage lang
mußte die Wunde verbunden bleiben.
Am neunten Tage oder an neun aufein¬
ander folgenden Tagen mußte der Kranke
zu den hl. Sakramenten (Beichte und
Kommunion) gehen; am zehnten Tage
wurde der Verbandstoff verbrannt und
die Asche in eine Senkgrube hinter dem
Altar geschüttet. Während der Kur
mußte der Kranke neunerlei diätetische
und religiöse Vorschriften beobachten,
wobei die hl. Zahl 9 eine große Rolle
spielte. Beim Verlassen des Klosters
erhielt er einen H.schlüssel nebst einer
gedruckten Gebrauchsanweisung 20 ). In
der Heimat mußte er sich in die H.bruder-
schaft auf nehmen lassen, falls es eine
solche gab, vor allem am H.tage beichten
und kommunizieren und den Tag feiern.
Bis in die jüngere Zeit hinein blieben
diese Heilmethode und die mit ihr ver¬
knüpften Bräuche erhalten 21 ). Der also
in St. H. Behandelte wurde, weil er gleich¬
zeitig dort seine Beichte abgelegt hatte,
„penitent de St. H.“ genannt. Gesunden
Menschen und für Tiere empfahl man
die Kur zwecks Vorbeugung, und so
wurde sie denn an diesen auch ent¬
sprechend vollzogen. Besonders ließ man
Hunde, wenn sie noch jung waren, auf
dem Kopfe mit dem Schlüssel brennen.
Wurde später ein solcher (gebrannter)
Hund von einem rasenden gebissen, so
verendete er vor dem Ausbruch der Toll¬
wut, vor dem neunten Tage 22 ). Man
glaubte, die gebissenen gebrannten Hunde
richteten keinen Schaden an; es gab auch
nach der Meinung des Volkes Hunde mit
großen Afterklauen (Hubertusklauen), so¬
genannte H.hunde, welche, auch wenn
sie nicht gebrannt waren, vor der Tollwut
bewahrt blieben und überhaupt gegen
jene Krankheit gefeit waren 23 ). Weiter
glaubte man, daß nur am neunten Tage
nach dem Biß oder in neunteiliger Frist
(am 18., 27., 36. Tage usw.) dem Biß der
Ausbruch der Wut folge und dann neun
Tage nach dieser der Tod. Oder man
glaubte, daß neun Stunden oder neun
Tage oder neun Monate oder neun Jahre
nach dem Biß die schreckliche Krankheit
ausbreche. Der in St. H. Geheilte, der
später nochmals gebissen wurde, mußte
nicht mehr St. H. besuchen, sondern sich
drei Tage lang nach den neunerlei Vor¬
schriften verhalten. Wer in St. H. ge¬
wesen war, hatte auch eine gewisse Voll¬
macht zum Nutzen Gebissener gewonnen.
16 ) Rhein Wb. s. v. 16 ) Thiers Traite 1, 182.
371; Lebrun Histoire critique des pratiques
superstitieuses (Paris 1702) 358; Blumauer Ge-
431
Hubert
432
dichte (1816), 392; Panzer Beitrag 2, 296; Wolf
Beiträge 1, 146; Birlinger Aus Schwaben 1,
484 (als Aberglauben gebrandmarkt); Simrock
Mythologie 623; Gaidoz a. a. O. 126; Aleman¬
nia 6 (1878), 173; 10 (1882), 268; Fontaine
Luxemburg 78; ZfVk. 11 (1901)» 207—210 (mit
Abbildung und einer Gebrauchsanweisung a. d.
J. 1757 ), ebenda 342; 16 (1906), 55 (Schlüssel
u. Brot); Monatsschrift d. Berg. Gesch.-Ver. 21
(1914) 90. 96; Pollinger Landshut 280; SAVk.
13 (1909), 305 ; 17 ( 1913 )» 59 ; 22 (1918), 250
(H.schlüssel in Einsiedeln); DG. 11, 128; 14,
182. Vgl. auch Hovorka u. Kronfeld 2,
422—434 über Bißwunden von Tieren (a.
Hundebiß) und volksmedizinische Heilkuren,
besonders. 426: Abbildung eines H.schlüssels
aus dem Böhmerwald, ebenda der Brenn¬
stempel dieses gesondert. Über Saint-Tujean
als Patron gegen Hundswut aus der Bretagne
s. Zeitschr. f. Völkerpsych. 17, 232. 17 ) Wer mit
dem Schlüssel brannte, meist der Küster, ge¬
brauchte einen Spruch, z. B. in Euskirchen
(Eifel): Hongk (Hund) halt de Mongk (Mund),
Halt de Zangk (Zahn), Zent Bäertes [H.] halt
de Schlössel en de räächte Hangk (Hand).
Orte, an denen H.schlüssel verwahrt wurden,
s. ZfVk 11 (1901), 208. 342; vergl. weiter Len-
tzen Geschichte von Neersen u. Anrath ( Nieder¬
rhein) | 345; Bettingen Geschichte von St.
Wendel 392. Über einen H.schlüssel in Harden¬
berg (Berg. Land) anno 1681 s. Picks Monats¬
schrift f. rhein.-westf. Geschichtsforschung u.
Altertumskunde 3 (1877), 597; weiter Monats¬
schrift Berg. Gesch.-Ver. 21, 96; Heyn Der
Westerwald 203; Back Evangel. Kirche auf
dem Hunsrück 166; s. auch Anm. 16 am Schluß.
18 ) Trier. Chron. 2, 50. 19 ) Vom Ausbrennen
in St. H. berichtet die sogenannte Koelhoffsche
Chronik, gedruckt 1499 in Köln: ,,in den
jaeren uns heren 1445 quam ein rasen [rasen¬
der] werwoulf ind beis [biß] vast lüde in dem
kirspel zo Rindorp [Rheindorf]... umtrint [un¬
gefähr] 14 persoin, die men sniden ind zo sent
Rupert voirren ind dae uisbroin [ausbrennen]
moiste ...ind sloige den woulf doit“, vgl. St.
Chr. 14, 785 (30). 20 ) Abdruck einer solchen
nach Höfler s. Monatsschrift Berg. Geschichts-
Ver. 21, 95. 21 ) AA. SS. Nov. 1, 867. 878—901;
Montanus Volksfeste 164—165. 22 ) Schmitz
Die Mischmundart (1893) 116. 23 ) Spee Volks¬
tümliches vom Niederrhein 2 (1875), 35; Schmitz
a. a. O.
7. Um dem Biß und der Tollwut vorzu¬
beugen, stellte man bereits die Kinder
unter den ganz besonderen Schutz des
Heiligen. Man legte den Knaben bei der
Taufe gern den Namen H. bei, am Rhein
z. B. in der Diözese Köln 24 ), auch meh¬
reren Kindern in derselben Familie zu¬
gleich. Zu demselben Zweck wurden auch
in Frankreich, Luxemburg, Belgien und
in den Niederlanden und am Rhein schon
seit früher Zeit am H.tage neben Wasser
und Salz auch Hafer, Brot oder Brötchen,
in flämischen Gegenden ,,sint Huibrechts-
broodje“ genannt und mit einem Jagd¬
horn verziert, geweiht 25 ). Der Genuß
dieser Gegenstände sollte Menschen und
Haustiere gegen Hundebiß schützen oder
Gebissenen helfen. Weiheformeln stammen
aus dem 17. Jh. 26 ). Ein umfangreiches
Weiheformular für Wasser, Salz und Brot
,,in honorem S. Huberti“ wurde in neu¬
erer Zeit auch für die Erzdiözese Köln
genehmigt. Das Salz verwandte man in
der Haushaltung, von dem Brot gab man
den Menschen und dem Vieh zum Essen,
anderes wurde für die Reise auf bewahrt,
der Hafer wurde ins Viehfutter gemischt
oder in die Kornhaufen gelegt, alles in
prophylaktischer Absicht. Bei der H.ka-
• #
pelle in Uckesdorf (Kr. Bonn) wurden
am H.tage an die Pilger und Gläubigen
H.plätzchen verteilt und von diesen in
den oberen Rand der Hose, von den
Pilgerinnen in den des Unterrockes ge¬
näht, um gegen den Biß toller Hunde
geschützt zu sein 27 ). In Herkenrath
bei Bensberg ißt (oder aß) man am
3. Nov. das fast kugelrunde H.brot, auf
das ein Kreuz eingedrückt ist; jeder
Hausgenosse und jedes Haustier muß
von ihm genießen 28 ). Auch suchte man
sich durch weißgegerbte und mit roter
Farbe bespritzte, 18—20 cm lange und
1—i x /a cm breite, am H.tage in der
Kirche gesegnete und in oder vor dieser
feilgebotene Lederriemchen vorbeugend
zu schützen 2e ). Man trug sie im Knopf¬
loch des Rockes oder am Hosenträger.
Man könnte diese Riemchen als Ersatz
früherer Opferfelle betrachten, wenn an¬
ders nicht als Ersatz für die Stola oder
den Gürtel des Heiligen. In ersterer
Auffassung wird man durch eine Auf¬
zeichnung des Kölner Ratsherrn Her¬
mann Weinsberg zum Jahre 1552 be¬
stärkt : Van S. Hupertz hiltum... da
[in S. Jacobskirch] beiert man und offert
bestrichen riemen und broit und man hilt
es darvur, das die rasen [!] hont und
beisten dan einem nit schaden kunnen 30 ).
Mädchen und Frauen trugen Medaillen
an einem Bändchen um den Hals; diese
433
Huckup—Huf
434
waren mit dem Bildnis des hl. Bischofs H.
lind einer Aufschrift versehen. Noch
bis in die letzten Jahre trug man in der
Eifel den sogenannten ,,zent Hopperts-
pennek“ 31 ) am Rosenkranz oder am
Halsband.
24 ) Wrede Rhein. Volksk 2 148 (z. B. Diözese
Köln). 26 ) Reinsberg Festjahr 332; Elsaß-
Lothringisches Jahrbuch 4, 114 (Kreis For-
bach); Janus 7 (1902), 189 (Harlem); Fontaine
Luxemburg 78; ZrwVk. i, 213 (Herkenrath bei
Bensberg, Bergisches Land); 16, 55. 26 ) A.A.
S.S. Nov. i, 903. 923. 27 ) ZrwVk. 12,102. 2B ) Ebd.
1 ( I 9 ° 4 )» 214. 29 ) Wolf Beiträge 1, 146; Mo*
natsschr. Berg. Gesch.-Ver. 21, 92; AIbers
Populäre Festpostille 270; Ders. Das Jahr
283 ff.; Wrede Rhein. Volksk 2 321 (17. 18).
Der Verfasser hat selbst noch als Knabe den
Brauch gepflegt; Alemannia 6 (1878), 173 ff.;
ZfVk. 24 (1914), 145; Wallonia 6, 100; Rol¬
land Faune populaire 11, 69. 30 ) Wrede
Rhein. Volksk. 2 321 (17. 18). 31 ) RheinWb. s. v.
8. In Luxemburg, wo die Verehrung
des hl. H. auch besonders groß ist, war
der Ort Sankt Haupertsweiher vor Zeiten
ein Weiher. Weil viel Vieh von tollen
Hunden gebissen worden war, wurde
dieser Weiher (zu Ehren des hl. H.?)
gesegnet und das Vieh in ihn hinein¬
getrieben und auf diese Weise geheilt 32 ).
Im Bergischen Lande gibt es einen
Huppertspütt (bei Morsbach), dessen
Wasser früher weit und breit als Heil¬
mittel benutzt wurde 33 ).
32 ) Gredt Sagen 21. 33 ) Monatsschr. Berg.
Gesch.-Ver. 1, 121.
9. In der Eifel (Prümer Land) pflegen
oder pflegten Kinder nach dem be¬
kannten Abendgebetchen „Abends, wenn
ich schlafen geh“ noch zu beten: Dann
kommt der hl. H. und hat einen gol¬
denen Stab in der Hand, darauf steht
geschrieben:
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist,
Daß kein böser Hund mich beißt.
Daß kein böser Wolf mich zerreißt.
Daß kein Bösewicht über mich schweift,
Amen.
10. Es wundert nicht, daß eine Heiligen¬
figur wie die des hl. H. infolge allzu
eifriger und vielseitiger gelehrter und
pseudogelehrter Deutung und Verglei¬
chung ihrer so bedeutsamen Patronate
sehr willkommener Ersatz heidnisch¬
mythischer Erscheinungen oder Vor¬
stellungen und beliebter fester Anhalts-
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
punkt umflatternder Mythenfäden wurde.
Man setzte den Heiligen in Beziehung
zu Wodan 34 ), zum Freischützen 35 ), zu
dem Hundsgestirn (Sirius) 36 ), zur Ar¬
temis 37 ), zum wilden Jäger und zur
wilden Jagd 38 ) und die Hubertusjagd
zum germanischen Seelenkultus 39 ). Die
Beziehung zum wilden Jäger fand auch
in Volkssagen und Volkserzählungen ihren
Niederschlag 40 ). Ins einzelne gehende
Forschungen werden hier wie bei vielen
andern Heiligen noch manches klarer
zu stellen haben.
34 ) Grimm Myth. r, 358. 594; ZfdPh. 1, 100;
Hartmann Westfalen 44. 33 ) Simrock My¬
thologie 5 300. 36 ) ZfdPh. 1, 114. 37 ) ZfVölker-
psych. 17, 232. 38 ) Wolf Beiträge 1, 147; Se-
billot Folk-Lore 1, 166. 3# ) Lippert Christen¬
tum 666; Meyer Germ. Myth. 237. 246; Zf-
Völkerpsych. 17, 231. 40 ) Kuhn Westfalen 1,
315 ( 357 ): Haupt Lausitz 1, 122 (136). 130
( 1 45 ) i Gredt Luxemburg 310. Wrede.
Huckup s. Aufhocker 1, 675 ff.
Huf. Gliedmaßen eines tierischen Or¬
ganismus gehen im allgemeinen erst da
voll in den Aberglauben ein, wo sie, aus
dem toten Körper herausgelöst, pars
pro toto im aktiven Schutz- und Schaden¬
zauber verwendet werden können. Wenn
indes besonders sinnfällige Beziehungen
zu einem Gegenstände vorliegen, der eine
natürliche Abformung oder eine mecha¬
nische Ergänzung des lebenden Gliedes
ist, werden die abergläubischen Vor¬
stellungen meistens völlig auf diesen
übertragen. Dafür ist gerade der H.
(vorwiegend Pferdeh.) ein gutes Beispiel:
Seine unmittelbare Bedeutung im
Aberglauben ist verhältnismäßig gering.
Die Ausstattung des Teufels mit einem
Pferdefuß x ) beruht wohl weder auf einer
Angleichung an die schnellfahrenden
Götter 2 ), noch auf einer Fortführung
der eselsfüßigen Empusa 3 ), sondern ist
eher eine Abwandlung der eindeutigen
Bocks (füßigen)-Gestalt des Teufels unter
Einfluß sagenhafter Vorstellungen vom
mythologischen Wesen des Pferdes (s. d.
und H.eisen). Stellvertretend kommt der
H. auch in dem Oldenburgischen Glauben
vor, daß nach einer alten Prophezeiung
bei Goldenstedt eine blutige Schlacht
entbrennen würde, wenn die Frauen
14b
435
Huf
4 36
h.förmige Hüte trügen 4 ). Vereinzelt wird
ferner der amulettartige Gebrauch eines
Elchh.es gegen den bösen Blick und
eines aus dem Eselsh. gearbeiteten Finger¬
ringes gegen das fallende Weh erwähnt 5 ).
Häufiger bezeugt ist die Verwendung von
H.spänen als Substitut des H.es und
damit des ganzen Tieres ähnlich dem
Gebrauch von Schnitzen der menschlichen
Fingernägel. Ein badisches Rezept von
1682 empfiehlt ,,gegen das Schweinen“,
Menschennägel oder vom Vieh „drey
stückh Ab den klawen wo es schweindt“,
zu verbohren 6 ). Will man einem, der
ein Pferd verhext hat, im Gegenzauber bei¬
kommen, ,,so lasse man“ — nach dem
Curiösen Künstler von 1705 7 ) — ,,einem
Pferd aus jedem Huf oder Fuß einen
Span schneiden, und nimm von jedem
Ohr die obersten Haare, und über den
Augen auch ein wenig, binde es zusam¬
men, wann man eine Leiche begräbt,
lasse das mit begraben, der Zauberer
muß das Jahr sterben“. Nach den
Egyptischen Geheimnissen 8 ) soll man
gegen die Würmer die ersten drei H.späne
eines zum ersten Male beschlagenen
Pferdes eingeben, und im Fürstentum
Lübeck glaubt man, daß solche Späne,
unter den Trog gesteckt, das Gedeihen
der Schweine fördern 9 ). Auch Eselsh.-
späne gelten als Heilmittel, und zwar
äußerlich angewendet für den Augen¬
star, innerlich für Fallsucht 10 ).
Eine wesentlich größere Rolle spielt
schon die Spur (s. d.) des H.es. Ätiolo¬
gische Roßt rappensagen finden sich in
vielen deutschen Landschaften (s. H.eisen).
Im Württembergischen wie im Simmen¬
tal hängte man zur Heilung eines kranken
Viehh.es den ausgestochenen Wasentritt
des Tieres in den Rauch 11 ) — ein
Verfahren, das man in Tirol gegen die
Klauenseuche anwendete und als ,,Wasen¬
reißen“ bezeichnete 12 ), während man in
der Steiermark gegen den Wurm den
rechten Fußtritt des unter die Dachtraufe
gestellten kranken Pferdes auf einen
Zaun steckte in dem Glauben, daß das
Roß mit dem Wegbröckeln der Erde
gesund würde 13 ).
In diesen Fällen liegt schon eine Über¬
tragung der Krankheit des H.es auf die
Erde zum Zwecke des Heilzaubers vor,
und die gleichen sympathetischen Be¬
ziehungen nutzt man im Schadenzauber,
wenn man ein Pferd dadurch hinkend
macht, daß man den Splitter einer vom
Blitz getroffenen Eiche in seine H.spur
steckt 14 ) oder sie mit drei gefundenen H.-
nägeln und einem Sargnagel vernagelt 15 ).
Dem Abwehrzauber dient eine ähnliche
Handlung, die nun vollends mit der
Abformung des H.es in der Erde
arbeitet; wer mit einem neugekauften
Pferde nach Hause reitet, soll Erde aus
der ersten Fußspur, die es in der hei¬
mischen Feldmark hinterläßt, rückwärts
über die Grenze werfen; dann wird es
nicht behext 16 ). Diese Mitteilung findet
eine wertvolle Ergänzung durch einen
Einzelbericht 17 ) aus der Schweiz über die
Verwendung von ,,Roßstollen“, aus der
H.sohle gefallenen und dann gefrorenen
Schneeklumpen mit dem Abdruck des
H.es, im 'Gegenzauber. So erzählt man
sich z. B. in Einsiedeln, daß einst zur
Winterszeit Knaben mit Schneeballen
nach einer auf dem Platzbrunnen tan¬
zenden Katze warfen, ohne sie treffen zu
können, bis ihnen jemand riet, doch ein¬
mal Roßstollen als Wurfgeschosse zu
gebrauchen. Da glückte es. Statt der
Katze fiel aber ,,ein nacktes altes Muoterli“
in den Schnee, eine Hexe, die sich mit
den Knaben hatte einen Scherz machen
wollen und nun durch die Roßstollen um
die Kraft ihres Zaubers gebracht worden
war.
Im übrigen aber ist der mit dem H.
verbundene Aberglaube völlig auf die
augenfällige mechanische Ergänzung,
auf das H.eisen (s. d.), übergegangen und
hat hier nun auf Grund naheliegender
neuer Bezüge eine Fülle ausgestaltender
Einzelformen entwickelt. Lediglich beim
Vorgang des Beschlagens selbst zieht
der Volksglaube noch einmal den H. in
die Betrachtung herein. Wenn ein Pferd
ein Eisen abwirft, so tut man gut, mit
dem Messer ein Kreuz auf den H. zu
kratzen und einen Segen darüber zu
sprechen, z. B.: ,,Huff du must als wenig
brechen oder schliczen, als das heüig
1
437
Hufeisen
438
wort brach, das vnser her an dem heiligen
f sprach“, oder: „Schwarcz pfert, hallt
dein fus zu samen als vnser liebe fraw
thet ir Keuscheit vor allen mannen“ 18 ).
Dann muß man aber so bald wie möglich
einen Schmied auf suchen. Will sich das
Pferd dort nicht beschlagen lassen, so
ruft man wohl den hl. Eligius an, von dem
die Sage geht, daß er widerspenstigen
Rossen kurzerhand den Fuß abschnitt,
ihn ungestört beschlug und wieder an¬
setzte 19 ). Sonst helfen auch hier dem
Pferd ins Ohr gesprochene Segen (z. B.
„Kaspar hebe dich, Melcher binde dich,
Balthas stricke dich“) oder an den Hals
gebundene Zettel mit Buchstaben und
Zeichen 20 ). Gegen das Vernageln des
H .es beim Beschlagen und ähnliche Be¬
schädigungen empfiehlt das 16. Jh.
Sprüche, die sich auf das Annageln Christi
ans Kreuz oder auf Longinus beziehen,
der dem Heiland in die Seite stach 21 ).
Andere H.krankheiten behandelt man
wohl mit Lehmbrei, Teer und gepulverter
Holzkohle 22 ).
J ) Eine Reihe von Belegen ist zusammen¬
gestellt bei Heckscher 333. 2 ) Grimm
Myth. 1, 272. 3 ) Stemplinger Aberglaube 62.
4 ) Strackerjan 1, 132. 5 ) s. oben 2, 7S0 u. 1009.
*) Alemannia 25, 110. 7 ) Germania 22, 259;
vgl. die ähnliche Anweisung in einem elsäs-
sischen handschr. Arzneibuch von 1796: Jahrb.
f. Gesch. etc. Els.-Lothr. 18 (1902), 197. 8 ) 2,
42, nach Jahn Hexenwesen 182. 9 ) HmtK. 37,
36 = Men sing Schleswig-Holst. Wb. 1, 884.
20 ) s. oben 2, 100S. u ) Württ. Jahrb. 1904, 1,
104; Zahler Simmenthal 96. 12 ) Alpenburg
Tirol 350. 13 ) Germania 36, 382. 14 ) s. oben 2.
648. 15 ) Alemannia 8, 288. 16 ) Kuhn Mark
380 = Wolf Beiträge 2, 396. 1? ) Handschriftl.
aus Seewen (Schwyz) 1913. 18 ) Alemannia 27,
105 f. (16. Jh.). 19 ) s. oben 2, 787 ff. 20 ) Jahn
Hexenwesen 145. 21 ) Alemannia 27, 100 ff.
**) Z. B. Meyer Ein niedersächsisches Dorf am
Ende d. ig. Jh. Bielefeld 1927, 71.
Freudenthal.
Hufeisen. Der über die ganze Erde
verbreitete x ) Glaube an die übelab¬
wehrende, glückbringende Kraft des H.s
ist auch aus allen deutschen Land¬
schaften reich bezeugt 2 ).
Fast immer wird verlangt, daß das H.
gefunden sein muß; doch darf man’s
nicht suchen 3 ). Seine Wirksamkeit
wird dadurch beträchtlich erhöht, daß
in dem vollständigen Eisen noch die
Nägel 4 ), zum mindesten drei 5 ), stecken;
aber es genügt auch die Hälfte 6 ) oder
ein Bruchstück 7 ). Besondere Bedeu¬
tung wird gelegentlich dem H. zuge¬
schrieben, das ein zum ersten Male
beschlagenes Füllen verloren hat 8 ).
Schon das Finden eines H.s an sich
bedeutet Glück 9 ); ,,he lacht as de Buur,
wenn he'n Hoofisen findt“ (Holstein
1840) 10 ). Daß man es dann aber aufhebt
und nach rückwärts wirft (s. rückwärts),
ist ein Ausnahmefall 11 ); vielmehr versucht
man, sich dieses Glück durch den Besitz
des H.s zu sichern. Man darf auf keinen
Fall an einem H. vorbeifahren 12 ). Kann
man es nicht mitnehmen, soll man we¬
nigstens dreimal darauf treten 13 ); sonst
trägt man es nach Haus 14 ), stillschwei¬
gend 15 ), ohne es mit der Hand berührt
zu haben 16 ). Hier wird es nicht nur
einfach aufbewahrt 17 ), sondern auch
an ganz bestimmten Stellen angebracht.
In den meisten Fällen wird es auf die
Schwelle 18 ), häufig aber auch an Haus-,
Stall-, Stubentür, an Scheunentor
oder Eingangspforte genagelt lö ); bisweilen
findet es sich am Deckenbalken 20 ) oder
am Giebel 21 ), an den Bäumen des Hof-
platzes 22 ), auch wohl einmal an einem
Gefäß 23 ). Kraftwagenfahrer befestigen
es an Motorrad und Auto 24 ), Seeleute
nageln es an den Mast ihres Schiffes 25 ).
Dabei sind Zeitpunkt und Art der
Anbringung nicht gleichgültig. Während
man in Schlesien den Süvesterabend 26 ),
in Anhalt die Johannisnacht 27 ) wählt, er¬
scheint dem Bauern der Lüneburger
Heide der Karsamstag am geeignetsten,
und zwar aus dem Grunde, weil der an
diesem Tage zur Hölle niederfahrende
Heiland alle bösen Erdengeister dort um
sich versammelt habe und man das H.
somit ungehindert anbringen könne 28 ).
Die deutsche Überlieferung stimmt im
allgemeinen darin überein, daß das H.
bei senkrechter Lage mit der offenen
Seite nach unten hängen müsse *•), geht
hingegen nicht einig in der Frage, wie
die Anbringung in der wagerechten Lage,
also z. B. auf der Schwelle, zweckmäßig
zu erfolgen habe; der Ansicht, daß es mit
der offenen Seite nach innen zeigen müsse
Hufeisen
und so nach außen dem Bösen den Ein¬
tritt verwehre 30 ), stehen Zeugnisse 31 )
gegenüber, die das Gegenteil fordern;
wenn das H. so aufgenagelt würde, als ob
das Pferd mit ihm hinausschritte, so ginge
auch das Glück mit ihm fort 32 ).
Die richtige Anbringung aber soll eben
im allgemeinen Glück bringen, im be¬
sonderen Eheglück 33 ), Nahrung, Brot 34 ),
Käufer und Gewinn 36 ); doch ist das offen¬
bar nur die positive Wendung des Glaubens
an die Abwehrkraft des H.s: Es soll Un¬
glück fernhalten 36 ) und dient daher zum
allgemeinen Schutz des Hauses 37 ), gegen
allen bösen Anfall 38 ), gegen Teufel,
Hexen, Unholden mancherlei Art und
ihren Zauber 39 ); ,,dor schall de Düwel
mit de Klauen in hängen bliewen“ 40 ).
Es hilft außerdem gegen Wetterschlag 41 )
und Feuersbrun st 42 ), wie gegen Krank¬
heiten 43 ). Man trägt es deshalb auch
bei sich als Talisman 44 ), hängt es
schleifengeschmückt und bronzevergoldet
in der Stube auf, legt es, in Samt ein¬
genäht, in eine Truhe 45 ), den männlichen
Leichen in den Sarg 46 ) und besonders in
die Wiege, wo es Kinderkrämpfe ver¬
hindert oder heilt 47 ). Ins Schweinefutter
getan, gibt es den Tieren Gedeihen 48 ),
in der Trank tonne bewahrt, läßt es die
Sau nicht ,,hulsch“ (=brünstig) werden 49 ).
Blut auf ein heißes H. tropfen lassen,
stillt das Nasenbluten 50 ), Milch darauf
träufeln, macht im Gegenzauber eine be¬
hexte Kuh wieder melk 51 ). Gegen Magen-
und Verdauungsbeschwerden soll man
Bier auf ein glühendes H. gießen und
dann trinken 52 ); ein Kind schützt man
vor Zauber durch ein Bad in einem Wasser,
in dem ein glühendes H. abgelöscht
wurde 53 ). Armringe aus H. 54 ), Finger¬
ringe aus Hufnägeln 55 ) (s. überhaupt
Hufnagel) bewahren den Träger und
seine Familie vor Krankheit und Kriegs¬
verletzung 56 ) ; eine Stange aus H. ist gut
zum Ausbrennen von Bißwunden eines
tollwütigen Hundes 57 ).
Unter den besonders angefertigten
H. schreibt man den aus einem Richt¬
schwert oder aus einem Eisen, mit dem
Einer umgebracht wurde, geschmiedeten
die Kraft zu, die mit ihnen beschlagenen
Pferde behende zu machen 58 ). Ein H.,
das stillschweigend vor Sonnenaufgang
mit einer ungleichen Zahl von Löchern
gemacht wurde, hilft, in die Butterkarne
getan, gegen Butterdiebstahl der Hexen 59 ),
wie man denn schon durch das Ein¬
brennen des bloßen H.Zeichens auf
Holz die Hexen zeichnen kann 60 ). H.-
amulette 61 ) sind aus Deutschland kaum
bekannt (vgl. oben 44 )); wohl aber sind
aus verschiedenstem Material gearbeitete
H. als Geschenkartikel, sowie ihre
bildlichen Darstellungen auf
Glückwunschkarten noch durchaus ge¬
bräuchlich.
All diese Anschauungen müssen trotz
ihrer großen Verbreitung verhältnis¬
mäßig jungen Ursprungs sein; denn
wenn auch nicht mit Sicherheit zu be¬
stimmen ist, wann das genagelte H. auf-
gekommen ist, so steht doch fest, daß
es in der eigentlichen Antike nicht
verwandt wurde 62 ). Zur Erklärung
des H.aberglaubens wird aber trotzdem
zunächst eine ganze Reihe allgemeiner Vor¬
stellungen herbeizuziehen sein: Schon dem
Eisen (s.d.) schlechthin wird eine zauber¬
bannende Kraft zugeschrieben, wie, in be¬
schränkterem Maße, allen gefundenen
Dingen 63 ) (s. finden); ferner wird die
geöffnete Kreisform des H.s nicht ohne
Einfluß gewesen sein, was aus den genauen
Angaben über seine Anbringung ersicht¬
lich ist (s. oben) und in einem Einzelfall
zutage tritt, wo das H. gegen Mondsucht
schützen soll 64 ). Vielleicht spielt auch
der Schuhaberglauben (s. Schuh) hin¬
ein 65 ), wie denn gelegentlich 66 ) bezeugt
ist, daß ein verlorenes Stiefeleisen ähn¬
liche Eigenschaften habe wie das H.
Unter der Voraussetzung, daß das H.
durch seine sorgfältige Befestigung ein
Teil des Hufes (s. d.) 67 ) wird, können
auch ähnliche Vorstellungen übertragen
worden sein, wie sie dem Zauber mit
Haaren und Nägelschnitzen (s. d.)
zugrunde liegen; das ist z. B. zu vermuten
bei der Verwendung von Hufnägeln aus
gefundenen H. zum Vernageln 68 ). Aber
selbst die Erwägung, daß das verlorene H.
durch die Häufigkeit seines Vorkommens w )
diese Vorstellungen gewissermaßen auf sich
Hufeisen
442
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gezogen habe, reicht nicht aus, lediglich
aus ihnen allein die vielen Bräuche zu
erklären. Ausschlaggebend ist doch, daß
dasH. vom Pferde stammt, undindiesem
Sinne wird es weniger ein ,, Stellvertreter
des Roßfußes und -Schenkels“ und seiner
,,Dämonen bekämpfenden Funktion“ 70 )
sein, als vielmehr des ganzen Rosses.
Die hohe Bedeutung des Pferdes in
Glauben und Kult besonders auch der
germanischen Vorzeit (s. Pferd) wird sich
in der zauberischen Verwendung des H.s
ebenso auswirken wie z. B. in dem An¬
nageln von Pferdeschädeln und der An¬
bringung von Giebelbrettern mit ge¬
schnitzten Pferdeköpfen. Daß die H. im
besonderen noch als Opfer und zwar
wahrscheinlich als stellvertretendes Pferde¬
opfer gedient haben, geht mit einiger
Sicherheit aus verschiedenen Funden von
H.lagern, meistens an Quellen und
Bächen, hervor 71 ). Ihr Zweck wird in
der Förderung eines reichlichen Wasser¬
flusses gesehen 72 ), was gut stimmt zu der
sagenhaften Überlieferung von Rossen,
die durch ihren Huftritt eine Quelle auf¬
schlugen 73 ). In diesen Zusammenhang
gehören vielleicht auch die H.eichen,
die hin und wieder in Norddeutschland
angetroffen werden, alte Bäume am
Wegesrand, die mit H. benagelt
sind 74 ). Solche heidnischen Opfer, mit
denen auch die h.förmigen Gebäcke in
Verbindung gebracht werden 75 ), finden
ein Gegenstück, wenn nicht gar eine un¬
mittelbare Fortführung in den christ¬
lichen Votiven (s. d.), die als H. den
Schutzpatronen der Pferde, dem hl.
Leonhard und dem hl. Stephan, sowie
andern Heiligen dargebracht und meistens
an die Türen der ihnen geweihten Kirchen
geschlagen wurden 76 ). Doch mag bei der
Erklärung dieser und ähnlicher Erschei¬
nungen nicht imerwähnt bleiben, daß H.
auch als Zinsabgaben auftreten 77 ).
Den H.aberglauben auch in der höhe¬
ren Mythologie zu verankern, ist be¬
denklich. Denn wenn auch gelegentlich
einmal n ) die Wilde Jagd mit einem be¬
sonderen H. in Verbindung gebracht
wird, so berechtigt doch kaum etwas zu
der Annahme 79 ), daß die Kraft des H.s
auf Wotan zurückzuführen sei. Noch
weniger ist mit Howey 80 ) zu schließen,
daß das angenagelte H. bedeute „the all-
embracing arms of the Motherhood of
God“.
Trotzdem hat natürlich die Sage ,<len
Aberglauben übersponnen und auch zu
ganz selbständigen Formen ausgestaltet.
Geheimnisvolle Reiter lassen sich in
einer Schmiede H. anfertigen 81 ); ein
sagenhafter Gaul verliert sie zum
Nutzen der Menschen 02 ), wenn sie nicht
gar von den Hexen herstammen, die der
Teufel reitet 03 ). Solche Eisen sind meistens
kleiner als die gewöhnlichen und anders
gestaltet; aus ihnen lassen sich zauber-
kräftige Waffen schmieden 84 ). In Tirol
nannte man sie Pfaffeneisen, weil sie von
Pfaffenkochinnen oder -haushälterinnen
herstammen sollten, die, in Teufelsrösser
verwandelt, auf hohen Alpen und Saum¬
pfaden herumspukten; jeder siebente
Stamm einer Schmiedefamüie wäre aus¬
ersehen, ein solches Teufelsroß mit einem
dreüöchigen H. zu beschlagen, das sich in
der Art der Wünschelrute zum Schatz¬
finden gebrauchen ließe 85 ). Der Teufel
beschlägt überhaupt Menschen, die sich
ihm verschrieben haben, bisweilen mit
H.; hat er das vierte angenagelt, so
sind sie nicht mehr zu retten, wenn sie
bereits umgehen, nicht mehr zu bannen 06 ).
Auch von den H. an Kirchtüren gibt
es sagenhafte Überlieferungen 87 ); häufig
sind sie Erinnerungszeichen an eine
glückliche Errettung einer Person oder
Gemeindevon Kriegsnot 88 ), ähnlich den
in vielen Erzählungen auftretenden H.-
eindrücken, Trappen, auf Steinen 89 ).
Durch ganz Deutschland verbreitet ist
ferner noch das Sagenmotiv vom ver¬
kehrt aufgeschlagenen H.: Raubritter
und Wegelagerer der verschiedensten Art
entziehen sich der Gefangennahme da¬
durch, daß sie ihren Pferden die H. um¬
gekehrt annageln und so die Verfolger
irreführen. Hierbei scheint der in der
Umkehrung überhaupt liegende Zauber
(s. verkehrt) nicht ohne Einwirkung ge¬
wesen zu sein.
Schließlich tritt das H. noch in formel¬
haften Redewendungen auf. Ein-
443
Hufeisen
444
mal sagt man in Schlesien und Sieben-
bürgen von einem Sterbenden, daß ihm
die H. bald abgerissen werden 90 ), und
im Frankenwald vergleicht man die
Beichte des Todkranken mit dem Ab¬
reißen der Hufeisen, die man den Pferden
nicht mit ins Grab gibt 91 ). Volksmund
und Forschung finden dafür verschiedene
Erklärungen; die einfachste wird die
sein, daß durch das Abreißen der Eisen¬
beschläge an den Absätzen, wie durch
das Ausziehen der Schuhe überhaupt,
das Ende des Erdenganges symbolisiert,
vielleicht auch eine Wiederkehr des Toten
verhindert wird. Ferner heißt es in ver¬
schiedenen Gegenden Deutschlands von
einem gefallenen, unverheiratet nieder¬
gekommenen Mädchen, daß es ein H.
verloren habe 92 ), eine Redensart, die
schon Liebrecht 93 ) als eine scherzhafte
Übertragung von dem nach Verlust eines
H.s lahmenden Pferde auf die unver¬
ehelichte Wöchnerin gedeutet hat.
*) Vgl. Lawrence The magic of the horse-
skoe. Boston u. New-York 1898 (Rezension
ZfVk. 8, 467); Howey The horse in magic and
myth. London 1923, 102ff.; Petersen Hufeisen ;
ferner die reichen Hinweise bei Selig mann
Blick 2,12 t ; sowie ZfrwVk. 12, 386. 2 ) An¬
gesichts der allgemeinen Verbreitung des H.-
aberglaubens ist in folgendem nur für die sel¬
teneren Erscheinungen die Literatur aufgeführt.
3 ) ZfdMyth. 4, 48. 4 ) Birlinger.< 4 ws Schwaben 1,
404; Birlinger Volksth. 1, 199; Schönwerth
Oberpfalz 2, 87; Köhler Voigtland 394. 430;
Seyfarth Sachsen 266; John Erzgebirge 38;
John Westböhmen 251; Flügel Volksmedizin
54; Men sing Schlesw.-Holst. Wb. 2, S33;
Fogel Pennsylvania 264; SAVk. 3, 130; vgl.
Wuttke 130, 209. 6 ) Drechsler 1, 211;
HmtK. 37, 35. «) Strackerjan 1, 434; Manz
Sargans 113; Wuttke 130; Egypt. Geheimn. =
Jahn Hexenwesen 122; Mensing Schlesw.-
Holst. Wb. 2, 883; Meyer Ein nicdersächs.
Dorf a. Ende d. 19. Jh.s. Bielefeld (1927) 234;
HmtK. 37, 35. 7 ) Eberh a r d t Landwirtschaft 13;
Wlislocki Sieb. Volksgl. 50. 8 ) Schö nwerth I
Oberpfalz 2, 86. 9 ) Wolf Beiträge 1, 239; John
Erzgebirge 38; Köhler Voigtland 394; John
Westböhmen 251; Schramek Böhmerwald 255;
Bartsch Mecklenburg 2, 313; Drechsler 2,
193 » 235; SAVk. 2, 282; 8, 268; ZfrwVk. 11,
260; vgl. Prätorius u. Rockenphilosophie bei
Seyfarth Sachsen 266; Men sin % Schlesw.-Holst.
Wb. 2, 883; Meyer a. a. O. 234. l0 ) Mensing
Schlesw.-Holst. Wb. 2, 882. 11 ) ZföVk. 13, 133;
vgl. dazu den märkischen Brauch, Erde aus
der ersten Hufspur eines neugekauften Pferdes
hinter sich zu werfen: Kuhn Mark 380.
12 ) Fogel Pennsylvania 264. 13 ) Drechsler 2,
235. 14 ) Dagegen die Ausnahme, daß man sich
mit dem H. ein Unglück aufhebt: Grohmann
221. Hier ist der Gedanke der Übertragung (s. d.)
bestimmend, wie in der ostholsteinischen Über¬
lieferung, daß man ein gefundenes Stiefeleisen
nicht so aufnehmen dürfe, daß einem die runde
Seite zugekehrt sei; ,,sonst bekommt man die
Krankheit, mit der der Verlierer behaftet ist“:
Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. Vgl.
unten 30 ). 15 ) Strackerjan 1, 434; Drechsler
2 » 205^ 1j ) Wuttke 360; Fogel Pennsylvania
332. *') \gl. z. B. SAVk. 3, 130. — Der englische
Oberbefehlshaber in Südafrika, Lord Roberts,
galt als eifriger Sammler von H.: Hovorka
u. Kronfeld 1, 24; Kronfeld Krieg 53.
18 ) Auch unter der Schwelle (Strackerjan 1,
434) und im Stalle (Wlislocki Sieb. Volksgl.
50) vergraben. 19 ) Über die Tür: Boh nen-
berger 25; Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2,
833 (3 H.); Fogel Pennsylvania 98; an den
Türpfosten: Andree Braunschweig 402; Men-
sing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. Außen am
Kuhstall; an einen Ständer: Bartsch Mecklen-
burg 2, 313. Dagegen: H. dürfen nicht am
oder im Pferdestall angebracht werden, „sonst
haben die Pferde keine Ruhe“: HmtK. 37, 35.
*°) Schönwerth Oberpfalz 2, 87; John West¬
böhmen 251; Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2,
883; vgl. Wuttke 400. 21 ) Heyl Tirol 804;
Wuttke 130; vgl. Köhler Voigtland 620.
22 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833; vgl.
unten 74 ) (H.eichen). * 3 ) Nds. 8, 390. An
oder über dem Schweinetrog: Germania 36, 405.
24 ) Ein Geschäftsauto in Kiel trägt ein ver¬
nickeltes H. (1929); in Münster sah ich 1930
an einem Motorrad ein mit Draht festgebundenes
H. 25 ) Strackerjan 1, 52, 434; vgl. ZfrwVk.
12 * 387» Nds. 8, 390; Kronfeld Krieg 53;
Jähns Roß u. Reiter. 1 (Leipzig 1S72), 370.
26 ) Drechsler 1, 44. 2?) Mitt. Anhalt. Gesch.
14, 21. 28) Kück Lüneburger Heide 38; Nds.
4, 206. 20 ) Finder Vierlande 2, 246; Andree
Braunschweig 402; Wrede Rhein. Volkskunde
56; Maack Lübeck 25; vgl. eine diesbezügliche
Anfrage u. ihre Beantwortung in FL. 31, 233 t.
— Offene Seite nach oben: Bo mann Bäuer¬
liches Hauswesen u. Tagewerk im alten Nieder¬
sachsen. Weimar 1927, 19. 30 ) Peuckert
Schlesien 47; ZfEthn. 15, 89 (Berlin); Bartsch
Mecklenburg 2, 313; Maack Lübeck 25; Urquell
4, 107; vgl. dazu den Jeverländer Glauben, daß
man ein gefundenes H. nur dann aufnehmen und
über sein Bett hängen soll, wenn die offene Seite
einem zugekehrt liegt: Strackerjan 1, 42.
Ferneroben 14 ). 31 ) Kuhn u. Schwartz 460;
Krause Sitten, Gebräuche u. Abergl. in West¬
preußen. Berlin o. J. (1904) 64; Drechsler
2, 206; Wuttke 130. 3 2) Urquell 1, 65.
33 ) Monatsbl. d. Touristenklubs f. d. Mark
Brandenb. 26 (1917), 15 (Berlin). **) Engelien
u. Lahn 268; Urquell 1, 65. 36 ) Drechsler
2, 206. 38 ) John Erzgebirge 27; Mensing
Schlesw.-Holst. Wtb. 2, 833; HmtK. 37, 35.
3? ) Strackerjan 1, 434. S8 ) Drechsler 2, 206.
445
Hufnagel
446
*) Allgemein. 40 ) Finder Vierlande 2, 246.
«) Birlinger Aus Schwaben 1, 404; Drechsler
2 , 206; BlpommVk. 6, 106; Mitt. Anhalt. Gesch.
X4, 15. — Unter einem H. beteten die Bauers¬
leute bei Malente (Ostholstein) um gutes Wetter:
Maack Lübeck 25. 42 ) Birlinger Volksth. 1,
X99; Schönwerth Oberpfalz 2, 87; Drechsler
3, 206. 43 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2,
833; Seyfarth Sachsen 266; Drechsler 1, 211;
2 , 206; Wuttke 360; vgl. Fogel Pennsylvania
264 (,,gut fer brauche mit“); 329 t.; Germania
36, 405 (gegen Drudendruck der Schweine).
44 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833; vgl.
ZföVk. 13, 133 (Stiefeleisen). 45 ) Men sing
Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833. 48 ) s. unten 7l ).
4t ) Grimm Myth. 3, 458; Köhler Voigtland
430; John Erzgebirge 53; Flügel Volksmedizin
34; Jensen Nord friesische Inseln 307; vgl.
Drechsler 1, 211; Fogel Pennsylvania 45;
332. 48 ) Mensing Schlesw.-Holst. Wb. 2, 833.
°) HmtK. 37, 133. 50 ) Ebd. 19, 165. 51 ) Freitag
Das Pferd im Altertum Berlin 1900, 73. H. in
Milch oder Feuer legen zu dem gleichen Zwecke:
Egypt. Geheimn. = Jahn Hexenwesen 122;
Jecklin Volkstüml. 3, 209; Schmid-Sprecher
54f., vgl. 87. S2 ) Wuttke 358. 63 ) Haltrich
Siebenb. Sachsen 261. 54 ) Urquell 3, 277;
„Krampfringe“: Wuttke 130. 55 ) Freitag
a. a. O. 72; Fogel Pennsylvania 329. 58 ) Gra¬
binski Mystik 63 (Weltkrieg, Österreich).
* 7 ) Fogel Pennsylvania 277. £8 ) Germania 22,
259; Drechsler 2, 113; Bartsch Mecklenburg
2,447. 69 ) Strackerjan 1, 434. 80 ) Birlinger
Aus Schwaben 1, 406; vgl. Maack Lübeck 30.
41 ) Seligmann Blick 1, 174. •*) Hoops Real¬
lexikon 2, 565. 63 ) Gelegentlich wird gefundenem
alten Eisen, Nägeln u. Stecknadeln die gleiche Be¬
deutung wie den H. zuerkannt: z. B. Drechsler
2, 193. 205; SAVk. 8, 268. 64 ) Grohmann
184. — Jähns Roß u. Reiter 1, 369 sieht in dem
H. mit Stollen die „Basis eines Drudenfußes“.
“) Vgl. ZfVk. 4, 154. 66 ) Mensing Schlesw.-
Holst. Wb. 2, 833; HessBl. 20, 35; ZföVk.
13, 133. Ä7 ) Statt des H.s wird auch ein Huf an
die Stalltür genagelt: Meier Schwaben 177.
M ) Alemannia 8, 288; Lammert 120. 6# ) Vgl.
z. B. die Segen gegen das Verlieren eines H.s:
Grimm Myth. 3, 502; Alemannia 27, 105 t.;
offenbar zum gleichen Zwecke spuckt der Bauer
beim Anlegen eines neuen H.s in die Hufe: Ur¬
quell 3, 57; vgl. Liebrecht Zur Volksk. 320:
Über den beschlagenen Huf ein Kreuz machen.
Vgl. Huf. 70 ) So ZfrwVk. 12, 386. 71 ) Kohl¬
rusch Sagen 341 f.; SAVk. 17, ngff.; 18,
192; Urquell 2, 189; v. Negelein Das Pferd im
arischen Altertum (Teutonia 1903) 61. — H. als
Grabbeigaben: Peter Österreichisch-Schlesien 2,
247; Drechsler 1, 292; Höhn Tod 334. 72 ) Z. B.
Urquell 2, 189. 73 ) Z. B. Wolf Beiträge 2, 94 t;
Losch Balder 46 ff. 74 ) Nds. 19, 139; Müllen-
hoff Sagen 511. 76 ) Höfler Ostern 65; Höfler
Weihnacht 63, 73; Reinsberg Böhmen 596.
78 ) Andree Votive 74 ff.; dazu Pollinger
Landshut 199; John Westböhmen 292; Heyl
Tirol 116; Hof mann Bad. Franken 34; Leh¬
mann Sudetend. Vk. 144; HessBl. 20, 34t.
77 ) Lütolf Sagen 336. 78 ) Köhler Voigtland
620. 79 ) Wuttke 130; Jähns Roß u. Reiter
1» 365 u- ö. 80 ) Howey a. a. O. 107. B1 ) Ver-
naleken Mythen 46, 130. 82 ) ZfVk. 12, 22;
vgl. Kohl rusch Sagen 253. 83 ) Grimm Sagen
Nr. 208; ZfVk. 12, 27 (mit Lit.); Bartsch
Mecklenburg 1, 121; vgl. Müllen hoff Sagen
186; Jähns Roß u. Reiter 1, 412 t. 84 ) ZfVk.
9, 372; Alpenburg Tirol 252. 85 ) Alpenburg
Tirol 366. 88 ) Kühnau Sagen 1, 31. 558. 563;
vgl. Quitzmann 45 = Lütolf Sagen 76.
87 ) Grimm Sagen Nr. 208. 355. 88 ) Köhler
Voigtland 620; Stöber Elsaß 41 f. = Bir¬
linger Volksth. 1, 159; Wolf Beiträge 2, 94 t;
ZfdMyth. 3, 66; Weichelt Hannoversche Ge¬
schichten u. Sagen. Celle 1 (1878 ff.), 144; vgl.
Jähns Roß u. Reiter 1, 365 ff. 8# ) Z. B. Stöber
Elsaß 249; Müllenhoff Sagen 142; Andree
Braunschweig 395; Kuhn u. Schwartz 169h;
ZfrwVk. 12, 380f.; vgl. Jähns Roß u. Reiter 1,
360 ff.; v. Negelein a. a. O. 68 f. In der Nähe
von Kiel befindet sich ein Grenzstein mit ein¬
gemeißeltem H. (ohne Sage): Men sing Schlesw.-
Holst. Wb. 2, 833. 90 ) Drechsler 1, 284;
Urquell 4, 18. 9l ) Flügel Volksmedizin 78.
9S ) Baumgarten Heimat 3, 37 (,,D' Stuetn hat
än Eisn zött“); Höhn Geburt 273; Lütolf Sagen
76; 336; DWb. 3, 365. a3 ) Liebrecht Zur
Volksk. 492. Vorher (Germania 5, 479 ff.) hat
er diese Redensart allerdings mit alten
mythologischen Vorstellungen von der Geburt
aus dem Beine in Zusammenhang gebracht.
Freudenthal.
Hufnagel. Der H. wird zum Diebs¬
zauber gebraucht 1 ); das Einschlagen des
oder der Nägel soll ihm auf sympathischem
Wege so lange Schmerzen bereiten, bis
er das Gestohlene zurückgibt, widrigen¬
falls er stirbt. Dieses Verfahren beruht
schon auf antikem magischem Brauch 2 ).
Ferner dient der H. zur Hexenabwehr 3 );
mit geweihtem Pulver in ein Gewehr
geladen und abgeschossen, töten Abfall-
H. die Hexen und vertreiben Gewitter.
Er wirkt gegen Krämpfe 4 ) und andere
Leiden 5 ), auch Krankheiten der Tiere ö ).
Vor allem wird er bei Zahnschmerzen
benutzt, um den kranken Zahn zum
Bluten zu reizen, worauf er in einen Baum,
eine Wand usw. eingeschlagen wird 7 ),
mit Benutzung von Varianten der Formel:
Hax Pax Max (s. d.) 8 ); das gleiche Ver¬
fahren kommt auch ohne nähere Bezeich¬
nung der Nagelart vor 9 ). Zum Ring ge¬
schmiedet, dient er gegen Rheuma 10 ). Auch
beim Buttem findet er Verwendung n ).
Endlich hat er auch im Liebeszauber
447
Huflattich—Huhn
44 8
seinen Platz 12 ); Delrio 13 ) berichtet, ge¬
fundene „hoefnagelen" müssen sexta feria
infra Missam superlecto Evangelio (quo-
dam certo) zum Ring geschmiedet werden,
und wenn die Frau den Ring trägt und
täglich ein Vaterunser spricht, so ist ihr
der Mann ein Jahr lang zu Willen. Glücks¬
ringe wurden im Weltkrieg aus H. ge¬
macht 14 ).
In einen Stein eingeschlagene H. be¬
zeichnen in Sagen den Mittelpunkt der
Erde (volkstümliche Deutung von dämo¬
nenabwehrenden oder Krankheit ver¬
treibenden Nagelungen ?) 16 ). S. a. Nagel
und Vernageln.
*) Grimm Myth. 3, 441 Nr. 220; WürttVjh.
13 (1890), 206 Nr. 215; 227 Nr. 307; ZfVk. 23
(1913), 129; ZrwVk. 1905, 298; Panzer Bei¬
trag 1, 262; Wuttke 414 § 643; 415 § 644.
*) ARw.16 (1913), 122 ff.; 18 (1915). 585 ö.; 21
(1918), 4850.; HessBl. 12 (1913), 139 ff.; 22
(1924), 59 ff. s ) Krauß Slaw. Volkforschung
81; ders. Relig. Brauch 113. 118. 4 ) Köhler
Voigtland 430; ZfVk. 23 (1913), 129. b ) ZfVk.
12 (1902), 386; Seyfarth Sachsen 266;
Rochholz Kinderlied 339. «) Bohnenberger
13. 7 ) Hovorka u. Kronfeld 1, 322; Sey¬
farth a. a. O. 203 f. 266; F. B. von Lindern
Medicinischer Passe-Par-Tout (Straßburg 1739),
381; OberdZfVk. 2 (1928), 99. 8 ) Reiser
Allgäu 2, 442; ZfVk. 8 (1898), 203; Lammert
235 t.; Seyfarth a. a. O. 174. 203. ®) Kuhn
Mark. Sagen 384 Nr. 66; Seyfarth a. a. O.
266. 10 ) Fogel Pennsylvania 328 Nr. 1745.
u ) Schmid-Sprecher 91. 12 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 128 Nr. 1. 13 ) Disquisitiones ma -
gicae (Köln 1679), 494. “) MschlesVk 19
(1917). T 45 ;K ronf eld Krieg 63. 15 ) Kuhn u.
Schwartz 215 Nr. 244; Witzschel Thürin¬
gen 2, 142 Nr. 175; 143 Nr. 177. Jacoby.
Huflattich (Esels-, Roßhuf; Tussilago
farfara).
1. Botanisches. Korbblütler mit
goldgelben Blütenköpfen, die bereits im
März erscheinen. Nach der Blütezeit
kommen die großen, im Umriß rundlich
herzförmigen, am Rande gezähnten, unter-
seits weißfilzig behaarten Blätter hervor.
Der H. ist überall, besonders auf leh¬
migem Boden häufig. In der Volks¬
heilkunde werden besonders die Blätter j
im Aufguß als Hustenmittel und aufgelegt I
als kühlendes Mittel verwendet x ).
1 ) Marzeil Kräuterbuch 257.
2. Als eine der ersten Frühlingsblumen
(s. 3, 160) hat der H. besondere Wirkun¬
gen. Die Pferdehändler sollen die Blüten
den zum Markt geführten Pferden unters
Futter mischen, damit sie ein feuriges
Aussehen gewinnen (Böhmen) 2 ). Frei¬
lich bringt der H. auch als Verkünder
des Sommers dessen Schädigungen mit:
wer sich mit den Blättern das Gesicht
abreibt, der bekommt Sommersprossen 3 );
vgl. (Frühlings-)Enzian, Günsel.
2 ) Urquell N. F. 1, 268. 3 ) Wartmann
St. Gallen 79.
3. Wenn man die Kühe verzaubern
will, daß sie anstatt Milch Blut geben, so
gräbt man nachts in ein weißes Leintuch
gehüllt H.wurzeln aus und vergräbt sie
am frühen Morgen an der Stalltür; wenn
die Kühe beim Heraustreten aus dem
Stall auf diese Stelle treten, so geben sie
Blut anstatt Milch 4 ).
4 ) Grohmann 130 t.
4. Am Abdonstage 5 ) soll man die
Äcker, wo viel H. wächst, umackern, dann
bleibt er aus 6 ); vgl. Farn (s. 2, 1229).
6 ) In Frankreich am Fronleichnamstag
(Rolland Flore pop. 7, 107), in Belgien am
Vorabend vor Himmelfahrt (S6billot Folk -
Lore 3, 644). ®) Fischer SchwäbWb. 3, 1855.
Marzeil.
Hügel s. Berg 1, 1043 ff.
Huhn.
1. Wie der Hahn (s. d.), so ist auch das
H. ein beliebter Wetterprophet und ein
Orakeltier. Gehen die Hennen früh
schlafen, so gibt es gutes Wetter, umge¬
kehrten Falls schlechtes J ). Putzen sie sich
plusternd die Federn oder springen sie,
dann regnet es bald 2 ); auch wenn sie
Gras fressen, ist das ein schlechtes Wetter¬
zeichen 3 ). Schreien sie besonders laut,
dann gibt es Wind 4 ), baden sie bei Son¬
nenschein im Sand, dann schlägt das
Wetter um 5 ). Kriechen sie bei Regen
unter ein Schutzdach, dann hört er bald
auf 6 ). Krähende H.er, die mit den Flügeln
schlagen, sind besonders dämonisch; man
nennt sie ,,Wetterhexen" und muß sie
fortschaffen 7 ). Im Sommer bedeutet das
Krähen Regen oder Nebel, im Winter
Schnee 8 ).
*) SchwVk. 10, 35; Bartsch Mecklenburg 2,
209; Schönwerth Oberpfalz 1, 348; Urquell 4,
88. 2 ) Strackerjahn 1, 24; ZföVk. 8 (1902),
178; Fogel Pennsylvania 226 Nr. 1150 u.
sonst; Pollinger Landshut 230; Müller
Isergebirge 13. 3 ) Manz Sargans 118. 4 ) ZfVk.
449
Huhn
450
24 (1914), 60; Strackerjan 1, 25. 6 ) Ebd.;
Drechsler 2, 90. •) Strackerjan 1, 25;
Drechsler 2, 90; Bartsch Mecklenburg 2,
209; John Erzgebirge 235. 7 ) John West¬
böhmen 216; Maack Lübeck 24; Wuttke 118,
§ 156. 8 ) Meier Schwaben 2, 512; Schmitt
Hetlingen 18.
2. Das krähende H. bringt stets Un¬
glück 9 ), weil es etwas Naturwidriges ist
wie das Hahnenei (s. d.); deshalb heißt
es: ,,Den Mädchen, die da pfeifen, und
den Hühnern, die da krähen, denen muß
man bei Zeiten den Hals umdrehen" 10 ).
Besonders unheilvoll ist das Krähen am
Nachmittag und Abend 11 ), am Morgen
bedeutet es nach einer Angabe in Mecklen¬
burg Segen 12 ). Meist weist das Krähen
des H.s auf einen Todesfall; aber auch
Ehestreit 13 ) und Feuer 14 ) werden dadurch
angezeigt. Kräht ein rotes H., dann gibt’s
Feuer 15 ), ein schwarzes, so wird ge¬
stohlen 16 ), ein weißes, so steht ein Todes¬
fall bevor 17 ). Das Krähen der H.er war
schon im Altertum und im Orient unheil¬
bringend 18 ). Kräht das H. zum Dorf
hinaus, so zieht das Unglück davon 19 ).
•) Köhler Voigtland 389; Schramek BÖh-
merwald 242; Vernaleken Alpensagen 402;
Drechsler 1, 285; 2, 90; Egerl. 3 (1899), 59;
John Erzgebirge 114. 234; Pollinger Lands¬
hut 163; Panzer Beitr. 1, 258; ZfVk. 2 (1892),
181; 13 (1903), 99; 22 (1912), 162; Sartori 2,
130; Hovorka-Kronfeld x, i93ff; Fischer
Oststeirisches 114; Enders Kuhländchen 83;
(Keller) Grab 4, 249 f.; 5, 395 f.; Jungbauer
Bibliogr. 136 Nr. 819; Haltrich Siebenbürger
Sachsen 292; Schön werth Oberpfalz i, 345
Nr. 1; Kuhn u. Schwartz 460 Nr. 446; ZföVk.
8(1902), 1780.; Strackerjan 1,24; Bartsch
Mecklenburg 2, 159; Andree Braunschweig 401;
Fogel Pennsylvania 115 Nr. 506 ff.; 118 Nr. 528;
Gaßner Mettersdorf 80; A. de Cock Volksgeloof
1 (1920), i69ff.; Grohmann 76; Baumgarten
Aus d. Heimat 1, 18. 92; SAVk. 14 (1910), 292;
Grimm Myth. 2, 949; 3, 437 Nr. 83; Wuttke
2 88 § 422. 10 ) ZfVk. 23 (1913)* 3 86 ; 4 ( l8 94 b 8 5 :
Knoop Hinterpommern VIII; Fogel Penn-
sylv. 102 Nr. 423. n ) Strackerjan 1, 24 f.;
Wuttke 202 § 276. 12 ) Bartsch Mecklenburg
2, 159. 13 ) ZrwVk. 1914, 264. 14 ) Drechsler
2, 145; Schönwerth Oberpfalz 2, 95 Nr. 4;
Grimm Mythol. 3, 474; Grohmann 76;
ZdVfV. 3 (1893), 31; 4 (1894), 85. 15 ) ZföVk. 8
(1902), 179; Wuttke 202 § 276. 16 ) Grohmann
75; Wuttke 202 § 276. 17 ) Wuttke 202 § 276;
ZföVk. 8 (1902), 179; John Westböhmen 164;
Grohmann 75. 18 ) ZdVfV. 23 (1913), 385!.;
lat. gallina cecinit Ter ent. Phorm. IV, 4, 30;
Columella VIII, 5; Pauly-Wissowa 8,
2, 25190. 19 ) John Westböhmen 216.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
3. Auch das Gackern des H.s hat seine
Bedeutung: hört man es sehr früh im Mor¬
gengrauen, dann steht ein Todesfall be¬
vor 20 ). Bekannt ist das H.erorakel,
das sich die Mädchen durch Klopfen am
H.erstall holen: gackert die Henne,
so ist’s noch nichts mit der Ehe 21 ).
Aber bei Eheleuten bedeutet das laut
gackernde H. die Herrschaft der Frau 22 ),
weshalb gelegentlich bei Hochzeiten Bur¬
schen ein H. durch Zwicken zum Gackern
als glückliches Zeichen für die Braut zu
bringen suchen 23 ). Das Schleifen eines
Strohhalms durch ein H. deutet den Tod
eines Hausbewohners an 24 ). Aus der
Mauserung kann man auf die Zeit des
Säens schließen 25 ). Laufen die H.er weit
weg vom Hof, dann gibt’s Teuerung 26 ).
Kommen die H.er ins Haus gelaufen, so
kommt Besuch 27 ). Streiten der H.er be¬
deutet kommenden Zank 28 ). Wenn ein
H. stirbt, dann gibt es bald im Haus
einen Todesfall 29 ), oder es vertritt die
Stelle einer dem Tod geweihten Person 30 ).
Ist am Karfreitag auf einem Bauernhof
kein brütendes H., dann wird der
Bauer bald verarmen 31 ). So wissen die
H.er viel von der Zukunft, weshalb man
von einem Überklugen sagt: „Du hast
wohl im H.erstall geschlafen" 32 )? Der
wird klug, der am Neujahrstag junge
H.er sieht 33 ). In ein neues Haus läßt
man eine schwarze Henne vorausgehen;
kräht sie, so wird sie getötet 34 ).
20 ) ZdVfV. 2 (1892), 181 21 ) Grimm Mythol.
3, 438 Nr. 105; John Westböhmen 4. 37. 216.
254; Drechsler 1, 11; ZföVk. 8(1902), 180;
ZfVk. 4 (1894), 315; Sartori 129; Birlinger
Aus Schwaben 1, 381; ZrwVk. 1906, 82; Kapff
Festgebräuche 5; Andree Braunschweig 329;
Schultz Alltagsleben 5; Wuttke 238 § 341;
Schramek Böhmerwald 151; Hopf Tier¬
orakel 167; Rosegger Steiermark 186; s. auch
Hahn. 22 ) Grünbaum ZDMG. 31, 339;
ZdVfV. 3 (1893), 31; Birlinger Aus Schw. 1,
400; vgl. d. italien. Sprichwort: in quella casa
non & mai pace, dove la gallina canta ed il
gallotace. 23 ) Wuttke 374 §567. M ) Stracker¬
jan 1, 24; Boeder Ehsten 125. 26 ) Eber¬
hard t Landwirtschaft 2. 26 ) Drechsler 2, 90;
Grohmann 75; Meyer Baden 413; Eber¬
hardt Landwirtschaft 9. 27 ) John Erzgebirge 33.
28 ) ZföVk. 8 (1902), 182. 29 ) Höhn Tod 313;
Bartsch Mecklenburg 2, 125. 30 ) ZfdMyth. 1,
405. 31 ) SAVk. 8, 269. 32 ) Drechsler 2, 92.
33 ) John Erzgebirge 234. M ) John Westböhmen
244.
15
4SI
Huhn
452
4. Um den Nutzen der H.er zu steigern,
weiß der Bauer allerlei wirksame Mittel:
damit sie fleißig Eier legen, füttert man
sie mit halbgekochter Gerste oder mit
Erbsen 35 ), namentlich an Weihnachten
und Neujahr 36 ), auch Weizen und Hanf¬
saat sind nützlich 37 ); auch gibt man
ihnen das erste Fastnachtsküchle 38 )
aus der Pfanne, legt Halme von der Stroh¬
puppe am Fastnachtstag ins Nest 39 )
oder gibt ihnen zu Weihnachten vom
Schnitterkranz der Ernte 40 ). Ferner
nützt im Frühling von Kirchenwänden
abgefallener Mörtel, den man den H.ern ins
Futter mischt 41 ), oder ein Sandbesen 42 ),
womit man sie schlägt. Damit sie sich
nicht verlaufen und schön ins Nest legen,
muß man sie in Reifen oder innerhalb
von Ketten 43 ) an Fastnacht, am Peters¬
tag (22.Febr.), an Weihnachten, am Kar¬
freitagmorgen oder an Lichtmeß füttern.
Zum selben Zweck dient das Ausrupfen der
dritten Feder aus dem Flügel, die man ins
Nest legt 44 ). Oder man macht aus dem
während der Christnacht in der Raufe
gelegenen Futter das Nest 45 ); auch nützt
das Beschneiden der Schwänze an Fast¬
nacht, wenn die abgeschnittenen Federn
ins Nest gelegt werden 46 ). Läßt man H.er
in einen Spiegel sehen, so verlaufen sie sich
nicht 47 ). Auch bleiben sie beim Nest,
wenn die Bäuerin es an Fastnacht aus
Stroh macht und es dreimal durch ihre
Beine steckt 48 ), oder wenn man am
Weihnachtsabend nach der Kirche die H.er
aufscheucht, oder wenn man sie über das
Ofenloch hält; beim Fressen aber darf
man sie zu Weihnachten und am grünen
Donnerstag nicht locken 49 ). Auch soll
am heiligen Abend die Hausfrau während
der Mahlzeit nicht hin und her gehen 50 ).
Wichtig ist die Zeit zum Aufsetzen der
Bruthenne: am besten, während die
Leute aus der Kirche kommen 51 ), und
zwar zur Zeit nach Neumond bis Voll¬
mond (d. h. bei zunehmendem, also gün¬
stigem Gestirn) 52 ). Auch der Augenblick,
wenn der Hirte ausgeht mit seinen Tieren,
ist günstig 63 ). Man setzt die Glucke, in¬
dem man ein großes Kopftuch oder einen
Sack über dem Kopf hat 54 ); setzt man
einen großen Hut dabei auf, dann be¬
kommen die H.er einen Federbusch 55 ).
Die Bruthenne soll möglichst nach einem
Fruchtfeld hinsehen 56 ); auch muß man
unpaarige Eier unterlegen 57 ). Beim An¬
setzen murmelt man einen Spruch mit
dem Hauptinhalt: ,,Lauter Weiber und
nur ein einziger Mann“ 58 ). Es gibt mehr
H.er als Hähne, wenn die Henne
nicht in den zweiten Monat hinüber
brütet 59 ). Ißt man beim Ansetzen gierig
ein Stück Brot, dann gedeihen auch die
Kücken gut 60 ). Aus Gründonnerstag¬
eiern ausschlüpfende H.er wechseln all¬
jährlich die Farbe 61 ), durch Bemalen
der Eier mit allerlei Farben vermag man
schöngefiederte H.er zu erhalten 62 ). Am
Freitag soll man keine Glucke ansetzen 63 ).
3S ) Megenberg Buch d. Natur 162: Bartsch
Mecklenburg 2, 233; ZfdMythol. 2, 328; Grimm
Mythol. 3, 461. 36 ) Strackerjan 1, 124*
Wuttke 429 § 673. 37 ) ZdVfV. 10 (1900), 56.
38 ) Kapff Festgebr. 12; Meyer Baden 411;
Schönwerth Oberpfalz 2, 340 ff. 39 ) Sartori
Sütc 3 . 34 - 40 ) Sartori 3, 131; John West-
böhmen 215. 41 ) Wuttke 429 § 673. 42 ) Panzer
Beitr. 1, 31b; Grohmann 141; Boeder
Ehsten 123; s. auch Schramek Böhmerwald 243.
43 ) Wolf Beitr. 1, 228; ZdVfV. 10 (1900), 209;
Schramek a. a. O. 243; ZdVfV. 1 (1891), 180;
Sartori Sitte 3, 86; Dähnhardt Volkstüm¬
liches 2, 86 Nr. 340; Hovorka-Kronfeld 1,
I( M: John Westböhmen 209; Sepp Religion 11;
Kuhn Westfalen 2, m; Mühlhause 64;
Schönwerth Oberpfalz 1. 350; Panzer Beitr.
2, 302 f.; Müller Isergebirge 33; DG. 13,
183; Wuttke Sachs. Volksk. 370; Wuttke
430 § 674; Schulenburg Volkstum 129.
44 ) Wuttke 430 § 674; Meyer Baden 411.
45 ) Meyer a. a. O. 487, s. auch Urquell 3, 346.
46 ) John Westböhmen 37; John Erzgebirge 140;
Köhler Voigtland 369; Wuttke 430 § 674.
47 ) John Westböhmen 216. 49 ) John West¬
böhmen 216; Drechsler 2, 87; Wuttke 430
§ 674; ZdVfV. 23 (1913). 7 - Liebrecht
Z. Volksk. 255; Lau ff er Niederd. Volksk 2 89;
,,Bad. Land“, Beil. z. Freib. Ztg. v. 16. X. 1924.
49 ) Schulenburg Volkst. 129 f ; John Erz¬
gebirge 234. 60 ) John Westböhmen 215; Drechs¬
ler 1, 31 ff. 6i) Grimm Myth. 3, 435 Nr. 18;
461 Nr. 762; Sartori 2, 131 (Literatur);
Bohnenberger 16; ZdVfV. 3 (1893), 38;
Fogel Pennsylvania 180 ff.; Birlinger Aus
Schw. 1, 400. 52 ) Bartsch Mecklenburg 2, 199;
Megenberg Buch d. Nat. 161; Schramek
Böhmerwald 242; Meier Schwaben 2, 524.
63 ) Meyer Baden 412; Bohnenberger 19.
54 ) Schramek Böhmerwald 242; ZfdMyth. 3,
315. 55 ) ZdVfV. 3 (1893), 38; Drechsler 2, 88;
Reiser Allgäu 2, 449; Wuttke 429 § 672.
**) Meyer Baden 412. 57 ) Strackerjan 1.
453
Huhn
454
124. S8 ) Hovorka-Kronfeld 1, 194. Ähn¬
liches ZdVfV. 3. 88. 59 ) J oli n Erzgebirge 234.
60 ) Knoop Hinterpommern 173. 61 ) Grimm
Mythol. 2, 903; Meyer Baden 502. 62 ) ZrwVk.
8. 146. 63 ) Grimm Mythol. 3, 462 Nr. 800; 3, 445
Nr. 344; Schmitt Hettingen 12; ZfdMyth.
2 (1854), 327; Kuhn Westfalen 2, 133; Engelien
u. Lahn 231.
5. Um die H.er vor Raubzeug, nament¬
lich dem Habicht, zu schützen, kennt
das Volk allerlei Mittel: am Karfreitag
beschneidet man ihnen die Schwänze 64 );
man gibt ihnen vom Abendmahlsbrot zu
fressen 65 ), oder man läßt sie am ersten
♦ ♦
Weihnachtstag die Überreste des Mittag¬
essens in einem ringförmig gelegten Seil
fressen 66 ). Auch trocknet man ein Stück
Fleisch des Raubzeugs (Hühnergeier, Mar¬
der, Fuchs) und legt davon ins Wasser,
das man den Kücken zum erstenmal
gibt 67 ). Natürlich braucht man auch H.er-
Segen, welche sie vor allem Schaden
schützen 68 ). Ja,ein richtiges,,H.er-Recht“
gibt es in den Weistümern, wo der Raum
für die H.er durch Werfen eines Steins,
Hammers, Messers, Handschuhs usw.
bestimmt wird. Dieses Werfen nimmt
oft die Form eines Zaubers an 69 ). Gegen
Krankheit von H.ern hilft, wenn man sie
aus einem Schuh essen läßt 70 ). An Fast¬
nacht darf man die H.er nicht locken,
sonst holt sie der Fuchs 7i ).
64 ) Manz Sargans 136; SAVk. 24 (1922), 65;
ZdVfV. S (1S9S), 229; Reiser Allgäu 2, 115;
Woeste Mark 53 Nr. 13. 65 ) SAVk. 24, 65.
66 ) ZdVfV. 12 (1902), 429; Bohnenberger 25;
s. auch Meyer Baden 413. 67 ) Grohmann
142. 68 ) Z. B. ZfVk. S, 229, s. noch Grimm
Mythol. 3, 416 Nr. 13; 417 Nr. 20; Jahn Opfer¬
gebräuche 296; ZdVfV. 23 (1913), 122. 69 ) E. Frh.
v. Künßberg JbhistVk. 1, 1925; Basl. Nachr.
12. Dez. 1912. 70 ) Grohmann 141. 71 ) Basl.
Nachr. 1924, 24. Februar.
6. Als besonders wohlfeiles, weit ver¬
breitetes Haustier ist das H. oft geopfert
worden, da es wie der Hahn (s. d.) auch als
dämonenvertreibend galt. So wird das
H. als Bauopfer 72 ), Flußopfer 73 ) und all¬
gemein als Sühneopfer 74 ) dargebracht,
besonders bei Krankheiten 75 ). Es gab
in manchen Kirchen (z. B. zu Marzoll)
an der Rückseite des Altars vergitterte
H.erbehälter, wo der Opfernde wäh¬
rend des Gottesdienstes nach dreimaliger
Umwandlung des Altars sein Opfertier
einließ 76 ). Auch wird bei Erkrankung
manchmal eine schwarze Henne in die
Herdgrube eingemauert oder im Stall ver¬
graben 77 ). Daraus entwickelte sich
wieder das ,,Zinsh.“, das nach altem Recht
dem Herrn von den Untergebenen dar¬
gebracht wurde 78 ). Wie der Hahn bei
der Ernte geopfert wird, so auch das
H. 70 ), und ebenso wird ein H. bei Hoch¬
zeiten gegessen (sog. „Gackelhenne“),
weil der starke Geschlechtstrieb des Hahns
ihn und das H. zum fruchtbarkeitspen¬
denden Opfertier macht 80 ). Das „Leich¬
huhn“ ist ein altes Totenopfer 81 ), sogar
der Teufel erhält ein H. 82 ). Auch bei der
Taufe im Egerland bringt die Gevatterin
ein H., das sofort geschlachtet wird 83 ).
Am Martinstag schlachtet man ein H. zu¬
gunsten des Federviehs 84 ).
72 ) Mannhardt Germ. Mythen 299; Hofier
Organotherapie 118 (Lit. ); Wuttke 301 §440;
John Erzgebirge 27; Sartori ZlEthnol. 1898,
1 ff.; ZföVk. 13 (1907), 132; Urquell 1898, 230;
Scheftelowitz RW. 14, 3, 1914; Fehrle
DLiteiaturztg. 1915, 1, 14 f. 73 ) Grimm Mythol.
3, 165. 74 ) Wuttke 299 § 439; Scheftelowitz
a. a. O.; ZdVfV. 10 (1900), 57. 27. 179; DG. 11,
214. 75 ) Höfler Organotherapie 118 ff.
76 ) ZdVfV. 11 (1901), 185 f., s. auch Rochholz
Gaugöttinnen 32. 77 ) Pollinger Landshut 156.
78 ) Grimm RA. 1, 518 ff.; Hofier Fasten-
gebäcke 29; Waldkult 71. 80; Panzer Beitr. 1,
315; Rochholz D. Gl. 2, 316 ff.; Sartori 2,
130; Birlinger Volkst. 2, 455; Strackerjan
2, 271; Meyer Baden 410. 79 ) ZdVfV. 8, 442;
Wuttke 80 § 93; ZföVk. 8 (1902), 176. 80 ) John
Westböhmen 153. 216; Höfler Hochzeit 12.
81 ) Grimm Myth. 2, 950; Sartori 1, 139;
Gaßner Mettersdorf 80; Vernaleken Alpen¬
sagen 400 f. 82 ) Grimm Mythol. 2, 843 f.
83 ) John Westböhmen 112; Grüner Egerland 37.
84 ) Sartori 3, 265; s. noch Jahn Opfer gebrauche
843; Höfler Weihnacht 26.
7. Eine große Bedeutung hat die Farbe
der H.er: schwarze sind dämonisch 85 ),
sie sind in Wahrheit Hexen 86 ) oder der
Teufel selbst 87 ), wohl auch ein Drache 88 ),
oder stehen doch mit solchen Wesen im
Bund. Das Gackern der schwarzen Henne
zeigt daher Unheil an 89 ). Auch soll man
sie nicht essen, das bringt Unglück 90 ).
Wer von einer schwarzen Henne ein Ei
austrinkt, bekommt Halsweh 91 ). Doch
kommt auch der Glaube vor, ein schwarzes
H. schütze ein Haus vor Hexen 92 ); dies
erklärt sich natürlich aus der Annahme,
455
Huhn
456
daß die Unholde vor dem dämonischen I Opfer 65; ein Kobold in Gestalt eines roten Hs
Wesen fliehen und sich eine ungefähr¬
lichere, noch freie Stelle für ihr Tun aus¬
suchen 93 ). Der Tod eines schwarzen H.s
ist besonders unheilbringend 94 ). Trägt
man ein Ei einer schwarzen Henne sie¬
ben Wochen unter dem Arm, so ist man
unsichtbar 95 ). Wenn ein zum Tod Ver¬
urteilter begnadigt wird, erhält der Scharf¬
richter nach egerländischem Brauch ein
schwarzes H., angeblich, um Blut zu
sehen, in Wahrheit ist es ein Erlösungs¬
opfer 96 ). In Volkserzählungen kommen
oft gespenstische Hexen in Gestalt von
schwarzen H.ern vor 97 ). Mit ihnen kann
man seinen Feind totbeten, wenn man sie
einem Juden schenkt 98 ). AlsOpfer werden
sie oft für dämonische Mächte dar¬
gebracht 99 ). Am Donnerstag vor oder
nach Weihnachten schläfert man in
Schwaben ein schwarzes H. ein; die
Person, auf die es beim Erwachen zugeht,
heiratet bald 10 °). Auch weiße H.er werden
für besonders beachtenswert gehalten,
doch viel seltener als die schwarzen 101 ).
8Ö ) John Westböhmen 216; Strackerjan 1,
2 5 ) 2 . 155 ; Kühnau Sagen 1, 313; Müllen-
hoff Sagen 261; Hertz Werwolf 76; Maaß
Mistral 25; Vonbun Beitr. 113; Landsteiner
Niederösterr. 35; Wuttke 118 § 156; Wolf
Beitr, 2, 301. ß6 ) John Erzgebirge 133; ders.
Westböhmen 217; Scheftelowitz Huhnopfer 50;
Grabinski Sagen 23 f. 8? ) ZdVfV. 23 (1913),
149; Panzer Beitr. 1, 315. 88 )Maas Mistral 21;
Drechsler 2, 125; Müller Siebenbürgen 134;
John Erzgeb . 234. 8 ®) ZdVfV. 2 (1892), 181;
23 (1913)» 183- 90 ) John Erzgebirge 234; Schön -
werth Oberpfalz 1, 346. 91 ) John Westböhmen
217. ® 2 ) Hovorka-Kronfeld 1, 194; Selig¬
mann 2, 120. ® 3 ) Drechsler 2, 92 f. 225;
Wuttke 118 § 156. ® 4 ) ZdVfV. 22 (1912), 162.
® 6 ) Wuttke 318 § 473. ® 8 ) ZföVk. 6 (1900), 19;
Hovorka-Kronfeld 1, 378. ® 7 ) Birlinger
Volkst. 1, 502; ders. Aus Schwaben 1, 2or;
Kühnau Sagen 1, 441; 1, 219 ff.; 3, 711;
Gräber Kärnten 246; ZföVk. 8 (1902), 180 ff.;
Vernaleken Mythen 261 f.; Müller Sieben¬
bürgen 41. ® 8 ) Egerl. 4 (1900), 32; John West¬
böhmen 216. ®*) Grimm Mythol. 3, 446 Nr. 358;
Reiser Allgäu 2, 307 f. ; ZdVfV. 23 (1913), 150;
s. auch Birlinger Aus Schwaben 2, 504.
10 °) Meier Schwaben 2, 461; Grohmann
Sagen 99, 166; Kuhn u. Schwarz 426.
521 f.; Reusch Samland Nr. 74; Wuttke
2 4 2 § 348; s. auch Baumgarten D.Jahr
1860, 15. 101 ) ZdVfV. 2 (1892), 181; SAVk. 25,
190; Seligmann 2, 120; John Westböhmen 216;
Haupt Lausitz 1, 62 f.; Scheftelowitz Huhn -
bei Kuhn Westfalen 1, 370 Nr. 416.
8 . In der Volksmedizin gibt es unzäh¬
lige Verwendungsarten vom H. und seinen
Körperteilen. Das Blut, die Leber, das
Schmalz, die Galle, der Magen, der Darm,
das Auge: alles wird zu geheimnisvollen
Arzneimitteln gebraucht 102 ). Weit ver¬
breitet ist der Glaube, daß man mit
dem Magen eines schwarzen H.s, zu dem
man ein Stück eines Hemds mit dem
Menstrualblut einer Jungfrau und ein
Gründonnerstagsei zu einem Bündel zu¬
sammenfügt, Feuersbrunst abwenden
kann, falls es unter der Hausschwelle ver¬
graben wird 103 ). Bis in die Gegenwart
kommt es vor, daß man ein lebendes H.
aufschneidet und auf den leidenden
Körperteil eines Kranken legt 104 ). Be¬
sonders der Kot des H.s gilt als heil¬
sam 105 ), und bekannt ist der Spruch:
Heile, Heile Hinkeldreck,
Bis morgen, da geht alles hinweg!
Auch zum Liebeszauber wird das H.
benutzt; schreibt man mit dem Blut einer
schwarzen Henne den Namen der Gelieb¬
ten und den eignen auf einen Zettel und
berührt sie damit, dann wird ihre Liebe
entstehen 106 ). Rupft man am Hinterteil
eines H.s die Federn aus und hält diese
Stelle an die Pestbeulen, so zieht das Tier
die Krankheit an sich 107 ). Auch der H.er-
Fuß ist ein beliebtes Heil- und Zauber¬
mittel 108 ). Das schwarze H. hat auch in
der Volksmedizin verstärkte Heilkraft 109 );
eine Suppe davon hilft den Wöchnerin¬
nen uo ); es ist übrigens auch ein guter
Fischköder m ).
102 ) Eine Menge Rezepte bei Jühling Tiere
202 ff. 209 ff. 215 ff.; Höfler Organotherapie
u8ff. 182 f. 216 ff.; MschlesVk. 17 (1915), 34;
Lammert 239. 243; Zahler Simmenthal 76;
Hovorka-Kronfeld 2, 29. 87. 128.403; ZrwVk.
1912, 226; Höhn Volksheilk. 1, 137; Lammert
250; Fogel Pennsylvania 322 Nr. 1707. 103 ) Zfö¬
Vk. 6, 113; Wolf Beitr. 1, 236; L eoprechting
Lechrain 22; Schramek Böhmerwald 276;
SAVk. 15 (1911), 90; Geistl. Schild 149. 104 ) Jüh¬
ling Tiere 212. 221 f.; Seyfarth Sachsen 192;
Birlinger Volkst. 1, 485. 105 ) Jühling Tiere
214 f. 217. 219; Stoll Aberglauben 88; Wuttke
360 §542; Strackerjan 1, 96; 2, 55; ZfVk.
8, 172; G. Schmidt Mieser Kräuterbuch 41;
Hovorka-Kronfeld 2, 126; Höhn Volks¬
heilk, 1, no; Lammert 183. 253; Fogel
Pennsylv. 370 Nr. 1984. 106 ) John Westböhmen
45 7
Huhn, das schwarze
458
1
■h
1
316. 107 ) Jühling Tiere 220. 222; Hovorka-
Kronfeld 2, 400; ZdVfV. 8 (1898), 170. 108 ) Sim-
rock Mythol. 408; Schwartz Studien 134;
Seligmann 2, 120. 10 ®) Höfler Organotherapie
31 (Lit.!); Urquell 4, 273. ll °) Vernaleken
Alpensagen 397 Nr. 68; ZföVk. 8, 175. m ) Man-
golt Fischbuch 163 Nr. VI u. VIII.
9. Von sonstigen volkstümlichen An¬
sichten vom H. sei erwähnt, daß H.erblut
nach sächsischem Glauben Warzen er¬
zeugt 112 ). H.er mit gelben Beinen sind
unbeliebt, weil dann die Pferde wenig
taugen 113 ). Allzu häufiger Genuß von
Hennenfleisch bringt Gicht 114 ); vom
Sande, in dem sich die H.er badeten, be¬
kommt man Nesselfieber, wenn man ihn
angreift 115 ). H.er-Federn im Kissen be¬
unruhigen, und man kann auf ihnen nicht
sterben 116 ). Nach Eintritt eines Todes¬
falles werden die H.er geweckt 117 ) und die
Gluckhennen umgesetzt 118 ); beim Tod
der Hausfrau verkauft man alle H.er 119 ).
Nimmt man das Herz eines schwarzen H.s
und hält eine Frau dabei mit der Rechten,
dann sagt die Frau alles, was sie weiß 120 ).
H.er ohne Schwanz verjagen Mäuse 121 ).
Legt ein H. ein gar zu kleines Ei, so ist
das von böser Vorbedeutung 122 ). Wer
den Steiß eines H.es ißt, kann nichts ver¬
schweigen 123 ). Besonderen Segen bringen
am Karfreitag ausgebrütete H.er 124 ). Die
Schlafstätte der H.er darf man nicht ver¬
unreinigen, sonst wird man abendblind 125 ).
Ist man von einem Skorpion gestochen,
SO muß man den Finger einem H. in den
Bürzel stecken 126 ). Die Spitze vom
Flügel eines H.s steckt man zu sich, und
man wird dann morgens früh aufstehen 127 ).
Am Aschermittwoch darf man nicht spin¬
nen, sonst werden die H.er blind 128 ).
Picken H.er ihre Eier auf, so beschneidet
man ihnen die Schnabelspitze 129 ). Das
Gackern des H.es wird gern in Menschen-
tprache umgedeutet 13 °); als Lockruf weit
verbreitet ist: bi, bi, wonach die H.er
sogar dialektisch Bibi, Bibele (Schwarz¬
wald) heißen 131 ), der Scheuchruf ist
ksch, ksch!
U1 ) Jühling Tiere 220. 113 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 490. 114 ) Jühling Tiere 217. 115 ) Ebd.
320. 118 ) ZföVk. 8 (1902), 181; 4 (1898), 212;
Urquell 2 (1891), 90; Grimm Mythol. 3, 443
Nr. 281. 117 ) ZrwVk. 1907, 273. 118 ) Meyer
Baden 584. u ®) John Erzgebirge 234. 12 °) SAVk.
7 (1903), 52. 121 ) Drechsler 2, 92. 122 ) Urquell
4,88. 123 ) Andree Braunschweig 403. 124 ) John
Erzgebirge 234. 12B ) Urquell 4, 160. 128 ) Jüh¬
ling Tiere 221. 127 ) Panzer Beitr. 1, 316.
128 ) Bartsch Mecklenburg 2, 256. 12 ®) Eber¬
hardt Landwirtschaft 21. 13 °) ZdVfV. 13, 92.
131 ) S. auch John Westböhmen 217 und
Strackerjan 2, 155.
10. Das Siebengestirn ist dem Volk
ein H. mit Küchlein 132 ). Eine goldene
Henne mit 12 Küchlein kommt öfters in
Sagen vor 133 ), auch ein H. auf goldnen
Eiern 134 ). Eine schwarze Henne legt
nach der Paarung mit einer Schlange ein
dotterloses Ei; wirft man dies über ein
Dach, so ist man vor aller Hexerei im
Haus geschützt 13S ) (s. a. Basilisk).
132 ) Grimm Mythol. 2, 607 ff. 133 ) Groh¬
mann 214. 134 ) E. H. Meyer Germ. Mythol. m.
135 ) Seligmann 2, 120; Wuttke 118 § 156.
11. Zur Erklärung der Stellung des H.s
im Volksglauben s. den Artikel Hahn.
Das H. nahm unmittelbar an den vom
Hahn geltenden Anschauungen teil. Weil
es besonders häufig ist, wurde es die be¬
liebteste Opfergabe. Mit dem Anwesen
des Bauern ist es eng verbunden, so daß
sich eine Menge Beziehungen leicht ein¬
stellen mußten: Wohl und Wehe der Be¬
wohner weissagt das dämonische Tier 136 ).
Viele der Anschauungen gehen in die An¬
tike zurück 137 ); die von der üblen Be¬
deutung des H.-Krähens war schon den
Persern bekannt 138 ). Vgl. auch Ei.
138 ) Aus der fast unübersehbaren Literatur
seien noch genannt : Hoops Reallex. 2, 568 f.;
Grimm Mythol. 2, 947. 980. 955; 3, 454 Nr. 575 ;
455 Nr. 617 f.; 467 f. Nr. 902. 917; Hoffmann-
Krayer 23; Mannhardt German. Mythen 176;
Sartori Westfalen 96; Scheftelowitz
Schlingenmotiv 35; Wrede Rhein. Volksk. 94;
Lauffer Niederd. Vk. 103; Drechsler Haus¬
tiere 11 ff.; Carus Zoologie 14. 38. 161. 184;
Fischer Altertumsk. 52; Reuterskiöld Speise¬
sakramente 109; Fehrle DLitztg. 1915, 1, 12 ff.;
Montanus Volksfeste 175; Knortz Vögel
215 ff.; Hopf Tierorakel 22. 36. 38. 43. 160;
Marzeil Pßanzennamen 217 s.; Schönwerth
Oberpfalz 1, 345 ff.; 3, 263; Germania 20 (1875),
353 f.; ZfdMythol. 2 (1854), 303. 328. 137 ) Pauly-
Wissowa 8, 2, 25190.; Keller Haustiere
96 ff.; ders. Tiere 476; Schrader-Nehring
Reallex . 2 1,429; Ebert Reallex. 5, 401; Guber-
natis Tiere 5530.; Panzer Beitr. 1, 315;
ZdVfV. 3 (1893), 31; Höfler Organotherapie
31. 117. 138 ) ZdVfV. 13 (1903), 390. Güntert.
Huhn, das schwarze. Im „Feurigen
Drachen" x ) bzw. dem „Dragon rouge" *)
459
Hühnerauge, Leichdorn
460
(s. 2, 404 ff.), dem parodistischen Zauber¬
buch, wird ein Huhnopfer an den un-
saubern Geist geschildert, das bei der
Beschwörung dargebracht werden muß.
Ein schwarzes Huhn wird in zwei Hälften
gespalten mit den Worten: Elohym,
Essaim, frugativi et appellativi. Bei der
Heimkehr wird man dann das Huhn zu
Hause lebend finden; es legt jeden Tag
ein goldenes Ei. Kiesewetter 3 ) gibt das
Vorbild zu dieser Darstellung aus ,,Doctor
Johannes Fausts Magia naturalis et in-
naturalis oder dreifacher Höllenzwang“,
wo bei Zitierung der Pigmäen die schwarze
Henne (oder Taube) in zwei Stücke zer¬
rissen und ein Teil gegen Aufgang, der
andere gegen Niedergang der Sonne
emporgeworfen wird. Nach Heine 4 )
in seiner Abhandlung über die Elemen¬
targeister schneidet man dem Huhn den
Hals ab und wirft es dann empor. Was
Kiese wett er sonst beibringt, entbehrt des
festen Grundes. Das Dämonenopfer des
schw. H.s geht zurück auf einen Brauch,
der im spätmittelalterlichen Zauber¬
glauben in den Zauberprozessen eine
Rolle spielt. 1335 heißt es in einem sol¬
chen Prozeß zu Carcassonne 5 ): „Deux
autres bergers, Catala et Paul Kodier,
etaient accuses. . . d’avoir appele le diable
nuitamment, et ä la croisee de deux
chemins, par le moyen du sacrifice d’une
poule noire, ahn d'attirer sur le pays le
fleau de la guerre“, womit bei Nider 6 )
zu vergleichen ist: „Respondit reus:
Primo verbis certis in campo principem
omnium daemoniorum imploramus, ut
de suis mittat aliquem et a nobis designa-
tum percutiat; deinde, veniente certo
daemone, in campo aliquo viarum pullum
nigrum immolamus, eundem in altum '
proiiciendo ad aera. Quo a daemone ;
sumpto obedit et statim auram concitat, !
non semper in loca designata a nobis, sed
iuxta dei viventis permissionem grandines :
et fulgura proiiciendo“ (also zum Wetter- 1
zauber). Der Zauberakt dürfte mit dem
stellvertretenden Huhnopfer Zusammen¬
hängen und vielleicht mißverstandenem ,
jüdischen Ritus seinen Ursprung ver- j
danken 7 ). '
s
J ) Im ,, 6 . u. 7. Buch Mosis“ (Adon. Verlag,
! Bartels, Berlin) u 4 ff. 2 ) Le veritable Dragon
Rouge... plus la Poule noire sur ledition de
1521 m. Abb. S. 51. Le manuel du magicien
(Paris, Garnier freres, 1925), 7 ff.: La Poule
' noire ou la Poule aux oeufs d’or. 3 ) Kiese¬
wetter Faust 2 (1921), 20 f. 4 ) A. a. O. 2, 22.
5 ) Hansen Hexenwahn 450. 6 ) A. a. O. 96 nach
Joh. Nider’s Formicarius (1435—1437). 7 ) J.
j Scheftelowitz Alt-Palästinensischer Bauern-
; glaube (1923) 45 ff.; ders. Huhnopfer 3 ff.;
F. A. Christiani Der Juden Glaube und Aber¬
glaube hrg. von Chr. Reineccius (1713), 101 ff.
m. Abb.; A. Margaritha Der gantze Jüdische
Glaube hrg. von Chr. Reineccius (1713) 5S ff.
Jaccby.
Hühnerauge, Leichdorn 1 ) (s. a. Warze).
Die Zahl der Mittel zur Vertreibung
der H.n ist sehr groß; sie sind vielfach
denen der Warze (s. d.) gleich 2 ).
Man empfiehlt, sie am Tage des Mär¬
tyrers Abdon (s. 1, 21) zu schneiden,
dann wachsen sie nicht mehr 21 ). Die
Deutschen Pennsylvaniens besorgen es
im Zeichen der Wage 2b ) oder im ab¬
nehmenden Mond 3 ), im Kt. Bern ent¬
fernt man sie am besten im Neumond 4 ),
oder badet man drei Freitage nachein¬
ander die Füße 5 ).
Um Landshut löst man Salz in warmem
Wasser auf und badet darin das H. 6 );
in Glarus wird es geschnitten, bis Blut
herausquillt; dann wird Menstrualblut
darauf gestrichen 7 ).
Sehr häufig werden Pflanzen zur
Beseitigung verwendet: Im bayerischen
Schwaben trägt man bei abnehmendem
Monde den Wurzelstock des Salomons¬
siegels oder der Weißwurz (Polygo-
natum officinale) in der Hosentasche.
Sind die ,,Augen“, d. h. die Narben der
abgestorbenen oberirdischen Sprosse, zu¬
sammengeschrumpft und undeutlich ge¬
worden, so sind auch die H.n verschwun¬
den. Der Glaube an dieses Mittel wird
noch dadurch unterstützt, daß diese
Narben an den Wurzelstöcken eine
entfernte Ähnlichkeit mit H.n haben,
weshalb die Pflanze in Tirol und Kärnten
auch „H.nwurz“ genannt wird 8 ). In
der Oberpfalz wird das der Haut ent¬
blößte Fleisch der Hauswurz, die auf
dem Dache wächst, auf das geschürfte
H. gelegt 9 ), in Deutsch-Böhmen legt
man zerstoßenen Knoblauch auf 10 ). in
461
Hühnerauge, Leichdorn
462
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Glarus Schöllkraut n ) usw. Ein Re¬
zept aus Uri (1716—1724) empfiehlt:
„Nimme Sbarglenwurzen und henke selbe
an das bloße Bein, an welchem die
Agerstenaugen, fallen selbe für sich selbst
aus. Probatum“ 12 ).
Nicht selten sind auch tierische
Mittel: In österreichisch-Schlesien benutzt
man Roßfett und -mark zum Erweichen
von H.n 13 ), in Pommern vertreiben
schwarze Schnecken, destilliert, H.n und
Warzen 14 ).
Das Wegwerfen und Übertragen
des Leidens spielt eine große Rolle:
„Nimm aus dem Mist einen Stroh¬
halm“, empfiehlt das 6. u. 7. Buch Mosis
S. 60 f., „der einen Knoten hat, mit diesem
reibe das H. ein und wirf ihn dann wieder
hin, wo du ihn genommen hast, so wird
das H. alsbald verschwinden“ 15 ). Am
selben Orte wird auch angeraten, ein
Stückchen Speck auf das H. zu binden
und es einige Zeit darauf liegen zu lassen;
„hernach nimm ihn und vergrabe ihn an
einen Ort, wo er bald fault“ 16 ). In der
Oberpfalz nimmt man den Gipfel eines
Wacholderstrauches in die Hand und
macht damit drei Kreuze über das H.;
darauf knickt man den Gipfel, daß er
hängt; wenn er verdorrt, fällt das H.
ab 17 ). Um die „Agerstenaugen“ zu ver¬
treiben, muß man da, wo eine Elster saß,
ausrufen: „Zigi, zigi, Ägest, i ha dreu
Auga, und du gad zwo, ha, ha“ 18 ). In
Pommern nimmt man einen neuen Strick
und legt ihn im Namen Gottes etc. auf
die Straße; wer den Strick nimmt, be¬
fachen Zeremonien ein Segen gesprochen,
wie z. B.:
Was ich greife, das weiche.
Und was ich greife.
Das nehme ab
Wie der Tote im Grab 23 ).
In der Oberpfalz berührt man die Zehe
des Toten für jedes H. mit den Worten:
„Nimm mich auch mit!“ M ), und im
Erzgebirge umgeht die Mutter eines
mit H.n behafteten Kindes während eines
Begräbnisläutens dreimal ein Gersten¬
feld 25 ).
Aus des Staricius Heldenschatz (S. 514)
haben das 6. u. 7. Buch Mosis (S. 100)
und Albertus Magnus Egypt. Geh. (4, 45
Nr. 156) das folgende Mittel übernommen:
„Nimb dieses (in der Apotecken bekomt
mans / frage nur nach präparirten Todten-
kopffe) und mische es unter grün Wachs /
behre es wol untereinander / und formire
daraus ein Schüsselein / wie einen alten
holen Pfenning / nach der große des
Hüner-Auges / daß es sich fein recht
darüber schicke / . .. / so wüchset das
Hünerauge gantz und gar mit den
Wurtzeln herauß/ fället abe und vergehet“.
In Schlesien wird das H. mit einem
Keil, durch den man es berührte, in eine
junge Eiche verpflöckt 26 ), im Kt.
Zürich rieb man im abnehmenden Mond
an einem Abend mit dem Zeigefinger der
rechten Hand das H. ringsum und sprach:
„Es ischt nüd und es wird nüd, es ist
Kat ( = Kot) und vergaht“. Dann war
es in wenigen Tagen weg 27 ).
*) Vgl. Höfler Krankheitsnamen 98. 362!.;
Hoops Real lex. 3, 150. l ) Fossel Steiermark
141; Lammert 219.
2a
Lammert 219.
kommt die H.n 19 ).
Häufig „gibt man das H. einem Toten
mit ins Grab“: Die Deutschen Pennsyl¬
vaniens raten, das H. mit dem Rasier¬
messer eines Toten zu schneiden 20 ). Um
in Mecklenburg ein H. fortzuschaffen,
Sticht man mit einer Nadel, mit der ein
Totenhemd genäht wurde, in der aber
der Faden noch stecken muß, dreimal
vor Sonnenaufgang in das H. 21 ), oder
man streicht dreimal mit der Hand
darüber, wenn eine Leiche begraben
wird, der Leiche nach 22 ). Zur Zeit des
Begräbnisläutens wird unter mannig¬
2b ) Fogel 286 Nr. 1511. 3 ) Ebd. Nr. 1512.
4 ) SAVk. 8, 280 Nr. 150. 5 ) Ebd. 7, 139 Nr. 94.
*) Pollinger 282. 7 ) Schmid 57. 8 ) Marzell
Pflanzenwelt 82 f.; vgl. SAVk. 21 (1917), 205;
Stoll Zauberglaube 77. •) Schönwerth 3,
263; Fossel Steiermark 141; Lammert 219.
10 ) Schmidt Mieser Kräuterbuch 43 Nr. 26;
Gaßner Mettersdorf 78; Fossel a. a. O. 141;
Lammert 219. ll )Schmid Glarus 60. lt ) SAVk.
10 (1906), 271 Nr. 43. 13 ) Peter 2, 243. 14 ) Jahn
Hexenwesen 184 Nr. 676 — Albertus Magnus
Egypt- Geh. 2, 38; Fossel Steiermark 141;
SchwVk. 8, 72; Lammert 219. 1& ) Vgl. ähn¬
liche Mittel: Grohmann 173 Nr. 1227; ZfVk.
7 (1897), 288 Nr. 1 u. 2; Marcell. Empirie.
234 = Lammert 219; Kroll Aberglaube 17;
ZföVk. 13 (1907), 132; Grabinski Sagen 42.
16 ) Schmidt Mieser Kräuterbuch 43 Nr. 26;
463
Hühnerdarm—Hü lsenf rüc hte
464
Lammert 219. 17 ) Schönwerth 3, 263 § 7;
vgl. ähnlich: Polünger Landshut 284; Zin-
gerle Tirol 108 Nr. 929 f. (538); Vonbun
Beiträge 128; Fossel Steiermark 141. 18 ) Ver-
naleken Alpensagen 402 Nr. 94 = Tobler
Sprachschatz 18; vgl. Gaßner Mettersdorf 78;
Grimm Myth. 2, 980. 1# ) Jahn Hexenwesen
153 Nr. 468. 20 ) Fogel 130 Nr. 597. 21 ) Bartsch
2, 358 Nr. 1679 a. 22 ) Ebd. Nr. 1679 b. 23 ) Stoll
Zauberglaube 77; Albertus Magnus Egypt.
Geh . 3, 16. 24 ) Schönwerth 3, 263. 25 ) John
Erzgebirge 110. 2Ä ) Klapper Schlesien 104.
27 ) SAVk. 2, 259 Nr. in. Bächtold-Stäubli.
Hühnerdarm s. Vogelmiere.
Hühnerei s. Ei 2, 595 ff.
Hühnerweih s. Weih.
Hulda s. Perchta.
Hulden s. H exe u. Unholden.
Hulkan werden auf Amrum die in
Stroh vermummten Gestalten genannt,
die an Silvester umziehen und Geschenke
bringen 1 ). Ist Alke (s. d.), Aulke(n) zu
vergleichen ?
*) HmtK. 1905, 263; Handelmann Weihn.
i. Schleswig-Holstein 48; Jensen Fries. Inseln
380. Hoffmann-Krayer.
Hülse s. Stechpalme.
Hülsenfrüchte. Bekannt ist, daß die
Orphiker und Pythagoreer den Genuß
von Bohnen verboten, weil die Bohnen
als chthonische Opfergaben 1 ) galten, ,,pu-
tanturad mortuos pertinere“ 2 ). Natürlich
ist diese Vorschrift in den Symboia der
Humanistenzeit wiederholt 3 ). Der Parse
opferte am 30. Tage nach dem Tode der
Seele 33 Bohnen und 33 Eier und
Früchte 33 ). Die Sabier, eine Sekte von
Sonnenverehrern bei Babylon, verwarfen
den Bohnengenuß, weil die Bohnen den
Verstand umnebelten 4 ). Auch in Indien
baute man keine Bohnen, weil sie nach
der Meinung der Philosophen den Verstand
umnebelten 5 ). Bei den Ägyptern aß man
nach Herodot keine Bohnen, und die
Priester durften nicht einmal Bohnen
sehen, weil sie als kultlich unrein galten 6 ).
Bei den Römern durfte der Flamen Dialis
eine Ziege, ungekochtes Fleisch, Efeu und
Bohnen weder anrühren noch nennen 7 ).
Mit viel Wahrscheinlichkeit vermutet Döl-
ger, daß die Bohne ein indogermani¬
sches Totenopfer war und daß des¬
halb der Genuß verboten war 8 ). Vielleicht
hängt mit diesem Brauch ein allgemein
deutsches Speise verbot zusammen: In
den 12 Christnächten, nämlich von Weih¬
nachten bis auf Heilig-Dreikönigstag soll
man keine Erbsen, Linsen oder andere
H. essen, man bekommt sonst selbiges
Jahr die Krätze oder Schwären
(Rockenphilosophie) 9 ). In einem andern
alten Spruch heißt es: Ißt man in den
Zwölften H., so erkrankt man, ißt man
Fleisch, so fällt das beste Vieh im Stall 10 ).
In der Adventszeit dürfen keine Erbsen
und Linsen gegessen werden, sonst gibt
es Schwären im folgenden Jahr (Thü¬
ringen) 11 ). In den Zwölfnächten bekommt
man beim Übertreten dieses Verbotes
Blutschwären 12 ) (Thüringen). Dasselbe
Verbot mit derselben Begründung finden
wir in folgenden Gegenden und Orten:
Schwaben (Hohelohe, Marbach), „weil
man Eisen kriegen tät“ 13 ), ebenso in
Aalen, Backnang, Gaildorf, Hall 14 ); in
Hessen 15 ), wie A. 11; in Sachsen 16 ),
in Anhalt 17 ), in Mecklenburg: in den
Zwölften darf man keine Erbsen und
auch kein Garn kochen 18 ); in Schlesien:
wer das Gebot Übertritt, wird schwer¬
hörig (Strinum, Straguth, Zerbster
Kreis); daher besteht die Redensart
für einen, der nichts hören will: Er
hat Erbesen gegessen, die sind ihm vor
die Ohren gekullt (Kätscher) 19 ); oder
man bekommt Geschwüre (Leobschütz,
Kr. Kühnau) 20 ). In Berlin darf man
zwischen Weihnachten und Neujahr sich
nicht waschen und keine H. essen 21 ). In
Netzen bei Lehnin gibt es beim Über¬
treten dieses Gebotes Geschwüre oder es
kommen Maden in den Flachs 22 ). In
den Zwölften darf man keine Vitsbohnen
essen; sonst gibt es Schwären. Wer
Erbsen ißt, bekommt Geschwüre 23 ).
Dieses Speiseverbot treffen wir ebenso bei
Ravensberg 24 ) und allgemein in Deutsch¬
land 25 ). Im Braunschweiger Anzeiger 1760
wird es mit der Frau Holla in Verbindung
gebracht: Wenn Frau Holla in den 12
Nächten umhergeht, dürfen keine H. ge¬
nossen werden 26 ). Nach dem Glauben
der Deutschamerikaner bekommt man die
Krätze 27 ): das Verbot besteht auch in
465
Hülsenfrüchte
466
H
Luxemburg 28 ) und Siebenbürgen 29 ).
; In Tiefenort soll man aber am Neujahrs¬
tag Linsen und Fische essen; das bedeutet
L Geld für das folgende Jahr 29a ). Nach
einer schwäbischen Version darf man am
Karfreitag keine H., besonders Erbsen
und Linsen essen, sonst bekommt man
Geschwüre 30 ). Während der ganzen
Woche vor Ostern (Montag bis Freitag)
, werden auf dem Balkan keine H. in irdenen
| Gefäßen zubereitet, damit die Pferde nicht
von der Krankheit befallen werden 31 ).
' Erbsen und Speck muß man am Donners¬
tag essen, an andern Tagen bringt diese
i Speise Schwären (Berlin) 32 ); dieselbe
Vorschrift in Mecklenburg 33 ). Am
t Johannisfeuer kocht man Erbsen, die
zur Heilung von Wunden aufbewahrt
werden 34 ). Bei den Römern mußte man
am 1. VI. Schweinefleisch mit Bohnen
und Spelt essen, „ne laedantur viscera“ 35 ).
Ein späterer Zusatz zu der Abhandlung
der hl. Hildegard über die Bohne empfiehlt
gegen Geschwüre und scabies einen Brei
von Bohnenmehl und feniculum 36 ). In
Kürten und Beihem nimmt man gegen
Gelbsucht Tee von Hülsenbeeren (Ilex
aquifolium) 37 ). Das Volk bringt über¬
haupt den H. eine besondere Verehrung
entgegen: Wenn man eine Bohne un¬
vorsichtig auf den Boden wirft, kehrt die
Bohne das Köpfchen (die Stelle, wo der
Trieb die Hülle durchbricht) gegen den
’J. Himmel, und seine leise, für die Menschen
1 unhörbare Stimme klagt dem lieben Gott
die böse Tat 38 ).
Säen der H.: Wie über das Säen der
Bohnen und Erbsen viele Bräuche in
Mecklenburg belegt sind 39 ), so besteht
die Vorschrift, daß man H. pflanzen muß,
wenn die Uhr viel schlägt, damit viele
Körner in den Schoten wachsen 40 ), die-
1, selbe Vorschrift bei Schwerin für die
Bohnen 41 ). Wenn man ein hartes Zeichen
hat (Steinbock oder Krebs), darf man
keine H. säen, sonst kochen sie nicht 42 ).
Wenn in Dixenhausen die H. gesät werden,
achtet man darauf, daß dies in einem wei¬
chen Himmelszeichen geschieht (Wage);
denn, wenn man sie in einem harten
Gestirn sät (Steinbock), werden sie nicht
weich 423 ). Sie dürfen nicht an Wochen-
tagen gesät werden, die mit -tag endigen,
also nur am Mittwoch und Sonnabend (!)
(Nordthüringen) 43 ); dieselbe Ansicht in
Mecklenburg 44 ). Erbsen dürfen nur Mitt¬
woch und Sonnabend gesät werden, sonst
fressen sie die Vögel auf 443 ). H., die
man bei Neumond sät, geben viele Blüten,
aber wenig Schoten 45 ). H. muß man
schweigend säen, sonst mißraten sie 46 ),
die gleiche Vorschrift in Mecklenburg und
sonst für die Erbsen 47 ) (siehe Erbsen,
Bohnen, Linsen). Wer H. ißt und in
derselben Woche sät, dem geraten sie
nicht 48 ). Über H. im (Heil-)Zauber
Scheftelowitz 49 ) u. Krauß 50 ).
J ) Lobeck Aglaophamos 1, 231fr.; Rohde
Psyche 2, 6 A. 126 A. 1; RhMus. 39, 165;
F. Boehm de symbolis Pythagoreis . Diss. Berlin
1905, 14 fr.; Wächter Reinheit 102; Dölger
Ichthys 15 A. 4. 53 A. 3. 332. 350 A. 3; dazu
ausführlich: I. Scheftelowitz Altpalaestinen-
sischer Bauernglaube 39—43; Cie men Pers.
Religion 188 ff.; Rochholz Sagen 2, 228;
Bachofen Gräbersymbolik 333; Ders. Mutter¬
recht Index; Bastian Elementarg. 1, 21; vage
Hypothesen enthält der Aufsatz von Schultz
Memnon 3 (1909). 93 ff. Über die Kultur¬
geschichte der Hülsenfrüchte: Busch an Zur
Kulturgesch. der H. Sep.-Abdr. aus Ausland 1891 ;
Schräder Reallex. 382 ; Mar zell Pflanzenwelt 17,
115. 2 ) Rohde 1 . c. aus Festus; vgl. Plinius 18,
118. 3 ) ZfVk. 1915. 3a ) Scheftelowitz 1 . c. 39.
4 ) Dölger Ichthys 74 ff. 73 A. 3. 76 A. 2.
5 ) D. Chwolsohn Die Sabier. 2. B. (Petersburg
1836) 634; Dölger 1 . c. 77 A. 5. ®) Herodot
2, 37: xuajji o’jc 5 e oute xt {j.ctXa arefpouat ol Aö
■pnnot ... xo’j; xe pvopivouc oute xpiuyousi oute
E' i/Ov cec raxeovxcu . . . . oi öe Sr] tpsi; öü6e optLvxe;
ävF/ovxat vopt'CovxEC ou xaDapöv Elvat piv oarpiov.
vgl. Plutarch quaestion. conviv. 8, 8, 2; Dölger
1 . c. 76 ff. 344 A. 2. 7 ) Gellius noctes Atticae
10, 15, 12: capram et carnem incoctam et he-
deram et fabam neque tangere diaboli mos est
neque nominare; vgl. Dölger 366 A. 4. 78;
Wissowa Religion und Kultus 238. 8 ) L. c.
350 ff. 9 ) Erstes Hundert cap. 57; Grimm
Mythol. 3, 436, 56. 10 ) Grimm 1 . c. 3, 463, 814.
n ) Witzschel Thüringen 2, 156, 8. 12 ) Ders.
2, 174, 26; vgl. Sommer Sagen 162. 13 ) Bir-
linger Volksth. 1, 469, 4. 14 ) Kapff Fest¬
gebräuche 9. 15 ) Pfister Hessen 165. 16 ) Sommer
Sagen 162. 17 ) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 18.
18 ) Bartsch Mecklenburg 2, 248, 1282; vgl. 165,
775. 19 ) Drechsler 2, 214; ZfVk. 1896, 430.
20 ) Drechsler 1, 17; 2, 214; ZfVk. 1896, 430.
21 ) Schulenburg W. 134; vgl. Engelien und
Lahn 239; Kuhn-Schwartz 411; Töppen
Masuren 63. 22 ) ZfVk. 1899, 307. 23 ) Kuhn
Westfalen 2, 115. 352—53; Ders. Nordd. Sagen
153; Ders. Mark 385, 68. 24 ) Hesemannl?awM5-
berg 95. 2S ) Keller Grab 1, 178 ff.; ZfVk.
46 7
Hummel
468
1897, 165; Engelien und Lahn 239; Kuhn
Westf. Sagen 2, 115; Toppen I. c.; Kuhn-
Schwartzl. c.; Lüttich Zahlen 35; Hovorka-
Kronfeld 2, 392. 26 ) Grimm 1. c. 1, 226
A. 3. 27 ) Fogel Pennsylvania 257, 1336.
28 ) Fontaine Luxemburg 9. 29 ) Haltrich
Siebenbürgen 282. 29 *) Witzschel 1 . c. 2, 187,
85. 30 ) Meier Schwaben 2, 388, 47. 31 ) ZfVk!
1899, 64. 32 ) Kuhn-Schwartz 445, 352.
33 ) Bartsch 1. c. 2, 165, 775; vgl. 217, 1126 a.
34 ) Kuhn-Schwartz 523. 38 ) Ovid Fasten 6,
181 ff. 3fl ) Migne Patrologia latina 197, 1132.
3? ) ZrwVk. 3, 170. 38 ) Urquell N. F. 1, 269.
39 ) Bartsch 1 . c. 2, 165 fr. 4 <>) L. c. Nr. 771.
41 ) L. c. Nr. 770. 42 ) ZfVk. 1896, 183. 42 a) DG.
12, 147, 3. 43 ) ZfVk. 1900, 212. 44 ) Bartsch
1 . c. 2, 164, 774 b: Sollen die Vögel die Erbsen¬
beete schonen, so müssen die Erbsen an einem
Mittwoch oder Sonnabend vor Sonnenaufgang
oder nach Sonnenuntergang gelegt werden.
46 ) ZfVk. 1900, 212. 46 ) L. c. 47 ) Bartsch
1 . c. 165, 774 f.; Kuhn Märkische Sagen 382;
Wolf Beiträge 1, 222. 244. 48 ) Praetorius
De coscinomantia. L. 1677 Ei. 49 ) 1 . c. 40 ff.
80 ) Anthropophyteia 10, 132 fr. Eckstein.
Hummel.
1. Onomastisches. Wie die Hornisse
ist auch die H. (bombus terrestris) in den
meisten Sprachen nach dem Summen
benannt (mhd. humnien = summen).
Nhd. Hummel beruht auf mhd. humbcl ,
ahd. humbal. Vgl. holl, hommel, schwed.
humla, engl, humble bee, dän. humlebi 1 ).
Aus deutschen Mundarten seien angeführt
ndd. homerken , hummerken , hörmken
usw. 2 ), berg. humm, hommel , hommclke,
kümmelte usw. 3 ), tirol. hurnbl 4 ), kämt.
humpl b ), Etschtal: bumbl 6 ) (vgl. neu-
griech. ßopßuXioc, verwandt mit griech.
ßopßos, lat. bombus ,.dumpfer Ton") 7 ).
Hierzu engl.-dial.: bummelet , bumbler ,
bumbard, durnble, dumble-drane 8 ) (Ver¬
wechslung mit der Drohne). Pfälz.:
mummet , m. (zu mummeln = summen),
daneben humbler 9 ). Gottschee bietet:
umpl, humpl, wummel , humpu , hum 10 ).
Auf Verwechslung mit der großen Stech¬
fliege (tabanus, s. d.) scheinen zu beruhen
westf.-hess. brume 11 ), minden-ravensb.
brumse, brummet , brumm-wesse 12 ).
Auch in den romanischen Sprachen
sind die Namen der H. größtenteils schall-
nachahmend. So franz. bourdon 13 ) mit
seinen dialektischen Varianten: bourdou
(Tarn), boudon (Vogesen), bondon (Metz),
frondon (Franche-Comte) usw. 14 ); rumän.
bonzar , bunzar, bänzar, bonzäras, bon-
I zäroiü 15 ), rhätorrom. bummal (Davos) 16 ),
span, zdngano 17 ). Im Ital. (Schriftspr.)
heißt die H. pecchione ,,große Biene",
gtaon da mel ,,Honighornisse" (Verona) 17 ).
Sehr verbreitet sind auch maion ,,großer
Narr", matonsel ,, Närrchen" sgalao'n
mato ,,verrückte Hornisse" (von dem
tollen Hin- und Herfliegen) 18 ). Schall-
nachahmend sind wieder mail.
bsiol 19 ) sowie bisiün, bsiün (Vicenza) 20 ).
Verschiedentlich gilt die H. als Männchen
der Biene, daher afrz. malot, dial. franz.
maslot 21 ) (wohl < lat. masculus)\ nach
Sainean 22 ) jedoch schallnachahmend.
*) Heinzerling Wirbellose Tiere 5. 2 ) Hart¬
wig M..-Ravensberg 41. 3 ) Leithaeuser Volks¬
kundliches I/i, S. 16 f. 4 ) Dalla Torre Tier¬
namen 54. 6 ) Carinthia 96, 60. «) Dalla-Torre
a. a.O. 7 ) Edlingcr Tiernamen 58. 8 ) Rolland
Laune 13,56. 9 ) Heeger Tiere 2, 75. 10 ) Satter
Tiernamen 7. n ) Heinzerling op. cit. 5.
12 ) Hartwig op. cit. 41. 13 ) Sainean Etymo-
logies franyaises 2, 12. 14 ) Rolland op. cit. 3,
2 74 fd 13» 54 f- 15 ) Rum. Jahresb. 12, 136.
16 ) Rolland op. cit. 13, 56. 16 ) a. a. O.
17 ) Garbini Antroponinne 332. 18 ) a. a. O.
19 )Meyer-Lübke REWb. Nr. 1057. 20 ) Garbin 1
op. cit. 274. 21 ) Rolland op. cit. 3, 275; 13, 55.
22 ) Sainean op. cit. 2, 23.
2. Deutung des Summgeräusches.
Das Summgeräusch der H. wird in
Schwänken nicht selten mißverständlich
gedeutet. So z. B. in einem Gedicht von
Hans Sachs, wo ein Bauer in einem
Gefäß eine H. summen hört und dies
Geräusch für das Läuten einer Sturm¬
glocke hält 23 ). Dementsprechend nannten
die ,,Lutchen" bei den Wenden die
Glocken brumbaki. So heißen auch
Hummeln, Bremsen, Mistkäfer 24 ) (Vgl.
auch franz. bourdon ,,H." und ,,große
Glocke". Ähnlich piem. bombardun „Hor¬
nisse“ 25 ) und bombardone „Saxhorn") 26 ).
*- 3 ) ZfVk. 7, 286. 24 ) Schulenburg 278.
2S ) Garbini op. cit. 78. 26 ) Panzini Dizio-
nano moderno 71.
3. Hexenepiphanie. Die H. ist eine
häufige Seelenepiphanie und spielt daher
auch im Hexenglauben eine wesentliche
Rolle. Typisch ist der Fall, daß die
Seele der Hexe in H.gestalt aus ihrem
Körper fährt während dieser leblos im
Bette zurückbleibt. Bei ihrer Heimkunft
wird ihr die Rückkehr in den Körper un¬
möglich gemacht, sei es, daß dieser um¬
Hund
470
469
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il'i
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*
gedreht wurde 27 ), sei es, daß das Fenster
verschlossen war 28 ). In einer Variante
heißt es, die Hexe (= H.) sei fort ge¬
wesen, um „Blut zu saugen von einem
Manne droben im Dorf" 29 ) (Vampiris¬
mus). Die H. wird zur Hexe auch in
Beziehung gebracht in folgendem Volks¬
glauben: Läßt man eine Kerze von
H.wachs in der Kirche weihen und zündet
sie bei der Messe an, so müssen alle an¬
wesenden Hexen davon anzünden 30 ).
27 ) Vonbun Beiträge 83; Heer Altglarn.
Heidentum 41. 28 ) Vernaleken Alpensagen
128 fg. 29 ) Tobler Epiphanie 37. 30 ) ZfdMyth.
2. 427.
4. Seelenglauben. In H.gestalt er¬
scheinen auch Bösewichter zur Strafe
nach dem Tode 31 ). Im Voigtlande wird
ein aufhockender todbringender Geist,
„Großmutter" genannt, als H. unter
einen Stein gebannt, aus dem sie ihr
Summen hören läßt 32 ) (Vgl. franz.
grand-pere „Hornisse", Tourcoing 33 )).
Die Geisterh. wird auch in eine Dose oder
in ein Gehege gebannt 34 ). Überhaupt
nimmt die Seele gern die Gestalt einer
H. an 35 ). Unterirdisch surrende H.n sind
Totengeister 36 ).
31 ) Kühnau Sagen i, 449 fg.; 1, 448. 32 )
Laistner Nebelsagen 264. 33 ) Rolland Faune
13,51. 34 ) Kühnau a. a. O. 3<i ) Simrock
Mythol. 466. 36 ) Laistner a. a. O.
5. Teufelsepiphanie. Auch der
Teufel bedient sich der Gestalt der H.
Die Teilnehmer an der schwarzen Messe
empfangen anstatt der Hostie eine H. in
den Mund 37 ). Der aus dem Leib pur¬
gierte Teufel erscheint als H. 38 ).
37 ) Lütolf Sagen 359. 38 ) Me ich e Sagen
560 Nr. 695.
6. Krankheitsdämon. In Schwaben
scheint die H. als Krankheitsdämon ge¬
fürchtet zu sein; denn bei einer Vieh¬
seuche wird, damit diese nachlasse, eine
H. begraben 39 ). Als ein Mittel, die H.
am Stechen zu hindern, wird das An¬
halten des Atems empfohlen 40 ).
39 ) Birlinger Volkst. 1, 453. 40 ) Fogel Penn¬
sylvania 218 Nr. iioi.
7. Spiritus familiaris. Geld¬
machende Kobolde (spiritus familiaris)
erscheinen in Gestalt von H.n 41 ). Bei
Reiser 42 ) wird der dämonische Charakter
des spiritus familiaris ausdrücklich betont.
Eine am Georgitage gefangene und im
Geldbeutel getragene H. schützt dessen
Inhalt vor dem Versiegen 43 ).
41 ) Mannhardt Germ. Mythen 367; Meiche
Sagen 298 Nr. 387; 293 Nr. 381; Sommer
Sagen 33 Nr. 30. 42 ) Allgäu 1, 208. 43 ) John
Westböhmen 233; Egerl. 4, 33.
8. Honig. Nimmt man den H.n auf
dem Felde den Honig weg, ohne daß es
jemand merkt, und bringt ihn auf den
Altar, so wird man einen reichen Schatz
finden 44 ). Wird die H. nicht von ihrem
Honig befreit, so saugt sie sich ihn selbst
weg, stirbt aber daran 45 ).
44 ) Grohmann 84; Wuttke 411 § 639.
45 ) Rolland Faune 13, 60.
9. Böses Omen. Nach Liebrecht 46 )
bedeutet eine H., die ins Haus kommt,
Unglück und Armut.
46 ) Zur Volkskunde 328.
10. Wetterprophetie. In einer
fränkischen Sage erscheint die H. als
Frühlingsbotin. Leuten, die auszogen,
um den lang erwarteten Frühling zu
holen, gibt man ein hölzernes Häuschen
mit einer H. darin 47 ). Das Ausschwärmen
der H.n deutet überhaupt auf schönes
Wetter; bleiben sie bei ihren Löchern,
droht Regen 48 ). Wie bei den Vögeln, ist
auch bei der H. die Flugrichtung für die
Wetterprognose maßgebend. Sieht ein
Fischer in Guernesey eine H. in der Rich¬
tung seines Weges fliegen, erhofft er guten
Fischfang, fliegt sie in entgegengesetzter
Richtung, deutet dies auf geringe
Beute 49 ).
47 ) Panzer Beiträge 2, 173; Grimm Myth.
3, 202. 48 ) Rolland Faune 13, 60. 49 ) Op.
cit. 13, 31. Riegler.
Hund.
1. Trotzdem der H. das älteste Haus¬
tier ist und mehr als andere Tiere an dem
Menschen hängt, wird er mit großer aber¬
gläubischer Scheu betrachtet. Wegen
seines Spürsinns, seiner feinen Witterung
und Empfindlichkeit hält man ihn für
fähig, mancherlei Zukünftiges vorher
zu zeigen. Frißt der H. Gras, so gibt
es schlechtes Wetter x ); frißt er Schnee,
so kommt Tauwetter 2 ), ebenso wenn er
sich im Schnee wälzt 3 ). Seine nasse
Schnauze deutet auf gutes Wetter, bei
starkriechendem Fell aber gibt es Regen 4 ).
47i
Hund
472
Wenn ein H. unruhig allein auf der Straße
hin und her läuft, entsteht an dieser Steile
bald Streit 5 ). Läuft ein fremder H. ei¬
nem ungerufen nach, so bedeutet das
Glück 6 ). Das Rutschen auf dem
Schwanz, das sog. „Schlittenfahren“,
deutet auf Gäste 7 ); ebenso wenn der H.
sich im Zimmer wälzt 8 ). Überhaupt
schreibt man dem H. allgemein eine Vor¬
ahnung, ein Wittern zukünftiger Er¬
eignisse zu 9 ).
*) ZdVfV. 4 (1894). 82; 10 (1900), 209; 24
(1914), 95; ZrwVk. 1909, 141; Wolf Beitr. 1,
231; Andree Braunschweig 410; Unoth i, 184;
Pollinger Landshut 230; Rogasener Familienbl.
3 (1899), 40; Schramek Böhmerwald 243. 250;
John Westböhmen 213; Bartsch Mecklenburg
2, 209; Drechsler 2, 96; Strackerjan i, 23;
Fogel Pennsylv. 240 Nr. 1240; Müller
Iscrgebirge 15. 2 ) John Erzgebirge 251. 3 ) Ebd.
250; Dirksen Meiderich 49 Nr. 7. 4 ) John
Erzgebirge 250; Bartsch Mecklenburg 2, 209;
ZdVfV. 24 (1914), 59. 5 ) Bartsch Mecklenburg
2, 139. «) ZfdMyth. 3, 175; ZrwVk. 1909. 269:
„Wenn ich Geld hätte, liefen mir die Hunde
nach“ (Eifel); Drechsler 2, 96. 7 ) Drechsler
2, 96. 199; nach Fogel Penns. 84 Nr. 320 eine
Hochzeit. 8 ) Fogel Pennsylv. 92 Nr. 365;
Hopf Tierorakel 7 f. 20 f. 31 ff. 46. 55; Fogel
Pennsylv. 92 Nr. 366; Stähl in Mantik 210;
Baumgarten Aus d. Heimat 78 f.; John
Erzgebirge 232. ®) MschlesVk. 23 (1922), 73;
Böckel Volksl. XCIII.
2. Trägt ein H. einen Strohhalm quer
über dem Rücken, so deutet das auf
Brand 10 ). Im Angang bringt ein nicht
schwarzer H. Glück 11 ), nur nicht als erste
Begegnung im neuen Jahr 12 ); im Traum
bedeutet ein H. Verdruß 13 ). Beim Jäger
kommt es auf die Seite an: geht er links
und verrichtet er da dem Jäger zugedreht
seine Bedürfnisse, oder wälzt sich der H.
auf dem Weg zur Jagd, so hat der Waid¬
mann Glück 14 ). Auch heiratslustige Mäd¬
chen benutzen den H. zum Orakel: bellt
in der Andreasnacht kein H., so kommt
in dem Jahr kein Freier 15 ); aus der Ge¬
gend, woher in der Neujahrs- oder Weih¬
nachtsnacht das erste H.egebell tönt,
kommt der Zukünftige 16 ). In Schlesien
gibt das Mädchen dem H. ein Stück ihres
Mohnstriezels und jagt ihn auf die Gasse: i
wohin er läuft, von da wird der Freier
kommen 17 ). Sind mehrere Mädchen zu¬
sammen, so legt jede ein kleines Stück¬
chen Brot auf eine Bank und führt einen
H. heran: das Mädchen, dessen Brot der
H. zuerst frißt, heiratet zuerst 18 ). Beißen
sich H.e vor der Hochzeit, so schlagen sich
die Eheleute 19 ). Auch das Gebell gilt
als Eheorakel 20 ): aus der Richtung,
nach der er bellt, kommt der Bräutigam 21 ).
10 ) Strackerjan 1, 22. ll ) ZfrwVk. 1914,
258; Schönbach Berthold v. R. 32 f.; s. auch
Grimm Myth. 3, 323; Agrippa v. Nettes¬
heim 1, 254 ff.; Keller Grab 5, 382 f.
12 ) Bartsch Mecklenburg 2, 241; Schramek
Böhmerwald 124; John Westböhmen 27; Sar-
tori Sitte 3, 64; Fogel Pennsylv. 101 Nr. 417.
13 ) Rothenbach 45 Nr. 425. 14 ) ZdVfV. 1
(1891), 188; Frischbier Hexenspr. 155;
Strackerjahn 1, 22. Ein hinkender H. quer
über dem Weg bringt natürlich Unheil: Kohl-
rusch 339. 15 ) John Erzgeb. 141 f. 16 ) John
Westböhmen 213; John Erzgebirge 141; Urquell
N. F. 1897, 72; für Weihnachten Bronner
Sitt u. Art 17 f. ; ZföVk. 4 (1898), 214. 17 ) Drechs -
ler 25; Vernaleken Mythen 331. 18 )Hovorka-
Kronfeid 2, 176. 19 ) Grimm Myth. 3, 448
Xr. 433. 20 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 139;
Meiche Sagen 555 Nr. 685; Grimm Myth. 3, 470
Nr. 964; Jungbauer Bibhogr. 139 Nr. 831.
21 ) ZdVfV. 23 (1913). 384.
3. Einem Schwerkranken wischt man
den Schweiß mit einem Stück Brot oder
Speck ab; frißt der H. davon, dann wird
Genesung eintreten 22 ). Ebenso ist es
ein gutes Zeichen, wenn der H. den Kran¬
ken nicht meidet 23 ). Stirbt ein H. ohne
erkennbare Ursache, so ist das ein Vor¬
bote des Todes für die Besitzer 24 ). Scharrt
ein H. im Hof Löcher vor dem Hause, so
ist das gleichfalls eine Todesvorbedeu¬
tung 25 ); ebenso wenn ein schwarzer H.
um ein Haus dreimal herumläuft und
zum Friedhof läuft 26 ). Aus dem Sterbe¬
zimmer werden die H.e hinausgejagt 27 ).
Auch soll man sich während eines Ge¬
witters vom H. fernhalten, da der Blitz
gern nach ihm schlägt 28 ). Niemals darf
man auf einem H. reiten, sonst bekommt
man die Fallsucht 29 ). Auch dürfen junge
H.e nicht gleichzeitig mit neugeborenen
Kindern aufgezogen werden 30 ). Läuft ein
H. zwischen zwei Freunden hindurch, so
wird die Freundschaft getrennt 31 ). Man
soll in Gegenwart von H.en nicht von ihrem
Verkauf reden, denn sonst sterben sie 32 ).
Verbrennt bei einem Brand der H., so
wird das neue Haus bald wieder von einer
Feuersbrunst heimgesucht werden 33 ).
Von bösen Menschen nimmt ein H. kein
473
Hund
474
•St
Brot an 34 ). Für Fußtritte rächt sich der
H. und verursacht, wenn die Hausfrau
sie ihm versetzte, ihr eine Frühgeburt 35 ).
22 ) Meyer Baden 581; Birlinger Volkst. i,
494; ZdVfV. 4 (1894), 150; 8 (1898), 48; Groh-
mann 179; Hüser Beitr. z. Vk. 2, 28; Drechs¬
ler 2, 305; Urquell 4 (1893), 18; Höhn Tod 314;
Schild Großätti 1863, 123 Nr. 18. 23 ) Drechsler
2, 98; Schönbach Berthold v. R. 137; Ale¬
mannia 25, 43. 24 ) John Erzgebirge 113.
25 ) John Erzgebirge 113L; ZdVfV. 2 (1892),
179; 10 (1900), 209; Köhler Voigtland
386; Höhn Tod 308. 26) John Erzgeb. 113.
27 ) Meyer Baden 584; ZfrwVk. 1 (1904), 45.
28 ) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 15; ZfrwVk. 1910,
65. 29 ) Wuttke 309 § 453; Lammert 271;
Schönwerth Oberpfalz 1, 355; Panzer
Beitr. 1, 266, 332; Hovorka-Kronfeid 2,
213; ZdVfV. 13 (1903), 369. 30 ) Sartori 2, 128;
Wuttke 392 § 600; Strackerjan 2, 143
Nr. 374; 2, 204 Nr. 453. 31 ) Grimm Myth.
3,467^.894; ZdVfV. 12 (1902), 9; Wuttke
199 § 268; Strackerjan i, 23. 32 ) ZdVfV. 3
(1895), 416. 33 ) Strackerjan 1,22; Urquell 3
(1892), 108; Drechsler 2, 96; Grohmann 54;
John Erzgebirge 27; Grimm Myth. 3, 474
Nr. 1057; Schönwerth Oberpfalz i, 355.
84 ) John Westböhmen 213. 35 ) OberdZfVk.
2 (1928), 103.
4. Überhaupt gilt der H. als geister¬
sichtig 36 ); drängt er sich bei einem nächt¬
lichen Gang dicht an seinen Herrn, dann
sind, nur ihm sichtbar, Geister nahe 37 ),
und es gibt Mittel, durch ihn selbst Gei¬
ster zu sehen, indem man z. B. die Augen
mit den Tränen eines H.es bestreicht, oder
indem man zwischen seinen Ohren oder
Vorderbeinen von hinten her durch¬
schaut 38 ). Besonders aber ist es das kläg¬
liche Bellen, Winseln und Heulen i
des H.es, das Unheil und Tod ankündet 39 ).
Meist wird unterschieden, ob das Tier
beim Heulen den Kopf zur Erde oder nach
oben richtet: im ersten Fall bedeutet es
einen Sterbefall, blickt der heulende H.
aber nach oben, so brennt es bald 40 ).
Auch ist es ein übles Vorzeichen, wenn
das Heulen während des Glockenläutens I
geschieht 41 ). Besondere Zeiten, Mit¬
ternacht 42 ), Weihnachten oder Neujahr 43 ),
und die schwarze Farbe des Tiers ver¬
stärken das böse Vorzeichen. Auch
glaubt man wohl, daß dort der Todesfall
ein tritt, wohin das winselnde Tier die
Schnauze dreht 44 ). Starren die Tiere beim
Bellen den Mond an, so gibt es Krieg 45 ).
Vernimmt ein Kegelspieler H.e-Geheul,
so hört er auf, weil er kein Glück mehr
hat 46 ).
38 ) Grimm Myth. 2, 927; 3, 191; Mann¬
hardt 1, 406 ff.; Strackerjan 2, 144; ZdVfV.
13 (1903). 2630.; Urquell 1 (1890), 50; Kück
Lüneb. 242; Liebrecht Zur Vk. 23; Lütolf
Sagen 176; Kuhn Westfalen 1, 188 Nr. 206;
E. H. Meyer Germ. Myth. 108; Grohmann
186 f.; Stemplinger Abergl. 49; Rochholz
Sagen 2, 27 f.; Lammert 100; Sartori 2, 128;
Abt Apuleius v. Mad. 128; Drechsler 2, 95 f.
37 ) ZrwVk. 1914, 258. 38 ) Panzer Beitr.
1, 331; ZdVfV. 1 (1891), 191; 13 (1903). 267;
Urquell 3 {1892), 247; Strackerjan 1, 170;
Wuttke 198 § 268; Müllenhoff Sagen 571
Nr. 584; weiteres bei Wuttke 317 § 469.
39 ) Schon antiker Glaube: Homer Od. 16, 160;
Vcrg. Georg. I, 470; s. Stemplinger Abergl.
49; Hlg. Hildegard subtil. VII, 20: canis
ubi tristia futura sunt, tristis ululat; ZdVfV.
1 (1891), 156; 5 (1900), 54; 13(1903), 266; Mschles¬
Vk. 9, 102; 21, 145; SchwVk. 10, 32; Hart¬
mann Dachau u. Bruck 221 Nr. 72; Knoop
Hinterpommern 164; ZrwVk. 1913, *491
Strackerjan 1, 22, 168; 2, 144; Alemannia
24, 155; ZdVfV. 2, 179; 8, 34 f.; 13, 389; 22, 162;
23, 383 f.; 25, 43; Bartsch Mecklenburg 2, 125;
Urquell N. F. 1 (1897), 17; John Erzgebirge
113; ZfrwVk. 1905, 199; 1907, 270; 1908, 243 f.;
1909, 269; Hovorka-Kronfeld 1, 222;
Panzer Beitr. 1, 33 * f- 35 8 ) Reiser Allgäu 2,
435; Meier Schwaben 2, 489; Grohmann 54,
186 f.; Dirksen Meiderich 49 Nr. 7; Kühnau
Sagen 3, 509; Fogel Pennsylv. 105. 117L;
Gaßner Mettersdorf 79 ff.; Dähnhardt Volkst.
1, 99 Nr. 34; Kuhn Westfalen 2, 51 Nr. 141;
ZfdMyth. 1, 408 f.; Hüser Beitr. z. Vk. 2, 28;
(Keller) Grab 3, 62; 5,410!.; Estermann
Rickenbach 188 Nr. 4; Schmitt Hettingen 15;
Lütolf Sagen 553 Nr. 552; Pollinger Lands¬
hut 295; Enders Kuhländchen 83; Schulen¬
burg Wend. Volkst. 150; Urquell 4 (1893), 88;
Drechsler 1, 11. 285; 2, 96; Engelien u.
Lahn 278; Rothenbach 1876, 39 Nr. 346!.
399; Meyer Baden 577; Höhn Tod 3 ° 8 ;
Unoth 1, 183; Schramek Böhmerwald 243;
John Westböhmen 164; Wettstein Disentis
173; John Erzgeb. 232; ZföVk. 3 (1897), 12, 21;
Ackermann Shakespeare 75; Heer Altglarn.
Heidentum 23 h.; Schwebel Tod u. ew. Leben
119 f.; Alpenburg Tirol 342; Baumgarten
Aus d. Heimat 3, 101; Grimm Mythol. 2, 556; 3,
327. 439. 450; RA. 1, 108; E. H. Meyer Germ.
Mythol. 108; Staricius Heldensch. 351 f. ;
Götze Luther 15; Dinkelmann OberdZfVk.
2 (1928), 103; Rogas. Farn. Bl. 2 (1898), 48; 6
(1902), 27; Köhler Voigtland 378; Bräuner
Curiositäten (1737), 4991 - Tirol heißt ein
solcher H. Toadereara ,,Totenreger''; Wuttke
198 §268. 40 ) ZdVfV. 8 (1898), 35; 10, 209; 23,
183; 13, 266; SAVk. 7, 134; Urquell 3 (1892),
108; Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1019; SAVk.
21, 201; Panzer Beitr. 1, 331; Reiser Allgäu 2,
435; Pollinger Landshut 165; Bartsch
475
Hund
476
48
Mecklenburg 2, 139; Stracker j an 1, 22;
Wolf Beitr . 1, 231; Hartmann Dachau u.
Bruck 221; SchwVk. 10, 32; Unoth 1, 183;
Höhn Tod 308; Meyer Baden 577; Rothen¬
bach 1S76, 39; Köhler X'oigtland 380; John
Westböhmen 213; J ohn Erzgeb. 232; Engelien u.
Lahn 275; Drechsler 2, 96; Biriinger
Volkst.i, 117 ff.; Rogasener Farn. Bl. 2 (1898),
48; Müller Isergeb. 14; Messikommer 1, 190;
Haltrich Siebenb. Sachsen 291; Grabinski
Sagen 45. Die entgegengesetzte Ansicht,
Heulen mit nach oben gerichtetem Kopf be¬
deute einen Todesfall, finde ich nur bei Höhn
Tod 308; Rogasen. Farn. Bl. 2 (1898), 48.
Genesung bedeutet es nach Wolf Beitr. i, 225;
daß Heulen auf einen Hochzeitszug gehe, findet
sich nur ZdVfV. 23 (1913). 2S0 (Drage in Stapel¬
holm) angegeben. 41 ) SAVk. 2, 220; Schramek
Böhmerwald 243; Manz Sargans 118; Höhn
Tod 308; Drechsler 2, 9b. 42 ) ZrwVk. 1914, 239.
43 ) John Erzgeb. 232; Grimm Mythol. 3, 436
Nr. 67; ZfrwVk. 1908, 243; Wuttke 33 § 35;
Urquell 1,17. 44 ) Egerl. 3 (1899), 59; Urquell 1
(1890), 7; Panzer Beitr. 1, 332; Grimm Mythol.
3, 476 Nr. 1112. 45 ) ZföVk. 4 (1898), 21S.
48 ) OberdZfVk. 2 (1928), 104.
5. Man schützt sich gegen diese un¬
heilvolle Macht des H.gebells durch
Ausspucken 47 ) oder Zustopfen der Oh¬
ren 48 ). Auch gibt es mancherlei Mittel,
den heulenden H. zum Schweigen zu
bringen 49 ); man hält ihm z. B. das Herz
eines schwarzen H.es, in das man einen H.s-
zahn gesteckt hat, mit der linken Hand
vor 50 ), oder man ruft ihn mit seinem
Namen 51 ). Andererseits kann das Gebell
auch Dämonen verscheuchen und ab-
wehren 52 ). Damit mag der Vergleich
des Läutens mit H.egebell Zusammen¬
hängen; mit dem ,,großen H.“ wird ge¬
legentlich die Kirchglocke bezeichnet 53 ).
Um den H. vor Behexung zu schützen,
haut man ihm den Schwanz ab 54 ). Daß
im H. eine günstige Kraft steckt, geht
auch aus dem Glauben hervor, ein Kind
sehe gut, wenn ein H. es im Gesicht
leckt; auch sollen Wunden schnell hei¬
len, wenn H.e sielecken 55 ). Einen toten
H. muß man unter einem Obstbaum ein¬
graben, dann gedeiht dieser gut 56 ); oder
man wirft ihn hoch über den Zaun, dann
wird der Flachs hoch 57 ). Gelegentlich
hängt man wohl einen H.e-Kopf über die
Staiitür zum Schutz des Viehs 58 ). Auch
in das Bad eines Kindes legt man einen
H.sschädel 59 ) oder badet vorher einen
jungen H. darin 60 ). Besonderen Schutz
vor
vor Geistern bieten die ,,vieräugigen“
Tiere (s. §6) 61 ).
47 ) Hovorka-Kronfeld 1, 44. 48 ) ZfdMyth.
3 - 3 * 3 - Weiteres SAVk. 7 (1903), 52; A. de
Cock Volksgeloof i, 40; Wolf Beitr. 1, 259; 2,
336; Sartori 2, 129; ZföVk. 10 (1904). 100 ff.
49 ) SchwVk. 9, 10; DG. 17, 60; Fogel Pennsylv.
146 Nr. 679; Sartori 2, 129; MschlesVk. 13
(1905). 27; 17 (1907), 40; Oberd. ZfVk. 2 (1928),
105. 50 ) Engelien u. Lahn 275; ZdVfV. 8
(1898), 39 (Tirol); Biriinger Aus Schw. 1,435;
Drechsler 2, 97. Ähnliches ZdVfV. 1 (1891),
324. 51 ) Wuttke 198 § 268; 288 § 422.
52 ) Usener Kl. Schriften 4, 29 52 ; Köhler
Voigtland 386; Seligmann 2, 122; Pollinger
Landshut 137 28 . 53 ) Baumgarten Aus d.
Heimat 1, 66 f.; Stöber Elsaß 1, 105 Nr. 145;
Vonbun Beitr. 86. S. dazu auch ZdVfV. 7
(1897), 281 ff. und Schönwerth Oberpfalz 3,
273; Kuoni St. Galler Sagen 34. 54 ) Wuttke
434 § 68 °; Sebillot Folk-Lorc 3, 89 f.; Stracker-
jan I, 67. 55 ) ZdVfV. 13 (1903), 374; Wuttke
127 § 172; 350 § 524; 393 § 002; Höhn Ge¬
burt 276; Scyfarth Sachsen 240; Oberd. ZfVk.
2 (1928), 103. 56 ) John Westböhmen 214. 225;
Drechsler 2. 81; Wolf Beitr. 1, 220; Wuttke
427 § 6b8. S. auch Witzschel Thüringen 1,
148 Nr. 144. 57 ) Wuttke 422 §657. 58 ) Selig¬
mann 2, 123; E. H. Meyer Germ. Mythol.
108; Fogel Pennsylv. 156 Nr. 733 ff.; 173
Nr. 829; Meyer Baden 402; ZrwVk. 1905.
292; Schmitt Hettingen 15; Schroef 1 Mohn 62.
59 ) Gaßner Mettersdorf 10. S. auch ZdVfV. 11
(1901), 279. 60 ) Haltrich Siebenbürg. Sachsen
264. 6l ) Gräber Kärnten 93; Strackerjan 2,
144; E. H. Meyer Germ. Mythol. 108. Amulett
aus H.e-Zähnen bei Wilke Kulturbeziehungen 2
(Mannusbibliothek Nr. 10) 1923, 136.
6. Da der H. eine solch schützende, dä¬
monenabwehrende Macht darstellt, er¬
hält er gleich einem Hausgeist seine be¬
sonderen Gaben: vom Samstagskuchen ge¬
bührt ihm das erste Stück, manchmal
auch noch das letzte 62 ); auch vom
Weihnachtsgebäck und vom ersten Brot
aus der neuen Frucht bekommt er seinen
Anteil 63 ), ja er erhält sogar ein besonderes
Brot für die Dauer der Zwölfnächte 64 ).
Schüttet man vom Wasser, in dem man
sich gewaschen hat, dem H. etwas in
sein Fressen, dann wird er scharf und
wachsam 65 ); auch soll es gegen Mäuse gut
sein, wenn man den H. täglich aus einer
Suppenschüssel fressen läßt 66 ). Um
den H. an Haus und Herrn zu gewöhnen,
hat das Volk verschiedene Mittel: man
schneidet ihm z. B. ein Haar ab und trägt
dies bei sich im Schuh 67 ) oder reicht ihm
Brot, auf das man dreimal gespuckt, das
vom
man gekaut 68 ) oder mit seinem Schweiß, 1
namentlich dem Achselschweiß, getränkt
hat 69 ); man zieht dem Tier drei Haare
aus und legt sie unter das Tischbein in I
3, 391; 472 NT. 1010. 84 ) Sartori Sitte 3, 24.
S. auch MschlesVk. 9, 8; ZdVfV. 13 (1903), 265.
65 ) Meier Schwaben 2, 498. 6Ö ) Wuttke 399
§ 614 (Bayern). 67 ) Bartsch Mecklenburg 2.
137. Ähnlich Fogel Pennsylv. 146 Nr. 681;
der Küche 70 ); auch darf man für ihn
kein Futter vom alten Ort mitnehmen,
wenn er im neuen Haus bleiben soll 71 ).
Wenn man dem Jagdh. ein Katzenherz
zu fressen gibt, bleibt er stets bei seinem
Herrn 72 ). Mancherlei Mittel gibt es
gegen den Biß eines H.es: z. B. läßt man
die Wunde belecken, schneidet dem Tier
Haare aus dem Pelz und legt diese auf
die Wunde; dann soll sie rasch heilen 73 ).
Wer seinem H. ein Stück Brot hinhält und
gibt es ihm dann nicht, bekommt eine
Obcrd. ZfVk. 2 (1928), 103. 68 ) ZdVfV. 4
(1894), 83; ZrwVk. 1909, 269 (Eifel); John
Westböhmen 216. 68 ) Sc hu len bürg Wend.
Volkst. 115; Drechsler 2. 96; Grohmann 54;
Biriinger Volkst. 1, 118. 70 ) Strackerjan
i, 124; Drechsler 2, 96 f., s. noch weiter Pol¬
linger Landshut 157; Sartori 2, 128; Fogel
Pennsylv. 143NT.OÖ5; 144 NT. 670 ff.; Stracker¬
jan 2, 144. 71 ) John Erzgeb. 233. 72 ) ZdVfV.
8 (189S), 38 (Tirol); Hofier Organother. 241.
73 ) Bartsch Mecklenburg 2. 138; Köhler
Voigtland 429; Vernaleken Alpens. 399; Pol¬
linger Landshut 280; OberdZfVk. 2 (1928), 105;
Liebrecht ZVolhsk. 353 f.; Gerhardt Franz.
Novelle 83. Ein anderes Mittel Vernaleken
ringförmige Hautentzündung, den ,,Rü-
enring“, d.h. H.sring 74 ). Einen ähnlichen
Ausschlag, die ,,Hundspör“, bekommt
man, wenn man aus einem Gefäß ißt, in
das ein H. getreten war 75 ). Wenn man
den H. sein großes Bedürfnis befriedigen
sieht, muß man die Lippen lecken, dann
springen sie nicht auf 76 ). Schluckt ein
H. den Zahn eines Menschen, so bekommt
dieser an Stelle des alten einen H.s-
zahn 77 ). H.e mit schwarzem Gaumen
werden bissig 78 ); besonders wachsam
und treu sollen Tiere sein mit ,,Doppel¬
augen“ d. h. zwei gelben Flecken über den
Augen 79 ). Frißt ein H. Gras, so ist er
krank 80 ). In der Weihnacht darf man
keinen H. hinauslassen, sonst stirbt je¬
mand im Haus 81 ). Junge H.e darf man
nicht ..Ding“ nennen, sonst entwickeln sie
Alpensagen 370; Montanus Volksfeste 164 f.
74 ) Urquell 3 (1892), 212 (Westfalen). TS ) ZdVfV.
8 {1898). 288. 76 ) Urquell 3 (1892), 252 (Ost¬
preußen). 77 ) SchwVk. io. 33. 78 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 138 ff.; RogasenFambl. 4(1900),
34. Sie fürchten sich auch nicht vor Geistern
Meier Schwaben 1, 112. 79 ) RogasenFambl.
4 (1900). 34; ZdVfV. 13 (1903), 265. Dieser
Glaube ist auch bei den Slaven verbreitet; so¬
gar Rgveda 10, 14, n werden die Todesh.e
,,vieräugig“ (ai. svü caturaksas) genannt; s.
noch ZdVfV 1 (1891), 156. 80 ) SchwVk. 10, 34.
81 ) Wuttke 68 § 78 (Franken). 62 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 143. ,,Ding“ scheint Bezeich¬
nung für Hausgeist zu sein, wie in „Wichtel-
mann“ (zu ahd. wiht, got. waihts „Ding").
b3 ) Drechsler 2 96; John Erzgeb. 248; Oberd¬
ZfVk. 2 (1928), 104 84 ) Hovorka-Kronfeld 2,
109; Pollinger Landshut 157. 85 ) So der be¬
kannte ahd. Wiener H.e-Segen, s. Franz Bene¬
diktionen 2, 139; Buchmüller Beatenberg 154.
86 ) Megenberg Buch der Natur 103.
7. Man kann Krankheiten auf den H.
sich nicht gut 82 ). Scharf werden H.e, wenn
man ihnen am Weihnachtsabend drei
Bissen mit Knoblauch und Salz oder eine
weiße Zwiebel darreicht 83 ). In Schwaben
bindet man jungen H.en Weiden um den
Hals gegen Gelbsucht 84 ). Besondere
,,H.esegen“ sorgen für das Gedeihen der
Tiere 85 ). Der beste H. unter den Jungen
ist der, der zuletzt sehend wird, oder den
die Hündin zuerst beiseite trägt 86 ).
82 ) Rochholz Kinderlied 71; Drechsler 2,
96; Strackerjan 2, 143; Panzer Beitr. 2,
472 f. 527; Kuhn Mark. Sagen 378 Nr. 20;
Lütolf Sagen 333; Schönwerth Oberpfalz i,
408 Nr. 20. ® 3 ) John Westböhmen 15. 213;
Sartori Sitte 3, 33; Köhler Voigtland 361;
Bartsch Mecklenburg 2, 227; Müller Isergebirge
29. Den Osterlammknochen nach Grimm Myth.
übertragen 87 ): sieht das Tier einem über
die Schulter, dann geht die Krankheit
auf es über 88 ); man gibt die Nagelspitzen
vom Finger eines Fieberkranken dem H.
in Fleisch versteckt zu fressen oder läßt
ihn ein Stück Brot fressen, das man auf
die erhitzte Stirn gelegt hat 89 ), oder
das der Kranke gekaut hatte 90 ). Einen
Ausschlag kann man sich durch den H.
ablecken lassen 91 ). Auch wenn man
junge H.e zu sich ins Bett nimmt, dann
recht in Schweiß gerät und die H.e auf
die kranke Stelle andrückt, geht die
Krankheit auf die Tiere über 92 ); wenn
man etwas vom Urin des Kranken zu
i Mehl hinzutut und das daraus gebackene
1 Brot vom H. fressen läßt, wird ebenfalls
479
Hund
480
dieser Zweck erreicht 93 ). Bei Auszehrung
läßt man den Knaben mit einem H., das
Mädchen mit einer Katze zusammen baden,
oder man überschüttet den H. mit dem
Waschwasser des Kranken 94 ). Oder man
setzt dem H. einen Teller Milch vor,
trinkt zuerst davon und spricht dann:
,,Prost H., du krank und ich gesund“!
Wird dies dreimal wiederholt, so bekommt
der H. die Krankheit 95 ). Auch das aus
einem Aderlaß entzogene Blut gibt man
einem H., wodurch die Krankheit auf das
Tier übergeht 96 ). Aus dem Sterbezimmer
wird der H. ebenso wie die Katze hinausge¬
jagt 97 ); dagegen schützt ein H. im Zim¬
mer einen allein gelassenen Säugling vor
bösen Mächten 98 ). Beim Beziehen eines
neuen Hauses läßt man zuerst einen Hund
oder eine Katze hineingehen 99 ); aus ähn¬
lichem Grund jagt man beim ersten Aus¬
trieb des Viehs aus dem Stall einen H.
oder eine Katze vor 100 ). Um Geister zu
vertreiben, wirft man einen H. ins
Feuer 101 ).
* 7 ) Boeder Esthen 60; Wuttke 127 § 172;
345 § 5 * 4 - 88 ) Andree Braunschweig 376.
89 ) Lämmer t 262 (Bamberg). Ähnliches
ZdVfV. 8 (1898), 39; Hovorka-Kronfeld 2,
336; Höhn Volksheilk. j, 156; Jühling Tiere
78 f. *°) Wuttke 327 § 458; Strackcrjan
1, 82. 91 ) Pollinger Landshut 291; s. auch
ZdVfV. 8 (1898), 450; ZrwVk. 1913, 189.
® 2 ) Strackerjan 1, 82; Hovorka-Kron¬
feld 2, 124. 129; Lammert 268. ® 3 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 109. 324; Lammert 263 f.; ähn¬
lich Pollinger Landshut 284; Schönbach
Berthold v. R. 137; Lammert 244. 94 ) Wutt¬
ke 327 § 486 (Böhmen); Hovorka-Kronfeld
2, 56; Jühling Tiere 79. 95 ) Kuhn Westf.
2, 204; Strackerjan 1, 71; Bartsch
Mecklenburg 2, 395; OberdZfVk. 2 (1928), 104.
98 ) Lammert 200. 97 ) Wuttke 461 § 729
(Baden, Schweiz). 98 ) Schulenburg 107.
b9 ) Wuttke 301 § 440; Drechsler 2, 2; H. u.
Hahn bei Panzer Beitr. 1, 332; 2, 472. 10 °) John
Erzgeb. 228. 101 ) Baumgarten Aus d. Heimat
1, 19: Niderberger Unterwalden 1, 63. 65.
8. Dies leitet zu Gebräuchen über, die
ein Opfer des H.s enthalten 102 ). So war
es üblich, einen jungen blinden H. lebend
unter die Stalltür oder Futterkrippe zu
vergraben, um Krankheiten des Viehs
zu verhüten und seinen Wohlstand zu
stärken 103 ), in ähnlicher Weise dienen H.e
als Bauopfer 104 ). Bei Deichbruch wurde
in Dithmarschen 1579 ein lebender H.
in den Riß geworfen 105 ). Am Weihnachts¬
morgen wirft man, bevor das Vieh ge¬
tränkt wird, einen H. in das Trinkwasser,
damit es nicht räudig werde 106 ); ähnlich
verfährt man in Mecklenburg bei Frost 107 ).
In heidnischer Zeit wurden H.e den Göt¬
tern geopfert (so in Upsala, Adam v.
Bremen c. 27, oder in Lejre, Thietmar v.
Merseburg I, 17). Auch als Korndämon
wird der H. vorgestellt; der Drescher der
letzten Garbe erschlägt den „Korn¬
mops“, „Dreschhund“, „Kiddelhund“,
„Stadelpudel“ 108 ) usw. Auch die meck-
lenburg. Redensart „he geit as de H.
in de Twölften“ deutet wohl auf ein
einstiges Opfer 109 ). Sogar Brote in Form
eines H.s kommen vor no ). Tatsächlich
findet sich der H. als Grabbeigabe m ).
Die mittelalterliche Sitte, einem zum Er¬
tränktwerden verurteilten Verbrecher ei¬
nen H. in den Sack mit hineinzustecken,
mag ursprünglich als eine Art Opfer ge¬
dacht worden sein 112 ).
102 ) Grimm Mythol. 3, 26. 504; E. H. Meyer
Germ. Mythol. 108. 198; Jahn Opfergebräuche
343; Stengel Opfergebr. 235; Usener Kl.
Schriften 4, 305; Wissowa Relig. 603; Mann*
har dt Forschungen 74. 102; ARw. 2, 69; Kuhn
Westfalen 2; Panzer Beitr. 2, 521 ff. 138;
Roch holz Gaugöttinnen 22; Koch Sieben -
Schläfer 65; Liebrecht ZVolksk. 22 f. 350; Hof¬
ier Organoth. 67 t 72. 103 ) Grimm Myth. 3,
461 Nr. 755; Wuttke 299 §439; 436 § 686;
450 §711; John Westböhmen 204. 213; Selig¬
mann 2, 122; SAVk. 25, 4; Kuhn Märk .
Sagen 379 Nr. 26; Lohmeyer Saarbrücken 13.
104 ) Grimm Mythol. 2, 956; Meiche Sagen 444
Nr. 580; Seligmann 2, 122; Drechsler 2,2.
105 ) Maack Lübeck 59. 106 ) Wolf Beitr. 1, 17.
2,137; Bartsch Mecklenburg 2, 228; Maack
Lübeck 18; Sartori Sitte u. Br. 3, 33; Wuttke
127 §172; Höfler Organoth. 164. 107 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 228. 108 ) Sartori 2, 101 (Tirol).
106; Mannhardt Forsch. 29 ff. 103 ff. 297;
Panzer Beitr. 2, 515 t.; Hoops Reall. 3,92;
Frazer 7, 271 ff. 109 ) Bartsch Mecklenburg 2,
139 - no ) Höfler Fastengebäcke 25; Weih¬
nacht 65; DG. 1, 150; als Speisename
findet sich H., s. Panzer Beitr. 2, 527;
Rochholz Gaugöttinnen 23. m ) Höfler Or-
ganother. 70 (Lit.!); ZdVfV. 13 (1903), 368;
E. H. Meyer Mythol. in ff. 112 ) Der Scharf¬
richter mußte den ersten Beamten jährlich ein
Paar Handschuhe aus H.eleder schenken:
Strackerjan 2, 144.
9. Von Zauberhandlungen mit dem H.
möge erwähnt sein, daß man Feindschaf¬
ten stiften kann, wenn man zwei Men-
Hund
482
48I
sehen auf in des Teufels Namen abge¬
schnittenen H.ehaaren schlafen läßt n3 )
oder ihnen einen Stein unter den Tisch
legt, worein ein H. gebissen hat 114 ). Ein
betrogenes Mädchen sperrt während der
Hochzeit des Ungetreuen einen H., eine
Katze und ein Huhn zusammen, dann gibt
es auch in der neuen Ehe Unfrieden 115 ).
Will ein H. sein Bedürfnis erledigen, und
man hakt die Zeigefinger der Hände zu¬
sammen, dann kann er es nicht, er ist
„geknüpft“ 116 ). Wer eine Alraunpflanze
graben will, bindet sie an den Schwanz
eines ganz schwarzen H.s, dem er dann ein
Stück Fleisch vorhält; beim Zuschnappen
zerrt er die Zauberwurzel aus der
Erde 117 ).
Nahe dem Zauber kommt die Verwen¬
dung des H.s in der Volksmedizin, wo¬
für wir hier nur einige Beispiele geben
können ll8 ). H.efleisch, bes. auch die
Lunge, ist gut gegen Schwindsucht 119 ),
wogegen ganz allgemein auch H.efett
benutzt wird 120 ). Weißer H.ekot gilt
als gutes Heilmittel gegen Asthma, Fie¬
ber, Geschwülste und Geschwüre 121 ), na¬
mentlich wenn er um Johannistag ge¬
sammelt ist. H.efett heilt besonders
Frostbeulen 122 ), spielt aber auch im
Liebeszauber eine Rolle 123 ) und dient zum
Einreiben bei Quetschungen und Wunden.
H.eblut macht kranke Tiere gesund und
schützt ein Haus, wenn es beim Anstrei¬
chen mit verwendet wird, vor Krank¬
heiten 124 ). H.emilch gebraucht man gegen
Flechten oder als Haarwuchsmittel 125 ).
Ein frisch abgezogenes H.efell hilft gegen
Gicht 126 ), H.eknochen werden zu Pulver
verbrannt; das verwendet man gegen
Gliedwasser 127 ), streute es wohl auch
unter das Schießpulver 128 ). Gegen Epi¬
lepsie gebrauchte man die Galle eines
H.s 129 ). Auch Hoden, Hirn, Herz, Milz,
Zunge und Geifer werden in der Volks¬
medizin verwandt, so daß Brehm den
H. mit Recht eine wandelnde Apotheke
nannte 130 ). H.ehaare darf man nicht
verschlucken, sonst verursachen sie
hartnäckige Magenleiden 131 ); zwischen
Strumpfwolle verarbeitet schützen sie
vor Podagra 132 ), in der Tür schwelle ver¬
graben haben sie dämonenabwehrende
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Kraft 133 ). Der Genuß von H.efleisch ist
bei den Germanen ganz selten gewesen 134 ).
113 ) Bartsch Mecklenburg 2, 354; Grimm
Mythol. 3,441 Nr. 213; s. auch Urquell 3 {1892),
271. 114 ) ZfdMyth. 3, 321. 115 ) Grohmann 211.
116 ) Drechsler 2, 256 ff. U7 ) OberdZfVk,
2 (1928), 102 f. 118 ) Literatur: Jühling
Tiere 71 ff.; Hovorka-Kronfeld i, 203. 204.
247. 220 ff. 247; 2,11. 29. 46h 61. 82. 107. 154. 211.
360; Höfler Organotherapie 68ff. 162L 163 f.
199 f. 263 f. 269; ZfVk. 8, 39; Höhn Volks¬
heilk. i, 94. 119 ) Stoll Zaubergl. 87 f. ; ZrwVk.
1905, 284; 1909, 270; ZföVk. 13 (1907), 130;
ZdVfV. 10 (1900), 50; Seyfarth Sachsen 296;
Andree Braunschweig 422; Bartsch Meck-
lenb. 2, 139. 12 °) Hovorka-Kronfeld 1, 222;
Lammert 245; Seefried-Gulgowski 204;
Höfler Or ganother . 70; Fritsch Tiere im
Aberglauben m; Seyfarth Sachsen 297.
121 ) ZdVfV. 8 (1898), 39 f.; 24 (1914), 296 f.
301; Hovorka-Kronfeld 2, 191. 398;
Bartsch Mecklenburg 2, 109; Urquell 1, 137; 3,
68 (Ostpreußen); Fogel Pennsylvan. 313
Nr. 1666; Schönwerth Oberpfalz 3, 264;
Lcssiak Gicht u8f.; Mannhardt Forschun¬
gen 103; Strackerjan 2, 144; Manz Sargans
76. 122 ) Manz Sargans 68; Zahler Simmental
69. 78; s. auch ZdVfV. 8, 39; Hovorka Kron-
feld 2, 45. 123 ) Kühnau Sagen 3, 17fr; Ur¬
quell 6, 13; ZrwVk. 1909, 270; Drechsler 2,
307. 124 ) Hovorka-Kronfeld 1, 221; Wolf
Beitr. 1, 227; Grimm Myth. 3, 344; Megen-
berg Buch der Natur 103; Seligmann 2, 122;
Urquell 3 (1892), 271. 125 ) Alemannia 7 {1879), 80;
Herdi Käse 14; Fischer Angelsachsen 38;
Drechsler 2, 98; Birlinger Volkst. 1, 485.
1£6 ) ZrwVk. 1909. 270; Megenberg Buck
d. Natur 103; Hovorka-Kronfeld 1, 222,
auch wohl gegen Fieber, Urquell 3 (1892), 271.
127 ) ZdVfVk. 8, 39 (Tirol). 128 ) Staricius
Heldenschaiz (1679) 143 ff. l2a ) Höfler Or¬
ganoth. 200; Jühling Tiere 79. 341 f.; Groh¬
mann 176; Wuttke 355 § 532. 13 °) Hovorka-
Kronfeld i, 220. 131 ) ebd. 2, 126; Lammert
253. 132 ) Bartsch Mecklenburg 2, 139 f.
133 ) Fogel Pennsylv. 165 Nr. 676. 134 ) S. dazu
Hoops Reallex. 2, 570; Schrader-Nehring
Reallex. 1, 516.
10. Gefährlich kann der treue Gefährte
des Menschen durch die Tollwut (s. d.)
werden; man wendet dagegen das Mittel
an, das überhaupt gegen Beiß wunden
durch H.e gebraucht wird (s. §6), nämlich
man schneidet dem Tier Haare ab, gern vom
Nacken, und legt sie auf die Wunde 135 ).
Zur Verstärkung gibt es viele Formeln
und „Segen“, womit man bespricht 136 ).
Dann soll namentlich der Genuß der Le¬
ber 137 ) und besonders des Herzens 138 ) des
kranken Tiers nützlich sein. Gegen Biß
schützt man sich, indem man einen ge-
16
483
Hund
485
Hund
486
weihten Gegenstand bei sich führt 139 ); auch
wenn man das Herz, die Zunge oder einen
Zahn eines H.es, namentlich eines schwar¬
zen H.es, bei sich trägt, wird man nicht
von einem H. gebissen 140 ). Natürlich weiß
das Volk auch Mittel, die einen H. vor der
Tollwut schützen: man läßt ihn Frauen¬
milch trinken 141 ) oder durch einen Drei¬
fuß fressen und saufen 142 ), in Mecklenburg
gibt man dem H. auf Weihnachten, Neu¬
jahr und Dreikönigsabend geschabtes
Silber auf ein Butterbrot, in Nordböhmen
eine Honigsemmel gegen die Tollwut 143 );
ja man glaubt, daß der Teil, den der H.
vom Weihnachtsmahl abbekommt, ihn
ebenfalls vor der Krankheit schütze 144 ).
Auch versucht man es mit einer ,,Zettel¬
kur“, d. h. man gibt dem Tier Papier¬
streifen mit magischen Buchstaben in
Brot eingehüllt zu fressen 145 ); auch durch
Schaukeln der H.e sucht man den bösen
Geist zu vertreiben. Ein H., der in der
Weihnachtsnacht heult, wird im selben
Jahr noch toll 146 ). Gefeit gegen die Wut
ist ein Tier, das an den Vorderfüßen die
,,Sporen“, d. h. kleine Hornansätze hat 147 ).
Anderswo schlägt man wohl auch am
Weihnachtsabend einem H. mit Stein
und Stahl Funken gegen die Augen I48 ).
Besonders ist die Sitte interessant, dem
H. den Namen eines Flusses zu geben aus
dem Grund, daß er nicht tollwütig wer¬
de 149 ): daher Namen wie ,,Strom“, ,,Rin“
im Reineke Voß, ,,Donau“ in Bayern,
,,Maros“ in Ungarn u. dgl. Zugleich
schützen solche Namen vor der Wasser¬
scheu 15 °). Die Tollwut soll daher kommen,
daß ein H. Lerchen frißt, die im Frühling
vom Sturm gepackt aus der Luft fal¬
len 151 ).
13s ) Staricius Heldenschatz (1679) 526;
Alemannia 5 {1877), 62; Wuttke 341 § 517;
Bartsch Mecklenburg 2, 138; ZfVk. 29, 44;
Wolf Beitr. 1, 225; Megenberg Buch d. Na¬
tur 103 f.; Knoop Hinterpommern 162; Jüh-
ling Tiere 75. 79; Strackerjan 1, 93; Schmitt
Hettingen 16; Bohnenberger 21; Seyfarth
Sachsen 295; Fritsch Tiere im Abergl. in;
Andree Braunschweig 420; noch besondere
pflanzliche Heilmittel s. bei Rochholz Gau¬
göttinnen 23; Heyl Tirol 24 Nr. 26; ZföVk. 4
(1898), 218; G. Schmidt Mieser Kräuterbuch 2
Nr. 3; ZrwVk. 1909, 269; Hovorka-Kron-
feld 1, 222; Megenberg Buch d. Natur 103.
lu ) ZdVfV. 22 (1912), 284; Schulenburg 105;
Frischbier Hexenspr. 67; Baumgarten Hei¬
mat 1, 79; Köhler Voigtland 408. 137 ) Waibel
u. Flamm 2, 315 f.; Strackerjan 1, 93;
Höfler Organother. 240. 138 ) Höfler Organother.
240. 13d ) ZrwVk. 1909, 269. 14 °) Höfler Or¬
ganother. 240; Staricius Heldenschatz 27 f.;
ZdVfV. 13 (1903), 272; Wuttke 306 § 430’;
Grohmann 54. 141 ) Hovorka-Kronfcld 1.
222. 142 ) Meyer Abergl. 223; ZfdMyth. 3> 312I
143 ) Bartsch Mecklenburg 2, 138 f.; Leh¬
mann Sudetend. Vk. 142. 114 ) Höfler Weih¬
nacht 25; Rogascn. Famil. Bl. 6 (1900), 34.
14ä ) Drechsler 2, 97. Zum Schaukeln s. ZdVfV.
9, 61; Zauberformeln bei John Erzgeb. 233.
146 ) Meyer Abergl. 223. 14T ) RogasenFamBl.
4 (1900), 34. 148 ) Grohmann 54. 1 4 ») Groh¬
mann 54; Meyer Baden 135. 409!.; Zfd-
Philol. 31, 501; Mschles.Vk. 18 (1917), 138 ff.
Germania 31 (1886), 246; Strackerjan 1, 67
Bartsch Mecklenburg 2, 139; Seligmann 2
236; ZdVfV. 10 (1900), 54; Schulenburg 162
Sartori 2, 128; Drechsler Haustiere 8.
Reu sc hei \ k. 1, 59; Fogel Pennsylv. 143
Nr. 668. 15 °) Grohmann 54; Kuhn West¬
falen 2, 94 Nr. 294; Kuhn u. Schwartz 451
Nr. 388; Vernalekcn Alpensagen 16 ff.; Straf-
forello Errori 61 ff. 131 ) OberdZfVk. 2 (1928),
104.
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t:
*
*
*
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ix. Auch der Blick des H.s kann schäd¬
liche Kraft haben: so glaubte man im
Mittelalter, daß kein Brot gut gebacken
werden kann, wenn ein H. in den Backofen
sieht 152 ). Diese dämonische Natur des
H.s äußert sich in vielen Sagen und
Geschichten von H.en mit glühenden
Augen 153 ) und meist von schwarzer
Farbe 154 ), oft von Riesengröße: es sind
Begleiter von Unholden 155 ), ja der
Teufel wählt selbst gern die Gestalt
eines schwarzen H.s 156 ), und alle mög¬
lichen dämonischen Wesen, Hexen, Zau¬
berer, arme verwünschte Seelen, Ge¬
spenster usw., tun es ihm nach 157 ).
Sehr häufig hütet in solchen Sagen ein
schwarzer, unheimlicher H. einen
Schatz 158 ); sogar von „feurigen“ H.en
berichten manche Volkserzählungen 159 ),
während weiße gespenstische H.e seltener
erwähnt werden 16 °). Seelen erscheinen
in H.sgestalt, und man braucht nur an
das wilde Heer zu erinnern, um das Alter¬
tümliche solcher Geschichten zu erfas¬
sen 161 ): die H.e des wilden Jägers, des
Hackeiberend, sind ja bekannt. Namen
für solche dämonischen H.e sind z. B.
„Welth.“ 162 ), „Rufelih “ 163 ), „Klüp-
pelh.“ 164 ), „Klimperh.“ 165 ), „Knüppel-
rüen“ 166 ). Ein H. aus der wilden Meute
bleibt wohl zurück und frißt nur Asche;
im nächsten Jahr stürmt er der wilden
Jagd wieder nach 167 ). Es gibt dann noch
zwei Gruppen von Sagen, die hier er¬
wähnt werden mögen: einmal über die
Herkunft und Eigenart des H.s 168 ), so¬
dann die über manche Geschlechter, in
deren Geschichte ein H. eine Rolle ge¬
spielt hat 169 ). Auch der H. als Wappen¬
tier wäre zu beachten 170 ).
152 ) Rockenphilos. 1, Cap. 32; Seligmann
1, 123; Grimm Mythol. 3, 435 Nr. 32;
Müller Jsergebirge 13 f. 153 ) Z. B. Reiser
Allgäu 1, 277; Strackerjan 1, 311. 315; 2,
286; Meiche Sagen 144 Nr. 191; 152 Nr. 30;
406 Nr. 533; Kühn au Sagen 1, 305. 325. 308 ff.;
Grohmann 197; Panzer Beitr. 1, 39; 2, 305;
Gand er Niederlausitz 98. 174; Meyer Baden
355; Kuoni 29; Neues Soloth. Wochenbl. 1
(1911), 427; Birlinger Volkst. 1, m; Bartsch
Mecklenburg 2, 231; Amersbach Lichtgeister
17 f.; John Erzgebirge 131; ZfrwVk. 1909, 270;
1914, 281; ZdVfV. 8 (1898), 264; Alemannia
25, 34; Lehmann Sudetend. Vk. 112.
* 51 ) Z. B. Reiser Allgäu 1, 281; Wolf Beitr.
2, 229; Strackerjan 1, 226 ff. 230. 233. 312L;
2, 289. 296. 319; Grohmann 53. 187; Sagen
234 f.; Herzog Schweizersagen 1, 18 ff.; Kühnau
Sagen 1, 294 ff. 301. 307. 329 ff. 489 ff.;
Schell Berg. Sagen 429 Nr. 21; Panzer Beitr.
1, 66. 145 f. 203 f.; Urquell 2 (1891), 206;
Kohlrusch 330; Kuoni 33; Bartsch
Mecklenburg 1, 135 ff. 182; Köhler Voigtland
503; Brauner Curiositälen 1737, 761; Agnppa
v. Nettesheim 1, 194; John Westböhmen 16;
Knoop Hinterpommern 100; Sebillot Folk-
Lore 4, 440; Meiche Sagen 50 Nr. 45;
Schambach u. Müller 361 Nr. 210; Frazer
12, 246; SAVk. 2, 226 f. 271; 24, 128; ZdVfV.
6, 440; 7, 130 f.; 9, 259 ff.; 13, 267; 23, 60 f.;
ZrwVk. 4, 281; Amersbach Grimmelshausen
2, 51; Fischer Angelsachsen 28 ff.; Jahn
Opfergebr. 12. 155 ) Rochholz Gaugöttinnen 20;
Birlinger Volkst. 1, 15. 169. 503; Schulen-
burg Wend. Volkst. 63 f.; Lütolf Sagen 461 ff.;
Heyl Tirol 21 Nr. 20; Ranke Volkssagen 84;
Schönwerth Oberpfalz 1, 267; Müllenhoff
Sagen 364 b; Eisei Voigtland 136 Nr. 362;
Wolf Beitr. 2, 137 f. 414; Kühnau Sagen 2,
453 f. 463 f.; Rochholz Sagen 2, 102.
156 ) Z. B. Strackerjan 1, 314. 316; 2, 144;
Meiche Sagen 56 Nr. 61; Soldan-Heppe 2,
250; Niderberger Unterwalden 2, 104 f.;
Maas Mistral 16; Baumgarten Heimat
1, 74; ZdVfV. 7 (1897), 189. 157 ) Z. B. Kuoni
St. G aller Sagen 19. 69. 219; John Erzgebirge 233;
Wolf Beitr. 2, 344; Hertz Werwolf 77;
Müllenhoff Sagen 190 ff. 229; Rochholz
Naturmythen 85 ff.; E. H. Meyer Germ. Mythol.
108; Fogel Pennsylv. 139 Nr. 641; Schön¬
werth Oberpfalz 1, 356. . 438; Lauffer
Niederd. Vk. 79; Meiche Sagen 55. 60. 174
Nr. 237; Heyl Tirol 489 Nr. 52; Schell
Berg. Sagen 50. 130. 133. 140. 301. 318; Lütolf
Sagen 163. 463. 519 f.; Lenggenhager 18 ff.
26 ff. 57 ff.; Keusch Samland Nr. 44 f.;
Niderberger Unterwalden 2, 84. 93 ff.; Kuhn
Mythol. Studien 2, 128; Rochholz Sagen 2,
29. 120 f.; Birlinger Aus Schwaben 1, 199;
Kuhn Westfalen 1, 224. 354; Vernaleken
Alpensagen 268 ff.; Schambach u. Müller
187. 193 ff. 231; Mannhardt Germ. Mythen 216;
Knoop Posen. Märchen 20 ff.; Grimm Sagen
86 Nr. 95; Schmitz Eifel 2, 33; Schönwerth
Oberpfalz 3, 194; Haupt Lausitz 1, 150 ff.;
Fient Prättigau 132; Eisei Voigtl. 133 f.;
Reiser Allgäu 1, 280. 284; Kühnau Sagen 1,
618; 2, 243. 302; Sklarek Märchen 293; Kohl¬
rusch 273. 371; Köhler Voigtland 503; Binde¬
wald Sagenb. (1873) 209!.; Abt Apuleius v.
Mad. 52; Waibel u. Flamm 2, 126; Pollinger
Landshut 127 ff.; Strackerjan 1, 227. 291.
314; 2, 144. 303. 323 b. 476!?.; Grimm Mythol.
2, 918; SAVk. 3, 301 ff.; ZdVfV. 3, 171. 174;
10, 54; 23, 148; Alemannia 25, 34; MschlesVk.
15, 214; ZrwVk. 1909, 270; 1914, 281. Erlösen
kann man einen verzauberten H. durch drei
Schläge: Kuoni St. Galler Sagen 42; Herzog
Schweizersagen 2, 185. 15B ) Z. B. Birlinger
Aus Schwaben 1, 260; Kuhn Westfalen 1,
343 - 347 ; Mannhardt Germ. Myth. 198;
Vonbun Beitr. 105; Grohmann Sagen 236t.;
Herzog Schweizers. 2, 64f.; Kuhn u. Schwartz
122; Panzer Beitr. 1, 288 ff. 330; Bartsch
Mecklenburg 236. 240. 248 b; Gräber Kärnten
115; Wolf Beitr. 2, 415; John Westböhmen 214;
ZrwVk. 4, 282; E. H. Meyer Germ. Mythol.
108; Grimm Mythol. 2, 816; ZrwVk. 1914,
258; Hüser Beitr. z. Volksk. 2, 20; Gräber
Kärnten 107. 159 ) Kuhn Westfalen i, 66. 357;
Kühnau Sagen 1, 5i5ff; Panzer Beitr. 1, 64;
Bechstein Thür. Sagenb. 2, 127; Meiche
Sagen 59 Nr. 68; Andree Braunschweig 376.
379; Köhler Voigtland 525; ZdVfV. 21, 286;
ZföVk. 23, 123f. 16 °) Z. B. Wolf Beitr. 2, 196,
414; Kühnau Sagen 1, 244; Frazer 12, 246;
Knoop Hinterpommern 54; Reu sch Samland
Nr. 44; Wittstock Siebenbürgen 62; ZdVfV.
1, 427; SAVk. 25, 182. 181 ) E. H. Meyer
Germ. Mythol. 237 ff.; Plischke Sage v. wilden
Heer, Lpz. Diss.; OberdZfVk. 2 (1928), 105;
Ranke Volkssagen 78. 83 f.; Quitzmann
Baiwaren 44; Lohmeyer Saarbrücken 15;
Grohmann Sagen 230; Mann hart Germ.
Mythen 218. 301; Kühnau Brot 26; Reu sch
Samland Nr. 87; Mannhardt Götter 52. 111;
MschlesVk. 16, 94 ff.; Brandstetter Wuotan-
sage 147; Hertz Elsaß 196 f. 35; Kuhn u.
Schwartz 276. 503; Schönwerth Oberpfalz
2, 157; Laistner Nebelsagen 156 f.; Scham¬
bach u. Müller 347 f.; Heyl Tirol 518 Nr. 85;
Kuhn Westfalen 1, 2 Nr. 1; 1, 5 Nr. 7; 1, 35
Nr. 33; 2, 12 Nr. 25; 10 Nr. 15; Landsteiner
Niederösterreich 25; Rochholz Sagen 1, 383;
Meyer Abergl. 141; Kuoni St. Galler Sag. 28;
Ranke Volkssagen 77; Herzog Schweizersag.
487
Hund
488
2, 93; Müllenhoff Sagen 369. 372; Bech-
stein Thür. Sagenbuch 2, 142; Gräber Kärnten
79; Urquell 5, 136; Wolf Beitr. 2, 414; Grimm
Mythol. 2, 773; Heyl Tirol 347 Nr. 1; 351
Nr. 20; Schweda Wilder Jäger 21; Witzschcl
Thüringen 2, 831.; Zahler Simmenthal 23;
Haupts ZfdA. 6, 117; Meiche Sagen 407 f.;
Koch holz Gaugöttinnen 18; Eisei Voigtland
117 i- lfl2 ) Rochholz Sagen 2, 34; Maack
Lübeck 86 f. 1#3 ) Rochholz a. a. O. 2, 37;
Heer Altglarner Heidentum 13 f. 144 ) E. H.
Meyer Germ. Myth. 240; Kuhn Westfalen 1,
142 Nr. 148 d; ZdVfV. 13, 371. 267 (Westfalen);
Grohmann 187. 165 ) ZdVfV. 7, 281. 1## ) ZrwVk.
1914, 281. — Weitere Namen wie Valeish.,
Töberh., Kappelih., Ribih. s. bei Kuoni St.
Galler Sag. 21 ff. 61. 82. 90 t. 124. 219; Kohl¬
rusch Schweiz. Sagen 276 f.; Lenggen hager
18. 50; Heer Altglarn. Heidentum 15 f.
1#7 ) Höfler Weihnacht 9; Wolf Beitr. 2, 139;
ZföVk. 9 (1903), 202; Kuhn Westfalen 1, 1. 6;
Stöber Elsaß 1, 12 Nr. 18; s. auch Eckart
Südhannover. Sagenbuch 194; Panzer Beitr. 2,
527; Grimm Mythol. 2, 772. 768; Rochholz
Sagen 2,2g. 188 ) ZfdMythol. 2 (1854), 16; Lütolf
Sagen 183; Wolf Beitr. 2, 138; ZföVk. 4 (1898),
216. 188 ) So z. B. das Geschlecht der Hunt, Pan¬
zer Beitr. 1, 290. 335 ff.; 2, 526, und Hundbiß
Reiser Allgäu 1, 410 ff.; über den H. in Stamm¬
sagen vgl. auch Bechstein Thür. Sagenbuch 1,
233, sowie die medische 2::axu> (Herodot I,
110). Der H. als „Totcmtier" bei Frazer
Totemism 4, 339; Liebrecht ZVk. 20 ff.;
Höf ler Organother. 70. 17 °) Panzer Beitr. 1,
337. 340-
12. Die volkstümlichen Anschauungen
vom H. sind fast alle alt und boden¬
ständig; denn bereits die Indogermanen
schätzten den H. sehr 171 ). Der Glaube
von seiner Geistersichtigkeit kommt bei
allen indogermanischen Einzelvölkern vor,
natürlich nicht nur bei diesen 172 ). Der
Spürsinn, die feine Witterung und Emp¬
findlichkeit des Tiers gaben den begreif¬
lichen Anlaß zu solchem Glauben; auch
gegen atmosphärische Einflüsse, bei Erd¬
beben u. dgl., ist der H. ja äußerst emp¬
findlich. Seine Anhänglichkeit, Wach¬
samkeit, Treue und Klugheit ließen die
idg. Völker dieses Haustier besonders
schätzen 173 ). Andere Völkergruppen da¬
gegen, namentlich orientalische, fühlten
sich vom H. vorwiegend abgestoßen, und
diese Ansicht ist hier und da auch im idg.
Kulturkreis festzustellen: gilt doch ,,H.“
als eines der häufigsten Schimpfwörter
für einen schamlosen, gemeinen Men¬
schen 174 ). Darin sehe ich eine ursprüng¬
lich den Indogermanen fremde Auf¬
fassung; die Dinge scheinen hier ähnlich
zu liegen wie beim Schwein, das die idg.
Völker hoch schätzten, die Orientalen
aber, insbesondere die Juden, verab¬
scheuen 175 ). In mythologischer Be¬
ziehung war der Glaube an die Totenh.e
indogermanisches Erbe 176 ): wegen seiner
Vorliebe für Aas und Leichenteile ist
der H. zum Totentier und Seelenbegleiter
geworden. In altgermanischer Religion
galt der H. als Begleiter von Gott¬
heiten 177 ). Somit beruhen die vielen
Sagen von dämonischen H.en auf altem
Erbe. Die hohe Schätzung des Tiers geht
ferner aus dem Opfer an die Götter und
vor allem aus den Eigennamen hervor,
die man — wie sonst nur bei dem gleich¬
falls für die Indogermanen bezeichnenden
Pferd — schon früh dem H. gegeben
hat 178 ). Auch wird der Tod eines H.es
mit einer Geldsumme gebüßt 179 ). S. noch
Pudel.
171 ) Osthoff Et. Parerga 1 (1901). i99ff-;
Schrader-Nehring Reallex . 2 1, 517; Hirt
Indogermanen 1, 282 ff.; Ebert Reallex. 5, 219.
403 ff. 172 ) Nach römischem Glauben werden
die den Menschen unsichtbaren Fauni von dem
H. gesehen, Plin. hist. nat. VIII, 40, 62; vgl.
Odyssee 16, 160 ff.; Theokrit 2, 35; Vergil
Aen. 6, 257. Vgl. dazu Stemplinger Abergl.
49. 64; Mannhart 1, 406ff.; ZdVfV. 13
(1903), 263 ff.; Gubernatis Tiere 351 ff. Für
nichtidg. Völker s. ZdVfV. 23 (1913), 383. Daß
ein fremder schwarzer H. Unheil bringt, z. B.
Terenz Phormio IV, 4, 30, über den Angang
Plautus Cas. V, 4, 4. 173 ) Nach deutschem
Glauben will der H. seinen Herrn täglich neun-
| mal retten, die Katze aber umbringen: Schön¬
werth Oberpfalz 1, 355. 337; ZdVfV. 10 (1900),
55; Weinhold Neunzahl 49. Eine besondere
Schätzung erfuhr der H. in der zoroastrischen
Religion der Iranier, wo er — ähnlich wie der
Hahn — vor allem als guter W’ächter aufgefaßt
wurde, s. Osthoff Et. Parerga 1, 213 f. (Lit.);
über das iran. Sagdld s. Spiegel Eran. Alter-
tumsk. 3, 701; ZdVfV. 13, 370; Seligmann 1,
245. Ganz falsch ist die Ansicht Feists Kultur
u. Ausbreitung d. Indcgerm. 1913, 160, wegen
des idg. Ausdrucks ,,H.“ für den schlechtesten
Wurf im Würfelspiel (vgl. nhd. ,,auf den H.
kommen") sei der H. mißachtet gewesen: das
war er bei den Juden (s. 1. Sam. 17, 43;
2. Sam. 3, 8; 9, 8; 16, 9). 174 ) Cohn Tiernamen
7; daß das Gebahren der läufischen H.e Anlaß
zu dieser Auffassung gab, zeigt deutlich das
Schimpfwort ,,Hundsfott", d. h. eigentlich
vulva canina. Ganz anders der Römer, der mit
canis bissige Menschen (z. B. Cic. Rose. Am. 57)
oder Schmarotzer meint. Vgl. weiter ARw. 4,,
l
Hundert—Hundesegen
I 489
' L>
1
f "
. 425; Strackerjan 2, 144; Brinkmann Meta¬
phern (1878), 215—281. Auch an die Ehren¬
strafe des H.-Tragens sei erinnert. 175 ) Vgl.
dazu Darre Volk u. Rasse 2 (1927). I3 8ff Auch
Wilke Kulturbeziehungen zw. Indien, Orient,
Europa Mannusbibliothek Nr. 10 (1913), 109 ff.;
Dettweiler-Küller Lehrbuch d. Schweinezucht
1924, 213 ff. i7ü ) ZdVfV. 13 (1903). 264. 371;
Grimm Mythol 2, 832 f.; 3, 294; Wolf Beitr.
2, 195; Panzer Beitr. 1, 328; ARw. 1, 203;
Jahn Opfergebr. 343; Hekate von H.en umgeben,
Panzer Beitr. 1, 334 f.; Wolf Beitr. 2, 415.
177 ) Güntert Kalypso 176 f.; Liebrecht
ZVk. 23. Vgl. noch den H. Garmr in Gnipa-
hellir (VQluspä 40), den H. der Nehallenia,
aber auch den H. des Petrus (s. Grimm Mythol.
2, 556; 3, 191; Wolf Beitr. 2, 413b: Panzer
Beitr. 1, 334), des hl. Martinus (Rochholz
Sagen 2, 34), des St. Dominicus und St. Rocco
(Gubernatis 370). ,78 ) Meyer Baden 135;
Reuschel Vk. I, 39; Kluge Bunte Blätter
85 ff.; Schulenburg Wend. Volkst. 65;
Strackerjan 2, 144; SAVk. 11, 94; Wossidlo
Meckl. Volksüberlieferung 2 (1899), 74 ff. 459-
17 *) Meyer Baden 124. Vgl. noch über H.e-
sprache ZdVfV. 13(1903). 94.: Kühnau Sagen 3,
472; Urquell 5 (1894), 56. Über H.enamen als
Rätsel ZfdMyth. 3, 184 f., über Ortsnamen mit
H.: Panzer Beitr. 1, 7 ff. 19. 160. 189 ff.
334- 34°: 2 . 438; Rochholz Sagen 2, 29; über
alte Götternamen als H.enamen Grimm
Mythol. 1, 6; 3, 6. Benennungen der H.e-
Iaute Wossidlo Meckl. V olksüb erlief. 2,
43 Nr. 6. — Es gibt auch H.erennen,
Reiser Allgäu 2, 364; Birlinger Volkst. 2,
284; Montanus Volksfeste 163f. —Weitere Lit.:
Kelling Der Hund im deutschen Volkstum,
Neudamm 1914 (auch in d. Beil, zur Deutschen
Jägerzeitung, VII. Band); ZdVfV. 13 (1903),
263 f.; Grimm Myth. 2, 555 f.; 3, 191; Lieb¬
recht ZVk. 22; Germania 20 (1875), 349;
Bachofen Gräbersymbolih (passim s. Reg.);
ARw. 17, 213; 21, 219 ff.; BayHefte 1 (1914).
250; Wlislocki Magyaren 178; Zigeuner 14;
M annhardt Vorsehungen 378; E. Schmidt
Kultübertr. 43; Bastian Elernentarged. r, 31;
Kuhn in Haupts ZfdA. 6, 117; Drechsler
Haustiere 8; Carus Zoologie 12. 37. 181. 342;
Bolte-Polivka 3, 542 f.; Liebrecht Ger¬
vasius 199; Lippert Kulturgesch. 1, 637;
Christentum 305; Mar zell Pflanzennamen 218 f.;
Pfister Reliquienkult 1, 326 t.; Jennings
Rosenkreuzer 2, 235; Keller Tiere 476; Haus¬
tiere 32 ff.; Fischer Altertumsk. 53. 99; Usener
Sintßut 269; Sebillot Folk-Lore 3, 91 f.; 4, 440;
Vonbun Beitr. 104 f.; Vis scher Naturvölker 2,
490; Wächter Reinheit 140; Scheftelowitz
Schlingenmotiv 35 f.; Rohde Psyche 2, 435;
Schwartz Volksgl. 276; Studien 516; Siecke
Götterattribute 303; Müller Altertumsk. 2, 312;
Nilsson Gr. Feste 488; Reuterskiöld Speise-
sakram. 53, 109; OberdZfVk. 2 (1928), 102 ff.;
Schrader-Nehring Reallex 2 1, 517; Pauly-
Wissowa 8, 2, 25400.; Wissowa Relig. 171,
214; Ebert Reallex. 5, 4030.; Hoops Reallex.
490
! 2, 570 f.; Hirt Indogermanen r, 2820.; Wilke
Kulturbez. zw. Indien, Orient u. Europa 2 1923,
123 ff. Güntert.
Hundert, Hundertacht, Hundertems
Hundertvierundzwanzig, s. Zahlen Bioo.
101. 108. 124.
Hundesegen, d. h. Segen, die gegen
den Biß eines tollen oder bösen Hundes
schützen (nur in einem Falle, bei dem
,,Wiener H.“, hat sich die Bezeichnung
eingebürgert in der Bedeutung Schutz¬
segen für Hirtenhunde gegen Wölfe, s.
Wolfssegen). Im Deutschen fast durch¬
weg nur späte Aufzeichnungen.
1. Episch. ,,Mutter Maria ging über
Sand und Land, sie hatte einen (oder
,.nicht“) Stab in ihrer Hand, sie führte
Gottes Wort im Mund, damit schlug sie
den bösen Hund“ x ). Auch ,,Hund,
denck an die wort, die u. 1. fraw sprach,
da sy den ersten hunde sähe: verbirg
deingundt u. dein schlundt.. 16. Jh. 2 ).
Endlich ,, Jesus u. Petrus sie trugen zwei
Kreuze in ihrer Hand...“, mit italie¬
nischer Parallele 3 ).
l ) Bartsch Mecklenburg 2, 449; vgl. ZfVk. 1,
197 Nr. 1 Brandenburg; ZfdMyth. 2, 117;
Tijdschr. v. Nedcrl. Folklore 8, 196; 21, 229.
2 ) Schön bach HSG. Nr. 869, Dresden, vgl.
ZfVk. 1, 197 Nr. 3; Köhler Voigtland 408.
3 ) ZfVk. 22, 298 Nr. 1 Braunschw.; vgl. Pitre
Bibi, delle tradizioni popolari Siciliane 16, 457.
2. Besprechungen. Die eigentüm¬
lichste und verbreitetste ist wie diese:
,,Hund, halt din Mund, legg e auf die
Erde! Gott hat mich erschaffe, und dich
la(ssen) werde“ o. ä. 4 ). Es ist dies eine
(kirchlich) vorsichtige Abschwächung des
volkstümlichen Gedankens, daß nicht
Gott, sondern der Teufel alle bösen und
schädlichen Wesen erschaffen hat 5 ). Auch
deutsche und nordische Segen kennen
diesen scharfen Dualismus, z. B.: „Gott
der her beschuf den tag, der teufel beschuf
den schlag,“ Tirol 15. Jh. 6 ). „Gud
skapa karin o fan skapa knarrin“ (Gott
schuf den Mann, der Teufel die Ver¬
renkung), Finnland 7 ). — Eigenartig ab¬
geschwächt ist der Dualismus in diesem
H.: „Mich hat Gott erschaffen, dich hat
der Hund gemacht...“ 8 ). Andere Be¬
sprechungen vereinzelt 9 ).
4 ) SchwVk. 4, 16; ZfdMyth. 4, 122, Aargau;
49i
Hundsrose
492
WürttVjh. 13, 162 Nr. 20; Wuttke § 237
Schwaben etc.; Pommer sehe Sage u. Volkskunde
aus dem Kreise Saatzig S. 13. 5 ) S. bes. Dähn-
hardt Natursagen Bd. 1 passim; Sebillot
Folk-Lore 3, 367. 6 ) ZfVk. 1, 174. 7 ) Landtman
Finlands svenska folkdikining VII, 1, 42; vgl.
Danm. Tryllefml. Nr. 631 (Mäuse). 8 ) Urquell
6 (1896), 184 Pommern. ö ) Birlinger Aus
Schwaben 1, 453; ZfVk. i, 197 Nr. 2 Branden¬
burg; ZfEthn. 31, 467 Pommern.
3. Endlich werden in einigen Wolfs¬
segen (s. d.) neben den Wölfen auch
die Hunde genannt, z. B. „(Gott be¬
schließt) den Wölf' und Hunden den
Rüssel" 10 ). — Auch können die Wölfe
selbst als Hunde („waldes hunt", ,,holcz
hunde", „Feldhunde") bezeichnet sein 11 );
so schon in spätantikem Spruch „Domna
Artemix... en canes tuos agrestes, sil-
baticos..." 12 ), sicher nicht Gespenster¬
hunde (Wünsch), sondern wilde Tiere.
10 ) Alemannia 8, 124 Nr. 2; vgl. Germania
25, 67 ( T 5 - Jh.); O ns Hemecht (Luxemb.) 33,
157 ff.; vgl. franz. Sebillot Folk-Lore 3, 138.
n ) ZfVk. 1, 317 (15. Jh.); AnzfKddV. 1873,
229; ZfdMyth. 2, 117, eigtl. ein H., s. oben
Anm. 1. 12 ) Wünsch Antikes Zaubergerät 43.
Ohrt.
Hundsrose (Heckenrose, Wilde Rose;
Rosa canina und verwandte Arten).
1. Botanisches. Das, was das Volk
als H.n bezeichnet, sind eine Reihe wild¬
wachsender Rosenarten, die vom Nicht¬
botaniker nur schwer auseinanderzu¬
halten sind. Die Blüten sind meist weiß
oder hellrosa gefärbt und im Gegensatz
zu den Gartenrosen nicht gefüllt. Die
roten Scheinfrüchte werden als Hage¬
butten bezeichnet. Die moosartigen Aus¬
wüchse, die sich nicht selten an den
Zweigen der H. finden, sind die durch den
Stich der Rosengallwespe hervorgebrachten
,,Schlafäpfel" (s. d.). Die H.n sind über¬
all im Gebüsch und in Hecken häufig 1 ).
Ab und zu wird die H. mit dem Wei߬
dorn (s. d.) verwechselt bzw. wie dieser
als „Hagdorn" bezeichnet.
l ) Marzell Kräuterbuch 130t.
2. Wie auch andere Domsträucher
schützen die stachligen Zweige der H.
vor Verzauberung, besonders wirksam
sind sie im Milch- und Butter- bzw. im
Stallzauber. In einem steirischen Hexen¬
prozeß aus dem letzten Viertel des 17. Jh.
gesteht der Angeklagte, daß er am
blauen(?) Samstag „Hötschlpöhr Thorn"
(=H.) abgebrochen, etwas Milch von
seiner Kuh in den Sautrog getan und
diesen mit Dornen gestrichen habe, damit
die Kuh, die blutige Milch gelassen,
wieder gesund werde 2 ). Die behexte
Kuh wird mit einem H.ntrieb geschlagen 3 ),
ebenso der Rahm, der sich nicht zu Butter
schlagen lassen will (17./18. Jh.) 4 ). Das
Butterfaß, in dem sich die Milch nicht
ausrühren läßt, wird mit den Zweigen
der H. geschlagen (Erzgebirge b. Kupfer¬
berg) 5 ). Die Bäuerin kann wieder buttern,
sobald der Hexenmeister mit einer „Hage¬
buttenrute" ins Feuer der Küche schlägt
(Niederbayern) 6 ). Gegen Verhexung des
Viehs werden ebensoviele „Hagdorne"
vor das Stallfenster genagelt als Kühe im
Stalle sind 7 ); ein „Wiepeldorn" (= H.)
am Stalltürständer schützt das Vieh vor
Krankheit (Holstein) 8 ). Damit der
Geier die Hühner nicht holt, wird eine
Rute von der H. über dem Hühnerstall
befestigt 9 ). Man steckt in den Stall
über die Kuh etliche Sprossen von der H.
(„Kaipendörn"), von der auch die Hirten
beim ersten Austreiben eine Rute zu
haben pflegen. Die Kuh, die damit be¬
rührt wird, ist das ganze Jahr vor den
Hexen sicher 10 ). Die Truden verwickeln
sich in den am Georgitag ans Tor ge¬
steckten H.nstrauch und kehren sobald
nicht wieder zurück 11 ). Mit Hilfe einer
H.nrute, die oben in drei Zweige ausgeht,
findet man im Stalle vergrabene Gegen¬
stände des Schadenzaubers 12 ). Neun
Dornen von der H. (zusammen mit neun
Steinchen unter der Traufe genommen,
drei Steinchen von der Mitte des Weges
und neun Dornen vom Hagedorn) werden
ins Butterfaß geworfen, dann kommt der
Übeltäter, der die Schafe verzaubert
hat, und bittet, daß man ihm etwas
schenke (mähr. Walachei) 13 ). Um den
„Brand" des Weizens zu verhüten, flocht
man einen Kranz von einem einjährigen
Rosenschoß, der an Mariä Himmelfahrt
mitgeweiht wurde, und schüttete durch
diesen den Samenweizen (Oberfranken) 14 ).
2 ) ZfVk. 7, 195; ähnlich Grohmann 134.
3 ) Grohmann 133. 4 ) Mitt. d. Ver. f. Gesch.
d. Deutschen in Böhmen 18 (1880), 204.
I
Hundsrose
494
493
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*) Original mitteil. v. Stelzhamer 1909.
•) Originalmitt. v. Pongratz 1909. 7 ) Marzell
Bayer. Volksbotanik 17. 8 ) ZfVk. 24, 62; vgl.
Das Land 17 (1909), 394 (gegen die „Wiep“,
eine Fußanschwellung, kreuzweis vor die Stall-
schwelle gelegt); in Frankreich gegen das Ver¬
siegen der Milch: Sebillot Folk-Lore 3, 386.
•) Witzschel Thüringen 2, 281. 10 ) Haltrich
Sxebenb. Sachsen 277. n ) Ebd. 296. 12 ) Leo-
prechting Lechrain 29. 13 ) ZföVk. 13, 23.
u ) DG. 5, 217.
3. Wie die H. selbst, so gelten auch ihre
Früchte, die Hagebutten, als zauber-
widrig. Gegen Hexen vergräbt man
unter der Stallschwelle eine Hagebutte
(Taubergrund) 16 ); das gleiche geschieht,
wenn die Kuh keine Milch gibt (Ober¬
franken) 17 ). Hagebutten schützen vor
Blitz und Ungewitter 18 ). Als besonderes
Schutzmittel gegen Unfall und Krank¬
heiten (im kommenden Jahr) gilt das
Verzehren (im nüchternen Zustand) von
drei Hagebutten (vgl. dazu das Ver¬
schlucken von drei Palmkätzchen, s.
Palm) am Weihnachtsabend, am Stefans¬
tag 19 ), am Silvesterabend und vor allem
an Neujahr (bzw. in der Neujahrsnacht) 20 ).
Man reicht diese H.n Freunden und Be¬
kannten, Eltern geben sie besonders ihren
Kindern, ohne ein Wort dabei zu sprechen,
durchs Fenster 21 ). Diese drei Hagebutten
helfen gegen Halsweh 22 ), gegen Seiten¬
stechen und Magenleiden 23 ), gegen
Gicht 24 ), gegen Rotlauf (rote Farbe der
Hagebutten) 25 ). Die am Weihnachtsabend
gesammelten Hagebutten werden auch
pulverisiert und dienen dann im Absud
gegen Stein und Grieß 26 ). Auch dem
Vieh werden an Weihnachten oder Neujahr
Hagebutten gegeben 27 ). In Niederöster¬
reich werden die an J o h a n n i gesammelten
Hagebutten getrocknet und an hohen Fest¬
tagen dem Vieh als Schutzmittel gege¬
ben 2S ).
15 ) Scligmann Blick 2, 64; vgl. auch
Veckenstedts Zs. 4, 287; in Belgien schützen
Halsketten aus Hagebutten die Kinder vor
allem Unheil: Rolland Flore pop. 5, 242.
*•) Alemannia 20, 281. 17 ) Bavaria 3, 302.
*•) Vonbun Beiträge 128; unter einem Dom-
Strauch ist man bei einem Gewitter sicher, da
man von ihm die Dornenkrone Christi genommen
hat: ZfdMyth. 4, 415. 19 ) Fischer Schwäb-
Wb. 5, 1687. 20 ) Höfler Botanik 89; Tille
Weihnacht 181; „drei Hiefen (= H.n) zum
neuen Jahr“ im Neujahrsspruch der Kinder:
Schmeller BayrWb . 1 1, 1058. 21 ) Witzschel
Thüringen 2, 179; ähnlich ZfVk. 12, 421 =
Diener Hunsrück 225. 22 ) Fischer SchwäbWb.
5, 1687. 23 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 15.
24 ) Prager Mediz. Wochenschr. 27 (1902).
25 ) Lammcrt 220; Reubold Beitr. z. Volkskde
im B.-A. Ansbach 1905, 56; Jäckel Ober-
franken 226. 26 ) Alpen bürg Tirol 407; in
Ungarn wird am Weihnachtsabend eine Suppe
aus Hagebutten gegessen, dann hat man das
ganze Jahr hindurch keine Zahnschmerzen
ZfVk. 4, 311. 27 ) Zahler Simmenthal 179
(gegen Rauschbrand); ZfVk. 8, 441; Heimat¬
bilder aus Oberfranken 4 (1916), 150; Nord¬
westböhmen: Originalmitteil. v. Stelzhamer
1909. 28 ) Veckenstedts Zs. 4, 287.
4. In der sympathetischen Me¬
dizin werden Krankheiten auf die H.
übertragen. Gegen „Blattern" (Augen¬
blattern ?) muß man dreimal durch
eine „Hiftenstaude" kriechen 29 ) und
dazu sprechen: „Hift'ndorn bieg dich,
Blattern verzieh dich" (Oberfranken) 30 ),
vgl. Wacholder. Am Karfreitag vor
Sonnenaufgang schneidet man einen Dorn
von der H. und sticht damit das Zahn¬
fleisch, bis es blutet, dann vergeht das
Zahnweh 31 ), vgl. Weißdorn. Einen
Span von einem Sarg und Kot von dem
bezauberten Menschen, in ein Toten¬
hemd gewickelt, legt man vor Sonnen¬
aufgang in einen Hagebuttenstrauch,
dann wird ihm wieder geholfen 32 ). Das
„Gliederwesen" (Gicht) heilt man, indem
man einen Blutstropfen des Kranken in
eine hohle Hagebutte rinnen läßt, diese
verstopft und in einen Baum verbohrt 33 ).
Bei Lungenkrankheiten sollen Männer
einen Absud von der roten H., Weiber
einen solchen von der weißen H. trinken 34 ),
vgl. Schafgarbe.
29 ) Meyer Germ. Myth. 86. 30 ) Marzell
Bayer. Volksbotanik 174 f. G1 ) Reinsberg
Böhmen 130. 32 ) Grohmann 199 — Wuttke
269 § 395. 33 ) Meyer Baden 570 = Zimmer¬
mann Pflanzl. Volksheilmittel 55; vgl. auch
Urquell 3, n. 34 ) Hovorka-Kronfeld 2, 60.
5. Im landwirtschaftlichen Orakel
bedeutet das reiche Blühen der H. vor
Mariä Himmelfahrt eine gute Wein¬
ernte (Unterfranken) 35 ). Wenn es viele
Hagebutten gibt, gerät der Weizen
(Mähren) 36 ), es kommt viel Sturm und
Regen 37 ), es ist ein harter Winter zu
erwarten 38 ), vgl. Brombeere, Eber¬
esche, Weißdorn. Werden die Blüten
495
Hundsstern—Hundstage
496
der H. abgepflückt, so beginnt es sofort
zu regnen 39 ), vgl. Winde.
35 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 125. 3C ) Zfö-
Vk. 1, 242. 37 ) Spieß Obererzgebirge 19.
38 ) Schweizld. 4, 1914; wenn die Hagebutten
dick sind: Marzeil Bayer . Volksbotanik 132.
38 ) Wart mann St. Gallen 66; SAVk. 13, 208;
in Frankreich sagt man den Kindern, daß sie
vom Blitz getroffen würden, wenn sie die Biüte
der H. berührten: Sebillot Folk-Lore 3, 383 —
Rolland Flore pop. 5, 243.
6. Schleppt ein Mädchen einen Zweig
der H. am Kleid nach (oder bleibt mit
dem Kleid daran hängen), so wird es in
nächster Zeit heiraten 40 ).
40 ) ZrwVk. 3, 82; JbNdSpr. 3, 129.
7. In Sagen tritt die H. nur wenig auf.
Die H. ist vom Teufel erschallen, der
damit zum Himmel klettern wollte. Judas
hat sich an einer H. erhängt (s. Holunder),
seitdem stehen ihre Stacheln nach ab¬
wärts 41 ). Unter dem H.nbusch erscheinen
die Gespenster 42 ). Die Hexe verwandelt
sich in einen Hagebuttenstrauch 43 ).
41 ) Müllenhoff Sagen 358. 42 ) Graesse
Preußen 2, 1051. 43 ) Heßler Hessen 2, 222.
Marzell.
Hundsstern s. Stern.
Hundstage. Damit wird die Zeit be¬
zeichnet, welche mit dem Frühaufgang
des Hundssternes, des Sirius, be¬
ginnt und mit dem Frühaufgang des
Arcturus endigt, der freilich viel später
fällt als das Ende unserer H. Mittels
des heliakischen Aufganges des Sirius
bestimmten die alten Ägypter schon
frühzeitig die Länge des Jahres (Sirius¬
jahr) x ). Damit setzte das segenbringende
Steigen des Nils ein. Dagegen ist bei den
Griechen bereits der Glaube an die
schädliche Wirkung dieser heißen Zeit,
in welcher nach Hippokrates auch schwere
Gallenkrankheiten auftreten, vorherr¬
schend 2 ), und den Römern galten die
dies caniculares als sehr gefährlich für die
Menschen, Tiere und Felder 3 ). Aus den
abergläubischen Anschauungen der Römer
haben die Deutschen, bei welchen sich
erst mit dem 15. Jahrhundert das Wort
H. einbürgerte, während man sie früher
huntliche tage nannte 4 ), manches über¬
nommen.
Bezüglich der Dauer der H., die man
gewöhnlich vom 23. Juli bis 23. August
rechnet, wechseln die Angaben. In den
ältesten Kalendarien aus Monte Cas-
sino (um das Jahr 785) wird der 14. Juli
als Anfangstag und der 11. September
als Ende der H. angegeben 5 ), was nach
dem heutigen Kalender ungefähr die Zeit
von Anfang Juli bis Ende August ist.
Damit stimmt noch teilweise überein,
daß man in Oberbayern 45 H. kannte 6 ),
und sie in Schlesien hie und da schon mit
dem 23. Juni beginnen 7 ). Sonst sind es
heute meist vier Wochen, wie in Schwaben,
wo sie am 22. Juli (Magdalenentag)
beginnen 8 ), oder in Westböhmen und im
Erzgebirge, wo sie vom 24. Juli bis
24. August dauern 9 ), umfassen aber auch
einen längeren Zeitraum, wie im Basel¬
land vom 17. Juli bis 28. August 10 ) oder
in Bagnes vom 16. Juli bis 27. August ll ).
Die H. sind eine Unglückszeit, in
der im Mittelalter an manchen Orten
selbst der Gottesdienst ruhte 12 ) und
vor der Kalenderreime warnten. So
heißt es in einem 156g zu Augsburg
gedruckten Sterndeutekalender 13 ) beim
„Hewmon“ (Juli):
Die Hundßtag streichen her mit macht,
Drumb hab ich mein fleißiger acht.
Der an die H. geknüpfte Aberglaube läßt
sich in den meisten Fällen aus der von
den Menschen schon früh beobachteten
schädlichen Wirkung der heißen Mittags¬
sonne (s. Mittag, Mittagsdämonen) und
der Hitze selbst erklären, die zu über¬
mäßigem Trinken kalten Wassers oder
zum Baden in erhitztem Zustande ver¬
leitete und Krankheiten bei Menschen
und Tieren verursachte, deren Keime
sich besonders in stehenden Gewässern
bilden können. Schon bei den alten
Griechen und Römern bestand der
Glaube, daß in den H.n manche Quellen
kälter werden 14 ). Und mit dem Wasser
beschäftigen sich noch heute die Gebote,
Verbote und Meinungen des Volkes. Man
soll in den H.n nicht baden 15 ), denn
das Wasser ist giftig 16 ), man bekommt
Eißen 17 ) oder überhaupt einen Aus¬
schlag 18 ) oder man ertrinkt 19 ). Beson¬
ders gefährlich ist das Baden zu Maria
Magdalena (22. Juli), Jakobi (25. Juli)
und Laurentius (10. August), in Ungarn
497
Hunds tage
498
* auch am Stephanstag (20. August) 20 ).
H In den H.n soll man sich auch die Haare
B nicht waschen 21 ), für die auch das
Jf Regenwasser schädlich ist, weil dann
IS die Haare ausgehen 22 ) oder Kopfweh
■*' entsteht 23 ). In Schwaben heißt es, daß
, man in den H.n aus offen stehendem
* ^
Wasser nicht trinken soll, weil alles
•
Wasser vergiftet ist und zu dieser Zeit
in den meisten Wasserlachen die giftigen
"h H u n d s k n ö p f, wie man die Kaulquappen
j, nennt, herumschwimmen 24 ). Im Halber¬
städtischen sagt man sogar, daß in den
iy H.n keine Krähe trinkt 25 ),
y Früher scheute man die H. auch beim
Aderlässen. Dies wird z. B. in einem
• . Kalender aus 1428 widerraten 26 ), und
noch in neuerer Zeit hielt man in Ober¬
bayern während der 45 H. eine Pause im
Aderlässe 27 ). Vielleicht fürchtete man,
daß dann das Blut nicht gestillt werden
könnte. Denn nach einer Schweizer
Überlieferung soll es während der ganzen
Zeit der H. eine Tagesstunde geben, die
nicht an allen Tagen die gleiche ist, in
welcher das Blut eines getöteten Tieres
nicht gerinnt 28 ). Auch der sonstige
Volksglaube zeigt die H. als Unglückszeit.
Bei den Römern, die hier wahrscheinlich
astrologische Ansichten der Babylonier
übernommen haben, galten die im Zeichen
des Hundssternes Geborenen, wenn sie
auch von hitziger Natur waren und daher
vor dem Ertrinkungstode im Meere ver¬
schont blieben, doch im allgemeinen als
unglückliche Menschen 29 ). Im deutschen
Volksglauben der Gegenwart findet sich
hierfür kein Beleg. Hier aber heißt es,
daß man in den H.n nicht heiraten
soll 30 ), weil dies zu schlimmen Ehen
führt 31 ). Man soll, wie sonst an Un¬
glückstagen (s. d.), überhaupt von jedem
größeren Unternehmen absehen 32 ). Fer¬
ner soll man nicht Holz fällen,
weil es nicht brennt 33 ) und nicht Kraut
hacken 34 ). Vom Wein sagt man, daß
er nicht gut gerät, wenn man vor den
H.n Reizker findet 35 ). Bekannt ist die
Kalenderregel:
Was die Hundstag gießen.
Muß der Winzer büßen 38 ).
Von einer besonderen Krankheit der
Weinrebe, welche die Römer dem Hunds¬
stern zuschrieben und auch nach ihm
canicula benannten 37 ), wissen die deut¬
schen Weinbauern nichts. Das Wetter
der H. hat Vorbedeutung. Wenn die
ersten H. naß sind, so sind die letzten
trocken, und umgekehrt 38 ), oder wie sie
angehen, so gehen sie aus 39 ) oder so ist
der Sommer 40 ); oder wie die drei ersten
H. sind, so ist das Wetter im neuen
Jahr 41 ), z. B.
Hundstage hell und klar
Zeigen an ein gutes Jahr 42 ).
Sind die H. trüb und bewölkt, so fürchtet
man eine pestartige Krankheit 43 ); werfen
die Ameisen in den H.n Haufen auf, so
gibt es einen nassen und kalten Herbst 44 ).
Wenn es am ersten Tage regnet, regnet
es vierzehn Tage 45 ). Hierher gehört
auch der Glaube bezüglich der Witterung
am Vormittag (s. d.) und Nachmittag
(s. d.) des Jakobitages.
Auch bestimmte Krankheiten werden
in diese Zeit verlegt. Da halten die
Mondsüchtigen ihre Umgänge 48 ), und
da war besonders die Tollwut der
Hunde gefürchtet. Der nach antikem
Glauben Hitze und Pest bringende Sirius
ist wahrscheinlich deshalb schon bei den
Griechen zum Hundsstern (xuu>v) ge¬
worden, weil man Dürre und Seuchen
als die Wirkung hundeähnlicher Dämonen
betrachtete 47 ). Andrerseits war es natür¬
lich, daß man das Tier, welches die Ein¬
wirkung des heißen Gestirns am meisten
empfindet, mit diesem in Verbindung
brachte 43 ). Und auch hier zeigt sich
wieder ein Zusammenhang mit dem
W’asser, gegen das die erkrankten Tiere,
allerdings nicht in allen Fällen, eine Ab¬
neigung haben, weshalb die Krankheit
auch Wasserscheu heißt. Auch bei
tollkranken Menschen zeigt sich, trotzdem
sie vom heftigsten Durst gequält werden,
ein Widerwillen gegen jedes Getränk.
Mitunter tritt schon beim Anblick des
Getränks oder doch nach Genuß von
Wasser das Gefühl heftiger Zusammen¬
schnürung im Hals oder ein Wutanfall
ein 49 ). Im Aberglauben ist das Wasser
ein Vorbeugungsmittel. Man kann schon
dadurch den Hund gegen Behexung und
499
Hundstage
500
Wasserscheu sichern, wenn man ihn
Wasser oder Strom nennt oder ihm den
Namen eines Flusses gibt 50 ). Daß die
Tollwut besonders dann entstehen kann,
wenn ein Hund an heißen Tagen kein
Wasser bekommt, ist eine allgemein
verbreitete Ansicht. Aus dieser Furcht
vor der Tollwut erklären sich die Hunde¬
opfer der Römer während der H. 51 ),
aber auch Bräuche, die früher in Deutsch¬
land üblich waren. Ähnlich wie man
schon im alten Argos ein Fest zu Ehren
des Apollo kannte, an dem man alle Hunde,
die in den Weg kamen, erschlug, gab es
früher in Leipzig zweimal jährlich eine
solche Tötung der Hunde, in der
Fastenzeit und in den H.n, eine gleiche
zu Rostock noch 1742 in den H.n durch
den Scharfrichter und eine in Ober¬
deutschland zu Fastnacht durch die Fron¬
knechte 52 ). Doch scheint hier, da gerade
zu diesen zwei Zeiten die Hündinnen,
die auch bei den Opfern der Römer haupt¬
sächlich in Betracht kamen 53 ), läufig
sind, mehr die Absicht mitzuspielen, eine
allzu große Vermehrung der Hunde durch
ihre Tötung in der Zeit des Geschlechts¬
verkehres oder der Trächtigkeit zu ver- 1
hindern. Einen deutlichen Abwehrzauber
gegen die Hundswut stellt dagegen der
Hundetag der Balkanvölker dar 54 ).
Das dabei übliche Schaukeln der Hunde
ist aber keine ,,Verehrung des Wahn¬
sinnsgeistes des Hundes", sondern soll
den Krankheitsdämon vertreiben. Die an
bestimmten, später absterbenden Bäumen
angebrachte Seilschaukel entspricht hier¬
bei der Schlinge oder dem Baumspalt,
durch die sonst der Kranke kriecht oder
gezogen wird.
Die Balkanvölker haben auch noch
eigene böse Mittagsgeister (s. Mittags¬
dämonen), die besonders in den H.n zu
fürchten sind. Dies ist bei den Süd¬
slawen der gehörnte Mittag 55 ), der
namentlich am Eliastage (20. Juli, im
vorgregorianischen Kalender im Höhe¬
punkt der H. zu Anfang August) wütet.
An diesem Tage muß nach dem Glauben
der Ungarn irgend jemand an der Hitze
ersticken 56 ). Die Albanesen fürchten in
der Zeit der H., deren Schwüle keinen
ruhigen Schlaf zuläßt, Nachtgeister.
Diese Poltergeister, weiblichen Hexen
und unsichtbaren Wesen kommen in die
Häuser, singen, spielen und tanzen dort,
entwenden den Schläfern Geld und Kleider
und holen die Pferde aus den Ställen.
Am Morgen geben sie wohl alles wieder
zurück, aber beschädigt, das Geld zer¬
kratzt, die Kleider schmutzig, die Pferde
schwitzend. Manchmal schrecken sie
auch die schlafenden Leute von der
Straße aus durch Steinwürfe in die
Fenster 57 ). Für diese vornehmlich in
den H.n auftretenden Geister hat der
deutsche Volksglaube keine Entsprechung.
Ganz vereinzelt heißt es in einer Sage
aus Seeburg bei Luzern, daß ein Erd¬
männlein in den H.n aus seiner Höhle
kommt 5S ).
*) AIbers Das Jahr 35; Frazer 6, 34 ff.
2 ) Meyers Konv-.Lex 6 9 (1906), 654. •'*) Gundcl
de stell, a pp eil. 39 ff. 4 ) DWb. 4, 2 (1877), 1941.
5 ) Quellen u. Untersuchungen zur latein. Philo¬
logie des Mittelalters, 3. Bd., 3. Heft (München
1908) 25, 29. Ähnlich 72 Tage dauernd bei
Durandus Rationale divin. lib. S, cap. 4
jAusgabe 1672) p. 475. 6 ) ZföVk. 9 (1903), 236.
7 ) Drechsler 1, 148. 8 ) Birlinger Aus Schwa¬
ben 1, 390. 9 ) John Weslböhmen 2 263; John
Erzgebirge 210. 10 ) SAVk. 12 (1908), 151.
31 ) SchwVk. 4, 11. 12 ) Meyers Konv.-Lex. a. a.
O. 13 ) Hmtg. 1 (1919/20), 189. t> 14 ) Gundcl
de stell, appell. 46. 15 ) Lcoprechting Lechrain
189. Vgl. auch oben 1, 822 ff. 16 ) Liebrecht
Zur Volksk. 337. 17 ) SchwVk. 10, 34. 18 ) SAVk.
12 (1908), 151. 19 ) SchwVk. 10, 32. Vgl. ZfVk.
! *7 (1907), 453; Fogel Pennsylvania 260 Nr. 1359.
20 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 238 ff. 21 ) Fogel
Pennsylvania 343 Nr. 1833. 22 ) Ebd. 342
Nr. 1822. 23 ) Ebd. Nr. 1823; 279 Nr. 1466.
j 21 ) Birlinger Volkst. 1, 139. 25 ) Kuhn
u. Schwartz 400 Nr. 115. 26 ) DWb. 4, 2 (1877),
1941. 27 ) ZföVk. 9 (1903), 236; Leo prechting
Lechrain 189. 28 ) SchwVk. 4, 12. 29 ) Gundcl
de stell, appell. 40. 46 f. 2Ü ) Wuttkc 368 § 558
(Thüringen); John Erzgebirge 210; Höhn
Hochzeit 2 (I.). 31 )Wuttke85 §102. 32 ) John
Erzgebirge 210. 33 ) (Keller) Grab des Aber gl.
4, 48; Grimm Myth. 3, 471 Nr. 969. 34 ) Fogel
Pennsylvania 202 Nr. 1001. 35 ) Drechsler 1,
148. 36 ) Z. B. Kalender des deutschen Kultur¬
verbandes 1925 (Prag) 32. 37 ) Gundel de stell,
appell. 45. 38 ) Urquell 6 (1896), 16. 39 ) Leo-
prechting Lechrain 189; vgl. Gundel Sterne
(1922) 233. 40 ) SAVk. 12 (1908), 20; vgl.
SchwVk. 4, 11. 41 ) Fogel Pennsylvania 229
Nr. 1175. 42 ) Drechsler 1, 148; John West¬
böhmen 2 90; Reinsberg Wetter 152. 43 ) John
Westböhmen 2 90. 44 ) Reinsberg Wetter 156 1
(Holland und Flamland). 45 ) Drechsler i.
501
Hundswut—Hunger
502
SMV
148. 46 ) Leoprechting Lechrain 151. 47 ) Gun¬
del de stell, appell. 43. 48 ) Ebd. 42 Anm.
49 )Meyers Konv.-Lex. 19 (1908), 597. 5ü )Wutt-
ke 434 § 680. 51 ) Gundel de stell, appell. 42 f.
**) Usener Kl. Sehr. 4, 35 Anm.; Tötung an¬
derer Tiere zu Fastnacht vgl. Sartori Sitte
u. Brauch 3, 144 f. 53 ) Gundel de stell, appell.
42. 54 ) ZfVk. 9 (1899), 61 ff. 55 ) Urquell 3 (1892),
202 ff. 56 )ZfVk. 4 (1894), 404. 57 ) Stern Türkei
I, 386. 58 ) Lütolf Sagen 55 Nr. m.
Jungbauer.
Hundswut s. Tollwut.
Hundszunge (Cynoglossum officinale).
1. Botanisches. Zu den Rauhblätt¬
lern (Boraginazeen) gehörige Pflanze mit
eiförmigen bis lanzettlichen Blättern und
braunroten, in Rispen angeordneten
Blüten. Die H. riecht widerlich nach
Mäusen. Sie ist an steinigen Orten, an
Wegrändern und auf Schutt hie und da
zu finden. Im Volk wird sie zum Ver¬
treiben von Ratten und Mäusen ge¬
braucht 4 ). H. ist übrigens auch ein
Volksname für Wegerich-Arten (s. d.).
4 ) Marzell Kräuterbuch 338 f.
2. Wo man die H. mit dem Herzen
eines jungen Hundes und seiner ,,Mutter"
(Gebärmutter, matrix) hinlegt, da ver¬
sammeln sich alle Hunde der Gegend.
Wer die H. unter der großen Zehe trägt,
den bellen die Hunde nicht an 2 ). Die H.,
einem Hunde an den Hals gebunden,
treibt jenen so lange umher, bis er wie
tot umfällt 3 ). Der Glaube scheint auf
ägyptische Zauberliteratur zurückzugehen,
jedenfalls ist es kein deutscher Volks¬
aberglaube. Höfler 4 ) vermutet, daß
die H. als Pflanzenname eine Hermeneutik
I ist für die wirkliche Zunge des Hundes,
die volksmedizinisch verwendet wurde.
Bei den Russen erfreut sich die H. als
Heilpflanze einer solchen Wertschätzung,
daß man auf der Stelle, wo sie gefunden
wird, ein Stück Schwarzbrot mit Salz
liegen läßt, als ob man einen Schatz ge¬
funden hätte 5 ). Auch als Mittel gegen
das Beschreien soll eine Abkochung der
H. Verwendung finden 6 ).
2 ) Vgl. dazu Plinius Nat. hist. 28, ioö, wo es
von der Zunge der Hyäne heißt: ,,qui linguam
in calciamento sub pede habeant, non latrari a
canibus“. 3 ) Brunfels Kreuterbuch 1532, 171;
die Quelle dafür ist jedenfalls (Pseudo-) Albertus
Magnus 1508, cap. 7, wo jedoch anstatt des
Hundeherzens ein Froschherz genannt wird, vgl.
auch Hortus Sanitatis, Deutsch. Mainz 1485 cap.
99, wo als Quelle Albertus Magnus De vir-
tutibus herbarum angegeben wird. Der echte
Albertus Magnus De Vegetabilibus kennt die
Pflanze H. gar nicht! 4 ) Organotherapie 239.
3 ) De mit sch Russ. Volksheilmittel 203. 6 ) Selig¬
mann Blick i, 285. Marzell.
Hundtragen. Das H. kam als eine
schimpfliche Strafe in Anwendung. Da¬
durch sollte die tiefe Entehrung des Ver¬
urteilten gekennzeichnet werden. Darum
wurden etwa Juden mit Hunden gehenkt.
Mit Aberglauben hat die Rechtssitte
nichts zu tun.
Urquell 1 (1890), 61; Kolbe Hessen 115;
Grimm RA. 1 262. Fehr.
Hüne s. Riese.
Hunger (H.), Hungersnot (Hn.). Wie
die römische Farnes, so ist auch im Deut¬
schen der H. personifiziert worden:
nach dem Heliand 132, 8 fährt er wie
ein gewaltiger Krieger durch die Welt l ).
Den sog. Heißh. (appetitus caninus)
deutete man aus einem Tier: vermis lacer-
tae similis in stornacho hominis habitat 2 ).
,,Wenn ein ganz Brodt unaufgeschnit¬
ten wieder vom Tische getragen wird, so
müssen die Leute hungrig von Tische
gehen“ 3 ). Brot darf man nicht ins Feuer
werfen, sonst wird man h.n müssen 4 ).
Wer in Irland auf H.gras tritt, das dort
wächst, wo Leute im Felde gegessen ha¬
ben, ohne etwas den ,,fairies“ zugeworfen
zu haben, wird von krankhaftem H. er¬
griffen 5 ).
Zahlreich sind die Vorzeichen von
Hn.: Wenn ein Komet erscheint, so
bricht Krieg, Pest oder Hn. aus 6 ). Gibt
es viel Mutterkorn (Hungerbrot 7 )),
so wird in diesem Jahre das Getreide
sehr teuer 8 ). Bei der Stadt Meißen
hat man etliche Male auf Weidenbäumen
ein sonderbares Gewächs gefunden, eine
Art Blumen an einem langen Stiele, holz¬
farbig und so hart wie Hobelspan. Weil
nun jedesmal, wenn man solches gefunden,
ein schweres, teures Jahr folgte, hat man
jenes die H.rosen genannt 9 ). Werden
im Sommer die sog. H.häfeiein (Cy-
athus) voll, so gibt es ein gutes, wenn leer,
ein teures Jahr 10 ).
Wenn in Tirol die Hennen weit aus¬
gehen oder nicht zu sättigen sind, kommt
503
Hunger, Hungersnot
504
große Teuerung 11 ). Ebenfalls in Tirol
heißt es: früher Donner, später H. ia ).
Eine Anzahl von Brunnen, Bächen,
Seen und Tümpel führt den Namen H.-
brunnen: sie fließen nur dann, wenn ein
schlechtes Jahr und Kriegszeiten, oder
auch ein gutes Weinjahr und reiche Ernte
kommen sollen. Nach Jahn (Opferge¬
bräuche 144) sind sie ,,ihrem Wesen
nach den Quellen, zu welchen mit Op¬
fern und Weissagungen verbundene Pro¬
zessionen statt fanden, völlig gleich . . .
und erfreuten sich einst derselben Ver¬
ehrung wie jene“ 13 ).
Außerordentlich häufig sind Erin¬
nerungen an frühere große H.nÖte 14 ).
,,Die Hn. ist eine sondere Straffe vnserer
Sünden vnd vngerechtigkeit, welches
vnter den dreien Göttlichen Haupt-
straffen nicht die geringste ist“, das war
die allgemeine Anschauung 15 ). In den sa¬
genhaften Berichten kommen oft die
Züge vor, daß Eltern ihre Kinder schlach¬
teten und aßen 16 ), und daß Geizige, die
ihren Komvorrat zurückhielten, bestraft
wurden 17 ).
Die Redensart „am Hungertuche na¬
gen“ wird heute vom Volke meist falsch
ausgelegt: Das Fasten- oder H.tuch (cor-
tina, velum s. circitorium quadregesimale)
ist der Vorhang, welcher früher allgemein
in der Fastenzeit zwischen dem Hoch¬
altar und dem Chor aufgehängt wurde als
Sinnbild der Trauer und Buße 18 ).
,,Eine fürtreffliche Kunst in Hn. und
Teuerungs-Zeiten“ teilt die „Geheime
Kunst-Schule“ S. 15 (6. u. 7. Buch Mosis)
mit:
In Hungers- und Teuerungszeiten, 7 Tage
aneinander bete alle Morgen und Abend fleißig
das großeste Brot, das dem Propheten in der
Wüsten gewiesen, auch vom Engel gereicht
und zugetragen worden.
Agrippa von Nettesheim berichtet im
58. Kapitel „Von der Wiederbelebung der
Todten, sowie dem ungewöhnlich langen
Schlafen und H.n“ (1, 283 t.) von Mitteln,
die nur in kleiner Dosis eingenommen
werden müssen, um sofort lange Zeit hin¬
durch den Hunger ertragen zu können, und
führt als Beispiele Elias, Niklaus v. d.
Flüh u. a. an. Auch Staricius teilt in
seinem Heldenschatz (105—107) eine
Reihe von Rezepten mit, „daß man könne
eine gute weil ohne Essen leben“.
Es gibt h.stillende Kräuter: esu-
riesque sitis visis reparabitur herbis 19 ).
Kinder, die von ihren Eltern während
einer Hn. auf einer wüsten Insel ausgesetzt
wurden, erhielten durch Gottes Gnade
wunderbar ihr Leben durch das runde,
süße Gras, das da wächst u. vom Vieh so
gern gefressen wird. Als man sie in spä¬
terer Zeit wieder holte und ihnen ordent¬
liche Speise reichte, starben sie alle nach¬
einander 20 ). Im Allgäu gibt es eine
Quelle; wer davon trinkt, den hungert
nie mehr in seinem Leben. Man nannte
die Quelle daher früher nur schlechtweg
das„fuerige (d. h. nahrhafte) Brünnele“ 21 ).
Aus alten Überlieferungen wissen wir,
daß bei Hn. Opfer gebracht wurden: Im
18. Kapitel der Ynglinga Saga wird er¬
zählt, daß zur Zeit des Königs Dömaldi
in Schweden eine große Hn. ausgebrochen
sei und die Plage gar nicht habe aufhören
wollen. Das erste Jahr (den ersten Herbst)
opferten sie in Upsala Ochsen; als es
nichts half, den zweiten Herbst Men¬
schen. Im dritten Herbst wurde auf
und andächtig zu Gott deinem Herrn, und
nach dem Morgengebet des letzten Tages
nimm ein Laub oder Blatt von einem Erden¬
kraut, so man sonsten zu essen pflegt, oder ir¬
gend von einem Baum, wie du es am besten
haben kannst. Schreibe darauf mit Honig und
Tau oder Regenwasser die Worte: „Siehe!
Brot will ich euch regnen lassen vom Him¬
mel“. Auf der andern Seite: „Manna“. Be-
räuchere es und gibs also dem, welchem du
willst, zu essen. Es erhält den Menschen
7 Tage lang, daß er keinen Hunger empfindet.
Also kann sich der Mensch 49 Tage aneinander
aufhalten ohne Essen und ohne Niesung aUer
andern Speise, aber nicht länger. Dieses ist
Beratung der Häuptlinge der König
(s. d.) selbst dem Odin geopfert und mit
seinem Blute der Altar Odins besprengt 22 ).
Zahlreiche (ätiologische) Sagen berichten
von anderen Opfern oder Errichtung von
Kulten bestimmter Gottheiten zur Be¬
hebung der Hn. 23 ). In Irland treibt
man am Abend des Dreikönigstages den
H. für ein Jahr aus, indem jedes
Familienmitglied ein Brot, das später
dann die Bettler erhalten, an die Tür der
Wohnung wirft, wobei gesungen wird:
1 505
Hungerblümchen—Hure
506
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In Gottes Namen bannen wir den H. aus
diesem Hause
Heute Nacht u. jede Nacht bis zur selben Nacht
übers Jahre 24 ).
In Oldenburg kennt man bei Kühen
H.zähne, die, zu lang gewachsen, die
Tiere krank machen 25 ).
*) Grimm Myth. 2, 740; 3, 269; Saxo ed.
Hermann 48 t.; vgl. R. M. Meyer Religgesch.
298. *) Grimm Myth. 2, 970. 3 ) Rockenphilo-
tophie 84 cap. 74. 4 ) Wettstein Disentis 174
Nr. 37. 5 ) I Uack Folk-Medicine 30. •) Peter
Oesterr-Schlesien 2, 258. 7 ) Nach DWb. 4, 2,
1945 ist H.brot = Juncus campestris. 8 ) Peter
2. a. O. 2, 260. •) Meiche Sagen 641 Nr. 793
(mit älterer Lit.). 10 ) Rothenbach Bern 31
Nr. 242; Schweizld. 2, 1013. n ) Zingerle Tirol
83 Nr. 693. l2 ) Ebd. ii7Nr. 1042 (608). 13 ) Viele
Lit. bei Jahn Opfergebräuche 144 fg. Anm. 2;
dazu sei noch die folgende angeführt: Stäuber
Aberglaube 53 f.; SAVk. 12, 52; SchwVk. 12
(1922), 51; Bechstein Rhön 265 Nr. 129;
Grässe Preußen 2, 769 Nr. 981; Witzschel
Thüringen 2, 223 Nr. 71; ZfdMyth. 2 (1854),
43 Nr. 13. 14 ) Kruspe Erfurt 1, 40 f.; Becker
Volksk. 386 Anm. 10a (1817); Wirz Zürich 2,
264 (1771): Birlinger Schwaben 2, 393 (Anf.
17. Jh.); ZfVk. 9 (1899), 383 Anm. 1. 15 ) Bir-
linger Schwaben 2, 394. 14 ) Ders. Volksth. 1,
241 Nr. 374; Witzschel Thüringen 1, 27 Nr. 23:
2 , 46 Nr. 45. 17 ) Witzschel 1, 253 Nr. 262;
Waibel u. Flamm 2, 92. 18 ) Wetzer u. Welte
4, 1255 ff. (Spalte 1257 Lit. über die Redensart);
Sartori Sitte 3, 5. 127 (mit Lit.); ders. West¬
falen 150; Grimm Myth. 3, 269; Becker
Volksk. 312 u. 399 Anm. 43 c; Stöber Elsaß i, 67
Nr. 89 u. Anm. S. 135. 19 ) Grimm Myth.
3, 352 = Ecbasis captivi (ed. Voigt) 105 Vers
592. 20 ) Müllenhoff Sagen 242 Nr. 330 (mit
alter Lit.). 21 ) Reiser 1, 235 f. Nr. 266. 22 ) J ahn
Opfer gebrauche 63 ff. (wo noch andere Beispiele);
H Frazer 1, 352«.; Urquell 4 (1893h 146L;
■' Sch wenn Menschenopfer 199 (Reg.). 23 ) Mann-
4, hardt 2, 231. 257; Schmidt Kultübertragun-
r : gen 122; Pfister Reliquienkult 2, 516 f. 24 )
ZfVölkerpsych. 18 (1888), 7 = Sartori Sitte
• * 3, 80; vgl. Mannhardt Forschungen 129 h.
1 •*) Stracker j an i, 98. Bächtold-Stäubli.
, Hungerblümchen (Draba verna). Zier-
,{> licher Kreuzblütler mit kleinen weißen
v| Blüten und grundständiger Blattrosette.
Jr Das H. hat seinen Namen daher, weil es
T* (im Frühjahr) oft in großen Mengen auf
'Ar mageren (sandigen) Äckern wächst. Der
^ Glaube, daß ein zahlreiches Auftreten des
| H.s auf eine schlechte Ernte deute 1 ) t hat
* i also im gewissen Sinn eine Berechtigung.
*) Globus 26 (1874), 153 (Ostfriesland); Wirth
Pflanzen 14; vgl. auch Pieper Volksbotanik 48f.
Marzeil.
Hunna, hl. Von dieser volkstüm¬
lichen, elsässischen Heiligen wird erzählt,
daß sie eine Trösterin der Armen und
Hilfsbedürftigen gewesen sei und ihnen oft
die Kleider gewaschen habe, weswegen
sie das Volk die hl. Wäscherin nannte.
Aus dem H.brunnen floß in weinarmen
Jahren Wein 1 ).
*) Stöber Elsaß 1, 101 Nr. 139; Hunckler
Leben der Heiligen des Elsasses (1849), 45.
Bächtold-Stäubli.
Hunne, Hans Hünen. Bei Kuhn 4 )
findet sich ein Hans Hünen, offenbar als
Name des Todes, im Ndd. Hunnenklet =
Totenkleid, in einem Braunschweiger
Testament v. J. 1381 der Ausdruck
„to den hunen“, wahrscheinlich = den
armen Seelen 2 ). Siebs erklärt Hüne =
,der Tote', auch ,der Tod‘ als Tiefstufe zu
seinem altgerm. Totengott Henno (s.
Freund Hein). Er möchte auch ,»Hünen¬
bett'‘ damit verbinden, während Hoops 3 )
dagegen Bedenken hat und (neben einem
alten Hüne = Riese) ein altes Adj. hun =
dunkel, schwarz erschließt. Naumann
kombiniert dann beides 4 ). Trotzdem die
Deutung von Siebs als sehr wahrschein¬
lich erscheint 5 ), wird man den schlesischen
Kinderreim („Hunne, hunne, hunne, der
Tod sitzt auf der Tunne“) 6 ) schwerlich
damit in Verbindung bringen dürfen.
!) Mark. S. XII. 2 ) Siebs: ZfdPhil. 24, 155.
3 ) Germanist. Abh. H. Paul dargebr. 1902, 176.
4 ) Gemeinsch.kultur 48. 5 ) Mit neuem interes¬
santem Material über die ganze Frage Henn—
Hein—Hun in ZfVk. N. F. 2, 49 fl. 6 ) Mschles-
Vk. 1 H. 1, 45; H. 2, 26f. 43; Klapper Schlesien
222. 270. Geiger.
hüpfen s. springen.
Hure.
1. Name. Im mildesten Sinne bedeutet
das Wort Hure (mhd. huore, ahd. huora)
ein gefallenes, der jungfräulichen Ehre
beraubtes Mädchen (Valentin im „Faust'*
zu Gretchen: „Du bist nun einmal eine
Hur“), dann ein ungetreues Weib; am
häufigsten eine Frauensperson, die sich
um Gewinnes willen öffentlich preisgibt J ).
Die mittelalterlichen Bezeichnungen für
diese Gattung sind: gemeine frouwen
oder fröuwelin, armiu, boesiu, veiliu,
lihti wip, valsche, varende tohter, üppige,
wilde hübschaerinne 2 ). Die Bibelsprache
507
Hure
508
braucht das Wort im übertragenen Sinne
für abgöttische Stämme und Städte.
x ) DWb. 4, 2 1958 t. 2 ) Weinhold Frauen
2, 19, 2.
2. öffentliches Leben. Im frühen
■Germanentum war für H.en kein Platz.
Fränkische Gesetze bedrohen sie mit
der Todesstrafe, das Gesetz der West¬
goten mit Landesverweisung nach er¬
folgter Auspeitschung. Auf Rückfällig¬
keit stehen Peitschenhiebe und Ver¬
sklavung 3 ). Die Frauenhäuser in den
römischen Städten Süd Westdeutschlands
waren nach dem Untergang der römischen
Macht nicht eingegangen, so daß die
Prostitution mit mehr oder weniger still¬
schweigender Duldung ihr Dasein be¬
hauptete. Offiziell zwar ist das Dirnen¬
tum noch in den Kapitularien Karls des
Großen verboten; die Strafe für Über¬
führte besteht in einer besonderen Art
von Anprangerung. Auch die Bußbücher
verhängen schwere Strafen über die
Schuldigen. Daneben aber hatten früh
Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, den
Versuchungen der langen Reise nach¬
gebend und der Not erliegend, in den
Städten des fränkischen Reiches und der
Lombardei sich zu Priesterinnen der
Venus vulgivaga“ gewandelt 4 ). Mit
dem Aufkommen der Kreuzheere im
11. Jh. traten im Troß massenhaft Dirnen
auf. Die ,,varenden frouwen“ waren
überhaupt im Mittelalter überall dabei,
bei Krönungen, Turnieren, Reichstagen
und Konzilien. Besonders stark war die
Frequentierung des Konstanzer Konzils.
In den Landsknechtheeren waren die
H.n dem H.nweibel unterstellt. Sie
wurden zu den Lagerarbeiten, Kochen,
Waschen, Bedienen und Pflegen, auch zum
Schanzen angehalten. Der Troß hieß
schlechthin ,,H.n und Buben“ 5 ). Um vor
dem marodierenden Troß sicher zu sein,
mußte man in Oberaibach (Baden) beim
Rübensäen das Bein hochheben und sagen:
,,Ich säe für H.n und Buben, für Spitz¬
buben und Diebsleut, laß mir meine Rübe
unkeit“ 6 ). Im 13. Jh. trifft man in den
Städten in abgelegenen Gäßchen und
Plätzen „auf dem Graben“, „hinder die
muren“, das gemeine hüs. Die Insassen
unterstanden, da sie „unerlike frouwen“
waren, dem Nachrichter, der dafür zu
sorgen hatte, daß keine heimischen
Bürgertöchter und minderjährigen Kinder
das Gewerbe ausübten. Die auswärtigen
Mädchen wurden meist aus Schwaben
bezogen, das wegen seiner „schönen
frouwen“ sprichwörtlich bekannt war.
Die H.nhausordnung war genau vom Rat
festgesetzt. Sie umfaßte die Rechte und
Pflichten des Frauenwirts und der H.n,
Strafen, Höhe des H.nzinses, Ort und Zeit
der Betätigung und Bestimmungen über
die H.ntracht. Aufgenähte gelbe Streifen
machten die Gewandung kenntlich (Leip¬
ziger Stadtrecht 1463) 7 ). Der Prediger
Berchtold von Regensburg eifert gegen
die gelbe Farbe des Frauenputzes, weil
diese nur den Jüdinnen und den H.n
zustünde 8 ). Der Besuch des Frauen¬
hauses galt im 15. Jh. nicht als an¬
stößig. Hohe Gäste wurden unter Vor¬
antritt von nackten H.n festlich ins
Frauenhaus begleitet und bewirtet. In
Zürich aßen die Gesandten, Bürgermeister
und Gerichtsdiener mit gemeinen Weibern
zusammen. Als Kaiser Sigismund 1434
in Ulm weilte, wurde ein besonderer
Posten geführt für die Beleuchtung des
Frauenhauses 9 ). Ja sogar bei Prozes¬
sionen und Umzügen nahmen H.n Anteil.
In Leipzig beim Todaustragen um Mitt¬
fasten warfen die H.n eine Strohpuppe
ins Wasser 10 ). Wurde ein Übeltäter zur
Richtstätte geführt, so wurde ihm das
Leben geschenkt, wenn eine öffentliche
gemeine Frau ihn zum Ehemann be¬
gehrte 11 ). Dem reglementierten Dirnen¬
tum erwuchs eine nicht geringe Konkurrenz
in den freien Gassen- oder Winkelh.n. Er¬
tappte freie H.n wurden, da sie keinen
H.nzins an die Stadt entrichteten, unter
Trommelschlag ins Bordell geführt 12 ).
Energisch wandten sich die kasernierten
H.n auch gegen die Schmutzkonkurrenz
in den Nonnenklöstern. Im damaligen
Sprachgebrauch waren H. und Nonne
fast synonyme Begriffe. Fand doch ein¬
mal ein päpstlicher Kommissär in einem
fränkischen Kloster fast alle Nonnen in
gesegneten Umständen 13 ); auch „Pfaffen¬
köchin“, „Pfäffin“, „Concubina sacer-
509
Hure
510
dotalis“ wurde den H.n gleichgesetzt 14 ).
Im 16. Jh. verschwanden die Bordelle
in den kleineren Städten. Umsomehr
eingetragene Dirnen weisen die Gro߬
städte auf; die Straßenprostitution nahm
dermaßen überhand, daß man in Wien
unter Maria Theresia zur zwangsweisen
Vermählung ertappter Männer mit Straßen¬
mädchen schritt. Wenn in der Folgezeit
die öffentlichen Häuser aufgehoben wurden,
so war damit die Prostitution nicht be¬
seitigt, sondern nur in andere, weniger
öffentliche Bahnen gelenkt 15 ). Die
Mädchen, die das Unglück hatten, ein
uneheliches Kind, ein „H.nkind“, zu
gebären, waren demütigenden Strafen
ausgesetzt. In Schwaben mußten die
Gefallenen vor der versammelten Ge¬
meinde an einem bestimmten Altar sich
aufstellen und nachher zum Pranger am
Rathaus hinstehen 16 ). In Westböhmen
mußten die unehelichen Mütter vor der
Kirchtür stehen bleiben mit einem roten
Kopftuch um 17 ). Von Gretchens Freun¬
dinnen im „Faust“ erfährt man, daß sie
„im Sünderhemdchen nun mag Kirch-
buß tun“. Der Zopf durfte nach dem
Bremgarter „Fischbuch“ nicht mehr lang
getragen werden, die Kleidung mußte
schmucklos sein 18 ).
3 ) Sudhoff Geschichte der Prostitution
im Handwörterbuch für Sexualwissenschaft
{1926) 598. 4 ) Weinhold 2, 20. 5 ) DWb.
4 » 2, 1959. 6 ) Meyer Baden 422. 7 ) Weinhold
a. a. O. 8 ) Ders. 2, 22 = Pred. i, 115. 9 ) Ders.
2, 20. 10 ) Grimm Myth. 2, 641 Anm. 1; Sar-
tori Sitte 3, 131. n ) Liebrecht Zur Volksk.
433 f- 12 ) Zingerle Tirol 208 Nr. 1674.
13 ) Friedell Kulturgeschichte der Neuzeit 1, 142.
14 ) Meyer Germ. Myth. 247 § 325; ZfVk. 23
{1913), 124 Nr. 7875. 15 ) Sudhoff 600. 16 ) Bir-
lingcr Volkst. 2, 216. 17 ) John Westböhmen
114. 18 ) SchwVk. 9, 35.
3. Aberglauben. Wenn ein Bär beim
Anblick eines Mädchens sehr brummt,
so ist es nicht mehr ehrlich, sondern eine
heimliche H. lö ). Uneheliche Kinder
bekommen wieder uneheliche Frucht 20 ).
Darauf weist auch das Sprichwort: Was
von H.n säuget, ist zum H.n geneiget 21 ).
H.nkinder sind aber glücklicher als ehe¬
liche Leute 22 ) und bringen gleich ihren
Paten Glück 23 ). Bei Kreuzschmerzen läßt
man ein „Jungfernkind“ in den Rücken
treten 24 ). Die abergläubische Wert¬
schätzung der H.nkinder mag sich viel¬
leicht aus ihrem dunklen, geheimnisvollen
Ursprung erklären. Im Alten Testament
sind H. und H.nkind Ausgangspunkt der
Prophetie und der künftigen Errettung
(Hosea 1, 12 ff.). Jephta, der Retter, ist
Sohn einer Buhlerin, desgl. Jerobeam;
Ruth erscheint neben den H.n Thamar
und Rahab im Geschlechtsregister Jesu.
Jesus selbst wird gehässig im Toledöth
Jesü als H.nsohn dargestellt Vielleicht
mag auch die Antwort der Juden an
Jesus im Evangelium Johannis 8, 41:
„Wir sind nicht in Hurerei erzeugt“ eine
zweideutige Anspielung sein. Nach Epi-
phanius soll auch Melchisedek nach der
Überlieferung der Juden der Sohn einer
H. sein 26 ). Die spätere christliche Selbst¬
gerechtigkeit dagegen läßt in Neustadt in
der Oberpfalz die H.nkinder bei kirchlichen
Umgängen kein“ Bild tragen und auch
nicht dem Priester bei der Messe dienen.
Schon die Synode zu Trier im Jahre 1310
befaßt sich mit derartigen Ministranten.
Bei Strafe der excommunicatio latae sen-
tentiae ist es verboten, einen spurius am
Altar dienen zu lassen 27 ). Wenn ein
Mädchen 7 H.nkinder geboren hat, wird
sie wieder Jungfrau 28 ). Wer einen
Spiegel zerbricht, muß ein H.nkind
aufziehen 29 ). Ein Mädchen, das gern
pfeift, wird eine H. 30 ), da H.n pfeifen 31 ).
Wenn es im Jahr viele Nüsse gibt, so
gibt es auch viele H.n 32 ) oder uneheliche
Kinder 33 ). Anders lautet es nach der
Chemnitzer Rockenphilosophie: Regnet
es am Johannistag, so verderben die Nüsse
und geraten die H.n 34 ). Schon nach an¬
tiker Meinung bedeutet eine H. im An¬
gang Glück 35 ), da sich mit ihr die Vor¬
stellung fesselloser, uneingeschränkter
Zeugung und Fruchtbarkeit und daher
des Wohlstandes und Gedeihens ver¬
bindet 36 ). Begegnet einem am Neujahrs¬
morgen eine H. beim Angang, so soll
das ganze Jahr hindurch alles gelingen 37 ).
In Hinterpommern heißt es: „Je arger
Hauer (Hure), desto mehr Glück“ 38 ).
„Hurenglück haben“ ist zu einer sprich¬
wörtlichen Redensart geworden 39 ). Der
nämliche Gedanke des Übermaßes an
Huß
512
511
Zeugung und der unendlichen Werde¬
fülle liegt auch vor, wenn der Vegetations¬
dämon in die „Hure“ sich wandelt. So
wird die Kornmutter, die zeugungsfrohe
Hervorbringerin des Getreides, ,,alte
Hure“ genannt. Diese besteht in Ost¬
preußen meist aus einer sehr großen
Garbe, um welche mehrere kleine Garben
gebunden sind; von diesen sagt man,
sie seien ihre Kinder. Auch auf die Bin¬
derin dieser Garbe geht der Name ,,alte
Hure“ über, auch ,,faule Hure“, weil es
die letzte Garbe ist und die anderen
Mägde schon mit der Arbeit fertig sind.
Der Fuhrmann dieses letzten Fuders
heißt ,,Hurenführer“. In Holstein ruft
man der jungen Person, die bei der
Roggenernte die letzte Garbe bindet
oder beim Flachsbrechen die letzte
Handvoll bekommt, zu, sie habe die ,,alte
Hure“ bekommen 40 ). Wer in West¬
böhmen die letzte Garbe bindet, ist die
,,Schid-Matz“ (Schid = Bund, Stroh,
Matz = Metze, Hure) 41 ). Die H. kann
aber auch Schaden wirken, wenn sie zu¬
gleich Hexerei betreibt. Die Hexe ist nach
mittelalterlichem Glauben nichts anderes
als die Teufelsbuhlin. In Schwaben findet
sich unter den Hexennamen geradezu
„Huer“ 42 ). Auf Grund des mit dem
Teufel eingegangenen Paktes erhält sie
ein wahrnehmbares Zeichen auf die Augen
gedrückt. Deshalb besitzen die H.n den
„bösen Blick“, der besonders den neu¬
geborenen Kindern gefährlich wird 43 ).
Als Hexe versteht die H. die Kunst des
Wettermachens, dem Sprichwort zufolge:
Junge H.n, alte Wettermacherinnen 44 ).
So wird es verständlich, wenn die Winds¬
braut „Windhure“ genannt wird 45 ).
Eine Hexe vermag durch ihre Kunst junge
Mädchen zu H.n zu machen. In Erfurt
hatte eine alte Hexe verhexte Haarnadeln
auf die Straße gestreut. Steckte ein Mäd¬
chen eine solche ins Haar, so wurde sie zur
H., eine verheiratete Frau wurde dem
Manne untreu 48 ). H.n werden in wilde
Stuten verwandelt und müssen sich glü¬
hende Eisen aufschlagen lassen; kann das
der Schmied nicht, so sind sie dem
Teufel verfallen. Diese Kunst nennt man
„Nagelroath“ 47 ). Auf das üble Tun der
H.n scheint ein Spruch zum Blutstillen
abzuheben: „Eine hure die tut kein gutt.
Und als wenig die hure gutt thut. So
gewiß solstu verstehen, blutt. Zu büß
drey mall gesprochen, im namen“ etc. 48 ).
Zuweilen lassen die H.n von ihrem Tun,
besonders im Alter ab, so daß das Sprich¬
wort zu Recht besteht: „Junge H.,
alte Betschwester“. Von den Tieren hat
die Libelle wohl wegen ihres schmucken
Aussehens den Namen „Wasserhure“ er¬
halten. Die Herbstzeitlose heißt im Volks¬
mund „nackte H.“, das Farnkraut, viel¬
leicht seines üppigen Wuchses halber,
„H.nwurz“ 49 ).
19 ) Knoop Hinterpommern 158. 20 ) Groh-
mann 106 Kr. 763. 21 ) Eiselcin Sprichwörter
(1838) 336 = W. Körte Sprichwörter der
Deutschen (1847) 225 Nr. 3088. 22 ) Grimm
Myth. 3, 441 Nr. 221. 23 ) Ders. 3, 444 Nr. 304
(Chemnitzer Rockenphilosophic); John 114;
Schultz Alltagsleben 205. 24 ) Finder Vierlande
2, 277. 2S ) A. Jeremias Das Alte Testament im
Lichte des Alten Orients (1916) 631 f. 429. 435.
505. 26 ) Adv . haeres. 55, 7 (ed. Oehler II. 138).
27 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 235; Hefele
Concilieuge schichte 6, 438. 28 ) Stracker j an
2, 14 Nr. 271; 202 Nr. 449; Wuttke 363
§ 547 - 29 ) Fogel Pennsylvania 85 Nr. 326.
30 ) Schönwerth 1, 113; Spieß Pränkisch-
Henneberg 116; Fogel 84 Nr. 321. 31 ) DWb.
4* 2 1959 - 32 ) Knoop 158 Nr. 37; Schultz
239 f. 33 ) Grohmann 100 Nr. 696. 34 ) Grimm
3, 438 Nr. 116. 35 ) Joh. Chrysostomus
Hom. 21; Grimm 2, 941; 3, 440 Nr. 177 (Chem.
Rock.); ZfVk. 23 (1913), 19. 124t.; Stemp-
linger Aberglaube 44 f.; Meyer Abergl. 135;
Schönwerth 3, 274; Wuttke Sachs. Volksk.
300; Leoprechting Lechrain 88. 36 ) Lieb-
recht 359. 37 ) Schultz 240. 38 ) Knoop 163
Nr. 90. 39 ) DWb. 4, 2, 1961; A. de Cook Volks-
geloof 1 (1920), 203t. 40 ) Mannhardt 1, 443.
Ders. Forschungen 322; Meyer Germ. Myth.
255 § 337 - 41 ) John 195. 42 ) Birlinger Aus
Schwaben 1, 127. 43 ) ZfVk. n (1901), 305. 312.
328. 44 ) K. Simrock Die deutschen Sprich¬
wörter 235 Nr. 5129. 45 ) Meyer Germ. Myth.
247 § 325. 48 ) Witzschel Thüringen 1, 302
Nr. 314. 47 ) Heyl Tirol 63 Nr. 22. 48 ) ZfdMyth.
3, 327. 4# ) DWb. 4, 2, i960. Karle.
Huß, Karl, geb. 1761 zu Brüx, Scharf¬
richter zu Eger und eifriger Sammler
von Waffen, Münzen, Mineralien und
Fossilien. Goethe nahm lebhaftes Inter¬
esse an der Sammlung, die er auch 1806
und 1808 besuchte x ). Huß starb 1838 als
Kustos seiner 1828 in den Besitz des Für¬
sten Metternich übergegangenen Samm-
lung.
513
Husten—Hut
514
m
* 1 *
i
?
Alles was Huß in seiner Eigenschaft
als Scharfrichter an zauberischen Mitteln
und abergläubischen Anschauungen des
Volkes kennen gelernt hatte, schrieb er
1823 zusammen in ein Heft, das 1900 von
A. John entdeckt 2 ) und zehn Jahre
später herausgegeben wurde 3 ). Auf¬
zeichnungen von hervorragendem Quel¬
lenwert, der dadurch, daß Huß diesen
Aberglauben eifrig bekämpft, in keiner
Weise geschmälert wird.
*) Vgl. Goethes Tagebucheintrag vom 5. Aug.
1806 (Weimarer Ausgabe, Abt. III). —Goethes
Briefwechsel mit J. S. Grüner und J. St. Zauper.
Hrsg, von A. Sauer, Prag 1917* Reg. S. 498 f.
Ebendort S. 377 auch ein Bild von Huß.
*) A. John ZföVk. 6, 107!. 3 ) Beiträge zur
deutsch-böhmischen Volkskunde, Prag 1910.
Helm.
Husten. Bei den Letten erscheint der
H. noch als personifizierter Krankheits¬
dämon 2 ); in der deutschen Sage wird
öfters erzählt, daß an Geisterorten 3 ) H.
gehört wird oder in den Zwölfnächten 4 ).
Der H. ist vorbedeutend: Wird der
Silvestergottesdienst durch vieles H. ge¬
stört, kündet sich ein unruhiges Jahr
an 5 ); wer zu Weihnachten hustet, stirbt
an der Schwindsucht 6 ); hustet das Vieh,
so wird's bald kalt 7 ).
Je nach seinem Auftreten heißt der H.
Schaf-, Esel- oder Magenh. 8 ).
Abgesehen von verschiedenen Kräuter¬
tees 9 ) wird in der Grazer Gegend empfoh¬
len, der Leidende soll rasch zur Tür hin¬
ausspucken und, ohne sich umzusehen, zu¬
rückgehen 10 ); in Tirol trägt man gegen
H. eine Adlerzunge eingenäht am Halse n );
heftigen Anfällen sucht man dadurch zu
begegnen, daß man den linken Arm
herabhängen läßt 12 ).
*) Grimm Mythol. 2, 970; Höfler Krank¬
heitsnamen 245; Hoops Realie} k. 2, 577; Laist-
ner Nebelsagen 43; Müller Isergeb. 10; Wett-
stein Disentis 176. 2 ) ZfVk. 5, 28. 3 ) Heyl
Tirol 271 Nt. 86. 4 ) Ebd. 751 Nr. 2; 764 Nr. 64.
*) John Erzgeb. 182. c ) ZfVk. 4, 312. 7 ) SAVk. 2,
222. s ) Höf ler Krankheitsnamen 245; Ho-
vorka-Kronfeld 2, 20. •) Schmidt Kräuter¬
buch 56. 10 ) Hovorka - Kronfeld 2, 20.
«) ZfVk. 8, 168. 12 ) Lammert 242.
Stemplinger.
Hut.
Gliederung; 1. Allgemeines. Erklärung. —
2 . Zauber- und Wetterhüte. — 3. Der H. der
Geister. — 4. Der H. in Sagenmotiven. —
P 5 e V» t 1 ^ fr £ Kl
IV
5. Rechtswesen. — 6. Geburt. — 7. Hochzeit. —
8. Tod. — 9. Volksmedizin. — 10. Feld- und
Viehwirtschaft. — 11. Sonstiges.
1. Der Aberglaube macht keinen Un¬
terschied zwischen dem meist mit einer
Krempe versehenen H.*) im engern Sinne
und der Kappe oder Mütze, weshalb im
folgenden alle diese gegenüber der weib¬
lichen Haube (s. 3, 1548 ff.) vorwiegend
männlichen Kopfbedeckungen in
einem behandelt werden, wobei allerdings
stets der in der Belegstelle gebrauchte
Ausdruck beibehalten wurde.
Wie der Schuh (s. d.) den Fuß, so kann
der H. auch den Kopf und die Person
des Trägers selbst vertreten. Ersitzt
auf der höchsten und sichtbarsten
Stelle des Körpers, ist daher Gefahren
von außen am meisten ausgesetzt, aber
andrerseits auch besonders geeignet, sol¬
che abzuwehren. Er sichert aber auch die
Haare (s. d.), die oft als Sitz der Seele
und des Lebens gedacht werden, vor bö¬
sen Einwirkungen und verhütet, daß
durch das Haar oder den Körper eines
unreinen Weibes überhaupt die Um¬
gebung geschädigt wird 2 ). Denn wie
Nacktheit (s. d.) die Ausstrahlung der
dem Menschen innewohnenden magischen
Kraft befördert und diesen zugleich für
Einflüsse von außen empfänglicher macht,
so bindet die Bedeckung des Körpers die
vom Individuum ausgehenden Ausstrah¬
lungen und bietet gegen schädlichen Ein¬
fluß von außen Schutz 3 ). In diesem Sinne
kommt mehr die Haube (s. d.) als Zeichen
der Frau in Betracht.
Wichtig ist ferner die geschlechtssinn¬
bildliche Ausdeutung, welche die meisten
Formen der Kopfbedeckung als Sinn¬
bild des weiblichen Geschlechts¬
teiles auf faßt. Gleiche Bedeutung dürfte
schon den Mützenidolen des altkretischen
Gottesdienstes zukommen, die als in Ton
hergestellte Mützen der minoischen Magna
Mater erklärt werden. Sie sind das Zei¬
chen der weiblichen Gottheit und die
Doppelaxt das der männlichen Gottheit,
aber nicht weil die Göttin eine Mütze auf
dem Kopfe trägt und der Gott die Axt
als Waffe führt 4 ), sondern weil Mütze
und Axt Sinnbilder der beiden Geschlech-
17
515
Hut
516
ter sind. Abzulehnen ist die Ansicht,
daß die Kopfbedeckung einzelner Göt¬
ter und Helden, z. B. die runde, zuge¬
spitzte Filzkappe des Hephaistos, Hermes,
Odysseus oder die Haube der Artemis,
die Mütze der Zwerge u. a. einen Hinweis
auf den Mondursprung ihrer Träger
dar st eilt s ).
Die hohe Bedeutung, welche dem H. im
Volksglauben und namentlich im Rechts¬
wesen zukommt, erklärt sich zu einem gro¬
ßen Teil auch daraus, daß der H. ein
Standeszeichen war, ursprünglich nur
von Herrschern und Priestern ge¬
tragen wurde, was wahrscheinlich schon
bei den Goten der Fall war 6 ). Priester
dürften aber zumeist nur bei gottesdienst¬
lichen Handlungen, im Verkehr mit den
Göttern, die gewöhnlich auch mit einer
Kopfbedeckung geschmückt sind, den
H. getragen haben. Aus der beim Opfer
getragenen phrygischen Mütze, der klas¬
sischen Mithramütze, hat sich die Bi¬
schofsmütze oder Mithra entwickelt 7 ).
Von den Kopfbedeckungen geistlicher
Würdenträger (Kardinals-, Erzbischofs-,
Bischofs-, Protonotarienh.) bilden zu den
anders geformten H.en weltlicher Per¬
sonen (Fürstenh., Markgrafenh., Kurh.,
Herzogsh. u. a.) einen Übergang die so¬
genannten geweihten H.e, welche der
Papst an Fürsten und Feldherren ver¬
schenkte, die sich um den katholischen
Glauben verdient gemacht hatten. Ver¬
anlassung dazu gab das Traumgesicht
des Judas Makkabäus (2. Makk. 15).
Den letzten erhielt General Daun nach
dem Überfall bei Hochkirch (1758) 8 ).
Dem H. geistlicher Personen, früher be¬
sonders der Jesuiten 9 ), schrieb das
Volk eine besondere Kraft zu, wie über¬
haupt jedem H., der eine religiöse
Weihe erfährt, der in Taufwasser ge¬
taucht oder bei dem Abendmahl, einer
Hochzeit oder einem Begräbnis getragen
wird.
Eine bemerkenswerte Rolle spielt der H.
in bezug auf Wind und Wetter, wobei
freilich manche Überlieferung von der den
ganzen Körper verhüllenden Nebelkappe
(s. d.) auf die Kopfbedeckung übertragen
wurde. Manche mit dem Schuh (s. d.)
oder Pantoffel gemeinsame Züge er¬
klären sich daraus, daß der H. von allen
Kleidungsstücken am leichtesten zu wech¬
seln und beweglich ist, worin ihm der
Schuh ähnlich ist.
Wichtig ist ferner die Farbe, Form
(hier besonders die auch an die Drei¬
faltigkeit erinnernde dreieckige s. drei),
Herkunft und der Stoff des H.es!
dann der Umstand, ob er alt und
schmutzig oder neu ist, dann die Art,
wie er getragen oder verwendet wird.
Dem erst in neuerer Zeit aufgekommenen
H.band kommt im Aberglauben einst¬
weilen noch keine Bedeutung zu, dagegen
aber dem H.schmuck, wie überhaupt
dem Kopfschmuck (s. Schmuck). Im
rauflustigen Süddeutschland ist das Auf¬
stecken einer Feder auf den H. das Zei¬
chen der Herausforderung, was auch in
Vierzeilern erwähnt wird 10 ).
Die Kopfbedeckung ist bei einzelnen
Völkern und Volksstämmen, die sich oft
auch dadurch von einander scharf unter¬
scheiden, mit den religiösen und na¬
tionalen Überlieferungen eng verwach¬
sen. Ais nach dem Weltkrieg der türkische
Diktator Kemal Pascha das Tragen des
H.es an Stelle des als heilig angesehenen
Fez anordnete, kam es in einzelnen Ge¬
genden zu offenem Widerstand, und nur
durch strenge Maßnahmen wurde erreicht,
daß bis 1927 der Fez fast ganz ver¬
schwand 11 ).
*) Schräder Reallex. 454 ff.; Hoops Reallex.
2 > 577 » HWb. 4, 2, 19780.; F. Hottenroth
Handbuch der deutschen Tracht (Stuttgart o J )
969. 973 (Mütze); K. Spieß Die deutschen
Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911)
16. 29. 44 ff.; O. Timidior Der H. u. seine
Geschichte (Wien 1914) 124—129; Heckscher
266 f. 270. 499; Meyer Konv.-Lex. 9 (1906),
674 f.; 10 (1905), 602 (Kappe); Hjalmar Falk
Altwestnordische Kleiderkunde, Videnskapssel-
skapets Skrifter II. Hist.-filos. Klasse 1918 Nr. 3
(Kristiania 1919) 90 ff. 2 ) P e hr Lugn Die
magische Bedeutung der weiblichen KopBe¬
deckung im schwedischen Volksglauben, Mitteil,
d. Anthropol. Ges. in Wien, 50. bzw. 20. Bd.
(Wien 1920), 81 ff. 3 ) Ebd. 94. *) H. Prinz
Etn Mützenidol aus Kreta, Mschles.Vk. 13/14
(1911/1:2), 577 ff. 5 ) Siecke Götterattribute 170.
6 ) Grimm Myth. 1, 75 ; Hottenroth a. a. O.
48» Pehr Lugn a. a. O. 103. Vgl. Wissowa
Religion 499; Pley De lanae usu 37 ff. 7 ) Vgl.
Jennings Rosenkreuzer 1 , 14712, 46 f. 8 ) Meyer
517
Hut
518
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Konv.-Lex. 9 (190b). 675. ‘ 9 ) Seligmann
Blick 2, 223. 10 ) Vgl. Jungbauer Bibliogr.
Nr. 1251. 11 ) Vgl. Bohemia (Prag) vom 28. Jänner
1927.
2. In der Sage ist aus der alten Tarn¬
oder Nebelkappe (s. d.), die ein ganzes,
verhüllendes und daher unsichtbar
machendes Kleid war, der ebenfalls un¬
sichtbar machende H. der Zwerge
geworden 12 ), der nur bei einem Sonntags¬
kind (s. d.) wirkungslos bleibt 13 ). Ist
der Zwerg ohne H. oder wird er ihm weg¬
geschlagen, so wird er den Menschen
sichtbar 14 ). Diese meist großen und
breiten Zwergenhüte 16 ) besitzen zu¬
weilen auch die Walen (Venediger) w ),
die viele Züge von den Erdmännchen über¬
nommen haben.
Verwandt ist der Breith. des Toten-
und Windgottes Wodan, des Sid-
höttr, wie Odin in der Edda genannt
wird 17 ). Dieser ebenfalls unsichtbar
machende H. hat sein Seitenstück im
Helm des Hades (Pluto oder Orkus), aber
auch im Flügelh. und Windh. des Her¬
mes (Merkur) und Perseus 18 ), und wohl
auch in dem Kapuzenmantel der Neha-
lennia (s. d.) 19 ). Denn dieser Breith.
war ursprünglich jedenfalls mehr eine
mantelartige Vermummung des Toten-
und Windgottes, den man selbst nicht
sieht, aber in seinem Wirken erkennt.
Später dürfte aus der Vorstellung der
wolkenbedeckten Berge (s. H.berge),
wobei man die Wolke mit einem H. ver¬
glich, das Bild des mit einem breiten
Schlapph. bedeckten Gottes entstanden
sein, der in solchen Bergen mit den To¬
ten wohnt. Am allerwenigsten kann dieser
H. gedeutet werden als der metaphorische
Ausdruck des über das Gesicht des Gottes,
als Geist des in den Baumkronen
stürmenden Windes aufgefaßt, hin und
her wehenden Laubes am Gipfel 20 ).
An Wodan erinnern noch heute Sagen-
gestalten, die mit dem Wind und Wet¬
ter in Beziehung stehen. Der wilde
Mann in Tirol ist gut gelaunt, wenn es
recht wettert. Dann sitzt er ohne H.
und ohne Mantel unter seinem hohlen
Stein. Ist schönes Wetter, so wickelt
er sich in seinen Mantel und zieht den
war
ei-
breitkrempigen H. tief ins Gesicht 21 ).
Auch Rübezahl richtet sich in seiner
Kleidung nach dem Wetter und trägt
ebenfalls einen großen, breitkrempigen
H. 22 ). Wetterhüte tragen auch die
„Alten“ am Greiner und auf der Löffel¬
spitz in Tirol, die gern, den H. tief ins
Gesicht gedrückt, auf aussichtsreichen
Punkten das Wetter beobachten und
machen 23 ). Einen breitkrempigen
Schlapph. hat meist der wilde Jä¬
ger 24 ), der aber auch einen schwarzen
Federh. 25 ), einen grünen 2e ) oder ei¬
sernen 27 ) H. trägt, dann der den wilden
Jäger begleitende schwarze Mann 28 ),
ferner der Schimmelreiter, der aber
auch ohne Kopf erscheint 29 ); der Schwa¬
newert in Westfalen 30 ), der Eintöffeler
und ein geisterhafter Schäfer in Schwa¬
ben 31 ) u. a. Sagen vom wilden Jäger
häufen sich zuweilen in der Nähe von
H.bergen (s. d.), besonders in der
Lausitz. Hier tritt der Nachtjäger auch
als Blauhütel (1, 1386 f.) auf, wozu das
Volk erzählt, daß er einst ein Burgherr auf
dem H.berg bei Bemstadt gewesen ist und
stets einen blauen H. getragen habe 32 ),
oder daß die Herren von Biberstein,
denen dieser Besitz gehörte, immer blaue
H.e zu tragen pflegten 33 ). Eine blaue
Mütze trägt der Teufel in einer vlämi-
schen Sage 34 ). Den für einen Wanderer
gut passenden breitkrempigen H.
trägt ferner der ewige Jude 35 ), der so¬
genannte „Alte“ auf der Teufelswiese im
Wintermühlental (Siebengebirge) 3ö ), ein
auf Kinderraub ausgehender Geist in
einer Sage aus dem Böhmerwald 37 ), der
an den Wassermann erinnert, dieser
selbst in einer schlesischen Sage 88 ), dann
der Hoimann in der Oberpfalz 39 ) und
allerlei aufhockende Waldgeister 40 ), end¬
lich auch ein Geist im verfallenen Schloß
Freienstein bei Beerfelden im Erbachi-
schen 41 ).
Der H. wird auch von Menschen zu
Wetter- und Windzauber verwendet,
wobei vornehmlich den H.en von Herr¬
schern und Priestern solche zaube¬
rische Kraft zukommt. Nach welcher Seite
der schwedische König Erik seinen
H. wandte und hielt, daher wehte augen-
m
519
Hut
520
blicklich der Wind, weshalb der König
den Beinamen Windli. (vedrhattr) be¬
kam 42 ). Mit den meist roten H.en der
Geistlichen wurde schon früh das Wetter
in Zusammenhang gebracht. Regen-
wetter sollte nach älterem Glauben stets
eintreten, wenn die Priester auf Reisen
gingen oder zum Pfarrkapitel sich ver¬
sammelten. Ein leoninischer Vers lautet:
Imber descendit,
Monachus dum pergere tendit.
Nach schwedischem Glauben soll man auf
hoher See einen Priester sidkofte (tief-
kappig) nennen, d. h. ihn nach Wür¬
den betiteln, um dadurch vor Reise -
gefahren bewahrt zu bleiben 43 ). In Wal¬
lonie n kann ein Geistlicher den Wind
wenden, wenn er die Spitze seines drei¬
eckigen H.es dorthin richtet, woher der
Wind wehen soll 44 ).
Mit einem dreieckigen H. wedelt in
Thüringen der Gewitterbanner ein
Unwetter weg 45 ). Der Wirbelwind hört
auf, wenn man eine Mütze hinein-
wirft 46 ). Durch das Schleudern einer
Mütze oder eines Schuhes (s. d.) zwingt
man in der Provence die Wolken zu wei¬
chen 47 ). Die Finnen zaubern Wind her¬
bei, indem sie einen H. wie einen Wirbel¬
wind herumschwenken 48 ), die Esten,
indem sie den H. dreimal auf dem Kopfe
herumdrehen und dann den Schirm oder
die Kappe nach der Himmelsgegend zu
richten, woher der gewünschte Wind
kommen soll 4Ö ).
Um das Wetter zu erforschen,
hatte ein als Hexe verschrienes Weiblein
im Allgäu ein kleines Löchlein in seinem
großen, weißen H. Ein Blick durch dieses
Löchlein sagte dem Weibe, ob ein Ge¬
witter entstehen und wann es kommen
werde 50 ). Dieser Zauberh. erinnert
an den Wunschh. des Märchens 51 ),
der dort, wo er den Besitzer in die Feme
trägt, eigentlich auch nur ein Windh.
ist, da der Wind die treibende Kraft bei
einem solchen Fluge vorstellt.
12 ) Grimm Myth. i, 383. Vgl. Jahn Pommern
54. 85; Kühnau Sagen 2, in ff. Nr. 755®. 768*;
Pcuckert Schlesien 225 f.; Jungbauer Böh-
merwald 4512. a. 13 ) Wuttke4i §45. 14 ) Grimm
Sagen 127 ff. Nr. 152 fr.; Kühnau Sagen 2,
100 Nr. 75i 7 — Peuckert Schlesien 229.
1§ ) Jahn Pommern 69 Nr. 84 = Zaunert
Natursagen 1, 47, vgl. 57; Meyer Germ. Myth.
127 § 167; Sebillot Folk-Lore 4, 31. 16 )
Peuckert Schlesien 285. 1? ) Grimm RA. 1,
377. 18 ) Grimm Myth. 1, 383t; Wolf Bei¬
träge i, 12; H. Güntert Der arische Weltkönig
u. Heiland (Halle 1923) 152. 1B ) Güntert
Kalypso 57. 67. in. 20 ) Meyer Religgesch. 233.
21 ) Zingerle Sagen (1859) 82 Nr. 129 B =
Zaunert Natursagen 1, 80. Vgl. Rochholz
Sagen 1, 296 u. Glaube 2, 234. 2a ) G. Jung¬
bauer Die Rübezahlsage (Reichenberg 1923) 40.
23 ) Alpenburg Tirol 104. 24 ) Wucke Werra
298 f. Nr. 518 = Quensel Thüringen 165. Vgl.
Stöber Elsaß 1, 17 Nr. 23. 25 ) Kühnau Sagen
2, 458 Nr. 1061. 2e ) Ebd. Nr. 1114. 27 ) Meyer
Germ. Myth. 242. Vgl. Schell Bergische Sagen
505 Nr. 23. 28 ) Jungbauer Böhmerwald 88.
ZB ) Wucke Werra 36 Nr. 69; 137 Nr. 237.
30 ) Zaunert Westfalen 218. 31 ) Kapff Schwaben
26 f. 32 ) Haupt Lausitz 1, 122 Nr. 136; Küh¬
nau Sagen 2, 447 t Nr. 1047; Sieber Sachsen
171. 33 ) Meiche Sagen 844 Nr. 1047. 34 ) Goyert
u. Wolter 142. 36 ) Sieber Sachsen 123. 34 )
Schell Bergische Sagen 505 Nr. 21, vgl. Nr. 19;
Zaunert Rheinland 2, 11. 37 ) Jungbauer
Böhmerwald 53. 39 ) Kühnau Sagen 2, 241
Nr. 881. 3B ) Schönwerth Oberpfalz 2, 343.
40 ) Kühnau Sagen 1, 511 Nr. 551; Zaunert
Natursagen 1, 90. 41 ) Grimm Sagen 198 f.
Nr. 271. 42 ) Grimm Myth. 1, 533; vgl. 3, 183;
Rochholz Naturmythen 209. 43 ) Rochholz
Glaube 2, 233 f. 44 ) Sebillot Folk-Lore 1, 102 f.
45 ) Wucke Werra 104 Nr. 180 = Quensel
Thüringen 280. 16 ) Kuhn Westfalen 2. 93
Nr. 289. 47 ) Sebillot a. a. O. i, 110. 48 ) FFC.
Nr. 30, 26 f. 4# ) Ebd. = Boeder Ehsten 109 f.
50 ) Reiser Allgäu i, 193. **) Wolf Beiträge 1,
ioff.; Grimm Myth . 1, 383t.; 2, 725t.; 3, 264;
Bolte-Polivka 1, 464 ff. 483.
3. Neben dem breitkrempigen Schlapph.
erscheinen in der Sage noch andere H.-
formen. Die dreieckigen und zwei¬
spitzigen H.e, die ein Kennzeichen der
Zeit Friedrichs des Großen und Napoleons
sind 62 ), sich aber noch bis auf die Gegen¬
wart bei gewissen Uniformen, Hof- und
Amtstrachten, Schützengilden, Leichen-
bestattem 53 ) und zum Teil auch in der
Volkstracht, z. B. im Norden Badens 54 ),
erhalten haben, kehren nicht selten bei
Sagengestalten wieder. Einen Dreispitz
trägt zuweilen der Nachtjäger 55 ), dann
das Tannenmännlein des nordböh¬
mischen Jeschkengebirges 56 ), das Holz-
männel 57 ), der Hauskobold 58 ), ge¬
spenstische Reiter 59 ) und andere Ge¬
spenster 60 ), ferner der Teufel 61 ), ein
schlesischer Flurgeist 62 ), ein verwun¬
521
Hut
522
f
I
i
v:
%
c
schener Schäfer in Schwaben 63 ), ein
Männchen, das sich wiederholt in den Kel¬
lern des Egerer Hauses zeigte, in dem
Wallenstein ermordet wurde 64 ) u. a.
Nach dem Glauben des Voigtlandes tra¬
gen auch jene Leute kleine, dreieckige H.e,
welche als Bilsenschnitter (Binsen¬
schnitter) ihr Unwesen auf den Feldern
treiben, weshalb solche H.e auch Bilsen-
schnitterhütchen genannt werden 85 ).
Den Zweispitz oder Bonapartsh. oder
Napoleonh. trägt in Thüringen in einem
Fall der wilde Jäger mit einem Pinsel
darauf 66 ), im Voigtland ebenfalls der
wilde Jäger 67 ) und ein gespenstischer Rei¬
ter 68 ), im sächsischen Erzgebirge ein
Bergwerksgeist 69 ) und nach einer
rheinischen Überlieferung auch der ewige
Jude 70 ).
Was die F a r b e anbelangt, sind r o t e H .e
häufig, wie sie in Wirklichkeit von Geist¬
lichen, aber auch von Bauern im 12. und
13. Jh. beim Tanze statt der Haube oder
über der Haube getragen wurden 71 ) und
noch in Shetland, wo sie eine Zuckerh.-
form haben, in Südfrankreich und bei
Triester Schiffern zu finden sind 72 ). Im
deutschen Nordböhmen hat der Wasser¬
mann mitunter eine rote Kappe 73 ),
sonst ist sie auch grün 74 ), wie in ähn¬
licher Weise der oft als Jäger und grün
gekleidet gedachte Teufel zumindest eine
rote Feder auf seinem H. trägt 75 ).
Einen roten, wunderlichen H. hat der
Rattenfänger von Hameln 76 ), ein
rotes Käppchen tragen die wilden Wei¬
ber im Blöckensteiner See 77 ) und bis¬
weilen die Hexen bei den Südslawen 78 ).
Auf den Feuergeist weist hin, wenn die
Irrlichter neben Rothösel, Rotröckel
oder Rotstrumpf auch den Spottnamen
Rotkäppel haben 79 ) oder die Haus¬
geister und Kobolde rote H.e tragen 80 ).
Betreffs der Erdmännlein heißt es aber
schon in der Zimmemschen Chronik 81 ),
daß sie durch geschenkte rote Röcklein
und rote Käppchen vertrieben werden,
weil sie die rote Farbe nicht leiden, kön¬
nen (s. Kleid). Bergmännchen haben
oft spitze H.e 82 ), wie manchmal die Ko¬
bolde, die aber als Haus- und Ahnen¬
geister gern auch in altvaterischer Tracht
mit Zipfelmütze oder breitkrempigem
H. sich zeigen 83 ).
Eine weiße Zipfelkappe trägt das
Käsperle von Gomaringen, das zu Leb¬
zeiten ein betrügerischer Vogt gewesen
sein soll 84 ), eine weiße Mütze hat auch
der Geist des ehemaligen Hexenmeisters
Pagels auf Rügen 85 ), graue Hütchen tra¬
gen Waldgeister 86 ) und die nach der Farbe
ihrer Kleidung geradezu „Graumänn¬
lein 4 * genannten Geister 87 ), von grauer
Farbe ist wohl auch die Kapuze, welche
das Einfüßele in Nonnenhaus trägt 8Ö ), wie
eine solche auch der wie ein Bergmann
mit Kutte und Kapuze bekleidete Rübe¬
zahl anhat 89 ).
Einen Strohh. hat das Wasser-
weibl in Schlesien 90 ), das Ruiweible im
schwäbischen Allgäu 91 ) Und nach einer
Böhmerwaldsage der Teufel, der einer
Krauthexe die Würmer von dem Kraut
abklaubt 92 ). Auf einem Gute in Wal¬
tersdorf bei Berga durfte das Gesinde ei¬
nen Strohh., den man Pferdekopf
nannte und der oben im Kuhstall lag,
nicht verspotten. Eine Magd, die dies tat,
erhielt jeden Abend vor dem Schlafen¬
gehen einen empfindlichen Schlag auf den
Hintern, so daß sie schließlich den Dienst
aufgeben mußte 93 ). Bei weiblichen
Schloßgespenstern in mittelalterlicher
Tracht wird bisweilen angeführt, daß sie
einen H. mit wallenden Federn tragen 94 ),
wofür der Sage meist alte Gemälde das
Vorbild geliefert haben. Vereinzelt fin¬
det sich eine Art Wachstuchh. als Kopf¬
bedeckung eines Gespenstes auf schwäb.-
alem. Gebiet 95 ).
Einzelne Geister, besonders Kobolde,
erhielten sogar ihren Namen nach der auf¬
fälligen Form ihres H.es. Der später nach
der Wahner Heide gebannte böse Haus¬
geist in Köln hieß von seinem hohen H.
Huppet Huhot (Hubert Hochh.) 93 ),
das Hütchen im Hildesheimischen hat
seinen Namen (niedersächs. Hödeken) von
seinem kleinen Filzh. 97 ), in Thüringen
nennt man Zwerge mitunter ebenfalls
Hütchen 93 ). Heinz Hütlein oder Hein-
zelmann hieß das Männlein, welches bei
den Mönchen zu Siegburg daheim war 99 ),
der Hockgeist bei Freiberg in Sachsen hat
523
Hut
524
den Namen Mützchen 10 °), der an Faust
erinnernde Geist Martin P u m p h u t 101 ) der
Lausitz und des Voigtlandes besitzt einen
Zauberh., mit dem er an die Mühlradwelle
klopft, die dann gleich in dem Zapfen
sitzt, oder auf den sich die Fliegen setzen
müssen, die ihn beim Essen stören 102 ). An
Wodan (s. o.) erinnert endlich wieder der
wegen seines breiten, ledernen Schlapph.es
Breith. genannte Geist, der in der Ad-
ventszeit mit vier schwarzen, kopflosen
Rappen, manchmal aber auch mit vier
Schimmeln von Blaubeuren nach Wiesen¬
stieg fährt 103 ). Der Name Breith. kommt
im übrigen neben anderen Zusammen¬
setzungen auch als Familienname
vor 104 ), kann daher auch der Name
einer geschichtlichen Person sein, welche
im Grabe keine Ruhe findet.
52 ) Hottenroth a. a. O. 685. 63 ) Meyer
Konv.-Lex. 9 (1906), 675. 54 ) WZfVk. 30 (1925),
26 nach Fehrle Baden 177 55 ) Sieber Sachsen
165. 56 ) Kühnau Sagen 2, 205 Nr. 841. Vgl.
Zaunert Natursagen 1, 90f. 57 ) Eisei Voigt¬
land 22 Nr. 37. 58 ) Ebd. 52 Nr. 117; 76 Nr. 190.
5# ) Ebd. 59 Nr. 131; 62 Nr. 140. 00 ) Ebd. 73 ff.
Nr. 181. 186. 193. 199. 41 ) Strackerjan 2,
227 Nr. 481. 62 ) Kühnau Sagen i, 331 Nr. 316 =
Peuckert Schlesien 184. ® 3 ) Kap ff Schwaben
27. * 4 ) Jungbauer Böhmerwald 164. •»)
Grimm Myth. 1, 394. Vgl. Eiscl Voigtland 209
Nr. 550. #Ä ) Quensel Thüringen 165. ® 7 ) Eisei
Voigtland 116 Nr. 298. * 18 ) Ebd. 61 Nr. 138.
6ö ) Sieber Sachsen 163. 70 ) Zaunert Rhein¬
land 2, 186. 71 ) Hottenroth a. a. O. 234.
7f ) Heckscher 266. 73 ) Grohmann 12
Nr. 44; Sieber Sachsen 178 t. 184. 74 ) Küh¬
nau Sagen 2, 324 Nr. 928; Jungbauer Böhmer¬
wald 51. 59. 62. 75 ) Vgl. Kühnau Sagen 2,
554 ff. Nr. 1201. 1210 f. 1236. 1269. 1287 3 . 1289;
Quensel Thüringen 298. 76 ) Zaunert West¬
falen 185. 77 ) Jungbauer Böhmerwald 93.
78 ) Krauß Volkf. 44. 7Ö ) Quensel Thüringen
251. 80 ) Grimm Myth. 1, 383. 423; Wolf
Beiträge 2, 311; Heckscher 331. 81 ) (Freiburg
u. Tübingen 1881) 4. 132 ff. = Kapff Schwaben
42. b2 ) Quensel Thüringen 204. Vgl. Sieber
Sachsen 261. 83 ) Vgl. Zaunert Natursagen 1,
57; Quensel Thüringen 200. 84 ) Kapff
Schwaben 49 f. 85 ) Jahn Pommern 59 f. Nr. 74.
Vgl. Rochholz Sagen 2, L. 86 ) Peuckert
Schlesien 184. 87 ) Vgl. Kühnau Sagen 2,
201 Nr. 833. 88 ) Kapff Schwaben 49.
89 ) G. Jung bau er Die Rübezahlsage (Reichen¬
berg 1923) 12. 90 ) Kühnau Sagen 2, 232 Nr. 870.
#1 ) Kapff Schwaben 73 f. ° 2 ) Jungbauer
Böhmerwold 203. 93 ) Eisei Voigtland 198 f.
Nr. 525. ü4 ) Vgl. Jungbauer Böhmerwald 114.
* 5 ) Birlinger Volksth. 1, 284. 96 ) Schell
Bergische Sagen 562 Nr. 46; Zaunert Rhein¬
land 1, 186. 97 ) Grimm Sagen 54 ff. Nr. 74
u. Myth. 1, 420. 98 ) Quensel Thüringen 195, 203.
") Schell Bergische Sagen 453 ff. Nr. 63; vgl.
599. 10 °) Sieber Sachsen 295!.; Seyfarth
Sachsen 10. ln ) Haupt Lausitz 1, 185 ff.
Nr. 220 = Kühnau Sagen 3, 160 ff. Nr. 1544.
102 ) Meiche Sagen 495 ff. Nr. 645«.; Sieber
Sachsen 225 ff. 335. Kapff Schwaben
25 f. 104 ) A. Heintze Die deutschen Familien¬
namen* (Halle 1922) 200.
4. Von weiteren Sagenmotiven , in
welchen der H. eine Rolle spielt, ist noch
zu erwähnen, daß Tote, wie den Raub
des Hemdes (s. d.) oder Kleides (s. d.),
auch den der Mütze rächen 105 ). Und wie
der Tote ohne sein Kleid nicht in das Grab
zurück kann, so darf auch der Zwerg ohne
Mütze nicht nach Hause kommen 106 ).
Nach einer Kärntner Sage verläßt das gute
Bergmandl für immer die Gegend, weil
man ihm sein Filzhütlein genommen hat,
das in der Kirche St. Helena auf dem
Wiesenberge noch heute zu sehen sein
soll 107 ), nach einer andern bringt das von
einem Bauer geraubte Geisterhüt¬
lein dem Hause Unglück 108 ), wird aber
nach einer etwas verdächtigen Erzählung
von einer Hexe als ein wertvolles Glücks¬
ding betrachtet 109 ). Daß man, wenn
man den H. der Unterirdischen in seine
Hand bekommt, über sie selbst Macht
gewinnt, wie etwa bei den Schwan¬
hemden, wird ganz vereinzelt bloß von
E. M. Arndt überliefert 110 ). Wer einen
Zwergenh. besitzt, kann sich selbst un¬
sichtbar machen und findet den Weg
zum Schatzberg m ). Durch Vor¬
halten seiner Mütze vermag ein Zwerg
die Leute irrezuführen, wie dies die
Nebelfrau mit ihrem Schleier (s. d.)
tut 112 ).
Der H. eines ins Jenseits Entrückten,
der ihn dort vergessen hat, kommt am
nächsten Aschermittwoch zurück und
bald danach stirbt sein Besitzer 113 ). Ein
Zauberer darf seinen verlorenen H. nicht
aufheben 114 ); wer mit dem Teufel Kar¬
ten gespielt hat, findet den zurückgelasse¬
nen H. später zerfetzt vor 115 ), wie sich
Geister überhaupt an den als Opfer zu¬
rückgelassenen Kleidern (s. d.) schad¬
los halten. Eine Hexe verwandelt sich
in einem Fall in einen Frauenh. 116 ).
Der Freischütz kann die feindliche
525
Hut
526
Kugel mit dem H., den er mit der Öffnung
nach oben beiseite legt, auf fangen 117 ).
Schätze bannt man, indem man neben
andern auch den H. auf das Schatzfeuer
wirft u8 ). Der Teufel bringt mitunter
Schatzgräber dadurch zum Sprechen,
daß er einen, z. B. den mit der roten
Mütze 119 ), als sein Opfer bezeichnet.
Mit Gold gefüllt erhält ein Knabe seinen
H. zurück, den der Wind in eine Schatz¬
höhle entführt hat 120 ), oder den boshafte
Kameraden zum schwarzen Kellerfenster
der Schellenburg bei Jägemdorf hineinge¬
worfen haben 121 ). Wer beim Anblick des
geisternden Liebespaares in Straupitz
nicht den Kopf entblößt, dem fliegt der
H. vom Kopf 122 ).
Wie der junge Riese im Kindermärchen
eine Glocke als H. benützt 123 ), so findet
sich dasselbe Motiv auch in der Legende
vom hl. Theodul, Theodor oder Joder
der Walser in Churrätien. Dieser bekam
vom Papst eine Glocke geschenkt, die ihm
der Teufel auf dem Kopf über die Alpen
bringen mußte. Mit einem solchen Teufel,
der eine Glocke auf dem Kopf hat, wird
der Heilige auch heute noch abgebildet 124 ).
Eine andere Legende erklärt, warum der
hl. Jakob auf Abbildungen allein einen
H. trägt. Die Apostel waren einmal
dem Herrn voran durch ein Kornfeld ge¬
gangen. Da lief der Bauer herbei und
nahm alle H.e zum Pfand. Doch der hl.
Jakob sagte: „Laßt mir meinen H., ich
will euer Kompatron sein“. Seitdem ist
er der Kompatron der Bauern und hat
daher als einziger Apostel einen H. 126 ).
Andere Sagen erklären die auffällige
H.form von Steinfelsen. Den H.-
stein, auch Hollstein oder Heidenstein
genannt, bei Spich, soll ein gespenstischer
Riese in jeder Mainacht als H. aufsetzen.
Wenn er ihn nach Mitternacht ablegt, er¬
zittert die Erde 126 ). Von dem „Des
Teufels H.“ genannten Felsblock bei
Ehrenberg unweit von Altenburg wird
erzählt, daß ihn der Teufel im Spiele als
H. getragen habe, bis Christus den Über¬
mut des Bösen dadurch dämpfte, daß er
denselben Stein an seinen kleinen Finger
steckte 127 ). Von den als versteinertes
Brautpaar gedeuteten Felsblöcken an der
Hohensteiner Straße in Barmen wird
einer als der H. oder Kopf des Bräu¬
tigams bezeichnet und erzählt, daß er
sich alle hundert Jahre einmal herum¬
dreht 128 ). Manche Sagen erzählen von
Riesen, die große Steine im H. irgendwo¬
hin schafften, oder von Erdhügeln,
vermeintlichen Gräbern, daß hier ein
Held begraben sei, dessen Krieger das
Erdreich zu dem Hügel in ihren Kopf¬
bedeckungen zusammengetragen hät¬
ten 129 ).
Den Namen der östlich von Parchim
gelegenen Mützenmühle erklärt die
Sage damit, daß eine frühere Besitzerin der
Mühle „Frau Mütz“ hieß, weil sie nur
ungern eine neue Mütze aufsetzte, und
ihr Nachfolger die von ihr ererbte Mütze
in der Mühle festnageln ließ, wovon diese
den Namen erhielt 13 °).
Bekannt ist endlich das Märchenmotiv
der Vertauschung der Kopfbe¬
deckung Schlafender, die bewirkt, daß
der Menschenfresser seine eigenen Kinder
an Stelle der fremden umbringt 181 ), und.
das Schwankmotiv vom Meineid, wo¬
bei der falsch Schwörende einen Schöpfer
in den H. und Erde in die Schuhe gibt
und spricht: „So wahr ich meinen Schöp¬
fer über mir habe, und auf meiner Erde
stehe...“ 132 ).
106 ) Peuckert Schlesien 133 f. 10ft ) Quensel
Thüringen 196. 107 ) Gräber Kärnten 26 Nr. 29.
198 ) Ebd. 22 Nr. 20. 109 ) Ebd. 38 Nr. 45. 119 )
Märchen u. Jugenderinnerungen 2 1, 138 =
Jahn Pommern 55 = Zaunert Natursagen 1,
49 f. Vgl. Heckscher 74 f. m ) Mannhardt
Germ. Mythen 448 t. UÄ ) Jungbauer Böhmer¬
wold 73. 113 ) Ebd. 100 f. 114 ) Kuhn Westfalen
i, 79 t. Nr. 70 = Zaunert Westfalen 276. u *)
Jungbauer Böhmerwald 190. u# ) Stracker¬
jan 1, 417 Nr. 220 gg. U7 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 167; Zaunert Westfalen 283; Quensel
Thüringen 288. 291. Vgl. Kühnau Sagen 1,
518 Nr. 563 (Tschech. - Schlesien); 524 Nr. 570
(Nordostböhmen). u8 ) Heckscher 380.
119 ) Sieber Sachsen 156. 12 °) Meiche Sagen
43 Nr. 35. 121 ) Kühnau Sagen 1, 271 Nr. 240.
122 ) Ebd. i, 298 Nr. 254. 123 ) Vgl. Bolte-
Polivka 2, 286. 124 ) Vonbun Beiträge 21 ff.
126 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 301 = Roch¬
holz Naturmythen 208 f. 12# ) Schell Bergische
Sagen 488 f. Nr. 50. 127 ) Grimm Sagen 157
Nr. 205. 128 ) Schell a. a. O. 184 Nr.noa.
129 ) WZfVk. 29 (1924), 2, 33. 13 °) Bartsch
Mecklenburg 1, 213 t. 131 ) Bolte-Pollvka 1,
124. 499 t. 132 ) Peuckert Schlesien 155 t.;
527
Hut
Hut
530
Kapff Schwaben 110; Zaunert Rheinland 2,
217. Vgl. o. 2, 669.
5. Eine besondere Bedeutung kommt
dem H. in rechtlicher und sogar auch
politischer Beziehung zu.
a) Schon bei den Römern erscheint der
H. als Zeichen der Freiheit, der
Sklave bekam bei der Freilassung einen
pileus, den H. der Freien 133 ). Brutus
und Cassius ließen nach der Ermordung
Cäsars Münzen schlagen, auf denen ein
H. als Freiheitszeichen zwischen zwei
Schwertern stand. Ähnliche Münzen
prägte die Republik der vereinigten Nie¬
derlande nach ihrer Befreiung vom spa¬
nischen Joch 134 ). Zum Unterschied von
den Anhängern der friedliebenden rus¬
sisch-englischen Partei, die ,,Mützen"
hießen, nannte sich die franzosenfreund¬
liche Partei in Schweden während der
Freiheitszeit (1718—1772) seit 1738
„Hüte", um ihre freiheitliche Gesinnung
zu betonen 135 ). Als sichtbares Zeichen dieser
Gesinnung tauchten in der ersten Hälfte des
19. Jhs. die breitkrempigen Karbona-
ri-, Hecker-, Turner-und Demokra¬
tenhüte auf, die aber wegen ihrer Zweck¬
mäßigkeit bald in allgemeinen Gebrauch
kamen 136 ). Auf die erwähnte Kopfbe¬
deckung der italienischen Verschwörer,
der Karbonari, gehen die Kalabreser
zurück, die 1848 vorübergehend den min¬
der „freiheitlichen" Zylinderh. ver¬
drängten 137 ). In manchen deutschen Ge¬
genden, wo Katholiken und Protestan¬
ten nebeneinander leben, unterschei¬
den sie sich durch die Form des H.es 138 ).
Zum Sinnbild des verschlafenen deut¬
schen Michels ist endlich die Zipfelhaube
geworden 13 °).
b) Wie Adelige das Recht hatten,
vor dem Könige mit bedecktem Kopfe
zu sitzen 14 °), so haben auch sonst Per¬
sonen das Vorrecht, den Kopf bedeckt
zu lassen 141 ), was sogar beim Gottes¬
dienste der Fall war. In Immenstadt hatte
der Hauptkläger während der ganzen
Seelenmesse den H. auf und legte ihn
erst beim darauffolgenden Lobamte ab 142 ).
In Zollikon behielten die Männer während
der Predigt (nach Verlesung des Textes)
die H.e auf und lüpften sie etwa nur bei
Nennung des Namens Jesus 14S ).
Andrerseits ist das Abnehmen des
H.es und Entblößen des Hauptes vor
dem Bilde der Gottheit und vor Höher¬
stehenden allgemein üblich 144 ) und
auch bei Naturvölkern zu finden 145 ).
In der Oberpfalz war es sogar Sitte, daß
der Landmann den H. abnahm, wenn er
morgens die Sonne aufgehen sah, und
wenn der Mond klar schien, sagte man,
es sei schade, den H. aufzubehalten 148 ).
Nach mittelalterlichen Quellen war ein
auf den Speer gesteckter Filzh. das
Zeichen, daß man die Herberge suchte,
und auch der Gast dürfte mit abgezo¬
genem H. die Herberge gesucht haben.
Wenn er aber über drei Tage blieb, nahm
ihm der Wirt den H. weg und zeigte
dadurch und durch schlechte Behandlung,
daß ihm der Gast lästig sei 147 ). Im
Böhmerwald war es noch vor dem Welt¬
krieg nicht selten, daß abhängige Zins-
gründler oder Holzhauer im Gespräch
mit herrschaftlichen Förstern und Hegern
den H. in der Hand hielten 148 ). Wenn
der südslawische Bauer einen Herrn in
der Stadt besucht, läßt er seinen H.
draußen vor der Tür auf der Erde liegen 149 ).
c) Gleich der Fahne diente früher der
H. auch als Feldzeichen und Hoheits¬
zeichen. Wer ihn aufsteckte, forderte
das Volk zur Heer- und Gerichtsfolge
auf und hatte die Gewalt dazu. In Fries¬
land hieß der Träger der Fahne oder des
H.es Hödere (Hutträger). Auch Geßlers
H. ist Sinnbild der Obergewalt zu Gericht
und Feld 150 ), später aber zum Schweizer
Sinnbild politischer Selbständigkeit ge¬
worden. Will man zwischen angeborener
und angemaßter Selbstherrlichkeit unter¬
scheiden, so gebraucht man die Redens¬
art: „Es ist ein Unterschied zwischen
dem König David und einem Hutmacher¬
gesellen" 1S1 ).
d) Der H. war ferner Sinnbild der
Übertragung von Gut und Lehen.
Der Übertragende oder an seiner Statt
der Richter pflegte den H. zu halten, der
Erwerbende hineinzugreifen oder einen
Halm hineinzuwerfen 162 ). Das Greifen
in den H. scheint aber noch früher auch
den Sinn des Verschwörens gehabt zu
haben. Die miteinander „in den hut
griffen", „verschworen" sich zusammen.
Daher entspricht auch die Redensart
„unter dem hütlein spielen" dem latei¬
nischen conspirare inter $e nz ).
e) Eine alte Form der Einsprache
gegen die Ehe war das Werfen des
H.es oder der Mütze. Wenn im Hanau-
ischen bei einer Eheverkündigung von der
Kanzel eine Frauensperson Einsprache
erheben wollte, mußte sie ihre Mütze
abnehmen und in die Kirche werfen. Die
Redensart „'s Hüetl eini werfen" bedeutet
„die Heirat rückgängig machen" 154 ).
Nach einer alem. Quelle wurde bei der
Trauung mit der Braut auch ein H.,
Mantel und Schwert übergeben 155 ).
f) Wie hier vertrat die Person der H.,
wenn es für einen Asylsuchenden
genügte, den H. in die Freiheit zu
werfen 155 ).
g) Die Offenheit und Ehrlichkeit
des Gerichtsverfahrens wollte man
betonen, wenn nach sächsischem Land-
recht Richter und Schöffen beim Gericht
keine Kappen, H.e oder Hauben, aber
auch keine Handschuhe (s. d.) und ge¬
schlossenen Mäntel (s. d.) anhaben
durften 157 ).
h) Eine entehrende Strafe war das
Tragen bestimmter H.e. Nach dem
Seligenstadter Sendrecht wurde ein
Wucherer bestraft, indem er an drei
Sonntagen barfuß und einen Judenh. 158 )
auf dem Kopfe mit dem Weihwasser um
die Kirche gehen mußte. Zur Hinrich¬
tung wurde dem Verbrecher zuweilen
eine rote Mütze auf den Rock gebunden 159 )
und Ketzern,. wie z. B. dem Magister
J. Huß, den man so gewissermaßen als
Bischof des Teufels kennzeichnen wollte,
eine Papiermütze mit darauf gemalten
Teufeln in Form eines Bischofsh.es auf¬
gesetzt 16 °).
i) Bedeutung hat der H. endlich auch
im Weiderecht. Wenn ihn der Hirt
auf seinen Stab hängte und diesen an
der Grenze der Nachbarweide in den
Boden steckte, diente er als Befrie¬
dungszeichen, wie man ähnlich mit¬
unter auch während der Dauer des
Marktfriedens einen H. auf steckte 16 J ).
In der Mittelmark bekam der Pferdehirt,
dessen Pferd am Pfingstmorgen zuerst
auf der Weide war, einen H. aufge¬
setzt 162 ). In Württemberg besteht der
Brauch, daß der Hirt zu festgesetzten
Zeiten einen H. bekommt, so im Oberamt
Eilwangen der Schafhirt dann, wenn er
mit seiner Herde draußen bleiben kann;
sonst bekommt der Gemeindehirt den
H. auch am Katharinatag (25. Novem¬
ber) 163 ). An dem Tage, an dem die
Bauern den Vertrag mit ihrem Hirten
für den kommenden Sommer abschlossen,
fand in Bayern der H.tanz statt 164 ).
j) Bei diesem erscheint der H. als
Siegespreis. Bei dem früher auf schwä¬
bischen Kirchweihfesten fast regelmäßig
getanzten H.tanz war meist ein H.
mit einer Schnur an einer hohen Stange
hinaufgezogen. Die Schnur wurde unten
angebunden und ein Stück Schwamm
daran befestigt und angezündet. Man
tanzte rings um den H. und reichte einen
geschmückten Zweig herum. Wer diesen
in der Hand hatte, wenn die Schnur
abgebrannt war und der H. herabfiel,
gewann den Preis. Auch andere Formen
waren üblich, wobei z. B. das Losgehen
einer Pistole als Zeichen galt, bestimmte,
in die Erde gesteckte Pfähle herauszu¬
ziehen und der, welcher den gemerkten
Pfahl herauszog, Sieger war 165 ).
Einen H. gewann der Sieger beim
Hahnenschlag zu Fasten und beim Königs¬
schießen zu Pfingsten in Oldenburg 166 ),
ferner bei dem H.reiten zu Pfingsten
in Schlettau bei Halle und Ederslebeu
bei Sangershausen, bei welchem das Ziel
ein mit bunten Bändern und Tüchern
geschmückter H. war 167 ), und den ähn¬
lichen Bräuchen in Anhalt, in Groß-
Kühnau (Kr. Dessau) und Quellendorf 188 ).
Ein Wettkampf eigener Art ist das H.-‘
singen oder H.aussingen der Land¬
bevölkerung in der Gegend von Dachau,
das zum letztenmal 1911 in Tuntenhausen
stattfand. Die Sänger müssen in Reimen
über irgendwelche Dinge singen und da¬
bei über die Lösung eines Rätsels, das
der den Wettkampf leitende Rätselherr
aufgibt, nachdenken und hierauf das Wort
53 i
Hut
532
der Lösung in Reimen besingen. Der
Sieger erhält einen landesüblichen H.
oder eine Zipfelhaube. Ein solches Singen
fand 1831 auch in München statt 169 ).
Der H. spielt auch sonst im Volks -
brauch eine Rolle, z. B. im Braun¬
schweigischen beim Hänseln der Dorf¬
burschen 17 °) oder in den seltsamsten
Formen bei den Weinberghütern und
Ochsenhütem Tirols 171 ) und namentlich
bei den Teilnehmern am Perchten¬
laufen 172 ). Eine hohe, mit Bändern
geschmückte Strohkappe hat in Shet¬
land der Anführer der Guisars, der
Lustigmacher, welche nach dem in der
Julzeit stattfindenden Schwerttanz (s. d.)
auftreten 173 ).
1M ) Gold mann Einführung 131!. ,3 ‘) Meyer
Konv.-Lex. 9 (1906), 674. >“) Ebd. 676; 14
(1907), 336 . 1M ) Ebd. 9, 675. i”) F. Hotten-
roth Handbuch der deutschen Tracht (Stuttgart
°. J.) 900. 138 ) K. Spieß Die deutschen Volks-
trachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911) 44.
) Hottenroth a. a. O. 944. “0) Grimm
# A - U 377 ; DWb. 4, 2, 1979. 141 ) Vgl. Schurtz
Tracht 126. 142 ) Reiser^fl^aM 2, 303. 143 ) SAVk.
2, 64. Vgl. HessBl. 27 (1928), 269. 144 ) DWb.
4 > 2, 1890. 148 ) Schurtz Tracht 125 f.
14e ) Schönwerth Oberpfalz 2, 51 Nr. 1; 61
Nr. 1. 147 ) Schönbach Berthold v. R. m f.
148 ) Verf. 14 ®) Krauß Sitte u. Brauch 502
15 °) Grimm RA. 1, 208. *«) Roch holz Sagen
2, L. 1M ) Grimm RA. 1, 204 fr.; Goldmann
Andelang 27*. Vgl. Hoops Reallex. 3, 473;
Weinhold Frauen 2 1 (1882), 342; Schön¬
bach Berthold v. R. 112; A. Mailly Deutsche
Rechtsaltertümer in Sage u. Brauchtum (Wien
1929) 89 ff. 1M ) Grimm RA. 1, 207. 1M ) Ebd.; I
Bächtold Hochzeit 1, 277. Vgl. Meyer Baden
265. 156 ) Hoops Reallex. 3, 473. is«) Ebd.
1#7 ) Weinhold Frauen 2 2 (1882), 298. 158 ) Uber
diesen vgl. Hottenroth a. a. O. 228 f. 399 t.
708. 1«) Grimm RA. 2, 303. “®) Vgl. Hotten-
ro tha. a.O. 400; Sieber Sachsen 75. 181 ) Hoops
Reallex. 3, 473. 182 ) Grimm Myth. 2, Ö56 2 (s.
Maitau). 1M ) Eberhardt Landwirtschaft 20.
164 ) Schmeller BayWb. 2, 257 = Roch-
holz Sagen 2, L. 1W ) Meier Schwaben 2, 449 f.;
Birlinger Volksth. 2, 285; Pfannenschmid
Erntefeste 581; Sartori Sitte u. Brauch 3,
252; Kapff Festgebräuche 1. 186 ) Stracker-
jan 2, 227 Nr. 481. * 87 ) Kuhn u. Schwartz
381 Nr. 61, 513 = Mannhardt i f 387
168 ) ZfVk. 7 (1897), 86. 1W ) DG. i 5 (1914), 73 f.’
268. 17 °) ZfVk. 11 (1901), 332. 171 ) Rochholz
Naturmythen 208. 17 *) Geramb Brauchtum
8f. u. bes. Andree-Eysn Volkskundliches
156 ff. 17S ) Heckscher 175.
6 . Im Aberglauben in bezug auf die
Wöchnerin und das neugeborene Kind
wird der H. mehrfach verwendet. Zieht
sich bei den spaniolischen Juden eine
Geburt in die Länge und befürchtet
man einen schlimmen Ausgang, so übt
man neben anderm Gegenzauber auch
den aus, daß man die Kopfbedeckung
der Gebärenden in das Grab eines
verstorbenen Verwandten gibt m ). Bei
den pennsylvanischen Deutschen nimmt
man dem ersten Mann, der eine Kind¬
betterin besucht, den H. weg, wirft ihn
auf das Bett und gibt ihn erst zurück,
bis der Mann dem Kind etwas geschenkt
hat 17s ). Ähnlich nehmen in manchen
Orten Slawoniens die Bekannten dem
Vater des Kindes den H., schleudern ihn
auf die Erde und stoßen ihn so lange
mit den Füßen, bis es dem Manne gelingt
den H. zu erhaschen oder bis er ein Löse¬
geld gezahlt hat 176 ).
Während hier der H. als Geschlechts¬
zeichen erscheint, dient er zur Täuschung
böser Geister, wenn die Wöchnerin den
H. ihres Mannes aufsetzt (s. Hose). Dies
tut sie im Lechrain jedesmal, wenn sie
vor der kirchlichen Einsegnung das Haus
verläßt 177 ). Polnische Frauen setzen
bis sechs Wochen nach der Entbindung
die Mütze ihrer Männer auf 178 ). Um
Landshut darf die Wöchnerin vor der
Aussegnung nur so weit aus dem Hause
treten, als das Dach reicht, da sonst die
Hexen über sie und ihr Kind Gewalt
haben, es sei denn, daß sie einen H. auf¬
setzt, so daß sie dann, wie man sagt,
gleichsam unter einem Dach ist. In
Pömdorf besteht der Glaube, daß eine
noch nicht vorgesegnete Wöchnerin
Hagel bewirkt, wenn sie sich unter
freiem Himmel bewegt, weswegen sie
jedesmal, wenn sie ins Freie geht, einen
Wasserkübel auf den Kopf setzt 179 ).
Hier zeigt sich das viel wichtigere
Motiv der Unreinheit des Weibes,
durch die es selbst und die ganze Um-,
gebung gefährdet wird, wogegen die Ver¬
hüllung ein Schutzmittel bildet 180 ). An
der Nordwestküste von Neu-Guinea
darf bei einzelnen Stämmen das Weib
nach der Niederkunft monatelang das
Haus nicht verlassen. Wenn es geschieht,
muß das Haupt mit einem H. oder einer
533
Hut 534
Matte bedeckt werden. Denn wenn die
Sonne auf das Weib schiene, würde einer
der männlichen Verwandten sterben 181 ).
Bei Indian erst ämmen im Hudsonbay-
Gebiet leben die Weiber während der
Menstruation abgesondert und tragen
lange H.e, welche Kopf und Brust be¬
decken 182 ).
Das neugeborene Kind selbst wird durch
besondere Kopfbedeckungen oder
daran angebrachte Abwehrmittel
gegen böse Einflüsse, namentlich gegen
den bösen Blick geschützt, so oft durch
ein Kreuz an der Mütze 183 ), durch ein
rotes Bändchen, das bei den Sieben¬
bürger Sachsen an das Häubchen mitten
über der Stirn genäht wird 184 ), durch
an gehängte Geldstücke bei den Bul¬
garen, Montenegrinern, wo sie die Mäd¬
chen an roten Kappen tragen, Gräko-
walachen, Türken u. a. 185 ), durch Alaun¬
stücke, die mit Troddeln geschmückt
sind, in Ägypten 186 ), durch Weinstein
bei den Gräkowalachen 187 ), durch allerlei
Kräuter 188 ), in Deutschland besonders
durch Johanniskraut 189 ) und auf dem
Balkan durch Knoblauch, den man in
Serbien auch an die Nachtmütze der
Wöchnerin näht 190 ), dann durch tie¬
rische Schutzmittel, so Maulwurfsfüße
und Wolfszähne bei den Gräkowalachen,
Muscheln in Arabien und Ägypten 191 ),
ein Stück Fuchsschwanz, das in Italien
auch Erwachsene am H. tragen m ).
Köpfe von Hirschkäfern im Innern Frank¬
reichs 193 ), Hörner aus Holz in Klein¬
asien 194 ), von einem Pilger aus Mekka
gebrachte Schafsaugen in Persien, in
die ein Türkis gesteckt ist und die das
Kind in einem Kästchen an der Mütze
trägt 195 ), dann durch Perlentroddeln
in der Türkei und in Ägypten 196 ), ferner
bei den Türken durch blaue Stoff¬
stücke mit Koransprüchen und Orna¬
menten in blauer Farbe, die Hände und
Hufeisen darstellen, bei den Griechen
durch blaue, in Silber gefaßte Steine
oder blaues Glas 197 ), sonst auch oft durch
rote Schutzdinge 198 ) und endlich
durch magische Quadrate auf Por¬
zellan oder Papier, Koransprüche auf
Papier und andere Amulette, welche auch
die erwachsenen Mohamedaner meist im
Turban tragen 199 ).
Will sich die Sprache eines Kindes
nicht entwickeln, so betritt im Erz¬
gebirge der von auswärts kommende
Vater stillschweigend die Stube, setzt
dem Kind seinen H. auf, verläßt hierauf
auf kurze Zeit den Raum, kehrt dann
wieder zurück und begrüßt die Seinen 20 °).
In Thüringen muß der Mann dem Kinde
stillschweigend den H. oder die Mütze
auf setzen, um das Zahnen des Kindes
zu befördern 201 ). Schreiende Kinder
beruhigt man in Schlesien, indem man
des Mannes Mütze unter das Kissen der
Wiege legt 202 ). Nach sächsischem Glau¬
ben wird ein Kind fromm, wenn man
sein Gummihütchen ins Tauf wasser
taucht. Alsdann soll es auch leichter
reden lernen 203 ). Tritt in Baden
(Durbach, Ottenhofen) ein Uneingeladener
in das Gasthaus, wo der Tauf schmaus
gehalten wird, und zieht er den H. nicht
ab, so muß er zur Strafe einen Liter Wein
bezahlen 204 ).
174 ) Stern Türkei 2, 299 t. 175 ) Fogel Penn¬
sylvania 348 f. Nr. 1855. 178 ) Krauß Sitte u.
Brauch 541. 177 ) Leoprechting Lechrain 236.
178 ) Samter Geburt 90. 17# )\ Polling er Landshut
242 f. 18 °) Pehr Lugn Die magische Bedeutung
der weiblichen Kopfbedeckung im schwedischen
Volksglauben, Mitteil. d. Anthropol. Ges. in
Wien, 50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 83 ff.
181 ) Frazer 10, 20. 182 ) Ebd. 10, 90. 183 ) Selig¬
mann Blick 2, 334. 184 ) Ebd. 248. 18t ) Ebd.
19 ff. 188 ) Ebd. 32. 187 ) Ebd. 38. 188 ) Ebd. 52.
57 f. 18 ®) Ebd. 68. 18 °) Ebd. 71 f. m ) Ebd. 126 f.
134. 192 ) Ebd. 118. 1M ) Ebd. 130. i* 4 ) Ebd. 137.
1® 8 ) Ebd. 164. 18# ) Ebd. 230. 1#7 ) Ebd. 246.
198 ) Ebd. 253 ff. 19 ®) Ebd. 263. 302 f. 342.
20 °) John Erzgebirge 57. 201 ) Witzschel
Thüringen 2, 248 Nr. 40. “U Drechsler I,
210. Vgl. Urquell 2 (1891), 129. 203 ) Seyfarth
Sachsen 273. 204 ) Meyer Baden 29.
7. Betreffs Hochzeit und Ehe heißt
es in Ostpreußen, daß eine ledige Person,
der ein lediger Mann unverhofft und gegen
ihren Willen seine Kopfbedeckung auf¬
setzt, noch sieben Jahre auf einen
Mann warten muß, oder daß überhaupt
jedes Frauenzimmer, welches sich einen
Männerh. auf setzt, noch in zehn
Jahren keinen Mann bekommt, was aber
umgekehrt auch beim Manne gilt 205 ).
Die pennsylvanischen Deutschen dagegen
535
Hut 536
sagen, daß ein Mädchen, welches einen glück) u. a. aufgezeichnet war, drei aus
Mannsh. aufsetzt, einen Kuß will 206 ), dem H.e 21 °).
und auf Island meint man, wenn sich In Oldenburg war mitunter ein H. das
ein weibliches Wesen den H. eines Mannes Geschenk für den Freiwerber, wes-
aufsetzt, daß ihr dieser Mann gefällt, halb man von jemand, der ein Paar zu¬
ferner daß man über die Verheiratung sammengebracht hat, sagt: „He hefft
dessen entscheiden wird, dem eine auf- sick n’ Haut verdeint“ 211 ). In der Eifel
gesetzte Mütze gleich so gut paßt, daß ist das „Mützlüften“ üblich, wenn ein
er sie nicht mehr zurechtzurücken ortsfremder Bursch ein Mädchen in
braucht 207 ). ernster Absicht besucht. Dann gehen die
In der Oberpfalz kannte man das fol- Ortsburschen zu einer Zeit in das Haus des
gende Eheorakel: Wenn vor einem Mädchens, zu der sie den Fremden dort
Mädchen zufällig ein Bursche ging, dem antreffen, und einer sagt den Spruch:
es geneigt war, so sprach es dreimal leise: Wie wir haben vernommen,
Bist du mir von Gott geschaffen. T S , ind Sic „ in unsc ™ Rosengarten gekommen,
So greif nach deinem Hut oder Kappe! Und wollen eine der schönsten Rosen pflücken.
Bist du mir nicht von Gott beschert, ^ *“" neü ! hncn da f durchaus nicht verbieten,
So greif du zur Erd'' Wlr hoffen ' Slc "erden es uns doch ein wenig
° ' vergüten!
Aus der entsprechenden Bewegung des Dann lüftet der Sprecher dem Fremden
Burschen schloß man dann auf die Zu- die Mütze, d. h. hebt sie ein wenig in die
kunft 208 ). Einen dreieckigen H. hatte Höhe, und der Fremde hat eine bestimmte
im Saterlande der Hausvater auf, wenn Geldsumme zu bezahlen. Verweigert
er in der Neujahrsnacht durch Ruten- er die Zahlung, so erhält er bei geeig-
werfen feststellte, woher im Laufe des neter Gelegenheit Prügel. Mitunter muß
Jahres die Braut seines großjährigen sich der Fremde aber auch, wenn er schon
Sohnes kommen oder wohin seine er- verlobt ist, noch einmal loskaufen, wofür
wachsene Tochter alsFrauziehen werde 209 ), er einen Strauß, d. i. einen mit bunten
Zur Zukunftserforschung überhaupt Bändern geschmückten Tannenast be-
war in manchen Orten Oberösterreichs kommt. Dabei besteht der Glaube,
am Thomastag das „Hüadlhöbn" (H.- daß der Bräutigam, so lange er den
heben) üblich. Man legte neun H.e, aber Strauß nicht besitzt, in der Gewalt
auch Hauben, Körbchen oder Schüsseln der Dorf burschen ist. In Zons am Rhein
auf den Tisch und gab darunter Gegen- muß der Bursche, der sich um ein Mädchen
stände, welche eine bestimmte Bedeutung in einem andern Ort bewirbt, regelmäßig
hatten, so einen Ring (Heirat), Geld- die dortigen Burschen freihalten 212 ). Im
beutel (Reichtum), Schlüssel (großes An- Rheinland heißt der Brauch auch H.-
wesen), Kinderbild (Eltemfreude), Kamm lüften oder -strippen 213 ). Daneben sind
(Ungeziefer),Tuch (Trauer),Bündel (Wan- auch in anderen Gegenden Deutschlands
dem), Rosenkranz (Frömmigkeit). Der die verschiedensten Formen einer Tribut¬
neunte H. (Tod) blieb leer. Dann trat, einhebung von dem ortsfremden Bräuti-
nachdem zuweilen die Gegenstände wieder- gam üblich 214 ).
holt vertauscht worden waren, die Person, Bei der Hochzeit selbst, zu der in
welche die Zukunft erforschen wollte, Gr öden die Braut einen breitkrem-
mit verbundenen Augen ein und hob einen pigen, grünen H. tragen mußte 215 ),
oder auch drei H.e auf. Anderswo hatte ist es um Ettlingen (Baden) Sitte, daß
man bloß vier H.e, unter welchen ein der Bräutigam jedesmal, wenn beim
roter Apfel und ein Kamm, die einen Hochzeitszug ein Schuß knallt, den H.
schönen und häßlichen Mann bedeuteten, abnimmt und so seinen Dank kund-
dann eine Geldmünze und ein Bündel gibt 216 ). Verliert er während des
lagen. Um Hallstatt zog man von meh- Hochzeitszuges den H., so wird nach dem
reren Zetteln, auf welche Ring, Haus, Glauben des Erzgebirges die Ehe durch
Schlüssel, Kugel (Glück), Kohle (Un- Tod zeitig getrennt 217 ). Hochzeits-
537
Hut
538
geschenke werden in China von Männern
in roten Gewändern, deren H. mit einer
roten Feder geschmückt ist, in kostbaren
roten Kästen getragen 218 ).
Dem Aufsetzen der Haube (s. d.) bei
Hochzeiten steht das H.aufsetzen im
Hildesheimischen gegenüber, wo am
dritten Tage nach dem Essen alle Hoch¬
zeitsteilnehmer auf einen Berg oder freien
Platz ziehen und es dort Aufgabe der
Verheirateten ist, der jungen Frau, welche
noch immer den Brautkranz trägt, diesen
wegzunehmen und dafür den H. ihres
Mannes aufzusetzen, was die Unverhei¬
rateten zu verhindern suchen. Hat die
Braut den H. aufgesetzt erhalten, so
heißt sie von da an eine junge Frau und
muß mit den Frauen, welche sich alle
anfassen, tanzen, sie wird, wie man sagt,
in den Frauentanz gebracht. Dieses
Aufsetzen des H.es ist Sinnbild der Be¬
sitzergreifung (s. o.), und ähnlich bei
den Ditmarsen, wo man der Braut den H.
des Bräutigams auf setzt, wenn sie aus
dem väterlichen Hause geholt wird 219 ).
Doch spielt hierbei auch das Motiv der
Täuschung böser Geister mit, da be¬
sonders der erste geschlechtliche Verkehr
der Neuvermählten von Gefahren be¬
droht ist. Bei den Kleinrussen wird der
Jungfrau die Mütze des Mannes in der i
Brautkammer aufgesetzt, bei den Ober- j
pahlenschen Esten gibt die Braut den H. 1
des Bräutigams, der ihr nach der Trauung !
aufgesetzt wird, erst am 3. oder 4. Tage
nach der Hochzeit weg 22 °). Abgeschwächt
erscheint der Brauch im Egerland, wo
der Brautführer die Braut auffordert,
über seinen auf den Tisch gelegten H.
zu steigen 221 ). Bei den Südslawen
sitzt der Bräutigam nach der kirchlichen
Trauung mitunter mit dem H. auf dem
Kopf bei Tisch, womit wohl ausgedrückt
wird, daß er jetzt ein selbständiger Herr
ist 222 ).
Bei den pennsylvanischen Deutschen
gilt, daß der Mann, der sich einen Buben
wünscht, während des Coitus den
H. auf dem Kopf behalten muß 223 ).
2°S) Urquell 1 (1890), 12. Vgl. Drechsler 1,
226. 206 ) Fogel Pennsylvania 376 Nr. 2018.
207 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 208 ) Wuttke 238 § 342.
209 ) Strackerjan 1, 103 Nr. 115. 2J0 ) Baum¬
garten Jahr u. s. Tage 5. m ) Strackerjan
2, 190 f. Nr. 436. Vgl. ZfrwVk. 1913, 4.
21S ) Urquell 4 (1893), 230 fr. 213 ) Wredc Rhein.
Volksk. 121. 214 ) Bächtold Hochzeit 1, 289 ff.
215 ) Zingerle Tirol 24. 216 ) Meyer Baden 292.
217 ) John Erzgebirge 96. 218 ) Seligmann
Blick 2, 257 t. 219 ) Kuhn Westfalen 2, 40 t.
Nr. 109. 22 °) Samter Geburt 91. 221 ) Jung¬
bauer Bibliogr. 99 Nr. 523. 222 ) Krauß
Sitte u. Brauch 396 f. 223 ) Fogel Pennsyl¬
vania 354 Nr. 1895.
8 . Die das Begräbnis ansagenden
Familienangehörigen tragen auf der Alb
manchmal einen langen Flor am H. 224 ),
wie das Tragen eines schwarzen Flors
um den H. in der Trauerzeit hie und da
auch bei der Landbevölkerung üblich
ist 225 ).
Beim Begegnen eines Leichenzuges
entblößt man allgemein das Haupt 226 ),
was freilich auch dem vorangetragenen
Kreuze gelten kann. Im Schwäbischen
kommt dagegen häufig vor, daß die
nächsten männlichen Leidtragenden sogar
während des Leichengottesdienstes in
der Kirche den H. auf dem Kopfe
behalten, in Pfaffenhofen (Brackenheim)
auch bei den Grabreden, sonst auch beim
Vaterunser und dem Segen 227 ). Dies
kann auf ein altes Vorrecht (s. o.) zu¬
rückgehen, aber auch aus der Furcht
vor drohenden Gefahren zu erklären
sein, die andrerseits vielleicht auch den
Anlaß zum Entblößen des Kopfes ge¬
geben haben mögen 228 ), obwohl hier
hauptsächlich die Ehrfurcht vor dem
Toten und dem Tode zum Ausdruck
kommt. Von den alten Friesen wird
| gerühmt, daß sie nur vor Toten, nie vor
Lebenden den H. zogen 22 °). Abwehr
von Gefahren bezweckte wohl auch die
seltsame Kleidung mancher Leichen¬
träger, die wegen ihrer Kutten und
Kapuzen zuweilen Gugelmänner
heißen 230 ). Gewöhnlich tragen die männ¬
lichen Leichenbegleiter den H. in der
Hand, was in katholischen Gegenden
während der Einsegnung vor der Kirche
i und beim Grabe selbstverständlich ist 231 ).
Die leidtragenden Frauen, die früher in
Franken schwarze Florhauben trugen,
gehen in Schlattstall (Kirchheim) ohne
H. 232 ), in Heimsen (Kr. Minden) eben-
falls die nächstverwandten Männer, wäh¬
rend die andern den H. bloß beim Ver¬
lassen des Hofes und beim Betreten des
Kirchhofes lüften 233 ). Auch in einzelnen
Orten Württembergs lüftet die Leichen¬
begleitung den H. bei Beginn des Läutens
und beim Eintritt in den Friedhof 234 ).
Hier ist hie und da auch der seltsame
Brauch zu finden, daß zum Begräbnis die
Haare des Zylinderh.es, der schon im
16. Jahrhundert als Trauerhut diente 236 ),
gegen den Strich nach rückwärts gebürstet
werden, was teilweise auch die ganze
Trauerzeit hindurch gehalten wird. In
Magstadt (Böblingen) wurde diese Sitte
nur von Ehemännern, denen die Frauen
gestorben waren, beachtet 236 ).
Verbreitet ist der Glaube, daß der
stirbt, dem der H. ins Grab fällt 237 ).
In Norddeutschland wurde früher den
Männern eine Zipfelmütze im Sarge
aufgesetzt 238 ), woraus sich zum Teil der
Umstand erklärt, daß Geister bisweilen
mit einer Zipfelhaube am Kopfe erscheinen.
1U ) Höhn Tod 328. 2 * 5 ) Ebd. 353; Ur¬
quell I (1890), 32 (Ditmarschen). 22# ) Höhn
a. a. O. 344; Urquell 1, 189. aa7 ) Höhn a. a. O.
348. 2a8 ) Sartori Sitte u. Brauch 1, 147.
"•) Ebd. = Urquell 1, 189. 23 °) Vgl. Günter!
Kalypso 68. 2S1 ) Verf. 232 ) Höhn a. a. O. 343.
3M ) ZfrwVk. 1907, 278. ,34 ) Höhn a. a. O. 344.
3W ) Vgl. Justi Hessisches Trachtenhuch (Mar¬
burg 1905) 5 ff. = O. Meisinger Bilder aus der
Volksk} (Frankfurt a. M. 1922) 43 f. ,3e ) Höhn
a. a. O.343. * 37 ) Drechsler 1, 304. 238 ) Lauf-
fer Niederd. Volksk} 136.
9. Auch in der Volksmedizin findet
der H. Verwendung. Gegen Kopfweh
trägt man im Böhmerwald und im bay¬
rischen Wald hier und da noch die Zün¬
de rhauben, die auch in Vorarlberg, in
Schlesien und in den Karpathen bekannt
sind. In Schlesien sind sie bisweilen mit
einem roten oder grünen Band zusammen¬
genäht und werden von besonderen Händ¬
lern, den „ Schwammkappenmännern“,
verkauft. Im tschechischen Brdywald .
tragen die Schnitter gern solche Kappen,
weil sie ,,gesund seien und in ihnen der
Kopf nicht schwitze* * M9 ).
Überhaupt ist eine alte Gesundheits¬
regel, den Kopf womöglich bedeckt
zu halten. Nach der Rockenphilosophie
soll man dem an Fraisen leidenden Kind
einen geerbten Fischtiegel über den Kopf
decken und seinen Mund mit einem Erb¬
schlüssel auf brechen 24 °). Im Sommer
soll man am Abend (s. d.) nicht ohne
H. ausgehen, weil sonst die Fledermäuse
ins Haar kommen 241 ) oder hineinpissen,
wodurch man einen Kahlkopf erhält 242 )
(s. Haar). In Baden heißt es, daß man
in der Nacht (s. d.) selbst vor einem
Kruzifix den H. nicht lupfen soll,
weil einem sonst der Teufel unter dem H.
sitzt 243 ). Im Erzgebirge macht man,
wenn man abends über einen Kreuzweg
geht, zur Vorsicht mit Kreide ein Kreuz
in das Innere der Mütze 244 ).
In Kärnten reibt sich der Hals¬
kranke mit einem alten Filzh. den
Hals und spricht dazu Segensworte t45 ).
In Frankreich werden neben anderen
Kleidungsstücken (s. Kleid) mitunter
auch H.e bei Heilquellen und anderen
Heilorten geopfert 246 ). Bei den
Kroaten wischt man wehe Mundwinkel
mit dem Rand einer H.krempe
aus 247 ); in Tayinloan (Kintyre) kehrt
man das Mützchen des vom bösen Blick
betroffenen Kindes um, spricht einen
Zauber darüber und setzt es dann, wieder
in Ordnung gebracht, dem Kind auf 248 ).
Gegen Kolik der Pferde hängt man
in Oldenburg den beim letzten Abend¬
mahl getragenen H. auf eine in der
Johannisnacht geschnittene Weidenrute,
trägt ihn dreimal um das Pferd und
spricht: ,,Lief, Lief, stüre di** 249 ). Ähn¬
lich geht man in Sachsen mit einem ge¬
weihten Haselstock dreimal um das
verhexte Vieh (manchmal auch um
kranke Menschen), dann wird der H.
geschlagen, und die Schläge treffen die
Hexe 25 °). Bei krankhaftem Aufblähen
des Rindviehs hält man in Mecklen¬
burg dem Tier einen H. oder eine Mütze
vor Maul und Nase. Je schweißiger
diese sind, desto besser ist es 251 ). Ebenda
werden kranke Tiere auch dadurch be¬
handelt, daß man ihnen mit einer Haube
oder Mütze vom Kopf über den Rücken
bis zum Schwänze streicht 268 ). Um
das vom heimlichen Feuer oder
Hexenteufelschuß (Milzbrand) geplagte
Tier zu heilen, stellt sich in der nördlichen
Hut
Schweiz ein Mann um Mitternacht unter
die Stalltür und macht mit seiner Kappe
ein Kreuz durch die Luft, wozu er spricht:
Herr Teufel nimm’s,
Dem Satan bring’s 253 )!
238 )BdböVk. 14, 1 (1917)» 405 fi., bes. 408; 14,2
(1918), 322; ZfVk. 5 (1895), 142. 24 °) Grimm
Myth . 3, 449 Nr. 474. 241 ) Reiser Allgäu 2,
449. 24a ) Wuttke 406 §628. 248 ) Meyer Ba¬
den 514. 244 ) Seligmann Blick 2, 336. 246 )
WZfVk. 31 (1926), 53. 246 ) Vgl. S6billot
Folk-Lore 2, 279; 4, 171. 247 ) Seligmann
Blick 2, 302. 248 ) Ebd. 1, 306. 337. 248 ) Strak-
kerjan I, 95 Nr. 108 = Wuttke 452 § 713
= Seligmann Blick 2, 223. MsäVk. 3, 266f.
= Knuchel Umwandlung 64. Kl ) Bartsch
Mecklenburg 2, 152. 262 ) Ebd. 2, 439. 263 ) Ver¬
male ken Alpensagen 414 Nr. 120.
10. In der Feld- und Viehwirtschaft
wird der H. ebenfalls zu bestimmten
Zwecken verwendet. In der Mark Bran¬
denburg trägt man bei der Hirsesaat
einen alten H. und hat drei Körner unter
der Zunge 264 ). Die Wenden säen manch¬
mal aus der Mütze Verstorbener,
damit die Vögel den Samen nicht weg¬
fressen 265 ). Vor Beginn der Saat zieht
der Bauer in Baden seinen H. 2B6 ) und
spricht ein Gebet. Dies tut er um Neckars¬
ulm auch nach vollendeter Saat, wobei
er sagt:
Herr, ich hab getan das Meine,
Nun tu du auch das Deine 257 ).
In Westfalen warfen die Knechte, wenn
das letzte Korn geschnitten war,
ihre Kappen in die Höhe und riefen dazu
„Waul, Waul, Waul*' 268 ). Um Ludwigs¬
burg sagt man, daß die Mütze schief
aufs Ohr zu setzen hat, wer die erste
reife Traube erblickt 259 ), im deutschen
Westböhmen, daß jener Weizen zu ver¬
kaufen hat, der den H. schief auf
dem Kopfe sitzen hat 28 °). In Georgen¬
berg (Kr. Tamowitz) in Schlesien darf
man bei einem Bauer seinen H. nicht
auf den Tisch legen, weil sonst Maul¬
würfe die Wiesen des Bauers aufwühlen 261 ).
In Württemberg und Baden setzt der,
welcher Bruteier unterlegt und Küch¬
lein mit Hauben haben will, selbst
eine Haube oder einen H. auf 262 ), im
Oberamt Reutlingen eine Werghaube.
Um Gerabronn heißt es, daß hierbei das
Aufsetzen eines alten H.es den Zweck
habe, alle Hühner zum Ausschlüpfen zu
bringen 263 ). In Samland trägt man die
Bruteier in einer Männermütze zum Nest
oder auch in einer Pelzhaube, weil
sich aus den Eiern „behaarte** Tiere ent¬
wickeln sollen. Man legt ein Ei nach dem
andern ins Nest und spricht jedesmal:
„Glatt hinein, rauh heraus** 264 ).
Tritt bei den Tschechen um Königgrätz
während des Ausbutterns ein fremder
Mann in die Stube, so nimmt ihm die
Magd die Mütze vom Kopfe und schlägt
sie am Butterfaß ab 266 ).
254 ) ZfVk. 1 (1891), 186 = Sartori Sitte u.
Brauch 2, 67. 2W ) Schulenburg Wend. Volks¬
thum 110 — FFC. Nr. 31, 77. **•) Meyer Baden
418. M7 ) Eberhard t Landwirtschaft 3.
2M ) Kuhn Westfalen 2, 178 Nr. 492. tt# ) Eber¬
hardt a. a. O. 11. 24 °) John Westböhmen 251.
2il ) Drechsler 2, 22. 242 ) Bohnenberger
17; Meyer Baden 412. ** 3 ) Eberhard t a. a.O.
20. ae4 ) Frisehbier Hexenspr. 127 f. 24S ) Groh-
mann 146 Nr. 1079.
11. Von sonstigem Aberglauben
ist zu erwähnen, daß nach Tiroler An¬
schauung eine Mütze, die man dort, wo
ein Regenbogen (s. d.) seinen Anfang
nimmt, etliche Klafter weit in die Höhe
wirft, voll Geld herunterfällt•••). Es
heißt auch, daß der in den Regenbogen
hinauf geworfene H. voll Geld ist, wenn
er mit der Innenseite nach oben herab¬
fällt, aber mit Teufeln angefüllt ist, wenn
er auf den hohlen Teil fällt 2fl7 ), oder daß
man den H. auf die Erde werfen muß, so
daß der Regenbogen darin zu stehen
scheint. Dann wird er voll Gold sein,
wenn die Innenseite nach oben gerichtet
ist. Liegt er aber umgekehrt, so darf
man ihn nimmer wegnehmen, weil sich
unter ihm im Nu giftige Würmer (Schlan¬
gen) angesammelt haben 268 ).
Der von einem Gespenst Irregeführte
findet wieder den rechten Weg, wenn er
den H. anders auf setzt und die Schuhe
(s. d.) wechselt 269 ). Wenn man in Schwe¬
den versehentlich einen fremden H.
genommen hat, dann den eigenen wieder¬
findet und aufsetzt, spuckt man vorher
hinein 27 °) (s. Schuh). Nach einstigem
Schifferbrauch auf der Donau und am
Inn zog man den Mann, der als erster im
Frühjahr ins Wasser fiel, nicht heraus, da
man ihn wohl als Jahresopfer (s. d.) be¬
trachtete, sondern begnügte sich, seinen
543
Hutberge
544
H. aufzufangen 271 ). In der Mark
Brandenburg legt der Holzdieb seine !
Mütze auf den Stumpf des gefällten
Baumes und glaubt, daß ihn dann der
Förster nicht sieht 272 ). Eine sonderbare
Täuschung, bei welcher auch der H.
die Person vertritt, kennt man in Tibet:
Muß jemand an einem Unglückstage
(s. d.) eine Reise an treten, so sendet er
an einem vorhergehenden günstigen Tage
seinen H. oder ein anderes Kleidungsstück
durch einen Boten voraus, um so den
Göttern vorzureden, daß er ohnehin unter
passenden Glücksumständen aufgebrochen
sei - 73 ). Über die Gewinnung der reich
machenden Kappe des Teufels be¬
richtet ein Gerichtsprotokoll des Frauen¬
stifts Göß in Steiermark (1773) 274 ).
Vgl. bedecken, Dach § 4, ver¬
hüllen.
2 ® 6 ) Zingerle Tirol 115 Nr. 1012. 267 ) Ebd.
Nr. 1014= ZfdMyth. 2 (1854), 422. 2B8 )Heyl Ti¬
ro/ 798 Nr. 234. 269 ) Grimm Myth. 3, 457 Nr.
657 (Württemberg, 1788). 270 ) Seligmann
Blick 2, 211 = Heckscher 393. 271 ) Panzer
Beitragz,zyz. 27S ) ZfVk. 1 (1891), 188. 273 ) Wil¬
liam Montgomery Mc Govern Als Kuli
nach Lhasa (Berlin 1924) 20. 274 ) Byloff
Strafprozesse 53 ff. Jungbauer.
1
Hutberge. In ganz Deutschland gibt
es Berge mit dem Namen H., der aller¬
dings oft nur daher rührt, weil früher I
einmal auf dem Berge eine Hut, Hutung,
H u t w e i d e gewesen ist 1 ). Zuweüen
nennt das Volk auch Berge, auf welchen
Reste von vorgeschichtlichen Be¬
festigungen sichtbar sind, H. 2 ).
Dort aber, wo es sich um meist hohe,
spitze Berge handelt, deren Gipfel vor
schlechtem Wetter von Wolken wie von
einem Hut umgeben sind, haben wir es
mit den eigentlichen H.n zu tun,
welche der umwohnenden Bevölkerung
als Wetterpropheten dienen. Das
Wolkenkleid dieser H. wird auch im
einzelnen unterschieden. Die Rundwolke,
welche die Spitze umschließt, ist der
Hut, die Kranzwolke, die den Berg¬
gipfel frei hervorragen läßt, der Kragen
des Mantels, ein die ganze Bergwand
belastendes Gewölk der Mantel selbst
und eine wagrecht über die Bergwand
gezogene, spitzige Schichtwolke der
Degen, der vor allem den Eintritt
schlechten Wetters vorhersagt 3 ). So heißt
es in der Schweiz:
Hat der Niesen (oder Pilatus u. a.) einen Hut,
Wird das Wetter schön und gut.
Hat der Niesen einen Kragen,
Darfst du's eben auch noch wagen.
Hat er Mantel um und Degen,
Gibt es kalten Wind und Regen 4 ).
Oder:
Hat der Rigi einen Hut,
Wird das Wetter morgen gut;
Aber hat er einen Degen,
Gibt es morgen Regen 6 ).
Noch häufiger sind Reime vom Pilatus,
der schon seinem Namen nach den Ver¬
gleich mit dem Hut ( pileus ) nahelegt,
z. B.
Si Pilatus pileatus
Aer erit defoecatus.
Wenn Pilatus hat ein Hut,
Ist das Wetter fein und gut 6 ).
Demgegenüber zeigt der Hut bei anderen
Bergen schlechtes Wetter an. In Wild¬
schönau (Tirol) sagt man:
Hat die Salve einen Hut,
Tut das Wetter nimmer gut 7 ).
Wenn der Kyffhäuser mit Nebel bedeckt
ist, heißt es: „Kaiser Friedrich hat einen
Hut auf 1 . Dazu gebraucht man die
Reime:
Steht Kaiser Friedrich ohne Hut,
Bleibt das Wetter schön und gut;
Ist er mit dem Hut zu sehn,
Wird das Wetter nicht bestehn 8 ).
Sind die zwei „Gleichen" bei Hildburg¬
hausen in Nebel gehüllt, und hellt sich der
große zuerst auf, so wird gutes Wetter.
Regen tritt eyi, wenn der kleine zuerst
den Nebel verliert. Demnach heißt es:
Wenn der Kleine dem Großen nimmt den Hut,
So wird das Wetter gut;
Nimmt aber der Große dem Kleinen die Kappen,
So wird dich das Wetter ertappen •).
Auch in Frankreich wird der Wolkenhut
der Berge als Vorzeichen eines Regens
angesehen 10 ).
Diese H., von welchen etwa noch zu
erwähnen wären der Eisenhut in den
Steirer Alpen, die Bischofskappe im
mährisch-schlesischen Gebirge, die Sturm¬
haube im Riesengebirge, der Sneehättan
(Schneehut) in.Norwegen, der Nebelhelm
in der Grafschaft Cumberland u. a. n ),
sind nicht selten Totenberge und der
Sitz Wodans gewesen. Den Zusammen-
545
Hütchen—Hutzeltag
546
hang mit dem alten Wodansglauben und
Seelenglauben erkennt man noch heute
darin, daß gerade von solchen Bergen
Sagen vom wilden Heer und wilden
Jäger überliefert werden 12 ), so beson¬
ders vom Kyffhäuser 13 ), dem Hörselberg 14 )
u. a., dann namentlich von den H.n in
der Lausitz, wo sich die Sagen vom
wilden Jäger und seinen Nachbildern
häufen, z. B. dem Blauhütel (s. d.)
auf dem Schönauer H., dem wilden
Ruprecht auf dem H. bei Hermhut u. a. 15 ),
endlich auch vom Untersberg bei Salz¬
burg 16 ) und dem Odenberg (Gudinsberg)
in Hessen, der noch 1154 Wuodensberg
hieß 17 ).
Meist sind auf solchen H.n auch
Zwerge daheim, wie auf dem H. bei
Weißig a. d. Eibe, wo es viel kälter wurde,
als sie fortzogen 18 ). Daher erscheinen
solche Berge auch als Schatzberge,
wie neben andern der H. bei Fladungen 19 ).
*) Vgl. E. Schwarz Flurnamenforschung in
den Sudetenländern, MVcrBöhm. 64 (1926),
103 f. 2 ) Meyer Konv.-Lex. 2 (1904)» 554 -
3 ) Rochholz Naturmythen 205. Vgl. Verna-
leken Mythen 316; A. Moepert Die Anfänge
der Rübezahlsage (Leipzig 1928) 45 ff. 4 ) Ver-
naleken Alpensagen 271. 5 ) W. Gerhard
Spaziergang über die Alpen (Gotha u. Erfurt 1824)
31. 6 ) Rochholz Naturmythen 206 f. 7 ) Heyl
Tirol 799 Nr. 235. 0 ) W itzschel Thüringen
1, 275 Nr. 285. Vgl. Praetorius Alectryomantia
70; Kuhn u. Schwartz 217 ff. Nr. 247;
Meyer Germ. Myth. 242. 9 ) Witzschel Thü¬
ringen 2, 56 Nr. 64. 10 ) S6billot Folk-Lore
1, 248 f. ll ) Rochholz Naturmythen 207. Vgl.
o. 1, 1052 f. 12 ) Vgl. Meyer Germ. Myth. 241 f.
§321. 13 )Quensel Thüringen 171h., vgl. 163ff.
14 ) Ebd. 180 ff. 16 ) Haupt Lausitz 1, 122 ff.;
Wuttke Sächs. Volksk. (1900) 308; Meiche
Sagen 844 Nr. 1047; Meyer Germ. Myth. 242
§ 321. 16 ) Nikolaus Huber Die Sagen vom
Unter sberg 11 Salzburg o. J. (1922) 22 ff.
17 ) Meyer Germ. Myth. 242 ff. 18 ) Sieber
Sachsen 142. 18 )Quensel Thüringen 249.
Jungbauer.
Hütchen s. Gütel.
Hütt, Frau, die als versteinerte Riesen¬
königin aufgefaßte tirolische Gebirgsmasse
oberhalb Innsbrucks; die bekannte Sage J )
läßt die Stein Verwandlung (s. d.) wegen
Brotfrevels (s.Brosamen, Brot) erfolgen 2 ).
*) Grimm Sagen Nr. 233; Ranke Volks¬
sagen 230; Sepp Altbayrischer Sagenschatz 355
Nr. 93; Quitzmann Baiwaren 182; Alpen¬
burg Tirol 239; Zingerle Sagen Nr. 210.
*) Grimm Mythol. 1, 441; Simrock Myth. 410;
Golther Mythol. 186; E. H. Meyer German.
Myth. 158; La i st ne r Nebelsagen 159, Hocker
Volksglaube 231. H. Naumann.
Huttier laufen. In der Umgegend von
Hall und Innsbruck laufen in der Fast¬
nachtszeit, namentlich am „unsinnigen
Pfinztag", die Huttier oder Hudler, bis¬
weilen bis zu 30, durch die Straßen. Sie
tragen hölzerne Masken vor dem Gesicht
und eine buntscheckige Kleidung, Hutten
genannt, von der sie wohl ihren Namen
haben (hudel = Lappen, zerfetztes Zeug).
Andere leiten ihn von hudeln = plagen,
quälen ab. Sie fegen mit Besen herum
und kehren einzelne Personen tüchtig
damit ab, knallen mit Peitschen und
prügeln die Leute, die sie sich ausgesucht
haben. Sie kommen auch in die Häuser,
um die Bewohner , ,abzumullen" d. h. mit
der flachen Hand zwischen die Schultern
zu schlagen. Das zeigt, wie auch das
Aus werfen von Brotkügelchen, die Ab¬
sicht, Segen und Fruchtbarkeit zu fördern.
Es wird daher nur an Personen vorge¬
nommen, die man schätzt. Frauen be¬
teiligen sich grundsätzlich nicht daran,
auch die „Hexen", die gelegentlich mit¬
laufen, werden von Männern dargestellt *).
Wenn man nicht Huttier läuft, gedeiht
der Flachs nicht. Er wird desto schöner,
je mehr Huttier laufen. Auch der Mais
gedeiht, wenn viele Huttier laufen 2 ). —
Wo das Spiel üblich ist, sieht man es
gern. Unbeteiligte betrachten es freilich
mit Mißtrauen. Es ist schon oft vorge¬
kommen, daß die Huttier eine Larve
nicht mehr vom Gesicht herunterbrachten,
oder daß sie auf einmal einen Über¬
zähligen in ihrer Mitte bemerkten 8 ).
Manche sind auch schon vom Teufel
vertragen worden, der Gewalt über sie
hat, wenn sie nicht etwas Geweihtes in
die Stiefel tun 4 ).
*) ZfVk. 9, 109 ff.; Zingerle Tirol 135 f.
139; Mannhardt 1, 268 f. 541. *) Zingerle
Tirol 139 (1211. 1212). 3 ) ZfVk. 9, 261.
4 ) Zingerle 136 (1197). Sartori.
Hutzeltag. So, auch Hutzelsonntag,
heißt auf der Rhön der Sonntag nach
Fastnacht (s. Funkensonntag), weil abends
kalte Hutzeln mit Schmalzkrapfen auf¬
getischt werden 4 ). Auch zündete man
auf den Höhen Feuer an und rollte
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube IV
547
Hyäne—Hydromantie
548
Feuerräder hinab 2 ). Man nannte das | heilen usw. 3 ). Die dem H. im Altertum
„den Hutzelmann verbrennen“. Man
glaubte, daß dann die h. Jungfrau das
Jahr über die Feldfrüchte bewahren und
segnen werde; oder man meinte mit den
brennenden Strohwischen und Fackeln
den bösen Säemann zu vertreiben 3 ).
*) Witzschel Thüringen 2, 189 (9); Panzer
Beitr. 2, 207 f.; ZfVk. 3, 358. 2 ) Witzschel
2, 189 (9). 3 ) Jahn Opfergebr. 88 f.
Sar tori.
Hyäne 1 ). So groß die Bedeutung der
Hyäne und ihrer Teile für antiken Zau¬
ber und antike Volksmedizin war, im
deutschen Aberglauben fand das fremde
Tier keinen Eingang, höchstens durch ge¬
lehrte Vermittlung, wenn z. B. Hyänen¬
haut empfohlen wird 2 ).
*) Agrippa v. Nettesheim 1, 179. 193;
Carus Zoologie 126; Fehrle Geoponika 8. 10.
19; Frazer 12, 313; Höfler Organotherapie 102;
Hopf Tierorakel 42. 63; Keller Tiere 477;
Megenberg Natur 117. 387; Schräder Real-
lex ■ 384; Agrippa v. N. 1, 179 (H.stein). 193 t.
2 ) Staricius Heldenschatz 69. Stemplinger.
Hyazinth. Griech. uaxivdoc, so ge¬
nannt nach der dunkelblauen Blüte der
gleichnamigen Pflanze. Im Altertum und
Mittelalter unterschied man mehrere
Arten des Edelsteins; seine Färbung wird
ganz verschieden angegeben, ebenso laufen
Verwechslungen mit anderen Steinen
unter. Konrad von Megenberg sagt:
„Der Hyazinth verleiht seinem Besitzer
Kraft, vertreibt die Traurigkeit und
Herzensangst und macht den sicher, der
in fremden Ländern reist, er beschützt
den Menschen vor dem Tode durch die
Pest und Schlangenbiß und macht seinen
Träger angenehm vor Gott und den
Menschen“*). Die Verwendung des
Edelsteins als Amulett gegen die Pest
wird auch in den Breslauer Sammlungen
erwähnt; seine ebenda berichtete Kraft
gegen den Blitz („Blitz rührt den nicht,
der den H. bei sich trägt“) beruht wohl
auf einer Verwechslung 2 ). Zedier be¬
richtet von den Kräften, die insbesondere
dem geriebenen und eingenommenen
H. zugeschrieben wurden; er erkennt aber
nur Wirkungen der echten Tinctura
Hyacinthi an; sie soll Haupt, Gehirn
und Herz stärken, vor Pest und anderen
Krankheiten bewahren, auch den Krebs
zugeschriebene Wirkung, Aborte zu be¬
wirken, ist von der Wurzel der H.pflanze,
die als harntreibendes Mittel galt, über¬
nommen 4 ). Der H. gehört zu den
Monatssteinen und bewährt seine Kräfte
an den im Januar Geborenen 5 ).
*) Schade s. v. jachant 1350 f.; ZfdA. 18
(1879), 401; Agrippa v. N. 5, 291; Zedier 13,
1332; Megenberg Buch der Natur 386; vgl.
Lonicer 59. 2 )Bressl. Samml. 2,433; DeMely
2, 187. 3 ) Zedier a. O.; Hellwig Kalender
54 f- 4 ) Schade 1354 Spalte 2. *) S. Monats¬
steine u. Th. Körner Die Monatssteine Str. 1.
t Olbrich.
Hyazinth hl. Geb. zu Kamin in Schle¬
sien, gest. 16. August 1257. Dominikaner
in Krakau. Apostel des Nordens. Er soll
in Groß-Stein und in Beuthen sämtliche
Elstern verwünscht und verbannt haben 1 ).
Zwei blindgeborenen Zwillingsbrüdem ver¬
schaffte er durch sein Gebet Augen von
Engeln, und seitdem sollen alle ihre Nach¬
kommen des Geschlechtes Vitoslawski
wunderschöne Augen haben 2 ).
*) Kühnau Sagen 3. 299 f. =) Menzel
Symbolik 1, 94. Sartori.
Hydromantie (Wasserweissagung). Es
soll an dieser Stelle weder die antike,
d. h. die alt orientalische, griechische, helle¬
nistische und römische H. schlechthin
besprochen, noch eine Übersicht über die
noch heute üblichen oder erst seit kürzerer
Zeit geschwundenen Gebräuche gegeben
werden, in denen das Wasser als Agens
oder als Medium der Zukunftkündung
erscheint. Für die H. des Altertums sei
auf die zusammenfassenden Darstellungen
der einschlägigen Literatur verwiesen x ),
die deutsche Wasserweissagung der Neu¬
zeit wird in dem Artikel Wasserorakel
ausführlich behandelt werden. Hier
handelt es sich vielmehr nur darum,
nach Möglichkeit festzustellen, was in
den Berichten über H. vom ausgehenden
Altertum bis ungefähr zum Beginn des
18. Jhs. als unmittelbare Überlieferung
aus der Antike und was etwa als eigen¬
gewachsenes Volksgut zu betrachten ist.
Daher kann auf die modernen Zeugnisse
nicht grundsätzlich verzichtet werden,
doch sollen sie nur in dem Maße heran¬
gezogen werden, als sie zur Erklärung
unerläßlich sind. Im voraus muß be-
549
Hydromantie
550
merkt werden, daß eine unbedingt klare
Sonderung je nach der Herkunft der
einzelnen Elemente in vielen Fällen in¬
folge der Dürftigkeit der Überlieferung
nicht möglich ist.
Die H. gehört mit der Aero-, Geo-
und Pyromantie zu den „elementarischen“
Divinationen, deren schematische Zu¬
sammenstellung, soweit für uns sicher
feststellbar, auf Varro (1. Jh. v. Chr.)
zurückgeht 2 ). Dieser hatte, wie aus
einem Zitat bei Augustinus 3 ) zu ent¬
nehmen ist, die Sage von dem römischen
König Numa Pompilius und seiner Rat¬
geberin in Kultusangelegenheiten, der
Quellnymphe Egeria, euhemeristisch als
H. gedeutet, ebenso wie andere die
Hadesfahrt des Odysseus rationalistisch
als lekanomantische, d. h. hydromantische
Befragung der Seele des Teiresias er¬
klärten 4 ). Die H. besteht nach Varro
darin, daß der Konsultierende im Wasser
Götter erscheinen sieht, die ihm die
Zukunft offenbaren. So berichtete er,
daß im kleinasiatischen Tralles ein als
Medium fungierender Knabe das Büd
des Hermes im Wasser erblickte und
dabei den Verlauf des mithridatischen
Krieges in 160 Versen voraussagte 5 ).
Nach Varro stammte die H. aus Persien 6 )
und wurde auch von Pythagoras 7 ) be¬
trieben. Sie war für Varro aufs engste
mit der Nekromantie verwandt, in der
an Stelle von Wasser Blut verwendet
wurde, um die Toten zu zitieren 3 ). Mit
der üblichen Interpretatio Christiana:
„Götter = Dämonen“ 9 ) konnte die Ein¬
reihung unter die mit Hilfe des Teufels
oder der Dämonen betriebenen Weis¬
sagungskünste und das kirchliche Ver¬
dammungsurteil über die H. leicht be¬
gründet werden. So begegnen wir der
H. zusammen mit den anderen elemen¬
tarischen Divinationen und der Nekro¬
mantie seit Hrabanus Maurus 10 ) an
zahlreichen Stellen der gelehrten und der
praktischen Theologie. Doch begnügen
sich die Dogmatiker n ) fast ausnahms¬
los damit, das varronische, bei Isidorus
überlieferte Einteilungsschema samt der
Beziehung auf den dämonischen Charakter
der Erscheinungen und dem Hinweis auf
den persischen Ursprung der H. wörtlich
zu wiederholen. Über die Ausführung
der H. ist aus dieser ganzen Quellen¬
gruppe nichts zu entnehmen. Auch die
spärlichen Erwähnungen der H. in der
Predigtliteratur und verwandten Schriften
bringen wenig bei, nur in einer Predigt
Bertholds von Regensburg scheint von
einer mit Wachsbüdem arbeitenden H.
die Rede zu sein 12 ), vielleicht von der
Art, wie sie angeblich Nektanebus aus¬
übte (s. Sp. 560). Da die H. als eine Divina-
tion unter ausdrücklicher Anrufung der
Dämonen zu den besonders gefährlichen
und verdammenswerten Gattungen der
Weissagekunst gezählt wird, ist es ver¬
ständlich, daß von kirchlicher Seite auf
die Einzelheiten der Ausführung nicht
eingegangen wurde. Damit ist nicht
gesagt, daß nicht doch hie und da für
die Übertragung antiken H.-Aberglaubens
in die Vorstellungswelt des christlichen
Mittelalters die kirchliche Polemik auf
der Kanzel und im Beichtstuhl bei¬
getragen hat 13 ). Anderseits waren die
sachlichen Kenntnisse über die H. oft
sehr gering; so erklärt das dem Albertus
Magnus zugeschriebene (von Roger Bacon
verfaßte?) Speculum astronomicum l4 ) die
H. in sehr gezwungener Weise als eine
Form der Eingeweideschau, und auch
manche spätere Autoren wissen mit der
H. offenbar wenig anzufangen 1S ). Dies
war unausbleiblich, solange sich die
Autoren der älteren Überlieferung auf
die wenigen in der klassischen Literatur
vorkommenden Zeugnisse beschränkten,
besonders auf Varro, der ja über Einzel¬
heiten der Praxis der H. außer jener
Veranstaltung in Tralles nichts erwähnt.
Auch der heutigen Forschung ist das
ganze Zeremoniell erst durch die seit
dem 19. Jh. auf tauchenden Zauberpapyri
bekannt geworden.
Aus dieser Dürftigkeit der literarischen
Quellen darf nicht gefolgert werden,
daß die H. eine wenig bedeutende Rolle
gespielt und den Untergang der antiken
Welt nicht überlebt habe. Im Gegenteil,
die antike H., verstärkt durch orientalische
Einflüsse, erwies sich als sehr lebens¬
kräftig; ein byzantinischer Autor des
55 i
Hydromantie
552
Hydromantie
554
*
\
12./13. Jhs. vermerkt, daß außer der
Astrologie nur die H. noch in Blüte stehe.
Sie gehörte, wie die Alektryo- und die
Daktyliomantie (s. d.) zu den Künsten,
die u. a. für die Frage nach der Nachfolge
auf dem byzantinischen Kaiserthron zu
Rate gezogen wurden, und wurde zu diesem
Zweck gelegentlich sogar von den Kaisern
selbst oder ihren geistlichen Ratgebern
betrieben 16 ). Der Einfluß des Orients
nahm außerdem wohl auch den unmittel¬
baren Weg über die arabische und
jüdische 17 ) Magie; die Nennung des
in der griechischen Fassung der Clavicula
Salomonis (s. d.) und in jüdischen Engel¬
verzeichnissen auftretenden Dämonen Sa-
lathiel 18 ) in der ausführlichen Beschrei¬
bung der H. bei Hartlieb (15. Jh., s. u.)
läßt dies deutlich erkennen. Auch durch
umherziehende Winkelpropheten wird die
orientalische H. in Europa verbreitet
worden sein. Daß solche Verbreitung
der H. speziell in Deutschland durch
einheimische Glaubensvorstellungen be¬
günstigt wurde, ist sehr wahrscheinlich.
Denn der Glaube an eine dem Wasser
impersönlich immanente oder in Wasser¬
geistern verkörperte Weissagungskraft muß
für die Germanen angesichts ihrer be¬
kannten Quellenverehrung lö ) als sicher
angenommen werden, wenn auch wenig !
darüber berichtet wird. Unter den christ¬
lichen Verboten heidnischer Gebräuche
werden einmal „fontium auguria“ deut¬
lich genannt, und wenn auch solche
Äußerungen als Zeugnisse für germanische
Religion grundsätzlich mit großer Vor¬
sicht verwendet werden müssen, so be¬
steht im vorliegenden Fall kein Grund
zum Mißtrauen 20 ).
Seit dem Beginn des 16. Jhs. und dem
Aufblühen der umfangreichen Literatur
über die Divinationen wird die H. mit
ihren Unterformen durch verstärkte Heran¬
ziehung antiker Zeugnisse und Einfügung
gleichzeitiger Parallelen wesentlich aus¬
führlicher behandelt als in den fast aus¬
schließlich an Varro gebundenen mittel¬
alterlichen Angaben. Freilich ist die
Unselbständigkeit der Gewährsmänner
auch innerhalb dieser Quellengruppe sehr
groß; die meisten ihrer Angaben lassen
sich auf wenige Haupt quellen zurück¬
führen, vor allem auf Card an us 21 ), ferner
auf Agrippa 22 ) und auf eine unter
Agrippas Werken überlieferte Abhand¬
lung eines anonymen, offenbar franzö¬
sischen Verfassers 23 ). Daher brauchen
die von diesen Quellen mehr oder weniger
abhängigen späteren Darstellungen u ) im
folgenden nur dann herangezogen zu
werden, wenn sie wesentlich Neues, vor
allem Zeugnisse aus dem Aberglauben
ihrer Zeit, beibringen.
Für diese Quellengruppe ist das Be¬
streben charakteristisch, für den Begriff
der H. alles in Anspruch zu nehmen, was
irgendwie mit der Weissagekraft des
Wassers zusammenhängt, während das
Altertum die Bezeichnung stets nur für
eine kunstmäßige Divination verwendet,
die nicht ohne weiteres und nicht von
jedermann ausgeübt werden kann, son¬
dern einen der Riten und der Deutung
kundigen Hydromanten verlangt. Da¬
gegen werden jetzt nicht nur die wechseln¬
den Meeresströmungen im Euripus und
in der Straße von Messina, sondern auch
das An- und Abschwellen des Nils zur
H. gerechnet 25 ). Wenn auch ganz all¬
gemein von Ab- und Zunahme des Wassers
die Rede ist 26 ), so dachte man dabei
wohl vor allem an intermittierende Quel¬
len, die sowohl im Altertum wie in
späterer Zeit in großer Zahl bekannt sind
und meist als zukunftdeutend betrachtet
werden (s. o. 1, 1674 t.; 2, 940; Hunger¬
brunnen, Wasserorakel) 27 ). Auch die
aus der Farbe des Wassers schließende
Zukunftdeutung wird als H. bezeichnet 28 ).
Naheliegend ist die Vermutung, daß man
dabei an Quellen und andere Gewässer
dachte, die sich zu bestimmten Zeiten
oder dauernd verfärben, besonders eine
blutrote Färbung annehmen und damit
Not und Tod verkünden; Altertum,
Mittelalter und Neuzeit liefern hierfür
gleichfalls zahlreiche Beispiele 29 ). Doch
wird, wo auf diese Form der H. näher
eingegangen wird, merkwürdigerweise
nicht darauf, sondern stets auf eine
Vergilstelle 30 ) verwiesen, in der ge-
schüdert wird, wie sich bei Didos Opfer
das Wasser dunkel färbt und der Wein
i
zu Blut wird. Ja, die Sucht der Verfasser
von Traktaten über die Divinationen,
ihre Mantikregister durch immer neue
Formen zu bereichern, führte sogar auf
Grund dieser Stelle (das Prodigium der
Verwandlung von Wasser in Wein ist
gleichfalls öfters belegt) zur Statuierung
einer besonderen „Weinwahrsagung“ (öno-
mantie) 31 ). Die Weissagung aus Quellen
dagegen wird nicht selten als Pego- oder
Pagomantie (von griech. mflpj = Quelle)
gleichfalls als besondere Form der Divi¬
nation geführt 32 ). Als Beispiele hierfür
werden fast ausnahmslos antike Orakel¬
quellen genannt. Daß es solche auch bei
den Germanen gab, ist, wie oben bemerkt,
mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen.
Doch werden sie von den älteren deutschen
Autoren in Zusammenhang mit H. nicht
genannt, obwohl diesen gleichzeitige Volks¬
überlieferungen über wahrsagende Quellen
nicht immer unbekannt gewesen sein
dürften; nichtdeutsche Schriftsteller brin¬
gen gelegentlich solche Hinweise 33 ). Bei
einigen der antiken Orakelquellen spielt
das in der H. auch sonst auf tretende
aktive Element des Hineinwerfens von
Gegenständen in das Wasser eine Rolle,
z. T. mit deutlicher Opfervorstellung (Ver¬
sinken der hineingeworfenen Opfergaben
güt als glückliches Vorzeichen und um¬
gekehrt 34 )). Bei der Palikenquelle auf
Sizilien wurde die Richtigkeit eines Eides
in der Weise geprüft, daß er auf ein
Täfelchen geschrieben und dieses in das
Wasser geworfen wurde. Sank es unter,
so war damit der Schwur als Meineid
erwiesen 35 ). Eine Verbindung mit Spiegel¬
zauber bietet das Quellenorakel in Patrai.
Dort ließ man, um die Genesungsaus¬
sichten eines Kranken festzustellen, an
einem Faden einen Spiegel in die Quelle
vor dem Demetertempel bis zur Wasser¬
oberfläche hinab. Nach Gebet und
Rauchopfer glaubte man dann in dem
Spiegel das Bild des Kranken als Toten
oder Lebendigen zu sehen. Die beiden
zuletzt aufgeführten antiken Zeugnisse
werden in den Schriften der späteren Zeit
oft wiederholt 38 ). Darüber hinaus werden
andere, verwandte Formen beschrieben,
die mit mehr Recht auch in dem engeren
Sinne des Altertums zur H. gerechnet
werden dürfen. In dem Roman des
Petronius wirft eine Wahrsagerin eine
Anzahl von Haselnüssen in einen Wein¬
krug, um aus ihrem Versinken oder
Aufsteigen die Zukunft zu künden ^.
Zwar handelt es sich hier um einen
krassen Betrug, da die Alte nach Bedarf
taube und volle Nüsse verwendet. Doch
lehrt die Erzählung, daß es diese Methode
der H. im Altertum gab. Da jedoch
weitere antike Zeugnisse nicht vorliegen,
können die verwandten Methoden, die
in der späteren Divinationsliteratur mit-
geteüt werden, als Zeugnisse für die Zeit
der Berichterstatter bewertet werden:
Man warf in stehendes Wasser drei
Steine und weissagte aus der Art, wie
sich die dabei entstehenden Ringe
im Wasser schnitten 38 ). Man schrieb,
um einen Diebstahl aufzuklären, die
Namen von drei Verdächtigen auf drei
Kügelchen, die in ein Gefäß mit Wasser
geworfen wurden. Wessen Kügelchen
sich zuerst auflöste, der war der Dieb 39 ).
An die Stelle der Kügelchen können
auch Zettel mit dem Namen der Ver¬
dächtigen treten; der zuerst versinkende
entscheidet 40 ); zur Erhaltung der Schrift
wurden die Zettel mit Leim oder Wachs
überzogen 41 ). Der Aberglaube der Neu¬
zeit bietet für diese Form der H. genaue
Entsprechungen 42 ). Der Brauch ist alt
und volkstümlicher als viele andere Formen
der H., was auch die für das 15. Jh.
bezeugte Bezeichnung „Brieflein schwem¬
men“ beweist 43 ). Seine Wurzeln dürften
sicher ins Altertum zurückgehen; bei
der Landnahme der Herakliden wurde
ein genau entsprechendes, offenbar weit¬
verbreitetes Verfahren zum Losen an¬
gewendet, bezeichnenderweise spielte auch
hier ein Betrug mit hinein: Temenos,
der die Losung leitet, stellt das Los¬
kügelchen der von ihm begünstigten
Partei aus Lehm her, der im Feuer ge¬
brannt ist, während er für das der Gegen¬
partei nur an der Sonne getrockneten
Lehm verwendet, der sich im Wasser schnell
auflöst, so daß es gar nicht dazu kommt,
an die Oberfläche zu steigen u ). Eine
umständliche Ausgestaltung dieser Me-
555
Hydromantie
556
557
Hydro:
II
antie
thode, die ein italienischer „Arithmomant“
um 1650 in München unter großem Zu¬
lauf ausübte, wird uns ausführlich ge¬
schildert 4S ): Der Adept arbeitete zu
diagnostischen Zwecken mit 22 Holz¬
kügelchen, die verschiedene Aufschriften
trugen, und einer mit Charakteren und
den Namen der Erzengel beschriebenen
Schale. Sanken alle Kugeln zu Boden,
so war der (abwesende) Patient bereits
gestorben, schwammen sie oben, so war er
gesund; andernfalls wurde die Schwere der
Krankheit nach der Zahl der untergesun¬
kenen Kugeln beurteilt. Weitere Schlüsse
wurden aus dem Zusammentreffen der
schwimmenden Kügelchen mit den an der
Schale angebrachten Zeichen gezogen. Ein
volkstümliches Gegenstück zu dieser letz¬
ten Kombinationsform zeigt ein ober-
pfälzischer Brauch: Das Mädchen wirft
in der Thomasnacht Zettel mit den
Namen ihrer Freier in ein Schaff mit
Wasser, außerdem läßt sie ein Brettchen
mit einem brennenden Lichtchen im
Wasser schwimmen. Der Zettel, bei
dem es zuerst ankommt, enthält den
rechten Namen 46 ). Zum Typus der
hineingeworfenen Gegenstände gehört auch
die folgende Methode: Um festzustellen,
von welchem Heiligen eine Krankheit
über einen Menschen verhängt sei, tut
man eine silberne Münze in ein mit
Wasser gefülltes Gefäß und bewirkt
(durch Schütteln oder Schwenken ? 47 )),
daß sie herausspringt, wobei man die
Namen der etwa in Betracht kommenden
Heüigen hersagt, z. B. Apollinaris (Gicht),
Johannes (Rotlauf?), Valentin (Epilepsie),
Antonius (Rose und die sonst als An¬
toniusfeuer o. ä. bezeichneten Krank¬
heiten), Barbara (Blattern?). Bei wessen
Namen die Münze herausspringt, der ist
der Sender der Krankheit, der also mit
Gebeten usw. besänftigt werden muß M ).
Auch der als Daktyliomantie (s. o.
2, 136 f.) meist besonders geführte Ring¬
pendelzauber wird bisweilen zur H. ge¬
rechnet 49 ). Es handelt sich hierbei be¬
kanntlich um die heute wieder sehr
moderne Zukunfterkundung vermittelst
des „siderischen Pendels“, d. h. eines
an einem Haar oder dünnen Faden auf¬
gehängten Fingerringes, der durch seine
Schwingungen Auskunft gibt. In dem
einzigen antiken Bericht über seine Aus¬
übung (Prozeß des Hilarius und Patricius
371 n. Chr.) ist von Wasser nicht die
Rede, ja die dort gegebene genaue Be¬
schreibung der magischen Utensüien und
der Praxis des Pendelorakels gibt für
eine auch nur sekundäre Verwendung von
Wasser ebensowenig die Möglichkeit wie
der Befund des bekannten Zauberappa¬
rates von Pergamon im Berliner Anti¬
quarium. Dort sind die Buchstaben des
Alphabets, nach denen das Pendel aus¬
schlägt, auf einer Scheibe, hier auf einer
konvexen Kugelkalotte angebracht. Da¬
gegen sprechen die späteren Autoren da¬
von, daß der Ring über ein mit Wasser
gefülltes Gefäß gehalten wird und durch
die bestimmte Anzahl von Schlägen seine
Orakel erteilt Auch andere, meist
als selbständige Divinationen registrierte
Weissagemethoden werden gelegentlich
zur H. gerechnet, so besonders das
Prophezeien aus den Figuren, die das in
Wasser gegossene öl, Wachs, Blei oder
Eiweiß einnimmt 51 ).
Neben den vorstehend behandelten
Typus stellt sich eine in zahlreichen
Einzelerscheinungen auftretende Grund¬
form der H., in der die Vermittlung der
Prophezeiung nicht durch den Stoff des
Wassers als solchen vermittelt wird,
sondern durch Erscheinungen, die sich
im Wasser, besonders im Wasserspiegel
zeigen; daher ist diese Form mit der
Spiegelwahrsagung (s. u. Katoptromantie
und Kristallomantie) eng verwandt. Von
den Orakelquellen des Altertums wird z. T.
berichtet, daß man ohne weiteres im
Wasserspiegel erblickte, was man zu sehen
verlangte oder was weit entfernt war 52 ),
genau so, wie man nach deutschem
Aberglauben auch ohne besondere Vor¬
richtungen zu bestimmten Zeiten in
stehenden Gewässern, Brunnen usw. die
Zukunft, besonders den zukünftigen Freier
sich spiegeln sehen kann 53 ). Im allge¬
meinen jedoch vollzieht sich diese JForm
im Altertum wie in späterer Zeit unter
Beobachtung mehr oder weniger ent¬
wickelter Zeremonien 54 ). Denn in den
meisten Fällen handelt es sich hier um aus¬
gesprochene Zauberhandlungen, um Be¬
schwörung von Dämonen usw. Gegen diese
dämonistische Form der H. richtet sich,
wie oben betont, in erster Linie die Po¬
lemik der christlichen Kirche seit Augusti¬
nus. Die Erscheinungen göttlicher Wesen
im Wasserspiegel, die ,,imagines deorum
vel potius ludificationes daemonum" oder
„umbrae daemonum“ 5i ) gaben die Hand¬
habe, die H. zu den verbotenen Weissage¬
künsten zu zählen; die Beobachtung der
Meeresströmungen, der Färbung des
Wassers, des Untersinkens von Haselnüssen
und ähnliche Harmlosigkeiten hätten hier¬
für nicht genügt. Und in der Tat zielen die
Rezepte der Zauberpapyri, unserer Haupt¬
quelle für die antike H., fast ausnahmslos
darauf hin, bestimmte Götter und Dämo¬
nen im Wasser erscheinen zu lassen und
zu Aussagen zu zwingen. Die dem
Wasser immanente man tische Kraft tritt
bei dieser Form offensichtlich in den
Hintergrund, auch handelt es sich bei den
hier zitierten Gottheiten nicht etwa um
Wassergeister 56 ); sie bedienen sich im
allgemeinen des Wassers nur, um sich in
seinem Spiegel dem Auge zu zeigen oder
sich durch Bewegungen, Aufwallen usw.
des Wassers sonst bemerkbar zu machen,
gelegentlich auch, sich aus ihm heraus
durch Töne zu äußern.
Die überaus wichtige Quelle der
Zauberpapyri, die uns über die Ausfüh¬
rung der dämonistischen Formen der
H. im späteren, orientalisch beeinflußten
Altertum bis in die kleinsten Einzelheiten
unterrichten 57 ), war dem Mittelalter und
der darauffolgenden Zeit bis ins 19. Jh.
selbstverständlich verschlossen. Wenn
wir trotzdem neben manchen Allgemein¬
heiten und Unklarheiten auch nicht
wenige greifbare Details aus der älteren
Literatur besitzen, so lassen sich diese
vermutlich auf byzantinische Überlieferung
zuriickführen 58 ). Wo die Schilderung der
Einzelheiten über diese Quellen hinausgeht,
muß man auf zeitgenössische Zeugnisse und
eigene Kenntnis der Autoren schließen. Daß
übrigens diese Praktiken nicht allein von
Wahrsagern niederen Ranges, sondern
auch von Gebildeten und Gelehrten aus¬
geübt und weiter ausgestaltet wurden,
darf man nach dem Beispiel der Chiro¬
mantie, Geomantie und anderer magisch-
mantischer Künste ohne weiteres an¬
nehmen, zumal wenn man bedenkt, daß
sich die H. seit dem Altertum als beson¬
ders lebenskräftig erwies 39 ). Bemerkens¬
wert ist freilich, daß die dämonistisch-
zeremonielle H. nicht, wie jene anderen
Künste, eine fruchtbare Verbindung mit
der Astrologie einging 60 ).
Je nachdem es sich um optische oder
akustische Manifestationen handelt, wer¬
den häufig an Stelle von H. auch die Be¬
zeichnungen Gastromantie (von faaTpr,
= bauchiges Gefäß) oder Lekanoman-
tie (von Xsxavrj = Schale) verwendet.
Doch wird diese Teilung nicht strenge
innegehalten, auch werden Methoden,
die bei dem einen Autor als H. bezeichnet
werden, von dem anderen der Gastro-
oder Lekanomantie zugewiesen. Dazu
kommen, je nach der Art des verwendeten
Gefäßes, weitere Namen, wie Kyatho-
mantie und Kylikomantie (von xuaÖoc
und x6Xt£ = Becher); antik ist von diesen
Spezialbenennungen nur die Lekanoman¬
tie, bei den anderen handelt es sich um
I willkürliche Neubildungen. Im allge¬
meinen zeigt sich 61 ) schon früh die
Neigung, die Bezeichnung H. für die
einfacheren Formen der Wasserwahr¬
sagung anzuwenden, vor allem für die an
Gewässern, Quellen usw. geübte, während
jene Sondemamen für die „höhere“ H.
bevorzugt werden, bei der mit wasser¬
gefüllten Gefäßen, Beschwörungen, Medien
und Dämonen gearbeitet wird 62 ). Un¬
beschadet einer besonderen Behandlung
dieser Untergruppen, wie sie für die
Gastromantie bereits vorliegt 63 ), soll hier
von den z. T. willkürlichen Unterschei¬
dungen der Namen abgesehen und ledig¬
lich das Sachüche dargestellt werden.
Für die spätmittelalterliche Behand¬
lung der dämonistischen H. besitzen wir
außer den oben (Anm. 24) angeführten,
in der Hauptsache auf Agrippa und Car¬
danus 61 ) zurückgehenden Darstellungen
die eingehenden und sehr wertvollen Aus¬
führungen des bayrischen Arztes Johann
Hartlieb in seinem 1456 verfaßten
559
Hydromantie
560
„Puch aller verpotten kunst" 65 ). Seine I wird ein reines Kind 73 ) auf einen schönen
Schilderung zeigt zwar gelegentlich auch Stuhl vor das Wasser gesetzt (Kap. 55).
die Einwirkung der antiken und der Der Zaubermeister tritt hinter das Kind,
mittelalterlich - kirchlichen Tradition 66 ), spricht ihm geheime Worte ins Ohr
diese tritt jedoch völlig in den Hinter- und läßt sie von dem Kind nachsprechen
grund vor der Fülle der außerdem be- (Kap. 56) 74 ). Auf die Fragen des Meisters
richteten Einzelheiten. Diese Angaben gibt nun das Medium Auskunft über das,
sind aus doppeltem Grunde von großer was es — infolge der Täuschung durch
Bedeutung. Sie lehren einerseits den den Teufel — erblickt (Kap. 57) 76 ). Er¬
starken orientalischen Einschlag in der gänzend wird von Hartlieb dann noch
literarischen Überlieferung der H. Denn bemerkt, daß manche das Wasser aus
wie aus zahlreichen Stellen seines Buches fließenden Gewässern entnehmen, andere
hervorgeht, war Hartlieb mit der orien- Regenwasser, andere aus stehenden Wei-
talischen oder orientalisch beeinflußten hem und dieses abkochen, alles „zu Ehren
Zauberliteratur vertraut; für seine Dar- der Wassergeister und des Salathiel"
Stellung der H. scheint, wie oben er- (Kap. 58). Außer diesem „elementischen"
wähnt 67 ), vor allem die Clavicula Salo- Wasser aber verwendet man, wie zu
monis (s. d.) in Betracht zu kommen, manchem anderen zauberischen Zweck,
Außerdem aber beruhen offenbar zahl- auch Weihwasser, was ein besonders übler
reiche Angaben auf eigener Kenntnis und Mißbrauch ist (Kap. 59, vgl. unten Anm.
beweisen somit das Fortleben der antiken 40). Auch das Blei- und Zinngießen (vgl.
H. noch im 15. Jh. Gerade bei der unten Anm. 51) gehört wenigstens teil-
Beschreibung der H. (38, 6) sagt er: weise zur H.: wann sy das wasser an-
„gelaub mir, hochgelobter fürst, das jch sehen, so haißt es ydromancia, wenn aber
der sach gar vil hab gesehen' 4 . Ebenso sy das pley oder zyn ansehen vnd damit
wie bei Hartliebs Darstellung der Chiro- jr Weissagung machen, so haißt die
mantie kann man auch für die H. fest- kunst pyromancia" (Kap. 62). Auch der
stellen, daß sich in den späteren Behänd- Brauch, allerlei Gegenstände, wie Höh¬
lungen des gleichen Stoffes keinerlei I chen, Haare, Ringe, Münzen, ins Wasser
Anklänge an seinen Traktat vorfinden. zu werfen und aus ihrem Zusammen-
Angesichts des Alters und der Reich- schwimmen oder Untersinken die Zu-
haltigkeit und Eigenart des Berichtes von kunft zu deuten (vgl. oben), ist „aber
Hartlieb erscheint es als gerechtfertigt, ain zauberlist von dem wasser" (Kap. 63).
bei einer zusammenfassenden Darstellung Hundert Jahre jünger als Hartliebs zu-
der dämonistisch-zeremoniellen H. von sammenfassende Darstellung der H. sind
ihm auszugehen: Die „Meister" dieser die von Cardanus in seinem Werke De
Kunst berufen sich auf die Worte der varietate rerum 76 ) mitgeteüten Rezepte,
Genesis, daß der Geist Gottes auf dem an zeremoniellen Details noch reicher und,
Wasser schwebte. Sie glauben, daß im Gegensatz zu Hartlieb, von feststell-
„sunder gaist" im Wasser wohnen und die barer Nachwirkung auf die Folgezeit.
Zukunft zu künden vermögen; der mäch- Einige freilich waren für ein Weiterleben
tigste von ihnen ist Salathiel 68 ) (Kap. 54). auch nur im beschränkten Kreise ge-
Die H. dient u. a. der Aufklärung eines werbsmäßiger Magier sicherlich zu kom-
Diebstahls, der Findung von Schätzen pliziert, so die aus der „Ars magna Ar-
u. a. Das Wasser dazu muß am Sonntag tephii et Mikinii" entnommene, sogar
vor Sonnenaufgang aus drei fließenden mit Abbildungen illustrierte Methode, mit
Brunnen 69 ) in ein „lauter puliertz glas" Hilfe dreier aus verschiedenem Material
geschöpft werden und wird dann in ein (Ton oder Silber, Erz, Glas) verfertigter
schönes Gemach des Hauses getragen 71 ). und mit verschiedenen Flüssigkeiten (Was-
Dann werden Kerzen vor dem Wasser- ser, öl, Wein) gefüllter Gefäße Gegen¬
gefäß angezündet 72 ), als sollten ihm gött- wärtiges. Vergangenes und Zukünftiges
liehe Ehren erwiesen werden. Darauf zu erkennen. Die günstigsten Zeiten der
561
Hydromantie
562
Ausführung (bei Sonnen-, Mond- oder
Stemenschein), die Kleidung des Aus¬
übenden (weißes Gewand, Kopf bis auf
die Augen mit rotem Seidentuch verhüllt),
die Zauberworte usw. werden genau
angegeben. Einfacher ist der Ablauf
eines anderen Experimentes, für das sich
Cardanus teils auf Josephus Niger teils
auf eigne Teilnahme beruft: Flasche mit
Weihwasser auf weißgedecktem Tisch in
der Sonne, Kreuz aus Olivenblättem,
Wachskerzen, Weihrauch, Gebet an die
hl. Helena; mehrere Medien (einige Mäd¬
chen, eine schwangere Frau, ein Knabe)
erblicken menschliche Gestalten im Wasser,
die genau beschrieben werden. Cardanus
selbst beobachtete nur eine gewisse Be¬
wegung des Wassers und Blasenbildung.
Ein weiteres, ähnliches Rezept (Kap. 93)
dient zur Auffindung eines Diebes: Auch
das Tuch, auf dem das Wassergefäß steht,
muß geweiht sein. Das Wasser wird durch
ein ölblattkreuz und durch ein Kreuzes¬
zeichen geweiht, das man mit dem Nagel
des rechten Daumens über das Gefäß
schlägt. Gebete (Vaterunser, Englischer
Gruß, Engelanrufung) und Kniebeugung.
Der Dieb erscheint schattenhaft im Wasser.
Das Fortleben dieser Praktiken zeigt
sich darin, daß sie in die unter dem
Namen „Fausts Höllenzwang" o. ä. ver¬
breiteten Zauberbücher übergegangen j
sind, die, vermutlich seit dem 17. Jh.
kompiliert, sich einer bis in die Neuzeit
reichenden Geltung erfreuen 77 ). Zu den
aus Cardanus Schriften entnommenen An¬
weisungen kommt hier noch eine weitere
unbekannter Herkunft, die besonders
durch die Wiedergabe des Wortlauts der
christlich gehaltenen, aber mit Zauber¬
worten verbrämten Gebete wertvoll ist 78 ).
Das „Experiment", zu dem sie gehören,
muß „an einem einsamen Orte, wo kein
Glockenschlag noch auch ein Hahn-
Geschrey gehört wird, gemacht werden",
und zwar an einem Freitag bei zuneh¬
mendem Mond. Das Wassergefäß muß
mit einem weißen Leinentuch bedeckt
und auf einen Marmorstein gesetzt werden.
Nachdem der Geist in Gestalt eines
schönen Mannes im Glase erschienen ist,
wird es mit Jungfernwachs geschlossen.
Nach Beendigung der Beschwörung er¬
hält der Geist „Urlaub" durch ein Schlu߬
gebet.
Auf eine dem „Höllenzwang" verwandte
Quelle dürfte die ausführliche Anweisung
zurückgehen, die Thiers gibt 7# ), angeblich
nach einem ihm vorliegenden Manuskript.
Die einleitenden Zeremonien bringen nichts
wesentlich Neues, als Medium wird ein
Knabe oder ein Mädchen vorgeschrieben;
der Ausübende muß sich seit 8 Tagen des
Geschlechtsverkehrs enthalten haben. In¬
teressant sind besonders die Spezial¬
anweisungen über die Anrufungen: Will
man Schätze finden, so wendet man das
Gesicht des Mediums nach Osten und ruft
Uriel an; handelt es sich um die Fest¬
stellung eines Übeltäters, so kommt
Süden und Iniel, für Diebesfindung Westen
und Assinel, für die Frage, ob ein Freund
noch am Leben oder tot sei, Norden und
Gediel in Betracht. Der Wortlaut der
Anrufungen, durchsetzt mit vielen magi¬
schen Namen, wird genau mitgeteilt.
Die in allen diesen Anweisungen ge¬
gebenen Einzelvorschriften lassen sich —
wozu hier kein Platz ist — fast ohne
Ausnahme aus den Zauperpapyri be¬
legen, sodaß eine mindestens mittelbare
Einwirkung des spätantik-orientalischen
H.-Glaubens außer allem Zweifel stehen
dürfte.
Zur Lekanomantie, d. h. zur dämonisti-
schen H., zählen einige Autoren des
16. und 17. Jhs. 80 ) nach antikem Vorgang
die im Alexanderroman des Pseudo¬
kallist henes beschriebene magische Ver¬
anstaltung des Nektanebus 81 ), der bei
bevorstehendem feindlichen Angriff eine
Schale mit Wasser füllte, darein Schiff¬
chen und Krieger aus Wachs setzte und
diese unter allerlei Zeremonien und An¬
rufungen belebte. Durch Untertauchen
vernichtete er auf sympathetischem Wege
seine Gegner, bis ihm einmal durch gött¬
liche Konkurrenz dies Mittel mißlang,
was er auf seinen eigenen Sturz deutete.
In dieser Praxis spielt die Erkundung der
Zukunft neben der auch sonst vielfach
belegten magischen Belebung und Be¬
einflussung von Wachspuppen nur eine
untergeordnete Rolle 82 ).
563
Hydromantie
564
Die vorstehende Darstellung zeigt, daß
man zwei Hauptformen der H. zu unter¬
scheiden hat. In der einen ist es das Was¬
ser selbst, das durch seine Bewegungen,
sein Schwinden und Zunehmen und seine
sonstigen Veränderungen sowie durch
sein Verhalten gegenüber hineingeworfe¬
nen Gegenständen Vorzeichen gibt. Diese
bieten sich entweder ohne Zutun des Be¬
fragenden oder können auf einfachste
Weise hervorgerufen werden; in den
meisten Fällen handelt es sich um natür¬
liche Gewässer, Quellen, Seen usw. Die
Auskünfte, die man auf diese Weise
erhält, sind allgemeiner Art und werden
in herkömmlicher Weise auf Grund ein¬
facher Assoziationen gefunden. Sie wer¬
den nur in seltenen Fällen als Äußerungen
bestimmter Götter oder Geister aufgefaßt,
denen die Gewässer als Wohnsitz dienen
oder geheiligt sind. In der Hauptsache
ist es eine unbestimmte, dem Element
immanente Kraft, die sich offenbart. Auf
der anderen Seite steht eine mit einem
mehr oder weniger komplizierten Ritual
arbeitende Methode, in der das in Ge¬
fäßen befindliche Wasser nur der Ort ist,
in den man durch magischen Zwang dä¬
monische, irgendwie persönlich gedachte
Wesen hineinbannt, um von ihnen präzise
Antworten auf bestimmte Fragen zu
erhalten. Bereits im Altertum tritt diese
dämonistisch-zeremonielle H. als beson¬
dere Form mit eigener Bezeichnung
(Lekanomaatie) auf; die Autoren des
16. Jhs. spezialisieren sie durch Zufügung
der Gastromantie noch mehr, wogegen zu
bemerken ist, daß die älteste ausführliche
Darstellung (Hartlieb, 15. Jh.) diese Teilung
noch nicht kennt. Daß zwischen den beiden
Grundtypen ein genetischer Zusammen¬
hang besteht und die gemeinsame Grund¬
lage der gesamten H.-Formen in einem
primitiven Glauben an die mantische
Kraft des Wassers zu suchen ist, dürfte
nicht zu bezweifeln sein; ein wichtiges
Verbindungsglied ist neben gewissen Ge¬
räuschen (Rauschen, Brodeln) vor allem
wohl das Phänomen der Spiegelung, das
wir in beiden Grundformen eine Rolle
spielen sehen. Was von den heute noch
im Volk festzustellenden Meinungen und
Gebräuchen als fortlebender Rest jener
primitiven Vorstellungen oder als ab¬
gesunkenes Bruchstück der zeremoniell-
dämonistischen H. zu betrachten sei, läßt
sich in vielen Fällen nicht feststellen;
ein interessantes Beispiel für das Weiter¬
leben der zweiten Form auch im Glauben
des einfachen Volkes ist der bereits oben
2, 315 zur Gastromantie mitgeteilte
; Diebfindungszauber des 19. Jhs.: ein un¬
schuldiger Knabe sieht den Dieb in einer
Flasche mit Weihwasser 83 ). Ein älterer
Bericht 84 ) zeigt gleichfalls, daß nicht nur
gelehrte Magier und Propheten, sondern
auch Leute aus dem Volke sich auf
hydromantische Praktiken verstanden:
Am 3. November 1749 ertranken bei einem
Schiffbruch auf dem Vierwaldstättersee
am Axenstein 24 Personen. Da die Lei¬
chen nicht aufzufinden waren, wendete
man sich an Mattmann Kandi in Luzern,
! der im Geruch der Magie stand. Dieser
stellte einen Zuber mit Wasser auf und
ließ die Fragenden hineinschauen. Sie
erblickten im Wasserspiegel die Leichen
auf dem Grund des Sees in einer Schlucht
des Axensteins. In der Tat wurden die
Ertrunkenen dort gefunden und konnten
christlich bestattet werden. Die Grenzen
verwischen sich auch in der jüngsten
Gegenwart: Dje öfters zur H. gerechnete
Divination mit Hilfe eines schwingenden
Rings (s. o.), die sich heute in weitesten
Kreisen einer nicht geringen Beliebtheit
erfreut und bereits eine Fachliteratur
erzeugt hat 85 ), wird gleichfalls teils von
Experten zelebriert, teils von Laien be¬
trieben.
Die Ablehnung und Bekämpfung der
H., die bereits im Altertum einsetzt 86 ),
von der mittelalterlichen Kirche besonders
lebhaft betrieben wurde 87 ) und für die
Mehrzahl auch der weltlichen Divinations-
Spezialisten späterer Zeit kennzeichnend
ist, richtet sich in erster Linie gegen die
zeremonielle H., die wegen ihres ausge¬
sprochen dämonistischen Charakters den
leichtesten Angriffspunkt bot.
Die moderne Psychologie hat die Frage
nach den psychologischen Grundlagen der
H. mehrfach erörtert, aus denen sich
zum guten Teil ihre seit den frühesten
565
Hydromantie
566
Zeiten bis heute bewiesene Lebenskraft
erklärt 88 ). Die Psychoanalyse hat sie
geradezu in ihren Dienst zu stellen ge¬
sucht 89 ), wobei in der „Anordnung“ des
Versuches die Ähnlichkeit mit Einzel¬
heiten des alten Rituals auf fällt.
*) Lenormant Magie und Wahrsagekunst der
Chaldäer (Dt. Ausg. 1878) 463; Hopfner
Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 2, 228;
Pauly-Wissowa 14, 1285; Ungnad Deutung
der Zukunft 15; Bouche-Leclerq Hist, de la
divination i, 184. 339; 2, 358 und Daremberg-
Saglio 2, 35S; Maury La magie et Västrologie
426; Boehm in Pauly-Wissowa 9, 79;
Ganszyniec ebd. 12, 1879; Halliday Greek
Divination (London 1913) 185. 2 ) Isidorus
Orig. 8, 9, 11; Servius Aen. 3, 359. 3 ) De
civitate Dei 7, 35 ed. Dombart 1, 318. 4 ) Scho-
lion zu Lykophron Alexandra 813. 6 ) Apu-
leius Apologie c. 42, S. 49, 13 ff. ed. Helm.
6 ) vgl. Strabo 16, 2, 39. Die Perser dürften
sie von den Babyloniern übernommen haben,
s. Ganszyniec in Pauly-Wissowa 12, 1880;
Boehm ebd. 9, 80; auch die Spezialform der
Oenomantie (s. u.) wurde auf die Perser zurück¬
geführt, vgl. Delrio Disquisitiones Magicae
2 (Mainz 1603), 175. Eine astrologische Hand¬
schrift des 15 Jhs. bringt das Bildnis eines
llepso; XotyxavopLavTi; touvous ’AttoXoivio;," Catal.
astrol. graec. 4, 45. Eine interessante bild¬
liche Darstellung einer hydromantischen Be¬
schwörung durch den Zauberer Cyprianus aus
dem Cod. Par. Gr. 510 s. IX bei Rader-
macher Griech. Quellen zur Faustsage (Sitzb.
Wien 206, 4. 1927), Taf. zu 230: zwei kleine
Gestalten erscheinen in einer Schale. Eine
bildliche Darstellung eines Wasserzaubers glaubt
Perrot Mc'm. d'archeologie (Paris 1875) 123 t.
in einem Wandgemälde des sog. Hauses der Li via
auf dem Palatin zu sehen. T ) An Pythagoras, nicht
an Numa, dachte wohl der historische Dr. Faust,
wenn er sich als,,inhydra arte secundus“ bezeich-
nete, s. Brief an Trithemius vom 20. August 1507,
Witkowski in ZfGeschwiss. N. F. 1, 343;
van ’tHooft Das holländische Volksbuch von
Dr. Faust (1926) 4. 8 ) Zu dieser im Altertum
mehrfach auf tretenden Verbindung von H.- (bzw.
Lekano-) und Nekromantie s. Ganszyniec
a. a. O. 1884. 1888. Auch Codes Anastasis
(1517) 3 kennt eine Form der Nekromantie,
die sich vollzieht ,,inspectione a pueris aut
feminis praegnantibus facta in speculo chrystal-
lino seu amphora aqua plena“. *) Vgl. Achter¬
berg Interpretatio Christiana (Leipzig 1930).
10 ) De magorum praestigiis falsisque divinationi-
bus, M i g n e P. L. 110, 1098 A; De universo, P. L.
in, 425 A. n ) S. z. B. Burchard v. Worms
Decretum 10, 42 f.; Migne P.L. 140, 840 C;
Ivo v. Chartres Decr. 11, 67; Panormia S, 66.
Migne P. L. 161, 761 A, 1318 B; Decretum
Gratiani p. 2, caus. 26, quaest. 3/4, cap. 1,
quaest. 5, cap. 14; Corpus iur. canon. ed. Fried¬
berg 1, 1024. 1032: Hugo v. St. Victor Eruditio
didasc. 6,15. Migne P. L. 176,810 D; Johann
v. Salisbury Policrat. 1, n, 12; Migne P. L.
199 . 4°7B; Hinkmar v. RheimsZte divortio 15.
Migne P. L. 125, 718; Thomas v. Aquino
Summa theol. s. 2, qu. 95, art. 3. Edit. Rom. 9, 315.
12 ) Schönbach 25: alia [divinationis species est]
ydromancia, que fit in aqua, ut est inbecinio cum
aqua cruces (cereis ?) cum ymaginibus ponitur
et dicitur ab ydor quod et aqua. Vgl. auch
Joh. Ni der Praeceptorium (Nürnberg 1496) pr. 1
cap. 11 Anf.; Grimm Myth. 3, 411 (Hs. v. J.
I 393 ): Hasak Der christl. Glaube (Regensburg^
1878) 47. 13 ) Vgl. z. B. Antonin v. Flo¬
renz (1389—1459) bei Klapper in MschlesVk.
21, 66 ff. nr. 11—14. 26. In diesen Beichtfragen
wird sowohl auf die Beobachtung der Quellen
(si prenusticavit ex rumore aquarum currencium)
wie auf Becherweissagung u. dgl. Bezug ge¬
nommen. 14 ) 10, 17 ed. Borgnet 10, 650 b:
sane hydromantia in extis animalium consistit
abluendis inspiciendisque fibriis. 16 ) Vgl. die
Zeugnisse bei Hansen Hexenwahn 207. 253:
Reisch Margarita philosophica (Straßburg 1504)
171 v; Johann v. Saaz Ackermann Kap. 26,
hsg. v. Burdach 63, 25 f.: ydromancia, in Was¬
sers gewurke der zukunftigkeit entwerferin.
Auch Rabelais 1, 634, dt. Ausg. v. Gelbcke 1,
398, der die H. zu den Künsten des ,,Mr. Trippa“
(Agrippa ?) zählt, begnügt sich mit einfacher
Nennung, während ihm die Sonderform der
Lekanomantie etwas klarer ist, s. u. Anm. 75;
vgl. Gerhardt Franz. Novelle 109. ie ) Niketas
Choniates (f um 1220) De Andronico 2, 9,
p. 441 ed. Bekker (1835): povou; toü; 61a ttXu-
VÖIV xal XEXOrvtölUV CpEVaXOfACtVTECC 7 TEptXElT: 0 fJlEV 0 U;.
Auch für Tzetzes (12. Jh.) Alleg. Iliad. i,
208 ist die H. die Wahrsagekunst, £x xfjc
pLavTixrjc xai ÄExavopavTeia? hat Cheiron
dem Achilleus sein Schicksal prophezeit, vgl.
Schol. ad Exeg. in II. ed. Hermann (1812) p. 148,
7: <PtXö(J7pciTo; £v toi; Ilptuixoi; (ed. Kayser 2,
195) Xejei «l; a T 10 Y l< ? /p^aapevov ev ’löaxTj töv
"OpTjpov rjyouv).exavopavTclot T7) zaÄaia
ttjv ai d/uyijv; s - a - Kedrenos
Hist, compend. 527, 2, 129 ed. Bekker (1839);
Montesquieu Oeuvres compl. 1 (Paris 1865),
101. 17 ) Als „emoritischer“, d. h. orientalisch-
heidnischer Aberglaube wird die H. bekämpft
in der zum talmudischen Schriftenkreis gehören¬
den Tosefta (3. Jh.), s. Lewy in ZfVk. 3, 27.
18 ) Catal. codic. astrol. graec. 8, 2, 143 ff.:
c YypopavTE{a 2 oXoptItvo;. Diese Form des Namens
der H. ist sonst nicht belegt. Der Inhalt der
Schrift bringt nichts Hydromantisches; vielleicht
liegt eine Verstümmelung der Handschrift vor;
zu Salathiel vgl. a. Gast er Studies and texts
3 (London 1925!.), 79. lß ) Grimm Myth. 1,
4840.; Weinhold Quellen 1898; Boudriot
Altgerman. Religion (1928) 34, vgl. a. A. F.
Schmidt Danmarks helligkilder (Kopenhagen
1926). 20 ) Brief Gregors III. an Bonifatius (um
738) bei Clemen Fontes rel. germ. 42, 3, vgl.
die ,,fontium responsa“ in den Gesta Herwar di
(Mitte des 12. Jhs.), Clemen 76, 10. Auch
in dem Gesetz Liutprands (um 717), Clemen
567
Hydromantie
568
38, 36, ergibt der Zusammenhang, daß die
Worte „ad fontes adoraverit" mit H. in Zu¬
sammenhang stehen. Wichtig ist auch die
Nachricht Thietmars v. Merseburg von der
Quelle Glomuzi (in der Nähe von Glatz bei
Alt-Lomnitz), die Getreidekörner zutage bringt,
wenn Friede und eine gute Ernte, dagegen
Blut und Asche, wenn Krieg und Mißwachs
bevorstand, s. Rochholz Sagen 1, 41. — Die
Skepsis von Boudriot Altgerm. Rel. 35 gegen¬
über der Stelle aus dem Briefe Gregors er¬
scheint nicht hinreichend begründet. 21 ) Car¬
danus (geb. 1501) De sapientia B. 4, Opera 1
(Leiden 1663), 564; De rerum varietate (Basel
1557) B. 14, Kap. 68 f. p. 926 f., B. 16, Kap.
91 f., p. 1071 f., Kap. 93, p. 1109 £. z. T. über¬
setzt bei Kiese wette r Faust 465 f. 22 ) Agrip-
pa De occulta philosophia B. 1, Kap. 57, Opera
1 (ed. Bering), 89, Dt. Ausg. 1 (1916), 273;
davon wenig unterschieden Comment. in Plinii
lib. XXX, Opera 1, 528. Der Einfluß dieser
beiden Hauptquellen erstreckt sich bis auf
die jüngsten Darstellungen, s. Freudenberg
Wahrsagekunst 103. 23 ) In: Agrippa Op.
1, 689 f., dt. Ausg. 5, 356 f. (nach, seinem in der
Stelle über H. genannten Geburtsort Moncal-
vaire weiterhin als Anonymus Moncalv. zi¬
tiert). 24 ) Als Hauptvertreter seien genannt:
Pictorius (f 1569) De speciebus magiae cap. 4
in: Varia (1559) 51 ff. Abgedruckt auch in:
Agrippa Opera 1, 478 f., dt. Ausg. 4, 162 f.,
danach weiterhin zitiert; Camerarius (* 1500)
Comm. de genenbus divinationum (Leipzig 1575)
9; Bodinus (* 1503) Demonomanie (Lyon
1598) 35 f- 120 f., in Fischarts Bearbeitung
(Hamburg 1698) 29. 109 f.; Wierus (Wier,
* 1515 in Holland) De praestigiis daemonum
(Basel 1564) 157 f.; Peucer (* 1525) Comm.
de praecipuis generibus divinationum (Witten¬
berg 1560) 145 ff.; Boissardus (* 1528 in
Besan^n, f 1602 in Metz)- De divinatione
(Oppenheim 1611) 15 ff.; Delrio (* 1551)
Disquisitiones magicae 2 (Mainz 1603), 1670.;
Bulengerus (geb. um 1555)1)5 ratione divina -
tionis , Opuscula (Leiden 1621) 199 ff. Aus
der Literatur des 17. Jhs. verdienen eine Er¬
wähnung Zanchius De divinatione (Hanau
1610) 35; Pfuel Electa physica (Berlin 1665)
148 f.; (Bouhours) Remarques ou Reflexions
(Amsterdam 1692) 99 ff. (fast völlig von Delrio
abhängig); Thiers Traitc 3 (1712), 187 f.
Weitere Angaben älterer Literatur zur H.
bei Praetorius Alectryomantia (Frankfurt
1681) 9 und Fabricius Bibliographie anti -
quaria 2 (Hamburg 1760) 599 f. — Bei Zi¬
tierung der vermerkten Schriften wird nur
der Name des Verfassers genannt. 25 ) Der
Anon. Moncalv. 1, 689, dt. Ausg. 5, 356,
der überhaupt ein weitgereister und see-
befahrener Mann gewesen zu sein scheint,
berichtet besonders eingehend über diese Beob¬
achtungen der Meeresströmungen. 26 ) Agrippa
1, 89, dt. Ausg. 1, 273; Pictorius 1, 481,
•dt. Ausg. 4, 166. 2: ) Der Anonymus Moncalv.
1, 690, dt. Ausg. 5, 357 erzählt von einer solchen
Quelle in der Nähe seines Heimatortes. Fa¬
bricius 594 zitiert als hierher gehörend eine
Schrift des P. M. Pauciadius De puteo sacro
agri Bononiensis (Rom 1757). Bei Zukunft¬
deutung aus dem Schwinden und Zunehmen
des Wassers kann jedoch auch an die Ge¬
bräuche der Andreas- und anderer Orakel-
nächte gedacht sein, wonach aus dem Wasser¬
inhalt aufgestellter Gefäße prophezeit wird,
s. Grimm Myth. 3, 418 (Hs. a. d. 14./15. Jh.);
3, 469 t.; Amersbach Grimmelshausen 2, 47;
Schultz Alltagsleben 6; Drechsler 1, 7.
2li ) Agrippa 1, 89, dt. Ausg. 1, 273; Pictorius
1, 481, dt. Ausg. 4, 166. 2d ) Stückelberg
ARw. 13, 339; Hempeler ebd. 14, 648; Bir-
linger Schwaben 1, 404; Wolf Beiträge 1, 236.
*®) Aeneis 4, 453 f.; Penquitt De Didonis
Vergxlianae exitu (Diss. Königsbg. 1910) 27 f.
31 ) Delrio 2, 175; Bulengerus 222. 32 ) Bodin
121; Delrio 2, 168; Fabricius 608; vgl.
Bouch6-Leclerq Hist, de la div. 1, 187.
33 ) Anonym. Moncalv. 1, 690, dt. Ausg.
5 » 357 ; Delrio 2, 168. M ) Pausanias III
23. 3 (Weiher der Ino in Epidauros Limera);
Zosimus 1, 58 (Quelle in Aphaka, Syrien).
“J Ps.-Aristoteles De mirab. auscult. 57
(2, 83467). Diese Eidprobe erinnert an die
Wasserprobe der Hexenprozesse, und in der
Tat wird dies Verfahren auch einmal als H.
bezeichnet: I. E. Mehring und G. Kästner
Dissertatio de Hydromantia quoad Sagas pro -
bandas per aquam frigidam (Wittenberg 1669),
zitiert von Grässe Bibi. mag. 108. 38 ) Inter¬
essante Parallelen aus Schottland und Ostasien
bei Halliday Greek Divination 114 t. 3i ) Sa-
tirae 137, 10 ed. Bücheier. Zahlreiche Ent¬
sprechungen im deutschen Aberglauben (Gegen¬
stände verschiedenster Art, deren Sinken
beobachtet wird), vgl. z. B. oben 2, 578; Hart-
lieb Buch aller verbotenen Kunst Kap. 63,
s. Sp. 558; Gassner Mettersdorf 21; Wuttke
§ 338; MschlesVk. 7, 47 Nr. 37. Auch die
Bildung von Bläschen und das Quellen von Ge¬
treidekörnern gibt Vorzeichen (für die Ernte),
s. o. 2, 941. 33 ) Cardanus 1, 564 b; Delrio
2, 167; Schindler Aberglaube 213; ohne
Angabe der Herkunft wird an dieser Stelle
noch folgende Praktik des Mittelalters mit¬
geteilt: Man nimmt so viel Steine aus einem
Flusse, als Stücke gestohlen worden sind, ver¬
gräbt sie unter der Türschwelle, holt sie am
dritten Tage wieder hervor, setzt eine Schüssel
mit Wasser in einen Kreis, der durch ein Kreuz
geteilt ist, auf dem geschrieben ist: „Christus
überwindet, Chr. regieret, Chr. herrschet".
Dann spricht man eine Beschwörung und wirft
die Steine in das Wasser, während man den
Namen des mutmaßlichen Diebes nennt. Man
erfährt den Dieb, da das Wasser „bei dem
rechten Steine brauset und zischet". Die
Quelle ist Wierus De praestigiis 400 f.; vgl.
Da ly eil Darker Superstitions 508 (aus Hexen¬
akten der ersten Hälfte des 17. Jhs.). Ganz
ähnlich ist das vom Frater Rudolfus erwähnte
schlesische Liebesorakel des 13. Jhs.: Mädchen
569
Hydromantie
570
schreiben die Namen von Freiem auf Steine, 7, 70 Nr. 2 (Posen). Besonders für die Fest¬
erhitzen diese und werfen sie ins Wasser. Der Stellung der Schädigung durch den bösen Blick
Stein, der dabei knistert, bezeichnet den Zu- ist diese Methode in zahlreichen Abwandlungen
künftigen, s. Klapper MschlesVk. 17, 33 noch heute, besonders in Italien und Südslawien,
Nr. 26; Schles. Vkde. 251. — Die Behauptung I weit verbreitet, s. Seligmann Zauberkraft
bei Lenormant Magie und Wahrsagekunst 413.417.4190. Ähnlich ist das hydromantische
463, daß in der Wahrsagung aus den Wasser- Verfahren bei Da ly eil Darker Superstitions
ringen vorzugsweise die H. der Chaldäer be- 512 (Hexenprozeß v. J. 1633): der Hexen¬
standen habe, entbehrt der Begründung. meister wirft Sixpencestücke in ein Gefäß mit
w ) Nach dem Anonymus Moncalv. 1, 690 Wasser. Kommt das Kreuz der Prägung nach
waren die Kügelchen (beilote) aus Kreide oben zu liegen, so ist die Diagnose günstig,
oder Ton von Haselnußgröße und enthielten und umgekehrt. 49 ) z. B. Bodin 120 f. w ) Bo-
Zettel mit den Namen der Verdächtigen. din a. a. O.; Delrio 2, 167; einige Literatur
Man warf sie unter gewissen Zeremonien, wie zum modernen Pendelglauben s. u. Anm. 85;
Entblößung des Hauptes, Murmeln von Zauber- Cardanus 1, 564 b. 61 ) S. o. 2, 753 (Elaiomantie),
Sprüchen, ins Wasser. Diese Form war, wie 1, 1390 (Bleigießen); 2, 618 (Ei) und Kero-,
a. a. O und bei Delrio 2, 168 ausdrücklich Molybdo- und Oomantie. Auch die Wahr¬
bemerkt wird, besonders in Italien üblich. sagung aus den Figuren, die sich beim Ge-
4U ) Klingner Luther 117; nach Luthers An- ! frieren von Wasser bilden, wird in diesem Zu¬
gabe benutzte man dabei Weihwasser, ein | sammenhang gelegentlich erwähnt, vgl. oben
auch sonst in der H. öfters vorkommender und j 2, 716 (Eis); ZfVk. 4, 310 (Ungarn); Zelenin
scharf getadelter Mißbrauch, vgl. Hartlieb j Russ. Vkde. 379. 52 ) Pausanias VII 21, 23
Buch aller verbotenen Kunst Käp. 59, s. Sp. 558; (Quelle des Apollo bei Kyaneai in Lykien);
Thiers Traite 3, 191 f.; Dalyell Darker Super - } III 25, 8 (Tainaron), vgl. auch Lukianos
stitions 513 f. Ganz vereinzelt steht die Angabe j Verae hist. 1. 26. 63 ) Z. B. Grimm Myth. 3, 416
des Antoninus v. Florenz bei Klapper (Hs. 14./15. Jh.); Denis (* 1729) Lese-
MschlesVk. 21, 66 Nr. 11, daß an Stelle von flüchte 1, 128; Drechsler 2, 148; Gaßner
Wasser auch Wein „quod dicitur Johannis" Mettersdorf 46; Schönwerth Oberpfalz 1, 260;
(Johannisminne) verwendet wurde. Auf Miß- oben 1, 399; 2, 581. 54 ) Vereinzelt steht die
brauch des Abendmahlweines deutet anschei- Nachricht bei Damascius Vita Isidori 191
nend der Satz: qui . . . quando accipit calicem p. 136 ed. Westermann von einer Frau, die die
in ipso aspicet, iste sacrilecus est, Caspari Zukunft ohne weiteres aus einem mit Wasser
Homilia 7 § 6. 41 ) Hartlieb a. a. O. 42 ) Schön- gefüllten Glas verkünden konnte. 65 ) Augu-
werth Oberpfalz 1, 140; Dähnhardt Volkst. stinus De civ. Dei 7, 35; Isidorus Orig. 8,9,
1, 84 Nr. 2; oben 2, 210. In der Gegend von 12. 6Ö ) Vgl. die Erscheinung des Hermes
Szeged verwendet man an Stelle der Lehm- in dem Falle von Tralles, Varro b. Apu-
kügelchen Knödel mit eingekneteten Namens- XeiwsApol. 42. 57 ) BoehminPauly-Wissowa
zetteln. Der beim Kochen zuerst aufsteigende 9, 81 f.; Ganszyniec ebd. 12, 1882L; Papyri
wird geöffnet und bringt die Entscheidung: Graec. Mag., hsg. v. Preisendanz 1 (1928),
Herrmann ZfVk. 4, 318. 43 ) Hasak Christi. 77 f. 178. 181. 58 ) Psellos De operatione
Glaube 47 (aus dem 1470 in Augsburg erschie- daemonum ed. Boissonade 42 gibt für die von
nenen „Spiegel der Sünden“). M ) Pausanias ihm als assyrisch bezeichnete Lekanomantie eine
IV 3, 5; Apollodor. II 8, 4; vgl. a. Plautus Art wissenschaftlicher Erklärung auf Grund
Casina 2, 295 ff. 45 ) H. Rüdel Characteromantia seiner Dämonenlehre, ohne auf die Einzel-
(Altdorf 1694) 23. Der Verfasser sagt von heiten der Praxis näher einzugehen: Das ver-
dieser Handlung: „sine concursu daemonis wendete Wasser wird durch Beschwörungen
haud fieri potuisse quivis facile concesserit“. in den geeigneten Zustand versetzt, um den
46 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 140. Diese Form weissagenden Dämon, der sich durch leise
erinnert an das bekannte Liebesorakel mit Töne äußert, aufzunehmen; der Schlußsatz zu
Lichtchen, die auf Nußschalen u. dgl. im Wasser dieser Darstellung kennzeichnet die Stellung¬
schwimmen (s. u. Nußschale). 47 ) Daß sie nähme des Autors: tva otd ttjv eiaacpetav tt); cpu>vf)s
von selbst „in hohem Bogen herausspringt" tov toü tauoou; arooiopaaxioaiv IXeyyov, ähnlich
(Meyer Schwaben 566), ist kaum möglich.
48 ) Pictorius 1, 480, dt. Ausg. 4, 163. Da der
Gebrauch als eine Weissagungsmethode ,nostra-
tium sycophantarum et diabolicarum vetu-
larum“ bezeichnet wird und Pictorius aus
Villingen stammt (f 1569), ist diese Notiz
wohl als sicheres Zeugnis für den deutschen
Aberglauben des Mittelalters zu bewerten
(dies wird auch durch die Randbemerkung zu
der Angabe des Pictorius „Bussentaler nit zu
dulden“ bestätigt). Sie wird wiederholt von
Bulengerus 199; Belege aus heutigem Aber¬
glauben: Meyer a. a. O.; oben 2,210; MschlesVk.
Niketas Chomates De Andronico 2, 9 ed.
Bekker (1835) 442; die Ritualien selbst ver¬
schweigt dieser Autor absichtlich. Tzetzes-
Exeg. Iliad. 110 ed. Hermann (1812) unter¬
scheidet eine ältere und eine jüngere Form, jene
mit Blut in einer Grube (vgl. Odysseus in der
Unterwelt, oben Anm. 16), diese mit Wasser in
einer Schale vollzogen. Einige von ihm gebrachte
Einzelheiten sollen weiter unten erwähnt
werden. — Die Methoden der hydromantischen
Charlatane schildert anschaulich Hippolytos-
Refutationes 4, 35, vgl. a. Ganszyniec Hippo-
lytos’ Capitel gegen die Magier (Leipzig 1913)
57i
Hydromantie
572
62. 5i ) S. Anm. 16. 60 ) Eine Ausnahme, die
jedoch ohne weitere Wirkung geblieben ist,
stellt die Einordnung der H. in das System
des Paracelsus dar, s. Opera ed. Huserö (1589),
361: „Hydromantia gibt seine Zeichen durch
die Astra des Wassers mit Wellen, Überlauf!,
Schwindung, Anlauf!, »Entfernung, Lorindt,
newe Flüss, mit abwäschung aller Irdischen
dingen“; 9, 93 (die H. ist von den Dämonen
erfunden): „Nun ist Hydromantia auch ein
Kunst, die do gestehet ist in sein Figuren und
Zeichen mit sampt der ganzen Himmlischen
Figura Coeli, und die nimpt sich also: Nimm
^in Schaff mit Wasser und setz nider: Nun so
bald du das nidersetzest, so hab acht auff die
Wellen, di dorinn seindt, wohin sie fallen und
dergleichen, auff sein zittern, desgleichen auff
das Stillstehen und auff die Blottern und Bullen.
Die vier geben vier Figuren, die vier geben
zwölff Figuren: Nun steht die kunst do, wie
sie sein soll. Nun auff die Figuren seindt Regeln
und dergleichen gemacht: steht die Figur also,
so ist es also etc. Nun ist es ein guter handel,
der Geist wirfft Bullen auff, er lest zittern,
er muß schwanken“ usw., vgl. ferner 3, 332 f.;
2, 121; 4, 273 ff. 356 f.; 10, 80 f. 402. 466.
61 ) Doch nicht bei Agrippa, einer der Haupt¬
quellen. * 2 ) Halliday Greek Divination 145ff.
faßt alle Formen, bei denen Gefäße verwendet
werden, unter „lekanomancy“ zusammen. 63 )
Oben 3, 315. 64 ) Bei Pictorius, Peucer, Wier,
Bodin, Bulengerus u. a. ist gerade für diese
Form der H. die Abhängigkeit von Cardanus so
stark, daß sich eine jedesmalige Angabe der
Parallelstellen erübrigt. 6G ) Hsg. v. D. Ulm,
Halle 1914, dort auch Literaturangaben zu Hart-
liebs Leben und Schriften, vgl. ferner o. 2, 1491.
Über seine Bedeutung für die Darstellung der
Chiromantie s. o. 2, 42. Über die H. handelt
er Kap. 54 ff. S. 36 ff. 6G ) Z. B. in der Wieder¬
holung des varronischen Schemas der elemen¬
tarischen Divinationen, Kap. 53, S. 35, 30 f.
*') Anm. 18. 63 ) Zum Auftreten von Engel¬
namen vgl. oben Sp. 349 und Anm. 45. 6) ) An-
toninus v. Florenz (j- 1459) b. Klapper
MschlesVk. 21, 66: Si incantavit cum aqua
trium ecclesiarum vel trium foncium; Roh de
Psyche 2, 406. :o ) Bei der Lekanomantie werden
schalenförmige, bei der Gastromantie bauchige,
flaschenartige Gefäße verwendet, daneben auch
Becher; einmal ist von einem „ciphus ligneus“
die Rede: Antoninus a. a. O. Nr. 26, vgl.
den Becher, aus dem Josef weissagte, 1. Mos.
44, 5; J. Hunger Becherweissagung hei den
Babyloniern (Leipziger Semit. Studien 1, 1905).
Die an der Stätte des alten Babylon gefundenen
magischen Gefäße behandelt M. Schwab
Les coupes magiques et Vhydromancie dans
l’antiquite orientale in: Proceedings of the
Soc. of Biblical Arch. 12 (1890), 2920.; ihre
aramäischen Inschriften haben apotropäischen
Charakter. Über die (sehr zweifelhafte) Ab¬
leitung des Wortes „Gaukler" von cauculator
(caucus— scyphus) s. Grimm Myth. 2, 867.
31 ) Zur Verstärkung wurden Edelsteine und
goldene und silberne Plättchen, mit Charakteren
versehen, in das Wasser gelegt. Die Bericht¬
erstatter bezeichnen diese Sitte z. T. aus¬
drücklich als türkisch: Agrippa 1, 89. 528,
dt. Ausg. 1, 57; Wierus 157; Delrio 2, 169,
doch findet sie sich schon in den Papyri und
bei Plinius, s. Boehm in Pauly-Wissowa 9,
84, vgl. noch Epitome Lith. Orph. ed. Ruelle
166, 19. Als nordafrikanischen Brauch be¬
zeichnen Delrio 2, 168 und van Dale De
origine idolatriae (Amsterdam 1696) 467, nach
Leo Africanus Descriptio Africae B. 3, den
Zusatz von Öl zur Verstärkung der Spiegel¬
wirkung, doch findet sich auch diese Vorschrift
bereits in den Papyri, s. Pap. Graec. Mag.
1, 178. Durch ein Kreuz wird das Wasser
gesegnet nach der unten Anm. 73 zitierten
hsl. Anweisung des 14. Jhs. (dort gehören
auch Zauberkreis und Zauberstab zum Ritual
der H.) sowie in dem Rezept aus Fausts Höllen¬
zwang (Kiesewetter Faust 467, s. u.), wonach
das Kreuz aus zwei kreuzweis ins Wasser
gelegten Olivenblättern hergestellt werden soll.
Nach Tzetzes Exeg. Iliad. 110 mußte die
Schale selbst aus einem Gemisch von Gold,
Silber, Elektron u. a. m. hergestellt und „jung¬
fräulich", also ungebraucht sein, auch das
Haus und das Zimmer, in dem die Handlung
um Mitternacht stattfindet, soll rein sein, rein
gekleidet und von Geschlechtsverkehr und
Fleischgenuß unbefleckt auch die Ausübenden,
alles Bestimmungen, die sich auch in den
Papyri finden und z. T. in späterer Überliefe¬
rung wieder auf tauchen, s. u. 72 ) Cardanus 1,
564: Die Kerzen werden um das Gefäß herum¬
gestellt. 73 ) Vgl. den Knaben in Tralles bei
Varro. Die Verwendung von reinen Knaben als
Medien wird auch in den Zauberpapyri für die
H. wie für andere Divinationsarten vorge¬
schrieben, s. Abt Apuleius 161 ff. 2480.; Jo-
hannv. Salisbury Polierat. 1, 12, Mign e P.L.
199, 408 (vgl. a. Maury La Magie 439, 3) er¬
zählt, wie er selbst als Knabe, freilich ohne
Erfolg, zusammen mit einem Kameraden, als
Medium herangezogen wurde; in seinem Falle
handelte es sich um Onychomantie (s. d.) und
um das Schauen „in exterso corpore pelvis",
also mehr um Spiegelzauber im engeren Sinne
(specularia magica. — specularios vocant, qui
in corporibus levigatis vel tersis, ut sunt lucidi
enses, pelves, cyathi . . . divinantes curiosis
consultationibus satisf aciunt). Vgl. ferner
Neues Arch. d. Ges. f. ältere dt. Geschichts¬
kunde 6, 241 (Hs. des 14. Jhs.); Antoninus
b. Klapper MschlesVk. 21, 68 Nr. 26 (dort
werden neben den Knaben auch Mädchen ge¬
nannt, ebenso bei Thiers Traite 3, 187);
Cardanus a. a. O.; Van Dale De origine
idolatriae 467 berichtet, daß man in Nord¬
afrika ganz junge Knaben, die das 8. Lebens¬
jahr noch nicht überschritten hätten, als
Medien zur H. verwende. Den Gegnern der
H. galt dies als ein besonders schändlicher
Mißbrauch, vgl. Hartlieb 38, 5: o herre got
erparm dich vber das vnschvldig rain kind. Zu
573
Hyla—Hysterie
574
der Schilderung dieser Methode bei Pictorius
a. a. O. sagt eine beigedruckte Randbemerkung:
„Qua gastromantia utamur (sic!) in Alsatia".
u ) Sonst wird meist von Zauberformeln im
allgemeinen oder von Beschwörung des Wassers
berichtet, s. z. B. Psellosa. a. O.; J oh. v. Salis¬
bury a. a. O.;Ca.Tda.nus 0 pera 1, 564a. Während
die Papyri die Anrufungen stets im genauesten
Wortlaut mitteilen, sehen die christlichen
Autoren aus verständlichen Gründen davon
meistens ab, so Niketas De Andron. 443:
IC sra'fi-ctTtJüv, o-rAa jjlt) &3?{v£tv ypetov; Agrippa
Comm. in Plinii lib. XXX Op. 1, 528: pro-
ferentes verba, quae annectere nolumus.
Eine Ausnahme davon machen die unten !
besprochenen, von Cardanus, Thiers und in
Fausts Höllenzwang überlieferten ausführlichen
Rezepte. 76 ) Wo es sich, wie in der von Hartlieb
beschriebenen Methode, um Gesichtswahrneh- ;
mungen (Gastromantie) handelt, erscheinen je
nach dem Zweck der Veranstaltung die frag- i
liehen Personen oder Gegenstände, z. B. ent¬
fernte oder erkrankte Freunde, gestohlene
Dinge oder, wie so oft im Zauberspiegel, ent¬
fernte Örtlichkeiten und Vorgänge (Rabelais
Gargantua 1, 634, dt. Ausg. v. Gelbcke 1, 398:
je te montreray ta femme future brimbollante
avec deux rustres), s. z. B. van Dale a. a. O.
467, oder irgendwelche Figuren oder Zeichen,
z. B. Bodinus 129; Wierus 158; Camera-
rius 130; Bulengerus 199. In der von Nike¬
tas a. a. O. beschriebenen H. läßt der Geist
Buchstaben erscheinen. Bei akustischen Phäno¬
menen (Lekanomantie) ertönt aus dem Wasser
die Stimme des Geistes in Form eines leisen, 1
kaum vernehmbaren Geflüsters oder Zischens,
s. Psellos a. a. O.; Cardanus a. a. O. bringt
ein Zeugnis des Hermolaus Barbarus (* um
1400) bei, daß die Stimme aller Dämonen sehr :
leise sei, schon um leichter Täuschungen zu er- |
möglichen, vgl. oben Anm. 58. Angeblich hatte
jener berühmte Humanist und spätere Bischof
von Verona die H. selbst mit Erfolg erprobt,
s. a. Rabelais a. a. O. Auch die Vorstellung
von der dünnen Stimme der Geister ist antikes
Gut, s. Boehm De symbolis Pythagoreis 33. !
Vereinzelt wird auch berichtet, daß der Geist !
das Wasser nur bewegt, Blasen aufsteigen läßt •
u. dgl., vgl. oben Anm. 60 die Theorie des
Paracelsus. Die Methode bei Boissardus 17
dient zur Erkennung von Verdächtigen: der
Hydromant verhüllt seinen Kopf mit einem ,
Tuch, auf das ein mit Wasser gefüllter Becher '
gestellt wird. Darauf ruft er einen Dämon an 1
und nennt die Namen der Verdächtigen; bei
der Nennung des Schuldigen wallt das Wasser j
auf. Dies Verfahren erinnert an die oben 1, 202
nach Cardanus beschriebene Sonderform der
Aeromantie. 78 ) Buch 16 Kap. 91 ff. p. 1071 ff.;
Kiesewetter Faust 466 f.; Ganszyniec in
Pauly-Wissowa 12, 1887. Cardanus An¬
weisungen sind z. T. wörtlich übernommen
von Wierus De praestig. daem. Buch 4 Kap.
5 P* 397 f*. 77 ) Kiesewetter Faust 263 ff.
78 ) Ebd. 467 t. (Kap. 71 und 72); anschließend
eine interessante, novellistisch gehaltene Schil¬
derung einer „gastromantischen" Seance aus
derZeit der französischen Revolution am 20. Dez.
1793. 7y ) Traite 3 (1712), 187 ff. 80 ) Codes
Anastasis (1517) 2v; Delrio 2, 169; Bulen¬
gerus 199. 81 ) Ps. - K allist he nes 1, 1, vgl.
dazu Stocks ARw. 13, 466; Ausfeld Der
griech. Alexanderroman 30; oben 1, 1295.
82 ) Anscheinend hatte bereits Berthold von
Regensburg diese Methode vor Augen, s. o.
Sp. 548 und Anm. 12. 83 ) Montanus Volks¬
feste 117. 84 ) SAVk. 19, 219; Keller Grab des
Aberglaubens 1 (1778), 244 sagt von dem
„Weissagen aus einer Bouteille, die mit Wasser
angefüllt ist oder der H.: Daß diese Art zu weis¬
sagen auch unter Christen noch im Schwange
gehe, beweisen viele Beyspiele" und verweist
besonders auf das Stuttgarter Allg. Magazin
auf das Jahr 1767, 46. 86 ) A. F. Glahn Der
Gebrauch des Pendels, Memmingen 1930; H.
Ertl Pendel-Tafel, Leipzig 1930; R. Völcker
und F. Spahrmann Pendelmagie , Zeulenroda
1930; E. Schumann Die Hilfe der Mutter
Natur. Einfache Augen- und Pendeldiagnose
1930. 86 j Vgl. vor allem Artemidoros Oneirocr.
2, 69 p. 161 ed. Hercher, s. a. Anm. 16. 87 ) Neben
den oben aufgeführten Zeugnissen aus kirch¬
lichen Schriften vgl. noch Hansen Zauberwahn
584 nr. 144 (Verhandlung der theologischen
Fakultät an der Universität Köln vom 5. Juni
i486): actum in congregatione de remediis
contra superstitiones gliscentes in terra Julia-
censi per hidromantiam. 88 ) Literatur bei
Lehmann Aberglaube 577f. 8U ) H. Silberer
Lekanomantische Versuche im Zentralblatt f.
Psychoanalyse 2 (1912), 3830.; Zur Charak¬
teristik des lekanomantischen Schauens ebd. 3,
73 ff Boehm.
Hyla, hylaria, dulia, malasilana: Zauber¬
worte in einer Augenbenediktion (Hd.
des 15. Jhdts, München) *), auch in der
Form: Nilaria dulcia filana und: N. del
indena, dulta mila velena 2 ). Verderbtes
Latein ?
1 ) Franz Benediktionen 2, 496. 2 ) A. a. O.
497 Anm. 2. Jacoby.
Hysterie x ). Hysterie gilt als Beses¬
senheit 2 ); man glaubt, diese Krankheit
sei den Betreffenden angetan, sie seien
verhext 3 ).
Deswegen werden auch Zaubermittel
angewendet wie angebrannte Reb¬
huhnfedern, Haare, Teufelsdreck und der¬
gleichen Stinkmittel, um den Dämon
durch Gestank zu vertreiben 4 ).
*) Hecker Tanzwut 48; Hovorka-Kron-
feld 2, 200; Höf ler Krankheitsn. 247; Storfer
Jung fr. Mutterschaft 188; Tylor Cultur 2, 463;
Fontaine Luxemburg 109. 2 ) Hellwig Abergl.
29 . 33. 3 ) Lammert 251. 4 ) Hovorka-Kron-
feld 2, 200. Stemplinger.
575
Jacke—Jagd, Jäger
576
Jacke s. Kleid.
Jadeit. Der Jadeit galt den Römern
als Schutzmittel gegen jeden Zauber,
ebenso in China, seinem Hauptfundorte;
dort warfen um den Anfang der christ¬
lichen Zeitrechnung, wenn ein Gesunder
starb, alle Freunde einen Jadeit in sein
Grab (wahrscheinlich als Schutz gegen
Dämonen ) l ). Eine Menge Jadeitarte¬
fakte haben sich in der Schweiz und im
südwestlichen Deutschland, seltener weiter
nach Osten hin gefunden. Da der Jadeit
auch in Mitteleuropa sich vorfindet, ist
er nicht nur eingeführt 2 ). In Zedlers Uni¬
versallexikon wird der Jadeit unter dem j
Namen Jade beschrieben als ein sehr selte¬
ner, grünlich grauer, wegen seiner Härte
schwer zu bearbeitender Stein. In Boetius
de Bodes Schrift ,,Le parfait Joualier“
wird der Nephrit wegen seiner ungemeinen
Kräfte und Tugenden la pierre divine ge¬
nannt. Auf die Niere gebunden, soll er
(ebenso wie der ihm nahestehende Nephrit)
den Stein und Grieß vertreiben und mit
dem Urin abf(ihren, auch ein gutes Mittel
gegen das ,, schwere Gebrechen 1 ' sein; doch i
darf man, wie der Bearbeiter in Zedlers
Lexikon zweifelnd hinzufügt, nicht viel
davon halten 3 ). Vgl. Nephrit.
l ) Seligmann 2, 30. 2 ) Much Heimat der
Indogermanen (1904), 65 ff.; Mitteil, des anthro¬
pologischen Vereins Schleswig Holstein 9 (iS88),
16. 3 ) Zedier 14, 123. t Olbrich.
Jagd (J.), Jäger (Jr.).
Mit Jr. ist sowohl der Berufsjr. (Förster)
als auch der, der die Jagd aus Lust be¬
treibt, verstanden. Im Aberglauben
nehmen sie keine gesonderte Stellung ein.
Bei den Deutschen hatte die J. seit
den ältesten Zeiten zwar eine sehr große
Bedeutung, aber sie kam nicht allein für
die Nahrungsbeschaffung in Betracht.
Nach einer jahrhundertelangen Ent¬
wicklung und einer starken fremden
(franz.) Beeinflussung wird sie heutzutage
entweder sportsmäßig oder als Erwerb
betrieben 1 ). Weil aber bei den Deutschen
die J. zu keiner Zeit dieselbe bedeutende
Rolle spielt wie bei den Tiefkultur-
völkem, deren Nahrung im wesentlichen
von den Erträgnissen der J. abhängt,
werden bei ihnen nur Spuren eines ein¬
stigen J.aberglaubens nachzuweisen sein,
der gänzlich im Schwinden ist. Für die
primitiven Jr. ist erwiesen, daß die J.
als eine wesentlich mystische Betätigung
betrachtet wird. Danach sind für den
Erfolg die objektiven Bedingungen zwar
notwendig, doch „müssen sie einen ma¬
gischen Wert haben, sie müssen durch ma¬
gische Operationen sozusagen in eine
mystische Kraft eingekleidet worden
sein“ 2 ). Da auch der älteste feststellbare
Kulturzustand die Deutschen nicht als
Jr. im Sinn heutiger Tiefkulturvölker
zeigt, wird deren J. aberglauben zum Ver¬
gleich mit dem deutschen nur soweit her¬
anzuziehen sein, als dadurch Einzelzüge
aufgehellt werden können 3 ).
*) Heyne Nahrung 229 ff.; Jägerhörnlein,
Schräder Reallex. 5190.; Pauly-Wissowa9,
1, 588 ff.; Hoops Reallex. 2, 609 f.; A. Haber¬
land t Die volkstümliche Kultur Europas in
Buschan Völkerkunde 3, 306 ff. a ) Ldvy-
Brühl Das Denken der Naturvölker 200 ff.
3 ) Andree Parallelen 2. 42 ff.; Frazer 5, 2.
204 ff.; 12, 312.529; Melusine 3, 241 ff. 541 ff.
Die J. als mystische Betätigung.
Spuren dieser Auffassung sind gering
und in ihrer Vereinzelung nicht verständ¬
lich, aber doch nachweisbar. Danach
sind für den Erfolg magische Opera¬
tionen auszuführen:
Vor der J.
I. Das Wüd betreffend.
Vorbedingung für das J.glück überhaupt,
ist das Vorhandensein von Wild. Den Tän¬
zen und Beschwörungen der Primitiven mit
dem Ziel, die Gegenwart des Wildes zu ge¬
währleisten, können verschiedene Mittel
1. zu seiner Erhaltung im Reviere an
die Seite gestellt werden, a) Bannung.
Bei der genauen Abgrenzung der J.ge¬
biete kommt es nicht so sehr darauf an,
daß Wüd überhaupt vorhanden ist, als
daß es im eigenen Revier bleibt. Daher
sperrt der Jr. sein Revier durch den ma¬
gischen Kreis (s. Kreis, bannen, binden),
indem er eine Galgenkette, woran ein
Dieb gehangen, herumschleppt; auch
macht er mit seinem Hirschfänger gegen
die 4 Weltgegenden 3 Kreuze 4 ). b) Ge¬
577
Jagd, Jäger
578
wöhnung. Der Jr. soll sich das Amnium
eines Wüdkalbes — er darf sogar ein
trächtiges Wild zu diesem Zweck schie¬
ßen — nehmen; das ausgenommene Kalb
samt Amnium stoße er klein, gieße dazu
Wasser aus der Blase des Wüdes, viel Salz,
ein wenig Heckerling und alten Back¬
ofen-Leimen. Mit diesem Gemisch soll
er die Stämme im Revier bestreichen 5 ).
2. Das Wüd muß auf den Fang- bzw.
Schießplatz gelockt werden. Wichtiger
als Treiber sind magische Handlungen,
um das Wüd auf den bestimmten Platz
zu bringen. Der Jr. sucht auf verschiedene
Weise darüber Macht und Gewalt zu be¬
kommen: a) durch Bannung ihrer Fu߬
spur. Er soll eine Nähnadel, womit
ein Toter eingenäht worden ist, in die
Wüdspur stecken. Ein Nagel eines Sarges,
worin eine Sechs Wöchnerin gelegen ist, soH
besser sein 6 ). Die Hasen werden in den
Kreis gebannt, der mit einem Haselstecken
auf dem Feld gezogen wurde und an den
ein Stück eines Hemdes einer zum ersten¬
mal menstruierenden Jungfrau befestigt
ist- 7 ), b) Durch den Büdzauber, indem er
Blechamulette um den Hals oder in den
Kleidern trug; es wurde erstens das Bild
eines Mannes auf Blech oder einem an¬
deren Metall gestochen, zur Zeit, wo der
Mond im Schützen, Widder, Löwen steht.
In der rechten Hand war der Bogen mit
darauf gelegten Pfeüen zu halten. Wäh¬
rend des Gießens oder Schnitzens des
Büdes war zu sagen: Durch dieses Büd
binde ich aüewüden Tiere, Hirsch, Schwein,
Hase usw., daß keines meiner J. ent¬
gehen könne, sondern mir aUe Zeit er¬
wünschte Beute und Anteü davon ver¬
bleibe; zweitens mußten im Zeichen des
Löwen auf einem Blech desselben Ma¬
terials aüe Tiergattungen dargesteüt wer¬
den, die für die J. des Landes in Betracht
kommen und dabei ist wie im ersten Faü
zu sprechen. Die beiden Bleche sind
so zu legen, daß die Abbüdungen (wohl
des Jr.s und des Wüdes, nach der prälo¬
gischen Geistesart partizipiert das Bild am
Original) gegeneinander zu liegen kom¬
men; sie sind in ein grünseidenes Tuch
einzuwickeln und so fest zusammenzu¬
binden, daß sie sich nicht voneinander
B&chtold-Stftubli, Aberglaube IV
lösen können, und sie sind auf die J. mit¬
zunehmen 8 ). c) Durch den Rauch eines
Feuers, indem bestimmte Ingredienzien
verbrannt werden, sucht er eine mystische
Verbindung mit dem Wilde herzustellen
und es an sich zu ziehen. Vgl. daß der
Sioux den Rauch seiner Pfeife in die Rich¬
tung der gesichteten Büffelherde sendet ®).
Die alten J.bücher enthalten hiezu die
wunderlichsten Anweisungen. Wird der
Rauch gegen den Wald getrieben, kom¬
men alle Tiere zu dem Feuer gelaufen,
die darin sind, ausgenommen der Bär 10 ),
d) Durch Einwirkung auf den Geruchssinn
des Wüdes; die verwendeten Mittel haben
gewisse abergläubische Bedeutung. Die
Rezepte sind zahlreich in den alten J.-
büchem, und die vorgeschriebene Zusam¬
mensetzung ist meist widerlicher Natur,
so Menschenharn, Heringslake, Lieb¬
stöckel, Hasel-, Birkensaft, Hirschwurzel,
Kampfer, Steinsalz, möglichst lange mit¬
einander abgebeizt. Dies in der Wüdspur
eine Spanne tief vergraben, zieht jedes
Wild herbei. Für besonderes Wüd be¬
standen bestimmte Vorschriften, z. B. für
den Fuchs und Wolf. Um die Hasen an
einem Ort zusammenzubringen, mußte
man Zeitlosen und Büsenkraut nehmen
und alles miteinander mischen. Dazu gab
man Hasenblut und vernähte aües in
einem Hasenbalg, um den sich alle Hasen
versammelten 11 ).
4 ) ZföVk. 6, 110. 5 ) Jägerbrevier (Grässe,
Berlin 1885) 102 Nr. 7. 6 ) ZföVk. 3, 272.
7 ) John Westböhmen 331. 8 ) Alemannia 13,
186 ff. (aus Venantio Diana, Cöln 1749).
®) L£vy-Brühl a. a. O. 205. 10 ) Jägerbrevier
104 Nr. 10. n ) Ebd. 101 Nr. 5. 6. 8. 9. 20. 21.
13 u. a. 115 Nr. 31. 32. 3*4. u. a.
II. Den Jr. betreffend.
Sein Erfolg ist abhängig von der Stärke
seines Orenda über das des Wildes. Es
handelt sich nach dieser mystischen Auf¬
fassung der J. eigentlich weniger um die
Geschicklichkeit des Jr.s — die zwar auch
notwendig ist, — als vielmehr, daß er ge¬
wisse Vorbedingungen erfüllt hat. Die bei
den primitiven Jr.Völkern reichlich vor¬
handenen Verbote, bzw. Gebote schim¬
mern trotz aller Verdunkelung und Ver¬
schiebung des zugrunde liegenden Sinnes
aus manchen deutschen Verboten noch
19
579 Jagd.
durch. Diese werden begreiflicher Weise
noch eher eingehalten als die Gebote, denn
die Übertretung eines Verbotes wird als
von größerem Nachteil angesehen für
den Erfolg, als die allmähliche Außeracht¬
lassung von Geboten.
A) Verbote: a) eines ungünstigen An¬
ganges (s. o. i, 419). Er darf beim
Gang auf die J. a) keinem alten Weib be¬
gegnen. Dieser Angang gilt für den Beginn
jeder Tätigkeit als ungünstig, wird aber
gerade vom Jr. noch allgemein streng und
fast allein vom einstigen Aberglauben
beachtet; den letzten Grund hierfür wird
man in der Vorstellung vom Tabu des
Weibes zu sehen haben, das für den J.er¬
folg bei bestimmten Tiefkulturvölkern eine
wichtige Rolle spielt. Für diese ist das Weib
mit Rücksicht auf den außerordentlich fei¬
nen Geruchssinn des Wildes wegen des Ge¬
ruches aller weiblichen Ausscheidungen Ta¬
bu, demnach vor allem solange als diese
andauem 12 ). Im deutschen J.aberglau-
ben ist nicht der Angang des Weibes über¬
haupt schädlich, denn der eines schönen
jungen Mädchens ist günstig 13 ). Es liegt
hier die gegenteilige Anschauung zu¬
grunde, daß das fruchtbare Weib den Er¬
folg günstig beeinflußt, im Gegenteil zum
alten, mit dem eine Begegnung das J.-
glück für den ganzen Tag verhindert;
in so einem Fall kehrt der Jr. am besten
nach Hause zurück 14 ). Will er aber am
gleichen Tag noch einmal auf die J.
gehen, soll er nach seiner Rückkehr in
der Küche zum Rauchfang emporsehen
und sich umdrehen oder sich im Zimmer
auf einen Augenblick niedersetzen 15 );
er soll umkehren, das Haus einmal um¬
schreiten und die Notdurft verrichten
(Waltersdorf bei Sprottau) 16 ); er dreht
sich dreimal auf einem Fuß herum, steckt
den Hut dreimal zwischen den Beinen
durch, spuckt dreimal auf die Schwelle;
dann darf er wieder auf Weidmannsheil
hoffen (Umgebung von Knittelfeld) 16a ).
Aus dem schädlichen weiblichen Einfluß
erklärt sich das Verbot, das Gewehr
neben eine Küchen schürze oder einen
Besenstiel zu hängen 17 ). Auch der
J.hund nimmt keine Wildspur mehr auf,
wenn ihm eine Frau mit der Schürze über
Jäger 58O
die Schnauze gewischt hat 18 ). ß) Er
darf den Angang bestimmter Tiere nicht
haben, so des Hasen, des Rebhuhnes und
furchtsamer Tiere. Dagegen sind günstig
Wolf, Fuchs und Vögel, deren Flug, Ge¬
sang überhaupt günstig ist 19 ). b) Er
darf an bestimmten Tagen nicht jagen
(s. Tagewählerei). Man wird zu unter¬
scheiden haben zwischen solchen Tagen
bzw. Zeiten, die nur vom Jr. beachtet
werden und solchen, die allgemein als
ungünstig für das Unternehmen jeder
Arbeit und Tätigkeit gelten. So hat Bis¬
marck dem Freitag die Schuld an der
erfolglosen J. gegeben 20 ). Das Ver¬
bot, zu bestimmten Zeiten zu jagen,
wurzelt letzten Endes in dem Tabu, das
primitive Völker für die J. beobachten,
und ist noch klar zu erkennen, wenn das
Verbot begründet wird a) mit dem Ver¬
lust des J.glückes für das ganze Jahr, wie
die estnischen Jr. aus diesem Grund am
Kathrein- und Markustag kein Wild schie¬
ßen 21 ). Erfolglos ist sie im Zeichen des
Stieres, der Zwillinge, des Skorpions und
Steinbocks 22 ). ß) Mit der Furcht vor den
an gewissen Tagen und Zeiten im Walde
umgehenden Geistern (Teufel), so an den
drei Faschingstagen (Silberberg) 23 ). Der
Jr. fürchtet eine Begegnung mit ihnen.
Am Sonnwendtag soll er nicht vor
Sonnenaufgang ausgehen, er könnte von
den Hexen zerrissen werden 24 ) (s. Hexe).
7) Mit dem kirchlichen Verbot. Die
christliche Kirche hat auf das Verbot der
J.Zeiten wesentlich umgestaltend einge¬
wirkt, indem dieses, ursprünglich in den
mystischen Beziehungen des Jr.s zu dem
Wüd und den Geistern wurzelnd, mora¬
lisch-ethisch und religiös begründet wurde.
In den Jr.sagen bildet das wichtigste
Motiv die Bestrafung für die Übertretung
der J.Verbotzeiten. Der Bestrafte spukt
nach dem Tod oder er wird meist der wüde
Jr. 25 ) (s. wilder Jr.). Verbotene Zeiten
sind der stille Freitag 26 ), Oster- 27 ),
Weihnachts- 28 ), Sonntag 29 ) vor allem.
In der letzten Entwicklung dieser Um¬
gestaltung mag es liegen, daß die J. am
Weihnachtstag vereinzelt Glück für das
ganze Jahr bringt 30 ). c) Vor Sonn¬
wende darf er keine Erdbeeren essen, er
Jagd, Jäger
würde sonst keinen sicheren Schuß mehr
tun können (Niederösterreich) 31 ). Da
es sich um den vereinzelten Fall eines
Speiseverbotes handelt, ist die Ent¬
scheidung, ob es sich um ein solches, wie
es bei Tiefkulturvölkem beobachtet wird,
handelt, schwer zu treffen.
ia ) Levy-Brühl a. a. O.; U. Holmberg
Über die Jagdriten der nördlichen Völker Asiens
und Europas. Journal de la Societe Finno-
Ougrienne LI, 5 ff.; D. Zelenin Das Worttabu
bei den Volksstämmen Osteuropas und Nordasiens
1. Teil. Zbornik des Mus. f. Anthrop. u. Ethnogr
Leningrad VIII. 1929; Fehrle Keuschheit 31
lS ) Birlinger Volksth. I, 479; ZfrwVk. 1905
207; SAVk. 8, 268; Hovorka u. Kronfeld 1, 31
14 ) Rosegger Steiermark 64; Heck scher 348
ZföVk. 10, 50; 13, 134 (Nordböhmen); ZfVk
12, 176; Bacher Lusern 74; ZfrwVk. 1904, 257
Birlinger Volksth. 1, 479; Hovorka-Kron¬
feld 1, 31; Schulenburg 244; Fogel Pennsyl
vania 265 Nr. 1378; And ree Parallelen 2, 42
15 ) John Westböhmen 251; ZfrwVk. 1905, 207
le ) Drechsler 2, 201. lft ») ZföVk. 33, 147
17 ) Bartsch Mecklenburg 2, 128. 18 } Fogel
Pennsylvania 265 Nr. 1371. 1# ) Jägerbrevier i,
99; Heckscher 100; ZföVk. 13, 134. 20 ) Bis¬
marcks Briefe Bielefeld 1876, 36. ai ) Andree
Parallelen 2, 47; Boeder Ehsten 91. 22 ) Ale¬
mannia 13, 186 ff. 23 ) John Westböhmen 98;
Heckscher 104. 24 ) Landsteiner Niederöster¬
reich 57 1 . 25 ) Lenggenhager Sagen 26. 26 )
Schell Bergische Sagen 161 Nr. 53; Kuhn u.
Schwartz 278 Nr. 311. a7 ) Kuhn Westfalen 1,
110 Nr. 116; 1, 95 Nr. 95. 28 ) Ebd. i, 317
Nr. 359. 2Ö ) Grimm Myth. 2, 767; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 160 Nr. 22; Meier Schwa¬
ben 1, 118; Bohnenberger 6; Kuhn West¬
falen i, 25 Nr. 28; 2, 160 Nr. 22; Kuhn u.
Schwartz 278 Nr. 311; Meiche Sagen 421
Nr. 554; Schmitz Eifel 2, 35 ff.; Lenggen¬
hager Sagen 53 (68); Rothenbach Bern 6;
Kohlrusch Sagen 40; Die Schweiz. Illustr.
Mtschr. 2, 231; Alpenrosen 1813, 149; Pfyffer
Ct. Luzern 237; F. Otte Schweizersagen (Stra߬
burg 1840) 61; Vierwaldstädter Volkskalender
1882, 21. 30 ) Bacher Lusern 76. 31 ) Land¬
steiner Niederösterreich 57 1 .
B) Außer diesen Verboten, die in der
Auffassung der J. als einer mystischen
Betätigung letzten Endes begründet sind,
müssen vom Jr. noch weitere beobachtet
werden, deren Einhaltung allgemein denEr-
folg jeglicher Tätigkeit beeinflußt. Der Jr.
sucht 1. das Unheil von sich fern zu halten;
daher darf ihm beim Aufbruch a) nicht
Glück gewünscht werden; er würde
nichts treffen 32 ); als Gegenzauber wünscht
man ihm das Gegenteil, z. B.: Ich wollte,
•daß du Arme und Beine brächest (West¬
falen, Oldenburg u. sonst) 33 ). Viel Un¬
glück, viel Pech (Schlesien) 3i ). Brich
Hals und Bein 35 ). Geh in 3 Teufels
Namen (Nahetal) 36 ). Man wirft ihm
einen Waschlappen nach (Karlsbad-
Duppau) 37 ). b) Vor allem hat er sich
gegen den bösen Blick zu schützen, der im
J.aberglauben eine große Rolle spielt, und
zwar des Jr.s gegen Jr. 38 ) und überhaupt
gegen Neider 39 ), z. B. mit der Formel:
Schieß was du willst, schieß nur Haar
und Feder und was du den armen Leuten
gibst fff 40 ) . Gegen den Blick von Tie¬
ren, wenn sie ihm beim Zielen in die
Flinte schauen, so die Elster (Thüringen) 41 ).
c) Gegen das ,,Weidmannsetzen“. Dieses
richtet sich besonders gegen die Waffe,
aber auch gegen den Jr. und die Hunde
und wird gern von Wilddieben und auch
Zwergen 42 ) geübt. Diesen Zauber löst
der Jr. mit den Worten: „Ich und die
Jr., die Garn und die Hunde sind bezau¬
bert usw., lös ich sie auf aus den hl. 5
Wunden, es hab getan Frau oder
Mann, so sey usw. in Namen“ usw. 43 ).
d) Damit ihm das J.glück nicht wegge¬
nommen wird, darf beim Putzen des Ge¬
wehres kein neidischer Mensch anwe¬
send sein, damit dieser nicht den Putz¬
lappen an sich nimmt und durch Ver-
bohrung in einen Baum das J.glück weg¬
nimmt 44 ). Ungünstig hierfür wäre es,
wenn ihm beim Laden des Gewehres ein
Schrotkom daneben fiele; er würde kei¬
nen Schuß mehr treffen 45 ). e) Gegen die
Geister des Waldes, die das Wild be¬
hüten, schützt er sich durch den J.ruf:
Wol, Wol! Versäumt er diesen beim Be¬
treten des Waldes, könnte ihm das Ge¬
wehr behext werden oder ihm selbst
und seinen Hunden noch viel Schlimmeres
geschehen 46 ). Die Hochgebirgsgeister
strafen den leidenschaftlichen Jr. durch
Absturz, weil er in ihre unzugängliche
Welt eingedrungen ist und darin das Wild
verfolgt 47 ). Das Erscheinen einer weißen
Gemse bedeutet dem Jr. den baldigen
Tod 48 ). In dem Tod des Österreich. Kron¬
prinzen Rudolf, der innerhalb eines Jahres
nach der Erlegung einer weißen Gemse
erfolgte, sah man eine Bestätigung dieses
Aberglaubens 49 ). Derselbe Aberglaube
583
Jagd, Jäger
584
knüpfte sich an den Tod des Österreich.
Thronfolgers Franz Ferdinand, der einen
weißen Hirsch in den Salzburger Bergen
geschossen hatte. Vgl. daß schwedi¬
sche Jr. mit der Waldfrau gut zu stehen
versuchen, indem sie ihr Kuchen in den
Wald bringen; dafür führt sie selbst ihnen
das Wild zu 50 ). Als Gemse mit goldenen
Hörnern zeigt sich den Jr.n der Teufel
(Inntal) 51 ). Hexen halten sie in Gestalt
von Hasen zum Besten 52 ).
32 ) Sartori Sitte 2, 164; John Erzgebirge 34;
Witzschel Thüringen 2, 282; Wuttke 166
§ 224; Bartsch Mecklenburg 2, 128; Spieß
Fränkisch-Henneberg 152; Alemannia 33, 100;
SAVk. 8, 269; Grohmann 207. 83 ) Stracker-
jan 1, 47; Wuttke 453 § 715. 34 ) Drechsler
2, 201. M ) Frischbier Hexenspr. 155. S6 )
ZfrwVk. 1905, 207. 37 ) John Westböhmen 252.
® 8 ) ZfVk. 11, 323; Birlinger Schwaben 1, 349.
39 ) John Westböhmen 324; Wuttke 271 § 399;
Schulenburg 241. 40 ) Schramek Böhmer¬
wald 275. 41 ) Witzschel Thüringen 2, 282;
Seligmann Blick 1, 232. 42 ) Heckscher 72.
48 ) Alemannia 17, 240. 44 ) Jägerbrevier 137
Nr. 78; 138 Nr. 80. 45 ) Frischbier Hexenspr.
155. 46 ) Heckscher 121. 47 ) Grimm Myth. 1,
379 1 ; Grimm Sagen 2 1, 344 Nr. 302; Ver-
naleken Alpensagen 195. 48 ) Wettstein
Disentis 173 Nr. 14. 49 ) A. Berger Die J. aller
Völker im Wandel der Zeit 502 ff. w ) Sartori
Sitte 2, 164; Mannhardt 1, 130 f. 6l ) Zingerle
Tirol 30 Nr. 238.4 fi2 ) Waibel u. Flamm 2, 47.
270.
C) Er sucht den Erfolg durch Analogie¬
zauber günstig zu beeinflussen. Er trägt
beständig die „Kräwafn“ (= Krähen¬
krallen) bei sich 53 ); auch einen Ame¬
thyst 64 ) oder einen Türkisen gegen
Schwindel im Hochgebirge 55 ). Er gibt
den ersten Schuß auf einen großen Ge¬
genstand ab, z. B. einen Straßenstein
oder Baumstrunk, damit er sicher trifft 56 ).
Ins Christliche gewendet und nicht als
Aberglauben im Sinn des Hdw. ist es zu
bezeichnen, wenn er täglich 15 Vater¬
unser und ebenso viele Ave betet zum
geheimen Leiden Christi, um im Forst¬
und J. wesen glücklich zu sein 57 ). Wich¬
tig ist es, daß er die Hasen sieht, die sich
durch ihre Farbe kaum vom Erdboden
abheben; unter Jr.n spielt der sog.
Rauch eine große Rolle, der von den Ha¬
sen auf steigen und nur von gewissen
Jr.n bemerkt werden soll. Um diese
Fähigkeit zu erwerben, gab es die wun¬
derlichsten Vorschriften, so z. B. soll man
am 15. März einen Hasen schießen, ihm
die Augen ausstechen, diese schlucken,
ohne sie zu kauen 58 ) u. a. m.
6S ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 95.
M ) John Westböhmen 324. M ) Berger a. a.
O. 5 ®) Wuttke 288 § 422; Strackerjan 1, 39.
67 ) ZföVk. 6. 110. 58 ) John Westböhmen 331.
D) Die Erforschung des J.glückes durch
Werfen des Treiberstockes. Der Treiber
wirft den Stock in die Höhe. Fällt
er flach zur Erde, verläuft die J. erfolg¬
los, verspießt er sich aber in der Erde,
erfolgreich, und zwar auf das sovielte Mal,
als der Stock geworfen werden mußte
(Neuenhammer) 59 ). Aus dieser Art Zu¬
kunftserforschung mit dem Stock ist die
urtümliche J.form mit dem Wurfholz zu
erkennen, mit dem man bis in die Neuzeit
(England) nach den Hasen geworfen hat 60 ).
Es bedeutet daher das flache Fallen des
Treiberstockes ein Verfehlen, sein Ver-
spießen in der Erde und senkrechtes Nie¬
dersausen den Tod des Hasen. Es liegt
der späteren Zukunftserforschung ein
Analogiezauber zugrunde. Derselbe Zau¬
ber ist es, wenn sich die Hunde bei der
J. auf dem Rücken wälzen 61 ). Wie die
Hunde am Rücken, auf dem Boden liegen,
so soll es auch das Wüd tim.
69 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 274 Nr. 3.
®°) A. Haberl an dt Die volkstümliche Kultur
313 ff. 61 ) Drechsler 2, 201; John West¬
böhmen 253.
Bei der J.
Mystische Operationen I. das Wild be¬
treffend.
Ist alles so weit, daß das Wild unmit¬
telbar erlegt werden kann, so kommt für
den Erfolg alles auf die Geschicklichkeit und
Ruhe des Jr.s und die Güte seiner Waffe
an. Die zwar not wendigen Voraussetzungen
genügen dem primitiven Jr. nicht, er
wendet magische Mittel an. Die Vervoll¬
kommnung der Feuerwaffe hat ihm ge¬
zeigt, daß es überflüssig ist, das Wild
1. zu bannen bis er zum Schüsse kommt,
und zwar a) durch den Blick, den er
durch eine Rabenkralle auf das Wild tun
muß. Der Rabe muß an einem Kar¬
freitag geschossen, der rechte Fuß ab¬
geschnitten und die Krallen durch die
Flächsen zusammengezogen werden. Ein
585
Jagd, Jäger
586
Blick durch sie wird jedes Wüd zum
Stehen bringen 62 ), b) durch Beschwö¬
rung mit der Formel: Dat, Dai, Di,
die auf die Flinte geschrieben ist 63 ). Bis
zum dritten Schuß bleibt das Wüd
stehen, wenn die Formel lautet: Fac ut,
fac ut, fac ut und beim dritten Male Amen
gesprochen wird. Oder man soH auf
das erblickte Wüd sehen und da¬
bei sagen: „Christus ward geboren, Chri¬
stus wurde verraten, Christus wurde ge¬
funden, Christus wurde an das Kreuz ge¬
schlagen und gebunden. Das rechne ich
dir zur Sühne, wozu mir helfe etc/'.
Diese Worte sollen dreimal wiederholt
werden und erst beim drittenmal ist
Amen hinzuzufügen (Nordböhmen, tschech.
Überlief.) 64 ). c) Durch stark riechende
Mittel, deren Zusammensetzung aber nach
der abergläubischen Bedeutung der ein¬
zelnen Bestandteile erfolgt, daß z. B.
ein Hirsch zwei oder drei Schüsse
stehen bleibt; der Jr. muß sich an Hut
und Kleidern damit bestreichen 65 ),
d) Der Jr., der eine Hostie aus der Flinte
geschossen hat, kann befehlen: „Hase
komm'*, und der Hase steüt sich in die
Schußrichtung 66 ).
2. In dem Verhalten des Wüdes, das
zwar gegen die Netze anrannte, aber wie¬
der zurücklief, sah man eine magische
Einwirkung. Diese beseitigte man, indem
man die Netze zwischen zwei Eichen
durchzog 67 ). Eine Verzauberung des
Netzes bestand darin, daß man das Rasen¬
stück, mit dem es befestigt war, heraus¬
nahm und gegen einen Baum warf mit den
Worten: „DaßDichN.der frörer schüttelt,
weü der Stab auf dem Baum liegt und
der Wind“ usw. 68 ) (s. gefroren).
3. Damit das Wüd nicht getroffen oder
wenn, daß es nicht gefunden wird, ist
in dem Augenblick, wo man den Schuß
eines feindlichen Jr.s vernimmt, der Ra¬
sen, auf dem man mit dem rechten Fuß
steht, umzulegen, daß er wieder in das
Loch hineinpaßt. Dann hat man sich
wieder darauf zu stellen und zu sprechen:
„In des Teufels Namen, daß du nicht
mehr triffst“ 89 ).
4. J.beute. Von Beutestücken haben
die einen Trophäencharakter, andere da¬
gegen den eines Amulettes (s.d.). Becher
und Dosen aus Steinbockhom und Hirsch-
zähne (Hirschkranl) besitzen giftabweh¬
rende oder schützende Eigenschaften
(Alpen) 70 ).
II. Den Jr. betreffend.
1. Die Tiroler Jr. benutzen die sog.
Wachbeutel, damit sie auf dem Anstand
nicht einschlafen. Ein solcher Wachbeutel
soll hergestellt werden, indem gefan¬
genen Fröschen die Augen ausgestochen,
diese aber wieder ins Wasser geworfen
werden. Die Augen werden mit dem
Fleische einer Nach tigaü umhüflt und dann
in ein Stück Hirschhaut eingenäht. Diese
Beutelchen, um den Hals getragen, sollen
nicht bloß den Schlaf verscheuchen,
sondern obendrein dem Jr. die Kraft
geben, unermüdlich zu steigen 71 ).
6a ) John Westböhmen 331. •*) ZfVk. 20, 385.
® 4 ) Grohmann 208. 64 ) Jägerbrevier 104
Nr. 11. 12. ® 6 ) Andree Parallelen 2, 45. ® 7 ) Jä¬
gerbrevier 100 Nr. 2. ® 8 ) Alemannia 17, 240.
6# ) Berger a. a. O. 70 ) A. Haberlandt a. a. O.
306. 71 ) Berger a. a. O. 306.
2. Das Gewehr darf ihm nicht behext
werden, und er hat verschiedenen Ab¬
wehrzauber anzuwenden (s. Gewehr 3,
805 ff.).
Der Jr. als Gegenstand des Aberglaubens.
Aus der Auffassung der J. als einer
mystischen Betätigung ergibt sich
auch der Aberglaube über den Jr. (ab¬
soluter Aberglaube). Seinen Erfolg kann
man sich nur erklären, daß man ihm
1. eine geheime Kraft über das Wüd zu¬
schreibt a) es an einen bestimmten Platz
zu zaubern, daß es ihm tränend in die
Hände läuft (Bayern) 72 ) (s. o.). Hackel¬
bergs Strafe wird im Harz damit erklärt,
daß er ein Schwarzkünstler war, der das
Wüd bannen konnte 73 ). Ein Jr. zaubert
zur Unterhaltung der J .geseüschaft Hirsche
herbei 74 ). Die J.r gehen sogar Wetten ein,
ein Wüd an dem Platz, wo es der
Partner will, zu erschießen 75 ), b) es sicher
und immer zu treffen.
2. Diese Macht über das Wüd erklärt man
sich nicht so, daß ihm nach primitivem
Glauben ein Orenda zuerkannt wird, sondern
er hat sich dieses durch einen Bund mit
dem Teufel erworben. Man glaubte, der
587
Jagd, Jäger
588
Jr. wäre zum Teufel in die Schule ge¬
gangen, um von ihm diese Künste zu er¬
lernen, daß er den Teufel bannen könne,
so daß er ihm das Wild zuführen müsse 76 ).
Hierher gehören die unzähligen Jr.sagen,
in denen sich der Jr. um den Preis seiner
Seele den J.erfolg durch eine Abmachung
mit dem Teufel sichert 77 ) (s. Teufel).
3. Dem Jr. wird auch allgemein die
Kraft zugeschrieben, a) daß er sich in
ein Wild verwandeln kann; ein Jr. (För¬
ster) tut dies, um einen anderen höhnen
zu können, weil er kein J.glück hat; er
wird getötet 78 ). b) Es darf ihm kein Zu¬
tritt zu Wöchnerin und Kind gewährt
werden 79 ). Dagegen verhilft er dem
Säugling zum Zahnen, indem er still¬
schweigend zu ihm hingeht, ihm mit
dem Vorderfinger der rechten Hand (mit
der er das Wild auszuweiden pflegt), in
den Mund langt, damit das Zahnfleisch
bestreicht und betastet und sich wieder
entfernt 80 ). c) Von ihm glaubt man ins¬
besondere, daß er das Bannen, festmachen
(s. d.) könne. Er wendet diese Kunst
gegen einen anderen an 81 ), besonders
gegen den Wüderer (s. d.), er wird aber
auch von diesem gebannt 82 ). Er kann
das ,,Fuchsschicken“ (Altmünster, Ober¬
österreich) 83 ). Man glaubt, daß er eine
besondere Witterung habe, eine von den
Zweigen eines Baumes gebildete natürliche
Schlinge als sog. Hexenschlinge zu er¬
kennen ; er kommt dieser nicht gern nahe,
weil ihm etwas angetan werden könnte 84 ),
d) Die Jr. gelten als arzneikundig, sie
kennen und verschaffen verschiedene in
der Volksmedizin beachtete Teil des
Wildes, so die Herzknochen, Bocksteine
und den getrockneten Schweiß vom Stein¬
bock (s. Steinbock), die Gamskugeln
(s. Bezoarstein 1, 1206) u. a. 85 ).
4. Fahrende Jr.
Eine besondere Rolle spielten einst die
sog. fahrenden Jr. und wurden besonders
gefürchtet; denn zu dem eigentlichen Jr.-
aberglauben kam noch der über den Fah¬
renden, Gauner, Bettler, Feilenhauer,
Fremden, Zigeuner (s. d.) hinzu; sie übten
zauberische und betrügerische Künste
aus 86 ).
6. Die Jr., besonders die Beruf sjr., hatten
ein Interesse, übersieh und ihren Auf enthalt
im Wald ein Geheimnis zu verbreiten
durch Erzählungen über Begegnungen
mit aus der menschlichen Gesellschaft
Ausgestoßenen, mit Fabelwesen, z. B.
dem im Hochgebirge hausenden Tazzl-
wurm, Springwurm und mit dem Teufel,
damit sie Unbefugte, meist Wilderer,
von solch gefährlichen Orten femhalten 87 ).
Vereinzeltes Zeugnis: Das Erscheinen
eines gespenstigen Jr.s ist Wetteran¬
zeige 88 ).
72 ) Wuttke 453 § 715; Meiche Sagen 495
Nr. 644; Grohmann 205 ff. 73 ) Kuhn u.
Schwartz 428 Nr. 249. 74 ) Meiche Sagen 495
Nr. 644. 75 ) Grohmann 2050.; Endt Sagen
80 ff. 78 ) Alemannia 13, 186 ff. 77 ) Wuttke 262
§ 382; Bartsch Mecklenburg r, 155 ff.
Witzschel Thüringen 2, 66 ff.; Bechstein
Thüringen 2, 32. 79 ) Hartmann Dachau u.
Bruck 200 Nr. 21. 80 ) Bartsch Mecklenburg
2, 54 ff. 81 ) Meiche Sagen 580 Nr. 722.
82 ) Andree-Eysn Volkskundliches 215 Nr. 42.
83 ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 77.
84 ) Heckscher 98. 85 ) Hovorka u. Kron-
feld 1, 402; Grimm Myth. 2, 963 t.; Jühling
Tiere IV; Berger a. a. O. 8 «) Sartori Sitte 2,
170; Schönwerth Oberpfalz 3. 165; Bavaria 2,
231; Grimm Sagen * 1. 303 Nr. 258. 87 ) Ber¬
ger a. a. O. 80 ) Neues Solothumer Wochenbl. 1
(1911), 427-
Jr.sagen. Soweit diese und Motive in
ihnen überhaupt hier in Betracht kom¬
men, handelt es sich um zwei Gruppen:
I. solche, in denen a) die verschiedensten
Geister und Wesen nur in Jr.tracht er¬
scheinen, so die Berggeister. Sie tun
Menschen, die sich im Wald verspäteten,
einen Schabernack an, werden von beeren¬
suchenden Frauen gesehen u. ä. 89 ).
b) Besonders der Teufel benützt die Jr.-
kleidung und trägt eine Spielhahnfeder,
er hinkt 90 ); wer ihm begegnet, erkrankt
und stirbt 91 ); ferner erscheint er so ver¬
kleidet als Tänzer 9a ), vor allem, wenn
Faschingdienstag bis 12 Uhr nachts ge¬
tanzt wird 93 ); er verführt Mädchen in
Jr.kleidung 94 ). c) Der Tod als Jr. 95 ) (s.
Tod).
II. Sagen vom Schicksal des Jr.s nach
dem Tode. Es sind bestimmte Jr.gestalten
in begrenzten Gebieten, wo sie dasjagen
I. ohne Motivierung fortsetzen und
als spukende Jr., erscheinen 96 ); ihnen
i
589 Jagd.
ist der Himmel verschlossen 97 ). 2. als
Strafe a) für gemeine Verbrechen: Ihr
Benehmen ist wie das anderer Geister. Sie
tragen den Kopf unter dem Arm, belästigen
Fuhrleute 93 ), b) für die J.leidenschaft:
die Betreffenden sind meist bestimmte
Ritter und Grafen: sie werden bestraft,
a) weil sie zu verbotenen Zeiten jagten;
es sind dies kirchlich gebotene Feiertage,
meist der Sonntag (s. o.). Manchmal
werden sie versteinert "), gewöhnlich aber
spuken sie in einem engbegrenzten Ge¬
biet 100 ). ß) wegen Grausamkeit gegen
Menschen und Wild 101 ). Entweihen sie
außerdem noch den Sonntag, so müssen
sie geistern bis zum jüngsten Tag.
So wünscht das Weib des Wilderers
ihrem Mann, daß er geistere bis zum
jüngsten Tag 102 ). Auch eine J.rin kennt
die Sage, die wegen Leidenschaftlichkeit
und Sonntagsentheiligung bis zum jüng¬
sten Tag geistern muß. Bei ihr kommt
begreiflicherweise Weise noch das Motiv
der Ausschweifung hinzu 103 ). ?) Aus
denselben zwei unter a) und ß) an¬
gegebenen Motiven muß der Jr. ewig
jagen. Diese Sagen knüpfen aber auch
immer an eine bestimmte Jr.persönlich-
keit an, meist an einen Vornehmen, der
in seinem Gebiet sein Unwesen treibt 104 )
(s. ewiger Jr.). S) Für die gleichen Ver¬
gehen, besonders wegen Sonn- und Feier¬
tagsentheiligung 105 ) oder weil er den
frevelhaften Wunsch getan, statt in den
Himmel zu kommen, ewig jagen zu
dürfen, wird er der wilde Jr. Auch diese
Sagenversionen knüpfen an eine be- '
stimmte Jr.Persönlichkeit mit einem be¬
grenzten Gebiet an 106 ) (s. wilder Jr.,
wilde J., Nacht jr.). Eine vereinzelte Moti¬
vierung ist es, daß die Jr. in die wilde J.
kommen, weil Himmel und Hölle schon
voll sind 107 ).
6j ) Bechstein Thüringen 2, 387; Waibel
u. Flamm 1, 259; Kühnau Sagen 1, 450; 2,
459 ff.; Birlinger Volksth. 1, 16; ZfVk. 7, 103.
90 ) Reiser Allgäu 1, 75; Zingerle Tirol 30
Nr. 238; 97 Nr. 741; Kuhn Westfalen 29,
Nr. 12; Brauner Curiositäten 376; ZföVk. 24,
104; Waibel u. Flamm 2, 308. 91 ) Birlinger
Schwaben 1, 350 ff. 92 ) Alpenburg Tirol
277; Franzisci Kärtner Alpen führten (Wien
1892) 127; ZfVk. 9, 261 ff. 93 ) ZföVk. 11,
191. M ) Baumgarten Aus der Heimat 2,
Jäger 59O
107; ders. Jahr 17; Panzer Beitrag 2, 59 ff.
95 ) Germania 13, 104; Schwebel Tod u. ewiges
Leben 207. 96 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 342;
Kühnau Sagen 1, 563; Bohnenberger 7 ff.;
Brodmann Ettingen 62; Ranke Sagen 78.
97 } Meiche Sagen 585 Nr. 728. 98 ) Kühnau
Sagen 1, 5650.; Andree Braunschweig 378;
Drechsler 2, 137; Meier Schwaben 1, 117;
Meiche Sagen 412 Nr. 545; Waibel u. Flamm
1, 174. ") Niderberger Unterwalden 2, 60;
Herzog Schweizersagen 1, 209; Vernaleken
Alpensagen 282; Lütolf Sagen 268. 100 ) Meyer
Germ. Myth. 237. 244 ff.; Meier Schwaben i,
118; Schönwerth Oberpfalz 3, 45; Meiche
Sagen 103; Wredc Eifler Volksk. 91; Fox
Saarland 283; Reiser Allgäu i, 36; ZfrwVk.
1906, 301; Bohnenberger 6. l01 ) Waibel u.
Flamm 2, 150 ff. 102 ) Kühnau Sagen 2, 506;
ZfVk. 13, 190; Meier Schwaben 1, 121. l03 )
Knoop Hinterpommern 33; Kühnau Sagen 1,
512; ZfdMyth. 3, 100. 194 ) Kuhn Westfalen 1,
110 Nr. 116; 1, 122 Nr. 136; Schell Bergische
Sagen 161 Nr. 53; Heckscher 344 lI °.
10S ) Kuhn Westfalen i, 25 Nr. 28; 2, 6 Nr. 11;
Meiche Sagen 421 Nr. 534; Schönwerth
Oberpfalz 2, 160 Nr. 22; Grimm Myth. 2, 767;
Lütolf Sagen 29. lGÖ ) Haupt Lausitz 1, 123
Nr. 138; Strackerjan 1, 457 Nr, 249; Meier
Schwaben 1, 98 ff. ir8; Birlinger Volksth.
i, 16. 20. 21; ders. Schwaben 1, 475; Kuhn u.
Schwartz 180 ff. Nr. 203; Kuhn Westfalen 2, 6
Nr. 12; 12 Nr. 26 f.; 131 Nr. 151; Sepp Reli¬
gion 4; Reiser Allgäu 1, 427; 1, 23. 25; Sim-
rock Mythologie 245; Witzschel Thüringen 2,
36; Bartsch Mecklenburg 1, 10 f. 17; Schell
Bergische Sagen 40 Nr. 42; Meiche Sagen 421
Nr. 555; Müllenhof Sagen 360 Nr. 485; 371
Nr. 499; Grimm Myth. 3, 3; ZrwVk. 1906, 300;
Kühnau Sagen 2, 495; 2, 492. ,07 ) ZfVk. 13,
199
Jr.zunf t 108 ).
Die Jr.ei hatte bekanntlich zur Zeit
Karls d. Großen, und zwar durch dessen
Bekanntschaft mit den orientalischen J.-
sitten, die erste Anregung zur professiona-
len Ausbildung erhalten. Im weiteren
verlangte dann die französische J.kunst
und ferner die Einführung der Feuerwaffen
eine besondere Erlernung der Jr.ei. Im
15. und 16. Jh. griff auch auf sie der
Zunftgeist über und führte zur Bildung
von Jr.zünften mit den der Zeit ent¬
sprechenden vollständig zunftmäßigen
Sitten und einer Sondersprache (Weid¬
mannssprache) 109 ). In dem Zunftzeremo-
nial erfolgt die Freisprechung (Wehr-
haftmachung, Jr.weihe) des Jr.lehrlings
in der Form der Jünglingsweihe (s. d.).
Die Form ist dem Ritterschlag und der
Aufnahme der Handwerkergesellen nach-
59i
Jagd, Jäger
592
gemacht. Sie bestand in der feierlichen
Freisprechung durch den Lehrmeister
und Verabreichung einer Maulschelle mit
den Worten: „Die vertrage von mir und
sonst von niemand mehr“. In der Über¬
reichung des Hirschfängers ist die Wehr-
haftmachung symbolisiert. Dazu treten
noch andere zunftmäßige Bräuche, so
die Prüfung in der Jr.ei no ) u. a. m.
Die Klingenprobe war das Gottesurteil
der alten Jr.ei. Nach der Wehrhaft-
machung ging der Jr.bursche, einen neuen
Dienst suchen. Der Lehrmeister feilte
an seiner Klinge heimlich eine Kerbe ein,
wenn dieser den Jr.brauch nicht achtete,
vor allem den Kameraden den Weidmann
setzte u. a. m. Die Klingenprobe bestand
darin, daß der neue J.herr die Klinge bog;
hielt sie Stand, wurde er in Dienst ge¬
nommen, wenn nicht, sofort wegge¬
schickt 1U ).
In der Zunft wurde auf die richtige
Anwendung der Waidmannssprache ge¬
sehen. Verstöße dagegen und überhaupt
gegen die Jr.regei wurden durch das
sog. „Waidmannsschlagen* ‘ oder „Pfunde
geben** gesühnt. Bei dieser komischen
Zeremonie wurde der Schuldige unter an¬
derem dreimal mit dem Waidmesser aufs
Gesäß geschlagen 112 ).
Jr.fest. Dieses gehört auch zur Zunft.
Ein Gottesdienst stand im Mittelpunkt.
In der einstigen Kirche Maria Dozburg
(zwischen Mühlhausen und Wiesen¬
steig) 113 ) nahmen daran auch die Hunde
teil, wie auch heute noch vielfach an der
im Freien gelesenen Hubertusmesse. Zu
Martini gab es in Innsbruck den Jr.- und
Vogelfanger-Dinseitag 1U ).
Jr. m e s s e ist die Bezeichnung für eine
Messe, die infolge der Flinkheit des Prie¬
sters sehr schnell gelesen wird 115 ).
Jr.patrone. Zur Zunft gehören die
Schutzheiligen; für die Jr. sind die wich¬
tigsten Eustachius und Hubertus 116 ).
Bei dem ersteren, einem römisch-heid¬
nischen Offizier, bildet nach der legenda
aurea das J.erlebnis mit dem Wunder¬
hirsch nur die Einkleidung der Be¬
kehrungsgeschichte. Dagegen enthält die
Hubertussage alle Elemente der Jr.sagen
die die Bestrafung eines Jr.s für zu
leidenschaftliches Jagen zum Gegen¬
stand haben, nämlich Übertretung des
J.verbotes an Sonn- und Feiertagen,
am Karfreitag oder ersten Weihnachts¬
feiertag. Danach hätte auch Hubertus
ein wilder Jr. werden sollen, doch wurde
er bekehrt. Es ist durch den Vergleich
deutlich zu sehen, wie an die Stelle der
älteren Bestrafung (zum wilden Jr. zu
werden) im christlichen Geist die Rettung
des Sünders geschoben wurde. Die Hu¬
bertussage stellt demnach den Versuch
dar, die Sage vom wilden Jr. im christ¬
lichen Sinn umzugestalten (daß der Sün¬
der nicht verloren, sondern durch das
wunderbare Eingreifen Gottes gerettet
wird).
Es ist schwer zu entscheiden, ob die
alte Sitte, Hubertus die Erstlinge der J.
darzubringen, was als eine Art Opfer
aufgefaßt werden konnte, schon zur An¬
nahme berechtigt, daß er eine ins Christen¬
tum übertragene Verkörperung des nor¬
dischen J.gottes Uller ist 117 ) und da¬
durch in weitere Beziehung zu Wodan
als dem Führer der wilden J. zu bringen
ist (s. Wodan, wilde J., wilder Jr.). Da¬
gegen stellt eine wendische Sage über Hu¬
bertus eine ganz andere Version dar U8 );
danach ist er der zauberkräftige Jr., der
sogar die wilde J. mit seinem J.segen
bannen kann, der dem wilden Jr. den
Waidmann stellen kann. Die christliche
Umgestaltung an dieser Sage ist, abge¬
sehen davon, daß Hubertus ein christ¬
licher Ritter ist, daß er sich durch Fasten
und Beten vorbereitet und mit Weih¬
wasser besprengt. Da diese Tat am 1. Sep¬
tember (Aegydius) geschieht, findet an
diesem Tag die J.eröffnung statt. Sicher¬
lich ist diese Begründung unrichtig.
Über Hubertus als Heiler der Hunds¬
wut s. d.
Neben diesen zwei bekanntesten
Jr.patronen gibt es auch St. Se¬
bastian in Oberbayem 119 ) und bei den
Tschechen Iwan. Die Wenden kennen
noch eine J.göttin, bzw. Waldgöttin, die
zur Mittagszeit (wie die Mittagsgespenster)
und in Mondnächten mit ihrer Meute er¬
scheint 120 ).
l08 ) Jägerbrevier 1, 254 ff. 10 ») Reuschei
593
Jahr
594
Volkskunde 1, 46 (weitere Literatur); Urquell
5 , 99- n0 ) Weimarer Jahrb. 6, 292 h.; Meyer
Baden 448 ff. 111 ) Deutsche Heimat, Zs. Wien,
3. 51. 112 ) Meyer Baden 449. 113 ) Birlinger
Schwaben 2, 165. ll4 ) Hörmann Volksleben
196= Geramb Brauchtum 96. 115 ) ZfVk. 7,
101; Alemannia 10, 287. l16 ) Jägerbrevier 2,
1 ff. u7 ) Ebd. 2, 35. u8 ) Ebd. 2, 37 = Haupt
Lausitz 1, 130 Nr. 145 = Meiche Sagen 415
Nr. 548. 119 ) Höfler Oberbay. Jahr 81.
120 ) Kühnau Sagen 2, 546. 549.
Des Jr.s Begräbnis.
Das besondere Verhältnis des Jr.s zum
Wilde beleuchten Erzählungen, in denen
bei seinem Tode drei Wölfe erscheinen
und den Sarg beriechen oder sich ein
Auerhahn aufs Dach setzt 121 ). Ein Hase
beteiligt sich am Begräbnis eines Jr.s,
wobei er dem Sarge aufrecht gehend folgt,
bis ein alter Jr. einige fremdartige Worte
spricht, worauf er verschwindet 122 ). Diese
Darstellung einer Teilnahme des Wildes
am Leichenzug des Jr.s, welche in der
Vorstellung von der verkehrten Welt
wurzelt, ist in der Volkskunst sehr ver¬
breitet 123 ).
m ) A. Haberlandt Die volkstümliche Kul¬
tur 308. 122 ) Meiche Sagen 47 Nr. 37. 123 ) ZföVk.
28, 33 ff.; SAVk. 1, 318; Meyer Baden 448.
Jungwirth.
Jahr.
1. Bereits für die idg. Zeit läßt sich
eine Bezeichnung für den Begriff des J.es
feststellen, die etwa „Alter, Altertüm¬
lichkeit'* (eine „Vergangenheit“) be¬
deutet (Wurzel *vet-, *ut-, griech. Fexo*,
lat. vetus). Doch verband man bei der
Zählung nach J.en das bestimmte oder
unbestimmte Zahlwort meist mit dem
Namen einer einzelnen Jahreszeit, die
dann als eine pars pro toto l ) für das
ganze J. stand 2 ). Meist wurde nach
Wintern gezählt 3 ), was auch noch in
altgermanischer Zeit der Fall war 4 ). Sonst
wurde bei idg. Völkern auch der Frühling
und Sommer zur Bezeichnung des
ganzen J.es verwendet; nach Herbsten
wird in der lex Bajuvariorum gerechnet,
nach Laubreisen, d. h. Laubfällen (ahd.
louprisi) bei den Schweizern 5 ). Das
deutsche Wort J. (got. jer, ahd. jär t ags.
gear, engl, year) hat sich aus einer ur¬
sprünglichen Bezeichnung für den Früh¬
ling entwickelt 6 ) und entspricht dem
slaw. Wort für Frühling (poln. jar und
jaro, wie im tschech.). Ähnlich bedeutet
das slaw. leto Jahr, aber auch Sommer.
Beide drücken die warme Jahreszeit aus,
nach der die südlichen Völker rechneten,
während die nördlichen nach Wintern
zählten 7 ).
Den Begriff eines Sonnenj.es gab es
in der idg. Urzeit noch nicht. Die An¬
nahme, daß die Indogermanen durch
babylonischen Einfluß schon ein Sonnenj.
besaßen und mit den Zwölften, der Zeit
vom 25. Dezember bis 6. Januar, welcher
die zwölf heiligen Nachte der Inder
entsprechen, den Ausgleich zwischen
dem älteren Mondj. von 354 Tagen
und dem bürgerlichen Sonnenj. von
366 Tagen geschaffen hätten, wird dadurch
hinfällig, daß nach dem Ergebnis neuerer
Untersuchungen diese sagenumwobenen
Zwölften (s. d.) bloß das germanische
Abbild des christlichen Dodekahemeron,
der heiligen Zeit zwischen Weihnachten
und Epiphanias, dem neuen und alten
Erinnerungstag der Gottwerdung Christi,
sind, und daß auch die Bekanntschaft
mit den vier J.punkten des Sonnen-
j.es, den Sonnenwenden und Nacht¬
gleichen, nicht im germanischen Heiden¬
tum wurzelt, sondern erst auf die Ver¬
breitung des römischen Kalenders bei
den Germanen zurückzuführen ist 8 ). Die
Kenntnis der vier J.punkte erhielten
die Griechen von den Babyloniern, die
Römer von den Griechen und die Germanen
von den Römern 9 ).
So ist anzunehmen, daß die Germanen
lange Zeit hindurch bloß ein Natur-
und Witterungsj. d. h. die Zu¬
sammenfassung von Winter und Sommer,
kannten, wobei entsprechend dem Ver¬
hältnis von Nacht und Tag der Winter
vorangestellt wurde, und daß ohne Ver¬
bindung mit diesem Naturj. die Zäh¬
lung nach Monden, d. h. reinen Mond¬
monaten, nebenher lief 10 ). Von ihrer
anfänglich allgemeinen Abgrenzung des
J.es nach Witterungserscheinungen und
Wirtschafts Vorgängen, woraus sich von
selbst auch die religiöse Seite ergab u ),
müssen die Germanen noch in ihrer
heidnischen Zeit zu einem gebundenen
Mondj. vorgeschritten sein, wie aus dem
595
Jahr
596
von Beda (De temporum ratione c. 15)
mitgeteilten Kalender der Angelsachsen
hervorgeht 12 ). Auch die Römer hatten
vor Einführung des von den Griechen
übernommenen vorcäsarischen Kalenders
wahrscheinJich nur ein primitives Acker-
bauj. mit zehn Mondmonaten 13 ).
Das feste Sonnenj. wurde 46 v.
Chr. von Cäsar mit dem 1. Januar als
J.esanfang eingeführt 14 ). Es hat sich
mit den zwölf Monaten (s. d.) und der
siebentägigen Woche (s. d.) nach und
nach überall so fest eingebürgert, daß
alle Versuche von Abänderungen erfolglos
blieben. Trotzdem z. B. das dezimale
System im Laufe der Zeit überall herr¬
schend wurde, hat sich die zehntägige
Woche und das zehnmonatliche J. nicht
durchzusetzen vermocht, auch nicht
zur Zeit der französischen Revolution 15 ).
Heute unterscheidet man das bürger¬
liche J. oder J. schlechthin mit einer
ganzen Zahl von Tagen von dem astro¬
nomischen J. oder Sonnenj. der
Zeit eines Umlaufes der Erde um die
Sonne, die 365 Tage 6 Stunden 9 Mi¬
nuten und 9,539 Sekunden beträgt 16 ).
Die großen Perioden (s. d.) wurden von
den Alten der besseren Anschaulichkeit
halber als Großj.e (Weltj.e, Himmels-
j.e, Götterj.e u. a.) zusammen¬
gefaßt. Darnach zählt das Götterj.
360, das Himmelsj. vier Götterj.e
oder 144° Je, das große oder
platonische J. 25.920 J.e, nach deren
Ablauf der Frühlingspunkt der Sonne
alle 360 Grade der Ekliptik durchlaufen
hat, und das Weltj. umfaßt ein Jahr¬
hundert von Götterj .en, also einen
Zeitraum von 36000 J.en 17 ). Im
alten Griechenland wurde auch der
Zyklus von acht J.en das große J.
genannt 18 ). Ein Jahrsiebent (7 J.e)
wird mit dem Ausdruck J. woche,
z. B. im Propheten Daniel, umschrieben.
Aus dem Dezimalsystem gegeben und aus
der Zehnzahl der Finger hergeleitet
ist das J.zehnt, sein Zehnfaches, das
J.hundert und sein Tausendfaches,das
J.tausend 19 ).
1 ) Vgl. Martin P. Nilsson Primitive Time-
Reckoning (Lund 1920) 92 ff. *) Schräder
Reallcx. 389; Sprachvergleichung 2, 226 t.
u. Indogermanen 51. Zur Lit. vgl. Sartori Sitte
u. Brauch 3, 1 Anm. 275 ff. u. Nilsson a. a. O.
86 ff. 3 ) Vgl. Schultz Zeitrechnung 226.
4 ) Schräder Reallex. 389 f. 6 ) Ebd. 390. •) Ebd.
390 u. Schräder Indogermanen 50. 7 ) Grimm
Myth. 2, 629. 8 ) Schräder Reallex. 392. *) Ebd.
393. 10 ) Ebd. u. Schräder Indogermanen 53. ll )
Vgl. Klapper Schlesien 265. 12 ) Hoops Reallex.
4, 584. 13 ) M. P. Nilsson Zur Frage von dem Alter
des vorcäsarischen Kalenders (Strena philolo-
gica Upsaliensis. Festskrift til P. Persson,
Upsala 1922) 136. 14 ) Pauly-Wissowa 9, 1,
611. 15 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 340.
16 ) Meyer Konv.-Lex. 10 (1905), 150 f. 17 ) Bi¬
sch off Jenseits der Seele 100 ff. Vgl. Eisler
Weltenmantel 408 5 . 450 ff. 702. 18 ) Frazer 4.
70. 1# ) Bischoff a. a. O. 102 f.
2. Wie bei allen zeitlichen Begriffen
(s. besonders Tag, Nacht) so kommt
auch beim J. der Zahlenglaube stark
in Betracht. Die im Aberglauben so
wichtige Zahl 72 geht auf die babylonische
Einteilung des J.es in 72 Wochen von
je fünf Tagen zurück 20 ). Im deutschen
Volksglauben und namentlich in den
Sagen kehren häufig Zeitangaben nach
J.en wieder, die eine Bevorzugung
bestimmter Zahlen dartun. Der damit
verknüpfte Aberglaube gehört zumeist
in verschiedene, an anderen Orten be¬
sprochene Zusammenhänge, z. B. Hoch¬
zeit, Tod u. a.
Ein J.: In demselben J.e hei¬
ratet, wer bei einem größeren Mahle zu¬
fällig an die Tischecke zu sitzen kommt 21 ).
Auch im französischen Volksglauben
schließt man aus allerlei Anzeichen darauf,
ob man im selben J. heiratet oder nicht,
oder man sucht durch zauberhafte Hand¬
lungen diese Heirat herbeizuführen 22 ).
In demselben J. stirbt, wer einem
Leichenzug entgegengeht 23 ), das Läuten
der versunkenen Glocken hört 24 ), am
Abreißen einer Kirche mitarbeitet 25 ) usw.
Ein J. lang müssen die Bauern zu
Kolbeck tanzen 26 ), brennen die Frauen
in Schwaben beim Gottesdienst den
Wachsstock für verstorbene Angehörige 27 ),
dauert die Klage der Eltern für ihre ver¬
storbenen erwachsenen Kinder und um¬
gekehrt, während die Klage bei Ehe¬
leuten ein J. und vier Wochen dauert 28 ).
Jedes J. müssen bestimmte Gewässer
ein Opfer haben (s. J.esopfer), er-
hei-
ein
597
Jahr
598
scheinen zu bestimmten Zeiten Geister, weshalb man sich scheut, alte Katzen im
so die Himmelssoldaten am Karlsberge Hause zu halten 44 ); alle neun J.e war im
bei Gablonz 29 ), die in Böhmen gefallenen Norden ein großes Blutopfer, wurden auf
Soldaten des Alten Fritz, die heimziehen Seeland 99 Menschen geopfert 45 ). Der
wollen, aber sich nicht aus dem Lande hin- Einfluß des duodezimalen Systems zeigt
ausfinden, weswegen sie unter fürchter- | sich vereinzelt, wenn es heißt, daß alle
lichem Geschrei wieder umkehren und zwölf J.e der Eingang zu einem Schatz-
jeden töten, dem sie begegnen und der berg offen steht 46 ).
sich nicht mit dem Gesicht zu Boden 30 J.e dauert zuweilen der Vertrag mit
wirft 30 ) — ein von der wilden Jagd dem Teufel 47 ); mitunter auch 36 48 ).
(s. d.) übernommener Zug, die selbst Wer das 33. J., das Alter Christi
jedes J. zur selben Zeit durch ein glücklich erreicht hat, lebt lang 48 *),
bestimmtes Haus zieht 31 ). Jedes J. Alle 50 J.e zeigt sich ein unschuldig er-
kam um Harzgerode ein Jahreisen mordetes Kind 49 ), ebenso lange muß
genanntes geisterhaftes Wesen an einem eine weiße Schatzjungfer auf Erlösung
bestimmten Tage in die Spinnstube und warten 50 ). Doch gilt fast durchweg die
kehrte dann vier Wochen lang täglich Zeit von 100 J.en als Wartezeit für
wieder 32 ), jedes J. kommen die Vene- die armen Seelen 51 ). Alle 100 J.e
digermännle, um Gold zum Goldbrünnel macht die Sibylla einen Stich an ihrem
im Grinten 33 ), zeigt sich an einem be- Sterbehemd 52 ), zeigen sich versunkene
stimmten Tage um Mitternacht der Esel Glocken 53 ) und Schätze 54 ), schlafen die
mit den goldenen Ohrwascheln in einem sieben Brüder 55 ) (s. Siebenschläfer). Ein
Bergwerk der Iglauer Sprachinsel 34 ), verbreitetes Wandermotiv ist, daß irgend¬
öffnet sich der Zugang zum Schatzberg 35 ), ein Papst Geister auf 90 oder 100 J.e
läuten die versunkenen Glocken 36 ), er- verbannt hat 56 ). In Oldenburg ist es
hebt sich Vineta aus der Flut 37 ), losen bei Verpachtungen üblich, die Pachtzeit
die Freimaurer einen aus, der noch im auf 99 J.e festzusetzen, wenn eigentlich
selben J. sterben muß 38 ), so daß der 100 J.e gemeint sind 57 ).
Teufel jedes J. zu einer Seele kommt Ein Geist, der früher alle 100 J.e seine
(vgl. J.esfrist, J.esopfer). Je ein J. gilt Erlösung suchen durfte, kann dies zu-
jedes der sieben Löcher im Werwolfs- weilen später nur alle 200 J.e tun 58 ).
gürtel 39 ). 200 J.e muß ein im 30jährigen Krieg
Ob man im nächsten J.e heiratet gefallener schwedischer General ruhelos
oder stirbt, erfährt man durch die Zu- im Eulengebirge umherwandem 59 ). Arme
kunftserforschung an bestimmten Los- Seelen müssen hie und da auch J.-
tagen (s. d.) und durch den J. esgang hunderte 60 ) und tausende von J.en 61 )
(s. u.). Im nächsten J. stirbt, wer beim auf ihre Erlösung harren; nur alle 1 000
Bettstaffeltreten seinen Namen rufen J.e laßt sich eine feurige Goldtonne
hört 40 ). Häufig sind Zeitangaben von sehen 62 ); 1 000 J.e glaubt sich ein Ent-
drei J.en (s. dreijährig, Zahl) und noch rückter im Jenseits 63 ) und 2000 J.e
mehr von sieben J.en (s. Siebenj.). kann eine freiwillige Buße im Fegefeuer
Auch die Verdreifachung der hl. Drei- dauern 64 ). Die Vergletscherung einst
zahl findet sich. Neun J.e lang holt sich fruchtbarer Almen, auf welchen man
jedes J. der Neuntöter (wiederkehrende keinen Schnee kannte, erklärt das Tiroler
Tote) sein Opfer 41 ); ein neun J.e lang in Sagenmotiv von den I 000 kalten J.en,
der Weise mit Milch allein aufgefütterter die jetzt an der Herrschaft sind 65 ). Unbe-
Stier, daß er im ersten J. Milch von einer grenzte J.e umschreiben oft Bergwerks-
Kuh, im zweiten Milch von zwei Kühen sagen. Der Bergsegen in Kliening kommt
usw. erhält, bezwingt, von einer reinen erst dann wieder, wenn eine schwarze
Jungfrau auf die Alpe geführt, ein Un- Henne, die jedes J. ein Mohnkom aus
geheuer 42 ); im neunten J., sonst auch im einem Topf voll Mohnkömer frißt, das
siebenten **), werden die Katzen zu Hexen, letzte Körnlein gefressen hat 66 ); in Rüden
599
Jahr
600
erst, bis so viele J.e vergangen sind, als
Mohnkörner in einem Getreidescheffel
sind 67 ). Nach einer Sage vom Niederrhein
wirft eine Mutter, deren einziger Sohn
im Bergwerk verschüttet wurde, eine
Bürste in den Schacht und ruft: „So viel
Haare, so viel Jahre soll die Grube ver¬
flucht sein und kein Erz mehr zutage
fördern“ 68 ).
Einzelne der angeführten Beispiele
zeigen den Unterschied zwischen
der Menschenzeit und Geisterzeit
(s. Zeit). Wie ähnlich in der Geheim¬
lehre ein Tag gleich einem J.e gilt 89 ),
so ist in der Sage und im Volksglauben
in Anlehnung an Psalm 89 (Tausend J.
sind vor ihm wie ein Tag) ein Tag, den
der Mensch im Geister- oder Totenreich
verbringt, gleich 100 J.en 70 ). Nach fran¬
zösischem Volksglauben entspricht ein J.
der Menschen einem halben J. des Teufels,
der bei Nacht nicht schläft und die Nacht
als ganzen Tag rechnet 71 ).
20 ) Schröder Germanentum 11. 21 ) Pfalz
Marchfeld 101. 22 ) S6billot Folk-Lore 1, 343;
2, 249 ff. 376. 383; 3, 308. 424 f. 506; 4, 58.
^ 3 *. 139 f. 149 - 151. 23 ) Pfalz Marchfeld
36. Vgl. S6billot a. a. O. 1, 157. 192; 2, 244.
3531 4 » 45 - 94 - 97 - 24 ) Jahn Pommern 229
^Nr. 285. 2S ) Kuhn u. Schwartz 21 Nr. 25.
Vgl. auch Meiche Sagen 93 Nr. 113. 26 )
Grimm Sagen 173 Nr. 231. 27 ) Birlinger
Schwaben 2, 315 = ZfVk. 17 (1907), 382. 28 )
Leoprechting Lechrain 255. 29 ) Peuckert
Schlesien 69. 30 ) Ebd. 199. 31 ) Zaune rt
Westfalen 46 ff.; Kapff Schwaben 9 ff. u. a.
32 ) Kuhn u. Schwartz 204 Nr. 227. 33 )
Kapff Schwaben 58. M ) Jungbauer Böhmer-
■wald 181. 3S ) Jahn Pommern 266 f. Nr. 335;
Kapff Schwaben 66. 3fl ) Jahn Pommern 219
Nr. 276. 37 ) Ebd. 205 Nr. 256; Kuhn u.
Schwartz 28 Nr. 34. *») Jahn Pommern 360 f.
Nr - 456. 459 . 3 *) Ebd. 383 Nr. 489; vgl. 386
Nr. 494. 40 ) Pfalz Marchfeld 103 f. Vgl. S 6 -
billot Folk-Lore 4, 131 ff. 41 ) Jahn Pom¬
mern 401 f. Nr. 511. 42 ) Grimm Sagen 119
Nr. 142. 43 ) Vgl. Peuckert Schlesien 99.
**) Jungbauer Böhmerwald 196. 43 ) Grimm
RA. 1, 297. Vgl. Weinhold Neunzahl 6; vgl.
37 ff. mit weiteren Belegen. 4Ä ) Zaunert
Rheinland 1, 4 f. 47 ) Ebd. 1, 301; Peuckert
Schlesien 266. 48 ) Jahn Pommern 299 Nr. 379.
48; ') Knoop Hinterpommern 166 Nr. 114.
4# ) Kühnau Sagen 1, in; Peuckert Schle¬
sien 117. 60 ) Kühnau Sagen 1, 245 f. 61 ) Ebd.
I, 217 . 240 251. 255. 259. 265 f. 269. 279 282 f.;
3, 624. 676. 778; Meiche Sagen 35 Nr. 31; 78
Nr. 92; 191 Nr. 257; Jahn Pommern 224
Nr. 281; 253 Nr. 318; Jungbauer Böhmerwald
iii. 233. 237; Kapff Schwaben 76. 52 ) Peuckert
Schlesien 67. 63 ) Jahn Pommern 201 Nr. 252.
* 4 ) Kühnau Sagen 3, 579 f.; Kapff Schwaben
57. M ) Kühnau Sagen 3, 312 h *•) Jung¬
bauer Böhmerwald 24 f.; Peuckert Schlesien
156. 67 ) Strackerjan2,15^.272. M ) Kühnau
Sagen 3, 694. 6# ) Ebd. 1, 568 f. *>) Meiche Sa¬
gen 225 Nr. 284. «i) Kapff Schwaben 57.
62 ) Kühnau Sagen 3, 632. ® 3 ) Klapper Er-
zählungen 357 (36 t.). « 4 ) Ebd. 310 (6 f.). Vgl.
G. Jungbauer Märchen aus Turkestan u.
Tibet (Jena 1923) 292. 65 ) Heyl Tirol 233 f.
Nr. 46 f. «•) Gräber Kärnten 246. ® 7 ) Ebd.
247 f. Vgl. Jungbauer Böhmerwald 119 u.
die ähnliche Umschreibung unzähliger J.e
in SAVk. 2 (1898), 7. w ) Zaunert Rhein¬
land i, 121. 6# ) Lüttich Zahlen 21 f.
70 ) Grimm Sagen 126 Nr. 151; Jahn Pommern
97 Nr. 117; vgl. 199 Nr. 250; Zaunert Rhein¬
land 1, 240. Vgl. Liebrecht Zur Volksk. 28 f.
71 ) Sebillot Folk-Lore 1, 140.
3. Viel häufiger als die Personifika¬
tion des J.es ist die der J.eszeiten
(s. d. Frühlingsfeste, J.eszeiten). Mehr
eine Personifikation des Winters ist die
J.es alte, die römische Anna Perenna
und italienische la veccia , mit ihrem
männlichen Seitenstück Mamurius Vetu-
rius (il veccio) 72 ). Dagegen ist der
orientalische J.esdrache ein Sinnbild
des ganzen J.es 73 ). In der deutschen
Dichtung wird das neue J. oft persönlich
gedacht, besonders in Neujahrsliedern und
-wünschen (s. d.), so im Mittelalter schon
in dem Buch der Clara Hätzler (14. Jh.)
als ein neugeborenes Kind, als ein
neugeborener Gott 74 ). Ähnlich wie
bei den Isländern der Januar und Februar
(s. d.) als männliche und weibliche Gott¬
heit, der März und April als deren Kinder
erscheinen 75 ), wird in italienischen
Mythen das J. als ein himmlisches Ehe¬
paar aufgefaßt 76 ).
Zuweilen wird das J. mit einem Kreis
oder Ring verglichen 77 ) und von einem
Kreislauf des J.es gesprochen. Zu weit
geht aber, wenn man auch das bei Ernte¬
festen in Umdrehung versetzte Rad
(s. Zeit) als eine Symbolik des rollenden
J.es deutet 78 ). Beliebt ist besonders
im Rätsel der Vergleich mit einem Baum
oder mit 12 Bäumen (= Monaten), die
jeder 30 Äste ( = Tage) haben 79 ). Einen
J.baum als Sinnbild des ganzen J.es,
wie dies auch der Maibaum, wenn er das
ganze J. stehen bleibt, sein kann 80 ).
601
Jahr
602
gab es schon bei den thebanischen Daph-
nephorien 81 ). Er fand schon im Alter¬
tum seine Erweiterung zu dem Begriff
des Lebensbaumes 82 ) (s. d.). Verein¬
zelt bezeichnet man mit dem Worte J.¬
baum auch einen Baum, der viele J.es-
ringe hat. Nach der Sage des hl. Brandan
hemmt ein solcher über den Weg gelegter
J.baum den Teufel 83 ).
Eine besondere Bedeutung kommt im
Menschenleben einer bestimmten Anzahl
von J.en, wie auch Tagen, zu, so sieben
J.en 84 ) (s. kritische J.e, Perioden).
Mehr äußerlich ist die schon im Alter¬
tum übliche Einteilung des menschlichen
Lebensalters (s. d.) in Altersstufen 85 )
nach je zehn J.en, wie sie in Liedern,
Sprüchen und Bildwerken bis heute all¬
gemein beliebt ist. Doch hat Solon, als
er diese zehn Stufen in eine Elegie brachte,
jede zu sieben J.en berechnet. Erst
der römische Epigrammatiker Lindinus
hat Solons J.wochen in J.zehnte
umgewandelt und in einen kurzen Spruch
zusammengefaßt, der das Vorbild für
deutsche Reimsprüche wurde. Von diesen
taucht die älteste Fassung im 15. Jahr¬
hundert auf und hat sich mit geringen
Veränderungen bis in die Gegenwart im
Volke erhalten. Die in Deutschland am
meisten verbreitete Form lautet:
Zehn J. ein Kind,
Zwanzig J. ein Jüngling,
Dreißig J. ein Mann,
Vierzig J. ist wohlgetan,
Fünfzig J. Stillstand,
Sechzig J. geht's Alter an.
Siebzig J. ein Greis,
Achtzig J. schneeweiß.
Neunzig J. der Kinder Spott,
Hundert J. behüt uns Gott
(ein Gnad' von Gott) M ).
72 ) ARw. 20 (1920/21), 87. 98. 381 f. Vgl. o.
Bd. 1, 330 f. 73 ) Eisler Weltenmantel 395®. 428.
510 f. 516 ff. 74 ) Grimm Myth. 2, 630. 76 )
Weinhold Monatnamen 38 f. 7# ) Usener
Kl. Sehr. 4, 134. 77 ) Grimm Myth. 2, 630.
78 ) Mannhardt 1, 430. 7 ®) K. Spieß Monats¬
baum, Jahresbaum, Weltenbaum (WZfVk. 28,
1923. 37 t). ®°) Ebd. 49 ff. 81 ) Ebd. 66 . 82 )
Eisler Weltenmantel 585 1 . 83 ) Schröder
St. Brandan (Erlangen 1871) = Alemannia 7
(1879), 86 f. 84 ) W. Fließ Das Jahr im Leben¬
digen u. bes. Der Ablauf des Lebens (Leipzig
u. Wien 1923); H. Swoboda Das Siebenjahr
(Wien u. Leipzig 1917). 85 ) A. Hauffen Die
Altersstufen im deutschen Volksliede in Böhmen
(Festschrift zur 17. Hauptversammlung des
Allg. d. Sprachvereins, Reichenberg 1912)
45—66. 88 ) Ebd. 49. Vgl. noch Jungbauer
Bibliogr. 259 Nr. 1711, ferner Nr. 1563 a. 1592 a.
1608a. 1930a. 2704; Boll Sternglaube 93 ff.;
Pollinger Landshut 237; Pfalz Marchfeld 81.
109.
4. Wichtig ist die Zukunftserfor¬
schung für das kommende J., die ent¬
weder zum Schluß des ablaufenden oder
zu Beginn des neuen J.es erfolgt (s. Weih¬
nacht, Silvester, Neujahr). Der Angang
(s. d.) am 1. Tag des J.es wird auch
J.angang oder J.gang genannt 87 ).
Damit darf nicht der nordische J.s-
gang (schwed. orsgong), der schwere
Gang zur Erforschung des künftigen
J.es, verwechselt werden, der meist in der
Julnacht erfolgt und ein absichtlich
gesuchtes und herbeigeführtes „zweites
Gesicht“ (s. d.) darstellt. Früher ging
man in der Morgendämmerung in den
Wald, sprach kein Wort und ließ keinen
Laut tönen, sah sich nicht um, durfte
nicht essen noch trinken, kein Feuer
sehen, keinen Hahn krähen hören, schal¬
tete also, um das geistige Schauen vor¬
zubereiten, alle äußeren Eindrücke aus.
Wenn dann jemand gerade bei Sonnen¬
aufgang auf dem Kirchwege ging, so er¬
schienen so viele Leichen als das J.
kommen sollten, und auf den Feldern,
Wiesen und Hufen sah man, wie der
J.eswuchs sein und ob irgendwo Feu¬
ersbrunst ausbrechen werde 8B ). Es heißt
auch, daß man fastend und schweigend
nach drei oder sieben Kirchen gehen und
sie umschreiten muß. Dann sieht man
auf dem Wege das ganze kommende J.
sich abrollen. Naht sich ein Krieg, so hört
man das Getrampel von Soldaten und
Pferden. Wird die Ernte gut, so hört man
Ähren von der Sense fallen. Wo jemand
sterben soll, sieht man einen Leichenzug
den Hof verlassen 8Ö ). Zu diesem
J.gang sind in Smäland vor allem fünf
Nächte geeignet (Thomas-, Jul-, Stefans-,
Neujahrs- und Dreizehntagsnacht) w ).
Dem nordischen J.sgang entspricht
in Österreich das Los-, Kreis- oder
Kreuzstehen 91 ).
J.sbedeutung haben auch die ein¬
zelnen Kuckucksrufe. So viele man
603
J ahresanf ang
J ahresanfang
606
zählt, so viele J.e lebt man 92 ). Auch in
Frankreich sucht man die Zahl der J.e
bis zur Heirat oder der Lebensj .e aus dem
Vogelruf 93 ) oder anderen Anzeichen 94 )
zu erforschen.
Zur Abwehr des Unheils für das
ganze J. dienen verschiedene Bräuche
bei den J.esfesten (s. d.), wobei das
J. selbst zuweilen sinnbildlich zum Aus¬
druck kam (s. o.). Bei dem zu Freiburg
i. B. nach langer Unterbrechung 1792
wieder erneuerten Bändeletanz 95 ) schei¬
nen die an der Stange befestigten 12
Bänder von zwölferlei Farben den 12 Mo¬
naten entsprochen zu haben. Schon im
alten Italien hat man durch das Ein¬
schlagen des J.esnagels in Nortias
volsinischem Heiligtum wahrscheinlich
das Unglück sinnbildlich vernageln (s. d.)
wollen ö6 ).
87 ) Albers Das Jahr 333. 88 ) E. M. Arndt
Reise durch Schweden 1 m Jahre 1804. 3 (Berlin
1806), 86 u. Erinnerungen aus Schweden (Ber¬
lin 1818) 362 = Heckscher 108. 89 ) Nils-
son Jahresfeste 53 = Heckscher 359. 90 ) Sar-
tori Sitte u. Brauch 3, 72™. 91 ) Baumgarten
Jahr u. s. Tage 15. 92 ) Böhmerwald, Verl.
Vgl. Jungbauer Bibliogr. 187 Nr. 1192
u. SudZfVk. 3 (1930), 143 (Umfrage).
93 ) Sebillot Folk-Lore 3, 201. 94 ) Ebd. 3, 322.
505. 95 ) Alemannia 20 (1892), 297 f. 96 ) Bach¬
ofen Gräbersymbolik 181 f. mit anderer Aus¬
deutung. Vgl. dazu u. zum gleichen Brauch im
Jupitertempel auf dem Kapitol ZföYk. 1
(1896), 363 f.
5. Von sonstigem mit dem J. zusam¬
menhängendem Volksglauben ist zu er¬
wähnen, daß einem Kind, welches noch
nicht ein J. alt ist, besondere
Gefahren drohen. Man darf es nicht
messen, sonst mißt man ihm den Sarg;
man darf ihm die Fingernägel nicht mit
einer Schere abschneiden, sondern muß
sie mit den Zähnen abbeißen (s. d.), heute
im Böhmerwald noch allgemein üblich,
sonst bekommt es eine Neigung zum
Stehlen; man darf ihm die Haare nicht
abschneiden, sonst schneidet man ihm
den Verstand ab; man darf es nicht ab¬
regnen lassen, sonst wird es sommer¬
sprossig. Zwei Kinder, die noch nicht
ein J. alt sind, sollen sich nicht küssen,
weil sie sonst lange nicht sprechen
lernen 97 ). Man soll ein solches Kind
ferner nicht an Blumen riechen lassen,
604
weil es sonst den Geruch verliert, nicht
in den Spiegel schauen lassen, weil es
dann eitel wird, nicht mit ihm „Ver¬
stecken“ spielen, weil es dann später
stehlen lernt, nicht schlagen, weil sonst
später gar keine Strafe mehr angreift.
Wenn andrerseits eine Mutter das noch
nicht ein J. alte Kind mit der Fron¬
leichnamsprozession zu den vier Evan¬
gelien trägt, so kann das Kind später,
wenn es auch noch so lange im Wasser
liegt, nicht ertrinken 98 ).
In Schlesien schenken die Paten dem
Kind, wenn es ein J. alt ist, das J.-
kleid. Die erste Jungfer-Pate muß dazu
noch den myrtenen J. kränz und ein
Häubchen beisteuern. So geschmückt
wird das Kind in der Kirche um den Altar
getragen, wobei das Kindermädchen eine
myrtenumwundene Kerze in der Hand
hält und Opfergeld niederlegt 99 ). Im
religiösen Leben bürgerte sich der Brauch
der J.patrone besonders seit dem 17.
Jh. ein 100 ).
Im Wetter- und Wirtschaftsglau¬
ben gilt der Spruch:
Sonnj., Wonnj.;
Kotj., Notj. 101 ).
Betreffs Wetterglauben s. Jahreszeiten,
Monate, betreffs Jahresmythus s.
Jahreszeiten, Jahresfeste, Frühlingsfeste.
97 ) Böhmerwald, Verf. 98 ) Pfalz Marchfeld
86 f. Ebd. auch der Glaube betreffs des Finger-
nägelabbeißens und Abregnens. Vgl. Pollinger
Landshut 243 f. ") Drechsler 1. 217. 10 °)
A. Spam er Das kleine Andachtsbild. München
1930, 171. 101 ) DWb. 4, 2 (1877), 2232. Vgl.
Grimm Sagen 91 Nr. 104. Jungbauer.
Jahresanfang. Der J. 4 ) als wichtiger
zeitlicher Wendepunkt hat im Leben
aller Völker zu verschiedenem Aber¬
glauben, besonders auf die Erforschung
der Zukunft bezüglich, Anlaß gegeben
(s. Neujahr). Er ist bei verschiedenen
Völkern und zu verschiedenen Zeiten
anders festgelegt 2 ). Manche Völker
begannen das Jahr mit dem Erscheinen
der Plejaden, also im Frühling 3 ).
Der Beginn des astronomischen Früh¬
lings war bei den alten Babyloniern der
ungefähre J. 4 ), auch bei den Indem
und Persern, während semitische und
hamitische Völker, wie auch schon die
1
/.
• ■ •
4 .
i
1
j
l
605
Ägypter, das Jahr im Mittsommer
begannen, die Mohammedaner und die
Juden aber im Herbst 8 ). Doch gibt es
bei den Juden nach der babylonischen
Gefangenschaft auch ein mit dem Früh¬
ling beginnendes kirchliches Jahr 6 ). Nor¬
dische Völker dagegen dürften den J. auf
den Eintritt des Winters verlegt haben
(s. u.).
Bei den Griechen gab es verschiedene
J.e, im Sommer, Herbst und Winter 7 ).
Die Athener begannen das Jahr ur¬
sprünglich wohl mit dem Thargelion,
dem ersten Sommermonat 8 ). Bei den
Römern fing das Jahr zuerst mit dem
März (s. d.) an 9 ), keinesfalls mit dem
April 10 ); erst mit dem julianischen Ka¬
lender endgültig mit dem 1. Januar 11 ).
Der J. bei den Kelten und Germanen
weist auf die Zeit zurück, in welcher die
Viehzucht vorherrschte 12 ), bei welcher
das Jahr von selbst in die Zeit der Weide
und der Einstallung zerfiel und die letzte
einen wichtigen Abschnitt im Jahresleben
darstellte, zumal damit der gefürchtete
Winter (s. d.) begann. Wenn die Kelten
das Jahr am 1. November, die alten Ger¬
manen am 1. Oktober begannen, so er¬
klärt sich der Unterschied aus den nörd¬
licheren Wohnsitzen der Germanen, wo
eben früher Winter war 13 ). In geschicht¬
licher Zeit wurde der J. beim nordischen
Jahr auf den 14. Oktober angesetzt 14 ).
Als Anfang des altgermanischen Jahres
nehmen andere Martini, also die Zeit um
den 11. November, an 15 ).
Die Angelsachsen begannen nach Beda
(De temporum ratione c. 15) das Jahr mit
dem 25. Dezember, der Mödraneht
(= Nacht der Mutter) genannt wird 16 ).
Weihnachten wurde auch in Deutsch¬
land der beliebteste J., wobei sich alt¬
heidnische Überlieferung mit der neuen
christlichen Lehre verband. Das Christen¬
tum hatte ursprünglich den 6. Januar
— heute noch der „alte bäuerliche Neu¬
jahrstag“ in den Alpenländem 16a ) —
als J. gefeiert. Auf diesen Tag setzte
man die Taufe Christi an und damit
seine geistige Geburt und den Anfang
seiner göttlichen Sendung, seine Erschei¬
nung oder Epiphanie, wie man im An¬
schluß an heidnische Anschauungen sich
ausdrückte. Christus übernahm darin den
Erscheinungstag eines alten griechischen
Gottes des Naturlebens, des Dionysos.
Um die Mitte des 4. Jahrhunderts trennte
man in Rom das Geburtsfest Christi
vom Tage seiner Erscheinung und be¬
trachtete den 25. Dezember als Ge¬
burtstag und zugleich J. Der 25. De¬
zember war Ägyptern, Syrern, Griechen
und Römern der Geburtstag des
Sonnengottes, der in der römischen
Kaiserzeit große Verehrung genoß. Auch
der Geburtsgott des damals viel ver¬
ehrten persischen Lichtgottes Mithras
war auf den 25. Dezember festgesetzt 17 ).
Im alten Deutschland wurde der J.
ganz verschieden gefeiert. Selten war es
der bei den Westgoten ausschließlich üb¬
liche 1. Januar des julianischen Kalen¬
ders 18 ). Die Franken, Alemannen und
Langobarden bevorzugten den I. März.
Dieser hängt bei den Franken mit der
großen Reichsversammlung, dem März¬
feld, zusammen, welches am 4. März ab¬
gehalten wurde. Mit der Umwandlung
des Märzfeldes in das Maifeld ( 755 ) ^ cam
dieser Tag als J. ab 19 ). Unter Karl dem
Großen fing das Jahr mit dem 25. März
an, dem Tage der Verkündigung Mariä,
an dem die Welterlösung in ihren aller¬
ersten Anfängen begann. Der 25. März
behauptete sich besonders in England,
aber auch in Spanien und Italien lange
als J. 20 ). In Frankreich zählte man bis
1556 das Jahr häufig vom Osterfest
an, eine Sitte, die sich auch in den Nieder¬
landen, in Köln, einem Teil von West¬
falen und in der romanischen Schweiz
einbürgerte. Da Ostern ein bewegliches
Fest ist, so ergaben sich ungleiche, lange
und kurze Jahre, weshalb man in Deutsch¬
land schon im 14. Jahrhundert ganz von
diesem J. abging. Hier war im Volke
seit je der beliebteste J. der Weihnachts¬
tag 21 ). Als solcher galt er z. B. in Köln
noch zu Ende des 16. Jahrhunderts 22 ).
Gegenwärtig gilt ferner als J. der
1. August bei den Kopten, der I. Sep¬
tember bei den syrischen Christen, der
1. Oktober des julianischen Kalenders
bei den Nestorianem und Jakobiten. In
607
J ahresfrist—Jahresopfer
608
China fällt der J. auf den Tag nach dem
Neumond, der eintritt, wenn die Sonne i
im Zeichen des Wassermannes steht, also i
zwischen dem 20. Januar und 18. Fe¬
bruar. Ebenso war es in Japan bis 1872
und in Korea bis 1892, wonach in diesen
zwei Ländern der J. des gregorianischen
Kalenders angenommen wurde 2G ).
Das vom bürgerlichen Jahr verschie¬
dene Kirchenjahr beginnt noch heute
in der griechischen Kirche mit dem
1. September, in der abendländischen
mit dem Advent 24 ).
*) Vgl. die Karte ,,J.e im Mittelalter" bei
G. Lüdtke u. L. Mackensen, D. Kultur¬
atlas 1. Lief. (1928), Karte Nr. 98. Vgl.
M. P. Nilsson Primitive Time-Reckoning
(Lund 1920) 267 ff. 2 ) ZföVk. 9 (1903),
185. Vgl. Eisler Weltenmantel 459. 3 ) Frazer
7, 307 ff. 4 ) B. Landsberger Der kultische
Kalender der Babylonier u. Assyrer (Leipziger
Semitistische Studien, Leipzig 1915) 6, 21;
Pauly-Wissowa 9, 1, 608. Vgl. St. Stein¬
lein Astrologie , Sexual-Krankheiten u. Aber¬
glaube 2 (München u. Leipzig 1915), 45-
5 ) Albers Das Jahr 35. °) Pauly-Wissowa
9, 1, 608. 7 ) Ebd. 8 ) Schmidt Geburtstag 115.
9 ) Frazer 9, 229; ARw. 20 (1920/21), 382. 399 2 .
10 ) So behauptet Schultz Zeitrechnung 204 f.
n ) Pauly-Wissowa 9, 1, 611. 12 ) Vgl. Fchrle
Volksfeste 2 (1920) 6. 13 ) Frazer 6, 81. 14 ) W T ein-
hold Monatnamen 22; Hoops Reallex. 3,
236. 16 ) Schräder Reallex. 395. 16 ) Hoops
Reallex. 4, 584. 1Ca ) Geramb Brauchtum 7.
17 ) Fehrle Volksfeste 2 (1920) 15 f. 1S ) Hoops
Reallex . 2, 611. 19 ) Ebd. 20 ) Näheres Nork
Festkalender 25 f. = Albers Das Jahr 37. 21 )
Hoops Reallex. 2, 611 f. 22 ) Wrede Rhein.
Volksk. 169. 23 ) Meyer Konv.-Lex. 14 (1907),
560. 24 ) Ebd. 4 (1904), 130-
Uber J.szauber s. Neujahr.
Jungbauer.
Jahresfrist. Mit der Formel ,,Jahr
und Tag“ wird im deutschen Recht
des Mittelalters eine Fristbestimmung
ausgedrückt, die dadurch entstand, daß
der J. noch die für die gerichtliche Gel¬
tendmachung eines Anspruches oder
Widerspruches erforderliche Zeit hinzu¬
gezählt wurde. Da von sechs zu sechs
Wochen echtes Ding (Volksversammlung)
gehalten wurde, so umfaßt die Frist von
Jahr und Tag meist ein Jahr und sechs
Wochen, wozu noch die gesetzliche drei¬
tägige Dauer des echten Dings gerechnet
wurde x ). Doch wollte man durch das
Hinzufügen des Wortes Tag in vielen
Fällen sicher auch nur die völlige Be¬
stimmtheit und Unabänderlichkeit der
Frist, die auf den Tag gilt, betonen.
Diese rechtliche J., doch meist ohne
ausdrückliche Beifügung des Wortes Tag,
findet sich auch im Volksglauben und
in der Volkssage. Binnen J. muß man
das von einem Wassergeist oder von
Rübezahl geborgte Geld zurück¬
geben 2 ). Binnen J. holt der Teufel 3 )
oder der Tod 4 ) sein Opfer. Binnen J.
stirbt eins der Brautleute, wenn am
Tage der Trauung ein Begräbnis ist 5 ); in
der gleichen Frist stirbt, wer sich selbst
tot gesehen 6 ), wer eine arme Seele erlöst 7 )
oder auch nur mit ihr zu tun hat 8 ), wer
sich gegen ein Geisterwesen vergangen,
z. B. den als behaarten Fisch gefangenen
Wassermann geschlagen hat 9 ). Binnen J.
wächst auf dem Grab der unschuldig
Hingerichteten gemäß ihrer Voraussagung
ein Dornstrauch, auf dem zwei Vögel
nisten 10 ). Nach J. erst kann am Jahr¬
tage (s. d.) die Mutter das im Schatzberg
vergessene Kind holen 11 ). Nach J.
werden zuweilen in Württemberg die am
Palmsonntag an der Stall- oder Haus¬
tür aufgehängten Büsche, wenn sie
nicht schon heruntergefallen sind, ver¬
brannt 12 ).
*) Grimm RA. 1, 306 f.; Meyer Konv.-Lex. 10
(1905), 152. WeitereLit. JbhistVk 1, 318. 2 ) Zau¬
ne rt Westfalen 31; Peuckert Schlesien 183.
215. 3 )Jahn Pommern 311 Nr. 394; vgl. 320 t.
Nr. 402. 4 ) Peuckert Schlesien 245. 5 ) Pfalz
Marchfeld 76. ®) Peuckert Schlesien 88.
7 ) Jungbauer Böhmerwald 233. 8 ) Kühnau
Sagen 1, 269; Meiche Sagen 95 Nr. 115; Kapff
Schwaben 55 f. e ) Peuckert Schlesien 204 t.
10 ) Jahn Pommern 356 Nr. 450. n ) Jung¬
bauer Böhmerwald in, Lit. 252 f. 12 ) Mann¬
hardt 1, 566. Jungbauer.
Jahresopfer. Wie die einem gnädigen
Gott zu leistenden Opfer gern in regel¬
mäßig wiederkehrende Feste übergehen x ),
so können aus ursprünglich einmaligen
Opfern, die aus besonderen Anlässen
dargebracht wurden, periodisch, meist
alljährlich wiederkehrende Opfer
sich entwickeln, besonders dann, wenn
das einmalige Opfer erfolgreich war 2 ).
Eine andere Art von J. war mit den all¬
jährlich stattfindenden Jahresfesten
von selbst gegeben 3 ), war nament-
Jahresopfer
6lO
609
lieh beim Jahreswechsel wichtig. Als I tag 12 ), Peter und Paul 13 ), Maria
Überrest eines altgermanischen J.s mit
dem Zweck der Sühnung des alten und
der Erneuerung eines glücklicheren Jahres
kann auch der Frühlingsbrauch des
Todaustragens (s. d.) angesehen werden 4 ).
Gerade der Wechsel der zwei wichtigsten
Jahreszeiten (s. d.) konnte ein solches
Opfer veranlassen, wie es sich im Kult
der alten Mexikaner mit der Opferung
der alten Maisgöttin, des alten Jahres,
zu Wintersbeginn äußerte, die als junge
Maisgöttin im Frühjahr wieder auf¬
ersteht 5 ).
An den gleichen Jahreswendepunkten
fanden meist auch alljährliche Seelen-
opfer statt, die man den Toten im Winde,
später dem Wind selbst, darbrachte.
Noch im vorigen Jahrhundert steckte
man in Oberösterreich alljährlich zu Fast¬
nacht drei ungebackene, aber geformte
Brotlaibchen für den Wind auf die Zaun¬
pfähle, wozu man sprach:
Säh, Wind, da hast du das dein,
Laß ma du a das mein®)!
Reste dieses J.s sind die Brote, im Böhmer¬
wald Seelwecken genannt 7 ), die man
in Süddeutschland zu Allerheiligen oder
Allerseelen den Armen spendet 8 ). Wie
aus Volkssagen hervorgeht, brachte man
in Norddeutschland dieses Seelenopfer
dem wilden Jäger, der alle Jahre eine
Kuh oder mindestens ein jähriges Kalb
fordert, oder seinen Hunden, früher als
Tieropfer 9 ), später als Brotopfer 10 ).
Für die toten Ahnen war ursprünglich
wohl auch das jetzt dem Hausgeist
dargebrachte alljährliche Blutopfer der
Tscheremissen bestimmt 11 ).
Eine besondere Gruppe der J. bilden
die Wasseropfer. Frühzeitig wurde
die Erfahrung gemacht, daß in der heißen
Sommerszeit, in der viele Menschen er¬
hitzt baden, fast jedes Jahr Ertrin¬
kungsfälle Vorkommen, sich nach ein¬
fachem Volksglauben der Wassermann
seine Opfer holte. Im Zusammenhang
mit dem Glauben an Unglückstage
(s. d.) bildete sich die Vorstellung, daß
bestimmte Tage besonders gefährlich für
den Menschen und günstig für den
Wassermann sind, so der Johannis-
Magdalena 14 ) und Jakobi 15 ), also
vornehmlich die Zeit der Hundstage
(s. d.), ferner von den Wochentagen der
Freitag 16 ) (s. d.). Und allgemein heißt
es gleichzeitig, daß jedes Gewässer
alljährlich, zuweilen zur Mittagsstunde
(s. Mittag), sein Opfer fordert 17 ), zu¬
weilen sogar ein unschuldiges Kind wie
beim Bauopfer (s. d.), das bei wichtigen
Wasserbauten, z. B. Teichdämmen, große
Bedeutung hat. Dieser Glaube fand in
der Sage seine Weiterbildung in dem
verbreiteten Motiv, daß der Wasser¬
mann sein J. ausdrücklich fordert,
indem er etwa spricht: ,,Die Zeit (Stunde)
ist da, und der Mensch ist nicht da!“
Gewöhnlich kömmt gleich nach diesem
Ruf der betreffende Mensch und stürzt
sich ins Wasser 18 ).
Sekundär dürfte erst sein, daß man
zur Befriedigung des Wassergeistes ihm
selbst ein J. darbrachte, ursprünglich ein
Menschenopfer 19 ), wie auch sonst von
germanischen Völkern bei den verschie¬
densten Anlässen den Gewässern Menschen
geopfert wurden 20 ), später ein Ersatz¬
opfer. So warf man alljährlich dem
Nickelmann in der Bode einen schwarzen
Hahn 21 ), dem Diemelnix Brot und
Früchte hinab 22 ). In der Iglauer
Sprachinsel besteht noch heute der
Brauch, im Frühjahr mitten in den Teich
eine Männerpuppe zu stellen 23 ).
Auch der Teufel fordert von den
Freimaurern einen aus ihrer Mitte, der
meist ausgelost wird, als J. 24 ). In einer
norddeutschen Sage holt sich der Neun¬
töter (= wieder kehren der Toter) durch
neun Jahre jedes Jahr ein Opfer 25 ).
x ) Grimm Myth. 1, 34. 2 ) Schwenn Men¬
schenopfer 7. 57. 165. 3 ) Vgl. Golther Myth.
312 f. 4 ) Kauffmann Balder 286 t. 302 t.
5 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 94 ff. ®) Peter
Österreichisch-Schlesien 2, 258; Baumgarten
Aus der Heimat 1, 38 = Ranke Sagen 2 123.
7 ) Verf. 8 ) Geramb Brauchtum 89 t.; SudZiVk.
3 (1930), I 57 f Umfrage. 9 ) Strackerjan i,
461 f. Nr. 249i = Ranke Sagen 2 123 f. 10 ) Kuhn
u. Schwartz 290 Nr. 324 (2) = Ranke Sagen 2
123; Zaunert Westfalen 48f. n ) FFC. Nr. 61,
51. 12 ) Grimm Myth. 3, 143 u. Sagen 44 Nr. 62;
Zaunert Rheinland 1, 239; Lit. bei Sar-
tori Sitte u. Brauch 3, 222 7 . 13 ) Sartori a. a. O.
3, 237. 14 ) Ebd. 3, 238. 1S ) Ebd. 3. 239 f-;
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
20
i
Jahreszeiten
612
J. Micko Volksk. des Marktes Muttersdorf
(Muttersdorf in Westböhmen 1926) 20. 16 ) Vgl.
Jungbauer Böhmerwald 51. 1? ) Grimm Myth.
1, 409; 3, 143 u. Sagen 43 f. Nr. 61 f.; Kuhn u.
Schwartz 172 Nr. 197 (1); 426 Nr. 236 ff.;
Stöber Elsaß 1 (1852), Nr. 137; Schön-
werth Oberpfalz 2, 198; Strackerjan 1, 514
Nr. 259; Jahn Pommern 147 Nr. 179; 151 ff.
Nr. 186. 189. 191 f.; Kühnau Sagen 2, 352
Nr. 955 (Nordostböhmen); Meiche Sagen
357 ff. Nr. 467. 475. 482. 484; Zaunert Na¬
tursagen 1, 118. Vgl. auch o. Bd. 2, 984 Anm.
13 u. 1691 f. 18 ) Kuhn u. Schwartz 80 f.
Nr. 84; Wolf Sagen Nr. 204; Strackerjan 1,
287 Nr. 185 ee; 516 Nr. 259 g; Müllenhoff
Sagen (1921) 540 Nr. 392; Jahn Pommern
150 ff. Nr. 183. 186. 189. 191; Ranke Sagen 2
199f.; Zaunert Natursagen 1, 117 f. u. Westfalen
43; Jungbau er Böhmerwald 60; Pe ucker t Schle¬
sien 203. 19 ) Grimm Myth. 1, 409. 20 ) v. d.
Leyen Sagenbuch 71. 21 ) Kuhn u. Schwartz
172 Nr. 197 (1); Grimm Myth. 3, 143; Ranke
Sagen 2 199. 22 ) Grimm Myth. i, 409. Vgl.
J ahn Opfergebr. 151. 23 ) A. Altrichter Sagen
aus der Iglauer Sprachinsel (Iglau 1920) 93 =
Jung bau er Böhmerwald 18. 24 ) Jahn Pom¬
mern 360 f. Nr. 456. 459; Zaunert Rheinland
2, 193. 25 ) Jahn Pommern 401 f. Nr. 511.
Vgl. Jahrtag. Jungbauer.
Jahreszeiten.
1. Die idg. Völker haben am frühesten
denjenigen Abschnitt des Jahres durch
einen bestimmten Namen hervorgehoben,
der sich dem Menschen am unan¬
genehmsten und tiefsten ein prägte, den
Winter (s. d.). Zu dieser vielleicht lange
Zeit hindurch einzigen Bezeichnung einer
J. x ) kam als zweite der Sommer (s. d.),
der schon dem Namen nach die (dem
Winter) ,,gleiche, zweite Hälfte“ des
Jahres zu bedeuten scheint 2 ). Nach der
warmen J. rechneten südliche Völker,
nach Wintern nördliche 3 ).
Diese Zweiteilung 4 ) des Jahres drückt
sich auch darin aus, daß die Griechen
das Kultjahr in die dionysische (winter¬
liche) und die apollinische Hälfte schieden, j
die Inder in die pitrayana (Wege der
Väter = Zeit der Ahnen Verehrung, Win¬
ter) und die devayana (Wege der Natur-
#
götter) 5 ). Überreste dieser Zweiteilung
haben in Europa namentlich die Kelten
und Germanen bewahrt, was in der
Sprache der Poesie (Heliand, Hildebrands¬
lied) und des Rechtes besonders hervor¬
tritt. Zu Anfang und zu Ende dieser
zwei J., im November, der auch als alter
Jahresanfang (s. d.) in Betracht kommt,
und im Mai, wurden bis auf Karl den
Großen jährlich zwei allgemeine Tage¬
dinge abgehalten, und diese zwei Zeit¬
punkte waren lange die Haupttermine
für Rechtsgeschäfte und kirchliche Feier¬
lichkeiten. Die Zweiteilung ist im alt-
gallischen Kalender von Coligny durch¬
geführt, für die Angelsachsen wird sie
von Beda (De temporum ratione c. 15)
ausdrücklich bekräftigt 6 ). Von ihr
zeugen die ags. Ausdrücke midsumor und
midvinter. Beachtenswert ist ferner,
daß im ahd. und mhd. wohl die Bezeich-
nungen sumerlanc und winterlanc Vor¬
kommen, aber kein lenzezlanc oder
herbestlanc. Überhaupt treten in Europa,
je weiter man nach Norden kommt, nur
zwei J., Sommer und Winter, auf, je
weiter nach Süden aber, drei, vier oder
fünf. Auch für mythische Bezüge gelten
nur jene zwei J., obwohl sie zuweilen
durch Frühling und Winter oder durch
Frühling und Herbst ausgedrückt werden 7 ).
Zu diesen zwei J. kam aber schon in idg.
Zeit, zunächst nur als Übergangszeit,
eine dritte, der Frühling 8 ) (s. d.), und
die dadurch entstandene Dreiteilung
des Jahres wurde bald allgemein üblich.
Sie ist für das vedische Indien bezeugt
und auch für die älteren Griechen anzu¬
nehmen. Bei den Germanen fand Tacitus
(Germ. c. 26) diese Dreiteilung vor 9 ).
Auf sie weist hin, daß häufig nur drei
Gerichtstage im Jahr angegeben werden,
und daß man dreimal im Jahre Opferfeste
(s. Jahresfeste) feierte 10 ). Mit dieser
Zweiteilung hängt zusammen die bei den
Indern noch in vedischer Zeit neben einer
Fünfteilung vorkommende Sechsteilung
des Jahres 11 ), die bereits zu der Rechnung
nach Monaten hinüberführt. Damit
stimmt auch die germanische Eigen¬
tümlichkeit überein, mitunter zwei Mo¬
nate unter einem Namen 12 ) oder in einem
Bilde, z. B. Januar und Februar als
Götterpaar, März und April als deren
Kinder, wie bei den Isländern, zusammen¬
zufassen.
Durch die Einfügung des Herbstes
(s. d.), der erst mit dem Obst- und Wein¬
bau aufgekommen zu sein scheint 13 ),
i
t
J ahreszeiten
kam man schließlich zur Vierteilung
des Jahres 14 ), die ihre tiefere Begründung
in der Erkenntnis der vier Jahrpunkte,
den zwei Sonnenwenden und Nacht¬
gleichen, fand 15 ). Nach diesen Jahr¬
punkten oder nach dem Eintritt der Sonne
in gewisse Zeichen des Tierkreises 16 ),
früher auch nach dem scheinbaren Auf-
und Untergang gewisser Sterne, z. B.
der Pie jaden 17 ), werden die J. bestimmt.
Das Volk aber richtete sich oft nach Na¬
turvorgängen, namentlich nach der An¬
kunft und dem Wegzug der Zugvögel,
und begrüßte vor allem die erste Schwalbe
und den ersten Storch oder bestimmte
Blumen als Boten des Frühlings 18 ) (s. d.).
Die Wissenschaft unterscheidet zwi¬
schen den astronomischen und me¬
teorologischen J. Bloß die zweiten
gelten auch für das bürgerliche Leben.
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde
zählt man die kältesten Monate, De¬
zember, Januar und Februar, zum Win¬
ter (s. d.), März, April und Mai zum
Frühling (s. d.), Juni, Juli, August zum
Sommer (s. d.), September, Oktober und
November zum Herbst (s. d.). Damit
stimmt aber die Auffassung des Volkes
nicht immer überein, vor allem wird
meist der November schon als Winter¬
monat angesehen und der Februar zum
Frühling gerechnet.
*) Lit. bei Sartori Sitte 3, i 1 . 275 ff.; Pfan-
nenschmid Erntefeste 606 f.; Helm Relig-
gesch. 1, 295; Martin P. Nilsson Primitive
Time-Reckoning (Lund 1920) 45 ff. 2 ) Schrä¬
der Reallex. 394; Pauly-Wissowa Suppl.
3, 1164 ff. 3 ) Grimm Myth. 2, 629. 631; 3, 228.
4 ) Vgl. Sartori a. a. O. 3, 1. 5 ) Schröder
Rigveda 186. 206 ff. = Waschnitius Perht
140 f. 6 ) Schräder Reallex. 395 f.; Plannen-
schmid Erntefeste 311. 7 ) Grimm Myth. 2,
•631 f. 8 ) Schräder Reallex. 394 f. u. Sprach¬
vergleichung 2, 224 ff.; Pauly-Wissowa Suppl.
3, 1168 f. 9 ) Schräder Reallex. 396. 10 ) Grimm
Myth. 3, 228 u. RA. 2, 449. n ) Schräder
Sprachvergleichung 2, 239. 12 ) Schräder
Reallex. 396. 13 ) Hoops Reallex. 4, 584. 14 )
Pauly-Wissowa Suppl. 3, 1170. 15 ) Schräder
Reallex. 397. 16 ) Ebd.; Pfeiffer Sternglaube 7.
1? ) Frazer 7, 307 ff. 18 ) Grimm Myth. 2, 635 f.;
3, 232; Schräder Reallex. 397.
2. Schon im alten Orient werden die J.,
die man in Beziehung zu den vier Winden
und den vier Himmelsrichtungen setzte,
wie andere Zeitabschnitte, personifi¬
ziert und vergöttert 19 ). Diese An¬
betung der Zeit und ihrer Teile ist viel¬
fach aus dem Einfluß der Astrologie zu
erklären 20 ). Aber auch das Wirtschafts¬
leben spielt stark herein. So opferten
die Athener zur Abwehr der Dürre und
Herbeiführung eines warmen Regens den
J.; dabei brachten sie gekochte und nicht
gebratene Speisen dar, indem sie das
Wasser im Kochtopf mit dem ersehnten
Regenwasser in magischen Zusammen¬
hang setzten 21 ).
Wie der einfache Mensch im Wechsel
von Tag und Nacht nicht selten einen
Vorgang sieht, bei dem zuerst die Sonne
die Sterne verschlingt, um dann selbst
wieder zu Sternen zertrümmert zu wer¬
den, so sieht er im Wechsel der J.
ein ähnliches Bild. Die alten Dämonen
und Götter müssen zu Beginn des Winters
zugrunde gehen, um im Frühling wieder
neu zu erstehen 22 ). Und wie man so im
Wechsel der J. Leben und Tod von
Göttern erblickte, so suchte man durch
entsprechende Zauberhandlungen, die sich
im Kult zu Jahreszeitspielen ent¬
wickeln konnten, der guten Jahreszeit
beizustehen und die böse abzuwehren
oder sinnbildlich zu vernichten 23 ). So
wurden antike Feste (Kybele, Osiris,
Adonis, Attis u. a.) zu dramatischen
Darstellungen des Todes und der Aufer¬
stehung der Jahreszeitengötter 24 ),
wozu der Tod und die Auferstehung
Christi zur Osterzeit das christliche Sei¬
tenstück bildet. Dieses im Jahre sich voll¬
ziehende Schicksal der ursprünglichen
Vegetationsgötter wurde schon bei den
Babyloniern auf das menschliche Leben
und seine Erneuerung in einer jenseitigen
Welt übertragen und so aus dem Jahres¬
mythus ein Unsterblichkeitsmy¬
thus 25 ). Der J.mythus findet seine
Darstellung auch in der Vernichtung
oder Vertreibung des alten Jahres, z. B.
des Mamurius Veturius im alten Rom 26 ).
Die gleiche Personifikation der J.
findet sich in der deutschen Volks- und
Dichtersprache 27 ); dann besonders im
deutschen J.mythus, den der Balder¬
mythus (s. d.) und namentlich Sagen
von Holda (s. d.) oder der weißen Frau
615
Jahrmarkt
616
(s. d.) in sich schließen, und in Fest-
bräuchen (s.Todaustragen,Sommertag),
bei welchen auch der Kampf der J. 2S )
dramatisch dargestellt wird (s. Sommer u.
Winter). Winter und Sommer erscheinen
besonders im nordischen Mythus als böse
und gute Riesen 29 ), wie etwa in dem
Eddalied der W 7 interriese Thrym 30 ), der
aber besser als eine Person ohne natursym¬
bolische Bedeutung aufzufassen ist, wie
das ganze Lied als volkstümlich gewor¬
denes Kunstgedicht 31 ). Es geht überhaupt
zu weit, wenn man in jeder Dichtung,
die einen Kampf enthält, einen J.my-
thus oder Tag- und Nachtmythus
erblickt 32 ). Eine Personifikation erfuhren
die J. auch im Märchen 33 ). Als
Familiennamen kommen vor Sommer,
Herbst und Winter 34 ).
Im gelehrten Aberglauben spielt
eine Rolle das bei dem Astrologen An-
tiochos von Athen (2. Jh. n. Chr.) zu¬
erst belegte System einer Zusammenstel¬
lung der Tierkreiszeichen mit den J.,
dem Lebensalter der Menschen, den Ele¬
menten, den Windrichtungen, den Qua¬
litäten (warm, trocken u. a.), den Ag¬
gregatzuständen (flüssig, dicht u, a.), den
Säften, Temperamenten und Farben in der
Weise, daß die Tierkreiszeichen Widder,
Stier und Zwillinge, weil die Sonne im
Frühling in das Zeichen des Widders
tritt, dem Frühling, der Kindheit, Luft
usw. entsprechen, Krebs, Löwe und Jung¬
frau dem Sommer, der Jugend, dem Feu¬
er usw., Wage, Skorpion und Schütze
dem Herbst, der Mannheit, Erde usw.,
Steinbock, Wassermann und Fische dem
Winter, Alter, Wasser usw. 3S ). Die
arabischen Astrologen haben dieses Sy¬
stem noch weiter ausgebildet 36 ). Es
hat mit der Volksmedizin besonders dar¬
in einen Zusammenhang, daß dem Früh¬
ling von den Naturkräften die gärende
entspricht, woraus sich die Notwendigkeit
der Frühlingskuren ergibt 37 ).
Nach deutschem Volksglauben richtet
sich das Wetter der J. nach bestimmten
Tagen, so in Oldenburg nach dem Wetter
an den ersten vier Freitagen in den Fasten,
die Fastnachtswoche mitgerechnet 38 );
im Böhmerwald richtet sich nach den
ersten drei Märztagen das Wetter des
Frühlings, Sommers und Herbstes 39 ).
39 ) Cumont Orient. Rel. (1910) 208. 20 ) Ebd.
316 36 . Vgl. Eisler Weltenmantel 518. 21 ) Frazer
i, 310. 22 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 91.
23 ) Frazer 5, 1 ff. Vgl. o. Bd. 1, 447; Eis¬
ler Weltenmantel 2Ö4 8 . 514. 24 } Vgl. Gennep
Rites de passage 257. 25 ) Wundt Mythus u. Re¬
ligion 3, 182 f. 212. 380t. 28 ) Frazer 9, 229^.
Vgl. HessBl. 26 (1927), 18 ff. 27 ) Grimm
Myth. 2, 633 ff. 2P ) Ebd. 2, 635 ff. 650 ff.; 3, 232.
29 ) Ebd. 2, 632 f. 30 ) Meyer Germ. Myth. 151. 31 )
Golther Myth. 266 f. Vgl. Helm Religgesch.
1, 200 71 . 32 ) Vgl. Helm a. a. O. 1, 58. 33 ) Bolte-
Pollvka 1, 105. 107. 34 ) A. Heintze Die
deutschen Familiennamen 1 (Halle 1922) 52.
36 ) Boll Sternglaube 65. 36 ) F. H. Dieterici
Die Propaedeutik der Araber (Berlin 1865)
141 ff. 37 ) Näheres nach Dieterici bei St. Stein-
lein Astrologie, Sexyal-Krankheiten u. Aber¬
glaube 2 (München u. Leipzig 1915), 163 f.
Vgl. Eisler Weltenmantel 451 f. u. bes. o. Bd.
1,807 ff. (Bad § 6. Jahreszeiten). 38 ) Stracker-
jan 2, 66 Nr. 308 = Wuttke 84 § 9S. 30 )
Wäldlerkalender 4 (Obcrplan 1926), 103.
Jungbauer.
Jahrmarkt. Schon im Altertum war
mit den religiösen Festen ein J. aufs
engste verbunden. Er hatte ursprüng¬
lich den Zweck, die Feiernden mit den
für die Opfer und sonstigen Bedürfnisse
nötigen Dingen zu versehen, was auch
heute noch zum Teil bei dem J. vor Wall¬
fahrtskirchen der Fall ist. Beim Isis-
heiligtum in der Nähe von Titharea bei
Delphi wurde am Vormittag des dritten
Festtages ein J. abgehalten, an dem
Sklaven, Vieh, Kleider, goldene und sil¬
berne Gegenstände verkauft wurden x ).
Ebenso kann man annehmen, daß an¬
läßlich der großen Jahresopfer (s. d.)
und Jahresfeste der heidnischen Ger¬
manen stets auch ein J. stattfand, der
mehrere Tage dauerte und so als Vor¬
läufer der später im Anschluß an kirch¬
liche Feste entstandenen Messen (s.
d.) angesehen werden kann.
Der J. hat sich nicht selten aus einem
altheidnischen Herbstfest (s. d.) oder
Totenfest (s. d.) entwickelt 2 ), wobei
ursprünglich wohl nur Lichter zum An¬
zünden auf den Gräbern verkauft wur¬
den. Auf solche altheidnische Feste und
Bräuche gehen häufig auch Kirchweih¬
feste 3 ) (s. d.) und Wallfahrten 4 )
(s. d.) zurück, die ebenfalls stets mit
r
617
J ahrtag
6l8
J3
k
5
einem J. verbunden sind. Andrerseits
konnte sich aus einem J. ein großes
Volksfest 5 ) entwickeln. Lehrreich ist
in dieser Hinsicht das ,,Kät“ genannte
Volksfest in Annaberg im Erzgebirge,
das auf die mit einem J. verknüpfte
katholische Feier des Trinitatisfestes zu¬
rückgeht, noch früher aber eine Fried¬
hof sfeier gewesen ist 6 ). Auf die alte Zu¬
sammengehörigkeit der jährlichen Volks¬
versammlungen und Gerichtstage
weist der Brauch, der früher bei dem
in Elten am Niederrhein zu St. Veit
mehrere Tage lang gefeierten J. üblich
war, indem nämlich hiebei ein klevischer
Kommissar das St. Vit-Gericht abhalten
mußte 7 ).
Im Böhmerwald bezeichnet man mit
dem Wort J. oder Markt auch das Ge¬
schenk, welches man am J. für Ange¬
hörige, Dienstboten, denen ein solches
meist vertragsgemäß gebührt, oder für die
Geliebte kauft. Je nachdem ein männ¬
licher oder weiblicher Heiliger an dem
Tage gefeiert wird, unterscheidet man
einen Buben- oder Mädchenmarkt.
An einem Bubenmarkt, z. B. Michaelis,
müssen die Burschen den Mädchen ei¬
nen ,,Markt“ kaufen, an einem Mädchen¬
markt, z. B. Margareta, die Mädchen den
Burschen 8 ).
*) Nilsson Griech. Feste 154b 2 ) Vgl. Frazer
4, 101 f. 3 ) Reinsberg Festjahr 164b 299s.;
Pfannenschmid Erntefeste 532 f. 560. 4 ) Sar-
tori Sitte u. Brauch 3, 216. 5 ) Reinsberg
Festjahr 263 ff.; Sartori a. a. O. 3, 252. 257.
8 ) John Erzgebirge 203 f.; ZfVk. 5 (1895),
454 f. 7 ) Sartori a. a. O. 3, 221 Anm. 3.
8 ) Verf. Jungbauer.
Jahrtag. Mit diesem Worte oder dem
allgemeineren Jahrestag oder mit
Jahr zeit wird der Tag bezeichnet, an
dem sich irgendein Ereignis jährt, der
also als ein Gedenktag erscheint 1 ). Im
besondern bezeichnet es gleich dem
römischen und kirchlichen Anniver¬
sarium die Wiederkehr des Todestages
der Eltern oder Angehöriger und seine
festliche Begehung.
Nach altem Glauben kehrt am J. der
Tote wieder 2 ), wie auch sonst an Toten¬
gedächtnistagen 3 ), besonders der auf ge¬
waltsame Weise ums Leben gekommene.
So erneuert sich alljährlich am J. in
einem Gasthofe zu Pausa der Zweikampf
zweier Jünglinge, die sich dort einst
gegenseitig erschlugen 4 ). Dieses Motiv
von der Wiederkehr des Toten am J. ist
besonders stark ausgeprägt im franzö¬
sischen Volksglauben 5 ), wo sich der J.
auch durch andere Anzeichen als durch
die persönliche Wiederkehr des Toten
kundgibt 6 ), zuweilen auch nur alle hun¬
dert Jahre, indem sich dann z. B. der
zu Stein Verwandelte bewegt 7 ). Auch
versunkene Glocken läuten am J.
des Versinkens 8 ).
Die Feier des J.es eines Toten er¬
folgt noch heute bei den Tscheremissen
in der Weise, daß alle Kleider des Ver¬
storbenen seinem Lieblingspferd auf den
Rücken gelegt und dieses dann dreimal
um das Grab geführt wird. Dazu wird
eine dreiarmige Kerze am Grabe ange¬
zündet und ein dünner Kuchen zerteilt
und dem Toten gesagt, daß heute sein
J. sei und ihm deshalb das Pferd ge¬
schlachtet werde. Das Letztere geschieht
auch gleich nach der Rückkehr in den Hof,
und das Fleisch wird zum Gedenkmahl
zubereitet. Beim Opfer sprechen die
Hausbewohner zu dem Toten: ,,Iß Ku¬
chen und Fleisch! Wir haben dein Pferd
nicht geschirrt, wir sind nirgends damit
gefahren, nimm es jetzt zu dir“. Am
Ende des Opferfestes werden die Gebeine
des Pferdes zu dem Grabe getragen, der
Schädel wird an einem Baum aufgehängt,
das Fell aber wird für die Waisen und
# t
Armen verkauft 9 ). Ähnlich müssen wir
uns die gleiche Feier bei den alten Ger¬
manen vorstellen, die, wie die Feier
des 3., 7. und 30. Tages nach dem Tode
auch mit Trinken und Singen verbunden
war, so daß von kirchlicher Seite strenge
Verbote dagegen erlassen wurden 10 ).
Gegenwärtig besucht man am J.,
wenigstens in den ersten Jahren nach dem
Tode oder so lange noch nähere Ange¬
hörige leben, das Grab, schmückt es,
zündet ein Licht darauf an und läßt eine
Messe lesen, so z. B. im Böhmerwald
und in Nordböhmen 11 ). An dieser To¬
tenmesse beteiligen sich in der Iglauer
Sprachinsel auch Verwandte und Be-
Jakobsleiter—Jakobus der Ältere
kannte 12 ). In W estböhmen zündet man am
J. in der Stube vor dem Kruzifix ein Öl¬
lämpchen an 13 ). Die Juden, welche an
jedem J. ihrer verstorbenen Verwandten
von einem Abend bis zum andern ein Licht
anstecken, haben eigens dazu hergestelite
Kerzen, die gerade 24 Stunden lang
brennen 14 ).
Eine Art Jahresopfer (s. d.) stellt
dar, wenn früher am J. auch Opfer (Wein,
Brot, Mehl u. a.) auf den Altar gelegt
und die Armen beschenkt wurden 15 ),
was sich zuweilen bei vermögenden Per¬
sonen zu großen, dauernden Stiftun¬
gen steigerte. Dann wurde mit den
Worten Seelgeräte, Jahrzeit oder Anni¬
versarium alles das bezeichnet, was all¬
jährlich am Stiftungs- oder Sterbetage
zum Seelenheile des Verstorbenen ver¬
ausgabt wurde, also die Leistung für See¬
lenmessen, für Seelbäder, wie sie be¬
sonders in München lange im Brauche
waren, für Verteilung von Lebensmitteln
an Arme oder deren Ausspeisung, die im
alten Nürnberg in „ Seelenhäuser'“ ge¬
nannten Genossenschaftshäusern statt -
fand, für die Beköstigung der Geist¬
lichen 16 ) u. a. Eine derartige große J.-
Stiftung vermachte z. B. der Pfalzgraf
Rudolf (um 1209—1212) dem Stifte
Marchtal 17 ). Die großartigste aber ist
der sagenumwobene sogenannte Calw er
Jahrtag auf der Wurmlinger Berg¬
kapelle, den ein Graf Anselm von Calw
schon im 10. Jh. gestiftet haben soll, der
aber wahrscheinlich mit alten Ernten- und
Totenopfem der Herbstzeit zusammen¬
hängt 18 ).
Der J. spielt auch im Schatzglauben
eine Rolle, da der Zugang zu manchen
Schätzen alljährlich nur an einem be¬
stimmten Tage offen ist (s. Jahresfrist).
Am J. stirbt zuweilen der, welcher eine
arme Seele erlöst hat 19 ). Endlich
holt der Teufel mitunter am J., wenn
die Zeit vorbei ist, um Mitternacht sein
Opfer 20 ).
Neuere Forschungen scheinen zu er¬
geben, daß dem J. beim einzelnen Men¬
schen und innerhalb des engeren Ver¬
wandtenkreises tatsächlich eine beson¬
dere Bedeutung, namentlich in gesund¬
heitlicher Beziehung, zukommt 21 ).
Das Wort J. hat zuweilen die Bedeu¬
tung von Jahresversammlung, z.
B. der Handwerker, so in dem bekannten
volkstümlichen Spott lied vom J. der
Schneider 22 ) oder der Bauern 23 ).
1 ) DWb. 4, 2 (1877), 2240. 2248. 2 ) Schön¬
werth Oberpfalz i, 281 Nr. 3 = Wuttke 470;
Jungbauer Böhmerwald 165 h; Peuckert
Schlesien 118. 148; Zaunert Rheinland 2, 217;
vgl. 1, 252. 3 ) Schräder Reallex. 31. 4 ) Köhler
Voigtland 524; Meiche Sagen 18 Nr. 20.
5 ) Sebillot Folk-Lore 2, 426. 446 t.; 3, 250:4, 197.
267. 302 f. 6 ) Ebd. 1, 320; 2, 190; 4, 385. 7 ) Ebd.
1, 305. 8 ) Ebd. 2, 360 f.; REthn. 6, 582; 7, 754
u. Curtze Waldeck 234 = ZfVk. 7 (1897), 117.
9 ) FFC. Nr. 61, 36 f. 10 ) Schräder Reallex. 30.
n ) Verf. 12 ) ZfVk. 6 (1896), 410. l3 ) John
Westböhmen 179 = ZfVk. 17 (1907), 382. Ge¬
denkfeiern am J. erwähnt Hoff mann-Krayer
49 -
3 * 2 -
Meyer Baden 600. 1Ä ) Rochholz Glaube 1,
308 f. 17 ) Birlinger Volksth. 2, 418 f. 18 ) Ebd.
2, 412 ff. 461 ff.; Birlinger Aus Schwaben 2,
164; Rochholz Glaube 1, 311 ff.; Alemannia 19,
49 ff.; Kapff Schwaben 135. 1# ) Jungbauer
Böhmerwald 233. 20 )Gloning Oberösterreich 53.
21 ) W. Fließ Das Jahr im Lebendigen u. bes.
Der Ablauf des Lebens 2 (Leipzig u. Wien 1923)
68 ff. 22 ) Vgl. Jungbauer Bibliogr. 196 f.
Nr. 1272. 23 ) DG. 17 (191b), 57 f. Weiterer
Stoff zum J. ebd. 4 (1902), 168; 5 (1903), 26.
46 ff. 122. Jungbauer.
14 ) Rochholz Glaube 1, 166 f. = ZfVk. 17,
15 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 136 f.;
Jakobsleiter, die geheimnisvolle zum
Himmel reichende Leiter, auf der Ja¬
kob der Patriarch im Traume die Engel
auf,- und absteigen sah, symbolisiert als
eine Stufenfolge von fünfzehn Tugenden,
zusammengehalten durch den Doppel¬
balken der Liebe, dargestellt im Hortus
deliciarum der Herrad von Landsperg
(Äbtissin 1167—1195), übertragen auf
die Altarstufen 1 ), auch Jakobstraße, Him¬
melsleiter-Straße genannt, die sonst die
Milchstraße heißt 2 ).
*) Sauer Symbolik des Kirchengebäudes 164.
246. 2 ) Meier Schwaben 1, 236. Wrede.
Jakobsstraße, Pilgerstraße, infolge Mi߬
verstehens auch für die Milchstraße, s.
\
Jakobus (Maior) 1 und Anm. 7, des¬
gleichen infolge Übertragung, s. Jakobs¬
leiter. Wrede.
Jakobus der Ältere (Maior), Apostel,
einer der ersten Jünger, die sich Jesus
anschlossen, nebst seinem Bruder, dem
Jakobus der Ältere
622
Evangelisten Johannes, ein treuer Be¬
gleiter des Herrn und voll feurigen
Eifers in der Verbreitung seiner Lehre,
weshalb auch beide vom Heiland die
Kraftvollen, die Söhne des „Donners“
genannt wurden (Markus 3,17) la ), auch der
erste Apostel, der noch vor Petrus umOstern
42 (?) durch Herodes Agrippa I. den
Märtyrertod erlitt. Fest 25. Juli lb ).
Patron der Spanier, deren Feldgeschrei
sein Name (St. Jago) wurde, bereits im
9. Jh. in Compostela in der spanischen
Provinz Galicien sehr verehrt, daher
Santiago (Sankt Jakob) de Compostela.
Hierhin sollen die Überreste des Heiligen
in der Zeit zwischen dem 7. und 9. Jh.
aus Jerusalem übertragen und an der
Stelle, wo jetzt die nach ihm benannte
Kirche San Jago in der Stadt Compostela
steht, entdeckt worden sein. Die Meinung,
J. habe in Spanien das Evangelium ge¬
predigt, ist irrig 2 ). Auf deutschem Boden
wirkten die Schottenklöster für seinen
Kult. Die ältesten Kölner Festkalender
führen ihn bereits für das 9.—10. Jh.
auf 3 ).
la ) Strack-Billerbeck Kommentar 2, 5.
**>) AA. SS. Juli VI, 69; Korth Die Kirchen¬
patrone im Erzbistum Köln 91 (Quellen und
Literatur reichlich); Künstle Ikonographie 316.
2 ) Kellner Heortologie 219. 3 ) Zilliken Kölner
Festkalender 86.
i. J. wurde Patron der Pilger. Zahl¬
reiche zu seinen Ehren geweihte Kirchen
und Kapellen in großen Städten und an
wichtigen Heerstraßen 4 ) und nicht we¬
niger zahlreiche Statuen und Devotions¬
gemälde bezeugen noch heute die große
Verehrung, deren er sich als Schutzhei¬
liger früher unter den Wallfahrern er¬
freute. Besonders unter dem Einfluß
der spanischen Tradition erscheint der
Heilige seit dem 12. Jh. fast regelmäßig
im Pilgergewand der Wallfahrer nach
Santiago de Compostela in einem Rock
mit langem Kragen und mit Stab, Reise¬
tasche, Wasserflasche und Pilgermuschel
auf der Brust oder am Hut. Mitunter
trägt er auch noch das Schwert, weil er
enthauptet wurde. Aber seit etwa 1300 tritt
an dessen Stelle der lange Pilgerstab,
der dann das Attribut des Apostels
wird 5 ). Infolge der Pilgerfahrten nach
Santiago, das seit dem 10. Jh. ein immer
mehr erstrebtes Pilgerziel und bald nächst
Rom und Jerusalem besuchtester Wall¬
fahrtsort wurde, bildeten sich in fast
allen Teilen des Abendlandes, besonders
auch in Deutschland, nach dem Hei¬
ligen benannte Bruderschaften, auf deren
Stiftungen viele J.bilder und -kapellen
zurückführen. Unter den Mitgliedern
dieser Bruderschaften, den J.brüdern,
entstanden viele J.lieder (Wallfahrts¬
oder Pilgerlieder) und J.legenden mit
Berichten über J.wunder auf der Pilger¬
fahrt, z. B. die seltsame Pilgerlegende
von dem wunderbaren Galgen und den
wieder lebendig gewordenen Hühnern,
vornehmlich in Deutschland und im
nördlichen Frankreich verbreitet, sowie
die wunderreiche Sage von den beiden
treuen J.brüdern, im 14. Jh. durch Kunz
Kistener literarisch gestaltet 6 ). Von den
bekannten J.liedern besingt das aus dem
Ende des 15. Jh. überlieferte Lied ,,Wer
das elent bawen wel, der heb sich auf und
sei mein gesel w r ol auf sant Jacobs Stra¬
ßen“ 7 ) die beschwerliche und oft gefähr¬
liche Fahrt der deutschen Pilger 8 ).
4 ) Kampschulte Die westfäl. Kirchen-
Patrozinien 149; Samson Die Heiligen als
Kirchenpatrone 221; Hofier Waldkult 91.
5 ) Künstle a. a. O. 317. 6 ) Euling Die Jakobs¬
brüder (German. Abhandlungen XVI). 7 ) Die
Pilgerstraße durch Frankreich nach Galicien,
durch dessen Vermengung mit Galaxia oder
Galaxias (via lactea, Milchstraße) man die
Milchstraße selbst auch St. J.straße nannte.
Du Cange s. v. Galaxia; Grimm Myth. 3, 106;
H. Rot zier Die Benennungen der Milchstraße
im Französischen. Diss. Basel (Erlangen 1913),
13 ff.; Sepp Sagenschatz 2 669; Lütolf Sagen 386,
s. auch Jakobsleiter. 8 ) Uhland Alte hoch - u.
niederdeutsche Volkslieder Nr. 302; Bäumker Das
kath. deutsche Kirchenlied 2, 203; Liliencron
Deutsches Leben 388. Über ,,St. J.fahrten und St.
J.legenden im Mittelalter" s. auch L. Korth
Mittagsgespenster. Deutsche Studien - u. Wander¬
bilder, herausgeg. von Karl Hoeber. Köln 1915.
2. Der Heilige soll zu den Brunnen¬
oder Wasserheiligen gehören, deren Feier¬
tage alle in die Juni- oder Julimonate
fallen, und dementsprechend sollen J.-
brunnen Heilbrunnen sein 9 ). Ein wun¬
dertätiger St. J.born wird bei St. Jacob
unfernLeutenberg (Voigtland) erwähnt 10 ).
Über J. als Patron der Bauern und
Hirten s. unter den folgenden Abschnitten.
Jakobus der Ältere
626
623
Jakobus der Ältere
•) Nach Höfler Waldkult 19. 21.
Voigtland 255 Nr. 641.
lü ) Eisei
3. Die wenigstens in der früheren Zeit
vorzüglich auf dem Pilgerpatronat be¬
ruhende große Volkstümlichkeit des Hei¬
ligen zeigt sich noch besonders in der Vor¬
liebe des Volkes, seinen Namen als Tauf¬
namen zu verwenden 11 ) oder ihn dem
Taufnamen beizufügen I2 ). Der Name
wurde infolgedessen einer der gebräuch¬
lichsten männlichen Eigennamen. Er
wurde und wird auch ungemein häufig
in appellativer Bedeutung 13 ) verwandt,
so in Kinderreimen, Liedern, Schelten,
Neckrufen, in der Gauner- und Kunden¬
sprache, auch übertragen auf Sachen 14 ).
n ) Schönwerth Oberpfalz 1, 165 Nr. 14;
Nied Heilige 42. 12 ) Höhn Geburt 276.
13 ) Wackernagel Kleinere Schriften 3, 162;
Rochholz Sagen 1, 353; Schweizld. 3, 26.
14 ) Meisinger Hinz und Kunz 40 (130).
4. Der J.tag galt und gilt vielfach noch
als einer der wichtigsten Lostage, aus dem
man auf das Gedeihen der Früchte und
auf das Wetter vorzüglich des kommenden
Winters schließt. Schon drei Tage vor¬
her soll das Wetter schön sein, damit
das Korn , »dauerhaft“ wird. Ebenso
am J.tage selbst; denn: „Ist es hell auf
J.tag, viel Früchte man sich versprechen
mag“. In einigen Gegenden Krains
herrscht(e) der Glaube, Sonnenschein am
J.tage bewirke, daß die Linsen recht ge¬
deihen würden 15 ). „Hat's zu J. Wind,
so vird kein Grummet“ und umgekehrt 16 ).
Bei Eliwangen (Schwaben) sah man am
Feste des Heiligen in den Brunnen an der
Kirchhofsmauer und schloß aus dem
tiefen oder hohen Wasserstande auf ein
teures oder wohlfeiles Jahr 17 ). Man
laubte, daß Regen am J.tage (J.regen)
3m Getreide und den Eicheln 18 ) schade,
aber einen milden Winter verspreche.
Anderseits folgt, so glaubt man, auf einen
schönen und warmen J.tag ein strenger,
kalter Winter 19 ). „Ist’s zu Jakobi hell
und warm, macht zu Weihnacht der Ofen
arm“ 20 ). Viel weiße Wolken am Himmel
auf St. J. bedeuten viel Schnee im Win¬
ter: An J. „blüht“ der Schnee (Redens¬
densart alter Leute) 21 ). Auf zahlreiche
andere an diesen Tag geknüpfte Bauern¬
regeln und Volksmeinungen über zu-
624
künftige Witterung sei hier nur hinge¬
wiesen 22 ).
15 ) ZföVk. 4 (1898), 45. 16 ) John West¬
böhmen 91. 238. 17 ) Meier Schwaben 2, 433.
18 ) Andree Braunschweig 410. 19 ) Kück
Wetterglaube 75. 20 ) John a. a. O. 91. 21 ) Schu¬
lenburg Wend. Volkstum 155. 22 ) Fogel
Pennsylvania 232 Nr. 1192; Lütolf Sagen 558
Nr. 585; Rosegger Steiermark 66; Rochholz
Naturmythen 6; Bartsch Mecklenburg 2, 294;
ZfVk. 24 (1914), 59; Wettstein Disentis 165.
5. Den J.tag beherrschen infolge seiner
ihm zugemessenen einschneidenden Be¬
deutung mancherlei Bräuche und Vor¬
schriften. Nach einer Volkssage hat der
hl. J. Bauern, als diese den Aposteln
beim Gang durch ein Kornfeld den
Hut pfändeten, gelobt, ihr Korn¬
patron zu sein, wenn sie ihm seinen Hut
ließen. Seitdem sei J. Kornpatron der
Bauern, und kein anderer Heiliger als er
trage einen Hut 23 ). Diese ohne Zweifel
ätiologische Sage knüpft an den Glauben
an, daß J. den Fruchtsegen bringt, wes¬
halb man seinen Tag oder die Zeit um
diesen als Beginn des ersten Kornschnittes
wählte 24 ) (s. auch Ernte § 3). In manchen
Gegenden galt es geradezu als schimpf¬
lich, vor J. zu mähen, da dieser Tag als
Glückstag für die Ernte angesehen wurde.
Der Wunsch, sich um J. des neuen Ernte¬
segens zu erfreuen, beruht auf der Tat¬
sache, daß um diese Zeit die alten Vor¬
räte zur Neige gehen oder verbraucht
sind. St. J. bringt Brot oder Hungersnot.
Die Sehnsucht nach dem Neuen beseelt
Menschen und Tiere, und man begleitet
die Zeit des Überganges mit launigen
Sprüchen 25 ). Altgeübter Brauch wollte
und will es, daß man am J.tage die ersten
Kartoffeln aus der Erde gräbt 26 ), die da¬
her Jakobi-Erdäpfel heißen, oder jetzt
zum ersten Male neue (gekaufte) Kar¬
toffeln auf den Tisch bringt 27 ), da solche
vor J. nicht zuträglich sein sollen. Dem
Kraut widmet man um diese Zeit be¬
sondere Aufmerksamkeit 28 ). Nach einer
alten Vorschrift soll man am J.tage
den (Weiß-)Kohl behacken. Wo das
Kraut (Kohl) nicht vor J. gehackt wird,
bekommt es nicht viel Häupter 29 ). Soll
das Kraut recht dick werden, so nimmt
man am J.tage zwischen n und 12 Uhr
625
mittags von jeder Pflanze ein Blatt und
spricht: „Jakob, Dickkob, werd' so dick
wie mein Kob, im Namen“ usw. 30 ). In
.ähnlicher zauberischer Absicht verfuhren
die Frauen auf der Rabenau bei Gießen,
wenn sie am J.tage das erste Gemüse
holten, an eine große Kohlkopf pflanze
klopften und sprachen: „Jökkob! Dek-
kob! Hoeber (Häupter) wäi mein Kob!
Blerrer (Blätter) wäi mein Scherze
(Schürze)! Strink (Strünke) wäi mein
Böen (Bein)“ 31 )! An der Werra und vor
der Rhön gehen die Bauern am J.tage
durch ihre Krautäcker, um den J. hin¬
auszujagen (und den Barthel hineinzu¬
tragen) 32 ). Um die Rüben stark und
kräftig werden zu lassen, gilt im Basel¬
land die Vorschrift: „Vor J. (gesät gibt)
Rüebe, no (J.) Rüebli“ (nachher nur
Rübchen) 33 ). Gern holt(e) man an
diesem Tage Beeren und Wurzeln,
in Thüringen und anderswo die soge¬
nannten Joksbeeren (Jakobsbeeren),
schwarze Beeren (Vaccinium Myrtillus),
die am J.tage genossen gegen Flüsse
(Darmkatarrh) helfen 34 ). In Schwaben
schneidet man dann die Wurzel der
weißblühenden Wegwarte, einer wilden
Zichorie, die die Kraft haben soll,
Dornen oder anderes aus dem Fleisch
(Haut) zu treiben, auch unsichtbar, stich-
und kugelfest zu machen und wie die
Springwurzel Türen und Schlösser zu
öffnen. Man soll sie um Mitternacht oder
am J.tage vormittags zwischen 11 und
12 Uhr unbeschrien schneiden 35 ). An¬
derswo, in Welzheim (Württemberg), wird
der J.tag benutzt, um ein Heilmittel „fürs
Kolik“ herzustellen. Die Vorschrift lautet:
„In einen Schoppen Fruchtbranntwein
tut man am J.tag 3 Nuß vom Baum her¬
unterbrechen und tut aus einer jeden
Nuß 4 Schnitz machen, tut dann die 12
Schnitz in den Branntwein und läßt ihn
zweimal 24 Stunden stehen, dann läßt
man ihn von den Schnitz laufen“ 36 ). In
der Steckener Gegend (Schlesien) und im
Böhmischen ist (war?) im Volke die Mei¬
nung sehr verbreitet, man könne mittels
des „Jakobitaues“ von den Kühen viel
Milch haben. Die Person, die den Tau
abstreift und das Mittel anwendet, nennt
man Tauhexe 37 ). Früher soll in einigen
deutschen Landschaften (Schlesien, Böh¬
men usw.) der Brauch geherrscht haben,
am J.tage einen Bock mit vergoldeten
Hörnern und mit Bändern geschmückt
von einem Turm herabzustoßen und ihm
unten das Blut „abzustechen“ 38 ). Dieses
galt getrocknet als kräftiges Heilmittel
gegen vielerlei Krankheiten 39 ). Auch
die Witterung suchte man mittels ma¬
gischen Zaubers wunschgemäß zu ge¬
stalten. Eine Vorschrift in Schwaben
lautete: „Regnet es an J., so muß
der Bäcker mit dem Mehl laufen; wenn
es aber nicht regnet, mit dem Wasser.
Denn im ersten Fall schießt die neue
Frucht nicht, im zweiten Fall umge¬
kehrt“ 40 ). Man hält diese wunderliche
Vorschrift für einen ursprünglichen Regen¬
zauber 41 ). Am J.tage mußte in Tirol
(Pinzgau) um den Preis des Stärksten
gerauft werden 42 ); geschah dies nicht,
so fiel, wie man glaubte, im nächsten
; Winter sehr wenig Schnee, was als schäd¬
lich gilt 43 ).
23 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 301; Roch¬
holz Naturmythen 209. 24 ) ZfVk. 12 (1902),
337 (Schlesien); Drechsler 1, 148; Tetzner
Slaven 76; John Westböhmen 90; Stracker-
jan 2, 93. 125 (361); Fontaine Luxemburg 93;
ZfVk. 3 (1893), 278; Sartori Westfalen 116;
Kück YV etterglaube 76; Alemannia 24, 153
(Jakob un Anne is Acre in alle Lanne); Eber¬
hardt Landwirtschaft 5. 25 ) John a. a. O.
91; Knoop Hinterpommern 17; Kück a. a. O .
26 ) John a. a. O. 90; Schramek Böh¬
merwold 160. 27 ) Köhler Voigtland 177*
28 ) John a. a. O. 90; Mülhause 66. 2e ) Drechs¬
ler 2, 55. 30 ) Wuttke 425 § 665. 31 ) Reins¬
berg Festjahr 214. 32 ) Witzschel Thüringen 2,
217 (27). 33 ) SAVk. 12 (1908), 16. 34 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 267; Schramek Böhmer¬
wald 160. 35 ) Meier Schwaben 1, 238—239.
36 ) Höhn Volksheilkunde 1, 110. 37 ) Kühn au
Sagen 3, 74. 38 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 239.
39 ) Strack Blut 56. 40 ) Birlinger Aus Schwaben
I, 387. 41 ) Gesemann Regenzauber 96. 42 ) Ge¬
ra mb Brauchtum 67. 43 ) Vernaleken Mythen
362.
6 . Im Wirtschafts- und Volksleben be¬
sonders der Alpenländer bildet (e) der
J. tag einen wichtigen Einschnitt. Viel¬
fach wird an ihm das Gesinde (Knechte,
Mägde, Hirten) wieder neu gedungen,
indem man ihm das Haft(l)geld zahlt
I und es bewirtet. Auch wird (oder wurde)
Ö 27
Jakobus der Ältere
628
das Gesinde gewechselt, so daß der Tag
zu den Zieh- oder Wechseltagen oder Ge¬
sindeterminen gehört(e) 44 ). Desgleichen
stellte man in Steiermark früher bei den
Sensenhämmem auch neue Schmiede
ein 45 ). Wo Körnerbau betrieben wird,
gestaltete man im Hinblick auf die be¬
vorstehende Ernte, also zu recht ersicht¬
lichem Zweck, den Tag zum Fest für das
Gesinde. Man gab den Leuten ein Trink¬
geld, das sogenannte Stärkegeld oder die
Stärketrinke (Umgegend von Memmin¬
gen, Allgäu), in Westböhmen die Jako¬
bizech genannt 46 ). Für dieses Geld sollten
sie die Jackeisstärke trinken, damit sie
beim Komschneiden nicht in den Halmen
stecken blieben. Wie das Gesinde tat
sich auch der Bauer mit Schmausen und
Trinken einen guten Tag an, und die Le¬
digen endeten ihn abends mit Tanzen. Da¬
zu dürfte wohl der im Masurenland geübte
Brauch stimmen, am J.tag alle Arbeit
ruhen zu lassen und schon am Sonntag
vorher ein Erntefest vor der Ernte zu
feiern 47 ). Auch in Ostpreußen soll
(sollte?) man am J.tage nicht mähen,
vielmehr die Arbeit ruhen lassen 48 ).
Auf den Almen (Allgäu, Salzburger Ge¬
birgsgegenden usw.) gilt der Tag als Höhe¬
punkt der Milchwirtschaft. Man sagt
dort, daß um J. gewöhnlich das tägliche
Milcherträgnis in den Sennalpen zurück¬
geht, die Kühe, d. i. die Milch, „abneh¬
men'daher der Spruch „Jakobi an
Schluck, Lorenz (10. Aug., s. d.) an Ruck
und Bartime (24. Aug.) nix melT 49 ).
In den Salzburger Gebirgsgegenden ist
an dem Tage J. das „Joggesen“ (Ja-
kobsen) Brauch, d. i. Besuch bei den Sen¬
nerinnen (Pongau, Lungau) und bei den
Melkern (Pinzgau) auf der Alm von Freun¬
den, Bekannten und Dienstherren, auch
in Steiermark 50 ). Im Allgäu feiert man
diesen Höhepunkt der Michwirtschaft
als Sennekierbe (Bergkirchweih) 51 ).
Tanzfeste für die Älpler sind auch in der
Schweiz bekannt 52 ). In andern Ländern
mit Weidebetrieb, z. B. in Böhmen, ist
er besonders Festtag für die Hirten, als
deren Patron J. dort wohl gilt, auch des
Viehes, das reich mit Blumen geschmückt
wird. Im Mittelpunkt des Festes steht
der Hirtentanz 53 ). Statt der Hirten
müssen an diesem Tage Knechte und
Mägde hüten. Auch sonstwo ist am J.tag
oder um diese Zeit Kirchweih (Kirreweih,
Kirbe) oder werden fröhliche Feste ge¬
feiert 54 ). In Lenzburg (Schweiz) fand
am Montag der Woche, in der J. gefeiert
wurde, ein „Ausschießet“ oder ein „J.-
schießet“ mit nächtlichem Umzug statt,
freilich anscheinend nur zum Andenken
an ein rein äußeres Geschehnis 55 ). Viele
Orte Salzburgs begehen am J.tag das
Rankein 56 ), ein altes Kraftspiel ähnlich
dem schweizerischen „Schwingen“, d. i.
ein Wettspiel am J.tag, dessen Sieger
den Ehrennamen Hagmaier erhält 57 ).
44 ) SAVk. 22, 199 („...wir... sind aus¬
gefahren mit der alten Regierung wie eine
Bäuerin am J.tag mit den Mägden"); Bir-
linger Schwaben 2, 334; Hörmann Volks¬
leben 309; Reiser Allgäu 2, 155; John West¬
böhmen 91; Meier Schwaben 2, 434. 45 ) Geramb
Brauchtum 67. 46 ) Leoprechting Lechrain
189; Rochholz Sagen 1, 390; Reiser Allgäu 2,
*55 i John Westböhmen 91. 47 ) Toppen Ma¬
suren 73. 4 *) Wuttke 85 § 102. 49 ) Reiser
Allgäu 2, 154. 5 °) Ger amb Brauchtum 67;
ZfVk. 8, 444. 61 ) Reiser Allgäu 2, 154; Bronner
Sitt. u. Art 223. 62 ) Hoff mann-Krayer 164.
53 ) John Westböhmen 91. 208. 212. 54 ) Bir-
linger Schwaben 2, 125; Kapff Festgebräuche
19; Meier Schwaben 2, 433—34; Bavaria 1.
1005; Birlinger Schwaben 2, 225; Reiser
! Allgäu 2, 180. 181. 205. 216; Rochholz Glaube
1, 316; Sartori Westfalen 168. 5S ) SAVk. 1
3 2 i 7 » 37 ; 8, 8. 9. 56 ) Geramb Brauchtum 67.
57 ) SAVk. 22, 107.
7. Dem Volk erschien der J.tag wenig¬
stens früher allgemein auch als Un¬
glückstag, also in einer Doppelrolle wie
der Johannistag (s. d.). Es hieß, man
solle nicht baden und nicht klettern; denn
Wasser und Bäume verlangten ihre Opfer,
nach der Meinung des Volkes durch Ein¬
wirkung unsichtbarer feindlicher Kräf¬
te ü8 ). Auch gehe der „Büwitzschneider“
an diesem Tage um 59 ).
58 ) John Westböhmen 91: zu J. „braucht
der Wassermann an totn Mann"; Wuttke 85
§ 102; Schönwerth Oberpfalz 3, 237; Groh-
mann Sagen 71. ZfVk. 1 (1891), 300; s.
auch Bilwis 1, 1308, besonders 1319.
8. Am Tage J. oder nach J. wird die
Teufelskette (s. d.), an der Luzifer be¬
ständig feilt, ganz dünn. Um zu ver¬
hüten, daß der Teufel sie ganz durch¬
feilt, tun (oder taten) in Tälern Tirols
629
Jakobus der Jüngere—-Januar
630
die Schmiede nach der Tagesarbeit drei
Schläge auf den bloßen Amboß; in Wald¬
kirchen (Niederbayern) macht (e) der
letzte der Schmiede beim Verlassen der
Werkstätte einen kalten Schlag auf den
Amboß 60 ).
60 ) Mannhardt Germ. Myth. 87 Anm.;
Amersbach Grimmelshausen 1,14.
9. J.kerzen soll man beim Schatz¬
graben benutzen, da sie gut sind gegen
„alle Bedrängnis der bösen Geister“ 61 ).
61 ) Reiterer Ennstalerisch 21. Wrede.
Jakobus der Jüngere (Minor), Apostel,
Bruder d.s Apostels Judas Thaddäus,
Ostern 62 oder 63 gesteinigt und dann
mittels einer Walkerkeule erschlagen,
die deshalb sein Attribut wurde, Fest
1. Mai zusammen mit dem Fest des Apo¬
stels Philippus 1 ). Das Schmücken der Häu¬
ser mit Maien am Tage der beiden Apostel
führte man auf eine Legende aus ihrem
Leben zurück: „An St. Philipps- und J.tag
ahn dem Abend zue Nacht hat man
Mayen in den Heußer herausgesteckt
durch die Ursach, wie von den 1 . Hay-
ligen in ihrer Legendt geschriben ist“ 2 ).
Man erkennt sofort die Umbiegung des
alten Fruchtbarkeitszaubers ins Christ¬
lich-Legendäre. Die Vorschrift, daß man
am Philippstag, der mit dem J.tag zu¬
sammenfällt, nicht flicken soll, weil man
sonst den „Wurm-Beißad“ in den Finger
kriegt 3 ), ist wohl in ähnlicher Richtung
zu deuten. S. auch Philippus.
*) Korth Die Kirchenpatrone im Erzbistum
Köln 179; Künstle Ikonographie 324. 2 ) Ale¬
mannia 17 (1889), 98; Baumgarten Jahr und
s. Tage 1860, 24; Bäßler Legenden 83. 3 ) Baum¬
garten a. a. O. Wrede.
Januar.
1. Der J. wurde von Numa Pompilius
den früheren zehn Monaten des Jahres
hinzugefügt. Er hat den Namen nach
dem Gott Janus, dem er geweiht war.
Die älteste deutsche Bezeichnung Win¬
termonat 1 ) dürfte von Karl dem Gro¬
ßen selbst herrühren 2 ). Im Breslauer
Monatsgedicht (15. Jh.) heißt er Wolf¬
monat:
Wolfmondin heyssin yn die leyen,
Dy wolfe treten denne eren reyen.
Die Wölfe haben die Ranzzeit von Ende
Dezember bis Mitte Februar und wurden
wohl auch meist zu dieser Zeit gejagt 3 ).
Vom 15. Jh. an wird auch der Name
Hartmonat üblich, der wahrscheinlich
auf die harte Kälte und den fest gefrorenen
Erdboden hindeutet 4 ). Ein Seitenstück
ist die noch heute in Neubrandenburg
gebräuchliche Bezeichnung Dick-
kopp 5 ). Im Tegernseer Kalender (16. Jh.)
heißt der J. Dreschmonat 6 ). In der
Schweiz findet sich seit dem 14. Jh. der
Barmonat oder Bärmonat, wofür bis¬
her keine ansprechende Erklärung ge¬
funden wurde 7 ). Weinhold, dem seiner¬
zeit nur wenig Belege Vorlagen, wollte
Barmanoth als Schreibfehler für das
alte Jarmanot erklären 8 ). Dies Jahr¬
monat, das auf den Anfang des Jahres
hinweist 9 ), hat in dem westfriesischen
jiers foarmoanne ein Seitenstück 10 ).
Der Lüneburger Kalender von 1480 nennt
den J. wolgheborn, d. i. volborn 11 ),
der holsteinische (Bordesholmer) Ka¬
lender aus dem Beginn des 16. Jh. kal-
vermaen 12 ). Um Göttingen hieß er
noch im 19. Jh. dat kale mand 13 ).
Am Niederrhein trifft man den Namen
Lasmant, bei den Flämen und Nieder¬
ländern Lauwmaand, früher auch Jan-
maend 14 ). Erst im 18. Jh. erscheinen
die Bezeichnungen Eismonat 15 ), dem
das tschechische leden entspricht, und
nach dem alten Hornung, das mit dem
Februar auch den J. bezeichnete 16 ), der
große Horn 17 ). Die skandinavischen
Namen, wie z. B. das schwed. Thore,
Thorsmänad hat Weinhold mit der
dürren, trockenen Kälte des Monats in
Zusammenhang gebracht 18 ), während
man sie jetzt auf den Wachstumsgott Thor
bezieht, dessen Wiedergeburtszeit in den
J. fällt 19 ). Fischart bringt in „Aller
Praktik Großmutter“ eine Reihe von
wahrscheinlich selbst ersonnenen Namen r
gewöhnlich nach in den J. fallenden Fest¬
tagen, so Stuben- oder Ofenmonat 20 ),
Königsmonat oder Dreiweisenmonat 21 ),
Fabianmonat und Bastianmonat 22 ) (Fa¬
bian und Sebastian, 20. J.), Paulmonat 23 )
(Pauli Bekehrung, 25. J.). Der Name
Steffaman deutet auf den 25. Dezember
als Jahresbeginn hin, da der Stefanstag
auf den 26. Dezember fällt 24 ).
Eine Personifikation der Monate
631
Januar
Jaspis—Jauche
634
und auch des J. 25 ) findet sich in italie¬
nischen »neugriechischen, rumänischen und
slawischen Märchen In einem slo¬
wakischen Märchen gibt der J. seinen
Stab dem März, und wie ihn dieser er¬
hebt, schmilzt der Schnee, die Bäume
knospen und Gras und Veilchen sprießen
hervor. Wenn aber der J. selbst den
Stab dreht, entsteht Finsternis, Schnee¬
gestöber und Sturm 27 ).
Zuweilen kommt der Name J. auch
als Familienname vor, meist Jenner
geschrieben 28 ).
1 ) Weinhold Monatnamen 5. 21. 62. 2 ) Ebd.
6. 3 ) Ebd. 63. 4 ) Ebd. 9. 17. 18. 20. 26. 40.
5 ) ZfVk.. 5 (1895), 319. Ä ) Weinhold a. a. O.
14. 36. 7 ) SAVk. 11 (1907), 91 f. ß ) Weinhold
a. a. O. 15. 9 ) Ebd. 47. 10 ) Ebd. 21. 25. n ) Ebd.
20. 59. 12 ) Ebd. 20. 47. 13 ) Ebd. 20. 1J ) Ebd.
18 f. 48. 15 ) Ebd. 11 f. 36. 16 ) Ebd. 2. 17 ) Ebd.
9 f. 45. 18 ) Ebd. 58 f. lß ) Meyer Germ . Myth.
218. 20 ) Wcinhold a. a. O. 51. 38. 21 ) Ebd. 47.
60. 22 ) Ebd. 33. 37. 23 ) Ebd. 52. 24 ) Ebd. 58.
Zu allen Namen vgl. auch Fredenhagen
Monatsnamen 131 f. 25 ) Im Berner Jura ist der
personifizierte ,, Janvier “ als Geber der Neujahrs¬
geschenke gedacht, Hoffmann-Krayer 115.
2<J ) Bolte-Polivka 1, 107. 2T ) Ebd. 1, 104.
Unrichtig wiedergegeben bei Schultz Zeit¬
rechnung 184 Anm. 28 ) A. Heintze Die deut¬
schen Familiennamen 5 (Halle 1922) 52.
2. Im J. tritt die Sonne in das Zeichen
des Wassermanns 29 ) (s. d.). Am
Janustag beschlossen die alten Römer die
Saturnalienmit allerlei Mummenschanz,
bei welchen man sich gern mit Hirsch-
und Rindskalbfellen bekleidete. Dies
fand auch in Gallien Nachahmung. Eligius
predigte dagegen 30 ), und die Januar¬
feier wurde wiederholt von seiten der
Kirche verboten 31 ) (s. Neujahr). An den
Januarskalenden wurden auch Geschenke
verteilt, die Vorläufer unserer Neujahrs¬
geschenke 32 ) (s. d.). Heute wird hie und
da auch noch der 2. J. gefeiert, nament¬
lich auf alemannischem Gebiet. In man¬
chen Orten gibt die Gemeindeabrechnung
oder die Wahl der Gemeindebeamten
Veranlassung zu einer abendlichen Zeche 33 ).
Im Bentheimschen ist noch jetzt der 2. J.
„Handgift“ („Beschenkung“). In ver¬
schiedenen Orten bei Eisenach heißt
dieser Tag „Waldvir“ (Waldfeier), und
alle Arbeit, besonders im Walde, ruht.
Ebenda wird am gleichen Tag der Hirt
632
gedungen, im Osnabrückischen besuchen
die Dienstboten ihre Verwandten 34 ) und
in Schlesien wechseln sie den Dienst 35 ).
Blut von Verbrechern, das am 2. J. fließt,
kündet im Aargau Krieg und Teuerung
an 36 ). Der Montag nach Dreikönig
wird besonders in den Niederlanden ge¬
feiert 37 ) (s. Montag).
Der Jänner ist ein Holzbrenner 38 ),
gilt als der kälteste Monat, in dem man
auf seine Gesundheit achten muß 39 ).
Anweisungen über das Verhalten an den
einzelnen, mit den Gestirnen in Zusammen¬
hang gebrachten Tagen des J. bringt
bereits eine Heidelberger Handschrift des
15. Jh. 40 ). Nach einem im 17. Jh. viel
verbreiteten Buche wird der blind, der
am 17. J. zur Ader läßt 41 ). Noch heute
heißt es, daß ein regenreicher 42 ) oder
schneefreier 43 ) J. die Gottesäcker düngt
und daß dann besonders viel Frauen
sterben 44 ). Stirbt eine Wöchnerin im J.,
so sterben in dem Jahre noch sechs an¬
dere 45 ). Hochzeiten finden, wenn auch
keine bestimmten Angaben vorliegen,
häufig im J. statt. Der Spätherbst und
der Winter galten ja schon in idg. Zeit
als besonders geeignet zum Heiraten, und
der attische Name für J. FajjtTjXuDV deutet
darauf hin 46 ). Von den im J. geborenen
Kindern heißt es vereinzelt bei den
Pennsylvaniern, daß sie geistersichtig
sind 47 ).
Die Wetterregeln des J. betonen die
Kälte des Monats:
Fangen die Tage an zu langen,
Kommt der Winter gegangen 48 ).
Doch ist dies von günstiger Vorbedeutung
für das Jahr, da der Bauer im J. lieber
den Wolf, d. i. rauhes, kaltes Wetter,
als den Pflug im Feld sieht 49 ). Denn:
J. muß vor Kälte knacken,
Wenn die Ernte gut soll sacken 50 ).
Oder:
Knarrt im Jänner Eis und Schnee,
Gibts z'r Ernt' vül Koa(r)n und Klee 51 ).
Umgekehrt ist warmes, sonniges Wetter 1
im Jänner nicht gern gesehen, denn
Tanzen im J. die Mucken,
Muß der Bauer nach Futter gucken 52 ).
Oder:
Wachst das Gras im J.
Ists im Sommer in Gefahr 53 ).
633
Nur am Neujahrstag soll schönes Wetter
sein, dann wird das Jahr fruchtbar 54 ).
Und im besondem gerät der Flachs gut,
wenn die Sonne am Neujahrstag auf den
Altar scheint 55 ). Für den Flachs ist
Januarregen am wenigsten gut 56 ). Nebel
im J. bringen ein nasses Frühjahr 57 )
oder Maireif 58 ). Wie viele Nebel im J.,
so viele Wetter im Sommer 59 ). Für das
Wetter des Jahres sind ferner wichtig
die Lostage: Makarius (2. J.), Drei¬
könig, Paul Eins. (10. J.) und Pauli
Bekehrung (25. J.), Fabian und Se¬
bastian (20. J.), Vinzenz (22. J.) co ).
Für die Hauswirtschaft gilt endlich:
Gibt 's im J. viel Stern,
Legen die Hühner gern 61 ).
29 ) Ausdeutungen bei Nork Festkalender 3 ff.
30 ) Ebd. 37; ARw. 20 (1920/21), 91 ff. 31 ) Reins¬
berg Böhmen 3; Hefele Conciliengeschichte 3,
516; Friedberg Bußbücher 64. 32 ) SAVk. 7,
130; Kapff Festgebräuche 5; Geramb
Brauchtum 7 ff. Vgl. das Augsburger Monats¬
gedicht bei Birlinger Aus Schwaben 2, 147.
33 ) Sartori Sitte 3, 72. 34 ) Ebd. Anm. 35 )
Drechsler 1, 50. 3S ) Kohlrusch Sagen 339.
37 ) Vgl. Höfler Fastnacht 8. Auch das alt¬
heidnische Opferfest in Seeland fand im J.
statt (s. Winter). 38 ) Baumgarten Aus der
Heimat 1, 42; ZfVk. 2 (1892), 190. 3# ) Hovorka
u. Kronfeld 2, 378 (Hundertjähr. Kalender).
40 ) Alemannia 24 (1896), 266 ff. 41 ) Andrce
Braunschweig 415. 42 ) Reinsberg Wetter 64;
ZfVk. 9 (1899), 232. 43 ) Wäldlerkalender 4. Jahrg.
(Oberplan 1926), 104. 44 ) John Erzgebirge 250.
45 ) Wuttke 215 § 300. 46 ) Schräder Reallex.
354 f. 47 ) Fogel Pennsylvania 31 Nr. 2. 48 ) B.
Haldy Bauernregeln (Jena 1923) 12; Drechs¬
ler i, 52; ZfrwVk. 1905, 299. 49 ) ZfrwVk. 1914,
268. 50 ) Haldy a. a.O. 11. 51 ) Vld. 17 (1915), 33
(Steiermark). 52 ) Ebd. 21 (1919), 90; ZfrwVk.
1905, 299; Hesemann Ravensberg 107; Baum¬
garten Aus der Heimat 1, 43; Reinsberg
Wetter 64; Haldy a. a. O. 9. 53 ) Haldy a. a. O.
9. 54 ) Ebd. 13; Zingerle Tirol 124; Vld. 17
(1915), 33. 55 ) Urquell 6 (1896), 15. 58 ) ZfVk. 2
(1892), 191 mit unrichtiger Erklärung der
Redensart ,,Die Jännertropfen tun den Har
fast völlig auszopfen“. 57 ) Haldy a. a. O. 12;
Vld. 17 (1915), 33. 58 ) Fogel Pennsylvania 236
Nr. 1221. 59 ) Zingerle Tirol 131; ZfVk. 7
(1897), 357 (Tirol). 80 ) Vgl. Reinsberg Wetter
67 ff.; Haldy a. a. O. 13 ff. 61 ) Eberhardt
Landwirtschaft 21.
Vgl. noch Berchta, Dreikönig, Epi -
phanias, kalte Kirchweih (13. J.),
Montag (nach Dreikönig), Neujahr, Stern¬
singen, Winter. Jungbauer.
Jaspis. Griech. taeme aus hebr.
jasepeh, lat. jaspis. Man unterschied
einen grünen und einen roten oder mit
roten Adern durchzogenen J. 1 ). Der grüne
wurde als Amulett am Halse getragen und
galt als magenstärkendes Mittel. Beson¬
ders geschätzt wurde der durchsichtige
J., den man in Silber fassen ließ 2 ).
Der rote J. gilt seit dem Altertum als
blutstillendes Mittel (similia similibus);
man mußte ihn zu diesem Zweck in der
Hand tragen. Erwähnt wird seine Wir¬
kung bei Nasenbluten, Wundenblutungen
und dem Blutfluß der Frauen 3 ).
Aus dem Altertum übernahm das
Mittelalter den Aberglauben, der J.
verscheuche die bösen Geister und Ge¬
spenster. In Westböhmen trägt man
ihn noch heute als Amulett gegen den
Alp am Halse 4 ). Nach württembergischem
Volksglauben hilft der J. zur Wahrung
der Jungfernschaft 5 ). Außer diesen
Tugenden des Edelsteins erwähnt eine
Klosterhandschrift aus dem 15. Jahr¬
hundert noch seine Wirkung gegen Fieber,
Wassersucht u. a. 6 ).
Der J. gehört zu den Monatssteinen
und bewährt seine Tugenden bei den im
März Geborenen 7 ).
*) Schräder Reallex r. 2 1, 211; Megenberg
Buch der Natur 385 f.; Gesner d. f. I. 106 f.;
Brückmann 263. 2 ) Zedier 14, 273; Gesner
113; vgl. Schade 1361; Plin. n. h. 37 § 118.
3 ) Zachariä Kl. Sehr. 348 f.; Agrippa v. N.
i, 92; Meyer Aberglaube 56; Franz Benedik¬
tionen 2, 188; Staricius Heldenschatz (1706),
467 f.; Bohnenberger 23; Stemplinger
Sympathie 86; Hovorka-Kronfeld 2, 469;
Höhn Volksheilkunde 1, 83; ZdVfV. 22 (1912),
121; Abbildungen bei Gesner 106. 4 ) Meyer
a. O. 57; Megenberg a. O.; Agrippa v. N. 1,.
114; Hovorka-Kronfeld 2, 254; ZfdA. 18
(1875), 437 Nr. 43. 5 ) Bohnenberger 23 —
Fehrle Keuschheit 154, 1; Höhn a. a.O. 1, 120.
6 ) Alemannia 26 (1898), 203 u. 212, vgl. Ger¬
hardt Novelle 88. 7 ) S. Monatssteine, f Olbrich.
Jauche. Wie der Dünger (s. d.)
besitzt auch die J. als animalische
Absonderung magische Kräfte. Bei der
ersten Ackerfahrt wird der Pflug mit
J. begossen J ). Durch Blitz entzündetes-
Feuer, besonders bei Kirchen 2 ), kann
nu mit J. gelöscht werden 3 ). Sie be¬
fruchtet das Land nur, wenn sie bei ab¬
nehmendem Mond aufs Land gebracht
wird 4 ). Eine besondere Rolle spielt sie
wie der Kot in der Volksmedizin 5 )_
635
jauchzen
636
sie
Sommersprossen vertreibt man durch
Waschen mit J., wenn man im Frühjahr
die erste Schwalbe sieht 6 ). Krebs heilt
man durch Einreiben mit Katzen). 7 ),
die Akelei durch Beträufeln mit drei
Tropfen J., die man unter Hersagung
einer Formel vom Mistpfuhl des dritt-
nächsten Hofes gestohlen hat 8 ). Auf
geschwollene Beine werden mit dem
eigenen Urin getränkte Leinentücher ge¬
legt 9 ), wie man über die Hände, wenn sie
beim Kartoffelroden rissig geworden sind,
sein eigenes Wasser laufen läßt 10 ). Auch
innerlich wird J. angewandt. Man gibt
sie den Kühen gegen Aufblähung 11 ),
■die Pferde erhalten gegen Kolik in J.
getränkte Zeugknäuel 12 ). Man trinkt
Mistj. gegen Fieber 13 ), seinen eigenen
Harn gegen Magenkrebs und Leber¬
leiden 14 ), gegen Diphtherie mit Petro¬
leum untermischt 15 ).
*) Gesemann Regenzauber 36. 2 ) Wuttke
401 § 618. 3 ) Grabinski Sagen 45; Mann¬
hardt Germ. Myth. 17. 4 ) SAVk. 24, 64. 5 ) Vgl.
Paullini Dreck-Apotheke. 6 ) Lessiak Gicht
119; Drechsler 2, 284; Wuttke 343 § 512.
7 ) Heckscher Hannov. Vkde 1 § 103. 8 ) En¬
gelien u. Lahn 264. 9 ) Heckscher a. a. O.
104. 10 ) Ebd. 11 ) Fogel Pennsylvania 169.
12 ) Heckscher a. a. O. 103. 13 ) Hovorka-
Kronfeld 1, 152. 14 ) Heckscher a. a. O. 104.
15 ) Ebd. Heckscher.
jauchzen (—ja), juchzen (= ju.)
und johlen (== jo.).
1. In gewissen Teilen der Alpen kann
ja. die Bedeutung von ,,jodeln“ (s. d.)
besitzen J ); der Juchzer des Hochgebirges
zeigt zum mindesten formbildende musi¬
kalische Elemente, während andernorts
kaum wesentliche Unterschiede zwischen
ja. und jo. bestehen.
i) Jüz = Jodler (Kanton Obwalden, mündl.).
Über den Juchzer vgl. J. Pommer 444 Jodler
u. Juchzer (1902), 353; K. Mautner Alte Lieder
u. Weisen aus dem Salzkammergut 303. 314.
2. a) Von jo.enden 2 ) und ja.enden 3 )
Gespenstern weiß das Volk vielfach zu
■erzählen. Sie werden in den verschie¬
densten Gestalten vorgestellt 4 ), oft mit
besonderem Namen benannt 5 ) und viel¬
fach an ganz bestimmten Orten wirksam
gedacht 6 ). Es gilt als gefährlich, ihr
Jo. nachzuahmen. Man kann dadurch
triefäugig 7 ) oder heiser werden 8 ); meist
lockt man mit dem Nach johlen das
u.
Gespenst an, das sich alsbald einstellt 9 )
oder mit jedem Juchzer näher kommt 10 ).
Da vermögen dann die Pferde sich
nimmer von der Stelle zu rühren 11 ),
das Gespenst hockt einem auf 12 ) oder
führt einen in die Irre 13 ). Man sieht in
diesen jo.enden Gespenstern Grenz¬
frevler 14 ), Mörder 15 ) und andere Ver¬
brecher 16 ) oder dichtet ihnen eine
unheilvolle Liebesgeschichte 17 ) an.
b) Auch das wilde Heer 18 ) (s. d.) und das
Nachtgjoad lö ) fährt unter Jo. und Ja.
durch die Luft, oder es führt in seinen
Reihen einen durch sein Gejohle beson¬
ders hervortretenden ,,Hoimann“ 20 ); johlt
man mit, so bekommt man Anteil an der
Jagdbeute 21 ) oder läuft Gefahr, mit¬
gerissen zu werden 22 ). c) Die öster¬
reichische Sage kennt ja.de Bergmänn¬
lein 22a ) und Wildfräulein 22b ).
2 ) Schöppner Sagen 1, 362 Nr. 360; Roch-
holz Sagen 1, 297; Reiser Allgäu 1, 59 ff.
3 ) Schöppner Sagen 3, 124 Nr. 1070; Nider-
berger Unterwalden 2, 56; Barbisch Vandanz
339 Nr. 4; Bayerland 25, 316. 4 ) Fischer-Läm -
merer Schwäbische Sagen (1922) 59 f. (bald als
Zwerg mit rotem Mantel und großem Hut, bald
groß und dünn wie ein Messerrücken); Heyl Tirol
68 (Licht oder Mann ohne Kopf); Bartsch
Mecklenburg 1, 159 (Schimmelreiter); Heyl
Tirol 616 (als Vogel Orco [s. d.J). 5 ) Reiser
Allgäu 1, 61 (Sonntagsjohler); Schöppner
Sagen 1, 39 (Scheidbachmann); Vernaleken
Alpensagen (wilder Geißler); Heyl Tirol 68
(Schnalzjuchzer); Bartsch Mecklenburg 1, 159
(Juchhans). 6 ) Lachmann Ueberlingen 108
(im Wald „Kau“); Reiser Allgäu i, 59 (geht
jede Nacht einen bestimmten Weg); Kapff
Schwaben 21 (Lemberg); Bavaria 2 b, 787
(,,im Senkele") usw. 7 ) Kuoni 5 /. Galler Sagen
198. 8 ) Vernaleken Alpensagen 333. 9 )
Reiser Allgäu 1, 61. 62. 25. 10 ) Niderberger
Unterwalden 2, 57. ll ) Reiser Allgäu 1, 61;
Lachmann Ueberlingen 108 f. 12 ) Heyl Tirol
616; Bartsch Mecklenburg 1, 159 ff. Nr. 197
1 u. 3. 13 ) Fischer-Lämmerer 59 f.; Bavaria
2 b, 787; Lach mann Ueberlingen 108;
Bartsch Mecklenburg 1, 160 ff. Nr. 197, 3;
Reiser Allgäu i, 62. 14 ) Niederhöffer
Mecklenb. Sagen 2, 79 ff. = Bartsch Mecklen¬
burg 2, Nr. 197,3. 15 ) Rochholz Sagen 1, 296 f.
16 ) Jecklin Volkstüml. 299; Lach mann
Ueberlingen 109; Bayerland 32, in. 17 ) He^l
Tirol 68 ff. 18 ) Beschreibung des Oberamts
Urach, zweite Bearbeitung (1909), 337. Nieder¬
ländisch vgl. Schrijnen Nederlandsche Volks¬
kunde 1, 98. 19 ) Pollinger Landshut 119. Vgl.
Jahn Pommern 21. 20 ) Bauernfeind Nord¬
oberpfalz 26. 21 ) Jahn Pommern 18; Kuhn
und Schwärtz 3 Nr. 2-4; vgl. auch ZfVk. 13,
637
J azariel—Ichthyomantie
638
186. 22 ) Jahn Pommern 25. 22a ) Calliano
Niederösterr. Sagenschatz 1, 94. 22fc> ) Ebd. 3, 69.
3. Beim Sturmwind sollen die ,,wilden
Männer“ ja. 23 ).
23 ) Mannhardt 1, 87 = Gesemann Regen¬
zauber 61.
4. Vernimmt man im Gebirge das Ju.
bestimmter gespenstiger Wesen, so darf
man für den nächsten Tag mit schlechtem
Wetter, auf den Hochalpen mit Schnee
rechnen 24 ).
24 ) Kuoni St. Galler Sagen 247. 174; Nider¬
berger Unterwalden 2, 36. 40 f. 56 t.; Barbisch
Vandanz 342 Nr. 15.
5. Seltener sind andere Erklärungen
für ja.de Laute. Den Hexer, der aus
Rache ein Unwetter herauf zaubert, glaubt
man über seine Untat ja. zu hören 25 ),
ebenso den Teufel über eine gewonnene
Seele 26 ). Letzterer soll auch durch Ju.
die Burschen herausfordern und sich
ihnen zeigen, wenn man ihm nach¬
juchzt 27 ). Eine dunkle Sage berichtet
vom Ja. der steinernen Agnes (s. Agnes II)
am Sonn wendtage 28 ). Geister ja., wenn
sie erlöst sind 29 ).
25 ) Müller Urner Sagen 1 , 241 f. 26 ) Wagner
Sagen 131 f. ; Gräber Kärnten 299. 28 )
Laistner Nebelsagen 167. 29 ) Niderberger
Unterwalden 2, 46 f.
6. Am Ja. sollen die Bergmännlein
ihre Freude haben und gern Antwort
geben, wenn man ihnen zujauchzt 30 );
andernorts glaubt man freilich, sie würden
sich wegen des Juchzens nicht mehr
blicken lassen 31 ). Gespenstige Erschei¬
nungen verschwinden, wenn man juchzt 32 );
fröhliches Ju. bedrückt büßende Geister 33 ).
Zu hüten hat man sich, bei unstatthafter
Gelegenheit zu ja. 34 ).
30 ) Bavaria 2 b, 786 = Böcke 1 Volks sage
34 f. 31 ) Kuthmayer Österr. Volkssagen 110.
32 ) Reiser Allgäu 1, 311. 33 ) Reiser Allgäu 1,
342. 34 ) SAVk. 21, 221.
7. Das Heulen und Pfeifen des Sturmes
— an bestimmten Orten mit besonderer
Wildheit sich austobend — bildet viel¬
fach den realen Anlaß, der (oft in Angst¬
zuständen) phantastisch erlebt, die oben
geschilderten Anschauungen wachruft.
Seemann.
Jazariel. Name eines Dämons, in
Fausts Höllenzwang (s. d.) als Graf und
Oberster der Stammgeister bezeichnet 4 );
er begegnet auch als Engel einer der
28 Mondstationen 2 ), die im antiken
Zauber schon eine Rolle spielen 3 ). Der
Name ist wohl der gleiche wie ’ACapn^ in
einem hellenistischen magischen Papy¬
rus 4 ), von Beer dort 5 ) mit dem Nom.
prop. ’ACapsr^ 1. Par. 27, 22 LXX B =
,,Gott hilft“ identifiziert, vgl.
1. Par. 5, 24 LXX A ’UCpojX;
• •
a
1 Esra 9, 27 MeCptrjA-oc mit einer häufigen
Umschreibung des y durch t. Nach
Buxtorf 6 ) ist ^o^iy Asariel „nomen
angeli, praefecti aquis, ne transeant
terminum suum, et terram operiant“.
J ) Kiesewetter Faust 2 (1921), 28. 149. 151.
188. 2 ) Agrippa v. Nettesh. 3, 144; Horst
Zauber-Bibliothek 4 (1823), 182 (nach dem
Semiphoras Vnd Schemhamphoras Salomonis
Regis). 3 ) Vgl. z. B. Reitzenstein Poimandres
(1904) 262. 4 ) Papyri Osloenses ed. S. Eitrem
1 (1925), 10 Z. 172. ß ) a. a. O. 79. 6 ) Lexi-
con chaldaicum ed. Fischer (1869) 797.
Jacoby.
Ibiscus s. Eibisch.
Ichthyomantie (s. Fisch 2). Der Fisch
wird so gut wie alle anderen Lebewesen
auch in Erscheinungsformen und Lebens¬
äußerungen für die Deutung der Zukunft
oder die Erforschung eines höheren Willens
beobachtet. Das gilt für die Gegenwart
wie für die Vergangenheit. Wenn man
an der Nordseeküste heute z. B. glaubt,
daß es Unwetter oder einen Toten gibt,
sobald die Fische springen, plätschern
oder ,,schmatzen“, daß von Fischen
träumen den Tod eines Familienmit¬
gliedes bedeute x ), so mögen ähnliche Vor¬
stellungen zugrunde liegen wie in Plinius
Wort: ,,sunt et in hac parte naturae
auguria, sunt et piscibus praescita“ 2 ).
Die Geheimnisse seiner dem Auge sich
entziehenden Lebensweise werden den
Fisch als besonders geeignet zur Mantik
gezeichnet haben. Auffallend ist, daß die
Fischer an Ost- und Nordsee allgemein
den Fisch für das klügste aller Tiere
halten 3 ). Wie weit eine ausgebildete
Schau den Fisch in den Bereich der
Mantik einbezogen hat, ist für die Antike
schwer zu erweisen 4 ). Ein Zeugnis des
17. Jahrhunderts scheint eine solche Schau
angenommen zu haben. Bei Bartholo¬
mäus Anhom heißt es: „Was die tylloo-
{lavietav, oder warsagen auß dem Ein-
&39
Icu cuma—Idisi
64O
geweid der in stuk zerhawenen Fischen
belangt / hat es darmit eine Beschaffen¬
heit gehabt / wie mit dem Eingeweid der
anderen geopferten und geschlachteten
Thieren . . . Weilen sie aber von fur-
wizigen Leuten / zu solchen Dingen mi߬
braucht werden (!) / geschieht solches
nicht auß Verordnung Gottes / sondern
auß anstifften deß Vatters der Lugenen /
des laidigen Sathans" 5 ). Danach kann
eine Art Ichthyomantie als Organschau
dem Prediger Anhorn vom Hörensagen
oder aus eigener Beobachtung bekannt
gewesen sein. Ein neueres Zeugnis könnte
zur Bekräftigung dienen. Danach soll
man noch am Ende des 19. Jahrhunderts
aus den Eingeweiden einer bestimmten
Fischgattung, auf die man große Stücke
hielt, seine Zukunft bestimmt haben. Eine
Sage, in der ein Fischer von seinem eigenen
Sohne erschlagen wird, was ihm aus den
Eingeweiden bereits geweissagt worden
war, diente dazu, den Glauben zu er¬
härten 6 ). Die Leber des Hechtes wurde
und wird zur Wetterprognose untersucht,
in den deutschen Bauernregeln heißt es
darüber:
Ist die Hechtsleber, der Galle zu breit / vorn
spitz /
Nimmt harter Winter lange Zeit in Besitz 7 ).
Die Form der Leber wird ähnlich wie bei
der modernen Milzschau (s. d.) auf Art
und Länge des Winters bezogen: Der
Hecht (s. d.) ist ein im Volksglauben häu¬
fig auftretender Fisch, Becher nennt ihn
an erster Stelle 8 ). Fisch und Menschen¬
schicksal zeigt schon das Motiv vom
Ring im Fischbauche in Beziehung stehend,
nach einer Erzählung von 1583 leben in
Burgund in einem Weiher so viele Fische
als Mönche in dem nahen Kloster. Treibt
ein Fisch tot auf der Oberfläche, so stirbt
drei Tage darauf ein Mönch 9 ). Diebold
Schilling erzählt von dem Wunderfisch,
der 1509 „im Zugerse nit fer von Art zwey
mal gesähen, der vor alten zitten, wenn
etwz großes solt fürgan — krieg, tod oder
türi — ouch vil gesähen ist worden" 10 ).
Vom Rot-See bei Luzern berichtet man
weiter, daß „sich ganz ungewöhnlich un-
gehewer große Fisch sehen lassen", wenn
der Herr des Sees in demselben Jahre
sterben wird n ). Als 1587 an der norwegi¬
schen Küste ein Hering gefangen wurde,
der seltsame Charaktere aufwies, hat sich
eine Flut von Schriften damit befaßt, die
! Vorbedeutung dieses Wunders zu er¬
gründen. Allgemein glaubte man an eine
Warnung Gottes, andere faßten es später
! als Ankündigung des Todes Friedrichs II.
oder des Untergangs der spanischen
Armada, weiter des Aufhörens der blü¬
henden Heringsfischerei bei Bohuslen
auf 12 ).
*) Mündlich; Bargheer Eingeweide 120-
2 ) Plinius nat. hist. IX, 16 (22). ;J ) Mündlich.
4 ) Hoffmann-Krayer s. v. Fisch 2. ; )Anhorn
(1674) 307 f. 6 ) Heyl Tirol (1897) 786 Nr. 132.
7 ) Haldy Bauernregeln in. ,s ) Becher Par-
nassus medicinalis (1663) 73 f. ,J ) Wolf Nieder¬
lande (1843) 259 Nr. 162. 10 ) Lütolf Sagen 281;
vgl. Vernaleken Alpensagen 404. u ) Ebd.
1-2 ) Bargheer Eingeweide 115 i., vgl. ngf. 146.
Bargheer.
Icucuma, Zauberwort x ) in der Form
der Klimax oder des Schwindewortes, das
bei Marcellus Empiricus 2 ) gegen Blutfluß
als Amulett zu tragen empfohlen wird;
! ebenfalls gegen Nasenbluten wird es nach
dem gleichen Autor 3 ) griechisch in der
Form aoxaoxotfi auxupa dem Patienten ins
Ohr gesprochen. Auch das nach Thiers 4 )
als Mittel gegen schwere Geburt ins Ohr
der Kreißenden zu sprechende „Su camy
dur" ist wohl nur aus jenem entstellt. Es
begegnet auch als Suscuma in einem
Höllenzwang 5 ).
l ) Stcmplinger Sympathie 81. 2 ) Heim
Incantamenta 491 Nr. 97; Buxtorf Lexicon
chaldaicum (ed. Fischer 1879), 1152. 3 ) Heim
a. a.O. 532 Nr. 188. 4 ) Thiers i, 417. 5 ) Kiese¬
wetter Faust 2 (1921), 136. Jacoby.
Idisi. Die Gestalten des 1. Merse¬
burger Zauberspruchs, durch ihr Ein¬
greifen in Kriegshandlung den Walküren,
durch ihre flechtende Zauberarbeit den
Parzen verwandt x ), in drei Gruppen auf¬
tretend 2 ), gaben in germanischer Zeit
einem Schlachtfeld ihren Namen 3 ). In
ahd. Zeit kommt das Wort I., dessen Her¬
kunft und Bedeutung unsicher ist 4 ),
mehrfach, doch ohne mythologische Gül¬
tigkeit vor 5 ), vielleicht noch im mhd.
Wigamur 6 ). Aus den beiden einzigen in
Betracht kommenden Zeugnissen — Idisia-
viso und dem Zauberspruch — geht nur
hervor, daß die I. als „Kampfjungfrauen.
«
J ebela—J enseits
als helfende Begleiter der Kämpfenden
zu denken sind. Mehr läßt sich aus den
deutschen Quellen über sie nicht
schließen" 7 ). Es erscheint müßig, das
spätere Auftreten gespenstischer Jung¬
frauen in der deutschen Dichtung und
Sage, etwa der Schwanenjungf rauen
im Nibelungenlied 8 ), an gerade diese ihre
Erscheinungsform im germanischen Alter¬
tum anzuknüpfen.
*) Aber auch darin den Walkyren ähnlich;
so ist die Vision des Webstuhls verwoben mit
der des Schlachtfeldes im Darraddslied der
Njalssaga [ed. Finnur Jönsson Halle 1908,
S. 413 ff.). Der Kern dieses Walkyrenliedes
scheint ein Arbeitsgesang von Weberinnen,
der in den rufartigen Zeilen: vindom, vindom
vef Darrajiar [Str. 4, 5, 6] anklingt. Vgl.
Heu sie r Altgerm. Dichtung 95. 181. Webende
Nomen: Helgakvida Hundingsbana I Str. 3 f.
2 ) Die kollektive Dreizahl erklärt sich besser
aus nahen mythologischen Parallelen als indem
man eine Schar der Vorhut, die zweite dem
Heer, die dritte der Nachhut der Kämpfenden
zuweist wie R. M. Meyer Religgesch. 158 f.
3 ) Nach Hermann Müllers und Jakob Grimms
überzeugender Konjektur Idisiaviso aus idista
uiso Tac. ann. II 16; Jak. Grimm Kl. Sehr. 2,
6; Myth. 1, 332, vgl. dazu Müllenhoff ZfdA.
9, 248 f. 4 ) Etymologien zuletzt zusammen¬
gestellt bei Erik Brate Disen ZsfdWortfor¬
schung 13 (1911,12), 1431t. 5 ) Die noch am
ehesten von ahd. Frauen- und Ortsnamen be¬
ansprucht werden könnte Grimm Myth. 1,
332; 3, 115. 6 ) Grimm Myth. 3, 115. 7 )Helm
Religgesch. 1, 305. 8 ) Wie E. H. Meyer Mytho¬
logie der Germanen 34 wollte. Ittenbach.
Jebela in einer Besprechungsformel
für den Haarwurm x ): „ J. unter dem
Mist! Drauf Herr Jesus Christ: Es gibt
der Würmer drei usw." ist entstellt aus:
„Job lag unter usw.". Schon in einer
Hd. des 14. Jh.s 2 ) heißt es gegen den
„blasinden worm": „Der gute herre
senthe Job der lak in dem miste usw.".
Unserer Formel entsprechend lautet eine
in einem Luxemburger Hexenprozeß von
1614 erwähnte 3 ), gleichfalls gegen den
Wurm: „St. Job lag in einem Mist, rieffe
uff zu himmel usw.". Die Septuaginta
haben das hebr. epher Hiob 2, 8 mit
xoirpta, Vulgata mit „sterquilinium" statt
mit „Asche" übersetzt.
*) ZrwVk. 2 (1905), 283. 2 ) Mone's Anzeiger
3, 279 Nr. 9. 3 ) Ms. 222 des Inst. Gr.-Duc.
(hd.); Das 6. u. 7. Buch Mosis (Buchversand
Gutenberg), 66 (ähnl. Formel). Jacoby.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Jenseits (s. a. Himmel, Hölle).
1. Die begriffliche Unterscheidung „Dies¬
seits und Jenseits" *) entwickelte sich nur
allmählich aus der ursprünglich einheitlich
erfaßten Welt, aus der für den Primitiven
einen und einzigen Realität, in der
Heiliges und Profanes, Totem und Tabu
zwar geschieden sind, aber auf derselben
Ebene liegen. Ursprünglich war es un¬
sere reale und konkrete Erde, wo die
großen schöpferischen Urwesen als Ahnen
und Götter einst ihre Wanderungen voll¬
zogen hatten, um dann nach Erfüllung
ihrer Aufgabe sich in die Erde, in Wasser¬
löcher, Berge u. dgl. zurückzuziehen
(s. Gott 1 b) und zwar an ganz konkret
bestimmte, nahe gelegene, in das Leben
des Stammes einbezogene Örtlichkeiten,
die Kultmittelpunkte und gleichzeitig der
Aufenthaltsort der Seelen der Abgeschie¬
denen waren. Diese Totenseelen waren
aber zugleich als solche die auf Rein-
kamation wartenden Seelen. Deshalb
mieden die jungen Frauen auch gerne
diese Plätze, so weit sie nicht an ihrer
Betretung von vornherein gehindert
wurden, weil dort die gefürchtete Kon¬
zeption (s. Inkarnation) zu gewärtigen
war. Andere Seelen, bevorzugtere, werden
schon zu diesen Zeiten als zum Himmel
aufgestiegen gedacht. Aber wieder han¬
delt es sich dabei um diesen einen und
realen Himmel über uns, der schwer zu
erreichen, aber immerhin zu erreichen ist.
Diese Schicht ist vorzüglich an den
australischen Völkern studiert worden 2 ).
Jedoch ist sie universal. Bei den Man-
danen herrscht der Glaube so, daß ur¬
sprünglich das ganze Volk in einem unter¬
irdischen Dorfe gelebt hatte. Ein Teil
konnte dann an einem Weinstock sich
haltend zur Oberwelt emporsteigen, ein
anderer mußte Zurückbleiben. Wenn
die Mandanen sterben, hoffen sie zu den
Ursitzen ihrer Vorfahren zurückzuge¬
langen 3 ).
Deutscher Glaube und Aberglaube zeigt
dies deutlich: Die Kulthöhle, wo die
Seelenträger aufbewahrt wurden, der
Berg oder Fels, in dem der Urgott und
seine Kinder, die Seelen, wohnen, wie
das Wasserloch, aus dem sie auf-
21
643
J enseits
Jenseits
646
steigen, wie sie in dasselbe eingehen —
diese Vorstellungen finden sich hier in
den Sagen vom Hörselbergund Unters-
berg und all den vielen anderen Orten,
wo der Gott oder Kaiser wohnt und die
Toten in seiner Gesellschaft. Aber ebenso
wohnt Frau Holda (Hel) auch im tiefen
Brunnen, in den Gold- und Pech-Marie
hineinsteigen, aus dem folgerichtig aber
auch die Kinder kommen. Aus diesen
Bergen heraus führt der Ahnführer die
Seelen aber auch zu Jagen, Reiten und
Krieg. Und nicht nur die Brunnen,
sondern auch die Totenberge sind folge¬
richtig Venusberge, in denen Frau Bertha,
Perchta die Seelen der früh verstorbenen
(eigentlich ungeborenen) Kinder hütet.
Diese Verbindung ist notwendig — sind
ja Tod und Wiedergeburt für diese Stufe
Korrelate.
Für den Australier ist die Kulthöhle,
die Totenhöhle, zugleich Schatzhöhle. Was
dort bewahrt wird, sind die Stäbe und
Hölzer, die nicht mehr noch weniger als
den Schatz der Schätze, nämlich sowohl
die individuelle Lebenskraft des Einzelnen
(der Lebenden wie der Toten und der
Ahnen) wie die kollektive des Stammes
enthalten, wie auch ,,Kraft“ ganz im
allgemeinen ausstrahlen. Sie sind nicht
unzugänglich, vielmehr werden sie in
regelmäßigen Riten besucht, zur gegen¬
seitigen Krafterneuerung für Lebende
und Tote. Sicheres Verderben aber be¬
deutet Eindringen für den Unberufenen
und Ungeweihten, für den, der nicht das
Paßwort weiß und doch die Hand an die
Schätze legen will. Deshalb muß das
Wasser des Lebens und die Salbe der
Unsterblichkeit immer aus der Unter¬
welt geholt werden (vgl. Amor und
Psyche), wer aber nicht das richtige
Verhalten weiß, der wird festgehalten wie
Istar, wie Persephone, der findet den
Rückweg aus der Schatzhöhle nicht 4 ).
Diese Schatzhöhle liegt aber durchaus
im Diesseits; es führt, mag sie auch von
magischen Gefahren umwittert sein, ein
gar nicht weiter, bequemer und nur eben
nicht jedermann zugänglicher Weg zu ihr.
Die Schätze sind real. Und real sind auch
ihre Gefahren, jene Gefahren, die überall
dem Unkundigen drohen, der mit ma¬
gischen Kräften umzugehen wagt. Aber
ein ,,J.“ bedeutet sie gleichwohl — die
keimhafte Idee des metaphysischen J.
1 ) Bischoff Jenseits der Seele 131. 2 ) Beth
Religion und Magie 2 60. 305; J. Winthuis
Das Zweigeschlechterwesen 22ft.; Carl Streh-
low Die Aranda- und Loritjastämme I, II, 78.
3 ) Bischoff Jenseits der Seele 256; Roß Winans
Der Geist der Religion 420. 4 ) Gr oh mann 31,
wo auch das Motiv von Trank und Speise auf¬
taucht, das im babylonischen Adapa-Epos
eine so große Rolle spielt.
2. Später entwickelte sich die Vor¬
stellung, daß die Seele mit dem Leibe
nicht nur oberflächlich verbunden sei
und auch nach dem Tode noch auf län¬
gere oder kürzere Zeit sich bei ihm auf¬
halte und eines Lebens erfreue. Nun
dachte man den Toten im Grabe (bei
seinem Leichnam) hausend — die Idee
der Re inkamation verschwand nicht,
trat aber zurück — das man ihm als
Wohnung und Stätte des Bleibens
heimisch einrichtete. Es ist jene Zeit,
die im Toten den „lebenden Leichnam“
sah, der bald als Plagegeist, bald auch als
Schutzgeist den Lebenden und der Stätte
seines letzten Hauses nahe blieb. In diese
Periode gehören auch jene isländischen
Sagen, die voll sind von Kämpfen mit
solchen Umgängern, die keineswegs durch
Bann und Zauberspruch, sondern durch
ganz reale Kraft besiegt und sogar zum
zweiten Male getötet werden. So hat
Glam einen Unhold besiegt und ver¬
wundet, bei diesem Unternehmen aber
selbst den Tod gefunden. Dann aber be¬
unruhigt der umgehende Glam selbst das
Haus, bis er von Grettir zum zweiten
Male getötet wird 5 ).
Wenn nicht besondere Vorsicht beim
Begräbnis angewendet wird, so glaubt
das Volk auch heute noch, daß der Tote
zum Vampyr oder Nachzehrer werden
könne, dessen man sich durch eine Ver¬
stümmelung des Leichnams (s. Nach¬
zehrer) zu entledigen hat, sei es, daß
man einen Pfahl durch den Leib der
ungetauften Kinder bohrt, sei es, daß
man die Leiche köpft oder verbrennt —
und zu noch weitergehender Sicherheit
die Asche etwa ins Wasser streut 6 ).
Insofern die adeligen Geschlechter
sich in Familienbegräbnissen beisetzen
ließen, wird der Aufenthaltsort der Toten
ein Ort, wo die verschiedenen Familien¬
mitglieder 7 ) sich versammeln, gewisser¬
maßen ein Privat-J. Diese J.-Vorstel-
lung kann dann allgemeinere Bedeutung
annehmen, wie es bei dem Worte „Hel¬
gafell“ offenbar der Fall war 8 ). So kön¬
nen auch manche heilige Berge, da die
Begräbnisorte häufig auf Bergen gelegen
waren, in dieser abgeleiteten Form zu
ihrer Bedeutung gekommen sein.
*) Grettis saga cap. 32 ff.; Hrappr in der
Laxdäla sagacap. 24. 6 ) Meyer Germ. Myth. 70.
7 ) Eyrbygja saga cap. 11; Grettis saga cap. 32 ff.
®) Eyrbygja saga cap. 4.
3. Allmählich aber wurde sowohl die
ursprüngliche Verbindung zwischen Toten¬
seele und inkarnationsuchender Seele,
wie die zwischen den lebenden und toten
Mitgliedern desselben Stammes immer
lockerer. Die Stätten, wo die Toten¬
seelen sich sammelten, wurden Gegenstand
der Scheu und Verwunderung. Man
fühlt eine Fremdheit den Toten gegenüber,
und man glaubt sie daher ferne. Ihr ei¬
gentlicher Aufenhaltsort wird ein anderer
als die gewöhnlichen Kultstätten der Men¬
schen, ein anderer auch als das eigene
Grab. Und damit hebt sich die fast alle
Kulturvölker so intensiv beschäftigende
Frage (von der sich nur das Volk Israel
abzuwenden versuchte): Wo ist dieser
Aufenthaltsort der Toten? Wo ist das
J. 9 ) ? Denn innerhalb dieser Schicht
beginnt sich der Begriff eines „Drüben ",
■eines „Anderen“ zu bilden.
a) Die erste Antwort ist: weit weg.
Jenseits eines Wassers — über Wasser
können Geister nicht hinüber, — jenseits
der Wälder 10 ), jenseits des Meeres, eben
nicht hier. Der Ton liegt dabei auf
dem „Nicht“ wie auf dem „Hier“. Denn
im übrigen sind diese Orte ganz ungenau
lokalisiert, so daß dem Suchenden nie¬
mand Auskunft geben kann und er im
Märchen von einem zum andern geschickt
wird. Und fast immer finden sich bei
demselben Volke und innerhalb der¬
selben Kulturschicht mehrere neben¬
einander hergehende Lokalisierungen.
Wenn der Ort nur genügend weit weg ist,
so ist das Bedürfnis des Fragenden be¬
friedigt. An eine Transzendenz ist hier¬
bei noch nicht gedacht. Betont wird das
Moment der geographischen Ent¬
fernung. An den Grenzen der Erde, jen¬
seits des Weltmeeres wohnt nach baby¬
lonischer Sage Ut-napischtim, aber Gil-
gamesch kommt doch zu ihm. Für die
Griechen liegen die Inseln der Seligen im
Westen. Aber Herkules holt doch von
dort die goldenen Äpfel. Nach ger¬
manischer Anschauung ist die Seelen¬
insel das nahe Britannien, das Nebel¬
land. Im Delta, also für jene Periode
ägyptischer Geschichte, im fernen unzu¬
gänglichen Norden, liegt das Totenland
Ägyptens.
Und im Norden liegt für den Germanen
Hels Reich Niflheim, das ursprünglich
sicher kein Ort der Strafe, sondern all¬
gemeiner Totenort war, müssen doch selbst
Baldr und Nanna dahin; im Süden liegt
Muspelheim, das Reich der Feuerriesen.
Dieses Muspelheim hat später zur Vor¬
stellung einer Feuerhölle und, in Ver¬
bindung mit dem Glauben an einen
Aufenthaltsort der Toten am Grunde der
Vulkane, zur Ausbildung der Vorstellung
einer ganzen feurigen, von unzähligen
Scharen, Toten und Teufeln bevölkerten
Unterwelt gegeben. Ein dritter Toten¬
ort dieser Art ist das Reich der Toten
auf dem Grunde des Meeres, in
das Ran oder ihre Töchter die Ertrin¬
kenden ziehen.
Ist das Reich der Toten aber so fern,
so ist die Reise dahin weit und beschwer¬
lich ll ). Man muß daher dem Toten
seine Mühen erleichtern. Ursprünglich,
noch ganz innerhalb des präanimistischen
Gedankenkreises, tut man dies, indem
man ihn mit den notwendigen Reise¬
zubehören versieht 12 ). Der tote Fürst
wird ins Schiff gelegt, damit ihn dieses
ins J. fahre. Vornehme bekommen ihr
Roß mit oder einen Wagen. Zahllos
sind infolgedessen die Sagen und Märchen,
in denen der Mensch — und zwar als Le¬
bender gedacht, mit einem schwarzen Roß
oder einem Wagen in die Hölle abgeholt
wird. Es besteht auch die Vorstellung,
647
J enseits 648
daß Fährleute, natürliche Menschen, erst ten, welche unversehrt den beschwer-
später ein nicht-menschlicher Charon, liehen Weg zurücklegen sollen 22 ),
gegen Fährlohn, den man den Toten mit- Aber genügend Energie und Ausdauer
gibt, sie in der Nacht übersetzen. So soll vorausgesetzt, kann nicht nur der Tote,
es an der fränkischen Grenze ein Gebiet sondern auch der Lebende ins J. gelangen,
gegeben haben, dessen Fährleute von allen und zwar, wie es dieser ganzen prä-
Abgaben befreit waren, weil es zu ihren animistischen Anschauungsweise ent-
Obliegenheiten gehörte, die Totenseelen spricht 23 ), in seinem unversehrten Leibe,
nach der Insel Brittia, Brittannien, En- | Und vermag er von dort drüben die Prin-
gelland überzusetzen 13 ). Der gewöhn¬
liche Sterbliche aber muß meist zu Fuß
wandern, über beschwerliche, mit Dorn¬
büschen bewachsene Landstraßen 14 ), über
endlose dornige Heiden, durch finstere
Wälder, wo der „wilde Mann“ seine
Schätze (den Brunnen, die Äpfel des Le¬
bens, das Gold) bewacht 14 *); bald wan¬
dert die Seele allein, bald in großem Zuge,
bald einsam, bald im Geleite eines Seelen¬
geleiters, des Todes, der sie abholen kommt
und dem man entgeht, wenn man ihn fest¬
bannt. Die wichtigste Ausrüstung ist da¬
her ein tüchtiges Paar neuer Schuhe für
den Toten; darnach heißt in der Graf¬
schaft Henneberg das ganze Leichenbe¬
gängnis samt Totenmahl der „Toten¬
schuh“ 15 ). Noch in anderer Weise hilft
man der Seele auf ihrer beschwerlichen
Reise. Die Armenier lassen Kerzen oder
Lampen brennen, damit ihr der Weg ins
J. erhellt werde 1Ä ); ähnlich die Russen 17 ),
die ihr auch eine Tasse Wasser zur Stär¬
kung aufs Fensterbrett stellen 18 ); in Ar¬
gentinien bekommt der Tote einen Feuer¬
brand, um die Heide vor sich her anzün¬
den zu können 19 ). Es sind auch Wirts¬
häuser am Wege 20 ), wo der Tote Er¬
quickung findet (vielleicht früher die Ziele
der Wanderung, die nun zu einer Zw*schen-
station geworden sind). Die erste Nacht
verbringt er bei St. Gertraud, die zweite
bei St. Michael, die dritte erst an der end¬
gültigen Stätte seines Bleibens 21 ).
Mit dem Fortschreiten animistischer An¬
schauungsweise sind es nicht mehr eigent¬
lich die realen Schuhe, mit denen der Tote
den Weg ins J. macht. Er muß im Leben
mindestens ein Paar neuer Schuhe ver¬
schenken, damit er sie nach dem Tode wie¬
derfindet. Der holsteinische Bauer Gott¬
schalk sieht in einer Vision eine Linde
mit lauter Schuhen behängt für die Gu-
zessin herauszuführen, so ist sie so le¬
bendig wie er. Solche Wanderungen ins
J. erzählte die griechische Sage von
Odysseus, der allerdings nur bis an
den Eingang gelangte, von Orpheus.
Viel deutlicher und altertümlicher sind
die deutschen Märchen vom Glasberg 24 ),
oder die Legenden vom Mönch zu Heister¬
bach und ihre Varianten, wie die weniger
bekannte vom polnischen Grafen, den
sein Freund zum Ritt ins J. abholt (s.
oben das Motiv des Reitens) und der dort
300 Jahre verbringt. Auf die Erde zu¬
rückgekommen, lebt er nur mehr kurze
Zeit. Die Reise ins J. verzehrt die Lebens¬
kraft. Aber — das ist das Typische —
zum wirklichen Sterben muß der Mensch
erst wieder auf die Erde zurück).
Er war drüben im Leibe und als Leben¬
der. Ähnlich weiß auch die talmudische
Sage von 4 Personen, die als Lebendige
ins Paradies Eingang gefunden hatten.
b) An der Grenze vom Präanimismus
zum Animismus — die Übergänge
sind durchaus fließend wie all diese
Vorstellungen — steht die Anschauung
vom Wohnen der Toten im Götter¬
berg, bei den Göttern. Dieser Götter¬
berg, ursprünglich durchaus real irdisch,
entfernt sich zu dieser Schicht aus der
irdischen Ebene des Seins. Die Götter
sind ferne gerückt. Mehr und mehr
sieht man in ihnen ausschließlicher das
Ganz-Andere. Und ebenso ergeht es in
dieser Zeit den Toten. Man beschäftigt
sich jetzt mehr mit der Betrachtung der
Unterschiede zwischen den Seelen der
Toten und Lebenden, während man früher
mehr Gewicht auf die Gleichheiten ge¬
legt hatte. Sagte die früheste Schicht,
daß trotz aller Differenziertheit der Er¬
scheinungsform der Tote doch noch und
zugleich präsumptives Mitglied schon
649
J enseits
650
wieder sei, so wird jetzt das Schwerge¬
wicht auf das Nichtdasein der konven¬
tionellen Erscheinungsform gelegt und
daraus der Schluß auf das Ganz-anders-
sein gezogen. Die Seele nach dem Tode
ist entweder mehr oder weniger, mäch¬
tiger oder kraftloser als sie es bei Leb¬
zeiten war; dies zeigen besonders deutüch
die ägyptischen Pyramidentexte.
Der Tote geht noch immer zu den Göt¬
tern. Er wird noch immer dem großen
Ahnen und höchsten Gotte irgendwie
gleich. Aber mittlerweile ist die ganze An¬
schauung von Gott eine mehr transzen¬
dente und verjenseitigte geworden,
was sich in den beständig wiederkehren¬
den Überlieferungen spiegelt, daß die
Götter ursprünglich auf Erden gehaust
hätten, den Menschen nahe, nun aber sich
aus dem einen oder andern Grunde zu¬
rückgezogen hätten. Der Götterberg,
einst irgendein irdischer Olympos, irgend¬
ein Kultberg der Nähe oder Ferne, wird
nun über den Wolken lokalisiert. Dort
wohnen nun die Überirdischen und in
ihrem Gefolge die Toten. Dorthin kommt
normalerweise kein Irdischer mehr —
es sei denn durch besonderes Wunder.
Und man gelangt dorthin nur, w^enn man
in besonderer Weise eine Transformation
durchgemacht hat. Die zu den Göttern
eingegangenen Toten werden auch für ge¬
wöhnlich nicht wiedergeboren. Sie sind
aus der Nähe der Sterblichen, aus dem
Kreislauf der Geburten, aus dem Dies¬
seits endgültig ausgeschieden. Inwie¬
fern diese Wandlung mit dem Aufkom¬
men der Feuerbestattung zusammen¬
hängt, kann hier nicht ausgeführt werden.
c) Diese Entwicklung ergab eine Mehr¬
heit von J.-Vorstellungen und Lokali¬
sierungen, die zur Distinguierung drängte.
Ursprünglich erfolgte diese nach Stand
und Kaste. Bei den Ägyptern erreicht der
tote König einen Platz, der für andere
verschlossen scheint. Auch bei den Süd¬
seeinsulanern gibt es einen gesonderten
Himmel für Reiche und Mächtige und ein
J. zweiten Ranges für die Armen, ein J.,
das bisweilen geradezu als eine Hölle, eine
Art Hel beschrieben wird 25 ). So finden
sich auch bei den Germanen die Standes-
und Klassengenossen in einem gesonderten
J. zusammen. Und selbst als die Sage
sie ihrer Gesinnung wegen in die Hölle ver¬
setzte, so war es doch noch immer eine
standesgemäße Hölle, wo man seine
Qualen bei standesgemäßen Beschäfti¬
gungen (Essen und Trinken) abbüßte 26 ).
Daneben aber gab es gewissermaßen eine
berufsmäßige Teilung. Die Krieger sam¬
melten sich um den Kriegsgott; die im
Kindbett gestorbenen Frauen verweilten
bei Freya; die den Wassertod Sterbenden
bei Ran — am Orte der Unseligkeit; die
übrigen bei Hel, wo auch Baldr in Träg¬
heit und Untätigkeit, wie der an den Or¬
kus gefesselte Achilles, sein Leben zu¬
bringt. Diese kastenmäßige Schich¬
tung ist aber zugleich mit einer ethischen
Schichtung verbunden. Zum Teü liegt
diese gerade für den germanischen Glau¬
ben auf der Hand. Wer den Schlachten¬
tod stirbt, als Weiheopfer für den Kriegs¬
gott, stirbt einen guten Tod, ist damit ein
guter Mensch — man braucht gar nicht
den Gedankengang zu verfolgen, ob und
inwiefern etwa die mystische Identi¬
fikation mit dem Gott eben dadurch
eingetreten sei. Dasselbe gilt für die
Frau im Kindbett. Während andere
Todesarten, wie im unverehelichten Stan¬
de, oder ohne Beichte und letzte Weg¬
zehrung an sich schlecht sind. Schlecht
ist der Strohtod; ihn sterbe, wer da wolle.
Andererseits ist adelig und gut für eine ge¬
wisse Zeit identisch.
Allerdings ist der ethische Gehalt der
J.Vorstellung uralt. Die Vorstellung
von der Toten wage, die die Taten des
Toten wägt, ist dem alten Ägypten so gut
bekannt wie dem deutschen Mittelalter.
Das Brückengericht an der Regenbogen¬
brücke prüft die Würdigkeit des Pas¬
sierenden. Nicht-germanischer Glaube
betont auch sehr stark die Gefährdung
der sündigen Seele auf der J.-Reise. Es
gilt da eine Klippe oder Kluft oder
Brücke zu überschreiten, über die nur
der Schuldlose seinen Weg findet. Nach
germanischem Glauben durften die Un¬
gerechten nicht die Brücke über den To¬
tenstrom Gioll benutzen, sondern mußten
mit nackten Füßen durch das von
6 s I
Jenseits
Jenseits
054
Schwerterspitzen starrende Flußbett wan¬
dern. Im mittelalterlichen Glauben wird
der Kampf zwischen den Teufeln und
Engeln um die Seele des Toten betont.
9 ) Wundt Mythus 1, 581; 2, 487; 3, 556;
Grabinski Neuere Mystik 187; Clemen Neues
Testament 130 ff.; Helm Religgesch. 1, 145;
Dieterich Kl. Sehr. 469fr. 499. 523. 10 ) Wolf
Beitr. 2, 71. 41 ) Usener Kl. Sehr. 4 , 314; 4 ,
390; v. Negelein Die Reise der Seele ins Jenseits
in ZfVk. 11 (1901), 16 ff.; v. d. Lcyen Sagenbuch
1, 34. 140. 138. 177. 12 ) Meyer Germ. Myth. 134.
303. I3 ) Schwebet Leben nachdem Tode 287, vgl.
übrigens für eine rein gespenstische Auffassung
Fornmannasögur 1, 183; E. H. Meyer Völuspa
166. 14 ) Heyl Tirol 142 Nr. 32. 14a ) Schwebel
Tod und ewiges Leben 281 f. 15 ) Ebd. 278.
18 ) ZdVfV. 17 (1907), 380. 17 ) Ebd. 22 (1912), 159.
18 ) Globus 59, 236. 19 ) ZdVfV. 17 (1907), 371.
20 ) Kuhn u. Schwartz 31 f.; Rochholz
Glaube 191; Witzschel Thüringen 2, 143;
Pinkepank, der Teufel, hält vor der Hölle
Wirtshaus, vgl. Simrock Mythologie 444.
21 ) Ebd. 403; Grimm Myth. 2, 699; ZdVfV. 11
(1901), 20. 22 ) Ebd. 4 (1894), 429. 23 ) Na umann
Gemeinschaftskultur 28. 24 ) ARw. 15, 604. 625.
24a ) Kühnau Sagen 3, 307. 25 ) J. G. Frazer
Immortality 2, 3640. 26 ) Schwebel Leben
nach dem Tode 288 t.
4. Die zweite allbeschäftigende Frage,
sobald das J. sich von dieser ganz realen
Erde getrennt hatte und die Toten nicht
einfach — nur eben unsichtbar — das
Leben ihrer Stammesgenossen in Leid und
Freud teilten, lautete: Wie sieht es im J.
aus? Wie hat man sich zu benehmen,
um daselbst in eine möglichst günstige
Lage zu gelangen ?
Diesen brennenden Wunsch zu befrie¬
digen werden die verschiedensten Mittel
angewendet 27 ). Im wesentlichen aber
gibt es hierzu zwei Methoden. Entweder
die eigene Seele tritt die Himmelsreise
oder die Höllenfahrt an; oder aber ein
Toter kehrt zurück und gibt Auskunft
über das, was er erfahren hat.
Beide Formen begegnen schon in sehr
alten Schichten, so daß schwer auszu¬
machen ist, was phylogenetisch als das
Ältere anzusprechen ist. Wahrschein¬
lich aber ist es die Himmelsreise der
eigenen Seele, die als solche einen not¬
wendigen Teil der Initiationserlebnisse
des Medizinmannes bei vielen Völkern bil¬
det 28 ). Diese Himmelsreise, an der der
Leib nicht teilnimmt und die als solches
etwas Gewöhnlicheres ist als die Him-
652
melfahrt im Leibe, wie sie z. B. das ba¬
bylonische Epos von Adapa erzählt 29 ),
ist für den Schamanismus typisch. Im
Germanentum treten sie scheinbar erst
stärker unter christlichem Einfluß auf 30 ).
An die Bedeutung, welche die Höllenreise
in Vergils Aeneis gewann, reichen lite¬
rarisch die zahlreichen Darstellungen aus
dem Gebiete christlicher Mystik auf
deutschem Boden nie heran. Die vielen
Märchen und Sagen, in denen der Lebende
das Paradies und die Hölle sehen darf,
gehören dem obern Typ eher an, als dem
Typus der Himmelsreise der Seele.
Selbstverständlich braucht auch die
lebende Seele einen Führer auf ihrer
Fahrt 31 ) — bei Mohammed ist es der Erz¬
engel Gabriel —, der die Rolle des Seelen-
I geleiters mit der des getreuen Eck¬
harts, des Warners und Mahners, ver¬
bindet. Übrigens spielt der Gedanke
der Begleitung bei der Seelenreise eine
ungeheure Rolle. Wer unbegleitet ins J.
kommt, dem geschieht außer anderem
Übel, daß ihm die Ferse abgeschlagen
wird, ein Übel, dessen Bedeutung daraus
zu ersehen ist, daß dem ungeleitet in den
Unterweltsberg Eindringenden oder die
freundliche Warnung der guten Macht
Verschmähenden 32 ) dasselbe Unglück wi¬
derfährt. Dieses Unglück ist nämlich
das Festgehaltenwerden in Hel ursprüng¬
lich; das Nichtwiederzurückkönnen, das
Abschneiden der Heimkehr zu den Leben¬
den. Davor behütet das rechte Geleite.
Ein anderer Weg, Kunde über das J.
zu erhalten, ist Totenbeschwörung, das
Totenwecken; von der Kirche, aber auch
schon vom Alten Testament verboten 33 );
über seine Bedeutung für den Glauben
vgl. die von unübertrefflicher Einsicht
zeugenden Worte Jesu Luc. 16, 31. Meist
aber läßt man sich von einem Freund
oder Verwandten versprechen, daß er
nach dem Hinscheiden wahrheitsgemäße
Auskunft geben werde. Diese Auskunft
kann einfach in okkultistischen Klopf¬
oder Wurf phänomenen bestehen 34 ) oder in
mehr oder weniger ausführlichen Be¬
richten 35 ) über aas J.leben. Aber die
ersehnte Auskunft ist meist recht mager,
obgleich der Tote mit unsäglichen Qua-
053
len, über lauter Nadelspitzen 36 ), den
jetzt verbotenen weiten Weg ins Reich
der Lebenden zurücklegen muß. Bis¬
weilen muß er sagen, daß er nichts mit-
teilen darf 37 ); indes ist sein bloßes Er¬
scheinen an sich schon Gewahr für ein
Fortleben an sich, ist also die immer wich¬
tiger werdende Zweifelsfrage, ob es über¬
haupt Unsterblichkeit oder Fortleben gibt,
beantwortet. In der Regel aber darf der
Besuch aus dem J. 38 ) kurzen Bericht
über seinen Zustand geben. Dieser
ist fast nie günstig. Er habe vieles ab¬
zubüßen, ,,und lachen und weich liegen
werde oben für die größte Sünde ge¬
halten“ 39 ); der Mann, der seine Frau
heimsucht, bittet sie, für ihn zu beten 39a );
ein anderer leidet Entsetzliches, obschon
er nicht „verdammt“ ist; der pflicht¬
vergessene Priester legt dem Freunde
die Hand auf die Stirne, um ihm einen
Geschmack seiner Gluten zu geben 40 );
keine juristische Geschicklichkeit gilt im
J.: „Vo Gott abgschwore isch ewig ver¬
löre“ 41 ). Oft muß auch der Hörer ster¬
ben, nachdem er Kunde aus dem J.
empfangen hat. Manchmal zeigt sich der
Gast im „geistlichen Kleide“ (s. Licht¬
kleid § 5) 42 ), manchmal als Tier, bis¬
weilen auch bleibt er unsichtbar.
Immer mehr beschäftigt der Gedanke
der Vergeltung im J. das Bewußtsein 43 );
er wird dabei immer mehr zur Vorstellung
vom J. als dem Ort der Strafe 44 ), als ei¬
nem Orte, wo es nicht gut geht, ob man
nun dort in der Hölle oder im Fegefeuer
leidet. Nie verschwindet aber ganz die
Vorstellung vom J. als einem freund¬
lichen Orte, als Paradies, wo man mit
Christus dem Trinkgelage obliegt 45 ), einer
blühenden Wiese 46 ), Ort der Gemeinschaft
mit Gott, des Wiedersehens mit unseren
Lieben 47 ); und letztlich nicht mehr nur
als dem Orte der Wiederbelebung 48 ), son¬
dern des wahren ewigen, des einzigen Le¬
bens.
2? ) Kuoni St. Galler Sagen 28; Heyl Tirol
57 Nr. 13; Mannhardt Germ. Mythen 441.
28 ) Beth Religion u. Magie 2 53. 338. 343.
29 ) Jeremias Altes Testament 675. 30 ) Mschies-
Vk. 13—14, 42 ff. 31 ) Norden Aeneis VI
153. *58. 43t- 32 ) Kuhn Westfalen 1, 272; Meyer
Germ. Myth. 244. 33 ) Ebd. 74 t. 34 ) Grohmann
194; Kühnau Sagen 1,73 t. 35 ) Schönwert h
Oberpfalz 3, 151; Gräber Kärnten 187. 188. 191 ;
Baumberger St. Galler Land 192. 36 ) Waibel
u. Flamm 1, 154 t.; 2, 256. 37 ) Grohmann
194t. 38 ) Schönwerth Oberpfalz 1. 363 t.;
39 ) Strackerjan i, 211. 39a ) SAVk. 25, 130.
40 ) Meyer Aberglaube 361. 41 ) SAVk. 25, 130.
42 ) Kühnau Sagen 1, 312. 43 ) Schmidt Gottes¬
idee 1, 493; Fischer Oststeirisches 199 ff.
44 ) Bolt e -Polivka 3, 302; Gün t ert Kalypso
43 Anm. 4. 45 ) Schwebe 1 Leben nach dem Tode
318. 46 ) Böckel Oberhessen XVI ff. 47 ) Nor¬
den Aeneis VI 249. 343. 48 ) Appian Rom.
historia 1. 3, 4; Mannhardt Germ. Mythen
320 t.
5. Das J. als der Ort der verwandelten
Seele, einer Seele, die nicht allein die Ver¬
wandlung durch das Sterben durchge¬
macht hat, ist auch schon ein früher Ge¬
danke. Viele primitive Völker haben den
Gedanken des zweiten Todes (für die
Isländer s. o. die Zitate aus den sagas),
aber nicht nur eines zweiten Getötet¬
werdens, sondern eines zweiten Sterbens
als Notwendigkeit, sei es, daß nur die
guten Seelen weiterleben, die bösen aber,
wie es besonders drastisch das ägyptische
Totenbuch darstellt, von den Dämonen
der Nacht vernichtet werden, sei es, daß
alle Seelen nach einer gewissen Zeit zu
existieren auf hören, was vielleicht mit
dem verblassenden Reinkarnationsglau-
ben zusammenhängt. Doch daneben be¬
steht der Gedanke, daß das J., das er¬
habene Lichtreich der Transzendenz nur
dem Transzendenten zugänglich ist. In das
Lichtreich mit dem goldenen Glanze
kann nur der kommen, dessen Seele selbst
das Lichtkleid trägt. Dieses Lichtkleid
ist Preis der Tugend und Gerechtigkeit
(Vergeltung). Aber es ist auch Preis
magischer Praktiken, welche vor dem
Sterben von und an dem Gestorbenen voll¬
zogen worden waren, oder die nach dem
Tode an seiner Leiche geschehen (die
ägyptische Mundöffnungszeremonie) oder
noch später die wandernde Seele befrieden,
der nun das Urväterschicksal des An-
der-Erde-Haftens Fluch geworden ist.
Diese Praktiken haben oft sehr wenig mit
ethischer Haltung zu tun, selbst wenn
man das Erweisen des männlichen Mutes
als der bedeutsamsten Tugend von sei¬
ten des Erlösenden als (stellvertretende)
Ethik rechnen wollte. Es ist wie oft
655
Jerichorose
656
eine rein zufällige Handlung, ein Erraten
des richtigen Wortes, das über die Seele
entscheidet, ob sie ins J. eingehen darf,
d. h. ob sie jene Verwandlung erlebt, die
allein zu dieser Auszeichnung berechtigt. !
Daneben bleibt aber auch der Gedanke
der Läuterung nach dem Tode, der auch
ohne Magie zur Erlösung führen kann.
# •
Ähnliche Vorstellungssphären beherr¬
schen auch den modernen Okkultismus,
der, kurz gesagt, die am wenigsten dem
Irdischen entfremdeten Geister der ir¬
dischen Sphäre verhaftet sein läßt und |
die Verwandlung in Lichtwesen und das
damit verbundene Aufsteigen' in höhere i
Sphären den Bußfertigen und Höherent¬
wickelten vor behält. Allerdings läßt sich
infolgedessen beim Okkultismus fragen,
ob für ihn das J., zu dem nicht eine un¬
überbrückbare Kluft, als ins Gebiet des
Ganz-Anderen, führt, wieder wie dem
Primitiven mit dem Diesseits auf einer
Ebene des Seins liegt. K. Beth.
Jerichorose (Weihnachtsrose; Anasta-
tica hierochuntica).
I. Botanisches. Die J. ist keine Rose,
sondern ein etwa 20 cm hoher Kreuzblütler
(Kruzifere), der von den Wüsten Ägyp¬
tens bis in die Gegend des Toten Meeres
und in der arabischen Wüste ziemlich
häufig ist. Bei der Stadt Jericho kommt
die Pflanze (wenigstens heutzutage)
nicht vor. Der Name spielt offenbar an
auf eine Stelle in den Sprüchen des
Sirach (24,18), an der die göttliche Weis¬
heit verglichen wird mit den Rosen, die
um Jericho gepflanzt werden 2 ). Die
sparrig abstehenden Zweige der J.
trocknen bei der Fruchtreife ein und
verkürzen sich dabei auf der Oberseite
viel mehr als auf der Unterseite. Auf
diese Weise biegen sich die Zweige nach
innen, so daß die ganze Pflanze eine ku¬
gelige Gestalt annimmt. Bei Wasserauf¬
nahme strecken sich die Zweige wieder.
Da es sich hier um rein physikalische Er¬
scheinungen handelt (, ,hydrochastische‘ 1
Bewegungen in der Pflanzenphysiologie
genannt), so sind sie auch bei der toten
Pflanze zu beobachten 2 ). Auch die in
der algerischen Sahara bis Beludschistan
verbreitete Komposite Odontospermum
pygmaeum (Asteriscus pygmaeus), deren
Hüllkelchblätter ähnliche Bewegungen
ausführen, wird als J. bezeichnet 3 ). In
Palästina, besonders in Jerusalem, wird
mit der J. ein schwunghafter Handel ge¬
trieben. Durch Reisende bzw. Pilger
kommt die getrocknete Pflanze vielfach
zu uns nach Deutschland 4 ).
*) ARw. i2, 329. 2 ) C. Steinbrinck und
H. Schinz Über die anatomischen Ursachen
der hydrochastischen Bewegungen der sog. Jericho¬
rosen und einiger anderer Wüstenpflanzen. In:
Flora 98 (1908), 471—500; Jost Vorlesungen
über Pflanzenphysiologie 3 1913, 546. 3 ) Fonck
Streifzüge durch die bibl. Flora 1900, 156 t.;
Verh. bot. Ver. d. Provinz Brandenburg 23
(1881), 45. 4 ) Vgl. Birlinger Aus Schwaben
I, 410.
2. Die oben geschilderten ,,wunder¬
baren“ Bewegungen der J. lenkten offen¬
bar schon früh die Aufmerksamkeit des
Volkes auf sich. Zu den ältesten Zeug¬
nissen gehört wohl der Bericht des Pfar¬
rers Ludolph von Suchen (aus der Diözese
Paderborn), der im Jahre 1350 das hl.
Land bereiste: ,,Von dem Berg Synai
zeucht man durch die wüstin gegen Si-
riam in dreyzehen Tagen . . . durch diese
wüstin ist gegangen die iunkfraw maria
mit irem kind Jhesu, do sy auß iudea
Hoch den kung herodem. Vnd an allen
wegen do sy gegangen ist wachsent dun-
rosen, die man in diesen landen heyßet
rosen von Jhericho. Dise rosen sament
(sammeln) die waldewini (Beduinen)
vnd gebent sy den pilgerin vmb brot ze
kaufen. Vnd die sarricenischen weib ha-
bent die gern bei inen wann sy schwanger
seient. vnd legent die in Wasser vnd trun-
kent dar ab. vnd sagent sy seient dar
zuo vast guot“ 5 ). Schon 1542 wird der
Glaube, daß sich die J. nur in der Christ¬
nacht zur Geburtsstunde des Heilands
öffne, als falsch bezeichnet 6 ). Praeto-
rius 7 ) zitiert den Brauch, daß die Heb¬
ammen die J. zur Erleichterung der Ge¬
burt verwenden 8 ). Als geburtbefordern¬
des Mittel war die J. als ,,Rosa Hiero-
chuntis“ (so in der Apothekertaxe vom
Jahre 1582 von Frankfurt a. M.) oder
Herba Rosae Hierochunticae (Taxe von
Bautzen vom Jahre 1660) in den Apothe¬
ken offizinell 9 ). Im 16. Jh. sollte nach
657
J erichorose
658
italienischem Volksglauben die im Haus
auf bewahrte J. den Blitz abhalten 10 ).
5 ) Zitiert nach Jacoby s. unter ,,Literatur”.
*) Birlinger Aus Schwaben 1, 411; ebenso
A nh orn Magiologia 1674, 149; Brown Psc«-
dodoxia epidemica 1680, 532. 7 ) Saturnalien 166
82 ff. 8 ) Vgl. auch Tentzel Monatl. Unter¬
haltungen 1689, 873; Reichelt Amuletta 1692,
269. 9 ) Schelenz Geschichte d. Pharmazie 1904,
424. 10 ) Brasavolus Ferrarariensis Examen
simplicium 1556, 316.
3. Der Glaube an die wunderbaren
Eigenschaften der J. findet sich besonders
auf alemannischem Boden. Vielleicht
hängt dies damit zusammen, daß es hier
besonders rührige Vertriebstellen für die
Pflanze gab (Devotionalien-Industrie von
Einsiedeln in der Schweiz?). In der
Schweiz gab es Familien, in denen sich
eine J. von Geschlecht zu Geschlecht
vererbte, daher auch die Redensart:
,,alt wie-n-e(n) J.“ n ). Nach einem Haus
in Riesbach (Kt. Zürich) strömte in den
1820er Jahren das Volk aus der Um¬
gegend am hl. Abend zusammen, wo eine
J. („Weihnachtsblueme“) auf einem Tisch
ausgestellt war. Ihr Aufgehen wurde als
Vorzeichen für die Witterung des künf¬
tigen Jahres betrachtet 12 ). Ebenso war
in diesen Jahren das Dorf Feldmeilen
am Zürichsee ein Wallfahrtsort wegen
einer J. 13 ). Heutzutage ist die J. (in
Uri) als Weihnachtsorakel selten gewor¬
den 14 ). In katholischen Gegenden der
Schweiz wird die J. am Weihnachts¬
abend auf den Tisch (in ein Glas Wasser)
gestellt. Um diesen versammeln sich Fa¬
milie und Gesind zum Gebet, das bis Mit¬
ternacht fortgesetzt wird, öffnet sich die
J. (infolge der Befeuchtung) bis zum fol¬
genden Morgen, so gilt dies als Zeichen
eines gesegneten Jahres, bleibt sie ge¬
schlossen, so befürchtet man Unglück
oder Mißwachs 15 ). Mancherorts heißt es
auch, daß ein gutes Jahr bevorstehe, wenn
sich die J. vor Mitternacht öffne, ein
schlechtes dagegen, wenn dies nach
Mitternacht geschehe 16 ). Ferner wurde
das Verhalten einzelner Zweige (beim
öffnen der J.) als maßgebend für das Ge¬
deihen bestimmter Feldfrüchte betrach¬
tet 17 ). Auch im Elsaß 18 ), in Württem¬
berg 19 ), Baden 20 ), wird das Weihnachts¬
orakel mit der J. angestellt. Im Allgäu
wird die J. am Christabend ins Wasser
(womöglich in Weihwasser) gestellt; wenn
sie bis Mitternacht nicht aufgegangen ist,
stirbt bald jemand im Hause 21 ). In der
Rheinpfalz bedeutet das Entfalten der J.
(„Weinrose“) in der Christnacht ein gutes
Weinjahr. Die Landleute kommen oft
auf vier bis fünf Wegstunden herbei, um
sich zu überzeugen 22 ). Daß die J. in der
Christnacht blühe, glaubt man auch in
Schlesien 23 ). Im Niederdeutschen ist das
Wahrsagen aus der J. anscheinend kaum
bekannt. In Emden (Ostfriesland) je¬
doch wurde 1704 darüber geklagt, daß mit
der J. in der Christnacht Aberglauben ge¬
trieben werde M ). Auch in Frankreich
glaubt man an das Aufblühen der J. in
der Christnacht usw. 25 ). Nach portugie¬
sischem Glauben öffnet sich die J. in der
Johannisnacht oder auch an Weihnachten
und bleibt dann bis zum 25. Februar
offen 26 ). Über sagenhafte „Weihnachts¬
blüten“ vgl. auch Apfelbaum, Farn,
Hopfen, Walnuß 27 ).
ll ) Schweizld. 6, 1396. 12 ) Ebd. 5, 84. 13 ) Ebd.
6, 1395 - 14 ) SchwVk. 15, 76. 15 ) Schweizld. 4,
659: SAVk. i, 65; 9, 36; SchwVk. 3, 87; Manz
Sargans 139; Stäuber Zürich 2, 118; Unoth
I, 187 Nr. 146; Hoffmann-Krayer 109;
Vonbun Beiträge 129. 16 ) St oll Zauberglauben
175. 17 ) Schweizld. 6, 1396. 1B ) Alsatia 1851,
105; 1852,151; Jb Elsaß-Lothr. 12, i84;ZfdMyth.
1, 402; Hertz Elsaß 22. 19 ) Meier Schwaben
241. 20 ) Meyer Baden 484. 21 ) Reiser Allgäu
2, 21. 22 ) Bavaria 4, 378. 23 ) Drechsler
1, 39 - 24 ) Lüpkes Ostfries. Volkskunde
(1907), 137. 25 ) Beauquier Faune et Flore 2,
310; Rolland Flore pop. 2, 89. Vgl. auch
ZfVk. 10, 324; Tille Weihnacht 225. 239. 242.
4. In Steiermark stellt man bei Ge¬
wittern die geweihte J. ins Wasser, um
den Blitz abzuwehren 28 ).
28 ) ZföVk. 3, 45, vgl. auch zu Anm. 10.
5. Sehr alt (vgl. unter 2) ist der Glaube,
daß die J. den Geburtsakt fördere. Das
wunderbare Auseinandergehen der Zweige
soll das Sichöffnen des Mutterschoßes
symbolisieren. Auch wurde die J. viel¬
fach mit der hl. Maria (als Geburtshel¬
ferin) in Verbindung gebracht. Als Maria
während ihrer Schwangerschaft auf das
Gebirge ging, um ihre Freundin Eli¬
sabeth zu besuchen, blühte an jeder
Stelle, die ihr Fuß berührte, eine J.
auf 29 ). Die Legende scheint aus Pa-
Jerusalem
lästina zu stammen, wo es heißt, daß die
J. in der Wüste an der Stelle hervor¬
sprießte, die Maria auf ihrer Flucht vor
Herodes mit dem Fuß berührte 30 ). Die
Gräkowalachen erzählen, daß die J.
(die angefeuchtet wie eine ausgespreizte
Hand anzusehen ist) dort erwachsen sei,
wo die Muttergottes den Abdruck ihrer
Hände zurückließ, als sie allein in dichter
Finsternis nach Golgatha empor klomm.
Die J. heißt daher ^si'p Ilavajiac
(Hand der Muttergottes) 31 ). Während
der Geburt vertreibt die J., eingetaucht
und zum Riechen (?) vorgehalten, die
Schmerzen 32 ). Bei den Gräkowalachen
benetzt sich die Gebärende Antlitz und
Lippen mit dem durch die J. ge¬
weihten Wasser, um leichter über die
schwere Stunde hinwegzukommen 33 ). In
Monastir (Türkei) hält die Gebärende die
J. in der Hand 34 ), ähnlich wie in der An¬
tike die gebärenden Frauen den heiligen
Lorbeer Apollos in Händen hielten 35 ).
Auch in Italien 36 ) und in Portugal 37 )
gilt die J. als ein die Geburt förderndes
Mittel.
29 ) Meier Schwaben 241. 30 ) Dähnhardt
Natursagen 2, 258; Rolland Flore pop. 2, 90.
31 ) ZfVk. 4, 135. 32 ) Bavaria 4, 345 = Becker
Pfalz 208. 33 ) ZfVk. 4, 135; vgl. Ab bot
Macedon. Folklore 1903, 122. 34 ) Stern Türkei
2, 278. 35 ) ZfVk. 4, 135. 36 ) Reinsberg-
Dü rings feld Ethnogr. Kuriositäten 2 (1879), 5.
37 ) Rolland Flore pop. 2, 89.
Literatur: Joh. Sturmius De Rosa Hie-
richuntica Liber unus, in quo de eins Natura,
Proprietatibus et Causis pulchre disseritur,
96 pag. Lovanii 1608; Grasse Beitr. z. Li¬
teratur u. Sage d. Mittelalters. 1850, 90—94;
Rolland Flore pop. 2, 90; Dähnhardt Na¬
tursagen 2, 259; Alfr. Jacoby Zur Geschichte
der Rose von Jericho. In: Ons Hemecht. Luxem¬
burg 24 (1918), 57—60. 80—82. 119—121;
Fonc k Streifzüge durch die biblische Flora 1900,
157; Strantz Die Blumen in Sage und Gesch.
*875, 350—355; Schrinen De roos van Je¬
richo in: Volkskunde 12, 89 ff.; Marzell Die
Jerichorose. Eine kulturgeschichtl. Betrachtung
in: Natur. Leipzig 15 (1924), 246—248; SchwVk.
3, 87; Baeßler Legenden 76 ff. Marzell.
Jerusalem. Als Hauptstadt des jü¬
dischen Reiches und als irdischer Wohnsitz
der Herrlichkeit Jahwes war J. mit Not¬
wendigkeit für das Judentum Mittel¬
punkt des Sinnens und Denkens, Mittel¬
punkt der Aufmerksamkeit und damit
für sie Mittelpunkt. Es wurde, wie von
jedem antiken Volke seine wichtigste
Stätte, als Nabel der Welt betrachtet.
Und ebenso wurde es nach orientalischer
Vorstellung, wo allem Irdischen ein Himm¬
lisches entspricht — und umgekehrt —
als irdische Spiegelung eines himmlischen
Sitzes des Gottes angesehen. Ist doch der
irdische Sitz nur eine in engster Korre¬
lation stehende Reduplikation eines himm¬
lischen l ). Diese bereits im Alten Testa¬
ment vorgebildete Anschauung wurde
in der Apokalypse Johannis plastisch
ausgeführt. Und von der Apokalypse 2 )
her drang sie mit dem Christentum in
Deutschland ein 3 ).
Hier fand die Vorstellung vom himm¬
lischen J. als dem Sitze Gottes und der
Seligen Anknüpfungspunkte an ver¬
wandte germanische Vorstellungen 4 ) von
der Himmelsburg der Götter, in deren
Ausstattung sich Pracht und Sicherheit
zeigen. Am nächsten berührt sie sich
mit der Anschauung von Himingjörg
und den zwölf goldenen Sälen oder Woh¬
nungen der Götter, welche jenseits der
Regenbogenbrücke lokalisiert waren 5 ).
Allmählich wurde das himmlische J.
dem alten Walhall so weit angeglichen,
daß die Volkssage erzählte, daß der
Himmelswagen mit dem Himmelskut¬
scher allnächtlich nach J. fahre 6 ), wie
er einst zu Wodan fuhr. Es ist der
Götterberg, u. z. der Götterberg, der
fern von der Erde, überirdisch, jenseitig
(s. Jenseits) gedacht ist, der dieser An¬
schauung die leuchtenden Farben leiht
und sie so populär macht; eine universale
Vorstellung gewann unter dem Einfluß
des Christentums ein Lokalname, der
Name einer kleinen orientalischen Stadt.
Daß dieser Name dann volkstümlich
wurde und leicht im Gedächtnis der Menge
haftete, erklärt, daß der Spott des Volkes
ihn auch mal den Nachbarn gern als
Spitznamen anhängte 7 ). Aber auch die
Anschauung wurde festgehalten, daß J.
Nabel der Welt sei. Und darum zeigt
noch die mittelalterliche Karte J. als den
Nabel der Erde, um den herum die Länder
und Meere gruppiert sind 8 ).
*) Jeremias Das Alte Testament im Licht
Jerusalem in den Segen—Jesuiten
des alten Orients 621. 630. 635. 2 ) Ap. 21, 12. 14.
3 ) Lippert Christentum 690; Storfer Jungfr.
Mutterschaft 188. 4 ) S6billot 1,33; Schröder
Germanentum 22. 23. 5 ) Meyer Germ. Myth. 189.
®) Wolf Beiträge 2, 158. 7 ) Strackerjan 2,
351. 8 ) Jeremias a. a. O. 621. K. Beth.
Jerusalem in den Segen. Die heiligste
der Städte steht schon dem Prophetismus,
mehr noch dem Christentum in zwie¬
fachem Lichte: heilig in der Idee, frevel¬
haft in der Praxis. Auch die christl.
Segen spiegeln dies ab.
1. Reine Gottesstadt. Schon an¬
tike judaisierende Beschwörungen nen¬
nen ,,das reine Jerusalem'" x ). Noch
lateinische und deutsche Mäusesegen des
Mittelalters beziehen sich auf Jerusalems
exklusive Heiligkeit, Jesaja 35, 9 f. (66,
17); deutsch 14. Jh.: ,,In der purch ze
Jher. do enbuet noch chain maus noch
en-isset chain choren“ 2 ).
x ) SitzbWien. 36, 121, vgl. 36, 75. 2 ) Die ahd.
Glossen 4, 469 (12. Jh.) lat.; Schönbach Ana -
lecta Graeciensia Nr. 13 deutsch.
2. Jesu Stadt. Hier kommen einige
alte und beliebte Segen in Betracht.
a) Die heiligen Orte, s. hierüber
„Glückselige Stunden“ § 1 a. (Christus
ist ...) ,,zu Jerusalem gestorben“ oder
„getötet“; im alten Milstäter Segen,
12. Jh., aber mit Bezug auf Luk. 2, 22. 42,
nicht auf den Tod: „dannen (von Bethle¬
hem) quam er widere ce Jer.; da ward er
getoufet“ etc. 3 ).
b) In dem Segen von der Verren¬
kung (s. d.) des Pferdes Jesu ist, je¬
doch selten, Jerusalem alsReiseziel genannt,
so teils im alten Trierer Segen (s. d.),
teils in späten Aufzeichnungen.
c) In latein. Formen des Fiebersegens
(s. d. 1 b), wo Jesus Petrus heilt, liegt
letzterer gew. „ante portas Jer.“.
Endlich ist zu nennen der späte Segen
„Zu Jer. im Dome“, die wohl auf das
hl. Grab anspielt; s. Blutsegen § ic.
*) MSD. 1, 180; vgl. Germania 25, 68 (vgl.
altenglisch Hälsig Zauber Spruch S. 64).
3. Judenstadt. Eine typische Form
dieses sehr beliebten, aber erst seit etwa
dem 17. Jh. belegten Segens: „Jerusalem,
Jerusalem, du Jüdischy Statt, da man
Vnseren Lieben herren Jesum Christum
gekrüziget hat. Man hat ihn gekrüziget mit
Vil waser und blut, das sei dir Ros oder
kolly auch Vor die darm Geicht, feifei»
wurm guth“ 4 ). Auch gegen Gicht, Grim¬
men, Kolik, Bauchweh u. ä. Die beiden
ersten Verszeilen sind wesentlich fest,
aber die Fortsetzung wechselt 5 ), und der
urspr. Sinn des Segens ist mithin kaum
sicher bestimmbar. Gew. wird, wie oben»
von Jesu Wasser und Blut gesprochen; auch
z. B. „er hat vergossen Wasser u. Blut“;
„aus seinen Wunden fließt Wasser u. Blut“;
also Joh. 19, 34 (s. Longinus). Aber die
zornig klingende Anrede an Jerusalem
fordert eine andere Fortsetzung als bloß das
Hervorheben des heilkräftigen Blutes Jesu.
Mehrere Texte bieten auch anderes. Schon
Wendungen wie „Er (Jesus) ist worden zu
Wasser u. Blut“ 6 ) deuten auf eine
nicht verstandene Grundlage, die man
sich zurecht machte. Und einige Varianten»
darunterrelativalte,sagen:„die Statt ist
worden zue Wasser vndzue Blut“ oder „Du
(Jerusalem) sollst werden“ etc. 7 ). Man
wird demnach an die Zerstörung Jerusalems
und die Anrede Matt. 23, 37 f. (vgl. 24, 2;
Apoc. 14, 20) denken, obgleich das Wasser
hier befremdet. Wollte der Dichter sagen,
daß Jesu Blut wie ein Strom die frevel¬
hafte Stadt nachher überflutete? Vgl.
das (in bonam partem gemeinte) Bild"des
Karfreitagshymnus „terra, pontus, astra,
mundus, quo lavantur flumine“ 8 ). Wie
die Stadt soll denn auch das Übel fort¬
geschwemmt werden. — Daß der Ton
im Eingang drohend klang, haben meh¬
rere Bearbeiter empfunden und verbesser¬
ten darum „jüdische“ in „heilige“ oder
„schöne“ 9 ).
4 ) Zahler Simmenthal m; vgl. Birlinger
Schwaben 1, 448; ZfrwVk. 1912, 150; Kuhn
Westfalen 207 Nr. 591; Engelien u. Lahn
266 Nr. 152; MschlesVk. H. 14, 93. 5 ) Be¬
lege für Variationen (aus Württbg.) Höhn
Volksheilkunde 1, 112. 6 ) SAVk. 18, 37; Jahn
Hexenwahn 104. 7 ) Birlinger Volksth. 1,
204 Nr. 5; Alemannia 2, 138; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 448 Nr. 2061. 8 ) Wackernagel
Das deutsche Kirchenlied 1 Nr. 78. 9 ) Vgl. bes.
ZfVk. 8, 392 Nr. 7. Ohrt.
Jesuiten. Die außerordentlichen Er¬
folge der J., die Macht ihrer Bewegung
wie das Geheimnis ihres Auftretens und
nicht zuletzt ihre geistige Überlegenheit
haben Teilnahme und Urteil bei Freund
und Feind stets besonders heftig heraus-
<563
Jesuiten
664
gefordert *). Dem katholischen Volke
sind sie ebenso starke Helfer geworden
wie in protestantischen Kreisen „anti-
christliche Berwölfe“ und „ Jesuwider“,
teuflische Verschwörer wider Christen¬
tum und Deutschheit von den ersten
polemischen Schriften eines Wigand (1556)
und Fischart 2 ) bis zu Hoensbroech und
Ludendorff. Auf protestantischer Seite
dringt der aus leidenschaftlicher Ab¬
neigung, unvollkommen unterrichtetem
Mißverständnis und blind übertreibender
und verleumdender Erfindung geborene
gelehrte Aberglaube ins Volk und
läßt dort die J. als scheußliche Monstra
und Schreckgespenster erscheinen; diese
Ansicht stützt sich seit dem letzten
Drittel des 16. Jh.s auf unzählige, ab¬
stoßende Fabeln 3 ), deren Zahl und
gehässiger Ton sich im 17. Jh. noch
steigern 4 ) und die sich auch ins 18. Jh.
fortsetzen 5 ), um sich noch lange in der j
Sage zu erhalten 6 ), ja, durch den Kultur- |
kampf in Deutschland neu belebt, sich
sogar vom 19. ins 20. Jh. hinüberretten 7 ).
Mit wie großem Unrecht auch diese
Schauergeschichten den J. eine niedere
geistige Haltung zumessen, so haben j
sich doch selbst diese klugen Vorkämpfer
der römischen Kirche nicht alle von
wahnwitzigem Aberglauben in dessen
Blütezeiten frei halten können. Die
zeugt, während die Ordensleitung eine
offizielle Stellungsnahme vorsichtig ver¬
mied ; viele Ordensmitglieder wirkten aber
bei den Hexenprozessen unbedenklich
mit, zuerst im Trierischen 13 ). Neben
Förderern standen jedoch bald auch
Gegner der Prozesse, am bekanntesten
wurde Spe 14 ). Und im gleichen 17. Jh.
bekämpften die J. in Bayern durch
ihre Predigten die geläufigsten Regeln
des täglichen Aberglaubens und der
Volksmedizin, welche Bemühung sie mit
zunehmendem Eifer fortführten 15 ). Die
in dieser Absicht erfolgende Beschlag¬
nahme der im Volk verbreiteten Zauber¬
bücher brachte schließlich die J. in Tirol
in den Ruf, sie wollten alle Zaubermacht
in ihre Hände bringen, daß ihnen allein
alle Schätze offen stünden 16 ). Ein Würz-
! burger Jesuit vereinigte aber noch 1749 die
gläubige Verwerfung einer als Zauberin
hingerichteten Nonne mit einem allge¬
meinen Angriff auf abergläubische An¬
schauungen als einen „gräulichen Über¬
rest des Heiden thums“ 17 ). Freilich
scheinen andere J. 1766 in Landsberg
am Lech durch Verteilung kleiner Bild¬
chen zur Abwehr des Bilwis solchen Aber¬
glauben auch wieder gefördert zu haben 18 ).
Umgekehrt hielt man in der Zeit der
Hexen Verfolgung unter Protestanten gerne
die J. selbst für Zauberer 19 ), deren
Gründer des Ordens lehnten zwar Teu¬
felsaustreibungen ab, trotzdem be¬
faßten sich manche deutsche Patres, so
schon Canisius, mit solchen Exorzismen,
z. B. 1568/1579 in Augsburg, 1583 zu
Wien, 1589 im Würzburgischen (Hei-
dingsfeld) 8 ). Im 17. Jh. begegnen solche
Handlungen 1652/1667 in Eichstätt 9 ),
1666/1668 in Altötting, wo man einer
abgefeimten Betrügerin zum Opfer fiel 10 ),
und 1656/1660 in Paderborn 11 ). Der
Bericht eines zeitgenössischen J. über die
Bekehrung von Lutheranern in Schlesien,
Breslau 1662 und Glogau 1670, meldet
gleichfalls gläubig von der Austreibung
eines Gespenstes und sogar des Teufels,
dieses mit Hilfe eines Schlucks „Ignatius-
wasser“ ia ). Die selben J. waren als
Kinder ihrer Zeit natürlich auch von der
Notwendigkeit der Hexenbrände über-
Künste man, gleich den Katholiken,
nicht verschmähte. Diese Meinung lebte
bis ins 19. Jh. 20 ). In Thüringen sind die
sogenannten Popelträger, d. h. Geister¬
banner, sooft sie in Geschichten Vor¬
kommen, fast jedesmal J. 21 ). Noch mehr
vertrauten die Katholiken, wie überhaupt
auf ihre Geistlichen (vgl. 3, 561 ff.), so
besonders auf die J. als ausgezeichnete
Träger von Geheimkünsten, gleich den
Franziskanern und Kapuzinern (s. d.),
doch als diesen beiden Orden überlegene
Kenner der „weißen Kunst'' 22 ).
Nicht nur zu Teufelsaustreibungen, welche
ja manche J. früher auch vomahmen,
wünschte man sich J., sondern auch um
Schätze zu beschwören, Geister zu zi¬
tieren, zu bannen und zu verbannen, zum
Kampf gegen Unwetter und Krankheiten,
also gegen aller Art böse Mächte 33 ).
665
Jesus—Jezirah
666
Daher überlieferte man noch lange in
den verschiedensten Gegenden Berichte
von der Ausübung solcher Taten durch J.
als wie (nicht immer geglückten) Schatz-
hebungen 24 ), Geisterbannungen und
-erlösungen 25 ), wo der Jesuit in Ostdeutsch¬
land gelegentlich sogar mit dem Scharf¬
richter Zusammenarbeiten soll 26 ) und
auch den Geist eines protestantischen
Pfarrers 27 ), selbst Luthers 28 ), zu be¬
schwören vermag! In solchem Kampf
mit teuflischen Gewalten „zeigen die un¬
erschrockenen J. oft großen Mut" 29 ).
Von der Bannkraft über alle bösen Geister
und den Teufel selbst ist nur ein kleiner
Schritt zur Herrschaft der J. über den
Teufel, der ihnen Knechtsdienste leisten
und ihnen ungeheure Schätze verschaffen
muß 30 ). Daher soll man eine seltsame
Spinne, die man im Nachlaß eines 1631
in Tirol verstorbenen J. gefunden, für
den Teufel gehalten haben, der als Spi¬
ritus familiaris jenem gedient 31 ). So
werden öfters ganz bestimmte Persön¬
lichkeiten unter den J. als Zauberer
genannt; ein solcher „Seminariherr“ soll
einen Diebsspiegel besessen haben 32 ), und
in besonders großem Umfang sind Zauber¬
geschichten von einem J. Pater Hahn
im Erzgebirge erhalten 33 ). Allmählich
aber, zumal seit der Aufhebung des
J.ordens im 18. Jh., wurden die J. als
Zauberer und Geisterbanner von den noch
volkstümlicheren Kapuzinern verdrängt.
Das alte zauberische Ansehen der J.
erklärt die Anschauung, der Hut eines J.
könne als Schutzmittel dienen 34 ). Daß
diese unheimlichen J. gelegentlich um¬
gehen müssen 35 ) und vom wilden Jäger
verfolgt werden 38 ), überrascht in pro¬
testantischem Lande nicht, vgl. Kapu¬
ziner. Andrerseits geht der Fluch eines
von einem Protestanten erdolchten J.
in Erfüllung 37 ).
l ) Vgl. als ausgezeichnete Darstellung R.
Fülöp-Miller Macht und Geheimnis der Je¬
suiten 1929 (mit Bibliographie) und als erstes
Quellenwerk B. Duhr Geschichte der Jesuiten in
den Ländern deutscher Zunge 4 Bde. 1907—1928*
2 ) Duhr a. a. O. 1, 822 ff. 835 ff. 838. 3 ) Ebd.
1, 826—839. 4 ) Ebd. 2, 2, 651—683. 6 ) Ebd. 4, 2,
557—563. 6 ) Z. B. Peuckert Schlesien 57 t.;
vgl. Eisei Voigtland 120. 234. 7 ) Vgl. B. Duhr
Jesuiten-Fabeln (mehrere umgearbeitete Aufl.);
s. a. Söbillot Folk-Lore 4, 246. 378. 402.
8 ) Duhr Geschichte 1, 731-738; 2, 2, 499—501.
®) Ebd. 3. 753 ff. l0 ) Ebd. 3, 757 — 7 ^-
n ) Ebd. 3, 766—772. 11 ) ZfVk. 4, 91. 18 ) Duhr
Geschichte 1, 738—754; 2 , 2, 480—514. l4 ) Ebd.
2,2, 5 M— 5331 3» 775 0 ; 4 . 2, 313ff- l# ) Ebd. 2 , 2 ,
34 ff. 471 ff.; s. a. 3, 597 (Trier 1692). 671
(Eichsfeld 1686); 4, 2,164 f. (Steiermark 17. Jh.).
169 f. 223 (Bayern Mitte ? des 18. Jhs.). 16 ) Al¬
penburg Tirol 253 = MschlesVk. 30 (1929), 96.
l7 ) Duhr Geschichte 4, 2, 319 f. 18 ) DG. 29, 25.
ld ) Duhr a. a. O. 2 , 2, 502 f.; 3, 773 f. *°) Stemp-
linger Aberglaube 84; s. w. Anm. 240. * l )
Bechstein Thüringen 1 2, 118; 3, 182. 188. 201
= MschlesVk. 30 (1929), 95. 2a ) Bavaria 1,
321. 367; vgl. K. Olbrich Der katholische
Geistliche im Volksglauben in MschlesVk. 30
(1929), 90 ff., bes. 95—100; s. w. John West¬
böhmen 283. 286; Birlinger Aus Schwaben 1,
362 ff.; Zaunert Hessisch-Nassauische Sagen
(1929). 328; SSbillot a. a. O. 4, 378. M ) John
a. a. O. 286; Schönwerth Oberpfalz 1, 370;
з, 51. 114. 128; Birlinger a. a. O. 24 ) Kuhn
и. Schwartz 40. 474; Wolf Sagen 205; Wucke
Werra 1 i, 19. 31. 87 f.; 2, 123; Bechstein
Thüringen i, 248. 252; 2, 92; Eisei Voigtland
135. 181; Köhler Voigtland 556; Meiche Sa-
gen 281. 27; Grohmann 213 = W. §§ 207. 641 ;
Panzer Beitrag 1, 72; Alpenburg Tirol 331;
ZföVk. 4, 229; Birlinger Aus Schwaben 1, 251;
Fient Prättigau 45; s. a. Olbrich a. a. O. 96 ff.
25 ) Angstmann Henker 101 A. 1; Schambach
u. Müller 230; Voges Braunschweig 93. 95 ff.;
Eckart Südhannover. Sagen 67; Schell Ber-
gische Sagen 380; Wucke Werra 1 1, 19. 1447
2, 8. 32 f. 47 ff. 97. 104. 160. 164 = W. § 207 =
NdZfVk. 6, 164; Lyncker Sagen 63; Eisei
a. a. O. 234; Kühnau Sagen 1, 460; Groh¬
mann 196 f.; Panzer Beitrag 1, 69; Birlinger
Volksth. 1, 67; Reiser Allgäu 1, 95; Vernale-
ken Mythen n; Alpenburg Tirol 139. 158.
162. 28 ) Kühnau a. a. O. 1. 476; vgl. Angst¬
mann a. a. O. 99. 101. * 7 ) Bechstein a. a. O.
1, 210. 28 ) Endt Sagen 59 ff- 29 ) Ebd. 194.
30 ) Meier Schwaben 1, 83!.; s. a. Birlinger
Schwaben i, 251; Rochholz Sagen 2, 148;
Schambach u. Müller 165; Voges Braun¬
schweig 63; Olbrich a. a. O. 98 ff. 8l ) Keller
Grab d. Abergl. 4, 63. 3a ) Lütolf Sagen 246 ff-
u. Ni derber ge r Unterwalden 1, 64 (Dillier
von Wolfenschießen j- 1745). w ) 1750—1825*
Endt Sagen 1—in; vgl. John Westböhmen
286; Sieber Sachsen 228 f.; MschlesVk.
30 (1929), 93. 34 ) Seligmann Blick 2, 223.
35 ) Köhler Voigtland 556. *•) Eisei Voigtland
120. ® 7 ) Stöber Elsaß 2,123 f.
Müller-Bergström -
Jesus s. Christus 2, 76ff.
Jezirah, Sepher J. d. i. „Buch der
Schöpfung' *, genauer, ,Buch der Gestaltung,
Bildung, Formung“ (von „bilden*
formen“ u. ä.), eine nach allgemeiner
Annahme im 8. oder 9. Jh. verfaßte kleine
<567
Igel
668
kabbalistische Schrift eines Unbekannten
(s. Kabbalah). Das Buch beruht auf der
<iurch die Alexandriner, Philo, die Sa-
pientia Salomonis usw. in die jüdische
Theologie eingeführten emanatistischen
Weltanschauung und der orientalischen
und pythagoräischen kosmischen Buchsta¬
ben- und Zahlenspekulation. Die 22 Buch¬
staben des hebräischen Alphabets und die
10 Ziffern bzw. Sphären sind die Symbole
der Weltformung. Aus der Einheit des
göttlichen Geistes entfaltet sich die Zwei¬
heit des „Hauches vom Hauch“ (Geist),
d. i. der Stimme oder des Logos, daraus
verdichtet sich die Dreiheit des Wassers,
das in die Vierheit des Feuers übergeht,
usw. Aus dem Durcheinanderkreisen der
32 Grundprinzipien, ihren Gegensätzen
und ihrem Ausgleich, entsteht der ewige
Kreislauf der Dinge, das Spiel des Ge¬
schehens nach Gottes Willen 1 ). Die
Tradition schrieb das Buch J. dem Erzvater
Abraham, der noch andere magische
Schriften verfaßt haben soll 2 ), zu, worauf
auch der Schluß des Buches hindeutet;
nach andern soll sein Autor R. Akiba
(t 120 n. Chr.) gewesen sein, dem eben¬
falls noch weitere Werke der Buchstaben¬
mystik untergeschoben wurden 3 ). Es
wurde zuerst 1552 von Postei übertragen,
später öfters, und spielt bis heute im
Okkultismus und der Magie eine Rolle;
manches von dem kabbalistischen Ein¬
schlag in den Aberglauben ist auf dieses
Buch zurückzuführen. Noch jetzt er¬
scheint es als Bestandteil magischer
Sammelwerke und Zauberbücher zu¬
sammen mit der Clavicula Salomonis,
Faust's Höllenzwang, Christophelesgebet,
Gertrudenbüchlein usw. (s. d. Art.) 4 ).
Eine Durchsicht der älteren Übersetzun¬
gen ließe wohl aus dem veralteten
Deutsch und der ungelenken, nicht immer
richtigen Übertragung des modernen
Abdrucks die Herkunft dieses feststellen,
der übrigens, wie aus den unmöglichen
Formen der hebräischen eingemischten
Buchstaben sich ergibt, ohne Kenntnis
des Hebräischen gedruckt ist; der Titel:
„Das Buch Jezira, die älteste kaba-
listische Urkunde der Hebräer“ ist gleich¬
lautend mit dem der Übersetzung von
J. F. von Mayer 5 ). Die Abweichungen
und Auslassungen gegenüber dem Text
der Mantuaner Ausgabe von 1562 lassen
erkennen, daß eine andere Rezension
zugrunde liegt. Dem Buch gehen voran
die ,,32 Wege der Weisheit“ 6 ).
*) Hauck RE. 9, 6830.; Herzog RE.
(1857), 196 ff.; RGG. 3, 873; Ersch u. Gruber
Encyclopädie 2. Sect. 27. Th. (1850), 401;
A. Fabricius Codex pseudepigr. Veteris Testa-
menti 1 (1713), 381 ff.; Ph. Bloch Geschichte
d. Entwicklung d. Kabbala (1894), 22 ff.; E.
Bischoff Die Kabbalah (1903), 10 ff.; ders.
Kabbalah 1, 63 ff.; K. Kiesewetter Der Occul-
tismus des Altertums 333 ff. 366 ff.; A. Franck
La Kabbala ou la Philosophie religieuse des
Hebreux (1843) (deutsch von Ad. Gelinek,
Neudruck 1920); Artis cabalisticae : Hoc est,
reconditae theologiae et philosophiae scriptorum
Tomus I usw. Ex Joh. Pistorii bibliotheca
(Basel 1587); G. Scholem Bibliographia Kab-
balistica (1927); P. Vulliaud La Cabbale
juive (1923); F. Weber Jüdische Theologie a.
d. Gr. Talmud u. verw. Schriften (1897), *96;
Dornseiff Alphabet 35. 83. 121. 140. 2 ) Fa¬
bricius a. a. O. 390 ff. 3 ) Hauck RE. a. a. O.
683; Bischoff Die Kabbalah (1903), 7. 4 ) Je¬
zira das ist das große Buch der Bücher Mosis,
das sechste ... elfte. Aus ältesten kabba¬
listischen Urkunden. Kabbala denudata usw.
O. O. u. J. moderner Druck. Der Untertitel
,,Kabbala denudata“ nach des Knorr von
Rosenroth gleichnamiger Schrift (1677 u.
1684); Seyfarth Sachsen XXII nennt: Buch
Jezira. Älteste kabbalistische Urkunde oder
das Geheimnis aller Geheimnisse. 5 ) Die äl¬
teste kabbalistische Urkunde der Hebräer (Leipzig
1830). Mir nicht zugänglich. 6 ) Vgl. L. Gold¬
schmidt Sefer Jesirah (1894), 14 f. Jacoby.
Igel (Erinaceus europaeus).
1. „Etleich sprechent, daz des i.s na-
rung daz merer tail sich verker in sein
dorn (Stacheln), dar umb, daz daz tierl
wenig natürlicher hitz hat“ l ). „Allain
der i. hat zwai after venster (Öffnungen),
da er den mist aus laezt“ 2 ). ,,Ez spricht
auch Aristoteles, daz der i. st ende un-
käusch mit seinem weibel, dar umb, daz
in die dorn iht stechen auf des weibeis
rucke, iedoch sagt man mir, daz weibel
leg sich an den ruck; des gelaub ich paz,
wan daz ist gemachsamer“ 3 ). Der Phy-
siologus teilt, alte Schriftsteller exzerpie¬
rend, mit, daß der I. auf die Weinstöcke
steigt, die Beeren löst und diese dann auf
seine Stacheln spießt 4 ).
Es soll zwei Arten des I.s geben, den
Schweine-I. mit einer Schweineschnauze
669
Igel
670
und den Hunde-I. mit einer Hunde¬
schnauze 5 ).
Im Altertum wie noch heute wird er
als Haustier an Stelle der Katze zur Ver¬
tilgung der Mäuse verwendet 6 ).
Sein Fleisch wird von den Zigeunern
sehr geschätzt, in Spanien sogar als Fa¬
stenspeise verzehrt 7 ).
l ) Megenberg ed. Pfeiffer 138 cap. 26.
*) Ebd. 3 ) Ebd. 4 ) Carus Zoologie 125; Pauly-
Wissowa 5, 2, 1922; Plinius VIII, 133 (Äpfel);
Tzetzes zu Lykophr. 1093. 5 ) Knoop Tierwelt
23 Nr. 192; Brehm Tierleben 2 2, 254. 246;
Höfler Organoth. 112 f.; hl. Hildegard: Ho-
vorka-Kronfeld 1, 224; Fischer Schwab -
Wb. 4, 16; Hofier Volksm. 145. 6 ) Pauly-
Wissowa 5, 2, 1922; Brehm Tierleben 3 ,
Säugetiere 2, 3580.; Usener Sintflut 249
Anm. 2. 7 ) ZfVk. 5, 218; Urquell 6 (1896), 2;
Brehm 2 2, 254.
2. Der Angang des I.s bringt bei
den Zigeunern Glück (wohl weil sie sein
Fleisch lieben, s. Anm. 7) 8 ), um Ant¬
werpen aber Unglück 9 ). Wenn du den
Schwein-I. ausgestreckt (liegend) siehest,
heißt es bei den Wotjaken, wirst du im
selben Jahre sterben 10 ).
Ein I. im Stalle oder unter dem Stall¬
boden verursacht Euterkrankheiten, den
4 Flug’ 11 ). Dagegen bringt es in Norder¬
dithmarschen Glück für den Viehstand,
wenn man einen I. im Stalle vergräbt 12 );
das hängt zusammen mit der Verwendung
des I.s als Bauopfer und als Opfertier
überhaupt 13 ). !
Der I. erscheint auch als Hexentier 14 ).
In Lippe soll er es sein, der die Bettfedern
zu sog. Federkränzen, Federkreuzen oder
Hexenkreuzen zusammengeballt; er wurde
daher lebendig verbrannt 15 ).
Ein I. am Graben kündet im Iserge-
birge drei Tage Regenwetter an 16 ). In
der Antike wurde zum Schutze gegen Ha¬
gel ein Stück von der Haut des Ls am
schönsten Rebstock befestigt 17 ).
In früherer Zeit trugen in Kujawien die
Bettler mannshohe Stöcke bei sich, welche
am Ende mit einer I.shaut besetzt waren,
zum Schutze gegen die Hunde 18 ).
Damit das Kind die Brust der Mutter
leichter vergesse, legen einzelne Mütter
etwas Stachliges, etwa einen I.balg auf
die Brust 19 ). Der Stachel eines Ls fand
im afrz. Liebeszauber Verwendung 20 ).
8 ) Urquell 6, 2. 9 ) RTrp. 18, 50. 10 ) Urquell
4 (1893), 88 Nr. 8. n ) Zahler Simmenthal 23;
Stephen u. Johnsons Shakespeare XI, 182,
zu Macbeth IV, 1, 2; vgl. Notes and Queries,
Folk-Lore (1859), 15- 12 ) Urquell 5 (1894), I 5 8 -
13 ) Krauß Relig. Brauch 173; Hofier Organoth.
113. 14 ) Seligmann Blick 1, 122; Melusine 4,
485. 15 ) ZrwVk. 1 (1904), 76. I6 ) Müller Iser-
gebirge 15. 17 ) Fehrie Geoponica 8 f. 18 ) Knoop
Tierwelt 23 Nr. 193; Rogas. Fambl. 7, 25.
19 ) John Westböhmen 118. 20 ) Gerhardt
Franz. Novelle 136.
3. In der Volksmedizin sind der I.
und seine Teile sehr gesucht: „Der asch,
der geprant wirt von ainem i. und ge¬
mischt mit zeläzem pech oder harz, ist
guot und pringet den mäsen ir här wider
auf dem haupt oder an andern enden,
also spricht Plinius“ 21 ). Vor allem hilft
das Einnehmen solchen Pulvers aus einem
lebendig verbrannten I. gegen Epilep¬
sie 22 ), aber auch gegen die „wüsten Schä¬
den oder prästen, laßt kein übrig fleisch
wachsen“ 23 ), gegen Wassersucht und
Blasenschwäche 24 ), Pferdekrankhei¬
ten 25 ).
N ieren- und Blasensteine treibt man ab,
wenn man I.blut trocknet, pulverisiert
und in Wasser eingibt 28 ). Um eine Schüs¬
sel mit I.blut versammeln sich alle Flöhe
im Hause 26a ). I.fett wird auf Leib¬
schäden (Bruch) gerieben 27 ), auf Wunden
gestrichen 28 ), gegen Podagra 29 ) ver¬
wendet. Schmiert man sich den Leib
mit I.fett ein, so kann keine erbliche
Krankheit zu, wenn man auch bei einem
solchen Kranken oder doch in seinem
Bette geschlafen hätte 30 ). „Wenn du
alle flöhe so in einem Hause seind auf einem
Hauffen wilt zusammenbringen / so nimb
einen Stecken / schmiere denselben mit
Fuchs oder mit I.-Schmaltz / stelle ihn hin
wo du wilt / so setzen sich alle dran“ 31 ).
I.Öl wurde früher in den Apotheken oft
verlangt 31a ). „Des i.s flaisch ist gesunt
dem magen und sterket in vnd hat ain
kraft ze trucknen vnd ze entsliezen den
magen. ez macht auch daz harmwasser
vertig vnd ist den nütz, die genaigt sind
zuo der elephantischen auzsetzichchait“ 32 ).
I.galle wird von Plinius (XXX, 46) M )
als Verschönerungsmittel erwähnt, I.-
leber führt Dioskurides (II, 2) als Mittel
gegen Nierenkrankheit, Wassersucht,
671
Ignatius hl.—Iltis
672
Krämpfe etc. an 34 ). I.milz gab man
nach Plinius (XXX, 17) gegen Milz¬
leiden 35 ).
21 ) Megenberg ed. Pfeiffer 138 cap. 26; Hof¬
ier Organolh. 113; Hovorka-Kron feld 1,
223. 22 ) Strackerjan 1, 96 = Jühling Tiere
84 = Wuttke 126 § 170; 355 § 532. 23 ) Jühling
83 = Gesner 3, fol. XCIIII. 24 ) Jühling 83!.;
Hofier Organoth . 268; Krä utermann 160.
26 ) Drechsler 2, 115; Buck Volksm. 49.
2# ) 6. u. 7. Buch Mosis 115. 28a ) Staricius
Heldenschatz 466. 27 ) Schönwerth 3, 262
Nr. 4; Jühling 84; Schmidt Mieser Kräu¬
terbuch 43 Anm. 70; Hofier Volksmedizin 145
(der I. muß im Frauendreißiger geschossen sein);
Fossel Steiermark 160. 28 ) Jühling 84; Pol-
linger 281. 2 *) Der ... Curiöse Künstler etc.
(Nürnberg 1705) 379 = Germania 22 (1877),
263 Nr. 24. 3Ü ) Schönweith 3, 264 Nr. 12.
31 ) Staricius Heldenschatz 466; vgl. Schön¬
werth 3, 272. 3 l a) Bavaria 2, 2, 897. 32 ) Megen¬
berg ed. Pfeiffer 138 cap. 26; Hovorka-Kron-
feld 2, 140; Höfler Organoth. 113. 33 ) Höfler
Organoth. 215. 34 ) Ebd. 180; Schröder Apo¬
theke (1685), 1286; Jühling 84; 6. u. 7. Buch
Mosis 84 (gegen Ausschläge); Gaßner Metiers -
dorj 76 (gegen Bruch). 3S ) Höfler Organoth. 268.
4. In Märchen und Sage spielt der
I. eine große Rolle 36 ).
3 *) Dähnhardt Natursagen 1, 42. 128. 130.
J 32 . 338; 3, 8. 489; ZfVk. 23, 407 ff. (mit vieler
Lit.); 24, 94; Bolte-Polfvka 2, 482 ff. (zu
Grimm Nr. 108); 3, 339 ff. (zu Grimm Nr. 187);
Gubernatis Tiere 339 ff. Bächtold-Stäubli.
Ignatius hl.
1. I. v. Antiochia, Bischof und Mär-
tyrer, gest. um 108. An seinem Gedächt¬
nistage (1. Febr.) werden bei Innsbruck
Ignatzibrote gegen Halskrankheiten ver¬
teilt J ).
1 ) ZfVk. 15, 318 f.
2. I. von Loyola, Stifter und Haupt-
heiliger des Jesuitenordens, gest. 1556,
heilig gesprochen 1622. Einige Volks¬
heilmittel sind nach ihm benannt 2 ).
An seinem Tage (31. Juli) wird das
I.wasser gereicht 3 ). Er heilt namentlich
auch Besessenheit 4 ). ;
2 ) ZfVk. 1, 300. 3 ) Franz Benediktionen 1, j
215. 4 ) Hovorka-Kronfeld 1, 224 t.
Sartori.
Ilse s. Else.
Iltis (Mustela putorius), ahd. illintiso,
elledis x ), mhd. iltis; zu den volkstüml. Na-
men vgl. Grimm 2 ), aus dessen Aufzählung
nur die Formen Ilster, Ulk, Elbtier, Elb-
katze, Eitier, Ellenbütt 3 ) hervorgehoben
seien. Gebräuchlicher ist Ratz (wie für
den Siebenschläfer, auf den Grimm die
sonst vom I. geltende Redensart „er
schläft wie ein Ratz" bezieht) 4 ). Endlich
ist er als „Stänker", „Stinkratz" be¬
kannt 5 ). In unserm „Iltis" scheint
altn. dis = göttliche Frau zu stecken; der
erste Teil könnte zuschwäb. illen = Beule,
gr. iha ~ pöpta ^ovatxstcr, lat. ilia, Unter¬
leib, Gedärm gehören, was zur Rolle dieser
Tiere im Volksglauben paßte 6 ).
*) DWb. 4, 2, 2061; Schräder Reallex. 2 2,
655 f- 2 ) DWb. 4, 2, 2061; ferner Heinr. Wilh.
Döbels Neuerößnete Jägerpractica 1 (1754), 42.
3 ) Lausitzisches Magazin 1792, 16; Job.
Christoph Strodtmann Idioticon Osna-
brugense 1756, 312. 4 ) DWb. 8, 209; zu Orts¬
namen mit Ratz: Schröder in Germ. rom.
Monatsschr. 17, 27. 5 )Zedler Universal lex. 14,
565; Baumgarten Heimat 1, 81. 6 ) Lessiak
in ZfdA. 53, 121; dagegen Laistner in Ger¬
mania 34, 424.
2. Der I. soll gut sehen, aber schlecht
hören 7 ). Nach ma. Glauben hatte er
links kürzere Beine als rechts 8 ), stinkt
greulich (s. o.) 9 ); die Tiere begatten sich
liegend 10 ). Fehlt dem Weibchen zur Brunst¬
zeit das Männchen, schwillt es an und
stirbt I0 ). Der I. gilt als Träger der Frucht¬
barkeit n ). Er kann das Wetzen eines
Messers auf Steinen nicht ertragen und
wird dadurch gereizt, aus seinem Schlupf¬
winkel herauszukommen 12 ).
7 ) Strackerjan 2, 150 Nr. 377. 8 ) Megen¬
berg Buch der Natur 129 f. ®) Ebd. 129;
Zedier Universallex. 14, 565. 10 ) Megenberg
Buch d. Natur 114. 11 ) Georg Wilke Religion
d. Indogermanen in archäolog. Beleuchtung 1923
(Mannusbibliothek 31), 4 f. 12 ) Baumgarten
Heimat 1, 81.
3. Der I. gilt als unheimliches Tier (vgL
Wiesel) 13 ); er ist des Wod Jagdtier 14 ),
tanzt um die Teufelseiche 14a ); Kirchhofs¬
spuk hat I.-Gestalt 14b ). In Müggelsheim
bei Köpenick trug man Fastnacht einen
auf ein Brett genagelten I. oder Marder
um, wobei man Eier sammelte 15 ). In
Oldenburg heißt darum wohl der Eier¬
sammler Fastnacht Eierülk 16 ). In Xanten
kennt man ein ölkjagen 16a ). Ein Opfer
an I., Fuchs, Marder findet Fastnacht
statt, um die Hühner zu sichern I6h ).
In Schlesien hängt man, um ihn abzu¬
halten, einen Wolfskopf ins Tauben¬
haus 17 ). Sonst schützte Nis Puck die
Hühner vor ihm 17a ).
14 ) Drechsler 2, 233. Vgl. H. Lübbing
673
Immaku lat-Zettel—Immergrün
674
Friesische Sagen 1928, 224. 14 ) Arndt (Hesses
Klassikerbibliothek) 5, 247. — 14 *) Ebd. 6, 30.
14b ) NdZfVk. 8, 57 f. aus Romintner Heide.
15 ) Kuhn Mark. Sagen 310 f. 16 ) Strackerjan
2, 150 Nr. 377. 16a )F i rmeni ch 1, 387. 16 °) Boh¬
nenberger 110. 17 ) Drechsler 2, 95 nach
Erasmus Francisci Lust. Schaubühne II.
17a ) Gust. Fr. Meyer Schleswig-Holstein 45.
4. Beim Wurmschlag oder Verfangen
bekommen die Kühe (Oldenb.) Warm¬
bier, in dem ein toter I. oder sein Gerippe
gekocht wurde 18 ). Um Zahnschmerzen
zu vertreiben, stocherte man mit einem
Ilzkepitter (membrum, wohl Phallus¬
knochen des I.s) im hohlen Zahn 19 ). Kopf
und Phallusknochen trug man in Süd¬
bayern als Amulett, um Kinder zu er¬
langen (s. o.) 20 ). Im 18. Jh. galt sein
Fleisch für gut gegen Schlangenbiß; es
zerteilte und trieb den Urin; ebenso wirkte
der I.mist zerteilend 21 ), das Blut schwei߬
treibend 22 ).
18 ) Strackerjan 1, 96; 2, 150 Nr. 377 =
Wuttke 446 § 703. 19 ) Urquell 3 (1892), 73.
20 ) G. Wilke Religion d. Indogermanen in
archäolog. Beleuchtung 1923, 4 f. (mit Abbild.).
21 ) Zedier Universallex. 14, 566; Andree
Volkskundliches 142. 22 ) Marshall Arznei-
Kästlein 78. Peuckert.
Immakulat-Zettel. Unter den Mitteln,
die bei kleinen Kindern angewandt werden,
„bei denen kein Essen, Trinken, Schlafen
usw. anschlagen will, sondern ganz und
dürr sind", werden neben kirchlich ge¬
weihtem öl zum Benetzen des Mundes
durch den Exorzisten auch I. erwähnt.
„Derselben Brauch und Wirkung ist ge¬
nügend bekannt aus täglicher Erfahrnis
sonderlich der Kinder, Ehe- und Hoch¬
zeitleuten". Es kann sich nur um ein
Blatt handeln, dem böse Mächte ab¬
wehrende Kraft durch auf ihm geschriebene
Worte eigen war 1 ).
*) Birlinger Aus Schwaben 1, 425. 430.
f Stübe.
Immergrün (Singrün, Wintergrün ;Vinca
minor).
1. Botanisches. Die lanzettlichen
Blätter sind glänzend, lederartig und
immergrün. Die hellblauen Blüten be¬
sitzen trichterförmige Krone, deren Saum
fünf stumpfe Zipfel auf weist. Die aus
Südeuropa stammende Pflanze wächst
in Mittel- und Süddeutschland hier und
da wild; sonst wird sie nicht selten (häufig
Bäcbtold • S t ä u b 1 i, Aberglaube IV
auf Friedhöfen) angepflanzt x ). Auch
andere immergrüne Pflanzen wie der
Efeu (s. d.) oder das Bimkraut (Pirola)
werden hin und wieder als I. oder Winter¬
grün bezeichnet.
*) Marzell Kräuterbuch 476.
2. Das I. wird häufig in alten Beseg¬
nungen (hier oft unter seiner alten la¬
teinischen Bezeichnung „pervinca“) zu
verschiedenen zauberischen Zwecken an¬
gerufen, z. B. um Liebe zu erwerben *).
Auch diente es dazu, bösen Zauber zu
vertreiben: „Diß krut sal gesamelt werden
zwischen den zweyn vnser frawen dagen
assumptionis und nativitatis das ist unser
frauwen wurtz wy und ir gebürt... wel¬
cher diß krut by yme draget ober den
hatt der tüfel kein gewalt. Uber
welcher hußdore diß krut hanget darinne
mag keyn Zauberey körnen. Kompt sye
aber in das huß so wenet sye dar in ver-
raden syn und wychet bald daruß. Mit
dissem krut beweret man in welchem
menschen böse geyst sint. Wie die be-
werungen zu gat laß ich an stan vmb der
kurtze willen, aber anzwyfel mag keyn
böser geyst gewalt in dem huß haben
dar in diß krut ist" 3 ). Daß das zwischen
den beiden Frauentagen gesammelte I.
gegen Zauber wirke, wird auch aus der
Oberpfalz berichtet 4 ). I. schützt gegen
Zauberkrankheiten 5 ) (am Palmsonntag
oder an Mariae Himmelfahrt gesammelt),
unter das Kopfkissen des Kindes gelegt
mildert es die Erscheinungen (Krämpfe)
bei schwerem Zahndurchbruch 6 ), in den
Stall gehängt, schützt es vor Hexen 7 );
ebenso gibt man dem Vieh an Walpurgi
drei Stengeln I. zu fressen 8 ) oder man
füttert es am Karfreitag „gegen allerlei
Krankheiten" mit I. 9 ). Daß ein Stück
Vieh nicht verwirft, füttert man eine
Handvoll I., das am Karfreitag geholt ist
(im Altenburgischen) 10 ). Auch bei den
Wallonen gilt das I. als zauberwidrig,
daher „Pervenche (= pervinca) contre
tout mal prend sa revanche" 11 ). Eine
Hexe richtete eine andere dadurch zu¬
grunde, daß sie durch das Herz einer
krepierten Kuh drei Nägel von einer
Totentruhe stach, um das Ganze einen
Kranz von I. schlang, es in Schmalz sott
22
675
Imoi—Impotenz
676
und es dann in den Fluß warf 12 ). Wer
eine „Kehrhexe“ sehen will, muß im
„Dreisgen“ geweihtes I. über der Tür
festmachen, durch die die Hexe geht.
Das I. muß zuvor einige Zeit unter dem
Meßbuch gelegen haben. Dann sieht man
die Hexe mit umgekehrtem Kopf auf dem
Hals 13 ). I. ins Essen getan bewirkt
Entzweiung zwischen Mann und Frau 14 ).
Andrerseits heißt es aber das Gegenteil 15 ).
2 ) Z. B. Alemannia 2, 126. 135; Schön¬
bach Berthold v. R. 142; vgl. auch Ohrt
Da signed Krist 1927, 199; Schmeller Bayr-
Wb 2, 291; ZfdA. 38 (1894), 18 f.; Cockayne
Leechdoms 1, 313 fr.; Fischer Angelsachsen 32.
3 ) Hortus Samtatis, deutsch. Mainz 1485, cap.
79 ; vgl. auch ZfVk. 24, 7; Birlinger Aus
Schwaben i, 417. 4 ) Schönwerth Oberpfalz 3,
220. 5 ) Sehr oed er Med.-Chym. Apotheke
1685, 1093. ö ) Manz Sargans 56. 7 ) Mar zell
Bayr. Volksbot. 201. *) Heimatbilder aus Ober-
franken 4 (1916), 150. ß ) Bohnenberger
113. 10) Veckenstedts Zs. 2, 359. H)RolIand
Flore pop. 8, 33 . 12 ) Leoprechting Lechrain
43 - 13 ) Alpenburg Tirol 265 t. 1 4 ) Alpen-
bürg Tirol 399; Witzschel Thüringen 2,
288. 16 ) Albertus Magnus 1508 cap. 5.
3. Das I. tritt nicht selten in Orakeln
auf. In der Matthiasnacht flechten die
Mädchen einen Kranz von I., einen von
Stroh und nehmen eine Handvoll Asche.
Damit gehen sie um Mitternacht schwei¬
gend an ein fließendes Wasser, wo sie
die drei Sachen schwimmen lassen. Schwei¬
gend mit verbundenen Augen tanzt ein
Mädchen nach dem anderen um das
Wasser und greift sich dann die Vor¬
bedeutung: im I. den Brautkranz, im
Stroh Unglück, in der Asche Tod (Hildes¬
heim) 16 ). Vielfach besteht das Orakel
darin, daß I.blätter ins Wasser geworfen
werden und aus dem Zusammen¬
schwimmen zweier Blätter auf die künftige
Heirat geschlossen wird 17 ). An Neujahr
legt man ein I.blatt auf die Feuerstelle
oder auf eine heiße Feuerschaufel;
kräuseln sie sich, so bedeutet es Glück,
verbrennen sie, so stirbt man im kom¬
menden Jahr 18 ). Auch wird ein I.blatt
an Silvester auf einen wassergefüllten
Teller gelegt. Wird es in der folgenden
Nacht schwarz, so bedeutet es den Tod,
wird es gefleckt, Krankheit, bleibt es
grün, Gesundheit im nächsten Jahr 19 ).
Um „Unholde“ zu erkennen, legt man
ein I. auf eine heiße Pfanne, und zwar in
dem Namen dessen, auf den man Verdacht
hat. Ist die Person schuldig, so springt
das I.blatt wieder heraus, wenn nicht,
so bleibt es darin (Stuttgarter Hs. des
15 - Jh.) 20 ). Ähnliche Orakel werden auch
mit anderen immergrünen Blättern ange¬
stellt, vgl. Buchs (1,1696), Efeu (2,559).
Die Kinder nehmen eine I.blüte zwischen
Daumen und Zeigefinger, drücken den Kelch
leise, und nicht zu schnell hin und her
reibend sagen sie: „Tod, Tod komm
heraus“. Wenn die Staubfäden heraus¬
treten, hören sie auf. So oft man den
Spruch gesagt hat, so viel Jahre hat man
noch zu leben 21 ).
1# ) Grimm Myth. 3, 465; ähnlich im Ber-
gischen: ZrwVk. 3, 63 und in Belgien: Rol¬
land Flore pop. 8, 34. 17 ) Schambach Wb.
x 54 ; Andree Braunschweie Z hist Vpr
Niedersachsen 1878. 84; Schulenburg Wend
Volksthum 145; Sch ul 1 er us Pflanzen 1916,
84. 18 ) Ha 1 1richS iebenb. Sachsen-zS^ Schulle-
rus Pflanzen 1916, 85; ähnlich in Frankreich
• als ,,faire petä las prinquas" bekannt: Rol¬
land Flore pop. 8, 33. *>) Müller Siebenbürgen
66. °) Anz. f. Kde d. deutsch. Vorzeit. NF 1
(1853). 36. 21 ) ZfdMyth. 4, i 77 .
4- Wenn ein Kind zum erstenmal in
die Schule geht, so soll man es mit
„Wintergrün“ (= I. ?) auf den Kopf
schlagen und dazu sprechen: „Geh zu
und lerne was“ ! Die Wurzel der Pflanze
wird dem Kinde in einem Säckchen an¬
gehängt, damit es aufmerksam und ge¬
scheit wird 22 ). Vielleicht sollen hier die
unverwelklichen Blätter das Gedächtnis
versinnbildlichen.
22 ) Schönwerth Oberpfalz i, 183. Jlarzell.
Imoi. Zauberwort in der Formel:
„Imoi sideon giricion", die auf eine an
der Sonne getrocknete Hechtblase ge¬
schrieben wird und dann gegen den
Mond gehalten wird mit einem an diesen
gerichteten Spruch l ); dient an den Arm
gebunden als Mittel, um im Spiel zu ge¬
winnen. In sideon dürfte sidus stecken;
etwa Iftoi, sidus xuptaxöv ?
*) Württ. Vjh. 13 (1890), 216 Nr. 253.
jacoby.
Impotenz. Der Glaube, daß Dä¬
monen oder böse, in deren Dienst stehende
Menschen das Eheglück stören und ins-
1 besondere die Begattung unmöglich
677
Ina, Na, A—Incantatio
678
machen können, war früher allgemein
verbreitet. Schon Hinkmar von Reims
handelt ausführlich darüber, und auch
Vertreter der medizinischen Wissenschaft
räumten diese Möglichkeit und Wirklich¬
keit ein. Wenn die höchsten Kreise der
Kirche und der Wissenschaft solche An¬
schauungen hegten, ist leicht zu ermessen,
von welcher Furcht das ungebildete
Volk befangen war. Je weiter sich der
Hexen wahn verbreitete, um so größer
wurde auch die Angst vor der Ligatur,
und sie blieb es bis tief in die neuere
Zeit hinein 1 ) (vgl. Hexe 3, 1847; Liebes¬
zauber, Nestelknüpfen).
*) Franz Benediktionen 2, 178 ff. (Benedictio
thalami); Delrio Disqu. mag. lib. III, sect. 5,
p. 435—439; Hansen Zauberwahn 91. 153;
ders. Hexenwahn 702 (Reg.); Grimm Myth. 2,
983; 3, 344 f-; Hovorka-Kronfeld 2, 166 ff.;
Seligmann Blick 1, 199; 2, 496 (Reg.); Sol-
dan-Heppe 2, 433 (Reg.); Schmid Glarus 31;
Zimmermann Volksheilkunde 58; Höhn
Volksheilkunde 1, 119; Jörimann Rezeptarien
146. Bächtold-Stäubli.
Ina, Na, A. Zauberworte 4 ) nach dem
bekannten Schema der Schwindeformel
(s. Zauberworte).
*) Vernaleken Alpensagen 373. Jacoby.
Incantatio.
1. wie excantatio 1 ) und prae-
cantatio 2 ), bedeutet ursprünglich Zau¬
berspruch, durch den dämonische
Schädigungen abgewehrt, entfernt oder
verursacht werden sollen 3 ), dann all¬
gemein Zauberei 4 ). Lehrreich ist die
lateinische Übersetzung (Vulg.) von
Isaias 8, 19, wo incantationibus inter¬
pretierende Wiedergabe einer ganzen
Reihe griechischer Ausdrücke für die
verschiedensten Zweige der Zauberei ist,
während das genau entsprechende £7 tü>ö>]
in LXX fehlt; ahd. galstar , ags. galdor,
aJtn. galdr (incantatio) leiten sich ab von
galan lat. canere. Das ags. spell eigentlich
dictum, fabula, got. spill , wird Zauber¬
spruch 5 ). Die Verba incantarc, excantare ,
praecantare, auch einfach cantare 6 ), be¬
deuten besprechen, bezaubern, verzaubern,
überhaupt eine magische Handlung vor¬
nehmen 7 ). Die ausübenden Personen
incantatores — theotonice dicendo ein
zöffrer (Freiburg i. d. Schweiz) 8 ) — bzw.
incantatrices 9 ) bedienen sich der incan-
tationes, incantamenta , cantus, cantica ,
carmina 10 ). Daneben treten später regel¬
mäßig die venena 11 ); veneficium bzw.
maleficium bedeutet Hexerei 12 ). Die
Praxis der incantationes, quae non mani¬
feste, sed secretissime fieri consueverunt 13 ),
beschreibt Apuleius de mag. 47: igitur
(magia) et occulta non minus quam taetra
et horribilis, plerumque noctibus vigilata
et tenebris abstrusa et arbitris solitaria
et carminibus murmurata 14 ).
*) Pauly-Wissowa 9, 1241. *) Heim
Incantamenta 468; Jos. M. Heer Ein Karo¬
lingischer Missionskatechismus, Freiburg i. Br.
1911, 23 ff. 81. 3 ) Franz Benediktionen 2, 423.
4 ) Schönbach Berthold v. R. 24. 5 ) Grimm
Myth. 2, 1023. 6 ) Apuleius apol. 42, S. 49,
3 ff. Helm; Abt Apuleius 177 A. 6. 7 ) Pauly-
Wissowa 9, 1241; Grimm Myth. 2, 1023.
8 ) Hansen Hexenwahn 523. 9 ) Pauly-Wisso¬
wa 9, 1241; Schönbach Berthold v. R. 24. 28;
Hansen Hexenwahn 211. 299. 503. 523. 10 ) Pau¬
ly-Wissowa 9, 1241; Abt Apuleius 22. 165.
239. 2 43 I Grimm Myth. 2, 1023. n ) Abt Apu¬
leius 240; Schönbach Berthold v. R. 24. 26;
Hansen Hexenwahn 41. 89. 209. 350. 485. 518.
12 ) Pauly-Wissowa 9, 1241. 13 ) Hansen
Hexenwahn 518 aus dem Brünner Schöffen¬
buch. 14 ) Pauly-Wissowa 9, 1241; Abt
Apuleius 20. 160.
2. Die I. als eine der Hauptarten
der Magie läßt sich bei fast allen
Völkern nachweisen 15 ). Zahlreiche Be¬
lege bezeugen ihre Anwendung bei
Assyrern und Babyloniern 18 ) wie
bei den Ägyptern 17 ). Auch die Juden
kannten solche Zauberworte und -for¬
mein 18 ). Daß sie ägyptisches Zauber¬
wesen kennengelernt hatten, zeigt Exod.
7, 11 fecerunt (malefici ) ipsi per incan¬
tationes Aegyptiacas et arcana. . . similiter
(xctl ercoirjoav xai ot itraotSöt xmv Atyuir-
Ttcov rate cpapp-axtai? autä>v «waaunuc, vgl.
7, 22). Ihre Vertrautheit mit assy¬
risch-babylonischer Magie zeigt das Jubel¬
lied auf Babels Fall, Isaias 47, 9: uni-
versa venerunt super te ... et propter du-
ritiam incantatorum tuorum (iv rj
t&v £rtaot 5 u)v exoo 'Kpoöpa, trotz der Macht
deiner Zauberer) und das ironische:
Sta cum incantaioribus tuis si prosit
(ebd. 47, 12). Die Juden hatten das Be¬
streben, die heidnischen Incantamenta
zu judaisieren und ersetzten sie durch
679
Incantatio
680
Bibelsprüche 19 ). Bei den Griechen
wurde die I. von den ältesten Zeiten
an ausgeübt. Das für uns früheste
Zeugnis steht Od. t 456 f., wo es von den
Söhnen des Autolykos heißt: cuxetXijv
8’ Oöoa^os aji6|i.ovoc avxtfleoto ör,aav ^Trtaxa*
fxevct>c, i7taot8^| 8’atuot xcXaivov ea^eöov 20 ).
Die Römer sahen sich genötigt, schon
im Zwölftafelgesetz incantationes und mala
carmina zu verbieten 21 ). Als das
Christentum unter Konstantin Staats¬
kirche geworden war, erlangten die In-
cantamenta durch die große Zahl der
aufgenommenen Heiden, die sich von
ihrem ererbten Dämonenglauben inner¬
lich nicht völlig hatten befreien können,
auch Eingang in die christlichen Ge¬
meinden. Die griechischen und latei¬
nischen Kirchenväter des 4. und 5. Jahr¬
hunderts nehmen oft Stellung gegen den
anscheinend nicht auszurottenden heid¬
nischen Aberglauben. Die Bemühungen
der Kirche wurden vielfach sabotiert
durch die verständnislose Haltung des
niederen Klerus, da man auf Grund einer
jüdischen Tradition, Salomon habe die
I.nen und Exorzismen erfunden (Flav.
Joseph. Antiq. lud. VIII 2, 5),
die Ausübung der Ln für erlaubt
hielt. So waren öfters Mönche und
Weltgeistliche in diesem Sinn tätig (Isidor,
de eccl. off. II 16, Migne Patr. lat. 83,
796 ff.), nach Gregor d. Großen mußten
sizilianische Kleriker deshalb bestraft
werden (Registrum lib. V 32, MG. Epp.
I 3 I 3 )> der Archidiakon Paschalis gar,
der Gegenkandidat des Papstes Sergius
(687—701), wurde wegen Vollzug von
I.nen abgesetzt 22 ). Noch Johann Nider
Ord. Praed. berichtet in seinem in
den Jahren 1435—1437 in Basel geschrie¬
benen Formicarius lib. I c. 4, daß ein
Geistlicher in der Nähe von Lindau
Völkern wucherte der Aberglaube, von
nationalen Bräuchen befruchtet und durch
die antike literarische Überlieferung ge¬
fördert, weiter fort“ 27 ).
15 ) Heim Incantamenta 466. 16 ) M. Jastrow
Die Religion Babyloniensund Assyriens 2 (Gießen
1905), 273 ff. 17 ) A. Erman-H. Ranke
Ägypten u. ägypt. Leben im Altertum, Tüb. 1923,
404 ff. 18 ) L. Blau Das altjüd. Zauberwesen ,
Berlin 1914, 61. 68 ff. 19 ) Ebd. 68. 20 ) Heim
Incantamenta 466 f.; Rohde Psyche 2, 77;
A. Dieterich Papyrus magica Lugdunensis,
Jahrb. f. klass. Philol. XVI 751 ff. «) Pauly-
Wissowa 9, 1242h; Welcker Epoden oder
das Besprechen, Kl. Schriften 3, 64 fr.; Heim
Incantamenta 467; Franz Benediktionen 2,
424. 22 ) Franz Benediktionen 2, 425 ff. 23 ) Han¬
sen Hexenwahn 88 t. 24 ) Ebd. 31t. 59. 197.
344 ff. 485. 529. 570. 25 ) Ebd. 44. 47. 208 f.
308 f. 517. 26 ) Ebd. 25. 41. 67 f. 71. 81 f. 88 ff.
243. 258. 296 ff. 502 t. 523. 547. 548. 578.
27 ) Franz Benediktionen 2, 426.
3. Dem menschlichen Wort wird
bei allen Völkern eine große Kraft zu¬
geschrieben 28 ). Wort und Stimme ver¬
mögen, die Kräfte der Natur und des
Geistes dem Menschen nutzbar zu machen.
Instinktmäßig wendet sich der Mensch
im Gebet an die Gottheit. Die L
ist das Zerrbild des Gebetes 29 ), da sie
sich an dämonische Mächte wendet.
Johannes Vincentii, Prior der Kirche de
Monasteriis super Ledum (Les Moustiers,
am Lay, Vendee) drückt das in seinem
Liber adversus magicas artes (um 1475)
so aus: Incantatio vero solis innitur vocibus,
in quibus cum nulla insit virtus naturalis
ad eos effectus producendos , ad quos
carmina ordinant incantatores , restat , ut
carminum a demone , qui pacto cum
primis inito incantatoribus se ad hec
astrinxit, efficacia prestoletur 30 ). Segen
oder Fluch gehen also aus dem Wort
hervor 31 ), deshalb muß man seine Worte
besonders vorsichtig wählen, da die Dä¬
monen durch sie zum Mittun oder min¬
cum
„suspectus incantator ei de maleficio “
sei 23 ). So ist denn auch in christlicher
Zeit, namentlich in Italien 24 ), Frankreich 25 )
und Deutschland 2Ö ) der Glaube an
die Macht der I. und ihre Ausübung
außerordentlich verbreitet. Der Kirche
des Mittelalters war es nicht gelungen,
ihren Verboten Geltung zu verschaffen.
Namentlich in den „germanischen
destens zur Zeugenschaft aufgerufen
werden 32 ). Sollen sie freilich wirksam
sein, so sind gebundene, feierlich gefaßte
Worte (verba concepta) nötig, Lied und
Gesang. Die Formen der Poesie stehen
in engem Zusammenhang mit der Kraft
der Rede, mögen nun Priester oder Arzt
oder Zauberer sich ihrer bedienen 33 ).
Im allgemeinen kann man ursprünglich.
Incantatio
682
68l
eine gutartige und eine bösartige I.
unterscheiden je nach dem Ziel, das
sich der Incantator steckt. Jene hat
vor allem apotropäisch-prophylaktischen
Charakter, diese, die I. im engeren
Sinne, wirkt sich im Schadenzauber
aller Art, in Behexung von Mensch und
Tier, in Geister- und Totenbeschwörungen
u. dgl. aus. Die Griechen kannten eine
xaX-rj £7ru>&Vj (xac os S 7 t(i> 8 dc xaoxac sivai
xotK Xo*po; rouc xaXooc Plat. Charmid.
p. 157 A), die zur Heilung von Krank¬
heiten und Wunden angewandt wurde.
Der platonische Sokrates freilich bekämpft
die Ansicht des Zalmoxis, daß zur Heilung
<puXXov und <06ij nötig seien, schreibt dem
<p6XXov allein die Heilkraft zu und er¬
klärt die als jxtjosvoc dctoo Trpcq-
paxoc ousctv (Plat. Charmid. p. 155 E—
158 B). Anderwärts erkennt Platon die
Berechtigung dieser Besprechung aus¬
drücklich an und bezeichnet sie als x^Xirjai;
xtov vöatuv (Euthyd. 290 A, Pol. IV 426 B).
In der übrigen griechischen Literatur
begegnet £t:iü 8außer Od. x 457 sehr
selten. Herodot erwähnt in seiner Be¬
schreibung eines persischen Opfers die
Tätigkeit des ixctyo?, welcher ‘itapcaxsiu?
iTCGtetöst Osoyovl'tjv, otVjv ot) exetvot Xsyousi
elvai xtjv £7iGcoi6r 4 v (I 32). Megasthenes
nennt die Beschwörungen indischer Brah-
manen über schwangere Frauen zur Er¬
leichterung der Niederkunft Epoden
(Fr. 40, Müller FHG. II 435). Nur diese
irccpoaG von denen die „Krankheits¬
besprechungen“ ziemlich oft auftreten 34 ),
gelten als xaXat. In den allermeisten
Fällen steht cnü> 07 j für Zauberspruch im
schlimmen Sinn. Nach Plat. Pol. II 364 C
verwenden sie oqupxat xat jidvxst; zu
Götterzwang und Defixion, Sympos.
202 E erscheint sie neben der {xa-ffavsta
und fOTjxsia, um in den „Gesetzen“
(XI 933 Au. D) neben den iitaYco-yai,
xaxaoeacii; und der cpappaxsta bei Todes¬
strafe verboten zu werden. Dieselbe
Bedeutungsentwicklung haben I., in-
cantamentum, incantare und incan¬
tator im Lateinischen durchgemacht 35 ).
Am häufigsten wurde die I. als
Segen (s. d.) entweder allein oder in
Verbindung mit Kräutern (s. d.) zu
Heilzwecken gebraucht, da man die
meisten Krankheiten auf die Einwirkung
von Dämonen zurückführte. Die I.
im engeren Sinne ist Zauber (s. d.)
schlechthin, die Tätigkeit der Zauberer
und Hexen in ihren verschiedensten
Formen 36 ).
28 ) Pauly-Wissowa 1, 88; Grimm Mythol.
2, 1023. 29 ) Franz Benediktionen 2, 422.
30 ) Hansen Hexenwahn 230. 31 ) Grimm
Mythol. 2, 1023. 32 ) Pauly-Wissowa 1, 88.
33 ) Grimm a. a. O. 34 ) Abt Apuleius 43 A. 1.
33 ) Ebd. 41 ff. 36 ) Hansen Hexenwahn 25. 32.
41 f. 245. 252. 260. 309. 516 ff. 524; Schön¬
bach Berthold v. R. 25 t.; Pauly - Wissowa
9, 1242; Abt Apuleius 169.
4. Die Incantamenta weisen ver¬
schiedene Formen auf. Neben dem
ganz einfachen Schema: Ad albuginem
oculorum te carpo, ut subvenias oder Omnia
mala bestiae canto 37 ) stehen die excan-
tationes oder evocationes morbi,
die den Aufenthalt des Krankheits¬
dämons im Körper des Kranken voraus¬
setzen 38 ). Versagen diese, so greift der
incantator zu Drohungen 39 ). In zwei
Ritualien des 12. und 13. Jahrhunderts
begegnet diese Art unter dem Titel
Excommunicatio morbi. In den Exor¬
zismen war das Schelten der Dä¬
monen von jeher gebräuchlich. Ein
besonders lehrreiches Beispiel bietet die
Vita der hl. Euphrasia (c. 13. AASS.
13. März, II 925) 40 ). Oft wird das Übel
auf ein Tier oder einen Gegenstand über¬
tragen. So empfiehlt z. B. Marcellus
(de medic. lib. 300 C) gegen Schmerzen
im Zäpfchen, eine lebende Schwalbe
wohl verschlossen am Halse zu tragen;
das Übel werde innerhalb 9 Tagen be¬
hoben sein 41 ). Sympathiezauber spielt
in der ganzen Magie, besonders in der
Volksmedizin eine große Rolle 42 ). Be¬
liebt ist das Schema des dSuvotiov, z. B.
hirundo tibi dico t quomodo hoc (sc. aqua)
in rostro iterum non erit , sic mihi dentes
non doleant toto anno 43 ). Viele Zauber¬
sprüche haben die Form kleiner Ge¬
schichten. Diese Form, die schon in
den Zauberpapyri erscheint M ), stellt wohl
letzten Endes eine Nachbildung eines
wirklichen Exorzismus dar. Der zweite
Merseburger Zauberspruch und die Straß-
683
Indiculus
684
burger Blutsegen gehören hierher. Die
Sprüche sind sehr kurz, wie z. B. das
Gespräch Christi mit der Rose aus Schle¬
sien oder die Unterhaltung zwischen
Christus und dem kranken Petrus 45 ).
In einer schlesischen Besprechung gegen
den Magenkrampf tritt gar unerklär-
hcherweise die Mutter Gottes an die
Stelle des Dämons:
Die Mutter Gottes ging über Land,
Pa begegnet ihr der Heiland.
Per Heiland sprach: Wo willst du hin?
Pie Mutter Gottes sprach: Ich will die Menschen
Per Heiland sprach: Nein das sollst du nichTtun."
Im Namen usw. 48 ).
Einfacher ist die Form des Gleichnisses :
• damals Maria ... so soll auch
l etzt " • • - 47 )- Manche Incantamenta sind
später in Kinderlieder und -spiele
übergegangen, wie das westfälische:
Riut riut sunnenfuegel,
Suente Peiter ies kuemen,
Suente Tigges well kuemen
riut riut alle mius x..
alle't unglück iut duesem hius 48 ).
Neben den volkstümlichen Sprüchen,
die ins tin kt mäßig gewachsen sind,’
stehen mehr verstandesmäßig künsG
liehe Gebilde. Bei den Griechen fanden
Homerverse, bei den Römern Vergü¬
sse hierfür Verwendung, Juden und
Christen bevorzugten das AT und NT 49 ),
namentlich die Psalmen 5 °). Eine nicht
minder große Rolle spielen im Zauber der
Name Gottes, die Engel, Heiligen
usw. 1 ). Überaus beliebt waren die unter
der Bezeichnung ’Etpsaia Ypa^ara be¬
kannten Zauberworte, zu denen auch die
christliche Gnosis manchen Beitrag lie¬
ferte 62 ). Welche Bedeutung endlich der
Zahl im Aberglauben zukommt, dafür
liefert das tägliche Leben noch zahlreiche
Beispiele S3 ). Astrologisch-ägyptischen
Ursprungs sind wohl die 72 Krankheiten
des Menschen, eine Zahl, die auch sonst
sehr oft begegnet 54 ). Eine schlesische
Besprechung sagt vom Fieber: „Der du
bist neunerlei und einundzwanziger “ 55 ),
eine fränkische spricht von siebenund¬
siebzig Gichtern 58 )\ In einem alten Gebet
heißt es gar: Defende me ab omnxbus 281
malis 57 ).
Nichtchristliche Beschwörungen schlies-
sen oft mit der Formel rfa ffy totyo
Ta X u > die nach den Zauberpapyri obli¬
gatorisch ist, während christliche Gebete
meist in ein demütiges <jtü>|isv x *X«öc
ausklingen. Aber noch Nicolaus Myrep-
sius (Medicae artis principes post Hippo-
cratem et Galenum ed. H. Stephanus
I I 5 Ö 7 . P- 5S4 F) schließt ein Gebet: veniat
sanatio in praesens unguenlutn, celeriter,
celeriter, abeat, abeat, abeatmalum. Amen i& ).
Rhythmus und Klang erhöhen den
Eindruck des Zauberspruchs. Daher
können carmina in allen metrischen
Formen der antiken Poesie erscheinen
Dazu treten vielfach Parallelismus der
Glieder, Stab- und Endreim usw. 59 ).
37 ) Heim Incantamenta Nr. wu 38 } FhH
S. 476-482. «) Ebd S. 479^482 3 «)Fran d z
Benediktionen 2, 421. 539. 54 6. «) Pradel
{jebete 124; Heim Incantamenta S. 483 f. 12 ) Heim
f• a - °- S - 484—491. 43 ) Ebd. S. 491—495
46^ radel Gebete 94 ' 45 ) M schlesVk. 4> 67.
) Drechsler 2, 2, 318; Lammert 136 f. 47 )
bchonbach Berthold v. R. 124 ff 4 «) Heim
Incantamenta 5 12 ff. 4y )Ebd. S. 514—520. 520 ff •
Pradei Gebete 67 f.; Blau Altjüd. Zauberw. 68.'
' y 2an ^. Ztschr. 1 (1892), 567 ff.; 2
(1893), 291 ff.; Alemannia 4 280. 51 ) Pradel
Gebete 141 ff. 47 fl. ; Blau a. a. O. 117 fl.; Heim
a. a. O. 522 ff.; Franz Benediktionen 2, 424 f.
528. 533 ff.; Dornsei ff Alphabet 2 145. &2) Pra¬
del a.a.O. 34 f. Z. 16ff. 45 f. 129; Abt Apuleius
D 2 7 Ai Heim Incantamenta 525 ff.; Franz
Benediktionen 2, 423. 429; Dornseif f Alphabet*
36. 130^3) Heiin a . a . 0 . 542 ff.; Pradel a. a. O.
73 Dornseiff a. a. O. 91 ff. u. ö. 54 ) Pra-
dd a. a . O. 73 ff. «) Drechsler 2, 303.
ssVp ^r^V 267 - 5? > Alemannia 4> 280.
) Pradel a. a. O. 72. 59 ) Heim a. a. O. 544 ff.
5 * Die Strafen für die incanta-
tores waren die für Zauberer und
Hexen üblichen. Im Mittelalter wurde
die I. eines der Hauptziele der In¬
quisition «*). So intensiv aber auch zu
manchen Zeiten ihre Bekämpfung sein
mochte, sie war in der einen oder anderen
Form zu eng mit dem Leben des Städters
wie des Landmannes verwachsen, um
völlig ausgerottet werden zu können 61 ).
60 ) Hansen Hexenwahn 24. 245 ff. 485. 537
547 f. fii) Vgl. Badner Land, Unterhaltungsbeil*
d. Freiburger Zeitung Nr. 22 (30. Mai 1926).
Mengis.
Indiculus superstitionum et paga-
niarum.
1. Der I. ist ein Verzeichnis heidnischer
Bräuche und Anschauungen, das sich
in der aus Fulda oder Mainz stammenden
Handschrift Cod. Pal. 577 der Vatika¬
nischen Bibliothek auf Bl. 7* findet. Es
wurde im Jahre 1652 aufgefunden und
damals bei Jac. Dragondalli zu Rom ge-
gedruckt 1 ). Die Zahl der späteren Aus¬
gaben ist sehr groß 2 ), die maßgebende
ist nun die von Boretius 3 ). Ein Faksimile
bei Gallee, Facsimilia-Sammlung nr. XI a .
Außer weit zerstreuten Einzelerklä¬
rungen 4 ) gibt es zusammenfassende Kom¬
mentare 5 ), von denen der von Saupe 6 )
trotz einigen Mängeln wertvoll ist: er
kommentiert das Denkmal unter reich¬
licher Heranziehung zeitgenössischer Pa¬
rallelen und späteren volkskundlichen
Materials.
x ) Vgl. Steinmeyer AfdA. 14, 287 ff.
(mit Richtigstellung fehlerhafter Angaben bei
andern). 2 ) z. B. bei J. Grimm Myth. 3,
403; Wad stein Kl. altsächs. Sprachdenkmäler
nr. XIII; Clemen Fontes historiae relig. Germ.
s. 42 f. 3 ) Mon Germ., Leges, sectio II, Capit.
reg. Franc I, 233!. 4 ) Vgl. A. Leitzmann
Saxonia I, PBB. 25, 586 ff.; F. Schneider
ARw. 20, 112; Radermacher Bcitr. 96!.
6 ) Z. B. Binterim Denkwürdigkeiten 2; He-
fele Conz. gesch. 2 3, 505 ff. 6 ) H. A. Saupe
Der I. s. e. p. Progr. des städt. Realgymnasiums
zu Leipzig, 1891.
2. Der I. umfaßt dreißig, z. T. ganz
kurze, lateinische Sätzchen. Man hat
in diesen die Kapitelüberschriften eines
nicht erhaltenen ausführlichen Werkes
sehen wollen, was aber unbeweisbar ist;
eher stellen die Sätze doch wohl eine kurze
Anweisung vor für Geistliche und Be¬
amte, die auf diese Dinge zu achten haben.
Der Inhalt der Sätze ist recht mannig¬
faltig: Von Göttern (Mercurius und Jupi¬
ter) sprechen Nr. 8 und 20, von Stein - und
Baumkult Nr. 6. 7, von sonstigen Kultstät¬
ten Nr. 4. 18, von abergläubischem (d. h.
heidnischem) Kultbrauch, Zauber und
Wahrsagung Nr. 5. 9 — 17. 21—30, von
Totenkult 1. 2. Zweifellos haben Germa¬
nisches im Auge die sechs Sätze, die einen
Göttemamen oder germanische Worte
enthalten (Nr. 2. 6. 8.15. 20. 24), auch das
meiste andere kann germanisch sein, ob¬
wohl es allgemeinerer Natur ist, fremdartig
sind die spurcalia in Februario, auf
christlich-heidnischen Synkretismus wei¬
sen die Nummern 19 mit der Nennung
der Maria und 25: göttliche (?) Verehrung
von Toten.
In dieser bunten Mischung berührt
sich der I. mit einer größeren Zahl von
Denkmälern (Capit ularien, kirchlichen Ver¬
ordnungen, Predigten, Traktaten) des
8. und 9. Jahrhunderts. Besonders eng
sind die Berührungen mit dem ersten Teil
der pseudoaugustinischen Homilia de sa-
crilegiis 7 ), so daß man sogar manchmal
an eine gemeinsame Vorlage denkt 8 ).
Abhängigkeit in einzelnem von Caesarius
von Arles verfechten Boese 9 ) und Bou-
driot 10 ).
7 ) Hrsg, von Caspari ZfdA. 25, 313—316
und Anekdota, Christiania 1886. 8 ) Hauck KG.
2, 404; vgl. AfRw. 20, 112. 9 ) Superst. Arelat.
s. 34 f. 10 ) Altgerm. Religion 37 u. ö.
3. Zeit und Ort der Entstehung und
die unmittelbare Bestimmung des
Stückes sind umstritten. Da der I. zu¬
sammen mit Aktenstücken der Synode
von Estinnes von 743 überliefert ist,
hat man 11 ) auf Entstehung auf dieser
Synode schließen wollen. Da die Hs. in
ihrem ersten Teil chronologisch geordnet
scheint, der I. in der Reihe aber auf das
sächsische Taufgelöbnis folgt, schlossen
Scherer 12 ) und andere dagegen auf Ent¬
stehung in der Zeit der beginnenden
Sachsenbekehrung etwa 772—780. Doch
ist keine dieser beiden Datierungen aus
der Überlieferung zwingend zu folgern.
Der einzig sichere Anhalt kann sich nur
aus dem Inhalt ergeben. Danach möchte
Boudriot 13 ) den I. lediglich als ein Werk¬
zeug der bonifazischen Reform des ver¬
wilderten fränkischen Christentums be¬
trachten. Eine solche Auffassung über¬
sieht aber, daß die genannten Bräuche z.
T. als etwas noch so lebendiges genannt
werden, wie es damals doch wohl nur
in den Außenbezirken des fränkischen
Reiches der Fall gewesen sein mag: Nie¬
derfranken, Sachsen, Friesland. Wenn
der I. nun aber auch Dinge enthält, deren
Existenz für diese Gegenden bezweifelt
werden muß, so ist zu bedenken, daß alle
diese Schriften Eventualanweisungen ent¬
halten, für welche sie Anleihen bei älteren
Schriften machen.
Der Versuch, definitiv zu entscheiden.
687
welchem Zweck der I. unmittelbar seine
Entstehung verdankt, muß ausgehen von
den vier germanischen Worten des I.:
dadsisas, nimidas, nodfyr, yrias 14 ). Wenn
diese auch in ihrem Lautstand nicht ganz
klar sind, so dürfen sie doch mit größter
Wahrscheinlichkeit als sächsisch oder frie¬
sisch betrachtet werden. Erscheinungen
aus dem religiösen Leben eines dieser
beiden Stämme sind also ins Auge ge¬
faßt. Damit rückt auch die Datierung
eher ans Ende des Jahrhunderts herunter
als in die Zeit der Synode von Estinnes
hinauf.
ll ) Hauck KG. 404. 12 ) MSD. 3 2, 317 t.
* 3 ) A. a. O. 18. 14 ) Vgl. Saupe a. a. O.;
Leitzmann a. a. O., wo auch auf frühere Li¬
teratur verwiesen ist. Helm.
Ingwer. Die Droge ist der getrocknete,
stark aromatisch schmeckende Wurzel¬
stock des aus dem tropischen Asien
stammenden Zingiber officinale. Der
Zahnleidende kaut I., spuckt den Speichel
auf ein Leinwandläppchen und trägt
es drei Tage lang in der Tasche bei
sich J ).
J ) Most Sympathie 119L = Wuttke 341
5 5 ° 8 . Marzeil.
Initiation. Der Übergang von einem
Modus des Seins in den anderen, von
Kindheit zur Männlichkeit oder zur Ge¬
schlechtsreife, ist für den Primitiven mehr
als ein Hineinwachsen in höhere Alters¬
stufen und ein Sichentfalten des natür¬
lichen Menschen. Es ist eine tiefgreifende
Wandlung, die aus einem unfertigen einen
fertigen Menschen macht und um des
bestmöglichen Ausgangs willen durch dazu
bestimmte ältere Leute geleitet wird.
Darum sind diese wichtigen Perioden
des Lebens mit Riten verbunden, die
bezwecken, den Menschen auf diesen
Ubergangsstufen für seine neuen Pflichten
und Rechte vorzubereiten x ) und ihm
selbst die Bedeutung dieses Zeitpunktes
unauslöschlich einzuprägen. Zum Teil
handelt es sich in den der eigentlichen
Einweihung voraufgehenden Prozeduren ,
um eine praktische Übung der Kräfte,
um eine Belehrung in den wichtigsten
Sitten und Gebräuchen, um eine ethische
Beeinflussung, auch um eine Erprobung
688
der Eignung des jungen Menschen für
den kommenden harten Lebenskampf 2 ).
Deshalb enthalten die meisten I.sriten
auch Motive, welche am besten aus
diesen profanen Zwecken erklärlich
i sind, die Knaben werden von älteren
Leitern in die Einsamkeit geführt für
eine Zeit, die bei manchen Stämmen
wenige Tage, bei anderen viele Monate
umfaßt, dort in allen Arten von Körper¬
übungen unterrichtet, zugleich in Stam¬
mesrecht und Ethik wie im richtigen so¬
zialen Verhalten unterwiesen 3 ). Bei
Mädchen tritt an Stelle des Freiluft¬
lebens, dem die Knaben unterzogen
werden, häufig eine Periode der Ab¬
geschlossenheit und Unbeweglichkeit 4 );
oder auch eine Übung im Tanzen und der
körperlichen Geschmeidigkeit 5 ). Bei
beiden Geschlechtern setzt eine unerhört
harte Behandlung, endloses Fasten und
Frieren die Widerstandskraft auf die
äußerste Probe 6 ), auch wenn nicht solche
Proben gemacht werden, wie das Aus¬
reißen aller Haare (Araber) 7 ) oder das
Reiben mit Ameisenhaufen (Indianer) 8 ).
Der Mittelpunkt und Zweck jeder I. 9 )
aber ist die Verwandlung des Initianden,
die sich in Form einer Tötung und
Wiedergeburt abzuspielen pflegt. Der
große Geist wird als herniederkommend
gedacht; er tötet den Initianden und
verschlingt ihn 10 ). Dann wird eine
Zeremonie der Erweckung (Bekleidung
mit einer Tierhaut u. a.) vorgenommen,
als deren Resultat der Initiand nun als
identisch mit dem Gott, als identisch
mit den schon früher vergöttlichten äl¬
teren Stammesgenossen und damit seiner¬
seits als vollwertiges Mitglied des Stammes
angesehen wird 11 ). Resultat dieser I.
ist für den nunmehr Initiierten ein Kraft¬
zuwachs; er hat die göttliche Kraft in
sich aufgenommen. Folge dieses Kraft¬
zuwachses, dieser Verwandtschaft, seiner
Verwandlung in ein Zwei-Geschlechter-
Wesen, wie Winthuis erklärt 12 ), ist,
daß er nun auch in der Lage ist, aktiv
an dem Kulte seiner Stammesgenossen
teilzunehmen. Wer die Einweihung nicht
erfahren hat und doch etwa daran teil¬
nehmen wollte, den erwartete das Straf-
* 689
t
gericht des Stammes — aber nicht nur
als Ersatz für das Gericht der mißbrauch¬
ten an sich tödlichen Macht 13 ). Mit
-der Vervollständigung bzw. Erneuerung
des Wesens und der Aufnahme in den
Stammesverband hängt zusammen, daß
dem Vollwertigen nunmehr die Ehe er¬
laubt ist und das Zeugen von Kindern 14 ).
Eine große Rolle spielen die Zirkum-
zisions- und Subinzisionszeremonien, die
mit den I.en so häufig verbunden sind 15 ).
Über ihre Bedeutung besteht noch keine
Klarheit; wahrscheinlich verbinden sich
hier magische Zwecke mit apotropäischen;
soll der Geschlechtsapparat für seine
künftige Funktion geweiht werden ?
Soll das vergossene Blut die Geister ver¬
treiben ? Soll es als Analogon anderer
Fruchtbarkeitsriten der Erde höchste
Fruchtbarkeit verleihen ? Soll eine
Kastration als ein Teil der symbolischen
Tötung angedeutet werden ? Handelt es
sich um einen Weiheritus? Um ein
Menschenopfer nach dem Grundsatz pars
pro toto? Das läßt sich in allgemeiner
Form nicht ausmachen. Die Motive sind
mehrdeutig und wechseln auch nach Ort
und Zeit. Sicher ist die magische Ab-
zweckung. Magische Abzweckung haben
wahrscheinlich auch die Orgien, die mit
den I.szeremonien verbunden sind 16 ).
Die Initianden selbst werden von den
Stammesgenossen sorgfältig ferne ge¬
halten. Insbesondere die Frauen dürfen
sie nicht sehen. Sie gelten als Tote; das
bedeutet die weiße Farbe, mit der sie
bestrichen sind 17 ). Oft wird dies so weit
getrieben, daß sie sich anstellen müssen,
als hätten sie während ihres I.stodes die
Sprache des Volkes und seine Gebräuche
vergessen.
I.sriten gingen auch der Hochzeit als
einem bedeutsamen Mysterium voraus,
sowohl als Weiheriten der Braut an den
Gott 18 ) wie als bloße Hingabe des Haares
im Tempel 19 ), durch Preisgabe an den
Fremden 20 ) oder durch Orgien beim
Hochzeitsfest 21 ). Von diesen I.sriten
haben sich im Aberglauben noch manche
Bräuche der Enthaltung oder der Pein
erhalten, die beiden Teilen, am meisten
aber der Braut auf erlegt werden 22 ), was
690
ein anderes ist als die Zulassung zu den
Stammeskulten. Die Braut darf z. B.
während des Hochzeitsmahles nicht trin¬
ken, der Bräutigam wird geprügelt; eine
lange Vorbereitungszeit mit Weihungen
beider Teile geht der Eheschließung
voran 23 ). Bei den Indern, wo die Auf¬
nahme als Schüler bei einem Lehrer ein
ähnlich einschneidendesErlebnis bedeutete,
war auch diese mit I.sriten verbunden,
die eine magische Verbindung herstellen
sollten 24 ).
Die Zulassung zu den verschiedenen
Mysterienkulten war auch mit solchen
Einweihungen verbunden, Jünglingsweihe
war ebenso wie die Zulassung zur Zauber¬
praxis 25 ) ganz natürlich, da ja der Nicht¬
eingeweihte sowohl Schaden genommen
als Schaden gestiftet hätte. Erst die Ein¬
weihung gab ihm die Kraft, vor dem An¬
gesichte der Gottheit zu bestehen und das
von der Gottheit geforderte Verhalten
zu beobachten. Damit war aber zugleich
gegeben, daß die Einweihung eine Ver¬
göttlichung war, indem sie die Aufnahme
in den Bund der Diener und Genossen
der Gottheit bedeutete; sie war oft unter
dem Bilde der Vermählung mit der Gott¬
heit dargestellt und hing wie bei den
eleusinischen Mysterien mit einem hierös
gämos zusammen 26 ). Ihre Wirkung er¬
streckte sich infolge dessen bis über das
Grab, wie die orphischen Goldtäfelchen
betonen 27 ). Der Myste ist Gemahl der
weiblichen Gottheit und hat als solcher
Anrecht auf den Platz bei ihr wie unter
ihren Dienern.
Aus altgermanischen Zeiten sind I.sriten
nicht direkt überliefert. Die Schwert¬
leite stellt sich auf den ersten Blick als
ganz profaner Akt dar. Erst Weiser
ist es gelungen, Spuren von mit I.en ver¬
bundenen Jünglingsbünden aufzuzeigen 2 ®).
Dennoch muß der Gedanke der I. im
deutschen Volke tief Wurzel geschlagen
haben. Denn die Hexenbündnisse (s.
Hexe) mit dem Teufel zeigen das typische
Bild der I., der Identifizierung mit der
Gottheit, wobei die geschlechtliche Ver¬
einigung, die keine Befriedigung ver¬
leiht (es scheint dies ein typischer Zug
der Mysterienorgien gewesen zu sein, um
Ingwer—Initiation
Initiation
6 g i
Inkarnation
692
durch diese Differenzierung das ganz an¬
dere der Mysterienhochzeit hervorzuheben:
der Priester im Mysterium zu Eleusis er¬
hielt zur Herbeiführung der Impotenz
den Schierlingstrank, in anderen Fällen
wurde eine symbolische Darstellung offen¬
bar vorgenommen; bei den Primitiven
wurden die Initianden den Orgien im
Zustande frischer Verwundung durch die
Beschneidung unterzogen, was große
Schmerzen bereitet haben muß), das
Siegel der Vereinigung bedeutet, das
gemeinsame Bundesmahl, die Aufnahme
in die Gefolgschaft, die die Aufprägung
gewisser körperlicher Merkmale (Täto¬
wierungen?), die Verleihung gewisser
Kräfte und Fähigkeiten magischer Natur
als Folge der Einweihung, der auch eine
Lehrzeit vorauszugehen pflegt. Ob auch
die Vorstellung, daß die Speisen beim
Teufelsmahl nicht schmecken, damit zu¬
sammenhängt, daß bei I.en die Speise
der Initianden mit den ekelhaftesten
Ingredienzien versetzt wurde (bei den
Australiern gehörte das Genießen von
Menschenkot zu den Zeremonien), be¬
dürfte näherer Untersuchung.
Andere I.sriten sind z. B. die der Auf¬
nahme in die Nachbarschafts- (s. Nach¬
barschaft) oder Jugendbünde. Sie haben
sich in den Freimaurerbünden erhalten
und feiern eine neue Blüte in den Geheim¬
bünden Amerikas.
*) v. Gennep Rites de passage 92 ff.; Bern¬
feld Gemeinschaftsleben 188 ff.; Beth Reli¬
gion und Magie 2 175. 225. 244 ff. 308. 311. 338 f.
Ä ) I* Lawson History of Carolina 382; Plu-
tarch Lycurgus 18; M. Nilsson Griech. Feste
190 ff.; ARw. 9, 397 ff. 3 ) B. Gutmann Das
Recht der Dsckagga 309 ff. 4 ) R. Briffault
The Mothers 2, 371. *) Paul Krische Das
Rätsel der Mutterrechtgesellschaft 231 ff. ®) The
Cosmopolitan 28, 45öS.; R. Brieffault The
Mothers 2, 193. 7 ) R. F. Burton Personal
Narrative of a Pilgrimage to El-Medinah and
Mecca 3, 80 ff. 8 ) Reports of the Cambridge ;
Anthropological Expedition to Torres Straits
5 , 215. *) Beth Religgesch. 95; Schmidt Gottes-
idee 1, 493; Gold mann Einführung 123 ff.;
Frazer 12, 318; Fabricius Deposition . 10 )
H. A. Junod The Life of a South African
Tribe II pass.; Spencer Native Tribes of the
Northern Territory of Australia 211. u ) Brnbd.
15, 161. l2 ) Winthuis Zweigeschlechterwesen
139 ff. 13 ) Spencer Native Tribes of the North¬
ern Territory of Australia 162. 14 ) Journal An-
throp. Institute 18, 287. **) H. Ploß Kind pass-
16 ) Die I.szeremonien berühren sich enge
mit den Intichiumazeremonien: Röheim Au-
stralian Toiemism. 17 ) Frazer 3, 156. 1S ) E.
Reelus Primitive Folk 172. 1# ) Pfister Re¬
liquienkult 2, 494 f. * 0 ) Strabo XVII i. 46.
21 ) Herodot IV, 172; Pompeius Mela De
situ orbis 1, 8. 22 ) Schönwerth Oberpfalz
pass. 23 ) Gut mann Recht der Dschagga.
24 ) Knuchel 34. 25 ) Apuleius von Madaura
185. 26 ) Dieterich Mutter Erde pass. 17 ) Lily
Weiser Altgermanische Jünglingsweihen und
Männerbünde (1927). 28 ) Briffault The Mo¬
thers 3, 332 ff. K. Beth.
Inkarnation. Der Glaube der Primitiven
schreibt der Zeugung keinen oder nur
einen beschränkten Anteil an der Geburt
der Kinder zu. Worauf es ankommt, ist
das Eingehen eines Seelenwesens in den
Leib der künftigen Mutter. Dieses Seelen¬
wesen mag dem Einfluß der Gottheit zu¬
zuschreiben sein 1 ), es mag aus der un¬
geheuren Schar wartender Seelen in sie
eingehen 2 ), es mag ihr mit dem Fleische
eines Tieres übermittelt werden 3 ), das
das Totem des Kindes später bilden soll;
es mag der neue I. suchende Ahnengeist,
der Vater oder Großvater sein (s. d.) 4 );
der Seelengeist ist immer das eigentlich
lebensspendende Element 5 ); und es
kommt für die Eltern darauf an, dieses
Wesen, das im Anfang mit dem Körper
nur oberflächlich verbunden ist, festzu¬
halten und zu stärken. Viele magische
Bräuche, Speise- und Arbeitsverbote
dienen diesem Zwecke: das Männerkind¬
bett, die vielen Tabus der schwangeren
Mutter (s. Kind und Mutter); aber man
behandelt die Seele auch direkt als an-
kommenden oder noch nicht eingewöhnten
Gast. Die Alfuren schließen bei Geburt
eines Kindes zu diesem Zwecke die Fenster
und Türen wieder, damit die Seele
nicht entfliehe; die Bulgaren machen sie
auf, damit sie einziehen könne. Solange
das Kind nicht irdische Speise, Milch
oder Honig, gekostet hat, ist es nicht voll
irdisch, und es kann getötet werden. Es
wird nach der Taufe unter den Tisch
(auf die Erde) gelegt, um Kräfte zu er¬
halten. Ob das Auf-die-Erde-Legen nach
der Geburt, von wo es erst die Hebamme
oder der Vater aufheben mußte, auch —
außer dem Umstand, daß es durch eine
693
I nkubation
694
menschlich-juridische Handlung erst in
die irdische Gesellschaft aufgenommen
werden muß (s. Vater) — die Herkunft
des Kindes von Mutter Erde 6 ) symboli¬
sieren sollte und seine Verbindung mit
dem meist in der Erde lokalisierten
Geisterreiche 7 ), ist nicht zu entscheiden.
Wenn ein Mädchen aus einer Quelle oder
aus einem Brunnen trinkt, in der sich
der Mond spiegelt, wird es schwanger 8 ).
In der Bretagne glaubt man, daß, wenn
Mondstrahlen auf den Unterleib einer
Frau fallen, diese ein Mondkalb gebäre 9 ).
Nun ist aber der sich inkarnierende
Geist nicht immer nur ein unbestimmter
Jemand, sondern es kommt auch sehr
darauf an, ob und wer seinen Sitz in
diesem Neugeborenen auf schlägt. Die
Religionsgeschichte ist voll von solchen
regelmäßigen oder außerordentlichen I.en.
In dem Apisstier inkarniert sich Ptah
(Re, Osiris) 10 ), im Mnevisstier zu Helio-
polis Gott Re; die Avataras Brahmans
werden mit den wichtigsten Funktionen
der Offenbarung verknüpft u ); die I.en
des Buddha gehören auf dem Gebiete
des Lamaismus zu dauernden Einrich¬
tungen. Im Christentum nahm der
I.sglaube bestimmende Form an: die I. des
göttlichen Logos wurde zum Glaubens¬
zentrum. Sein Gegenpol war der Glaube
an die I.en des Teufels, gezeugt mit einer
reinen Jungfrau; insbesondere der zum
Kreise der Artusritter gehörige Klingsor.
Die Furcht vor den „Teufelskindern“,
Teufels-I.en, beherrschte das Mittel-
alter 12 ).
x ) Briffault The Mothers 2, 449 ff. 2 )
Grimm Myth. 1, 281; Visscher Naturvölker 2,
562; Frazer 12, 316; Beth Religgesch . 56 f.
з ) Beth Religion u. Magie 2 14 f. 47. 4 ) J. G.
Frazer Immortality 2, 417 f. *) ZdVfV. 13
(1903), 375. 8 ) Dieterich Mutter Erde pass.
7 ) Beth Religion u. Magie 2 247t.; Grimm
RA. 458. 8 ) O. Henne-Am Rhyn Deutsche
Volkssage 36. ö ) Revue Celtique 3, 452.
10 ) G. F. Moore History of Religion 2, 197 f.
и ) J. E. Carpenter Theism in Medieval
India 246. 12 ) Muir Sanscrit Texts 4, 156;
Paul Wurm Religgesch. 384. K. Beth.
Inkubation (vom lat. incubare = liegen )
bedeutet das sich Niederlegen an heiliger
Stätte, um durch Traum, Vision oder
Audition den Willen der übernatürlichen
Mächte zu erfahren und vor allem ihre
Hilfe zu erlangen. Die Wurzeln dieses
Brauches reichen weit zurück, in uralte
Zeit, da die chthonischen, „irdischen“
Geister das Menschenleben beherrschten.
Die ursprüngliche Form der I. ist wahr¬
scheinlich der Gräberschlaf: der Mensch
legt sich auf das Grab des verstorbenen
Ahnen, damit dessen Geist ihm erscheine
und ihm helfe. Dabei ist wesentlich, daß
man sich ganz auf den Boden hinlegt, um
die Berührung mit der Sphäre des Ahnen-
geistes möglichst intensiv zu gestalten.
Die I. wird dann im Lauf einer langen Ent¬
wicklung übertragen auf allerlei Orte,
an denen Geister lokalisiert gedacht sind:
Höhlen, Quellen, Kreuzwege, Bäume u. a.
Beim Übergang vom Animismus zum
Theismus wird die I. vor allem an die
Wohnungen der Götter, an den Tempel
gebunden (daher auch die deutsche Be¬
zeichnung Tempelschlaf für I.). Mehr
und mehr kompliziert sich der bei der I.
zu beobachtende Ritus: strenge Reini¬
gungszeremonien müssen vorhergehen
usw.*)•
Die I. findet sich hin und her in der
primitiven Welt 2 ); sehr ausgeprägt ist
sie im vorderasiatischen Kulturkreis (Ba¬
bylonien und Ägypten) 3 ). Das klassische
Beispiel ist die griechische I., die vor allem
bei den Tempeln der Heilgötter (Askle¬
pios u. a.) eine hervorragende Rolle spielt,
sofern die Menschen hoffen, im Schlaf
von dem Gott geheilt zu werden, oder
wenigstens im Traum Anweisungen zu
Kur und Heilung zu bekommen 4 ). In
der ausgehenden Antike war der Glaube
an die I. in der synkretistischen Gedanken¬
welt des Mittelmeerbeckens tief einge¬
wurzelt. Aus dieser Umwelt drang er
dann in das junge Christentum ein. Vor
allem hängte sich die I. an diejenigen
christlichen Heiligen, die das Erbe der
antiken und synkretistischen Heügötter
an traten: an Kosmas und Damian (s. d.)
und Cyrus und Johannes. Die Nach¬
richten frühmittelalterlicher Schrift¬
steller sind voll von Wunderberichten
überschwänglichster Art 6 ). Mit der
steigenden Rationalisierung des Christen¬
tums hat sich der durch und durch ma-
<595
Inkubus—Insekt
696
gische Glaube an die I. mehr und mehr
verloren. Im 16. und 17. Jh. hören wir
nur noch vereinzelt von 1 . 6 ). Und die Nach¬
richt, daß in Griechenland noch heutigen
Tages Mütter für ihre kranken Kinder
zu Füßen der Heiligen schlafen 7 ), darf
wohl als Kuriosum gebucht werden. Im
deutschen Volksglauben der Gegenwart
finden sich jedenfalls kaum noch Spuren
von I.
2 ) Allg. Literatur: R. Deubner De incu¬
bahone. 1900; Mary Hamilton Incubahon
or the Cure of disease in Pagan Temples and
Christian Churches. London 1926; Pauly-Wis-
sowa 9, 12560.; Hastings 7, 206 ff.; Beth
Rehgion u, Magie 2 58 ff. 2 ) Treffliche Beispiele
bei J. W. Hauer Die Religionen 1 (1923), 257 f.
) Ebd. 262. 4 ) Weinreich Heilungswunder .
1909. 5 ) Lucius Heiligenkult 257. 263. 299
*) Meyer Aberglaube 96. 7 ) Ebd. 96.
Rühle.
Inkubus, vom lateinischen incubo (ur¬
sprünglich Bezeichnung für Alpdruck
und den ihn verursachenden Alp), heißt
ein männlicher Geist, der in buhlerischer
Absicht Menschenfrauen heimsucht; das
weibliche Gegenstück ist der Sukkubus.
Hierbei handelt es sich um die Personi¬
fizierung erotischer Traumgestalten, deren
Existenz im Altertum und Mittelalter
niemand zu bezweifeln wagte. Der große
Kirchenlehrer Augustin 4 ) hält sie ebenso
für Wirklichkeit wie etwa eine Bulle des
Papstes Innozenz VIII. vom Jahre 1484 2 ).
Noch im 16. Jh. glaubte man, der Mark¬
graf Albrecht von Brandenburg (j* 1557)
habe einen Sukkubus gehabt 3 ), den man
in Weibsgestalt oft an seiner Seite sah 4 ).
Diefenbachs Glossar kennt den I. als
„teufel, der die frawen reyt“ 5 ). Ge¬
schlechtlicher Verkehr mit dem I. wurde
vor allem den Hexen (s. d.) zur Last
gelegt, und manches harmlose Weib hat
ihrer angeblichen Teufelsbuhlschaft wegen
auf dem Scheiterhaufen geendet 6 ). Nach
allgemeiner Volksanschauung sind die
Inkubi nicht zeugungsfähig, die Sukkubi
nicht gebärfähig. Doch kommt es dann
und wann vor, daß Inkubi Kinder zeugen,
so soll z. B. Merlin von einem I.
stammen 7 ); man erklärt die Sache dann
so, daß der Dämon den Samen eines
Mannes, den dieser in der Nacht verlor,
sich angeeignet und damit operiert
habe 8 ). Heute glaubt im Ernst niemand
mehr an das Vorhandensein solcher Ko¬
bolde.
*) De civ. dei XV, 23. 2 ) Tylor Cultur 2,
191. 3 ) Meyer Aberglaube 266. 4 ) Zimmernsche
Chronik 2 4, 68. 5 ) Alemannia 7 (1879) *0
!> Soldan-Heppe 2. 434; ARw. 16, 623.
7 ) Alemannia n (1883), 86. *) Meyer Aber¬
glaube 266. Rühle.
Inri. Die Abkürzung I. N. R. I. ist
dem Titulus des Kreuzes Jesu nach
Joh. 19, 19: Jesus Nazarenus Rex
Judaeorum entnommen und später an
Stelle der älteren Form Rex Jud(eorum)
bzw. ICX oder ICXC allgemein auf das
Kruzifix gesetzt worden J ). Im Aber¬
glauben hat der ,,Titulus triumphalis“,
wie die Worte genannt wurden 2 ), weite
Verbreitung gefunden, im Wettersegen 3 ),
gegen Wunden 4 ), Schmerzen 5 ), zur Er¬
leichterung der Geburt 6 ), zum Schutz
gegen Gespenster, Hexerei usw. 7 ), auf
9 ). 1554 soll am
Himmel das Zeichen I. erschienen sein
(Parallele zu KonstantinsKreuzesvision) 10 )
und 1580 in Aquileja das authentische
Bluturteil des Pilatus gefunden worden
sein mit dem Titulus 11 ).
*) Zöckler Das Kreuz Christi (1875), 211.
213; Bergner Grundriß der kirchl. Kunst¬
altertümer (1900) 328. 350 (hebr. in lat. Let¬
tern). 2 ) Franz Benediktionen 2, 87. 91; Thiers
1, 411. 3 ) Franz a. a. O. 2. 81. 91. 4 ) ZdVfV. 1,
(i891), 316; Kronfeld Krieg 87 nach Balth.
Becker Bezauberte Welt (1693). Lammcrt
203. 6 ) Thiers 1, 411. 7 ) Geistl. Schild 81. 83;
ZdVfV. 9 (1899), 374. 375; Schramek Böhmer¬
wald 264; Seyfarth Sachsen 151. 152. 162.
8 ) HcssBl. 20 (1921), 1. 8) Jennings Rosen¬
kreuzer 2, 195; Ohrt Trylleformier i, 189
Nr. 224; 202 Nr. 269; 444 Nr. 989; 493 Nr.’iogo;
2, 109. 10 ) Strackerjan 1, 20. u ) Melchior
Lussy Reißbuch gen Hierusalem (Freyburg i.
Uchtland 1590), 31 f. Jacoby.
Insekt.
1. Biologisches. Die I.en, denen
die Alten im allgemeinen ein geringes
wissenschaftliches Interesse entgegen¬
brachten 1 ), spielen in der Volkskunde
eine bedeutende Rolle (vgl. z. B. die
Artikel Fliege, Floh, Laus). Über
die Entstehungsart der parasitischen I.en
ist im Volke allgemein der Glaube ver¬
breitet, sie gingen unmittelbar aus altem
Holz, Schmutz u. dgl. hervor (vgl. die
italienische Ausdrucksweise: Questo letto
i
697
Insekt
698
fa citnici , dieses Bett macht Wanzen).
In der europäischen Türkei 2 ) und bei
kurdischen Stämmen Kleinasiens 3 ) sind
die I.en aus dem Körper einer getöteten
Schlange (nach einer anderen Version
aus der in die Winde verstreuten Asche
des Tieres) hervorgegangen. Im deut¬
schen Volksglauben galten die Elben in
I.engestalt als Frucht der Vermischung der
Hexe mit dem Teufel 4 ). Nach einem
mittelalterlichen Volksglauben brütet der
Kuckuck I.en aus, die sich unter seine
Flügel setzen und ihn zu Tode beißen 5 ).
*) Keller Tierwelt 2, 395. 2 ) ZfVk. 16, 383.
*) A. a. O. S. 386. 4 ) ZfdMyth. 3, 272 f. 5 ) A.
a. O. 3, 273 fg.
2. Animismus. Wie der Vogel, so
ist auch das geflügelte I. Seelentier, d. h.
die menschliche Seele nimmt nach dem
Tode die Gestalt eines solchen I.s an,
manchmal zur Strafe für ein sündhaftes
Erdenleben 6 ). Als Seelentiere gelten
namentlich Hummel, Heimchen, Biene,
Baum als Schmarotzer anfressenden I.en
nahm man eine ähnliche Tätigkeit der
als Dämonen gedachten I.en am tierischen
und menschlichen Körper an 16 ).
B.
m
a) Hautausschläge. Daß z. B.
Hautausschläge von bösen Elben in
I.engestalt herrühren, ist eine uralte Vor¬
stellung, die sich schon bei den Germanen
und den alten Indern nach weisen läßt 17 ).
Indras großer Stein (Indrasya mahl
drishal) gilt als Töter alles schädlichen
I.engeschmeißes, das in Kopf, Rücken und
Eingeweide eingedrungen ist, wie Indra
auch sonst zu den I.en in engem Verhältnis
steht. Ja er nimmt selbst einmal die
Gestalt einer Mücke an H).
b) Pest. Nach einem oberpfälzischen
Volksglauben lö ) ist die Pest ein in der
Luft fliegendes Weib, das I.enschwärme
ausschickt, die sowohl den Menschen als
auch das Speisefleisch stechen und so die
Pest verbreiten.
Homiß, Schmetterling, Spinne, Ameise 7 ).
In Nordindien genießen gewisse Len
als Ahnengeister Verehrung 8 ). Die el¬
bischen I.en 9 ) nannte man Holde , Hol-
derken, Holdiken 10 ). Als I. (Fliege oder
Spinne) erscheint auch der Berggeist 11 ).
Gegen die Verheerungen schädlicher
I.en dienten zum Schutz der Felder
gewisse Zaubersprüche 12 ). Im mittel¬
alterlichen West- und Mitteleuropa, in
Frankreich, Deutschland, Dänemark,
Holland usw. sowie in Kanada, Brasilien
und Peru war gegen massenhaft auf¬
tretende Len wie Heuschrecken, Käfer,
Raupen, Engerlinge die kirchliche Ban-
nung üblich 13 ). Gewissen I.en wie Bremsen,
Raupen, Engerlingen machte man in aller
Form den Prozeß. Solche Prozesse fanden
z. B. statt in Lausanne (1479), Troyes
(1516), Uri (1492, 1557) 14 ).
6 ) Frazer 8, 299. 7 ) Tobler Epiphanie 36 f.
§ 8; Ackermann Shakespeare 35 f. 8 ) Crooke
Northern Ivdia 345 f. ®) ZfVk. II, 264.
10 ) ZfdMyth. 3, 272 fg. 11 ) MschlesVk. 13, 75.
12 ) Franz Benediktionen 1, 39; 2, 4; Frazer 8,
275 f. 279 f. 281. 13 ) Bregenzer Tierethik 160.
14 ) Mannhardt German. Mythen 368 2 ; Acker¬
mann op. cit. 36.
3. Krankheitsdämonie. Der Krank¬
heitsdämon nimmt häufig die Gestalt
eines Ls an 15 ). Nach Analogie der den
c) Gehirntierchen. Der Glaube, daß
im Gehirn vorhandene I.en Ursache von
Geistesstörungen sind, ist uralt und all¬
gemein verbreitet (vgl. weiter oben). In
Österreich heißt Sekten (= I.en)im Kopf
haben ,,geistig nicht normal sein“ 20 ).
Die häufigsten dieser ,,Gehirntierchen“
sind: Made, Engerling, Ameise, Käfer,
Horniß, Hummel, Wespe, Raupe, Schmet¬
terling, Motte, Fliege, Mücke, Zikade,
Grille, Küchenschabe 21 ) (s. d.).
d) I. als Alp. Auch als Alp quälen
einige I.en den Menschen. Solche elbische
Tiere sind: Raupe (Haarwurm), Puppe,
Made, Mücke, Motte, Schmetterling,
Bremse 22 ) (s. d.).
15 ) Krauß Relig. Brauch 39. ie ) Mannhardt
1, 290. 604. 17 ) ZfdMyth. 3, 274. 18 ) Mann¬
hardt German. Mythen 135 8 . 19 ) Schön-
werth Oberpfalz 3, 16. 20 ) Höfler Krankheits¬
namen 630. 21 ) Riegler Tier 248; WS. 7,
131—134. 22 ) Höfler op. cit. 12.
4. Volksmedizin. In der Volksmedi¬
zin fanden namentlich die Käfer häufig
Verwendung, worüber Fritz Netolitz-
ky 23 ) ausführlich gehandelt hat.
23 ) Koleopterol. Rundschau 7, 122—129;
8, 1—19.
5. Vorbedeutung. Die volkstüm¬
lichsten unter den I.en wie Klopf¬
käfer, Marienkäfer, Schmetterling, Grille
699
Insel—Jod
700
usw. gelten als Orakeltiere 24 ). Flöhe und
andere Parasiten meiden Sterbende —
wohl eine Folge des subkutanen Flui¬
dums — was als ein Todeszeichen gedeutet
wird 25 ). Von der Bedeutung der I.en
in Galläpfeln siehe unter „Gallapfel“.
24 ) Hopf Tierorakel 200 fg. 25 ) Strafforelli
Errori 179 f. Riegler.
Insel. Die Insel an sich spielt im
Glauben des Volkes keine große Rolle.
In Sagen, besonders von der Entstehung
der Ln, werden diese im griechisch-römi¬
schen Altertum wie bei uns mehrfach als
schwimmend bezeichnet J ). Wo die Form
einer I. merkwürdig ist, sucht eine Be¬
gründungssage den Ursprung zu erklären.
Eine kleine I. in Hinterpommem besteht
hauptsächlich aus Granitblöcken. Wie
ist sie entstanden ? Ein Fischer ver¬
machte dem Teufel seine Seele, wenn
dieser an einer tiefen Stelle des Sees in
einer Nacht eine Kirche baue. Der Fischer
aber überlistete den Teufel, der die Kirche
schon fast fertig hatte. Aus Wut darüber
zerstörte dieser den halbfertigen Bau.
Die steinige I. zeugt davon 2 ). Das Mittel¬
stück der I. Sylt soll die Schuhsohle eines
Riesen sein. Er verlor sie, als er vom
Schiff aus über das Meer nach Deutsch¬
land hinüberschritt 3 ). Wassersagen
werden mit I.n verbunden: im Lebamoor
in Hinterpommern raubte einst ein Lind¬
wurm ein Schloßfräulein. Auf einer
kleinen I. im See hört man jetzt noch ihr
Wimmern 5 ). .
1 ) Sepp Altbayer . Sagenschatz 372 ff. 705;
Kuhn West/. 1, 290; ZdVfV. 2, 164; Siecke
Oötteratlrib. 47; Sebillot Folk-Lore 2, 70 ff.
-) Knoop Volkssagen 71. 3 ) Jensen Die nord-
jriesischen Inseln 30. 4 ) Knoop a. a. O. 38
^ r - 7 2 - Fehrle.
Internacht s. Unternacht.
Job s. Hiob.
Jobiana s. Zobiana.
Jod, einer der zehn Gottesnamen 1 ),
der in Verbindung mit Tetragrammaton
(s. d.) auftritt. Er entspricht der Ab¬
kürzung # > für (m)n\ wie denn schon der
koptisch-arabische Traktat über „die
Geheimnisse der griechischen Buchstaben“
zum Jota die Erklärung gibt: „iod, le
seigneur ou Jehova ( 1 ocü>)“, arab.: „iod
c’est le seigneur du tout“ 2 ). Hieronymus
usw. 3 ) haben dafür Ja, das auch dort
vor dem Tetragramm steht. Verdoppelt
begegnet die Verkürzung Ja schon in
dem PP PP Jes. 38, n, das Aquila und
Theodotion y la ’la umschreiben 4 ), und in
einer Reihe Psalmen als einfaches 'lot.
’la ’la kommt auf einer antikem Gemme 5 )
vor, ferner in hellen. Zauberpapyri: tot ta 6 ),
bei Martin von Arles: Ya Ya 7 ), im Hep-
tameron des Petrus von Abano: Ja Ja 8 ).
Aquila schrieb in der Tat JTrP 9 ), das
auch syrisch vorkommt 10 ); man wird
dabei wohl an die (falsche) Etymologie
WJV „er wird sein“ vgl. Ex. 3, 14 denken
dürfen, die auch als Gottesname dient n ).
Wie bei Agrippa folgt der Name auf
Eheie im Tr. Baba Bathra des Talmud:
nipp JT rpn>x nvw 12 ). Wie man das
Tetragramm zu und V'i verkürzte, so
auch zu ™ 13 ), das auch zahlenmäßig
dem PPJT entspricht 14 ); als Ya Ya Ya
finden wir es im Heptameron 15 ), als Yii
im Höllenzwang 16 ) und als m vielleicht
schon in den hellen. Zauberpapyri 17 ).
Das einfache ' legt die Kabbalah aus als
N2N (genitor) und KB'n (principium
omnium) lö ), das dreifache wird erklärt als
TrP niiT TIT „einer ist Gott, einer“ 19 ).
l ) Agrippa v. Nettesheim 3, 54; Kiese¬
wetter Faust 405; Ersch-Gruber Encyklo-
pädie 9, 293 (das 3fache hl. Kreuz); H. L. Held
Das Gespenst des Golem (1927). 163 ff. 175. 2 ) Heb-
belynck Les my st er es des lettre s Grecques (Le
Museon, Louvain 1901, Nouv. Ser. 2. 375).
3 ) Opp. ed. Erasmus (Froben, Basel 1537) 3, 94;
Kiesewetter Der Occultismus des Altertums
350; Zimmermann Bezaar (hd.) 89 a; Franz
Benediktionen 2, 92; Horst Zauberbibliothek 2,
132. 4 ) Origines Hexapl. Fragm. ed. Field 2
(1867), 506. 5 ) Blau Das alt jüdische Zauber¬
wesen (1898), 81. «) Dieterich Papyrus magica
musei Lugdunensis Batavi, Jb. f. dass.
Philol. v. A. Fleckeisen, 16. Suppl.-Bd. (1888),
814 (11, 20). 7 ) Thiers i, 355. 8 ) Agrippa
von Nettesheim 4, 136. 146. 9 ) Hauck
RE. 23, 665. 10 ) Origenis H. Fr. ed. Field 2,431.
n ) Schwab Vocabulaire 253. 12 ) Blau a. a. O.
102, vgl. auch Kiesewetter Der Occultismus
des Altertums 350. 13 ) So schreiben z. B. die
Handschriften des Jesus Sirach vgl. R. Smend
Die Weisheit des Jesus Sirach (1906). 14 ) Schwab
a. a. O. 259. 15 ) Agrippa v. Nettesheim 4,
*36. 139. 18 ) Kiesewetter Faust 414. 17 ) Wes¬
sely 1,120 Z. 3021; Dieterich Abraxas 4 Z. 21.
182 Z. 9 (tu aia. (uumju = dreifaches uuu).
18 ) Nork Hebr.-chald.-rabb. Wörterbuch (1842),
268. w ) Buxtorf Lexicon chald. ed. Fischer
701
Jodeln—Jodokus, hl.
7 02
J
{1879), 509; Dalman Aramäisch-neuhebr. Hand¬
wörterbuch (1922), 51 des Anhangs. Jacoby.
Jodeln. Unter den j.den Geistern 1 )
ist besonders gefährlich der Zutzeran im
Kanton Waadt: antwortet man ihm
mehr wie zweimal, so reißt er einem
einen Arm oder ein Bein aus 2 ). In den
Alpenländern zieht das wilde Heer unter
J. vorüber 3 ), und auch die „Nachtschar“
versteht sich darauf 4 ). Hört der Senne
in tiefer Nacht j., so ist Schnee zu er¬
warten 5 ). Wie es der Teufel versteht,
als j.des Maidli Seelen zu fangen, weiß
schon Joh. Cysat zu berichten 6 ).
Gefährlich ist's, auf Hexenplätzen
seiner Lustigkeit durch J. Ausdruck zu
geben 7 ).
Chüejerbueben hatten schon das Glück,
durch Geistersennen ausnahmsweise schön
j. zu lernen 8 ), ja auf solche Weise soll
sogar der erste Kuhreihen entstanden
sein 9 ). — S. a. jauchzen.
J ) Stöber Elsaß 2, 59 Nr. 69. 2 ) Ceresoie
159; vgl. Sebillot Folk-Lore 1, 283. 3 ) Tiroler
Heimatblätter 4, 276 f. 4 ) Jecklin Volkstüml.
96 f. 5 ) Niederberger Unterwalden 2, 17.
*) Brandstetter Wuotan 132. 7 ) Heyl Tirol
310 f. 8 ) Lütolf Sagen 457 ff.; Niederberger
Unterwalden 2, 36 f.; SchwVk. 19, 55; Jecklin
302 f. 9 ) Kuom St. Galler Sagen 98 f. Nr. 203.
mit Hiob (Job). Jedoch war und ist,
z. B. noch in Bayern, auch die schon
vereinfachte Form Jodok volkstümlich.
Die weitaus häufigste Form ist in Deutsch¬
land Jost. Die Formen Jobs und Jobst
entstanden in den Bistümern Bamberg
und Eichstätt 3 ).
*) Über die legendäre Vita des Heiligen aus¬
führlich und sehr kritisch jetzt Jost Trier
Der heilige Jodocus (Germanist. Abhandl., hg.
v. Fr. Vogt, 56. Heft), Breslau 1924, S. 15—86.
Vgl. über diese auch kultgeographisch grund¬
legende Arbeit SAVk. 25, 158; Histor. Ztschr.
131, 289 ff. Zur Kultgeographie des hl. J.s.
ferner Trier Histor. Ztschr. 134, 319—349.
2 ) Künstle Ikonographie der Heiligen 330.
3 ) Trier a. a. O. 108.
2. Die Verehrung des Heiligen erstreckte
sich von der Bretagne bis Krain und
Steiermark, vom Kanton Freiburg
(Schweiz) bis nach Schleswig-Holstein,
vom Rhein bis zum Kurischen Haff.
Stätten seiner Verehrung ballten sich auf
deutschem Boden am Mittelrhein, be¬
sonders in der Eifel, ferner um Konstanz,
in der inneren Schweiz und in Westfalen
zusammen. Als älteste deutsche Stätten
der Verehrung des Heiligen sind für das
9. Jahrhundert Prüm in der Eifel und für
das 11. Jahrhundert Walberberg zwischen
T> ___ _ T/ I L A
Joder s. Theodul.
Jodokus, hl.
Nach der Überlieferung Sprößling des
bretonischen Fürstengeschlechtes, des
Judhael und dessen Gattin Prizel, ver¬
zichtete auf die Herrschaft über die
Bretagne, wurde Priester, pilgerte nach
Rom und siedelte nach Runiac über, wo
er als Einsiedler lebte und wo später an
der Stelle seiner Einsiedelei das Kloster
St. Josse-sur-mer (Pas de Calais) erbaut
wurde. Als Zeit seines Todes wird d. J. 669
angenommen. Festtag 13. Dezember x ).
Dargestellt als Pilger mit Stab, oft mit
einer Krone zu seinen Füßen, außer und
neben dieser mit einem Schiff in der Hand
oder mit Schiffen im Hintergrund u. a. 2 ).
1. Der Name des Heiligen, wahrschein¬
lich ursprünglich Judokus, erscheint in
den verschiedensten, meist verkürzten
Formen, in Frankreich als Josse, in
Deutschland als Joos, Jost und als Jobs,
Jobst, diese beiden infolge Vermengung
deutsche Verehrungsbewegung geht auf
das Eifel- und Moselgebiet zurück.
3. Wegen der großen Zahl seiner Patro¬
nate erlangte der Heilige eine besonders
große Volkstümlichkeit, oder aber infolge
einer früh stark einsetzenden Verehrung
wurde er als Patron immer begehrter.
Er wurde oder wird noch angerufen gegen
Feuersbrunst, Emtebrand, Gewitter- und
Hagelschlag, für das Gedeihen der Feld¬
früchte, des Obstes, weiter gegen Enger¬
linge, Kornmilben und alle Schädlinge
des Getreides und gegen Viehseuchen.
Vermutlich infolge der sprachlichen Ver¬
mischung seines Namens Jost mit Job
(Hiob) wurde er zum Patron der Siechen
und Siechenhäuser. Dieses Siechen-
patronat ist freilich nur für Deutschland
bezeugt. Sonst gilt er auch allgemein
als Krankenpatron und Patron der
Hospitäler. In Pestzeiten wurde er an¬
scheinend ebenfalls besonders verehrt, also
auch Pestpatron. Auch gegen andere
703
Johannes d. Evangelist—Johannes der Täufer
704
705
Johannes der Täufer
Übel wandte man sich an ihn 4 ). Auf
Grund mehrerer, nach der Legende durch
seine Fürbitte hervorgerufener Heilungen j
•Blinder wurde er auch Patron der Blinden.
Weiterhin ist oder war St. J. neben
Jakobus, dem „Zwölfboten“, typischer
Wallfahrtsheiliger und als solcher Be¬
schützer der Pilger, der Reisenden, der
Schiffer und Seefahrer überhaupt. Sein
Kultzentrum St. Josse-sur-mer galt neben
San-Jago-di-Compostella als hochberühm¬
tes Pilgerziel. Auf Vermischung des hl.
J. mit diesem hl. Apostel Jakobus, mit
dem der hl. Jodokus vielfach gemeinsam
verehrt und am Jakobstage gefeiert
wurde, ist auch das bereits erwähnte
Obstpatronat des hl. Jodokus zurück¬
zuführen, da am Jakobstage vielfach die !
kommende Obsternte gesegnet wurde.
Einigemal ist er auch als Patron der Liebe
und des Kindersegens bezeugt, desgleichen
als Vermittler eines Ehegatten, besonders !
für Mädchen 5 ). In je einem einzelnen
Falle erscheint er als Patron des Kellers 1
und der Bäcker 6 ). Zu betonen ist, daß die
kultische Verbreitung der Patronate des j
hl. J. nach Gegenden und Zeiten ver- j
schieden gewesen ist.
4 ) Z. B. gegen Halsübel, Wrede Eifeier
Volksk . 2 83; oder gegen Zahnleiden, Köhler I
Kleinere Schriften 3, 550. ö ) Schweiz. Id. 3, 72; |
SAVk. 25, 146. 6 ) Trier a. a. O. 214. 215. !
4. Sein Tag wird auch als Lostag (Wetter) '
genannt 7 ).
7 ) In Bayern: Wan der Sprichwörter-Lex. 2,
1019 f. Wrede’
Johannes d. Evangelist (27. Dezember).
Der Tag zeigt einige Weihnachtsbräuche,
die auch an benachbarten Tagen geübt
werden, wie Würstesammeln und Ge¬
schenke der Paten an ihre Patenkinder 1 ).
Besonders wichtig ist die an diesem Tage !
vorgenommene Weihe des Weines (s. !
Johannissegen). Dem Evangelium des J.
wird besondere Zauberkraft zugeschrieben
(s. Johannisevangelium). Der Name des
Evangelisten kommt in Zauberformeln
vor, wie in einer braunschweigischen gegen
Pferdekolik „de livling Johannes“ 2 ). Er
ist (in Franken) auch „Wetterherr“ 3 ).
In der Oberpfalz erzählt man, Joh. der
Evangelist habe sich die Gnade erbeten,
am jüngsten Tage die ohne Taufe gestor¬
benen Kinder in den Himmel führen zu
dürfen 4 ) (wohl weil sein Tag dem der
„unschuldigen Kindlein“ unmittelbar vor¬
hergeht). So heißt es von einem Kinder¬
brunnen in Jugenheim a. d. Bergstraße,
Maria sitze mit dem h. Johannes darin,
geige den noch ungeborenen Kindern vor
und spiele mit ihnen 5 ).
*) Sartori Sitte 3, 50. A. 8 und 9. 2 ) Andree
Braunschweig 426; vgl. 416 f. 3 ) Wuttke 23
(21). 4 ) Schönwerth Oberpfalz i, 204. 5 ) Wolf
Beitr. 1, 165. Sartori.
Johannes von Nepomuk, hl. Geboren
zu Pomuk (Kr. Pilsen, Böhmen), Domherr
in Prag. König Wenzel IV. ließ ihn 1393
am Vorabend des Himmelfahrtsfestes in
die Moldau stürzen, nach der späteren
Legende, weil er sich weigerte, ihm zu
verraten, was ihm die Königin im Beicht¬
stuhl anvertraut habe. 1729 heilig ge¬
sprochen; Gedächtnistag: 16. Mai*). Er
ist Schutzpatron von Böhmen, wird aber
auch im westlichen Münsterlande (als
Jans Bomseens) und in Luxemburg ver¬
ehrt 2 ). Er ist namentlich Brückenhei¬
liger 3 ) und Patron der Beichtväter 4 ).
Man verkauft St. Nepomukzungen, zun¬
genförmige Körper aus Stein, in Silber
gefaßt, die gegen Zungenleiden und gegen
üble Nachrede helfen 5 ). In der Um¬
gegend von Waldsee gab es ein „Mucken¬
feuer“, vielleicht zu seinen Ehren 6 ). In
der Nähe von Nepomukstatuen zeigt sich
allerlei Spuk 7 ).
2 ) Künstle Ikonographie der Heiligen 350;
Reinsberg Böhmen 239 ff. Mitunter ist er mit
Joh. Hus verwechselt worden: Andree-Eysn
Volkskundliches 128. 2 ) Fontaine Luxemb.
113 (als Schützer gegen Verleumdung). 3 ) Men¬
zel Symbolik i, 155. 4 ) Beißel Heiligenver¬
ehrung 2, 52. 5 ) Andree-Eysn 127 f.; Andree
Votive 120. 6 ) Birlinger Vclkst. 2, 97. 7 )
Ivühnau Sagen 1, 308 f. 405. 523. Sartori.
Johannes der Täufer (24. Juni).
1. Person und Name des Täufers. — 2. J.tag
als Feiertag. — 3. Sonnenwende und sonstige
„Wendungen“. — 4. Erneuerung und Kräfti¬
gung. — 5. Blick in die Zukunft. — 6. Wetter¬
regeln. — 7. Förderung der Gesundheit bei
Menschen und Vieh. — 8. Förderung der Frucht¬
barkeit in Acker und Garten. — 9. Kräuter¬
sammeln. — 10. Weiterübung von Mai- und
Pfingstbräuchen. — n. Wunder aller Art. Un¬
heimliche Wesen. Schutz- und Abwehrmittel. —
12. Gefährlichkeit des J.tages. — 13. Opfer. —
14. Seelenpflege.
1. Joh. d. T. ist mit dem Mittsommer
deshalb in Verbindung gebracht worden,
weil er (nach Lukas i, 36) ein halbes Jahr
älter war als Jesus. Seine Person spielt
im übrigen in Glauben und Brauch des
Johannistages keine besondere Rolle.
Um Leobschütz sagt man wohl, der Heilige
steige selbst in der J.nacht hernieder,
segne die Blumen, die ihm zu Ehren ge¬
pflückt sind, und halte alles Ungemach
von Haus und Hof fern x ). Am Vortage
macht man ihm in Böhmen ein Lager aus
Johannisblumen, auf dem er in der Nacht
ruht, wenn man beim Abpflücken gebetet
hat, worauf die Kräuter unter das Vieh¬
futter gemischt werden 2 ). In Schenken-
dorf Kr. Guben erscheint der „Hans“ in
der J.nacht als Mann ohne Kopf, ganz
grün angezogen 3 ). An den „Täufer“ er¬
innert der Glaube, wenn man ein Kind
am J.tage taufen lasse, so sei das so gut,
als wenn man ihm tausend Taler mit¬
gebe 4 ). öfter wird der J.tag, wie so
manche Festtage, persönlich dargestellt.
In Schellbronn tritt Joh. d. T. als Maske
im Vegetationsbrauch auf 5 ). Sogar von
einem Weibe des J. ist die Rede 6 ). In
Reichenbach wirft man nebst dem Mai¬
baum auch eine Person, den „Johannes“,
ins Wasser 7 ), und in Braunschweig wird
nach mehrtägiger Feier der „Johannich“
begraben 8 ).
Ohne Beziehung auf seinen Tag ist von
J. d. T. nicht allzu oft die Rede. Er ist
Schutzpatron der Schneider, der Läm¬
mer und der Hirten und Schutzheiliger
vieler Ortschaften 9 ). In Zaubersegen
wird der Name J. ohne weitere Bestim¬
mung zwar manchmal genannt, aber dann
ist wohl meist der Evangelist (s. d.) ge¬
meint, namentlich wenn er in Gemein¬
schaft mit Maria auftritt. Doch kommt
auch der Täufer gelegentlich vor 10 ).
Von Slovenen und Krainern wird er gegen
BJitz und Hagelschlag angefleht u ). Früher
wurde er auch bei Heiserkeit angerufen,
denn es heißt ja: vox clamantis in de-
serto 12 ). Die „Johannisangst“ ihrer
Kinder (Alpdrücken) bewegt die Mütter
zu einem Bittgang, um den hl. Joh. an¬
zurufen 13 ). Vgl. Johannishaupt, Jo¬
hannis Enthauptung, Johannis¬
krankheit.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Der Name des Täufers hat im Volke
die größte Verbreitung und Allgemein¬
verwertung gefunden 14 ). Über ihn hat
der Teufel keine Gewalt 15 ). Wo im Hause
ein J. wohnt, schlagen Donner und Blitz
nicht ein 16 ). Um einen Schatz heben zu
können, muß man J. heißen 17 ). Der
„gute Johanni“, ein Hauskobold, trägt
den Leuten alles zu 18 ). Die zwölf „Jo¬
hannesse“ fahren auf einer Glücksscheibe
durch alle Länder 19 ).
x ) Drechsler 1, 143. 2 ) Wuttke 104 (134).
3 ) Brunner Ostdeutsche Volksk. 234. 4 ) Enge-
lien u. Lahn 234. 5 ) Meyer Baden 227. 6 )
Mannhardt 1, 467 f. 493. 7 ) Köhler Voigtl.
176; Sartori Sitte 3, 231 A. 52. 8 ) Andree
Braunschweig 2 358; ZfVk. 9, 438; Sartori 3,
236 f. 9 ) Albers Das Jahr 242. Reliquien des
J.: Journal de psychologie (Paris) 24 (1927),
63 ff. 10 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 215;
Frischbier Hexenspr. 39. n ) ZföVk. 4, 145.
12 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 10. 13 j Fox
Saarland 260 f. 322. Vgl. Journal de psycho¬
logie 24, 66. 14 ) Meisinger Hinz und Kunz
29 ff.; Mensing Schles.-Holst. Wb. 2, 1041.
15 ) Bechstein Thüringen 2, 16; Tettau u.
Temme 143. 16 ) Mannhardt German. Myth.
26 A. 2; Birlinger Volkst. 1, 194. 17 ) Stracker-
jan 1, 327; Eisei Voigtland 183 (486). 18 )
Müllenhoff Sagen 323. I9 ) Witzschel Thür.
I, 298 (309).
2. Der J.tag ist zwar jetzt ein „ab¬
gesetzter“ Feiertag, aber das Volk
empfindet das als eine Ungehörigkeit,
und wenn es in Billerbeck nach Johanni
regnet, so schieben das viele auf diese
Entwertung 20 ). Ein Bauer bei Arendsee,
der trotzdem feiert, findet ein Zwei¬
groschenstück 21 ). In Tirol gilt der J.tag
noch als halber Bauernfeiertag 22 ), in
Oberösterreich wird das Futter für das
Vieh an vielen Orten schon am Vortage
eingebracht 23 ). Man soll wenigstens alle
schwere und knechtische Arbeit ruhen
lassen 24 ), auch solche, bei der Haustiere
nötig sind 25 ). In Mayen-Niedermendig
warnt man vor dem Stricken, weil
sonst der Blitz einschlage 26 ) (Weiteres
s. u. 12). Übrigens feierte man früher
an manchen Orten mehrere Tage der
J. woche hindurch 27 ).
20 ) Sartori Westfalen 58. 21 ) Kuhn u.
Schwartz 116 (130). 22 ) Hörmann Volks¬
leben 121. 23 ) Baumgarten Jahru. s. Tage 27.
24 ) Sartori 5 . u. Br. 3, 222. 25 ) HessBl. 7, 28.
2G ) ZfrwVk. 12, 82. 27 ) Kapff Festgebr. 19;
ZfVk. 9, 438.
23a
707
Johannes der Täufer
708
3. Joh. d. T. ist der einzige Heilige, der
an seinem Geburtstage und nicht an seinem
Sterbetage gefeiert wird. Es ist Mitt¬
sommer, und Mittags- und Mitternachts¬
stunde sind von gleicher Weihe und
Heiligkeit. Wie am kürzesten Tage des
Jahres 28 ), so findet auch am längsten
die Sonnenwende in allerlei „Wen¬
dungen“ auf Erden ihr Gleichnis und
Ebenbild. Die Fischer auf Finkenwärder
glauben, daß in der J.nacht jedes Wrack
auf dem Grunde des Wassers sich wende 29 ).
Der Kranz von neunerlei Blumen, den
man auf Johanni flicht und in der Mitte
der Stube aufhängt, dreht sich das ganze
Jahr hindurch 30 ). In Lerbach (Oberharz)
schmücken die Kinder kleine Tannen¬
bäumchen und drehen sie unter Gesang
von der Linken zur Rechten 31 ). Im
Honter Komitat (Ungarn) gehen sie in
der Morgendämmerung von Haus zu
Haus mit Stahl und Feuerstein und werfen
den Stahl mit den Worten „Stahl bringe
ich und habe euch Feuer geschlagen“ so
auf die Erde, daß er sich eine Zeitlang
dreht. Es heißt, daß dadurch das Haus
vor Feuerschaden, die Saat vor Dürre
beschützt werde 32 ). „ Johannig dreiht sik
dat här upr kau“: die Kühe werden rauh 33 ).
„Johanni dreiht sik jedes Blatt an’n
Boom“ 34 ). „Wenn sich das Blattwerk
dreht“, müssen Blutstropfen vom J.kraut
gesammelt werden 35 ). In Brandenburg
muß ein nackter Mann die Zwiebeln über
der Erde umknicken 36 ), und im Erz¬
gebirge schneidet in der Nacht der Teufel
die Spitzen der Pflanzen ab 37 ). Andrer¬
seits knüpfen sich auch an die sommer¬
liche Sonnenwende die in den winterlichen
Zwölften so gehäuften Verbote des
Drehens. In Norwegen darf man nicht
braugn, der Rost im Brauhause würde
sich sonst schämen und sich umdrehen.
Man darf auch nicht backen und sonst
keine Arbeit verrichten, wobei etwas
umzudrehen ist 38 ). Auch anderswo ist :
untersagt zu spinnen und Dünger zu
fahren 39 ).
Sartori 3, 55 A. 5. 29 ) Lauffer Nieder¬
deutsche Volksk. 88 . 30 ) Schulenburg Wen¬
disches Volkst. 145. 31 ) Mannhardt Germ.
Myth. 512; ZfdMyth. 1, 81. 32 ) Z fVk. 4, 402.
33 ) Andree Braunschw . 2 413. M) Wossidlo
im Beiblatt z. Warener Tageblatt v. 20. Juni
1926 (Nr. 41); Urds-Brunnen 5, 129 (Solling);
Vgl. SAVk. 30, 1 ff. (schon bei Theophrast und
Plinius: ebda 5); Kück Wetterglaube 72 ff.
35 ) Tetzner Slaven 381 (Polaben). 36 ) Fehrle
Johannistag 11. Vgl. Grimm Mythol. 3, 438
( XI 7 )- 37 ) John Erzgeb. 205. 38 ) Liebrecht
Zur Volksk. 315 (32). 3 ») Wuttke 402 {619).
4*7 (650).
4. Die zweite Hälfte des Jahres beginnt.
Es ist zwar die absteigende, aber sie
bringt doch etwas Neues, in mancher
Hinsicht Frisches und Kräftiges.
Wenn man ein Kind am J.tage taufen
läßt, das ist so gut, als wenn man ihm
tausend Taler mitgäbe 40 ). Kinder, die
zu Johanni entwöhnt werden, haben
Glück 41 ), sie wandeln in lauter Sonnen¬
schein 42 ), bekommen die Zähne leicht
und haben auch später keine Zahn¬
schmerzen 43 ). Entzweite versöhnen sich
wieder und trinken den J.segen (s.
d.) 44 ). Wenn man jetzt die Pelze und
Tuchsachen heraushängt und ausklopft,
kommen die Motten nicht hinein 45 ).
Noch vor Sonnenaufgang werden die
Brunnen gereinigt 46 ), sonst kommen
Maden und Würmer in das Wasser. Das
ausgeschöpfte Wasser gibt man dem Vieh
zu trinken, damit es gesund bleibe 47 ).
Hier und da wird das häusliche Feuer
erneuert 48 ). Im nördlichen Posen wird
als deutscher Brauch angegeben, daß
nach Löschung aller Feuer ein Rad so
lange an einem Pfahle gedreht wird, bis es
Feuer fängt 49 ). Am Niederrhein wurde
der Feuerherd mit dem Scharholz, einem
schweren Eichenblocke, neu angelegt;
das alte wurde zerstoßen und unter das
Saatkorn gemischt oder in den Garten
gestreut 50 ). Der Kuckuck hört nun auf
zu rufen. Wenn er noch nach Johanni
schreit, so bedeutet das Teuerung 51 ).
Wenn er (in Böhmen) nicht schon vor
J.tag schreit, so ist das Landvolk in Be¬
sorgnis, daß die Saat ein Unglück treffen
werde 52 ). Gewisse Früchte werden erst
jetzt dem Genüsse freigegeben 53 ). Mütter,
denen ein Kind gestorben ist, dürfen vor
Johanni keine Kirschen und Erdbeeren
essen 54 ). Auch eine Schwangere muß
sich vor J. jeder Frucht wie Erdbeeren,
Taubeeren enthalten, sonst ißt sie dem
709
Johannes der Täufer
710
Kinde die Freude ab 55 ). Der Jäger soll
vor J. keine Erdbeeren essen, weil er
sonst keinen sicheren Schuß mehr hat 56 ).
Vom J.tage an schadet die Maulwurfs¬
grille dem Mais nicht mehr 57 ).
40 ) Engelien u. Lahn 1, 234 (25). 41 ) Sar¬
tori 5 . u. Br. 3, 225. 42 ) John Erzgeb. 63.
43 ) Engelien u. Lahn 1, 247 (99); vgl. 234.
Man muß sich dazu auf einen Stein setzen:
Beibl. z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926
(Nr. 141). 41 ) Sartori 3, 233. 45 ) Engelien
u. Lahn 234; Bartsch Mecklenburg 2, 291.
46 ) Sartori 3, 232. 47 ) ZfVk. 7, 148 (Anhalt).
48 ) Sartori 3, 229. 4d ) Brunner Ostdeutsche
Volksk. 234. 60 ) ZfrwVk. 12, 89. 51 ) Grimm
Myth. 3, 442 (228: Chemnitzer Rockenphilo¬
sophie). 467 (904: Bayern); Pollinger
Landshut 166; Leoprechting Lechrain 79;
Zingerle Tirol 85 (715. 716); Fontaine
Luxemburg 63; Kuhn Westfalen 2, 75 (226).
Er wird zum Habicht: Schnippei Ost- u.
Westpr. 2, 17 f. 62 ) Reinsberg Böhmen 318 f.
53 ) Sartori 3, 235 f. 54 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 203 f.; Panzer Beitr. 2, 13; Urquell
N. F. 1, 10 f. (Tschechen); Mannhardt Germ.
Mythol. 248. 55 ) Schönwerth 1, 152 (3).
56 ) Landsteiner Niederösterreich 57 A. 1.
57 ) Manz Sargans 124.
5. J.nacht und J.tag gewähren, wie
alle bedeutsamen Wendepunkte des
Jahres, einen Blick in die Zukunft 58 ).
Was in der J.nacht geträumt wird,
geht immer in Erfüllung 59 ), oder doch
wenn man am J.abend zwischen 11
und 12 Uhr stillschweigend neun Kräuter
zu einem Strauße bindet und diesen
unter das Kopfkissen legt 80 ). Ritzt
jemand in der J.nacht ein bestimmtes
Zeichen auf Silber oder weißem Leder
ein und schläft darauf, so träumt er,
was er will, wenn die Sonne am tiefsten
steht (Island) 61 ). Heirat und Tod sind
die wichtigsten Gegenstände der Wi߬
begier. Wenn Zweige, namentlich Ranken
der Fetthenne (Sedum telephium), am
J.tage eingesteckt werden und dann
zusammen wachsen, so ist daraus auf
Heirat oder Sterbefall zu schließen 62 ).
Die Zeit des Wartens auf den Bräutigam
wird durch Kranzwerfen bestimmt 63 );
ebenso auch ein Todesfall 64 ). Mit Hilfe
des J.Straußes von neunerlei Blumen
kann man den Zukünftigen sehen; der
Strauß muß aber durch die Tür ins Haus
geworfen oder durch das Fenster hinein-
gesteckt werden 65 ). Art und Stand des
| künftigen Gatten werden durch das Ge¬
räusch erhitzten Wassers angedeutet 66 ),
durch Sehen ins Wasser 6? ), durch
„Kaulchendrehen“ und Beobachtung des
Inhalts einer Grube 68 ), durch Zupfen der
Wucherblume (Chrysanthemum leucan-
themum) 6Ö ), durch Rasenbeschauung 70 ).
Um den künftigen Liebsten im Traume
zu sehen, soll man das Wasser des Baches
mit der Fußspitze berühren unter Aus¬
sprechen einer Formel 71 ), Samen streuen 72 ),
Kuchen 73 ) oder Kranz unter das Kopf¬
kissen legen 74 ). In Tirol müssen Liebes-
orakel während des (sehr kurzen) Feier¬
abendläutens vorgenommen werden 7S ).
Am „Böhnele“, das am J.tage gepflückt
wurde, kann man sehen, ob man im lau¬
fenden Jahre stirbt oder nicht 76 ). Um
zu wissen, wer zuerst stirbt, steckt man
Pflanzen für die einzelnen Hausgenossen
irgendwohin, und wessen Pflanze zuerst
verdorrt, der stirbt zuerst 77 ). Mädchen
schneiden am J.abend Zwiebelstangen
in gleicher Höhe ab. Die, deren Schaft
am nächsten Morgen am meisten ge¬
wachsen ist, wird das meiste Glück haben 78 ).
In England ziehen um Mitternacht alle
Todeskandidaten des nächsten Jahres
am Kirchenportal vorüber in die Kirche 79 ).
Die Lebenshöhle, in der die Lebenslichter
der Leute von Aichleit brennen, öffnet
sich am J.tage 80 ).
38 ) Sartori $. u. Br. 3, 224; Wuttke 253
(366); ZfVk. 2, 392 ff. (Neugriechen). 59 ) Manz
Sargans 127. 60 ) Drechsler 2, 202; Schnippei
Ost-u. Westpr. 1, 34. 61 ) ZfVk. 13, 277. #2 ) Hoff-
mann-Krayer 163; ZfrwVk. 12, 85; Töppen
Masuren 71 f.; NiedZfVk. 4, 241; Reinsberg
Festjahr 2 225; ObZfVk. 2, 117; Mensing Wbch .
2, 1046. Vgl. unten A. 77. 63 ) Grimm Mythol.
3, 464 (848); 475 (1093); Drechsler 1, 144;
Knoop Posen 333 (113); Vernaleken Alpen¬
sagen 343; Hörmann Volksleben 116; Tetzner
Slaven 80 (Litauer); Knoop Hinterpommern
181; Schnippei i, 32 f.; Sartori 3, 224 A. 11.
64 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 287. 65 ) Köhler
Voigtland 376. C6 ) Drechsler 1, 145 f. ® 7 ) Ur¬
quell N. F. 1, 11 (Tschechen); Rosegger
Steiermark 65. 262. 68 ) Lemke Ostpreußen 1,
20 f.; Töppen Masuren 73. 69 ) Wüstefeld
Eichsfeld 142 (die J.blume gibt dem Mädchen
auch Auskunft über den zu erwartenden Kinder¬
segen); Reinsberg Festjahr 225. 70 ) Volk
u. Rasse 3, 115. 71 ) Meyer Baden 168. 72 ) Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 173 (Angerburg).
73 ) Höfler Gebildbrote d. Sommer-Sonnenwend*
zeit 13. 74 ) Bartsch Meckl. 2, 285; John
7ii
Johannes der Täufer
Erzgeb. 205; Hörmann Volksleben 115; Sar-
tori 3, 224 A. 11. 75 ) Hörmann 115 f. 7e ) Hoff-
mann-Krayer 163 f.; SAVk. 15, 5. ”) Grimm
Mythol. 3, 473 (1020); vgl. 482 (126); ZfVk. 6,
4°7 (Iglau i. Mähren); John Erzgeb. 117;
Toppen Masuren 71; Meiche Sagen 657.
Vgl. oben A. 62. 78 ) Knoop Posen 333 (114).
7# ) Reinsberg Festjahr 2 224. 80 ) Zingerle
Tirol 159 (1356).
6 . Auch für das Wetter ist der J.tag
ein wichtiger Wendepunkt. Hat man vor
J. keinen Regen, so hat man ihn nach
J- 81 )• Vor J. soll die ganze Gemeinde
um Regen beten, nachher zwingt’s ein
altes Weib allein 82 ). ,,Wenns Wätter
uf Johanni nit änderet, so änderet’s
nümme“ 83 ). Ist das Wetter vor St. J.
grob, so ist es nachher mild und lind,
denn St. J. will seinen Regen haben 84 ).
J.regen bringt keinen Segen 85 ). „ J.
tauft/' sagt man dann 86 ). Wenn’s am
J.tage regnet, so regnet’s noch vier
Wochen 87 ) oder vierzig Tage 88 ). Die
Haselnüsse geraten dann schlecht 89 ),und
viele Mädchen werden schwanger 90 ), es
gibt keinen Salatsamen 91 ), der Weizen
wird brandig und die Ernte schlecht 92 ).
Mittags von n—12 Uhr stehen die Buch¬
eckern offen, regnet’s dann, so verdirbt
die Mast 93 ). Dagegen sagt man wieder
in Röbel: Wenn’s J.tag regnet,gibt’s gute
Buchmast 94 ). Der große Gleichberg bei
Römhild nimmt am J.tage kein Un¬
gewitter an, sondern zerteilt es ö5 ).
81 ) And ree Braunschweig 410; ZfrwVk. 12,
84. 82 ) ZfVk. 9, 233 (Nordthüringen); Men-
sing Schlesw. Wb. 2, 1042, Kück Wetter¬
glaube 71. 83 ) SAVk. 12, 20 (Baselland) 84 )
Leoprechting Lechrain 184!. 85 ) John
Erzgeb. 207. 86 ) Mitt.Anhalt.Gesch. 14, 21 ;
Wüstefeld Eichsfeld 141. 87 ) Bartsch
Meckl. 2, 292. 88 ) Stracke rjan2,92; Drechs- |
ler i, 146. 89 ) Andree Braunschw. 413;
ZfVk. 23, 61 (Österreich); Lütolf Sagen 106
(aber es gibt gute Frucht); Bayerischer Heimat¬
schutz 23, 126 (schon i. J. 1604); Meier
Schwaben 2, 429; Drechsler 1, 146; 2, 149;
Kuhn Westfalen 2, 175 (485); Meyer Abergl.
214; Zingerle Tirol 160 (1361); Grimm Myth.
3 * 43 ** (116: Chemnitzer Rockenphilosophie:
aber die Huren geraten). 90 ) Leoprechting
184. 91 ) Zingerle 159 (1358). 92 ) Schönwerth
Oberpfalz 2, 128 (2); Pollinger Landshut 231;
Engelien u. Lahn 1, 234 (24). 93 ) Kuhn
Westfalen 176 (486); Bartsch Meckl. 2, 291;
Kuhn u. Schwartz 393 (91); Andree Braun¬
schweig 410; Urds-Brunnen 5, 129 (Solling).
712
° 4 ) Bartsch 2, 292. 95 ) Bechstein Sagen¬
schatz d. Frankenlandes 259 (124).
7. Die Vornahme gewisser Handlungen
am J.tage heilt Krankheiten und fördert
Gesundheit und Wohlbefinden bei
Menschen und Vieh. Vor Sonnenaufgang
stillschweigend Eichenholz auf den Leib
gestrichen beseitigt alle offenen Schäden 96 ).
Gegen englische Krankheit legt man das
Kind am J.morgen nackt in den Garten
und säet Leinsamen darüber. Wenn die
Leinsaat aufgeht, zu „laufen" anfängt,
fängt auch das Kind an zu laufen 97 ).
Der von der Gicht Geplagte geht in der
J.nacht stillschweigend nach der Grenze
der Feldmark und pflanzt dort einen
Alvenstrauch, worauf die Gicht ver¬
schwindet 98 ). Wer von der Krätze be¬
freit werden will, muß sich in der J.nacht
über drei Wasserfurchen wälzen "). Um
sich vor Bruchschaden und ähnlichen
Leiden zu befreien, kriecht man durch
gespaltene Bäume 10 °). Gegen Ermüdung
auf der Reise und gegen Rückenschmerzen
band man geweihten Beifuß um sich 101 ).
Auch gegen Gespenster, Zauber, Un¬
glücksfälle und Krankheit hilft diese
Umgürtung 102 ). Sein Pferd kann man
von Bauchgrimmen heilen, wenn man
seinen letzten Kommunionshut auf eine
in der J.nacht geschnittene Weide hängt 103 ).
Ein Kind, das man vor Sonnenaufgang
unter eine Haselstaude bringt, wird von
der Sonne nicht gebräunt 104 ). Das Schau¬
keln (s. d.), das namentlich bei Letten
und Esten vorgenommen wird, ist wohl
als eine Art Reinigung durch die Luft
zu betrachten 105 ). Am J.tag werden
Leute vom Veitstänze befreit, vor dem
sie den ganzen vorhergehenden Monat
Angst gehabt haben 106 ). Allerlei Speisen
und Getränke sind von besonderer Kraft¬
wirkung 107 ). Die Butter, die um J. ge¬
schlagen wird, ist sehr heilsam und wird
deshalb aufbewahrt 108 ). Gegen Kopf¬
schmerzen ißt man Semmelmilch 109 ). Met¬
trinken hilft gegen Kreuzweh 1I0 ). Aus
den Blüten der am J. abend gewundenen
Kränze kocht man Tee gegen verschie¬
dene Krankheiten 111 ). Den um n Uhr
eingetragenen Tee trinkt man um 12,
um sich gesund zu erhalten 112 ). Wer
r
'
713
Johannes der Täufer
714
1 am J.tage Milch mit Holunder trinkt, hat
Jp das ganze Jahr keinen Anstoß von der
Rose 113 ). In Tirol und im Salzburgischen
, / pflegt man am J.abend dreierlei, siebener-
lei oder neunerlei Kuchen zu backen 114 ),
i Vor allem liebt man es, die Blüten der
4
i? Holunderstauden in Schmalz gebacken
zu essen 115 ), dann wird man das Jahr
über nicht krank 116 ).
v
® 6 ) Grimm Mythol. 3, 471 (970). 97 ) Stracker-
jan 1, 92 f. 98 ) Bartsch 2, 285. 99 ) Beiblatt
z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926. xo °) Ebd.;
Strackerjan 1, 83. 101 ) Bartsch 2, 287;
Marzeil Pflanzenwelt 26. Vgl. oben 1, 1006.
102 ) Grohmann 90 (635). 103 ) Strackerjan
I, 95 - 1UJ ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 27.
105 ) ZfrwVk. 23, 49. 54; Brunner Ostdeutsche
Volksk. 235. lü6 ) ZfVk. 24, 126 f. 127. 237 f.
107 ) Höf ler Gebildbrote der Sommer-Sonnen¬
wendzeit. S.-A. a. d. 3. Heft des 16. Jahrg. der
ZföVk. 1910; Sartori S. tt. Br. 3, 235. 108 ) Zin¬
gerle Tirol 160 (1362). lrt9 ) John Erzgeb. 206.
110 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 27. m )
Toppen Masuren 71. 112 ) John Erzgeb. 205.
113 ) Mannhardt Germ. Myth. 26. 1U ) ZfdMyth.
3, 339; Zingerle Tirol 160 (1365). I15 ) Höfler
Gebildbrote 12; ders. Waldkult 108; BayHfte 1,
93; Leoprechting Lechrain 184; Kapff
Festgebr. 19; Hörmann Volksleben 117; John
Westb. 226; Lehmann Sudetendeutsche 147;
Schramek Böhmerwald 159. 116 ) Baum¬
garten Jahr 27.
8. Wie auf Menschen und Tiere, so
wirkt auch auf Acker und Garten der
Segen des J.tages 317 ). Die Großrussen
mähen bis zu diesem Tage das Heu nicht,
weil es bis dahin keine wirkliche Nähr¬
kraft hat 118 ). Am J.abend soll man
Zwiebeln legen, so werden sie groß Uö ).
Am J.tage muß man Zwiebeln umtreten
oder peitschen 12 °). Man fegt den Kohl,
das schützt vor Raupen 121 ). Man muß
um drei der gesteckten Krautpflanzen
Land aufhäufeln, dann bekommt man
viele Krauthäuptchen 122 ). Das An¬
häufeln des Gemüses hilft auch gegen den
Erdfloh 123 ). Groß und fett wird das
Kraut, wenn am J.tage ein Stein
hineingeworfen wird 124 ). Am J.abend
soll man alles säen, was man kraus haben
will, Krauskohl usw. 125 ). Wenn man am
J. tage die Weinstöcke schüttelt, so be¬
kommt der Wein angenehmen Geruch
und Bodengeschmack 126 ). Der Bauer
geht zum Weizenfeld und liest das J.evan-
gelium, dann wird der Weizen nicht
brandig 127 ). Am J.tage gesteckte Ret¬
tiche werden groß und „schossen" nicht 128 ).
Wenn Disteln gestochen werden, wachsen
sie nicht wieder 129 ). An der J.vigilie muß
man den Lauch aufbinden, sonst versinkt
er 130 ). Drei Tage vor oder nach J. soll
man Flachs säen, dann wird er recht
lang 131 ). Der Zauber der Nacktheit und
das Wälzen von Paaren auf dem Acker-
und Gartenland kommen öfter zur Aus¬
übung 132 ). Im Saalfeldischen tanzen in
der J.nacht die Mädchen um den Flachs,
ziehen sich nackt aus und wälzen sich
darin 133 ). Um das Korn vor den Vögeln
zu schützen, muß man in der J.nacht
nackt aufs Feld gehen, aus jeder Ecke
einige Halme mähen und sie, zum Kreuz
geformt, in den Schornstein hängen, wo
weder Sonne noch Mond hinscheint 134 ).
Auch kann man den Vögeln „die Mäuler
zu tun" 135 ). Selbst bedenkliche Mittel
auf Kosten der Nachbarn werden nicht
gescheut, um den Ertrag des Feldes zu
steigern 136 ). Künftiger Erntesegen läßt
sich jetzt vorauserkennen. So viele Tage
vor oder nach J. der Flieder blüht, so
viel vor oder nach Jakobi wird der Roggen
reif sein 137 ). Wenn me z’ Johanni drei
öpfel a de Bäume gseht, se soll me
d’ Hurt z’wäg mache, denn’s git vil Obs
(Baselland) 138 ).
117 ) Sartori S. u. Br. 3, 223. 118 ) Zelenin
Russische Volksk. 371. 119 ) Lütolf Sagen 106.
12 °) Eberhardt Landwirtschaft 3. m ) Wuttke
417 (648: Oldenburg). 122 ) Köhler Voigtland
3 7 7 - 123 ) ZfrwVk. 2, 295. 124 ) John Erzgeb. 225.
125 ) Reinsberg Böhmen 318. Vgl. ZfrwVk. 12,
84. 126 ) Meier Schwaben 2, 428. 127 ) John
Westb. 84. 128 ) John Erzgeb. 225. 129 ) ZirwVk.
j 4, 30; 12, 84. I3 °) Wettstein Disentis 173
(22). 131 ) Urds-Brunnen 5, 129 (Solling).
132 ) Sartori 3, 223 A. 10. 133 ) Grimm Mythol.
3,452 (519). 134 ) Maack Lübeck 62. 13S ) ZirwVk.
12, 84 f. 136 ) Bartsch 2, 286 (1434). Vgl.
290 (1446). Auch um die Milch der Nach¬
barinnen sich anzueignen: Grimm Mythol. 3,
417 ( 3 °)- 137 ) Bartsch 2, 292. 138 ) SAVk. 12, 16.
9. Was jetzt die Natur an Kräutern
hervorbringt, ist von besonderer Güte
und Kraft. Manche werden erst dadurch
heil- und zauberkräftig, daß sie am
J.tage geholt werden 1S9 ), und zwar in der
Mittagsstunde, sonst sind sie kraftlos 140 ).
Dazu gehört vor allem das J.kraut
(Hypericum perforatum) 141 ) (s. d.). Oft
715
Johannes der Täufer
716
ist die Sammlung von 7 oder 9 Arten von
Feldblumen vorgeschrieben 142 ). Den
J.strauß pflückt man am besten aus
9 verschiedenen Kräutern. Er ist gut
gegen alle Krankheiten, auch gegen Blitz
und Feuersgefahr, Hexen und Teufel,
wenn man ihn am Haus oder Stall auf¬
hängt. Einige kochen sich den Strauß
und essen ihn, andere machen sich Tee
daraus 143 ). Der Rauch der J.kräuter, die
man während eines Gewitters entzündet,
schützt das Haus gegen Blitz und Donner
und beschwichtigt den Sturm 144 ). Im
Egerlande muß man das heilwirkende
Fünffingerkraut während des Mittag-
läutens schneiden 146 ). Die J.hand
(Orchis maculata) bringt Glück und
Geld und schützt gegen Blitz 146 ). Sie
wächst zwischen 12 und 1 Uhr aus der
Erde. Ihr Bestreichen hilft gegen allerlei
Flüsse und Übel 147 ). Das am J.tage
gehauene Gras wird auf dem Boden ge¬
trocknet und den Tieren unters Futter
gegeben, um sie vor Schaden und Be-
schreiung zu schützen 148 ). Zwischen
II Uhr und Mittag soll man in drei
Schnitten eine Aschen schneiden, mit
der man viele Schäden durch bloßes
Auflegen heilen kann 149 ). Um Disteln
vom eigenen Acker zu vertreiben, muß
man am J.tag um 12 Uhr Pflanzen auf
anderer Leute Gebiet versetzen 16 °).
Andrerseits glaubt man aber auch,
daß (wegen des bösen Krebses, s. unten 12)
Flieder, Kamillen und andere Blüten
vor Johanni gepflückt werden müssen
(sie können sonst mehr schaden als
nützen) 151 ) und daß nur die detn J.tage
vorausgehende Nacht zum Sammeln
geeignet sei 152 ). Wer in dieser das J.kraut
blühend findet, wird reich und glück¬
lich 153 ) (vgl. auch Johanniskohle).
Mit den gesammelten Kräutern und
Blumen werden auch die Häuser be¬
hängt 154 ). Sie schützen vor Brand und
Gewitter 155 ). Auch auf die Hausdächer
wirft man Kränze gegen Brand und Ge¬
witter; sie bleiben liegen, bis die Luft
sie wegweht 156 ). Jede Seite des Daches
muß einen Kranz haben 157 ). Man wirft
für jede Person des Hauses einen; wessen
Kränzchen herunterrutscht, der stirbt
bald 158 ). Mit den brennenden oder
rauchenden Überresten der Kränze des
vorigen Jahres beräuchert man die wilden
Stachelbeerhecken 159 ). Zu Duyven in
Holland schmückt man die Häuser mit
Zweigen von Nußbaum und Rosen 160 ).
Ebenso am Niederrhein mit rosenge¬
schmückten Nußzweigen (Jans-tack), die
vor Blitz und Donner bewahren sollen 161 ).
In Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern
und Deutschböhmen ist die Arnika die
eigentliche J.blume. Man steckt sie an
die Felder, damit Bilmesschnitter und
Hexen nicht schaden können 162 ). Im
Eichsfelde sind alle Häuser mit Kränzen
von gelbgrünem Mauerpfeffer (Sedum
acre) behängt 163 ). In Windischgarsten
geht vor Tagesanbruch fast aus jedem
Hause jemand um Haselzweige, woran
je 4 bis 5 Blätter sind. Sie werden in
die Fenster gestellt 164 ). Haselnußlaub
und Tauron wird in Merkenbrechts am
J.abend in den Flachs gestreut, damit
keine Hexe darüber komme 165 ). In
Bocholt schmückt man die Häuser mit
Birken 166 ). Ebenso in Posen 167 ). Die
Kaschuben schmücken ihre Stuben mit
Kalmusblättern und Ahornzweigen 168 ).
In Eichfelde steckt man in jedes Garten¬
beet einen Erlenzweig, damit es der Maul¬
wurf nicht zerwühle 169 ). In Polen trägt
man am J.abend Kräuter ein, legt Korn¬
blumenkränze zum Schutze gegen Hexen
vor die Ställe, pflanzt Bäumchen auf den
Dünger und zieht eine Girlande vor den
Stall 170 ). Ähnlich in Schlesien, auch
über die Dorf- oder Straßeneingänge,
damit kein böser Geist einziehe. Die
mit Rosen behängten Schnüre heißen
Rosentöpfe 171 ). In Anhalt ist die J.kröne
allgemein, entweder ein einfacher Kranz
oder zwei kreuzweise ineinander gescho¬
bene Reifen. Radeln hineinzuwinden,
die den Blitz anziehen sollen, war in
Radegast verboten und in Zehmitz
Rosen 172 ). An manchen Orten wird die
Krone, sobald der erste Roggen einge¬
fahren wird, von ihrem Orte herab¬
genommen, in vier Teile zerrissen und je
ein Stück davon in die vier Ecken der
Scheune gelegt. Dadurch soll das Korn
vor Mäusefraß geschützt werden 173 ). Unter
der J.kröne wird getanzt 174 ). Auch die
Brunnen werden geschmückt 175 ).
139 ) Sartori 3, 224 t.; ders. Westfalen 167;
Zahler Simmental 61; Fontaine Luxemburg
162; Vernaleken Alpensagen 373; ZfrwVk.
12, 86 f.; Schnippei Volksk. v. Ost- u. West¬
preußen 1, 28 ff.; Heckscher 132. 386 f.;
Frazer 11, 43 ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 419.
465. 474 ff.; Journal de psychologie (Paris) 24
(1927) 49 ff. Die vor Zauber schützende J.-
wurzel blüht dreimal, am Weihnachtsabend, am
Osterabend und am J.tag: Witzschel Thür.
2, 275 (82). 14 °) ZfVk. 4, 86. 141 ) Fehrle Jo¬
hannistag 14 f.; Dähnhardt Natursagen 2, 19.
228. 257; NiedZfVk. 4, 242 f.; Mensing
Schles. Holst.Wb. 2, 1046; Marzell Pflanzen¬
welt 25; Volkskunde 20, 168 ff.; Frazer ii,
54 k; ObZfVk. 2, 117 k Über den Beifuß
(Artemisia vulgaris): ebd. 2, 115k Oben 1,
1006 f. 142 ) Fehrle 15. 143 ) Maack Lübeck 48 f.
Vgl. Bartsch Mecklenb. 2, 291. 144 ) Ebd. 2,
287. 145 ) Lehmann Sudetendeutsche 147 f.
i48 ) NiedZfVk. 4, 242; Marzell Pflanzenwelt 28;
Reinsberg Festjahr 2 228. 147 ) Kuhn u.
Schwarz 392 t. 1J8 ) John Erzgeb. 206; vgl.
Leoprechting Lechrain 184. 149 ) Ebd. 15 °)
Bartsch 2, 290 (1446). 151 ) Ebd. 2, 289.
152 ) Toppen Masuren 72; Lemke Ostpr. 1, 19;
ZfVk. 1, 297 f.; Kuhn u. Schwartz 392
(88); Bartsch 2, 285; Boeder Ehslen 87;
Heckscher 387. 153 ) John Westb . 86; vgl.
John Erzgeb. 248. 154 ) Sartori 3, 229t.;
ZfrwVk. 12, 890.; Zelenin Russische Volksk.
371 f -; Journal de psychologie 24, 55 f. 57.
155 ) John Erzgeb. 205. Vgl. oben 1, 1006.
156 ) Schmitz Eifel 1, 40; Z rwVk. 12, 92.
157 ) Wrede Rhein. Volksk . 273. 158 ) Schüller
Progr. v. Schäßburg 1863, 20 (10). 159 ) Wrede
Elfter Volksk . 2 223. 16 °) Kuhn Westfalen 2,
173 (482). Nußbaumblätter, am J.tage vor
Sonnenaufgang gepflückt, schützen vor Ge¬
witter und Krankheiten: Sebillot Folk-
Lore 3, 383. 384. Vgl. Journal de psychologie
Paris) 24, 49 f. 53 f. 161 ) ZfrwVk. 12, 89. 92.
(Vgl. auch Wüstefeld Eichsfeld 143 f. 162 ) Mar¬
zell Pflanzenwelt 25 f. 1G3 ) Wüstefeld 142.
143 f. 161 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 28.
165 ) Landsteiner Niederösterreich 63 k 188 )
Kuhn Westfalen 2, 173 (483). 187 ) Knoop
Posen 332 (109). 188 ) Seefried-Gulgowski
211. 169 ) Knoop Posen 333 (112). 17 °) Tetzner
Slaven 491. 171 ) Drechsler 1, 141. Vgl. ferner
Schmitz Eifel 1, 40; Wolf Beitr. 2, 391;
ZfrwVk. 12, 90; Marzell Pflanzenwelt 28 f.;
Sartori 3, 230 f. 172 ) ZfVk. 7, 147. Vgl.
Sartori 3, 231 A. 51; ZfrwVk. 12, 90 f.;
Heckscher 428 f. 173 ) ZfVk. 7, 148. 174 ) Z rwVk.
12, 90 f.; Sartori 3, 230 f. A. 49. 50. Getanzt
wurde überhaupt viel: ebda. 233. Der Haus¬
tanz an diesem Tage schützt ein ganzes Jahr
lang vor Blitz: Birlinger Schwaben 2, 120.
175 ) Sartori 3,. 232 A. 56.
10. Viele dieser Bekränzungen dienen
der Abwehr, in vielen lebt aber auch
noch der so manche Frühlingsbräuche
begleitende Wunsch weiter, die frische
Triebkraft der lenzhaften Natur den
Behausungen der Menschen und Tiere
nutzbar zu machen. So haben sich auch
andere auf ähnlichen Absichten beru¬
hende Bräuche und Vorstellungen der
Mai- und Pfingstzeit bis Johanni hin
verschoben.
Vor allem ist die Errichtung eines
Maibaumes auch noch zu Johanni
verbreitete Sitte (Johannisbaum) 176 ).
In Reichenbach wurde ein Maibaum ins
Wasser geworfen; vorher tat man das¬
selbe mit einer Person, die ,,der Jo¬
hannes“ hieß 177 ). In Perigord pflanzte
man feierlich einen Maibaum und aß
vom frischen Brote 178 ). Weiteres unter
,,J.teuer“. In Nordböhmen machen
Kinder aus dreierlei Blumen kleine
Polster, das sog. ,,J.bett“, legen Heiligen¬
bilder darauf und stellen sie unter den
Tisch; am andern Morgen finden sie dann
Näschereien, Obst oder Geld darin 179 ).
Damit soll wohl dem guten Sommergeist
ein Nest gemacht werden, wie in England
das Brüdbett zu Lichtmeß 18 °). Das
Vieh wird bekränzt 181 ), namentlich die
Kuh, die morgens zuletzt zur Herde
kommt 182 ). Hier und da wird ein
Hahnenschlag gefeiert 183 ). In mensch¬
licher Gestalt erscheint der Sommer¬
segen in Gestalt des Maipaares 184 ). J.
selbst findet in der J.nacht ein neues
Weib 185 ). Ein Laubmann tritt auf und
wird in Heischegängen hcrumgeführt 186 ).
Bei den Sorben vermummte man einen
,,Johann“ mit birkenrindener Larve und
Blumengewinden. Er mußte durchs Dorf
reiten und ward von den Jungen zu haschen
gesucht und seiner Blumen beraubt, die
heilbringend sein sollten 187 ). Auch die
Veranstaltung von Kämpfen zeigt noch
den Gegensatz zwischen Sommer und
Winter 188 ). Wie für Liebesorakel, so ist
auch für Liebeszauber der Tag ge¬
eignet. Spinnen zwei Freundinnen, wäh¬
rend man am J.tage die Abendglocken
läutet, zusammen einen Faden, teilen
diesen und tragen ihn bei sich, so macht
er sie glücklich in der Liebe und bewahrt
sie vor allerlei Unglück 189 ). Wieder
Johannes der Täufer
Johannes der Täufer
werden Höhen bestiegen 19 °). An einigen
Orten im Norden schlägt man sich
gegenseitig mit Nesseln, die in Urin ge¬
taucht sind 191 ). Wassergüsse werden
vorgenommen 192 ). Im Gouv. Cherson
badeten am J.tage 1884 Weiber bekleidet
im Flusse und begossen dabei eine aus
Zweigen und Kräutern gemachte Puppe,
um Regen zu schaffen 193 ). So gelten
Bäder in der J.nacht als besonders heil¬
sam 194 ). Ein einziges Bad in den Quellen
von Laimnau bei Tettnang, am J.abend
genommen, wirkt neunmal so viel wie
eines an irgend einem andern Tage 195 )
(s. auch J.tau). Sie werden aber viel¬
fach auch als sehr gefährlich untersagt
(s. unten 12). Fließendes Wasser, schwei¬
gend in der J.nacht zwischen 12 und 1 Uhr
geschöpft, bleibt das ganze Jahr lang
heilsam für Menschen und Vieh 196 ).
176 ) Sartori 3, 230. 377 ) Köhler Voigtland
176; Gesemann Regenzauber 65. 178 ) Mann-
hardt 1, 180, vgl. 187. 179 ) ZföVk. 5, 175; 6, 126.
18 °) Sartori 3, 85. 89. 181 ) Ebd. 3, 231 A. 53;
Tetzner 5 /^en 8 o. 190. 243. 464. 182 ) Sartori
3, 231 A. 54. 183 ) Ebd. 3, 234 A. 67; Brunner
Ostdeutsche Volksk. 230. 233. 184 ) Frazer <5,
244 f. iss) Mannhardt 1, 467 f. (Polen)!
186 ) Sartori 3, 231; Kuhn u. Schwartz 188;
vgl. 492; Brunner Ostd. Volksk. 231. 187 ) Tetz-
ner Slaven 333. 188 )Sartori 3, 234. 189 )Haltrich
Siebenb. Sachs. 287. 39 °) Sartori 3, 235; Hoff-
mann-Krayer 164. lül ) Mannhardt German.
Myth. 102. 192 ) Sartori 3, 231. 193 ) Wein¬
hold Ritus 23. 194 ) Sartori 3, 223; Boudriot
Altgerman. Relig. 41; Frazer 5, 246 ff.: 10, 172.
205 f. Vgl. oben 1, 8iSf. Dazu Sebillot
Folk-Lore 2, 160 f. 461. 198 ) Urquell N. F. 1,
183. 196 ) HmtK. 37, 113 (23): ZfrwVk. 10, 11.
Gewisse Quellen sind von besonderer Wirkung:
Sebillot 2, 282 ff. Auch Flüsse und stehende
Gewässer: ebd. 2, 321.
11. J.tag und J.nacht sind voller Wun¬
der. Die Sonne macht drei Sprünge 197 ),
und man kann ihr Spiegelbild in einem
Eimer Wasser tanzen sehen 198 ). Alles
Wasser verwandelt sich in Wein 199 ).
Die Pferde können reden (kurische Neh¬
rung) 20 °). Die „steinerne Agnes“ bei
Reichenhall jauchzt, wenn die Sonne durch
den Felsspalt scheint 201 ). Klirren von Huf¬
eisen 202 ) und klagende Musik 203 ) tönen aus
dem Innern des Berges. Wenn die Bienen
am J.tage schwärmen, so bauen sie einen
Kelch 204 ). Versunkene Glocken tauchen
empor und sonnen sich oder lassen ihr
Geläute erklingen 205 ). Eine goldene
Platte erscheint auf dem Wasser des
Quells 206 ), eine vergrabene Abendmahls¬
kanne 207 ), eine silberne Schüssel und ein
silberner Löffel 208 ), auf dem Kummerow-
See ein großer Bernsteinberg und eine
goldene Wiege 209 ). Mitternacht und
Mittag sind gleicherweise die für solche
Erscheinungen geeignete Zeit. Aus vielen
der mecklenburgischen Seen steigen Glanz¬
gestalten ans Licht 210 ). Versunkene
Städte und Schlösser werden sichtbar 2n ).
In Schlesien glaubte das Volk, die vor¬
geschichtlichen Graburnen wüchsen aus
der Erde empor 212 ). Auch Schätze
„blühen“, „brennen“, werden „ausge¬
wettert“ und können gehoben werden 213 ).
Der Tillenberg bei Eger mit seinen
Schätzen tut sich am J.tag um 9 Uhr
auf 214 ) * auf dem Ochsenkopf die Geister¬
kirche mit ihren Reichtümern 215 ). Bei
Aichleit blühen in der J.nacht die ver¬
lorenen Erzgruben 216 ). Aber nur Sonn¬
tagskinder sehen die Schätze und können
sie heben 217 ). Oder man muß ein Messer
darauf werfen 218 ). Die Zauberblume,
die den Zugang dazu öffnet, wächst
empor 219 ). Weiße Jungfrauen zeigen
sie an 22 °) oder wollen selbst erlöst
werden 221 ). Aus dem Glambecksee
kommt „Jen“ am J.mittag mit einem
Backtrog voll Gold und schaufelt es
am Ufer um 222 ). Auf dem Pechhorn
erscheint eine silberne Riesenkanne voll
Gold 223 ). Der Starost von Seekath
sitzt in jeder J.nacht auf den Trümmern
seines Schlosses 224 ). Mannigfacher Spuk
läßt sich blicken: ein langer Zug von
Mönchen 225 ), ein Leichenzug 226 ), ein
gespenstischer Wagen 227 ), Geister 228 ),
Näkk und Nixe 229 ). Aus dem Schlo߬
berge bei Neuburg kommen am Mittag
alle hundert Jahre uralte Frauen und
Männer heraus und sehen sich vergeblich
nach der „Prinzessin“ um 23 °). Zwerge
feiern in der J.nacht ihre Hochzeit 231 ).
Am Ascheborn versammeln sich mittags
zwischen 12 und 1 Uhr sämtliche Ottern
der Umgegend, voran der Otternkönig
mit goldenem Krönlein 232 ). Auch in
Mecklenburg huldigen die Schlangen in
der J.nacht ihrem König 233 ). Am Tage
oder in der N ach t wird die Wünschelrute
aus einem Haselstrauch geschnitten 234 ).
In der Ukermark muß sie bei einem
Kinde, das getauft wird, mit eingebunden
werden und so den Namen Johannes er¬
halten 235 ). Auch die geisterbannende
Glücksrute wird auf J. zwischen 11 und
12 gebrochen 236 ). Im Eichsfelde sucht
man die Springwurzel 237 ). Nie fehlende
„Blutkugeln“ werden in der Mitternacht
gegossen 238 ). Wer einen Wechseltaler
haben will, muß in der J.nacht dem
Teufel eine Katze opfern 239 ). In der
Mitternacht blüht das Farnkraut und
trägt in derselben .Stunde noch Samen 240 ).
Er macht reich und glücklich 241 ) und
allwissend 242 ). Wer davon etwas zu
seinem Gelde legt, dem nimmt er nicht
ab 243 ). Auch verleiht er gewaltige
Stärke 244 ). Mit einer solchen Blüte in
der Hand findet man Schätze 245 ). Wem
ein Samenkorn in die Schuhe fällt, der
kann sich unsichtbar machen 246 ); es
passiert etwas Schlimmes 247 ). Am J.¬
mittag kann man sich auch einen Haus¬
kobold im Walde besorgen, der alle
Arbeiten aufs schnellste verrichtet 248 ).
Auch viel unheimlicheren Wesen
gibt der J.tag Spielraum. Bei den Ehsten
sind die Zauberer in der J.nacht be¬
sonders gefährlich 249 ). In Dänemark
besudelt der Drache, in Holstein und
Mecklenburg der fliegende Krebs
Wasser und Pflanzen mit Gift und verur¬
sacht Krebsschaden 250 ). Während des
Feierabendläutens am Vorabend von J.
reitet der Bilwerschneider oder der
böse Feind durch die Getreidefelder und
• ♦
verbrennt die Ähren. Darum läutet
man nur ganz kurz 251 ). Er reitet auf
einem Bock 252 ). Die Ähren verlieren
in der J.nacht ihre Körner, weil die
Pferde des Teufels ihren Futterhafer
eintragen 253 ). Auf dem Teufelsstein bei
Hohen-Kränig schiebt der Teufel jeden
J.tag Kegel 254 ). Vor allem aber begehen
die Hexen jetzt ihre Feste und treiben
ihre Künste 255 ). Am J.Sonnabend-Abend
unter dem Feierabendläuten sammeln sie
die Kräuter, deren sie sich zu ihren
Zaubereien bedienen 266 ). Eberesche und
Birke verlieren in der J.nacht ihre
Knospen; sie werden von den Hexen
verspeist 257 ). Ein Jäger soll am J.tag
vor Sonnenaufgang nicht ausgehen, auf
keinen Fall aber jagen, sonst wird er von
den Hexen zerrissen 258 ). In Rom sam¬
meln sich in der J.mitternacht die Hexen
auf dem Lateransplatze und ziehen ge¬
meinschaftlich nach Benevent zur „Hoch¬
zeit“, um dort unter einem alten Baume
ihre Tänze aufzuführen 259 ). In Nor¬
wegen kann man sie sehen, wenn man
in der J.nacht auf einem Kreuzwege, über
den noch keine Leiche geführt worden ist,
mit neunerlei Laubholz ein Feuer an¬
zündet 260 ). Die Hexen sind eifrig be¬
müht, in die Häuser der Menschen einzu¬
dringen, die man daher schützen muß
durch angeheftete Blumenkränze und
Kräuter 261 ), angemalte Kreuze und
sonstige Abwehrmittel 262 ). Man knallt
mit Peitschen 263 ) und schießt 264 ). In
Waldzell kehrt man mit einem Besen,
der die Nacht zuvor nicht unter Dach
gewesen ist, das ganze Haus; um Losen¬
stein wird dreimal mit geweihtem Pulver
geschossen 265 ). In Rottenburg läutete
man von 9 Uhr abends bis morgens mit
allen Glocken zusammen, um Teufel und
Hexen zu stören. Alle Luken müssen
zugemacht,alle Ritzen verstopft werden 266 ).
In Eberstallzell läßt man die Schweine
nicht auf den Mist 267 ). Sand und Stroh
streut man im Böhmerwald vor den Stall,
denn die Hexen müssen, ehe sie hinein
können, die Sandkörner und Halme
zählen, und inzwischen bricht der Morgen
an 268 ). Vor der Stallung muß am J.tage
ein Gefäß mit Wasser stehen 269 ). Das
Vieh selbst wird beräuchert 27 °). Man
gibt den Kühen Hartenau zwischen das
Futter, damit sie nicht blaue Milch
geben 271 ), legt Stahl in die Krippen oder
vor die Stalltür und bindet das Vieh mit
Strängen von Bast an 272 ), schleppt in
der J.nacht ein weißes Laken über die
Weide, dann können böse Leute dem
Vieh nichts antun 273 ). Im Spreewald
steckte man um J. Kröten auf einem
Stock neben den Kuhstall 274 ). Wenn
man dem Vieh Gras gibt, das vor Sonnen¬
aufgang gemäht ist, so schadet ihm keine
Zauberei 275 ).
i
J
X
V •
197 ) Sebillot Folk-Lore 2, 171, vgl. 212. 282. •
i» 8 ) Fontaine Luxemburg 62. 19S ) Bartsch 2, 1
288; Sebillot 2, 374. 20 °) Globus 82, 238.
201 ) Laistner Nebelsagen 304. 202 ) Meiche
Sagen 241 (307). 203 ) Bartsch 1, 272. 204 )
Schmitz Eifel 1, 43. ZfVk. 7, 118. 121. !
123. 128. 272; Heckscher 361; Kühnau I
Sagen 3, 539 t.; Knoop Posen 30. 31h 268; 1
Rogasener Familienblatt 3, 59. 84: 4, 33. !
* 06 ) Bartsch 1, 276. 207 ) Ebd. 1, 250. 208 ) ZfVk. I
7, 123. 209 ) Jahn Pommern 194; Goldene i
Wiege aus dem Hügel: Bartsch 1, 39 (56);
Sepp Religion 235. 21 °) Beiblatt z. Warener
Tageblatt v. 27. Juni 1926 (Nr. 147). 2n ) Ebd.; j
Bartsch 1, 293; Kuhn Mark. Sagen 198; ■
Eisen-Erkes 79!.; Sebillot Folk-Lore 2,68. ;
212 ) Drechsler 2, 240. 213 ) Sartori 3, 224;
Urquell 3, 163; 5,80; Bartsch i, 87. 249!.; 2,
285. 290; Müllenhoff Sagen 347; Knoop 1
Hinterpommern 59. 119; ders. Posen 298 (27).
332 (106); ZfVk. 27, 160; Köhler Voigtland \
640; Kühnau Sagen 3, 559 f. 616. 644. 652 f.
749; Meiche Sagen 745; Vernaleken Alpen¬
sag. 150 h; ZföVk. 4, 225; Reinsberg Böhmen
314; Heckscher 361; Liebrecht Zur Volksk.
375 f- (Portugal); Sebillot Folk-Lore 1, 245.
4, 20. 214 ) Köhler Voigtl. 642. 215 ) Schöppner j
Sagen 1, 164. 2l6 ) Zingerle Tirol 159 (1352).
^ 17 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 287; Kühnau
Sagen 2, 83. 218 ) Schell B er gische Sagen 214 '
(hier am Nachmittag des J.tages). 219 ) Schön-
werth Oberpfalz 2, 239 f.; Meiche Sagen 622.
661; Schöppner Sagen 3, 129. Goldene Lilie
wächst aus dem Teich: Sebillot 3, 451. 22 °)
Schambach u. Müller 99 ff. Vgl. Laistner
Sphinx 1, 242 f. 257 f. 221 ) Kuhn u. Schwartz
23 f.; Pröhle Harz 50; ders. Unterharz 12 (36);
Jahn Pommern 185. 207 f. 210 f. 218. 220. 221.
224. 225. 245; Bartsch 1, 270. 272 f. 273. 276;
Beibl. z. Warener Tagebl. v. 27. Juni 1926 j
(Nr. 147); Schulenburg Wend. Volkst. 145;
Sebillot Folk-Lore 1, 403; 2, 200. 222 ) Bartsch
1, 243. 223 ) Alpenburg Alpensagen 12.
224 ) Tettau u. Temme 243. 225 ) Eisei Voigt- |
land 81 f. 226 ) Schöppner Sagen 1, 256 f. !
227 ) Knoop Posen 30. 228 ) Reinsberg Böhmen
312 f. 229 ) Eisen-Erkes 87, 89. 23 °) Bartsch j
1» 3 ° 8 . 231 ) Haupt Lausitz i, 31. 232 ) Meiche
Sagen 398 (521). 233 ) Beibl. z. Warener Tage¬
blatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141). 234 ) Sartori
з, 224 A. 13; Zingerle Tirol 104 (890);
Leoprechting Lechrain 98; Frazer 11, 67 ff.
235 ) Kuhn u. Schwartz 393 (90). 23fi ) Curtze
Waldeck 207. 237 ) Wüstefeld Eichsfeld 144.
Vgl. auch Pröhle Harz 99. 23S ) SchwVk. 17, 66.
239 ) Beibl. z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926
(Nr. 141). 24 °) Marzeil Pflanzenwelt 30 f.
4J41 ) Niderberger Unterwalden 1, 72; ZfVk.
24, 14 (16. Jh.); Frazer ii, 65 f.; Schnippei
Ost- u. Westpr. 1, 132 f. 242 ) Zelenin Russische
Volksk. 370, vgl. 371. 243 ) Baumgarten Jahr
и. s. Tage 27; Zingerle Tirol 103 (882). 2J4 ) Ur¬
quell N. F. 1, 182; Toppen Masuren 72.
24S ) Zingerle Tirol 158 (1350); Toppen 72 f.;
Knoop Posen 332 (106); Reinsberg Böhmen
311 f. 246 ) Bartsch 2, 288; Mensing Wb. 2 ,
1044; Hörmann Volksleben 114 h; Meiche
Sagen 657 f. Auch den Liebsten erscheinen
lassen: Geramb Brauchtum 62. 247 ) Bartsch
2, 291 (1453). 248 ) Kuhn u. Schwartz 393
(92). 249 ) Eisen-Erkes 15. 25 °) Meyer
German. Mythol. 97. 99; Bartsch 2, 285. 287.
289 f.; Kuhn Westfalen 2, 174; ZfVk. 23, 282
(24); Mensing Schl.H.Wb. 2, 1044 (auch
der J.käfer). 251 ) Leoprechting Lechrain
20; Pollinger Landshut 116. 117. 220 f. Er
heißt auch J.Schnitter: Sartori 2, 72. Mittel
gegen ihn: Meiche Sagen 287. 252 ) ZfVk.
1, 298 (Bayern). 253 ) Mailly Sagen a. Friaul 23.
254 ) Jahn Pommern 287. 255 ) Strackerjan 1,
387 ff. 421; 2, 92; Müllenhoff Sagen 215; vgl.
214; Mensing Wb. 2, 1044; Lemke Ostpr.
1,21; Knoop Posen 11; Beibl. z. Warener Tage¬
blatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141); ZfrwVk. 2,
167 (Elberfeld); Boeder Ehsten 86; Krauß
Relig. Brauch 116, vgl. 128; Urquell N. F. 1, 10
(Tschechen); Sartori 3, 222; Frazer 11, 73 ff.;
Zelenin Russische Volksk. 394. 256 ) ZfdMyth.
1, 294 f. (Tirol). Man läutet deshalb nur kurz:
Zingerle Tirol 158 (1345. 1348). 257 ) Stracker¬
jan 2, 92; Kuhn u. Schwartz 392 (86).
258 ) Landsteiner Niederösterreich 57 A. 1.
259 ) Schlözer Römische Briefe 95. Vgl. oben 1,
1041 f. 26 °) Liebrecht Zur Volksk. 319 (52).
261 ) MschlesVk. 7, 86; Zelenin Russische
Volksk. 371. Vgl. auch oben 9. 282 ) Brunner
Ostdeutsche Vkde. 234; Lemke Ostpr. 3. 42;
Frischbier Hexenspr. 11; Wuttke 78 f. (92).
263 ) Drechsler i, 137; Lemke Ostpr. 1, 20;
Baumgarten Jahr 11. s. Tage 27. 264 ) Lemke
1, 20; Liebrecht Zur Volksk. 319 (53: Nor¬
wegen). 263 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 28.
266 ) Birlinger Volkst. i, 278. 267 ) Baumgarten
Jahr 28. 268 ) Schramek Böhmerwald 159.
269 ) Ebd. 160. 27 °) Baumgarten Jahr 28;
Knoop Posen 332 (105); Beibl. z. Warener
Tageblatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141); Sebillot
Folk-Lore 3, 106. 271 ) ZfVk. 7, 148 (Anhalt).
272 ) Frischbier Hexenspr. 11. Vgl. Knoop
Posen 90. 273 ) Strackerjan 2, 93. 274 ) Schu¬
lenburg Wend. Volkst. 47. 275 ) Baumgarten
Jahr 28.
12. So hat der J.tag trotz allen Segens
und aller Wunderkräfte, die ihm eigen
sind, doch etwas Unheimliches und
Gefährliches. Er gilt als Unglücks¬
tag. Leute, die sich an ihm begegnen,
mahnen einander zur Vorsicht 276 b In
*
Sizilien sind alle Mütter in Angst um ihre
Kinder und suchen sie im Hause zu be¬
halten 277 ). Von Filippo Maria Visconti
wird erzählt, er habe an diesem Tage
nie ein Pferd bestiegen 278 ). Keine Nacht
hat solche Schrecken wie die J.nacht 279 ).
Wer in ihr geboren ist, kann zwar mehr
als andere Leute 28 °), aber man sagt auch
725
Johannes der Täufer
726
von solchen Kindern, sie würden Werwolf
oder Nachtmar 281 ). Allgemein h^ißt es,
daß J. eine, zwei (einen ,,tiefen“ Schwim¬
mer und einen „hohen“ Klimmer) oder
drei Personen zum Opfer fordere 282 ).
Eine muß in der Luft, eine im Feuer und
eine im Wasser umkommen 233 ). Oder:
Wasser, Boden und Luft fordern ihre
Opfer 284 ). In Köln will J. sogar 14 tote
Männer haben 285 ). Am J.tage und den
nächstfolgenden Tagen fahren die sam-
ländischen Fischer nicht in die See, weil
das Meer dann hohl gehe und ein Opfer
verlange 236 ). Am Strande des Harings-
vliets in Holland fahren die Fischer in
der J.nacht nie aus, um nicht „geäfft“
zu werden 287 ). Wenn im Magdeburgischen
jemand ins Wasser fällt, darf ihn niemand,
wenn er nicht selbst ertrinken will, heraus¬
ziehen, ehe die Sonne untergegangen ist 288 ).
In Schlesien soll man überhaupt vor J.
in keinem Flusse baden, weil bis dahin
das Wasser schädlich ist 289 ). Von vielen
Gewässern und Brunnen erzählt man,
daß sie am J.tage ein Opfer verlangen 29 °).
Zu Rotenburg bekommt der Neckar vom
Spital ein Laib Brot; unterläßt man dies
Opfer, so wird der Fluß wild und nimmt
einen Menschen 291 ). In Quedlinburg
warf man jährlich schwarze Hähne in die
Bode, an andern Orten Kinderkleider 292 ).
Man soll daher nicht baden 293 ) und nicht
auf einen Baum steigen, wenigstens nicht
auf einen Kirschbaum 294 ); auch nicht
bei Gewitter spazieren gehen 295 ), sonst
ertrinkt man, stürzt zu Tode oder wird
vom Blitz erschlagen. Noch vieles andere
ist am J.tage verboten. Man soll nicht
barfuß gehen, weil der böse Krebs fliegt
und sich unter die nackten Fußsohlen
setzt 296 ). Wenn man an Blumen riecht,
auf denen er gesessen oder über die er
geflogen, so kriegt man Nasenbluten.
Darum ist es am besten, am J.tage an
keiner Blume zu riechen 297 ) und über¬
haupt nichts Grünes vom Boden aufzu¬
heben, sonst bekommt man den Leichen¬
wurm, der dann dreimal 24 Stunden
herumschwärmt 298 ). Auch Wäsche soll
man nicht draußen hängen lassen, weil
sich in der Nacht zwischen 12 und 1 Uhr
der Krebs darauf setzt; auch kein Acker¬
gerät 2 "). In der Mark Brandenburg
fliegt nachts ein Skorpion umher; was
er anrührt, vertrocknet 30 °). Nach un¬
garischem Glauben darf am J.tage keine
Maid lange barhaupt in der Sonne stehen,
sonst verunglückt sie im Kindbett 301 ).
Man gibt keine Milch aus dem Hause und
bringt kein Wasser herein 302 ). Dagegen
kann man den Milchnutzen des Nachbarn
an sich ziehen, wenn man drei Hände voll
Gras aus dessen Garten nimmt, ins
Wasser tritt und das Gras hinter sich
wirft (Böhmen) 303 ). Und wer die Pest
erzeugen will, muß sich die Milch von
zweien Schwestern zu verschaffen suchen
und diese in der J.nacht in ein Grab auf
dem Friedhof schütten, dann wird er
Jammergeschrei vieler Menschen hören 304 ).
276 ) Meyer Baden 506. 277 ) Tredc Heiden¬
tum 3, 391. 278 ) Meyer Abergl. 214 f. 279 ) Bir¬
linger Volkst. 2, 102. 2M0 ) Strackerjan 2, 93;
Mensing Schl.H.Wb. 2, 1044. Wer an einem
Montag drei Stunden nach Sonnenaufgang,
zur Zeit der Sommernachtgleiche geboren wird,
kann mit Geistern umgehen: Grimm Myth.
3, 463 (810). In Ungarn sagt man von einem,
der auffallendes Glück hat: „Am J.tage schien
zuerst die Sonne auf ihn" : Wlislot ki Magyaren
44. 281 ) Meyer German. Myth. 121. 2M2 ) Sartori
3, 222; ZfrwVk. 12, 82; Hoff mann-Krayer
163; Lütolf Sagen 106 ff.; Knoop Posen 32.
283 ) SAVk. 15, 5. 284 ) Schell Berg. Sag. 392
(40). 2B5 ) Meyer 507. 286 ) Tettau u. Temme
277 f. 287 ) Reinsberg Festjahr 22 4. 28fl ) Bir¬
linger A. Schwaben 1, 389. 2H9 ) Drechsler
2, 148; ZfVk. 11, 207. 29 °) Meier Schwaben 2,
428 f.; Kuhn Mark. Sagen 374; Kuhn u.
Schwartz 80 f.; Jahn Pommern 216 (270);
Sebillot Folk-Lore 2, 339. 291 ) Meier Schwaben
2, 429. 292 ) Höfler Gebildbrote d. Sommer¬
sonnenwendzeit S.-A. 7. 293 ) Rochholz Glaube
1, 69; Urquell N. F. 1, 183; Hoff mann-Kray er
163; Sartori 3, 222 A. 7. 294 ) Meyer Baden 507;
Hoff mann-Krayer 163; ZfrwVk. 12, 82;
Sebillot 3, 380. 2y5 ) Rochholz Glaube 1, 69.
29G ) Bartsch Meckl. 2, 289 f. 297 ) Ebd. 298 ) Ver¬
naleken Alpensagen 373; Drechsler 1, 289.
2 ") Bartsch 2, 289; Sartori 3, 222 A. 6.
30 °) ZfVk. 1, 181. 301 ) Ebd. 4, 404. 302 ) Baum¬
garten Jahr 28; Sartori 3, 222 A. 5. 303 )
Wuttke 267 (391). 304 ) Krauß Relig. Brauch
65 f.
13. Neben den Opfern, die der J.tag
sich selbst holt, sind die Menschen ihm
gewisse Gaben schuldig. Außer dem
Wasser, von dem schon § 12 die Rede
war, werden auch die übrigen Elemente
gefüttert 305 ). Magyaren werfen eine
J ohannisbad—Johannisbeere
728
Handvoll Salz der Sonne zu 306 ). Beim
J.stein im Pleskauschen versammeln sich
um Mitternacht in der J.nacht die Bettler
der ganzen Umgegend und beten. Mit
dem Morgengrauen kommen die Bewohner
der umliegenden Ortschaften. Auf den
Stein werden brennende Wachskerzen
aufgestellt und Gaben dargebracht. Die
Milch dazu ist kniend an vier Donners¬
tagen gemolken worden 30? ). Vielleicht
deutet auch das als „Hexenverbrennung“
bezeichnete gemeinsame Biertrinken auf
freiem Felde in Lägerdorf auf ein altes
Opfermahl 308 ).
305 ) Sartori 3, 235 A. 79. w*) Wlislocki
Magyaren 44. ■">?) Hovorka u. Kronfeld 1,
340. 308 ) Müllenhoff Sagen 213 f.
14. Auch einige Spuren der Seelen¬
pflege zeigt der J.tag 30S ). In der Bre¬
tagne kommen, wie in der Weihnachts¬
und Allerseelennacht so in der J.nacht,
alle Seelen zusammen 31 °). Die sieben-
bürgischen Zeltzigeuner spannen in dieser
Nacht einen weißen Faden über das
nächstgelegene Wasser, damit die noch
nicht ins Totenreich gelangten Seelen,
die zu dieser Zeit ihre Hinterbliebenen zu
besuchen pflegen, das Wasser über¬
schreiten können. Auch stellen sie ein
Gefäß mit Milch vor ihr Zelt, damit die
Seelen sich daran laben können 311 ).
309 ) Sartori 3, 236. S. auch Johannisfeuer § 9.
°) Le Braz La legende de la morl 3 2, 56. 68.
) Wlislocki Volksglaube 158. Sartori.
Johannisbad s. Bad i, 818 ff.
Johannisbeere (Ribes rubrum).
1. Botanisches. Bekannter Garten¬
strauch, dessen rote, zu Trauben ange¬
ordnete Beeren um Johanni reifen. In
der Sage wird die J. mit dem hl. Johannes
zusammengebracht, der die Beeren ge¬
segnet 2 ) oder damit seinen Hunger ge¬
stillt haben soll 2 ). Bei der schwarzen J.
(R. nigrum) sind die Früchte schwarz,
die ganze Pflanze besitzt einen wanzen¬
ähnlichen Geruch. Die J.n wurden offen¬
bar erst seit dem 14. Jh. näher beachtet 3 ).
x ) D äh n har dt Naturg. Volksmärchen 1898,
87- 2 ) Teirlinck Plantenkult 1904, 208 f.
3 ) Hoops Reallex. 1, 204; S. Killermann
Zur Gesch. der Johannis- und Stachelbeere in:
Naturw. Wochenschr. 34 (1919), 344—347.
2. Die schwarze J. wird als Gichtbaum
oder -strauch häufig in der sympathe¬
tischen Medizin verwendet. Gegen
reißende Gicht geht man vor Sonnen¬
aufgang zu einem schwarzen J.strauch
und spreche: „Busch, ik klag di — De
riten Jicht dei plagt mi; — Sei plagt mi
woll Dag un Nacht: — De irst Vagei, dei
oewer di flücht, — Dei nem dei riten
Jicht mit“ 4 ). Gichtkranken wird der
„Gichtbaum“ über Nacht auf die Gicht¬
stellen gebunden und am frühen Morgen
dann im Namen usw. eingesetzt, wobei
man mit den Zweigen dreimal das Kreuz¬
zeichen macht; gedeiht der Gichtbaum, so
verschwindet die Gicht 5 ), oder es wird
bei Gliederreißen ein junges Stämmchen
gespalten und wieder zugebunden. Wenn
die Wunde verwachsen, ist auch das
Gliederreißen weg 6 ). Der Gichtkranke
muß den Gichtstock in die Erde setzen
und ihn pflegen 7 ). Auch wird der Gicht¬
kranke mit den Zweigen des schwarzen
J.Strauches berührt 8 ). Man legt drei
oder fünf Hölzchen oder drei einjährige
Sprosse, auch Blätter und Zweige unter
das Kopfkissen ö ). Der schwarze J.strauch
muß zur Gichtkur am Johannisabend von
einer Jungfrau gestohlen und nackt um
Mitternacht gepflanzt werden (Deutsch¬
böhmen) 10 ). Übrigens wird der Tee aus
den Blättern oder der Rinde der schwarzen
J. auch als empirisches Mittel gegen
Gicht gebraucht n ).
4 ) Bartsch Mecklenburg 2, 403. 5 ) Drechsler
2, 308. '•') MschlesVk. 27 (1926), 238. 7 ) Panzer
Beitrag 2, 300. ü ) ZhistVer Niedersachsen 1878,
100; Bavaria 4, 406; vgl. auch Kück Lüneburger
Heide 240 f.; Urquell N. F. 1. 183. 9 ) Zimmer¬
mann Volksheilkunde 50; Meyer Baden 42.
10 ) Urban in Prager Med. Wochenschr. 27 (1902).
n ) Köhler Voigtland 351; Osiander Volks -
arzney-mittel 1838, 138; ZfrwVk. 1913, 18.
3 - Gegen den „Schnaggler“ (singultus)
I esse man drei rote J.n (Lechrain) 12 ).
Sommersprossen befeuchte man mit dem
Saft von unreifen J.n 13 ). Kinder, die
unreife J.n (oder Stachelbeeren, s. d.)
essen, bekommen Läuse (Bern) 14 ).
12 ) Landsberger Geschichtsbl. 3 (1904), 66.
13 ) Lammert 179. 1«) SAVk. 8, 271.
4. Träumt man von schwarzen oder
roten J.n, so kommt ein Trauerfall in der
Familie vor 15 ).
10 ) Wilde Pfalz 113.
5. Eine Mutter, der ein Kind gestorben
Johannisblut—Johannis Enthauptung
730
T 729
t .'
ist, wird nie mehr vor Johanni J.n essen;
denn die Beeren, die bis dahin reifen, ver¬
teilen die Engel an die verstorbenen
Kinder und das Kind, dessen Mutter
die Beeren selbst ißt, kann im Himmel
keine bekommen 16 ). S. auch Erd¬
beere (2, 893).
16 ) Klarmann u. Spiegel Sagen u. Skizzen
aus dem Steigerwald 1912, 229. Marzell.
Johannisblut.
1. Man nennt so den rötlichen Saft
der Blütenblätter des Johanniskrautes
(Hypericum perforatum), der als wunder¬
kräftig gilt *) (s. J. d. Täufer § 9). Die
Pflanze gibt durch ihn noch immer ihren
Abscheu über den Mord des Johannes
kund 2 ). Auch der Blutstropfen, den man
am Johannismittag im Schopf des Farn¬
krautes findet, soll von Johannis Ent¬
hauptung herrühren 3 ). In Böhmen meint
man, die Kornsaat gehe deshalb rot auf,
weil das Blut des hl. Johannes, der, von den
Heiden verfolgt, in ein Kornfeld flüchtete,
sie rot färbte 4 ). Als Johannisblut gilt ferner
der rote Farbstoff einer Lack-Schildlaus,
die an der Wurzel des Knäuelkrautes
(Scleranthus annuus) und des Habichts¬
krautes (Hieracium pilosella) lebt. Auch
dies „Blut“ kann, in der Mitternacht
stillschweigend gesammelt, viele Wunder
tun 6 ). Wischt man davon jemand etwas
an die Kleider, so hat er Glück im Spiel ®).
Tut man es vor der Herzgrube ins Hemd,
so ist man vor dem Biß toller Hunde
sicher 7 ).
*) Marzell Pflanzenwelt 78; NiedZfVk. 4,
242 f.; Mensing Schl.Holst.Wb. 2, 1046;
Heckscher 387. In Bayern gewinnt man ihn
mit kochendem öl: ZfVk. i, 298. Uber das
Blut des Täufers als Reliquie: Beißel Hei¬
ligenverehrung 1, 138. 2 ) Wüstefeld Eichs¬
feld 141. 3 ) Bartsch Meckl. 2, 291 (1452); vgl.
Grohmann Sagen 312. 4 ) John Westböhmen
186. 5 ) Marzell Pflanzenwelt 27; NiedZfVk.
4, 243 f.; Bartsch 2, 286 (es sollen sich kleine
Würmer daraus entwickeln); Frazer 11, 56 f.
fl ) Bartsch 2, 286; Seifart Sag. a. Hildesheim
2, 134 f. 7 ) Bartsch 2, 285 f.; Beiblatt z.
Warener Tagebl. v. 20. Juni 1926.
2. Das Blut des hl. Johannes, das in der
Johannisnacht als Tau hemiederfällt, läßt
einen Nußbaum bei Moruzzo in Friaul
bis zum Frührot die schönsten Nüsse
tragen 8 ).
8 ) Mail ly Sagen aus Friaul 23. Sartori.
Johannisbrot (Ceratonia siliqua). Die
Früchte des in den östlichen Mittelmeer-
ländem häufig wachsenden J.baumes
(Hülsenfrüchtler), die in getrocknetem
Zustande oft zu uns kommen und gern
von den Kindern gegessen werden 1 ).
Der Name rührt daher, daß sich Jo¬
hannes der Täufer nach der Legende in
der Wüste von diesen Früchten ernährte.
Das J. hat apotropäische Eigenschaften:
Wer sich neunmal geweihtes J. (oder ist
hier ein Kultgebäck gemeint?) in die
Kleider näht, über den hat der Wasser¬
mann keine Macht 2 ). Bei den Serbo-
9
kroaten beißt am Weihnachtsabend zu
Beginn des Abendessens jeder, um gegen
die „große Krankheit“ (golema bolest)
gefeit zu sein, vom J. ab 3 ). In Steiermark
dient der Tee aus den Früchten gegen
Fraisen 4 ).
1 ) Schräder Reallex. 2 1, 542 f. 2 ) Schlesien:
ZfVk. 11, 207. 3 ) Schneeweis Weihnachten 56.
4 ) Fossel Volksmedizin 74. Marzell.
Johannis Enthauptung (29. August).
Johannes d. Täufer ist der einzige Heilige,
dessen Geburtstag gefeiert wird wie der
Christi. Doch knüpfen sich auch an
seinen Todestag gewisse Äußerungen
des Volksglaubens 1 ). Einiges ist wohl
vom Sonnwendtage auf ihn übertragen.
Er ist der beste Tag zum Wurzelgraben
(Tirol) 2 ). In der Nacht blüht das Farn¬
kraut, auf das Johannes' Blut gespritzt
ist, und man kann mit Segensprüchen
dessen Samen fangen 3 ). Wo dieses Kraut
auf dem Felde wuchert, muß man es am
Tage J. E. ausreißen, dann wächst es nicht
nach 4 ). In der Nacht um n Uhr wächst
eine Wunderblume auf dem Löbauer
Berge 5 ). Zum Säen ist J. E. ein un¬
glücklicher Tag 6 ). Man darf nicht in
einen Baum hauen, sonst muß dieser ver¬
dorren 7 ). Weder am Tage J. E. noch an
einem späteren gleichen Wochentage darf
das Kraut heimgebracht werden, sonst
verdirbt es im Bottich 8 ). Nach dem
Dichter des Reinardus hat das Haupt
des Joh. die Herodias in die Luft ge¬
blasen, so daß sie seitdem darin umher¬
fährt 9 ). Auf dem Berge bei Dittersbach
zeigt sich alle 5 Jahre eine Art Leichenzug
der Zwerge 10 ). Wenn man die Wein-
73 i
J ohaunisevangelium
732
stocke schüttelt, bekommt der Wein
einen eigentümlichen Geschmack 11 ).
*) Die morgenländische Kirche begeht ihn
als Festtag; das Datum wurde auf dem zweiten
nicäischen Konzil (787) festgesetzt: Albers
Das Jahr 241 f. 2 ) ZfdMyth. 1, 332. 3 ) Groh-
mann Sagen 312; vgl. Johannisblut. 4 ) ZfVk.
24, 12 {16. Jh.). 5 ) Meiche Sagen 663; Kühnau
Sagen 3, 476 f. 6 ) Rantasalo Ackerbau 2,
38- 39- 7 ) Grimm Mythol. 3, 444 (302: Rocken¬
philosophie); vgl. 468 (908: Bayern). 8 ) ZföVk.
4, 146. 9 ) Grimm Mythol. i, 235 t. 10 ) Meiche
Sagen 334. 11 ) Eberhardt Landwirtschaft 10
(wird auch vom Rochus- und vom Lorenztage
gesagt). Sartori.
Johannisevangelium. Der Prolog des
J.s, c. 1, 1—14, ist seit alters zu magischen
Zwecken benutzt worden. Anlaß dazu
gab seine Christ ologische Lehre 4 ); ins¬
besondere mag die Identifizierung Christi
mit dem Logos, verbum, dazu geführt
haben, weil dem „Wort“ und seiner
geheimnisvollen Wirkung und Kraft im
Zauber eine prinzipielle Bedeutung zu¬
kommt. So ist das J. zur Zauberformel
und zum Amulett geworden.
Der erste, der von einem solchen Ge¬
brauch des J. spricht, ist Augustinus,
nach dessen Zeugnis man zu seiner Zeit
gegen Fieber das J. an den Kopf legte 2 ).
1023 verbot die Synode von Seligenstadt
das abergläubische Abbeten des J.s 3 ).
Beim Ausgang des Mittelalters — und
bis heute hat sich dies erhalten — trug
man es als Amulett am Hals oder las es
gegen allerlei Gefahren. Dazu schrieb
man den Prolog auf Jungfempergament
und steckte den Zettel, der später auch
gedruckt erscheint, in einen Federkiel,
in eine Haselnuß oder eine Kapsel, faßte
ihn auch in Gold, Silber oder anderes
Metall 4 ). Das J. hilft gegen die Gichter,
indem man die daran leidenden Kinder
auf das auf geschlagene 1. Kap. des J.s
setzt 5 ), gegen Kopfschmerz 6 ), Zahnweh 7 ),
Fieber 8 ), die bösen Geister und Hexen 9 ),
es bewahrt den Weizen auf dem Feld
vor dem Brand 10 ), verleiht UnVerwund¬
barkeit 11 ) usf. Als Betruf wird es auf
der Alp gebraucht 12 ), ferner als Stall¬
segen 13 ), zum Heben von Schätzen 14 ),
zum Entdecken von Dieben 15 ), es gibt
Glück im Spiel 16 ). Weiter spielt es eine
große Rolle im Wetterzauber als Abwehr¬
mittel gegen Gewitter 17 ) und macht den
Regen aufhören 18 ). Es wird im Teufels¬
exorzismus verwendet lö ). Wenn die
Sage dem Hirtenbuben durch den Teufel
verbieten läßt, das J. je wieder herzu¬
sagen 20 ), so beruht auch dies auf Exor¬
zismusbrauch 21 ); als der Hirte es pfeift,
schützt es ihn vor dem Bösen. Als Ein¬
lage begegnet es auch im Colomanssegen
(s.d.) 22 ) und in Himmelsbriefen (s. d.) 2Z ).
Joh. 4, 43 --56 dient als Fiebersegen 24 );
Joh. I, 14. 19, 30 steht auf einer Metall¬
scheibe, die als Amulett zu deuten ist 25 ).
Mit Rücksicht auf die wetterbannende
Kraft des J. erscheint es auch als Glocken¬
inschrift 2fi ). Weiteres s. u. 27 ).
J ) Franz Benediktionen 2, 57; SAVk. 23
(1920), 22ff.;Dornseiff Alphabet (1925), 118 ff.
2 ) Hauck RE. 1, 469; Meyer Aberglaube 104.
3 ) Höhn Volksheilkunde 1, 69. 4 ) Le Blant
Le premier chapitre de Saint Jean et la croyance
ä ses vertus secretes (Revue archeologique 1894,
2, 8 ff.); Kluge Bunte Blätter (1908), 78 ff.;
Klingner Luther 126. 128; Götze Luther 13;
Trithemius Aniipalus maleficorum (Köln 1624)
B. 2 c. 5; Birlinger Aus Schwaben 1, 398;
Zahler Simmenthal 41 f.; Strackerjan Olden¬
burg 1, 49; Wolf Beiträge 1, 231; Franz Ntco-
laus Jawor 153. 155 f.; Wuttke 144 § 199; 181
§ 245; Kronfeld Krieg 42; Meyer Baden 366.
575; ZrwVk. 1 (1904), 151 f.; Geistlicher Schild
2 ff. 75 ff.; Enchindion Leonis Papa (franz.
Übers.) 17 ff.; W 7 ürttVjh. 13 (1890), 253 Nr. 391;
Seligmann Blick 2, 339; Thiers 1, 82. 276;
Collin de Plancy Dictionnaire infernal
(1830), 205; ZfVk. 13 (1903), 279. 5 ) SAVk.
20 (1917), 46. 6 ) Schultz Alltagsleben 291.
7 ) Bartsch Mecklenburg 2, 429. 8 ) Frisch¬
bier Hexenspr. 56. 118; Hovorka u. Kron¬
feld 1, 28 f. 148; (Keller) Grab d. Abergl. 5,
68. 9 ) Grimm Myth. 3, 502 Nr. 38; Ranke
Sagen 70; Zahler a. a. O. 174; Rothenbach
Bern 56; Meyer Baden 39; Dettling Hexen¬
prozesse 15; Kühnau Sagen 2, 468 f.; Manz
Sargans m. 10 ) John Westböhmen 331. 11 )Wolf
Beiträge 1, 251; Klingner Luther 128. 12 ) SAVk.
2, 295; SchwVk. 8, 62 f. 13 ) Baumberger
St. Galler Land 188; Manz Sargans 92. 14 )
Lütolf Sagen 236; Panzer Beitrag 2, 72;
Scheible Kloster 3, 488 (fliegendes Blatt).
15 ) Frischbier Hexenspr. 118; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 31. 16 ) Bartsch a. a. O. 2, 32.
17 ) Franz Benediktionen 2, 52 ff.; Meyer
Baden 363; Eberhardt Landwirtschaft 4;
ZföVk. 8 (1902), 181; Geistl. Schild 2 f.; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 117 Nr. 2; Drechsler 2,
136; E. Legrand Bibliothhque grecque vulgaire
2 (1881), 20 ff. (griechische Psalmenzauber,
mittelalterlich, Ps. 102. 103); J. Wier De
praestigiis daemonum (franz. Übers., Neuausg.
1885) 2, 199. 18 ) Birlinger Volksth. 1, 196.
733
J ohannisfeuer
734
19 ) Delrio Disquisitiones magicae (Köln 1679),
1050; Klingner Luther 34; J. Wier a. a. O. 127.
20 ) Grimm Myth. 2, 830; Kohl rusch Sagen 291;
Herzog Schweizersagen 2, 173 f. 21 ) Franz
Benediktionen 2, 561. 22 ) WürttVjh. 13 (1890),
246 Nr. 369. 23 ) HessBl. 1 (1902), 25. 21 ) Ale¬
mannia 25 (1897), 128; Höhn Volksheilkunde
1, 134. 25 ) ZfEthnol. 15. 354; 19. 69. 26 ) K.
Bergner Grundriß d. kirchl. Kunstaltertümer
in Deutschland (1900), 356. 27 ) John West¬
böhmeny; Alemannia 4 (1876), 271; 11 (1883),
268; Baumgarten Aus der Heimat 1, 65;
Lippert Christentum 690; Reuschel Volks¬
kunde 2, 23; Niderberger Unterwalden 3, 609;
Pollinger Landshut 275; Laube Teplitz 61;
ZfVk. 13 (1903)» 443 - Jacoby.
Johannisfeuer.
1. Die Sitte des Mittsommerfeuers,
namentlich am Vorabend des Johannis¬
tages 1 ), geht durch ganz Europa 2 ). In
Niederdeutschland sind die i euer freilich
jetzt so gut wie verschwunden. Sie wurden
früher auch in den Städten, vor dem
Rathause oder auf dem Markte ange¬
zündet. Die Absicht ist vor allem, die
Luft zu reinigen und böse Geister
zu verscheuchen 3 ). Darum werden
sie auch hier und da auf Kreuzwegen
abgebrannt 4 ). In Lägerdorf (Holstein)
machte man in der Johannisnacht auf
freiem Felde ein großes Feuer an, hängte
einen Braukessel mit Bier darüber und
trank das warme Bier. Das ganze Dorf
nahm daran teil. Dann und wann ging
eine Frau etwas vom Feuer weg und rief:
„Kummt häer, jü ole Hexen, 'rint Füer“.
Das nannte man das Verbrennen der
Hexen 5 ). Andrerseits sollen die Feuer
auch der nun auf ihrem Höhepunkte
stehenden Sonne Beistand leisten 6 ).
Diesem Zweck dient auch wohl das öfter
damit verbundene Scheibenschlagen 7 ).
Neben den auf dem festen Boden empor¬
lodernden Feuern sind Läufe mit bren¬
nenden Besen und Fackeln um und
durch die Felder üblich 8 ). Auch bren¬
nende Räder werden von Höhen herab¬
gerollt 9 ). In Hessen-Nassau sollte das
„Hagelrad“ dem Hagel wehren 10 ); in
Conz versprach es, wenn es brennend in
die Mosel gelangte, eine gesegnete Wein¬
ernte 11 ), in Wales einen dürftigen Ertrag,
wenn es erlosch, ehe es den Fuß des
Hügels erreichte 12 ). Das J. schafft
eine gute Ernte 13 ) und macht uner¬
wünschtem Regen ein Ende 14 ). Sein
Unterbleiben setzt die Felder den größten
Gefahren aus 15 ). In Kremsmünster hieß
es, der Acker, auf dem es angezündet
werde, freue sich neun Jahre darauf 16 ).
In Wales waren 3 oder 9 Holzarten für
das Feuer erforderlich, sowie die ange¬
sengten Reisigbündel, die man vom letzten
Mitsommerfeuer aufbewahrt hatte 17 ). In
Böhmen zündete man am liebsten 7 Reisig¬
bündel an 18 ).
*) Geramb Brauchtum 56. In Markdorf
a. Bodensee wird es mittags 12 Uhr abgebrannt:
Fehrle Volksfeste 72. ln einigen Gegenden
Ungarns in der Frühe des Johannistages:
Wlislocki Magyaren 43. 2 ) Sartori Sitte 3,
225 ff.; Heckscher 373!.; Mensing Schl.H.
Wb. 2, 1042t.; v. Gennep im Journal de
pyschologie (Paris) 24 (1927), 28 ff.; Frazer
10, 160 ff. 3 ) Frazer 10, 171 (Norwegen).
172 (Norrland in Schweden). 180 (Estland).
202 (Irland); Zelenin Russische Volksk. 372.
Über die Versuche, das J. mit Balders Ver¬
brennung zusammenzubringen: Kau ff mann
Balder 8 ff. 4 ) Frazer 10, 189 (Jura). 191
(Poitou). 5 ) MüUenhoff Sagen 213 f. *) Im
Mhd. heißt der Johannistag sungiht, sunnegiht
(Grimm Mythol. 3, 176), was als Sonnenbe¬
schwörung gedeutet wird: Weiser Jul 6.
7 ) Sartori 3, 228 A. 31; Birlinger Volkst.
2, 106; ZfVk. 3, 359; Frazer 10. 165 (Ober¬
bayern). 166 (Würzburg). 168 (Schwarzwald).
Bei den Litauern im Memellande umwickelt
man Kartoffeln mit Werg, zündet sie an und
schnellt sie empor: Brunner Ostdeutsche Volksk .
235. 8 ) Frazer 10, 189 (Jura). 197 f. (Northum-
berland). 206 (Schottland); Reinsberg Böhmen
307. 308. 310. 311; John ItV-s/b. 85; Roch-
holz Glaube 2, 146; Drechsler 1, 136;
Wlislocki Magyaren 41. 9 ) Kbd. 43; Reins¬
berg Böhmen 307; Grimm Mythol. 1, 519
(Kärnten); Vernaleken Mythen 307 f.; Frazer
10, 191 (Poitou: über die beider). 10 ) Kück
u. Sohnrey 150. n ) Fontaine Luxemburg 61;
Grimm Mythol. 1, 513!. lÄ ) Frazer 10, 201.
13 ) Ebd. 188 (Vogesen). Man wirft zu diesem
Zweck Steine hinein: S6billot Folk-Lore 3,
460. 14 ) Frazer 10, 187 f. (Picardie). 15 ) Ebd.
188 (Ardennen). 1B ) Baumgarten Jahr 27.
Vgl. Geramb Brauchtum 63. 17 ) Frazer 10,
201. 18 ) Reinsberg Böhmen 307.
2. Das Abbrennen des J.s ist Ge-
meinschaftssache, selten macht ein
Bauer außerdem noch eines für sich allein,
um sein Vieh hindurchzutreiben 19 ). Be¬
sonders feierlich geht die Anzündung
in Frankreich vor sich 20 ). Oft vollzieht
sie der Priester 21 ), oder der Älteste und
Ehrwürdigste 22 ), oder ein junger Mann
und eine junge Frau 23 ). In Mecklenburg
735
Johannisfeuer
736
mußte das aus dem J. stammende
Notfeuer von zwei Burschen angezündet
werden, die den Namen Johannes trugen 24 ).
In der Normandie zündete man das J.
in dem Augenblicke an, wo die Sonne im
Begriff war, unter den Horizont zu
tauchen 25 ). Mitunter wird berichtet, daß
es durch Reibung von Holz hervorgebracht
werde 26 ).
19 ) Frazer io, 188 (Perche). 20 ) Wolf Bei¬
träge 2, 393 ff. 21) Frazer 10, 184. 187. 188. 191.
22 ) Ebd. 191. 193. 23 ) Ebd l86 24 ) Beiblatt
z. Warener Tageblatt v. 20. Juni 1926 (Nr. 141).
25 ) Frazer io, 185. 26 ) Rochholz Glaube 2, 145 {. ;
Wlislocki Magyaren 44; Frazer 10, 176 (Ru-
thenen). 177 (Polen).
3. Der Flammenstoß wird umtanzt 27 )
und von den jungen Leuten übersprun¬
gen, oft paarweise 28 ). Jeder, der den
Sprung machen wollte, mußte etwas
Holz mit bringen 29 ). Wer nicht hinüber¬
kam, durfte nicht mit zum Eierheischen
gehen 30 ). Wer sich etwas verbrennt,
muß ein Pfand geben, das aus einem
Kleidungsstück besteht; von oben, mit
der Mütze, fängt man an 31 ). Oft ging
man vor dem Sprunge betend um das
Feuer 32 ). Auch Eltern sprangen mit
ihren kleinen Kindern auf dem Arm hin¬
durch, wenn das Feuer niedriger geworden
war 33 ). Mitunter ging man erst, wenn es
ganz niedergebrannt war, durch die
Kohlen 34 ). Doch ist es gefährlich, das ■
Springen bis über Mitternacht auszu¬
dehnen. Nach 12 Uhr springen die
Hexen 35 ). Das Überspringen des J.s
bringt Gesundheit für das ganze Jahr.
Es schützt vor Fieber 36 ), Kolik 37 )
und Rückenschmerzen, namentlich
bei der Erntearbeit 38 ). Wer neun Sonn¬
wendfeuer sieht, stirbt das Jahr nicht,
heiratet usw. Wer nicht neun Feuer
„zusammenbringt“, muß viel an Kreuz¬
weh leiden 3Ö ). Das Hineinschauen ins
Feuer stärkt die Augen, namentlich wenn
man durch Rittersporn oder Blumen¬
kränze hindurchsieht 40 ). In Belgien
springen Frauen durchs Feuer, um eine
leichtere Entbindung zu erzielen 41 ). Auch
von Sünden reinigt der Sprung (Griechen¬
land und Türkei) 42 ). Wer durchs J.
springt, kann Schätze sehen 43 ). So
hoch man springt, so hoch wird das
Korn 44 ), und die Eltern des höchsten
Springers erhalten die meiste Frucht 45 ).
Namentlich die Höhe des Flachses wird
dadurch bestimmt 46 ), was beim Springen
in einem besonderen Wunschspruche zum
Ausdruck gebracht wird 47 ). Wer keine
Scheiter zum Feuer gibt, dem wächst der
Flachs nicht 48 ). Auch vom Vieh halten
die Feuer die Krankheit fern, wenn es
durch oder um sie getrieben wird 4e )
oder über die erloschenen Kohlen 50 ),
wenn auch erst am andern Morgen 51 ).
In Irland wird mitunter der gesamte
Viehbestand durch ein künstliches Roß
dargestellt 52 ). Im polnischen Ober¬
schlesien tanzten die Hirten nach einer
Geige um das Feuer und sprangen darüber
hinweg, damit das Vieh nicht lahm
werde 53 ). Manchenorts werden auch auf
den Wegen, über die das Vieh getrieben
wird, J. entzündet 54 ).
2T ) HessBl. 25, 167 f. 28) Mannhardt 1,
464 f. 492 f. 29 ) Meier Schwaben 2, 425.
30 ) Schmitz Eifel 1, 41. 3 *) Urquell N. F. 1,
185; Meier Schwaben 2, 423 f. 32 ) Baumgarten
Jahr 27. 33 ) Frazer 10. 189 (Berry). Man
glaubte, daß die Kinder dann sofort gehen
könnten: ebd. 182 (Touraine u. Poitou).
34 ) Frazer 10, 204 (Irland). 35 ) Baumgarten
Jahr 27. 36 ) Grimm Mythol. 3, 468 (918:
Bayern); John Westb. 86. 255; Frazer 10, 190
(Mittelfrankreich). 194 (Belgien). Den unge-
sengten Springer kommt dies Jahr kein Fieber
an, die ungesengte Springerin wird für dies
Jahr nicht , .angebrannt" (schwanger):
Leoprechting Eechrain 183. 3/ ) Frazer io,
195 h (Belgien). 38 ) Meyer Baden 225; ZfVk.
1, 298 (Bayern); Fehrle Johannistag 11. In
der Franche-Comte gingen alte Frauen deshalb
vierzehnmal unter Gebeten um das Feuer:
Frazer 10. 189. 3Ö ) Baumgarten Jahr 27.
Vgl. Wein hold Kennzahl 35. 40 ) Sartori S.
u. Br. 3, 228; Drechsler 1, 137; 2, 297; Leh¬
mann Sudetendeutsche Volksk. 147; Land-
s t einer Nieder Österreich 45; Frazer 10. 162. 163.
163 f. Man schläft an Winterabenden nicht ein:
Drechsler 1, 137. «) Frazer 10, 194. 42 ) ARw.
1 7 > 363- 43 ) Wuttke 80 (93)- 4I ) Meyer
226. 45 ) Ebd. 225. 4C ) Leoprechting Lech-
rain 183; John Westb. 86; Schönwerth Ober¬
pfalz i, 414 (9); Baumgarten Jahr 28; Mann -
hardt 1, 5 02 ; Frazer 10, 165 (Oberbayern).
In Kleinrußland und Estland wirft man
allerlei ins Feuer für langen Flachs: Frazer
io, 176. 180. 47 ) Kap ff Festgebräuche 18; Bir-
linger Volkst. 2, 98, vgl. 104; Ders. Schwaben
2, 119; Meier Schwaben 2, 423; Panzer Beitr.
2, 549. «) Meyer Baden 225. 226; ZfVk. 7, 329.
49 ) Mannhardt 1, 519; Vernaleken Mythen
737
Johannisfeuer
738
308 f.; Knoop Posen 323 (111); Frazer 10, 165
(Oberbayern). 171 (Norwegen). 176 (Rußland).
185. 188(Frankreich). 203(Irland). 50 ) Schramek
Böhmerwald 158; Frazer io, 182 (Frankreich).
51 ) Tettau u. Temme 277. 52 ) Frazer 10, 203.
M ) Drechsler 1, 137. 54 ) Schramek Böhmer¬
wald 158.
4. Nicht nur die feurige Glut, auch der
Rauch verscheucht Hexen und böse
Gewalten 55 ). Darum kommt es darauf
an, möglichst viel Rauch zur Entwick¬
lung zu bringen 56 ). Er muß über die
Felder gehen 57 ), dann macht er die
Wolken für das Korn unschädlich 58 ).
Kinder und Vieh werden hindurch¬
getrieben 59 ). In Frankreich (Beauce u.
Perche) steckten die Umstehenden den
Kopf in die Rauchwolken in dem Glauben,
das werde sie vor einer Menge Unglück
bewahren 60 ). Steigen Rauch und Flam¬
men gerade in die Höhe, so ist eine reiche
Obsternte zu erwarten, denn der Rauch
verjagt aus den Bäumen alles Böse 61 ).
Gibt es viel Funken beim J., so steht
eine reiche Kornernte bevor 62 ).
55 ) Frazer 10, 161. 56 ) Hörmann Volks¬
leben 119; Reiser Allgäu 2, 150; Geramb
Brauchtum 61. 62; MdBlfVk.3, 11 (oberes Erzge¬
birge). 57 ) Frazer 10. 201 (Wales). 58 ) Rosegger
Steiermark 260. 59 ) Frazer 10, 192 (Saintonge).
60 ) Frazer 10, 188. 61 ) Drechsler 1,137. 62 ) Ebd.
5. Während die J. brannten, hielt
in Douai arm und reich offene Tafel
auf der Straße, und jeder Vorübergehende
wurde zum Trinken eingeladen 63 ). Ähn¬
lich in London 64 ). Auch in Deutschland
schmauste und zechte man beim J. 65 ).
Im Aargau und in Schwaben kochte man
an ihm Erbsen, die dann für Wunden
und Quetschungen gut waren 66 ). In
österr.-Schlesien bricht man vor Johanni
vom Holunder eine Blütendolde ab,
backt sie in einem Pfannkuchen und
verzehrt beides beim J.; das schützt
gegen Zahnweh 67 ).
83 ) Wolf Beitr. 2, 392. 64 ) Frazer 10, 196;
Reinsberg Festjahr 231. w ) Jahn Opfergebr.
44. 8ß ) Grimm Mythol. 1, 514; Sartori 5 .
u. Br. 3, 235. ® 7 ) Drechsler 1, 137.
6. Von hoher Bedeutung ist das J.
für die Liebe. Wer nicht zum Zu¬
schauen kommt, der wird niemals hei¬
raten 68 ). Wenn die Paare beim Sprunge
ihre Hände nicht loslassen, so gilt es als
ihr Schicksal, daß sie einander heiraten 69 ).
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube IV
Das geschickte Überspringen von seiten
der Mädchen galt als günstiges Vorzeichen
für baldige Verheiratung 70 ). Ein Mäd¬
chen, das 9 Feuer brennen sieht 71 ) oder
um 9 Feuer tanzt 72 ), heiratet in dem
, . • •
Jahre. Überall in Deutschland springen
besonders gern erklärte Liebespaare über
die Flammen 73 ), und der Bursche wirft
die Scheibe für sein Mädchen, wobei ihr
Name genannt wird 74 ). Auch werden
Liebespaare beim J. ausgerufen 75 ),
und in einem Liede, das man in Polen
beim Umtanzen singt, wird St. Johann
selbst aufgefordert, sich ein Weib zu
suchen 76 ). Auf der estländischen Insel
Moon wird, während das Feuer brennt,
im Walde das Beilager des Johannis¬
paares vollzogen 77 ). Im Fellinschen
tanzten unfruchtbare Weiber nackt um
die Ruine, auf der das Feuer am Johannis¬
abend brannte 78 ). Manchmal muß das
jüngste Ehepaar das Feuer anzünden 79 ).
Aus den Kränzen, die beim J. ver¬
wandt werden, entnimmt in Ungarn das
Mädchen Fingerzeige für künftige Ehe 80 ).
68 ) Zelenin Russische Volksk. 372. Ä# ) Ebd.
70 ) ZfVk. 4, 402 (Ungarn); Wlislocki Ma¬
gyaren 60 f. 71 ) John Westb. 257, vgl. 86.
Vgl. auch oben A. 39. 72 ) Mannhardt 1, 456
(Bretagne); Frazer 10, 189 (Berry). 73 ) Mann¬
hardt 1, 464 f. Vgl. Frazer 10, 168. 74 ) Mann¬
hardt 1, 465. 75 ) Sartori 3, 229 A. 43; Mann¬
hardt 1,607. 7Ä ) Mannhardt i, 466 ff. 77 ) Ebd.
1, 469. 78 ) Boeder Ehsten 13; Weinhold
Ritus 11. 79 ) Sartori 3, 228 A. 40. 80 ) ZfVk.
4, 402. 403.
7. Beim Springen über das J. um-
gürtet man sich mit Blumen und
Kräutern 81 ), namentlich mit Beifuß
und Eisenkraut 82 ). Das Kraut wird
nachher ins Feuer geworfen, und man
glaubt mit ihm alles Unglück zu ver¬
brennen 83 ). In Ertingen erklärt man das
Hineinwerfen von Beifuß, Rauten, St.
Hansen-Gürtelkraut und Geweihtem in
die Flammen damit, daß es schon nach
Betläuten sei, wenn das Feuer brenne, und
die Hexen einem etwas anhaben könnten 84 ).
Man hält auch Pflanzen ins Feuer,
um ihre Heilkraft zu stärken. In
Ungarn Gliedkraut mit den Worten:
„Keine Beule werde an meinem Leibe,
kein Bruch an meinem Fuße“ 85 ). Dort
wirft man auch beim Überspringen des
24
739
J ohannisgürtel—Johannishaupt
740
Feuers Obst in die Glut, das man dann
hervorscharrt und als Mittel gegen Zahn-
und Bauchschmerzen aufbewahrt 86 ). In
Poitou gingen die Leute dreimal mit
Walnußzweigen in der Hand um das
Feuer, Schäferinnen und Kinder zogen
Reiser von Nüssen und Wollkraut (Ver-
bascum) durch die Flammen; die Nüsse
sollten Zahnweh heilen, das Wollkraut
das Vieh gegen Krankheit und Ver¬
hexung schützen 87 ). Häufig wird das
J. um einen hohen Baum aufge¬
schichtet, der mit Sträußen, Bändern
und Kränzen behängt ist 88 ). Man be¬
wahrt auch wohl den am 1. Mai gesetzten
Baum dazu auf oder auch die Sträuße
und Reiser des Fronleichnamstages 89 ).
Anderswo verbrannte man nicht mehr
einen Baum, aber die das Holz zusammen¬
bettelnden Knaben trugen einen ge¬
schmückten Maibaum voraus 90 ). In
Nürnberg steckten die Buben den Leuten
Maibäume vor die Häuser und erhielten
dafür Geld, Holz und stumpfe Besen zum
J öl ).
8l ) Frazer 10. 176 (Rußland). 201 (Wales).
82 ) Wolf Beitr. 2, 386; Wuttke 106 (137);
Reinsberg Böhmen 310; Zelenin Russische
Volksk. 371 f. Vgl. oben 1, 1006. Man führt
das auf antiken Einfluß zurück: Fehrle Jo¬
hannistag 13. «) Wolf Beitr. 2, 386; ZfVk. 29,
41 1 ; Boeder Ehsten 87; Sartori S. u. Br. 3,
227 A. 29. 84 ) Birlinger Volkst. 2, 105. 85 )
Wlislocki Magyaren 62. 86 ) ZfVk. 4, 404.
87 ) Frazer 10, 190. Ähnlich im Dep. Vienne 10,
191. Vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 420. Auch Steine
werden zum Heil- und Fruchtbarkeitszauber ins
Feuer gerollt: Sebillot 1, 354 f. 335. 88 ) Mann¬
hardt 1, 177 ff. 513 A. 4; Sartori 3, 226 f.;
Frazer 10, 180 (Oesel). 181 (Tscheremissen).
185 (Normandie). 188 (Beauce und Perche).
192 (Südfrankreich). 199 (Cornwall). 89 ) Baum¬
garten Jahr 27. 28. »°) Mannhardt 1, 180;
v gk 5 2 4 k; Panzer Beitr. 1, 217. 219. 91 ) Panzer
2, 239.
8 . Andrerseits werden ins J. auch
Dinge geworfen, deren Verbrennung auf
die Beseitigung alles Alten, Un¬
brauchbaren, Lebensfeindlichen hin¬
zielt. Sehr häufig ist die Verbrennung
einer Strohpuppe oder „Hexe“ 92 ). Manch¬
mal ist der „Lotter“ zu Luther und seiner
Kathi geworden 93 ). Auch Tierknochen
werden im J. verbrannt 94 ), doch wohl
um das Böse femzuhalten. Selbst lebende
Wesen verbrennt man 96 ).
92 ) Mannhardt i, 502. 512 ff. 614; Sartori
3 , 228; Birlinger Volkst. 2, 100 f. 105; Baum¬
garten Jahr 27; ZföVk. 3, 8; Wolf Beitr. 2,
392; Zelenin Russische Volksk. 372. 93 ) Mann¬
hardt 1, 513 — Zingerle Tirol 159 (1333.
I 355 ); Hörmann Volksleben 119; Birlinger
Volkst. 2, 99. 94 ) Sartori 3, 227; Wolf Beitr
2, 387; MschlesVk. 21, 94 f.; Kauffmann
Balder 271 A. 3. 93 ) Mannhardt 1, 515 t.;
Sebillot Folk-Lore 3, 280 (Schlangen); v.
Gennep im Journal de Psychologie 24 (1927).
2 9 - 43 k 77 (Füchse und Katzen), über die
Katzen: Jostes Sonnenwende 1, 161 f. 175 f.
9. Auch der armen Seelen wird ge¬
dacht. Man setzte ihnen in Frankreich
Stühle oder Steine ans Feuer, damit sie
sich daran wärmen könnten 96 ).
96 ) Wolf Beitr . i, 253; Frazer 10. 183. 184;
Sebillot Folk-Lore 1, 354; Le Braz La
legende de la mort 2, 68. 50 f.
10. Glück bringt es (in Irland), wenn es
gelingt, ein brennendes Scheit vom J.
nach Hause zu bringen. Wer zuerst in
seinem Hause damit ankommt, trägt das
Glück des Jahres hinein 97 ). In Ober¬
bayern erneuert man damit das vorher
gelöschte Herdfeuer 98 ). Weiteres s. unter
Johanniskohle.
y7 ) Frazer 10, 205. 38 ) Ebd. 163. Vgl. Sar¬
tori 3, 229. Sartori.
Johannisgürtel s. Beifuß.
Johannishaupt.
1. Votivbilder, die das Haupt des Jo¬
hannes darstellen, werden gegen Kopf-
leiden geopfert; noch wirksamer ist das
Aufsetzen von Schüsseln, auf denen das
Haupt des Täufers gemalt oder einge¬
schnitzt ist, auf den Kopf des Leidenden.
Auch setzt dieser seinen Hut auf das ge¬
weihte Haupt des Johannes, betet und setzt
dann den Hut wieder auf. In der Wall¬
fahrt skapelle auf dem Tiroler Berge „Hohe
Salve“ tragen die Wallfahrer geschnitzte
Johannisköpfe um den Altar gegen
Kopfleiden J ). In Oberbayem wird ein
hölzernes J., das öfters an einer Kette
in der Nähe von Flüssen in Kapellen¬
nischen untergebracht ist, ins Wasser
geworfen, um durch sein Stillstehen die
Lagerstelle eines im Flusse Ertrun¬
kenen anzugeben 2 ).
l ) And ree Votive 146; SAVk. 14, 28711.;
Zfö\k. 10, 107; Hmtl. 14, 192; Bayer. Heimat¬
schutz 23, 40; D. Heimat, Ztschr. d. Westfäl.
Heimatbundes (Dortmund) 10 (1928), 181 f.
Gleiche Verwendung der Glocke: oben 3, 870.
;
74i
Johannishand—Johanniskrankheit
742
In Luxemburgischen Kirchen setzen sich die
Wallfahrer beim Opfergang einen Reifen oder
Kranz von Eisen auf den Kopf und opfern
auch solche Gegenstände gegen Kopfschmerzen:
Fontaine Luxemburg 110. 2 ) Meyer Baden$o$.
2. In der Grafschaft Cork (Irland) wird
ein großer Stein als das wahre Haupt
Johannes des Täufers betrachtet; bei ihm
werden Reinigungseide geleistet und Ver¬
träge abgeschlossen 3 ).
3 ) Lady Wilde Ancient legends of Ireland 240.
Johannishand s. Knabenkräuter.
4 ) Reinsberg Böhmen 309. 310; Frazer 10,
165 (Bayern). 5 ) Ebd. 195 (Belgien). 8 ) Wolf
Beitr. 2, 395. 7 ) Meyer Baden 104. 8 ) Hör¬
mann Volksleben 121. 9 ) Reiser Allgäu 2, 149;
Meyer Baden 226; Drechsler 1, 137; 2, 59;
John Erzgeb. 2 25; ZfVk. 11, 273t.; Frazer
10, 203 (Irland). 10 ) Kück u. Sohnrey 149 h;
Leoprechting Lechrain 183; Panzer Beitr.
1, 210; 2, 549; John Westb. 184; Frazer 10, 165
(Bayern). n ) Egerl. 4, 37. Vgl. Baumgarten
Jahr 28.
2. Man findet auch außerhalb des
Johannisfeuers Kohlen. Auf allen Wiesen,
wo man am Johannistage den Boden auf¬
Johanniskohle.
I. Die Asche und die Kohlen des er¬
loschenen Johannisfeuers bewahren noch
lange ihre zauberische Kraft. Um das
Haus vor Krankheiten, namentlich aber
vor Feuer und Blitzschlag zu schützen, j
nimmt man einen Brand mit nach Hause J ). j
Man vergräbt Kohlen neben das Haus 2 ) :
und unter die Türschwelle 3 ) und steckt sie
sogar mitunter noch glimmend unter
das Dach 4 ). Asche wird, mit Wasser
gemischt, gegen Schwindsucht einge¬
nommen 5 ). Ein Strauß, den man durch 1
die Glut geschwungen hat und an der !
Stalltür aufhängt, schützt das Vieh vor
bösen Mächten 6 ). In Merdingen halten
die Kinder über das Johannisfeuer ein j
mit Blumen verziertes Kreuz, das zu Hause
aufbewahrt wird, um gegen Gewitter !
gräbt, stößt man darauf. Man muß sie auf
den Fruchtboden legen, dann schützen sie
das Korn vor Würmern und das Haus vor
Blitzschlag 12 ). Wenn man am Johannis¬
mittag Schlag 12 Uhr eine Beifußpflanze
aufgräbt, so findet man unter der Wurzel
eine brennende Kohle; sobald die Glocke
ausgeschlagen hat, ist sie verschwunden.
Wenn man sie stillschweigend wegnimmt
und aufbewahrt, hilft sie gegen allerhand
Krankheiten 13 ). Auch unter anderen
Pflanzen findet man Kohlen, die zu
manchen Dingen gut sind 14 ). Man muß
dort nach Geld graben 15 ). Auch sind
solche Kohlen gut gegen Fieber 16 ).
12 ) Meier Schwaben 2, 427. 13 ) Bartsch
Mecklenb. 2, 290, vgl. 287; Witzschel Thü¬
ringen 2, 209. Linne meint, es handle sich bei
diesen „Kohlen“ um die abgestorbene Wurzel
der Pflanze: Mar zell Pflanzenwelt 26. Vgl.
zu schützen 7 ). In Tirol macht man aus
der Asche eine Lauge, mit der man den
Kühen, die mit der Läusekrankheit be¬
haftet sind, die Haut abwäscht 8 ). Sehr
verbreitet ist der Brauch, Kohlen und
Asche vom Johannisfeuer in die Felder
und Gärten zu legen 9 ). Besonders das
Gedeihen des Flachses wird dadurch ge¬
fördert 10 ). Im Egerlande trägt die Magd
oder die Tochter des Hauses das Holz
noch glimmend und rauchend eilenden
Laufes zum Flachsfelde und steckt es
oben 1, 1009 f. 14 ) Kuhn u. Schwartz 393
(94); Wolf Beitr. 2, 391; Mensing Schl.Holst.
Wb. 2, 1046. 15 ) Bartsch 2, 291. 18 ) SAVk.
15, 180. Sartori.
Johanniskrankheit heißt die Epilepsie
als eine veitstanzähnliche Krankheitsform,
die durch Genuß von Geißfleisch ver¬
ursacht werden sollte *). Von der Plage
des Johannistanzes wurden im 14. und
15. Jh. namentlich die Gegenden an Rhein
und Mosel und die Niederlande heim¬
gesucht. Erst am Veits- oder am Johannis¬
dort in eine Ecke. So hoch der Brand
steht, so hoch wächst in diesem Jahre die
Leinpflanze 11 ).
l ) Wuttke 400 (617); Wolf Beitr. 1, 217;
Knoop Posen 332 f.; Reinsberg Böhmen
309. 310; Frazer 10, 183 f. (Bretagne). 187
(Picardie). 188 (Beauce und Perche). 190
(Poitou). 191. 192. 195; Sebillot Folk-Lore 1,
106. 2 ) ZfVk. 4, 402 (Ungarn). 3 ) Reinsberg
Böhmen 310; Lippe rt Christentum 650.
tage wurden die Kranken davon befreit 2 ).
In Flandern sagt man, Gott habe den
h. Johannes mit dieser Krankheit be¬
straft, als dieser ihn vorwitzig gebeten
habe, ihm den Donner zu zeigen 3 ). Hier
ist aber der Apostel J. gemeint, der seit
alters „Wetterherr“ ist 4 ) und der auch
bei der „Gehanneskränkt“, die Kinder
beim Zahnen befällt und die davon Er-
743
J ohanniskräuter
744
griffenen wie Hähne krähen läßt, ange¬
rufen wird 5 ).
*) Höfler Krankheitsnamen 251. 317; ZfrwVk.
12, 99 f. 2 ) Uhland Schriften 3, 3990. Vgl.
auch v. Gennep im Journal de psychologie
24 (1927), 53 f. 65 f. 3 ) Hovorka u. Kron-
feld 2, 209. 4 ) SAVk. 23, 25. 6 ) Fontaine
Luxemburg 108. Sartori.
Johanniskräuter. Das Johannisfest
spielt als Sommersonnenwende im Pflan¬
zenkulte vieler indogermanischer Völker
eine große Rolle. Den an Johanni (bzw.
am Vorabend) gesammelten Kräutern
wird eine besondere Heilkraft oder Macht,
das Böse abzuwehren, zugeschrieben 1 ).
In einem Hexenprozeß zu Briancon vom
28. November 1437 bekennt der aus
Regensburg stammende Angeklagte: in
die festi s. Johannis Baptistae certas
her bas colligebat pro medicinis nomi-
natis in processu, et flexis genibus prius
ipsas adorando et extrahendo in nomine
suorum dyabolorum et in despecti dei
omnipotentis omnium creatoris 2 ). Auch
bei romanischen 3 ) und besonders bei
slavischen 4 ) Völkern stehen die J. in
hohem Ansehen. In Frankreich kennt
man sogar die sprichwörtliche Redensart
„employer toutes les herbes de la Saint-
Jean“, die besagen soll, daß man alle
Mühe daran gesetzt hat, um eine Person
zu heilen oder einer Sache zum Erfolg zu
verhelfen 5 ). In vielen Gegenden werden
Kränze oder Kronen an Johanni aus J.n
gewunden 6 ). Sie werden im Hause
oder Stall gegen Krankheit, Blitzschlag
usw. aufgehängt 7 ), auch werden sie im
Liebesorakel gebraucht 8 ). Nicht selten
werden diese Kränze auf das Dach ge¬
worfen 9 ). Im Bayrisch-Österreichischen
werden an Johanni die sog. „Sonnwend¬
buschen“ (Johannibuschen) gebunden, die
aus verschiedenen um diese Zeit blühenden
Kräutern bestehen, so in Steiermark aus
Pfingstrose, Frauenmantel, Zittergras,
Skabiose, Eichenlaub, Feuerlilie, Johannis¬
kraut, Maßlieb, Sauerampfer, Wetter¬
distel, Quendel, Bergkraut (?), Butter-
blümel oder aus Frauenhaar (Polytri-
chum), Johanniskraut, Bocksbart, Wucher¬
blume, Vergißmeinnicht, Thymian, Hasel¬
zweige, Dotterblumen und rotem Klee 10 ).
In Niederbayem besteht der Sonnwend¬
büschel aus Blättern der Hasel und
Eiche, aus Wucherblumen, Johannis¬
blumen (Amica montana), rotem und
weißem Klee, Haferrispen, Herrgotts¬
zehen (Lotus comiculatus), Sonnwend-
scheberl (Briza media), Wiesennelken,
Glockenblumen, Hosen- oder Schneider¬
knopf (Sanguisorba officinalis), meist ist
auch eine Kornähre und Klof (Alectoro-
lophus maior) dabei 11 ). Diese Sonn¬
wendbüschel sollen gegen das Einschlagen
des Blitzes schützen. In Oberfranken
winden die Mädchen an Johanni kleine
Kränze, werfen sie ins Johannisfeuer,
nehmen sie halbverkohlt wieder heraus,
beißen hinein und glauben dann, das
Jahr über keine Zahnschmerzen zu be¬
kommen 1 ~). Ähnlich werden in Frank¬
reich Walnüsse (s. d.), die noch an ihren
Zweigen hängen, im Johannisfeuer an¬
gekohlt. Wer dann hineinbeißt, solange
die Nüsse noch warm sind, ist vor Zahn¬
weh geschützt 13 ). Hier haben wir die
alte Ideenverbindung „Feuer und Zahn“
vor uns: Zahnstocher aus dem Holz eines
vom Blitz getroffenen Baumes gelten als
Mittel gegen Zahnschmerzen 14 ). Auch
sonst gelten die J. in Verbindung mit
dem Sonnwendfeuer als Präservativ gegen
Krankheiten, vgl. Beifuß (s. 1, 1006),
Rittersporn. Am Tag vor Johanni
nimmt man sog. Johannisblumen (Chry¬
santhemum leucanthemum oder Arnica
montana ?) und macht daraus ein Lager.
In der Nacht, so erzählen die Leute,
kommt der heilige Johannes und legt
auf das bereitete Lager sein Haupt. Dies
geschieht jedoch nur, wenn man beim
Pflücken der Kräuter betet und nicht
sündigt. Am anderen Morgen will man
den Eindruck seines Hauptes auf den
Blumen wirklich sehen. Diese Blumen
sind dann außerordentlich heilsam und
werden * besonders dem kranken Vieh ins
Futter gemischt 15 ). Andrerseits sind
aber die Kräuter am Johannistag auch
„tabu“, vgl. Frühlingsblumen (3, 160):
Wenn man am Johannistag an einer Blume
riecht, auf welcher der „Krebs“ (Maul¬
wurfsgrille) gesessen oder über welche
er geflogen, so bekommt man Nasen¬
krebs (vgl. den Glauben, daß man beim
745
J ohannisminne
746
Riechen an gewissen Frühlingsblumen
wie Märzglöckchen oder Seidelbast eine
„wehe“ Nase bekomme!). Darum ist es
am besten, am Johannistag an keiner
Blume zu riechen. Was über der Erde
wächst wie Salat, Erdbeeren usw. darf
man am Johannistag nicht pflücken,
denn der „Krebs“ könnte es berührt
haben 16 ).
x ) Schroeder Arische Religion 2 (1916),
265 ff. 271; Frazer Balder 2 (1913), 45—75;
Heckscher 386 f. 2 ) Hansen Hexenwahn 543.
3 ) Sebillot Folk-Lore 3, 474; ATradpop. 16,
287. 4 ) Yermoloff Volkskalender 290. 292;
Praetorius Deliciae pruss. 25; Schulenburg
254; Arnaudoff Die bulgar. Festbräuche 1917,
69; Strauß Die Bulgaren 1898, 348; Guber-
natis Myth. des plant. 2, 181; FFC. 52, 268.
4 ) Sebillot a. a. O. 6 ) Reichhardt Deutsche
Feste 1908, 170. 7 ) ZfVk. 7, 147; Wirth Bei¬
träge 6/7, 31; Wrede Rhein. Volksk. 193;
Geramb Brauchtum 62; Panzer Beitrag 1, 212.
8 ) Frazer Balder 2 (1913), 53. °) z. B. Wrede
Eifeier Volksk . 2 223. 10 ) Unger u. Khull
Steir. Wortsch. 368. 598; vgl. auch Geramb
Brauchtum 62. n ) Marzeil Bayer. Volksbotanik
45. 12 ) ebd. 44 f. 13 ) Rolland Flore pop. 4, 59.
14 ) Wuttke 97 § 121, vgl. auch Plinius Nat.
hist. 28, 45. 15 ) Grohmann 98. 16 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 289, vgl. Drechsler i, 289.
Literatur: Siehe auch Neunerlei Kräu¬
ter. Konrad Bohner Johanniskräuter
Heimatbilder aus Oberfranken 1 (1913),
248—252; H. Bardy Les herbes de la Samt
Jean, sorcellerie et medecine (Bull. med. des
Vosges 1894); Bertrand La religion des
Gaulois 1897, 122—139. Marzeil.
Johannisminne. I. Die Minne Jo¬
hannes des Evangelisten.
1. Die ältesten Belege. — 2. Zusammenhang
mit altgerman. Minnetrunk. — 3. Der kathol.
Weiheritus. — 4. Die geweihte J. im kirchlichen
Gebrauch. — 5. Die geweihte J. im Laien¬
gebrauch. — 6. J. als Abschiedstrunk. — 7. J.
vor dem Sterben und bei der Hochzeit. —
8. Vereinzeltes.
1. Dem Andenken des Heiligen Jo¬
hannes Evangelista einen Minnetrunk x )
darzubringen, ist eine Sitte, die uns in
häufigen Zeugnissen seit dem 12. Jahr¬
hundert begegnet. Die Selbstverständ¬
lichkeit und Regelmäßigkeit, mit der
des Brauches in den Epen der mhd. Zeit
Erwähnung getan wird, beweist füglich,
daß der Brauch durchaus volkstümlich
und zu dieser Zeit an Rhein und Donau
allgemein bekannt war; andrerseits läßt
die Tatsache, daß er früher überhaupt
nicht erwähnt wird, vermuten, daß er
seine endgültige Ausbildung und Ver¬
breitung nicht vor dem n. Jahrhundert
erfahren hat. — Die frühen Quellen des
12. und 13. Jahrhunderts zeigen uns
in großer Übereinstimmung die J. als
Abschiedstrunk vor der Reise, als hö¬
fische Sitte, wie sie vom Gastgeber
an den ritterlichen Gästen 2 ), von der
Dame an den scheidenden Geliebten 3 ),
vom gewappneten Kämpen vor der
Schlacht geübt wurde 4 ), zunächst wohl
nur als letzter gemeinsamer Trunk des
Reisenden mit den Zurückbleibenden,
dem ein frommer Gedanke, ein guter
Wunsch für die Fahrt, gleichsam als Toast
beigefügt wurde, sehr bald jedoch mit
dem immer stärker werdenden Neben¬
gedanken, dieser Trunk habe an sich die
Kraft, daz wir vroel/ch ze samen schiere
komen müezen 5 ) und wer in träne, der
waz behnt vor schaden und vor leide 6 ).
Auch den Wein vor dem Genuß zu segnen,
scheint schon im 3. Jahrhundert gelegent¬
liche Übung gewesen zu sein 7 ). Im Os¬
wald bringt der Rabe als Bote sant Jo¬
hannes minne 8 ); hier hat das Wort noch
nicht die Bedeutung eines Abschieds¬
trunkes, den es an anderen Stellen des¬
selben Epos 9 ) schon aufweist; so zeigt
uns diese früheste Quelle den Entwick¬
lungsgang des Brauches. Auch bei
Hochzeiten ist es bereits im 13. Jahr¬
hundert nach dem Ausweis des Augs¬
burger Stadtrechtes 10 ) gelegentlich Sitte,
J. zu trinken: Der Abschiedstrunk wird
bei allen nur möglichen Gelegenheiten
genossen, u. a. auch als Schlußtrunk bei
Gelagen, wie er uns in der Weinprobe
begegnet u ). So zeigen uns die frühesten
Belege, die für den Brauch die Bezeich¬
nungen sant Johannes segen 12 ) und sant
Johannes minne 13 ) oder beide (sant Jo¬
hannes minn und segen 14 )) gebrauchen,
ihn bereits in voller Entwicklung zu der
Mannigfaltigkeit der späteren Jahrhun¬
derte bis zur Gegenwart.
x ) Vgl. den Artikel Minne. 2 ) Dietrichs erste
Ausfahrt 43, 12 f.; Salomon und Morolf v. 3103;
Ottokar Reimchronik v. 97882. 3 ) Minne¬
kloster (Laßberg Liedersaal 2, 262). 4 ) Erek
v. 8650 f. 6 ) Minnekloster a. a. O. •) Dietrichs
1. Ausfahrt 43, 10 ff. 8 ) Vgl. Wrede Rhein.
747
Johannisminne
748
Volksk. Anm. 419. ®) hg. Ettmüller v. 610.
1127. 1225. 10 ) Meyer Stadtbuch von Augsburg
S. 244. n ) Vgl. Zingerle Johannissegen 185.
12 ) Erek v. 8651; Weinprobe a. a. O.; Salomon
und Morolf v. 3103. 13 ) so stets im Oswald;
Ottokar Reimchronik v. 97883; Minnekloster
a. a. O. 14 ) Dietrichs 1. Ausfahrt a. a.O. Weitere
Belege bei Grimm Myth. 1, 49 f.
2. Nach diesen frühesten Quellen kann
es kein Zweifel sein, daß ein unmittel¬
barer Zusammenhang der J. mit einem
bestimmten Götterminnekult nicht be¬
steht lö ). Die Sitte des Minnetrinkens
wurde zwar aus heidnischer Zeit über¬
nommen und, wie es die Gelegenheit,
die örtlichen Verhältnisse und die be¬
sondere Beliebtheit gewisser Heiliger be¬
dingten, auf einzelne Heilige übertragen,
u. a. in ziemlich später Zeit auch auf
Johannes, viel später als auf Stephan 16 ),
und auch auf Gertrud 17 ). Karl der Große,
der gegen die Auswüchse des Minnetrin¬
kens einschreitet 18 ), benennt die J.
nicht; sie war also zu jenen Zeiten noch
nicht volkstümlich und allgemein ver¬
breitet. Die Übertragung auf Johannes
geschah also zu einer Zeit, als die alten
Götter längst vergessen waren; die Tat¬
sache, daß die J. höfische Sitte wurde,
trug entscheidend zu ihrer raschen Ver¬
breitung und Ausbildung bei.
15 ) Zingerle Johannissegen S. 197 ff. sucht
Zusammenhang mit Frö = Freyr. 16 ) Vgl. den
Artikel Stephansminne. 17 ) Vgl. den Artikel
Gertrudenminne. 18 ) Vgl. den Artikel Karls¬
minne.
3. Den wesentlichsten Anteil an der
Erhaltung, Verstärkung und Ausbildung
der J. hat die katholische Kirche,
die, anscheinend am Ende des 12. Jahr¬
hunderts, die Sitte ihrem Kult ein¬
fügte. Sie tat dies zweifelsohne, um
einem unausrottbaren Volksbrauche, der
bedenkliche Neigung zum Aberglauben
und zur Völlerei aufwies, einen neuen,
vertieften Inhalt zu geben. Da sie nicht
an seine Bedeutung als Abschiedstrunk,
die er im Volke hatte, anknüpfen konnte—
Johannes Evangelista ist zwar der
Patron wahrer Freundschaft (als Lieb¬
lingsjünger und Freund Christi), nicht
aber der Schirmer für Reisende 19 ) —,
mußte sie dem Brauche einen andern Sinn
geben; sie benutzte hierzu die bekannte
| Legende, wonach Johannes dadurch, daß
er einen Giftbecher ohne Schaden leerte,
einen Christenfeind bekehrte (in Rom,
I Milet oder Ephesus) 20 ). Das Gebet,
j das er dabei gesprochen haben soll, ist
j die Keimzelle der kirchlichen Weihe-
i formein, die uns seit Beginn des 13. Jahr-
| hunderts in deutschen Missalen und
nur in solchen 21 ) begegnen. Auch durch
diesen Umstand und durch die Tatsache,
I daß in allen Weiheformeln das Wort
arnoY in der üblichen Weise das deutsche
minne übersetzt, ist erwiesen, daß der
kirchliche Ritus auf deutsch-volkstüm¬
licher Grundlage beruht; er fehlt auch
in den andern germanischen Ländern
(Skandinavien, England) völlig. — Mit
der Einbeziehung in den kirchlichen
Ritus erfolgte auch die prinzipielle Fest¬
legung des Weiheaktes auf den 27. XII.;
nur ganz gelegentlich wird eine Weihe nach
Bedarf gestattet 22 ), und die österrei¬
chische Weiheformel des 14. Jahrhunderts,
die den Akt für den zweiten Ostertag
vorschreibt, bleibt ganz vereinzelt.
19 ) D. H. Kerler Die Patronate der Heiligen
(1905) S. 122. 20 ) Vgl. hierzu und zum Fol¬
genden Franz Benediktionen 1, 294 ff.; ZdVfV.
b. 185; Birlinger Volksth. 2, 457 (Legende
von 1439); ZfdMyth. 3, 58, 300 (Volkslieder
und Meistersingerlieder); ganz verfehlt K.
Zickendraht SAVk. 23 (1920), 26 f. Gegen
Gift waren auch andere Heilige, z. B. Bene¬
dikt v. Nursia, Jacobus de Marchia, Konrad
v. Konstanz und Norbert, gefeit. 21 ) Daß einige
norditalienische Missalien die Weiheformel
kennen, erklärt sich wohl durch deutsche
Beeinflussung. 22 ) Franz Benediktionen 1, 326.
4. Der ursprüngliche Sinn, den die
Kirche der J. beilegen wollte, war wohl
der eines Segenstrunkes, durch den die
ihn Genießenden der umfassenden Men¬
schen- und Gottesliebe des Evangelisten
teilhaftig werden sollten. Nach der
Weihe teilte der Priester aus gemein¬
samem und besonders für diesen Zweck
bereitgehaltenem Pokal, wie ein solcher
vom Anfang des 14. Jahrhunderts noch
im Regensburger Dominikanerkloster auf¬
bewahrt wird den Gläubigen den
geweihten Wein mit den Worten: ,,Bibe
amorem St. Johannis in nomine patris
et filii et Spiritus sancti“ an der Kommu¬
nionbank aus. In dieser Form hat sich
749
Johannisminne
750
die Sitte noch in vielen katholischen
Landgemeinden Deutschlands erhalten,
so am Rhein (Rundgang um den Hoch¬
altar 24 )), in der Eifel 25 ), in Baden 26 ),
Württemberg 27 ), im Allgäu 28 ), im Lech¬
rain 2Ö ), in Oberbayem 30 ) und in der
Steiermark 31 ). Weinstiftungen für diesen
Zweck sind uns seit dem 14. Jahrhundert
bezeugt, so aus Wörth (Steiermark)
von 1321 32 ), aus Neunkirchen (ebda.) von
X352 33 ), aus Leoben (ebda.) von 1384 34 ),
aus Regensburg von 1466 (Stiftung eines
Amtes und 30 Messen, nach denen J.
gereicht werden sollte) 35 ), aus Plassen-
burg von 1484 36 ), für die Pegnitzer
St. Gilgenkirche aus derselben Zeit 37 ).
Bei dem weiten und ganz anders orien¬
tierten volkstümlichen Gebrauch der J.
konnte es jedoch nicht ausbleiben, daß
die Kirche auch die eine oder andere volks¬
tümliche Sitte mit ihrem Ritus verband;
so erlauben einige Missalien Weihe und
Austeilung auch vor Reisen, indem sie
an die alte Bedeutung der J. anknüpfen 37 ),
andernorts wurde sie Pilgern als Schutz
gegen Gefahren, Besessenen bei Tob¬
suchtsanfällen, Soldaten, die ins Feld
zogen 38 ), Verbrechern vor ihrem Todes¬
gange 39 ) kirchlich gereicht. 1431 er¬
hielten so z. B. die Regensburger Krieger,
die gegen die Hussiten auszogen, kirchlich
geweihten und dargebotenen Johannis¬
segen 40 ), im 16. Jahrhundert war es in
Regensburg üblich, am 1. I. ihn den
Gläubigen für ein glückliches neues Jahr
zu reichen 41 ). Besondere Ausbildung
hat jedoch der Brauch gefunden, ihn
vom Priester nach der kirchl. Trauung
dem Brautpaare und den Hochzeits¬
gästen darbieten zu lassen, auch dies
eine Anlehnung an die alte volkstümliche
Sitte. Dann , falls wein (nämlich ge¬
weihter Wein) da ist , beginne der priester
und reiche den trunk dem bräutigam, dann
der braut und dem umstände , haben sie
keinen wein , dann darbet alle , bestimmt
eine Agende aus Sagan (Schlesien) um
die Mitte des 15. Jahrhunderts 42 ); das
Pfarrbuch von Reinhardshausen (Schwa¬
ben) überläßt den an der Hochzeit üb¬
lichen und überbliebenen St. Johannes¬
wein dem Pfarrer *). Solcher Johannis¬
segen oder Johannislieb ist heute noch
bei Hochzeiten in Bayern 44 ), Baden 45 ),
in der Pfalz 45 ' 1 ), am Lechrain (hier
nimmt das Brautpaar zwei Schlücke, alle
übrigen nur einen) 46 ) und in Steiermark 47 )
gelegentlich bekannt; auch die Russen
und Griechen kennen eine Darbietung
von Wein nach der Brautmesse (das
griechische Brautpaar zerbricht den Becher
nach dem Trunk 48 )). Diese Sitte wur¬
zelte im Volke so stark, daß sie sogar
noch im 17. Jahrhundert in protestantisch-
pietistischen Kreisen, so 1659 bei der
Hochzeit der Stieftochter der Herzogin
von Holstein mit dem Grafen Zinzendorf,
geübt wurde 49 ); ob sie durch den manchen¬
orts üblichen Brauch, daß der Pfarrer
zur weinkäuflichen Kopulation hinzu¬
gezogen wurde 50 ), verstärkt wurde, mag
dahingestellt bleiben. Die Reformation
verbot natürlich für ihre Gegenden die
kirchliche Weinweihe (so z. B. die Pfalz-
Neuburger Kirchenordnung von 1543 61 ));
i damit vernichtete sie auch den weltlich-
i volkstümlichen Brauch mit allen seinen
Weiterungen in ihren Geltungsbezirken.
23 ) Jung Germanische Götter und Helden in
christlicher Zeit (1922) 59 ff. 24 ) Wrede Rhein.
Volksk. 203. 25 ) Wrede Eifier Volksk} 203.
2# ) Meyer Baden 490. 27 ) Kapff Festgebräuche 6;
Tylor Cultur 1 87. 28 ) Reiser Allgäu 2 24.
29 ) Leoprechting Lechrain 211. 30 ) Bavaiia 1
387. 3l ) Geramb SteirVk. 58. 32 ) ZdVfV. 6 (1896),
186 f. 33 ) Ebd. 187. 34 ) Ebd. 187 f. 36 ) Zingerle
Johannissegen 192 f. 38 ) Ebd. 37 ) Ebd. 38 ) Franz
Benediktionen 1, 329; 2, 572. *•) Macken¬
sen Henkersmahl und Johannisminne ZRG.
Germ. Abt. 1924, 325 ff. 40 ) Zingerle Jo¬
hannissegen 192 f. 41 ) Franz Benediktionen
1, 328; auch der Rat ließ am Neujahrstage Jo¬
hanniswein in der Kirche reichen. Eine Aus¬
teilung zu Weihnachten verfügen auch die
Weistümer: Grimm Weist. 1, 241. 243. 42 )
Klapper Schlesien 298. 43 ) Birlinger Schwaben
2, 121. **) E. H. Meyer Germ. Myth. 213;
Quitzmann Baiwaren 89 f.; Jung Germanische
Götter und Helden in christlicher Zeit (1922) 60
(Chiemgau). 45 ) Meyer Bade» 246. 45 *) Becker
Pfalz 294 (g’hannswein). 46 ) Leoprechting
Lechrain 243. 47 ) G. Busch an Das deutsche Volk
in Sitte und Brauch (1924). 48 ) F. X. Schmidt
Johannissegen (Wetz er-Welte Kirchenlexikon
5, 265). 4# ) G. Frey tag Bilder aus der deutschen
Vergangenheit 4, 35. 60 ) M. Diehl Zur Ge¬
schichte des Gottesdienstes und der gottesdienst¬
lichen Handlungen in Hessen (1899) 308.
61 ) W. Hoffmann Den Johannes segen trinken
(HessBl. 23, 111). Daß diese hessische Sitte,
75i
J ohannisminne
752
die der Braut vorschreibt, am Hochzeits¬
morgen Weinsuppe zu essen, um mit Kindern
gesegnet zu werden {Seligmann 2, 96), als
Rudiment des hochzeitlichen Johanniswein¬
trinkens aufzufassen ist, bezweifle ich. Auch
der oberkärntnerische Hannsenwein, der von
der corona getrunken wird, wenn ein Bursche
beim Mädel von seinen Kumpanen überrascht
wird (Germania 31, 346 f.), gehört kaum hierher.
5. Dadurch, daß die katholische Kirche
es nicht verstand, den von ihr umgestal¬
teten Brauch in der von ihr gewählten
Bedeutung rein zu erhalten, öffnete sie
selbst einer großen Zahl von abergläu¬
bischen Auswüchsen Tür und Tor. Ver¬
hältnismäßig selten und ungefährlich
scheint die volkstümliche Ansicht, die
in der J. eine Art Abendmahl er¬
blickt 52 ), gewesen zu sein. Ungleich
folgenschwerer wurde die Einführung
der Sitte, daß Hausvater und Körper¬
schaften eigenen Wein zur kirchlichen
Weihe bringen durften, den sie nach
erfolgter Weihehandlung wieder mit-
nahmen: so gelangte der geweihte Wein
in die Privathäuser, und was mit ihm
geschah, war der kirchlichen Aufsicht
entzogen. Ursprünglich war die Sitte
wohl so gemeint, daß der Hausvater
beim festlichen Mittagstisch die J. feier¬
lich austeilen sollte, wie dies heute noch
in Schwaben 53 ), Steiermark — dort
heißt der Brauch ,,Weinhansel“ 54 ) —, in
Westböhmen 54a ) und in andern katho¬
lischen Gebieten geschieht; dabei scheint
es, in Anlehnung an die kirchliche Weihe¬
formel, früh üblich geworden zu sein,
eine Art Segensspruch als Toast zu
sprechen, der ausdrücken sollte, was man
sich von dem Umtrunk erhoffte 5S ). Am
beliebtesten und verbreitetsten blieb bis
in unsere Tage der Vers:
Am Johannissegen
Ist alles gelegen 56 ).
So ließ sich auch die Münchener Schuh¬
macherinnung zehn Kannen mit Wein
weihen, die nach dem Hochamt in feier¬
licher Form unter die einzelnen Mit¬
glieder verteilt wurden 57 ). Daß 1657
im Stift Seckau Johanniswein für die
Mahlzeit nur den Herren im Domstift
und dem Spital zugebilligt wurde 58 ),
läßt darauf schließen, daß man wenigstens
gelegentlich versuchte, gegen den häus¬
lichen Mißbrauch einzuschreiten. — Die
über den kirchlichen Sinn hinausgehende
Bedeutung, die das Volk dem geweihten
Wein zumißt, wurzelt in dem Gedanken,
daß ein Trunk geweihten Weines als
gleichsam inwendig getragener Talisman
Schutz gegen allerlei Übel gewähren
könne. Dem kirchlichen Sinn angenähert
ist die im Badischen 59 ) und Schwäbischen 60 )
gelegentlich geäußerte Hoffnung, die J.
bewirke eine allumfassende Menschen¬
liebe. Auf kirchlicher Basis beruht auch
der Glaube, sie schütze gegen Gift und
schädliche Speisen 61 ), wie er uns in
Luxemburg 62 ), Schwaben 63 ) und andern¬
orts begegnet; es ist nur eine Folgerung
hieraus, wenn man weiterhin meint, sie
helfe gegen alles unheimliche Böse, be¬
sonders gegen Zauberei 64 ), Gespenster 65 ),
den Teufel 66 ), Hexen 67 ), den bösen
Blick 68 ) und Gewittergefahr 69 ), wenn man
sie Verhexten eingibt 70 ), dem Wein in
den Fässern beimischt, damit er nicht
schadhaft werde 71 ), dem Vieh gegen
Verzauberung zu trinken gibt 72 ), dem
ersten Kindsbad 73 ) sowie der letzten
Ölung 74 ) etwas von ihr zusetzt und
schließlich meint, sie helfe gegen allerlei
Krankheiten: so wird der Johannissegen
sorgsam das ganze Jahr als kräftige Haus¬
medizin aufgehoben, die auch gegen allerlei
Unheil hilft 75 ). Sind in allen diesen Ver¬
wendungen schon starke Ansätze zu
zauberhaftem Gebrauch deutlich, so ge¬
winnt der Zauber die Oberhand, wo die
J. zur Fruchtbarmachung der Felder be¬
nutzt wird, indem man etwa wie in Nieder¬
bayern (Lichtensee) das Antlaßkreuz mit
Johanniswein begießt 76 ), das Gründonners¬
tagsei, das mit Brot, Salz und geweihten
Kräutern der ersten Garbe beigefügt
wird, mit ihm bespritzt 77 ), ihn auf die
Erde oder auf die Felder sprengt 78 ),
oder die Bäume gegen Raupengefahr in
der Weihnachtsnacht mit einer Mischung
von Küchenasche und Johanniswein be¬
spritzt 79 ). Man trinkt auch die J. als
Stärke (Männer) und Schöne (Frauen),
um stark und schön zu werden 80 ), oder als
Mittel, die Zwietracht zwischen Eheleuten
zu beseitigen 81 ). Der magyarische
Brauch, die Eingeweide des Viehs, das
753
J ohannisminne
754
den Weihnachtsbraten abgegeben hat,
mit Johanniswein zu übergießen, um am
nächsten Tage aus ihnen zu weissagen
{Heiratsorakel) 82 ), ist in Deutschland
nicht bekannt 83 ).
62 ) Wuttke 141 § 194; Götzinger Real¬
lexikon (1885) 437 f. 53 ) Wuttke 141 § 194.
M ) Rosegger Steiermark (1914), 367 ff.
***) John Westböhmen 24. 55 ) Johannessegen
aus älterer Zeit s. ZdVfV. 1, 319; Erk-Böhme
3, 802 f. {Ende des 14. Jh., gereimt); Franz
Benediktionen i, 331 f. (ebf.); moderne: SAVk.
14, 273; ZdVfV. 6, 184 f.; Birlinger Volksth.
2, 112; Zingerle Johannissegen 179; Vonbun
Beiträge 133 f. 56 ) Reinsberg Festjahr 398;
Zingerle Johannissegen 179; Vonbun Beiträge
133 f. 57 }Quitzmann Baiwaren 250f. 58 ) ZdVfV. j
6 , 185. 69 ) Meyer Baden 490. 60 ) Kapff Fest - !
gebrauche 6. 61 ) So schon Burkard Wal dis 3,
13: Johannes zu behüten hat — Das eim ge¬
trunken Gift nicht schad; ferner Zedier Univer-
sallex. 36 (1743), 1260; Birlinger Volksth. 2,
ui; Wuttke 141 § 194; Preuß Johannes im
Wandel der Jahrhunderte (1922) 7; E. H. Meyer 1
Germ. Myth. 218. 62 ) Fontaine Luxemburg 10. !
63 ) Birlinger Schwaben 2, 122. 64 ) Ebd.;
Wuttke 141 § 194; Birlinger Volksth. 2, m.
65 ) Mailly Friaul 114; Böckel Volkslieder j
XXXVIII f. 66 ) Ebd. 67 ) Meyer Baden 559.
M ) Kondziella Volksepos 152 (Pustertal).
• 9 ) Wuttke 304 § 448; Kondziella Volksepos
152 (Lechtal); Jahn Opfergebräuche 270 (Tirol);
E. H. Meyer Germ. Myth. 218; Preuß Johannes
im Wandel der Jahrhunderte (1922) 7; Bir¬
linger Schwaben 2, 122. 70 ) Heyl Tirol 292
Nr. 110. 71 ) Hoffmann Ortenau 53; Wuttke
141 § 194; Fontaine Luxemburg 10; Bir¬
linger Schwaben 2, 122; Meyer Baden
490; Preuß Johannes im Wandel der Jahr¬
hunderte 7; Jahn Op {ergebrauche 270 (Rhein¬
pfalz). 72 ) Kapff Festgebräuche 6; Wlislocki
Magyaren 32 (Siebenbürgen). 73 ) Meyer Baden
16. 491. 74 ) Ebd. 491. 75 ) Fontaine Luxemburg
10; Meier Schwaben 2, 467; Birlinger Schwaben
1, 420; 2, 122. 126; Bavaria 1, 387; Jahn Opfer¬
gebräuche 272 (Oberbayern: gegen Gicht, Taub¬
werden, für Wachstum der Kinder); Spiel vom
Neithard (Keller 2, 432, 21); Matthesius
Von der Sündfluth 394; Wuttke 141 § 194;
ZdVfV. 6, 185; Lammert 27 (Oberbaiern);
Manz Sargans 50; J. zur Herstellung des Salz¬
steines (Santehanssegens) benutzt: Reiser
Allgäu 2, 24; Leoprechting Lechrain 211.
7e ) Jahn Opfergebräuche 82. 77 ) Ebd. 158.
78 ) Wuttke 292 § 427. 79 ) Ebd. 427 § 669.
Ä0 ) Seb. Frank Weltbuch 1 (1567), 132; Burkard
Waldis Das Päpstisch Reich 3, 5 nach Nao-
georgus Regnum Papisticum 4 (1553), 133;
H. Preuß Johannes im Wandel der Jahrhun¬
derte (1922) 7. 81 ) Birlinger Aus Schwaben 1,
426; Rippel Alterthumb, Ursprung und Be¬
deutung aller Ceremonien (1723) 64. 82 ) Wlis¬
locki Magyaren 33. 83 ) Vgl. zum ganzen Ab¬
schnitt Zingerle Johannissegen 180 ff.; Franz
Benediktionen 1, 330 ff.; Thomasius D« poculo
St. Johannis.
6. Neben diesen auf dem kirchlichen
Gebrauch fußenden Verwendungen der
J. und z. T. durch sie stark beein¬
flußt läuft die J. in ihrer alten Form
als Abschiedstrunk durch die Jahrhun¬
derte bis zur Gegenwart. Bei Oswald
von Wolkenstein bedeutet minne sanct
Johans den Abschiedskuß, den man sich
vor dem Scheiden gibt 84 ); in mehreren
Verordnungen des 14.—16. Jahrhunderts
wird bestimmt, daß am Abschluß der
Verhandlungen J. oder Johannesliebe
_• «
(falsche Übersetzung des kirchl. amor
Johannis?) zu reichen sei 85 ). In Hein¬
rich von Wittenweilers ,,Ring“ rufen die
Bauern beim Abschied: ,,trinkt hin Sant
Johansen segen“ 86 ). Man pflegte sich
Sant Johan ze bürgen zu setzen 87 ), daß
man wieder fröhlich und gesund zu ein¬
ander käme. Der Zeugnisse für J. als
Abschiedssegen im 15. und 16. Jahr¬
hundert sind so viele 88 ), daß wir wohl
nicht fehlgehen, in ihr einen der leben¬
digsten und verbreitetsten Bräuche der
Zeit zu sehen. Auch Luther gab schei¬
denden Besuchern gerne Johannistrunk
und -segen 89 ) und erwähnt die Sitte des
öfteren in seinen Werken 90 ). Wer sie vor
der Reise übte, war gefeit gegen allerlei
Gefahren; davon weiß die Zimmernsche
Chronik einige Fälle zu berichten 91 ). Der
Brauch, J. am Schluß des Mahles zu
trinken, wurde immer allgemeiner 92 ),
auch hier erhoffte man von dem Trünke
einen ungefährdeten Heimweg 93 ). So
kam der Name die Letze für den Jo¬
hannissegen auf, der immer mehr zur
üppigen Trinksitte und zur euphemisti¬
schen Bezeichnung für einen kräftigen
Umtrunk wurde 94 ), den man, wenn er
einem dargeboten ward, nicht abschlagen
durfte 95 ). Nur in besonders frommen
Familien wurde er etwa als segenbrin¬
gender Freundschaftstrunk empfunden 96 ),
sonst bot er willkommene Gelegenheit
zu lustigem Gelage 97 ), gegen das u. a.
das Soester Ministerium 1728 einschreiten
mußte 98 ). Protestantische antikatho¬
lische Schriften fanden in dem Brauch
755
Johannisminne
756
eine willkommene Gelegenheit, die Schwe¬
sterkonfession zu schmälen 99 ); ihre
Schilderungen werden kaum übertrieben
sein, wo selbst katholische Verteidigungs¬
schriften, die den Brauch in reinerer
Form gern retten wollten, die Mißstände
in derbster Form rügen mußten 10 °). Noch
heute ist der Johannissegen als Abschieds¬
trunk in manchen katholischen Gebieten
üblich, so in Böhmen, wo er auch als
Versöhnungstrunk fungiert 101 ), in Bayern,
wo man einige Tropfen, den Becher rück¬
wärts über den Kopf schwingend, zur
Erde fallen läßt 102 ), gelegentlich in Öster¬
reich (Schlußtrunk bei Gastmählern) 103 ),
bei den Lausitzer Wenden, bei denen er
swjaty Jan heißt 104 ), in der Oberpfalz,
wo er die Heimkehrenden vor Gespenstern
beschützt 105 ) und andernorts 106 ). Ge¬
legentlich wird er auch als Mittel gegen
die Gefahr des Ertrinkens gehalten 107 ).
Beachtenswert ist die Form, in der er
beim Abgang eines Salzzuges von Passau
nach Regensburg ausgebracht wurde 108 );
hier war auf dem Boden des Gemein¬
schaftslebens der Salzfahrerinnung ein
strenger Ritus entstanden, der übrigens
auch anordnete, daß einige Tropfen rück¬
wärts zu verspritzen seien. Die bayrischen
Donaufischer benetzten mit dem Johannis¬
segen ihre Geräte, auf guten Fang hof¬
fend 109 ). Bei allen diesen Sitten wurde
und wird zwischen geweihtem und unge-
weihtem Wein nicht sehr unterschieden;
es mag auch bezweifelt werden, daß aller
Johanniswein, den in katholischen Ge¬
genden die Wirtshäuser am 27. XII. feil¬
bieten, geweiht sei. In protestantischen
Gegenden ist der Brauch naturgemäß ver¬
schwunden; nur in der niederrheinischen
Sitte, vor dem Auseinandergehen noch das
Scketmeschen miteinander zu trinken 110 ),
zeigt sich vielleicht noch ein dürftiges
Rudiment der alten Sitte.
84 ) Vgl. Grimm Myth. 3, 31. 85 ) Grimm
Weistümer 1, 562. 564; Mon. Boica XXXV a
138. 88 ) hg. Bechstein 96. 87 ) Laßberg
Liedersaal 3, 313; Zingerle Johannissegen
184 f. 88 ) Weimarer Jahrbuch 6, 29; G. Grupp
Kulturgeschichte des Mittelalters 6 (1925), 73,
196; AltdBlätter 1, 413; auch bei Grimmels¬
hausen: Amersbach Grimmelshausen 2, 47.
8# ) Klingner Luther 130. 90 ) Götze Luther 31.
M ) Hg. Barack 2, 121; 3, 201; Birlinger
Schwaben 2, 121. 92 ) B. Wagner erwähnt ihn
des öfteren, so im Kirchenspiegel (1595) 108,
Passionale (1612) 127; aus einer gereimten
Tischzucht des 16. Jh. bei Boeckel Volkslieder
XLI; KapfenbergerRatsprotokolle(i684—1709):
ZdVfV. 6, 186; Kondziella Volksepos 152.
In Basel verlangten unverschämte Bettler im
15. Jahrhundert gansbraten und gebackene
hühner und johannes genug: Jung Germanische
Götter und Helden in christl. Zeit (1922) 60;
häufig in Fastnachtsspielen. ® 3 ) B. Wagner
Passionale (1612) 127. 94 ) Vgl. die Belege unter
92. 95 ) SAVk. 14, 272 f.; Birlinger Schwaben
2, 126; Zimmernsche Chronik 3, 201. 98 ) SAVk.
14, 272 f. ; Knauer Hundertjähriger Kalender
2 (1863), 79. 97 ) Laube Teplitz 37. 98 ) Sartori
Westfalen 167. ") So Nicolaus Gryse
Spegel des antichr. Pawestdoms (1593); Matthe -
sius Von der Sündfluth 394; Thomasius
De poculo St. Johannis ; Albertinus Lucifers
Königreich und Seelengejaidt (hg. Liliencron)
196 (a. 1616). 100 ) Abrahamisches Gehab Dich
wohl (1729) 364 ff. 101 ) Reinsberg Festjahr
398. 102 ) Meyer Baden 491; Wuttke 141
§ 194. 103 ) ZföVk. 3 (1897), 9. 104 ) Haupt
Lausitz 2, 194 Nr. 305. Im Slav., Mähr, und
oberschles. Polen swddian: Alemannia 1 (1873),
197. 105 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 187.
106 ) In Nassau und am Oberrhein: Boeckel
Volkslieder XLI, vgl. ferner Weinhold Frauen
2, 191; Albers Das Jahr 248 f.; J. Aschbach
Kirchenlexikon 1 (1846), 281; Franz Bene¬
diktionen 2, 271; ZdVfV. 8. 396; 9, 356;
Wuttke 404 § 629. 107 ) DG. 13, 183. 108 )
Panzer Beitrag 2, 231; Sartori 2, 161. 109 )
Panzer Beitrag 2, 231. no ) Fontaine Luxem¬
burg 10; hildesheimisch: die scheidelkanne
trinken: Grimm Myth. 3, 31.
7. J. vor dem Sterben zu begehren, ist
mit dem 19. Jahrhundert aus dem Volks¬
brauch geschwunden. Dürer berichtet
von seiner Mutter: sy begert awch for
zw trvnken sent Johans segn 111 ); der
Nürnberger Ritter Curat v. Haideck
verlangte ihn vor seiner Ermordung 112 ),
Betha Bonas letzter Wunsch vor ihrem
Tode zielte auf ihn n3 ). Wenn eine
Biberacher Chronik des 17. Jahrhun¬
derts bestimmt, die Siechenmagd solle
alle Nacht zwei Kannen guten alten Weins
den Kranken zur J. bereithalten 114 ),
so ist auch hier wohl an Sterbende zu
denken. Geilers ,,Höllischer Löwe" setzt
Sant Johannes segen nemen = sterben 115 ).
Seltsam berührt eine sehr frühe Verord¬
nung aus Amiens (a. 1407), die unter¬
sagt, daß die Leichenzüge an allen
Straßenecken halt machen, um Jo¬
hanniswein zu trinken 116 ). Hat sich hier
757
J ohannisminne
758
U
fl
der Minnetrunk in seiner alten Form
(= Totengedächtnistrunk) erhalten? —
Auch Delinquenten vor oder auf ihrem
letzten Gange wurde J. gereicht 117 ),
ebenfalls ein seit dem 18. Jahrhundert
beate Johanneis praecursoris) 1 ), und auch
in einem Liede von Heriger wird Johannes
paptista pincerna 2 ) erwähnt. In diesen
frühen Zeugnissen tritt uns somit der
typische Heiligenminnetrunk der ersten
nicht mehr zu belegender Brauch. — Da¬
gegen hat sich die J. bei Hochzeiten
gelegentlich bewahrt, so in Groß-Schönach
(Baden), wo sie von den Brautleuten vor
dem Kirchgang genossen wird 118 ), in
Tirol 119 ) und österreichisch-Schlesien 12 °).
m ) Lange-Fuhse Dürers schriftlicher Nach¬
laß (1893) 13. 112 ) Chroniken der deutschen
Städte 3, 149 (Meisterlins Nürnberger Chronik).
U3 ) Seraphische Liebes flammen (1769) 50.
114 ) Birlinger Volksth. 2, m. 115 ) Vgl. Ale¬
mannia 1 (1873), 197. 116 ) Grupp Kulturge¬
schichte des Mittelalters 6 (1925), 100. 117 ) Be¬
lege bei Mackensen Henkersmahl und Jo¬
hannisminne, ZRG. Germ. Abt. 1924, 327 ft.
118 ) Meyer Baden 289. 119 ) Reinsberg Fest¬
jahr 398. 12 °) Boeckel Volkslieder XLI.
8 . Einige vereinzelte Anwendungen der
J. mögen noch kurz erwähnt sein. In
Teplitz scheint früher eine Vermengung
der J. mit der Stephansminne erfolgt
zu sein; jedenfalls trank man J. am
Stephanstage 121 ). Johannisbier wird aus
Westfalen bezeugt 122 ). Die Magyaren
kontaminierten J. und Weinkauf (mag.
dldomds , siebb. aldemesch, slav. oldomris )
und tranken sie beim Abschluß von Kauf¬
christlichen Jahrhunderte entgegen, wie
er üblich war, ehe sich die großen Minne¬
kulte entwickelten: auf einen beliebigen,
besonders angesehenen Heiligen wird die
vorchristliche Kultsitte übertragen, oft
spontan und der Eingebung des Augen¬
blicks folgend (daher die große Zahl und
der häufige Wechsel der Heiligenminne¬
kulte), zuweilen durch die besondere
Gunst der Verhältnisse Verbreitung ge¬
winnend, festwurzelnd und andere Minne¬
kulte erstickend, wie das bei der Minne
des Evangelisten der Fall war. Ihrer
Ausbreitung und allgemeinen Beliebtheit
| verdankt auch die Täuferminne ihr
! rasches Absterben; in all den Jahrhun¬
derten, in denen jene die unbedingte Vor¬
herrschaft, ja Alleinherrschaft ausübt,
hören wir von dieser nichts; zu ihrem
schnellen Ende — große Verbreitung hat
sie scheinbar nie besessen — trug natür¬
lich auch der Umstand entscheidend bei,
daß die Kirche die Evangelistenminne
durch Aufnahme in ihren Ritus sanktio¬
nierte, während die Täuferminne nie
vertrügen (urkundlich seit 1424) 123 ). —
Wie sehr der eigentliche Sinn der Sitte
der späteren Zeit verlorengegangen war,
zeigt das Beispiel des hessischen prot.
Geistlichen H. C. Schiede, der den Brauch
in einem Kreis kathol. Geistlicher kennen¬
lernte und ihn diesen, die ihn nicht er¬
klären konnten, im orthodox-theologischen
Sinne ausdeutete 124 ).
121 ) Lehmann Sudeten 134. 122 ) Kuhn u.
Schwartz 84. 123 ) Wlislocki Magyaren 32 f.
124 ) Schiede Allerneueste Reisen in das Innere
von Afrika 2 (1801), 120.
II. Die Minne des Täufers.
1. Die ältesten Belege. — 2. Die Täuferminne
der letzten Jahrhunderte und der Gegenwart. —
3. Außerdeutsches.
1. Des Täufers Minne zu trinken, war
anscheinend früher üblich als die Minne
des Evangelisten. Jedenfalls ist das
Zeugnis bei Luitprand (Leg.) durchaus
auf den Täufer zu deuten (potas in amore
geweiht wurde 3 ).
l ) Bei Grimm Myth. 1, 49. 2 ) Ebd. 3, 31.
3 ) Franz Benediktionen 1, 294 f.
2. Mit dieser älteren Täuferminne haben
die jüngeren Zeugnisse der letzten Jahr¬
hunderte und der Gegenwart, die uns von
einer solchen erzählen, nichts zu tun.
Vielmehr handelt es sich bei ihnen
zweifellos um Übertragungen der so un-
gemein beliebten Evangelistenminne auf
Johannes Baptista und seinen Festtag
(24. VI.), eine Übertragung, die durch
die große Beliebtheit des Johannistages
beim Volke und durch die besonderen
Befugnisse des Täufers — er ist, weil
sein Haupt der ausgelassenen Zech¬
gesellschaft des Herodes gezeigt wurde,
Patron der Gastwirte 4 ), — ihre hin¬
reichende Erklärung findet 5 ). So trinkt
man am 24. VI. J. zur Versöhnung 8 ),
ein Brauch, der für Rottenburg a. N.,
Tettnang, Heilbronn und Überlingen am
759
Johannistau
761
J ohannis würmchen
762
See noch für das 19. Jahrhundert bezeugt
ist 7 ); hier wurden picknickartige Feste auf
offener Straße oder gemeinsame Gelage als
J.-trunk gefeiert. Ein wenig J. in den j
Brunnentrog geschüttet, tut dem Vieh
gut 8 ); auch gegen Gespenster galt die
Täuferminne nach Ausweis der Zimmern -
sehen Chronik 9 ) gute Dienste. Beim Jo¬
hannisfeuer genossen, verleiht sie den
Trinkern Stärke 10 ); in Bayern und Steier¬
mark heißt dieser Trunk Methansei 11 );
in Hamburn bei Zelle wird er durch das !
I
Johannisbier ersetzt 12 ). Der Bierum- ■
trunk, der beim Hexenverbrennen in der ;
Johannisnacht in Lägerdorf (Herrschaft j
Breitenburg) geübt wurde 13 ), ist wohl j
ursprünglich solch Johannisbier, kräftig
gegen Gespenster, gewesen. In Baiern j
trank man J. für einen warmen und j
fruchtbaren Sommer 14 ). Andernorts, 1
besonders im protestantischen Süddeutsch- j
land 15 ), wurde und wird die Täuferminne |
als einfache Trinksitte ausgebracht, wie ’
denn auch in Westböhmen einer, der am ;
24. VI. noch eines trinken möchte, sagt: j
,,Das wird am Khänessegngetrunken“ 16 ). !
— Es empfiehlt sich, gegen die z. T. recht j
oberflächlich auf notierten Zeugnisse, die j
das Bestehen einer Täuferminne glaub- |
haft machen wollen, vorsichtig zu sein;
bei vielen kann man sich des Eindruckes
nicht erwehren, daß sie aus Unwissenheit
oder Ungenauigkeit die Minne des Jo¬
hannis Evangelista mit der des Baptista
vermengen 17 ).
4 ) D. H. Kerler Die Patronate der Heiligen
(1905) 131. 5 ) Grimm Myth. 1, 522 denkt an
eine Übertragung durch Vermittlung des
Feuers, das wie in der Johannisnacht auch !
beim altgermanischen Minnetrunk eine Rolle
gespielt habe. 6 ) E. H. Meyer Germ. Myth.
217; Sartori 3, 233. 7 ) Zingerle Johannis¬
segen 180 f.; Birlinger Volksth. 2; Meier
Schwaben 2, 427 f.; Meyer Baden 491. 8 ) ebd.
490 - 9 ) 2, 47; Birlinger Schwaben 2, 121.
10 ) Jahn Opfer gebrauche 344. n ) Ebd.
12 ) Ebd. 13 ) Ebd. 44. 14 ) Sartori 3, 233;
Panzer Beitrag 2, 239. 15 ) Meyer Baden 491;
Wuttke 141 § 194; Kircher Weing 4. 18 ) John
Westböhmen 2 87. 17 ) So Schell BergVk. 101;
Fontaine Luxemburg 62; Lammert 83.
3. Gelegentliche Hinweise zeigen uns j
die Täuferminne auch in außerdeut sehen
Gebieten. In Italien wird am 24. VI.
der Johanniswein zu Orakelzwecken be¬
nutzt 18 ). Im Arrondissement Mont-
lucon trank man nach einer im Freien
%
verbrachten Nacht mit Wein vermischtes
Wasser aus der Johannesquelle als saint
vinage als Fruchtbarkeitssegen lö ). Ein
wendischer Beleg aus Kloster Marien¬
stern (bei Kamenz) ist als aus der Luft
gegriffen erwiesen worden 20 ).
l8 ) Franz Benediktionen 1, 297. 19 ) P. Sain-
tyves Essais de Folklore Biblique (1922) 225.
20 ) ZdVfV. 22 (1912), 13. Mackensen.
Johannistau. Der Tau der Johannis¬
nacht ist voll Kraft und Segen x ). Er
befreit von Sommersprossen 2 ). Man
badet nackt darin gegen allerlei Krank¬
heiten 3 ), namentlich gegen Krätze und
Epilepsie und auch gegen Flohe 4 ). Be¬
sonders gesund ist er für die Füße 5 ). Daher
auch die Warnung, man dürfe am Johannis¬
tage frühmorgens nicht mit Schuhen auf
eine Wiese oder ein Feld gehen, sonst er¬
zürne man den h. Johannes und die Ernte
werde nicht gut ausf allen (Schrimm,
Kr. Birnbaum) 6 ). Der J. macht auch
Kräuter und Blumen heilkräftig 7 ). Man
verwendet ihn als Gärungsmittel für den
Brotteig 8 ). Die Johanniskränze, die
man an die Haustür hängt, legt man vor¬
her in der Johannisnacht auf den Rasen 9 ),
und der Besen, mit dem man in Waldzell
am Johannistage das Haus kehrt, um es vor
Hexenkröten zu sichern, darf die Nacht
vorher nicht unter Dach gewesen sein 10 ).
Man nimmt ein ,,Grastuch“, zieht es
vor Sonnenaufgang so lange im Tau
herum, bis es um und um naß ist, und
wischt damit jedes Stück Vieh vom
Kopf bis zum Fuß sorgfältig ab 11 ), dann
können böse Leute ihm nichts antun 12 ).
Man tränkt mit J. die Kühe, damit sie
reichlich Milch geben 13 ). Wenn ein Knecht
seine Pferde recht dick haben will, geht
er am Johannistag vor Sonnenaufgang
aufs Feld und streicht mit seinem Futter¬
sack den Tau von des Nachbarn Ge¬
treide herunter, geht schnell nach Hause
und windet den Tau seinen eigenen Pferden
in den Trank aus. Seine Pferde werden
dann zunehmen, während die des Nach¬
barn abmagern (Tschechen) 14 ). Wenn
man frühmorgens auf seiner Wiese ein
Weib in ein Geschirr Tau sammeln sieht,
so ist es eine Hexe 15 ). Knechte, die sich
in der Johannisnacht auf einer Wiese im
Tau wälzen, können in der Kirche die
Hexen erkennen 16 ). Wer von den Hüte¬
buben beim Peitschenknallen am Vor¬
abend von Johanni zu früh schnalzt, wird
„durchs Morgentau“ gezogen und führt
durchs ganze Jahr den Spottnamen „Tau¬
wäscher“ 17 ). Tau = Blut des Johannes s.
Johannisblut 2.
*) Sartori S. u. Br. 3, 223. Auf Fehmarn
schädlich: Mensing Wb. 2, 1044. 2 ) Drechs¬
ler 1, 142; ZfVk. 12, 428 (obere Nahe); Bohnen¬
berger 23. 3 ) Liebrecht Gervasius 56 f.
(Schweden u. Island); ZfVk. 8, 288 (Island).
4 ) SAVk. 15, 242; ZfrwVk. 12, 83; Journal de
Psychologie (Paris) 24 (1927), 59. Bei Padua
Frauen gegen Behexung: Hofier Gebildbrotc
der Sommersonnenwendzeit 8. 5 ) SchwVk. 11,48;
ZfVk. 22, 91 (17)- 6 ) ZfVk. 22, 9i (20). 7 ) Wolf
Beitr. 2, 391. 8 ) Höfler 8. 9 ) ZfrwVk. 12, 92.
10 ) Baumgarten Jahr 28. 11 ) Ebd. 12 )Stracker-
jan 2, 93. 13 ) Zelenin Russische Volksk. 370.
14 ) Urquell N. F. 1, 11. 15 ) Baumgarten Jahr
27. 16 ) Müllenhoff Sagen 214. 17 ) Baum¬
garten Jahr 27. Sartori.
Johanniswürmchen.
I. Onomastisches. Der Name „J.“
umfaßt zwei Arten, das kleine J. (Lam-
pyris splendidula) und das große J. (Lam-
pyris nocticula). Durch das bekannte
nächtliche Leuchtvermögen, das von der
Unterseite des Hinterleibes ausgeht,
mußte das Insekt die Phantasie des Volkes
in hohem Grade anregen. Es spielt daher
im Aberglauben keine geringe Rolle.
a) Benennung nach der Zeit des Er¬
scheinens. Der Name „J.“ bezieht sich
auf die Zeit des Erscheinens und findet
sich auch im Dänischen, Russischen,
Polnischen, Ungarischen 4 ). Vgl. ferner
triest. lusola {fogo) de S. Giovani 2 ). Hier¬
her gehört auch das im Drautal übliche
Sunnawend käf‘er l z ) , bay T.Sunnwendvöglein ,
-käferlein 4 ), dem gottsch. Schumitt -
kawerle 5 ) (Schumitten = Sonnenwende)
entspricht.
b) Nach dem Leuchten. Die meisten
mundartlichen Namen dieses Insekts
beziehen sich jedoch auf das nächtliche
Leuchten. Daher der ahd. Name ghmo,
gleimo, mdh. glime, gleime, nhd. noch
bisweilen gleime (zu glimmen) 6 ). Sonst
kommen in Mundarten vor: Westfalen:
glüwörmeken , Altmark: fürworm , glim-
stertje „Glimmschwänzchen“, Mecklen¬
burg: gleuwurm, flämmstirt „Flamm-
schwanz“ 7 ). Im Bergischen sind üblich:
leu(t)ärschken (mit Varianten), gloiärsch-
ken, johannesförzkelchen, - fönkchen ,
fünkelchen (vgl. veron. sdinssa = Fun¬
ken) 8 ) für- oder flimmerwörmken y lech -
(= Licht )wörvnken 9 brockmönchen „Brach¬
möndchen“, kerzenscheinchen 9 ). Im Ge¬
biete von Minden-Ravensberg: glenge-
würmken , gluimken-wuerm, fuierwuerm ,
juier männken, goltwuerm , lüchtfunken,
lüchtkäfer 10 ). Im Gebiete von Lübeck:
blankworm, glemmworm n ), glemmoors
„Glimmarsch“ 12 ). Entsprechend sind
die Namen in den übrigen germanischen
| Sprachen: holl, glim-wormpje , engl, glow-
worm, schwed. lysmask „Lichtraupe“ 13 ).
Die Namen in den klassischen Sprachen,
altgriech. XajjLitupi* und lat. cicindela
(von candere „glühen“) beziehen sich
auch auf das Leuchten 14 ). Die Redupli¬
kation in dem Lat. deutet auf das Inter-
! mit tierende der Lichterscheinung 15 ). Vgl.
! den piemontes. Namen des Insekts
cer-e-top = chiaro-e-scuro 16 ). Im Schrift-
I ital. heißt das J. entweder lucciola
„Lichtchen“ (franz. luciole , neuprov.
luseta , luseto 17 )) oder verme lucente (franz.
ver luisant) „leuchtender Wurm“ 18 ), im
Span, bicho de luz 19 ) oder luciernaga 20 ).
In Ascoli ist lucciola-a-cappella 21 ) üblich
(Die Knaben stecken sich das Käferchen
auf den Hut). Das Italienische ist be-
I sonders reich an originellen mundartlichen
Bezeichnungen für das Insekt, durch die
auch die deutschen Namen eine ent-
1
sprechende Beleuchtung erfahren. Als
folkloristisch besonders bemerkenswert
' seien hervorgehoben: lüsar de S. Antoni
(Udine) 22 ), fogo de S. Luigi, fogo de santa
Maria (Trieste) 23 ), lantcrnetta di S.
Pietro (Roma) 24 ). foco-n culo (Aquila) 25 ),
luci-culu (Catania) 26 ) entsprechen genau
altgriech. irujoXaji/rcu 27 ). Drastisch ist
caga-fogo (Valeggio) 28 ). Als „Licht des
Schäfers“ erscheint das Insekt im Sizil.:
lud i picuraru (Messina) 29 ), fa lustru 0 ’
zupicuraru „leuchte dem Onkel Schäfer“ 30 )
(Palermo) 31 ). Ein Kollektivname ist
cento-lume (Lecce) 32 ). Als „kleiner Mond“
7 63
J ohanniswürmchen
764
wird das J. in Capodistria (luneta) 33 )
und in der Languedoc (lunet) 34 ) bezeichnet.
c) Nach weiblichen Heiligen. Nicht
selten sind Benennungen nach weiblichen
Heiligen 35 ): Catlena = Catarina (Bo¬
logna), Santa-ciecula (Acjuila), Maddo-
neddha (Lecce), Santa Chiara (Catanzaro).
d) Nach Anrufungen. Der Kinder¬
sprache verdanken ihre Entstehung die
Anrufnamen cala-bassa „komm’ herab“
(Porto-Maurizio) 36 ) und ca -ca -luna —
cala, luna! (Lecce) 37 ).
e) Nach animistischen Vorstellungen.
Auf der Vorstellung, daß die J. Toten¬
seelen sind, beruhen ciari-viorti „Toten¬
lichter“ (Vicenza) und franz. lanterne
de moo „Totenlaterne“ (Cöte d’or) 38 ).
In Montona sind nach dem Volksglauben
die J. Seelen aus dem Fegefeuer, für
die gebetet werden soll. Daher der Name
fielegrini „Pilger“ 39 ), cummaruccia 40 )
„kleine Gevatterin“ (Cosenza) dürfte auf
Tabu beruhen (Vgl. span, comadreja,
schles. Gevatterlein = Wiesel und Ähn¬
liches 41 )).
l ) Edlinger Tiernamen 62. 2 ) Garbini
Antroponimie 1303. 3 ) DallaTorre Tiernavien
62; Carinthia 96, 65. 4 ) Heinzerling
Wirbellose Tiere 9. 5 ) Satter Gottscheer Tier-
namen 13. 6 ) Heinzerling a. a. O. 7 ) Ebd.
8 ) Garbini op. cit. 1065. 9 ) Leithaeuser
Volkskundliches 1, 1/1S. 10 ) Hartwig Minden-
Ravensberg 1, 35. u ) Mitteil. Lübeck. Gesch.
3, 41. 13 ) ZfdWortf. Beih. zu Bd. 9, 4. 13 ) Edlin¬
ger op. cit. 62. u ) Ebd. 15 ) Keller Tierwcli 2, 40S
ie ) Garbini op. cit. 1348. 17 ) Rolland Faune 3,
341. 18 ) Edlinger op. cit. 62. 19 ) a. a. O.
20 ) Rolland op. cit. 3, 342. 21 ) Garbini op.
cit. 1325. 22 ) Id. 1303. 23 ) Id. 1330. 24 ) Id. 1334.
25 ) Id. 1331. 28 ) Id. 1320. 27 ) Keller Tierwelt 2,
408. 28 ) Garbini op. cit. 1302. 29 ) Id. 1320.
30 ) Id. 1340. 31 ) Id. 1339. 32 ) Id. 1340. 33 ) Rol¬
land op. cit. 3, 341. 34 ) Garbini op. cit. 1342.
35 ) Id. 1343. 36 ) Id. 1345. 37 ) Id. 1337. 38 ) Rol¬
land op. cit. 3, 342. 39 ) Garbini op. cit. 1348.
40 ) Id. 1353 f. 41 ) WS. 4, 175 fg.
2. J. = Irrlicht. Die J. gelten auch als
Spukgeister, die in die Irre führen
(Lindau) 42 ), was natürlich auf einer
Verwechslung mit den Irrlichtern be¬
ruht 48 ) (Vgl. franz. dial. keulais [Cöte
d'or] „Irrlicht“ und „J “ 44 )). Die Al¬
chemisten warfen auch Irrlichter und J.
in einen Topf und rühmten sich ihrer
Kunst, beide bei Tageslicht zum Leuchten
zu bringen 45 ).
42 ) Wirth Beiträge 4/5, 27. 43 ) Müllenhoff
Natur 61 § xoo; Ranke Volkssage 50 fg. 44 ) Rol¬
land Faune 3, 342. 45 ) Peters Pharmazeutik
I . 279.
3. J. = Schutzengel. Auch die christ¬
liche Mythologie hat sich des J.s be¬
mächtigt. So rettet nach einer mährischen
Sage ein Schutzengel einen im Gebirge
Verirrten, indem er als J. vor ihm herfliegt
und ihm den Weg weist 4y ). Nach einer
süditalienischen Sage sendet der Herr
ein J. in die finstere Grotte eines armen
Gefangenen, um sie zu erhellen (Ätio¬
logische Deutung des Namens candela
„Kerze“ 47 )).
46 ) ZföVk. 10, 143. 47 ) Garbini op. cit. 1357.
4. J. = Schatzsymbol Das goldene
Leuchten der J. hat die Vorstellung eines
Schatzes hervorgerufen: nach schwä¬
bischem Volksglauben liegt dort, wo
J. auf der Erde sind, ein Schatz 43 )
(Vgl. in der Schweiz Goldkäfer für J.) 49 ).
48 ) Meier Schwaben 1, 53; Wuttke 411 § 638.
49 ) Zingerle Johannissegen 217.
5. J. in der Zauberkunst. In der Magie
spielt das J. keine sonderliche Rolle;
es dient lediglich zum Gießen der Frei¬
kugeln, mit denen man einen unfehlbaren
Schuß erlangt, und zur Bereitung einer
Hexensalbe 50 ).
5Ü ) Zingerle a. a. O.; Wuttke 114 § 151;
452 § 7 M-
6. J. = Orakeltier. Das J. gilt als
glückbringendes Tier 51 ) nach Wundts 52 )
Vermutung, weil sein Halsschild zusammen
mit den Flügeldecken annähernd der
Figur eines Kreuzes gleicht. So bringt es
auch nach einem belgischen Aberglauben
Glück, wenn man am 24. Juni (Johannis¬
tag) J. fängt 53 ). Im Gegensatz hierzu
bedeutet im badischen Volksglauben ein
Lichtschein von J. nachts unter der Krippe
baldigen Tod 54 ).
Schon bei den alten Römern galt
nach Plinius hist. nat. XVIII, c. 27
das J. als Orakeltier in der Landwirt¬
schaft. Sein Leuchten war ein Zeichen
für die Reife der Gerste und zum Säen
der Hirse 55 ). Eine ähnliche Bedeutung
muß das Insekt noch heute in Piemont
haben, darauf deutet sein Name messonera
„Schnitterin“ (Turin) 66 ).
Als Wetterprophet gilt das J. im
765
J ohanniswu rzel—J ordansegen
766
Böhmerwalde. Leuchtet es hell, so gibt
es schönes Wetter 57 ). Von den Kindern
wird das J. als Wetterorakel benützt.
Sie setzen das Insekt auf die Hand und
fordern es mit einem Spruch zum Fliegen
auf. Fliegt es weg, so wird das Wetter
schon; bleibt es, kommt Regen 58 ). In
ähnlicher Weise richtet man in Nord¬
deutschland an das J. Fragen über die
Lebensdauer 59 ). Mythisch zu deuten ist
vielleicht der Schweizer Spruch, in dem
die Kinder dem J. Milch mit Brocken
versprechen. Es ist zu beachten, daß die
Hausschlange (= Hausgeist) in derselben
Weise gefüttert wird 60 ).
51 ) Wettstein Disentis 175 Nr. 52. 52 )
Wundt Mythus und Religion 2, 157. 53 ) Rol¬
land Faune 3, 343. 54 ) Meyer Baden 579.
hh ) Keller Tierwelt 2, 408; Hopf Tierorakel 202.
5# ) Garbini op. cit. 1156. 67 ) Schramek
Böhmerwald 250. 58 ) Kuhn Westfalen 2, 91
Nr. 283; Germania 5, 214; Panzer Beiträge 2,
547; Schmitz Eifel 73; Rochholz Kinder¬
lied 92. 59 ) Zingerl e op. cit. 217. 60 ) Ebd.
Riegler.
Johanniswurzel s. Farn.
Jonas gilt als Vorbild Christi, da er
3 Tage und 3 Nächte im Bauche des
Walfisches verborgen war 1 ), und wird
mit Bezug darauf in einem Spruche gegen
Zigeunerkunst und Lebensgefahr ver¬
wandt 2 ). In kirchlichen Segensformeln
wird oft auf seine Befreiung hinge¬
wiesen 3 ). Auch im Todaustragelied
kommt er vor 4 ). Bei den großen Fasten
in Ninive dürfen auch die Tiere nichts
genießen 5 ). Das ist vielleicht die Veran¬
lassung für das auch im deutschen Brauche
nicht selten für Tiere vorgeschriebene
Fasten.
*) Menzel Symbolik 1, 432 ff. 2 ) Geistl.
Schild 154; Romanusbüchlein 10. Nicht¬
deutsche Sagen von ihm: Dähnhardt Natur¬
sagen 1, 336. Die J.geschichte als Märchen:
Hans Schmidt Jona. E. Untersuchung z .
t t I
scher Tradition. Für ersteres vgl. 2. Kö¬
nige 5, 10, Mark. 1, 5. Für das Stehen
Josua Kap. 3, eine Wiederholung des
grundlegenden Wunders mit dem Roten
Meere, und 2. Könige 2,8. Zur Zeit Jesu
wollte Theudas das Josua wunder wieder¬
holen 2 ), offenbar an eine messianische
Erwartung seiner Gegenwart anknüpfend
(vgl. Jesaja 50, 2?). — Schließlich ent¬
stand auch der Glaube, daß der Jordan bei
Jesu Taufe gestanden hatte, ein Glaube,
den der Bericht des italienischen Pilgers
Antoninus (6. Jh.) tatsächlich voraus¬
setzt. Ad. Jacoby hat erwiesen 3 ), daß
dies Wunder 4 ) in einen sehr alten apo¬
kryphen Taufbericht gehörte. Ein griechi¬
scher Text solchen Inhalts ist zufällig
erhalten: „Er (Jesus) wurde getauft ...
und der Jordan wich zurück: der Herr
aber sprach zu Johannes: Sage dem
Jordan ,Stehe, denn der Herr ist zu uns
gekommen*. Und alsbald standen die
Fluten“. Einen wirklichen Zweck hat ein
solches Wunder nur für eine Überfahrt:
das alte Mose-Josua-Wunder wurde mit
der vorliegenden Tradition über Jesus
und den Jordan gewaltsam verbunden.
Obiger Text versucht im Anfang eine
„geistige** Deutung: der Fluß wich von
selbst, aus Ehrfurcht (vgl. Psalm 77, 17;
114, 3); hiermit ist aber die Fortsetzung
unvereinbar. Es gab also zwei Auf¬
fassungen des Wunders, eine geistigere
(„Psalmenwunder“) und eine derbere (der
Jordan steht auf Befehl, ,, Josua-Theudas-
Wunder“). Auf erstcre spielen syrische
und griechische Kirchenväter und Rituale
recht oft an. Die zweite tritt, mehr oder
weniger konsequent, in dem Segen
weniger konsequent, in dem Segen
hervor. Dieser hat wiederum zwei Haupt¬
typen: einen ganz legendarischen, der
einen wirklichen Übergang voraussetzt
vergleichenden Religionsgesch. Göttingen 1907;
Gunkel Märchen 14. 33. 133. 3 ) Franz Bene¬
diktionen 2, 687 (Reg. s. v. Jonas). 4 ) John
Westböhmen 51. 5 ) Jona 3, 7; Gunkel Märchen
34 - Sartori.
Jordansegen *).
1. Vorgeschichte. Die Segen vom
Jordan erwähnen teils seine Heiligkeit im
Allgemeinen, teils und vornehmlich ein
bestimmtes Wunder, das Stehen des
Flusses. Beide Motive fußen auf bibli¬
oder gar erzählt und die Taufe gar nicht
erwähnt, und einen halbbiblischen mit der
Taufe.
*) Literatur Ebermann Blutsegen 24 fl.;
Hälsig Zauberspruch 88 ff.; MSD. 2, 2740.;
Ohrt Vrid og Blöd 99 ff. *) Josephus An-
iiqu. XX 5, 1. 3 ) Jacoby Ein bisher unbeach¬
teter apokrypher Bericht über die Taufe Jesu
(Straßbg. 1902), der gr. Text S. 17. 4 ) An-
tonins Itinerarium Cap. 11, ed. Gildemeister
S. 9.
767
Jordansegen
768
2. Stehen des Stromes; Typus
„Übergang“. Die Wunder von 2. Mose
Kap. 14 (Rotes Meer) und Josua Kap. 3
(Jordan) erwähnen schon antike Beschwö¬
rungen 5 ). In den christl. volkstümlichen
Segen sind sie erst sehr spät belegt (als
Blutsegen und sonst). Deutsch z. B.:
„Moses ging durch das Rote Meer, schlug
mit dem Stab in die Flut, die Flut die
stund, so thu du, Blut“ 6 ). Im Norden
(bes. Schweden und Norwegen) sind
solche Segen über Mose, Josua und auch
Noah recht beliebt 7 ).
Der Segen von Jesus und dem
Jordan ist einer der ältesten und in
Mittel- und Nord-Europa beliebtesten
Blutsegen. Keine Belege bei den neu¬
romanischen Völkern? Der älteste Beleg
des christl. Segens, c. 900 (vatik. Hschr.),
ist vulgärlateinisch: „Christus et S. Jo¬
hannes ambulans ad flumen Jordane,
dixit Chr. ad S. Johanne: ‘Restans,
flumen Jordane*. Commode (d. h. So¬
gleich) restans fl. Jordane, sic reste[t]
vena-[i]st [a]“ 8 ). Also Befehl an Johannes
wie im Apokryph (s. § 1); nach „ad S.
Joh.“ ist sicher ein „Die“ zu ergänzen.
Derselbe Typus (Flußübergang — vgl.
„ambulans“ — ohne Taufe) ist deutsch
12. Jh. vertreten: „Christ unde Johan
giengon zuo der Jordan; da sprach Christ:
'stant Jordan, biz ih unde Johan über
dih gegan’. Also Jordan do stuont, so
stant du N illius bluot“ 9 ). Dann wieder
im 15. Jh. 10 ) und, obschon recht selten,
in späten Aufzeichnungen, z. B. „Als
Jesus über den Jordan ging, da standen
alle die Wasser still; ist das nicht wahr“ ? n ),
z. T. unter Vermischung der bibl. Grund¬
lagen 12 ). Eine Neuschöpfung dieses
Typus durch den Einfluß der biblischen
Parallelwunder war zu jeder Zeit möglich.
— Seit dem 15. Jh. bieten niederländisch,
englisch und nordisch mehr oder weniger
deutliche Seitenstücke 13 ).
6 ) Denkschriften d. Wiener Akademie 36, 121;
Deißmann Bibelstudien 26; Papyri Osloenses
1 (Oslo 1925), 8 (hier auf Typhon bezogen).
e ) Wuttke § 230 Oldenbg.; Strackerjan
L 77 > Bartsch Mecklenburg 2, 379 Nr. 1774;
Frischbier Hexenspr. 38 Nr. 11 (hier Josua
Gap. 3). 7 ) Z. B. Meddeianden fr. Nordiska Mu-
seet 1897 S. 26; O. Lindskog Jon Johanssons
Signerier 7. 9; Norske Hexefml. Nr. 1239 fr.;
1253 ff. — Aus Frankreich ZfVk. 24, 146 Nr. 14.
8 ) MSD. 2, 275. ») Ebd. u. ZfdA. 23. 43b.
10 ) Heinrich Ein miltelenglisches Medizinbuch
116 f. lateinisch. n ) Slesvigske Provinsialefterret-
ninger ny R. 4, 312 Angeln; Strackerjan 1
1, 68; ZfVk. 7, 59 Nr. 26 Mecklenbg.; vgl.
SAVk. 10, 42 (Bosheitszauber?). 12 ) Z. B.
ZfrwVk. 1, 217; Strackerjan 1 1, 68 (vgl. hier
Mark. 4, 39). So oft im Norden. 13 ) MSD. 2,
276 aus den Altdeutschen Blättern 2, 271 f.
nieder!.; Heinrich (s. Anm. 10) 231 f.; Danni-
T ry lief ml. Nr. 71 ff. 11130.; Norske Hexefml.
Nr. 1245 f.
3. Stehen des Stromes: Typus
„Taufe“, der gewöhnliche Typus des
Jesus-J.s, schon vom 10. Jh. an lateinisch
und vom 12. an deutsch belegt. Lat.
z. B.: „Adiuro sanguis... vt non fluas
plus quam Jordanis aha, quando(?) Chri¬
stus in ea baptizatus est. ..“, 10. Jh. 14 ).
Deutsch z. B.: „So uerstant du bluod,
sose Jordanis aha uerstunt, do der heiligo
Johannes den heilanden Christ in iro
tovfta..“, aus dem Bamberger Segen
(c. 1200?) 15 ). In der neueren Zeit z. B.:
„Blut, du sollst stille stehn, wie das Wasser
im Jordan stand, da unser Herr Christus
getaufet ward“ 16 ). In mehreren der alten
Aufzeichnungen sind der Longinus- und
diese Form des J.s verbunden.
Diesem Typus gehören auch die meisten
der vom 15. Jh. an belegten Fälle an, wo
der alte Blutsegen für andere Zwecke
verwendet ist: das Stillen irgendeines
Leidens (Gicht u. ä.), des Feuers, der
Tiere, Diebe, Waffen 17 ). Bei den betr.
Feuer- und Diebssegen ist das „Stehen“
gewöhnlich auf Jesus oder Johannes
übertragen, was bisweilen auch bei den
Blutsegen der Fall ist („NN sali dat
Bloot stan, as unser Herr Christus in’n
Jordan“ 18 )).
Segen über das Stehen des Jordans
bei der Taufe sind in England (seit
c. 1400) 19 ) und in Skandinavien 20 ) all¬
gemein, auch polnisch 21 ) vertreten. By¬
zantinisch ist eine Aufzeichnung bekannt 22 ).
14 ) Dieser und zwei von c. 1100 Steinmeyer
378 t.; Heinrich (s. Anm. 10) 120, 15. Jh.
1& ) AnzfKddV. 15, 216. Vgl. Milstäter Segen
MSD. 1, 180, s. Glückselige Stunden § 1 a u.
Jerusalem § 2; MSD. 2, 273 f. passim, vor 1300;
ebd. 275 f. Eliassegen (14. Jh.), s. Blutsegen
§ 2; ZfVk. i, 315, 15. Jh.; Urquell 2(1898),
104, 16. Jh. (mit eigentüml. Motivierung).
K
769
Josaphat, Tal
770
1# ) ZfVk. 7, 56 Nr. 1 a, Mecklenbg. Vgl. ZrwVk.
1, 218; Strackerjan 1 1, 68; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 375 Nr. 1753 b c; Frischbier
Hexenspr . 38; BlpommVk. 1, 139; 7, 115*
17 ) Für Feuer u. Diebe s. Feuersegen § 3, Diebs¬
segen §2; Krankheit: WürttVjh. 13, 221 Nr.276;
Bartsch Mecklenburg 2, 410 Nr. 1898; Tiere:
Germania 32, 452, 15. Jh.; ZföVk. 14, 132;
Waffen MSD. 2, 276; Drechsler 2, 273.
18 ) Bartsch 2, 375 Nr. 1753 d; Frischbier
Hexenspr. 39. lö ) Angl. 19, 81; Wright-Halli-
well Reliquiae aniiquae 1, 315; FL. 6, 203.
20 ) DanmTryllefml. Nr. 64 ff.; Norske Hexefml.
Nr. 1244. 21 ) Tettau u. Temme 269 (tschechisch
Grohmann 178 ohne Taufe). 22 ) Pradel
Gebete 13; vgl. Jacoby ZfdA. 54, 206; Ohrt
Vrid og Blöd 100.
lieber Ereignisse (vgl. Glückselige Stunden
§ 1 a) die Jordan taufe eingehen; so alt¬
englisch im 12. Jh. 31 ), deutsch z. B. im
15.: „Es was ein Kind geboren zu Bed-
lehem vnd ward getragen gen Hiervs-
zenlem, es war getofft im Jordan; so
war das ist, gestand dies din blutt“ 32 )
(Hier kann zugleich das Stehwunder
genannt sein, so im Milstäter Segen 33 )). —
Besondere Fälle. 11. Jh. (Eitersegen?):
„.. .Wazzer fluzit, Iordan heizit, da der
heiligo Crist inne gedofet ist“ 34 ). 11. Jh.
Straßburger Blutsegen, dessen Anfang
eine Sonderform des Longinussegens (s. d.)
4. Stehen des Stromes; Sonder¬
formen. Die Rute (Gerte) im Jordan.
Vorbild sicher Moses Stab, 2. Mose 14, 16.
Blut- oder Schutzsegen, vom 14. Jh.
an bekannt. Im 14. Jh. (lateinisch und)
deutsch: „...Got warf die gerten in
Jordan, die da haizzet Vria (sic), und
hieß den Jordan still stan; also belib min
lib vor in (den Feinden etc.) gesund“ 23 ).
Auch mit Christus oder Maria als Subjekt 24 ).
Es bestehen englische und nordische
Seitenstücke 25 ). — Uber die Jordan¬
brunnen s. Blutsegen § 1 d. — Kurz¬
formen. Im 10. Jh. (Trierer Hschr.):
„Vnde venis tu iordane sanguis et aqua;
periuro te ... ut redeas...“ 26 ). Anders
in späten Aufzeichnungen, wo bloß die
Taufe fehlt, z. B.: „Blut, du sollst stille
stan wie das Wasser im Jordan“ 27 ).
23 ) MSD. 2, 276. 24 ) AnzfKddV. 1871, 304;
Germania 32, 454; Bartsch Mecklenburg 2,
374 Nr. 1752. 25 ) Henderson Notes on the
Folk-Lore of Northern Counties 2 136; Danm.
Tryllefntl. Nr. Soff.; O. Lindskog Jon Johanssons
Signerier 8. 28 ) ZfdA. 32, 171. 27 ) Bartsch 2,
374 Nr. 1753 a; Jahn Hexenwahn 70.
5. Andere J. beziehen sich gewöhnlich
auf die Heiligkeit des gesegneten Flusses
(vgl. §1). Schon eine sehr alte lateinische
Beschwörung (Dalmatien, 6. Jh. ?) hebt her¬
vor, daß der böse Geist den (feurigen) Jor¬
dan nicht überschreiten kann 28 ). In deut¬
schen (Wund-) Wassersegen (s. d.) heißt
es z. B. — nach dem Vorbilde kirch¬
licher (Tauf-) Wasserbenediktionen 29 ):
„Daz wasser muezz als wol gesegent sein,
als der heilig Jordan, da got selber inn
getauft word“ 30 ) (14. Jh.?). — Weiter
kann in Herrechnungen heilsgeschicht-
ist, wo aus „Jordan“ eine Person wurde. —
Und anderes 35 ).
28 ) Corpus Inscriptionum Latinarum 3, 2,
961; vgl. neugriech. FL. io, 171; Hovorka u.
j Kronfeld 1, 76 Bukowina. 29 ) Franz Bene¬
diktionen 1, 51 (212); vgl. Cilia Locupletissimus
thesaurus 7 (1750) 327. 30 ) ZfdA. 32, 141; vgl.
ZfVk. 1, 315; AnzfKddV. 1873, 227; Jühling
Tiere 288. 31 ) Hälsig Zauberspruch 64. 32 ) Ger¬
mania 25, 68; vgl. 25, 67; Urquell 2 (1898),
103. 33 ) S. oben Anm. 15; auch englisch, s. die
Hinweise Anm. 19; vgl. noch Hildegards
Physica 3, 26; Migne Patrologia Lat. 197, 1236
(12. Jh.). 34 ) ZfdA. 21, 210; Steinmeyer 380.
36 ) MSD. 2, 287 (12. Jh.); Bartsch 2, 401
Nr. 1869; 2, 488 (vgl. Man sikka Über russische
Zauberformeln 261); ZfVk.i, 194; Höhn Volks¬
heilkunde 1, 129; ZfdA. 15, 454 f. Ohrt.
Josaphat, Tal.
Fr. Oetker in den Preuß. Jb. 43 (1879), 2630.;
Bächtold-Stäubli in SAVk. 15, 38 ff.
Den Abschluß des Weitendes bildet nach
parsischem und späterem jüdischen wie
christlichem Glauben ein Weltgericht, das
nach Joel 4, 2. 14. 16 (Ezechiel 39,11) bei
Jerusalem im T J. statt findet 1 ). Paulus läßt
die Frage, wo das Gericht statt finden werde,
unentschieden 2 ); nach Justin, also im
2. Jh., ergeht es bei Jerusalem (Dial.40) 3 ).
Bis etwa 1100 hat das TJ. dann nur noch
eine Rolle als Begräbnisort der Jungfrau
Maria gespielt, keine der vielen Reise¬
beschreibungen weiß von ihm als Gerichts¬
ort 4 ). Wadstein möchte die Pilger¬
fahrten nach Jerusalem Anfang 11. Jh.
mit dem Glauben an das nahe Gericht
im TJ. in Zusammenhang bringen 6 );
vielleicht auch deshalb war das TJ. besät
mit Mönchszellen 6 ). Honorius von
Autun (um 1100) scheint der erste zu
sein, der das TJ. als Gerichtsort nennt 7 ),
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
771
Josaphat, Tal
77 ?
ihm folgten Petrus Lombardus (ca. 1150) 8 ),
Jacobus a Voragine 9 ), der Marner 10 )
und Hugo von Langenstein 11 ) im 13. Jh.
Von nun an läßt sich eine ununterbrochene
Belegreihe bis in unsere Zeit aufstellen.
Ich nenne nur noch als für uns wichtig
unter den Schwärmern des 17. Jh.s
Abraham von Frankenberg lla ), im 18. Jh.
Daniel Müller ub ), die Salomonische Sy¬
bille des 14. Jh.s 12 ), die 15-Vorzeichen-
Legende 123 ), die in die Volksbücher „Zwölf
Sybillen Weissagungen“ von 1516 und
„Weissagung der Königin Michalda“ von
1811 12b ), wie in die „Wahrhafftige Be¬
schreibung des jüngsten Gerichts im Tal
J.“ ausmündet 12c ). Die Idee scheint
auch im späteren Jüdischen und Moham¬
medanischen nachweisbar zu sein 12d ).
x ) August Frh. v. Gail BaotXcta xou fleoo
1926 (91 ff. 98 ff. 104 ff. i 4 iff. 164 ff.) 224 t;
Paul Volz Jüd. Eschatologie 1903, 259; E.
Kautzsch Apokryphen u. Pseudepigraphen 2,
266. 2 ) v. G a 11 liest aus I. Thessal. 4, 17 ein Ge¬
richt in der Luft heraus; ich kann mich nicht
entschließen, die Stelle anders auszulegen,
als daß es sich um ein ihm Entgegeneilen han¬
delt. 3 ) Leonh. Atzberger Gesch. d. christl.
Eschatologie innerhalb der vornicänischen Zeit
1896, 149. Vgl. hierzu Kynewulf bei Wad¬
stein in ZfwTh. 38 (1895). *) E. H. Meyer
Völuspa 1889, 259 ff.; Titus Tobler Descrip -
tiones terrae sanctae 1874, 32 (66). 78. 199; J.
C. M. Laurent Peregrinatores medii aevi qua -
tuor 1873, 68. 150; Philippi liber de terra
sancta in Österreich. Vierteljahrsschr. f. kath.
Theol. 10 (1871), 259 t.; 11 (1872), 10. 42 f.
Legenda aurea des Jacobus a Voragine
(übers, von R. Benz 1907) 2, 5 ff. Vgl. auch
Pfister Reliquienkult 125 N. 443. 6 ) Z. f.
wissensch. Theol. 38, 559 f. «) So Johannes Wir-
ziburgensis bei Tobler 167. 7 ) Elucidarium:
Migne PL. 172, 1165 D.; danach die Predigt
ZfdPhil. 27, 153; 24,45; doch vorher schon
Haymo v. Halberstadt in epist. I ad Thessal .
MigneP.L. 117, 772. ») (J. = die Welt) Petri
Lombardi libri IV sententiarum, studio et cura
PP.Collegii S . Bonaventurae editi 2 (1916), io2 4 f.
~ dist. 48. c. 4. •) Legenda aurea (übers, von R.
Benz 1907) 1, 12. (Im Anschluß Heinrich
von Neustadt Von gotes zurkunft, edid. Strobl
1875). 10 ) Wackernagel Kirchenlied 2, 95;
ZfwissenschaftlTheol. 38, 615. «) Martina:
Bibi. d. liter. Ver. Stuttgart 38 (1856), 515.
*!*) FrankfurterZtg. 29. 5 - 1925 u. 17. 6. 1925.
llb ) Illgens Zfhistor. Theol. IV 4,233. 12 ) Schade
Geistl. Gedichte d. 14. u. 15. Jh. vom Niederrhein
j 854 > 32 i ß- Vgl. Schröer in Germania 12, 308 f.;
Mone Schauspiele 1,319. 12 *) Vgl. jüngster
Tag. ** b ) Peuckert Sybille Weiß Register.
l,c ) Görres Dtsch. Volksbücher 1807, 257 ff.
12 d) Männling Curiositäten 1713, 375 nach
E. Francisci Letzte Rechenschaft 953; J. H.
Oswald Eschatologie 1893 6 , 373; muhamed.:
Pilgerreise des Wolfg. Stockmann 1606 in
Niderberger Unterwalden 3. 1, 117; M. B.
Weinstein Der Untergang der Welt u. Erde
1914» 40.
2. Die Vorstellung vom endlichen Ge¬
richt im TJ. hat sich im Volksglauben
noch hie und da gehalten. So heißt es
in Tirol, daß es anbreche, wenn der ewige
Jude das TJ. betreten werde 13 ). Wir alle
kommen dort wieder zusammen 14 ). Eine
Ladung vor das Jüngste Gericht 16 ), das
Gericht der Ewigkeit 16 ) ist also eine
Ladung ins TJ. Im Norden werden
Bösewichte vor das Bischofsgericht zitiert
und müssen, wenn dieser vor dem Termin
stirbt, nachsterben 16a ).
13 ) Heyl Tirol 32 Nr. 37. “) Salzburger Weih¬
nachtsspiel, vgl. Germ. 12. 309; K. J. Schröer
Weihnachtsspiele aus Ungarn 1857, 149.
16 ) So Jakob Böhme seine Verfolger: Peuckert
Lebenjak. Böhmes 1924, 129; Hexen ihre Richter:
(die Schlettstadter): Lutz im Theatrum de
venefciis 1586, 9 (in Berg); Joh. Wier De
praestigiis daemonum 1586, 436; Zauberer:
Dobeneck 2,457 nach GodelmannZte magis,
veneficis et lamiis 1582 1 . II. c. 2; ferner Grässe
Preußen 2, 744 (aus Hessen); Wolf Hessen
16 f. = Zaunert Hessen-Nassau 325 f.; Meier
Schwaben 2, 501; Baader N. Sagen 104;
Grimm Sagen Nr. 334; Peuckert Schlesien
30; auch Meyer Schleswig-Holstein 145; Mn-
böhm. Exk. 2, 74; Schles. Provinzialbl. i, 417 =
Martin Illig Das Nimptscher Land im Blüten¬
kranz d. Sage 1921,6. 16 ) Alemannia 11, 29.
Gering Islendzk Aeventyri 2 (1884), 13.
3. Heute bedeutet gewöhnlich eine La¬
dung ins TJ. ein Zitieren vor den gött¬
lichen Richterstuhl, nicht am Jüngsten
Tage, sondern innerhalb einer bestimm¬
ten 17 ) kürzesten Zeit 18 ) nach dem Tode
des Zitierenden; es werden Fristen von
drei 19 ), acht 20 ), vierzig 203 ) Tagen, vier 21 ),
sechs 22 ), acht Wochen 23 ), einem Jahr 24 )
genannt. In ihrem Rechtsgefühl Ge¬
kränkte 25 ), oder Verurteilte laden ihre
Richter 26 ), Ankläger 27 ), Zeugen 28 ) vor,
ebenso tun das beleidigte Tote 29 ), zum
Mahl geladene Gehängte 30 ), unschuldig
Getötete 31 ); es ist der höchste Richtort,
vom Kaiser und Papst kann man noch
an Gott appellieren 31a ). Feinde fordern
sich gegenseitig, um dort ihre Sache
auszumachen, und der Überlebende wird
entrückt 32 ) oder stirbt dann dem Toten
773
Joseph hl.
774
schleunigst nach 33 ), denn dieser schwebt
bis zu dem Augenblick zwischen Himmel
und Erde (s. Fegefeuer) 34 ). Stirbt der
Ladende, zieht es wohl dem überlebenden
den Rock überm Kopf zusammen 33 ).
Die Ladung ins TJ. wurde als solch
starker Fluch empfunden 36 ), daß man
sie bestrafte 37 ) und ihre Rücknahme
erzwang 38 ). Ja, der sie aussprach,
sprach sich selbst das Todesurteil; er
starb binnen kurzem 39 ). In Niedersachsen
hielt man dafür, daß auch ein Toter
Gott bitten konnte, einen Lebenden
nachzurufen: anbraweln (vgl. Nach¬
zehrer) *°). „Ins TJ. gehen“ für „sterben“
wird im Elsaß von verendenden Tieren ge¬
braucht 41 ). Neben der Ladung vor Gottes
kannte man übrigens im Nordischen auch
eine Ladung vor des Teufels Gericht, wo
jeder verurteilt wird 413 ).
17 ) Adam a Lebenwaldt Achtes Traktätl
von deß Teuffels List und Betrug 1683, 144 f.;
Weber Demokritos 3, 216; Fischer Schwab.
Wb. 4, 104 f.; Schweizld. 3, 75 (Germania 25,
312 f.). 18 ) Höhn Tod 314; Müller Uri 1, 66.
19 ) Kuoni St. Galler Sagen 145; Müller Uri
I, 62 f. 65 f.; Osenbrüggen Studien 335; Ders.
Deutsche Rechtsaltertümer aus der Schweiz 3. Heft
39, 40; Gust. Fr. Meyer Schleswig-Holstein 145.
20 ) Müller Uri 1, 66. 203 ) Wolf Niederländ.
Sagen 1843, 391 f. 696 Nr. 313. 2l ) Grimm Sagen
Nr. 334; Alemannia 11, 29; Scheible Kloster
II, 1195 F 22 ) Baader N. Sagen 104. 23 ) Erk-
Böhme 1, 643; Fr. L. Mittler Deutsche Volks¬
lieder 1855, 372. 24 ) Wolf Deutsche Märchen u.
Sagen 1845, 212; Wenzig Westslav. Märchen-
schätz 94; Osenbrüggen Studien 335; Ders.
Rechtsaltertümer 3, 40. 25 ) Ebd. 39; Studien 334;
Hugo Gering Islendzk Aeventyri 2 (1884), 60 f.;
SAVk. 14, 190; 15, 38f., vgl.Eckardt Südhannov.
Sagen 199. 26 ) Ösenbrüggen Studien 335; Ders.
Rechtsaltertümer 3, 39; Ders. Das alamannische
Strafrecht im deutschen MA. 1860, 387; Birlin-
ger Schwaben 2, 505; Lebenwaldt Achtes
Traktätl 144. 138 f.; Alemannia 38, 19; vgl.
Nachw. 15; ferner Wolf Deutsche Märchen u.
Sagen 212; SAVk. 15, 38. 27 ) Lebenwaldt
Achtes Traktätl 144; Osenbrüggen Studien 335.
28 ) Alemannia 11, 29; 38, 19; Birlinger Aus
Schwaben 1, 163. 29 ) Müller Uri 1, 65 f.; Wal¬
liser Sagen 1, 230t. 30 ) Müller 1,62f.; Kuoni
St. Galler Sagen 145. 31 ) Curtze Waldeck 247 t.
31a ) Legenda aurea (Benz) 1,17. 32 ) Germania,
3,419. 33 ) Müller Uri 1,64 f.; Alemannia 10,265;
11, 29 (11,111); Meyer Schleswig-Holstein 244;
Mnböhm. Exk. 2, 74; SAVk. 14, 190; Gering
Islendzk Aeventyri 2, 13. 34 ) Baader N. Sagen
104. 35 ) Müller Uri 1, 66. 36 ) Höhn Tod 314.
37 ) Osenbrüggen Studien; Ders. Rechtsalter -
iümer 3, 38 ff. 38 ) Ebd. 39. 35> ) Alemannia 11,
29. 40 ) Schambach-Müller 364 zu 236, 2;
Germania 25, 312 t. 41 ) Martin u. Lienhart
Elsaß. IVb. 1, 412. 41a ) Gering Islendzk Aeven¬
tyri 2, 61.
4. Ladet ein Toter einen Lebenden ins
TJ-, so kann diesem nur geholfen werden,
wenn sein Patenkind, das unschuldig 42 ),
ohne etwas gegessen zu haben 43 ), starb,
oder das von ihm je ein Geschenk
empfing 44 ), für ihn eintritt.
42 ) Müller Uri 1, 64 f. 65 f. 43 ) Ebd. 630.;
Walliser Sagen 1, 231 f. 44 ) Kuoni St. Galler
Sagen 145. Peuckert.
Joseph hl.
1. Nährvater Jesu (Nutritor Domini).
Volkstümliche Verehrung findet er erst
vom 15. Jh. ab. Gregor XV. machte
seinen Gedächtnistag (19. März) i. J.
1621 zum gebotenen Feiertage; Bene¬
dikt XIII. fügte 1729 seinen Namen in
die Allerheiligenlitanei ein, und Pius IX.
erklärte ihn am 8. Dezember 1870 zum
Patron der Gesamtkirche x ). J. ist Pa¬
tron der Zimmerleute 2 ) und Holzhauer a ),
der Eheleute 4 ), auch der Ursulinen 6 )
und überhaupt Beschützer der Keusch¬
heit 6 ). Die in Oberbayem üblichen
Josefi-Kränze (geflochtene Teigkränze)
sind Symbole der Jungfräulichkeit 7 ).
J.sringe werden von jungen Eheleuten
getragen und sind gut gegen unkeusche
Anfechtungen 8 ). Die Mädchen beten dem
J. ein Vaterunser, damit sie einen guten
Mann bekommen 9 ). Das J.sbild in Würz¬
burg sagt ihnen, ob sie überhaupt einen
kriegen 10 ). J. wird im Haussegen an¬
gerufen 11 ) sowie im Betruf der Sennen 12 ),
auch im Bienensegen kommt er vor 12 ).
J.lilien und deren öl werden gegen Rotlauf,
Haut Verbrennungen usw. gebraucht u ).
An einigen Orten heißt die Milchstraße
auch J.sstraße 15 ). In Steiermark wird
in der Adventszeit ein J.sbild von Haus
zu Haus getragen 16 ), s. Frautragen.
x ) Kellner Heortologie 205 ff.; Künstle Ikono¬
graphie 352; Dähnhardt Natursagen 2, 265 ff.
2 ) Beissel Heiligenverehrung 2, 64. 141; John
Westböhmen 49. 3 ) Schramek Böhmerwold 142.
4 ) Höf ler Fastnacht 95. 6 ) Pollinger Landshut
79. 6 ) Stoll Zauberglauben 122. * 7 ) Höf ler
Fastnacht 95. Andere J.sgebäcke: Nork Fest¬
kalender 1, 226. 8 ) Birlinger Schwaben 1, 421.
9 ) Ebd. 1, 415. 10 ) ZfdMyth. 3, 68 f.; vgl. oben
2, 576. u ) Meyer Baden 359; vgl. Bartsch
Mecklenburg 2, 325. 11 ) SchwVk. 18, 53 ff.
775
Iria—irreführen
77 6
13 ) Franz Benediktionen 2, 136. 14 ) ZfVk. 1,
295. 15 ) Birlinger Volkst. 1, 190; Meyer
Baden 517. 16 ) Geramb Brauchtum 101.
2. Am J.stage beschenken sich Mäd¬
chen und Burschen 17 ). Er war früher im
Saterlande ein beliebter Hochzeitstag 18 ).
An ihm paaren sich alle Vögel 19 ). Er
ist ein besonderer Festtag der Kinder 20 ).
Er gilt als erster Frühlingstag. „St. J.
schlägt einen glühenden Nagel in die
Erde“ 21 ) oder kommt „mit an Käppi voll i
Wärm“ 22 ). „Ist s an J.i hell und klar, j
so kommt ein gutes Jahr“ 23 ). Wenn am
J.stage der Wind geht, geht er das ganze
Jahr hindurch 24 ). In Böhmen fangen
die Kinder nun an Ball zu spielen 25 ).
Die Lichtarbeit hört auf, und im Kt.
Schaffhausen ist Lichterschwemmen 26 ).
Selbst der faulste Bauer soll nun den Pflug
im Felde haben 27 ). Die Weide beginnt 2S ).
17 ) Reinsberg Böhmen 104. 18 ) Stracker-
jan 2, 90. 10 ) Fontaine Luxemburg 34;
Sebillot Folk-Lore 1, 402; 3, 169. 20 ) Sartori
Sitte 3, 129. 21 ) John Westböhmen 49; Drechs¬
ler 1, 64; ZfrwVk. 23, 32; Sartori 3, 129.
22 ) Schramek Böhmerwald 142. 23 ) Pollin-
ger Landshut 231; ZfrwVk. 23, 33. In Spa¬
nien macht J. schönen Sonnenschein: Mann¬
hardt Germ. Myth. 395. 24 ) Zingerle Tirol
143 (1239). 25 ) Reinsberg Böhmen 105.
28 ) Hoffmann-Krayer 140; ZfrwVk. 23, 33
(Aachen). 27 ) Meyer Baden 416. 28 ) Ebd.
135; vgl. 131. 162. Sartori.
Iria, Zauberwort in der Amulettauf¬
schrift, die in weichem Brot verzehrt
wird: „X Iria Kiria Critha X X Katffer
Furias Drack X “ *). Das ist wohl weitere
Entstellung aus einer bereits verstüm¬
melten Formel: „Uram Eviram Cafram,
Cafratrem, Cafratrosque“ 2 ) gegen den
Biß toller Hunde, die schon Thiers 3 ) in
der Form bringt: „Iram. quiram. fran
fratem fratesque“ etc., nach ihm Schutz
gegen Schwertstreich. Eine fernere Form
dürfte sein: „Irioni (Izioni) khiriori
(khirioni) essera (esseza) kuder fere
(feze)“ 4 ) auf oder in Brot, gegen Hunds¬
wut wirksam, vgl. „Irioni khirioni“ 5 ),
die man auf Brot geschrieben bei sich
trägt. Vereinfacht wohl in „Ira bira lira
pira“ 6 ), wo das erste Wort durch Än¬
derung des ersten Konsonanten, wie
häufig in Zauberworten, zu Klang Worten
abgewandelt ist. In dem zweiten Wort I
steckt vielleicht xuoioc, das in einem
Exorzismus als „quirius“ erscheint 7 ).
a ) Drechsler 2, 282. 2 ) Seyfarth Sachsen
173 h 3 ) 1, 376. 4 ) Wier De praestigiis
daemonutn (1583) 5 c. 8; Thiers 1, 356.
5 ) Thiers 1, 356; Delrio Disquisitiones ma-
gicae (Köln 1679), 493. 6 ) Hovorka u. Kron-
feld 1, 29. 7 ) Franz Benediktionen 2, 587.
Jacoby.
irreführen. Wer sich im Walde, im
Nebel 4 ), nachts oder sonst verirrt, glaubt
sich gern auf spukhafte Weise „irrege -
führt' 4 . Dies I. wird als vorübergehende Be¬
wußtseinsstörung aufgefaßt, das sich bis
zu völliger Geistesverwirrung steigern
kann (ein Irregeführter, der glücklich
zu Haus angelangt ist, nimmt plötzlich
Stock und Hut: ‘Ich muß machen, daß
ich heimkomme") 2 ). Dabei gilt das I.
meistens als das Werk eines (sichtbaren
oder unsichtbar bleibenden) Spuk¬
geistes 3 ); insbesondere die Waldgeister
(s. d.), so schon im 13. Jh. das Waldweib
die „rauhe Else“ 4 ), und die Irrlichter
(s. d.), aber auch der wilde Jäger 5 ), das
Mittagsweibchen 6 ), Rübezahl 7 ), Hexen 8 )
und viele andre führen irre. Gelegentlich
heißt es aber auch unpersönlich, ‘es"
oder ‘ein Zauber" führe einen da und da
irre 9 ), bes. an Plätzen, wo jemand er¬
mordet oder sonst eines unnatürlichen
Todes verstorben ist 10 ), an Kreuzwegen 11 )
und auf dem ‘Hexentanzplatz’ 12 ). Ein
solcher Ort ist ein Trrfleck’ 13 ) oder ‘Irr-
Revier" 14 ); dort „ist es nicht richtig“ 15 ).
Auch wer auf die ‘Irrwurzel’ 16 ) oder das
Trrkraut" (s. d.) 17 ), in das Trrligsporr"
(die Spur einer geisternden Schweine¬
herde) 18 ), tritt, wem Samen vom Irr¬
kraut in die Schuhe fällt 19 ), geht irre;
wer von der Irrwurzel ißt, findet sich nicht
mehr heim 20 ). — Die Macht des Irr¬
zaubers endet entweder von selber mit
Ablauf der Geisterstunde, oder mit dem
Glockenschlag und Glockenläuten 21 )
(darum wird vielerorts abends für Ver¬
irrte geläutet 22 ); Glocken und Kirchen
sind von Verirrten zum Dank für ihre Ret-
tung gestiftet 23 )); oder sie wird durch Ge¬
genzauber gebrochen: dazu muß man (mit
Stahl) Feuer schlagen 24 ) (vgl. Irrlicht), ein
Kleidungsstück 25 ), und zwar den Rock 26 )
(die Taschen in Rock und Hosen) 27 )
:
777
Irrkraut, -wurz
oder die Schürze 28 ) umkehren, die Schuhe
verwechseln oder umkehren 29 ), den Hut
anders setzen 30 ) oder in die Höhe werfen
(nach welcher Richtung er zu liegen
kommt, dahin hat man zu gehen) 31 ),
sich um sich selbst drehen 32 ) oder einen
Purzelbaum schlagen 33 ), sich hinsetzen
und beide Daumen einziehen 34 ) oder sich
daran erinnern, mit wem man am letzten
Christabend zu Tisch gesessen 35 ), am
letzten Gründonnerstag harte Eier ge¬
gessen hat 36 ).
Laistner Nebelsagen 172. 2 ) Meier
Schwaben 1 Nr. 21; Schönwerth Oberpfalz 3,
276; vgl. auch Mannhardt 1, 129. 3 ) z. B.
Lütolf Sagen Nr. 74; Walliser Sagen 1 Nr. 47.
49. 58. 63. 79; SAVk. 5, 256; 8, 304; 11, 133;
12, 50; 23, 231; Reiser Allgäu 1 Nr. 1. 5. 48.
65. 110. 125. 127. 339 ( 5 )- 439 ( 5 ); Birlinger
Aus Schwaben 1 Nr. 118. 365; Ders. Volks -
thüml. i, 7. 230. 292; Meier Schwaben 1 Nr. 21.
22. 102, 1. 3. 4. 118; Alemannia 16, 249; Kün-
zig Sagen Nr. 71. 72; Leoprechting Lechrain
50 f.; Vernaleken Mythen 154. 213 Nr. 36;
Zingerle Sagen Nr. 313. 427; Panzer Beitrag
2 Nr. 223. 262; Kühnau Sagen 1 Nr. 153
(S. 142). 315. 477. 478. 481. 491 (S. 465).
511. 522. 549. 603. 608 (S. 573). 626. 632; 3
Nr. 1756 (S. 377); Eisei Voigtland Nr. 191. 198.
222. 225. 320 Anm. 341. 367; Hüser Beitr.
2, 15; Strackerjan 2, 404c. 4 ) Wolfdietrich
B ed. Jänicke (Berlin 1871) Str. 3iif. 317 *•.
vgl. auch Mannhardt 1, 629 s. v. 'irregehn';
Waschnitius Perht 176. 5 ) Meiche Sagen
Nr. 542; Kühnau Sagen 2 Nr. 1061. 1077.
1081. 1118, 2; Hovorka-Kronfeld 1,423; vgl.
Meiche Sagen Nr. 308 (= Köhler Voigtlar.d
Nr. 108); Plischke 70. 6 ) Meiche Sagen
Nr. 462. 7 ) MschlesVk. 1914* 20 ö* 8 ) Strak-
kerjan 1, 423 (b). 9 ) Eisei Voigtland Nr. 605.
606 u. Anm.; Kühnau Sagen 1 Nr. 221. 535.
537; Reiser^ llgäu S. 50. 10 ) Kühnau Sagen
1, Nr. 63 (= ZfVk. 7, 446, 1); ZföVk. 4, 218.
n ) Plischke 62. 12 ) Heyl Tirol 310 Nr. 125.
13 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 538 ( = ZfVk. 4, 456);
Peuckert Schlesien 166 f. 14 ) Meiche Sagen
Nr. 193. 15 ) Köhler Voigtland 523 Nr. 118.
18 ) z. B. Zingerle Sagen Nr. 826 u. Anm.;
Alpenburg Tirol 409; Schönwerth Oberpfalz
3, 276; Jungbauer Böhmerwald 72; vgl.
Grimm Myth. 3, 356. 17 ) Stöber Elsaß 2
Nr. 194; ZfdAlt. 3, 364 Nr. 33; vgl. auch die
herbe d'egarement in Frankreich: Sebillot
Folk-Lore 1, 164. 185 f. 285 f.; 3, 467 f. 18 ) Lü¬
tolf Sagen 462. 19 ) Stöber Elsaß 2 Nr. 194;
Wucke Werra Nr. 489. 20 ) Toeppen Ma¬
suren 134; vgl. auch die (romantische?) Trr-
blume' Schönhuth Burgen 2, 223; Keinz
Steiermark Nr. 112. 21 ) Kühnau Sagen 1
Nr. 535; Panzer Beitrag 2, 146 f.; Lütolf
Sagen Nr. 74; Künzig Baden Nr. 71. 22 ) z. B.
Schambach u. Müller Nr. 32. 33; Stracker¬
jan 2, 335 f.; vgl. ZfVk. 7, 366. 23 ) Panzer
Beitrag 2, 417; vgl. auch Abendläuten oben
1, 37 f. 24 ) Hüser Beiträge 2, 15; Reiser
Allgäu 1 Nr. 110. 25 ) Meiche Sagen Nr. 308
(= Köhler Voigtland Nr. 108); Liebrecht
Zur Volksk. 338 Nr. 202; vgl. auch Sebillot
Folk-Lore 3, 468. 26 ) Fogel Pennsylvania 386 f.
Nr. 2074 f. 27 ) Reiser Allgäu 2, 448 (241);
Schönwerth Oberpfalz 3, 276; Grimm
Myth. 3, 464 Nr. 852; vgl. Mannhardt 1, 140.
28 ) Grimm a. a. O. 29 ) Bartsch Mecklenburg 2,
317 Nr. 1572; Kuhn Westfalen 2, 23 Nr. 62;
Wucke Werra Nr. 489; Grimm Myth. 3, 464
Nr. 852; ZfdAlt. 3, 364 Nr. 33; vgl. Globus 57,
283; Sebillot Folk-Lore 3, 468. 30 ) Grimm
Myth. 3, 457 Nr. 657; Köhler Voigtland 432.
31 ) Reiser Allgäu 2, 448 (241). 32 ) Witzschel
Thüringen i, 182. 33 ) ZfVk. 4, 456 (— Kühnau
Sagen 1 Nr. 538). 34 ) Schönwerth Oberpfalz
3, 276. 35 ) Grohmann 244 Nr. 1581. 38 ) Köhler
Voigtland 432. Ranke.
Irrkraut, -wurz. Nach weitverbrei¬
tetem Glauben eine geheimnisvolle Wurzel.
Der Wanderer, der auf sie tritt, kommt
vom Weg ab, verirrt sich und findet sich
nicht mehr zurück 4 ). Ab und zu wird
die I. vom Volk als der Farn (s. 2,1215 ff.)
gedeutet, der ja oft an abgelegenen Wald¬
stellen wächst und im Aberglauben eine
große Rolle spielt. Auch das Motiv, daß
der auf die I. Getretene den Weg wieder¬
findet, wenn er die Schuhe auszieht,
weist auf den Farn hin 2 ). Auch
mit der Springwurzel (s. d.) wird die
I. gleichgesetzt 3 ). Die I. ist eine Baum¬
wurzel, die über Kreuz geht oder die Form
eines Andreaskreuzes bildet 4 ), oder die
Wurzel eines vom Blitz getroffenen
Baumes 5 ). Jetzt kennt man die I. nicht
mehr; ein Zillertaler Ölhändler hat im J.
1803 vor seinem Tode die letzte ver¬
brannt, und zwar auf den Befehl des
Geistlichen, den er beim Sterben zu sich
kommen ließ 6 ). Auch in nichtdeutschen
Ländern ist die I. bekannt 7 ).
*) Marzeil Bayer. Volksbot. 223:8.; Bohnen¬
berger 113; Fogel Pennsylvania 373; SAVk.
25, 139; Bechstein Sagensch. d. Frankenlandes
1 (1842), 268 f.; Alpenburg Tirol 409; Panzer
Beitrag 1, 260; 1, 138; Grohmann 88; John
Westböhmen 227; Baumgarten Aus der Heimat
3, 6; Bindewald Sagenbuch 221; Pfister
Hessen 166; Schramek Böhmerwald 247;
Lohmeyer Saarbrücken 93; ZfdMyth. 1, 332;
Rosegger Steiermark 65; Amersbach Licht¬
geister 41; ZfVk. 4, 155; Simrock Mythologie
503. 2 ) Kuhn Herabkunft 223 8.; Kleemann
Beitr. zu einem nordthür. Idiotikon 1882, 9;
Irrlicht
Firmenich Völker stimmen 2, 146 (im Henne-
bergischen); Schmitt Hetlingen 16; Kuoni
St. Galler Sagen 256. 3 ) Pollinger Landshut 118.
4 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 276. 5 ) Schramek
Böhmerwald 247. 6 ) Alpen bürg Tirol 409.
7 ) de Cock Volksgeloof 1, 16; Feilberg Ordbog
3, 1052; Sebillot Folk-Lore 1, 164; Romania 13
(1884), 155; Gubernatis Plantes 1, 237.
Marzeil.
Irrlicht.
1. Ursprung der Vorstellung.
Benennungen. Als I.er (im wissen¬
schaftlichen Sinn) bezeichnet die Meteoro¬
logie kleine vom Boden aufsteigende,
meist schnell wieder erlöschende, manch¬
mal aber auch mehrere Sekunden lang
stehende, mit schwacher bläulicher oder
gelblich-rötlicher Flamme brennende
Lichterscheinungen, die sich vor allem
im Spätherbst (wenn der Fäulnisprozeß
in der Natur seinen Höhepunkt erreicht
hat) in stillen Nächten in sumpfigen und
moorigen Gegenden zeigen. Die Existenz
dieser I.er, die die Naturwissenschaft um
die Mitte des 19. Jhs. am liebsten ganz
abgeleugnet hätte, wird heute nicht mehr
bezweifelt. Die Art ihrer Entstehung ist
umstritten x ). — Die unerklärliche und be¬
unruhigende Erscheinung solcher I.er, da¬
neben auch die huschenden Flämmchen
des Elmsfeuers (s. d.), phosphoreszierendes
Holz, fliegende Johanniswürmchen, viel¬
leicht auch die seltene Erscheinung des
Kugelblitzes 2 ) haben zusammengewirkt,
um den Glauben an die I.er (im Aberglau¬
benssinne) zu erzeugen, der, dem Altertum
unbekannt und erst seit dem 16. Jh. deutlich
bezeugt (s. u.), heute wohl durch ganz
Europa verbreitet ist; vgl. dänisch lygte-
tnand 3 ), schwedisch irrbloss , englisch will
o’ the wisp , jack 0'lautern, niederländisch
dwaallicht , französisch feu foll et 4 ), ita¬
lienisch fuoco fatuo , cularsi 5 ), tschechisch
swetylko , bludicka usw. 6 ). — Im deut¬
schen Sprachgebiet finden wir neben den
aus mitteldeutschen Mundarten in die
Schriftsprache aufgenommenen Namen
‘Irrlicht’ und ‘Irrwisch' (nach der Ähnlich¬
keit mit einem brennenden Strohwisch)
eine Fülle landschaftlich wechselnder Be¬
nennungen; besonders reich an solchen
ist Nord- und Mitteldeutschland; hier
zeigt sich auch die mythische Vorstellung
vom I. schärfer ausgeprägt als in Süd¬
deutschland und in der Schweiz, wo das
| I. mehr oder weniger mit dem Feuermann
(s. d.) zusammenfällt: in Schleswig-
Holstein heißt das I. Tümmelding 7 ),
- Dwerlicht 8 ), in Oldenburg spoklecht 9 ),
in Westfalen und am Niederrhein irr -
luchte 10 ), irrfackel , dwallicht (sich ver-
dwalen = sich verirren ),quadlicht (quad ==
böse) 11 ), wipplötschc 12 ), dröglicht 13 ), in
Luxemburg draulicht 14 ), im Hannover¬
schen und im Harz stölten - (= Stelzen?)
! und stölkenlicht 15 ), in der südlichen Alt¬
mark und im Braunschweigischen dicke -
pot (= Dickfuß als das tretende, auf¬
hockende?) und daraus entstellt hucke -
pot , tückebote , tückebold 16 ), in der Mark
Brandenburg lüchtemannchcn 17 ), in Meck¬
lenburg irdfiämmken , irdlicht , flämm-
stirn , flackerfiir 18 ), in Pommern dwer-
licht und lopend für 19 ) ( in Ostpreußen
lichtkedräger und schwidnikes (aus dem
Litauischen) 20 ); in Mitteldeutschland fin¬
det sich neben irrlicht und irrwisch , in
der Niederlausitz erlwischchen 21 ), in
Sachsen irreding 21 ), im Voigtland irrflämm¬
chen 23 ), in Hessen heerwisch 24 ), im Nas-
sauischen druckfackel 25 ), in Württemberg
und Baden schäuble ( = Strohbund) und
daraus entstellt stäuble 26 ), in der Schweiz
zunselwible , jüersteinmannli 27 ), während
; die Bezeichnungen züsler, brennender ,
brünnlig wohl vornehmlich dem Feuer¬
mann (s. d.) gelten; in Österreich scheint
ein eigener deutscher Name für das I.
zu fehlen, man sagt: ‘er hat ein Licht, ein
Lichtlein, einen Schein gesehen’; in den
\ östlichen Alpenländern und im Böhmer-
I wald heißt das I. buchelmännle (von
slav. * buckle ‘Fackel’ zu buchati * lodern’)
und daraus entstellt fuchtelmännlein 28 ).
2 ) Vgl. Samford Igms fatuus in Scientific
Monthly 9 (1919), 358 t.; Müller-Erzbach
Über die Beobachtung von Irrlichtern in d. Me-
teorol. Zs. 17 (1900), 505 f.; Fornaschon Kri¬
tische Beitr. zur I.erfrage 1899. 2 ) W. Brand
Der Kugelblitz Hamburg 1923 (Probleme der
kosmischen Physik II/III). 3 ) Feilberg
Ordbog 2, s. v. *) Sebillot Folk-Lore 2, 418 g.
5 ) Scientific Monthly 9, 359. •) Weitere außer¬
deutsche Namen für das I. z. B. bei Grimm Myth.
2, 764; 3 . 279. 7 ) Müllenhoff Sagen Nr. 255.
8 ) Mensing Schlesw.Wb. 1, 975. *) Stracker-
jan 1, 221, 225 (k). 10 ) ZrwVk. 1907, 223. 224.
n ) Kuhn Westfalen 2, 63 Nr. 60. 61. 63. 12 ) Zf-
rwVk. 22 (1925), 84. 13 ) Schell Berg. Sagen 166
Irrlicht
Nr. 65: vgl. Kluge Et. Wb. unter „Irrlicht“.
14 ) Gredt Luxemburg 659 ff. 15 ) Schambach
Wb. 212; Pröhle Harzsagen 2 197. 16 ) Kuhn
u. Schwartz 425 Nr. 229. 230; Temme Alt¬
mark 80; Ndd. Jahrb. 29, 149. 17 ) Kuhn
Mark. Sagen 98; ZfVk. 14, 425; Kuhn u.
Schwartz 425 Nr. 231. 18 ) ZfVk. 5, 223.
19 ) Kuhnu. Sch wartz 426 Nr. 234. 20 ) Frisch¬
bier PreußWb. 2, 25; Plenzat Sage u. Sitte 51.
21 ) Gander Niederlausitz 48 Nr. 122. 22 ) Grimm
Myth. 3, 279 (aus Chr. Reuters Schelmußski).
23 ) Eisei Voigtland Nr. 449. 24 ) ZfdMyth. 1,
246; Grimm Sagen Nr. 276; Wolf Sagen
Nr. 138. 25 ) Kehrein Nassau 31. 32. 26 ) Meier
Schwaben 1 Nr. 101, 2; Künzig Baden Nr. 70.
27 ) Rochholz Naturmythen 187. 28 ) Briefliche
Mitteilung von Prof. A. Pf alz vom Bayer.-österr.
Wb. in Wien.
2. Beschreibung. Im Unterschied
zum Feuermann gilt das I. meistens als
kleines Wesen, worauf schon die mehr¬
fachen Diminutiva in seiner Benennung
hinweisen; nur in Schlesien heißt es aus¬
drücklich, es gebe kleine und große I.er
(,,der große Leuchter'*) 29 ). Gewöhnlich
sieht man vom I. nichts als das Licht: es er¬
scheint als schwebendes blaues Lich-
lein 30 ), als Laterne „von einer Hand ge¬
halten, ohne daß man sonst etwas sieht“ 31 ),
man sieht „nichts als die helle linke Hand
mit den fünf leuchtenden Fingern“ 32 ),
den leuchtenden Kopf einer dunklen Ge¬
stalt 33 ), ein feuriges Rad oder eine feu¬
rige Kugel mit feurigen Rippen 34 ),
einen Pferde sch ädel, aus dem die Flammen
schlagen 35 ); in der Mark hat das I. ge¬
waltig lange Beine (die wohl mehr aus
seinem schnellen Schreiten geschlossen
als eigentlich gesehen sind) 36 ), in Schle¬
sien ein rotes Wams und statt der Mütze
eine Laterne 37 ); daran erinnert, daß man
im Voigtland das I. ‘Rotkäppel, Rotkopf,
Rothösel, Rotstrumpf, Rotröckel, Teufels-
böckel’ schimpft 38 ). — Die I.er fliegen
ungeheuer schnell (allg.); man kann sie
gelegentlich flöten hören 39 ). Wenn
sie einen anrühren, fühlt sich’s an wie mit
einer Rindsblase und verursacht Schmer¬
zen 40 ) und ein geschwollenes Gesicht 41 ).
Fängt man eins, so ist es bei Lichte be¬
sehen ein Knochen 42 ) oder ein Toten¬
kopf 43 ). — Am liebsten erscheinen die
I.er im Herbst bis in die Adventszeit 44 ),
aber auch im Spätsommer 45 ) und in den
Fasten 46 ), bes. bei trüber Witterung und
gedrückter Luft 47 ). Sumpfige Wiesen,
Moore, Friedhöfe, der ‘Schindanger’ sind
ihr Lieblingsaufenthalt; auch zeigen sie
sich gern, wo Schätze vergraben sind (s.
Schatzfeuer) 48 ).
29 ) Kühnau Sagen Nr. 381. 389; Drechsler
1, 315; Kuhn u. Schwartz 425 Nr. 232.
30 ) Lavater Von Gespänsten (1578) 38
(= Rochholz Sagen 1, 351); Eisei Voigtland
Nr. 449. 31 ) Kollier Voigtland 499; Greß
Holzland 34; Gander Niederlausitz Nr. 129;
vgl. Kuhn Märk. Sagen Nr. 95; die „umgehende
Laterne“ wird zuweilen vom I. unterschieden:
Quensel Thüringen 253. 3a ) Gräber Kärnten
Nr. 181. 183. 33 ) Eiscl Voigtland Nr. 449;
Schell Berg. Sagen 397 Nr. 1. M ) Gredt
Luxemburg Nr. 660; Rochholz Sagen 2
Nr. 320. 35 ) ZfrwVk. 1907, 223. 3e ) Kuhn u.
Schwartz Nr. 89; vgl. Gräber Kärnten Nr. 81.
37 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 443. 3B ) Eisei
Voigtand Nr. 451. 39 ) Schell Berg. Sagen 166
Nr. 65. 40 ) Grohmann 19. 21 Nr. 85. 92.
41 ) Rochholz Sagen 2, 85. 4a ) Kuhn u.
Schwartz Nr. 116; Strackcrjan 1, 225k.
43 ) Kuhn u. Schwartz Nr. 260. 44 ) Kühnau
Sagen 1 Nr. 429. 389; ZfVk. 14, 425; Grimm
Sagen Nr. 276. 45 ) Müllenhoff Sagen Nr. 258.
4# ) Drechsler 1, 315. 47 ) ZfVk. 14, 425.
48 ) Lemke Ostpr. 1, 64: Secfried-Gulgowski
193; Tetzner Slaven 192; Andree Braun¬
schweig 379; ZfrwVk. 1907. 122; Kühnau
Sagen 1 Nr. 227. 380; 3 Nr. 2095; Panzer
Beitrag 2, 142; ZföVk. 13, 132; vgl. auch
Sebillot Folk-Lore 4, 208.
3. Mythische Einordnung. Die
I.er gelten für „brennende Seelen“ 49 ),
und zwar (seltener) von Bösewichtern,
z. B. Grenzfrevlern 50 ), Selbstmördern 51 )
u. dgl. 52 ), bzw. Ertrunkenen 5S ), oder
(allgemein verbreitet) für die Seelen un-
getauft verstorbener Kinder M ), denen
auch die mittelalterliche und katholische
Kirchenlehre ein besonderes Schicksal
zuschreibt 55 ); man erzählt sich darum
auch von Versuchen, sic zu taufen 66 ). —
In der Lausitz heißt cs, die I.er seien
‘Jüdelchen’, d. h. koboldartige 57 ) We¬
sen (s. auch Jüdel).
49 ) Gräber Kärnten Nr. 184; Vonbun
Sagen 2 120 (f.). 60 ) SAVk. 22, m; Gräber
Kärnten Nr. 181; Bartsch Mecklenburg 2, 4;
Kuhn u. Schwartz 425 Nr. 230; Woeste
Mark 45: auch schwedisch: Afzelius 2, 363.
61 ) Meiche Sagen Nr. 353: Knoop Hinter¬
pommern 13; Müllenhoff Sagen Nr. 257. 258.
558. 62 ) ZfdMyth. 1, 246; Meier Schwaben 2,
500 Nr. 337; Strackerjan 1, 221; 2, 112.
63 ) ZfVk. 24, 417: Meiche Sagen Nr. 350.
84 ) z. B. Prätorius Weltbeschreibung 269;
Grimm Myth. 2, 765; 3, 279; Urquell 1, 152;
783
Irriicht
784
Tetzner Slaven 461; Bartsch Mecklenbg.
2, 4; Haas Rügen 2 105; Temme Pommern 339;
Knoop Hinterpommern Nr. 18; Kuhn Mark.
Sagen 373 Nr. 95; Kuhn u. Schwartz 425 f.;
Temme Altmark 80; Schambach u. Müller
363 zu Nr. 226; Schulenburg no; Gander
Niederlausitz Nr. 122; Wuttke Sachs. Vk.
320; ZfdMyth. 3, in Nr. 9; Schell Berg.
Sagen 304 Nr. 24; ZrwVk. 1908, 272; Köhler
Voigtland 499; MschlesVk. 5 (1902), 81; Kühnau
Sagen 1 Nr. 460. 422; Grohmann Nr. 90;
Alemannia 9, 273; Manz Sargans 127; vgl.
auch Volkskunde 10, 182 ff. und Sebillot
Folk-Lore 2, 420. 55 ) Wetzer u. Welte 5, 284;
Bautz Fegfeuer 126 f. 5Ö ) Schell Berg. Sagen
so wenn man Feuer schlägt (!) 76 ), wenn
man ihnen ein Messer, einen Schlüssel 77 )
(d. h. Eisen) oder einen Sechser (als Be¬
zahlung) hinwii ft 78 ), mit Friedhofserde
(s. d.) nach ihnen wirft 79 ) oder auf eine
Leiter steigt, wohin das I. (das immer
nah am Boden bleibt) nicht nach-
kommen kann 80 ). — I.er als Omen: ein
I. zur Linken gilt als gutes Zeichen 81 ),
andererseits zeigt das Erscheinen von
j Lern den Tod (eines Verwandten) an 82 );
! antiker Tradition entsprechend wurde
304 Nr. 24: ZrwVk. 22, 84; auch niederländisch: j ein I., das sich im Jahr 1620, vor der
Wolf Niederld. Sagen Nr. 261 521; vgl. auch ; Prager Schlacht, auf des Obersten Fahne
Kochholz Naturmythen 178 (aus Zerrenner ' , Y , \ r- - TT . .
Ackerpredigten 1783, 248). «) Gander Nieder- setzte (Elmsieuer), für ein Vorzeichen
lausilz Nr. 125. 128. des Sieges gehalten 83 ).
4 * Verhältnis zum Menschen. Aus 58 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 388. 59 ) Gander
der nur leicht ins Mythische gesteigerten Niederlausitz Nr. 123. 129; Gredt Luxemburg
Erfahrung stammt die Vorstellung, daß
die I.er, wenn man auf sie zukommt, ver¬
schwinden 58 ) oder (ihrem Namen ent¬
sprechend), den Menschen irreführen:
wer in der Meinung, ein von Menschen
getragenes Licht vor sich zu haben, ihnen ;
nachgeht, gerät vom Wege ab und in den
Sumpf; fällt dann der Irregeführte ins
Wasser, so klatschen sie schadenfroh in
die Hände oder lachen ihn aus 59 ). Rein
mythisch dagegen heißt es: die I.er sind
i. allg. gutmütiger Natur; sie kommen auf
Anruf (auch auf unausgesprochenen
Wunsch) zum Menschen herangeflogen 60 )
und leuchten ihm für geringes Entgelt:
ein Geldstück 61 ), ein Butterbrot 62 ) oder
etwas Milch 63 ), oder für ein ‘Vergelts¬
gott', das sie ‘erlöst', wie den Feuer¬
mann 64 ). — Dem Unfreundlichen da¬
gegen, der ihnen Dank oder Bezahlung
Nr. 665. 60 ) ZfrwVk. 1907, 224; Müllenhoff
Sagen Nr. 255. fll ) Kühnau Sagen 1 Nr. 377;
| Köhler Voigtland 499; Eisei Voigtland Nr. 454;
Meiche Sagen Nr. 351. 361; Gander Nieder-
laasitz Nr. 123. 126. 128. 131; Schulenburg
Wend. Vt. 52; Kuhn u. Schwartz Nr. 88;
Baader Sagen Nr. 330; Bohnenberger 9;
vgl. Rochholz Sagen 2 Nr. 312. 82 ) Meiche
Sagen Nr. 362; Gander Niederlausitz Nr. 134.
63 ) Ebd. Nr. 133. ® 4 ) Reiser Allgäu 1 Nr. 419;
Kühnau Sagen 1 Nr. 420; Grohmann
Nr. 93; Knoop Hinterpommern Nr. 107. ® 5 )
Gander Niederlausitz Nr. 126. ® 6 ) Eisei
Voigtland Nr. 451: Kühnau Sagen 1 Nr. 453.
430. ® 7 ) Eisei Voigtland Nr. 452. ® 8 ) Roch¬
holz Sagen 2 Nr. 320; Andree Braun¬
schweig 379; Kuhn u. Schwartz Nr. 169.
69 ) Meiche Sagen Nr. 351; MschlesVk. 1906,
m. 70 ) Drechsler 1, 315; vgl. Kühnau
Sagen i Nr. 453. 7l ) Globus 69 (1896), 11.
72 ) Gräber Kärnten Nr. 181. 183; Groh¬
mann Nr. 88; Eisei Voigtland Nr. 451;
Meiche Sagen Nr. 360; Schell Berg. Sagen
166 Nr. 65; vgl. auch Sebillot Folk-Lore 2,
419. 73 ) Pf ister Hessen 92 Nr. 12. 74 ) Bohnen-
vorenthält 66 ), und dem Dummdreisten,
der sie neckt, sie beschimpft 66 ) oder gar
nach ihnen schießt 67 ), hocken sie auf 68 ),
geben sie Ohrfeigen 69 ), zünden sie das
berger 9. 75 ) z. B. Grimm Myth. 3, 455
(611); Alemannia 9, 273; ZfVk. 24, 417; Zrw¬
Vk. 1907, 224; Drechsler 1, 315; Eisei
Voigtland Nr. 453; PrÖhle Unterharz Nr. 252;
Kuhn u. Schwartz Nr. 90. 169; Gander
Haus an 70 ); auch mögen sie nicht, daß
man mit dem Finger nach ihnen zeigt 71 )
oder ihnen nachpfeift 72 ). Wer mit dem
Stock nach einem I. schlägt, dem speit es
Feuer ins Gesicht, daß er davon stirbt 73 );
wer ein I. ausschlägt, hat sich das Leben
ausgeschlagen 75 ). — I.er loszuwerden
gibt es verschiedene Mittel: auf einen
Fluch verschwinden sie, wogegen sie aufs
Beten herankommen (allgemein) 75 ); eben-
Niederlausitz Nr. 123. 124. 140; Schambach
u. Müller Nr. 226; vgl. auch Sebillot Folk-
Lore 2, 418. 78 ) Eisei Voigtland Nr. 453;
ZrwVk. 1906, 208. 77 ) Drechsler 1, 315.
78 ) Eisei Voigtland Nr. 453; vgl. Sebillot
Folk-Lore 2, 420. 79 ) Haupt Lausitz 1, 59.
8Ö ) Schell Berg. Sagen 174 Nr. 85. 81 ) Gander
Niederlausitz Nr. 122. 82 ) ZfdMyth. 2, 418 (10);
ZrwVk. 1907, 224; Kuhn Westfalen 2, 23 Nr. 60.
83 ) Grimm Myth. 2, 951; Stemplinger
Aber gl. 32.
5. Alter der Vorstellung. Die aus-
785
Irrsteine—Isis
786
gebildete Vorstellung von Lern (im Aber¬
glaubenssinn) kann ich nicht über das
16. Jh. zurückverfolgen und sehe keinen
Anlaß, sie für älter zu halten als die letzten
Jahrhunderte des Mittelalters 84 ). Auch
die lat. Bezeichnung ignts fatuus scheint
nicht früher belegt als im 16. Jh. 85 ) und i
ist wohl dem deutschen Namen nachge¬
bildet. Luther freilich fand Namen
und Vorstellung schon vor: er verwirft
in seinem ‘Widerruf vom Fegfeuer’ von
1530 die Ansicht, die ‘Irrwische’ seien
arme Seelen 86 ), und erklärt sie vielmehr
für ,,schwebende tewffel, qui homines in
pericula ducunt“ 87 ). Die Naturwissen¬
schaft des 16. Jhs. lehnt die übernatür¬
liche Erklärung der I.er ab 88 ); im
17. und 18. Jh. wurde die I.erfrage mehr¬
mals in wissenschaftlichen Schriften be¬
handelt, die auch auf die abergläubischen
Vorstellungen eingehen und sie natürlich
zu erklären unternehmen 89 ); die wissen¬
schaftliche Ansicht des 18. Jh. von der
Natur der I.er findet man am übersicht¬
lichsten in J. H. Zedlers Großem Uni-
versal-Lexikon (Bd. XIV 1, 1279 f.).
Trotz aller Bekämpfung durch die Wissen¬
schaft hat sich der I.erglaube im Volk bis
in das 20. Jh. hinein lebendig erhalten:
„Alles will ich glauben, nur das nicht,
daß die I.er Dünste sein sollen“ 90 ). Eine
volkstümlich-natürliche Erklärung lautet:
‘I.er sind Frösche, das Licht ist das Fun¬
keln der Augen’ 91 ).
84 ) Gegen Mogk Mythol. 266. 85 ) z. B. Car¬
danus de rer um v artet ate, Basel 1557, Lib. 14
cap. 69. Das Zitat bei Grimm Mythol. 2, 764:
‘ann. corbei. a. 1034' bezieht sich auf die von
Paulliniim 17. Jh. gefälschtenCorveier Annalen:
Chr. Fr. Paullini rerum... Germanicarum
syntagma 2 (Frankfurt 1698), 385; vgl. Jaffe
Bibi. hist. 1 (1864), 38 und P. Wigand Die
Corveyer Geschichtsquellen (1841) 41 ff.; das
ae. scinldc (Fischer Angelsachsen 14) zielt
nicht auf I.er. 86 ) Luther Werke (Weimarer
Ausg.) XXX 2, 385. 87 ) Ebd. XXXII 177.
88 ) z. B. Cardanus a. a. O.; Joh. Garcaeus
Meteorologia (Wittenberg 1568) cap. 9 und viele
andre. 89 ) z. B. Sigm. Scherertz libellus con-
solatorius de spectris et daemonibus (Wittenbg.
1621) I 1; Sam. Hentschel disputatio de
meteoris ignitis . . et in specie de igne fatuo
(Wittenbg. 1652); M. F. von Schaewen
diss. physica de igne fatuo Germanis Irrwisch
aut Irrlicht dicto (Regiom. 1714) und die dort
genannte Lit. 90 ) ZrwVk. 1907, 224 (10).
91 ) Gander Niederlausitz Nr. 122. Ranke.
Irrsteine sind lichte Steine mitten im
Walde, durch die eine dunkle Ader zieht.
Ihre Gestalt ist gleichgültig, wenn nur
ein Streifen hindurchgeht und die helle
Färbung des Steins von der dunklen
trennt. Ihren Namen haben sie da¬
von, daß sie den Menschen in die Irre
führen x ).
J ) Schönwerth Oberpfalz 3, 277 Nr. 3.
Olbrich.
Isaak. Der Mann im Monde soll I.
i sein, der ein Bündel Holz zu seiner eigenen
i Opferung auf den Berg Moria trägt 1 ).
In kirchlichen Segensformeln wird oft
auf die Gnaden hingewiesen, die Gott
| Abraham, 1 . und Jakob erwiesen habe 2 ).
j i) Prätorius Weltbeschr. 1, 447 — Grimm
! Myth. 2, 600. 2 ) Franz Benediktionen 2, 687
] (Register s. v. Isaak). Sartori.
Isidor, hl.
1. Bischof von Sevilla, gest. 636. Sein
Tag ist der 4. Februar. Er „faßt in den
Etymologien (Etymologiarum s. ori-
ginum libri XX), die das erste Kon¬
versationslexikon des Mittelalters be¬
deuten, den ganzen Vorstellungskreis des
antiken Zauberwesens zusammen“ *).
Auch achtet er auf die heimische Landes¬
sitte 2 ).
2 ) Franz Benediktionen 2, 28, vgl. 522;
Wetzer u. Welte 6, 969 ff.; Herzog-Hauck
9, 447 ff. 2 ) ARw. 20, 121 f.
2. Spanischer Landmann im 12. Jh„
Patron des Bauernstandes. Sein Tag ist
der 15. Mai 3 ). In Steiermark begleitet
er in altertümlicher Bauerntracht mit
der h. Notburga die Fronleichnamspro¬
zession 4 ). Sein Name ist in Niederöster¬
reich als Taufname aber nicht beliebt 6 ).
In der Nieder-Bretagne sagt man, daß
I. die Maulwürfe sterben ließe 6 ). In
manchen Gegenden Frankreichs gilt er
als Viehbeschützer 7 ).
3 ) Künstle Ikonographie 358; Wetzer u.
Welte 6, 963 f.; Höfler Waldkult 88; Andree
Votive 10. 4 ) Geramb Brauchtum 51. *) ZfVk.
7, 101. e ) Sebillot Folk-Lore 3, 37. 7 ) Selig¬
mann 2, 327. Sartori.
Isis. Schiffsumzüge bei einem Teil der
Sueben wurden von Tacitus l ) als Isis¬
dienst 2 ) interpretiert. „Das aus der
Fremde her Eingeführte liegt kaum in
dem Namen Isis, da bei Merkur, Mars,
Herkules, deren Benennung gleich un-
germanisch aussehen mußte, nichts auf-
78 7
Island—Jucken
788
fiel; fremdartig schien Zeichen und Bild
des Schiffes, weil ihn dies an das römische
navigium Isidis erinnerte“ 3 ). Von Grimm
wurde diese Nachricht mit Berichten
über Schiffsumzüge im deutschen Mittel-
alter verbunden, so mit dem vom Schiff
des Bauern im Walde von Inda (Korneli¬
münster bei Aachen) um 1133 *). Die
allegorische Umstilisierung und Erwei¬
terung der Taciteischen Notiz mit antiken
Motiven durch Aventin, der aus Isis eine
Frau Eisen 5 ) macht, hat mit der Rolle,
die Isis in der griechischen alchimisti-
name Wodans s. u. Wilder Jäger, Wodan.
2 ) Myth. 1, 836; 3, 295. 3 ) Menzel Odin
S. 179 f. 4 ) Nicht auf drei, denn Wolf Deutsche
Märchen und Sagen Nr. 380 scheint identisch
mit , .Unterredungen aus dem Reiche der
| Geister“ (?) 1, 642. Quellen zitiert bei Wolf
1 s. u. 5 ) Wolf Deutsche Märchen und Sagen.
Leipzig 1845 S. 505 Nr. 380: Gualterus van
| Meer, Hofjunker Karls V., begegnet vor Island
1 einem Gespensterschiff, darauf ein Erzbischof
! in den Hekla gefahren wird. Er wird Franzis¬
kaner. 6 ) Ebda. S. 325 Nr. 406: Fischer sehen
auf einem glühenden Schiff den toten Kapitän
Jan Bart. 7 ) Caesarius von Heisterbach
im Dialogus miraculorum (ed. Strange Köln
1851 2 Bde.) bringt in der distinctio duodecima
sehen Literatur spielt 6 ), nichts zu tun.
Germania cap. IX. 2 ) Grimm vermutet
darunter den Kult einer Göttin Zisa, der in
späten unsicheren Quellen aus Augsburg belegt
ist Myth. 1, 220. 242 ff. 3 ) Grimmil/Wi 1, 213.
4 ) Myth. 1, 213 ff.; 3, 86 f.; weiter ausge-
(II 316 ff.) eine reiche Reihe von Beispielen.
8 ) Wolf Hessische Sagen 90 Nr. 133 (mündlich)
aus der Nähe von Wenings im Vogelsberg,
Anm. S. 200. Ittenbach.
Isländisch Moos s. Flechten.
Ito. Zauberwort in einer Formel zur
spönnen von Schade Ursula 71 ff. 5 ) Grimm
Myth. 1, 220. 6 ) Kopp Beiträge 1, 388 ff.
Ittenbach.
Island. Jakob Grimm brachte die
Hackelberg, Heckeiberg 1 ), „des wüten¬
den Jägers, also Teufels Aufenthalt“
über die niederdeutschen und dänischen
Formen mit Heklufjall, dem isländischen
Vulkan Hekla in Verbindung, der als
Sammelort der Hexen gilt 2 ). Menzel 3 )
knüpfte daran die Behauptung: ,,Als
man Island entdeckt hatte, wurde das
Bewahrung vor Schaden: Ito, alo, massa
| Dant (Dandi) Bando (Banto) III Amen
(Jnri) J ), wo zu „massa Dant Bando“
1 aus dem Herpentil (s. d.) verglichen
werden kann: asanta Banta 2 ), aus dem
| jenes entstanden zu sein scheint. Sinn¬
lose Worte.
1 ) ZfVk.9 (1899), 374; Urquell 3 (1892), 236.
2 ) Horst Zauber-Bibliothek 1 (1821), 172. 175.
Jacoby.
Itum. Zauberwort in der Formel 1 ):
„itum, otum, utum“ zur Besegnung eines
Totenreich dorthin und zwar in den I verwundeten Fingers; das erste Wort
feuerspeienden Berg Hekla verlegt“. Er kann aufgefaßt werden als latein. „itum
beruft sich außer auf Grimm auf zwei , ( est ) = man (näml.: Der Schmerz und
Sagen 4 ), wovon die eine 5 ), eine zur ; Schaden) ging (fort)“, durch Klangworte
Bekehrungslegende umgebogene Geister- weitergebildet, wozu die Änderung des
schiffsage, sich weder als deutsch noch • Vokals wie oft in diesen Formeln benutzt
als volksläufig beweist, während die wurde (s. Zauberworte). Doch sei be¬
andere 6 ) weder mit Seelengeleit noch
mit Island etwas zu tun hat. Sagen von
der Hölle im feuerspeienden Berg sind in
Deutschland geläufig und schon aus dem
12. Jahrhundert belegt 7 ), ohne daß ein
isländischer Vulkan genannt würde. Wo
diese Sage sich verbunden mit der von
Seelenentführung im deutschen volks¬
kundlichen Umkreis findet 8 ) und somit
ein Gegenstück zu jener Sage von der
Höllenfahrt des Erzbischofs bildet, ist
der Vulkan „ein feuerspeiender Berg“
und der Entführte „ein berüchtigter
Wildprethändler in Ketsch“.
1 ) Uber Hakelberg sowie Hackelbernd als Bei¬
merkt, daß Otum als Dämonenname in
südslavischen Zaubersprüchen vor¬
kommt 2 ).
J ) Birlinger^ws Schwaben 1,441. 2 ) Krauß
Relig. Brauch 49. Jacoby.
Jucken. Unter diesem Stichwort sind
im folgenden die unwillkürlichen, auf
Nervenreize verschiedener Art zurück¬
zuführenden Empfindungen des Juckens,
Zuckens, Springens, Zitterns, Klopfens
u. dgl. in den Haut- oder Muskelpartien
der verschiedenen Körperteile zusammen¬
gefaßt, soweit ihnen im Volksaberglauben
eine mantische Bedeutung beigelegt wird.
Akustische Erscheinungen ähnlicher Art
789 Jucken 79O
wie das Ohrenklingen, ebenso auch das ] ihm, wie andere Formen des niederen
Schlucken, Niesen u. dgl., werden in Vorzeichenglaubens, einer wissenschaft¬
besonderen Artikeln behandelt. liehen Darstellung offenbar nicht würdig 12 ).
Neben „jucken“, das in diesem Zu- Das einzige uns erhaltene griechische
sammenhang schon im 12. Jh. auftritt Zuckungsbuch ging unter dem Verfasser¬
kommen für die in Frage stehenden namen des Melampus, eines seit ältester
Empfindungen noch folgende Bezeich- Zeit oft genannten und für allerlei Wahr-
nungen häufiger vor: beißen 2 ), grim- sageschriften in Anspruch genommenen
men 3 ), krümmen 4 ), krimmern 5 ), Propheten und Sühnepriesters 13 ). In
kitzeln 6 ), laufen 7 ), dagazen 8 ). der uns überlieferten, in mehreren Fas-
Der Glaube an die zukunftweisende sungen vorliegenden Form stammt das
Bedeutung dieser Phänomene ist außer- Zuckungsbuch des Melampus aus später
ordentlich weit verbreitet und kann auf Zeit, es wurde, wie Diels (i, 12) sagt,
ein sehr hohes Alter zurückblicken; er „in den letzten trübsten Zeiten des
hat bei den verschiedensten Völkern Heidentums, also vom 4. bis 7. Jh. aus
eine förmliche pseudowissenschaftliche älteren Werken zusammengestellt“; seine
Literatur hervorgebracht, ähnlich der Urform mag immerhin zu Beginn der
Traumdeutung, der Chiro- und Geo- Kaiserzeit, vielleicht sogar noch etwas
mantie, der Astrologie und anderen Weis- früher anzusetzen sein 14 ). Es ist damit
sagungsmethoden. In den Untersuchun- die älteste uns erhaltene Schrift dieser
gen von Diels 9 ), die für dies Gebiet Gattung, da die indische Zusammen¬
ais grundlegend zu gelten haben, werden Stellung im Kathasaritsagara (Ozean
griechische, slavische, rumänische, arabi- der Geschichte) des Somadeva zwar
sehe, hebräische, türkische und indische ältestes Gut enthält, aber erst im 11. Jh.
„Zuckungsbücher“ zusammengestellt und entstanden ist 15 ).
abgedruckt; vermehrt wird diese syste- Daß der mit J. verbundene Aber-
matische Literatur durch zahlreiche, aus glaube vom Mittelalter als lebendiges
der mündlichen Volksüberlieferung bei- Erbteil des Altertums übernommen wor-
gebrachte Einzelangaben aus Deutsch- den ist, erweist die Polemik der christ¬
land, Skandinavien, England, Frankreich liehen Schriftsteller. Bereits Augustinus
und anderen Ländern Europas. Für nennt ihn bei einer Aufzählung „höchst
zahlreiche Völker der außereuropäischen sinnloser Beobachtungen“ an erster
Erdteile, darunter die Eskimos, Alt- Stelle 16 ), der ungefähr gleichzeitige Ver-
mexikaner und Altperuaner, die Cora- fasser der „Responsa ad questiones Aegyp-
Indianer, Abiponen, Hindu u. a. m. hat tii episcopi“ sucht die Sinnlosigkeit der
Preuß 10 ) das in der ethnographischen Palmomantik im allgemeinen und für
Literatur weit zerstreute Material vereinigt. die Christen im besonderen zu erweisen 17 ).
Im klassischen Altertum wurde die Die dem griechischen 7r*XjAoc entsprechende
Zukunftdeutung aus den Gliederzuckun- Bezeichnung 18 ) „salissatio“, ursprüng-
gen (7:aXaot) als TraXtxtxov (sc. oc xr^ lieh wie dieses ein medizinischer Fach-
otojviaxtxr^), rctXuxr^ (später auch ausdruck 19 ), wird von den christlichen
<mxr') xs^vr) bezeichnet. Die erste Schriftstellern auf jene heidnische Kunst
Systematisierung dieser Kunst wurde bezogen, ihre Vertreter werden als „sali-
anscheinend von dem großen Universal- satores“ bezeichnet Die deutschen
gelehrten Poseidonios (1. Jh. v. Chr.) Prediger des 15. Jhs. übersetzen den
in seinem Werke über die Mantik vor- Ausdruck mit „Springkunst“ 21 ) oder
genommen, der als Stoiker für die Er- „Springung“ 22 ). Auch bei den Divina-
scheinungen des Volksglaubens ein leb- tionsautoren des 16. Jhs., denen die
haftes Interesse hatte 11 ); Cicero, der Schrift des Melampus nicht unbekannt
in seiner Schrift De divinatione dem war, findet sich, meist unter den „auguria ,
Poseidonios vielfach folgt, erwähnt die die Zuckungsweissagung erwähnt, wenn
Palmomantik freüich nicht; sie erschien auch seltener, als andere Divinationen**).
79i
J ucken
792
Die astrologischen Beziehungen der ein¬
zelnen Körperteile auf bestimmte Ge¬
stirne, die in der Schrift des Melampus
bei der Behandlung der Finger deutlich
erkennbar sind und in der Ausbildung
der Chiromantie, Geomantie u. a. m. eine
so bedeutungsvolle Rolle gespielt haben,
machen sich in späterer Zeit nicht weiter
bemerkbar. Während bei Serben, Bul¬
garen und Rumänen noch heute ge¬
druckte Zuckungsbücher umlaufen, die
den Zusammenhang mit den älteren
Versionen nicht verleugnen 25 ), scheint
es dergleichen bei den germanischen und
romanischen Völkern Westeuropas weder
in der Gegenwart zu geben noch früher
gegeben zu haben.
Fast in sämtlichen erhaltenen Zuckungs¬
büchern finden wir eine ungemein starke
Spezialisierung der Einzeldeutungen. Es
werden nicht nur die rechte und die
linke Seite, die einzelnen Teile der in
Frage stehenden Körperpartien u. a. m.
berücksichtigt, sondern die Deutungen
sind auch verschieden je nach Geschlecht,
Beruf, sozialer Stellung usw. der be¬
troffenen Personen. Es versteht sich
von selbst, daß es sich hier um ausge¬
klügelte Zusammenstellungen handelt, die
für den Gebrauch von gewerbsmäßigen
Propheten und besonders wißbegierigen
Laien bestimmt waren, vergleichbar etwa
unseren Traum- und Punktierbüchern.
Auf keinen Fall stellen sie etwa eine
Kodifikation der im Volksglauben und
Volksmunde wirklich lebenden Meinungen
dar. Diese werden sich immer auf einige,
besonders häufig auftretende und be¬
sonders auffällige Erscheinungen be¬
schränkt haben. So ist es bezeichnend,
daß den 187, durch die Untergruppen
wohl auf fast Tausend vermehrten Einzel¬
deutungen des Melampusbuches in der
ganzen antiken Literatur eigentlich nur
ein einziger in den Rahmen des Alltags¬
lebens gestellter Fall gegenübersteht, näm¬
lich das Zucken des Auges oder Augen¬
lides. Daß dies Phänomen an mehreren
Stellen der Literatur auf taucht, läßt
vermuten, daß es sich um ein beliebtes,
dem Volksleben entnommenes poetisches
Motiv handelte **). So wird auch die
kirchliche Polemik vor allem die ge¬
werbsmäßigen Vertreter im Auge ge¬
habt haben, wenn sie die saliatores,
ebenso wie die Vertreter anderer fal¬
scher Weissagekünste, mit ihren Strafen
belegte.
Wenn man den genetischen Zusammen¬
hang zwischen der volksmäßigen und
der systematischen Form dieses Aber¬
glaubens erfassen will, so dürfte, wie
schon angedeutet, die Grundlage wohl
in einigen wenigen Vorstellungen der
Unterschicht zu suchen sein, die dann
von findigen Systematikern aufgegriffen
und zu einem vielräumigen „Lehrgebäude“
ausgestaltet oder aufgeblasen wurden.
Wieviel nun von dem heute in einem
Volk aufzufindenden Bestand an Einzel¬
vorstellungen Primitivgut und wieviel
„aus der quasigelehrten Literatur in den
Volksboden durchgesickertes Grundwasser
der Zuckungsliteratur“ 27 ) ist, wird sich
kaum feststellen lassen, am wenigsten
bei den Völkern, die eine solche Literatur
selbst nicht besitzen, wie die Deutschen.
Wenn sich hier, wie es in einigen, aber
seltenen Fällen zutrifft, die Deutungen
mit denen aus den Zuckungsbüchem
anderer Völker decken, so könnte man
an Entlehnung denken. Ein strikter
Beweis ließe sich dafür freilich nur führen,
wenn diese Parallelen ganz besondere,
„ausgefallene“ Deutungen beträfen; dies
ist jedoch jedenfalls für den deutschen
Aberglauben nicht der Fall. Vergleicht
man die zum großen Teil sehr einfachen
und auf naheliegenden Assoziationen be¬
ruhenden Deutungen des deutschen Aber¬
glaubens mit den zum Teil sehr w 7 eit
hergeholten oder auch völlig willkür¬
lichen der Zuckungsbücher, so ist man
eher geneigt, den Einfluß von Quellen
solcher Art sehr gering einzuschätzen.
Die Spezialisierung beschränkt sich hier
fast ausschließlich auf die im Volks¬
glauben auch sonst sehr bedeutungs¬
vollen Unterschiede von rechts und links;
ganz vereinzelt findet sich eine Unter¬
scheidung nach dem Auftreten des J.s
am Vor- oder Nachmittag 28 ); nur ein¬
mal, und zwar in einem älteren Zeugnis,
gilt die Deutung nur für Mädchen oder
793
J ucken
794
verheiratete Frauen 2Ö ), gelegentlich auch
nur für Kinder 30 ). j
Die folgende Übersicht über die auf
das J. bezüglichen Meinungen des deut¬
schen Aberglaubens macht keinen An¬
spruch auf Vollständigkeit, dürfte aber
doch von den wichtigeren Erscheinungen
nur wenige übersehen haben. Bei sehr
reichlich belegten Formen begnügt sie
sich mit der Anführung einiger weniger
Quellen; Parallelen aus außerdeutschen
Gebieten sind gelegentlich zum Vergleich
beigefügt. In der Anordnung folgt sie
dem Schema der meisten Zuckungsbücher,
indem sie den menschlichen Körper vom
Kopf bis zu den Füßen durchgeht; die
Deutungen sind stichwortmäßig so kurz
wie möglich zusammengefaßt:
Kopf: Schläge 31 ), baldiger Regen 32 ),
Reichtum 33 ).
Stirn: Fremder Besuch 34 ). — Auge
(allg.): Weinen 35 ), Schläge 36 ), Besuch 37 ),
erfreuliches Erlebnis 38 ). —Augenbraue:
Tod 39 ). — Linkes Auge: Weinen 40 ),
Lachen 41 ), unangenehme Begegnung 42 ),
angenehme Begegnung 43 ), vormittags
Unglück, nachmittags Glück 44 ). — Rech¬
tes Auge: Weinen 45 ), Lachen 46 ), an¬
genehme Begegnung 47 ), unangenehmes
Erlebnis 48 ), angenehmes Erlebnis 49 ),
Ärger im Haushalt 50 ), vormittags Glück,
nachmittags Unglück 51 ). — Backe: !
Weinen 52 ). —Nase: Neuigkeit 53 ), Brief 54 )
Kuß 55 ), Gedenken des Geliebten 56 ), An¬
kunft des Geliebten 57 ), angenehmer Be¬
such 58 ), Freude 59 ), Verdruß 60 ), Ver¬
leumdung 61 ), Schläge 62 ), Fall in
Schmutz 63 ), Gestank riechen 64 ), Kuchen
essen 65 ), Rotwein trinken 66 ), Rausch 67 ),
Billigerwerden des Schmalzes 68 ), Un¬
wetter und Wind 69 ). Auch bei der
Nase werden die rechte und die linke
Seite bisweüen unterschieden 70 ). — Ohr:
Neuigkeit 71 ). — Mund: Kuß oder Süßes
zu essen 72 ). — Hals: Kindtaufe oder
Hochzeit 73 ). — Ellbogen: Man be¬
kommt einen anderen Bettkameraden 74 ).
— Hand: Geld 75 ), Regen und Un¬
wetter 76 ). Ohne Deutung: s. Anm. 71 (v.
J. 1483). — Handteller: Gewinn 77 ),
Arbeit 78 ), Besuch 79 ), Brief 80 ). •— Rech¬
te Hand und linke Hand: Daß das
J. der rechten Hand das Ausgeben, das
der linken Hand das Einnehmen von
Geld bedeute, oder umgekehrt, ist wohl
die am häufigsten auftretende Form
dieses ganzen Aberglaubens; die Belege
hierfür sind so zahlreich, daß sich die
Aufführung von Einzelstellen erübrigt.
Die Bewertung der beiden Seiten wechselt
stark und wird öfters in denselben geo¬
graphischen Gebieten vertauscht. Einiger¬
maßen einheitlich scheint die Beziehung:
rechts — Ausgabe, links — Einnahme
für die folgenden Länder zu gelten:
Oldenburg 81 ), Mecklenburg 82 ), Neu¬
mark 83 ), Pommern 84 ), Ostpreußen 85 ),
Niederöster reich (Wien) 86 ), Island 87 ),
Nordengland 88 ), Schottland 89 ), Polen 90 ).
Das umgekehrte Verhältnis: links —
Ausgabe, rechts — Einnahme liegt vor
in der Rheinprovinz 91 ), Posen 92 ),
Schweiz 93 ), Flandern und Holland 94 ),
Südengland 95 ), Finnland 96 ), Ungarn 97 ),
bei galizischen 98 ) und nordamerikani¬
schen ") Juden. Dagegen wechseln die
Beziehungen von rechts und links, günstig
und ungünstig besonders in Schlesien 100 ),
Bayern 101 ), Böhmen 102 ), Norwegen l03 ),
Nordamerika 104 ). — Neben diesen ver¬
breitetsten Erscheinungsformen treten im
deutschen Aberglauben andere Deutungen
sehr zurück; z. B. J. der linken Hand:
Schläge 105 ), Besuch 106 ), der rechten
Hand: man wird etwas wegschenken 107 ).
— Finger: J. des Daumens: Geld¬
ausgeben 108 ). — Seite: es sucht uns
jemand 109 ). — Rücken: Schläge 110 ),
die Butter wird billiger m ). — Hinterer:
Schläge 112 ), man wird zu Gevatter ge¬
beten 113 ), guter Butterertrag i14 ), die
Schwiegermutter heckt Zähne oder be¬
kommt Haare auf den Zähnen 115 ). —
Fuß: Tanzfest 116 ), Reise in fremdes
Land 117 ). — Fußsohle: gleichfalls
Tanz 118 ) oder Betreten fremden Bodens 119 ).
— Linker Fuß: schlechtes Gelingen 120 ),
weite Reise 121 ). — Zehen: Ballen am
großen Zeh: Regen 122 ). — Hühner¬
augen: schlechtes Wetter 123 ). — Haut:
Schläge 124 ).
q St. Trudberger Hohes Lied hsg. v. Haupt
95, 16, vgl. a. Grimm Myth. 3, 411 (i 393 )i
Hasak Christi. Glaube 105 (1483). 2 ) Bar-
795
Jucken
796
bisch Vandans 347; Pollinger Landshut 166;
Strackerjan 2, 181; WZfVk. 33, 10 u. ö.
3 ) Dähnhardt Volkstümliches i, 98 Nr. 19;
Engelien-Lahn 283 Nr. 279; Schulenburg
Wend. Volkstum 124. 5 ) Drechsler Schlesien 2,
196; Peuckert Schles. Vkde. 126. 6 ) Unoth 1,
184 Nr. 93. 7 ) John Erzgebirge 37. ”) WZfVk.
33 » I 35 * 9 ) Beiträge zur Zuckungsliteratur des
Okzidents und Orients 1 und 2 in Abh. Berl.
1907/08 (Berlin 1908/09). Ältere Zusammen¬
fassungen: Bouche-Leclerq Hist, de la divi-
nation 1, 100; Oliphant in Am. Journ. of
Philol. 31, 203. 10 ) Die Vorbedeutung des Zuckens
der Gliedmaßen in der Völkerkunde in Globus 95,
245; vgl. ferner Haberland Die Vorbedeu¬
tungen am eigenen Körper in Globus 35, 58;
Fleischer Über das vorbedeutende Gliederzucken
bei den Morgenländern in Abh. Sachs. Ges. d.
Wiss. 1849, 244; Qvigstad Lapp. Abergl. 48
Nr. 2840.; Stern Türkei 1, 396; Tönjes in
ARw. 14, 480 (Ovambo). Eine reichhaltige Über¬
sicht über die Fundstellen für weitere ethno¬
logische Parallelen bei Halliday Greek Divi-
nation 174 Anm. 1; ältere Literatur bei Fa-
bricius Bibliogr. antiquaria 3 (1760) 607.
n ) Suidas s. v. oltovtauot, lloastStovto;, ItßuUa;
Nonnos In Gregor. Naz. 72, Migne P. G. 36,
1024. 12 ) Diels a. a. O. 1, 10. 13 ) Eine Schrift
des Melampus JJspt TepcTtov xat a^fjtEtiuv wird
von Artemidoros Oneirocr. 3, 28 erwähnt;
nach Cumont Catal. cod. astrol. 4, 110 ist das
Zuckungsbuch diesem Sammelwerk entnommen.
Die Schrift r.epi naXuiüv wurde zuerst im Jahre
1545 von C. Peruscus in Rom herausgegeben,
eine lateinische Übersetzung von A. Niphus er¬
schien in dessen Buch De auguriis, Basel 1533.
Der allein zuverlässige Text liegt in der Ab¬
handlung von Diels vor, der 1, 6 ff. über die
Überlieferungsgeschichte und die Ausgaben aus¬
führlich berichtet. 14 ) Diels 1, 10. Der Rest
eines älteren Zuckungsbuches aus einem Pa¬
pyrus des 3. Jhs. wurde von G. Vitelli in
Atene e Roma 7, 61 veröffentlicht und von
Diels 2, 10 mit dem Melampusbuch verglichen.
Das Fragment ähnelt diesem in Aufbau und
Ausdrucksweise, stimmt aber in den Deutungen
nur ausnahmsweise mit ihm überein. Eigen¬
tümlich ist hier die jedem Vorzeichen beige¬
fügte Vorschrift, eine bestimmte Gottheit zu
versöhnen. Ähnliches findet sich in arabischen
und indischen Zuckungsbüchern und wird von
Diels auf alte animistische Vorstellungen
zurückgeführt, die in jedem unwillkürlichen
Zeichen, das sich im Körper zeigt, die Ein¬
wirkung eines Dämons erblicken und apotro-
päische Gegenmittel für nötig halten. Mit
Recht vergleicht er hierzu Hippokrates De
morbo sacro 1, 6, 360 L. — Über weitere Papyrus¬
fragmente griechischer Zuckungsbücher vgl.
Körte in Arch. f. Papyrusforschg. 7, 254.
15 ) Ocean of Story ed. Penzer 2 (London 1924 f.),
144; 5, 200. Vgl. ferner Pischel bei Diels 2,
116. l8 ) De doctrina Christiana 2, 31: His
adiunguntur milia inanissimarum observatio-
num: si membrum aliquod salierti etc. l7 ) (Ju-
stinus) Quaest. et resp. 19, Migne P.G. 6, 1265,
qu. 19. 18 ) Corp. Gloss. 5, 513. 19 ) Galenus
Tcepi Tpdpo'j xou naÄfxoO, 7, 584 ff. ed. Kühn; Mar¬
cellus Emp. 21, 5. 20 ) Isidoros Orig. 8, 9,
29: saliatores vocati sunt, quia dum eis mem-
j brorum quaecumque partes salierint, aliquid
sibi exinde prosperum seu triste significari
praedicant. Mehr oder weniger wörtlich findet
sich diese Kennzeichnung in anderen kirchlichen
Schriften und Verordnungen, so im Decretum
Gratiani, Corp. iur. canon. ed. Friedberg 1, 1024;
vgl. ferner Thomas von Haselbach (1387
bis 1464) ZfVk. 12, 9; Nikolaus von Dinkels¬
bühl und Antonin von Florenz bei Klapper
in MschlVk. 21, 89 und 68 Nr. 25. 21 ) ZfVk.
11, 277 (Traktat vom Ende d. 15. Jhs.). 22 ) SAVk.
27, 132 (Lanzkranna Hymelstrass, 1484). Die
frühesten deutschen Erwähnungen verwenden
den Ausdruck ,Jucken“, s. o. Anm. 1. <23 ) Peu-
cer Comm. de praecip. generib. divinationum
(1560) 222; Bodin Demonomanie (1598) 1, 5;
Camerarius Comm. de generib. div. (1575)
6. 37; Delrio Disquis. mag. (1603) 2, 89;
Zanchius De divinatione (1610) 35 Nr. 17;
Vincentius Bellov. Speculum (Ausg.
1624) 1112. 24 ) Diels 1, 12. 28 Nr. 90—94;
Pauly-Wissowa 14, 1279; Hopfner Offenba¬
rungszauber 1, 158 Nr. 623 f. 25 ) Diels 2, 36.
42. 45. Über die slawischen Zuckungsbücher
(Trepetnik) ebd. 19 ff. 26 ) Theokrit 3, 36:
aD.cTGtt d'fHaXjxd; peu 0 Be^ioc. apd 7’ iorjaci
aurav; vgl. Plautus Pseudol. 106 f. Miles
glor. 692 f. Noch in byzantinischer Zeit wird
dies Motiv in der erotischen Dichtung verwandt:
Makrembolites 'lo xalP Taptvrjv 9, 4. Mit
anderer Deutung (oaxpuiuv toüto TExp^piov)
Chrysostomos Homil. 12 ad Eph., Migne
P. G. 62. 92. 2r ) Diels 2, 23. 2tJ ) Drechsler
Schlesieyi 2, 196; auch die weiteren Belege be¬
ziehen sich sämtlich auf schlesisches Gebiet:
Engelien-Lahn 283 Nr. 279; Urquell
3, 40; ZfVk. 4, 81. 29 ) Meyer Aberglaube 135
(aus Der alten Weiber Philosophey, 1556).
3J ) SchwVk. 10, 36. 31 ) Grimm Myth. 3, 349.
Nr. 141 (aus der Rockenphilosophie). 32 ) ZfdMyth.
3, 173. 33 ) Journ. Am. Folkl. 38 Nr. 149, 391
(jüdischer Aberglaube: lf your head itches
youTe going to take riches); Diels 1, 21, 4.
34 ) ZfdMyth. 3, 175. 35 ) Rosegger Volksleben
2, (1875) 83; Unoth 1, 184 Nr. 93; Mensing
Schl.-holst. Wb. 2, 1051; Grohmann 222;
Shakespeare Othello 4, 3 u. ö. 36 ) SchwVk.
10, 36. 37 ) WZfVk. 32, 35; Wuttke 218 §308.
M ) John Westböhmen 249. 39 ) John Erzgebirge
116, dagegen Angenehmes im Aberglauben von
Lesbos: Georgeakis-Pinaud Folkl. de Lesbos
334, Ärger im schottischen Volksglauben:
Campbell Superstitions of Scotland (1900) 258.
Ohne Deutung: Grimm Myth. 3, 411 Nr. 38
(Hs. v. J. 1393: du solt nüt glöben ... an die
brawen vh der wangen jucken). Die Sucht der
älteren Autoren, ihre Divinationslisten zu ver¬
mehren, führte zur Statuierung einer besonderen
„Blepharomantie“, s. (Bouhours) Remarques
ou Reflexions (1692) 91. *°) Bartsch Mecklen-
797
J ucken
798
bürg 2, 313; Mensing a. a. O.; Urquell 4,
74 (galizische Juden); De Cock Volksgeloof
1, 179 Nr. 176; Notes and Queries 8, 344 (Finn¬
land). 41 ) Grimm Myth. 2, 935; Lammert
224; Mensing a. a. O.; ZfdMyth. 3, 175.
42 ) Baumberger St. Galler Land 201; Mschles-
Vk. 2, 64; Pollinger Landshut 163; Urquell
3, 40; Schweiz. Id. 1, 135 (v. J. 1692); Diels
1, 23, 22. 43 ) Schramek Böhmerwald
256; Grohmann Aberglaube 222 (tschechisch).
44 ) Drechsler 2, 196; Englien-Lahn 283
Nr. 279; ZfVk. 4, 81. tt ) Grimm Myth. 2,
935; Lammert a. a. O.; Mensing a. a. O.;
ZfdMyth. a. a. O. 4Ö ) Mensing a. a. O.; Notes
and Queries (Finnland) a. a.O. 47 ) Baumberger
usw. s. Anm. 42 und 26; Diels 1, 23, 25.
**) Grohmann Aberglaube 222 (tschechisch).
Fogel Pennsylvania 96 Nr. 391; ZföVk. 3,
52. 6u ) SAVk. 2, 219. 51 ) s. Anm. 44. Auf¬
fallend ist die von Haupt in Globus 37, 192
Nr. 33 für Breslau mitgeteilte Deutung: Krim-
mert einem das rechte Auge, so spricht das
andere: ,,es ward dir einer ein Nußbäumchen
ins linke setzen -4 und umgekehrt. 62 ) Campbell
Superstitions 258, vgl. das Verbot v. J. 1393 oben
Anm. 39. 63 ) Köhler Voigtland 397; MsäVk. 7,
in u. ö., eine der am weitesten verbreiteten
Deutungen, auch Diels 1, 23, 23. Bisweilen
Spezialisierungen nach guter, z. B. ZfVk. 20,
385, und schlimmer Nachricht, z. B. Wuttke
218 § 308. 64 ) Fogel Pennsylv. 82 Nr. 305.
96 Nr. 391. 65 ) ebd. 66 ) Manz Sargans 125.
67 ) Barbisch Vandans 347; Unoth 1, 184
Nr. 93. 6S ) Fogel a. a. O.; ZfdMyth. 3, 175.
M ) Bartsch Mecklenburg 2, 313 Nr. 1528 b.
*°) Engclien-Lahn 283 Nr. 279; John
Westböhmen 247; Liebrecht Zur Volksk. 327;
WZfVk. 33, 98 U. ö. 61 ) Barbisch Vandans
347; Drechsler 2, 196. 62 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 315. 63 ) Drechsler a. a. O.; MsäVk. 7,
204 (aus dem Spinnrocken von Praetorius,
1678); Peuckert Schles. Vkde. 126. 64 ) ZfdMyth.
3, 311 Nr. 20 (v. J. 1556); Mensing Schl.-
holst. Wb. 2, 1051; ZfVk. 20, 385. 65 ) Drechsler
a. a. O.; Globus 37, 192; WZfVk. 33, 98. 66 ) Zfd¬
Myth. 3, 175. 311. 67 ) Grimm Myth. 3, 477 Nr.
1138 (v. J. 1668); MsäVk. 7, 204 (1678). 68 ) Bir-
linger Aus Schwaben 1, 414. 69 ) Mensing
a. a. O. 70 ) rechts günstig, links ungünstig:
Köhler Voigtland 397; Pollinger Landshut
166; WZfVk. 33, 9S, umgekehrt: MsäVk.
7, m. 71 ) Rosegger Volksleben 2 (1875),
83. Ohne Deutung das Verbot in Der Seelen
Trost (1483) bei Hasak Christi. Glaube 105:
(du solt nicht glauben) das sich die oren
juckent oder die hend oder deszgleichen. Der
Glaube findet sich auch bereits erwähnt im
St. Trudperter Hohen Lied ed. Haupt 95, 16:
so dich din öre iucket odir din ouge (12. Jh.).
Auch hier bisweilen Unterscheidung von rechts
und links: Fogel Pennsylv. 93 Nr. 374; 94
Nr. 375 ; auch in diesem Falle wechselt die
günstige und ungünstige Bedeutung der beiden
Seiten. 72 ) Urquell 3, 271. Kuß (oder
Schluck Schnaps) auch in schottischem und
nordamerikanischem Glauben: Campbell Su¬
perstitions 258; Journ. Am. Folkl. 40 Nr. 156,
160, vgl. Chaucer Canterbury Tales A 3682 f.
Im isländischen Volksglauben bedeutet J. an
Mund oder Kinn, daß man etwas zu essen oder
zu trinken bekommt, was man lange nicht ge¬
schmeckt hat: ZfVk. 8, 156. 72 ) ZfdMyth. 3,
316 (v. J. 1556); Grimm Myth. 3, 439 Nr. 141.
Die Schulter erwähnt ohne Spezialdeutung
Nonnos in Gregor. Naz. 72, Migne P.G. 36,
1024. 74 ) ZfdMyth. 3, 175; auch im Schotti¬
schen: Campbell Superstitions 258. 76 ) Dähn¬
hardt Volkstüml. 1, 98 Nr. 19; John Erz¬
gebirge 37; ZrwVk. 4, 257; ZföVk. 4, 151.
78 ) Urquell 1, 188. 77 ) Engelien-Lahn
283 Nr. 279; John Erzgebirge 37; ZföVk. 3,
52; ZfVk. 20, 385. 78 ) John a. a. O. 79 ) ebd. 33.
80 ) WZfVk. 33, 17. 81 ) Strackerjan 2, 181.
82 ) Bartsch Mecklenburg 2, 313. 83 ) Engelien-
Lahn 283. 84 ) Knoop Hinterpommern 187.
85 ) Urquell 1, 64. 88 ) WZfVk. 33. 17. 87 ) ZfVk.
8, 156. 88 ) Revue trad. pop. 26, H34. 8B ) Camp¬
bell Superstitions 258. *°) Mündlich aus Pa-
bianice. 91 ) Dirksen Meiderich 49 Nr. 7;
ZrwVk. 2, 206; 12, 59. 92 ) Kogasener Familien¬
blatt 2, 48. 93 ) SchwVk. 3, 74. ® 4 ) De Cock
Volksgeloof i, 179 Nr. 177; Gittöc in: Loten
Vast 1890, 52. 98 ) Rev. trad. pop. 26, 384.
9e ) Notes and Queries 8, 344. B7 ) s. Anm. 95.
B8 ) Urquell 4, 274. ") Journ. Am. Folkl. 38 Nr.
149 » 39 i- 1W0 ) Drechsler Schlesien 2, 196;
ZfVk. 4, 326. 101 ) Lammert 217; Pollinger
Landshut 164. 102 ) John Westböhmen 249;
Grohmann Aberglaube 222. lu3 ) Liebrecht
Zur Volksk. 327. 104 ) Fogel Pennsylv. 86 Nr.
330; 101 Nr. 422; 103 NT. 42t), Journ. Am.
Folkl. 40 Nr. 156, 163; ARw. 12, 570. l ‘ ,# ) WZf¬
Vk. 33, 17; interessant ist der ebd. aus dem
Aberglauben Wiener Großstadtkinder mit¬
geteilte Brauch: Wenn die linke Hand juckt,
so gibt man einen Kuß darauf und legt sie auf
den Kopf; es kommt soviel Geld, als Haare
sind. lu6 ) SchwVk. 3, 74. Im schottischen und
nordamerikanischen Glauben bedeutet J. der
rechten Hand Begegnung mit einer Person, die
man mit Händedruck begrüßen wird: Camp¬
bell Superstitions 258; Fogel Pennsylv. 101
Nr. 422; ARw. 12, 576; Journ. Am. Folkl. 40
Nr. 156, 163. J. der rechten Hand in Polen:
man wird jemandem eine Ohrfeige geben
(mdl. aus Pabianice). 107 ) Vernaleken Mythen
353 Nr. 72. m ) Drechsler Schlesien 2, 196.
Bei Shakespeare Macbeth 4, 1 sagt die eine
Hexe: By the pricking of my thumbs, Something
wicked this way comes. 1U9 ) ZfdMyth. 3, 175.
110 ) WZfVk. 33, 137. in ) ZfdMyth. 3, 175, vgl.
Anm. 114 . J. des Magens in nordamerikanischem
Glauben: bevorstehender Festbesuch, Journ.
Am. Folkl. 40 Nr. 156. 163. ni ) WZfVk. 33, 21.
113 ) Globus 37, 192 Nr. 6. ll4 ) ZfrwVk. 12, 59;
Fogel Pennsylv. 83 Nr. 306; de Cock Volks¬
geloof 1, 180 Nr. 178. ll8 ) Globus 37, 192 Nr.
7; WZfVk. 32, 38. 34, 25. 116 ) Mensing Schl.-
holst. Wb. 2, 1051; Schulenburg Wend.
Volkstum 124. ll7 ) ZfdMyth. 3, 175; ARw. 12.
799
Judäs
800
576, vgl. Georgeakis-Pinaud Folklore de
Lesbos 334. 11S ) Drechsler Schlesien 2, 196; ;
Grimm. Myth. 2, 935. 119 ) Rosegger Volks - j
leben 2, 83; Fogel Pennsylv. 87 Nr. 335; !
Journ. Am. Folki. 40 Nr. 156, 163. 120 ) Reiser
Allgäu 2, 428. 121 ) WZfVk. 33, 10, dagegen in
böhmischem Glauben: zu Hause bleiben,
G roh mann Aberglaube 223, während J. im
rechten Fuß eine Reise bedeutet. In nord-
amerikanischem Glauben folgert man aus J.
im rechten Fuß, daß man eine Reise machen
und willkommen sein wird, aus J. im linken
Fuß, daß man bei gleichem Vorhaben un¬
willkommen ist: Journ. Am. Folki. a. a. O.
128 ) Drechsler Schlesien 2, 196. 123 ) Mensing j
Schl.-holst. Wb. 2, 1051; WZfVk. 33, 135
124 ) ebd. 33, 18. Boehm.
Judas Ischariot in den Segen 1 ). The- i
ma ist hier teils Judas’ Verrat, teils sein
späteres Verhalten; in beiden Fällen kann
seine körperliche oder seelische Unruhe |
betont sein. Nach dem Zwecke fallen die j
Segen in drei Gruppen: Brandsegen, Fort- j
bannungen u. Diebssegen. !
Der Brandsegen „Feuer, verlier deine
Hitz, wie der Judas seine Färb verloren
hat, als er den Herrn Jesus Chr. verraten j
hat" scheint deutsch nur einmal belegt
(Hessen) 2 ); französisch ist er sehr be¬
liebt (Schweiz, Nordfr., Belgien), z. B.:
„Feu, perds ta chaleur, comme Judas
perdit sa couleur en trahissant le saint
Sauveur" 3 ); ältester Beleg 16. Jh. 4 ).
Vgl. Luk. 22, 48.
Fortbannungen. In einem Segen des
„Albertus Magnus" werden verschiedene
Leiden beschworen: „daß Ihr hinweg¬
geht, wie Judas aus dem Garten ist ge¬
gangen" 6 ): urspr. „aus dem Saal", Joh.
13» 30 ? In einem bei Gryphius über- !
lieferten Fiebersegen heißt es u. a.: j
„Mathes gang ein, Pilatus gang aus" 6 ).
Auch dies ist sinnlos: hier dürfte Pilatus
für Judas stehn (die beiden figurieren in
Diebssegen zusammen), der Spruch be¬
zieht sich dann auf die Ergänzungs¬
wahl Apostelgesch. 1, 25 f. Der Ruf „Ud j
Judas, ind Jesus" soll in Dänemark Rau- I
ferei verhindern 7 ).
Judas in den Diebssegen s. d. § 4.
Hier kann sowohl der Kuß 8 ) als auch die j
Reue erwähnt sein. Die einmal belegte
Wendung „(so weh) als wie dem Judas
in der Höllenpein" 9 ) ist dem nachfolgen¬
den, üblichen Passus über Pilatus ent¬
lehnt (schwedisch heißt es in einer Ge¬
wehrverhexung: „So unmöglich sei es
dir, zu entleiben, wie Judas u. Pilatus in
das Paradies zu treten" 10 )). — Daß J.
selber ein Dieb war, Joh. 12, 6, scheint
für diese Segen keine Rolle zu spielen.
In dem Bamberger Blutsegen n ) steht
„Judas" sicher für „Jude" d. i. Longinus,
s. d. „Petrus u. Judas" in einem Blut¬
segen 12 ) für „P. u. Jesus" ?
x ) Literatur Archer Taylor Judas Iscariot
in Charms and Incantations (Washington Uni-
versity Studies vol. VIII Hum. Series Nr. 1
1920). 2 ) ZfdA. 7, 536 Nr. 14. 3 ) Melusine 1,
400; weitere Belege Ebermann ZfVk. 24, 139
Nr. 7; Taylor 4 ff. 4 ) SAVk. iS, 4. *) Württ.
Vjh. 13, 201 Nr. 200 (vgl. ZfVk. 8, 201 mit
Vertauschung der Personen ?). 6 ) Grimm
Myth. 3, 503. 7 ) D anmT rylle fml. Nr. 837. 853.
8 ) Der Kuß neugriechisch FL. 10, 171 f. 9 ) ZfVk.
8, 346. 10 ) Meddelanden fr. Örebro Läns
Museum 7, 102. u ) AfdA. 15, 216. 12 ) ZfVk.
16, 173. Ohrt.
Judas Ischarioth, nach der biblischen
Überlieferung aus Geldgier zum Verräter
Jesu geworden, auf deutschem Boden
bereits im Heliand als Treubrecher be¬
sonders gebrandmarkt, deswegen auch
in späterer deutscher Dichtung A ) als der
„arme", d. i. der armselige, elende J.
hingestellt, frühzeitig in einer über das
ganze Abendland verbreiteten Legende,
die zufrühest nachweisbar ist in der
lateinischen Fassung der „Legenda aurea"
des Jacobus a Voragine (gest. 1298) und
in deutscher Sprache zuerst im „Alten
Passional" vom Ende des 13. Jhs., außer
als Verräter wie Oedipus in der antiken
Sage als Vatermörder und Blutschänder
und infolgedessen als ein besonderes
Scheusal vorgeführt, in den volkstüm¬
lichen deutschen Passionsspielen des Mittel¬
alters und über dieses hinaus als Geld¬
wucherer und Verräter gezeigt, der vom
Teufel getrieben ist, eine für die dra¬
matische und mimische Gestaltung dieser
Volksschauspiele außerordentlich wichtige
Figur, die sich auch als Sinnbild des vom
Bürgertum als wucherisch eingeschätzten
und deshalb gehaßten Juden festsetzte
und als solche auf die Entwicklung
manchen Brauches wie des J.jagens
und J.verbrennens und auf die Ver¬
801
Judas
802
breitung volkstümlicher Lieder 2 ) ein¬
gewirkt haben mag, die voll von bitterem
Hohne dem Haß gegen den Verräter
Ausdruck verliehen. Der Name J. er¬
weiterte allmählich seine Bedeutung und
wurde zum Gattungsnamen. Denn im
Volk nennt man einen verräterischen,
heimtückischen und von Neid und Haß
erfüllten Menschen nach ihm 3 ), in Winter¬
thur ähnlich einen Turm, der eine Folter¬
kammer enthielt 4 ).
• *
1. Bereits in der apokryphen Über¬
lieferung macht sich das Streben be¬
merkbar, J. schon als Knaben zu brand¬
marken 5 ). Erzählungen dieser Art setzten
sich im Volke fest, so die von dem bissigen
Knaben J. Zügellose Phantasie mittel¬
alterlicher Kreise machte ihn weiterhin
zum Gegenstand von Erzählungen antiken
Geschmackes oder scheute sich nicht,
Züge seines verworfenen Charakters auf
Gestalten der germanischen Mythologie
zu übertragen 6 ). Als Typus mensch¬
licher Verworfenheit mußte er schon
äußerlich entsprechend gekennzeichnet
sein. Er trägt vor allem rotes Haar und
einen roten Bart 7 ). Nach der Spiel¬
anweisung der Luzemer Rodel von 1545
heißt es: „Judas Verrätter, rott lang
Har und Bart, ein gelen Rock, einen
rotten großen Seckell am Hals“, ähnlich
in dem ersten selbständigen J.drama
des Thomas Naogeorgus (Kirchmair) 1552.
Diese anscheinend im Mittelalter herr¬
schende Vorstellung seiner äußeren Person
zeigt sich auch in der älteren Malerei 8 ).
*) Büchner Judas Ischarioth in der deutschen
Dichtung (1920), mit kurzen Hinweisen auf die
urchristliche Überlieferung und geschichtliche
Stellung des J. und auf die wichtigste theolo¬
gisch wissenschaftliche Literatur hierzu. Vgl.
auch Lexikon für Theologie und Kirche Bd. 4;
Lippert Christentum 690. 2 ) Wackernagel
Das deutsche Kirchenlied 2 (1867) Nr. 615 f.; Li-
liencron Deutsches Leben LII. 227; John
Westböhmen 64 (beim Eierholen am Karsamstag
von Buben gesungen); Böckel Handbuch 100;
ZfVk. 20 (1910), 253; Jungbauer Bibliogr.
166 Nr. 1036; Taylor im Journ. of Engl, and
Germanic Philol. 19, Nr. 3 (Gründliche Unter¬
suchung über den J.reim und das J.verbren¬
nen); Büchner a. a. O. 30. 78 Anm. 7. 3 ) Mei-
singer Hinz und Kunz 46. 4 ) Schweiz. Id. 3,14.
*) Büchner a. a. O. 78 (11); Müller Siebenbürgen
219: J. beißt seine Mutter nahe der Ferse in
den Fuß, weshalb die Menschen vor der Ferse
Bäcbtold-S täubli, Aberglaube IV
eine Vertiefung haben. Recht abgeschmackt
ätiologisch! 6 ) Stemplinger Aberglaube 10;
Meyer Germ. Myth. 261. 7 ) Quitzmann 55.
8 ) Büchner Judas Ischarioth 37. 79 Anm. 14.
2. Den wichtigsten Tagen aus dem
Leben des Verräters maß man üble Kräfte
bei, in erster Linie dem Tage, an dem
er sich erhängte. Das soll der 30. April
gewesen sein, der deshalb besonders
zu den sogenannten verworfenen Tagen
gerechnet wird 9 ). Der Todestag ist
ferner ein sogenannter Schwindtag (s. d.)
und gilt sogar als der „böseste" 10 ). Die
Legende oder Sage berichtet, der Verräter
habe sich an einer Weide erhängt oder
am Holunderbaum und deswegen seien
diese Bäume verflucht. Der Holunder
verbreite dieser sündhaften Tat des J.
wegen einen unangenehmen, stinkenden
Geruch und die Weide werde hohl und
berste n ). Auch bezeichnet man den
am Holunderstamm wachsenden Schwamm
als J.ohr (Fungus sambuci, Ruricularia
sambucina), das freilich als Heilmittel
gegen werkelnde, d. i. triefende Augen
galt 12 ). Der Strick, an dem J. sich er¬
hängte, wurde (wird noch ?) in der Peters¬
kirche zu Rom über dem Altar der Simon
und Juda gezeigt 13 ). Weiterhin be¬
trachtete man den Tag seiner Geburt
als einen der „verworfenen" Tage. Die
an ihm Geborenen würden „Krüppel und
Zuchthausriegel", wie es hieß 14 ). Als
Geburtstag bezeichnete (oder bezeichnet)
man den 1. April, der dann als J.tag
vorzugsweise galt oder gilt lö ). Bei den
Magyaren gilt oder galt dieser Tag als
„infelicissimus" beim Schatzgraben 16 ).
Anderswo wird der 14. Juli als der Ge¬
burtstag des J. angegeben. Der an
diesem Tage Geborene soll kein Glück
haben 17 ). Auch der letzte Novembertag
wird als Geburtstag bezeichnet und soll
deshalb einer der schlimmsten Tage
sein 18 ). In der Oberpfalz nannte oder
nennt man den 7. Monatstag J.tag 19 ).
Als Tag seines Verrates gilt der Mittwoch
der Karwoche, der infolgedessen nach
der christlichen Vorstellung unauslösch¬
lichen Makel an sich trägt 20 ). In Schlesien
wurde teils an diesem Tage, teils am
Karsamstag ein als J. Vermummter
übel behandelt (s. u.) 21 j.
26
803
Judas
Judas
806
3. Den Namen des J. übertrug man
auf Unangenehmes oder Übles; so nannte
(nennt ?) man den Hautausschlag der
Sommersprossen J.dreck, bran de J.,
die nur ,,Thunars heiliger Vogel, der
Kuckuck“, wegzunehmen die Macht
habe 22 ).
4. Eine Rolle spielte J. auch in kirch¬
lichen Formeln und in teils noch heute
lebendigen Zaubersprüchen 23 ). Er wird
erwähnt in dem Gebet, das der Formel
für die Probe mit dem geweihten Bissen
Brot vorangeht, weiter in einer Exorzis¬
musformel für Besessene 24 ). Ebenso
wird der Name J. in einem Spruch zum
Vernageln eines Diebes und zur Wieder¬
erlangung gestohlenen Gutes an erster
Stelle vor Pilatus und Christus genannt 25 ).
Peter Dörflers Spruch vom Roggenstroh
in der Erzählung „Der Roßbub“ mit
dem Anfang ,,Judas geht in ölberg
Garten . . .“ ist zwar eigens geformt,
aber vermutlich an altes Volksgut an¬
gelehnt.
9 ) Meyer Baden 511. 10 ) Zingerle Tirol
130 ff.; ZfVk. 4 (1894), 109. n ) Bartsch
Mecklenburg 1, 524; 2, 167; Andree Braun¬
schweig 403. 12 ) Märze 11 Pflanzenwelt 115;
ZfVk. 1 (1891), 295. 13 ) Arnold v. Harff 22
(1496) 38. 14 ) Höhn Geburt Nr. 4, 261. 15 ) Pol-
linger Landshut 168; Baumgarten Jahr u.
s. Tage 23; Höhn Tod Nr. 7, 311. 1C ) Wlislocki
Magyaren 98. 17 ) ZfVk. 24 (1914), 59: Kleinsee
bei Bergenhusen in Stapelholm. 1S ) Meyer
Baden 511; Treppenwitz der Weltgeschichte
8. Aufl. S. 17. lö ) Schönwerth Oberpfalz 1,
183 (20). 2j ) Wuttke 60, 69; Meyer Baden 511.
21 ) Drechsler 1, 94; Sartori Sitte u. Brauch
3, 139. 22 ) Mannhardt Germ. Mythen 135.
23 ) Taylor Judas Iscariot in charms and m-
cantations. Washington University Studies 8,
Humanistic Series Nr. 1, 3—17. 24 ) Franz
Benediktionen 2, 364. 388. 600. 25 ) Kuhn West¬
falen 2, 194 (546).
5. Die Person und die Tat des Ver¬
räters boten in der Karwoche, die in
manchen Gegenden, z. B. am Nieder¬
rhein, J.woche hieß 26 ), Anlaß zu mimisch¬
dramatischen Szenen in der öffentlich¬
v
1
keit, zu deren Entstehung und Ver¬
wurzelung J.szenen aus den Passions¬
spielen beigetragen haben mögen. Um
Leobschütz liefen schon am ,,krummen“
Mittwoch die Jungen mit Brandfackeln
(Besen) „a Judas suchen“ 27 ). Dieser
Brauch wurde auch das J.sehen genannt;
er berührt sich mit dem des J.verbrennens
(s. u.) am Karsamstag. Anderswo in
Schlesien wurde am Gründonnerstagabend
ein rothaariger Knabe 28 ) oder ein Knabe
in roter Weste 29 ) mittels Lärminstru¬
mente als Judas gejagt. Den Brauch
nannte man das J.austreiben, auch Sauer¬
brennen 30 ), da die Besen zusammen¬
geworfen und verbrannt wurden, also
der J. verbrannt wurde. Ebenfalls in
Schlesien wurde in symbolisch-mimischer
Handlung der Judas in Gestalt einer
Tonne 31 ) mittels Steine und alter Töpfe
solange beworfen, bis er zerbarst. Als
weiteres Glied in der Kette der Bräuche,
den J. zu jagen und zu vernichten,
könnte man den Brauch ansehen, an
seiner Stelle ein Tier (Katze, Ziegenbock)
vom Kirchturm zu stürzen, wie es in
Schlesien geschah,genannt das J.stürzen 32 ).
Eine Art J.jagen veranstalteten früher
in Luxemburg 33 ) die Kinder am Kar¬
freitag. In Köln nannte man das große,
mit viel Geräusch verbundene Reine¬
machen am Karsamstag zur Vorbereitung
auf das Osterfest den J. ausfegen 34 ),
wobei man sich gegenseitig die Vorstellung
beigebracht haben mag, es handele sich
um die Austreibung einer Art Dämon.
Im Sauerland versammeln sigh am Abend
des Karsamstags die Jungen und Burschen
in der Schule, um den J. zu jagen, d. i.
beim Glockenschlag 12 einen Höllenlärm
zu verüben und mit Geheul zur Tür
hinauszufahren 35 ). Offenbar mit den
Trauermetten an den Vorabenden der
Kartage in Verbindung zu bringen und
infolgedessen als eine Art übernommenes
und entstelltes Kulturgut zu betrachten
wäre der Brauch, bei diesen Metten an
die Bänke und Wände 36 ) zu schlagen,
um den Verräter J. zu treffen. In der
Eifel wurde bei der Auferstehungsfeier
am Morgen des Ostertages nach dem
Umzug um die Kirche Gepolter gemacht,
das J.jagen 37 ) genannt. In Mexiko
arbeitet man zur Feier des Osterfestes
auf den Straßen mit Rasseln, um dem
J. die Knochen zu zerschlagen 38 ).
6. Eine außerordentlich weite Ver¬
breitung gewann das J.feuer 39 ) am
Karsamstag, das freilich kaum etwas
anderes ist als das Osterfeuer (s. d.).
Bei diesem J.feuer wurde Stroh und
Reisig um einen Pfahl oder ein Kreuz
so aufgeschichtet, daß vielfach die Gestalt
einer menschlichen Figur mit ausgebrei¬
teten Armen sich bildete. Diese erhielt
den Namen J. oder auch Ostermann.
Sonst wurde ein angekleideter Stroh¬
mann als J. verbrannt, indem man eine
Puppe, die den Verräter Judas bedeuten
sollte, in den Feuerbrand warf 40 ). In
Köln wurde am Karsamstag im Dom
ein Wergbündel, Pürk (Perücke) genannt,
mittels der Osterkerze angezündet und
nach einer (jüngeren?) Meinung des
Volkes als J. verbrannt, ilach dem
Ordinarius der Kölner Meßbücher von
1525 zum Hinweis auf die Flüchtigkeit
und Hinfälligkeit des irdischen Lebens
vernichtet 41 ). Der Name J.feuer blieb
auch da, wo die Figur verschwand 42 ).
Nachgewiesen ist das J.feuer für fast ganz
Mitteldeutschland und für die schwäbi¬
schen und bayerisch-österreichischen Län¬
der einschließlich der Schweiz und Tirol.
In Westfalen, Braunschweig, Hannover,
am Harz, in der Altmark brannte das
J.feuer am Ostertage. Der Brauch ver¬
pflanzte sich mit dem christlichen Kult
aus der „alten“ Welt nach den Sied¬
lungsländern 43 ). Zu beachten ist, daß
im Allgäu 44 ) schon das Funkenfeuer
am ersten Fastensonntag den Namen
„Jaudasbrennen“ führte und anderswo
der um Mittfasten (Lätare) verbrannte
Strohmann J. genannt wurde 45 ). Das
J.feuer gehört wie das Osterfeuer über¬
haupt nach Ursprung und Bedeutung
zu den Frühlingsfeuern, die agrarkulti¬
schen Zwecken dienten 46 ). Ausgang
für beide mag das Feuer gewesen sein,
das der Priester am Morgen des Kar¬
samstags vor der Kirche ursprünglich
durch Reibung oder mittels Feuersteins
entzündete und weihte. Bereits während
dieser Feuerweihe fand hier und da eine
wirkliche J.Verbrennung statt. Sonst
wurden in diesem neuen heiligen Feuer
Gegenstände, z. B. alte Meßgewänder
oder “Grabkreuze, verbrannt, deren Aschen¬
reste vom Volke zu magischen Zwecken
verwandt wurden. Wie andern Jahres¬
feuern mißt man dem J.feuer zauberische
Kraft bei. Schon die Feuerhandlung
hat magische Zweckbestimmung; sie soll
z. B. Hagelschlag abwenden helfen und
die Fruchtbarkeit der Äcker fördern.
Auch die Kohlen dieses Feuers sind heil-
und zauberkräftig. Man ist bestrebt,
sie noch glimmend heimzubringen, um
durch sie das „neue“ („heilige“) Licht
zu erhalten 47 ). Kohlen des verbrannten
J. oder aus solchen geformte Kreuze
steckte man in die Felder (Wintersaaten),
um sie gegen Mäusefraß 4B ) oder gegen
den „Bilmazschnitta“ 49 ) zu schützen
oder das Wachstum und die Güte des
Kornes 50 ) zu fördern. Man brachte
sie in den Stall, um das Vieh vor Krank¬
heiten zu bewahren 51 ), unters Haus¬
dach, in den Koch- und Backofen zum
Schutz gegen Feuersgefahr 62 ), in den
Keller gegen Kröten und Ungeziefer M ).
Im Hause aufbewahrt galten oder gelten
sie überhaupt als bewährtes Mittel gegen
Übel jeglicher Art sowie gegen Hexen¬
werk, Spuk und Zauberei, auch als Mittel
für erfolgreiches Schießen auf spukhafte
Gestalten 54 ). Auch wurden Holzspäne
an einem Ende ins J.feuer gesteckt und
angekohlt und, auf diese Weise magisch
gemacht, heimgeschleppt zum Schutz
gegen Blitzschlag und Feuersgefahr w ).
Zum Anmachen des Saatgetreides (Sämm-
träis) wurden ebenfalls solche Kohlen
verwandt 56 ). Im Gegensatz zu der allge¬
meinen Auffassung von der wirksamen
Verwendung der Aschenreste des J.feuers
glaubte man auf dem Eichsfeld, die
Asche des Osterfeuers, in dem der J.
verbrannt wurde, bringe Verderben, wes¬
halb man sie ins Wasser streute 67 ). Im
Odenwald schüttete man die Asche in
eine Grube an der Kirchhofsecke und
begrub so den J. 58 ). In Althenneberg
(Oberbayem) wurde die Glut von zwei
Burschen die ganze Nacht gegen Ent¬
wendung streng bewacht, die Asche bei
Sonnenaufgang sorgfältig gesammelt und
in das fließende Wasser des Rötenbaches
geworfen 60 ). Als gelehrt oder pseudo¬
gelehrt müssen die Versuche gelten, den
J. des J.feuers als Umformung des Christ¬
blockes oder als den hingestorbenen
8 c >7
Jude, Jüdin
808
Winter 61 ) darzustellen oder als den der
Vegetation schädlichen Dämon 62 ) in kirch¬
licher Umdeutung anzusehen oder ganz
allgemein das J.teuer wie andere Fest¬
feuer als symbolische Verbrennung von
Hexen 63 ) oder mythologisch oder als
kirchliches Gegenstück einer zu bannen¬
den heidnischen Volkssitte zu bezeich¬
nen. Die Willkür in der Deutung dieses
Feuers lehrt die anderwärts unternom¬
mene Gleichsetzung des J. mit dem
ewigen Juden 64 ). Der „alte Jude“, d.i. der
Verräter J., hieß auch die Figur, die man
am „schwarzen“ Sonntag oder Toten¬
sonntag in der Gegend von Weidenau
(Schlesien) aufs Feld trug und abends
verbrannte 65 ).
26 ) Wrede Rhein. Volksk. 2 255. 27 ) Drechs¬
ler 1, 78. 94. 2S ) Reinsberg Böhmen 123.
29 ) Drechsler 1, 77 — 78. 3 °) Urquell 6, 155:
Niederschlesien. 31 ) Drechsler 1, 94 (Glogau).
32 ) Ebenda. 33 ) Fontaine Luxemburg 38.
34 ) Wrede Rhein. Volksk. 2 258. 35 ) Sartori
Westfalen 153. 3Ö ) Panzer Beitrag 2, 554.
Birlinger Aus Schwaben 2, 160. 37 ) Schmitz
Eifel 1, 27. Gepolter gedeutet als Versinn¬
bildlichung des Erdbebens; Wrede Eifler
Volksk. 2 215. 3S ) ZfVk. 20 (1910), 253. 39 ) Al-
satia 1851, 131; Kenrein Nassau 2, 142;
Birlinger Volksth. 2, 62; Alemannia 2 (1874),
144; 24 (1896), 145; Meyer Baden 98; Leo-
prechting Lechrain 26; Zingerle Tirol
96; Hörmann Volksleben 60; SAVk. 20,
196; 8, 313; 11 (1907), 246: Einsiedeln; John
Westböhmen 63; Lehmann Sudetend. Volksk.
143; Schramek Böhmerwald 147; Land¬
steiner Niederösterreich 43; HessBl. 3, 162 f.;
Schweizld. 1, 582; DG. 15 (1914), 125: Ober¬
bayern; John Oberlohma 150; Sommert
Egerland 118; Quitzmann 63; 273; Bavaria
1, 1002; 4, 393; Frazer 12, 326. 40 ) Mann¬
hardt 1, 505 = Wolf Beiträge 1, 74. 41 ) Annalen
d. histor. Vereins f. d. Niederrhein 37 (1882),
201; Wrede Rhein. Volksk. 2 257. 42 ) Leo-
prechting Lechrain 172; Zingerle Tirol 149
(1286). 43 ) ZfVk. 20 (1910), 253: Mexiko (J.-
puppen werden aufgehängt oder verbrannt).
**) Reiser Allgäu 2, 99. 46 ) Meyer Baden 88.
In der Gegend von Weidenau (Schlesien) hieß
er „der alte Jude“, vgl. Vernaleken Mythen
296. 48 ) Panzer Beitrag 1, 213; Becker Früh¬
lingsfeiern 8; Mannhardt 1, 504; ZfVk. 3
(1893), 353; Freudenthal Das Feuer im
deutschen Glauben und Brauch 274 ff. Zu¬
sammenfassend und kritisch. 47 ) John West¬
böhmen 62. 48 ) G roh mann 62 49 ) John
Westböhmen 184. 60 ) Schramek Böhmerwald
148: am Ostermontag, zugleich mit geweihten
Palmzweigen. 61 ) Grohmann 133; Elsäß.
Wörterbuch 1, 404; Elsäß. Jahrb. 3, 123;
Schmeller Bay. Wb. 1, 1203. 52 ) John West¬
böhmen 63. 63 ) Ebenda. 54 ) SAVk. 8, 313:
Einsiedeln. 66 ) Meyer Baden 98; Schramek
Böhmerwald 148. M ) John Westböhmen 62.
B7 ) Sartori 3, 151. B8 ) Meyer Baden 95.
ß9 ) Wolf Beiträge 1, 72 — 73. 60 ) Lippert
Christentum 485. 61 ) Jahn Opferbräuche 133;
Wuttke 70 §81; Sartori 3, 150. 62 ) Der¬
selbe 153. ® 3 ) Simrock Mythologie 560. 562.
64 ) ZfVk. 20 (1910), 399: Schwarzach bei Rastadt.
66 ) Vernaleken Mythen 296.
7. Es könnte auffallend erscheinen, daß
man ein Kartags- oder Ostergebäck mit
J. in Verbindung bringt und nach ihm
benennt 66 ), wenn dies, wie zu vermuten,
nicht ganz äußerlich und rein willkürlich
geschähe oder früher geschehen wäre.
Anders kann man sich die Holsteiner
bzw. Hamburger J.ohren, Osterflädchen
oder Flachkuchen mit einem das Ohr¬
läppchen andeutenden und das Gebild-
brot entstellenden keilförmigen Aus¬
schnitt, kaum erklären. Eine besondere
Rolle, etwa eine volksmedizinische, spielt
dieses Gebäck nicht. Genau so wären die
deutschböhmischen J.zelten und der meist
in böhmischen Gegenden und hier vor¬
wiegend am Karsamstag aus den Teig¬
resten der Mulde gebackene, Koteisch,
Kotouc genannte J. oder J.wecken, eine
weckartig zusammengedrückte Brezel, ein¬
zuschätzen. Der in der Bunzlauer Ge¬
gend am Karfreitag in Form eines ge¬
drehten Strickes oder einer gewundenen
Stange gebackene J. wird gewiß nicht
ohne Phantasie als Symbol des Strickes
gedeutet, mittels dessen sich J. erhängte.
In der Raudnitzer Gegend ist der J. ein
kleiner glitschriger, mit Honig beträu¬
felter Knollen (Talken). Wer am Kar¬
samstag von dem Honig dieses Gebäckes
in das Zimmer spritzt, vertreibt die
Flöhe 67 ).
66 ) Reinsberg Festjahr 102 f.; Höfler
Ostern 11. 19. 43; Schütze Holstein. Idiotikon
3 (1800—1806), 177. 6T ) Grohmann 86.
Wrede.
Jude, Jüdin.
Es kann sich im folgenden nur um den
J.n im deutschen Aberglauben handeln;
die Behandlung jüdischen A.s würde zu
weit führen. Nur einige notdürftigste Hin¬
weise seien erlaubt. Da sind zuerst die ein¬
schlägigen Artikel in The Jewish Encyclo-
paedy, in der Enzyclopaedia judaica 1928,
809
Jude, Jüdin
8lO
ferner zahlreiche Aufsätze und Angaben
in den Mittlgn. d. Gesellsch. f. jüd. Vk.
(Hamburg 1898 ff.), der ZfVk., Urquell
usw. Jüdische Sagen bringen Graesse,
Preußen, Knoop, Posen; zum jüd.
Märchen (wie zu den Sagen) liegen Micha
Josef bin Gorions große Sammlungen
„die Sagen der J.n“ (alttestamentl.
Stoffe) und „der Born Judas“ mit rei¬
chen Literaturangaben vor. Zur Schwank¬
literatur haben wir im Urquell Material;
daneben die Sammlung OlSvangers, Ro¬
sinkess mit Mandlen. Reichhaltiges Ma¬
terial zum jüd. Aberglauben, zu Sitte
und Brauch bieten Eisenmenger, Buxtorf,
Schudts Monographie der Frankfurter
J.n usw. Es darf an dieser Stelle nicht
unerwähnt bleiben, daß manches aus dem
jüd. Glauben in unsern Geistesschatz über¬
gegangen ist, zum Teil vermittelt durch
Bibel und Christentum, zum Teil durch
jüd. Schrifttum zu uns getragen, zum
Teil beim Nebeneinanderwohnen über¬
nommen 1 ). So ist die Sage vom Mein¬
eidigen mit dem hohlen Stock zuerst
in jüd. Quellen bezeugt 2 ). Wenn S.
Bugge und nach ihm E. H. Meyer die
eddische Mythologie erfüllt von jüd.-
christl. Stoffen sahen, so war das freilich
übertrieben; aber die letzten Jahre haben
uns manches bemerken lassen, was aus
dem jüd.-christl. Kreis, — z. T. durch den
synkretistischen Hellenismus vermittelt, —
zu uns gedrungen ist, ehe an schriftliche
Überlieferung zu denken ist; vgl. etwa
Schröders Germanentum, und oben unter
Antichrist, Endschlacht, dürrer Baum.
Weiter haben die J.n, als sie noch abge¬
sondert wohnten, schon christlich-abend¬
ländischen, ja durchaus deutschen Aber¬
glauben 3 ), übernommen.
Die Bedeutung der ostjüdischen als
einer deutschen Kultur 4 ), — der Zusam¬
menhang des Jüdischen mit dem „Rot¬
welsch“, der der J.n mit den Räuber¬
banden älterer Zeit 5 ) sei nur erwähnt.
J ) M. Güdemann Gesch. d. Erziehungswesens
n. d. Kultur d. Juden in Deutschland 3 (1884),
128 f. 199 t. 2 ) C. Calliano Niederösterreich.
Sagenschatz 2 (1924), 178 {.; Grässe Preußen 2,
894; Tegethoff Franzos. Märchen 1, Nr. 11 b
u. Anm.; Germania 25, 274 ff.; ARw. 13, 75 ff.;
14, iff.; Scheftelowitz Altpalästinensischer
[ Bauernglaube (1925) Anm. 40. 41. 3 ) Güde-
j mann 2, 2191. 220 (Armillus). 332 f. (vgl.
] Buxtorf Judenschul 657 s.); 3, 103; I, 128 ff.
4 ) Februarheft d. Süddeutsch. Monatshefte 1916;
vgl. etwa auch Opatoschu Der letzte Waldjude
1928. 6 ) Güdemann 3, 172 f.; L. Günther
Dt sch. Gaunersprache 1919, 4 N. 5.
Der J. als Arzt und Gelehrter.
Der J. war einer der wichtigsten Ver¬
mittler des arabischen (und damit auch
antiken) Wissens 6 ); das hat ihn ganz
besonders befähigt, die ärztliche Kunst
auszuüben; vom Zeitalter Gregors von
Tours bis in das 16. Jh. begegnen uns jüd.
Ärzte 6a ); Karl der Kahle 7 ), ConradII. 8 ),
Innozenz VIII. 9 ) hielten berühmte jüd.
Leibärzte; Arnaldus von Villanova, der
Alchemist, wendet sich gegen solche
Bevorzugung 10 ) ebenso wie im 16. Jh.
Lonicer 11 ), oder ständig die Kirche. Da¬
durch, daß der Mediziner an der Uni¬
versität ausgebildet wurde, die dem J.n
versagt war, ist des J.n medizinischer
Beruf allmählich verfallen 12 ). Heut übt
der polnische J. die Kunst nach „Doktor¬
büchern“, wie sie bei uns im 18. Jh. im
Schwange waren 13 ).
Auch andere Wissenschaften sind vom
Araber zum J.n gekommen, so etwa die
Steinkunde 14 ), die Astrologie 15 ) und nicht
zuletzt die Alchemie 16 ).
6 ) Vgl. etwa M. Güdemann 2 (1884), 96 f.
149 ff.; Graetz Gesch. d. Juden 6, 99 ff.;
Lammert 13; Boehm-Specht Lettisch-litau¬
ische Märchen 53. ® a ) Güdemann 2, 14. 15.
18. 24. 64. 71. 128. 152 ff. 237 ff. 262 ff. 284 f.;
з, 196 ff.; Georg Caro Sozial - u. Wirtschafts¬
geschichte d. Juden 1 (1908), 93. 233. 413; Otto
Stobbe Die Juden in Deutschld. während d. MA.
1866, 279 f.; Georg Liebe Das J.ntum in d.
deutsch. Vergangenheit 1924, 29. 53; Alphons
de Spina Fortalicium fidei bei Constantin
Ritter Cholewa von Pawlikowski Hundert
Bogen aus mehr als 500 alten u. neuen Büchern
über d. J.n neben den Christen 1859, 686 ff.;
Johann Jacob Schudt Jüd. Merkwürdig¬
keiten 1714 IV. Teil 182 ff.; Lammert 6. 190.
7 ) Caro 1, 153; Güdemann 2, 14; vgl. unten.
8 ) Caro 1, 175. 9 ) Strack Blut 97; A. Ber¬
liner Gesch. d. Juden in Rom 2 (1894), 79 f.
10 ) Diepgen Arnald v. Villanova als Politiker
и. Laientheologe 1909, 36. n ) Liebe 53. 12 ) Vgl.
etwa Schudt II. 1, 385!.; Pawlikowski
206 f. nach Eisenmenger; doch Emma
Locher Venediger sagen. Fribourg. Diss. 1922, 65.
13 ) Strack Blut 98 f. l4 ) Grimm Myth. 2, 1017.
16 ) Karl Kiesewetter Geheimwissenschaften
1895, 300 ff.; Franz Strunz Gesch. d. Natur¬
wissenschaften im MA. 1910, 55. 89; Caro 2,
811
Jude, Jüdin
812
« *
84 f.; Güdemann 2, 18. 106. Uber einzelne
jüd. Astrologen Sitzb. Mü. 1901, 139. 188 f.
265 N. 2. 18 ) Schudt II. 1, 402 f.; 2, 329; IV,
2iof.; Güdemann 3, 136.
Der J. als Zauberer. ,,Daß jüd.
Ärzte abergläubische Mittel... brauchen,
ist bekannt“ 17 ). Als Zauberer haben die
J.n immer gegolten. Es braucht hier nur
auf das tatsächliche Vorhandensein einer
jüd. Magie, auf die Golemmythe, die
Zauberkünste Salomos verwiesen zu
werden, um die Berechtigung einer solchen
Ansicht zu begreifen 18 ). Acta apost.
8, 9 ff.; 13, 6; 19, 19; Josephus, Anti-
quitates VIII. 2, 5 finden sich Zeugnisse
für die Ausübung jüd. Magie. Erinnert
mag ferner an den Simon Magus der
nichtkirchl. Literatur werden 18a ). In der
Macariaslegende verwandelt ein J. eine
Frau in ein Pferd lö ), wozu die Erzählung
vom R. Jannai, der eine Frau in einen
Esel verwandelt 20 ), eine Parallele bietet.
Ein jüd. Zauberer (Zambres) hat nach
der Sylvesterlegende einen Stier mit
einem Wort getötet 21 ). Jüd. Exor¬
zisten beschworen bei Cabades in Persien
einen Schatz 22 ), ein J. in der Theo¬
philuslegende den Teufel 23 ). Großen
Ruhm hat im späten MA. der Arzt
Sedechias (876) erlangt, der durch die
Luft fuhr, Menschen und Heuwagen ver¬
schluckte und Menschen die Glieder
abhieb und ansetzte 24 ). Um 970 konnte
sich ein J. in einen Wolf verwandeln
und unsichtbar machen 24a ). 1066 töteten
J.n durch Wachsbildzauber den Erzbischof
Eberhard von Trier 25 ). Im 13. und 14. Jh.
mehren sich die Belege 26 ). Ein J. be¬
schwört den Teufel 27 ). 1349 hatte man
in Gotha die J.n wegen Zauberei in Ver¬
dacht 28 ). Ein Zauberer war auch der
Magdeburger Pfefferkorn 1514 29 ), und
für Zauberer hielten Luther 30 ) wie die ;
katholische Kirche die J. 31 ). Ein J. j
kann ,,fest“ machen und erbietet sich
dazu Herzog Albrecht von Sachsen 32 );
die Niederlage Karls V. 1542 hat der J. j
Doran bewirkt 33 ). Als Zauberer xat’
steht im 16. Jh. Abraham von Mainz
da; aber er ist nur einer von vielen 34 ).
Joachim II. von Brandenburg hielt
Lippold an seinem Hof 35 ); Rudolphs II.
Kammerdiener Philipp Lang kennt die
jüd. Zauberei 36 ); Abraham von Francken-
bergs Freund in Amsterdam, Rabbi
Menasseh ben Israel, ist der Magie er¬
geben 37 ). Als Faust sich ihr zuwandte,
verschaffte er sich jüd. Bücher 38 );
| wieder ein J. hat durch einen aufge¬
schriebenen Spruch ein Pferd beruhigt 39 ),
eine Besessene geheilt 39a ). Rübezahl
hat gar für einen jüd. Zauberer aus
| Venedig gelten sollen 40 ).
Fast immer wird betont, daß es bei
jüd. Zaubereien sich um das Aussprechen
bestimmter Worte, um Schriftzauber
! handelt. Zu der Ausbildung solchen
Glaubens mag nicht allein die unver¬
ständlich scheinende jüd. Schrift bei¬
getragen haben, — auch der Teufel
schreibt Krickel-krackel, — es mögen
kabbalistische Lehren von der Kraft des
ausgesprochenen vierbuchstabigen Gottes¬
namens, von der Kraft englischer Namen,
bekannt geworden sein. Kabbalistische
Anschauungen dringen im 15./16. Jh. ein;
hatte doch eben Pico und nach ihm
Reuchlin die Kabbalah heraufgeholt;
jetzt erst schreibt Trithemius die Sede-
chiassage auf 41 ); die Kabbalah ist eine
Zauberschrift 42 ), nach der es die Pan-
; sophen des 16., 17. Jh. verlangt 43 ). Jü¬
dische Worte nehmen in deutschen Zauber¬
büchern einen weiten Raum ein 44 ), ja
scheinen deren wirksame Bestandteile
gewesen zu sein, und Mephistopheles
wird als jüd. Dämonenname gedeutet 45 ).
Die deutsche Zauberei der Faustzeit steht,
wie ich nachwies, auf jüd. Zauberschriften
und Überlieferungen 453 ). Die J.nschule
ist eine ,,schwarze Schule“ 46 ). Aber
der jüd. Arzt und Magier Banajas kennt
die ägyptische Magie 47 ).
Es ist nach alledem begreiflich, daß
man noch heut dem J.n zauberische Kraft
zuschreibt 48 ). Er führt Willige zum
Teufelsbund 48a ). Ein J. besitzt den Sicht¬
spiegel 49 ), macht die Königin im Märchen
durch Genuß eines Apfels sclrwanger 50 ),
bannt Schlangen 51 ), versteht die Tier¬
sprache 52 ), liest Zauberbücher 52a ) wie
das 6. und 7. Buch Mose 53 ), das die J.n
aufgezeichnet haben 53a ), zaubert Mi߬
liebigen den Kopf im Fenster fest 54 )
1
813
Jude, Jüdin
814
oder ein Hirschgeweih auf diesen 55 ), er
übt Blut entziehen als Femzauber S6 ), wie
ihm vor allem schädigender Zauber zu¬
geschrieben wird. So ist es nicht ratsam,
ihn zu necken, weil er dann Bosheits¬
zauber übt 56a ). J.n verhexen den Stall 56b ).
Bekannt ist, wie er mit einem Schweine¬
herz eine Viehseuche verursacht (er hatte
ein Menschenherz haben wollen, um eine
Pest zu verursachen) 57 ). Jüdin 58 ) wie
J. 59 ) können behexen, verschließen Ge¬
bärende (Schloßzauber) *°), sind fest (s. o.
2, 1354), schwimmen, hineingestoßen,
auf dem Wasser 60a ). Wenn ein Kranker
sterben will, soll er J.n für sein Leben
beten lassen 61 ); sonst können sie ge¬
sundbeten 62 ). Bei gerichtlichem Zwei¬
kampf fürchtete man angeblich ihre
Anwesenheit 63 ), weil Schadenstiften des
J.n Ziel ist. Selten wirkt ihr Zauber Gu¬
tes; so erscheinen J.n als Feuerbanner 64 );
sie vermögen Gewitter unschädlich zu
machen 66 ), Unfruchtbarkeit 66 ), Spuk¬
geister zu bannen 67 ), sind spuksichtig 67a ).
Hierher gehört wohl auch, daß ein Bauer
Rothschild, der den Teufel durch Wette
überlistet, J. wird 68 ).
I7 ) Schudt Jüdische Merckwürdigkeiten II.
2, 212. 1S ) Zur jüd. Magie: Ludw. Blau D.
altjüd. Zauberwesen 1914; Schiatter Gesch.
Israels v. Alexander bis Hadrian 1925, 313 ff.
397 f. N. 48; 443 N. 365 f.; ZfVk. 20, 73; Deiß-
mann Licht v. Osten 1909; Golem: s. o. 3, 939 ff.;
Knoop Posen 358; Schudt 3, 206 ff. Zu
Salomon vgl. die Literatur bei Micha Josef b.
Gorion Born Judas 3, 297 ff. 321 f.; Bolte-
Polivka 2, 419; C. Burdach Vorspiel 1,
159 ff.; Handwörterbuch ,,Märchen" unter Jüd.
M. lta ) bin Gorion Born Judas 1, 59 f. 363;
vgl. ferner die Untersuchungen zur Teophilus-
legende. 19 ) Schudt II. 2, 210; Petrus Bins-
feldius Traktat von Bekanntnuß d. Zauberer
und Hexen 1592, 25 A. 20 ) Schudt II. 2, 210 —
Eisenmenger 1, 436 f. 21 ) Güdemann 2, 40.
295 ff.; Legenda aurea (übers. R. Benz 1907) 1,
n8ff.; ZfVk. 11, 275. Dr. Priebatsch-Breslau
hat in der Legende Nestorianisches entdeckt.
w ) Augustin Calmet Erscheinungen von Geistern
1 (1752), 248. 23 ) Klapper Erzählungen 319;
v. Reichlin-Meldegg D. dtsch. Volksbücher
v. Joh. Faust 1 (1848), 19. 24 ) Caro 1, 153;
Joannes Trithemius Chronicon monasterii
Hirsaugiensis 1690. I, 34 = Schudt II. 2,
210 = ARw. 17, 475 = Bodin in Scheibles
Kloster 2, 231; Lavater im Theatrum de
veneficiis 1586, 171 f.; Alemannia 10, 284 f.;
11, 274. 281; Bolte-Polivka 2, 540 N. 1.
“•J Bodin (nach Trithemius) im Kloster 2,
223 f. 25 ) Trithemius = Schudt II. 2, 212 f.;
4» 3391 O. Stobbe Juden in Deutschland 1866,
183; Meyer Aberglaube 194; Calmet Von
Erscheinungen d. Geister 2 (1752), 126; Caro
1, 165; Fox Saarländer Volkskd. 119; Roskoff
Gesch. d. Teufels 1, 304 f.; Wolf Deutsche
Märchen u. Sagen 1845, 549. 26 ) Güdemann 1,
199 f.; 2, 94. 165. 181. 221 ff. 254 f. 333 ff.; 3,
153 f. 208. 27 ) Klapper Erzählungen 282.
28 ) Schudt 1, 466. *•) Horst Zauberbibliothek
2, 512 f.; Schudt 4, 245 f. 30 ) Pfitzner Wid-
manns Faust 262 nach Luthers Tischreden ;
Braeuner Curiositaeten 366 = Meiche 567 N.;
vgl. auch Alfr. Falb Luther u. d. J.n 1921.
31 ) v. Pawlikowski 766 nach Marcus Lom¬
bard us Gründtlicher Bericht Vnd Erklärungen
von der Juden Handlungen 1573. 82 ) Meiche
567 N.; s. festmachen. 33 ) Eisenmenger
1, 163 f.; Schudt II. 2, 212. 34 ) Peuckert
Von weißer u. schwarzer Magie 1928, 15 ff.
35 ) Annalen d. J. ind.preuß. Staaten 1790, 70 ff.
(Lippolds Zauberbuch 1m Auszug ebd. 73!.).
Fidicin Historisch-diplomatische Beiträge z.
Stadt Berlin 5 (1842), 427; J. C. W. Moehsen
Beiträge z. Gesch. d. Wissensch. in d . Mark
Brandenburg 1783, 518 ff.; Janssen Gesch.
d. dtsch. Volkes 8 (1903), 738; C. Burdach
Vom Mittelalter zur Reformation III 2 1 , 409 t.
3Ö ) Friedr. Hurter Philipp Lang; Pawli¬
kowski 774 N. 37 ) Peuckert Rosenkreutzer
348. 38 ) v. Reichlin-Meldegg Die dtsch.
Volksbücher v. Johann Faust 2 (1848), 11 (Chal-
däische Schriften); Peuckert Weiße u. schwarze
Magie 42. 39 ) Schudt II. 2, 393. 3#a ) Bekker
Die bezauberte Welt 4 (1693), 47 - 40 ) Rege 11
in MschlesVk. 18, 195 f. 41 ) Zur Kritik der¬
selben Bolte-Polivka 2, 540 N. 1. 4 *) Schudt
3, 160 ff. 330 f. 211; Porta Magia naturalis
1713, 3; E. Bischoff Die Kabbala ; Peuckert
Pansophie I. 43 ) Vgl. Anm. 32; Peuckert
Rosenkreutzer 26 f.; Leben J. Böhmes ; Schudt II.
I, 188 ff. 44 ) Peuckert Pansophie IV; Reich¬
lin-Meldegg 2, 199. Vgl. etwa Die wahre u.
hohe Beschwörung der . . . Gertrudis; der golde¬
ne Habermann; Kiesewetter Faust 2, 58 ff.;
dazu Bischoff Elemente d. Kabbalah 2; Heim
Incantamenta 521 f. 524; Kayser in ZDMG.
42 {1888), 456L; Reichlin-Meldegg 2,
154 ff. 190. 192. 114. 150, endlich Jacobys
Artikel in diesem Wb. 45 ) Kiesewetter
Faust 156 ff. Andere jüd. Dämonennamen:
RhM. 75, 393 ff. 45a ) Peuckert Pansophie
1932 T. 2. 46 ) Carl Calliano Niederöster¬
reich. Sagenschatz 2 (1924), 33; ZfdMyth. 3,
323. 4? ) Calliano 97. 48 ) Gockelius Traktat v.
d. Beschreien u. Bezaubern 1717, 93 und fol¬
gende Anm.; ZfrwVk. 1907, 198; P. Zaunert
Dtsch. Märchen seit Grimm 1, 397 ff. = Pröhle
KHM. 37 ff.; Jahn Pommern u. Rügen 1891,
325; Lemke Ostpreußen 3, 178!.; vgl. Siuts
Jenseitsmotive 56. 99!.; Strackerjan 1, 451.
Hierher auch Reiser Allgäu 1, 434 f. (Fro-
benius Atlantis 3, ii2ff.); Globus 79, 152.
Wolf Niederländ. Sagen 638!. 49 ) Schudt
II. 2, 211 nach Valvasor Ehre d. Hertzogth.
Jude, Jüdin
8l6
«17
Jude, Jüdin
Crain; dasselbe von R. Simeon in Mainz:
Schudt II. 2, 211 f. 60 ) Hahn Griech.-alban.
Märchen 1, 317 u. oft. B1 ) Kuoni St. Gallen
122 f. 62 ) Schudt II. 1, 336 f. Vgl. „vogel-
sprachekund wie Salomo“. 62a ) Alfred Kara-
sek-Langer u. Strzygowski Sagen d. Bes¬
kidendeutschen 1930, 162; Krauß Märchen d,
Südslawen 194 t. 63 ) Lemke Ostpreußen 3,
72 f.; Künzig Schwarzwald 1930, 36. 63a ) Kara-
sek-Langer u. Strzygowski Beskiden 149.
ö4 ) Schudt II. 1, 338. 55 ) Knoop Posen
302 f. 6Ö ) Schell Berg. Sagen 270. 66a ) Kara-
sek-Langer u. Strzygowski Beskiden 147 f.
68 b) Fox Saarland. Vk. 1927, 278. 57 ) Schudt
4, 298. 461; Pawlokow’ski 675; Kühnau
Oberschles . Sagen 347 f. ß8 ) Zaunert Rhein¬
land 2, 31; Jahn Hexenwesen 28; Soldan-
Heppe 2, 94. 69 ) Zaunert 2, 138; Mansikka
82. *°) Schudt II. 1, 27 f. 60a ) Reiser Allgäu
1, 434 f. 61 ) (Bergstraße) Wuttke 149 §208.
® 2 ) Fox Saarländ. Vk. 124. 63 ) Kuoni St.
Gallen 122 f. ® 4 ) Bauern-Philosophie vom Ver¬
fasser d. Buchs v. Aberglauben. Passau 1802,
1, 164!.; Wolf Beitr. 2, 376; Waibel u.
Flamm 2, 237; Zaunert Rheinland 2, 168 f,;
Schell Berg. Sagen 482 Nr. 36; Sieber
Harzlandsagen 255 f.; Künzig Schwarzwald
1930, 292 f.; Schudt II. 1, 77 ff.; Bischoff
Elemente d. Kabbalah 2, 186 f. 192 f. 85 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 119. es ) Jahn Opferge¬
bräuche 17. 67 ) Brandenburg 197; Haase
Sagen aus d. Graf sch. Ruppin 1887, 23 f. 66;
Knoop Hinterpommern 103 f. (Jahn Hexen¬
wesen 28?); Künzig Schwarzwald 28. 56. 83.
87a ) Künzig Schwarzwald 80 ff. 80 ) (Görlitzer)
Wegweiser 1834, 369 ff. zu Haupt Lausitz 1
Nr. 95.
Es ist nach dem begreiflich, daß Gegen¬
stände jüd. Herkunft zauberische Kräfte
haben. So erleichterte ein geweihter
jüd. Paradiesapfel die Geburt Friedrich
Wilhelms IV. von Preußen 69 ). J.nmatzen,
in die Christenblut gebacken ist (mündlich
aus Thom, Westpreußen, Grünfier bei
Filehne, Posen), dienen, die Feuersbrunst
zu stillen oder das Haus vor Feuer zu
bewahren 70 ), schützen vor Blitzschlag
und Hagel 71 ), die Kleider vor Schaben 72 ),
helfen gegen das Gefrieren einzelner
Körperteile 73 ), werden an die Nachbarn
verschenkt 74 ). Auch Brot, mit hebr.
Buchstaben beschrieben, stellt das Feuer 75 ).
Die (nichtjüd.) Soubrette Josefine Gall-
meyer trug auf einer Wallfahrt nach
Mariazell eine Mesue 76 ). Der Teufels¬
pakt wird mit J.nblut geschrieben 77 ).
Bosheits- und Abwehrzauber mit jüd.
Leichen findet in Polen statt 78 ); ein j üd.
Groschen ist nötig, wenn man Zauberer
werden will 79 ). Gibt man einem J.n eine
schwarze Henne, kann man seinen Feind
totbeten 80 ). Ein J.nmädchen war bei
einer hamburgischen Schatzgräberei 1783
als Opfer notwendig 81 ). In einem J.n-
tempel findet sich ein Schatz versteckt 82 ).
89 ) Knoop Posen 314. 70 ) Schönwerth
Oberpfalz 2, 85 f. 87; Birlinger Volksth. 1, 199;
Wuttke 401 § 617. Vgl. auch Fox Saarld. Vk.
126. 71 ) Meier Schwaben 2, 501; Schmitt
Hettingen 18; Bohnenberger 114; Bir¬
linger Volksth. 1, 195. 72 ) Birlinger Volksth.
1, 195. 73 ) John Westböhmen 253; Hofier
Ostergebäcke 39. 74 ) ZfrwVk. 14, 173. 7S ) ARw.
r 3 » 530 nach Abhdlgn. f. Kunde d. Morgenld.
VII. 3, 110. 76 ) Strack Blut 48. 77 ) Wlislocki
Magyaren 166. Vgl. Reichlin-Meldegg 2,
19 (Strack Blut 13). 78 ) Urquell 3, 51.53.54.
150. 79 ) Ebd. 3, 151. 80 ) John Westböhmen 164.
216; vgl. Schönwerth Oberpfalz 1, 345.
81 ) Strack Blut 68 f.; vgl. Schöppner Sagen
2, 349 - 82 ) Kühnau Sagen 3, 621.
In Schatzsagen ist häufig von J.n die
Rede; entweder tritt der J. als Schatz¬
gräber 83 ) auf, zeigt sich lüstern nach
Schätzen 84 ), so daß er die ihm helfenden
Gesellen ermordet (,,Die drei Schatz¬
gräber“) 85 ), — oder er hat Schätze ver¬
borgen, erscheint als Schatzhüter 86 ), wie
auch vorm Unterwelt schloß der ver¬
steckten Prinzessin ein J. als Wächter 87 )
steht. Er findet durch den Geist im Glase
den Schatz 88 ). Im Urner Land, in Tirol,
Sachsen ist der Venediger ein J. 89 ).
Auch bei Kuschwarda (Böhmen) ver¬
gruben J.n einen Schatz und machten
seltsame Zeichen an den Stein 89a ).
83 ) Zaunert Rheinland 2, 98; Emma
Locher Venedigersagen 65. 84 ) Hahn Griech.
u. alban. Märchen 1, 81 f. Vgl. unten. 85 )
Grässe Preußen 2, 832 N.; Zaunert West¬
falen 171. 88 ) Jungbauer Böhmerwald 179;
Pröhle Unterharz 148!.; N.lausitz. Magazin
16, 128 ff.; Gräve Volkssagen . . . der Lausitz
1839, 70 f.; Meiche Sagen 40 Nr. II.
87 ) Zaunert Märchen aus d. Donaulande 298 f.;
Haltrich Volksmärchen aus Siebenbürgen Nr. 40
= Losch Balder 102 ff. 88 ) Bolte-Polivka 2,
417. 89 ) Müller Uri 1, 294; Alpenburg Tirol
271 f. 320; E. Locher Venedigersagen 63 ff.;
Heinr. Schurtz D. Seifenbergbau im Erz¬
gebirge 1890, 131 f. 89a ) Jungbauer Böhmer-
wald 179.
In der eschatolog. Sage. Der Anti¬
christ wird von einer Schlange und einer
Jüdin, einer jüd. Hure gezeugt (s. d.).
Er zieht alle Juden an sich 89b ). (Die
Kabylen glauben, daß die J.n aus dem
Verkehr von Witwen mit ihren toten
Männern hervorgegangen sind 90 )). Gog
und Magog hält man für ein Volk ein¬
geschlossener J.n 91 ). Vorm Weitende
werden alle J. zu Christus bekehrt sein 92 ),
deshalb findet sich nach Spielbähns (s.
Propheten) Weissagung, wenn die glück¬
liche Zeit beginnt, kein J. mehr in Deutsch¬
land 93 ).
89 b) c. Burdach Vorspiel I 1 (1925)» 239 ff.
90 ) Frobenius Atlantis 1, 103. 91 ) Braeuner
Ab. sächs. Ges. Wiss. Phil.-hist. Kl. 7, 977
nach jüng. Titurel; Fredegarius scholasti-
cus c. 66; s. o. 1, 484. Vgl. ARw. 13,
520. 92 ) Nach Rom. 11, 25!.: Ambrosius: Migne
PL. 14, 8420.; 17, 867«.; Gregorius Magn. =
Friedr. Murawski Die J.n bei den Kirchen¬
vätern 1925, 30. 33; Isidor v. Sevilla:
Migne PL. 83, 1190 f. = Murawski 34;
Pawlikowski 7321.; Caro 1, 224; Sitzb.Mü.
1884, 577 f.; Th. Beykirch Propheten¬
stimmen (1849) 65. 93 ) Zaunert Rheinland 2,
523; P. Bahlmann Rhein. Seher u. Propheten
1901, 40; Jos. Burg Höchst merkwürdige Prophe¬
zeiungen d. alten Bernhard, genannt Spielbähn.
1848, 46; Wilh. Schrattenholz Spielbähn d.
Prophet 1849, 27. Vgl. Endschlacht, jüngsterTag.
J. verwünscht. Die eschatolog. Sagen
haben schon die Anschauung als Grund¬
lage, daß der J. verdammt, unwürdig sei.
Als böser Mensch erscheint er ebenso in
Spuksagen menschengestaltig 94 ) oder als
Irrlicht 95 ). Es ist deshalb begreiflich, daß
er auch wie ein Böser begraben wird;
man stößt ihn durch ein Loch in der
Hauswand, trägt ihn nicht durch die Tür 96 ).
Die J.n kommen auch nicht in den
Himmel, nur auf die grüne Wiese 97 ).
94 ) Alemannia 19, 162; Kap ff Schwaben 52;
Kühnau Sagen 1, 304; Joh. Schober Sagen
d. Spessarts 1912, 28. 95 ) Langer DVöB. 5,
156; Kühnau Sagen 3, 340 f.; Hugo Gniel-
czyk Am Sagenborn der Heimat 1922, 74 f.;
Zaunert Hessen-Nassauische Sagen 1929, 337 f.
98 ) Strackerjan 1, 452 Nr. 247. 97 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 25 = Germania 26, 91.
Doch vgl. Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm
2, 76 ff.; Calliano Niederösterreich. Sagenschatz
2, 110.
Der J. ein Feind des Göttlichen.
Der J. ist Gott verhaßt 98 ), und seine
Feinde beriefen sich im MA. auf göttliche
Befehle, ihn auszurotten 99 ).
Der J. haßt aber auch den Christengott.
Auf seinem Altar sitzt eine Kröte 10 °),
Katze 101 ). Er verspottet und schmäht
Christus 102 ), verflucht seinen Namen 103 ),
heißt ihn einen Zauberer 104 ), lästert
Maria 105 ) und die Heiligen 106 ). In den
Synagogen wird gegen die Christenheit
gebetet 107 ). Seinen Stuhlgang wischt er an
ein bedrucktes Papier und ist glücklich,
wenn auf diesem der Name Christi steht 108 ).
Der J.n Haß richtet sich gegen das Kreuz,
und sie zertreten selbst zufällig ein Kreuz
bildende Strohhalme 109 ). Sie verun-
ehren 110 ), bespeien das Kruzifix m ), ver¬
richten ihre Notdurft an ihm 112 ), mi߬
handeln das Kreuz m ), schießen 114 ) oder
werfen mit Steinen nach ihm 115 ), wobei
sich zuweilen wunderbare Blutmirakel
zeigen. Ähnlich besudeln 116 ), zer¬
stechen 117 ), zerschlagen sie Marienbil¬
der 118 ), die Gräber und Gebeine der
Christen U8a ). Die Kirchen 119 ) wie die
heiligen Gefäße verunehren sie 12 °), —
ein seltsamer Vorwurf, wenn man liest,
wie oft Kelche usw. an J.n verpfändet
worden sind 121 ). Auch heilige Quellen
wurden von ihnen entweiht 122 ), so daß
sie versiegten. Vor dem Morde eines
hl. Eremiten schreckten sie nicht zu¬
rück 123 ). Sie beteten, Gott möge die
Christenheit vertilgen 124 ). Man begreift
nach alledem, daß der Storch, Gottes
Vogel, nicht auf einem J.nhause nisten
mag 125 ).
98 ) Vgl. Anm. 125. 99 ) Caro 2, 202 f.; Schudt
1, 452 f. 455 f.; Religionsgespräche mit J.:
Elisab. Schenkheld Die relig. Gespräche d.
dtsch. erzählenden Dichtung d. 13. Jh. Marburg.
Diss. 10 °) Schell Berg. Sagen 497 Nr. 7.
101 ) Herrn. Gloede Märkisch-pommer sehe
Volkssagen 20. 102 ) Hieronymus Commen-
tarius in Isaiam : Migne PL. 24, 86. 467.
498 = Heinr. Murawski J.n bei d. Kirchen¬
vätern 1925, 21; Eisenmenger I c. 2 = Pawli¬
kowski 79 ff.; Tentzel Monatl.Unterrdgn.
1693, 100 f. 562 f.; 1694, 146 ff.; Güdemann
2, 37 und häufig in der antisemit. Literatur;
Schudt II. 1, 22 f.; Birlinger Schwaben 2,
408; Volkskunde 2, 141. Vgl. auch Männling
Curiositaeten 208 f. 103 ) Pawlikowski 638.
104 ) Eisenmenger 1 c. 3; Pawlikowski 82.
633 f. nach Toledoth Jeschu. 10C ) Glatz 1492:
Schudt 1, 389; Prag: ebd. II. 1, 399; Klapper
Erzählungen 281 f. 10a ) Caro 1, 92 f. 107 ) Pawli¬
kowski 688 f. nach Alphons de Spina. 108 ) Mey¬
er Aberglaube 194 nach Brenz Jüd. Schlangen¬
balg 9. l09 ) Schudt II. 1, 307 nach Pfeffer¬
korn Der Juden veindt 1509. uo ) Jungbauer
Böhmerwald 70; Pawlikowski 675 nach de
Spina. U1 ) Schudt II 1, 304 ff.; Brenz Jüd.
Schlangenbalg 10; Tentzel Monatl. Unter -
819
Jude, Jüdin
820
821
Jude, Jüdin
822
redungen 1694, 305 f. 977; Grässe Preußen
2, 740. m ) Knoop Posen 276. 113 ) Künzig
Schwarzwald 243; Klapper Erzählungen 307.
324; Stobbe 187 N. 1; Schudt II. 1. 308 ff.
114 ) Ebd. 304; Pawlikowski 711. 712. 115 ) H.
Günter Legendenstudien 175 Anm. 6; Schles.
Provinzbl. 117, 618. 116 ) Caro 2, 17. und Anm.
117 ) Wolf Niederländ. Sagen 416 f.; Schöpp-
ner Sagen 1, 272. 118 ) Ebd. 1, 477; Chri¬
stusbild 1480 Sagan: Nik. Pol Jahrbücher
d. Stadt Breslau 2 (1813), 133. 11Sa ) Zu
1576: Nicolaus Pol Jahrbücher d. Stadt
Breslau 1813 ff., 4. 84. 119 ) Schudt II. 2,
216; 4, 156 f. 120 ) Caro i, 357. 359. 121) Dar-
über häufig Nachrichten, vgl. etwa Güde-
mann 2, 36 f. 122 ) Kühnau Ober schles. Sagen
1926, 281. 282. 306 (522!); Grässe Preußen 2,
731 f.; Zaunert Hessen-Nassau 82; Knoop
Posen 275. 340. 123 ) Caro 2, 205. 124 ) Caro
2, 214; Meyer Aberglaube 194. 125 ) Birlinger
Schwaben 1, 411; Waibel u. Flamm 1, 198.
Hostienschändung *). Am deutlichsten
sprach sich der J.n Haß gegen alles Christ¬
liche in Hostienschändungen aus 126 ).
Die ersten Berichte sind vom Ende
des 11. Jh. (Mainz) 127 ), von 1202 (Lauda
im Würzburgischen) 128 ). Doch scheint
man hier spätere Sagen vordatiert zu
haben, denn erst Ende des 13. Jh.s setzt
die Hochflut der Anklagen ein. So sprach
man 1243 von einem Hostienfrevel zu
Belitz (Mark Brandenburg) 129 ), 1287 in
Techow bei Pritzwalk 130 ), im selben Jahr
anläßlich des „Ritualmordes** am „guten
Werner** in Bacharach 131 ),
1290 Paris 132 )
1291 Iphofen in Bayern 133 )
1294 Laa in Österreich 134 )
um 1298 in Franken (Rintfleisch) 135 )
1299 Röttingen 136 )
1304 werden in Italien in Predigten
ähnliche Beschuldigungen geäußert 137 )
1302 Korn-Neuburg in Österreich 138 )
1306 in Frankreich 139 )
1310 Steiermark 139a )
1325 Krakow
1330 Güstrow 139b ),
J 333/34 am Bodensee, Konstanz 14 °)
1338 Pulkau Nieder-Österreich 141 )
*) Man wird hier keine Polemik gegen diese
und ähnliche (Ritualmord) von menschlicher
Torheit ausgeschlachteten Sagen suchen; es
kommt nur darauf an, die Nachrichten, welche
ins Volk gedrungen sind, auf zu zeichnen. Auch
eine historische Quellenkritik erscheint hier
nicht am Platze.
1338 Deggendorf, Straubing 142 ), Wolfs¬
berg 142a )
1342 Hornberg 143 )
1369 Brüssel 144 )
1377 Deggendorf 145 )
1389 Prag 146 ).
In der Ordenszeit trieb ein J. in Ost¬
preußen mit der Hostie Zauber 147 )
1401 Glogau 148 )
1404 Lauingen 14Sl )
1405 in Spanien 149 )
1411 Heiligenblut am Jauerling (N.-
öst erreich) 149 *)
1421 Wien und Enns 15 °)
1427 Stemberg in Mecklenburg 151 )
1453 Breslau, Jauer 152 ), Striegau und
Löwenberg 153 ), Schweidnitz 154 ), Lange¬
wiese b. Sibyllenort 155 )
1468 Neisse 156 )
1478 (1484) Passau 175 )
1492 Glatz 158 ), Breslau 159 ), Stemberg
(vgl. 1427) 16 °)
* 496/97 Steier, Kärnten, Krain, Öster¬
reich 161 ); unter Erzbischof Eberhard III.
in Salzburg und Hallein 161a )
1510 Knobloch bei Spandau, Mark
Brandenburg 162 )
1514 Pfefferkorn in Halle (Sachsen) 163 )
1519 Regensburg 164 )
1556 Pachazeto (Polen) 165 )
1591 Preßburg 166 ).
Paracelsus in seinen theologischen
Schriften handelt von dergleichen Fre¬
veln 167 ).
1642 in Wien Verzweiflungstat eines
J.n 168 ).
1703 Fürth 169 )
Diese Reihe ließe sich noch leicht ver¬
längern, denn der Glaube an Hostien¬
frevel wurde durch Schriften, die fürs
Volk berechnet waren, dauernd lebendig
erhalten 17 °). War doch 1859 noch v.
Pawlikowski von der Wahrheit der Nach¬
richten überzeugt 171 ), und tauchen sie
in Bänkelgesängen auf 172 ).
12S ) C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 241 f.;
Meyer Aberglaube 197; Schudt II. 1, 21 ff.;
Klapper Erzählungen 325; Jungbaue r Böhmer¬
wald 267 zu 237; Gräber Kärnten XXXVIII;
127 ) Schudt 1, 440 f. 128 ) Alemannia 10, 5.
129 ) Annalen d. Juden in d. preuß. Staaten 1790,
löff. 13 °) Ebd. 19H; Kuhn Mark. Sagen 225Ü.;
Brandenburg 215; Kruspe Erfurt 1, 29 f.
131 ) Grässe Preußen 2, 133 i. 132 ) Pawlikowski
681 nach Stadtpfarrer Franz Xaver Maßl
Geschichte der wunderbaren hochheiligen Hostien
in d. hl. Grabeskirche zu Deggendorf 1828, 23 ff.
133 ) Schöppner Sagen 3, 74 Nr. 1013. 134 ) Caro
2, 196; M.G. SS. 9, 658. 135 ) Stobbe 186 f.;
Schudt 4, 281. 293 f. 13e ) Schöppner 3, 66ff.
137 ) Güdemann 2, 260. 13S ) Kießling Frau
Saga im nieder Österreich. Wäldviertel 5 (1924), 306.
139 ) Pawlikowski 705 nach de Spina. 139a )
Stobbe 283. 139b ) Niederhöffer Meckl.
Sagen 2, 145. 14 °) Waibel u. Flamm 1, 25 ff.
141 ) Kießling Frau Saga 7, 106; Caro 2, 203L
142 ) Ebd. 2, 204; Stobbe 187; Panzer Beitrag
2, 17; Schöppner Sagen 2, 66. 142a ) Gräber
Kärnten 404. XXXVIII; vgl. oben 1, 1602f.
143 ) Caro 205. 144 ) Wolf Niederländ. Sagen
262 ff.; Volkskunde 2, 142; Pawlikowski 681
nach Maßl. 145 ) Ebd.; Georg Liebe Das Juden¬
tum 1924, 21; Caro 2, 204; L. Steub Altbayri¬
sche Kulturbilder 1896, 102 f.; Schöppner Sagen
2, 66 f.; Conrad von Salzburg Treuer Heils-
ermahner 1683, 279; Globus 92, 108; vgl. auch
Pawlikowski 636 N. 2. 144 ) Schudt 1, 220 f.;
4, 157. 147 ) Grässe Preußen 2, 615. 148 ) Schles.
Provinzbl. 117 (1843), 377 ff.; Lucae cu-
rieuse Denckwürdigkeiten 2 (1689), 2195; Ders.
Schles. Kern-Chronik 250; Jac. Schickfus
new vermehrte schles. Chronica 4 (1625), 178.
148 ») Schöppner Sagen 2, 401. 149 ) Paw¬
likowski 713. 149a ) Anton Mailly Nieder¬
österreichische Sagen 1926, 108 f. 15u ) Pawli¬
kowski 24ff. 28 f. 151 ) Ebd. 681 nach Maßl.
152 ) Nik. Pol Jahrbücher d. Stadt Breslau 18130.
2, 3 f.; 3 * 15L; Peter Eschenloers Gesch. d.
Stadt Breslau (ed. Kunisch) 1827. 1,13; Schles.
Provinzialbl. 108, 1 ff.; 40, 41 off.; 117,
611 ff.; Schudt i, 389; 4, 273; Peuckert
Schlesien 44; Pawlikowski 681 nach Maßl;
Kühnau Breslauer Sagen 1926, 104 f.; vgl.
Ullrich Kuhländchen 102. 153 ) Ztschr. d. Ver.
f. Gesch. Schlesiens 6, 378 f.; Schles. Provinzbl.
40, 415 f.; 117, 614 ff. 154 ) Jac. Schickfus
new vermehrte schles. Chronica 4 (1625), 86;
1, 113; vgl. Nachw. 152. 153; Schles. Provin¬
zialbl. 40, 415 f.; 117, 614 f.; Kühnau Mittel -
schles. Sagen 1928, 98 h; zu 1450 nach einem
Bild in d. Pfarrkirche: John Quincy Adams
(übers. Friese) Briefe über Schlesien 1805,
190 f.; (J. W. F i sc her) Bemerkungen auf einer
Reise durch einen Teil d. schles. Gebirges 1793,
65. 155 ) Philo Schlesien 35 = Kühnau Brest.
Sagen 105 f. 156 ) Schles. Provinzbl. 117, 617.
157 ) Pawlikowski 681 nach Maßl 636!.;
Liebe 21; Schudt 1, 338; Stobbe 292;
v. Liliencron Histor. Volkslieder 2, 142 ff.;
Schöppner Sagen 2, 57; Naumann Gemein¬
schaftskultur 1S5. 158 ) Schudt 1, 389; Joh.
Gottl. Kahlo Denkwürdigkeiten der Grafschaft
Glatz 1757, ii2f.; Grässe Preußen 2, 199;
Peuckert Schlesien 44; Die Grafschaft Glatz
15 (1920), 36. 159 ) Schles. Provzlbl. 117, 619.
lt0 ) Liebe 33; Niederhöffer Meckl. Sagen
2, 141 ff. 141 ) Schudt 1, 342; Pawlikowski
30 f. 181a ) Freisauff Salzburg 477. 162 ) Ebd.
681 nach Maßl; Annalen d. Juden 49 ff.;
Liebe 33. 183 ) (Nicht der Humanist) Goedeke
1, 451; Pawlikowski 681 nach Maßl; Schudt
4,245; Horst Zauberbibliothek 2, 406. Ifl4 ) Liebe
33 165 ) Pawlikowski 681 nach Maßl. 166 )
Liebe 22. 16T ) Karl Sudhoff Versuch einer
Kritik d. Echtheit d. paracels. Schriften 2 (1899),
291. 168 ) Schudt II. 2, 91 ff- 189 ) Ebd. II.
2, 22 f. 17 °) Pawlikowski 636 N. 2; Nau¬
mann Gemeinschaftskultur 185. 171 ) Pawli¬
kowski 673. 172 ) Naumann Gemeinschafts-
kultur 185.
Kreuzigung. Nicht nur der Glaube
daran, daß der J. die christl. Religion
verachte, auch der Glaube, daß er den
Christen hasse, führten zur Entstehung
der Ritualmordsagen. Ich verweise auf
den betr. Artikel und behandle hier nur
die Sagen, welche von einer besonderen
Art dieser Morde, der Kreuzigung,
sprechen, obwohl die Art unserer Quellen
oft nicht gestattet, diese von den Ritual¬
morden um des Blutes willen zu sondern.
Wenn diese Scheidung trotzdem erfolgt,
so deshalb, weil in den Kreuzigungen
ganz besonders religiöse Gründe (Lästerung
Christi) angenommen worden sind.
Gekreuzigt sollen worden sein
1144 der Knabe Wilhelm von Nor-
wich 173 )
1160 ein Knabe in Glocester 174 )
1171 ein Kind in Blois 175 )
1182 Kinder in Pontoise, Braisne und
ein Christ in Saragossa 176 ),
ebenso ist in Frankreich unter König
Philipp ein Christ 177 ), zu unbestimmter
Zeit ein Heiliger gekreuzigt worden 178 ).
1250 Arragonien: Dominicus de Val 179 )
1255 Hugo von Lincoln 180 )
1279 ein Knabe in Northampton 181 )
1288 oder 1293/94 Rudolf von Bern 182 )
1301 kreuzigen die J.n in Magdeburg
ein hölzernes Bild 183 ) wie auch unter
Landgraf Albrecht die Thüringer J.n einen
Knaben kreuzigten 184 ).
1389 Prag 185 )
1490 Guardia bei Toledo 186 )
1541 eine Katze gekreuzigt 187 )
I 1547 ein Knabe Michael in Rawa
(Polen) 188 )
1791 Siebenbürgen 189 )
1892 Ingrandes (Dep.Vienne) 190 )
Es zeigt sich, daß der Aberglaube be¬
sonders in Westeuropa zuhause war und
823
Jude, Jüdin
824
verhältnismäßig früh (s. Ritualmord)
erlischt. Zeitig treten Ersatzopfer auf
(s. o.), wie etwa die J.n zu Köln Ostern ein
Wachsbild kreuzigen 191 ). Ob der Aber¬
glaube heut noch lebt, ist schwer zu
sagen, da man diese Anschuldigungen
mit denen vom Blutopfer (s. Ritualmord)
vermengte.
173 ) Acta SS. Martii 3, 588 ff.; Pawlikowski
181; Athanasius Fern Jüd. Moral und Blut-
Mysterium 5 1926, 22 (eine Hetzschrift, die
mit Zitaten prunkt, welche leider fast nie
stimmen). 174 ) AA. SS. Martii 3, 591; Pawli¬
kowski 182; Fern 22. 175 ) MG. SS. 6, 520 =
Meyer Aberglaube 195; Fern 22 zu 1071.
176 ) Fern 22. 177 ) Pawlikowski 675. 178 )
Sebillot Folk-Lore 1, 380. 179 ) AA. SS. August.
6, 777 ff.; Pawlikowski 178; Fern 22.
18 °) AA. SS. Mart. 3, 589; Jul. 6, 494 t.; Caro 2,
16 f.; Pawlikowski 182; Fern 22. 181 )
Strack Blut 124. 182 ) Henricus Murer Hel¬
vetia sacra 1648, 299 f.; Pawlikowski 181;
Strack Blut 141 ff.; Fern 23. 183 ) Schudt
4, 249. 184 ) Kruspe Erfurt 1, 38. 185 ) Schudt
I, 220. 186 ) Strack Blut 147; Fern 24. 187 ) Paw¬
likowski 756. 188 ) AA. SS. April. 2, 839; Paw¬
likowski nach dem 1602 gedruckten „Ver¬
zeichnisse der unschuldigen Kinder, welche von
den J.n getötet wurden“; Fern 25. 189 )
Strack Blut 122. 19 °) Ebd. 157. 191 ) Schudt II.
2, 105.
Aus religiösen Gründen hassen 192 )
und ermorden 193 ), wie man glaubte, J.n
diejenigen, welche von ihrem zum christl.
Bekenntnis übertreten, die sie mit christl.
Gebärden und Gebeten reizen 194 ). Die
wohl im Nordfranzösischen entstandene
Legende vom J.nknaben 195 ) basiert auf
diesem Glauben. —- Abgefallene ziehen
sie durch den Abtritt, dadurch wird die
Taufe aufgehoben 196 ). Andrerseits setzt
man das ungetaufte Kind gleich dem
J. n, und sagt: im Taufwasser werde der
J. weggeschwemmt 196a ), wie die ersten
Haare des Kindes J.haare heißen 196b ).
192 ) Murawski Juden bei d. Kirchenvätern
(14) 27 f. 193 ) Anshelm v. Ziegler u. Kniep-
hausen Histor. Labyrinth d. Zeit 1701, 3820.;
Liebe 83 und Abbildung 68; Schudt II 1,
170 h; II 2, 166 f.; 4, 192 f.; Pawlikowski
174 ff.; vgl. Waibel u. Flamm 1, 27; vgl.
auch „Freimaurer“. 194 ) Vgl. Ritualmord,
Nachw. 85; Pawlikowski 183.707; Schud^tT,
221; Thomas Cantiprat. Bonum univer¬
sale 1605, 289 — c. 29. 19s ) Tegethoff Fran¬
zösische Märchen 1, 99 f. und Anm. 311 Nr. 13 b;
Eugen Wolter Der Judenknabe 1879 = Bi-
bliotheca normannica II; Klapper Erzäh¬
lungen 278. 301. 362; Germania 3, 430 f.; 27,
129 ff.; Pawlikowski 711; Tentzel Monatl.
Unterredgn. 1694, 980 ff.; Kühnau Bres¬
lauer Sagen 1926, 131; vgl. auch Krauß Märchen
d. Südslawen 1, 181; Herrlein Spessart 1906 2 ,
129 f. = Joh. Schober Sagen d. Spessarts
1912, 270. 196 ) Cäsarius v. Heisterbach
Wunderbare Geschichten (München s. a.) 36.
ls6a ) Rosegger Älpler 152. 196b ) Andrian
Alt-Aussee 109.
Daß J.n Kinder rauben, wie Agobardus
Lugdunensis behauptete 197 ), mag wahr
gewesen sein, so lange J.n Sklavenhändler
waren 198 ). Freilich erklärte man, es
geschehe, um sie zu beschneiden 199 ), also
aus religiösen Gründen. Es ist verständ¬
lich, daß die soeben berührten aber¬
gläubischen Meinungen, welche den J.n als
Religionsfeind sehen, auf kirchliche An¬
schauungen zurückgehen, wie wir sie seit
den ersten Jh.en durchs ganze MA. hin¬
durch, bis in die Neuzeit finden 20 °).
197 ) Murawski J.n bei d. Kirchenvätern 34;
Caro 1, 138; Goedeke 1, 451. 198 ) Georg
Jacob Arabische Berichte 1927, 5 ff. 199 ) Güde-
mann 2, 260; Caro 2, 16; Strack 124. 125
(zu 1235). 20 °) Vgl. etwa Murawski Juden
bei d. Kirchenvätern.
Der J. als Volksfeind. Der J. ist ein
Volksfeind, der ebenso den Einzelnen wie
das ganze Land verrät. Ein Volksglaube,
der nicht nur im MA. lebendig war 201 ),
sondern auch heut noch spukt 202 ), wobei
man auch solche Schlüsse nicht scheut:
„Weltkrieg“ ergibt in hebr. Buchstaben
die Zahl 1914, deren Quersumme = 15,
was nach alttestamentar. Geheimzeichen
„Jehova“ bedeutet 203 ). Die „alliance
israelite“ 203a ) treibt Landesverrat; sie
ist das Organ eines jüd. Fürsten, der
irgendwo unsichtbar regiert 204 ).
201 ) Frobenius Atlantis 2, 20; Schöppner
Sagen 1, 264!.; Grässe Preußen 2, 899;
GddV. IX. 11, 52 = Annales Bertin. zu 848;
Pawlikowski 651 f. 674; Schudt 1, 361 f.
449 ff.; 4, 158. 159. 291 f.; Goedeke 1, 451;
Beck de juribus Judaeorum 540; vgl. H. v. Schu¬
bert Gesch. d. christl. Kirche im Frühmittelalter
1921, 256. 202 ) Vgl. etwa die Hammer-Flug¬
schriften, die Ztschr. Hammer; Sebillot
Folk-Lore 4, 403 f.; Paul Stintzi Die Sagen
d. Elsasses 1 (1929) 267; s. auch Freimaurer.
203 ) Frau M. Ludendorff nach Vossische Ztg.
30. 3. 27. 2D3a ) Güdemann 2, 4 N. 1. 204 ) C.
Bleibtreu Vertreter d. Jahrhunderts 1, 272.
Vgl. Dionysius v. Lützenburg Antichrist
1716, 70 f.; Fortgesetzte Sammlung v. alten u.
neuen theol. Sachen 1725, 164. 263 f.
Der J. ist ein Mörder 205 ), der gern mit
i
025 Jude,
Gift umgeht 206 ). Er scheut aber auch
nicht davor zurück, eine ganze Stadt 207 ),
ein Heer 208 ), Fürsten 209 ) zu töten. Zu¬
weilen behauptet man, anthropophage
Gründe bestimmten ihn 210 ), oder er
sauge Christenmädchen, die bei ihm
dienen, nachts das Blut aus 210a ).
M5 ) AA. SS. Septembr. 5, 7280.; Güde¬
mann 2, 262; Caro 1, 401; Zaunert Hessen-
Nassau 208 f. ; Hahn Griech. u. alban.
Märchen 1, 31. 206 ) Pawlikowski 687 f.;
Annalen d. Juden in d. preuß. Staaten 1790,
59; Schudt 1, 273 h; II. 1, 377 f.; 4, 245 f.
*° 7 ) Ebd. 1, 390 nach Trithemius Chronicon
ad 1309; Zaunert Hessen-Nassau 172. 208 )
Kruspe Erfurt 1, ioif.; Horst Zauber¬
bibliothek 2, 512 f.; Schudt i, 386; II. 1, 391.
* 09 ) Ebd.; Annalen d. Juden 66 ff.; Pollinger
Landshut 65 f. 21 °) Peuckert Schlesien 44;
Kühnau Breslauer Sagen 180 f.; Karad-
schitsch Volksmärchen d. Serben 1854, 208.
2l0a ) ZfsudetendtschVk. 2, 33. 75; vgl. ebd.
2, 129.
Wohl, weil die Formalitäten des jüd.
Eides vom gewöhnlichen abwichen 2U ),
erhob man die Beschuldigung, den J.n
sei der Meineid erlaubt 212 ).
m ) Zum J.neid: Brunner Dtsch. Rechtsgesch.
1, 228 N. 21. 275 ff. ; Pawlikowski 768. 779!.
903; Schudt II. 2, 63 ff.; 4, 243 ff.; Liebe 14;
ARw. 13, 154; 17, 6730.; Germania 26, 376;
O. Stobbe Juden in Deutschland 1866, 1480.;
Güdemann 3. 153 k; Freybe Leben im Recht
73 ff. 212 ) Berliner Börsen-Courier 30. 9. 1926
Abendausgabe; Vossische Zeitung 1. 10. 1926;
A. Dinter Sünde wider das Blut 371 N. 2.
Am deutlichsten zeigt sich die jüd.
Volksfeindschaft,wenn sieSeuchen erregen,
entweder durch zauberische Mittel (s. o.)
oder dadurch, daß sie Brunnen vergiften.
Der Vorwurf soll ihnen schon im 12. Jh. in
Böhmen 213 ), 1226 in Breslau (?) 214 ), 1308 m
der Waadt 213 ), 1267 in Wien 215 ), 1316/18
in den Eulenburgschen Landen 216 ), 1319
in Franken 217 ) gemacht worden sein,
wird 1321 in Frankreich laut 218 ) und
erlangt 1348/49 in Deutschland furcht¬
bare Bedeutung 219 ). 1397 ist in Colmar 220 ),
1448, 1453 in Schweidnitz 221 ), 1472
wieder in Regensburg davon die Rede 222 ),
1541 werden nach Capistrans Predigt
in Brieg die J.n 222a ), im 16. Jh. Pfeffer¬
korn in Halle dessen beschuldigt 223 ),
und um 1543 hören wir in Schweidnitz 224 )
wieder davon. Im Volk hielt sich der
Glaube noch lange 225 ). Als Mittel, die
Jüdin 826
Pest zu erzeugen, wird Pflanzengift,
Menschenblut,Urin, die Hostie genannt 226 ).
213 ) Strack Blut 196 f.; Joh. Gottl. Kahlo
Denkwürdigkeiten der . .. Grafschaft Glatz 1757,
113 N. 135. 214 ) Kolmar Grünhagen Breslau
unter d. Piastcn 1861, 85. 216 ) Caro 2, 189.
216 ) Schudt 4, 294 f. 217 ) Stobbe 188. 218 ) Caro
2, m; Strack Blut 196!.; Stobbe 188.
Zlj ) Caro 2, 205 ff.; Annalen d. Juden in d.
preuß. Staaten 1790, 37!. 41 ff.; Schudt 1,
456 ff.; C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 219 ff.
233 ff.; Otto H. Brandt Die Limburger Chronik
1922, XXXIX ff. 102. 114; Stobbe 188 ff.
285; Megenberg Buch d. Natur 91; Birlinger
Aus Schwaben 2, 4070.; Grässe Preußen 2,
693 f.; Zaunert Westfalen 188; Kruspe
Erfurt 1, 39; Waibel u. Flamm 1, 26 f. nach
Stumpfs Schweiz. Chronik ; im 14. Jh. Kie߬
ling Frau Saga 7, 30 f. M '’) Stobbe 288.
221 ) Schickfus new vermehrte schles. Chronica 4,
86; Kühnau Mittelschles. Sagen 98 f.; Schudt 1,
389. 222 ) Schudt 4, 231 f. ma ) Kühnau Mittel¬
schles. Sagen 390 ff. 223 ) Schudt 4, 246; zu
Pfefferkorn vgl. Goedeke 1, 451. * 24 ) Schudt
1, 3 ^ 9 - 226 ) Goedsche Schles. Sagen-, Historien -
u. Legenden schätz 1840, 84; ZfdMyth. 3, 62;
Kühnau Mittelschles. Sagen 444 f.; Kießling
Frau Saga 4, 98 f.; 5, 21 f. 22# ) Strack Blut
196 f. nach Graetz 7, 369 ff.
Daß man im J.n in politischer Hinsicht
den Volksfeind sieht, ward schon erwähnt.
Dazu kommt neuerdings der Vorwurf der
Rassenfeindschaft, der in der heutigen anti-
semit. Literatur (Hammer; Franz Kießling)
wie im Schundroman (A. Dinter) eine
große Rolle spielt. Betont wird besonders,
daß durch sein minderwertiges Blut das
edlere arische verseucht werde; betont
seine Geilheit 227 ), die seit alters bekannt
ist, und die sich heut besonders gegen
harmlose Mädchen richte, um auf diesem
Wege „die Rasse zu verseuchen“. Kinder
von einem J. kommen dann mit roten
Haaren zur Welt 227a ).
227 ) Murawski Die J.n bei d. Kirchenvätern
1925, 34; Hahn Griech. u. alban. Märchen 1,
31; Kretzschmar Neugriech. Märchen 24 f.
336 N. 47; Leskien Balkanmärchen 261 ff.;
Schudt II. 1, 321 ff. u. 4, 133 ff. (von den
Frankfurter Juden); Alemannia io, 5; vgl.
auch Kühnau Ober schles. Sagen 1927, 443 ff.
** 7a ) Gaßner Mettersdorf 14.
Der J.nhaß ist alt, geht schon in vor-
christl. Zeiten zurück 228 ). Welche Motive
bei uns ausschlaggebend waren, ist schwer
zu sagen; gewiß neben religiösen auch
wirtschaftliche 229 ). Die heutige antisemit.
Literatur wendet sich vor allem an den
Halbgebildeten, der unkritisch alles Ge-
827
Jude, Jüdin
828
druckte glaubt; das Volk wurde von
ihr nur auf dem Umweg über die Zeitung
oder parteipolitische, hündische Agita- j
tion erfaßt, wobei man vor allem den |
Ostj.n an griff, und dabei vergaß, daß
er ein Träger deutscher Sprache und
Kultur im Slavischen gewesen ist 230 ). i
Aber jenseits dieser Zeiterscheinung liegt
im Volk eine Abneigung gegen den J.n;
er ist nicht angesehen 231 ), wird in Lied 1
und Schwank lächerlich gemacht 232 );
es wird „hepp, hepp“ hinter ihm her¬
gerufen 233 ), man fordert spöttisch Matzen
von ihm 234 ), trägt den „Tod“ beim
Winteraustreiben dem J.n in den
Kasten 235 ). Es gilt als verdienstlich,
ihn zu betrügen und zu überlisten 236 ).
Selbst der „lange Wacker“, ein neckender
Spuk, hatte es auf J.n abgesehen 236a ).
Ein Kleriker entehrt des J.n Tochter
unter dem Vorgeben, er sei der Engel
Gabriel und wolle mit ihr den Messias
zeugen, und man findet das witzig 237 ).
Man zwingt ihn, das Kruzifix zu grüßen 238 ),
verweist ihn von ehrlichen Gesellschaf¬
ten 239 ). Er muß Spottdienste leisten 240 ) 1
und wird verhöhnt, indem man von
ihm einen Pasch (3 Würfel) fordert 241 ),
auf ein Brett klopft 242 ), mit Steinen nach
ihm wirft 243 ). Besonders beliebt ist im
16. Jh., ihn an einer Sau saugend dar¬
zustellen 244 ); auch an öffentlichen Ge-
Frechheit 257a ); sie stehlen 258 ), lügen
und betrügen 259 ), sind albern aber¬
gläubisch 26 °). Aber es ist auch von der
Einfalt des J.njungen (dumme Hans) die
Rede 261 ). Trotz alles Hasses begreift
man doch, daß ein Frevel an J.n ebenso
bestraft wird wie der an einem andern 261 *).
228) Felix Stähelin D. Antisemitismus d.
Altertums 1905; Aug. Bludau J.n u. J .nver-
folgungen im alten Alexandria 1906; Wilcken
in Abh. Sachs. Ges. d. Wissensch., Phil.-hist.
Kl. 27 (1909), 759 ff.; H. v. Schubert Gesch.
d. christl. Kirche im FrühMA. 1921, 106. 165. 181.
184 f.; Murawski Zusammenhang mit In¬
quisition: S. Reinach Cultes, mythes et
religions 2 (1906), 401 ff.; Otto Clemen Flug¬
schriften aus d. ersten Jahren d. Reformation
1 (1907), 373 ff.; Alfr. Falb Luther u. d. J.
1921; Reinh. Lewin Luthers Stellung z. d. J. =
Neue Studien 2. Gesch. d. Theologie 10; Hist.
Ztschr. in, 432 f. 22i ) Caro 1, 455 ff.
231) ) Süddeutsche Monatshefte Febr. 1916,
682 ff. 674 ff. 82911. 711 ff. 231 ) Curtze
Waldeck 279; Zaunert Dtsch. Märchen aus
d. Donaulande 1926, 36; Grimm KHM. Nr. 115.
232 ) Fox Saarland. Vk. 1927, 125; Mackensen
Hanseat. Sagen 96; Karl Rothe r Schles.
Sprichwörter 1928, 205; ZfrwVk. 16, 22 ff.;
17, 8 ff. 19; 18, 55; Schütze Holstein. Idiotikon
2, 94 f.; Liebe 59 ff.; Reichlin-Meldegg
Faust 2, 121. 233 ) Wrede Rheni. Volkskd.
1922, 105; Jungbauer Bibliographie 313
Nr. 2096; Montan us Volksfeste 132. 234 )
Höfler Ostern 11. 235 ) Peuckert Schles.
Volkskunde 1928, 92; Drechsler 1, 66. 23 *) Cä-
sarius v. Heisterbach Wunderbare Geschich¬
ten, München s. a. 31 f.; ZfVk. 9, 358; Grimm
KHM. Nr. 7. 110; Wisser Plattdtsch. Volks-
bäuden (in Wittenberg, Aschersleben,
Magdeburg, Dessau, Zerbst, Frankfurt
a. M., Salzburg) fand sich dergleichen.
Es gehen Wunderzeitungen um, daß eine
Jüdin Schweine gebar 245 ). Vielleicht
stammt von hier die Sage, daß Jesus ihn
höhnende J.n in Schweine verwandelt
hätte 246 ). Mitunter haben J.n auch
Schweinsohren 247 ), Beulen am Gesäß 248 );
sie stinken, am meisten in der Karwoche 249 ).
Wenn sie spucken, bleibt der Speichel
in ihrem Bart hängen 250 ); sie spucken dem
Christen in Speise und Trank 251 ). Ebenso
aber sollen sie angeschnäuzt werden
(Wien) 251a ). Auch ihre krumme Nase
wird zu deuten versucht 252 ). Sie müssen
um ihrer Bosheit willen wandern 253 ).
Unter ihren Eigenschaften nennt man
Feigheit 254 ), Habgier (Shylock) 255 ),
Geiz 256 ), Falschheit und Faulheit 257 ),
märchen 1 (1919), 74 f.; Boehm u. Specht
Lettisch-litauische Märchen 1924, 289 ff. 291t.;
Kretzschmer Neugnech. Märchen 191. 205 f.;
Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm 1, 280 f.;
v. Reichlin-Meldegg Dtsch. Volksbücher v.
Joh. Faust 1848, 74; Müllenhoff Sagen 535Ü.;
Sieber Harzsagen 1928, 165 f.; Zaunert Dtsch.
Märchen aus d.Donauld. 157. 169 f. 23ßa ) Wolf
Deutsche Märchen u. Sagen 346. 237 ) v. d. Leyen
in BayHfte 1, 58; Cäsarius v. Heister-
bach34; Schudt 1,411 f.; Güdemann 3, 206;
Zingerle Volksmärchen aus Süddeutschld. 35 ff.;
Jak. Wassermann Juden von Zirndorf 1918,
30 ff. Vgl. auch Bünker Schwänke, Märchen
u. Sagen in heanz. Mundart 1906, 410!.; Tille
Verzeichnis d. böhm. Märchen F.F.C. 34, 308 ff.
Das Motiv schon im Indischen: Joh. Hertel
Ind. Märchen 1921, 92 ff. 238 ) Kruspe Erfurt
1, 105. 23J ) Grässe Preußen 2, 680 f. 240 )
Schudt II. 1, 263. 241 ) Ebd. II. 1, 277 ff.
242 ) Ebd. 1, 351 ff.; 4, 239 f.; Rheinische Ge¬
schichtsblätter 2 {1895/96), 180; Heinr. Ans¬
helm v. Ziegler u. Kniphausen Histor.
Labyrinth d. Zeit 1701, 1307. 243 ) Schudt II.
1, 262; Strackerjan 1, 453 Nr. 247. 244 )
829
Jude, Jüdin
830
Tentzels Monatl. Unterredungen 1693, 534f-:
Liebe 16. 35. 88. 105; Schudt 1, 258; II.
1, 260 f.; 4, 249 — 251; Pawlikowski 752;
Güdemann 3, 206; Archiv f. Landeskd.
Provinz Sachsen 3, 157; vgl. auch ZrwVk. 17, 9;
vgl. Schöppner Sagen 2, 219; Nik. Pol Jahr¬
bücher 3, 7. 245 ) Pawlikowski 652; ZfdPhil.
36, 491; J anssen Gesch. d. Dtsch. Volkes 5, 342;
Liebe 57; doch vgl. Schudt II. 1, 250.
24# ) Dähnhardt Natursagen 2, 102 ff. 2790.;
Wolf Niederländ. Sagen 665; ZfVk. 5, 101;
S6billot Folk-Lore 3, 141; Schudt II. 1, 347
nach Dudulaeus (17. Jh.); Globus 92, 288.
* 47 ) Strackerjan 2, 182 Nr. 420. 248 ) Wolf
Beitr. 1, 249. 249 ) Strackerjan 1, 451 Nr. 247;
Schudt II. 1, 344. 25 °) ZfdMyth. 3, 67; Bir-
linger Volksth. 1, 383. 851 ) Meyer Aberglaube
194; Strackerjan 1, 451 Nr. 247. Verbot,
mit J.n zu speisen, ist häufig, vgl. z. B. Caro
1, 91 f.; Lammert 50. 25ia ) ZföVk. 32, 40.
***) MschlesVk. 11 (1906), 96; Kühnau Ober -
schles. Sagen 477 i. 253 ) Birlinger Aus Schwaben
2, 410. 2M ) ZfVk. 5, 320; ZfDtschkd. 39, 204;
Schudt 1, 319 f. 324 f.; Rother Schles. Sprich¬
wörter 306. 266 ) ZfDtschkd. 39, 204; Klapper
Erzählungen 282; Schöppner Sagen 2, 335ff.;
Volksfreund in den Sudeten (Hirschberg i. R.)
1831, 420 (J. in Wolfsgrube); Zaunert Rhein¬
land 1, 233 (2, 96); ZfdMyth. 2, 432; Krauß
Märchen d. Südslawen 202 ff. 266 ) Zaunert
Rheinland 2, 170 f. 287 ) ZfDtschkd. 39, 204.
* 58 ) Schlesiens Vorzeit in Wort u. Bild 4, 607
(Hausspruch); Boehm u. Specht Lettisch¬
litauische Märchen 277. 2M ) Nachw. 257;
Zaunert Rheinland 1, 189; Güdemann 3,
147 f.; Schudt II. 2, 86; Pawlikowski
830; Birlinger Volksth. 1, 501. 2€0 ) Rother
Schles. Sprichwörter 94. 261 ) Bolte-Polivka
3, 146 f. 261a ) Karasek-Langer u. Strzy-
gowski Beskiden 97 f.
Der J. als ethnologisches Objekt. Es
war nicht zuletzt das Gefühl, ein ganz
fremdes Volk vor sich zu haben, welches
dazu verführte, auf seine Sitten und
Bräuche zu achten. Man bekümmerte
sich um jüd. Gebäcke (s. o.) 262 ), um ihre
Säuglingspflege 263 ), vor allem aber um
ihre Sterbebräuche. Wenn sie Karfreitag
nicht die Knochen ihres Fleisches ins Wasser
werfen, stirbt eins aus der Familie 264 ).
Wenn ein J. stirbt, wird er durchs ganze
Haus getragen und gegeißelt, daß er
nicht wiederkommt 26S ); in Hessen gilt
das bloß, wenn er Sonnabend stirbt
(Eschwege, mündl.). Neun Tage wird im
Hause getrauert, ein Licht gebrannt,
nichts aufgeräumt 266 ). Der Tote wird
auf eine flache Holzpritsche gelegt,
rasiert 267 ), die andern setzen sich auf ihn
und drücken den Kot heraus (Posen
mündl.). In den Sarg bekommt er Geld 268 ),
es dem Messias zu geben, und Steine,
Christus damit zu bewerfen 269 ), im Ber-
gischen Hammer, Zange, Kupfermünzen
und Brot 27 °), in Schlesien außer Geld
und Steinen einen Topf Essen, Scherben
auf die Augen und ein Schloß vor den
Mund 271 ). Ein Frauensarg wird niedrig
in Bändern getragen Ä72 ). Begegnet ein
Schwein, so wird die Leiche noch einmal
zurückgetragen 273 ). Aus dem J.nknöchlein
(Lus) ersteht bei der Auferstehung der
ganze Leib wieder 274 ). Auch die jüd.
Frommheit wird beachtet und findet
Anerkennung 275 ), und es zeigen sich beim
Tode Unschuldiger Wunder 276 ). Die
Fabeleien des Dudulaeus (Anhang der
Schrift vom ,,ewigen J.n“ über die Strafen
der 12 Stämme) leben noch fort 277 ).
262 ) Höf ler Weihnacht 36; Ostergeb&cke 39;
Aus d. Beuthener Lande 2 (1925), 148. *•*)
Lammert 137. 2ft4 ) SchwVk. 10, 30. 14# )
Strackerjan 1, 451 Nr. 247. ,44 ) Aus d.
Beuthener Lande 2 (1925), 148, wo noch andere
Sterbegebräuche genannt werden; Peuckert
Schles. Volkskd. 1928, 169 f. ,#T ) Ebd. 169.
2W ) Schulenburg 110. ,a# ) Peuckert Schles.
Volkskd. 169; Jahn Hexenwesen 28; Jos.
Winckler Pumpernickel 1926, 202 f. ,7 °)
ZrwVk. 1908, 251. * 71 ) Peuckert Schles.
Volkskd. 169; vgl. dazu Jahn Hexenwesen 28.
272 ) Peuckert 170. 273 ) Strackerjan 1, 452
Nr. 247. 274 ) ZfVk. 5, 101 f.; Männling
Curiositaeten 369. ,78 ) Meyer Baden 345.
27# ) Pawlikowski 116; Strackerjan
1, 46; Caro 1, 216. * 77 ) Jahn Hexenwesen
27 f.
Der gewöhnliche Beruf des J. ist viel¬
fach, wenigstens im Osten bis vor kurzer
Zeit, der des Hausierers 278 ), Musikan¬
ten 278a ) gewesen, der mit einem großen
Huckesack übers Land zog. Das hat dazu
geführt, daß man Kinder mit ihm und
seiijem Sack schreckt 279 ). Seltsam, daß
auch dem toten Kinde auf dem Wege
zum Himmel drei J.n auflauern t80 ).
278 ) Zaunert Rheinland 1, 89; 2, 96; Fox
Saarld. Volkskd. 121. 122. 125. 355 f.; Pröhle
Märchen f. d. Jugd. 45 ff.; Zaunert Dtsch.
Märchen seit Grimm 1, 199; 2,58 (Rother
Schles. Sprichwörter 254). 17&Ä ) Ausd. Beuthener
Lande 1 (1924)» x 33 - * 79 ) Bmd. 29, 43. 44;
Knoop Hinterpommern 158 Nr. 29; Wrede
Rhein. Volkskd. 156; Eifeier Volkskd. 142;
mündl. aus Posen; doch vgl. ZföVk. 4, 269.
*®°) Drechsler 1, 298; Peuckert Schles. Vk.
231.
831
Jude, Jüdin
832
Angang. Gegenzauber. Der Angang
des J.n bedeutet (Hessen, Böhmerwald)
Glück 281 ), besonders am Neujahrstage
(Ungarn) 282 ), Unglück (Ostfriesland,
Franken, Erzgebirge) 283 ) oder einen
Prozeß 284 ). Ein J. als erster Käufer
verheißt schlechte Geschäfte 284a ). Ein
Spieler, der dort sitzt, wo ein J. saß,
hat kein Glück 284b ). Fragt am Morgen
ein J. nach der Zeit und antwortet man,
gibt man das Glück fort 285 ). Träumen
von J.n bedeutet Ärger, Klatsch 286 ),
Verluste 287 ). Ein Riß im Kleid, der Tod
bedeutet, heißt J. 287a ). In Schlesien
und am Hunsrück fürchtet man ihren
bösen Blick 288 ).
Schlagen zwei übers Kreuz Wasser
ab 289 ), reichen sie sich die Hände über
Kreuz 2893 ), stirbt ein J.
M1 ) ZfVk. 18, 312; Schramek Böhmerwald
256. 2ß2 ) ZfVk. 4, 318; Wien: ZföVk. 33, 46.
J 83 ) Wuttke 208 §288; John Erzgebirge
l f 37. 284 ) Wuttke 208 §288. 284a ) Kehrein
Nassau 2, 257 Nr. 94. 284b ) Bl. Pomm. Vk.
3, 106. 2M ) Drechsler 2, 194 f.; Peuckert
Schles. Volkskd. 170; ZföVk. 33, 46. 288 ) Drechs¬
ler 2, 202. 287 ) Großes Traumbuch (Brl., Uni-
versitas-Vrlg.) 65. 287a ) Wiener Kinderglaube
ZföVk. 33, 45. 288 ) Wuttke 444 § ^ 99 - 2811 )
Drechsler 2, 257; ähnlich ZföVk. 33, 46.
289a ) Knoop Hinterpommern 182 Nr. 253;
Der Oberschlesier 3, 773; mündl. in Breslau
(auch von Juden); vgl. Volkskunde 2, 141.
Wetter. An jüd. Feiertagen ist stets
schon Wetter 290 ). Wenn es schneit,
sagt man, der J. habe das Deckbett
aufgeschnitten und jetzt fliegen die Flaum¬
federn heraus 290a ). Haben sie spät Ostern,
gibt es ein spätes Frühjahr 291 ). Erhängt
sich ein J., gibt es großen Wind (vgl.
Selbstmörder) 292 ). Gegen Hagel wird
der J., der letzte Rückenwirbel des
Schweines, im Kamin aufgehängt 293 ).
l9 °) Drechsler 2, 199; Peuckert Schles.
Volkskd. 170; mündl. durch ganz Schlesien;
es regnet: Aus d. Beuthener Lande 2 (1925), 148.
a90a ) (Niederösterreich): Germania 29, 105
Nr. 39. 291 ) Drechsler 2, 199. 292 ) Hermann
Gloede Märkisch-pommer sehe Volkssagen 52;
BIPommVk. 5, 104; Oberschles. Heimat 2, 108
aus Gleiwitz. 283 ) Eberhardt Landwirtschaft 4.
Vegetationszauber. Möhren darf man
nicht am Sonnabend (J.nsonntag) säen,
sonst erhalten sieWurzein wie J.nbärte 294 ).
Das Karsamstag in den Acker Stecken
Schaden-abwehrender Kreuze heißt „den
J.n in den Acker stecken“ 295 ). Um Leob-
schütz (Schles.) werden am Karmittwoch
Feuer auf den Feldern angezündet: das
J.nsehen 296 ) (Judas suchen, sehen) 297 ).
294 ) Mar zell Pflanzen im Volksleben 1925, 82.
29s ) Schönwerth Oberpfalz 1, 434 N. 5.
2J6 ) Jahn Opfer gebrauche 126; vgl. ZföVk.
33, 48. 2 * 7 ) Drechsler 1, 77 f.
In Jahresspielen. In den Fastnachts¬
umzügen erscheint im deutschen Böhmen
ein J. 298 ). Der „Tod“, der beim Sommer¬
singen den J.n ins Haus getragen wird 2 "),
ist der J. (?) 300 ). Im Dorf Weyer (Eifel)
werden Ostern die J.n verhöhnt und es
wird mit Steinen nach den Haustüren
geworfen 300a ). Die Kohle des am Oster¬
sonnabend verbrannten, geweihten Holzes
heißt J. kohle 300b ). In Wulfen (Anhalt)
wird beim Mädchentanze acht bis vierzehn
Tage nach Pfingsten dem J.n der Bart ab¬
geschnitten 301 ). Weihnachten finden sich
in Gesellschaft des Bären (s. d.) und
Schimmelreiters im Ermland drei J.n
ein m ), ebenso begegnet er im schles.
Weihnachtsspiel 3023 ). Von J.nwettrennen,
ähnlich dem Wettrennen der Buckligen,
Dirnen, wird aus Rom 16. Jh. berichtet 303 ).
298 ) John Westböhmen 38.39.43. 164; Langer
DVöB. 5, 115 ff. 130; ii. 139 ü; 7 , 179 = Leh¬
mann Sudetendtsch. Volkskd. 1926, 138 (Vgl.
Liebe 58 f.). 2 ") Drechsler 1, 66 f.; Peuckert
Schles. Volkskd. 92; Stieff Schles. hist. Laby¬
rinth 309 f.; Unsere Heimat (Beilag. z. Rati-
borer Rundschau) 1924 Nr. 8 nach Matthias
Moritz Chronik v. Piltsch. 30 °) Vernaleken
Mythen 296 (aus Österr.-Schlesien); darnach
wohl Mogk Sitten u. Bräuche 60. 300a ) Wrede
Rhein. Vk. 259. 3D0b ) Vernaleken Alpen¬
sagen 113. 3Ü1 ) ZfVk. 7, 89 f. 302 ) Brunner
Ostdtsch. Volkskd. 1925, 205. 302a ) MjdVk. 7
(1901); vgl. Vogt Weihnachtsspiele Register.
303 ) ZfVk. 2, 56—67.
Der J. in der Medizin. Es handelt sieb
hier nur um den passiven Anteil des J.n
(s. sonst Sp. 810). Eine Erkrankung des
letzten Finger- oder Zehengliedes heißt
in Posen Judsche (= Jüdin); die weiße
ist eine schmerzhafte Vereiterung; die
schwarze (Blutvergiftung) führt zum Tod
(mündl. aus Grünfier Krs. Filehne). Jüd.
Leichenteile dienen in Galizien gegen
Typhus 3 04 ); der Leichnam, zerschnitten,
als Heilmittel 305 ); J.nweihrauch W6 ) >
J.nstein ^J, J.npech s 08 ), J.nsalbe **)>
J.npflaster 310 ) waren gebräuchlich. In
833
Jüdel—jüdisches Gericht
834
den epischen Teilen vieler Segen spielen
die J.n, die Jesu peinigten, Jerusalem
die J.nstadt, Longinus ein Jüd usw.
eine Rolle 3U ). Der J.n-Kalender enthält
die Bedeutung der „Zeichen“ für den
Aderlaß 312 ).
304 ) Strack Blut 63 = Urquell 2, 179; 3,
126 ff. 305 ) Strack Blut 63. 30 «) Joh. Jak.
Schröders medizin-chymische Apotheke 362.
307 ) Ebd. 280. 316 f.; Archiv f. Gesch. d. Medizin
3 » 49 - 59; Megenberg Buch d. Natur 381.
308 ) Hovorka-Kronfeld 2, 189. 30a ) Archiv f.
Gesch. d. Medizin 3, 287. 286; Alemannia 13,
63 f.; 19 . 31. 3b. 31 °) Ebd. 19, 32 f.; Urquell
1, 27. 311 ) Vgl. etwa Lammert 263; Höhn
Volksheilkd. 1, 88; Birlinger Aus Schwaben 1,
446; Schönwerth Oberpfalz 3, 267; Seyfarth
Sachsen 134; Bartsch Mecklenburg 2, 384;
SchwVk. io, 45; Mein Heimatland 10, 9L;
ZrwVk. 1905, 282; Germania 26, 233 t.; ZfdA.
27, 3 ° 9 ; ZfEthn. 31, 47 1 Nr. VI; Mansikka
45. 47. 48; Wuttke 170 §229; Wlislocki
,Volksglaube 160. 312 ) Heer Aliglarn. Heiden¬
tum 7.
Erwähnt, weil manche lokalen Fabeleien
daran knüpfen, mag werden, daß eine
Reihe von mit „Jude“ zusammengesetzten
Orts- und Flurnamen im Sprachgebiet
vorhanden ist 313 ).
313 ) Z. B. Schönwerth Oberpfalz 3, 349;
Baader N. Sagen 84 f. — Künzig Schwarz¬
wald 298; Birlinger Aus Schwaben 1, 321;
2, 408; Gand er Niederlausitz 121.
Der J., Wirbelknochen des Schweins,
im Stall aufgehängt, schützt gegen Be¬
hexung des Viehs 314 ).
314 ) Meisinger Volkskd. v. Rappenau 1906,
52. Peuckert.
Jüdel, Jüdelchen, Jülchen, Jüd-
chen, ein Hausgeist oder Erdmännchen
in Thüringen, Sachsen und Niederlausitz.
S. Gütel, Gütchen (3, 1233 ff.).
Burren.
Judenbaum. In einem Segen gegen
Zahnschmerz heißt es: „Guten Abend,
du J., hier bind ich dir alle meine Zahn¬
schmerzen an“ usw. x ). Die Formel ge¬
hört in die große Gruppe der Segen, in
denen der Schmerz auf einen Baum über¬
tragen wird 2 ). Seyfarth nimmt mit
Recht an, daß es ursprünglich wohl hieß
„guter Baum“, doch könnte sich damit
die Vorstellung vom Judasbaum ver¬
bunden haben.
x ) Seyfarth Sachsen 196. 2 ) Wuttke 328
§ 488; WürttVjh. 13 (1890), 175 Nr. 75; 176
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Nr. 79; 217 Nr. 256; Müllenhoff Sagen 513
Nr. 17; Kuhn Mark. Sagen 376; Witzschel
Thüringen 2, 272. 273. 283; Das 6. u. 7. Buch
Mosis (Buchversand Gutenberg), 44. 52. 60;
Birlinger Volksth. 1, 209 Nr. 316. Jacoby.
Judica. Der 5. Sonntag in den Fasten.
Er wird der schwarze Sonntag, auch der
lahme, lose, Passionssonntag genannt und
gilt als Unglückstag J ). Es muß an
ihm regelmäßig jemand eines gewalt¬
samen Todes sterben 2 ). In österr.-
Schlesien glaubt man, daß auf dem ganzen
Erdenrunde drei neugeborene Kinder er¬
trinken müssen. Wer auf dem Felde
arbeitet, bei dem schlägt nächstes Jahr
das Gewitter ein 3 ). Man darf nirgends
hingehen als in die Kirche; der Teufel
geht um und sucht, wen er verschlinge 4 ).
Auch in Luxemburg, wo der Tag Elle-
sonndech (Angstsonntag) heißt, darf man
nicht ausgehen, sonst begegnet einem
der Teufel 5 ). Auf dem Eichsfelde wurde
der Sonntag Judica früher als der weiße
Sonntag bezeichnet. Es gab in jedem
Hause Hirsebrei, in Duderstadt Schnee¬
milch 6 ). Bei den Tschechen ist auf J.
Todaustragen, bei den Mähren in
Schlesien Sommereinbringen 7 ). In
Ohrdorf (Hannover) werden die Mädchen
von den Knaben bespritzt 8 ).
*) Sartori 5 . u. Br. 3, 134 A. 14. a ) Meyer
Aberglaube 213. 3 ) Drechsler 1, 74 f. 4 )
Haltrich Siebenb. Sachsen 285. 6 ) Fontaine
Luxemb. 33. 6 ) Wüstefeld Eichsfeld 61.
Über die Speisen und Gebäcke des Tages:
Höfler Fastnacht 96. 7 ) Vernaleken Mythen
294 f.; Tetzner Slaven 275; Sartori 3, 130
A. 1. 8 ) Ebd. 3, 155 A. 39. Sartori.
jüdisches Gericht. In einigen Be¬
sprechung sformeln gegen Gicht oder das
Kalte (Fieber), von denen eine bereits
um 1600 in sächsischen Visitationsakten
steht, heißt es von Jesus: „Gott der Herr
stand im Jüdengericht“ usw. o. ä. J ). Die
Juden schreien: Gott der Herr hat die
Gicht; das leugnet Jesus usf. Ähnliche
Sprüche sind im Albertus Magnus ent¬
halten 2 ), wobei aus dem Judengericht
auch wohl das „Jüngste Gericht“ wird 3 )
oder das „Gottes Gericht“ 4 ), manchmal
auch einfach: „Jesus trat in den Saal, da
fochten ihn die Juden an überall“ 5 ).
Die Sprüche hängen zusammen mit denen
gegen den „Ritter“ oder „Ritten“ *),
27
jüdisches Land
jung
d. i. rite, ritte, ritt; ahd. rito, ritto; ags.
hridhe „Fieber“ 7 ), vgl. den Spruch,
den die hl. Hildegard überliefert 8 ): „si
quis ridden habet, accipe de fructu fagi,
cum primum procedit, et eum in pura
aqua scilicet springbornen, commisce; et
haec verba die: ,Per sanctam scincturam
sanctae incarnationis qua Deus homo
factus est, tu riddo, vos febres, defice et
deficite in frigore et calore tuo in homine
isto N.‘, et tune aquam illam da illi ad
bibendum; per quinque dies eam parabis,
et si aut cottidianam aut quartanam
habuerit, ab eis cito liberabitur, aut
Deus eum liberare non vult“. Diese
Fiebersprüche erzählen, daß Jesus im
Gericht oder am Kreuz gezittert habe
usw. 9 ), ein aus alten Gebeten 10 ) über¬
nommener apokrypher Zug der Leidens¬
geschichte, der vielleicht mit Mt. 26, 37.
Luc. 22, 44 zu verbinden ist. So heißt es
in einem Gebet des Antidotarius animae
des Salicet (15. Jh.) von dem am Kreuz
hängenden Christ 11 ): „cum turbatis
sensibus, cum rauca voce, cum vertigine
cerebri“. Als volkstümliches Bild war
das J. G. schon im 16. Jh. wie auch noch
heutzutage verbreitet 12 ).
J ) Seyfarth Sachsen 134. 2 ) WürttVjh. 13
(1890), 166 Nr. 34. 3 ) a. a. O. 175 Nr. 76; 188
Nr. 131; 241 Nr. 361, vgl. 209 Nr. 229; Scheible
Kloster 3. 511. 4 ) WürttVjh. 13, 187 Nr. 126.
190 Nr. 160; Sechstes u. siebentes Buch Mosis
(Buchversand Gutenberg), 77. 5 ) WürttVjh.
a. a. O. 204 Nr. 208; Scheible a. a. O. 495.
•) WürttVjh. a. a. O. 203 Nr. 207; Scheible
a. a. O. 494. 7 ) Wackernagel AltdWb. (1878),
239. 8 ) Physica 3, 26; Migne Patr. Lat. 197,
1235 f- 9 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 231;
ZfdA. 13, 214; 17, 429; 24, 188; ZfVk. 1 (1891),
174; Grimm Myth. 3, 500 Nr. 16; Thiers 1,
357, vgl. 1, 85 nach Cajetan's Summa s. voc.
incantatio; Revue arch£ologique 1892, 58;
Hovorka u. Kronfeld 1, 150 f.; Mansikka
Über russische Zauberformeln (1909), 101.
10 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 204. n ) Thiers
4, 55. 12 ) ZfVk. 18 (1908), 149; Drugulin
Histor. Bilderatlas 1 (1863) Nr. 2394 (aus Ulm
von A. Ulhart, zweite Hälfte des 16. Jh.).
Jacoby.
jüdisches Land. In einem Dreifrauen¬
segen von 1602 gegen die Hinsch oder
Haisch heißt es 1 ): „Es wohnten drey
im j. L., die eine sprach: ich stehe“ usw.,
wo sonst der Berg Sinai oder die Midbar
(Wüste) u. ä. genannt ist 2 ). Gemeint
sind die drei Marien Mc. 16, 1 (wo man
Salome mit der Maria, Frau des Kleophas,
identifizierte) 3 ). Das 3. L. als dieser
Wohnsitz erklärt sich danach leicht.
x ) ZrwVk. 2 (1905), 297; 9 (1912), 3. 2 ) Württ.
Vjh. 13 (1890), 168 Nr. 43; 197 Nr. 179; 204
Nr. 209; Panzer Beitrag 1, 269; Scheible
Kloster 3, 496; Seyfarth Sachsen 166; Elsäss.
Mschr. 1913, 3890.; Mansikka Über russ.
Zauberformeln (1909) 1940. 3 ) Vgl. Seyfarth
Sachsen 118; Ebermann Blutsegen 81.
Jacoby.
Jugend s. jung.
Jul s. Weihnacht.
Juli.
I. Der J. hieß bei den Römern, die das
Jahr mit dem März begannen, ursprüng¬
lich Quintilis, der 5. Monat. Im Jahre
45 v. Chr. erhielt er zu Ehren Julius
Cäsars, der in diesem Monat geboren war,
den Namen Julius 1 ). Der älteste deutsche
Name, Heumonat 2 ) (Hewimänoth,Heu-
wet), dürfte schon vor Karl dem Großen
üblich gewesen sein, da er sich in den
meisten germanischen Sprachen und auch
bei den Finnen, Esten, Letten und Klein¬
russen findet 3 ). Im holsteinischen (Bor-
hesholmer) Kalender (16. Jh.) heißt der
J. Hundemaen, was mit dem Hin¬
weis darauf erklärt wurde, daß im J.
die Hündin läufig wird 4 ). Sie wird aber
auch im Frühjahr läufig, weshalb man
besser an die Hundstage (s. d.) denkt.
Im deutschen Banat heißt der J. auch
Wärmemond 5 ); auf Sylt Barigtmuun
(Erntemonat) 6 ), im dän. Ormemaaned,
was auf die um diese Zeit auftretende
rote Schildlaus bezogen wird, wie man
dies von den slawischen Monatsnamen
annimmt 7 ) (tschech. cerven = Juni, cer-
venec — kleiner Juni, Juli). In Fischarts
„Aller Praktik Großmutter“ stehen die
Namen: Dieboltmonat (Theobald, 1. J.),
Hundshochzeit und Jakobsmonat (25. J. ) 8 ).
Wegen Personifikation des J. s.
Monat.
J ) Meyer Konv-Lex* 10 (1905), 360. 2 ) Wein¬
hold Monatnamen 43 f.; H. Fredenhagen
Deutsche Monatsnamen (Festschr. z. 18. Haupt-
vers. d. Allg. d. Sprachvereins. Hamburg 1914.
S. 141). 3 ) Reinsberg Böhmen 329. 4 ) Wein¬
hold a. a. O. 46. 6 ) Ebd. 60. 6 ) Ebd. 32. 7 ) Ebd.
51. 8 ) Ebd. 36. 46. Zum Namen „erster Augst“
s. August.
2. Im J. tritt die Sonne in das hitzige
Zeichen des Löwen 9 ) und die Hunds¬
tage (s. d.) beginnen. Daher empfahl der
hundertjährige Kalender besondere Acht¬
samkeit. Man soll sich vor hitziger
Speise und Trank hüten, allerhand küh¬
lende Früchte und Sachen mit Maß ge¬
nießen, schleimige Speisen fleißig meiden,
Arzneien, Purgieren, Baden und Ader¬
lässen unterlassen, auch sich der Un¬
keuschheit und übrigen Schlafens ent¬
halten und den Kopf nicht mit Sorgen
und Kummer beschweren 10 ). Der J., in
dem im alten Rom am 7. die Nonae Ca -
j>rotinae zu Ehren Junos gefeiert wurden,
die an die Saturnalien erinnern u ), ist erst
in neuerer Zeit der beliebteste Monat
für verschiedene Festlichkeiten und Ver¬
einsveranstaltungen geworden 12 ).
Spärlich sind die auf Wetter und
Landwirtschaft bezüglichen Über¬
lieferungen. Der J. soll, besonders für den
Weinbau, sonnig sein, denn „was der Juli
nicht kocht, kann der September nicht
braten“ 13 ), wird dann später schwer zur
Reife kommen. Nach ungarischem Volks¬
glauben soll man von dem am 1. J. ge¬
mähten Heu den Tieren zu Weihnachten
zu fressen geben, dann bleiben sie das
ganze Jahr gesund; und wenn man an
diesem Tage ein Stück Roggenbrot ißt
und darauf Wein trinkt, so wird man im
Jahre nie hungrig sein 14 ). Regen am
2. J. 15 ) (Maria Heimsuchung), aber noch
häufiger am 10. J. (Siebenbrüder) 16 ) be¬
deutet, daß es sechs, im zweiten Falle sie¬
ben Wochen lang regnet. Der 13. J.
(Margaretha) gilt allgemein als Regen¬
tag 17 ). Im Böhmerwald sagt man: ,,D’
Margredl brunzt gern“ 18 ), und in Tirol
heißt Margaret die Wetterfrau. Regnet
es an ihrem Tage, so hält der Regen
vierzehn Tage an 19 ). Von anderen Los¬
tagen (s. d.) des J. ist besonders wichtig
der Jakobstag (25. J.) 20 ).
•) Ausdeutung bei Nork Festkalender 45öS.
10 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 379 f. 11 ) Frazer
2» 313. 12 ) Vgl. Reinsberg Festjahr 199 ff.
13 ) Vld. 21 (1919), 90 (Österreich); Wäldler-
kalender 4 (Oberplan 1926), 103. 14 ) ZfVk. 4
(1894), 4 ° 4 - 15 ) Baumgarten Aus der Hei¬
mat i, 50; ZrwVk. 1914, 270. 18 ) Hese-
mann Ravensberg 108; Reinsberg Böhmen
349 u. Wetter 155; Haldy Bauernregeln 68 f.;
Jungbauer Volksdichtung 225. 17 ) Reins¬
berg Böhmen 350 u. Wetter 154; Haldy 67.
18 ) Jungbauer Volksdichtung 225. l9 ) Zin-
gerle Tirol 167. Ähnliches gilt von Maria
Magdalena (22 J ), die ..gern weint“, d. h. Regen
bringt (Leoprecht ing Lechrain 189). 20 )
Reinsberg Festjahr 2140.; Sartori Sitte
3 . 29 f.
Vgl. Ulrich (4. Juli), Jakob (25.), Anna
(26.), Abdon (30.). Jungbauer.
jung (Jugend). Als j. und Jugend
wird die Zeit des Menschen bezeichnet
vom zartesten Kindesalter bis zur vollen
I
geistigen und körperlichen Entwickelung
des Organismus, das wäre also beim Manne
etwa bis zum 23. und beim Weibe bis zum
20. Lebensjahr. — Es ist nicht mehr als
billig und natürlich, daß sich die Sym¬
pathie der Älteren dem j.en Geschlecht
zuwendet. Die Jugend bedarf der Stütze
und Leitung, sie ist unerfahren, und sie
ist in ihrer sorglosen Frische und wachsen¬
den Kraft die Freude der bedachtsam ge¬
wordenen Jahre 1 ). Diese können in die
Jugend alles Wünschenswerte und Gute
hineindenken, und sie tun es auch. Denn
obgleich die Kräfte der Jugend an Ver¬
stand, an Urteilskraft und Gedächtnis
oft erstaunlich zunehmen, obgleich die
Phantasie ihr Leben durchdringt und er¬
hebt, so bleibt die Jugend, wenn sie un¬
verbildet ist, naiv in ihrem Leben und
fügt sich der bildenden, erfahrenen Hand.
Daher ist es richtig: „Bei dem Volk wie
bei den Frauen steht immerfort die Ju¬
gend obenan“. Man begegnet ihr gern.
In den Läden hat man es gern, das Hand¬
geld an jedem Tage von einer j.en
Person zu empfangen 2 ). Das bringt dem
Verkäufer Glück. Ebenso, wenn man
zu Anfang eines neuen Tages oder in der
Silvesternacht, oder am Ncujahrstage
erst jungen Leuten begegnete 3 ). Es
brachte der älteren Person Glück, wo¬
möglich für das ganze Jahr 4 ). Wenn
die Brautleute auf ihrem Wege zur Kirche
von einem j.en Burschen aufgehalten
werden, so bedeutet das für sie Glück 6 ).
Hingegen bringt die Begegnung der Alten
Unglück (vgl. Alter und alte Weiber,
Angang).
Alles, was sich gesund entwickelt, wird
dem Menschen heb, und umgekehrt faßt
839
jung
841
J ungbrunnen—J ungfrau
842
840
den Menschen gegen alles Verwelkende
oder krankhaft Ungesunde wachsende Ab¬
neigung und Mißtrauen. Den Alten
kommt selbst das Mißtrauen in die eigene
Kraft. Es glückt ihnen nicht mehr wie
in den jungen Jahren, — und wenn es
das Pfropfen der Bäume wäre 6 ). Das
Glück begleitet die Jugend wie ein leuch¬
tendes Feuer, wie ein Etwas, das uner¬
gründlich und unerschöpflich hilft. Man
sieht ihrer Kraft manches nach und ver¬
zeiht ihr die Äußerung des Mutwillens 7 ).
Sie kann sich vieles zumuten, etwa in
schwerem Arbeiten oder dem Tanze, was
alten Leuten den Tod bringen würde,
doch geht auch sie gelegentlich an der
Überspannung der Kräfte zugrunde 8 ).
Dem blühenden Alter ist die Züge¬
lung durch das erfahrene Alter durchaus
nötig. So sehr sich ,,gesetzte Männer
und Frauen" am frischen und natürlichen
Wesen der Jugend erfreuen mögen, so
treten sie doch auf dem Dorfe Über¬
spannungen gewöhnlich mit der nötigen
Energie entgegen. Das Alter ist sich seiner
Überlegenheit bewußt und macht sie
geltend. Unter den Südslaven spricht
die ältere Frau zur jüngeren: Ich war
früher da als du. An dir ist die Reihe zu
folgen, weil du jünger bist 9 ). Bei uns
spricht wohl der Vater ironisch zur recht¬
haberischen Tochter: Du hast ja auch
ganz Recht, du bist ja was älter als ich.
Unter den Südslaven redet in den Bera¬
tungen der Ältere, und der Jüngere
schweigt 10 ). Bei uns heißt es: ,,Ein
Junger rede nicht, es sei denn, daß ein
Alter nieset, da er sprechen mag: Gott
helf“. Unter den Südslaven hat der Haus¬
vorstand ein großes Recht, sogar das freie
Jüngstenrecht n ). „Die Eltern bleiben
in der Regel mit ihrem jüngsten Sohn unter
einem Dach. Wen der Vater wähle, ist
seine Sache" 12 ).
Unterdes regt sich überall in der Welt
die Eifersucht der älteren Söhne gegen
den jüngsten Bruder. Das geschieht im
Märchen sowohl wie in der Josephsge¬
schichte 13 ). Sie stoßen ihn in einen
Brunnen oder in eine Zisterne 14 ). Das
Wasser des Brunnens hat aber nach einer
baskischen Erzählung 15 ) die Kraft, daß
es dem, der sich damit wäscht, die ewige
Jugend verleiht. Weiter entwickelt sich
die Brunnensage zu der Vorstellung, daß
der Grund des Brunnens den Eingang
zu einer neuen Welt 16 ), dem Lande der
j ewigen Jugend, bilde, was sich mit dem
bekannten Grimmschen Märchen be¬
rührt 17 ). Klar und deutlich wird die Vor-
j Stellung von dem Lande ewiger Jugend,
wo die Sonne scheint, die Wiesen grünen,
; die Bäume blühen, in den irischen El-
i fenmärchen 18 ). Das Land der Elfen liegt
; unter den Wassern, es liegt auch tief im
| Berge, und wem es beschieden, hinein¬
zukommen, der findet die Tür, durch¬
schreitet den dunklen Gang und lebt,
alles vergessend, im Lande, wo 200 Jahre
I wie ein Tag sind. So versinkt Osschin mit
dem makellosen weißen Füllen, das er
j in dunkler Nacht auf seinem Felde ge-
| fangen, in die Erde und lebt 300 Jahre
bei den Toten im Lande des ewigen
Lenzes 19 ).
Es sind Gedanken der Sehnsucht nach
| dem bleibenden Gute des Lebens, die sich
zum Bilde des Landes ewiger Jugend
verdichten, Gedanken, die die Sehnsucht
der Alten wiedergeben, und zwar in der
Form des irdischen Lebens; in der Sage
vom Kulengraver aber mit christlichen
| Ideen durchsetzt 20 ). Die Jugend selbst
lebt sorglos der Gegenwart und freut sich
des Lebens, ohne die großen Güter, Ge¬
sundheit und Jugend, zu erkennen. Sie
bilden das der Jugend notwendige At¬
tribut.
Das spätere Alter, dem die Zeiten
eisern sind, sehnt sich nach der Ju¬
gend, der holden Führerin, zurück
und weiß von Mitteln, die die Jugend
erhalten 21 ) oder Menschen wieder j.
machen 22 ). Der Runzelbalg alter Weiber
wird verjüngt durch das Wasser des
Brunnens Boncia 23 ). Tiefer geht die Sage
unter den wilden Völkern der Erde, daß
den Menschen ursprünglich von der Gott¬
heit die Unsterblichkeit zugedacht war.
Sie sollten die Jugend erneuern, wie
Pflanzen und Eidechsen die alte Haut
abwerfen und sich in glänzender Jugend¬
frische zeigen. Aber die Menschen haben
durch Undankbarkeit gegen den gütigen
Gott das zugedachte Gut verwirkt und
müssen sterben 24 ).
- 1 ) Hergez Die Jugendspiele. Progr. Brüx;
Herzog Volksfeste 125 ff.; ders. Schweizer -
sagen 2, 43 f. 2 ) Wuttke 487 § 777 u. 210 § 292;
SAVk. 7, 136; Schönbach Berthold v. R. 31.
3 ) SAVk. 19, 21; ZfrwVk. 1906, 65; Wuttke
208 § 288. 4 ) Drechsler 1, 48. 5 ) SAVk. 8, 268.
•) Ebd. 19, 44. 7 ) Meyer Baden 392. 8 )
Schramek Böhmerwald 222. 9 ) Krauß Sitte
u. Brauch 667. 10 ) Ebd. n ) Rütimeyer
Urethnographie 4; Storfer Jgfr. Muttersch. 189.
12 ) Krauss Sitte u. Brauch 667. 13 ) 1. Mose
cap. 37 ff. 14 ) Sebillot Folk-Lore 2, 325.
15 ) Ebd. 5. Note. 16 ) Ebd., oben. 17 ) Bolte-
Polivka 1, 207 ff. 18 ) Mannhardt Germ .
Mythen 457. l9 ) Ebd. 462!. 20 ) Müllenhoff
Sagen 172 ff. 21 ) SAVk. 23 (1921), 166; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 218. 22 ) Frazer 5, 180;
Wolf Beiträge 2, 5. 23 ) Birlinger Schwaben 1,
a&R 24\ Fra 7pr
TAT
Inßtf d
Jungbrunnen s. Verjüngung.
Jungfrau s. Sternzeichen.
Jungfrau (J.), Jungfräulichkeit (Jk.),
jungfräulich (j.lieh) (Jungfern- = J.n-).
1. Allgemeine und christliche Wertung der Jk.
2. Germanische Auffassung. 3. Kennzeichnung
u. Erprobung der Jk. 4. Jk. im Fruchtbarkeits-,
Viehschutz- und Regenzauber. 5. Glücks- und
Heilkraft der Jk. 6. J. im Volksbrauch und in
volkskundlichen Benennungen. 7. J. in der
Sage (vgl. bes. Art. Keuschheit, ledig, auch
Mädchen, Braut u. Frau).
1. Bei Primitiven sowohl wie bei Kultur-
finrlp-n wir rlpn Glanhpn daß die
Jk. ein „mysteriöses Etwas" sei, „das in
übernatürlicher Weise sowohl im Himmel
als auch auf Erden eine Macht ausübt" x ).
Aus der gerade im Sexuellen sich zei¬
genden Verschiedenheit der seelischen
Anlage und der moralisch-religiösen Ent¬
wicklung erklärt sich die verschiedene
Bewertung der Jk. in aller Welt.
Wenn man sagt: „Höher angelegte Völker
haben vor der Jk. stets ehrfürchtige
Scheu gehabt" 2 ), so muß man sich über
die Verschiedenartigkeit und verschiedene
Herkunft dieser Ehrfurcht Rechenschaft
ablegen; allgemein erinnert sei an die
Bedeutung der Jk. in den Jugendweihe¬
riten 3 ), die kultische Defloration durch
Fetisch, Priester, Fürst 4 ), die kultische
Preisgabe und Opferung der Jk. 5 )
(vgl. christl. Opfer der Jk. bei Jung¬
vermählten an heiligen Tagen) 6 ), die
Darbringung einer „reinen" J. als er¬
lesenste Opfergabe 7 ), die Schändung
christlicher Märtyrerinnen als Vorbe¬
dingung der an reiner J. nicht voll¬
streckbaren Todesstrafe 8 ), die Verwen¬
dung der J. im Kult und Aberglauben
als Zauberin, Priesterin und Gottes¬
braut 9 ) (vgl. Reinigung von Athene-
Heiligtum durch barfüßige J.en) 10 ),
schließlich „das christliche Institut der
gottgeweihten J.en“ u ) und die reli¬
giös-mystische Vergeistigung und Ver¬
göttlichung der Jk. bis zum christl.
Marienkult 12 ) (Marienamulett gegen
bösen Blick u. a. 13 )).
Aus der antiken Welt, in der die Sage
von der j.liehen Mutterschaft viel¬
fach lebendig war 14 ), brachte die rö¬
mische, „jungfräuliche" Kirche 15 )
(eine „unverdorbene Eva") 16 ) uns die
Ende des 4. Jh.s sich durchsetzende
Lehre von der (fortwährenden) Jk. Ma¬
rias 17 ), der „Anfängerin der Jk." und
späteren Patronin aller J.liehen lö ). Dem
unerfreulichen Gelehrtenstreit über phy¬
sische Einzelheiten dieser Jk. Marias 19 )
folgt eine wachsende Bevorzugung des
J.enstandes vor dem Ehestand 20 ) zum
Nachteil unserer abendländischen Moral 21 )
(der Stand der Witwen kommt dem der
J.en nahe 22 )), — und eine teils einseitig
sexuelle, teils überschwenglich religiöse
Betonung der „unbefleckten" Jk., die
gerade zur Zeit der stärksten Entehrung
und Entrechtung der Frau (Prügelzucht,
Hexenhammer s. Frau) am stärksten
hervortritt 23 ) und parallel geht mit
starken orientalischen Einflüssen auf un¬
sere abendländische Sitte. „Reine und
unbefleckte J.en sind das Ideal aller
moslimischen Liebessehnsucht" 24 ), und
der Koran verspricht den Gläubigen im
Jenseits J.en, die immer schön bleiben
und nie Mütter werden 25 ).
*) Jennings Rosenkreuzer 2, 132; vgl. Hart¬
land Primitive Paternity 2, 327 (Reg.); Frazer
12, 513 (Reg.); Sebillot Folk-Lore (Reg.).
2 ) Weinhold Frauen 3 1, 195. 8 ) Visscher
Naturvölker 2, 416 ff. 4 ) Liebrecht Zur
Volksk. 420 f. 511. 5 ) Frazer 1, 30; Nilsson
Griech. Feste 3650.; Pauly-Wissowa ii, 2,
2174. 6 ) Z. B. Arnold v. Harff 53, 31. 7 ) Vgl.
die Darstellung auf Gemmen Höfler Organo-
ther. 10 u. 285; Spuren in Volkssagen z. B. Wolf
Beiträge 2, 88. 8 ) Jennings Rosenkreuzer 2, 133.
*) Pauly-Wissowa 11, 2, 2131; Fehrle
843
J ungfrau
844
Keuschheit 58. 10 ) Roscher Lex. 1, 138;
Weinhold Ritus 5. n ) Feusi Gottgeweihte
J.en (1917) 206 ff. 12 ) Gihr Meßopfer 188. 190.
235. 404; Pradei Gebete 53; ZfVk. 10, 234;
Storfer Jungfr. Mutterschaft 189; vgi. als
Endpunkt der Entwicklung etwa Böckelmann
Moderne Mariendichtung (Anthologie). 13 ) Se¬
ligmann 2, 327. 14 ) Steinmann Die Jung¬
frauengeburt u. d. vergl. RelGesch.\ Weinreich
Heilungswunder 20; Boll Offenbarung Joh. 121.
123; Usener Relgesch. Unters. 1 (1889), 1.
70 ff.; vgl. auch Frazer Totemism 4, 376;
Schmidt Gottesidee 1, 493; Clemen Neues
Testament 223 ff. 15 ) ARw. 8, 373 ff. u. 9, 73 ff.
(Conybeare Die jungfräul. Kirche u. d. jungfr.
Mutter, Übersetzung). l8 ) ARw. 9, 75. l7 )
Harnack Materialien = Hahn Biblioth.
der Symbole u. Glaubensregeln 3740.; Lehner
Marienverehrung i. d. ersten Jh.n 2 (1886) 133 f.
139; Stolle Kirchenväter 500. 18 ) Lucius
Anfänge des Heiligenkultes 428 ff. 433.
1# ) Kurtz Lehrbuch der Kirchengeschichte 1,
uöf.; Erweis durch Hebammenuntersuchung
(Clemens von Alexandrien), Lucius Heiligen-
kiUt 422ff.; vgl. dagegen Koran Sure 19, 16ff.
20 ) Lucius Heiligenkult 429; Siebert Heili¬
gen- u. Reliquienverehrung 11. 21 ) Vgl. Theiner
Die Folgen der erzwungenen Priesterehelosigkeit.
22 ) Z. B. Ambrosius Libri ires de Virginibus ,
Stolle Kirchenväter 271; vgl. Klapper Er¬
zählungen 26, 337. 23 ) Hansen Zauberwahn
488 ff. 24 ) Stern Türkei 2, 125. 25 ) Koran,
Sure 2, 23.
2. Den ausgesprochen christlichen
Begriffen von der Keuschheit (s. d.)
und der Jk. 26 ) widerspricht die alt-
germanische Auffassung sehr stark.
Sie weiß, soweit wir sehen können, noch
nichts vom Wert der „physischen Jk.",
für die nach einem bekannten Spottwort
noch Emilia Galotti stirbt. Sie sieht in
der J. die künftige Frau und Mutter und
in der Mutter oder Ehefrau niemals die
um den Idealwert der Jk. beraubte,
minderwertige Weiblichkeit.
Wenn im Süden „die Elementargewalt
des Volksglaubens" für den Gottessohn
„eine j.liehe Mutter verlangte" 27 ), so hat
im Norden der Volksglaube (im Nach¬
klang alter Mütterkulte) immer wieder
den Müttern den für die J.en reser¬
vierten Heiligenschein zurück verlangt.
Fern allem Kampf um Lösung der Seele
vom Irdischen seiner Natur hat der Ger¬
mane das J.liehe wohl nur als das Wach¬
sende und Werdende, das sich Bewahrende
und Zukunft Tragende im Hinblick auf
seine natürliche Bestimmung gewertet,
und von hier aus die vom Römer bewun¬
derte voreheliche und eheliche Keuschheit
seiner Sitte geschaffen, die weder durch
den Anblick der Körper 28 )* und das freie
Nebeneinander der Geschlechter, noch
durch Ehe und Elternschaft beeinträch¬
tigt werden kann, und für die unsere ganze
Kulturgeschichte in zahlreichen Vertei-
digungsschrif ten desEhestandes ver¬
geblich kämpft. Vgl. das Sprichwort
„die Ehe ist kein Verlust der Jk." 2Ö ).
Trotz der üblichen vorehelichen
Enthaltsamkeit 30 ) kennt das Ger¬
manische nicht die spätere Betonung
bräutlicher Jk. mit Jungfernkranz
und Jk.sprobe 31 ), noch eine Scheu vor
Witwenheiraten; und eine Schändung
wird ohne Rücksicht auf die Jk. als eine
Vergewaltigung fremden Willens (der
Frau oder ihrer Sippe) bestraft 32 ). Be¬
achtlich ist die verschiedene Bewertung
der J. in den Wehrgeldbestimmungen der
Stammesrechte; bald halbe, bald doppelte
Mannesbuße.
Nur insofern also ist „die indogerma¬
nische Vaterfamüie eine Hüterin jung¬
fräulicher Unbeflecktheit", ohne für den
Begriff der unbefleckten J. oder der Jk.
auch nur einen gemeinsamen Namen
zu haben 33 ) (vgl. zapÖEvo; und virgo) 34 ).
Auch auf germ. Sprachgebiet fehlt völlig
eine Unterscheidung der Jk. durch
besonderes Wort. Das altnord, „masr"
wird erst in späten, christlichen Dich¬
tungen und Überlieferungen in dieser
Richtung abgegrenzt („sannr meydömr"
der Maria in der „Lilia") 35 ) und durch
das Lehnwort „jungfrü" ersetzt. Saga
und Edda mit ihrem Frauenreichtum
betonen den Begriff der „unberührten"
oder „gefallenen" J. nicht. Göttinnen
mit betonter Jk. in Snorris Mythenwerk
(z. B. Gefion) sind von geringer religions¬
geschichtlicher Bedeutung 36 ). Wo dem
Weiblichen an sich „sanctum aliquid"
zugesprochen wird, grenzt sich die Jk.
nicht durch besondere Heiligkeit ab.
Von Brynhild zu Emilia und Gretchen,
wie von Nerthus und Frea-Frigg zu Maria
gehen wichtige Entwicklungslinien un¬
serer Sittlichkeit. Lehrreich zumal ist
ein Vergleich zwischen der eddischen
845
J ungfrau
846
Brynhildsage und dem Nibelungen¬
lied. Erst letzteres verknüpft die krie¬
gerische Körperkraft der Brynhild mit
der Jk.; nach der widerwärtigen Bändi¬
gungsszene nimmt Günthers „Minne"
ihr „meituom" und Kraft 37 ).
Walkürenmacht in nordischer Sage
(vgl. Helgidichtung, Völundlied u. a.) 38 )
ist nicht an die geschlechtliche Unbe¬
rührtheit gebunden, und weder im
Zauber noch im Kult genießt die reine J.
besonders betonte Geltung 39 ), während
dann, bedeutungsvoll, im Parzival der
verheiratete Held neben betont j.liehen
Gralsträgerinnen das Heiligtum ver¬
waltet 40 ).
So erwächst also der auf die Jk. bezügl.
Aberglaube aus den zwei Wurzeln
der heidnischen Ehrfurcht vor den wach¬
senden und noch ungelösten Kräften der
Jugend und der Christ 1 . Wertschätzung
der dem Triebhaft-Sündigen nicht ver¬
hafteten Keuschheit.
l< ) Vgl. bes. Klapper Erzählungen 402, 20 f.
,T ) Fehrle Keuschheit 24. 28 ) Vgl. Schrä¬
der Reall. 1, 580, wo das Verwundern des
Römers auf eine das 19. Jh. kennzeichnende
Art mißverstanden wird. 29 ) Graf-Dietherr
Dt. Rechtssprichwörter 139. 3J ) Caesar De
bell. Gail. 6 , 21. 31 ) Vgl. Schräder Reall. 1,
581. 32 ) Vgl. His Gesch. d. dt. Strafrechts bis
zur Karolina 140 ff. 33 ) Schräder Reall. 1,
331; man weiß, wie bedeutungsvoll die
griech. Übers, von Jes. 7, 14: „junge Frau"
durch rapftevo; geworden ist; Fehrle Keusch¬
heit 24. 34 ) Schräder Indogermanen 82; Ders.
Reall. 1, 580; seine Beweisführung fällt mit der
Entscheidung über den Quellenwert der von
Weinhold Frauen 2 2, 199 f. herangezogenen,
altnordischen Belege (vgl. Schräder Reall. 1,
347 ) 35 ) Vgl. Krause Die Frau in der Sprache
der aliisl. Familiengesch. 93 38 ) Tiede Gottes¬
erkenntnis 226 macht freilich sogar Wuotan
zum jungfräulichen Gott. 37 ) Fehrle Keusch¬
heit 62. 38 ) Vgl. Nachklang weiblicher Waffen¬
fähigkeit u. Walkürennatur Kohlrusch Sagen
175 f.; RTrp. 1890, 12: La fille deguisSe en
dragon (Thiersot); Urquell 4, 249 ff. 39 ) Vgl.
dagegen Weinhold Frauen 3 1, 195 schwär¬
merische Annahme von bevorzugter J.enver-
wendung im germ. Kult und Zauber. 40 ) Par¬
zival 477, 13 ff.; Birch-Hirschfeld Sage
vom Gral (1877) 249.
3. An allerlei Äußerlichkeiten und mit
oft unsauberen Mitteln sucht der Volks¬
glaube die so wichtig genommene (phy¬
sische) Jk. oder ihren Verlust festzu-
stellen 41 ). Weithin beliebt ist die (auch
im slavischen Hochzeitsbrauch beliebte)
J.enprobe 42 ), die zumal überall da, wo
Jk. im Kult eine Rolle spielt, erscheint 43 )
(außerhalb des christlichen Bereichs vgl.
die heilige Schlange im Juno-Kult, die
die Nahrung aus den Händen unkeusch
gewordener Priesterinnen verschmäht und
so diese entlarvt) 44 ).
Die Jk. hat verloren, wer nicht mehr
gegen das Kitzeln empfindlich ist 45 ).
Kommt der am Barbaratag vom Mädchen
geschnittene Zweig bis Weihnachten nicht
zur Blüte, so ist es keine J. mehr 46 ),
desgleichen, wenn es das Salzfaß auf
den Tisch zu stellen vergißt 47 ). Die
Volksmedizin lehrt: Bei J.en ist die kleine
Vene im Auge rot, bei „Gefallenen"
blau 48 ), und selbst die Reaktion auf an¬
geblich harntreibende Mittel (Ammoniak-
pulver, Efeuwurzel usw.) wird beob¬
achtet 49 ). Bienen können eine reine J.
nicht stechen 50 ).
Die sittenrichterliche Skepsis
des Volksglaubens läßt sich oft nur
durch ein Wunder besiegen, wie es
in Hexenprozessen von der des Teu¬
felsverkehrs angeklagtcn J. auch ver¬
langt wurde. Wenn jemand ein er¬
loschenes Licht wieder anblasen kann 61 ),
oder beim Krautstecken eine Pflanze
auf den Stein setzt und diese gedeiht 11 ),
so ist die Jk. glaubhaft bewiesen. Das
Bad im Morgentau vermag die verlorene
Jk. wiederzugeben 53 ) und cs heißt, daß
das Mädchen, das sieben Hurenkinder
geboren habe, wieder zur J. werde 64 ).
Pharisäisch wacht die Volksmoral über
der Jk.; die Spinnstuben waren „förm¬
liche Sittengerichtc" 55 ); „gefallene" Mäd¬
chen müssen die Gemeinschaften der J.en
verlassen 56 ), werden verspottet 67 ) und
selbst beim Tanz an den Schluß gestellt 58 ).
Das im M. A. gleichzeitig mit der männ¬
lichen Bordellgewöhnung wachsende In¬
teresse für weibliche Unberührtheit (vgl.
das Motiv von der J. im Turm), gibt
neben anderen Kennzeichnungen der Jk.,
(z. B. rotes Band usw. 59 )) auch dem
J.en- oder Brautkranz seine (sexuelle)
Bedeutung 60 ) (vgl. die Sitte einer be¬
sonderen J.entracht 61 )). Mit bestimm¬
tem Kraut geflochten und zum Feste
847
J ungfrau
848
getragen oder vors Kammerfenster ge¬
hängt 62 ), schützen Jungfernkränze be¬
drohte Unschuld vor dem Versucher 63 ),
dem schlimmen Schatten des „faustischen“
Menschen; und selbst die Gretchen-
schicksale, die er schafft, zeigen sich im
voraus an. So „fällt“ im Allgäu bald
eine J., wenn sich bei der Fronleichnams¬
prozession die Quasten der weißen Fahne
verknoten 64 ). Wenn ein Mädchen Bier
verschüttet, kommt sie zu Fall 65 ), den
Gang zur Hebamme darf eine J. nicht
wagen u. a. m. 66 ).
41 ) Z. B. ZfVk. 15, 349; Strackerjan 2, 189
(Nr. 434). 42 ) Wilutzky Recht 1, 125; ZfVk.
13, 268; Andree-Eysn Volkskundliches 217;
Strauß Bulgaren 316; Krauß Sitte 197 ff.
223 ff. 383. 462. 43 ) Vgl. auch den in der
altnord. Möttulssage nach altfrz. Vorbild und
im M. A. noch oft verwendeten Schwank von
der Keuschheitsprobe mit Mantel an Artus'
Hof. 44 ) Wissowa Religion 185. 45 ) ZfVk. 8,
156; Liebrecht Zur Volksk. 371. 48 ) John
Wtstböhmen 5. 47 ) Wolf Beiträge 1, 239. 48 ) Ger¬
hardt Franz. Novelle 49. 49 ) Musäus 107 Nr.
21; Ploß-Bartels Weib 1, 567!.; L ammert
146. 60 ) Grohmann 84. S1 ) Panzer Beitrag
1, 258, 308. 52 ) John Westböhmen 198. 53 )
Schönwerth Oberpfalz 2, 133; Weinhold
Ritus 41. 54 ) Strackerjan 2, 202. 55 ) Meyer
Baden 173. B8 ) Gaßner Mettersdorf 48; Hill-
ner Siebenbürgen 18; Meyer Baden 324; Sar-
tori 3, 212; Schulenburg 107. 57 ) Sartori
3, 206 (Meyer Baden 223). 58 ) John West¬
böhmen 46. 59 ) Grüner Egerland 43. 60 ) Wrede
Rhein. Volksk. 81 ff. 188; ZfVk. 23, 261.
81 ) Jensen Nordfries. Inseln 293. 62 ) Schram-
ek Böhmerwald 149.
) Sartori 3, 220.
M ) Reiser Allgäu 2, 148. 65 ) Wuttke § 317.
**) Höhn Geburt 260; vgl. Andree Braun¬
schweig 403.
4. Die Rolle, die die J. oft neben dem
Jüngling und dem Jungvermählten in
manchen an Fruchtbarkeitszauber
erinnernden Volksbräuchen spielt 67 ),
ist wohl wesentlicher von der heidnischen
als von der christlichen Bewertung
der Jk. bestimmt. „Der Zustand des
Handelnden beeinflußt die Handlung“ 68 ),
und man wird wohl hier so wenig wie
beim alten Nerthuskult die physische
Keuschheit der kultisch oder zauberisch
handelnden, zumal weiblichen, Jugend
als entscheidende Vorbedingung zur Auf¬
nahme des göttlichen „numen“ zu suchen
haben 69 ). Manche Bräuche müssen oder
mußten hier und da von J.en oder all¬
gemein von Ledigen ausgeführt werden 70 )
(s. ledig), so der Maitanz, der Wasser¬
guß in Frühlingsbräuchen 7l ), wie ähnlich
das Anzünden des „Notfeuers“ durch
Knaben, Junggesellen 72 ), das Sammeln
des Holzes zum Sonnwendfeuer 73 ) u. a.
m. Vgl. die Rolle der Jünglings- und
Jungfrauengemeinschaften bei Bräuchen
wie dem Eierlegen zu Schönecken (Eifel)
u. a. 74 ). Die J. am Pfluge bringt der
Saat Gedeihen (feierliches Vorpflügen) 75 ),
schützt gegen die Pestschwestern 76 ), oder
befreit die Gemeinde von der Vieh¬
seuche 77 ). Ähnlich schützte man in Böh¬
men das Vieh, indem man es den von einer
J. (am Jakobitage) getragenen Kranz
fressen ließ 78 ). Auch soll das Tuch zur
Aussaat von einem (siebenjährigen) Mäd¬
chen gesponnen sein 79 ).
Vom Flachsfeld vertreibt in der
Provinz Hannover eine reine J. (nackt)
Erdfloh und Maulwurf mit dem Spruch:
„Erdfloh (bzw. Winneworp), ik wicke
(jage)dik,ne reine J.jaget (plaget) dik“ 80 ).
Durch Geschrei suchten schlesische Mäd¬
chen den Flachs zu „erschrecken“, „damit
er in die Höhe fahre“ 81 ). Eine J. (nackt)
muß die Henne setzen (jüd.) 82 ), aus dem
Bett einer J. tut man etwas Stroh oder
Laub ins Brutnest, wenn man Glück
(oder auch keine Hähnchen) haben
will 83 ); der Kuh muß eine J. zu fressen
geben, wenn man ein weibl. Junges
wünscht, oder wenn sie beim Melken
nicht still hält, Futter aus der Schürze
einer reinen J. 84 ), und dem Brautpaar
muß eine J. (oder junge Frau) das Bett
machen 85 ). Neben diese Bräuche stellt
sich die Verwendung des j.liehen Mäd¬
chens im sog. Regenzauber und Ver¬
wandtem, das oft nackte (schon von
Burchard von Worms bezeugte) 86 ) „Re¬
genmädchen“, das Mannhardt und Wundt
als zum kultischen Vollzug des Regen¬
zaubers nötigen Vegetationsdämon, Wein¬
hold als Regenopfer 87 ), Gesemann nur
als Zauber deuten 88 ), letzterer sich
stützend auf den Glauben an die beson¬
dere, durch die Keuschheit verstärkte
Zauberkraft der Jk. 89 ).
67 } Z. B. Mannhardt i, 237 t. * 8 ) Fehrle
Keuschheit 64. *•) Jedoch Fehrle Keuschheit 64.
849
J ungfrau
850
I'
*4
70 ) Fehrle Volksfeste 45 k; Sartori 3, m.
Tl ) John Westböhmen 75; Fehrle Volksfeste 46
u. a. 72 ) Colshorn Mythologie 350 f.; Lauffer
Niederdt. Volkskd. 123; Schlosser Galgen¬
männlein 96. 7S ) Wolf Beiträge 2, 3S3: Hinein¬
deuten fremder Reinheitsbegriffe. 74 ) Schmitz ,
Eifel 1, 30. 75 ) ZfVk. 14. bes. S. 143 f.; Mann- !
hardt 1, 560; Weinhold Ritus 27; Hoffmann-
Krayerin SAVk. 11 (1907), 263 ff. 76 ) Krauß
Volk). 101. 77 ) Mannhardt 1, 561 ff.; Usener
HessBl. 1, 202 ff. 78 ) Wuttke § 440. 79 ) Gese¬
mann Regenzauber 13; Wuttke § 652 (Hess.
Bay. Oberpf. Pf., Ostpr.); Strackerjan i, 54;
Frischbier Hexenspr. 135. 80 ) Heckscher
Hannover (1930). 145 - 61 ) Drechsler 2, 33.
82 ) Weinhold Ritus 43 - 83 ) Wuttke § 672;
Meyer Baden 412. 84 ) Eberhardt Landwirt¬
schaft 16 f. 8B ) Wuttke §568; Fehrle Volks¬
feste 47. 8# ) Mogk Menschenopfer 32 Anm.;
vgl. Mannhardt i, 329. 87 ) Weinhold Ritus
22. 88 ) Gesemann Rege?izauber nf.; vgl.
Sebillot Folk-Lore 2, 224. 89 ) Fehrle Keusch¬
heit 55 u. 62; Pradel Gebete 123.
5. Diese besondere Glücks- und
Zauberkraft der Jk. äußert sich viel¬
fältig. Nur der reinen J. gegenüber hat
die Hexe (wie auch der Teufel, vgl.
Faust) keine Macht 90 ); der von keuscher
J. gesponnene Faden ist besonders zauber¬
kräftig und glückbringend 91 ). Der Jäger,
der sich viel Beute wünscht, muß sich
von einer J. das Gewehr reichen oder sie
darüber springen lassen 92 ) (oder das Knie
einer J. sehen, Polen), jedoch im Angang
bringt reine J. meist Unglück 93 ), zumal
am Hochzeitstage 94 ) (Knabe und Hure
Glück 95 )), und eine reine J. kann nach
der Sage den wildesten Stier an einer
Haarschnur führen 96 ). Zumal zum er¬
folgreichen Schatzgraben ist oft Teil¬
nahme einer reinen J. nötig, sei es als
Schatzopfer 97 ) oder als Schatzheberin 98 ),
in geweihter Nacht mit geweihter Kerze,
mit dem reinen, bzw. sich als unwürdig
erweisenden Jüngling 99 ), oder auch bei
der Zurüstung (Rute, Kerze, die durch
ihr Verlöschen den Schatz zeigt) 10 °),
und bei der Bannung der den Schatz
hütenden Wesen (Verwendung der
„menses“) 101 ).
Der schles. Volksmund freüich erzählt,
daß der Schatz im Berg („Landskrone“)
erst gehoben wird, wenn so viele reine
J.en Zusammenkommen, daß sie den Berg
durchsägen können, und man verspottet
die Spröden, sie wollten dabei einst
helfen 102 ). Auch wem es gelingt, auf
einer Totenbahre, die nur J.en trug,
sechsmal auszuschlafen, dem winkt ein
solcher Märchenschatz 103 ).
Auch zur Vertreibung von Unge¬
ziefer und Krankheit am Menschen
taugt die Jk. Um Wanzen los zu werden,
legt man drei von ihnen in den Sarg
einer reinen J. 104 ), Bettnässer geben ihr
etwas von ihrem Harn mit ins Grab 105 ).
Kranken Kindern gibt man einen von
einer J. gesponnenen Gamstrang unters
Kopfkissen 106 ). Reine Jünglinge ver¬
mochten nach märkischem Glauben die
„Rose“ durch Funkenschlagen zu ver¬
treiben 107 ). Bereits nach Plinius werden
Fallsüchtige geheilt, wenn eine reine J.
sie mit dem Daumen berührt 108 ), und
über eine schwer Gebärende soll eine J.
hinwegschreiten, ihren Gürtel fallen las¬
send 109 ). Von Geschlechtskrankheit be¬
freit Verkehr mit reiner J. u0 ), und un¬
garische Zigeunerinnen wissen mit Blut
einer keusch gestorbenen J. sich vor Un¬
treue ihres Geliebten zu schützen m ).
Der Glaube an die Heilkraft des „un¬
schuldigen“ j.liehen Blutes zumal gegen
Aussatz 112 ) hat die christlichen Dichter
von Hartmann bis Hauptmann beschäf¬
tigt 113 ). Auch das derj. gewährte Vorrecht,
Verurteilte vom Galgen loszubitten, sei
hier als Zeichen besonderer Beachtung
der Jk. erwähnt u4 ), die im übrigen auch
in der bes. Geltung und Behandlung der
J.en bei allen Festen (z. B. Sonderbe-
wirtung der j.liehen Paten vor dem Tauf¬
gang u. a. 115 )) zum Ausdruck kommt.
90 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 174. 91 ) Vgl.
die von Mädchen gesponnene heÜ. Schnur der
Brahmanen ZfVk. 21, 157- “) Wuttke § 715;
Strackerjan 2, 188; Schramek Böhmerwald
255 - 93 ) Grimm Myth. 3, 440; Meyer Aber¬
glauben 136. 94 ) John Erzgebirge 92. 95 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 274; Grimm Myth. 2, 941.
••) Vernaleken Alpensagen 7. 97 ) Meiche
Sagen 720. 893. 98 ) Kühnau Sagen 3, 607.
99 ) Ebd. 3, 606; 1, 241. 10 °) Wlislocki Ma¬
gyaren 88. 101 ) Ebd. 102. l0a ) Kühnau Sagen
3 , 558. 103 ) Wuttke S. 411. 104 ) Urquell 5,
34; Drechsler 2, 3. 10B ) Höhn Tod 333;
Ders. Volksheilk. 1, 117. 1M ) Lammert 124;
Wuttke § 542. 107 ) Kuhn Märkische Sagen 377;
vgl. o. Anm. 72. 108 ) Stempiinger Sym¬
pathie 68. 109 ) Grimm Myth. 3, 447 Nr. 410;
ZfrwVk. 1906, 229; Wuttke § 324* 326.
9
851
Jungfrau
852
n0 ) Hovorka-Kronfeld 2, 152. n ) Urquell 3
(1892), 12. n2 ) Klapper Erzählungen 234,17!
U3) V g! Gregorius 224 ff.; Armer Heinrich 2, 2.
114 ) Burkhard Waldis 4, 67; Birlinger
Schwaben 2, 460; Mittler Dt. Volkslieder
Nr. 243 (vgl. Nr. 311!); Liebrecht Zur
Volksk. 433. us ) Drechsler 1, 194; Fontaine
Luxemburg 142.
6 . In den Volksfesten und Bräuchen
wird vielfach der J. (Jungfer) auch ohne
Betonung der Keuschheit gedacht (bis¬
weilen besonders der ältesten J. im Haus),
die Fastnacht oder Silvester auf dem
Tisch tanzen muß u. a. m. I16 ): So in den
J.enfesten 117 ), der J.enfastnacht 118 ), wie
im Jn.- oder ,,Mädchen-Tanz“ li9 ),
schließlich an (kirchlichen) J.en tagen
(bes. geeignet zum Pflanzen usw.) 12 °).
Das bekannte Jn.stechen (Burschen und
Mädchen stechen mit verbundenen Augen
oder im Vorbeilaufen nach Stroh- oder
Holzpuppe) 121 ) muß hier unerklärt
bleiben. Desgleichen volkskundlich be¬
achtliche Wortzusammenstellungen wie
J. im Bade, (Sauj., ein Knochen) 122 ),
J.nbrot (Wecken, einst an Frauen¬
kloster geliefert) 123 ), J.n-Apfel (mit
dessen Hilfe das Mädchen nachts den
Zukünftigen sieht) 124 ), J.n-Küchlein (als
Fastnachtsgeschenk) 125 ), J.n-Honig 126 ),
J.n-Leder 127 ), -Schwefel (Mittel gegen
Krätze) 128 ), J.n-Kränzel (Gebäck), mit
mancherlei Aberglauben beim Einkauf 129 ),
J.n-Gans 13 °), J.n-Milch 131 ) und J.n-
Schmarren (in Oberbayem beim Flachs¬
brechen gegessen) 132 ), J.n-Kuß (mittel¬
alterliche Tortur, vgl. die ,,eiserne J.“) I33 ),
J.n-Palme (Säfelbaum) 134 ) u. a.
Eine besondere Bedeutung hat das
J.n-Pergament, aus der Haut eines
neugeborenen und ungetauft verstorbenen
Kindes bereitet 135 ), findet Verwendung
in Schutzamuletten aller Art 136 ), dient
zum „Festmachen“ 137 ), zum Bannen des
Feuers (mit Fledermausherz), und ein Stück
von einem Hemd, darin eine J. ihre Rei¬
nigung gehabt hat 138 ), zum Schutz für
Schwangere 139 ), zur Heilung von Ge¬
schwüren 14 °) und zum Schatzgraben 141 )
und Liebeszauber 142 ), ähnlich wie das
entsprechende J.enwachs, das auch
gegen Viehschaden 143 ) und Zahnweh der
Kinder 144 ) hilft und dem Jäger sicheren
Schuß gibt 145 ).
11B ) John Erzgebirge 191. ll7 ) ZfVk. 24, 222.
1X8 ) Fehrle Volksfeste 46 f.; Kapff Fest¬
gebräuche 13; Sartori 3, 134. u») John
Erzgebirge 189; Sartori 3, 119. 120) Boeder
I Ehsten 76; Strackerjan 2, 91; Rosegger
Steiermark 232 ff. 121 ) Sommer Sagen 153;
Tetzner Slaven 334; Sartori 2, 98. 122 ) ZfVk.
5, 101. 123 ) Höfler Ostern 6. 60. 124 ) Drechsler
1, 7 - 12S ) Sartori 3, 134. 126) Höhn Volks¬
heilkunde 1, 93; Hovorka-Kronfeld 2, 41.
127 ) Andree Braunschweig 424. 128 ) ZfVk. 7,
290. 129 ) ZfVk. 12, 201. 130 ) Zachariä Kl.
Schriften 231 ff. 356 ff. 131 ) Jahn Opfer¬
gebräuche 200. 132 ) Birlinger Volkst . 2, 221;
Waibel u. Flamm 1, 56 f. J33 ) Heyl Tirol 458;
Gander Niederlausitz 115. l34 ) Höfler Wald¬
kult 127. 135 ) Meyer Aberglaube 263. 136 ) Agrip-
pa von Nettesheim 3, 69; ZfVk. 23 (1913), 7. 9.
13? ) Sta.rici\i§ Heldenschatz 95; ZfVk. 23, 126 f.;
Schweizld. 4, 661. 13Ä ) Leoprechting Lech¬
rain 22. 13 ») ZfVk. 1, 178. 14 <>) Hovorka-
Kronield 2, 394; ZfVk. 7, 412; Lammert 207.
141 ) ZföVk. 6, 114 f.; Lütolf Sagen 234. 142 )
Birlinger Schwaben 1, 462; Grimm Myth.
3, 462. 143 ) ZfVk. 22, 184. 144 ) Rochholz
Kinderlied 337. 145 ) John Westböhmen 328.
7. In der Sage erscheint die J. teilweise
überirdisch als Nachklang alter Ma¬
tronen- oder Göttinnenverehrung
oder vergessener Heiligenlegenden,
teilweise als die vom wilden Mann oder
Frauenjäger 146 ) verfolgte und wunder¬
bar gerettete Unschuld. Bezeichnungen
wie J.nteich 147 ), J.nbrunnen 148 ), J.en-
stuhl 149 ), J.nhöhle I5 °), J.enstein 1S1 ) er¬
zählen viele Sagen.
Heidnische Gottesgedanken im Bilde
überirdischer Weiblichkeit leben noch
fort in den durch Feenmärchen (s. Fee)
beeinflußten Vorstellungen von den oft
j.liehen weißen Frauen 152 ). Für den
Wandel unserer Sitte und Wertung der
Jk. ist kennzeichnend, daß aus ehemaligen
göttlichen Müttern (vgl. Nerthus-Frea-
Frigg) j.liehe Nothelferinnen 153 ), hel¬
fende, heilende, warnende, schenkende
und Schicksal fügende oder auch nur
schöne, tanzende J.en werden 154 ). (Selbst
die mütterlichste, die Sonne, wird zur
J.) 155 ). Bemerkenswert ist das Vor¬
kommen dreier J.en, so in altertüm¬
licher Entzauberungs- und Heilzauber¬
formel 156 ). Von den „Einbet, Warbet
und Wilbet“ 157 ) und den drei j.liehen
Schwestern christlicher Legende (Fides,
Spes, Charitas) 158 ) geht ein Weg zu den
historischen drei schönen Schwestern des
853
J unggeselle—J ünglingsweihe
854
Königs Dagobert 1., die ihre Unschuld
vor dem Hemmungslosen durch kühnen
Sprung über den Fluß gewahrt haben
sollen 159 ), und von da zu den die mittel¬
alterliche Phantasie so überaus beschäf¬
tigenden Frauenjagden in Sage und
Legende: Die durch den Lüsternen (meist
Jäger, auch Mönch) bedrohte Un¬
schuld rettet sich durch kühnen Sprung,
der dem sündigen Verfolger mißlingt oder
unmöglich ist 16 °). Namen wie „J.n-
sprung“ und ähnl. bewahren diese
Sagen 161 ).
Eine Mecklenburger Sage erzählt, wie
eine J., ihre Unschuld dem Verlobten zu
beteuern, ihren Fuß so fest auf einen Fels
setzt, daß die Fußspur noch heute zu
sehen ist 162 ). Thüringer und Tiroler
Sagen wissen von der J., die, um ihre Jk.
zu bewahren, erfolgreich um Häßlich¬
keit betete, sich einen Bart anwünschte 163 ).
Endlich ist die verzauberte, von Un¬
holden geraubte, auch selbst Schätze
hütende 164 ) und von (keuschem) Jüng¬
ling erlöste J. ein beliebtes Motiv un¬
serer Volkssage 165 ), als Nachklang jener
reineren Zeit, wo die allgemeine mittel¬
alterliche Lüsternheit noch Trollen, Riesen,
Neidingen und Berserkern Vorbehalten
war. — Auch böser Spuk und Dämonie
hat sich vereinzelt, so „galant“ 166 ) der
Aberglaube gegenüber den J.en ist, an
j.liehe Wesen der Volkssage geknüpft 167 ),
und der Teufel hat nach mittelalterlichen
Erzählungen in Gestalt einer schönen und
frommen J. die Keuschheit manches
Klerikers bedroht 168 ).
148 ) Mannhardt 1, 127. 147 ) Meiche Sagen
388. 148 ) Vernaleken Mythen 19; Panzer
Beitrag i, 105; Baader Volkssagen 10. l4# )
Baadtr Volkss. 377. 15 °) Meier Schwaben 1,
300; Niderberger Unterwalden i, 79 f.
l51 ) Boeder Ehsten 13 u. a. l52 ) Vgl. u. a.
Wrede Rhein. Volksk. 10. 140; Kühnau
Brot 23; Heckscher Hannover 1 (1930), 19.
153 ) Fehrle Keuschheit 168. 154 ) Schambach
u. Müller Nr. 99 f.; Wolf Beiträge 2, 87 f.;
Kühnau Sagen 1, 347; Strackerjan 2, 298;
ZfVk. 1, 216; Haupt Lausitz i, 149. 15S ) Kuhn
Herabkunft des Feuers 93. 156 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 394, vgl. a. 2, 374; Krauß Rel.
Brauch 49. 157 ) Panzer Beitrag 1, 1 ff. 168 )
Wrede Rhein. Volksk. 318 Anm. 87. “•) Pan¬
zer Beitrag 1, 348. 160 ) Müller Siebenbürgen 17;
Schulenburg 4; Meier Schwaben 1, 288 f.
1#1 ) Vgl. noch Panzer Beitr. i, 197 f.; Witz-
schel Thüringen 1, 169; Grimm Sagen 226 ff.
118; Laistner Nebelsagen 276 f.; Meiche
Sagen 915; Baader Volkssagen 83; Sebil-
lot Folk-Lore 1, 371. 321 f. 162 ) Bartsch
Mecklenburg i, 432 f. l83 ) Witz sc hei Thü¬
ringen 1, 203; Heyl Tirol 132 Nr. 23. l64 ) Gan¬
der Niederlausitz 166. l65 ) Reiser Allgäu 1,
104; Wolf Beiträge 2, 10; Meyer Rel. Gesch.
220; Niderberger Unterwalden 1, 79 ff.;
Rochholz Kinderlied 299; Schambach u.
Müller 102 f.; Gander Niederlausitz 76
(Nr. 197). 166 ) Strackerjan 2, 188. 187 )
Pfister Hessen 3; Birlinger Schwaben 1, 119;
Ders. Volkst. 1, 69 ff. lM ) Klapper Erzäh¬
lungen 403, 21 ff. Kummer.
Junggeselle, Jüngling s. ledig.
Jünglings weihe. Der Übergang von
der Kindheit zum Jünglingsalter wird
bei vielen Völkern durch die Vornahme
bestimmter, herkömmlich geregelterHand-
lungen gekennzeichnet. Die physische
Pubertät ist dafür gewöhnlich nicht
maßgebend, es handelt sich vielmehr
darum, den Knaben an einem durch die
Sitte gegebenen Zeitpunkte von seiner
bisherigen Lebensgemeinschaft in Haus
und Familie abzusondern und einer
neuen anzugliedern, die nicht nur durch
gleiches Alter, sondern auch durch die
künftige Tätigkeit (als Krieger, Jäger,
Ehemann usw.) bestimmt wird. Viel¬
leicht hat ursprünglich auch die Absicht
Anteil, Wachstum und Erstarkung der
Knaben zu fördern. Oft wird die J.
als Neugeburt, Wiedergeburt aufgefaßt,
und die Knaben werden zu „Geistern“
gemacht durch Bemalung, Maskierung,
Erzeugung von Geisterstimmen. Durch
die Aufnahme in die Geheimbünde wird
auch die Fähigkeit erworben, an den
religiösen Verrichtungen der Männer
teilzunehmen x ). Der Jüngling muß,
ehe er die Vorrechte des vollen Mannes
erlangt, oft schwere und blutige Proben
seines Mutes geben und wird argen
Quälereien ausgesetzt 2 ). Für das ger¬
manische Altertum hat L. Weiser bei
Chatten, Hariem, Langobarden, He¬
rulern, Taifalem eine rituelle Aufnahme
in kultische Verbände nachgewiesen, na¬
mentlich aber bei den altnordischen
Berserkern und Wikingern 3 ). Auch
hier wird der Gedanke eines Geister¬
oder Totenheeres, in das die Jünglinge
855
j ungmachen—J üngster
856
zeitweilig eintreten, mehr oder weniger
deutlich durchgeführt. H. Schurtz
möchte in den Vermummungen des
Pfingstlümmels und ähnlicher Gestalten
ursprüngliche Schreckbilder bei Weihe¬
festen der Jugend im Frühling sehen.
Auch die gelegentlich dargestellte schein¬
bare Tötung bezieht er darauf und meint,
sie sei vielleicht erst später auf das Aus¬
treiben des Winters bezogen 4 ). Jetzt
ist die Aufnahme des „Buben“ in den
Kreis der „Burschen“ gewöhnlich an
die Zahlung eines „Einstandes“ (in Ge¬
stalt von Getränken) geknüpft 5 ). Über
sonstige Einzelbräuche s. Hänseln.
*) Vgl. van Gennep Rites de passage 93 ff. ;
Schurtz Altersklassen 95 ff.; Ders. Urgeschichte
H9ff. 193; Thurnwald inEberts Reallex.
6, 172 ff.; Nilsson Religion 97 ff.; M. Zeller
D. Knabenweihen, Bern 1923 (geht auf euro¬
päische Bräuche nicht ein). 2 ) Schurtz
Altersklassen 97 ff.; Smith Relig. d. Semiten
251 ff.; ZfVk. 26, 283 f. (Arandas). 3 ) Weiser
Altgermanische Jünglingsweihen u. Männerbünde
(1927) 33 ff. 43 ff. 4 ) Schurtz 115 f. 119.
Vgl. Gesemann Regenzauber 69 f. 74 f. 5 )
Becker Frauenrechtliches 60 f. Sartori.
jungmachen s. Verjüngung.
Jüngster (Jüngstenrecht). Wie der
älteste Sohn oder die älteste Tochter des
Hauses vor den jüngeren Geschwistern
ausgezeichnet sind (s. älteste^), so hat
auch das jüngste Kind des Hauses
etwas Geheimnisvolles in seinem Wesen
und vor den anderen Kindern einen ge¬
wissen Vorzug. Beim Sch 1 afengehen soll
man des Abends nichts auf dem Tische
lassen, sonst kann das älteste oder das
jüngste Kind im Hause nicht schlafen 1 ).
Bricht des Nachts ein Gewitter los, so
soll man das jüngste Kind nicht auf¬
wecken; solange es schläft, schlägt der
Blitz nicht ein 2 ). Die drei ersten Hagel¬
körner werden dem jüngsten Kinde in
die Hand gegeben 3 ). In der Umgegend
von Marseille spricht das jüngste Kind
in der Neujahrsnacht bestimmte Zauber¬
formeln 4 ). Anderwärts bringt es den
Fruchtbäumen in der Neujahrsnacht ein
Geldopfer 5 ). Oder es beendet die Ernte,
indem es die letzten Ähren in den drei
höchsten Namen abschneidet, während
die Arbeiter, ein Vaterunser betend, dabei¬
stehen 6 ). In diesen Bräuchen mischen
sich heidnische und christliche Vor¬
stellungen. Der Brauch wird von Kindern
I im zarten Alter geübt, man mißt ihnen
eine besondere Wirkung bei. So z. B.
wenn ein Knabe unter 7 Jahren heil¬
kräftige Kräuter brechen muß, oder ein
unschuldiges Kind an einem Gewebe
mit wirkt.
Der Jüngstgeborene gilt leicht für den
klügsten unter den Söhnen eines Hauses;
im Märchen siegt er über seine Um¬
gebung durch List 7 ) oder durch seine
sorglose Kraft, wie im Märchen von Einem,
der auszog, das Fürchten zu lernen 8 ).
Ist das jüngste Kind ein Mädchen, so
weiß es durch seine Klugheit die Brüder
zu retten 9 ). Das Märchen schildert, wie
sich dem jüngsten Kinde die Liebe der
Eltern in besonderem Maße zuwendet,
man kann die Neigung bis zum heutigen
Tage beobachten, und sie findet sich
besonders dann stark bestimmend, wenn
das jüngste Kind ein Spätling der Ehe
ist, also von den älteren Geschwistern
durch eine Reihe von Jahren geschieden.
Es ist manchmal, als wenn Eltern das
bei den älteren Kindern Versäumte und
Versehene im jüngsten Kinde nachholen
und diesem ihre reife Lebenserfahrung
wollten zugute kommen lassen. Vom
Volke wird diese Sorge, wenn sie sich in
bestimmten Grenzen hält und nur per¬
sönliche Vererbung, als etwa die einer
Alraunwurzel, betrifft, als recht aner¬
kannt 10 ). Wenn es aber darüber hinaus¬
geht, und dem jüngsten Kinde das ganze
Hofgut zufallen sollte, da doch dem
• «r
Altesten nach Recht und Herkommen
das Bauerngut zusteht, so kann gegen
eine solche Änderung ein ganzes Dorf
und nicht bloß die gesamte Verwandtschaft
auftreten. Denn der Besitz einer Familie
steht über dem Willen des Einzelnen,
und zwar um so mehr, je größer das Hof¬
gut oder Bauernwerk ist u ). Gesetz und
Herkommen bestimmen das Verhältnis
der Landbevölkerung, es bleibt das ge¬
wohnte Recht vor allem in der Frage der
Erblassung. Es kann den Geschwistern
ein Mehr oder Weniger von dem Haupt¬
erben aus der Verlassenschaft zugebilligt
*57
Jüngster
858
werden, aber die Masse des Gutes bleibt
unzerteilt und in einer Hand.
Nun gibt es in einigen Gegenden
Deutschlands und des Auslandes ein sog.
Jüngstenrecht, wonach der Hof auf
den Jüngsten übergeht, und dieser die
anderen Kinder auszuzahlen hat 12 ).
Grimm ist der Ansicht, daß sich dieses
Jüngstenrecht selten finde 13 ). Wo
dieses Recht aus alten Zeiten stammt 14 ),
da bleibt es, und wird niemand im Lande
etwas gegen die Sitte einwenden 15 ).
E. H. Meyer behauptet, daß das Jüngst¬
geburtsrecht in Deutschland viel weiter
verbreitet sei, als Grimm in seinen Rechts¬
altertümern annimmt. Er will für Baden
zwei Hauptordnungen der Wirtschaft
feststellen 16 ).
Die tatsächlich geltende Erbfolge ist
in ihrem Verhältnis zueinander nicht
leicht zu bestimmen. Jedenfalls aber
ist aus dem Charakter des Volkes zu ent¬
nehmen, daß, wo die eine Erbfolge gilt,
die entgegengesetzte nicht aufkommen
kann. Hier und da werden die in den
letzten zwanzig Jahren erworbenen Güter
den Jüngsten zugeeignet 17 ). Nicht selten
freilich machen betagte Eltern den Ver¬
such, dem jüngsten Kinde oder auch
einem jüngeren das Gut zuzuwenden,
weil sie dadurch länger im Besitz bleiben
und den „Säbel nicht abzuschnallen
brauchen“ 18 ). Die Alten wenden dabei
den Spruch an, daß sich niemand eher
ausziehen werde, als bis er sich zu Bett
legen wolle. Aber der Versuch, das
jüngste Kind vorzuziehen, schlägt fast
regelmäßig fehl.
Um das Jüngstenrecht historisch zu
verstehen, ist auf das Mutterrecht
verwiesen. Man bemüht sich, da es doch
seltsam ist, daß dem jüngsten Kinde
ein unbedingter Vorzug vor dem ältesten
im Jüngstenrecht gegeben ist, diesen
Vorzug aus dem Mutterrechte 19 ) zu folgern
und nachzuweisen, wonach die Mutter,
solange die Gemeinschaftsehe bestand,
das Besitztum auf das unter ihren Kin¬
dern, das ihr das geeignete zu sein schien,
vererben konnte und es gewöhnlich auf
das jüngste zu vererben pflegte, weil
dieses die beste Gewähr bot, den Unter¬
gang des nach dem chthonischen Prinzip
dem Tode verfallenen Geschlechtes hin-
auszuzögem 20 ). Die Spuren dieses
Rechtes und Vorzuges des Jüngstgebo¬
renen will man in der Mythologie und
Geschichte der antiken Völker erkennen.
Bachofen müht sich, im poetisierenden
Stil und allegorischer Beweisführung
einen geheimnisvollen Vorzug des jüngsten
vor den älteren Kindern eines Hauses zu
erweisen 21 ). Auf anderem Wege sucht
Frazer das Jüngstenrecht, welches bereits
im Alten Testament als das Ursprüng¬
liche zu erkennen sei, zu begründen 22 ).
Wie dem auch sein mag, so ist für die
Gegenwart sicher, daß lediglich praktische
Rücksichten maßgebend sind, wenn an
Gesetz oder Sitte in der Erbfolge ge¬
rüttelt wird.
Die Vorstellungen von den wunder¬
samen Kräften des jeweilig Jüngsten
sind im Volke stark zurückgegangen.
Sie sind wohl noch wirksam, wo die
jüngste Person in der Ernte das letzte
Korn schneidet 23 ). Und es klingt an
die Fruchtbarkeitsriten an, wenn die
Übung von gewissen Bräuchen Jung-
vermählten zugeteilt wird 24 ). In an¬
deren Gegenden ist die Auswahl der
Jüngstverheirateten zur bloßen Form
herabgesunken, wenn sich nämlich junges
Volk zum Schmausen zusammenfindet 26 );
oder der ursprüngliche Gedanke ist kaum
noch zu erkennen 26 ), oder er ist zum
lustigen Scherz geworden: der jüngste
Knecht wird gehänselt 27 ) und ebenso
die jüngste Frau bei der Taufe 28 ). Das
Dorf bringt es dabei zu neuen Bräuchen.
So muß in Mittelhessen die junge Frau,
wenn sie ihr erstes Kind zum Impfen
bringt, den anderen Weibern einen süßen
Likör zum besten geben.
1 ) Grimm Myth. 3, 437 Nr. 91; 3, 472 Nr.
1004; Schönbach Berthold v. R. 151. 2 ) Sar¬
tori Sitte 2, 16; Rochholz Kinderlied 348.
3 ) Eberhardt Landwirtschaft 4, 4 ) Wolf
Beitr. i, 118. 5 ) Bartsch Mecklenburg 2, 232.
e ) Meyer Baden 431. 7 ) ZdVfV. 4 (1894), 288.
8 ) Grimm Märchen Nr. 4. 9 ) Ebd. Nr. 9. 25
u. Nr. 49. 10 ) Amersbach Grimmelshausen 2, 52.
ll ) L. F. Werner Aus einer vergess. Ecke 1,
(Langensalza 1925), 166 ff. 12 ) Liebrecht Z.
Volkskunde 431. 13 ) Grimm RA. 1, 654 ff. 14 )
Drechsler 1, 223; Hoff mann Ottenau 69.
859
jüngster Tag
860
16 ) SAVk. 21 (1917), 77 u. 25, 71. 1B ) Meyer
Baden 324 und 330. 17 ) ZdVfV. 11 (1901), 441.
1B ) SAVk. 23 (1921), 211; Reuschel Volksk.
2, 76. 19 ) Bachofen Mutterrecht 431. 20 ) Ebd.
429. 21 ) Ebd. 216 ff. 22 ) SAVk. 23 (1920), 211.
23 ) Frazer 12, 533 (8, 158 u. 161); Meyer
Baden 431. 24 ) SAVk. 11 (1907), 263 u. 249;
Wrede Rhein. Volkst. 253; Meyer Baden 214;
Schmitz Eifel 1, 20. 25 ) Sartori Sitte 3, 267
u. 108; Schmitz Eifel 1, 21. 26 ) Meyer Baden
214; Fontaine Luxemburg 29. 67; Schmitz
Eifel 1, 63; Brodmann Ettingen 67. 27 ) Mann«
hardt 1, 613. 28 ) Schmitz Eifel 1, 64.
Boette.
jüngster Tag.
1. Der 3. T. ist der letzte Tag x ) dieser
Welt, ein synonymer Ausdruck für „Weit¬
ende“ (s. Eschatologie), an dem das
Weltgericht (s. jüngstes Gericht) statt¬
findet.
Wo ein Weitende erwartet wird, kon¬
zentriert sich das Denken darauf, sein
Kommen zeitig genug zu erkennen. Die
Vorzeichen des j. T.es, die ,,messianischen
Wehen“, geben dem Wissenden Aufschluß
über den Termin. Bei fast allen eschato-
logisch denkenden Völkern werden die¬
selben Zeichen angegeben; die Frage,
wo dies oder jenes bestimmte Vorzeichen
herkommt, ist deshalb sehr schwer zu
beantworten, und unser Wissen um ihre
Geschichte steckt noch in den Anfängen.
Es sei z. B. nur erwähnt, daß Gunkel,
Jeremias u. a. sie von Babylon, Gardiner
von Ägypten, v. Gail aus dem Parsischen
her kommen lassen; sicher sind alle Völker
an ihrer Gestaltung beteiligt, und auch
aus „primitiven Kreisen“ lassen sich Ein¬
flüsse konstatieren. Das Einzelne ist
nach Olriks Vorgang 2 ) noch zu klären.
Eine besondere Bemerkung erfordert
die j. T.-Erwartung des deutschen MA.s.
Entsprechend augustinischer Lehre (de
civ. dei XX) ist der König, der die vera
pax befördert, rex justus; sein Gegenteil
rex iniquus, tyrannus, wird von der
superbia geleitet. Die Zeit des rex iniquus
ist eine unheilvolle; sie ähnelt der vorm
3. T. Hieraus ergibt sich, daß die Zeit
des rex iniquus und die des Antichrist
zusammenfallen kann (s. Antichrist IV 2),
und daß man immer wieder das Weit¬
ende nahe glaubt, denn unter jedem
tyrannus erfüllten sich die Vorzeichen.
Bemheim, dem wir diese Erkenntnis ver¬
danken 3 ), hat sie in einer Reihe Arbeiten
von seinen Schülern darstellen und weiter¬
führen lassen 4 ):
Ich nenne: Gerhard Bagemihl Otto II. und
seine Zeit im Lichte ma.lieber Geschichtsauf¬
fassung 1913 (64 ff. 87 ff.); Karl Grund
Die Anschauung des Rudolfus Glaber in seinen
Historien 1910; Franz J. Feind Die Persön¬
lichkeit Kaiser Heinrichs II. nach der augusti-
nisch-eschatologischen Geschichtsauffassung 1914;
Gust. Boelkow Die Anschauungen zeitge¬
nössischer Autoren über Heinrich III. im Zu¬
sammenhang mit den Theorien Augustins, der
Sibyllinischen Prophetien und der Apokalypse¬
kommentare 1913; Gottfried Werdermann
Heinrich IV., seine Anhänger und seine Gegner
1913 (18 ff. 42 ff.); Karl Gold Einheitliche
Anschauung u. Auffassung d. Chronik Ekke¬
hards von Aura 1916 (14. 15 f. 18. 20. 26 f. 97);
Karl Leßmann Die Persönlichkeit Kaiser
Lothars III. 1912 (37 ff. 45 ff. 50 ff.); Fritz
Radcke Die eschatolog. Anschauungen Bern¬
hards v. Clairvaux 1915; H. Karge Die Gesin¬
nung u. die Maßnahmen Alexander III. gegen
Friedrich I. Barbarossa auf Grund der august.-
eschatolog. Anschauungen 1914; Wilh. Puhl¬
mann Der Staufer König Conrad IV. 1914
(6 f. 11 ff. 25 f. 28 f. 31 ff.); C. Brückner Die
Auffassung d. Stau fers Manfred u. seiner Gegner
1914; Helmuth Hintz Ma.liche Geschichts¬
anschauung u. Eschatologie in einem Apocalypse-
kommentar aus dem 13. Jh. 1915.
Man wird das Material, das diese Ar¬
beiten Zusammentragen, kritisch sondern
müssen ß ), denn sicher ist nicht die Auf¬
zeichnung jedes Unglücks aus eschatolog.
Ideen heraus geschehen 6 ), hat oft keine
Hintergründe gehabt als eben den, Kuriosa
zu notieren.
*) DWb. IV, 2, 2374 f. 2 ) Ragnarök 1922; vgl.
dazu R. Reitzenstein Die nordischen, persi¬
schen u. christl. Vorstellungen v. Weltuntergang,
Vorträge d. Bibi. Warburg 1923/24, 1490.;
ders. Altgriech. Theologie u. ihre Quellen : ebd.
1924/25, 1 f. 3 ) Bern heim in Deutsche Ztschr. f.
Geschichtswissensch. 1896/97 N. F.; Z. f. Rechts-
gesch. 33 Kan. Abtlg. 2 (1912). 4 ) Sämtliche Ar¬
beiten als Greifswalder Dissertationen erschie¬
nen. Erwähnt mag werden, daß die Hintz’sche
von den joachit. Einflüssen Zeugnis gibt. Vgl.
auch Konr. Sturmhoefel Gerhöh von Reichens-
berg Abhdlg. z. Jb. d. Thomasschule Leipzig
1888. 1889. 5 ) Hampe in DLitZtg. 1914,
2537 f. ®) Das geht deutlich hervor aus dem,
was Gold 26 schreibt, aber nicht beachtet.
2. Wann kommt der j. T. ?
I. Berechnungen: Eine der geläufigsten
Berechnungen des Datums gründet sich
jüngster lag
862
86l
auf die Lehre von den 6000 Jahren der
Welt; vgl. darüber Weltzeitalter. Auf
ihr beruht die Annahme, daß im Jahre
1000 das Ende komme 7 ), was damals
manches Erschrecken auslöste 8 ). Als
1000 vorüberging, ohne daß etwas ge¬
schah, rechnete Rodulfus Glaber 1000
Jahre von Christi Tod ab, so daß er 1033
als kritischen Termin erhielt 9 ). Im
16./17. Jh. war diese Berechnungsart
sehr im Schwange 10 ). Auf einem falschen
Verstehen mag beruhen, wenn man um
Liegnitz das Ende im Jahr 6000 er¬
wartet u ); andernorts nennt man
2000 12 ), das 4. Jahrtausend 13 ). Astro¬
nomische Berechnungen 14 ) spielten im
späten MA. und in der Neuzeit eine
Rolle. Der Toledobrief (s. d.) nannte
1186 15 ), 1400 Joan. de Brugis 16 ), 1492
Felix Hemmerlin 17 ), nach 1500 das joachit.
Buch libellus de semine scripturarum 16 ),
1524 ängstete die astronom. Konstellation
auch Luther 18 ), 1530/40 nahm Fran-
ciscus Meletus im Quadrivium temporum
als Datum an 16 ), 1569 Joan. Parisiensis,
de Antichristo 16 ), 1588 oder 1589 be¬
stürzte viele Astronomen 18 ), an 1651 16 )
oder 1657 19 ) dachte Joh. Hilten; 1647
erwartete Columbus das Ende 16 ), 1719
zwei schwärmerische Betrüger in Frank¬
reich 20 ), zwischen 1700 und 1734 Nico¬
laus von Kues wie Leonhart Krentzheim
in Liegnitz 21 ), 1791 Gamaleon, Prophetia
de ultimis temporibus 18 ), 2002 Pico della
Mirandola 16 ), um 2000 auch Gottfried
Kohlreif 21a ) und um 3200 Brandler-
Prachts Sintflutberechnungen 21d ). Im
Vogt lande erwartete man den j.T. am
12. 6. 1740, weil Mars und Jupiter in
Konjunktion standen 21b ), in Schlesien
1572 nach einem neuen Wunderstem 21c ).
Oft läuft Astronomie 22 ) und religiöse
Schwärmerei (s. u.) zusammen. Auch
die Daten, welche das Kommen des
Antichrists angeben, wird man heran¬
ziehen dürfen (s. Antichrist VI). Be¬
stimmte Tage werden zuweilen ange¬
geben, so Ostern (Auferstehungsstunde =
Stunde der Wiederkehr) 22a ), ferner wenn
Annunciatio Dominica mit dem Rüst tag 23 )
oder Johannis und Fronleichnam 24 ) zu-
sammenfallen.
Schwarmgeister und religiös erregte
Gemüter haben immer wieder feste Daten
genannt 25 ). Ich verzeichne eine Auswahl,
die reichlich zu ergänzen ist. Gregor d.
Große wähnte den j. T. nahe 25 ); 848
prophezeite ihn in Mainz Thiota aus
Alemannien 26 ), 960 ein Eremit Bernhard
nach Trithemius 27 ), 1012 wurde er durch
einen Engel verheißen M ); 1100 nannte
Benzo von Alba 29 ), 1148 hielt sich in
Reims ein Ketzer für den, der das j. G.
bringe 30 ), und wenig später rechnete Otto
von Bamberg (Herbord 1 18) und Otto von
Freising, wie der französische Chronist
Rigord. 1260 nannte Joachim von
Fiore, 1320 errechnete der Schreiber des
1369 am Tage Viti oder Bartholomaei
oder St. Lucia oder Matthaei verheißt
ihn Conrad Schmid aus Thüringen 32 );
für das 15. Jh. liegen eine Reihe von An¬
gaben vor 33 ); 1522 errechnete ein Pre¬
diger aus ViDebVnt In qVem pVpVge-
rVnt = Apoc. Joh. 1. 7; 1613 aus
IVDIC 1 VM; 1666 aus dem Umstand,
daß alle römischen Zahlziffem zusammen¬
trafen CDILMVX 33a ). 1527 soll es vor
Pfingsten oder in der Holderblüte sein 34 ).
Luther erwartete nach der 6000 Jahr-
Rechnung 1540 das Ende 3ö ), ebenso
wußte Sebastian Franck 36 ) und wohl
auch Paracelsus 37 ) den Tag nahe; 1533
oder 1588 oder 1692 ist davon die Rede 37a );
die Schwenckfelder von Harpersdorf
sprachen 1589 vom Ende und Paracelsi
religiöse Schriften hatten sie infiziert 38 );
ein Kind weissagt ihn 1557 39 ), in welcher
Zeit ihn auch die Schlesier erwarteten 39 ®),
für 1606 verhieß ihn Noah Kalb aus
Ulm *°), und Paul Nagel für 1619 die neue
Sintflut 41 ); Andreas Argolus war für
1656 42 ), Martin Richter zu Bicheln
in Thüringen für 1688, nachdem er
Ludwig v. Frankreich als das apo¬
kalyptische Tier mit der Zahl 666
errechnet hatte 4Z ), wie andere für 1666,
weil damals die Zahlzeichen MDCLXVI
zusammentrafen 44 ). Auch die Zeit von
1714 wurde genannt 45 ), und zwei
Schwärmer verhießen den j. T. 1719,
zwei andre in Köln 1773 46 ). Daniel
Müller nannte das Jahr 1777 47 ), ein
86 3
jüngster Tag
865
jüngster Tag
866
bayrischer Schwärmer Kloß in Sachsen
1817/18 48 ); evangelische Schwärmer um
Liegnitz 1835 49 ). In Frankreich wurde
dem Dreikönigstag 1840 50 ) mit bangen
Gefühlen entgegengesehen, im Eulen¬
gebirge dem Jahr 1848 51a ), in England
dem Jahre 1867 51 ) wie 1843 dem Ende
des März (oder dem 27. April) nach des
amerikanischen Propheten Miller Berech¬
nungen anläßlich eines Kometen 50 ), und
1911 noch hat bei uns in Schlesien der
Komet Halley das j. Gericht herauf¬
bringen sollen; die alte Siebelten in
Kaiserswaldau hatte bestimmt damit ge¬
rechnet, so wie bei einem Meteor im
Isergebirge 1917 Messersdorf er vom Weit¬
ende sprachen. Ebenso sollte in West¬
falen ein Komet am 17./18. Dez. 1919
das Ende bringen 51b ). Auf Angaben
sektiererischer Schwärmer wie etwa der
ernsten Bibelforscher, soll dabei gar
nicht eingegangen sein 52 ).
Die Ansprüche der Schwärmer gingen
noch weiter. Der von 1148 wollte die
Lebendigen und Toten richten 30 ); 1414
wollte auch Conrad Schmid das Gericht
halten 53 ), wie der Begharde Kannler
1381 54 ); ja Conrad Schmid sprach gar
von sieben bis acht Richtern 65 ).
Unter den Propheten des j. T.es werden
große Namen, wie Enoch 56 ) oder Sibilla
Weiß 57 ) genannt. Aber man kannte auch
falsche Propheten 58 ), zu denen die Man-
däer s. Z. Christus rechneten 59 ). In den
Alpen weissagen Stromer ihn nahe 59a ),
und die Kalendermacher wissen ihn 59b ).
Die zitierten Greifswalder Dissertationen vgl.
I. 7 ) Hans v. Schubert Gesch. d. christl.
Kirche im Frühmittelalter 1921, 282; ZfdA. 22,
425 f.; Grund 10 f.; Radcke 6 N. 4; Raumer
Gesch. d. Hohenstaufen 6, 582. Über Otfrieds
Eschatologie: C. Burdach Vorspiel I 1 (1925),
124 f.; die altenglische: ebd. I i, 110 ff. 8 ) Wad¬
stein in Z. f. wiss. Theologie 38 (1895), 558;
Bouquet Recueil des hist, des Gaules et de la
France 10, 332 = Fleury Histoire ecclesiastique
12 (1722), 304; Othlo v. St. Emmeran bei Migne
PL. 122, Prooemium XV; Grund 10 ff. 14 ff.
®) Grund 11 f. 15; Wadstein 558 f. Vgl. Bou¬
quet Recueil 10, CXIV zu 10. 10 ) Köstlin in
Theolog. Stud. u. Krit. 1 (1878), 134 f.; Joseph
Bau tz Weltgericht u. Weitende 1886, 21 f.
u ) Peuckert Schlesien 70. Vgl. auch Wadstein
556; Balthasar Reber Felix Hemmerlin 1846,
456. ia ) ZfVk. 22, 156. 13 ) Schönwerth Ober-
pfalz 3, 332. 14 ) Einige nennt Henricus Winan-
dus Prognosticon auf/ das Jar . . . 1588. Magde-
burgk 1588. 15 ) Annales Marbacenses (rec.
Reincke-Bloch) MG. SS. in usum scholarum
1908, 56. 16 ) Wadstein 570 f. 17 ) Balth.
Reber Felix Hemmerlin 1846, 456 f. 18 ) Peuk-
kert Rosenkreutzer 1928, 8 ff.; Warburg in
Sitzb. Heidelb. 10. H. 26, 35. 19 ) Brauner
Curiositaeten 425. 2C ) Ebd. 428 h 21 ) Leonhart
Krentzheim Conjecturae oder Christliche Ver¬
mutungen deß Herrn Nicolai Cusani 1629 s. 1 .
21a ) Kohlreifii Chronologia sacra 1724 = Fort¬
gesetzte Sammlung v. alt. u. neuen theol.
Sachen 1725, 976. 21b ) Bauern Philosophie.
Vom Verfasser des Buchs v. Aberglauben. Pas-
sau 1 (1802), 200 f. 21c ) Schickfus Schles.
Chronica 225 = Breslauer Erzähler 1S08, 282 f.
21d ) Martin Karpinski Unsere Zukunft im
Lichte der Weissagungen 1921, 36 f. 22 ) Vgl. auch
die Prognostica: Janssen Gesch. d. deutschen
Volkes 6 (1888), 426 ff; Peuckert Rosen¬
kreutzer 8 ff. 22a ) Männling Curiositaeten
3 75 - 23 ) Wadstein 552 f. 24 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 332. 25 ) Wadstein 551 ff. 561 ff.
Vgl. auch die Angaben der Greifswalder Disser¬
tationen und unten 2. II. 26 ) Sigbert v. Gem-
bloux MG. SS. 6, 339 nach Annales Mettenses
u. Annales Fuldenses. 27 ) Chron. Hirsaug. ed.
S. Galli 1690. 1, 103 = Wadstein 551 f.
28 ) Chronicon des Hugo von Flavigny MG. SS.
8, 390. 29 ) Boelkow 86. 30 ) Raumer Gesch.
d. Hohenstaufen 6, 290 f. 31 ) Hintz 80. 86 f.
32 ) K. Ed. Förstemann Neue Mitteilungen aus
d. Gebiet histor. antiquarischer Forschungen
2 (1836), 16. 21 f. 33 ) Wadstein 568; Henricus
de Hassia bei Pez Thesaurus anecdotorum novis -
simum 1721 I. 2, 541; Bezold in Sitzb. Mün¬
chen 1884, 567. 573. 33a ) Männling Curio-
sitäten 374. 375 nach Camerarius und Praetorius.
34 ) ARw. io, 124. 3S ) Köstlin in Theol. Stud.
Kritiken 1 (1878), 134 f. Vgl. Grisar Luthers
Kampßilder 4 (1923), n8f. 121. 125. 36 ) Chro¬
nica, Zeytbuch vnd Geschychtbibel 1531. DXXiiij
A. 37 ) Deutsche Rundschau 1929 (Nov.), 123 ff.
37a ) Schudt Jüd. Merkwürdigkeiten 3 (1714}, 57;
Tentzel Monatl. Unterredungen 1693, T °8- io 9 -
M ) Peuckert Rosenkreutzer 1928, 243 ff.; Niko¬
laus Pol Jahrbücher d. Stadt Breslau 4 (1813),
93. 3l> ) Hans Fehr Massenkunst im 16. Jahr¬
hundert 1924, 13. 88; Janssen Gesch. d. deut¬
schen Volkes 6 (1868), 430 f. 3#a ) Gust. Bauch
Gesch. d. Breslauer Schulwesens Codex Dipl.
Sil. 26, 293. 40 ) Janssen 431t. 41 ) Gottfr. Arnold
Unparteyische Kirchen- und Ketzerhistorie 3
(1700), 54 § 9. 42 ) Abdiae Trewen Professoris
publici Auffrichtiges Bedencken Altorff 1653,
A2A. 43 ) Arnold 3, 148 § 24. Zur Berechnung
vgl. Puhlmann 26. u ) Meyer Aberglaube 141.
46 ) Unschuldige Nachrichten 1714, 876.
4 *) Bräuner Curiositäten 427 ff.; P. Bahl-
mann Rhein. Seher u. Propheten 1901, 33.
47 ) Z. f. histor. Theologie 4, 242 ff. 48 ) Ebd. 10
H. 4, 73. 104. 49 ) Kühnau Sagen 3, 483. 60 )
Bunzlauer Sonntagsblatt 1840, 32; 1843, 56.
480. 61 ) Carintia 55 (1865), 202. 51a ) Wilh.
Schremmer Schlesische Vk. 1928, 130. 51b )
ZfrwVk. 17, 52. 62 ) Vgl. Joseph Bautz Welt¬
gericht u. Weitende 1886, 15 ff. 22 f. 53 ) K. Ed.
Förstemann Neue Mitteilungen 2, 21; Die christ¬
lichen Geißler ge Seilschaften 1828, 168 ff. 64 ) Z. f.
Kirchengesch. 5, 491 f. 497. 66 ) Förstemann
Neue Mitteilungen 2, 31. 58 ) Francisci Hölli¬
scher Proteus 973. 57 ) Panzer Beitrag 2, 309.
68 ) Matth. 24, 24; Sib. 2, 165 t.; II. Baruch 48,
34; Josephus B. J. 6, 285; 20, 167 ff. 188; W.
Brandt Mandäische Schriften 1893, 85 =
Reitzenstein Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 19.
Auch Traumgesichte verwirren: Henoch 99,
8; Philo de execrationibus 2 ff. 53 ) Brandt
Mandäische Schriften 45; Reit zenstein in
Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 19. 59a ) Rosegger
Älpler 326. 59b ) Ebd. 141.
II. Pandemien. Mit Verkündigungen j
der eben geschilderten Art hängen eine j
Reihe religiöser Pandemien zusammen. '
Ich nenne die Wallfahrten 60 ) und Pilger- 1
züge 61 ) um 1033 nach Jerusalem, — ;
Züge von Menschen, die in der Nähe j
des Weltgerichtsortes sterben wollten; i
ich erinnere an die Kreuzzüge, vor allem 1
die gegen die injusti 62 ), an die Geißler, j
die 1260, nach Joachim von Fiores !
Weissagung, und im 14. Jh. erscheinen 63 ), i
sowie an die Tanzwut, die der Limburger j
Chronist für eine Vorbotschaft Ende¬
christes hielt 64 ). Um 1840 traten in
Schweden 8 — 12 jährige Mädchen als
Propheten des Weitendes auf 65 ).
80 ) Ekkehard von Aura Hierosolymita
ed. Hagenmeyer 1877, 45 f.; Wadstein 559 f.;
Grund 64. Vgl. auch II. Baruch 70, 10—71, 1.
81 ) Wadstein 558. 559 t. 42 ) Gold 20 f.
(Radcke 109 ff.); Puhlmann 19t * 3 ) Wad¬
stein 366; Förstemann Christi. Geißlergesell¬
schaf len 1828, 168 ff.; Limburger Chronik (ed.
Otto H. Brandt 1922) 106 nach Magdeburger
Schöppenchronik. ° 4 ) Brandts Limburger
Chronik 47 f. ® 5 ) Bunzlauer Sonntagsblatt 1842,
163.
III. Es darf für die Mehrzahl der im
folgenden behandelten Motive ein für
allemal auf die Sibyllen-Volksbücher und
meine Untersuchung derselben („Sibylle
Weiß“) verwiesen werden.
Elementarkatastrophen als Vorzeichen.
Elementarkatastrophen, früher selbst
eschatologische Vorgänge, werden zu Vor¬
zeichen des Endes. Das gilt besonders
von Erdbeben 66 ), die nach heutigem
Volksglauben sechs Wochen vorm
j. T. auftreten 67 ). Die Erde steht auf
drei Walfischen, regt sich einer, dann
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
gibt’s ein Erdbeben; regen sich alle drei,
geht die Welt unter (Steiermark) 68 ).
Sonnen- und Mondfinsternisse (s. d. und
Eschatologie) haben gleiche Bedeutung 69 );
oft ist es ein Tier, das das Gestirn an¬
greift; gelingt ihm die Tat, bricht das
Ende an 70 ). Sonne und Mond kämpfen
miteinander, und wenn eins das andere
besiegt, ist der Zeitpunkt des j. T.es
da 71 ). Dann scheint die Sonne bei Nacht,
der Mond am Tage 72 ). Andere Vorzeichen
besagen, daß die Sonne fleckig wird 73 ),
daß sie im Westen aufgehe 74 ), daß Sonne
und Mond an ihren Ort zurückgehen =
verschwinden 75 ). Der Himmel zer¬
reißt 76 ) durch einen Blitz = ein Feuer¬
strom erscheint am Himmel 77 ), die
Sterne kämpfen, geraten in Verwirrung 78 ),
verdunkeln 7Ö ), gehen an ihren Ort, so
daß der Himmel ohne Sterne sein wird 80 );
neue Sterne erscheinen 81 ), Kometen 82 ),
Sternschnuppen und Meteore 83 ), die
Sterne fallen vom Himmel 84 ); es zeigen
sich Wunderzeichen am Himmel, z. B.
kämpfende Menschen 85 ). Blutregen
fällt 86 ), es regnet Steine 87 ), Pfeile und
Schwerter 88 ), Kreaturen 89 ), Feuer ®°),
brennendes Pech 902 ). Stürme und Un¬
wetter 91 ), Gewitter 92 ), Staubwirbel vom
Himmel 93 ) erscheinen; die sieben Pierony
erzeugen ein Unwetter 93a ); die vier Winde
gehen an ihren Ort zurück 94 ). Die
Erde birst, und es bricht Feuer aus
ihr hervor 95 ); es gibt lange Winter
und kurze Sommer 96 ) oder lauter Win¬
ter 97 ), fimbulvetr 98 ). Feuersbrünste
verzehren die Städte "), die Vegetation
verbrennt 10 °), das unterirdische Feuer
steigt auf 101 ), unfruchtbare Zeiten und
Dürre 102 ) mit Hungersnot 103 ) brechen
herein. Die Berge stürzen ein 104 ),
das Land versinkt ins Meer 105 ), Afrika
oder England geht unter 106 ), die unter¬
irdischen Wasser brechen aus 107 ),
Seuchen und Pest kommen über Mensch
und Vieh 108 ), so daß weite Länder ent¬
völkert sind (s. Endschlacht) 109 ).
68 ) Grimm Myth. 3, 242. Tartarisch: Olrik
Ragnarök 364; lappisch: Olrik 401; parsisch:
Bahman Yast 3, 4 = v. Gail Baaüeta toj ticoü 130;
jüdisch-christlich: Joel 2, 10; Jes. 24, X 9 f*;
Ezechiel 38, 20; II. Baruch 32, 1; 70, 8 (IV.
Esra 6, 16); Ascensio Mos. 10, 4; Matth. 24, 7;
28
867
jüngster Tag
868
Apoc. Joh. 6, 12. 13. Anno 557: Wadstein 545;
ma.lich: Pseudo-Ephraem bei C. E. Caspari
Briefe, Abhandlungen u. Predigten 1890, 211 f.;
Tiburtin. Sibylle: Ernst Sackur Sibyllin.
Texte u. Forschungen 1898, 184; Gold 15 t.;
MG. SS. 6, 353. Germanisch-christlich: Gyl-
faginning 51 = Neckel-Niedner Jüngere
Edda 1925, 110 (vgl. E. H. Meyer Völuspa
1889, 185); P. Bahlmann Rheinische Seher u.
Propheten 1901, 33; Freisauff Sagen 327. ® 7 )
Kühnau Sagen 3, 483. 88 ) Germania 36, 389. Vgl.
die Untersuchung über das Erd beben-Ungeheuer
bei A. Olrik Ragnarök. Zum Erdbeben als
Vorzeichen ferner Bräun er Curiositäten 429
u. unten „15 Vorzeichen". ® 9 ) Lappisch: Ol¬
rik 401; Tartarisch: Olrik 364; altperuanisch:
Soederblom La vie future 202; amerikanisch:
W. Krickeberg Märchen d. Azteken u. Inka¬
peruaner 1928, 210; babylon.: Alfred Jere¬
mias Handbuch d. altorientalischen Geistes¬
kultur 1913» 216; ägyptisch: G. Roeder
Altägyptische Erzählungen u. Märchen 1927,
114.116 (vgl. jedoch v. Gail 43 ff. 49 ff.). In¬
disch: Olrik 388; parsisch: Bahman Yast 3, 4
= v. Gail 130; BY. 2, 42 = v. Gail 131; jü¬
disch-christlich: Joel 2, 10; 3, 4; Matth. 24,
29; Apoc. Joh. 6, 12; Test. Levi 4, 1. Und Ap.
Joh. folgend Legenda aurea (übers. R. Benz)
1, 7 f. Germanisch-christlich: Vaff>rudnismäl
46 = Genzmer Edda 2, 92; Voluspä: ebd.
57; Gylfaginning 51 = Neckel-Niedner
Jüngere Edda 110; Olrik 36 ff. Ma.lich: Gesta
episcoporum Leodicensium zum 22. 12. 968
(Otto I. in Calabrien) = Wad stein 546;
1033: Grund 10 ff. 68 ff.; Feind 32; 13. Jh.:
Puhlmann 25; 1414: Förstemann Heue
Mitteilungen 2, 22; Paris 1406: Sebiliot Folk-
Lore 1, 52; Posen 12. 8. 1654: Knoop Posen
336. Sonne gibt keinen Schatten mehr: Schön-
werth 3, 336. 70 ) Schönwerth Oberpfalz 2,
69 = Quitzmann 199t. Vgl. Olrik 36 ff. u.
Register. 71 ) Jahn Pommern 46; Panzer
Beitrag 2, 297. 72 ) IV. Esra 5, 4; Henoch 80,
4 f.; Sib. 3, 801 f. 73 ) Bahman Yast 2, 31 —
v. Gail 131. 74 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 330.
75 ) mandäisch, linke Genza: Reitzenstein in
Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 29 N. 2; altperuanisch:
Soederblom 202; Schönwerth Oberpfalz 3,
330. 78 ) Zittert: tartarisch: Olrik 364; Jes.
63, 19 - 77 ) Sib. 8, 243; Matth. 24, 27; Luc.;
17, 24. Vgl. v. Gail 423. 78 ) Sib. 5, 512 ff.;
Babylonisch: Jeremias Altoriental. Geistes¬
kultur 216; Henoch 8o, 6f.; Sib. 3, 801 f.; 2, 184!.;
IV. Esra 5, 5 79 ) Joel 2, 10; Puhlmann 25.
80 ) Mandäisch, linke Genza: Reitzenstein
in Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 29 N. 2. 81 ) Feind
15 I- 82 ) Sib. 3, 334; Gold 23 f.; Fehr Massen¬
kunst im 16. Jh. 1924, 88; Peuckert Schle¬
sien 70; Bunzlauer Sonntagsblatt 1843, 480.
Vgl. auch oben 2. I. Mit dem Kometen 1400
fängt die Endzeit an: Zwölf) Sybillen Weissa¬
gungen 1516; 13. Sybille nach der Salomonischen
Sybille; s. Peuckert Sibylle Weiß. 8S ) Math. 24,
30; Apoc. Joh. 6, 13; Sigbert von Gembloux
Chronographia MG. SS. 6, 333 ; Wadstein 551;
Legenda aurea (übers. Benz) 1, 8; Sdbillot
Folk-Lore 1, 51; Bautz Weltgericht u. Weit¬
ende 145; Grünberger Meteorfall: Bunzlauer
Sonntagsblatt 1841, 177. Dagegen Beda:
Fischer Angelsachsen 22. 84 ) Bahman Yast 2,
31. 42 f.; Matth. 24, 30; Apok. Joh. 6, 13; IV.
Esra 5, 4; Henoch 80, 4 ff. Allgemein verbreitet:
Olrik 339 ff.; lappisch: Olrik 401; indisch
Olrik 388; Vgluspä = Genzmer Edda 2, 57;
Gylfaginning 51 = Neckel-Niedner Jüngere
Edda 110; Böckel Volkslieder 99 Nr. 115; Mitt¬
ler Deutsche Volkslieder 1865, 371; W. Boette
Religiöse Volkskd. 1925, 162; Erk-Böhme 3,
165; Hruschka-Toischer 58 Nr. 84 b;
Sonne, Mond, Sterne fallen: P. Bahlmann
Rhein. Seher u. Propheten 1901, 33. Vgl.
Nachweise zu 79. 80. 85 ) Matth. 24, 30; Sib. 3,
334 - 796 ff.; Apoc. Abr. 30; Josephus B. J.
VI 2850.; Gold 23 f.; dazu Kampers im
Histor. Jb. 36, 248 und Strabo Migne PL.
114, 334. 8S ) Panzer Beitrag 2, 293; vgl.
W. Krickeberg Märchen der Azteken u. In¬
kaperuaner 1928, 210. 8 ') (ca. 1785) Neue lau-
sitzische Monatsschr. 1805, 217!.; Kühnau 3,
452; Gold 26; Grund 49 ff. 87. 89 ff. 8s ) Olrik
389. 89 ) Bahman Yast 2, 42 f. = v. Gail 131.
®°) II. Baruch 27, 10; Sib. 5, 378; Kühnau
Sagen 3, 487; Meyer Schleswig-Holstein 222.
90a ) Franz Kießling Frau Saga im nieder -
Österreich. Waldviertel 4 (1926), 84. 9l ) G.
Roeder Altägyptische Erzählungen u. Mär¬
chen 1927, 115; babylonisch: A. Jeremias
Altorientalische Geisteskultur 215. 216; Bahman
Yast 3,4 = v. Gail 130; indisch: Emil Abegg
D. Messiasglaube in Indien u. Iran 1928, 26;
Aich eie Zigeunermärchen 174; keltisch: Olrik
32; germanisch-christlich: Vpluspä en skamma
12 = Genzmer Edda 2, 46; Gylfaginning 51 =
Neckel-Niedner Jüngere Edda 110; Ps.
Ephraem bei Caspari Briefe 212; so noch zum
Dreikönigstag 1840: Bunzlauer Sonntagsblatt
1840, 32; Karl O. Wagner Pinzgausagen 1925,
65; Freisauff Sagen 316. 327. Gehört hierher
,»beugen sich die Bäumelein'' in den Volks¬
liedern Note 84? 92 ) Olrik 386; so erwarteten
manche in einem Wintergewitter 5. 1. 1524 =
Nik. Pol Jahrbücher d. Stadt Breslau 3 (1813),
34, und am 20. 12. 1740: Eugen Träger Bres-
lauisches Tagebuch . . . Steinbergers 1891, 36, den
j. T.; ähnlich auch Brieg 1535: Pol 3, 81 ff.;
Karl O. Wagner Pinzgausagen 1925, 71;
Freisauff Sagen 374; vgl. Kießling 4, 112.
93 ) Sib. 3, 800 f. 93a ) Karasek-Langer u.
Strzygowski Sagen d. Beskidendeutschen 1930,
32. 94 ) Mandäisch: linke Genza: Reitzen-
stein in Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, 29 N. 2.
96 ) Lappisch Olrik 401; IV. Esra 5, 8; Apoc.
Joh. 9, 2; Freisauff Sagen 327; (Joh. Bürgel)
Was ein Kirchdorf im Kreise Goldberg-Hayn au
anno 1813 erfuhr s. 1 . (1913), 14. w ) Indisch:
Abegg 26; Schönwerth Oberpfalz 3, 332.
a7 ) Ebd. 331. 332; Herrn. Lübbing Friesische
Sagen 1928, 105 = Mül len hoff Sagen 249;
Kießling Frau Saga 4, 84. Winter kein Winter:
Zaunert Westfalen 243. 98 ) Vaff>ruÖnismäl
869
jüngster Tag
870
44 = Genzmer Edda 2, 91 f.; Gylfaginning
51 = Neckel-Niedner Jüngere Edda 110;
Meyer Völuspa 1850.; Olrik 15 ff. 331 ff.;
Quitzmann 197; Soederblom La vie future
189 ff. 204 ff. ") Apoc. Abr. 30. 10 °) Tartarisch
Olrik 364; indisch Olrik 386; W. Kricke¬
berg Märchen der Azteken 210; Völuspa =
Genzmer Edda 2, 42; Muspilli 59. 101 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 329; Bautz Weltgericht u.
Weitende 147. 102 ) Lappisch: Olrik 434; türkisch
Olrik 389; indisch Abegg 26 f.; Olrik 386;
buddhistisch: Ab egg 179; altperuanisch:
Soederblom 202; ägyptisch: G. Roeder Alt-
ägypt. Erzählungen u. Märchen 115; baylonisch:
Jeremias Altoriental. Geisteskultur 214. 215;
jüdisch-christlich: Apoc. Abr. 30; II. Baruch
27, 6; 70, 8; Jubil. 23, 18; Henoch 80, 2 f.; 99,
5; 100,11; Sib. 3, 539 ff.; 2, 156; IV. Esra 6, 22.
Apoc. Joh. 11, 6; Bahman Yast 2, 42; 3, 4 =
v. Gail 131. 130. Von 10 Kornfeldern schwinden
7, und die andern 3 reifen nicht: ebd. 2, 31 =
v. Gail 131; Ps.-Ephraem bei Caspari Briefe
212; Rochholz Sagen 1, 72; Kühnau 3, 483.
103 ) Roeder Altägypt. Erzählungen u. Märchen
115. 116; Indisch: Olrik 386; Abegg 27;
mongolisch: Olrik 389; Jeremias Altoriental.
Geisteskultur 216; IV. Esra 6, 22; Matth.
24, 7; Philo de execrationibus 2 ff.; ma.lich:
Ps.-Ephraem bei Caspari 212; Puhlmann 39;
Grund 61 f.; Gold 23. 25; Radcke 14; Wad¬
stein 565; Meyer Völuspa 184?; Kießling
Frau Saga 4, 84; Mailly Fnaul 46; vgl. auch
Nachw. 102. 1U4 ) Bundahischn 30, 33; mandäisch,
linke Genza: Sitzber. Heidelb. 10. H. 12, 29
N. 2; Luc. 3, 5; Ascensio Mos. 10, 4; Sib. 8, 234;
Herrn. Lübbing Fries. Sagen 103 = Müllen-
hoff Sagen 249. 105 ) Apoc. Joh. 6, 14; Tiburtin.
Sibylle = Herrn. Sackur Sib. Texte u. For¬
schungen 184; Puhlmann 33? 39?; Vgluspä =
Genzmer Edda 2, 42. VQluspä en skamma 12 =
ebd. 46; Gylfaginning 51 = Neckel-Niedner
Jüngere Edda 110. Indisch: Olrik 386; keltisch
Olrik 32; isländisch: Olrik 29t.; dänisch
24 f. 394 f.; Herrn. Lübbing Friesische Sagen
105 = Müllenhoff Sagen 249; Schönwerth
Oberpfalz 3, 337. Vgl. allgemein Olrik 22 ff.
108 ) Brauner Curiositäten 429; P. Bahlmann
Rheinische Seher u. Propheten 1901, 33. 107 )
Vernaleken Mythen 154; Grohmann Sagen
62 f.; Kühnau Sagen 3, 377; Peuckert
Schlesien 268; Nachweis 261. 108 ) Babylonisch:
Jeremias Altoriental. Geisteskultur 214. 216;
indisch: Abegg 28; keltisch: Olrik 32; jüdisch-
christlich: Apoc. Abr. 29. 30; Philo de execratio¬
nibus 2 ff.; Sib. 2, 156; 3, 538. 633; ma.lich: Ps.-
Ephraem beiCaspari2i2; Gold23;Grund5o;
tiburtin. Sibylle bei Sackur Sib . Texte u. For¬
schungen 184; Fehr Massenkunst im 16. Jh.
1924, 88; Sitzber. Heidelb. 10. H. 26, 51 f.
Theol. Stud. Kritiken 1 (1878), 134. Vgl. Meyer
Völuspa 185. 184. 109 ) Indisch: Abegg 27.
IV. Altern der Schöpfung. Die
Erde tritt vor dem j. T.e ins Greisen-
alter 110 ); Jahre, Tage und Monate
nehmen um ein Drittel ab 111 ), der Erd¬
boden verdirbt und versagt 112 ), ebenso
altern die Dinge auf der Erde U3 ), die
Werkzeuge der Menschen 114 ); Kräfte und
Leistungen der Geschöpfe lassen nach 115 ),
nur geringwertige Tiere und Pflanzen
gedeihen 116 ), Jahrkälber werden ins Joch
gespannt i17 ), Störche, Schafe und Bienen
verschwinden 118 ); die Menschen werden
kleiner und schwächer geboren U9 ), sie
altern schneller, ihr Lebensalter nimmt
ab 120 ), sie werden alt geboren 121 ), so daß
Jahrkinder sprechen 122 ), die Geborenen
nach einem Tage laufen, Mädchen mit
5 Jahren gebären 123 ). Endlich gebären
Tiere und Menschen nicht mehr 124 ) (nach
indischem Glauben werden dann viel
Kinder geboren 11 ’ 5 )); das Gebären ist
mühevoller 126 ), die Frauen bringen Fehl¬
geburten, Monstra zur Welt 126 ), und
gerade Monstra waren im MA. ein sicheres
Zeichen nahen Unterganges 127 ); es werden
keine Knäblein mehr geboren (s. Anti¬
christ) 128 ).
no ) Über die Motive dieses u. der nächsten
Abschnitte s. jetzt Reitzenstein in: Vorträge
d. Bibi. Warburg 1924/5, 1 ff.; Ekkehard von
Aura Hierosolymita (ed. Heinr. Hagenmeyer
1877) 45; vgl. den dort angezogenen Guibert
von Nogent (um 1124) 46 N. 24; Oeuvres de Ri-
gord 1, 82 f. j= Sitzb. Mü. 1901, 183; Wadstein
562 f. 547; Schönbach Altdeutsche Predigten 2,
9 nach Gregorius (Migne PL. 76, 1080). Ul )
Bahman Yast 2, 53; 2, 31 = v. Gail 130 f. Vgl.
Henoch 80, 2; IV. Esra 5, 50 ff.; 14, 10. 15 f.;
v. Gail 288. 112 ) Jes. 24, 4; babylon.: Jeremias
Altoriental. Geisteskultur 214. 215; mongolisch:
Olrik 389; IV. Esra 6, 22; Hen. 80, 2; Philo
De execr. 2 ff.; dänisch: Olrik 393. u3 ) Mon¬
golisch: Olrik 389; indisch: Olrik 386; Abegg
27. 114 ) Tartarisch: Olrik 364. ilä ) Bahman
Yast 2, 42 f. = v. Gail 131. Indisch: Olrik
386. 387; Abegg 27. Mongolisch: Olrik 389.
Vgl. überhaupt Olrik 385 ff. 11B ) Indisch:
Olrik 386. 387; Abegg 27. 78; buddhistisch:
Abegg 150. u7 ) Indisch: Abegg 27. l18 ) Dä¬
nisch: Olrik 393. 119 ) Mongolisch: Olrik 389;
türkisch: Olrik 389; indisch: Olrik 386;
Abegg 27. 78; parsisch: Bahman Yast 2, 31 =
v. Gail 131; IV. Esra 5, 50 ff. Dänisch: Olrik
494; Alpenburg 36 ff. 12 °) Jubil. 23, 9 ff.
Indisch: Abegg 27 f. 78; buddhistisch: Abegg
149. 121 ) Mongolisch: Olrik 389; indisch: Olrik
388; Jubil. 23, 25; Sib. 2, 154 f. Auch die Tiere:
Olrik 367. 121 ) IV. Esra 6, 21. 122 ) Ebd.; mon¬
golisch: Olrik 389. 123 ) Mongolisch: Olrik 389;
indisch: Olrik 386. 388; Abegg 28. 124 ) Ägyp¬
tisch: vgl. den von v. Gail 58 angezogenen,
wenn auch nicht hierher bezogenen Text.
jüngster Tag
Babylonisch: Jeremias Altoriental. Geistes¬
kultur 214. 215. 216; Sib. 2, 163 1 2 Jahre vorher
nicht mehr: MschlesVk. 8, 46; 7 Jahre vorher
nicht mehr: Schönwerth Oberpfalz 3, 329 f.
126 ) Olrik 386; doch ist das ein Zeichen von
Unzucht der Frauen: Ab egg 33. 126 ) Indjsch:
Abegg 27; Bahman Yast 2, 42 f. — v. Gail
131; Henoch99,5; IV. Esra 5,8; 6,21. 12? ) IV. Esra
5, 8. Luthers Glaube daran: Sitzb. Heidelb.
10. H. 26, 51 f.; Klingner Luther 99. 128 ) SAVk.
14, 183; als Vorzeichen speziell des Antichrists
(s. d.): Kießling Frau Saga 4, in; Reiser
Allgäu 1, 419.
V. Vorm j. T. ist die Natur verkehrt 129 ).
Die Jahreszeiten verfließen ineinander
(s. III) 13 °), sind verkehrt 131 ), das Meer
von Sodom hat Fische 132 ), im Süßwasser
findet sich salziges 133 ); das Meer schlägt
ohne Wind Wellen (Seebär) 134 ), Steine
schwimmen auf dem Wasser 135 ), das
Wasser fließt bergauf 136 ), Quellen und
Flüsse stehen still 137 ), das Meer und die
Ströme vertrocknen 138 ); vielleicht ist
auch hieran die große Schwüle schuld,
die dem j. T. vorangeht 139 ) und die
Dürre bewirkt (s. III). Doch ist das
letzte halbe Jahr fruchtbar 140 ), ja es
wird überhaupt von großer Fruchtbar¬
keit der letzten Zeit gesprochen 141 ).
Andrerseits führen die Quellen Blut 142 ),
und Blut quillt aus Steinen und Bäu¬
men 143 ), der Schnee fällt blutrot 143a ).
Nahe ist das Ende, wenn der Wald von
Menschenhand gepflanzt werden muß 144 ),
die Wurzeln der Bäume sich gen Himmel
drehen 145 ), wenn die Hühner krähen 144 ),
die Uhren 13 schlagen 146 ), Wagen ohne
Pferde fahren (s. Automobil, Prophe¬
zeiung) 147 ), die Welt eisern wird (man will
darunter die Eisenbahnen verstehen; in
Wahrheit ist es wohl der alte Spruch,
daß dann der Himmel eisern, regenlos
wird) 148 ), die Menschen 4 Arme, 2 Paar
Schuhe an den Füßen und 2 Hüte tra¬
gen 149 ) (s. III), ein Kind mit einem gol¬
denen Zahn geboren wird 1493 ), wenn Steine
zusammen wachsen 150 ), wenn der Fuhr¬
mann im Gestirn Gr. Wagen auf das Pferd
springt 151 ), oder der Gr. Wagen — als
Kessel gedacht — überkocht 152 ).
129 ) Nach, indischer Lehre eine Folge des
sittlichen Niederganges der Menschen: Emil
Abegg Der Messiasglaube in Indien u. Iran
1928, ^25 f.; buddhistisch: ebd. 179; Lüders
Buddhist . Märchen 138; Hemavijaya Katharak-
nakara (übers. Joh. Hertel) 1, 17 ff. 80 ff.
13r) ) Keltisch: Olrik 32; dänisch: Olrik 493.
m ) Indisch: Abegg 26. 132 ) IV. Esra 5, 7.
133 ) IV. Esra 5, 9. 134 ) Tartaren: Olrik 364;
Angelsachsen: Olrik 367. 136 ) Olrik 46.
136 ) Lappisch: Olrik 401; nordisch: Olrik
146. l37 ) IV. Esra 6, 24. l38 ) Lappisch: Olrik
401; indisch: Olrik 386; bei den Kantäern
(Sekte mandäisch-manichäischer Art): Sitzb.
Heidelb. 10 H. 12, 29 N. 2; ebd.: Flüsse ufern
aus. 139 ) Babylon.: Jeremias AUoriental.
Geisteskultur 215; Vpluspä en skamma 12;
indisch: Olrik 386; Schönwerth Oberpfalz 3,
330. 14 °) Kühnau Sagen 3, 483. 141 ) Tiburtin.
Sibylle: Sackur Sib. Texte u. Forschungen 185;
Fehr Massenkunst im 16. Jh. 88; Müller
Siebenbürgen 4 f. 142 ) Tartaren: Olrik 364.
143 ) Joel 2, 30; Zach. 14, 5 ff.; IV. Esra 5, 5;
Sib. 3, 804. 143a ) Wilh. Schremmer Schles.
Vk. 1928, 130. 144 ) Schönwerth Oberpfalz
з, 332; ebd.: Wald abgetrieben; Riehl Land
и. Leute 1861, 48. 145 ) Kühnau Sagen 3, 483.
146 ) Thüringen ZfdA. 3, 367 = Grimm Myth.
3, 242. 147 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 331;
Mailly Friaul 48; Reiser Allgäu 1, 419.
So auch in der Schlachtenbaumprophetie,
z. B. Zentralbl. f. Okkultismus 7, 610; Riehl
Land u. Leute 1861, 48. Vgl. Abegg 114. 134 =
selbstbewegende Götterwagen. 148 ) Schön-
wert h3, 332. 143 ) Herrn. LübbingEVt^s. Sagen
104 = Müllenhoff Sagen 248. Vgl. Abegg 26.
14&a ) Kühnau Sagen 3, 415 f. 15 °) Unten 2 IX;
S6billot Folk-Lore 1, 324. 330. 161 ) Schu¬
lenburg Wend. Volksthum 167. Vgl. lappisch:
Olrik 400. 152 ) Sebillot Folk-Lore 1, 31.
VI. Das große Erschrecken. Die
Schöpfung wird von bangem Entsetzen
ergriffen, so daß die Steine schreien und
laut aneinander schlagen 153 ), das Meer
mit einer Stimme brüllt 154 ). Die wilden
Tiere 155 ) und Vögel 156 ) verlassen ihren
Ort. Der Rabe wird vor Schreck weiß,
die Taube schwarz 157 ). Heißt es ,,die
Waldvöglein singen“, so scheint das ver¬
derbt zu sein für „die Englein singen“ 158 );
oder macht der jähe Schreck sie laut ?
Ein starrer Schrecken liegt auf den
Menschen 159 ); sie verbergen sich in
Höhlen 160 ); Gerüchte erregen sie 161 );
die Bücher sind angesichts der Feste auf¬
getan 162 ); aus Angst gehen alle Ge¬
schöpfe zugrunde 163 ). Dämonen und
Gespenster wandeln umher 164 ).
153 ) IV. Esra 5, 5; Hab. 2, 11. 154 ) Olrik 401;
IV. Esra 5, 7. Vgl. Gunkels Bemerkung ebd.
Vgl. unten ,,15 Vorzeichen": die Meerwunder
brüllen. 155 ) Roeder Altägypt. Erzählungen u.
Märchen 115; IV. Esra 5, 8. lfi6 ) Ebd.; Ezech.
38, 20. Vgl. auch Olrik 437: Gänse fliegen
nordwärts. 157 ) Dänisch: Olrik 47. 158 ) VgL
¥
jüngster Tag
Note 84; ,.Engelein": Hruschka-Toischer
hat 58 Nr. 84 b: Wei ß vögelein; Boette
162. 15S> ) Luc. 21, 26; Henoch 99. 8; IV.
Esra 5, 1 ff.; II. Baruch 25, 3; 70, 2;
Legenda aurea (Benz) 1,8; Ps.-Ephraem bei
C. E. Caspari Briefe, Abhandlungen u. Pre¬
digten 1880, 212. 16 °) Luc. 23, 30; Matth. 24,
15 ff.; Apoc. Joh. 6. 15 t. (siehe Toledobrief);
Ps.-Ephraem bei Caspari 212 f. lßl ) II. Ba¬
ruch 48, 34; Philo de execrationibus 2 ff.;
Josephus B.J. 6. 285; 20, 167 ff. 188. 162 )
IV. Esra 6, 20; Gunkel: die Plagen bringenden
Zauberbücher; ebenso Volz Jüd. Eschatologie
178. 163 ) Mandäisch: Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, \
29 N. 2; Zaunert Westfalen 241. 164 ) Tartaren:
Olrik 364; keltisch: Olrik 32; IV. Esra 6, 26;
II. Baruch 27, 9; Matth. 27. 53; Muspells synir:
Lokasenna 42; Gylfaginning 51 = Neckel- 1
Niedner Jüngere Edda 110; Helgakvida
Hundingsbana II 40; Gust. Neckel Studien
z. d. germ. Dichtungen vom Wel tunt ergang in
Sitzb. Heidelb. 9; Gold 17; Grund 24. 26;
Schönwerth Oberpfalz 3, 330.
i
1
VII. Zerrüttung des menschlichen Le- ]
bens. Den Katastrophen und Umkeh- |
rungen der Natur geht eine Katastrophe j
und Umkehr des menschlichen Lebens i
parallel, ja diese bedingt nach indischem
Glauben jene 129 ). Aufruhr und Fried- j
losigkeit, ein Krieg aller gegen alle wird j
erfolgen 165 ), Fremdvölker fallen ein 166 ); j
vgl. Endschlacht. Das Land wird ver- '
wüstet 167 ); Städte veröden, als hätten ;
sie nie existiert 168 ). Dieser Krieg ist 1
nicht nur ein Krieg von Völkern gegen •
Völker, sondern auch ein Bürgerkrieg, j
Vorm Ende werden sich nämlich die
sozialen Verhältnisse verkehren, der Bauer
will ein Edelmann, und niemand mehr
vom König abhängig sein; hoch und ■
nieder, reich und arm sind vertauscht 169 ). j
Ungerechte Könige saugen das Land ,
aus 170 ). Üppigkeit und Hoffahrt werden
einreißen, was sich besonders in der
Kleidung äußert 171 ). Das Geld wird
wertlos sein; vorher aber kommen noch I
die großen Pfennige 172 ). Spiel und
Lustbarkeiten nehmen überhand 173 ).
Noch ärger als all dies ist der sittliche
Verfall 174 ); ein böses, sündhaftes Ge¬
schlecht wird sein 175 ); die Bosheit nimmt
zu 176 ), die Liebe erkaltet 177 ). Das Ver¬
brechen ist keine Schande mehr 178 ),
Gesetzlosigkeit, Ungerechtigkeit 179 ), Ge¬
walt 180 ) herrschen; Ehre wird zu Schan¬
de 181 ), Wahrheit und Glaube 182 ),Treue 183 )
sind geschwunden; jeder sucht seinen
Vorteil 184 ), ja man verläßt die Heimat 185 )
oder nimmt fremde Sitte an 186 ). Menschen
werden mit Tiemamen gerufen werden 187 );
die Armut wird verachtet 188 ); der Geiz
ist so groß, daß die Bauern keinen Rain
mehr dulden 189 ); Maß und Gewicht wird
gemindert 190 ), die Menschen werden
Diebe 191 ), Räuber 192 ), Verbrecher 193 )
sein. Hurerei und Unzucht herrschen 194 ),
die Familie zerfällt und Ehebruch ist
keine Sünde 195 ); es werden mehr unehe¬
liche als eheliche Kinder geboren 196 );
Greise schänden Mädchen 197 ), man treibt
Blutschande, Sodomiterei 198 ). Das Leben
verkehrt sich; die Frauen sind manns¬
toll 199 ), tragen Männerkleidung 200 ), Fa¬
milie und Sippe zerfallen; der Freund ist
wider den Freund, der Vater wider den
Sohn 201 ); Mütter töten oder verkaufen
ihre Säuglinge 202 ). Das letzte Geschlecht
wird ein abtrünniges sein 203 ); wegen der
Sünde muß es ja immer schlimmer
werden 204 ), — wenn manche auch sagen,
der Abfall geschehe um der großen Not
willen 205 ), — und allenthalben zeigt sich
Abfall 206 ), Verachtung des Glaubens und
Götzendienst 207 ); der Gottesdienst hört
auf 208 ), weil der Tempel geschändet
wird 209 ), das hl. Feuer verlischt 21 °).
Ein Streit um den Glauben hebt an 211 );
man hält die kirchlichen Gebote nicht
mehr 212 ),verachtet die Geistlichkeit 213 ); der
katholische Glaube wird ganz klein 214 ).
Zuletzt gibt s viererlei Glauben 215 ); die
Ketzerei nimmt überhand 216 ). Und dann
wird Rom untergehen 217 ), der Papst
drei Menschenalter nach dem Weltkrieg
beseitigt werden 217a ). Wie sich in alle¬
dem die Vermessenheit der Menschen
äußert, so auch darin, daß man Gottes
Erde mißt 218 ). Der Meinung vom
allgemeinen Abfall steht eine andere
entgegen, die sagt, daß der 3. T. komme,
wenn alle Menschen Christen 219 ), und
Türken 22 °) wie Juden 221 ) bekehrt worden
sind. Zuletzt aber wird die Mehrzahl der
Menschen sterben 222 ), wie nach jüdischem
Glauben ja auch nur ein Rest gerettet
werden wird. Die Seelen der um ihres
Glaubens willen Verfolgten werden vom
nächtlichen Gottesdienst ausgehen und
1
«75
jüngster Tag
876
das Ende predigen 222a ). Dann wird eine
Kirche entstehen, in der die Guten
Zuflucht finden werden 222b ).
165 ) Türkisch: Olrik 389; babylonisch:
Jeremias Altoriental . Geisteskullnr 215. 216;
ägyptisch: Roeder Altägypt. Erzählungen u.
Märchen 115; vgl. v. Gail 8, 58; buddhistisch:
Abegg 150; parsisch: Bahman Yast 2, 35 ff.;
3, 14 = v. Gail 129. 132; mandäisch: Brandt
Mandäische Schriften 85 = Sitzb. Heidelb. 10
H. 12, 19; jüdisch-christlich: Matth. 24, 6f.;
Hab. 1, 6; IV. Esra 5, 5; 9, 3; Henoch 99, 4;
100, 1 ff.; II. Baruch 48, 32; 27, 1 ff.; 70, 2 ff.;
Jubil. 23, 20. 23; Apoc. Abr. 30; Daniel 9, 26;
Sib. 3, 538. 633 ff. 660 f.; 5, 361; vgl. weiter
Volz Jüd. Eschatologie 1750.; v. Gail 289;
ma.lich: Wadstein 557. 546 f., wo die Zitate
N. 3: Kemble 2, 376. 161 und N. 4: 3, 248
lauten müssen (ebenso S. 557 N. 3 lies anstatt
Pertz VIII p. 212: MG. SS. 6, 212); Tiburtin.
Sibylle: SackuriS3. 184; vgl. die bei 1 genannten
Greifswalder Dissertationen; Ps.-Ephraem bei E.
Caspari Briefe 212; Zaunert Westfalen 241.244;
Bräuner Curiositäten 429; Müller Sieben¬
bürgen 4f.; ZfdMyth. 3, 34 t.; 13. Sibylle in
Zwölf Sybillen Weissagungen 1516; Gylfa-
ginning 51 — Neckel-Niedner Jüngere Edda
110; Meyer Völuspa 182. 184. 166 ) Chronicon
Vulturnense zu 880: Muratori Rerum Itali-
cartitn Scriptores I 2, 404; Türken 1010 vor
Jerusalem: Chronica Godelli: Bouquet Recueil
des histoires des Gaules et de la France 10, 262;
Ps.-Ephraem bei Caspari Briefe 213; vgl. Gog
und Magog. 167 ) Herrn. Lübbing Fries. Sagen
1928, 104; Müllenhoff Sagen 250; dänisch:
Olrik 47; mandäisch: Sitzb. Heidelb. 10 H. 12,
29 N. 2. 168 ) Ebd.; keltisch: Olrik 32; indisch:
01rik386; Abegg27; Ps.-Ephraem bei Caspari
Briefe 212; Peuckert Sibylle Weiß. 16S ) Mon¬
golisch: Olrik 389; keltisch: Olrik 32; in¬
disch: Olrik 386. 387; Abegg 30; ägyptisch:
Roeder Altägypt. Erzählungen u. Märchen 116;
v. Gail 57; parsisch: Bahman Yast 2, 38 =
v. Gail 130; jüdisch-christlich: II. Baruch 70,
3f.; Jubil. 23, 19; Dirr Kaukas. Märchen
1919, 197; Lübbing Fries. Sagen 104 f. =
Müllenhoff Sagen 248!.; dänisch: Olrik
397; Zaunert Westfalen 242. 17 °) Indisch:
Abegg 31. 79; buddhistisch: Abegg 179.
Vgl. Ps.-Ephraem bei Caspari Briefe 212.
171 ) Fehr Massenkunst 88; Radcke 71 f.;
13. Sib. in Zwölf) Sybillen Weissagungen
1516; Meyer Baden 521; Kärnten: ZfdMyth. 3,
34 f.; Zaunert Westfalen 243; Müller Sieben¬
bürgen 4 f.; Reiser Allgäu 1, 419; Schönwerth
Oberpfalz 3, 331. 332; dänisch: Olrik 393;
indisch: Ab egg 30. 78. 172 ) Lübbing Fries.
Sagen 104. 173 ) Zaunert Westfalen 242;
Peuckert Rosenkreutzer 247 ff. 174 ) Bahman
Yast 2, 30. 39 = v. Gail 130; Abegg 78;
Jes. 24, 5; Matth. 24, 10. 12; II. Baruch 27,
11 f., 70, 6; Philo de execrationibus 2 ff.;
Volz Jüd. Eschatologie 179; v. Gail 289;
Wadstein 548 f. 561. 572; Greifswalder Disser¬
tationen s. 1; Sackur 184. Er setzt 1460 ein:
Salomon. Sibylle; Peuckert Sibylle Weiß.
l76 ) Jubil. 23, 14; Sib. 5, 74; Radcke 13 f.;
Detmar Chronik, in O. H. Brandt Lim¬
burger Chronik 1922, 103. 176 ) Balth.
Reber Felix Hemmerlin 1846, 456; Wad¬
stein 561 ff. 564. 177 ) Wadstein 550!.;
Migne PL. 133, 641; Roeder Altägypt. Er¬
zählungen u. Märchen 116. 178 ) Müller Sie¬
benbürgen 4. 179 ) Roeder Altägypt. Erzählun¬
gen 114. 116; v. Gail 56!.; indisch: Olrik
386. 387; Abegg 31; parsisch: Bahman Yast
2, 39 = v. Gail 130; IV. Esra 5, 2. 10 f.; He¬
noch 91, 6; Tiburtin. Sibylle: Sackur Sib.
Texte 183 f.; 13. Sib. in Zwölff Sybillen Weis¬
sagungen 1516; Gold 16; Mailly Friaul 48.
lt0 ) Henoch 91, 6; II. Baruch 27, 11; Tiburtin.
Sibylle Sackur Sib. Texte 183. 184; 13. Sibylle
in Zwölff Sybillen Weissagungen 1516; Mailly
Friaul 48; Lübbing Fries. Sagen 105. 181 )
Ebd. 104; II. Baruch 48, 35; 13. Sibylle in
Zwölff Sybillen Weissagungen 1516. 182 ) IV.
Esra 5, 1; 6, 28; 17, 17; Tiburtin. Sibylle:
Sackur 184; indisch: Olrik 386; Abegg 31.
183 ) Indisch: Abegg 31; Sib. 4, 153?; 13.
Sib. in Zwölff Sybillen Weissagungen 1516;
Ps.-Ephraem bei Caspari 212; Zaunert
Westfalen 241. 242. 184 ) Indisch: Abegg 31 f.
78; Brandt Mandäische Schriften 85 = Sitzb.
Heidelb. 10 H. 12, 19. 185 ) Bahman Yast 2,
39 = v. Gail 130; Müllenhoff Sagen 250.
Vgl. Abegg 31. 18Ä ) Dänisch: Olrik 397.
187 ) Lübbing Fries. Sagen 105. 188 ) Tiburtin.
Sibylle: Sackur Sib. Texte 184; 13. Sib. in
Zwölff Syb. Weissagungen 1516; Schönwerth
Oberpfalz 3, 333; Indisch: Abegg31. 189 ) Schön -
werth 3, 332. Vgl. Tiburtin. Sibylle: Sackur
184; 13. Sib. in Zwölff Sybillen Weissagungen
1516; Radcke 15 ff. 71 ff.; Grund 32 b; In¬
disch: Ab egg 78. 19 °) 13. Sib. in Zwölff Syb.
Weissagungen 1516. 191 ) Indisch Olrik 386.
387; Abegg 31; Buddhistisch: Abegg 149*
192 ) Roeder Altägypt. Erzählungen 116; Thiet-
mar v. Merseburg VII 23; 13. Sib. in Zwölff
Sybillen Weissagungen 1516; Tiburtin. Si¬
bylle: Sackur 183., 184. 193 ) Ebd. 184; Ps.-
Ephraem bei Caspari 212. Buddhistisch
Abegg 149. 194 ) Indisch: Olrik 386; Abegg
31. 77; II. Bar. 27, 12; Jubil. 23, 14; Grund
49 - 61; 13. Sib. in Zwölff Sybillen Weissagun¬
gen 1516. 195 ) Tartaren: Olrik 364. Indisch:
Abegg 31. 77 f.; Schönwerth Oberpfalz 3,
331. 196 ) Ebd. 331. 197 ) Indisch: Olrik 387;
mongolisch Olrik 389; Tiburtin. Sibylle:
Sackur 183. 198 ) Tiburtin. Sibylle: Sackur
183; indisch: Olrik 386; Abegg 28. 32. 199 )
Indisch: Abegg 32 f. 2M ) Quitzmann 197.
So auch die Frauen: Abegg 33. 78 f.; Zau¬
nert Westfalen 243. 201 ) Bahman Yast 2,
30 = v. Gail 130; Marcus 13, 12; IV. Esra
5, 9; 6, 24; Henoch 100, 2; Jubil. 23, 19; Ti¬
burtin. Sibylle: Sackur 183; Ps.-Ephraem
bei Caspari Briefe 212; 13. Sib. in Zwölff
Sybillen Weissagungen 1516; Puhlmann 35;
Voluspd — Genzmer Edda 2, 40; vgl. dazu
877
jüngster Tag
878
Müllenhoff DA. 5, 21; Meyer Völuspa 183;
Gylfaginning 51 — Neckel-Niedner Jüngere
Edda 110\ Zaunert Westfalen 241. 242; indisch:
Olrik 387; Abegg 77; babylonisch: Jeremias
Altoriental. Gsisteskultur 214. 215. 216; Roeder
Altägypt. Erzählungen 116; Meyer Religgesch.
16 f. 202 ) Jeremias Altoriental. Geisteskultur
216; Henoch 99, 5; Philo de execrat. 3. 203 )
Iranisch: Abegg 221; Henoch 93, 9; 13. Sib.
in Zwölff Sybillen Weissagungen 1516; Zaunert
Westfalen 242. 204 ) Wadstein 548; Nachweiszu
129. 205 ) II. Baruch 28, 3. 206 ) Bahman Yast 2,
33 ff. 44 ff. = v. Gail 130; indisch. Olrik 386.
388; Abegg 28 f.; buddhistisch: Abegg 178 f.;
Jubil. 23, 21; v. Gail 289!.; Wadstein 549.
567; Zaunert Westfalen 241. 20? ) Indisch:
Olrik 386. 388; Abegg 29. 77; Henoch 80, 7;
99, 7 f.; Jubil. 23. 19; Sib. 4, 152; Volz Jüd.
Eschatologie 180; 13. Sib. in Zwölff Sybillen
Weissagungen 1516; Radcke 17: Ministri
Christi sunt et serviunt Antichristi. 208 ) Gold
17. Indisch: Abegg 29. 209 ) Volz Jüd. Escha¬
tologie 180; Tiburtin. Sibylle: Sackur 183;
keltisch: Olrik 32; indisch: Olrik 386. 2l °)
Olrik 396. 211 ) Müllenhoff Sagen 250. 212 )
Zaunert Westfalen 243. Indisch: Abegg 28 f.
78 f. Buddhistisch: Abegg 178. 213 ) Sc hon-
werth Oberpfalz 3, 330; Lübbing Fries. Sagen
104. Vgl. 13. Sib. in Zwölff Syb. Weissagungen
1516. Indisch: Abegg 79. Buddhistisch: Abegg
178. 214 ) C. Burdach Vorspiel I 1 (1925), 239h.;
Zaunert Westfalen 242. Vgl. Indisch: Olrik386.
387. 215 ) Müllenhoff Sagen 250. 216 ) Indisch:
Olrik 386; Abegg 29; Grund 14. 23. 28 ff.;
Feind 42. 51; Radcke 46 ff. 50 ff.; Puhl¬
mann 25. 21? ) Schönwerth Oberpfalz 3, 331;
beruht das auf tiburtin. Sibylle: Sackur
184: Roma in persecutione et gladio ex-
pugnabitur ? Vgl. die buddhistische Meinung
Abegg 180. 2lTa ) Martin Karpinski Unsere
Zukunft im Lichte d. Weissagungen 1921, 36 ff.
2ls ) Dänisch: Olrik 393. 21J ) Marcus 13, 10;
Ekkehard von Aura MG. SS. 6, 212; Tibur¬
tin. Sibylle Sackur 185; P. Bahlmann Rhein.
Seher u. Propheten 1901, 33; Mschles Vk. 8, 46;
Schönwerth 3, 330 f. 22i ’) Teoiosphorus 1516,
34; Bräuner Curiositäten 429. Konstantinopel
zerstört: ebd.; P. Bahlmann Rheinische Seher
u. Propheten 1901. 33; Peuckert Schlesien 72;
ders. Sibylle Weiß. 221 ) Radcke 56 f.; tiburtin.
Sibylle: Sackur 185. 222 ) Tartaren: Olrik 364;
Roeder Altägypt. Erzählungen 115; mandäisch:
Sitzb. Heidelb. 10 H. 12, 29 N. 2; Philo de
execr. 2 ff.; Henoch 100, 1 ff.; II. Baruch 48,
37; 70, 6 ff.; Sib. 3, 635 ff.; 5, 376 ff. 222a ) Kara-
sek-Langer u. Strzygowski Sagen d. Bes¬
kidendeutschen 1930, 208 Nr. 539 (vgl. Bolte-
Polivka 3, 472). 222b ) Ebd. Nr. 538.
VIII. Vorzeichen religiöser Tendenz.
Der j.T. bricht 40 (45) Tage nach der
Tötung des Antichrists an 223 ), wenn alle
30 Jahre alt sind 224 ), nach der discessio
des Imperium Romanum 225 ), wenn Jeru¬
salem neu gegründet wurde 225a ), nachdem
Kaiser Karl wiederkehrte 226 ); es herr¬
schen noch 11 Päpste bis dahin, und der
letzte wird wie der erste Papst Petrus
heißen 227 ).
223 ) Petrus Damiani Migne PL. 145, 839;
Jos. Bautz Weltgericht u. Weitende 1886, 139 ff.;
Peuckert Sibylle Weiß\ Vernaleken Alpen¬
sagen 69; ZfdPhil. 27, 151; 1290 Tage rechnet
Seb. Franck Chronica 1531 DXXiij R. 224 )
ZfdPhil. 27, 153. Parsisch: 30 Jahre vor An¬
fang des Milleniums Retter geboren: v. Gail
126. 225 ) Augustinus de civ. dei XX 19;
Knop 27; Puhlmann 7; Gold 12; Ps.-
Ephraem bei Caspari Briefe 214. 225a ) Martin
Karpinski Unsere Zukunft im Lichte d. Weis¬
sagungen 1921, 37. 226 ) Zaunert Rheinland 1,
81. Siehe dürrer Baum, Weltzeitalter, schlaf.
Kaiser. 227 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 330.
Gehört wohl zur joachit. Lehre vom „Engel¬
papst“.
IX. Vorzeichen mythologischen Inhalts,
Wunder. Der j. T. ist, wenn bestimmte
schlafende Steinbilder erwachen 228 ), Burg
Grimmenstein ins Tal hinabgerückt 229 ),
bestimmte Steine in die Erde gesunken
sein werden 230 ), sich aus der Erde he¬
ben 230a ), umdrehen a30b ), die Steinplatte
der Wallfahrtskirche Maria Schnee (Böh¬
men) so weit klafft, daß ein beladener
Wagen durchfährt 231 ), vom Kreuz bei
Caslau die Querbalken abfallen 232 ), die
Bildsäule des hl. Ernestus zerfällt 233 ),
die Fußspur in der Felber Kirche ver¬
schwindet 233a ), das Kruzifix in Braunau,
das alle Jahre sein Haupt ein wenig senkt,
dieses auf die Brust neigt 234 ); an der Bam-
berger Wage das Zünglein richtig steht 235 );
das Grab der Sibilla Weiß so weit von der
Mauer gewichen ist, daß ein Reiter herum¬
reiten kann 236 ), der Leichnam eines Wei߬
künstlers vom Kirchhof bis zur Brücke
fortgewachsen ist 237 ), aus dem ver¬
mauerten Brunnen in Braunau wieder
eine Quelle fließt 238 ), die Rippe der
Heiden jungtrau in der Kirche zu Oberburg
(Steiermark) vertropft ist 239 ), wenn die
nähende Jungfrau im Berg ihr Hemd
fertig hat 240 ), Tannhäusers Bart um den
Tisch gewachsen ist 241 ), der schlafende
Kaiser wiederkehrt 242 ), das schlafende
Heer zur Endschlacht erwacht 24S ) und
als Vorspiel der Zobten Feuer speit M ) 9
wenn der Schlachtenbaum (s. d.) aus¬
grünt 245 ), die Linde der Heidenjungfrau
jüngster Tag
zu Eisersdorf eingeht 246 ), das Nagel¬
schiff fertig ist 247 ), Ahasver (Jerusa-
lemit. Schuhmacher) nach Dänemark
kommt 248 ), noch einmal den oder jenen
Ort passiert 248a ), der Drache, der Kriem-
hild bewacht, zur Hölle gefahren ist 249 ),
Luzifer loskommt 250 ), die Urko (gefes¬
seltes Unterweltstier) alle Haare von der
vor ihr liegenden Haut gefressen hat,
und sie frißt jedes Jahr ein Haar 25i ), wie
die Hemdnäherinnen jedes Jahr einen
Stich tun 240 ), wenn endlich die Unter¬
weltstiere loskommen (Schlange 252 ),
Sau 253 ), Stier 254 ), Maulwurf 255 ), Maus,
Walfisch 255 ), Frosch 2553 )), der Wolf los¬
kommt 256a ), die kleinen Teufel Ahidjul
auf die Erde kommen 256b ).
228 ) Buddhistisch: Soederblom La vie fu-
ture 203. 204; Grohmann Sagen 60. 22a ) Mailly
Niederösterreich. Sagen 117 h; vgl. Sebillot
Folk-Lore 2, 96. 23 ') Böhmisch: Olnk 396;
Jungbauer Böhmerwald 115t. 253; Gioh-
mann Sagen 64. Dänisch:
Posen 396; Olrik 396.
367; Stein verschwindet:
23 ° a ) Freisauff Sagen 330.
1, 418. 231 ) Jungbauer Böhmerwald 158.
* 32 ) Grohmann Sagen 65. 233 ) Kahlo Denk¬
würdigkeiten d. Graf sch. Glatz 147; Peuckert
Schlesien 71. 233a ) Karl O. Wagner Pinzgau¬
sagen 1925,150. 234 ) Peuckert Schlesien 71; ders.
Rosenkreutzer 247; Kühnau Sagen 3, 521; vgl.
Wolf Deutsche Märchen u. Sagen 1843, 290;
Künzig Schwarzwaldsagen 221. 235 ) Frei¬
sauff Salzburg 161. 23fl ) Panzer Beitrag
Olrik 396; Knoop
Tartarisch: Olrik
Kühnau 2, 633.
230b ) Reise vAllgäu
2, 54 f- 309 -
237
) Alpenburg Tirol 312.
238 ) Kühnau 3, 521. Vgl. Sebillot Folk-Lore
2, 210.
239
) Grimm Sagen Nr. 140.
240
) Su-
bella: Kühnau Sagen 1, 535 Nr. 594. 595;
MschlesVk. III, 5, 61; Peuckert Schlesien 67;
Heuscheuerjungfrau: Kühnau Sagen 1, 556; 3,
665; Jungfrau in Ringelkoppe: Kühnau Sagen
1» 557 55 8 ; 3 , 521; Grohmann Sagen 57 f.;
imBarzdorfer Gebirge: Kühnau 1, 561 f.; Melu¬
sine in Luxemburg: Zaunert Rheinland 1, 302.
241) H
erzog Schwei zersägen 1, 123 Nr. 124.
Kaiser Karls Bart: Schöppner 1, 3; Frei¬
sauff Sagen 26. 242 ) Zaunert Rheinland 1,
81; Westfalen 82. 245; Sieber Harzlandsagen
1928, 89; Vernaleken Alpensagen 228; Frei¬
sauff Sagen 10. 26. 175. 243 ) Grohmann Sagen
64; Peuckert Schlesien 69; Kühnau Sagen 3,
517. 518. 521; Freisauff Sagen 175; Vernale¬
ken Alpensagen 62; Lübbing Fries. Sagen 105;
Soederblom 277. 244 ) Peuckert Schlesien 69
= Kühnau Sagen 3, 517. 246 ) Lübbing Fries.
Sagen 105; Freisauff Sagen 173. 175. * 49 )
Die Grafschaft Glatz 15 (1920), 58. 247 ) Olrik
72 ff. us ) Olrik 395; Reitzenstein in Vorträge
d. Bibi. Warburg 1923/24, 1490.; Freisauff
164; vgl. Olrik Ragnarök; Panzer Beitrag 2,
426 f. 248a ) Walliser Sagen 1, 245. 249 } Mo ne Un¬
tersuchungen z. Gesch. d. teutschen Heldensage
1836, 168. 25 °) Vernaleken Alpensagen 69;
Freisauff Sagen 164; Quitzmann 197.
251 ) Schwedisch: Olrik 362. 252 ) Vgluspä =
Genzmer Edda 2, 42. Dänisch: Olrik 394 f.;
isländ.: Olrik 361; irisch: ebd.; vgl. Grimm
Myth. 3, 242. 253 ) Dänisch: Olrik 27 f. lö4 ) Dä¬
nisch: Olrik 24 f. 255 ) Grohmann Sagen 60.
255a) Jungbauer Böhmerwald 102. 256 ) VQluspä
Genzmer Edda 2, 40. 41.
256a
) Leo Fro-
benius Atlantis 1 (Kabylen), 103.
X. Lokale Anzeichen (vgl. IX).
Der j. Tag wird kommen, wenn Rungholt
wieder auf taucht 257 ), die Kirche zu
Eidum zum 2. Male von der See und vom
Sande ingesettet worden ist 258 ), die
Straße übers Balglereck bei Klausen führt,
die große Glocke vom Turm zu Velthums
fällt, auf dem Hochaltar zu Villanders
1
den Rossen Heu vorgeschüttet wird (das
: erste und zweite ist schon geschehen) 259 ),
| der Ansidlfelsen bei Lienz in die Drau
i fällt 260 ), der Grulicher Schneeberg aus-
| bricht 261 ), der Fisch mit Charakteren im
! Stadtgraben von Liegnitz zum dritten Mal
I gefangen werden wird 261a ). Solche lokale
| Vorzeichen werden im Friesischen 262 )
und Dänischen 263 ) viel genannt.
257 ) Grässe Preußen 2, 1041. 258 ) Müllenhoff
Sagen 250. 259 ) Zingerle Sagen 1859, 408.
29{J ) Ebd. 261 ) Peuckert Schlesien 268, vgl.
Wilh. Schremmer Schles. Volkskd. 1929, 105
i Nr. 92; Reiser Allgäu 1, 418 f.; Nachw. 107.
2#ia) Peuckert Schlesien 70; zu Grunde liegt
wohl das ,,Gespräch eines Senators" 1539:
Dobeneck 2, 143, in Kaiserslautern bedeute der
Fang Kaiser Friedrichs Zukunft. Vgl. Becker
in NdZfV^4 (1926), 131. 262 ) Lübbing Fries.
Sagen 104 f. 263 ) Olrik 22 ff.
XI. Kalender. Der Sonntagsbuchstabe
hat das große Geheimnis in sich, aber
die genaue Berechnung kennt nur der
Kalendermacher 263a ).
263a ) Rosegger Älpler 141.
3. Legende von den 15 Vorzeichen.
Im MA. spielte die Legende von den
15 Vorzeichen des j. Gerichtes eine be¬
sondere Rolle; da sie nicht in den lebenden
Volksglauben eingegangen ist, sei sie nur
kurz erwähnt 264 ). Wir haben mehrere
Redaktionen, die nebeneinander gehen; die
verbreitetste war die der Legenda aurea.
Völlig abweichend von ihr ist die Aufzäh¬
lung eines Basler Elucidarius 268 ), die von
V
1
\ l
1
t
T-
I
88I jüngster Tag 882
Haupt 267 ) mitgeteilte, die des Misnaere 268 )
und die des Nicolaus Winckler 269 ). Sie
von den zehn Vorzeichen, die jüdische
Schriften nennen 269a ), abzuleiten, er¬
scheint nicht angängig.
Jacobus a Voragine nennt: 1. das
Meer erhebt sich 40 Fuß hoch über die
Berge 27 °); 2. es versiegt 271 ); 3. es kehrt |
in sein Bett zurück, die Meerwunder i
brüllen 138 ); 4. das Meer verbrennt 272 ); j
5. Bluttau der Bäume 143 ), die Vögel !
sammeln sich 155 ); 6. Bauten und Städte -
zerstört 273 ); 7. Steine zerreißen unter :
furchtbarem Getön 153 ); 8. Erdbeben 66 );
9. die Erde wird eben 274 ) und alle Berge
zu Pulver; 10. die Menschen kommen aus :
ihren Höhlen 160 ) hervor; 11. die Gebeine
der Toten erscheinen auf den Gräbern 275 ), !
9 \
die Gräber tun sich auf; 12. die Tiere |
sammeln sich 154 - 155 ), die Sterne fallen
und geben Zeichen 84 ), ein Feuerstrom
erscheint am Himmel 77 ); 13. die Auf er- :
stehung (vgl. jüngstes Gericht) 276 ); 14.
Weltbrand (s. Eschatologie); 15. neuer 1
Himmel und neue Erde.
Eine Beschwörung Vinculum Salomonis
verarbeitete die Zeichen, indem sie jedem
Engelsnamen eins beimaß 276a ). Die Vor¬
zeichen, die das Zwölf-Sibyllen-Volksbuch
angibt, gehen auf Sebastian Frank zurück,
bestehen also neben unserm Text 276b ).
284 ) Michaelis in Herrigs Archiv 46, 33 ff.;
Peiper im Archiv f. Literaturgesch. 9 (1880),
1175.; Nölle bei PBB. 6 , 413 ff.; Aug. Wund¬
rack Der Linzer Entcrist Marb. Diss. 1886,
46 ff.; Karl Reuschel Untersuchungen z. d.
deutschen Weltgerichtdichtungen des II. bis
lg. Jh. Leipziger Diss. 1895, 41 ff.; Gustav
Grau Quellen und Verwandtschaften d. älteren
germ. Vorstellungen v. jüngsten Gericht 1908, 261 ff.
Vgl. weiter Anton E. Schönbach Altdeutsche
Predigten 2, 10. 192. 194. 312; ZfdPhil. 19,
304 ff.; Grimm Myth. 3, 242; Germania 28,
402 ff.; Alemannia 1, 70 f.; ZfdA. 3, 523; Paul
Kristeller Holzschnitt u. Kupferstich 1922 4 , 37.
2 ") Wackernagel Deutsch. Handschr. d. Basler
Univers.-Bibliothek, Rektoratsprogr. 1835, 22.
297 ) ZfdA. 1, 1170.; vgl. Nölle 446, dessen
Einordnung falsch ist, und Quitzmann 205.
268 ) v. d. Hagen Minnesinger 3, 96 f. 268 ) Nico¬
laus Winckler aus Forchheim Bedencken Von
künftiger verenderung. Augsburg 1582 G. R.
263 ») Buxtorf Judenschul 649 ff.; Pawlikows-
ki 733. 2 -°) Bautz Weltgericht u. Weitende
143. 147. 2:1 ) Ascensio Mos. 10, 6; Test. Levi
4, 1. 272 ) Sib. 8, 225 f. 2:3 ) Bahman Yast 2,
26 f.; Ezechiel 38, 20; Apoc. Joh. 16, i8f.
274 ) Bundahischn 30, 33; Luc. 3, 5; Ascensio
Mos. 10, 4; Sib. 8, 234. 275 ) Yasna 13, n. 22.
28; IV. Esra 7, 32; Dan. 12, 2; Ezech. 37?;
I. Thessal. 4, 16 f. ; Apoc. Joh. 20, 12. 279 ) Yast
19, 94(?); I. Kor. 15, 52; I. Thessal. 4, 15 ff.
276 a ) Nigromantisches Kunstbuch, Köln a. Rh.
1743 bei Peter Hammers Erben (Scheibledruck)
83 ff. 279b ) Peuckert in MschlesVk. 1928, 217 ff.
4. Naher oder ferner Termin. Der
Zeitpunkt des j. T.es wird oft als nahe
empfunden; die Axt ist den Bäumen
schon an die Wurzel gelegt 27 7 ); 1928
stehen alle Toten auf 277a ); die Hemd¬
näherin ist am letzten Ärmel 24 °); es
werden nur noch 11 Päpste sein 227 ), ja
alle Vorzeichen sind schon geschehen 278 ).
Um eine Kirche bei Brixen ist eine Kette
2 l h mal geschlungen; jedes Jahr wird ein
neues Glied (1 Fuß lang) zugefügt; reicht
sie dreimal herum, ist das Ende da 278a ).
— Der j .T. wird als sehr fern 279 ), aber doch
als bestimmt kommend aufgefaßt; man
kann einen Spuk nicht ewig, nur bis
zum j. T. verbannen 280 ). So setzt man
Fristen ,,bis zum j. T." 281 ); bis zum j. T.
bleiben die mit Luzifer gestürzten Engel
als Norgen 281a ); möge Schnee die ver¬
wünschte Alp am Davoser Schwarzhom
decken 282 ), muß Tannhäuser auf Erlösung
warten 283 ), der bei Frau Hulli 284 ), bei der
Nixe 285 ) bleiben, wer zu ihr geht; der ewige
Jude umgehen 286 ), der wüde Jäger ja¬
gen 287 ); ist Sibylle in den Turm 288 ), der
Teufel in einen Turm der Stadtmauer ge¬
bannt 289 ), der Drache im Fledermausstein
bei Itschna (Zürichsee) gebunden darf
der Bergmeister als Bergmönch um¬
gehen 291 ), wünscht sich Hackelberg zu
jagen 292 ), tanzen die Teilnehmer am ver¬
botenen Tanz 292a ), verflucht sich Müllers¬
tochter in den Stein 293 ), ist Hexenge¬
sindel in den Stein gebannt 294 ), reitet der
Bauer, der beim Hexenritt verunglück¬
te 295 ), büßt der Teufelsbündner 295a ),
geht der ewige Jude 295b ). Bis zum jüng¬
sten Tag muß mancher Böse als Spuk
um wände ln 296 ), zechen die Ritter in der
versunkenen Burg Landecke 296a ), muß
mancher Spuk verbannt büßen 297 ), Heide
zählen 298 ), der sich selbst verschwörende
Meineidige schreien 2 "), versucht der in
den Gletscher verbannte, diesen zu spal¬
ten 299a ), denn bis zum j. T. kann der
88 3
jüngstes Gericht
884
Spuk nicht Ruhe finden, wenn er nicht
erlöst wird 30 °), ist der Himmel den Selbst¬
mördern verschlossen 300a ). Bis zum j. T.
versucht der Tote umsonst, den Knoten
im Sterbehemd zu lösen 300h ). Bis zum
j. T. geht die weiße Frau um 301 ), spielen
Engel und Teufel um Reginalds Seele 301a );
ihn erwartet der verbannte Geist auf der
Hühnerspielspitze am Brenner 302 ); bis
zum j. T. mißt ein daumenlanges Männel
im mnl. Brandaengedicht den See 303 ),
muß der vor Gottes Gericht Geladene
stehen, wenn ihm nicht verziehen wird 304 ).
So viel Seelen wie der liebe Gott hofft
der Wassermann am j. T. gefangen zu
haben 30S ).
277 ) Matth. 3, 10. 277a ) Wiener Kinderglaube
ZföVk. 34, 42. 2r8 ) Wadstein 544; Migne
PL. 40, 667; Schönbach Altdeutsche Predigten
з, 184; vgl. Kühnau Sagen 3, 483: in genau
200 Jahren. 2;8a ) Panzer Beitrag 2, 393.
279 ) Höhn Tod 326. 2a0 ) Grässe Preußen
2, 1070 t. 2S1 ) DWb. 4, 2, 2374; Jäklin Volksth.
3 » 350; ZfdA. 8, 218 f.; Lammert 183; Zahler
Simmenthal 102. 105. nof. 281a ) Zingerle
Sagen 1859, 39. 282 ) Herzog Schwei zersägen 1
2, 5. Ist Kirche versunken: Karasek-Langer
и. Strzygowski Sagen d. Beskidendeutschen 26.
283 ) Kuoni St. Galler Sagen 129; SAVk. 14,
182 f. 284 ) Zaunert Natursagen 1, 107; ZfdMyth.
1, 23 ff.; bei Bergfrau: Freisauff 136. 235 )
Sieber Harzlandsagen 29. 286 ) Peuckert
Schlesien 65. Vgl. die weinende Dame Rolands
im Pierre-Degouttante: Sebillot 1, 329 f.
287 ) Sieber Harzlandsagen 69; Kuhn Mark.
Sagen 19 f.; Zaunert Rheinland 2, 234; Küh-
naü 2, 479. 458. 506; Ranke Sagen 2 126.
2S8 ) Peuckert Schlesien 67. Vgl. Nachw. 240.
289 ) Grimm Sagen 150. Herzog Schweizer¬
sagen 1 1, 212 f.; vgl. Jegerlehner Oberwallis
72 f. 291 ) Sieber Harzlandsagen 297. 2J2 ) Kuhn
Mark. Sagen 187 t. 292a ) Walliser Sagen 2, 118.
293 ) Ebd. in ff. 294 ) Müller Sagen aus Uri
1, 103; ins Moor: Ullrich Kuhländchen 77.
235 ) Kuhn Westfalen 1, 374. 295a ) Mailly Friaul
73ff. 2,J5b ) Künzig Schwarzwald 199; Anm. 286.
^ Kühnau Sagen 4, 146; Oberschles. Sagen
389; Jungbauer Böhmerwald 117; Herzog
Schweizer sagen 1 2, 126; Kuoni St. Galler
Sagen 140 f. 145 t.; Kapff Schwaben 23.
30; Baader N. Sagen 38; Zaunert Rheinland
I, 21; 2, 224; Kuhn Westfalen 1, 215; Wucke
Werra 281; Quensel Thüringen 323; Grässe
Preußen 2, 661; Karl Ed. Haase Sagen d.
Grafschaft Ruppin 1887, 79. Vgl. dazu v.
Gail 121. 308. 296a ) Herrn. Janosch Unsere
Hultschiner Heimat (1924), 24. 297 ) Müller
Sagen aus Uri 1, 14 f.; 2, 162; Alpenburg
Tirol 187 1 ; Panzer Beitrag 1, 188; Herrn.
Heller Höhlensagen aus d. Land unter d. Enns
1924, 78; Wolf Deutsche Märchen u. Sagen 176;
Zaunert Rheinland 2, 12: Sieber Harzland¬
sagen 188. Vgl. Zaunert Deutsche Märchen
seit Grimm 1, 121. 293 ) Herrn. Lübbing Fries .
Sagen 144 f. 2 ") Strackerjan 1, 364 =
Ranke Sagen 2 50. 299a ) Freisauff Sagen
614 f. 30 °) Jäklin Volksth. 1 3, 9. 300a ) Harry
Söiberg. Der Seekönig 1930, 112; Andrian
Altaussee 118. 300b ) Festschr. f. Lemke 1908,
234. 301 ) Sieber Harzlandsagen 69. 301a ) Wolf
Niederländ. Sagen 1850, 212. 302 ) Alpenburg
Tirol 182. 303 ) Grimm Myth. 1, 373 f. 3u4 )
Wen zig Westslav. Märchenschatz 94. 3 ° 5 )
Kühnau Sagen 2, 356 f.
Ohne Parallelen ist ein französischer
Glaube (Loire-Inferieure), daß am j. T.e
alle Katzen die Mauer der Hölle entlang¬
klettern 306 ).
30,i ) Sebillot 3, 122. Peuckert.
jüngstes Gericht.
1. Europäischer und vorderasiatischer
Glaube lehrt, daß über jeden Menschen
ein göttliches Gerichtsverfahren statt¬
findet. Entweder erfolgt dies nach dem
Tode des Einzelnen oder im Rahmen
eines allgemeinen Weltgerichtes am Ende
des Aion. Im Volksglauben haben beide
Meinungen ihren Niederschlag gefunden;
durch ein dem Einzelnen geltendes Ge¬
richt wird der Böse zum Spuken verur¬
teilt; vor ihm erzwingt er das Nach¬
sterben seines Bedrängers, vgl. Josa¬
phat. Im Folgenden ist aber nur vom
endlichen Weltgericht zu sprechen.
Zum Ausdruck j. G. vgl. jüngster Tag.
2. Der Glaube an ein j. G. läßt sich
in den ältesten persischen Religionsur¬
kunden, den Gathas *) (6. Jh. v. Chr. 2 )),
wohl auch in den Veden 3 ) nach weisen.
Es wird an der Brücke des Scheiders,
der Cinvatbrücke, durch das Feuer, nach
i Offenlegung der Bücher, das Gericht
erfolgen L ). Da es zu Lebzeiten Zara¬
thustras 4 ) geschehen soll, ist dieses End¬
gericht zugleich Individual-Totengericht.
Im jüngeren Avesta, nach Zarathustras
Tode, scheint der Glaube an das Indivi¬
dual-Totengericht zu überwiegen, obwohl
vom Endgericht noch immer die Rede ist 6 ).
Das nachexilische Judentum übernahm
die Weltgerichtsidee von den Persern 6 ).
Die Apperzeption wurde dadurch er¬
leichtert, daß seit Arnos von einem Ge¬
richtstag Jahves die Rede war (1, 3 ff.
13; 2, 1 ff.; 9, 1 ff.) 7 ). Eine bedeutende
885
jüngstes Gericht
886
Förderung erhielt der Gerichtsgedanke !
durch die Aufnahme des Glaubens an ]
eine Auferstehung der Toten 8 ) und der j
Aionenlehre 9 ), so daß jetzt erst von einem
allgemeinen ,,End“gericht die Rede sein
kann 10 ). Von Daniel 7, 9 ff. über Henoch
60 ff., IV. Esra 7, 26 ff. bis Matthäus 25,
31 ff. und Apoc. Joh. 20, 11 ff. kann man
ausführliche Schilderungen finden. Bous-
set 11 ), Volz 12 ) und v. Gail 13 ) haben
die darauf bezüglichen Stellen aus der
hellenistisch-römischen Zeit des Juden¬
sit... judicare omnes homines 15 ). Von
Arn, dem Salzburger Erzbischof, fordert
Alcuin gelegentlich der Frage, wie ein
Heide zu unterweisen sei: Zuerst ist er zu
unterweisen über die Unsterblichkeit der
Seele, das zukünftige Leben, die Ver¬
geltung für Gute und Böse usw. 16 ).
Das j. G. spielte als das abschließende
Ereignis in der Darstellung des christl.
Weltbildes eine Rolle. Vielleicht war es
; Gebot der Mission, den Germanen ein
geschlossenes Weltbild zu geben, denn
tums gesammelt; die Ausbreitung der j
Idee durchs ganze christl. Altertum bis !
Nicäa hat Atzberger dargestellt 14 ). Augustin !
faßte, de civitate Dei XX, das Ganze
1
zusammen. j
v. Gail BssiXcta to} 1926, 89 ft.
Vgl. Hübschmann in Jb. f. protest. Theologie
5 (1879), 225 ff.; N. Soederblom La vxe
future d'apres le Mazdaisme 1901; E. Böklen
Die Verwandtschaft d. jüdisch-chnstl. mit d.
pars. Eschatologie 1902; Karl Holl Ges. Auf¬
sätze II Der Osten 1928, 2 f. 2 ) Zur Datierung:
Joh. Hertel Die Zeit Zoroasters 1924- 3 ) Herrn.
Oldenberg Religion des Veda 1923, 541 ;
Scheftelowitz im ARw. 14, 322 t. 4 ) v. Gail
94. 5 ) Ebd. 98 ff. 105. 6 ) E. Böklen Die
Verwandtschaft-, Volz Jüd. Eschatologie 85 f.;
J. Schef telowitz Die altpers. Religion u.
d. Judentum 1920, 206 f. Besonders v. Gail
219 ff. 7 ) Ebd. 1670. 8 ) Ebd. 312. 303 ff.
9 ) Bousset-Greßmann Die Religion d.
Judentums im spätheilenist. Zeitalter 1926, 257.
10 ) v. Gail 312. u ) Bousset-Greßmann
Religion d. Judentums 257 ff. 12 ) Paul Volz
Jüd. Eschatologie von Daniel bis Akiba 1903,
257 ff. 13 ) v. Gail 312 ff. 14 ) Leonhard
Atzberger Geschichte d. christl. Eschatologie
innerhalb d. vornicänisehen Zeit 1896, Register
unter Weltgericht. Vgl. besonders: nachapostol.
Zeit 107 ff. Griechen d. 2. Jh. 1580., Irenaus
259 ff., Tertullian 329 h., Hippolyt 288, Method.
490, Origines 449 ff., Lactanz 608 ff.; Reitzen¬
stein in Sitzb. Heidelb. 10, H. 12, 34 t. 37.
3. Dem MA. gehörte die Lehre vom
j. G. zu den Grundwahrheiten des Glau¬
bens. In den Vorschriften des Aachener
Konzils 789 heißt es 82: Primum omnium
praedicandum est omnibus generaliter,
ut credant Patrem et Filium et Spiritum
sanctum... Item praedicandum est, quo-
modo Dei filius incarnatus est de Spiritu
sancto ex Maria semper virgine pro salute
et reparatione humani generis, passus,
sepultus et tertia die resurrexit et ascendit
in celis; et quomodo iterum venturus
Entstehung und Zukunft interessierten
sie sehr 17 ), man kann das aus Karls
Anweisungen 789 herauslesen, und die
sog. karolingische Musterpredigt wäre
wirklich ein Muster; sie umfaßt Schöpfung,
Erlösung, Endgericht 18 ). Denn daß es
auf ein solches Wissen ankam, dafür
zeugt schon Columban, der Glauben
definiert als die Überzeugung von der
Wahrheit des j. Gs. 19 ).
Natürlich hat man daneben die Lehre
vom j. G. für die Morallehre ausgewertet.
Den oben erwähnten Predigten hängt ein
! moralisierender Schluß an 20 ); noch im
’ 11. Jh. fordert das Homiliar des Bischofs
! von Prag, daß man die Menschen zu guten
j Werken stärke durch die Predigt von den
. Schrecken des Gerichts 21 ).
Zur Zeit Muhammeds 21a ), dann in den
Wirren der späten Karolingerzeit, gesteht
862 Karl II., der Kahle: Das angefangene
j Gute ist zurückgegangen. Es haben in
i diesem Reiche erschreckliche Übel ein
! solches Wachstum gehabt... Daher
i müssen wir ausrufen: Die Kinder sind
)
| bis an die Geburt gekommen, und es ist
keine Kraft zu gebären da 22 ). Ich greife
1 aus vielen Klagen diese heraus, weil sie
I ♦ •
zeigt, daß eschatologische Ängste um¬
gehen ; das Nicht-mehr-gebären der Frauen
ist seit alters ein Vorzeichen des Weit¬
endes (vgl. jüngster Tag). In den latei¬
nischen Hymnen gewinnt das Thema
de die judicii Bedeutung 23 ); Otfrid (V,
19 ff.) räumt ihm einen weiten Raum
ein; der Heliand, Cynewulfs Crist III.,
wie überhaupt die ags. Literatur 24 ) und
nicht zuletzt das deutsche Muspilli wie
Adsos Antichristschrift (vgl. Antichrist)
gehören hierher.
887
jüngstes Gericht
888
Das ii. und 12. Jh. läßt darin nicht
nach. Zwar ist es nicht mehr so sehr die
augenblickliche Bedrängnis, obwohl man
immerfort das Ende erwartete (vgl.
jüngster Tag), — man geht eher wieder an
die Gestaltung des christl. Weltbildes.
Honorius Augustodunensis mit seinem
ersten Elucidarius 25 ), dem bald andere
folgten, mag dafür Beispiel sein (Ezzos
Gesang wie die summa theologiae 26 )
übersetzten den Honorius ins Deutsche).
Auf ihm stehen jetzt die meisten Dar¬
stellungen. Auch die Predigtliteratur des
12., 13. Jh. benützt ihn neben Rabanus
Maurus und Gregor dem Großen 27 ).
Erwähnt seien für die mhd. Frühzeit noch
das fränkische Bruchstück vom j. G. 29 ),
die Gedichte der Frau Ava 30 ), der Fried-
berger Christ und Antichrist 31 ), Otto v.
Freisings 8. Buch, das auf Augustin
steht, — die Spiele vom j. G. der späteren
Jh.e 32 ); im übrigen sei auf Wadsteins
Zusammenstellung verwiesen 33 ).
Im 16. und 17. Jh. hat man sich noch
einmal ausgiebig mit der Idee befaßt
(s. jüngster Tag, Antichrist); es sei auf
die Zusammenstellung in meinen „Rosen-
kreutzem“ 34 ) verwiesen. Da gerade diese
Zeit für die Ausbildung des Volksglaubens
von Bedeutung war 35 ), wird man die
einzelnen Äußerungen 36 ) wohl zu be¬
achten haben.
15 ) M. G. Leges. 16 ) F. R. Albert Geschichte
d. Predigt in Deutschland 2 (1892), 26. 17 ) E. H.
Meyer Mythologie (1903) 24; Ehrismann in
PBB. 35, 209. 18 ) ZfdA. 12, 436 ff. Vgl. Albert
Predigt 1, 132. 133. 134 N. 2. 19 ) Albert Pre¬
digt 1, 41. 20 ) Vgl. auch Albert Predigt 1, 102.
107. 160. 21 ) Ebd. 2, 162. 21a ) Reitzenstein
in Sitzb. Heidelb. 10, H. 12, 37; Soederblom
274 ff. 22 ) Albert Predigt 2, 43 f. 23 ) M. G.
Poetae latini 4, 491 ff. 507 ff. 521 ff. 599. 601 f.
602 ff. 644. 646 ff.; ebd. 1, 468f. Vgl. F. J. Mone
Lateinische Hymnen d. Mittelalters 1 (1853), 403-
422; Waldstein in Z. f. wiss. Theologie 38,
562 f. 611 ff. 24 ) Gustav Grau Quellen u.
Verwandtschaften d. älteren germanischen Dar¬
stellungen des jüngsten Gerichtes = Studien z.
engl. Philologie 31 (1908). 25 ) Migne PL. 172,
1165 f. 26 ) Albert Waag Kleinere deutsche
Gedichte d. 11. u. 12. Jh. 1890, 16 ff. V. 289 ff.
27 ) ZfdPhil. 27, 150 ff. 184; Anton E. Schön*
bach Altdeutsche Predigten 2 (1886), Nr. 4. 5.
Gregor: ebd. Bd. 2 Nr. 4; Bd. 3 Nr. 77;
Friedr. Vogt Gesch. d. mhd. Literatur im
Grundriß d. deutschen Literaturgeschichte
1, 26. *•) Albert Leitzmann Kleinere geistl.
Gedichte d. 12. Jh. 1910, 12 ff. Ebd. 9 f.: Can-
tilena de conuersione Sancti Pauli. 30 ) ZfdPhil.
19, 129 ff. 275 ff.; ZfdA. 50, 312. 3i ) MSD.
XXXIII. 32 ) Wadstein in Z. f. wiss. Theol.
38, 585 ff.; Künzelsauer Fronleichnamsspiel
von 1479: Germania 4, 359; Mone Schauspiele i,
2650.; Jellinghaus in ZfdPhil. 23, 4260.;
43, 245 ff.; P. Jessen Die Darstellung des Welt¬
gerichts bis auf Michelangelo 1883, 6. 33 ) Z. f.
wiss. Theologie 38, 538 ff. 34 ) Peuckert
Rosenkreutzer 1928, 8 ff. 25 f. 39 t. 43 ff. 45ff.
71. 77 ff.; Peuckert Jakob Böhme 1924,
2 ff. 6 ff.; vgl. auch Luthers Tischreden
(Weimarer Ausg.) 5, 5237. 35 ) Peuckert
in Z. f. Deutsche Bildung 1928, 580 ff. 36 )
Peuckert in Deutsche Rundschau 1929, 1300.
4. Einer gesonderten Erwähnung be¬
dürfen das ahd. Gedicht Muspilli (31—36.
63 ff.) und die Vcfluspä der Edda, weil
man in beiden eine heidnische Darstellung
des j. G. angenommen hat. Was die Vq-
luspä betrifft, so ist schon von Grimm die
Möglichkeit christl. Einflusses erwogen
worden 37 ). Heut schreibt man allgemein
die Strophen ,,Kemr enn rike at regen-
döme Qflogr ofan, säs qIIo nepr" d. h. das
j. G., der christl. Zeit zu 38 ). Die Herkunft
des Muspilli aus der lateinischen Predigt¬
literatur (und Ephraem) scheint mir
erwiesen zu sein 39 ). Neckel bemerkt
zu dem Ausdruck: Wir sehen nirgends
ganz klar, wer oder was Muspell eigentlich
ist. Der älteste Quellenbestand erweckt
den Eindruck, daß Muspell eine Person
sein muß, ein Dämon oder ein Riese.
Ein geistlicher Dichter hat den j. T., der
plötzlich über die Menschen kommt, und
bei dem es zugeht, wie wenn man mit
Feuer das Unkraut verbrennt, seinen
Landsleuten anschaulich gemacht, indem
er ihn Mudspell oder Mudspelles megin
nannte. Eine solche Veranschaulichung
war wünschenswert, denn ,,jener Tag“
des Evangeliums ist ein unklares Etwas;
die Assoziation mit Muspell lag aber un-
gemein nahe, wenn dieses Wort an den
Dämon denken ließ, der am Ende der
Dinge mit Feuer über die Welt fährt 40 ).
Muspilli ist die Götter-Endschlacht gegen
ein Dämonenheer 41 ), in der Übergangs¬
zeit ,,jener Tag“ des Endgerichtes.
37 ) Myth. 2, 680. 38 ) F. Genzmer Edda 2,
43; E. H. Meyer VÖluspa 1889, 234. Doch vgl.
G. Neckel Studien zu d. germanischen Dich¬
tungen vom Weltuntergang 1918 in Sitzb. Heid.
9 Heft 7, 39. 39 ) AfdA. 35, 194h; Gunter-
889
jüngstes Gericht
890
mann in ZfdPhil. 41, 401 ff.; v. Unwerth in
PBB. 40, 349 ff. 40 ) Sitzb. Heid. 9. Heft 7, 36.
35; Braune in PBB. 40, 427!!. 433ff. 41 ) Sitzb.
Heidelb. 9 H. 7, 4 f. 12 ff. 23 ff. 43 ff.
5. Motivverzeichnis. Zum j. G. ge¬
schieht die zweite Parusie (Advent)
Christi 42 ); das entspricht dem Stand der
Erniedrigung und Erhöhung des apostol.
Bekenntnisses, ist m. W. im Neuen Testa¬
ment nicht direkt ausgesprochen, dürfte
aber auf Stellen wie 1. Thessal. 4, 13 ff.;
5, 1 f., Matthäus 24, 43 beruhen. Vier
Fahrten Christi nennt eine alte Predigt,
die vom Himmel bei seiner Geburt, die
Höllenfahrt, die Himmelfahrt und die !
Wiederkehr zum j. G. 43 ). Die 12-Apostel-
lehre nennt als 1. Zeichen: der Himmel
tue sich auf, als 2.: den Schall der Po¬
saune 44 ). Sie ist das Kriegsinstrument,
das Jahve (Sach. 9, 14; Psalm 47, 6)
bläst 45 ), wird dann (I. Kor. 15, 52) zum
Signal der Totenauferstehung 46 ). Die
Sibyllen (8, 239), lateinische Hymnen
(Dies irae), die Predigtliteratur 47 ), Mus¬
pilli (73), Vqluspä 48 ), Cynewulfs Crist III,
879 ff. 948 ff., die spätere Dichtung 49 ),
wie die Schauspiele 50 ) bewahrten den
Zug, der im Volksglauben noch lebendig
ist 51 ). Als 3. Zeichen nennt die 12- j
Apostellehre die Totenauferstehung 52 ); i
sie ist parsischen Ursprungs, kommt zur
Zeit der Makkabäer zu den Juden 53 ).
Erst der Glaube daran ermöglicht den j
Glauben an das allgemeine Endge- j
rieht 54 ). In der ma.liehen Literatur **) j
bezeugt (Muspilli 79 ff.: Engel er- •
wecken die Toten), findet er sich heut I
im Volkslied 56 ) und Volksglauben 56 -);
am j. G. sammeln die Toten ihre Beine 57 );
das Meer hat ebensoviele Tote, ja einen
mehr, als der Erdboden 58 ); die toten j
Juden wälzen sich unter der Erde ins j
heilige Land, um da aufzuerstehen 59 ); j
vgl. auch Josaphat. Die Lebenden, die
nach 1. Kor. 15, 51 f. verwandelt werden,
holt im Schwankmärchen 59a ) Petrus in
einem Sack in den Himmel. Ein läutern¬
der Feuerstrom geht aus; auch der ist
parsisch bezeugt 60 ), findet sich dann
Sibylle 2, 253, 315 f. und in ma.liehen
Texten 61 ). Das Gericht findet an einem
Sonntag (Ostertag) statt 62 ); so lehrt
das MA.; das geht wohl auf Arnos 5, 18
und die Bezeichnung „Tag des Herrn“
für Sonntag zurück. Es beginnt um
Mitternacht 63 ); zwar ist nach jüd.
Glauben die Nacht Zeit des Unheils 64 ),
aber es dürfte sich hier um Ausdeutung
von 1. Thessal. 5, 2; Matth. 25, 6; Luc.
12, 38 handeln 64a ). Das Gericht findet bei
Jerusalem 65 ), im Tal Josaphat (s. d.),
oder im Luftraum statt; v. Gail bezieht
I. Thessal. 4, 17 darauf 66 ); deutet das
Volkslied „ihr sollt treten auf die Spitzen,
wo die Engel sitzen“ 67 ) dasselbe an?
Entsprechend dem Gerichtsort sitzt der
Richter auf einem Thron 68 ) oder auf dem
Regenbogen 6Ö ). Auch Christus als Rich¬
ter kommt „in den Wolken“, vom
Himmel her 70 ), aus einer weißen Wolke
oder auf einem weißen Pferd aus einer
Wolke 71 ); Engel und Himmelsheer be¬
gleiten ihn 72 ); doch erscheint er auch
ganz allein 71 ). Vor seiner Kunft erscheint
in den Wolken das Zeichen des Menschen¬
sohnes (Matth. 24, 30), nach gewöhnlicher
Deutung das Kreuz, oder die Engel tragen
die Marterwerkzeuge vor ihm her 78 ).
Das Kreuz wird vor seinem Gerichtsstuhl
aufgerichtet werden 74 ). Entsprechend
II. Thessal. 1, 8 (Psalm 50, 3; Joel 2, 3)
geht Feuer vor ihm her 7S ); Muspilli 55 f.:
verit stuatago in lant, verit mit diu
vuiru; schwere Stürme stehen auf 76 ),
die nach jüd. Glauben erst nach dem
Urteil kamen, ebenso wie das Gewitter 77 );
doch sagt man auch, Christus komme im
Wetter 78 ); so habe ich es noch als Kind
gehört.
Gott, der Richter 79 ), hat dieses Amt
bei den Christen an Christus, den Menschen¬
sohn, abgetreten 80 ). Diesem assistieren
die Engel, die Heiligen 81 ), die aber auch
allein den Gerichtshof bilden 81a ). Vor
dieses Gericht werden alle gezogen, der
Teufel 82 ), die gefallenen Engel 83 ), darum
beben selbst die hl. Engel 84 ) und die
Gerechten 85 ) davor. Viele, wie z. B.
die drei Männer im Zobten, erwarten den
Tag zitternd 86 ). Nach II. Baruch 54, 21
wird jeder einzeln zitiert 86a ); sonst ist
von zwei 87 ) oder vier Gruppen 88 ) die
Rede, die nach dem italien. Schauspiel
Michael scheidet 89 ). Die Guten werden
891
jüngstes Gericht
892
in lichter, die Bösen in schwarzer Gestalt
erscheinen 90 ). Nur die „Elementarwesen“
Paracelsi (s. d.), les petits hommes in
Armagnac, sterben vorm Gericht und
auferstehen nicht 91 ). Auch die unschul¬
digen Kinder dürften ihm entgehen;
die führt der hl. Johannes in den
Himmel 92 ); sie kommen nach dem j. G.
wieder auf die Welt 92a ).
Daß die Seelen gewogen werden 93 ),
ist wohl aus dem ägypt. in den jüd.
Glauben 94 ) übergegangen. Jüdisch ist
auch das Zählen der einzelnen Hand¬
lungen gegeneinander 95 ); parsischen Ur¬
sprungs 96 ), daß über die Taten der
Menschen von Gott oder einem Schreiber¬
Gesch. d. christl. Eschatologie 1896, 191 ; Cädmon:
Wadstein in Z. f. wiss. Theologie 38, 595;
Schönbach Alldeutsche Predigten 1 (1886),
147 f. 180; 2, 193 zu 12. 194. 43 ) Ebd. 1, 198.
44 ) Atzberger 101; Joseph Bautz Welt-
I gencht u. Weitende 1886, 148 ff. 45 ) v. Gail
I Baat/.Eia tVj «Ieoü 1926, 222 f. Das Gericht
als Schlachttag: Volz 89. 46 ) v. Gail 304.
1 47 ) Rabanus Maurus bei Migne PL. 112, 1618.
48 ) v. 46; Genzmer Edda 2, 40; E. H. Meyer
VÖluspa 1889, 188 ff. 49 ) Bruder Wernher im
13. Jh.: Wadstein 614; Dichter des 15. Jh.:
Wadstein 610. 50 ) Wadstein 587. 588. 592.
51 ) Freisauff Salzburg 26; Grohmann Sagen
63 f. 62 ) Atzberger 101. 63 ) v. Gail 303 ff.
426 t. 64 ) Ebd. 312. 6b ) Kynewulf Crist III
8390. 1022 ff.; Rabanus Maurus Migne PL.
112, 1618; Honorius Augustodunensis Migne
PL. 172, 1076; Mone Latein. Hymnen d.
Mittelalters 1 (1853), 404; Schönbach Pre-
engel Buch geführt wird 97 ); Petrus
Blesensis unterschied sogar drei Bücher; j
librum viae (hl. Schrift), conscientiae et ;
vitae "). Die zu richtenden Menschen j
haben bestimmte Zeichen an sich"). j
Die älteren deutschen Gedichte wissen, j
daß der Mensch seine Taten bekennt; |
jedes einzelne Glied sagt aus 10 °). Ja, die
digten 1, 172; 2, 14. 66 ) Erk-Böhme 3, 165;
Böckel Volkslieder 99 Nr. 115; Mittler Deut¬
sche Volkslieder 1865, 371 Nr. 473. 474; N.lausitz.
Magazin 59, 370 aus Sorau; als Bettlergebet
in der südl. Oberlausitz: ebd. 47, m; Hrusch-
ka-Toischer 58 Nr. 84 b. 56a ) Grässe Preußen
2, 260; ZfVk. 22 (1912), 156 t. 6T ) Im Schwank
von den Hammeldieben: Joh. Wier de prae-
stigiis daemon. 1586, 44 f. nach Erasmus;
Grimm KHM. 192; Bolte-Polivka 3, 395.
Welt und alle Kreatur klagt ihn an 100a ).
In Schleswig-Holstein vergleicht eine Sage
die Menschen mit Nüssen; sie sehen sich
alle gleich, aber dann wird die Schale
zerbrechen und das Innere offenbar 10öb ).
Christus erscheint entweder in Glorie 101 ),
oder in der Gestalt seines Leidens, seiner
Vgl. auch Sebillot Folk-Lore 4, 149. 58 ) Sä¬
bill ot Folk-Lore 2, 38; vgl. auch Kühnau
Sagen 2, 337. 69 ) Meyer Aberglaube 193 f.;
Buxtorf 641; vgl. Jude. B9a ) Grimm KHM.
192; Bolte-Polivka 3, 379 ff. 6Ü ) v. Gail
91 f. 104 t. 224; Sehettelowitz Altpersische
Religion u. d. Judentum 1920, 206 bezieht
sich auf Adolf Ha mack Ein jüdisch-christl.
Psalmbuch aus d. 1. Jh. 1910, 69 Ode 39, wo
Auffahrt 102 ); er zeigt seine Wunden und \
Martern (das tat ich für dich!) 103 ), und
er ist nach Innozenz III. Ankläger,
Richter, Advokat und Zeuge zugleich 104 ).
Doch fungiert auch der Teufel als An¬
kläger 105 ). Christus hält dann eine
Gerichtsrede mit dem anschließenden '
Urteil 106 ). Im hl. Zorn verflucht er die
Bösen 107 ); die Erde tut sich auf und sie
versinken in die Hölle 107a ). Maria zeigt
fürbittend ihm ihre Brüste 108 ); wo Gott
der Richter ist, wird auch von Christi
Fürbitte erzählt 109 ). Ob solche Fürbitte
nützt an dem Tage, an dem keiner dem
andern helfen kann no ) ? Nach vollen¬
detem Spruch loht das Feuer auf, und
reinigt die Welt von allem Bösen 111 ). ;
Der Teufel und die Verurteilten werden
ins Scheol, die Hölle, geworfen und ver¬
schlossen 112 ), die gute Zeit beginnt.
*“) ('lementinen: Leonhard Atzberger
aber nichts darüber zu finden ist. 61 ) Ja-
cobus a Voragine Legenda aurea, übers, von
R. Benz 1 (1917), 11; Freidank Bescheiden¬
heit 179, 6 ff. 16. 62 ) Bouterwek Cädmon
des Angelsachsen bibl. Dichtungen LVIII;
Honorius Augustod., Migne PL. 172, 1165;
Pseudo-Augustin Migne PL. 39, 2070; ZfdPhil.
27, 149. 150; Kelle Speculum ecclesiae 177; im
Frühling, weil alle Wunder Gottes im Frühling
u. um Ostern: Joh. Garceus Eine christl.
kurtze Widerholung d. warhafftigen Lere v.
d. Zukunfjt d. Herrn Christi. Wittenberg 1569
DijA. Vgl. Sitzb. Heidelb. 10. H. 12, 62 f. N. 3.
63 ) Beda, Migne PL. 94, 674; Aelfrik bei
Wadstein 556; Honorius Aug., Migne PL.
172, 1077. 1165; Schönbach Predigten 2, 15.
64 ) Gunkel Die Psalmen, im Göttinger Hand¬
kommentar z. Alt. Testament 1925 4 , 198. 199.
e4a ) Das sagt wenigstens Haymo von Halber¬
stadt in Epist. I ad Thessalon., Migne PL.
117, 773 - 85 ) v - Gail 224 f.; Cädmon bei Wad¬
stein 595; Kynewulf Crist III, 875 ff. ® 6 )
v. Gail 320. 425. Vgl. Petrus Damianus,
Migne PL. 144, 303; ZfdPhil. 27, 153. ® 8 )
v. Gail 317, 427; Bousset-Greßmann
Religion d. Judentums im spätheilenist. Zeit-
893
jüngstes Gericht
894
alter 1926, 257!.; Paul Volz Jüd. Eschatologie
von Daniel bis Akiba 1903, 89. 260. 264;
Muspilli 85 f.; Kynewulf Crist III, 12170.;
Legenda aurea 1, 12. Vom jüngsten Gericht:
Albert Leitzmann Kleinere geistl. Gedichte
des 12. Jh. 1910, 12. Rex sedebit in solio:
Rabanus Maurus, Migne PL. 112, 1619; Schön¬
bach Predigten 1, 181. 69 ) Wadstein 582;
St. Hilarius, Migne PL. 9, 371; Gregorius
Magnus, Migne PL. 76, 133. Im Volkslied:
vgl. Nachw. zu 36. Zugrunde liegt wohl Ezechiel 1,
27 f.; Apoc. Joh. 4, 3. 70 ) v. Gail 317. 424;
vgl. auch Daniel 7, 13; Apoc. Joh. 4, 14. 16;
Volz Jüd. Eschatologie 266; Sib. 8, 218; Ra¬
banus Maurus, Migne PL. 112, 1618; Haymo,
Migne PL. 118, 21 f.; Schönbach Predigten 2,
iof.; Mone Latein. Hymnen 416 (So wohl auch
Muspilli 74). Christus als imperator: ZfdPhil.
27, x 53 - 71 ) Apoc. Joh. 19, 11; v. Gail 423;
Kühnau Sagen 3, 495. 72 ) Volz Jüd. Escha¬
tologie 261; Bousset-Greßmann Religion d.
Judentums 257 f.; v. Gail 317. 425; Wadstein
374; Kynewulf Christ III, 9250.; Muspilli 75 ff.;
Richthofen Fries. Rechtsquellen 1840, 131;
Schönbach Predigten i, 181; ZfdA. 12, 439.
73 ) v. Gail 423; Wadstein 574 und G. Grau
Quellen u. Verwandtschaften d. alt. german.
Darstellungen d. j. G.s 1908, 64 f. 250 f.; Rabanus
Maurus, Migne PL. 110, 149; 112, 1618; Petrus
Damiani, Migne PL. 144, 775; Legenda aurea 1,
13; Honorius Aug., Migne PL. 172, 1165;
Wackernagel Die alten deutschen Handschr.
d. Basler Universitäts-Bibliothek 23; Werner
Deflorationes, Migne PL. 157, 740; Schön¬
bach Predigten 2, 11; ZfdPhil. 27, 153; Ale¬
mannia 1, 71. Vom jüngsten Gericht: Leitz¬
mann 12; Hugo v. Trimberg, Renner bei Wad¬
stein 608; Hoffmann Fundgruben 2, 135;
Mone Latein. Hymnen 404; Richthofen
Fries. Rechtsquellen 131; Bautz Weltgericht
u. Weitende 148 ff. 74 ) Kynewulf Crist bei
Wadstein 595. 7B ) v. Gail 317; Wadstein
605. 611 = M. G. Poetae lat. 4, 507’ff.; Mone
Lat. Hymnen 405. 416; Jacobus a Voragine
Legenda aurea, übers, von Benz 1, 11; Gre¬
gorius M., Migne PL. 79, 143; Honorius,
Migne PL. 172, 1077; Schönbach Predigten
2, 14; Kynewulf Crist III, 925 ff. 78 ) Muspilli
59; Kynewulf Crist III, 975 f. 952; Mone Latein.
Hymnen 405. 77 ) Volz Jüd. Eschatologie 281.
280 f. 78 ) v. Gail 423 zu Matth. 24, 27. 30;
Sibyll. 5, 345; Hildegard von Bingen bei Wad¬
stein 578; Schönbach Predigten 1, 148;
vgl. Schöppner Sagen 3, 105; Wilh. Wis¬
se r Plattdeutsche Volksmärchen 2, 224. 7Ö )
Bousset-Greßmann Religion d. Judentums
257. Bei den kaukasischen Bergjuden: Marcus
Landau Hölle u. Fegfeuer 1909, 119. Vgl.
Note zu 56. 80 ) v. Gail 317. 319. 424 f.; Atz¬
berger 159. 259. 288; Wadstein 574. Zum
Menschensohn vgl. v. Gail 412 f. 81 ) v. Gail
319 f. 425; Wadstein 582; Atzberger 330;
544; Muspilli 74 f.; Kynewulf Crist III, 942.
925 ff.; Legenda aurea 1, 13. Vom jüngsten
Gericht: Leitzmann 12; Schönbach Pre¬
digten 3, 236; ZfdPhil. 27, 154; Mone Schau¬
spiele i, 296 ff. 81a ) Midrasch Paradies u. Hölle:
M. Landau Hölle u. Fegfeuer 118; Weisheit
Salomonis 4, 20 f. = ebd.; Vision Othlos von
Emmeran: ebd. 119. 82 ) Honorius August.,
Migne PL. 172, 1077; Schönbach Predigten
2, 14. ö3 ) Engel und Dämonen: v. Gail 318;
Atzberger 10H. 288; Bousset-Greßmann
251 f.; Volz Jud. Eschatologie 89 f. 271. 274.
84 ) Haymo, Migne PL. 118, 21; Radulphus
Ardens, Migne PL. 155, 1679; Schönbach
Predigten 2, 10. Alemannia 1, 69. 85 ) Rupert,
Migne PL. 1Ö9, 1034; Volz 87. 88. 8# )
Peuckert Lehm Jakob Böhmes 1924, H2ff.
Vgl. Beer: oben i, 073. 8#a ) Volz 91. 92 ff. 95 ff.
87 ) Matth. 25. 32 1 .; Legenda aurea 1,12; Schön¬
bach Predigten 1, 10; Müllenhoff Sagen 571
Nr. DLXXXV. 88 ) Legenda aurea 1, 12 f.;
Honorius August., Migne PL. 172, 281. 1166;
Petrus Lombard., Migne PL. 191, 65; Canti -
lena St. Pauli bei Leitzmann 9; ZfdPhil. 27,
153 f. Nach jüd. Glauben (Volz 268 f.) erfolgt
die Scheidung erst zu Ende des Gerichts.
89 ) Wadstein 592. 90 ) Hildegard v. Bingen
bei Bousset Antichrist Wadstein
578 (597); Paracelsus im Liber de Nymphis
etc. in Bücher und Sehrt Jftrn, ed. Huser
9 (1589 ff), 08. (>(>. <>1 ff.; Sä bi llot Folk-Lore 1,
456. ö2 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 204 Nr. 2.
02 a ) Andrian Alt-Aussee 111. 93 ) Michael
wägt: Urquell 1898, 203; Wad.stein 582;
Jahrb. f. roman, u. engl. Literatur 8, 410;
B. Schmidt Volkslieder d Neugriechen 247 =
M. Landau Holle u Fegfeuer 114; ZfdA.
60, 230. Die Visionen Thumlls und Turpins:
Landau 114 Aus Tirol: ebd Zum Wägen
vgl. noch Volz Jud Eschatologie 95; Bousset-
Greßmann Religion d. Judentums 238. Im
Tschechischen werden Sünden und Almosen
gegeneinander gewogen: Tille Verzeichnis d.
böhm. Märchen V. 1 \ (*. 34, 194- M ) So v. Gail
315. Dazu M. Eandau 113, der parsische
und mandäischc Stellen anführt W6 ) Volz
Jüd. Eschatologie 94 f. ••) v, (»all 88. 90.
225. * 7 ) Ebd. 313 ff.; Bousset-Greßmann
Religion d. Judentums 238, Volz Jüd. Escha¬
tologie 266. 93 ff.; Harder in ZfVk. 37, mff.;
M. Landau Holle und Fegfruer 1909, 114 ff.
Die älteren german. Gedichte kennen keinen
Tatbeweis aus Büchern. Hierher zu ziehen
ist wohl auch das Märchen: Der Teufel
in der Kirche: ZfdA öo, 230; Le Grand
d’Aussy Fablxaux 2, 17 Landau 118. Vgl.
Pesikta rabbati: Landau 1 lü. Weitere An¬
gaben über Buchführung: Talmud — Landau
116; Visio Beda: ebd. 117, Visio Prudentii:
ebd. 118; Ti Schendorf Apokal. apocr. 44 ff.
Der Schutzengel als Ankläger: Legenda aurea 1,
16. 98 ) Wad stein O04. Vgl. auch ZfdA. 6,
149 ff. ••) Bousset-Greßmann 258. 100 ) Siehe
Nachw. 98; Muspilli 91 f. Dieags. Rede der Seele
an den Leichnam 95 ff. Vgl. Volz Jüd. Escha¬
tologie 267; Sibyll. 8, 230. Die „Werke" klagen
den Menschen an: Volz 94 f.; Legenda aurea 1,
15 f. Das Gewissen: Legenda aurea 1, 16.
895
Juni
896
100a ) Legenda aurea 1, 16. 10Db ) Müllenhoff
(Mensing) Sagen 1921, 268 Nr. 405 = Meyer
Schleswig-Holstein 223. 1U1 ) Kühn au Sagen
2, 495. Vgl. Nachw. 68. 69. 102 ) Actaapost. 1,
11; Atzberger 101; Sibylle 8, 256; Gregorius
M., Migne PL. 76, 1079; Rabanus Maurus,
Migne PL. 110, 28. 424; Haymo, Migne PL. ■.
118, 21; Schönbach Predigten i, 181; 2, 11; i
Legenda aurea 1, 13; Hildegard v. Bingen bei
Wadstein 578; Vom jüngsten Gericht bei
Leitzmann 12; Engl. Schauspiel bei Wad stein
388. I03 ) Vom jüngsten Gericht Leitzmann !
12; Mone Latein. Hymnen 404; Mone Schau¬
spiele i, 283; Wad stein 588; Legenda aurea
1, 12. Späte ma.liehe Dichter: Wadstein
608. 609. 614. 615; Muspilli Schluß, Kynewulf
Crist III, 1108 ff. iiiöff. 104 ) Migne PL. 217,
988. Vgl. Volz 265 f.; Legenda aurea 1,16. 105 )
Legenda aurea 1, 15 nach Augustin; Ludw. j
Bechstein Das große Thüringische Mysterium ;
oder das geistl. Spiel von den 10 Jungfrauen 1S55. i
Vgl. Volz 79. 106 ) Volz Jüd. Eschatologie 265;
v. Gail 226 f. 317. 427 f. 11. häufig in ma.liehen !
Texten auf Grund von Matth. 25, 31 ff. Maßstab j
des Entscheids: Matth. 25; vgl. auch Volz 91 f. j
96 £E. 107 ) Schauspiele 1, 283. 107a ) Alemannia j
1, 78. 108 ) Mone 1, 297 = Wadstein 615 N. \
1; Bechstein Das große Mysterium 30 f.; Con- |
rad v. Würzburg bei Wadstein 614 t. 109 ) j
Meister Rumeland bei Wadstein 615 N. 5.
u0 ) Volz Jüd. Eschatologie 92. 267; Bousset-
Greßmann Religion d. Judentums 258 f.; 1
Bousset Antichrist 169; Muspilli 57; vgl. dazu \
v. Unwerth bei PBB. 40, 357 f.; Grau 241; |
Wadstein 597; Otfrid V, 19, 47 ff.; Rabanus
Maurus, Migne PL. 112, 1609ff.; Vom jüngsten
Gericht bei Leitzmann 12; Freidank Be¬
scheidenheit 179, 22 f. in ) v. Gail 224. 317. 320 f.;
Volz 277. 280 f.; Gregorius, M. Migne PL. 79,
143; Schönbach Predigten 1, 148; 2, 12.
112 ) Volz 272 ff.; v. Gail 339 ff.
6. Das j. G. als Vergeltungstag. Der
religiöse Volksglaube wurde oben (5) j
besprochen. Darüber hinaus heißt es: j
abgeschnittene Haare, die man nicht
verbrenne, müsse man am j. T.e sam¬
meln 113 ); dasselbe gilt im Norden von ;
den abgeschnittenen Fingernägeln 114 ).
Beim j. G. will Busewoy über Herzog
Boleslaus gerechtes Urteil fordern 116 ).
Vgl. Josaphat.
113 ) Meyer Baden 512. 114 ) Germania 26, 204.
Vgl. Liebrecht Z. Volksk. 319. n5 ) Peuk-
kert Schlesien 30; Schles. Provinzialbl. i, 417;
Martin Illig Das Nimptscher Land im Blüten¬
kranz d. Sage 1921, 6.
7. Im Segen. Bei Gott und dem j. G.
wird das kalte Gesicht 116 ), die Gicht 117 ),
das Friesei 117a ), das Feuer 118 ), das Blut 119 )
beschworen, Diebe U9a ), der Schuß ge¬
stellt 119b ). Die Nennung erfolgt wohl.
weil es das größte und furchtbarste
Ereignis ist. Doch kennt das Nigroman-
tische Kunstbuch auch eine Beschwörung
beim erschrecklichen Tag des ängstlichen
j. G.s 119c ).
116 ) Urquell i (1890), 169; Lammert 213.
Vgl. ZfdMyth. 4, 109; ZfVk. 17, 198. U7 ) Ger¬
mania 26, 233 t. Nr. 25. 117a ) Naumann
Gemeinschaftskultur 143; Lammert 213. 118 )
Baumgarten Heimat 1, 162. 119 ) Grimm
Myth. 3, 501 Nr. XXXII. n - a ) Jahn Hexen¬
wesen 56 f.; MVerBöhm. 18 (1880), 156; Viktor
Lommer Volkstüml. aus d. Saalthal 1, 21 f.
119b ) Ebd. 1, 15 f. 119c ) Köln 1743 (Scheible-
druck) 81.
8. Eschatologische Mystik im Volks¬
glauben. Am j. G. fährt der Teufel mit
einem feurigen Ofen ein Jahr umher;
wer hineingeht und sich verbrennen läßt,
kommt nach einem Jahr in den Him¬
mel 120 ). Am Tage des j. G.s klettern alle
Katzen längs der Mauer der Hölle entlang
(franz.) 121 ).
12 °) Knoop Posen 337. 121 ) Sebillot Folk-
Lore 3, 122. Peuckert.
Juni.
I. Der J. ist nach Juno benannt,
nach andern, was wenig wahrscheinlich
ist, nach L. Junius Brutus, dem ersten
Konsul Roms 1 ). Die älteste deutsche
Bezeichnung Brachmonat (Brach-
mänoth) ist entstanden, weil in diesem
Monat bei Dreifelderwirtschaft das Brach¬
feld bearbeitet wird 2 ). Im Breslauer
Monatgedicht (15. Jh.) heißt es daher:
Der brochmonde her och heyst
Von dem roczigen gebawer allermeyst.
Sy reyssen denne das feit umme.
Dy lenge und och dy kromme
Vnd machens bequeme czu der czeyt 3 ).
Von anderen Namen finden sich:
Sommermonat 4 ), das dem norweg.
Sumarmoanar und schwed. Midsommar 5 )
entspricht, Rosenmonat 6 ), Lüsemaen
im holsteinischen (Bordesholmer) Ka¬
lender (16. Jh.), wobei an die Schild¬
laus zu denken ist, nach der der Juli
dän. Ormemaaned heißt 7 ), Hunger-
muun auf Sylt 8 ), womit treffend die Le¬
bensmittelknappheit dieser Zeit vor der
Ernte bezeichnet wird, niederländ. We-
demaent, dem der Weidmonat bei
Fischart entspricht 9 ), der außerdem in
seiner „Aller Praktik Großmutter“ noch
die Namen anführt: Hundsman (s.Hunds¬
897
J ütel*—Kabbala
898
tage), Johannmonat, Maedermonat und
Nicomonat (wahrscheinlich nach Nico-
medes, 1. Juni) 10 ).
Im J. tritt die Sonne aus dem Zeichen
der Zwillinge in das der Krebse 11 ).
Wegen Personifikation des J. vgl.
Monat.
x ) Meyers Konv.-Lex. 10 (1905), 376. 2 ) Ebd.
3 (1905), 2 97 i Weinhold Monatnamen 34 f.;
SAVk. 11 (1907), 94 f.; H. Fredenhagen
Deutsche Monatsnamen (Festschr. z. 18. Haupt-
vers. d. Allg. d. Sprachvereins. Hamburg 1914,
141); Baumgarten Heimat 1, 49. 3 ) Wein¬
hold a. a. O. 35. 4 ) Ebd. 56. 6 ) Hoops Reallex.
3, 236. 6 ) Weinhold a. a. O. 53. 7 ) Ebd. 49.
8 ) Ebd. 46. 9 ) Ebd. 60. 1C ) Ebd. 46 ff. n ) Aus¬
deutung bei Nork Festkalender 373 ff.
2. Im J., in dem im alten Rom ein Fest
der Vesta stattfand 12 ), in Frankreich
früher alljährlich ein neuer Stein zu den
Menhirs aufgerichtet wurde, welche „on
illuminait ä grands frais la nuit qui pre-
cedait cette ceremonie“ 13 ), und in Ru߬
land zuweilen noch Frühlingsbräuche
ähnlich dem Todaustragen, geübt wer¬
den 14 ), kommt neben dem Fest der
Sonnenwende (s. d.) für den Aber¬
glauben wenig in Betracht. Doch fallen
meist auch die Pfingsten (s. d.) und
damit der Dreifaltigkeitssonntag (s.
d.) und Fronleichnam (s. d. und Don¬
nerstag) in den J.
Wie der Oktober und März (s. d.), so
werden im Wetterglauben der J. und
Dezember in Zusammenhang gebracht.
So heiß es im J. ist, so kalt soll es im
Dezember sein; und so naß oder trocken
der J. ist, so soll auch der Dezember
sein 16 ). Im allgemeinen ist ein trockener
J. erwünscht:
J., trocken mehr als naß.
Füllt mit gutem Wein das Faß 16 ).
Oder:
Wenn kalt und naß der J. war,
Verdirbt er fast das ganze Jahr 17 ).
Nur im oberen Böhmerwald heißt es:
„Im J. solTs regnen, daß dem Hirten
die Kleider vom Leibe fallen“ 18 ). Von
einzelnen Tagen, meist Lostagen (s.
d.), sind zu nennen: der 2. J., an dem
Lein gesät werden muß 19 ); der 8. J.
(Medardi), der das Wetter auf sechs
Wochen voraussagt 20 ), und günstig ist
für die Feldarbeit, denn
Wer auf Medardi baut,
Dem wachst viel Flachs und Kraut 21 ).
Ferner der 15. J. (Veit) 22 ), im Böhmer¬
wald besonders wichtig für das Kraut¬
pflanzen **); der 17. J. als ausgesproche¬
ner Unglückstag (s. d.) 24 ); der Johannis¬
tag (s. d.), der 27. J. (Siebenschläfer) 26 )
und Peter und Paul 2Ö ) (s. d.).
Nach dem hundertjährigen Kalender
soll man im J. vorsichtig im Essen
und Trinken sein 27 ).
l2 ) Domaszewski Religion 179; Frazer 2,
127 Anm. 13 ) S6billot Folk-Lore 4, 14. 14 )
Frazer 4, 262. 15 ) Reinsberg Wetter 139;
B. Haldy Die deutschen Bauernregeln (Jena
1923) 54. M ) Reinsberg Böhmen 289 u. Wetter
139; Haldy a. a. O. 54. 17 ) Drechsler 1, 133;
Reinsberg Wetter 139; Haldy a. a. O. 54.
18 ) John Westböhmen 236. l9 ) Leoprechting
Lechrain 180; Wuttke 421 § 657 (Mecklen¬
burg). 20 ) Leoprechting Lechrain 180; Zin-
gerle Tirol 157; Reinsberg Böhmen 290 u.
Wetter 140; Haldy a. a. O. 58 ff. 21 ) Zin-
gerle Tirol 157; Reinsberg Böhmen 295;
Jungbauer Volksdichtung 225. M ) Baum¬
garten Heimat 1, 49; Sartori Sitte u. Brauch
3, 221; Frazer io, 335; Leoprechting
Lechrain 181; Reinsberg Böhmen 299 ff. u.
Wetter 1430.; Haldy a. a. O. 59 f. 23 ) Jung¬
bauer Volksdichtung 225; John Westböhmen
70. 24 ) Vgl. Fogel Pennsylvania 263 Nr. 1372.
“) Reinsberg Wetter 149; K. Kaßner Das
Wetter 2 (Nr. 25 von „Wissenschaft u. Bildung'*
Leipzig 1918) 24. 24 ) Leoprechting Lech¬
rain 185; Reinsberg Böhmen 325 ff. u. Fest¬
jahr 194 ff. u. Wetter 149!.; Haldy a. a. O.
60 f. 27 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 379.
Jungbauer.
Jütel s. Gütel.
Kabbala. Die K. ist eine mystische
Weltanschauung und Welterklärung, die
das mittelalterliche Judentum ausgebildet
hat. Das Wort K. selbst bedeutet „Über¬
lieferung“ (der heiligen Lehrtradition) x ).
Ausgehend von dem Gottesbegriff, der
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
als En Söph d. i. das Endlose im zeit¬
lichen und räumlichen Sinn, die in sich
ruhende und unveränderliche Einheit, von
dem manche Kabbalisten als Zweites das
A A
Or En Söph, das unendliche Licht, unter¬
schieden, definiert wird, ist das be-
29
899
herrschende Thema der K. die Erklärung
des Werdens der Welt aus dem ewigen
Sein. Im Grunde Emanationstheorie
schwankt die K. doch zwischen dieser
und der durch die Bibel gegebenen Creatio,
die man nicht preisgeben konnte. Im
Anschluß an die von der jüdischen
Tradition angenommenen io Schöpfungs¬
worte Gottes (es heißt Gen. i zehnmal:
vajjömer Elohim „und Gott sprach“)
läßt die K. aus Gott io Unnächte, die
Sephiröth (von acpatpot?) ausströmen, nach
dem Buch Jezirah (s. d.) den Geist, die
Luft, das Wasser, das Feuer, dann die
sechs Raumgrenzen, die später, in dem so¬
genannten kabb. Baum, dessen Wurzeln
im Himmel, die Krone auf Erden hegt 2 ),
vereinigt, als Kether (Krone), Chochmäh
(Weisheit), Binäh (Einsicht), Chesed
(Gnade), Din (Gericht), Tiphereth
(Schönheit), Nezach (Sieg), Höd (Hoheit),
Jesöd (Fundament), Malchüth (Herr¬
schaft) bezeichnet werden. Manche der
Namen sind bei einzelnen Kabbalisten
auch anders genannt. Sie werden unter¬
einander wieder in Gruppen zusammen¬
gefaßt, die den Übergang der geistigen
zur materiellen Welt darstellen, wie
denn in der Selbstentfaltung Gottes in
den Sephiröth nach der Entfernung
dieser von ihrem Ausgangspunkt ihr
Reichtum und ihre Geistigkeit immer
mehr abnimmt. Die Sephiröth er¬
scheinen bald als zwischen Gott und der
sichtbaren Welt eingeschobene Wesen,
bald als göttliche Kräfte. Dieser ema-
natistische Prozeß ist hervorgerufen durch
den Zimzüm, die Kontraktion des Un¬
endlichen, und führt zu 4 Stufenwelten,
dem Öläm haaziläh (Welt der Strahlung),
Öläm habberiäh (Welt der Schöpfung),
Öläm hajeziräh (Welt der Formung) und
Ölämhaasijjäh (Welt der Ausgestaltung).
In diese Spekulation mischt sich mm die
Idee vom Makrokosmus ein, indem die
Gesamtheit der Sephiröth sich auch zur
Gestalt des Adam kadmöni, des himm¬
lischen Urmenschen, zusammenschließt,
der zugleich das reine und ewige Urbild
des Mikrokosmus, des irdischen oder
„ersten“ Menschen Adam, ist. Ein Reich
des Bösen in entsprechender Gliederung
900
steht nach späterer Lehre diesem Reich
des Guten gegenüber. Den Welten ge¬
hören auch die ihnen eigentümlichen
Wesen an, der ersten die Schechinäh
(der Glanz Gottes), der zweiten die Ur¬
form der zu schaffenden Dinge und
Gottes Herrlichkeitsthron, der dritten die
Engel und Seelen der Gerechten, aber auch
die Dämonen, der vierten die sinnliche
Welt der Erscheinungen. In das System
werden die 10 Gottesnamen, die 10 Ge¬
bote, die Planetensphären und der Tier¬
kreis, die Engelordnungen, die Teile des
menschlichen Leibes hinein verflochten.
Der Mensch als Mikrokosmus und Ab¬
bild des Urmenschen steht zwischen
Himmel und Erde, zwischen Zeit und
Ewigkeit, ist teilhaft göttlicher und ir¬
discher Natur. Schon der Leib ist der
Siegelabdruck des Urmenschen und ent¬
spricht den Sephiröth. Die Seele aber,
trichotom, ist als nephesch das belebende
Prinzip, als rüach die Quelle des mora¬
lischen Lebens, als neschämäh endlich
die Vermittlerin des Umgangs und der
Verbindung mit Gott. Zweck des mensch¬
lichen Lebens ist Prüfung und Läuterung
der Seele, und wir wundem uns nicht, in
diesem Zusammenhang auch der Lehre
von der Seelenwanderung, Gilgül neschä-
möth, zu begegnen. Vermöge seiner Na¬
tur steht denn auch der Mensch in sym¬
pathischer Verknüpfung mit der ganzen
Natur, der sinnlichen und übersinnlichen,
der irdischen und überirdischen, und
kann mit den Geistern der Zwischen¬
welten in Verkehr treten wie auch mit
Gott.
Diese mystisch-magische Weltanschau¬
ung ist die Reaktion auf den im Aristo-
telismus des Mittelalters auch in der jü¬
dischen Religionsphilosophie sich aus¬
breitenden Rationalismus. Ihre Anfänge
gehen schon ins 7. Jhdt. zurück, soweit
wir mit einiger Sicherheit urteilen können.
Zunächst Merkhaba- und Metatronmystik,
Spekulation über Gottes Thron und Hof¬
staat, Buchstaben- und Alphabetmystik,
Spekulation über Gottes Unendlichkeit
in dem seltsam anthropomorphistischen
Schiur Komah 3 ), entwickelt sich seit
dem 8. Jhdt. mit dem Buch Jezirah
Kabbala
Kabbala
(s. d.) die Bereschithmystik, die Schöp¬
fungsmystik, die im 13. Jhdt. im Zöhar
(s. d.) ihren Höhepunkt erreicht. Die sog.
praktische K. findet ihren Hauptaus¬
druck in dem wohl schon dem 10. Jhdt.
bekannten Buch Räziel (s. d.). Dann
verfällt die K., nicht ohne vorher auch
in die christliche Gedankenwelt einge¬
drungen zu sein. Schon Albertus Magnus
kennt das Buch Räziel im 13. Jhdt.,
ebenso Joh. Hartlieb im 15. Jhdt.;
gleichzeitig mit dem Kölner Dominikaner
zeigt der Spanier Raimundus Lullus die
Bekanntschaft mit der K. in seiner „Ars
magna“. Als im 15. Jhdt. der Plato¬
nismus und Neuplatonismus in dem
wiederentdeckten Corpus der hermeti¬
schen Schriften neuen Einfluß gewann,
erlangte auch die K. starke Beachtung
und Bedeutung. Pico de Mirandola schrieb
i486 seine „Conclusiones cabbalisticae",
Reuchlin 1494 sein Buch „De verbo
mirifico“ und 1517 „De arte cabbalistica“;
Agrippa von Nettesheim 4 ), Trithemius,
Theophrastus Paracelsus 5 ), Helmont,
Fludd 6 ) usw. sind in ihrem Bann, Joh.
Pistorius sammelte 1587 in seinen „Artis
cabbalisticae scriptores“ die kabbalisti¬
schen Bücher, im folgenden Jahrhundert
schrieb Knorr von Rosenroth seine „Kab¬
bala denudata“ (1677). Im Chassidismus
des Ostens lebt die K. heute noch unter den
Juden weiter 7 ). Gegenwärtig ist sie Nutz¬
nießerin der mystischen Stimmung auch
im Westen und findet viele neue Freunde
in weitesten Kreisen.
Es ist wohl mit Sicherheit anzunehmen,
daß in der K. Platonismus, vorzüglich
in der neuplatonischen Ausgestaltung,
und Neupythagoreismus nachwirken. In
mancher Beziehung ist die alexandrinische
Religionsphilosophie mit ihrem geist¬
vollen Vertreter Philo eine überraschende
Parallele, zumal in der Lehre von den
Mittlermächten zwischen Gott und der
sichtbaren Welt. Aber fraglos sind auch
noch ältere Bestandteile der orientalischen
Weisheit auf dem Umweg über die gno-
stischen und orientalischen Sekten und
religiösen Gemeinschaften, z. T. durch
die talmudische Überlieferung, auf sie
vererbt worden 8 ). Aber man wird sich
immer vergegenwärtigen müssen, daß
die K. als solche erst ein kühnes Gedanken¬
gebilde des Mittelalters ist, das, wie
schließlich alle Systeme, selbstverständ¬
lich mancherlei Gut der Vergangenheit
aufgesogen, dies aber in eigener Weise
in sich verarbeitet und ausgeformt hat.
Sie ist ein imponierender Versuch, der
ewigen Frage nach dem Woher und
Wohin, dem Warum und Wozu der Welt
und des Menschen, nach Grund und Ziel
alles Seins und Werdens Antwort zu geben
und ihrer Herr zu werden 9 ).
Was ihr einen Platz im Zusammenhang
des Aberglaubens, auch des deutschen,
sichert, das ist ihre praktische Auswer¬
tung als Folgerung aus dieser Erkenntnis
der Welt- und Lebensbedingungen und
ihr Nachleben im Aberglauben. Namen-,
Buchstaben- und Zahlenzauber sind von
ihr nachdrücklich beeinflußt worden. Da¬
mit hat die K. antike Überlieferungen
aufgegriffen, die uns in den hellenistischen
Zauberbüchem auf Schritt und Tritt be¬
gegnen, wo die mystische Bedeutung des
Numerus, der Buchstaben, vor allem der
sieben Vokale, des Alphabets und der
Gottes- und Götter-, der Engel- und
Dämonennamen eine maßgebende Rolle
spiel 1. Mit den schon älterer Methode
der Rabbinen geläufigen Mitteln der
Gematriä, des Nötärikön, des Zirüf und
der Themüräh 10 ) feiert die Auslegung
der Schrift, das Finden, Bilden, Spielen
von und mit den seltsamsten Namen und
Beziehungen Orgien und versteigt sich
in die merkwürdigsten Absonderlichkeiten.
Diese praktische K., kabbäläh maasith,
die von der spekulativen oder theore¬
tischen, kabbalah ijjünith, unterschieden
wird und schließlich auch „Amulett,
Pentakel“ u. ä., überhaupt „Zauberei,
Magie“ bedeutet 11 ), wirkt sich aus in der
Beherrschung der Gottesnamen, Tetra¬
gramm oder Schern bzw. Schemhamm-
phöräsch (s. d.) 12 ), des 10- 13 ), 12-, 22-,
42-, 72- 14 ) buchstabigen Namens oder
der 70 bzw. 72 Namen Gottes 15 ), denen
auch 72 Namen Jesu Christi nachgebildet
werden 16 ), usw. Die Kenntnis des Na¬
mens ist Besitz der Baale schein d. i.
„Herrn, Kenner des Gottesnamens“ 17 ),
903
Kabbala
904
und mit ihm richten sie ihre magischen
Künste aus 18 ). Astrologie, Chiromantie,
Physiognomik verbinden sich mit dieser
K. 19 ). Ihr entstammen zahlreiche Amu¬
lette mit Gottes-, Engel- und Dämonen¬
namen, wie etwa der weitverbreitete Schutz¬
zettel für die Geburt gegen Lilith (s. d.) 20 ),
Psalmenzauber (s. d.), Zauber mit Sprü¬
chen des Alten Testaments, Schwinde¬
formeln, Zauber quadrate (s.d.), Salomons¬
siegel (s. d.), Davidschild (s. d.), Ab¬
breviaturen wie Araritä (s. d.), Agla
(s. d.) usw., die freilich zum Teil von der
K. aus älterer Tradition übernommen
wurden und dann in den deutschen Aber¬
glauben und die Magie hinüberdrangen.
Zu ihr gehören auch alte Zauberbücher
wie das „Schwert des Moses“ 21 ) und die
„Weisheit der Chaldäer“ 22 ). Eine Menge
deutscher Zauberbücher enthalten mehr
oder weniger kabbalistischen Stoff oder
berufen sich auf die K. als Quelle 23 ). In
der Sprache der Gegenwart lebt das
Wort K. noch fort im Sinn von „heim¬
liche Rottierung, Geheimbund, Ränke¬
schmieden“ im Anschluß an die Bedeu¬
tung „Geheimwissenschaft“ 24 ).
l ) Buxtorf Lex. chald. talm. et rabb. (ed.
Fischer 1869), 971; F. Weber Jüd. Theologie
a. Gr. des Talmud u. verw. Schriften (1897), 81.
92; Hauck RE. 9, 671 u. s. 2 ) Zu dieser Vor¬
stellung vgl. Z.f.Missionsk. u. Religionswiss. 43
(1928), 78 ff. 3 ) Ph. Bloch Gesch. d. Entwickelung
der Kabbala u. d. jüd. Religionsphilosophie (1894),
14 h; E. Bischoff Die Kabbalah (1903), 8;
M. Gaster Studies and Texts in Folklore 2
(1925—28), 1330 ff. 4 ) Agrippa v. Nettesh.
3, 50 ff. 346 ff. 5 ) Paracelsus 174. ®) Para¬
celsus 233: Summum bonum quod est verum
Magiae Cabalae Alchymiae verae Fratrum Ro-
saecrucis verorum subjectum (1629). 7 ) M.
Buber Vom Geist des Judentums (1916) c. 6:
Das Leben des Chassidim; S. A. Horodezky
Relig. Strömungen im Judentum (1920). 8 ) E.
Bischoff Babylonisch-Astrales in Talmud und
Midrasch (1907); W. Bousset Die Haupt¬
probleme der Gnosis (1907), 201 ff.; R. Reitzen¬
stein Poimandres (1904), 42. 44. 110. 181.
189; Dornseiff Alphabet 139 ff. 9 ) Außer den
o. i. Text angegebenen alten Werken von
Reuchlin usw. vgl. P. Bongo Numerorum
mysteria (Bergomi 1599); J. Wier De praestigiis
daemonum 1. 2 c. 3 (franz. Ausg. Paris 1885,
I, 175); M. Delrio Disquisitiones magicae (Köln
1679) 54* 599; F. A. Christian! Der Juden
Glaube u. Aberglaube (ed. Chr. Reineccius 1713),
59 ff.; Cabalae verior descriptio d. i. gründliche
Beschreibung aller natürlich, und übernatürlich.
Dingen, wie durch das Verbum fiat alles er¬
schaffen usw. (Hamburg 1680); Horst Zauber -
Bibliothek 6 (1826), 488 Reg.; A. Franck La
Kabbale ou la Philosophie religieuse des Hebreux
(1843, deutsch von A. Gellinek 1844; anast.
Neudr. 1920); Ersch u. Gruber Ency-
clopädie Sekt. 2 Bd. 27 (1850, von Stein¬
schneider); Herzog RE. 7 (1857), 193^*
(E. Reuss); Hauck RE. 9. 670 ff. (Wünsche);
Jewish Encyclopedia 3 (1902) s. v. Cabala
(Ginzberg); RGG. 3, 8740.; Ph. Bloch s. o.
Anm. 3; E. Bischoff Die Kabbalah (1903; n.
Aufl. 1920); Ders. Die Elemente der Kabbalah
(1913/14; n. Aufl. 1920/21); E. L£vy (= Abb£
Constant) Les mystires de la Kabbala (1921 ?);
Ders. Histoire de la magie (1892), 23 ff. 51 ff.
105 ff.; C. Vulliaud La Cabbale juive (1923)»
S. Rubin Heidentum und Kabbala (1893);
Ders. Kabbala und Hagada (1895); Gr.
Mathers The Kabbalah unveiled (1887); Papus
(= Encausse) Die Kabbala. Deutsch v. I.
Nestler (1921); A. Lehmann Aberglaube und
Zauberei (1908), 132 ff. 188 ff. 218 ff.; E. Müller
Der Sohar und seine Lehre (1923); C. Kiese-
wetter Der Occultismus des Altertums 3050.;
M. Dessoir Vom Jenseits der Seele (1917),
209 ff.; Collin de Plancy Dictionnaire in¬
fernal (1850), 106; Soldan-Heppe 2, 435;
Tiede Gotteserkenntnis 341; Schröder Ger¬
manentum 11; Güntert Göttersprache 71;
Schindler Aberglaube 88 ff.; Jennings Rosen¬
kreuzer 2, 276 Reg.; A. L. Caillet Manuel
bibliographique des Sciences psychiques et occultes
1 (1912), 271 ff.; 2, 350; L. Held Das Gespenst
des Golem (1527); J. de Pauly Sepher ha-Zohar
(1911); Encyclopedia Britannica 13 {1929 h
233 ff.; La Grande Encyclop6die 8, 587 ff.
(J. Loeb); Th. W. Danzel Magie und Geheim¬
wissenschaft (1924), 1700. 10 ) Weber a. a. O.
121 ff.; Buxtorf a. a. O. 229. 677; Dornseiff
a.a.O. i36ff.; Bischoff Kabbalah 16ff.; Ders.
Elemente 2, 221; Hauck RE. 9, 68of. u )Buxtorf
a. a. O. 971. 12 ) ebd. a. a. O. 12040.; Joh.
Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst (1914),
XLVII. 16; M. Luthers Schrift vom Schern
ham'phorasch (Erlang. Ausg. d. d. Werke
Bd. 32); A. Margaritha Der gantze jüdische
Glaube (ed. Reineccius 1713). 2930.; Christiani
a. a.O. 59 ff.; ZDMG. 32 (1878), 465. 735 f *.
33 (1879), 297; Gaster a. a. O. 1, 290 ff. 417 ff.;
Bischoff Elemente 2, 100 ff.; Lehmann a. a. O.
141 ff.; Dornseiff a. a. O. 54 gibt die Litteratur
über den Namenglauben im allgemeinen; Arch-
angelus de Borgonuovo Spiegel des Heils.
Vom Namen Jesu (s. Buxtorf a. a. O. 97 2 )-
13 ) Hieronymus Opp. (Basileae, Froben 1537)
3,94; Pseudo-Euagrius [Cotelerius Eccles.
graec. mon. 3 (1688), 116; de Lagarde Ono-
mastica sacra (1887), 229 ff.]; Isidorus Hisp.
Etym. 7, 1 (Migne Patr. Lat. 82, 2590.);
Scheible Kloster 3, 300. 307 ff. 14 ) Buxtorf
a. a.O. 1205. 1208. 1212, vgl. 426; Petrus Gala¬
tinus De arcanis catholicae veritatis (15*8) 1* 2
c. 18; Bischoff Elemente 2, 1156.; Marga¬
ritha a. a.O. 293 ff.; Scheible Kloster 3, 3° 2 :
905
Käfer
906
L. Blau Das altjüdische Zauberwesen (1914),
139; Held Golem 175. 177. 181. 187. 190 ff.
195; Bloch a. a. O. 4. 10; Delrio a. a. O.
54; Agrippa von Nettesh. 3, 1460.; Horst
a. a. O. 3, 136 t.; Lehmann a. a. O. 141;
Jezira das ist das große Buch des Buches Moses
(mod. Druck von E. Bartels. Neuweißensee)
im Schlußteil 130 f. 131 (aus P. Galatinus ex-
cerpiert); F. Buchmann Schlüssel zu den 72
Gottesnamen der Kabbala. Frühzeitig in deut¬
sche Quellen übergegangen vgl. Pfeiffer Zwei
deutsche Arzneibücher aus dem 12. u. JJ. Jhdt.
Sitz.-Ber. Wien. Ak. 42 (1863), 150; Alemannia
2 (1874), 135; MittschlesVk. 13, 23; L. Uhland
Alte hoch- u. niederd. Volkslieder (3. Aufl.) 2, 157
Nr. 309 Str. 4 u. 12; Pradel Gebete 74; Gaster
a. a. O. 2, 1075. 16 ) Es gibt auch eine Liste der
72 Namen Gottes, die „folgende 72 Völcker mit
Vier Buchstaben (also tetragrämm) schreiben und
nennen“ vgl. Scheible Kloster 3, 283; Jezira
136 f.; Thiers 1, 167; Jezira a. a. O. i, 128;
Enchiridion manuale 53. 1Ä ) Pradel a. a.O. 74;
Haupt Üb. d. mitteld. Arzneibuch d. Meisters
Bartholomaeus Sitz.-Ber. Wien. Ak. 71 (1872),
521; Horst a. a.O. 2, 129. Es sind wohl die auch
im Enchiridion manuale (s. Geistl. Schild),
franz. Edit. mit der Datierung: A Rome 1740,
S. 84 genannten „noms de Jesus-Christ. 17 )
Bischoff Elemente 1, 184. 2, 36; Ders. Kab¬
balah 81. 18 ) Solche Geschichten s. bei Held
Golem ; Salomon aben Verga Liber Schevet
lehuda ed. M. Wiener 2 (1924), 13 2 f*. Scheible
Kloster 11, 1130. 1135. 20 ) Abbildungen solcher
Amulette in Bischoffs Büchern und bei Vul¬
liaud. 21 ) Gaster a. a.O. 1, 288 ff. 22 ) ebd. i,
338 ff. 23 ) Semiphoras und Schemhamphoras Sa¬
lomonis Regis: Horst a. a.O. 2, i34ff.; 3- l6 8ff.;
Scheible Kloster 3, 300ff.; Clavicula Salomonis
ed. A. Luppius (s. a. Clav. Sal.); Magia Divina.
Anno 1745: Scheible a. a. O. 3, 524 ff.; Kiese -
wetter Faust 2 (1911), 26. Zoroasters Telescop:
Scheible a. a. O. 414 ff. Lux mundi Eleazar
Hacklier, des großen Cabalisten Arthascha usw.:
Kiesewetter a. a. O. 2, 26; Oraculum Caba-
listicum oder gantz neu erläuterte Cabalistische
Tabellen (Augspurg 1750); Praxis cabulae
nigrae doctoris Xohannis Fausti, magi celeberrimi
oder Unerforschlicher Höllenzwang (Passau
1612; ed. Scheible 1849, vgl. Kiesewetter
a. a. O. 1, 158. Geheime Kunst-Schule magischer
Wunder-Kräfte usw. im 6. u. 7. Buch Mosis (s. d.),
mod. Druck von E. Bartels, Berlin-Weißen¬
see; das B. ist verwandt dem „Sepher Schim¬
musch Thehillim oder Gebrauch der Psalmen
usw. Ein Fragment aus der praktischen Kabbala,
übers, von Gottfr. Selig (Berlin 1788)“ (s. d. A.
Psalmenzauber); Paracelsus Magia Divina
seu Praxis Cabulae Albae et Naturalis (sie wurde
angeblich von P. 1515 dem Kaiser Maximilian I.
übergeben): Kiesewetter a. a. O. 2, 162;
Jezira a. a. O. 135 (Tabelle der Sephiroth);
Cabbala Salomonis (dt. Hd. von ca. 1820; Th.
Ackermann, Geh. Wissensch. Kat. 596; Mün¬
chen 1927), 4; Praxis Caballe Albe et Nigre
Doctor Iohanni Faustii (Cabbal.-mag. Bücher¬
schatz Bd. 1, ca. 1922). Der Kornreuther (s. d.)
führt seine Wissenschaft auf die Cabbala Thagi
Alfagi zurück, vgl. Jezira 1. Teil 152; Horst
a. a. O. 1, 161. Ebenso sagt das Enchiridion
man., das sich nach S. 15 „aux sages cabalistes“
wendet, auf S. 89 über die „Vertus des sept
Psaumes (die S. 18 ff. stehen), sie seien „tir6s
de la Cabale“. Auch der Adept Salomon Trismo-
sinus beruft sich auf „Cabalische vnd Magische
Bücher in Egyptischer Spraach“ vgl. Kiese-
wetter Die Geheimwissenschaften 79 usw.;
MittschlesVk 31 (1930), 220; Seyfarth Sachsen
XXIII. 303; Horst Zauber-Bibliothek 1, 371:
Frat. Vincencii Ord. P. Das geheime My¬
sterium Cabalisticum aus dem Spanischen ins
Teutsche übersetzt. Mit 32 Gemählden (der Do¬
minikaner Vincentius von Beauvais war alche-
mistischer u. ä. Weisheit zugänglich und unter
seinem Namen gingen allerlei derartige Schriften
um; vgl. C. Kiesewetter Die Geheimwissen¬
schaften 36). 24 ) Kluge Et Wb (1915). 220.
J acoby.
Käfer.
1. Allgemeines. Von Käfern 1 ) ist im
Volksglauben häufig die Rede. Besonders
oft werden genannt: Maik. (s.d.), Hirschk.
(s. d.), Mistk. (s. d.), Johanniswürmchen
(s. d.), Marienk. (s. d.). Nicht selten läßt
es der Mann aus dem Volke bei dem Kol¬
lektivnamen „K.“ bewenden. Im folgen¬
den soll der Versuch gemacht werden, den
Begriff „K.“ folkioristisch zu umschreiben.
x ) Etymologisches und Onomastisches zum
K. vgl. bei Grimm Mythol. 2, 576; Schräder
Reall. 401; Edlinger Tiernamen 62; Riegler
Tier 243.
2. Biologisches. Schon im Altertum
unterschied man eine beträchtliche An¬
zahl von K.n. Aristoteles bemüht sich,
aus den verschiedenen Arten den Begriff
„K.“ zu abstrahieren, was ihm aber nicht
recht gelingt. Er sagt (hist. an. V 19
p. 552 bi) folgendes: Die K. entwickeln
sich aus Larven, die auf Birnen-, Kiefer-,
Feigenbäumen und Hagebuttensträu-
chern leben und haben die Neigung,
übelriechende Dinge aufzusuchen, weil
sie aus derartigen Stoffen entstehen 151 ).
ia ) Pauly-Wissowa 10, 2, 1478 ff.
3. Animismus. Wie andere Insekten
(vgl. namentlich Schmetterling) ist der
K. eine häufige Seelenepiphanie. Elbe
und Mare erscheinen in K.gestalt 2 ).
Nicht selten bergen sich darin ver¬
wunschene Prinzen und Prinzessinnen 8 ).
Namentlich Goldk. und Maik. sind im
germanischen Heidentum von großer Be-
90 7
Käfer
908
Kaffee
deutung, doch werden sie fortwährend
miteinander vertauscht 4 ). An einem
altgermanischen K.kult dürfte kaum zu
zweifeln sein, obwohl die Zusammen¬
hänge mit Thor nicht sicher sind 5 ). In
Süddeutschland sind Sagen von gol¬
denen oder schwarzen K.n besonders
häufig 6 ). Elbische K. unterscheiden sich
von gewöhnlichen durch eine außer¬
ordentliche Größe (vgl. altnord, iötunoxi 7 ),
isländ. iötunuxi 8 ) „Riesenochse“ als Na¬
me eines Kurzflüglers, Staphylinus maxil-
losus) und einen prächtigen Glanz 9 ).
Ein Niederschlag der alten mythischen
Bedeutung des K.s findet sich in den so
zahlreichen K.liedern.
3 ) Mannhardt Germ. Mythen 367 ff. 3 ) Ebd.
4 ) 243 fg. 5 ) Grimm Mythol. 2, 576 f. ®) Wolf
Beiträge 2, 447. 7 ) Grimm a. a. O. 8 ) ZfVk. 8,
287. 9 ) Wolf a. a. O. 10 * ) Mannhardt op. cit.
369-
4. Kobold (spiritus familiaris). Be¬
sonders häufig ist der K. Erscheinungs¬
form des Kobolds, ja „Käferchen“ findet
sich in einer sächsischen Sage als Ko¬
boldname n ). Als spiritus familiaris wird
er in Branntweingeist gehalten 12 ), macht
Gold 13 ), verschafft Geld 14 ), bringt Glück
im Spiel 15 ), führt aber auch nach tücki¬
scher Koboldart ins Verderben 16 ).
u ) Meiche Sagen 299 Nr. 388. 12 ) Leo-
prechting Lechrain 76. l3 ) Mannhardt Germ.
Mythen 367 f. 14 ) Birlinger Volksth. 1, 94 f.
15 ) Kühnau Sagen 2, 4 f. 16 ) Sommer Sagen
34 Nr. 31.
5. Hexe, Teufel. Nach einem nord¬
deutschen Volksglauben verwandeln sich
Hexen in K. 17 ). In einer oberpfälzischen
Sage bannt ein Pfarrer auf dem Kelch¬
tuch den Bösen in die Gestalt eines
kleinen K.s 18 ).
17 ) Strackerjan 2, 176 Nr. 409. 18 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 45 f.
6. Krankheitsdämon. Psychische
Zustände wie Delirium, schlechte Laune,
Rausch werden zuweilen vom Volks¬
glauben auf das Vorhandensein eines
imaginären Hirnkäfers zurückgeführt.
Vgl. hiezu die rum. Redensart a aveä
gändacl in cap t K. im Kopfe haben, von
einem, der ein wunderliches Benehmen
zeigt 19 ). Die Masuren glauben an die
Existenz eines lebendigen eigenartigen
Wesens im menschlichen Körper, Ma-
cica genannt, das wie der Bandwurm
erblich ist und die Gestalt eines K.s
haben kann 20 ).
19 ) Riegler Tier 244; WS. 7, 132 2 . 20 ) Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 128.
7. Za über ab wehr. Infolge seines
dämonischen Charakters wurde der K.
auch als Apotropäon gebraucht. Schon
Plinius berichtet von K.-Amuletten 21 ).
Zu den ältesten Amuletten gehören die
Nachbildungen des heiligen ägyptischen
K.s (Scarabaeus, Pillendreher) 22 ).
21 ) Grimm Mythol. 2, 983. 22 ) Meyer Aber¬
glaube 256; Kronfeld Krieg 41.
8. Bannfluch (Prozesse). Wie fest
man noch im späteren Mittelalter von dem
dämonischen Charakter gewisser K.arten
überzeugt war, geht aus der Tatsache
hervor, daß die der Landwirtschaft
schädlichen K. (Maik., bzw. Engerlinge)
von kirchlichen Würdenträgern exkom¬
muniziert wurden (z. B. 1479 u. 1505
in Bern) 23 ). Ja, sie wurden sogar vor Ge¬
richt geladen, und da sie nicht erschienen,
in contumaciam verurteilt 24 ).
23 ) Meyer Aberglaube 81. 24 ) Ebd.; Nider-
berger Unterwalden 3, 528 fg.
9. Orakeltier. In der Landwirtschaft
schließt man nach einem schwäbischen
Volksglauben aus dem häufigen Auf¬
treten von K.n auf ein gutes Wein¬
jahr 25 ). In einer elsässischen Sage wird
das Erscheinen eines K.s mit einem
schwarzen Kreuz auf den geschlossenen
Flügeln als Himmelszeichen gedeutet und
veranlaßt den Bau einer Kirche 26 ).
Gewisse K.arten wie der Klopfk. (An-
nobium pertinax, s. „Holzwurm“) und
Totenk. (Blaps mortisaga) (s. d.) gel¬
ten als Todesomen 27 ). Ob der Passus
von „dem Herrn, der klopfen kommt“
in der von der Luzerner Regierung im
Pestjahr 1594 erlassenen Verordnung sich
auf den Holzwuimbezieht, wie J ühling 28 )
will, scheint zweifelhaft.
2S ) Eberhardt Landwirtschaft 11. 28 ) Stöber
Elsaß 1, 58 Nr. 79. 27 ) Hopf Tierorakel 200;
Schwebel Tod u. ewiges Leben 125; Unoth 1,
181 Nr. 33. 28 ) Tiere 91.
10. Volksmedizin. Als Mittel gegen
Zahnschmerz, auch prophylaktisch, wird
empfohlen, einem auf den Rücken ge¬
fallenen K. wieder auf die Beine zu hel¬
fen 29 ).
Auch in der volkstümlichen Tierheil¬
kunde finden K. Verwendung: Kühen,
die im Vormagen verstopft sind, schiebt
man lebende K. in den Hals, damit sie
den Magen durch wühlen 30 ).
29 ) Op. cit. 90; Lammert 233; Wuttke
35i § 527- 30 ) Strackerjan 1, 97; 2, 176
Nr. 407; Wuttke 446 § 703. Riegler.
Kaffee. Mit überraschender Schnellig¬
keit ist der Kaffee ungefähr seit der Mitte
des 18. Jhs. das häusliche Getränk ge¬
worden, in der einen Gegend etwas früher,
in der andern etwas später, und hat manche
alte Suppen und Breie ersetzt x ). Mannig¬
faltiger Aberglaube knüpft sich an ihn:
Allgemein verbreitet ist z. B. die Meinung,
daß man schön werde, wenn man kalten
Kaffee trinke 2 ) oder schwarzen Kaffee ohne
„Päckli“ (d. h. ohne Zichorie oder ohne
andere Zutaten 3 )). Wenn junge Mädchen
zum Tee oder Kaffee eher den Rahm als
den Zucker geben, werden sie alte Jung¬
fern 4 ), wird der Geliebte untreu 5 ). Man
bekommt eine böse Schwiegermutter,
wenn man noch Kaffee in der Tasse hat
und schüttet trotzdem frischen dazu 6 )
(Heidelberg). Streut man einige Körner ge¬
weihten Salzes in den Kaffee, so bannt
man die Verliebtheit des andern (Baden 7 )).
Wenn sich Schaum auf dem Kaffee
findet, bekommt man Geld 8 ). Ziehen
sich alle Schaumbläschen nach der Mitte
hin zusammen, so gibt es oder bleibt es
gut Wetter 8 ). Ist bei Frostwetter ge¬
mahlener Kaffee in der Lade fest, so
friert es noch lange; fällt er aber in zwei
Häufchen, so deutet es auf gutes Wetter 9 ).
Schluckt man den Zuckerschaum auf
dem Kaffee (das „Küssel“ oder „Mäusel“)
auf einmal hinunter, so bekommt man
in kurzem ein liebes Geschenk 10 ).
Die Wahrsagerei aus dem Kaffeesatz
gehört zum ältesten belegbaren K.-Aber¬
glauben. In der Pariser Damenwelt war
sie bereits im Anfang des 18. Jhs. sehr
verbreitet; teils wurde sie von gewerbs¬
mäßigen Weissagerinnen ausgeübt, teils
von den Kaffeetrinkerinnen selbst. Die
Einzelheiten entsprechen ziemlich den
unten ausführlich wiedergegebenen 10a ).
1742 erschien in Leipzig „Die Wahrsagerin
aus dem Coffee- Schälgen mit Bemer¬
kungen von C. G. B.“. 1756 in Raab
„Das oraculum astronomico-geomanti-
cum oder die Kunst und Weisheit im
Kaffee und allen andern Gießungen das
Schicksal zu sehen“. In seinem 1744
zuerst erschienenen scherzhaften Helden¬
gedicht „Der Renomist“ singt F. W.
Zachariä (III, 47):
„In Leipzig war damals die nun verlohrne Kunst,
Aus dickem Caffeesatz, durch schwarzer Geister
Gunst,
Die Zukunft auszuspähn; und die geheimsten
Thaten,
Geschehn, und künftig noch, prophetisch zu
errathen“.
Wie weit verbreitet schon im 18. Jh.
dieser Aberglaube war, zeigt der Um¬
stand, daß „Das Grab des Aberglau¬
bens“ 1 (1777), 63 ff. ihm das ganze
vierte Stück widmet. Es schildert den
Vorgang wie folgt: Sie (d. h. die Wahr-
| sagerin) schüttet „das Oberschälchen
j ohngefähr halb voll dicjcen Coffee, und
| schwinget dasselbe dreymal, nicht mehr
i und nicht weniger, in die Runde herum,
| damit der Coffeesatz sich überall ansetze.
: Diejenige, welche am sichersten gehen
I wollen, hauchen nach dieser Schwingung
I dreymal in die Tasse hinein, weil zu ver-
muthen ist, der weissagende Odem einer
solchen begeisterten Person werde die
Theilgen des Coffees in der Tasse in be¬
deutende Figuren zusammenordnen. Wenn
dieses geschehen: setzt sie die Tasse ver¬
kehrt auf einen Tisch, damit der Coffee
i ablauffe. Sie rückt alsdenn die Tasse
t
j noch zweymal fort, damit zu drey ver-
schiedenenmalen der nichtsbedeutende
Coffe herauslauffe, und die wahrsagende
Theile des Coffees ganz allein in der
Tasse hangen bleiben. Endlich nimmt sie
die Tasse in die Höhe und sieht hinein
usw.“. Nach diesem Gewährsmann liefen
! damals Arm und Reich, Hoch und Nie¬
drig zu Wahrsagerinnen; in Hamburg
wandten sich um die Mitte des 18. Jhs.
besonders werdende Mütter an die „Küm-
kenkiekersch“, um das Geschlecht des
Kindes zu erfahren. Mit der Bezeichnung
„Caffeemantia“ hängte man dieser Kunst
sogar ein wissenschaftliches Mäntelchen
um 10c ). Auch in neuerer und neuester
Zeit wird die Kaffeeweissagung noch be-
Käfig
912
911
trieben n ). Es ist interessant zu sehen,
welche Weiterbildungen dieser Aberglaube
bei den Deutschen Pennsylvaniens er¬
fahren hat: Viel Kaffeesatz in der Tasse ist
das Vorzeichen vieler Tränen 12 ). Wenn
man die Tasse ausleert und die Tasse
wieder auf st eilt, ersieht man aus der Zahl
der Ringe in der Untertasse, wie viel Leute
auf Besuch kommen 13 ). Schüttet man
Kaffee aus, wenn man Besuch bekommt,
kann man in der Tasse sehen, ob der Be¬
sucher ein Mann oder eine Frau ist 14 ).
Wenn ein Mädchen die Kaffeekanne
offen stehen läßt, bekommt es einen
„affenmauligen“ Mann 15 ) oder laufen
alle Freier fort 1 *). Zum Hausrate darf
man nicht Kaffeetassen schenken, weil
dann die Frau Schläge bekommen
würde 17 ). Springt eine Bohne aus der
Kaffeemühle, dann ist Besuch zu er¬
warten 18 ).
Der Kaffee spielt auch in der Volks¬
medizin eine Rolle: Gegen Schlucken ißt
man z. B. eine Kaffeebohne 19 ). Hat
jemand das „Sodbrennen“, so nehme er
eine ungerade Anzahl von Kaffeebohnen,
zerbeißt und verschluckt sie 20 ). Magen¬
weh verschwindet, wenn man nach dem
Essen eine Messerspitze voll gemahlenen
Kaffee einnimmt 21 ). Kaffeesatz vor allem
ist heilkräftig: er hilft gegen Bleich¬
sucht 22 ) und gegen das „Rote“ beim
Rindvieh, dem es unter Aussprechen eines
kurzen Zauberspruchs eingegeben wird 23 ).
Wenn ein Kind schwer zahnt (s. d.), soll
man ihm Kaffee geben, mit dem man
das Brot bestreicht, bevor es in den
Backofen kommt 24 ). Seiht man den
Kaffee durch den Spüllumpen, so läuft
die neue Magd nicht fort 26 ), bleiben Hund
und Katze beim Haus 26 ), oder bekommt
man kein Heimweh 27 ). Gegen das letztere
hilft auch Erde von einem Kreuzwege
oder von einem frischen Grabe, im
Kaffee getrunken 28 ).
Eine Reihe von Belegstellen über die
Kaffeeweissagung verdanke ich F. Boehm.
*) Sartori Sitte 2, 32; Drechsler 2, 7f.;
Meyer Baden 339 f.; Birlinger Schwaben 2,
388!. 2 ) Meier Schwaben 2, 509 Nr. 412;
Lammert 44; Panzer Beitrag 1, 262 Nr. 101;
Bartsch Mecklenburg 2, 316 Nr. 1563; Drechs¬
ler 2. 11; Urquell 3 (1892), 165 Nr. 9; Wuttke
309 § 456. 3 ) Manz Sargans 69 Nr. 99. 4 )
Strackerjan 1, 55 §54; 2, 226 §477. 6 ) Drechs¬
ler i, 277; ZdVfVk. 8 (1898), 449. ®) Alemannia
3 (1905), 302. 7 ) Meyer Baden 171. 8 ) Urquell
1 (1890), 48 Nr. 30; ZdVfVk. 20 (1910), 383;
Drechsler 2, 198 f.; Fogel Pennsylvania
80 f. Nr. 291 ff. ®) Strackerjan 1, 38; Drechs¬
ler 2, 199; Urquell 3 (1892), 40. 10 ) Drechsler
2, 194; Urquell 3 (1892), 40. 10a ) J. v. Effen La
Bagatelle 3 (Amsterdam 1719), 181. 10b ) Finder
Hamb. Bürgertum (1930) 9, nach: Der morali¬
sierende Kröger, 7. Dez. 1751. 10c ) Fabricius
Bibliogr. antiqu. 3 (1760), 597. u ) Strackerjan
1, 100; 2, 226 Nr. 477; Bartsch Mecklenburg 2,
331 Nr. 1602b; Peuckert Schles.Vkde. 125;
Merlin Wahrsagekunst 59; auch zahlreiche der
bekannten Traum- und Punktierbücher enthalten
eine Anweisung, die sich z. T. ziemlich genau an
die älteren Vorschriften anschließt, z. T. jedoch
auch nicht unerheblich davon abweicht. So be¬
steht der Brauch, zunächst den Kaffeesatz, nach¬
dem man die gesamte Flüssigkeit abgeschüttet
hat, zunächst eine Stunde lang ruhig stehen zu
lassen. Darauf wird er nochmals erwärmt,
mit etwas Wasser angerührt und in kleinen Men¬
gen auf einen trockenen Teller gegossen; dieser
wird ungefähr eine Minute lang hin- und her¬
geschwenkt und die dann noch vorhandene
Flüssigkeit abgegossen. Die zurückbleibenden
Kaffeesatzteilchen gruppieren sich dabei zu
mehr oder weniger deutlichen Figuren, die dann
gedeutet werden, s. Streicher Das Wahrsagen
(Wien 1926) 58; dort auch die üblichen Deutun¬
gen für die am häufigsten auftretenden Figuren.
12 ) Fogel 90 Nr. 350. 13 ) Ebd. 378 Nr. 2032.
14 ) Ebd. 58 Nr. 172; vgl. auch Roberts in
Journ. Am. Folk 1. 40 nr. 156, 1790. (Louisiana).
15 ) Urquell 1 (1890), 48 Nr. 31. 16 ) Drechsler 1,
227. 17 ) Köhler Voigiland 425. 18 ) John Erz¬
gebirge 33. 19 ) ZfrheinVk. 11 (1914), 168. 20 ) Ebd.
167. 21 ) Lammert 253; Hovorka-Kronfeld
2, 126. 22 ) Stoll Zauberglaube 103. 23 ) Woeste
Mark 52 Nr. 4. 24 ) Fogel Pennsylvania 311
Nr. 1649. 25 ) Ebd. 153 Nr. 716. 26 ) Ebd. 143
Nr. 665. 27 ) 152 Nr. 715. 28 ) Ebd. 151 Nr. 708.
Bächtold - Stau bli.
Käfig. Bei einem Todesfall wird der
K. umhängt oder an einen anderen Ort
verbracht, sonst sterben die Vögel 1 ).
1 ) Wuttke 459 § 726; Drechsler 1, 292;
Höhn Tod 324; Reiser Allgäu 2, 314; Dirksen
Meiderich 49 Nr. 7; Alemannia 27, 240; ZfrwVk.
4. 273.
Das Einschließen in einen K. war eine
alte entehrende Strafe 2 ).
2 ) SSbillot Folk-Lore 4, 341; Rer. boic.
script. Augsburg 1 (1763), 616; Wand er Sprw.-
Lex. s. v. Korb; Grimm DWb. s. v. Korb;
J. Dex Metzer Chronik, hg. G. Wolfram,
Metz 1906, 363; F. Palsgrave Doc. a. Records
Hist. Scotland 1, 358 f. Entwicklungsverwandt¬
schaft ist nicht klar zwischen K.- und Korb¬
strafen, worüber s. H. Fehr Recht im Bilde
913
Kaiserminne—Kalb
914
109. 169—170; V er dam Handelingen en Mede-
deelingen van de Maatschappij der Ned. Letter¬
kunde te Leiden 1901—1902, 27—42; R.
Quant er Schand- u. Ehrenstrafen in d. deut¬
schen Rechtspflege 114—16.
In der Schweiz schloß man kranke bzw.
unartige Kinder in einen K. ein, wo sie
blieben, während der Priester die Messe
las; das Verfahren sollte sie heilen 3 ).
3 ) SchwVk. 11, 45. Taylor.
Kaiserminne s. Karlsminne.
Kaisersage s. Nachtrag.
Kain. Als derjenige, der den Mord in
die Welt gebracht hat, der Inbegriff alles
Schlechten. Der Tag, an dem er seinen
Bruder Abel erschlug, der letzte Montag
im April, gilt im Schapbachtal als einer
der schlimmsten Tage 1 ). Die Tat geschah
auf einem Roggenfelde, das davon rot
gefärbt wurde; daher kommt es, daß
die Roggensaat immer ganz rot aus der
Erde hervorkeimt 2 ). Von den Kainiten
stammen die Unholde in der Welt 3 ).
Der Mann im Monde soll nach dem Glau¬
ben mancher Völker Kain (und Abel)
sein 4 ). In der Normandie heißt die wilde
Jagd la chasse Cain. Sie verkündet stets
ein Unglück oder den Tod eines Kran¬
ken 5 ).
J ) Meyer Baden 511. Bei den Magyaren der
1. August: WTislocki Magyaren 98. 2 ) Meier
Schwaben 248 (273); Dähnhardt Natursagen
1, 249. 3 ) Meyer Völuspa 172. 4 ) Grimm
Myth. 2, 600 (bei Dante); Mailly Sag. a.
Friaul 90 f.; Globus 92, 287 (Rumänen in der
Bukowina); Zelenin Russische Volksk. 397;
Dähnhardt Natursagen 1, 2540.; Sebillot
Folk-Lore 1, 20. 5 ) Wolf Beitr. 2, 162. 163;
Meyer German. Myth. 237; Sebillot 1, 173.
Sagen von Kain und Abel: Dähnhardt 1,
248 ff. Sartori.
Kakukakilla. In einer Wolfsthurner
Handschrift des 15. Jhs. heißt es: „Für
die ratzen schreib diese wort an vier ort
in das haws „Sanctus [so!] Kakukakilla“ 1 ).
In der Klosterkirche zu Adelberg in Würt¬
temberg stellt ein Altarbild eine Heilige
mit zwei Mäusen zu ihren Füßen dar,
unter der der Name Cutubilla steht. An¬
derswo lautet dieser Kakukilla, Kuka-
kille, Kakwy 11 a. Man hat die Heilige
mit der h. Gertrud identifizieren wollen 2 ).
Doch sind alle jene Namen wohl Ent¬
stellungen von Columkille, der keltischen
Benennung des h. Columba (s. oben 2,
99), dem freilich eine besondere Be¬
ziehung zu Ratten und Mäusen nicht
nachzuweisen ist 3 ).
1 ) ZfVk. 1, 321. 2 ) Ebd. 1, 444; 2, 199 ff.
3 ) Ebd. 8, 341 f.; Andree Votive 16.
Sartori.
Kalander s. Galander 3, 257f.
Kalb.
1. Kälberaufzucht. Bei abnehmen¬
dem Mond geworfene Kälber eignen sich
nicht zur Nachzucht 1 ), ebensowenig Don¬
nerstagskälber, weil sie dumm werden 2 ),
weiter Freitagskälber 3 ), Kälber, die am
Valentinstag 4 ) oder Karfreitag 5 ) geboren
sind. Wenn Kälber im Krebs jung sind,
wachsen sie schnell und gut 6 ). „Welcher
St. Bartholomäus eines Kalbes rechtes Ohr
gelobet, das wird auch wohl gedeihen“ 7 ).
Fronfastenkälber sind geistersichtig 8 ). In
Mecklenburg schneidet man Kälbern, die
zur Aufzucht bestimmt sind, ein Stück¬
chen vom Ohr ab, brennt es zu Pulver
und gibt es ihnen mit dem ersten Saufen
als Schutz vor bösen Leuten 9 ). Kein
Kalb soll man auf ziehen, wo die Unter¬
irdischen wohnen 10 ).
j Das Kälberquieken. In Westfalen
schneidet der Hirt am 1. Mai das Vogel¬
beerbäumchen (Quieke), auf das die
ersten Sonnenstrahlen fallen, mit einem
Ratz ab. Im Beisein der Hausleute und
Nachbarn schlägt er damit diejenige
junge Stärke, die „gequiekt“ werden
soll n ). Mit dem Zweig der Eberesche,
die dem Thor heilig war, weiht man die
Kälber 12 ). Die Tiere erhalten dann vom
Hirten Namen 13 ). Kalb kommt auch
vor in den Pflanzennamen 14 ). Kälber¬
woche ist die Zeit vom 27. 12.— 5. i. f
weil in ihr der Abwurf der Kälber erwartet
wird 15 ). „Kälba weis“ ist die vierzehn¬
tägige Ruhepause nach Neujahr, in der
der Dienstboten Wechsel stattfindet 18 ).
Bei der Überführung auf den Markt er¬
hält in Achdorf das Vieh den „Chalber-
segen“, damit es gut laufe 17 ). Beim Aus¬
ziehen bekommen Knecht und Magd
einen „Kälberlaib“ mit 18 ). „Kalbsvögel“
ist ein rotbraunes Fleischgericht im Früh¬
ling in der Schweiz 19 ).
D Pollinger Landshut 156. 2 ) Ebd. 155.
915
Kalb
917
Kalb
918
' *
* /
Y
*) Strackerjan 2, 140 Nr. 270. 4 ) Grimm
Myth. 3, 438 Nr. 127; Wirth Beiträge 4/5, 8.
5 ) Höfler Ostern 13.
7 ) ZfdMyth. 3, 313.
9 ) Seligmann Blick
Pennsylvania 174 Nr.
falen 1, 9 Nr. 10.
«) SAVk. 24 (1922). 65.
8 ) Lütolf Sagen 333.
2, 128. Dazu Fogel
838. 10 ) Kuhn West-
Dazu 2, 71 Nr. 213.
u ) Mannhardt Germ. Myth. 19. 12 ) Meyer
Germ. Myth. 83. 214. 13 ) Sartori Westfalen
114; ZfdMyth. 2 (1854), 85; Simrock Mythol.
314. 14 ) Marz eil Pflanzennamen 219. 15 )Schra-
mek Böhmerwald 121. l6 ) John Westböhmen 19.
17 ) Meyer Baden 399. l8 ) John Westböhmen 29.
19 ) Höfler Organoth. 170.
K. entwöhnen und anbinden. Es
soll an einem Tag geschehen, auf den
Weihnachten fiel 1 ), Dienstags oder Don¬
nerstags, d. h. an Fleisch tagen 2 ). In
Pommern werden die Kälber gleich nach
der Geburt fortgenommen und erhalten
gemolkene Milch 3 ). In Westböhmen
läßt man die Kälber 3 bis 3 r / 2 Wochen
saugen. Dann erhalten sie einige Tage
Milch und Wasser und allmählich härteres
Futter. Manche stillen das Kalb mit
drei Tagen ab und geben dann Wasser
mit Milch, weiches Brot, gekochte Kar¬
toffeln, geschnittene Halme. Solche
Kälber sollen kräftiger werden 4 ). Saugt
das Kalb, wenn es nicht mehr soll, so
erhält es einen Korb mit Stacheln um
das Maul, daß die Kuh vor ihm flieht 5 ).
Das Entwöhnen nennt man in Denz¬
lingen „abtränken“ 6 ).
Das Wegnehmen des Kalbes von der
Kuh geschah vielfach mit frischge¬
waschenem Schurz oder im Kirchenrock,
dann wird das Kalb reinlich 7 ). Auch
gibt man ihm nach dem letzten Saugen
ein Stück Brot, das man mit in der Kirche
gehabt hatte, so daß der Segen darauf ge¬
sprochen war 7 ). Die Hausfrau soll den
Strick, an dem das Kalb angebunden wird,
am Sonntag mit in die Kirche nehmen,
dann wird es gedeihen, und dabei neue Klei¬
der anziehen, dann bleibt es sauber 8 ). Am
besten bindet man das Kalb Sonntag
Mittag an mit den Worten: „I bind di
an zum Dein (Gedeihen) un net zum
Schrein“ 9 ). Ähnlich in Schlesien 10 ),
wenn die Leute aus der Kirche kommen,
mit den Worten: „Gott walt's!“, dann
wird es gedeihen. Der Schwanz des
Kalbes soll mit einem Wollfaden um¬
wickelt werden, dann wird das Kalb vor
Abweichen bewahrt 11 ). Die Magd, die
das Kalb anbindet, nimmt Brot und
Most, genießt davon und spricht: „So
sauf wie ich sauf, und friß wie ich iß“ 12 ).
Das älteste Kind soll das Kalb anbinden,
dann kann keine Hexe zu 13 ). Im Zeichen
des Stiers, Steinbocks, Widders soll man
keine junge Kuh anbinden 14 ). Das Kalb
muß rückwärts in seinen Stand geführt
werden, damit es vor Behexung geschützt
ist 15 ). Auch soll man Kälber und Hennen
rückwärts aus dem Stall laufen lassen,
wenn sie ihn zum erstenmal verlassen,
damit sie sich leicht zurückfinden 16 ).
Zwillingskälber setzt man nicht gern ab,
weil sie später nicht begattet werden 17 ).
Wird das Kalb von der Kuh wegge¬
nommen oder verkauft, so muß mancher¬
lei geschehen, um ihr Heimweh nach
dem Kalb zu stillen. Man soll ihr den
Strick des Kalbes um die Hörner binden,
der Geruch beruhigt sie 18 ). Man reibt
das Kalb mit einem Büschel Grummet
ab 19 ) oder zieht ihm drei Wische durch
das Maul und gibt dieses der Kuh 20 )
oder stößt das Kalb beim Abschied drei¬
mal unter die Kuh 21 ). Der Schlächter
stellt wohl das Kalb auch mit dem
Schwanz an das Maul der Kuh, bevor
er es holt 22 ). Man legt auch einen Holz¬
span in die Krippe des Nachbars 23 ) oder
einen Stein vor die Krippe, an dem die
Kuh leckt 24 ). Besonders häufig gibt
man der Kuh Haare oder Stirnhaare des
Kalbes 25 ). Das Kalb wird, wenn es ver¬
kauft ist, rückwärts aus dem Stall ge¬
führt 26 ). Die Kuh muß über eine Schürze
schreiten 27 ). Wenn zu der Kuh ein
fremdes Kalb angebunden wird, be¬
streicht man beiden das Maul mit Brannt¬
wein, so gewöhnen sie sich aneinander 28 ).
*) ZfVk. 11 (1901), 273. 2 ) Wirth Beiträge
4/5, 8; Drechsler 2, 102. 3 ) ZfVk. 10 (1900),
49 - 4 ) John Westböhmen 210. 5 ) ZfVk. 10
(1900), 49. 6 )Meyer Baden 402. 7 )Eberhardt
Landwirtschaft 15. 8 ) Drechsler 2, 102.
9 ) Meyer Baden 402. 10 ) Drechsler 2, 102.
u ) Pollinger Landshut 156. 12 ) Bohnen¬
berger 16; dazu Fogel Pennsylvania 174
Nr. 836. 13 ) Grimm Myth. 3, 456 Nr. 639.
14 ) Stemplinger Aberglaube 112. 15 ) Drechs¬
ler 2, 102. 16 ) Birlinger Volksth. 1, 122.
17 ) Wirth Beiträge 4/5, 8. 18 ) Eberhardt
Landwirtschaft 16; Reiser Allgäu 2, 439;
Meyer Baden 402; John Erzgebirge 226;
Sartori Sitte 2, 142; Drechsler 2, 102.
19 ) Reiser Allgäu 2, 439. 20 ) Eberhardt
Landwirtschaft 16. 21 ) Ebd. 22 ) Engelien
u. Lahn 24. 23 ) Eberhardt Landwirtschaft
16. 24 ) Drechsler 2, 102. 25 ) Pollinger
Landshut 156; Grimm Myth. 3,417 Nr. 21;
Grohmann 137; Woeste Mark 54; Wirth
Beiträge 4/5, 8; Fogel Pennsylvania 161 Nr. 764.
765; 169 Nr. 809; 171 Nr. 817; 171 Nr. 819.
26 ) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1031; Fogel Penn¬
sylvania 170 Nr. 810. 27 ) Fogel Pennsylvania
171 Nr. 815. 28 ) Wuttke 444 §699.
Das Kalb als Opfertier. Bei den
Germanen wurde das Kalb häufig als
Opfertier der besitzenden Klassen be¬
nutzt. Sonst wohl nur aus wirtschaft¬
lichen Gründen anstatt des Ebers*).
Noch heute erscheint das Kalb vielfach
als Gebüdbrot (Julku se) und ist auch
eine Segen und Gesundheit vermittelnde
Kultspeise 2 ). Das schwedische Julkuse
hat die Form eines tierischen Schien¬
beines 3 ). Nur der Name weist noch auf
das ursprüngliche Kalbsopfer hin. Den
herkömmlichen Namen des Opfertiers
übernahm das aus Teig gebackene tierische
Schienbein 4 ). Wahrscheinlich ist dieses
Julkuse-Gebäck identisch mit einem 1555
erwähnten, das — so groß wie ein fünf¬
jähriges Kind — in der Julzeit an alle im
Hause verteilt wurde. Der Fruchtbar¬
keitszweck wurde hier durch üppige
Spendeform gekennzeichnet 5 ).
An diese Opferbräuche erinnert das
gemästete und geschmückte Kalb, das
am Tage vor Fastnacht in Tübingen von
den Metzgerknechten umhergeführt wur¬
de. Dabei wurde jedem Metzgermeister
ein Hoch gebracht. Abends hatten die
Gesellen Tanz. Den Wein lieferten die
Meister 6 ). Ein Kalbskopf mit Zitronen
und Rosmarin war in Mittenwald, Tirol,
Schwaben häufigstes Hochzeitessen. Im
Allgäu aß man bei gewöhnlichen Hoch¬
zeiten nur, „was Kuh und Kalb gibt“ 7 ).
Kalbskopf und Kalbsgekrös sind ein be¬
liebtes Gericht zusammengekocht. Vgl.
„Kopf und Krös = Haupt und Glieder,
Herr und Knecht“. Die Frühlingszeit,
die Zeit der erwachenden Vegetations¬
kraft, in der „die Schön und Stärk“ am
Methtage Lätare getrunken wird und
alle Schönheits- und Stärkemittel für
Mann und Weib im besten Schwange
waren, lieferte darum die meisten Haut¬
heilmittel unter den Tierorganen der
Volksmedizin 8 ).
x ) Höfler Weihnacht 14. 2 ) Ders. Organoth.
84. 3 ) ZfVk. 12 (1902), 430. 4 ) ZföVk. 1903,
Taf. VIII, 27. 5 ) Höfler Weihnacht 64. 6 )
Meier Schwaben 2, 373 Nr. 3. 7 ) Höfler
Hochzeit 11. 8 ) Ders. Organoth. 85 f.
Das deutsche Märzenkalb. Es
hat sein Analogon im altrömischen Pali¬
lienkalb 1 ). Es kam aus dem älteren
Frühjahrsopfer vermutlich als Volk und
Herden von Winter- und Stallseuchen
reinigendes Mittel in die Volksmedizin 2 ).
An das Opfer dieser Zeit erinnert noch
das elsässische Märzenkalb 3 ) und das
oberbayrische „Märzenkalbl“ 4 ), sowie das
Kalbskopf essen in den oberbayrischen
Spitälern und der Lätarekalbskopf, ein
fastenzeitliches Gebäck in Napfkuchen¬
form, der in Bürgerhäusern an diesem
Tag aufgetragen wurde 5 ). Die einzelnen
Teile des Märzenkalbes sollten besonders
heilsame Wirkungen haben 8 ). Meist
findet es als Hautverschönerungsmittel
Verwendung 7 ). Die Brühe vom ge¬
sottenen Kalbskopf z. B. ist gut gegen
Krätze und Pockennarben 8 ), die Ein¬
geweide des schwarzen Märzenkalbs gegen
das Schwinden der Glieder 9 ). Kalbshim,
noch heute als Krankenkost sehr beliebt,
ist volksmedizinisch dem Kalbskopf
gleichwertig 10 ).
x ) Höfler Organoth. 34. 2 ) Ebd. 85. 3 )
Elsäss. Wb. 1, 432. 4 ) Höfler Fastnacht 84.
5 ) Höfler Organoth. 85; ders. Fastnacht 84. 91.
6 ) Schmeller Bayr. Wb. 1, 1239. 7 ) Höfler
Organoth. 167. 8 ) Ebd. 85 = Jühling Tiere
150. •) Höfler Organoth. 245. 10 ) Ebd. 85;
dazu Land stein er Niederösterreich 66 = Mann¬
hardt Forschungen 63; Baumgarten Heimat
1, 87.
Ein spukendes Kalb erscheint mit
Pferdekopf 1 ), feurig 2 ), als Kobold 3 ). Ein
feuerrotes Kalb zieht durch die Ochsengasse
von Mergentheim, wenn es brennen oder
Hungersnot oderPest geben soll 4 ). EinKalb-
gespenst wird immer größer 5 ). Bekannt sind
das Kalb von Schwyz 6 ), das Stadtkalb
von Bern 7 ), das Dorfkalb 8 ). Das Kalb
erscheint als Wassermann 9 ), als Kom-
dämon 10 ). Die Hexe reitet auf einem
919
Kalb
920
Kalb 11 ). Kalb kündet Krieg 12 ). Ein
Geist erscheint in Kälberhaut 13 ).
Das Kalb als Schatzhüter oder
-heber 14 ). Mittelst eines schwarzen
Kalbes kann man einen Schatz finden 15 ).
Kalbfell braucht man zum Schatzheben 16 ).
Ein goldenes Kalb findet sich unter
Schätzen 17 ). Als schwarzes Kalb
spukt bei Ypern ein Mann, der bei Leb¬
zeiten ein goldenes Kalb angebetet und
jeden Sonntag ein lebendes Kalb ge¬
opfert hatte 18 ). Kälberstimmen beim
Haberfeldtreiben 19 ), Kalbfell bei Um¬
zügen 20 ) zu Neujahr.
x ) Kühnau Sagen 1, 322; dazu Waibel u.
Flamm 2, 219; 2, 94; Lohmeyer Saarbrücken
5. 116; Birlinger Volksth . 1, 115; Lachmann
Überlingen 461; Herzog Schweizersagen 2,52;
Bartsch Mecklenburg 1, 142; Meiche Sagen
48 Nr. 39; 59 Nr. 67; Schell Bergische Sagen 19
Nr. 9; Schönwerth Oberpfalz 2,341. 2 )
Schmitt Hetlingen 8; Sepp Sagen 45 Nr. 16.
3 ) Wirth Beiträge 1, 10. 4 ) Birlinger
Volksth. 1, 115. 5 ) Schell Bergische Sagen 40
Nr. 50. 6 ) Rochholz Naturmythen 77. 7 )
Ders. Sagen 2, 18. 8 ) Ders. Naturmythen 77.
®) Meiche Sagen 387 Nr. 509. 10 ) Mann¬
hardt Forschungen 378. u ) Simrock Mytho¬
logie 472; Strackerjan 2,141 Nr. 370. 12 )
Meiche Sagen 54 Nr. 56; dazu Kühnau Sagen
3,467. 13 ) Lütolf Sagen 160. 14 ) Kuhn West¬
falen 1,13 Nr. 15; Reusch Samland Nr. 70;
Panzer Beitrag 2, 181; Schell Bergische Sagen
387 Nr. 33; Baader Sagen 22; Hoffmann
Ortenau 86; Köhler Voigtland 501; Haupt
Lausitz 88; Kühnau Sagen 3, 459; Wuttke
53 Nr. 59. 15 ) Rochholz Sagen 1, 261. 18 )
Alemannia 37 (1909), 18. 17 ) Heyl Tirol 620
Nr. 87; OberdZfVk. 5 (1931), 14 ff. 18 ) Köhler
Voigtland 501. I9 ) Simrock Mythologie 551.
20 ) Ebd. 572.
Das Kalb in der Volksmedizin.
Kalbsblut. Ein Kind zahnt leicht, wenn
man es zum Fleischer bringt, der ihm
mit einem in Kalbsblut getauchten Finger
durch den Mund fährt x ). Das Blut vom
schwarzen Stierkalb findet sich in der
Schwindsalbe der Herzogin von Bayern 2 ),
dasselbe gegen Gliederschwinden 3 ). Das
Kalbsbrösel wird erst im 15. Jahr¬
hundert erwähnt. Es ist ebenso wie das
Wampenbrösel (= Pankreas) ohne Be¬
deutung für die Volksmedizin 4 ). Kalbs¬
dreck in Essig gegen geschwollenes Ge-
mächte 5 ). Dazu ein Vers aus Vorarlberg:
„Hoale, Hoale Kälblisdreck, i moan an
Moarga is alles weck“ 6 ). Kälberfett
aus den Gedärmen und Omento gegen
Kolik 7 ). Kalbfleisch roh gegen krank¬
hafte Augenröte 8 ), zum Einreiben von
Warzen und dann in die Erde vergraben 9 ).
Mit dem Urin des an Keuchhusten kranken
Kindes in einen Topf tun und diesen in
fließend Wasser werfen 10 ). Kalbsgalle
fehlt in der deutschen Volksmedizin 11 ).
Plinius erwähnt die Kalbsgalle bei Frauen¬
leiden und als Mittel zur Hautverschö¬
nerung 13 ). Kalbsgeschlinge von einem
Märzenkalb, wenn einem die Adern zu
kurz werden 14 ). Gegen Gliederschwinden,
vom schwarzen Kalb 15 ). Gegen die Bräu¬
ne 16 ). ,,Nimm ein Gr öb von einem schwar¬
zen Kalb, ädere es wohl aus und trockne es
von dem Geblüt sauber, danach nimm
Frühlingskräuter und Gartengewürz. Diese
Stück alle klein gehackt, unter das Grob
getan, gieß Geißmilch darauf. Gegen
Lungen wasser " 17 ).
In Deutschland war das K.s-Herz noch
im 18. Jahrhundert offizinell 18 ), besonders
bei dämonistischer Epilepsie und den wie
ein Wurm zehrenden Krankheiten. Das
Herz eines schwarzen Märzenkalbes tritt
an die Stelle des Kalbskopfes 19 ). Zu¬
sammen mit Leber, Lunge nimmt man
das Herz eines schwarzen Kalbes gegen
Wehtage in einem Glied 20 ). Gegen
Bauchfluß werden in Westböhmen die
hohlen Gebeine eines Kalbskopfes .ge¬
dörrt, pulverisiert und in einer Eierschale
mit Wein eingenommen 21 ). Kalbskopf
als Apotropäon siehe Ochsenkopf. Un-
gewässerte Kalbsleber mit Kreuzsalbei
gemischt gegen Abnehmen der Kinder 22 ),
gegen das Schwinden der Glieder 23 ),
besonders häufig vom schwarzen Kalb,
vielleicht im Vollzug antiker Vorschriften,
gegen Dörrsucht und Husten und Hitze
der Leber 24 ). Das Überwiegen der Kalbs¬
leber in der Volksmedizin vor andern
Tierlebem und die Art ihrer Verwendung
sprechen für die Ableitung dieser Therapie
aus dem Opferkult, bei welchem das Kalb,
namentlich das Erstlingskalb, zum Haus¬
oder Sippenopfer der Frühlingszeit ver¬
wendet wurde 25 ). Sie dient zur Stärkung
der Leber 2Ö ), gehackt gegen Trübung der
Hornhaut 27 ), gegen Augenleiden schon
bei Marcellus Empiricus, 5. Jahrhundert
921
Kalender
922
in Bordeaux 28 ). Kalbslunge und Leber
geröstet, das davon abfließende Wasser
gegen Abzehrung 29 ). Frische Lunge zer¬
hackt und mit altem Wein dick eingekocht
gegen Schwindsucht 30 ), desgleichen mit
Lungenkraut und Salbei gebrannt gegen
aufsteigende Lunge 31 ). Kalbs magen
zu Brandsalbe und um Gliedwasser zu
stillen 32 ). Kälbermark erscheint in der
mittelalterlichen dänischen Volksmedizin
als ein Mittel gegen Ohrwürmer 33 ). Mit
Wachs und Rosenessig auf Gersten¬
körner 34 ). Gegen geschundene Brust¬
warzen einer Kindbetterin 35 ). Wenn
die Gebärmutter hart und Flüssigkeit in
ihr ist 36 ).
l ) Jühling Tiere 153; Wuttke 393 Nr. 602.
*) Jühling Tiere 149. 3 ) Ebd. 144 = Höfler
Organoth. 245. 4 ) Höfler Organoth. 279.
6 ) Jühling Tiere 142. 6 ) ZfVk. 8 (1898), 43.
7 ) J ühling 153. 8 ) Ebd. 151; Höfler Organoth.
169. *) Jühling 154. 10 ) Ebd. 153; Celsus
(1. Jahrh. n. Chr.) erwähnt das Fleisch der
Kalbsfüße und des Kalbskopfes als mildes
Nahrungsmittel. Kalbfleischbrühe als Mittel
gegen Schlangenbisse, Kälbermark als Pflaster-
mittel bei Geschwüren, namentlich Steinschnitt¬
wunden. S. Höfler Organoth. 84. u ) Ebd.
202. 12 ) Jühling 145. l3 ) Höfler Organoth.
204. 14 ) Jühling 150 = Höfler Organoth.
167. 245. 15 ) Jühling 143 = Höfler 166. 243.
lf ) Jühling 144. 17 ) Höfler Organoth. 245.
1B ) Ebd. 19 ) Ebd. 86. 20 ) Ebd. 245 = Jüh¬
ling 150. 21 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 302.
,2 ) Jühling 153. 23 ) Ebd. 149. 24 ) Höfler
Organoth. 166. 167. 202. 26 ) Ebd. 169. 2# ) Ebd.
166. 27 ) Ebd. 169; Jühling 150. 28 ) Höfler
Organoth. 201. 29 ) Jühling 151 = Höfler
Organoth. 166. 273 = ZfVk. 8 (1898), 43.
M ) Hovorka u. Kronfeld 2, 43. 31 ) Jühling
153. 32 ) Ebd. 149. 33 ) Höfler Organoth. 84.
M ) Jühling 154. 35 ) Ebd. 147. 36 ) Ebd. 145.
Wirth.
Kalender.
1. Mit dem Wort K. bezeichnet man
das Verzeichnis der nach Wochen und
Monaten geordneten Tage eines Jahres
(s. d.) nebst Angabe der Feste, der Mond¬
phasen, des Auf- und Unterganges der
Sonne und verschiedener anderer astro¬
nomischer Ereignisse 2 ), woran sich weitere
Angaben über allerlei Wissenswertes und
Beiträge, die der bloßen Unterhaltung
dienen, anschließen können. Der von dem
mittellateinischen calendarium abgeleitete
Name geht auf das lateinische calendae
(von calare = ausrufen) zurück, bedeutet
also ursprünglich Ausruftag, dann Monats¬
anfang. Im alten Rom wurde der Neu¬
mond, mit dem der Monat begann, durch
den Pontifex Maximus ausgerufen. In
seiner Bedeutung als Monatsanfang und
insbesondere als Neujahrsanfang hat sich
das Wort Calendae besonders in romani¬
schen und slawischen Ländern erhalten 2 ),
wo es nicht allein das Neujahr, sondern
auch Weihnachten oder die ganze Zeit
der Zwölften bezeichnet und überdies
auf die Bräuche dieser Zeit übergegangen
ist. So bedeutet das tschechische koleda
sowohl den Umzug zu Weihnachten, bei
dem Geschenke gesammelt werden, dann
aber auch Weihnachtsgeschenk und Weih¬
nachtslied selbst, ferner auch Neujahrs¬
geschenk und Neujahrslied. Dieses Wort
wurde auch von den Deutschen in Böhmen
übernommen. So gingen in Teplitz früher
die Chorgesangknaben in der Zeit von
Weihnachten bis Dreikönig von Haus zu
Haus „Golede geigen“ z ), und in Neuem er¬
hielt der Lehrer früher für das Aufschreiben
der Buchstaben C M B zu Dreikönig in
den Häusern den Cölendagrosehen 4 ), ein
Brauch, der noch heute bei den Deutschen
in der Slowakei üblich ist. Bei den Slo¬
wenen heißen die Neujahrssänger und
Neujahrsmusikanten Koledniki*). In Ru߬
land wird wohl oft der heilige Abend allein
Koljada genannt, aber man kennt auch,
besonders im Süden und Westen, zwei
Abende dieses Namens, die „reiche“ oder
Wasiljewskaja Koljada (Silvesterabend)
und die „arme“, „strenge“ oder Krescht -
schenskaja Koljada (Vorabend der Wasser¬
weihe) 6 ).
Unser Wort K. bedeutet aber nicht bloß
das Verzeichnis oder Buch, welches die
jährliche Zeitrechnung enthält, sondern
auch diese selbst. Bei den alten Griechen
und Römern beruhte das Kalenderjahr
auf dem Mondjahr 7 ). Erst Julius Cäsar
schuf im Jahre 46 v. Ch. durch die Ein¬
führung des nach ihm benannten j uliani-
schen K.s den Ausgleich mit dem Son¬
nenjahr. Bei den Deutschen läßt sich ein
vorrömischer K. nicht nachweisen 8 ), doch
hat die Mehrzahl der Germanen den
julianischen K. in der Form, welche er
seit 8 n. Ch. hatte, schon zur Zeit des
923
Kalender
924
Kalender
926
Heidentums übernommen. Nur bei den
Skandinaviern ist er vermutlich erst mit
dem Christentum eingedrungen. Mit der
Übernahme des römischen K.s waren
jedenfalls Umbildungen und Anpassungen
an den alten Volksglauben verbunden.
Von einem gotischen K. ist leider nur ein
Bruchstück erhalten, aus dem man sich
keine rechte Vorstellung machen kann 9 ).
In dem von Beda 10 ) mitgeteilten K. der
Angelsachsen führt der 25. Dezember,
mit dem das Jahr beginnt, den Namen
Mödraneht (Nacht der Mutter) u ). Eine
feste Ordnung gab es im Kalenderwesen
das ganze Mittelalter hindurch nicht, zu¬
mal der Jahresanfang (s. d.) verschieden
gefeiert wurde. Da die mittlere Länge
des julianischen Jahres um 11 Minuten und
12 Sekunden gegenüber dem Sonnenjahr
zu groß ist, so ergab sich mit der Zeit ein
Mißverhältnis und die Notwendigkeit
einer Kalenderreform, die Papst Gregor
XIII. im Jahre 1582 veranlaßte. Man
ließ, um die Frühlingstag- und -nacht¬
gleiche wieder auf den 21. März zurück¬
zuführen, im Oktober 1582 zunächst
10 Tage ausfallen und bestimmte, daß
die Schaltjahre bei den sogenannten
Säkularj ahren, den das Jahrhundert
schließenden Jahren, wegfallen mit Aus¬
nahme der durch 400 ohne Rest teilbaren
Jahre (1600, 2000 usw.). Dadurch wurde
erreicht, daß das gregorianische Jahr im
Durchschnitt nur um 26 Sekunden länger
ist als das natürliche Sonnen jahr, so daß
erst nach mehr als 3300 Jahren ein Fehler
von einem Tag entsteht, der beim juliani¬
schen K. schon nach etwa 129 Jahren
eintrat 12 ). Der gregorianische K.
stieß in den protestantischen Ländern
lange auf Widerspruch 13 ) und fand hier
erst im 18. Jahrhundert Geltung. In
den Ländern, in welchen die nichtunierte
griechische Kirche vorherrscht, blieb zu¬
meist der julianische K., der am 1. März
1900 bereits um 13 Tage hinter dem gre¬
gorianischen K. zurück war. Dieser aber
beginnt sich nun auch hier durchzusetzen;
Bulgarien hat ihn 1916 eingeführt, einige
Jahre später auch Sowjetrußland.
In allerj üngster Zeit sind Bestre¬
bungen im Gange, durch eine neue Ka¬
lender re form ein für die ganze Welt
gültiges Einheitsjahr von 13 Monaten mit
je 28 Tagen oder 4 vollen Wochen zu
schaffen, das besonders in geschäftlicher
Beziehung Vorteile bietet.
l ) Meyer Konv.-Lex. 10 (1905). 454- 2 ) ARw.
20 (1920,21), 84 ff.; Reinsberg Böhmen 17 f.;
Sartori Sitte 3, 26. 3 ) Laube Teplitz 38;
für Ostböhmen vgl. Jungbauer Bibliogr. 141
Nr. 843. 4 ) John Westböhmen 2 31. 6 ) ZföVk.
3 (1897). 3 2 - 6 ) Stern Rußland 1, 351. 7 )
Pauly-Wissowa 10, 2, 1568 ff. 8 ) Fischer
Altertumsk. 116. 9 ) Hoops Reallex. 4,585.
10 ) De teviporurn ratione c. 15. u ) Hoops
Reallex. 4, 584. 12 ) Professoren-Kalender f. d.
Schuljahr 1926/27 (Böhm.-Leipa 1926), 30 f.
13 ) Vgl. ZfVk. 23 (1913). 81. — Zum ganzen
Abschnitt vgl. Wilh. Uhl Unser Kalender in
seiner Entwicklung von den ältesten Anfängen
bis heute (Paderborn 1893), ferner die Lit. bei
Sartori Sitte 3, 276.
2. In der Geschichte des deutschen
K.s stehen der ältere kirchliche und
der jüngere weltliche K. einander gegen¬
über, zu denen sich noch ein oft nur
mündlich überlieferter Volkskalender
gesellt. Die Klostermönche des Mittel¬
alters, die ihre K. in der Regel auf mehrere
Jahre im voraus machten, beschränkten
sich darauf, die Festtage und die Ge¬
dächtnistage der Heiligen zu vermerken 14 ).
Wohl das älteste Stück ist der handschrift¬
lich im Lustgarten (Hortus deliciarum )
der Herrad von Landsperg, Äbtissin des
Klosters Hohenburg im Elsaß, aus dem
12. Jahrhundert erhaltene K. 15 ). Das
Mittelalter hat den kirchlichen Fest¬
kalender 16 ) in 24 lateinische Merkverse
gebracht, die Hexameter von geringem
Wohlklang sind. Auf jeden Monat ent¬
fallen zwei Verse, die gewöhnlich aus den
verkürzten Namen der Heiligen bestehen
und zusammen so viel Silben zählen als
der betreffende Monat Tage hat. Ein
solcher K. hieß nach dem Anfang der
Januarverse „Cisio Janus“, wobei cisio
die Abkürzung von circumcisio (Domini —
Beschneidung des Herrn) ist. Zur Zeit
der Reformation suchte man vergeblich,
diese im Volk beliebte Cisio zu beseitigen
oder wenigstens im protestantischen Sinne
umzuformen; selbst Melanchthon be¬
schäftigte sich mit der Abfassung einer
Cisio 17 ). Man nahm sie zumeist auch in
die K. auf. Tohann Colerus bringt in
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seiner Oeconomia ruralis et domestica 18 )
und im Calendarium perpetuum, die wahre
Volksbücher des 17. Jahrhunderts waren,
die Cisio noch in lateinischer Form. Die
Januarverse lauten:
Cisio Janus Epi. sibi vendicat Oc. Feli. Mar. An.
Prisca Fab. Agn. Vincenti Pau. Po. nobile lumen.
Hier erscheinen den Silben entsprechend,
welche den einzelnen Monatstagen zu¬
fallen, die folgenden Festtage angeführt:
Circumcisio Domini (1. Januar), Epi-
phania (6.), Octava Epiphaniae (13.),
Felix (14.), Marcellus (16.), Antonius
(17.), Prisca (18.), Fabian und Sebastian
(20.), Agnes (21.), Vincentius (22.), Pauli
conversio (25.), Polycarpus (26.). In der
Oeconomia bringt J. Colerus aber auch
die wahrscheinlich aus der Zeit der Re¬
formation stammende deutsche Cisio, in
„Knüttelhardos“ abgefaßt. Nach einem
Schweizer Druck 19 ) aus dem Jahre
1539, überschrieben ,,Der Cisioian zu
Deutsch, darin alle fümemliche Fest,
Feyr und Heiligen durchs gantz jar
künstlich an fingern aus zu rechnen ge¬
funden werden“, lautet der auf den Januar
bezügliche Teil:
Jenner, 31 Tage A.
Jesus b. das c. Kindt d. ward e. beschnitten f.,
Drei g. Künig A. von b. Orient c. kamen d.
geriten e.
Unnd f. opfferten g. dem A. Herren b. lobesam c.
Anthomus d. sprach e. zu f. Sebastian g.:
Agnes A. ist b. do c. mit d. Paulus e. gewesen f.,
Wir g. sollten A. auch b. mit c. wesen.
Hier bedeutet jedes Wort einen Tag. Die
Worte, welche einen Fest- oder Heiligen¬
tag bezeichnen, ergeben sich von selbst.
Die Buchstaben A—f dienen zur Berech¬
nung der Sonntage und Wochentage ver¬
mittels des Sonntagsbuchstabens (s.
Sonntag §1).
Neben den kirchlichen K.n, zu denen
auch der K. Karls des Großen gehört 20 ), !
gab es seit dem 14. und 15. Jahrhundert
auch weltliche K. auf Pergament, wie
der im Germanischen Museum zu Nürn¬
berg aufbewahrte aus 1398 21 ) oder auf
Holz, wie der aus dem Kanton Wallis
stammende aus dem 15. Jahrhundert,
bei dem alle Unglückstage durch Kerben
bezeichnet sind 22 ). Holzkalender sind auch
die seit dem 12. Jahrhundert bekannten,
auf Holz eingeritzten Runenkalender,
immerwährende K., die in Schweden
bis zum 17. Jahrhundert in Gebrauch
waren 23 ). Bei den Slowenen finden sich
noch zu Ende des 18. Jahrhunderts Holz¬
kalender 24 ). Im Druck erschienen im
15. Jahrhundert zunächst die meist in
Süddeutschland hergestellten Einblatt¬
kalender und die immerwährenden
K., von welchen der älteste der 1439 von
Johannes de Gamundia (Hans von
Schwäbisch-Gmünd) herausgegebene ist.
Den ersten Jahreskalender gab Peypus
1513 in Nürnberg heraus 25 ).
Die immerwährenden K. waren für
jedes Jahr brauchbar, wenn man die
nötigen Hüfsmittel für die Bestimmung
der beweglichen Feste besaß, weshalb ihnen
oft eine Ostertafel (s. Ostern) beigegeben
war 26 ). Ähnlich wie beim K. der alten
Maya und Mexikaner in Mittelamerika eine
Zahl und ein Name genügten, um einen
bestimmten Tag und ein Jahr zu be¬
zeichnen 27 ), muß man den Sonntags¬
buchstaben (s. Sonntag § 1) und die
Goldene Zahl (s. d.) eines bestimmten
Jahres wissen, wenn man mittels des
immerwährenden K.s den vollständigen
K. dieses Jahres finden will. Mit dem
Worte ,,immerwährender K.“ bezeichnet
man übrigens auch die Tabellen selbst,
welche die einzelnen Tage des Jahres und
daneben die sich wiederholenden Buch¬
staben A bis G sowie die Epakten oder
die entsprechenden Goldenen Zahlen ent¬
halten, dann aber auch überhaupt alle
Tabellen und sonstigen Hilfsmittel, die
zur Lösung kalendarischer Aufgaben für
einen längeren Zeitraum dienen. Eine
Tabelle mit dem immerwährenden K.
bleibt nur beim julianischen K. für alle
Zeiten gültig; beim gregorianischen ist
sie bloß für ein oder ein paar Jahrhunderte
brauchbar 2®).
Zehn Jahre nach der gregorianischen
Kalenderreform erschien das Calendarium
perpetuum et sex libri oeconomici (i59 2 )
des JohannColerus, das bis zum 19. Jahr¬
hundert immer wieder neue Auflagen er¬
lebte. In den ersten Ausgaben steht bei
jedem Monat die lateinische Cisio Janus.
Außerdem bringt das Buch Monatsreime,
1
92 7
Kalender
928
Wetterregeln und eine Menge von An¬
weisungen in bezug auf Haus-, Feld- und
Viehwirtschaft und die Gesundheit des
Menschen, wobei auch der an einzelne
Tage oder den Monat selbst geknüpfte
Aberglaube überliefert wird. Noch be¬
rühmter wurde der hundertjährige K.
Dieser von dem 1664 gestorbenen Abt
Knauer, der den Ausdruck „hundert¬
jährig“ selbst nicht gebraucht hat, ver¬
faßte K. erschien zum erstenmal 1704,
nachdem bereits 1701 Chr. von Hell-
wig, der die Handschrift Knauers be¬
nützt hatte, seinen hundertjährigen K.
herausgegeben hatte, und wurde so be¬
liebt, daß bis zu Ende des 19. Jahr¬
hunderts immer wieder Neudrucke er¬
schienen sind 29 ).
Neben diesen gedruckten K.n gibt es
auch eine Art Volkskalenderim engsten
Sinne. Auch heute, wo wohl in den meisten
Bauernstuben der K. als Buch, Abrei߬
kalender oder Blattkalender an der Wand
hängt, kommen noch geschriebene K.
vor, indem man etwa die einzelnen Tage
der Woche mit Kreide an einer besonderen
Tafel vermerkt 30 ). So schreibt auch
der Hausvater in Zweitlingen bei Öhringen
für die Kinder, damit sie die Zeit bis Weih¬
nachten leichter erwarten können, die
Tage von Advent bis Weihnachten mit
Kreidestrichen über die Stubentüre, wobei
die Donnerstage als die Klöpferlestage,
der Thomastag und der Beginn der Zwölf¬
nächte besonders hervorgehoben werden 31 ).
Zu beachten ist endlich, daß der münd¬
lich überlieferte K. des Volkes nicht
stets mit dem offiziellen K. übereinstimmt.
Im Pinzgau gilt z. B. der 1. Januar nur
als kirchlicher Feiertag, viel wichtiger
ist der 6. Januar, der Dreikönigstag, der
Perchtentag oder „obrister“ (oberster)
Tag genannt wird und als Jahresanfang
(s. d.) angesehen wird 32 ). Andrerseits
zeigt der Volksglaube und Volksbrauch
noch Spuren des vorgregorianischen K.s,
indem manche Überlieferungen an den
alten Tagen haften geblieben sind. So
hat z. B. der 12. Mai (Pancratius) als der
frühere 1. Mai noch einige Züge des Wal¬
purgistages erhalten 33 ) (s. auch kürzester
und längster Tag).
14 ) Mitt. antiquar. Ges. Zürich 12 (1858/60), 3.
15 ) ZfVk. 19 (1909), 250. 16 ) K. vorwiegend des
ausgehenden 15. Jahrhunderts bei H. Gröte¬
te nd Zeitrechnung des deutschen Mittelalters
u . der Neuzeit 2. Bd. 1. Abt. (Hannover 1892).
17 ) Mitt. antiquar. Ges. Zürich 12, 23 t. 18 ) Wit¬
tenberg 1591—1601. 1# ) Mitt. antiquar. Ges.
Zürich 12, 23 £f. 20 ) Vgl. F. Piper Karls des
Große 'i Kalendarium und Ostertafel (Berlin 1858).
21 ) Mitt. antiquar. Ges. Zürich 12,4. 22 ) Ebd.
20 f. 23 ) Ebd. 4; ZfVk. 19 (1909), 250; Hoops
Reallex. 3,5; Schultz Zeitrechnung 96 f.
24 ) ZföVk. 3 (1897), 32. 25 ) Meyer Konv.-Lex.
10 (1905), 459. 26 ) Hoops Reallex. 3, 4 f. 27 )
K. Weule Leitfaden der Völkerkunde (Leipzig
u. Wien 1912) 45; Frazer 6, 28 t. Anm. 3.
28 ) Meyer Konv.-Lex. a. a. O. 459. 29 ) J. Ber-
thold Beiträge zur Entwicklung des hundert¬
jährigen K.s im Centralbl. f. Bibliothekswesen
8 (1891), 89 ff.; G. Hell mann Meteorologische
Volksbücher (Berlin 1895) 47 h.; K. Kaßner
Das Wetter (Nr. 25 von Wissenschaft u. Bildung,
Leizpig 1918) 21 ff. 30 ) Sartori Sitte 2, 48.
31 ) Kap ff Festgebräuche 4. 32 ) Andree-Eysn
Volkskundl. 158. 33 ) Wuttke 85 § 101.
3. Der K. kann die Bibel des Aber¬
glaubens 34 ) genannt werden, die sich
auf der engsten Verbindung uralten
Naturglaubens 35 ) und Sternglaubens
mit dem religiösen Glauben aufbaut
und reichlich mit Zahlenmystik 36 )
durchwoben ist. Den Zusammenhang mit
der Religion beweist vor allem der Um¬
stand, daß schon in den ältesten Zeiten,
wie heute noch bei Naturvölkern 37 ), das
Verfassen des K.s vornehmlich Sache der
Priester war 38 ). Und den K. benützte
man seit je, um das Leben in Einklang mit
höheren Einflüssen zu bringen, um Un¬
glück zu vermeiden und das Glück,
vor allem auch die Gesundheit, an sich
zu fesseln und zu bewahren, um die Zu¬
kunft zu erforschen, wobei namentlich
die Erforschung des künftigen W'etters
für den Landmann von Wichtigkeit war.
a) Bezüglich Glück und Unglück
kommt vor allem der Glaube an günstige
und ungünstige Tage in Betracht (s.
Tagewählerei, Glücks- und Unglückstage),
der schon im K. der Babylonier 39 ) —
der älteste semitisch-babylonische K.
stammt aus ca. 2325 v. Ch. 40 ) — nieder¬
gelegt ist, wo z. B. der 13. Adar als ein
„schlechter“ Tag verzeichnet wird, an dem
man weder Fische noch Vögel essen durfte,
während der 14. und 15. Adar ,,gute“ Tage
waren 41 ). Im K. der Ägypter 42 ) waren
929
Kalender
930
die omina angegeben und wurden einfach
abgelesen 43 ). Ebenso entscheiden heute
noch die Dsurchaitschi, eine eigene Prie¬
sterklasse der Kalmücken, jede Anfrage
mit einem Blick auf die zwölf Monats¬
tafeln mit der Liste der weißen und
schwarzen Tage 44 ). Im Staatskalender
der Römer war gleichfalls die rechtliche
Beschaffenheit des Tages vermerkt, d. h.
ob derselbe zur Vornahme öffentlicher
oder privater Geschäfte geeignet war oder
nicht 45 ) (s. Unglückstage). Neben diese
staatlich festgesetzten Tage traten andere.
So bringt eine Kalendertafel bei Pe-
tronius „dies boni et incommodi “ 46 ), und
später fanden auch die ägyptischen
Tage (s. d.) Aufnahme in die K., so bei
Philocalus. Dieser römische K. hatte auch
in christlicher Zeit noch Geltung, der für
Rom bestimmte K. des sogenannten
Chronographen vom Jahre 354 ver¬
zeichnet z. B. bei den Spieltagen noch
die Namen der Götter, zu deren Ehren sie
stattfanden 47 ). Der mit dem K. aufs
engste verknüpfte Glaube an Unglücks¬
tage (s. d.) erhielt sich, trotzdem die
Kirche dagegen ankämpfte; er wurde
unbeabsichtigt sogar von Vertretern der
Kirche gefördert. So bildet Beda’s Pro-
gnostica temporum vielfach die
Grundlage für den späteren Kalender¬
glauben 48 ), und die Cisio Janus selbst
war die Quelle neuen Aberglaubens, da die
darin hervorgehobenen Gedenktage als
besonders bedeutungsvoll aufgefaßt
wurden. Viele von diesen kehren tat¬
sächlich in den Verzeichnissen der Un¬
glückstage (s. d.), Schwendtage (s. d.)
und Lostage (s. d.) wieder und werden bei
der Tagewählerei (s. d.) beachtet. Auf¬
fällig ist auch, daß in der Cisio in der Zeit
vom 22. Juli bis 24. August, also während
der verrufenen Hundstage (s. d.) sich die
angeführten Festtage, im ganzen 25,
häufen.
Wie schon im ältesten gallischen K.,
dem Druidenkalender, die Zeichen D.
oder N. anzugeben scheinen, ob nur der
Tag oder die Nacht für religiöse Ver¬
richtungen geeignet sind 49 ), so wurden
schon auf den ältesten handschriftlichen
K.n des n. und 12. Jahrhunderts, dann
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
auf Drucken wie auch auf Kolzkalendem
die unheilvollen Tage besonders be¬
zeichnet (s. Unglückstage). Erst später
bringt man auch Verzeichnisse der
Glückstage (s. d.), und der K. wird zu
einem Vertreter des Glückes, zum Glücks¬
zeichen, so mit den im 15. Jahrhundert
auftauchenden Einblatt drucken, auf deren
Holzschnitten zuweilen das Glücksrad
(s. d.) zu sehen ist. Geschäftlich verstand
diesen Aberglauben schon der aus Basel
stammende Leonhard Thumeysser (1530
—1596) auszunützen, der in Berlin nicht
nur K. mit orakelhaften Prophezeiungen
herausgab, sondern den davon Bedrohten
gleichzeitig als Schutzmittel Talismane aus
Metall verkaufte, die zum Teil von Ber¬
liner Goldschmieden verfertigt waren 50 ).
Die Auffassung des K.s als Glückszeichen
äußert sich in der Gegenwart noch darin,
daß in vielen Gegenden der Rauchfang¬
kehrer und der Briefträger, also Per¬
sonen, die selbst als glückbedeutend
gelten, zu Neujahr einen Blattkalender
oder ein Kalenderbüchlein überreichen.
b) Der Glaube an günstige und un¬
günstige Tage steht in engster Beziehung
mit dem Glauben, daß solche Tage auch
für die Gesundheit des Menschen wichtig
sind. Darauf nehmen schon die einseitig
bedruckten Blattkalender Rücksicht, in¬
dem sie die Aderlaßtage bezeichneten 51 ),
und bald werden ärztliche Anweisungen
und Ratschläge ß2 ), wann gut aderlassen,
purgieren, arzneien, baden usw. sei, ein
notwendiger Bestandteil des K.s. Das
Aderlaßmännlein mit Angaben, wann
die rechte Zeit zum Schröpfen, Purgieren,
Baden und Haarschneiden, aber auch
zum Pflanzen und Säen u. a. sei, erschien
zuerst 1518 bei Stöffler in Ulm 53 ), dann
1522 in dem zu Oppenheim gedruckten
„New gross Römischen Calender“ 54 ).
c) Ebenso wichtig wurde der K. für das
Wetter und Wirtschaftsleben. Dies¬
bezügliche Anweisungen wurden oft in
besonderen Kalenderreimen gegeben,
so z. B. in einem K. des Jahres 1573 (Dil¬
lingen) 65 ). Sie wurden auch in andere
volkstümliche Bücher aufgenommen, so
z. B. in ein 1568 zu Augsburg erschienenes
Stemdeutebuch 56 ). Die gedruckte Ka-
30
Kalender
932
Kalk
lenderregel darf aber nicht durchwegs
der alten, mündlich überlieferten Bauern¬
regel gleichgestellt werden. Beide unter¬
scheiden sich oft wesentlich, da jene nicht
selten eine bloße Kuriosität der latein¬
reimenden Mönche des Mittelalters ist,
während diese wohl begründete, aus ur¬
alter Naturbeobachtung geschöpfte Er¬
fahrungssätze sein können 57 ). Gerade
betreffs der Wetter- und Wirtschafts¬
regeln erfuhr der K., besonders zu Beginn
des 16. Jahrhunderts, aus der übrigen
volkstümlichen Literatur eine starke Be¬
reicherung, so aus der zuerst 1508 er¬
schienenen „Bauern-Praktik" (1, 94 iff-)>
den schon zu Ende des 15. Jahrhunderts
zuerst in lateinischer, dann in deutscher
Sprache erscheinenden Prognostiken
und namentlich dem zuerst 1505 erschie¬
nenen „Wetterbüchlein" von Leon¬
hard Reynmann, der den größten Teü
seines Werkes dem Liber astronomicus des
italienischen Astrologen Guido Bonatti
(13. Jahrh., gedruckt 1491) und dem
Opusculum repertorii pronosticon in mu-
tationes aeris von Firmin de Belleval (ge¬
druckt 1485) entnommen und die Bauern¬
regeln unter Benutzung alter Erfahrungs¬
grundsätze wohl selbst in Reime gebracht
hat 68 ).
Da alle diese Anweisungen und Regeln
medizinischer oder meteorologischer wie
auch wirtschaftlicher Art einen festen
Bestandteil jedes K.s bildeten, erhielten
sie den Namen Kalenderpraktiken.
Gegen den darin enthaltenen Aberglauben
kämpfte schon Fischart in „AllerPraktik
Großmutter" an, dann aber besonders die
Zeit der Aufklärung 59 ), die sich vor
allem gegen die wertlosen Wettervorher¬
sagen des hundert j ährigenK.swendete,
dessen Name später zu der mißverständ¬
lichen Auffassung führte, daß er „hundert¬
jähriger" K. heiße, weil sich das Wetter
nach 100 Jahren wiederhole. Als aber
die Berliner Akademie der Wissenschaften,
welche das Vorrecht der Herausgabe von
K.n in Preußen hatte und auf die Ein¬
nahmen daraus angewiesen war, auf An¬
regung Friedrichs des Großen im Jahre
1779 die Wetterprophezeiungen des hun¬
dertjährigen K.s wegüeß, war der Absatz
so gering und der Unwille der Käufer so
groß, daß man im Jahre 1780 notge¬
drungen die „ungegründeten Wetter¬
prophezeiungen" wieder abdruckte 60 ).
Und auch gegenwärtig herrschen vielfach
die gleichen Verhältnisse. Als in dem
vom deutschen Verein für Volkskunde
und Volksbildung im Böhmerwalde für
1923 herausgegebenen „Wäldlerkalender"
die Wetterangaben nach Knauers hundert¬
jährigem K. absichtlich weggelassen,
bzw. durch einen auf klärenden Aufsatz
über richtige Wetterbeobachtung ersetzt
wurden, äußerten viele Käufer aus dem
Bauernstände ihre Unzufriedenheit und
kauften im nächsten Jahre lieber einen
anderen K., der die geforderten Angaben
brachte 61 ).
34 ) John Erzgebirge 49. **) Wundt Mythus
з, 427f. 36 ) Ebd. 2. 81 ff.; 3. 356ff. 37 ) M. P.
Nilsson Primitive Time-Reckoning (Lund 1920)
347 ff. 38 ) Frazer 4, 69; 7, 83. 39 ) Vgl. B.
Landsberger Der kultische K. der Babylonier
и. Assyrer (Leipz. Semit. Stud. VI, 1915) 17
Anm. 40 ) Jeremias Rehggesch. 40. 41 ) Frazer
9, 398 Anm. 2. 42 ) Vgl. ebd. 6, 24s. 43 ) Jere¬
mias Religgesch. 78. 44 ) Stern Rußland 1, 95.
«) Emil Aust Die Religion der Römer (Münster
1899) 36; Wissowa Religion 2. 48 ) G. Gunder¬
mann Die Namen der Wochentage bei den
Römern in ZfdWortf. 1 (1900), 177. 47 ) Stemp-
linger Abergl. 2. 48 ) AnSpr. 99 (1897). 12
Anm. 1; 100, 154. 49 ) Schräder Reallex. 981.
w ) Meyer Aberglaube 22, 31. 61 ) K. Kaßner
Das Wetter 2 (Nr. 25 von W. u. B. Leipzig 1918)
20 f. 62 ) Vgl. Lammert 80; Gundel Sterne
(1922) 294. 63 ) Meyer Aberglaube 22. M ) Vgl.
Alemannia 5 (1877), 237. 55 ) Ebd. 244 f. w )
Hmtg. 1 (1919 20), 189 t. 57 ) Rocliholz Natur¬
mythen 2. M ) Kaßner a. a. O. 18 ff. 69 ) Be¬
sonders (H. L. Fischer) Das Buch vorn Aber¬
glauben 1 (Leipzig 179°). 344 ff- u - Dauern-
Philosophie 1 (Passau 1802), 196 ff. ®°) Kaßner
a. a. O. 23. 6l ) Verf.
4. Der Kalenderglaube der Gegen¬
wart, womit bloß der auf den K. selbst
bezügliche Glaube und Aberglaube ge¬
meint ist, nicht, wie es hie und da irr¬
tümlich geschieht 62 ), der ganze Aber¬
glaube des Jahres, bezieht sich bezeich¬
nenderweise hauptsächlich auf das
Wetter. Man sagt wohl in Braunschweig:
„Den kalenner maket de minschen, dat
wedder de leiwe herrgott" 63 ), und in Nord¬
thüringen „Den Kalender machen die
Mänder (Männer), aber das Wetter der
liebe Gott" 64 ). Oder man verspottet im
Hinblick darauf, daß die K. gerne nasses
Wetter prophezeien, einen Menschen mit
immer tropfender Nase mit der Redensart:
„Der hat eine Nase wie ein alter Ka¬
lender, der allzeit ein nasses Wetter pro¬
phezeit" 65 ). Aber in Wirklichkeit ist
auch heute noch der auf dem K. beruhende
Wetterglaube im Volke fest verankert,
zumal er vielfach auf die Erfahrung von
Jahrhunderten sich stützen kann und
durchaus nicht immer Aberglaube zu
sein braucht 66 ). Denn den Bauernregeln
liegt immerhin einiges Wahre zugrunde 67 ).
In der Volksmedizin kommt der K.
allerdings nicht mehr für das Aderlässen,
Purgieren, Baden usw. in Betracht, man
achtet aber doch bei der Anwendung von
Hausmitteln auf die Kalenderzeichen.
Krankheiten nehmen nach dem Analogie¬
prinzip nur ab, wenn sie bei abnehmen¬
dem Mond behandelt werden, während
man bei zunehmendem Mond nur dann
„doktert", wenn etwas wachsen soll 68 ).
Vor allem wichtig sind die Kalender¬
heiligen als Krankheitspatrone 69 ), vor¬
nehmlich im katholischen Süddeutsch¬
land. In Österreich verschluckt man
Heiligenbüder, Eßzetteln oder Eßbildeln
genannt, bei Krankheiten 70 ) und tut dies
auch mit den kleinen Abbildungen der
Heiligen vom sog. Manderlkalender,
der für Analphabeten hergestellt wird 71 ).
Vertretung der Person durch den Namen
liegt in dem Aberglauben der Steiermark
und Oberösterreichs vor, wenn man beim
Ausräuchem eines behexten Kindes neben
neun Holzarten und Kehricht oder Staub
aus der Kirche, der auch von dem Zau¬
berer herstammen kann, einen alten K.
benützt, weil darin der Vorname des
Zauberers sicher verzeichnet ist 72 ). Viel¬
fach gehen endlich handschriftliche Re¬
zepte, die im Volke verbreitet sind, auf
K. zurück, aus welchen sie abgeschrieben
wurden 73 ), die aber selbst wieder oft
aus dem volkstümlichen Heilschatz ge¬
schöpft haben dürften.
Seltener wird der K., außer in Rück¬
sicht auf das Wetter, im Wirtschafts¬
leben zu Rate gezogen. Das Analogie¬
prinzip macht sich geltend, wenn es in
Steiermark in Beachtung der Ka¬
lenderzeichen heißt, daß im Fisch kein
Bauholz gehackt werden soll, sondern im
Wassermann, weil es sonst nicht aus¬
trocknet, oder daß der Speck im Zeichen
der Wage eingehackt werde, weil er dann,
wenn ihn der Bauer verkauft, mehr
wiegt 74 ). Ebenso wiegen nach Kärtner
Volksglauben die im Zeichen der Wage
entwöhnten Kälber später am schwersten,
und in dieser Zeit sind auch die jungen
Pferde und Ochsen am gelehrigsten 75 ).
Ebenso dürften es heute schon sehr
seltene Ausnahmen sein, wenn bei Ge¬
burt eines Kindes auf die Kalender¬
zeichen geachtet wird, nach welchen die
im Zeichen des Krebses oder des Skor¬
63
)
pions geborenen Kinder unglücklich, die
im Zeichen der Zwillinge, Fische und
des Widders geborenen glücklich werden
und den im Wassermann geborenen Kin¬
dern der Tod durch Ertrinken droht 76 )
(s. Astrologie, Geburt, Tierkreis).
Auf den K. als Glückszeichen (s. o.)
deutet der Brauch im Erzgebirge, daß die
Kinder ihre Eltern am Neujahrsmorgen
mit einem K. beschenken 77 ). Gibt man
dem Kinde selbst den K. oft in die Hand,
so wird es gelehrt 78 ). Mit Aufkommen
der Abreißkalender entstand der
Glaube, daß es etwas Unangenehmes für
das Haus bedeutet, wenn man am K.
einen Tag zu früh abreißt 79 ).
® 2 ) Z. B. ZfVk. 4 (1894)» 305 ff- 392 ff.
And ree Braunschweig 409. ® 4 ) ZfVk. 9 (1899),
2 35 - #i ) Pfalz Marchfeld 116. 6Ö ) Andree
a. a. O. ® 7 ) Pfannenschmid Erntefeste 509.
®®) Seyfarth Sachsen 950.; Reiterer Steier¬
mark 106. 69 ) ZfVk. 1 (1891). 292 ff. 70 ) ZföVk.
13 (1907), 112; 20 (1914), 141. 71 ) Ebd. 13, 112
= Andree-Eysn Volkskundliches 121; vgl.
S. Seligmann Die magischen Heil- und Schutz¬
mittel 41. 7S ) Seligmann Blick 1, 319; Baum¬
garten A. d. Heimat 3, 25. 73 ) Andree Braun¬
schweig 1 300. 74 ) Reiterer Steiermark 122.
Vgl. Wäldlerkalender (Staab) 5 (1928), 98.
75 ) Wuttke 88 § 105. 78 ) Ebd. 87 § 105; John
Erzgebirge 49; vgl. Lehmann Aberglaube 2 209 ff.
77 ) John Erzgebirge 184= Sartori Sitte 3, 57.
78 ) Wolf Beiträge 1, 207; Wuttke 395 §605.
Vgl. Baumgarten a. a. O. 3 {1869), 10.
79 ) SchwVk. 3, 74 (Zürich). Vgl. bes. Glücks-
tage, Jahr, Tagewählerei, Unglücks¬
tage. Jungbauer.
Kalk. Ungelöschter Kalk wurde im
Altertum in der Heilkunde vielfach äußer¬
lich angewendet 1 ). In der deutschen.
935
Kalmus—kalt
93 <>
Volksheilkunde findet er hauptsächlich
Verwendung zu heilsamen Umschlägen
bei Hautausschlägen, trockenen und
nassen Flechten, Geschwüren und eitern¬
den Wunden u. dgl. *). Als Heilmittel
wird er schon in den beiden ältesten deut¬
schen Arzneibüchern erwähnt 3 ). Kalk¬
wasser wurde früher bei „schmerzender
Schwerigkeit“ der Lenden und Füße emp¬
fohlen 4 ). Lonicer beschreibt eine aus
Kalkwasser bereitete Salbe gegen Warzen
und eine aus Kalk, Bleiweiß und Wachs
hergestellte Salbe gegen faule Schäden
und den Wolf 6 ). In Frankreich mischt
man unter das Samengetreide Kalk, der
zwischen Himmelfahrt und Mariä Geburt
gebrannt sein muß 6 ).
J ) Pauly-Wissowa io, 1065 ff. 2 ) Zahler
Sitnmenthal 86; Köhler Voigtland 351; ZfrwVk.
1 (1904)» 102; G.
buch 41 Nr. 19.
Arzneibücher 36.
6 ) Lonicer 54. Ä )
Schmidt Mieser Kräuter-
3 ) Pfeiffer Zwei deutsche
4 ) Bressl. Samml. 8, 468.
S6billot Folk-Lore 3, 452.
f Olbrich.
Kalmus (Acorus calamus). 1. Bota¬
nisches. Schilfähnliche, aromatisch
riechende Pflanze mit dickem, im Boden
kriechendem, aromatisch riechendem
Wurzelstock, dreikantigem Stengel und
langen schwertförmigen Blättern. Nicht
selten an Ufern von stehenden und fließen¬
den Gewässern. Der Wurzelstock (Rhi-
zoma calami) wird als magenstärkendes
Mittel verwendet 1 ).
2. Im katholischen Süddeutschland
werden häufig die Wege, die von der
Fronleichnamsprozession beschritten wer¬
den, mit K. bestreut 2 ). Wird dieser an
Fronleichnam gestreute K. bald dürr,
so ist das ein Zeichen für eine gute Heu¬
ernte 3 ). Das an Abzehrung leidende
Kind wird in Wasser gebadet, in dem am
Fronleichnam zusammengelesener K. ge¬
kocht wurde 4 ). Besonders in Nord- und
Ostdeutschland dient der K. zum Schmuck
des Pfingstfestes. Er wird vor die Stuben¬
tür, auf den Fußboden usw. gestreut 5 ).
3. K. wird an Johanni dem Vieh zum
Schutz gegen Behexung gegeben 6 ). Auch
in China gilt der K. als Apotropaeum 7 ).
Als „Tragezauber“ trägt man gegen
Zahnweh eine K.wurzel im Schuh 8 ),
gegen Schlaganfälle im Sack (Tasche) 8 ),
vgl. Herbstzeitlose, Roßkastanie.
4. In einer oberpfälzischen Sage bringen
Kinder „schlechten Kalmus“ (vielleicht
die dem K. in Stengeln und Blättern
ähnliche gelbe Wasser-Schwertlilie, Iris
pseudacorus ?) zum Holzweiblein und
fragen, wozu denn der schlechte K. gut
sei. Da kommt ein Männlein und ruft
dem Holzweiblein zu: „Anna Brigl (Bri¬
gitte), alles darf man sagen, nur nicht
für was der schlechte K. gut ist. . .“ lü ).
Fast die gleiche Sage wird in der Ober¬
pfalz von „Roßhaar und Zwiebelschalen“
erzählt u ).
x ) Mar zell Kräuterbuch 435; Heilpflanzen
26 f. 2 ) Schmeller BayWb. i, 469; Mnbölim-
Exc. 21, 228. 3 ) Die Oberpfalz 7 (1913). 235;
Marzell Bayr. Volksbotanik 235. 4 ) Drechsler
Schlesien 2.314. 6 ) Kuhn Westfalen 2,164;
Bartsch Mecklenburg 2, 270; MschlesVk. 9, 78.
•) Toeppen Masuren 93; Treichel V, 30;
Seefried-Gulgowski 178; Jahn Hexen¬
wesen 358. 7 ) Seligmann Blick 2, 68.
8 ) Manz Sargans 56. ®) Marzell Bayr. Volks¬
botanik 171. 10 ) Schönwerth OberPfalz
2 - 367. n ) Höser Volksheilknndc 3 — Marzell
Bayr. Volksbotanik 227. Marzell
kalt.
1. In der ma. Naturlehre hatte k~
neben den Eigenschaftswörtern heiß,
feucht und trocken seinen besonderen
Platz. Je zwei von diesen dienten je¬
weils zur Kennzeichnung der Dinge und
Wesen der belebten und unbelebten
Natur. Die vier Elemente wurden mit
diesen Eigenschaftswörtern umschrieben;
während man die Luft aus heißer und
feuchter „Natur“ bestehend glaubte, galt
das Feuer als trocken und heiß, das Wasser
als k. und feucht und schließlich die
Erde als k. und trocken x ). In der glei¬
chen Weise geschah die Einteilung der
Gestirne. In den Planetenbüchern des
MA. wird z. B. der Saturn als trocken
und k., die Venus und der Mond als k.
und feucht beschrieben 2 ). Ebenso be¬
handelte man die einzelnen Jahreszeiten;
der Herbst und der Winter waren k.er
„Natur“, dieser feucht, jener trocken 8 ).
Da man den vier „Naturen“, wie man
immer die allen Dingen und Wesen zu¬
geschriebenen verborgenen Grundkräfte
nannte, geheime Einflüsse auf den Men-
937
Kamille
938
sehen und alle „Geschöpfe Gottes“ zu¬
sprach 4 ), namentlich in astrologischer
Beziehung, so lag eine Bezeichnung der
menschlichen Wesensarten mit den ge¬
nannten Eigenschaftswörtern nahe: von
den vier Temperamenten bezeichnete man
Melancholie und Phlegma als k., und zwar
dieses als feucht und k., jene als trocken
und k. 4a ). Bei der Schilderung der j
Pflanzen und Gesteine kehrt k. mit den
erwähnten Wörtchen immer wieder. |
„Seint ain kraut an der kräft k. ist, daz j
ander warm“ 5 ). Dasselbe sagt die ma.
Naturlehre auch von den Gesteinen aus 6a ). \
*) AnzfKddV. 1854, 18411.; Megenberg ed.
Pfeiffer S. 68 ff. 2 ) Deutsches Museum 1842,
243 s.; AnzfKddV. 1854, 184. 3 ) Ebd. 185.
4 ) Ebd. 4a ) Ebd. 6 ) Megenberg 379. 6a ) Ebd.
429.
2. Eine Reihe Krankheitsbezeich-
nungen der Volksmedizin sind mit k.
zusammengesetzt 5b ). Für die verschie¬
densten Krankheiten besteht beim Volke
der Ausdruck k.er Brand, so für 1. k.es
Feuer, 2. für eine Krankheit, bei der
die Haut hochrote Anschwellungen zeigt
und hohes Fieber vorhanden ist, 3. für
den Milzbrand der Pferde und 4. für das
Kaltefieber bei Kühen fl ). Bei den beiden
letztgenannten Krankheiten ist die Be¬
zeichnung k. wohl auf die bei diesen auf-
! sind zu nennen: k. (-e, -er, -es) Abscess,
! Atem, Beulen, Blase, Bresten, Flüsse,
Gebrechen, Gedärm, Geschwulst, Ge-
sücht, Gicht u. a. m. 14 ).
ß b) Fehrle Zauber 52 f. ®) Höfler Krank -
heitsnamen 68. 7 ) Fossel Volksmedizin 13.
8 ) Hovorka-Kronfeld 2, 414. 9 ) Ebda. 414 f.
10 ) Lammert 259. u ) Höfler Volksmedizin 88.
12 ) Hovorka-Kronfeld 2, 48. 13 ) DWb. r,
1175!. 14 ) Höfler Krankheitsnamen 256 ff.
3. Weitverbreitet ist der Aberglaube,
daß man besondere Schönheit erlange,
wenn man k.en Kaffee trinke 15 ). In
Böhmen glaubt man durch den Genuß
k.er Speisen, die gekocht sind, schön
zu werden 1Ä ).
1& ) Wuttke 309. 18 ) Ebd. Herrmann.
Kamille (Matricaria chamomilla).
1. Botanisches. Korbblütler (Kom¬
posite) mit doppelt fiederteiligen Blättern
und Blütenköpfen, deren Scheibenblüten
gelb und deren Strahlenblüten weiß sind.
Der Blütenboden ist (im Gegensatz zu der
sonst ähnlichen Hundskamille, Anthemis
arvensis) innen hohl. Die K. ist in Äckern
und auf Schuttplätzen nicht selten. In
der Volksmedizin (K.tee!) genießt sie
großes Ansehen *).
2. Sehr verbreitet ist der Glaube, daß
die K.n besonders heilkräftig sein sollen,
tretende Kälte der Haut zurückzuführen wenn sie an Johanni gesammelt werden 2 ),
(fieberk.). Überhaupt erscheint vielfach vgl. Holunder, Johanniskräuter,
dem Volke jede Fieberbewegung, aus Kümmel. In die an Johanni gepflückten
welcher Erkrankung sie auch immer ent- K.n kommen keine Würmer hinein 8 ).
standen sein mag, wenn sie mit fahler Nach Johanni haben die Hexen auf die
Blässe und Frosterscheinungen auftritt, K.n genäßt 4 ). K.n müssen vor Johanni
als k.er Brand 7 ). Im allgemeinen gilt gepflückt werden, weü an diesem Tage
Krebs als k.er Brand 8 ). Im Odenwald, in der „böse Krebs“ über die Felder fliegt 6 ).
Schwaben, Ober- und Unterfranken kennt In Siebenbürgen glaubt man, daß am
man gewisse Zaubersegen, um den k.en Johannistag sich die echte K. in die
Brand zu vertreiben °). In der Oberpfalz Hundsk. verwandle. Dies rührt wohl
nennt man das Wechselfieber wegen der daher, daß diese etwas später blüht als
damit zusammenhängenden Frosterschei- die echte K. fl ). Daß die K.n an Johanni
nungen k.es Fieber 10 ). In Oberbayem gepflückt werden müßten, glaubt man
spricht man von k.-vergiftet, wenn sich auch im französischen Belgien 7 ), in
jemand Rheumatismus zugezogen hat u ). Italien 8 ) und in Litauen 9 ).
Eine Samenentleerung ohne wollüstige ; 3. Man steckt in die erste Garbe Har-
Erregung, wie sie der Teufel haben soll, tenau (s. Hartheu) und K. zum Schutz
wenn er mit Hexen buhlt, heißt im Volke gegen Ungeziefer l0 ). Die Zusammen-
k.e Natur 12 ), männliche Selbstbefrie- Stellung mit „Hartenau“ läßt vermuten,
digung häufig k.er Bauer 13 ). Von an- daß es sich hier um ein antidämonisches
deren Krankheitsbezeichnungen mit k. Mittel handelt (vgl. auch andere „Jo-
939
Kamin—Kaminfeger
940
hanniskräuter“ wie Arnika, Beifuß).
Wer K. bei sich trägt oder in der Hand
hält, kann nicht behext werden “). Die
K. wird in Bündeln von den Landleuten
unter den Balken in der Stube aufgehängt.
Kommt eine Hexe ins Zimmer, so bewegt
sich das Bündel 12 ),vgl.Bärlapp,Manns¬
treu.
4. Die K. wird im Volke häufig gegen
Augenkrankheiten verwendet 13 ). Ge¬
gen Augenkrankheiten soll sie nach Pseudo-
Apuleius 14 ) vor Sonnenaufgang mit der
Anrufung gepflückt werden: ,,ad albu-
ginem oculorum te carpo, at subvenias“ 15 ).
Wenn man an Hundsk.n riecht, bekommt
man leicht eine böse Nase 16 ).
5. Nach der Sage sind die ,,Hermänn¬
chen“ (= Volksname für K.) verwun¬
schene Soldaten l7 ). „Hermanla“ heißen
östlich der Warthe auch die Zv/erge l8 ).
Es wird sich hier wohl um eine ,,ety¬
mologische“ Sage handeln, da „Hermanla“
usw. volksetymologische Anlehnungen an
„Hermanek“ (böhmischer Name der K.)
sind.
!) Marzeil Kräuterbuck 382 1 ; Heilpflanzen
212—214. 2 ) Kuhn Westfalen 2, 177; Vecken-
stedts Zs. 4, 69 (Prov. Sachsen); Marzeil
Bayer. Volksbot. 40; Fischer SchwäbWb. 3,
1159; Frazer Balder 2 (1913)* 6 3 - 3 ) Vecken-
stedts Zs. 1, 399 - 4 ) Treichel X, 462. 6 )
Bartsch Mecklenburg 2, 289. 6 ) Schullerus
Pflanzen 1921, 364. 7 ) Sebillot Folk-Lore
3, 472. 8 ) ATradpop 9, 344; Reinsberg-
Düringsfeld Kuriositäten 1 (1879), 35. 9 )
Brosow Baumverehrung 1887, 25; Treichel
X, 462. 10 ) ZfVk. 7, 155 (Anhalt). ll ) Witz-
schel Thüringen 2, 275 = Seligmann Blick
2, 68. 12 ) ZhistVerNiedersachsen 1878, 91
(Solhng). 13 ) Z. B. ZfrwVk. 1, 91; 5 » 100.
14 ) De medic. herbarum rec. Ackermann 1788,
183, offenbar nach Plinius Nat. hist. 24, 133.
15 ) Vgl. Höfler Kelten 268. 16 ) ZfrwVk. 5, 150.
17 ) Grohmann 100; vgl. Rochholz Schweizer¬
sagen 2, 254; Mannhardt Germ. Myth. 475 f.;
Sepp Sagen 512. 18 ) ZfVk. 4, 455. Marzell.
Kamin s. Schornstein.
Kaminfeger (Essenkehrer, Rauchfang¬
kehrer, Schornsteinfeger).
A. Der K. als Objekt des Anganges (s. 1,
4090.). Seine Begegnung gilt allgemein
als gutes Vorzeichen J ); die in voller Aus¬
rüstung 2 ), die mit drei K.n und drei Schim¬
meln 3 ), zu Neujahr, am Morgen 4 ), be¬
deutet Glück oder den Empfang eines
Briefes während des Tages 5 ); am Weih¬
nachtsmorgen die Heirat für einen Bur¬
schen, wenn er vier zusammen sieht,
darauf einen Schimmel, dann ein Mäd¬
chen, das seinen Gruß erwidert 6 ). Zur
Begegnung kommen oft weitere Be¬
dingungen, so z. B. hält man einen
schwarzen Knopf an der eigenen Klei¬
dung, wenn man ihn gesehen hat, so
lange, bis man einen Schimmel sieht.
Das bringt Glück 7 ), oder ein Wunsch
geht in Erfüllung (Steiermark) 8 ); auch
soll man außer dem K. und dem Schim¬
mel noch ein rotes Dach und eine Post¬
kutsche sehen (sogar die Schwiegermutter
nach Wiener Kinderglauben) 9 ). Trägt
dagegen der K. beim Angang keine
Leiter, so bedeutet das Unglück 10 ).
Die Beachtung des Anganges kann man
noch gegenwärtig fest st eilen, vor allem
bei der städtischen Bevölkerung, wenn
auch hier in sehr vielen Fällen nur in
Reminiszenz an früheren Aberglauben.
Der Grund, daß der K. einen günstigen
Angang abgibt, liegt vor allem in seiner
besonderen Erscheinung (s. oben I,
4190.); eine weitere Begründung mag darin
zu suchen sein, daß die K.gesellen zu Neu¬
jahr die Jahresrechnung in den Häusern
einkassierten und unter Glückwünschen
! Gaben für sich sammelten. Sie über¬
reichten dafür bis in die jüngste Zeit
ein Blatt mit dem Kalender. Dieses
Blatt enthielt auch immer einen Glück¬
wunsch, wurde auf einer Tür, meist
der Schlafkammertür, befestigt und bot
den Bewohnern für das ganze Jahr den
Kalender. Die K. waren so die ersten
N eu j ahrsgrat ulanten.
B. Der K. im absoluten Aberglauben.
1. Außer seinem günstigen Angang
werden seinen Arbeitsgeräten und Tätig¬
keiten bestimmte Kräfte zugeschrieben.
a) eine Heil-herbeibringende dem Be¬
sen ; daher bricht man von diesem, wenn er
ihn im Vorhaus ablegt, schnell, unbeach¬
tet drei kleine Ruten ab und bewahrt sie
auf, weil sie Glück bringen (Ratibor,
Rybnik) n ). Hier spielt der Besen, in¬
sofern er aus Ruten und Zweigen besteht,
und diese mit Ruß bedeckt sind, die ent¬
scheidende Rolle (s. Besen, Rute, Lebens¬
rute). Das macht sich der K. zu Nutzen,
941
Kamm
942
denn er verkauft zu Neujahr Besenhaare
für die Geldbörse 12 ) (s. Hecktaler).
b) Dieselbe heilsame Wirkung wird
auch dem ihm anhaftenden Ruß zuge¬
schrieben; daher lassen sich manche von
ihm berühren, sie streifen im Vorüber¬
gehen an ihn an; mit zwei (drei) Fin¬
gern berühren sie ihn und spucken aus,
dabei ist zu sagen: Rauchfangkehrer,
Glück 13 ).
c) Seine Tätigkeit des Fegens kann
das Heil verhindern, denn der Milch¬
ertrag schwindet, wenn er im Hause
fegt und gerade eine Kuh gebellt hat.
Daher wird ihm hier und da zu dieser
Zeit das Kehren verweigert (Dörnberg 14 )).
Hier tritt die Bedeutung des Kehrens
hervor (s. kehren). Wenn er aus dem¬
selben Grund kein Kehrgeld bekommt,
so ist es deshalb, weil in dieser für den
Milchertrag wichtigen Zeit nichts aus dem
Haus weggegeben und verliehen werden
darf (s. Glück, leihen, kaufen, verkaufen,
wegtragen).
2. Gleichsetzung des K.s mit dem Teufel:
Durch sein geschwärztes Äußeres wird er
der Schwarze geheißen (Kinder werden ge¬
schreckt), und im weiteren wurde aus dem
Vergleich mit dem Schwarzen = Teufel
eine Gleichsetzung, so daß der Teufel als
K. mit Hörnern und Geißfüßen er¬
scheint 15 ).
3. Der K. als Geisterbanner. Er hat
die Kraft Geister zu bannen und zu
vertragen, doch im Gegensatz zu Je¬
suiten und Franziskanern mit Hilfe
des Teufels (Mittelfranken) 16 ). Die durch
seine äußere Erscheinung bedingte Gleich¬
setzung mit dem Teufel ließ ihn Geister
bannen.
4. Die K. waren beteiligt an den ver¬
schiedenen Frühlingsfeiern 17 ), teils als
alleinige Veranstalter, so zu Fastnacht;
ihre Ausrüstung eignete sich besonders
zu Narrenumzügen 18 ), teils als Gruppen
in diesen 19 ).
*) SchwVk. 3, 74 (Zürich); SAVk. 8, 268
(Kanton Bern); John Erzgebirge 38. 2 ) Ale¬
mannia 33, 300. 3 ) Pollinger Landshut 165;
DG. 13, 126. 4 ) Mündl. (Oberes Mühlviertel).
*) Alemannia 33, 303. 6 ) SchwVk. 10, 29.
7 ) ZföVk. 33, 135 (Wien). 8 ) Mündl. (Steier¬
mark). 9 ) ZföVk. 33, 135. 10 ) Alemannia 33,
300. n ) Drechsler 2, 260. 12 ) ZföVk. 33, 135.
13 ) Ebd. 14 ) Drechsler 2, 101. 15 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 40. 1S ) Ebd. 3, 114. 17 )
Mannhardt 1, 322, 425 h.; Reinsberg Fest¬
jahr 133 ff. (Jack in the green, in London am
i.Mai). 18 ) Sartori Sitte 3,95. 19 ) Heimatgaue 1,
192 (Oberes Mühlviertel); John Erzgebirge 184
(Neujahr). Jungwirth.
Kamm.
1. Der K. dient zur Abwehr von Hexe¬
rei und bösem Zauber. In einem Bauern¬
hause in Ditmarschen fand man im
Innern eines Ständers ein Messer und
einen K. a ). Um das Sterben des
Viehes zu verhindern, verbrennt der
Bauer in der Niederlausitz im Stalle
einen K. 2 ). Zum Schutz der Tiere vor
Ungeziefer vergräbt man unter der
Schwelle der StaÜtür einen alten Kamm 3 ).
Der Kuh wirft man in die erste Tränke
nach dem Kalben einen K. und eine
Handvoll Salz 4 ); ebenso dem Kalbe
gegen Behexung 5 ). Um das Buttem zu
beschleunigen und hindernde Hexerei zu
beseitigen, legt man einen K. unter
das Butterfaß 6 ). Je schmutziger dieser
ist, um so besser wird die Butter 7 ). Man
muß dazu den engen Kamm nehmen 8 ).
Man reist sicher, wenn man einen K. in
die Tasche nimmt 9 ). Zum Schutze
gegen böse Geister legt die Wöchnerin
einen Kamm in ihr Bett 10 ). Beim Ab¬
stillen erhält das Kind neun Tage lang
einen Kamm um den Hals, damit es nicht
krank und nicht mager werde. Anderswo
soll die Mutter einen K. an einem Bande
über der Achsel am Rücken gehängt
tragen 11 ). Auch wenn die Wöchnerin
das Wochenbett schon verlassen hat,
trägt sie noch Messer und K. auf der
Brust, um vor allem bewahrt zu sein 12 ).
Bei den Bulgaren legt man ihr einen K.
auf den Kopf 13 ). Merkt die Mutter, daß
eine Entzündung der Brüste im Ent¬
stehen ist, so soll sie diese mit warmem
Rüböl gehörig einreiben und einen feinen
Haark. (Lüskam) darauf legen 14 ). In Mün¬
chen tragen Wöchnerinnen einen Elfen-
beink. an einer Schmu* um den Nacken,
und in den Vierlanden legt man einen
solchen auf die entzündeten Brüste der
Wöchnerin 15 ). Auch die Messingkämme
943
Kamm
944
an den Kummeten der Pferde dienen der
Abwehr 16 ).
Ziemlich häufig ist auch die Verwendung
des Kammes zum Heilzauber. Zum
Kühlen einer Geschwulst wendet man das
tagelange Tragen (Auflegen) eines Kammes
an 17 ). Gegen „Gnirrgnarr" (Sehnenent¬
zündung) nehme man jemand heimlich sei¬
nen K. weg und binde ihn auf das leidende
Glied 18 ). Wenn ein Kind der Wenden den
Krampf hat, muß man ihm den K. eines
Gestorbenen unter den Kopf legen, dann
hört der Krampf sofort auf 10 ). Gegen
Lähmungen schlagen die Rumänen in
Südungam über dem im Bette liegenden
Kranken zwei Wollkämme aneinander,
während die „weise Frau" Beschwörungs¬
formeln sagt. Die beiden Kämme werden
dann unter das Krankenbett gelegt.
Wird das dreimal wiederholt, so ist die
Heilung sicher 20 ). Unruhig Schlafende
und solche, die im Traume reden, schlägt
man mit dem Griffe eines Kammes auf
den Mund 21 ). Damit das Kind ruhig
schlafe, legt man ihm in die Wiege einen
K. oder eine Spindel 22 ). Gegen Augen¬
entzündung wird in Japan ein K. von
Tsugeholz so lange auf dem schwarzen
Saume des Bandes längs den Matten am
Boden gerieben, bis er heiß wird, und
nachher mit den kranken Augenlidern
in Berührung gebracht 23 ). Wenn man
ein Kind zum erstenmal mit einem neuen
K. kämmt so bekommt es großes Haar
(Hessen) 24 ). Der Kamm der h. Hildegund
soll gegen Kopfweh helfen 85 ). In der
St. Galler Stiftskirche wurde der K. der
h. Wiborada auf bewahrt und gegen
Kopfweh gebraucht 26 ).
1 ) ZfEthn. 30, 27. 2 ) Globus 72, 354 -
3 ) Drechsler 2, 104. 4 ) Ebd. 101. 6 ) HessBl.
i, 13. fl ) Grimm Myth. 3, 457 (667: Württem¬
berg); Eberhardt Landwirtschaft 18; Köhler
Voigtland 428; John Erzgeb. 134; Urquell 6, 101
(Juden). 7 ) Toppen Masuren 100. 8 ) Wolf
Beitr. 1,227(319)- 9 ) SAVk. I2 ' x 5 *- 10 )Temes-
vary Volksgl. in d. Geburtshilfe usw. in Ungarn
72. u ) John Westböhmen 119. Vgl. Temes-
vary 117. 12 ) Drechsler 2, 205. 1S ) Strauß
Bulgaren 210. 14 ) ZfrwVk. i, 200; Wirth
Beitr. 2/3, 8. Vgl. auch Mannus 7, 17 f. w )Oben
2, 781. 16 ) Mannus 7, 20, wo weiteres über
diesen Zweck des K.s in vorgeschichtlichen
Perioden (er bedeutet hier nach Wilken viel¬
leicht ursprünglich die Hand). 17 ) Lemke
Ostpr. 1, 49. 18 ) Mensing Schlesw. Wb. 3, 32.
19 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 208. 20 ) Ebd.
2, 250. 21 ) Strauß Bulgaren 417. 22 ) Zelenin
Russische Volksk. 302. 23 ) Globus 90» * 3 0 -
24 ) Wolf Beitr. 1, 207 (32). w ) Menzel Sym¬
bolik i, 466. 26 ) Rochholz Gaugöttinnen 141;
Ders. Sagen i, 16. Der Kamm ist auch Attribut
der h. Prisca und der h. Verena: Menzel
Symbolik i, 466. Zu letzterer vgl. Rochholz
Sagen 1, 13; 2, LII; ders. Gaugöttinnen 112.
121. 137. 141. Vgl. unten 4. Kamm im Grabe
von drei heiligen Jungfrauen in Köln: Wolf
Deutsche March, u. Sag. 293 (182).
2. Der K. gilt als gefährlich und
unglückbringend. Im italienischen
Märchen stirbt das Mädchen, in dessen
Haar die Mutter den K. hat stecken
lassen; nach Jahren springt er heraus,
und das Mädchen erwacht 2? ). In Japan
nehmen eine Frau oder ein Mädchen von
ihrem Mann oder Geliebten keinen K.
als Geschenk an. Wenn man einen findet,
läßt man ihn liegen, denn die Silbe ku,
die Unglück bedeutet, findet man auch
im Worte kushi, Kamm 28 ). Man ver¬
meidet es, nachts einen K. wegzuwerfen.
Wer einen weggeworfenen auf hebt, wird
in eine andere Person verwandelt 2Ö ).
Auf Neuseeland gilt es als ein Verbrechen,
wenn eine geheiligte Person ihren K. oder
irgend etwas, was ihren Kopf berührt hat,
auf einem Platze läßt, wo Nahrung ge¬
kocht ist 30 ). In Sandhof (Crailsheim)
warf eine Hexe einer Frau einen K. ins
Bett, und von Stund an war diese nicht
mehr richtig im Kopfe 31 ). Wenn Kinder
einen Läusek. in den Mund nehmen, so be¬
kommen sie schwarze Zähne 32 ). Wer beim
Neujahrsorakel unter dem Topfe einen
K. findet, dem wird es nicht gut gehen.
Die Deutung des K.es gibt zu lautem
Gelächter Anlaß 33 ). Von einem K. träu¬
men bedeutet schweren Ärger 34 ). Ärger
und Verdruß wird einem bereitet, wenn
man einen K. fallen läßt 35 ). Mit einem
neuen K. soll man zuerst ein Tier (Hund,
Katze) kämmen, ehe man sich selbst
kämmt 36 ), sonst fallen einem die Haare
aus 37 ) oder die Kinder kriegen Läuse,
auch ist der K. gleich aufgenutzt 38 ).
Während (in Sarawak) die Männer
Kampfer sammeln, dürfen ihre Frauen
daheim keinen K. berühren, sonst würden
die Lücken zwischen den Fasern der
945 kämmen 946
Bäume, anstatt sich mit den kostbaren f nacht die Haare, verbrennt die ausge-
Kristallen zu füllen, leer werden wie die
Lücken zwischen den Zähnen eines
Kammes 39 ).
27 ) Mannhardt Germ. Mythen 632. 28 ) Glo¬
bus 90, 113. 29 ) Florenz Japan. Mythol. 50 t.
30 ) Frazer 3, 256. 31 ) Höhn Volksheilkunde
1,134. 82 ) Drechsler 1, 216. 33 ) Vernaleken
Mythen 355; Reinsberg Böhmen 601 f.
* 4 ) Peuckert Schles. Volksk. 127. 35 ) John
Erzgeb. 35. 36 ) Panzer Beitr. 1, 265 (152);
ZfVk. 23, 283; Lemke Ostpr. 3, 55. 87 ) Drechs¬
ler 2, 97. a8 ) Urquell 3, 230 (Ostpr.). 89 ) Frazer
L 125.
3. Im deutschen Märchen findet sich
der Zug, daß ein Verfolgter einen K. hinter
sich wirft und durch dessen Verwandlung
in einen Berg oder ein Dickicht sich
seinen Verfolgern entzieht 40 ). Fenix-
znännchen, die eine Wöchnerin verfolgen,
müssen erst einen K. aufheben und damit
Flachs hecheln 41 ), oder versuchen den
K. zu zerbrechen 42 ). Verbreitet ist auch
die Wendung in einer Gruppe von Sagen,
daß ein Meineidiger bei dem „Schöpfer"
und „Richter" über ihm schwört und
dabei Löffel und Kamm im Sinne hat 43 ).
Der K. einer vom Teufel Geholten ist
in einer Felsenplatte im Spronsertal ab¬
gedrückt 44 ).
40 ) Grimm Märchen 1 Nr. 79 (,,Die Wasser¬
nixe“); Bolte-Polivka 2, 1400. Oben 2,
1655. Auch bei fremden Völkern: Florenz
Japan. Mythol. 53; Anthropos 9, 855 f. 857;
SAVk. 30, 118. 41 ) Kühnau 2, 112. 42 ) Ebda.
2, 113. 43 ) Rochholz Sagen 2, L; Birlinger
Volkst. 1, 222. 44 ) Zingerle Sagen 285 (506).
4. K.ist manchmal — vulva 45 ). Ob aber
damit, wie Jostes meint, das Attribut
der h. Verena als Patronin der Dirnen
und Freudenhäuser zusammenhängt 46 ) ?
45 ) Dibelius Die Lade Jahves 92; Jostes
Sonnenwende i, 136; Höfler Krankheitsnamen
257. 46 ) S. oben Amn. 26.
5. über den K. im Totenbrauch s.
Grabbeigabe; Leichen Waschung.
Sartori.
kämmen.
1. Das K. kann den Menschen von ge¬
wissen Übelständen befreien. In
einer Erzählung der Onondaga-Indianer
des Staates New-York verjüngt sich ein
altes Weib dadurch, daß sie mit einem
Beinkamm ihr Haar so lange kämmt, als
ihr Arm ausreicht 4 ). Gegen Zahnschmerz
kämmt man sich in der Karfreitagsmitter-
fallenen über Kohlenfeuer und zieht
den Rauch in den Mund 2 ). Dem Kinde
muß in den ersten sechs Wochen oft der
Kopf mit einem engen Kamm gekämmt
werden, sonst bekommt es für sein Leben
lang einen Grindkopf 3 ). Gegen Jucken
kämmt die Heilkünstlerin dem Kranken
den ganzen Körper vom Kopf bis zu den
Zehen 4 ). Vielleicht hat den Glauben
an die magische Kraft des K.s auch die
mit seiner Hilfe ermöglichte Beseitigung
von allerlei Ungeziefer, in dem man dä¬
monische Wesen erblickte, unterstützt 6 ).
Wenn die Mutter das Kind kämmt und es
weint, so zeigt sie ihm die Läuse und
droht ihm, diese würden es in den Wald
tragen 6 ). Um den Liebsten im Traum
zu sehen, kämmt sich am Andreas- oder
Thomastage das Mädchen nackt die
Haare rückwärts 7 ). Dadurch soll vielleicht
der Kopf zum Träumen klar gemacht
werden. Das Mädchen soll auch den
Kamm, mit dem es sich am Andreas¬
abend gekämmt hat, in ein Knäuel
Garn wickeln und unter sein Kopfkissen
stecken 8 ). In der alten Grafschaft
Baden wurden die Kinder am Verenen-
tage (1. Sept.) festlich frisch gekleidet
und namentlich darauf gesehen, daß die
Köpfe gewaschen und die Haare schön
gekämmt waren. Das schützte gegen alle
späteren Krankheiten des Hauptes ®).
In der Provence kämmen sich die jungen
Mädchen im Mondschein, um schönen
Haarwuchs zu kriegen und einen Mann
zu finden 10 ). Das vielfach vorgenommene
rituelle K. der Braut soll wohl alle ihr
anhaftende „Unreinheit" von ihr ent¬
fernen n ). In Indien kämmt man sie
mit hundertzähnigem Kamm aus Schilf
hinweg 12 ). Bei den Hochzeiten der
Inselschweden im finnischen Meerbusen
muß die Braut den Gästen einzeln die
Haare rein kämmen. Zur Seite sitzen
die beiden Hochzeitsmarschälle und
schlagen alles Herausgekämmte tot. Da¬
für erhalten sie den „Läusepfennig“ 13 ).
Vorsichtsmaßregeln: Wer sich von
einem andern k. oder frisieren läßt,
darf sich nicht dafür bedanken, sonst
fallen ihm die Haare aus 14 ). Die beim
947
kämmen
948
K. ausgehenden oder beim Schneiden her¬
abfallenden Haare darf man nicht weg¬
werfen. Die Vögel bauen sie in ihre
Nester, und man bekommt Kopfweh,
oder es gehen die Haare aus 15 ) (s. 3,1271!).
i) Globus 76, 199. 2 ) Drechsler 2, 300.
3 ) And ree Braunschweig 292. 4 ) Strauß
Bulgaren 416. 5 ) Mannus 7, 25. 6 ) ZfdMyth.
2, 2. Vgl. dazu Wossidlo Mecklenburg 3, 180.
7 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 141 f. Vgl. ZfVk.
4, 393. 407 (Ungarn); Globus 76, 272 (Huzulen).
8 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 177. 9 ) Rochholz ;
Sagen 1, 13 f.; ders. Gaugöttinnen 142; Hoff-
mann-Krayer 165t. 10 ) S^billot Folk-Lore
1, 46. u ) Schröder Hochzeit 151; Piprek
Hochzeitsgebräuche 10. 143. 190- Vgl. Wossidlo
Von Hochtiden 13 f. („Wenn’n sik Lüs’ antrugen
lett, säden de Ollen, dee ward’n sinläder nich
wedder los“). 1Z ) Oldenberg Veda 494-
13 ) Rochholz Sagen 2, LII f. 14 ) Curtze
Waldeck 380. 1S ) Witzschel Thüringen 2, 282
(69); Wuttke 314 (464)*
2. Der Ungekämmte setzt sich -- wie
der Ungewaschene — bösen Einflüssen aus.
Wer ungekämmt ausgeht, über den haben
die Hexen Gewalt 16 ). In ungekämmtes
Haar nistet gern die Perchtl etwas hinein,
sollten es auch nur kleine oder größere
Läuse sein 17 ). Wer Sonntags ungekämmt
in die Kirche geht, der bekommt die Fried-
hofläuse 18 ). Lassen sich die Kinder nicht
kämmen, so drehen sich die Läuse aus den
Haaren einen Strick und ziehen sie ins
Wasser oder in den Wald 19 ). Das Kind,
das morgens nicht gekämmt wird, hat ver¬
worfenen Tag und ist den bösen Leuten
verfallen 20 ).
Die weiße Jungfer auf der Sausenburg
sagte einst einem Manne, seine Haare
seien noch nicht gekämmt, er solle heim¬
gehen und sie strählen, was er auch eilig
tat 21 ). Bei den Kalmüken darf ein
älterer Bruder seine Schwägerin nie im
Hemde oder mit ungekämmten Haaren
sehen 22 ).
lft ) Alpenburg Tirol 370. 17 ) Ebd. 370 f.
1B ) Rosegger Steiermark 63. 19 ) Urquell 1, 165;
Rochholz Kinderlied 318; Meyer Baden 52.
Ungekämmte Kinder heißt man „Berchtelen ;
Mannhardt Germ . Mythen 296. 20 ) Rochholz
Kinderlied 318; Zingerle Tirol 197. 21 ) Baader
NSagen 18. 22 ) Globus 67, 88.
3. Dagegen kann man durch Ver¬
meidung des Kämmens (wie des
Waschens) den Körper zauberkräftig
machen. Wer sich dem Teufel verbunden
hat und sich sieben Jahre lang weder
wäscht noch kämmt, wird ihn wieder
los 23 ). Andrerseits gewinnt man einen
dienstbaren Geist, wenn man 9 Tage
lang das Ei einer schwarzen Henne unter
der linken Schulter trägt und sich während
dieser Zeit nicht wäscht und kämmt
(Böhmen u. Mähren) 24 ). Um sich von
Fieber frei zu halten, geht man vor
Sonnenaufgang aufs Feld, ohne sich ge¬
waschen und gekämmt zu haben, und
spricht einen Segen (Böhmen) 20 ). Wer
von Tollwut befallen ist und sich nach
St. Hubert in Behandlung gegeben hat,
darf sich 40 Tage lang das Haar nicht
kämmen 26 ). Von den Erlösern Ver¬
wünschter und Verzauberter wird ver¬
langt, daß sie sich eine bestimmte Zeit
lang nicht waschen noch kämmen (auch
den Bart nicht abnehmen und die Nägel
nicht schneiden) 27 ). Ahes das würde
ihnen etwas von ihrer Kraft nehmen. Als
Gelübde bis zur glücklichen Erfüllung
eines bestimmten Vorsatzes ist die Ver¬
meidung des Kämmens aus der Ge¬
schichte des Norwegers Harald Schönhaar
bekannt 28 ), und auch für Wali, den
Rächer Balders, wendet die Völuspa eine
entsprechende Formel an 29 ). In den Ge¬
schichten vom Bärenhäuter verlangt der
Teufel von diesem, daß er längere Zeit
ungewaschen und ungekämmt bleibe 30 ).
Peruanische Indianer pflegten sich für
eine wichtige Handlung vorzubereiten
durch Fasten, Enthaltsamkeit und da¬
durch, daß sie sich nicht wuschen und
kämmten und ihre Hand nicht an ihren
Kopf legten 31 ). Ebenso befolgen die
Leute aus der Gegend von Moresby (Neu-
Guinea), ehe sie zum Handel aufs Meer
gehen, allerlei Tabugesetze; der Mann
darf sich z. B. nicht kämmen 32 ).
23 ) Grimm Myth. 2, 850; 3, 455 (626: Pforz¬
heim). 24 ) Wuttke 264 (386). 25 ) Hovorka
u. Kronf eld 2, 332. 28 ) Fontaine Luxemburg
78. 27 ) Schambach-Müller 45. 336. 400
(vgl. Mannhardt Germ. Myth. 509); Urquell
5, 119. 28 ) Thule 14, 93 *■, vgl. 112; ZfVk. 35 36,
276 f. 29 ) Str. 34 (Gering). 30 ) Grimm Märchen
Nr. 100. 101. 31 ) Frazer 3, 159 Anm. 32 ) Ebd.
203.
4. Verbote des K.s sind überhaupt
zahlreich. Auch hier ist wohl oft die
t
1
kämmen
Vorstellung maßgebend, daß dem Körper
zu viel Kraft entzogen werden könne.
Kämmt sich eine Schwangere nach
Sonnenuntergang, so wird ihr Kind viel
weinen 33 ). Eine Wöchnerin darf sich bis
zur Aussegnung nicht k., sonst gehen ihr
die Haare aus 34 ), oder der Teufel gewinnt
über sie Gewalt 35 ). Wenigstens darf sie
es in den ersten 14 Tagen nicht, sonst
bekommt sie Kopfleiden 36 ). Bei den
Esten soll an dem Tage, wo ein Kind ge¬
tauft wird, seine Mutter ihr Haar nicht k.,
ebensowenig das beliebte ,,Kopfsuchen“
an sich ausüben lassen, sonst werden bei
des Täuflings Hochzeit die Gäste in
Unfrieden geraten 37 ). Kinder soll man
im ersten Lebensjahre nicht k., auch
darf man ihnen nicht Haare und Nägel
schneiden, sonst sterben sie oder haben
Unglück 38 ) oder kriegen einen kranken
Kopf 39 ). Bei den Galelaresen darf man
ein Kind nicht k., ehe es Zähne gekriegt
hat, sonst werden diese später von einander
getrennt wie die Zähne eines Kammes 40 ).
Man darf sich nicht im Bette kämmen,
denn davon wird man bettlägerig vor
Altersschwäche. Das kann man ab¬
wenden, wenn man spricht: „Ich
werfe von mir die Altersschwäche, aber I
nicht den Kamm'*. Wenn eine Frau *
sich im Bette kämmt, wird sie schwere
Entbindungen haben oder ihren Mann
verlieren (Island) 41 ). Wenn sich die
Schwangere im Bett kämmt, wird ihr j
Kind nur kurze Zeit leben 42 ). Für be¬
stimmte Tage ist das K. untersagt, j
Kämmt man sich am Freitag, so mehrt
sich das Ungeziefer 43 ), oder es bringt
Ausschlag 44 ). Am Donnerstag soll man
es lassen, damit die Läuse den Unter¬
irdischen nicht in die Schüssel fallen 45 ).
Wenn das Weib sich am Sonntag kämmt, \
so stirbt ihr Mann 46 ). Auch Karfreitag
und Ostern soll man sich nicht k., sonst
kratzen die Hühner im Garten 47 ). Auch
in Ungarn darf man es am Karfreitag
nicht; aber in einigen Gegenden kämmt
sich gerade an diesem Tage die Maid
unter einen Weidenbaume, um schöne,
lange Haare zu bekommen 4Ö ). Wenn
man sich in der Osterwoche wäscht und
kämmt, bekommt man Läuse 49 ). Aber
in der Schweiz heißt es: wenn man am
Karfreitage sich strählt, bekommt man
das ganze Jahr keine Läuse 60 ); und in
Ober-Wölz (Steiermark): wer an Kopf¬
schmerzen leidet, soll sich am Karfreitag
das Haar auskämmen, an allen übrigen
Freitagen des Jahres es aber ungekämmt
lassen 51 ). Im Fellinschen darf man
am Aschermittwoch den Kindern den
Kopf nicht kämmen und bürsten, weil
sonst viel Schelver und Ungeziefer sich
ansammeln soll 52 ). Auch am Tage nach
Mariä Heimsuchung soll man sich nicht k.
und bürsten aus ähnlichem Grunde 53 ).
Die Saaner Hirten hüten sich, nach
Mittag, während die Sonne sinkt, sich zu
kämmen. Einen Grund dafür wissen sie
nicht 54 ). Die römische Flaminica durfte
sich an einem bestimmten Festtage ihr
Haar nicht k. 55 ). Wer einen Kobold im
Hause hat, darf sich nie k. oder waschen 5Ö ).
In den schottischen Hochlanden darf
keine Schwester bei Nacht ihr Haar k.,
wenn ihr Bruder auf See ist; das würde
Sturm und Unwetter hervorrufen 57 ).
Dasselbe ist in Frankreich nach Einbruch
der Nacht einer Frau verboten, die ihren
Mann oder ihre Verwandten auf dem
Wasser hat 58 ). Damit im Weizen kein
Rankkorn auf komme, soll man nicht bei
der Weizensaat den Kopf k. oder den Hut
zurechtrücken (Nordgroßrussen in Trans-
baikalien) 5Ö ). Wenn ein Choctaw einen
Feind getötet hatte, durfte er sich während
eines Monats nicht k., und wenn sein
Kopf juckte, ihn nur mit einem Stäbchen
kratzen 60 ). Wenn die Zentral-Eskimos
Seetiere getötet haben, dürfen u. a.
die Frauen nicht ihr Haar k. und sich das
Gesicht nicht waschen 61 ). Auf einigen
Inseln der Molukken dürfen die Frauen
nach einem Todesfälle ihr Haar nicht
k. 62 ).
3S ) Strauß Bulgaren 293. 34 ) Reiser All¬
gäu 2, 229. 8ß ) Drechsler 1, 204. 3# ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 160 f.; Birlinger Volhst. 1,
477. 37 ) Boeder Ehsten 24. 38 ) Knoop Hinler-
pommern 157 (23); Toppen Masuren 82;
Wuttke 392 (600). 39 ) Urquell 6, 180 (Pom¬
mern). 40 ) Frazer 1, 157. 41 ) ZfVk. 8, 158;
Liebrecht Zur Volksk. 369. 4a ) Temesvary
Volksbräuche usw. in d. Geburtshilfe in Ungarn 22.
43 ) Meier Schwaben 2, 391 (61); Grimm Myth .
3, 442 (241: Chemnitzer Rockenphilosophie).
I i
95 i
Kammer—Kampf
952
Vgl. oben 3, 66. 44 ) Haltrich Siebenb. Sachsen
288. 46 ) Kuhn u. Schwartz 323. Vgl. Wolf
ßeitr. 1, 69; Mannhardt Germ. Myth. 48.
*•) Strauß Bulgaren 287. 47 )Toppen Masuren
101. Aus demselben Grunde auch Lichtmeß nicht:
Lemke Ostpr. 1, 90. 48 ) ZfVk. 4. 394- 4B ) Kapff
Festgebräuche 14
50
) SAVk. 8, 314; Nider-
berger Unterwalden 3, 345. 61 ) Hovorka u.
Kronfeld 2, 191. 62 ) Boeder Ehsten 80.
53 ) Ebd. 133 f. 64 ) SAVk. 21, 32. 55 ) Frazer 3,
14. »•) Wolf Bcitr. 2, 335 - 67 ) Frazer 3, 271.
* 8 ) S6bilIot Folk- Lore 2, 15. 59 ) Zelenin
Russische Volksk. 30. co ) Frazer 3, 181; vgl.
187. ei ) Ebd. 3, 20S. ca ) Wilken Über d. Haar¬
opfer: Revue coloniale internationale 1886,
241. — Wer sich mit dem Kamm kämmt, mit
dem die Leiche gekämmt ist, muß sterben oder
ihm fallen die Haare aus Wuttke 462 (732).
5. In Sagen werden häufig Geister¬
wesen dadurch gekennzeichnet, daß sie
ihre langen schönen Haare nachts oder
am hellen Mittage, im Mondlichte oder
im Sonnenschein, oft mit einem goldenen
oder elfenbeinernen Kamme kämmen.
So namentlich verwünschte Frauen und
Schatzhüterinnen 63 ), Elfen 64 ), See-
jungfem und Wasserfrauen 65 ), auch der
Wassermann 66 ). Busch Weibchen lassen
sich gern von Menschen kämmen und
belohnen sie dafür 67 ). Frau Berta kämmt
mit Vorliebe ihre Kinder oder läßt sich
selbst von ihren Mägden kämmen 68 ). Zu
diesem K. der Geisterwesen haben wohl
öfters Licht- und Nebelerscheinungen
Anlaß gegeben 6Ö ). Im Schloßberg auf
Poel sitzt eine alte Frau schlafend, in
ihrer Rechten einen goldenen Kamm
haltend, zu ihren Füßen ein goldener
Pudel. Als sie einmal einen Knaben mit
diesem Kamme kämmt, verwandelt sich
sein Haar in Pudelzotten, und er wird
mehr und mehr einem Pudel ähnlich 70 ).
63 ) Schell Bergische Sag. 507 (26); Müllen-
hoff Sagen 347; Reusch Samt and 65. 70;
Meiche Sagen 756 (927); Panzer Beitr. 1, 81 f.;
Haupt Lausitz 1, 16; Roch holz Sagen 1.240;
ders. Gaugöttinnen 140 f.; Kühnau Sagen
1, 133 f. 479; 2, 611; Witzschel Thüringen 1,
117; Grimm Myth. 2, 804. 807; Knoop Hinter-
potnmern 150; Sebillot Folk-Lore 1, 244. 463.
6i ) Grimm Irische Elfcnmärchen LXIX.
<8 ) Kuhn u. Schwartz 11. 174; Müllenhoff
109; Reusch Samland 26; Schönwerth
Oberpfalz 2, 197. 228; Grimm Sagen 2 62 (57);
Ders. Mythol. 1, 143. 406; Kühnau 2, 121;
Söbillot Folk-Lore 2, 35. 132. 200. 340. 411.
413; Zelenin Russische Volksk. 389; Globus
66, 54 f. (Abchasen); 71, 374 (Permier); Caval-
*ius-Stephens Schwedische Volkssag. u. Mär¬
chen, deutsch von Oberleitner 363 (Jungfrau
kämmt Perlen aus ihrem Haar). Die Jungfrau
im Jungfernbrunnen zu Steinen wäscht und
kämmt nicht nur sich selbst, sondern hat auch
schon Vorübergehende, die schmutzig und uuge-
strählt waren, in dem Brunnen gewaltsam ge¬
reinigt und gekämmt: Baader NSagen 10. Vgl.
auch Grimms Märchen Nr. 181 „Die Nixe im
Teich“. 8e ) Meiche Sagen 357; Vernaleken
Mythen 163; Bienemann Livland. Sagenbuch
68f. (Der Teufel). 67 ) Meiche 350. 351; Haupt
Lausitz 1, 41 f. 68 ) Waschnitius Perht 44 (Süd¬
tirol). 69 ) Meyer German. Mythol. 124. Im kata¬
lanischen Kinderliede heißt es: „Es regnet und
die Sonne scheint, die Hexen k. sich“: Ebd.
In Cantal sagt man, wenn es zu gleicher Zeit
weht und schneit, der Teufel kämme seine Frau:
Sebillot Folk-Lore 1, 87. 70 ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 309 f. Sartori.
Kammer s. Stube.
Kampf.
1. Durch Langeweile, Übermut, Be-
tätigungs- und Spielbetrieb und das Ge¬
fühl überschüssiger Kraft werden Knaben
und junge Männer oft genug zu Kampf
und Handgemenge getrieben 1 ). Auch ver¬
anlaßt das Bewußtsein selbständiger Be¬
deutung und engerer Zusammengehörig¬
keit die Bewohner aneinander grenzender
Orte oder Ortsteile oder auch Gruppen
verschiedener Stände und Berufe seit
altersher dazu, ihrer Eifersucht nicht
bloß in Neckereien und Wortgeplänkel,
sondern auch in Handgreiflichkeiten Aus¬
druck zu geben 2 ). Es können sich in der¬
artigen Kraftentfaltungen auch wohl
Reste militärischer Übungen verstecken 3 ).
Doch gibt es eine Reihe von Fällen, in
denen der Kampf sich in magischen Ab¬
sichten zu bestimmten Zeiten und Ge¬
legenheiten unter herkömmlichen Formen
abspielt, also zum Ritus geworden ist.
D ZfVk. 27, 116 f. 2 ) ZfrwVk. 8, 136; 12, 1Ö7;
Messikommer 1, 125; Hörmann Volksleben
336; Zelenin Russische Volksk. 351 f. Im Alter¬
tum: Seeck Gesch. d. Untergangs der antiken
Welt 2, 113!. 3 ) Rochholz Kinderlied 486 lf.;
SAVk. 8, 176 f.
2. Im Frühling macht sich der aus
langer Winterhaft befreite Lebensdrang
naturgemäß mit besonderer Energie Luft.
Das zeigen schon die Haustiere, wenn sie
zum erstenmal wieder aus dem Stall
kommen und sich in mutwilligen Kämpfen
austoben 4 ). Aber wenn auch viele der
in dieser Zeit sich abspielenden Prüge-
953
Kampf
954
leien keinen besonderen Sinn haben, so j
stehen doch manche von ihnen in engerer
oder weiterer Beziehung zu den gewalt¬
samen Auseinandersetzungen, die man
als „Kampf zwischen Winter und
Sommer“ zu bezeichnen pflegt. Solche
Kämpfe finden statt zwischen den Be¬
wohnern verschiedener Straßen, Stadt¬
quartiere, Dörfer oder Dorfteile, gewöhn¬
lich an altherkömmlichen Orten, oft an
einem Grenzgebiet, namentlich an einer
Brücke oder einem Gewässer 5 ) und zu
bestimmten Zeiten, meist im Frühling,
zu Fastnacht oder in der Fastenzeit 6 ), zu
Ostern 7 ), im Mai 8 ), zu Pfingsten 9 ), sel¬
tener zu anderen Jahreszeiten, zu Jo¬
hanni 10 ), Michaelis 11 ) oder Martini 12 ).
Gewöhnlich kämpfen größere Scharen
miteinander, auch wohl die Vertreter ver¬
schiedener Stände 13 ), mitunter auch
einzelne Personen 14 ). Der Kampf ver¬
läuft nicht selten in der Form, daß von
der einen Partei eine höhere Stellung
eine „Burg“, die die andere besetzt hält,
gewaltsam erstürmt wird 15 ). Noch öfter
handelt es sich darum, daß ein maskierter
männlicher oder weiblicher Teilnehmer I
oder eine Puppe oder sonst ein Gegen¬
stand den Preis des Sieges bildet, um
den der Streit sich dreht. So der Maibaum
oder ähnliches 16 ), die Pfingsthütte 17 ),
der Schoßmeier 18 ). Im Amte Calenberg
kämpfen Hedemöpel und Laubfrosch um
die Greitje 19 ). Manchmal gibt es auch
zu heftiger Gegenwehr Veranlassung, wenn
ein Dorf dem andern die den „Winter“
darstellende Puppe zuzuführen sucht 20 ),
s. Laetare. In Claustal soll man früher zu
Johanni einen Kampf aufgeführt haben,
in dem zuletzt der „Teufel“ besiegt,
gefesselt, auf ein Brett gebunden und
als kraftloser Alter hinweggeschleppt
worden sei 21 ), s. Sommer und Winter.
All diese Bräuche beruhen wohl zunächst
auf dem gefühlsmäßigen Wunsche etwas
Altes, Überlebtes, unbrauchbar Geworde¬
nes loszuwerden, abzuschütteln, gewisser¬
maßen wegzuprügeln und in neu ent¬
fesselter Lebenskraft einem Neuen,
Frischeren, Glückverheißenden entgegen¬
zustreben. Insofern darf man von „Tren¬
nungsbräuchen“ reden. Der Drang nach
Verkörperung unterstützt dann hier mehr
die Vorstellung, die feindlichen, per¬
sönlich gedachten Mächte aus dem Felde
zu schlagen, dort mehr die Hoffnung,
Kraft und Fruchtbarkeit in irgend
einem Symbol gewinnen und nutzbar
machen zu können.
4 ) Sartori Sitte 2, 149 A. 2; Kuhn 11.
Schwartz 389 (75); Hörmann Volksleben 317;
Wüstefeld Eichsfeld 85 ff. Wie die Tiere so
kämpfen auch die Hirten miteinander: Meyer
Baden 124. 125. 138. 6 ) ZfrwVk. 12, 169. 6 ) Sar¬
tori Sitte 3, 120 f. 121 A. 146. 124 A. 164.
Zu Mittfasten: ebd. 3, 133 f. 7 ) Ebd. 3, 163.
A. 76 (manchmal stehen sich auch Jünglinge
und Mädchen gegenüber). 8 ) Ebd. 3, 179.
9 ) Ebd. 3, 202; vgl. 203 A. 40. 10 ) Ebd. 3,
234 f. A. 71; vgl. 226 A. 22. u ) Ebd. 3, 258.
A. 18 (beim Sammeln für das Michaelisfeuer).
1Ä ) Ebd. 3, 270 f. 13 ) Ebd. 3, 161 A. 67
(Metzger und Bäcker oder Müller bei der öster¬
lichen Eierlesete in der Schweiz). 14 ) Ebd. 3,
133 f.; ARw. 7, 312 f.; John Westböhmen 39. 43
(die beiden Hanswürste beim Faschingsumzug).
14 ) Wrede Eifeier Bauernleben (S. A. aus der
Eifel-Festschrift 1913) 27; ZfrwVk. 7, 177 t.
(Boppard); Wolf Beitr. 1, 178; SAVk. n, 242;
Hoffmann-Krayer 157 f.; ZfdMyth. 1, 176
(Limburg u. Brabant); MsäVk. 5. 343; Sartori
3, 234 A. 71; Zelenin Russische Volksk. 380 f.
(Großrussen in der Butterwoche). 18 ) Mann¬
hardt 1, 162 f.; Fontaine Luxemb. 23 f.
17 ) Mannhardt 1, 323; Ders. Forschungen
194. 18 ) Mannhardt 1. 441; Ders. Forschungen
194. 1# ) Ders. Forsch. 142. *°) Rochholz
Kinderlied 484; Schöppner Sagen 2, 251 f.;
Drechsler 1, 68. ai ) ZfdMyth. 1, 82.
3. Um eine gewaltsame Aneigung des
Erntesegens handelt es sich in gewissen
Brecheibräuchen. Im steirischen Ober¬
lande setzt am Ende des Brechelmahles
die Großmagd eine verdeckte Schüssel
auf, worin sich nichts anderes als Blumen¬
sträuße, Äpfel, Nüsse, Domen und Brenn¬
nesseln befindet, um die nun unter den
Brechlem ein lebhafter Kampf beginnt.
Wer die meisten erobert, hat das Vor¬
recht, mit der Brechelbraut den Ehren¬
tanz zu machen 22 ). In Hochfilzen ist
es für die Liebhaber der Brechlerinne n
ein Hauptspaß, den sog. „Brechelbusch“,
einen mit Bändern und Äpfeln geschmück¬
ten Tannenwipfel, mit List oder Gewalt
zu rauben, den die Brechlerinnen behüten
und oft in energischer Gegenwehr ver¬
teidigen 23 ). Um eine Verscheuchung
der dem Wachstum feindlichen Gewalten
dagegen handelt es sich bei dem Auszug
955
Kampt
956
der „Stopfer“ (stopfen = stechen) in Grau¬
bünden um die Mittsommerszeit. Sie
zogen in Harnisch und Waffen mit großen
Stecken und Knitteln von einem Dorf zum
andern, liefen gegeneinander, stießen und j
stachen einander mit ihren Stecken und
machten hohe, seltsame Sprünge. Sie
taten das, damit ihr Korn besser gerate 24 ). j
**) Meyer Baden 275. 23 ) Hörmann Volks - \
leben 171t. Ähnliches: SAVk. 20, 382 f* Vgl.
Mann har dt Forschungen 158 f. (Kampf um den j
Kopf des Oktoberrosses in Rom); 195 (um die ]
Fahne des h. Servatius in der Bretagne). ,
24 ) Mannhardt Forschungen 1, 551 f. Vgl. 1
SchwVk. 1. 313; 3. 40; 15, 40. Ähnliche Kämpfe |
bei außereuropäischen Völkern z. B. Croolce
Northern India 43 f. 399 ; Klemm Allg. Cultur - ;
gesch. d. Menschheit 4, 369 (Tonga); Globus 87,
350 (Mexiko). j
4. In mannigfachen Formen finden wir j
den Kampf als rituellen Bestandteil der ;
Hochzeit. Er kommt an den ver¬
schiedensten Stellen der Feier vor 25 ),
bei der Abholung der Braut 26 ), zwischen
den Brautleuten selbst 27 ), nach der Kopu¬
lation 28 ) zwischen bestimmten Gruppen
von Beteiligten 29 ). Die Beweggründe
können verschiedener Art sein. Die Bedeut¬
samkeit der Vermählung ruft eine Art von
seelischer Entladung hervor und äußert ,
sich in „Übergangsbräuchen“, die sowohl |
die Trennung von dem bisherigen Zu¬
stande der Hauptbeteiligten wie den
Übergang in den neuen erleichtern 30 ).
Auch Zauber- und Dämonenglaube spielt
hinein. Wenn der Übergang sich allzu
Frauen von mittlerem Alter gerät 32 ). Mit¬
unter dreht sich der Kampf um einen be¬
stimmten Gegenstand, der von den
Hochzeitsteilnehmem erobert wird 33 ).
Dann liegt vielleicht neben der Absicht,
Trennung und Übergang zu kennzeichnen
und zu unterstützen, auch der Glaube
zugrunde, daß etwas, was der Braut ent¬
rissen wird, dem Räuber Glück bringe.
2S ) ZfrwVk. 22, 71 ff. 26 ) Ebd. 73 f. 27 ) Ebd.
75 f. 28 ) Ebd. 72 t. 2ä ) Ebd. 76 f. 80 ) Gennep
Rites de passage 175 ff. 31 ) Vgl. dazu Sartori
Sitte 1, 83; Samter Geburt 41 f. 32 ) JbNdSpr.
1, 144. 33 ) So das um den Spinnrocken auf dem
Kammerwagen gewundene Band: Köhler
Voigtland 238. Das alte Spinnrad: Kuhn
Mark . Sag. 359. In Rom kämpfte das Hochzeits¬
gefolge um die Fackel, die dem Zuge voran¬
geleuchtet hatte, namque his qui sunt potiti
diutius feruntur vixisse (Servius): Samter
Familienfeste 16 f. Anm. Wenn bei den Wabende
(Ostafrika) die feierliche Eheschließung voll¬
zogen ist, streiten sich die beiderseitigen Fami¬
lienangehörigen unter lautem Schreien und
Lärmen um die Matte, auf der der Bräutigam
während der Zeremonie gestanden hatte. Die
Sitte will, daß die Matte schließlich der Familie
der Braut zufällt: Anthropos 6, 898.
5. Kämpfe beim Todesfälle sind bei
fremden Völkern nichts Seltenes 34 ). Sie
haben wohl in der Regel den Zweck, die
gefährlichen Todesgeister zu verscheuchen.
In Irland fanden Kampfspiele bei der
Leichenwache statt, die vielleicht in
einer ähnlichen Absicht wurzelten 35 ). Auch
aus den schottischen Hochlanden wird von
einem Kampf berichtet, den die Freunde
des Toten veranstalten und bis zum
leicht und glatt vollzieht, so droht die
Gefahr, daß böse, schadenfrohe Mächte
sich hineinmischen und die Handlung
stören oder vereiteln. Manchmal ist
vielleicht auch eine wirkliche Abwehr der
Geister bezweckt 31 ). Schließlich wird
dem Brauch auch wohl der Sinn einer
Vorbedeutung untergeschoben wie im
westfälischen Lenne- undVolmetal. Wenn
sich hier die weiblichen Gäste um die
Braut streiten und es den Jungfrauen
gelingt, ihre bisherige Genossin lange zu
verteidigen, so wird gesagt, die junge
Frau müsse früh Witwe werden; gelingt
es den alten, sie fortzuführen, so heißt
es, sie werde ein trauriges Alter erleben.
Das beste Vorzeichen einer glücklichen
Ehe ist, wenn die Braut in die Gewalt der
Blutvergießen fortsetzen 36 ). Erinnert
sei an die Leichenspiele des griechischen
und römischen Altertums, die wohl aus
Kämpfen gegen die Mächte des Todes
vielleicht sogar gegen den Geist des Ver¬
storbenen selbst 37 ) entsprungen, schlie߬
lich aber zu einer Ehrung und Freude des
Toten geworden und in Griechenland
vielfach mit den Jahresfesten einzelner
Heroen verbunden worden sind. In
Deutschland scheint nichts dergleichen
vorhanden zu sein, s. aber Schlag.
34 ) Vgl. z. B. Koch-Grünberg Zwei Jahre
unter den Indianern 1, 134. 139- 163; Globus 96,
26 (Schamakoko); Klemm Allg. Cultur gesch. 1,
297 (Australien); Kr ui j t Het animisme in den
indischen Archipel 267. 343; Gennep Rites de
passage 234 f.; Frazer 9, 174 f. #5 ) Lady
Wilde Ancient legends of Ireland 120 f. 122 f.
957
Kampfer
958
S6 ) Le Braz La Ugende de la mort 3 1, 228.
37 ) Wundt Völkerpsychologie 2, 1, 423 f.
6. Bei den Germanen kämpften Fürsten
oder besonders Erwählte statt der Heere
zum Austrag von Zwistigkeiten. Das
Ergebnis galt als Gottesurteil 38 ). Daß
ein Einzelkampf als vor bedeutend für
den Ausgang eines Krieges betrachtet
wird, berichtet schon Tacitus 39 ). Noch
von dem Wojwoden der Walachei, Michael,
wurde erzählt, daß er i. J. 1599 im Kriege
gegen die siebenbürgischen Edelleute vier¬
zehn ungarische Knaben gleichen Alters
gegen einander mit Fäusten habe kämpfen
lassen, um den Ausgang des Kampfes
zu erfahren. Seine Partei wurde dabei
besiegt 40 ). Im Norden scheint man
derartige Vorentscheidungen durch den
Kampf von Tieren herbeigeführt zu
haben, wenigstens kommt dies Motiv
(und zwar mit Hunden) öfters im schwe¬
dischen Märchen vor 41 ). Es ist wohl
denkbar, daß der letzte Grund eines
solchen Vorkampfes nicht bloß die Ab¬
sicht sei, den Ausgang des Hauptkampfes
im voraus zu erfahren, sondern ihn auch
in zauberischer Weise günstig zu beein¬
flussen. Dann müßte man freilich den
Vorkampf nach Art eines Analogiezaubers
gestalten, wie es bei Naturvölkern vor¬
kommt 42 ).
38 ) Gregor v. Tours 2, 2. 10, 3; Paul. Diac.
Hist. Langobard. 1, 12; Grimm RA 3 9270.
a> ) Germania 10: ejus gentis, cum qua bellum
est, captivum quoquo modo interceptum cum
electo popularium suorum, patriis quemque
armis, committunt: victoria hujus vel illius pro
praejudicio accipitur. Vgl. Procop De bello
Gothico 1, 20 (Beiisar und Vitigis). 40 ) Müller
Siebenbürgen 2, 68 f. 41 ) Cavallius-Stephens
Schwedische Volkssag. u. Märchen, deutsch von
Oberleitner 65. 69. 73. 83. 84. 86. 88. 91. 42 ) Vgl.
z. B. Frazer 1, 132. 134; ferner: Nilsson
Griech. Feste 404 ff.; NJbb. 14, 676; ARw. 7,
301 f.
7. J. G. Frazer geht in seinem Buche
„The golden bough“ von einem Brauche
im heiligen Hain der Diana bei Aricia aus.
Danach mußte der Priester der Göttin,
der den Titel rex Nemorensis führte,
seine Würde durch einen Zweikampf
mit dem bisherigen Inhaber erringen 43 ).
Auch in unsem bäuerlichen Verhältnissen
treten Bräuche auf, die in bescheideneren
Maßen die Zuerkennung von Rang
1 und Würde von einem Kampfe ab¬
hängig machen. In der Baar rangen un¬
mittelbar nach der ersten Auffahrt am
Maitage die Roßbuben auf der Weide mit¬
einander ; die drei Sieger wurden zu
Hauptleuten, die drei nächst Starken zu
„Knappen“ ernannt 44 ).
s. Schwerttanz.
43 ) Frazer i, 8 ff. Weiteres ebd. 2, 321 f.;
4, 22 ff. 118. 191 f. 44 ) Meyer Baden 124. Vgl.
ferner Birlinger A. Schwaben 2, 348; Kuhn u.
Schwartz 379 (54). Sartori.
Kampfer«
Der Name der harzigen Substanz,
die aus Holz und Blättern des Kampfer¬
baumes gewonnen wird, wurde erst im
Mittelalter durch arabische Einflüsse be¬
kannt (alcanfor, hebr. kopher = Harz,
Pech); mhd. Kaffer, Kampfer 1 ). Die
Wirkung des Kampfers gegen Reißen
und Rheumatismus ist in der Volks¬
heilkunde von jeher bekannt 2 ). In Zedlers
Universallexikon werden dem Kampfer
eine Unmenge von Heilkräften nach¬
gerühmt und der Ausspruch Theophrasts
angeführt: eine Arznei gegen giftiges
Fieber ohne Kampfer wäre wie ein Soldat
ohne Degen 3 ). Staricius berichtet, daß
etliche sogar als Schutz gegen Pest nur
Säcklein mit Kampfer um den Hals
hängten 4 ). Im Voigtlande steckt man
den Kampfer in ein vielfach zusammen¬
gefaltetes Papier, auf dem eine Zauber¬
formel steht, und trägt dies als Amulett
gegen böse Einflüsse auf der bloßen
Brust 5 ). Nach Peters spielt beim Einkauf
von Heilmitteln die Zahl neun eine wich¬
tige Rolle: wenn eine Dorfsibylle ihren
Kampfer einkauft, um ihn gegen Gicht
in einem Beutelchen bei sich zu tragen,
verlangt sie immer nur für neun Pfennige;
denn sonst hilft der Kampfer nicht 6 ).
In Schlesien gibt man zum Schutz gegen
Behexung dem Vieh aufgelösten Kampfer
unter das Futter 7 )«
l ) Schräder Reallex. 407; Kluge EiWb. s. v.
2 ) Romanusb. 163; ZdVfV. 7 (1897), 163;
Köhler Voigtland 351. 3 ) Zedier 5, 470 ff.
4 ) Staricius Heldenschatz (1706), 489 Nr. 24;
Grimm DWb. 5, 149; vgl. Krauss Volk¬
forschungen 102. 6 ) Wuttke 356 § 533. •) Pe¬
ters Pharmazeutik 1, 250. 7 ) Drechsler 2,
252; vgl. 104; ebda. 263: K. und Alaun bei
einem Jägerzaubermittel. f Olbrich.
959
Kanarie nvogel—Kaninche n
96a
Kanarienvogel (Scrinus canaria).
Der K. wurde nach der Eroberung der
Kanarischen Inseln 1478 zunächst in
Spanien und dann durch Handel im übri¬
gen Europa eingeführt *); alt überlieferter
Aberglaube läßt sich also bei ihm nicht
erwarten. Verbreitet ist die Vorstellung,
daß er (wegen seiner Farbe) die Gelb¬
sucht an sich ziehe, wie die Goldammer
(s. i, 368), der Gimpel (s. 3, 850), der
Kreuzschnabel (s. d.) 2 ). Diese Farben-
sympathie ist alt. Schon Plinius (N. H. 3 °>
28) sagt: „Icterus heißt im Griechi¬
schen ein Vogel von seiner Farbe; wenn
man ihn ansieht, soll man von der Gelb¬
sucht geheilt werden, er selbst aber ster¬
ben; ich glaube, daß er in lateinischer
Sprache Galgulus (Goldammer) heißt“.
Fossel 2 ) weist in Anm. 10 auf Haesers
Geschichte der Medizin (1, 11) hin, wo¬
nach schon bei den alten Indern die Gelb¬
sucht durch gelbe Vögel gebannt wurde,
k Die Gepflogenheit, auf längere Flug¬
fahrten einen K. in das Luftschiff
(Zeppelin) oder Flugzeug (Do X, Herbst
1930) mitzunehmen, ist noch unaufge¬
klärt.
In Bayern gilt der Glaube, daß der
schnelle Tod eines K.s mit dem eines
entfernt wohnenden Anverwandten Zu¬
sammenfalle 3 ); in der badischen Orte-
nau wird bei einem Todesfall der Käfig
des K.s verhängt 4 ).
i) Brehm 4 9, 40S. 3 ) Fossel Steiermark 120;
Hovorka-Kronfeld 2, 107 (nach Michel
Urban, für Westböhmen), in; Jühling Tiere
246 (nach Kögler (?)). 3 ) Lammert 100.
4 ) Hoffmann Ottenau 78. Hoffmann-Krayer.
Kaninchen.
1. Etymologisches. Die historisch
nachweisbare Heimat des K.s (lepus
cuniculus) ist die Pyrenäenhalbinsel, wo
es durch seine ungeheure Vermehrung
und sein alles verwüstendes Treiben eine
wahre Landplage geworden ist 4 ). Lat.
cuniculus wird von den Alten ausdrück¬
lich als iberisch erklärt (Baskisch
unchi ,,K/‘) 2 ). Von den Griechen, denen
das Tier ursprünglich fremd war, wird das
lat. Wort als xovtxXoc, xoovtxXo* entlehnt
(neugriech. xouveXt 3 )). Aus dem Latein
ist es ferner in die romanischen Sprachen 4 )
und von da in das Germanische einge¬
drungen. Auf ndl. konijin (mndl. cunin )
beruht afrz. connin < connil < cuniculus .
Nhd. Kaninchen ist Dirn, von md. canyn,
canyne 5 ), woraus bergisch knzn (neben
kning, kneng) 6 ). Nordd. Karnickel
beruht auf ostmitteld. canickelgen, car-
nickelgen 1 ). Mhd. küneclin, küngel 6 )
gehen direkt auf cuniculus zurück. Durch
volksetymologische Einmischung von ahd.
kunig „König“ wurde das Wort als
„Königlein“ gedeutet. Vgl. die dial.
Formen eis. küngel , österr. (verdeut¬
lichend) kiniglhas , danach nhd. Königs-
hase 9 ) und die Nachbildungen (Bedeu¬
tungslehnwörter) im Slawischen (russ.
korolek , poln. krolik, Dim. von krol
„König“) sowie im Lettischen (karalikas
zu krall „König“ 10 )).
Bei der engen Verwandtschaft des
K.s mit dem Hasen sind Benennungen
nach diesem Tiere nicht weiter ver¬
wunderlich. Als „kleiner Hase“ erscheint
das K. im Altgriechischen (Xorfßtov,
Xccftosöc) n ). Daneben findet sich ein
griech.-massil. Xsßrjpi; 12 ). Daß auch
die Römer zwischen „Hase“ und „K.“
nicht scharf schieden, geht aus der Be¬
zeichnung leporarium für einen zur K.-
zucht bestimmten Tiergarten hervor 13 ).
Auch in verschiedenen deutschen Mund¬
arten wird das K. nach dem Hasen be¬
nannt. So heißt es Stallhase im westL
Mitteldeutschland und in Schwaben,
Greinhase oder schlechtweg Hase in Ober¬
hessen, KuhJu im Erzgebirge, Küllhase
(Kiill = cuniculus) in der Schweiz u ),
Schtubenhaslain in Gottschee 15 ). (VgL
rum. iepure de casä „Haushase“).
1 ) Edlinger Tiernamen 64. a ) Schräder
Reallex. 407 f. 3 ) Keller Antike Tierwelt 1, 218.
4 )Meyer-LübkeÄ£W r &. Nr. 2397. 6 ) Weigand-
Hirt DWb. Sp. 978. 8 ) Leithaeuser Volks¬
kundliches I/i, 18 f. 7 ) Weigand-Hirt a. a. O.
8 ) ebenda. ®) Riegler Tier 84. 10 ) Schräder
op. cit. 407 f.; Edlinger Tiernamen 64; Rieg¬
ler Tier op. cit. 84 Anm. n ) Pauly-Wissowa
10, 2, 1478 ff. 12 ) Schräder a. a, O. 13 ) ebda.
14 ) Riegler Tier 85. 15 ) Satter Tiernamen 13.
2. Biologisches. Nach französischem
Volksglauben ist der Hase von Gott, das
K. jedoch vom Teufel geschaffen 16 ).
Ebenso wie dem Hasen schreibt der
Franzose dem K. ein schwaches Ge-
Kanthariden
962
961
dächtnis zu ( avoir une memoire de lapin),
weshalb ehemals in Frankreich der Genuß
des K.fleisches beim Volke als gedächtnis¬
schwächend galt 17 ). Nach böhmischem
Aberglauben ziehen K. Mäuse an und be¬
gatten sich mit ihnen 18 ). Bei den Kata¬
lanen darf man die K. nicht zählen,
sonst gehen sie drauf 19 ). Damit sie nicht
da vonlaufen, wenn man sich ihnen nähert,
muß man die ganze Zeit pfeifen. Sie
horchen dann mit gespitzten Ohren ohne
sich zu rühren 20 ). Nach antikem Aber¬
glauben hat das K. im Herzen einen
Knochen 21 ).
10 ) Sebillot Folk-Lore 3, 3. 17 ) Riegler
Tier 87. 18 ) Grohmann 61. 19 )Gomis Zoologia
S. 188 Nr. 734. 20 ) op. cit. S. 188 Nr. 735.
21 ) Pauly-Wissowa a. a. O.
3. Beziehung zur Venus. Wie der
Hase (s. d.) steht auch das K. wegen
seiner Fruchtbarkeit in Beziehung zur
Venus. Die Liebesgöttin wurde mit K.
dargestellt 22 ), auch wurden ihr diese
Tiere geopfert 23 ). Mit der erotischen
Bedeutung des K.s dürfte es Zusammen¬
hängen, wenn im Hennegau K.fleisch als
Übertrager der Lues gilt 24 ).
M ) Siecke Göllerattribute 151. 23 ) Stengel
Opfergebräuche 200. 24 ) Sebillot Folk-Lore 3, 48.
4. Animismus. Gleich dem Hasen
(s. d.) ist auch das K. eine häufige Seelen¬
epiphanie. Bei den Algonkinindianern
ist es Totemtier 25 ). In unseren Kinder¬
liedern erscheint die Seele nicht selten
als K. 26 ). Das metaphysische K. ist meist
durch seine weiße Farbe kenntlich. Im
französischen Volksglauben haust ein
solches K. in Ruinen, ist unverwundbar,
wird von Hunden gemieden und führt
irre 27 ). Auch Feen und weiße Frauen
(dames blanches) nehmen K.gestalt an 28 ).
Tieferen Sinn bekommt die weiße Farbe
in dem Volksglauben von der Milchfrau,
die bei Lebzeiten getaufte Milch ver¬
kaufte und nach dem Tode zur Strafe als
weißes K. umgehen muß 29 ). In England
(zu Dartmoor in Devonshire) nimmt das
vom wilden Jäger verfolgte Weib, um sich
zu retten, vorübergehend die Gestalt
eines weißen K.s an 30 ).
2S ) Wundt Mythus 2, 159. 26 ) Wolf Niederl.
Sagen 328 u. passim; Mannhardt Germ.
Mythen 425®. 27 ) Sebillot Folk-Lore 4, 200.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
28 ) op. cit. 3, 5-S; 4, 200. 29 ) Wolf Deutsche
Märchen u. Sagen 172, zit. beiTobler Epiphanie
S. 52 § 12. 30 ) Mannhardt 1, 122.
5. Angang. Mit der animistischen
Rolle des Tieres hängt die pessimistische
Bedeutung von dessen Angang in Frank¬
reich und England zusammen (vgl. Hase).
Aus deutschem Sprachgebiet liegen keine
Belege vor. Als böses Zeichen gilt die
Begegnung eines K.s in Ille-et-Vilaine 31 ).
Ist ein K. in einem Wagen, stürzt dieser
um 32 ). Bei Fischern ist das K. als un¬
glückbringendes Tier tabu 33 ). In Corn-
wallis ist das K. dem in die Grube ein-
fahrenden Bergmann ein böses Vor¬
zeichen 34 ).
I 31 ) Sebillot op. cit. 3, 23. 32 ) op. cit. 3, 102.
! 33 ) op. cit. 3, 21. 34 ) Hopf Tierorakel 67; Ho-
j vorka-Kronfeld 1, 30.
1
; 6. Zauber und Gegenzauber. Ver¬
wendung des K.s zum Zauber scheint
bei den Kulturvölkern nicht bekannt zu
sein. Einen Fall von Regenzauber, bei
dem ein K.fell zur Verwendung kommt,
berichtet Frazer 35 ) von einem Neger¬
stamm.
Auch im Gegenzauber spielt das K.
keine sonderliche Rolle. Im Simmenthal
(Schweiz) schützt ein K. im Stalle die
Euter der Kuh vor Erkrankung (, ,Flug‘ *) 36 ).
In Span.Amerika (Del Rio) bewahrt sein
Herz vor Behexung 37 ).
j 3ä ) 1, 295. 36 ) Zahler Simmenthal 40. 37 ) Se-
; ligmann Blick 2, 124.
i 7. Volksmedizin. Vielfach wird das
K. in der Volksmedizin gebraucht. Zu
Kranken wird es in das Bett gelegt, damit
es die Krankheit an sich ziehe (Lungen¬
entzündung, Gelenkrheumatismus usw. ) 38 ).
In Barcelona schneidet man ein lebendes
K. entzwei und legt es Typhuskranken
! auf den Bauch 39 ). K.fell wirkt schmerz¬
stillend (auch in Frankreich) 40 ) und wird
namentlich säugenden Frauen auf die
geschwollenen Brustdrüsen gelegt 41 ). Eine
K.pfote in der linken Achselhöhle hilft
gegen Zahnschmerzen 42 ).
38 ) Hovorka u. Kronfeld 1, 231; 2, 43.
39 ) Gomis Zoologia 189 Nr. 737. 40 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 49. 41 ) Lammert 169; Jühling
Tiere 58. 42 ) Sebillot a. a. O. Riegler.
Kanthariden. Das Wort K. bedeutet
eigentlich nichts anderes als Käferchen,
3i
963
964
weshalb man sich nicht zu wundem
braucht, wenn allerlei käferartige In¬
sekten gelegentlich so benannt werden.
Namentlich die Schriftsteller des Alter¬
tums, die über Gifte und Gegengifte be¬
richten, werfen offenbar zwei Tiere zu¬
sammen: Lytta vesicatoria und Meloe
eichorei. Die Ähnlichkeit der Larven
beider Insekten hat ohne Zweifel die
Konfusion begünstigt 1 ). Die Lytta vesi¬
catoria, die genauerhin als ,,Spanische
Fliege” bezeichnet wird, ist keine Fliege,
sondern ein länglicher, fast zylindrischer
Käfer, 1 7 «—2V* cm lan §» 5 “ 8 mm breit,
oben glänzend smaragdgrün oder goldgrün,
zuweilen bläulich, mit durchdringendem,
widrigem Geruch. Sein Vorkommen be¬
schränkt sich nicht bloß auf Spanien, son¬
dern auf fast ganz Süd- und Mitteleuropa.
Er lebt auf Flieder, Geißblatt, Holunder,
Ahorn, Eschen, Pappeln und Lärchen und
tritt in den heißen Monaten scharenweise
auf 2 ). Die in Deutschland vorkommenden
Kanthariden gehören zur Käferfamilie der
Meloidae, von denen die Meloe cichorei
die bekannteste ist, Mai wurm oder Öl¬
käfer genannt 3 ). Zur Unterscheidung
von dem bekannten Maikäfer bezeichnet
man ihn in Bayern und Schlesien als
,,Maiwurmkäfer“ 4 ). Der Gehalt an
Gift (Kantharidin, C 10 H 12 O 4 ) schwankt
bei den einzelnen Käferarten bedeutend.
Das Kantharidin befindet sich vorzugs¬
weise im Blut und in den Geschlechts¬
teilen, überhaupt im ganzen Rumpf. Dies
hatten schon frühe die Hippokratiker
erfaßt, weil sie Kopf, Beine und Flügel
als unwirksam wegwarfen. Das Rezept¬
buch des Scribonius Largus (1. J.
v. Ch.) cap. 189 5 ) und die Arzneimittel¬
lehre des Pedanius Dioscurides (1. J.
n. Ch.) 2, 65 6 ) verwenden indessen das
ganze Tier, während Plinius n. h. 11,
118 und 29, 93 f. zwar die Verwendung des
Kopfes und der Beine kennt, selbst aber
die Flügel bevorzugt. Auch hält er,
ebenso wie Dioscurides, die bunten, mit
gelben Querstreifen auf den Flügeln
versehenen, desgleichen die dicken und
etwas fettigen K. für besonders wirksam.
Auf Grund der Verwendung der K. als
Diurcticum, Abortivum, als Mittel
zur Beförderung der Katamenien, zur
Heilung von Aussatz, Krebs, Flechten
und Wassersucht, läßt sich von den ver¬
schiedenen K.arten, welche die Alten
meinen, kein genaues Bild gewinnen, da
von Dioscurides und Plinius auch der
Buprestis, einer von uns nicht mehr
näher bestimmbaren Käferart, solche und
ähnliche Wirkungen zugeschrieben wer¬
den 7 ). Bei den Römern war die tödliche
Wirkung des Kantharidins sehr ge¬
fürchtet. Plinius führt den Tod des
römischen Ritters Cosinus auf K.behand-
lung zurück. Von der Tötung durch K.
! zeugt ferner die Anekdote bei Cicero,
wonach Theodor von Cyrene dem Ty¬
rannen Lysimachus, der ihn mit dem
Tode bedroht, zuruft: ,,Du kannst ja
| etwas gar Großes, da du die Kraft einer
Kantharide hast” 8 ). In den „Giften und
Gegengiften” nennt Ps. Dioscurides als
Symptome der K.vergiftung: Ent¬
zündung, Blasen, Erkrankung der Ham-
wege, blutiger Ham, Übelkeiten, Schwin¬
del und Geistesgestörtheit. Die Ein¬
wirkung auf die Harnwege stempelten die
K. zum Aphrodisiacum. In einem
Senatusconsultum der frühen Kaiserzeit
wird die Verabreichung von stimulieren¬
den Mitteln mit Ausweisung bedroht;
Mandragora, Bubrostis (Buprestis) und
K. stehen hier in einer Reihe, woraus
ersichtlich ist, daß man die Buprestis von
den K. unterschied. 9 ). Die diuretische
Wirkung des mäßigen K.gebrauchs ist
fernerhin den arabischen Ärzten bekannt,
von der aphrodisischen berichten sie aller¬
dings nichts. Erst der Arzt Ambroise
Paret (1517—1590) hebt die Benützung
der K. als Aphrodisiacum ausdrücklich
hervor. Zu seiner Zeit war der Gebrauch
von K.haltigen Pastillen und Bonbons
in Frankreich Mode geworden. Im
18. Jahrh. benützte die galante Welt
„Pastilles ä la Richelieu” und „Bon¬
bons ä la Marquis de Sade“. Die
„Diavolini di Napoli”, Damaskusbrot
und Tunispralinees sind in der Haupt¬
sache mit K. versetzte Süßigkeiten 10 ).
Ende des 18. Jahrh. verstand man unter
„Kanthariden” auch eine Sammlung von
erotischen Gedichten usw., die J. G.
05
Kanthariden
966
Büschel herausgab u ). Die volkstüm¬
lichen Bezeichnungen für die K.,
welche als Pulver oder Getränk zu stimu¬
lierenden Zwecken eingenommen werden,
zeichnen sich durch. derbe Unverblümt¬
heit aus: Lust- und Liebespuiver, Mut-
und Reitpulver, Geil- und Hahnenpulver,
„Steh auf”, Steifpulver, Beutelsstück¬
pulver, Pimperpulver, Fotzenpulver, Wut-
und Satanspulver, Wut wein und Wut¬
schnaps, Hammelbammelessig oder Sah¬
nenstangenessig 12 ). Der Gebrauch der K.
ist in Deutschland allgemein und früh¬
zeitig bekannt. Der Amstädter Kräuter¬
mann (Anfang des 18. Jahrh.) gibt zu der
Bereitung der von den Frauenzimmern
hoch venerierten Morsellen folgendes Re¬
zept: Candirte Stendelwurtz, Mannstreu-
wurtzel, weißen Senfsamen, Zimmet, 3
Quentl. Stinci Marini und Spanische
Fliegen, welche von Köpfen, Flügeln und
Füßen gereinigt sind, dazu Zucker in
Aqua magnanimitatis solviret, bereite
davon Morsellen-Täfflein. Solche dienen
den jungen Weibern, so faule Männer im
Bett haben, davon die Männer nach und
nach ein Stückchen essen können, werden
wohl operieren 13 ). Recht zweifelhaft ist
eine aridere Angabe Kräutermanns: Wenn
man die große Zehe des rechten Fuß.s
mit Öl, in welchem Spanische Fliegen
zerkochet, salbet, so wird das membrum
virile wunderwürdig starren 14 ). Auch
im Kaffee werden heimlich von den
fränkischen Mädchen K., denen der Kopf
abgebissen ist, für den Geliebten ge¬
kocht 15 ). In Bayern und in Tirol, wo noch
die alte Sitte der Komm- oder Probe¬
nächte besteht, spielen die K. eine
Rolle 16 ). Dort nennt man die K. wegen
ihrer diuretischen Wirkung „Piß- oder
Haferlkäfer”, im Hennebergischen da¬
gegen werden sie ganz einfach „Muckele”
genannt 17 ). Die häufige Anwendung der
K. ist jedoch nicht unbedenklich 18 ). In
einer Anweisung heißt es: „man gebe nicht
viel davon, sonst wird das Weibsbild
verrückt” 19 ). Bei übermäßigen Dosen
stellt sich bei den Männern Satyriasis
und Delirium, bei den Frauen Nympho¬
manie ein 20 ). Es ist leicht verständlich,
wenn man der Impotenz durch K.Be¬
handlung entgegentritt 21 ). Gegen den
Biß eines tollen Hundes streuen
südungarische Zigeuner ein Pulver aus K.;
auch in Deutschland werden „Hunds-
wutmittel” von Plausierern angeboten 22 ).
In Persien werden K. von den Prosti¬
tuierten dargereicht, in China ist der
Gebrauch der K. als Gift und Aphro¬
disiacum uralt 23 ). Die marokkanischen
Städtebewohner bedienen sich der K. in
Form einer Latwerge in ausgedehntem
Maße 24 ). Im Liebeszauber ist die K.
gern gesehen, da sie ein Bestandteil des
Liebestrankes ist 25 ). Um die Mitte des
17. Jahrh. legte sogar einmal in Frank¬
reich ein Hirte eine K. unter das Corpo-
rale während der Messe, um sich die
Frauen und Mädchen in der Liebe gefügig
zu machen 26 ). Auf wen sich eine K. setzt,
der wird sich in Liebcshändel verwickeln 27 ).
Jetzt werden K. nur noch als Brunst¬
pulver für Kühe innerlich angewandt M ).
l ) Abels: A. f. Kriminalanthropologie 62, 385
| zu 50, 212. 2 ) Möller in K. E. der Pharm. 3,
337. 3 ) Keller Antike Tierwelt 2, 414. 4 ) Abels
62, 383t. *) F. Rinne Das Rezeptbuch des
Scribonius Largus — Hist. Stud. aus dem Phar-
makol. Institut der Univers. Dorpat 5 (1896),
88. •) Hörendes Des Pedanius Dioscurides
Arzneimittellehre übers, u. erkl. (Stuttgart 1902)
171. 7 ) R. v. Grot Über die in der Hippokrati-
| sehen Schriften Sammlung enthaltenen pharmakolo¬
gischen Kenntnisse — Dorp. Hist. Stud. 1 (1889),
105 f.; Dioscurides 2, 66; Plinius 29, 94.
8 ) Tu sc. Disp. 5, 40. 117 = Valerius Maximus
6, 3 Ext. 3 (284, 21 ff. Kempf). 9 ) Berendes
a. a. O.; Rinne a. a.O.; Digesten 48. 8. 3. 3
u. 4. 10 ) Abels 50, 213. ll ) Ders. 62, 385 zu
50, 214. 12 ) Ders. 50, 202. 207; G. Arends
Volkstümliche Namen der Arzneimittel, Drogen
und Chemikalien (1926) 179. 205. 13 ) 164 =
Jühliag Tiere 90. 14 ) 165 = Jühling 90 =
Anthropophyteia 4, 115 = Aigremont Fu߬
erotik 41. 15 ) Wuttke 365 Nr. 551; Flügel
Volksmedizin 46. = Ploss Weib 9 1, 651. 16 ) Abels
50. 203. 17 )Ders. 205. 18 ) I. Bloch Das Sexual¬
leben unserer Zeit (1908) 500; Hovorka und
Kronfeld 1, 232. 19 ) Anthropophyteia 6, 224.
20 ) Abels 206. 21 ) v. Henrici Weitere Studien
über Volksheilmittel verschiedener in Rußland leben¬
der Völkerschaften = Dorp. Hist. Stud. 4 (1894),
128; v. Wlislocki Volksglaube 169; Ders. Ma¬
gyaren 93. 22 )Ders. Volksglaube 162; v. Grot 106;
Abels 62, 384 zu 50, 206 u. 220. 23 ) Ders. 50,
216. 24 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 166. 25 )Wlis-
locki Volksglaube 134; Gerhardt Franz.
Novelle 136. *•) S^billot Folk-Lore 3, 331.
27 ) Wlislocki Magyaren 80. 28 ) Berendes 171.
Karle.
967
Kanzel—Kapaun
968
Kanzel. Nach schlesischen Sagen ver¬
mag ein K.Schlüssel, den man in der
Christnacht abzieht, den Zugang zu ver¬
borgenen Schätzen auf dem Gipfel der
Landskrone zu öffnen. Andere glauben,
es müsse der K.Schlüssel aus der Görlitzer
Peterskirche sein und man brauche dazu
die dort liegende Habermann’sche Altar¬
bibel 1 ).
Bemischer Volksglaube aus dem Anfang
des 19. Jahrhunderts vermeint, es helfe
einem Kranken mehr, wenn auf drei K.n
für ihn gebetet wird, statt auf einer 2 ).
Scherzhaft sagt man in Schwaben von
der Verlesung der Konfirmanden: „Sie
werden von der Kanzel herabgeschmissen"
(das Gleiche andernorts bei dem kirch¬
lichen Heiratsaufgebot), und um diesen
Ausdruck den Kindern wörtlich glaubhaft
zu machen, sagt man, die Konfirmanden
müßten sich deswegen mit Baumwolle
umwickeln, oder man stelle Betten unter
die K.n, damit die Konfirmanden nicht
so hart auf fielen 3 ).
Die K. als Verkündigungsort des Evan¬
geliums ist dem Teufel selbstverständlich
verhaßt, und ihre Erstellung bedeutet für
ihn oft das Ende seiner Macht. So wollte
er nach einer oldenburgischen Sage einst
eine im Bau befindliche Kirche zerstören,
das konnte er, solange die K. noch nicht
fertig war. Da er aber mit der Zertrüm¬
merung bis kurz vor der Bauvollendung
warten wollte, damit den Leuten die Lust
verginge, mit dem Bau wieder anzufangen,
wurde er überlistet: bevor die Kirche noch
gedeckt wurde, stellte man die K. auf.
Wütend, aber umsonst, stemmte sich der
Teufel mit dem Rücken an die Mauer,
um die K. mit dem Fuße umzustoßen. Die
Spur von Pferdehuf und Schwanz ist
noch im Mauerwerk zu sehen und wurde so
Anlaß zu dieser Sage 4 ). — Viel häufiger
aber • sind Sagen von sog. Teufelsk.n,
von denen aus der Teufel selbst um An¬
hang wirbt. In der Schloßkirche zu
Chemnitz z. B. steht der eigentlichen K.
die sog. Teufelsk. gegenüber, die der
Teufel selbst aus Wut über das neuerbaute
Gotteshaus in einer Nacht erstellte, deren
Zugang er aber aus besonderer Bosheit
vermauerte. Die Spur eines Pferdefußes
verrät sein Wirken 5 ). Groß ist die Zahl
der Felsen, die man ihrer besonderen
Gestalt wegen Engels- und Teufelsk.n
genannt hat: Engel und Teufel sollen
sich da jeweils gegenüber gestanden und
um die Wette gepredigt haben, um
dem Gegner Menschenseelen abzujagen 9 ).
Von andern Teufelsk.n wird erzählt, daß
sie der Teufel bei nächtlichen Hexen¬
versammlungen besteige, um von dort
aus zu predigen 7 ). Auch einzelne Felsen
mit dem Namen: K., Predigerstein oder
Predigerstuhl kommen häufig vor 8 ).
i) Haupt Lausitz 1, 256. 2 ) SAVk. 21 (1917),
48. 3 ) Höhn Geburt 278; Bächtold Hochzeit 1.
268. 4 ) Strackerjan 2, 288. 6 ) Meiche
Sagen 457 Nr. 593, nach Grässe Sachsen 1,
Nr. 553. °) Grimm Sagen 1, 238 u. Myth. 855;
Laistner Nebelsagen 36. 39£. 242; Eisei Voigt-
land Nr. 5. 7 ) Grässe Preußen i, 481. •) Wein¬
hold Festschrift 150. Künzig
Kapaun. Von dem kastrierten Hahn
wissen wir in der Gegenwart keinen deut¬
schen Volksglauben nachzuweisen. Alles,
was die älteren Zoologen über ihn be¬
richten, ist antiken oder mittelalter¬
lichen Tierbüchern entnommen. Beson¬
ders ausführlich ist Gesner in seinem
Vogelbuch *). Zunächst spricht er, im
Anschluß an Plinius (N. H. 37, 54, I 44 )>
Solinus (Coli. rer. mem. 1,77), den Phy-
siologus und Spätere von dem Stein,
der im Magen und der Leber des ver¬
schnittenen Hahns wachse und zu man¬
chen Dingen gut sei 2 ). ,,Auß dem buch der
natur (Thomas Cantimpratensis De
natura rerum) 3 ) / Etwan wird dem Hanen
nach drey jaren verschnitten / vnd denn
! laßt man jn fünff oder sechß jar darnach
laben / so wirt in seiner läberen der stein
Alectoria gefunden: vnd nach dem er
den empfangen / trinckt er nit mer.
Darumb so einer disen stein in seinem
mund hat / dürst jn darnach nit weyter..
Phisiologus sagt / daß diser stein in deß
Hanen bauch wachse / dem nach drey
jaren capaunet seye / vnd siben jar dar¬
nach läbe: dann zu der selbigen zeyt
wirt er jn tragen. Mit disem stein sol
man alle ding mögen erwerben
vnd überkommen. Dann der ist gut
denen die nieren erkaltet sind. Der von
den frawen getragen / machet sy jrem
969
Kapelle
970
mann wolgefallen / macht in sighafft
kriegen on durst: darumb streytend die
künig so den im mund getragen / gewal-
tigklichen. Er machet auch den menschen
angenäm. Daß er aber dise ding alle
vermöge / sol er im mund verschlossen
getragen werden“. Auch Georg Agricola
(welche Schrift ?) wird von Gesner zitiert.
Auf fol. 85 spricht er, nach Leonellus
Faventinus, Euonymus Philiater, Mar¬
cellus und eigenen Erfahrungen von der
Heilkraft des K.enfleisches, -fettes
und namentlich der Absud brühe. Auch
nach Ettner’s ,,Arzneiaffen“ 968 ist
ein Brustpflaster von Feigen und K.enfett
gut gegen alle Kinderkrankheiten.
Deutsche Ausgabe v. 1555, fol. 83h. 2 ) 77b
3 ) Bei Vincentius Bellovacensis Speculum
naturale über 16, cap. 79. Hoff mann-Krayer.
Kapelle.
1. Allgemeines. 2. K.n über heilkräftigen
Quellen. 3. Über Bäumen und Bildstöcken.
4. Votivgaben.
1. Während der Protestantismus vor¬
wiegend nur Gemeindekirchen kennt,
haben die Katholiken außer Pfarr- und
Klosterkirchen noch zahlreiche Neben-
Kirchen und -Kapellen: Wallfahrts- oder
sog. Gnadenk.n, Sühnek.n und reine
Privatk.n, besonders in Gebirgsgegenden
und Gebieten, wo die Hofsiedlung vor¬
herrscht. Die meisten solcher K.n sind
in Privatbesitz und werden für den
kirchlichen Kultus nicht direkt benötigt.
Ihre Entstehung verdanken sie etwa
einem frommen Gelübde für Errettung
aus Not oder Krankheit oder aber einem
Wundergeschehnis. — Manche K. ist
ferner gebaut worden, um einen um¬
gehenden G e i s t zu beruhigen oder eine
arme Seele zu erlösen 1 ), auch um
den Teufel zu vertreiben 2 ). Bau-und
Gründungssagen vom verschleppten Bau¬
material, von platzweisenden Zugtieren i
oder Vögeln, himmlischen Erscheinungen,
geheimnisvoller Musik aus dem Innern
eines Baumstammes usw., sind auch hier
wie bei den Kirchen (s. d.) ganz geläufig.
Wie sehr K.n unterm besonderen
Schutz des Himmels stehen, zeigte
sich manchmal bei Feuersbrünsten, wo
die K. mit Altar allein verschont blieb,
während alles ringsum niederbrannte 3 ).
Wunderbare Zeichen 4 ) oder Gespenster 5 )
verhindern, daß K.n, auch wenn sie
baufällig geworden sind, abgebrochen
oder auch nur, daß sie umgebaut werden 6 );
in anderen Fällen nötigen sie die An¬
wohner, eine bereits zerstörte K. wieder
aufzubauen 7 ). Niemand darf ungestraft
Steine vom Gemäuer einer K. für welt¬
liche Bauten benützen 8 ).
2. Auffällig viele K.n sind über heil¬
kräftigen Quellen erbaut worden 9 ),
aus denen man trinkt, mit deren Wasser
man sich wäscht, um allerlei Krankheiten
zu heilen. Besonders häufig wird der
Gnadenbrunnen gegen Augenerkrankun¬
gen gebraucht (Luden-, Ottilien-, Magda-
lenen-, Ulrichs-, Marien-, St. Wolfgang¬
quellen), aber auch gegen Zahnschmerzen,
Kopfweh, Gliederreißen und vieles An¬
dere 10 ). In den meisten Fällen sind unver-
kenntlich diese K.n zum Schutz der Heil¬
quellen erbaut, zugleich natürlich, um
für die Betenden und Heilungsuchenden
einen Andachtsraum zu schaffen. Die
Quelle ist also fast stets älter als die K.
selbst. K.n über Heilquellen, den sog.
Agiasmata, finden sich auch im heutigen
Griechenland und zwar oft an der Stelle
einer alten Asklepiosquelle 11 ). In Deutsch¬
land waren sicher viele von K.n überbaute
Quellen schon Kult- und Opferstellen in
vorchristlicher Zeit. Der Patron der K.
hat den heidnischen Mythos verdrängt
bzw. übernommen.
3. Wie über Quellen sind Wallfahrts¬
kapellen öfters über einem Bildstock
oder einem Baumstumpf mit dem
Gnadenbild gebaut, das zuvor nur mit
einem einfachen Schutzdach versehen
war. Ja über ganze Bäume wurde eine K.
errichtet, so zu Maria-Linde in Ostpreußen,
wo man um 1400 die Linde als Trägerin
des Marienbildes mit ihrer Krone in die K.
einbezog, bis der Gipfel durch das Dach
wuchs und darin die K. überschattete 12 ).
Man wagte nicht, den heiligen Baum zu
versehren. An berühmten Wallfahrts¬
orten baute man über die alte K., die
stehen blieb, später prunkvolle Kirchen,
so in Loreto, in Assisi, Maria Einsiedeln,
in Saragossa.
4. Das Innere der K.n ist, besonders
97i
Kapitularien
972
in Süddeutschland, häufig mit Weihe-
und Votivgaben geschmückt, die an der
Wand der Decke oder dem den Altar ab¬
schließenden Gitter hängen und von
zahlreichen Heilungen Zeugnis ablegen.
Vgl. hierzu Andree, Votive und Weihe¬
gaben des katholischen Volkes in Süd¬
deutschland, Braunschweig 1904 und Kriß,
Gnadenstätten, 1931. Besonders her¬
vorgehoben sei hier die Sitte, K.n von
außen mit großen Votivketten zu um¬
spannen. So sind viele Leonhardsk.n u.
-Kirchlein in Krain, Kärnten, Steiermark,
Salzburg, Tirol, Bayern und Württemberg,
also in dem ganzen Gebiet, in dem der
Heilige als Viehpatron verehrt wird, noch
heute von mächtigen, bis 100 m langen
Eisenketten umzogen, die meist in Höhe
des oberen Drittels der Kirchenfenster
mit eisernen Klammern befestigt sind 13 ).
Sie wurden vielfach von Bauern ,,ver¬
sprochen", die mit ihrem Vieh in Lebens¬
gefahr gerieten 14 ), von Frauen, deren
Männer im Krieg waren, für glückliche
Heimkehr 15 ) oder anläßlich einer Vieh¬
seuche aus den Stallketten 16 ) und aus den
Hufeisen der erkrankten, in einem Fall der
jungen 17 ) Rosse zusammengeschmiedet 18 ).
Eine Kette der Leonhardskirche bei St. Veit
in Kärnten soll aus den Hufeisen gefallener |
Pferde gemacht sein 10 ). Andree ver- j
mutet 20 ) auf Grund eines Kupfers der j
Leonhardskirche in Inchenhofen aus dem
Jahre 1752, daß neben den Halsketten
des Viehes früher auch Ketten von
befreiten Gefangenen geopfert wurden,
wofür sich tatsächliche Belege finden 21 ).
Wie wir schon sahen, ist in vielen, teils
vermuteten, teils bezeugten Fällen aus den
verschiedenen eisernen Votivgdben (Huf¬
eisen, Halsketten der Tiere, Kerkerketten)
eine große imposante Votivkette ge- I
schmiedet worden 22 ); daneben bleibt
mehrfach die Möglichkeit, daß die große
Kette primäre Stiftung ist. Von der
großen Eisenkette um die Leonhards-K. j
bei Brixen glaubt man, daß alle sieben j
Jahre ein neues Glied hinzuwachse und
wenn sie sich dreimal herumschlinge,
dann gehe die Welt unter 23 ). Zum Dank
für Errettung aus Türkengefahr soll man
um die Höllerk. bei St. Georgen in
Kärnten gar eine goldene Kette gelegt
haben; sie wurde von den Friesachern
aber später gegen eine eiserne vertauscht,
und zur Sühne dafür muß heute noch
alljährlich eine Messe gelesen werden.
Das Volk glaubt, die Kette solle die
Macht des Teufels abhalten 24 ). Zur
Erklärung der kettenumspannten
Kirchen und K. sind verschiedene Ver¬
suche gemacht worden. Liebrecht 25 )
verweist auf das Seil zum Artemistempel
in Ephesos und die bretonische Sitte,
einen dreifachen Wachsgürtel um die
Kirche zu legen. Ganz wahrscheinlich ist
Simrocks Vermutung 26 ), daß eine Be¬
ziehung zu dem Seidenfaden um Laurins
Rosengarten bestehe. Quitzmann 27 )
glaubt, ein Nachleben des nordischen
Mythos von Fro, dem Gefangenenbe¬
freier, in der Kettenumspannung zu
erkennen (s. Hegung 3, 1628ff.).
x ) Kühnau Sagen 1, 199 Nr. 192; Philo
Schlesien 1884, 24; Kuoni St. Galler Sagen 19.
2 ) von Mailly Friaul 71 Nr. 86, IV. 3 ) Zim-
mernsche Chronik 2, 167 ff. 4 ) Solothurner
Wochenblatt 1 (1911), 426. 6 ) Kühnau Sagen
3, 434 Nr. 1807 (aus Naso Phoenix redivivus
1667). 6 ) Kühnau 3, 447 Nr. 1822. 7 ) von
Mailly Friaul 70. 8 ) Hoffmann Orienau 90;
Baader Sagen 96; Panzer Beitrag 2, 203 Nr.
353 - 9 ) Wein hold Quellen 38; Andree Vo¬
tive 24. 10 ) Ebd. iS ff. n ) Schmidt Volks¬
leben der Neugricchen 79. 12 ) Beissel Wall¬
fahrten zu unserer lieben Frau. Freiburg 1913,
275. 13 ) Andree Votive 70 ft. 14 ) Ders. a. a. O.
70. 15 ) Huber Fromme Sagen aus Salzburg
1880, 84. 16 ) Bavaria 1, 384. 17 ) Birlinger
Aus Schwaben 1, 50. 18 ) F. X. Kraus Die
Kunstdenkmäler des Kreises Villingcn, Freiburg
1890,37. 10 ) MAGW. 23, 200. ao ) Andree a. a. O.
71. 21 ) Jegerlehner Oberwallis 159. 22 ) Außei
den Anmerkungen 14—19 bereits genannten
Beispielen vgl. Schierghofer Altbayerns Um¬
ritte 11. Leonhardifährten. München 1913, 51;
Panzer Beitrag 2, 393. 23 ) Heyl Tirol 116.
24 ) Gräber Kärnten 368 Nr. 502. 25 ) Zur Volks¬
kunde 309. 26 ) Myth . 4 (1887) 433 u. 515. 27 ) Die
heidnische Religion der Baiwaren 92.
Künzig.
Kapitularien.
Waitz, DVG. 3, 599 ff.; 4, 82 ff.; R. Schrö¬
der Rechtsgeschichte §32; v. Amira Grundriß
der german. Phil. Bd. 5, § 6.
Kapitular ist zunächst die Bezeichnung
der in Kapitel eingeteilten Verordnungen
der Karolingerzeit seit Pippins distincta ca -
pitula von 755. Dann wird die Benennung
auf andersartige karolingische Satzungen
973
Kapnomantie
974
i •
übertragen und auf die entsprechenden
Verordungen der Merowinger zeit, für
welche ursprünglich andere Bezeichnun¬
gen (edictum, decretum usw.) galten.
Die Kap. sind teils königliche Erlasse,
teils Beschlüsse von Reichsversammlungen.
Sie haben den Zweck, geltendes Recht
zu ergänzen. Ob die von Boretius x )
stammende Einteilung in Capitula legibus
addenda, Capitula per se scribenda und
Capitula tnissorum mehr als eine äußer¬
liche Einteilungsberechtigung hat und
wirklich rechtshistorisch wesentliche Un¬
terschiede trifft, ist bei den Rechts¬
historikern 2 ) strittig.
Gesammelt wurden die zerstreuten Kap.
in alter Zeit nur recht unvollkommen
von Ansegis von Fontanelle 3 ) im Jahre
827. Die jetzt maßgebende Sammlung
ist die der Monumenta 4 ).
Der Inhalt der Kap. erschöpft nicht
alle Seiten des Rechtslebens, aber berührt
sie doch alle. In bunter Mischung bieten
sie uns teils dauernde, teils zeitlich ein¬
malige Verordungen auf weltlichem und
kirchlichem Gebiet. Auf letztgenanntem
übernehmen sie gelegentlich die Bestim¬
mungen vorausgegangener Synodalbe-
schlüsse und stützen sie durch die staat¬
liche Autorität 5 ). Unter diesen Be¬
stimmungen finden sich zahlreiche Ver¬
ordungen über die im Volke fortlebenden
Reste von heidnischen Anschauungen und |
Bräuchen jeder Art. Man vergleiche !
vor allem das von Werminghoff 1897
fertiggestellte Register zu der Monu¬
menten ausgabe. Ebenso wie die Capi-
tulare in ihrer Gesamtheit beziehen sich
auch diese Bestimmungen auf Verhält¬
nisse der fränkischen und nicht fränkischen,
natürlich der romanischen Bevölkerung des
Gesamtreiches. Nicht immer ist diese
Beziehung genau festzustellen. Allge¬
meiner Art ist die Admonitio generalis 6 )
von 789, für sächsische Verhältnisse ist
vor allem die 777 oder 785 entstandene
Capitulatio de partibus Saxoniae 7 ) wichtig,
während das interessante Capitulare de
villis neuerdings nach Südfrankreich
(Aquitanien) verlegt wird 8 ) und bei
dieser Annahme aus den für die deutschen ;
Stämme wichtigen Quellen ausscheiden
muß.
x ) Die K. im Langobardenreich 1864 und Bei¬
träge zur Capitularienkritik 1874. a ) G. See-
liger Die K. der Karolinger 1893 und derselbe
bei Hoops Reallexikon 3, 15 f.; dazu Schrö¬
der a. a. O. 3 ) Literatur bei Schröder a. a.O.
S. 261. 4 ) MG. Leges sect. II Capit. reg. Franc. I
hrsg. von A. Boretius 1883, II hrsg. von
A. Boretius und V. Krause 1893. c ) Vgl.
Helm Relig.gesch. 1, 92 Anm. 108. 6 ) MG. I,
S. 52 f. 7 ) A.a.O. 82 ff. 8 ) Vgl. ZfRechtsgesch.
Germ. Abt. 36, 1 ff. Helm.
Kapnomantie (Rauchwahrsagung).
Die Bezeichnung ist nicht antik, sondern
eine Neubildung vermutlich des 16. Jhds.,
geprägt nach dem Muster anderer, aus
dem Altertum überlieferter Divinations-
namen 2 ). Sie ist seit Agrippa in Ge¬
brauch und fehlt kaum in einem der zahl¬
reichen Bücher des 16.—-20. Jhds., die
die einzelnen Wahrsagekünste behan¬
deln 2 ).
Im Aberglauben der Gegenwart oder
der jüngsten Vergangenheit lassen sich
zahlreiche Zeugnisse für Zukunftsdeu¬
tung aus dem Rauch nachweisen; sie
sind größtenteils von Freudenthal 3 )
gesammelt worden, der außerdem im
Artikel „Rauch" dies Gebiet nochmals
behandeln wird. Darum seien hier nur
die hauptsächlichsten Erscheinungsfor¬
men dieses Glaubens hervorgehoben, um
einen Vergleich mit denen der Antike
und des Mittelalters zu ermöglichen.
Es wird sich dabei zeigen, wieweit die
antike K. etwa in späterer Zeit fortge¬
wirkt hat. Eine Musterung der Zeugnisse
ergibt ohne weiteres, daß für die Neuzeit
zwei Grundformen zu unterscheiden sind:
die Beobachtung des Rauches ist ent¬
weder nur Teilstück eines größeren
Ritenkomplexes, oder aber sie stellt sich
als eine selbständige, ad hoc veranstaltete
mantische Handlung dar. Der erste
Typ liegt z. B. in folgenden Fällen vor:
Wenn bei einem Sterbefall das Stroh
verbrannt wird, auf dem der Tote ge¬
legen hat 4 ), oder wenn dem heraus¬
getragenen Sarg heißes Wasser nach¬
gegossen wird 5 ), so zeigt die Richtung
des Rauches oder Dampfes an, wo sich
der nächste Todesfall ereignen wird.
Wenn nach der letzten Kommunion oder
975
Kapnomantie
977
Kapnomantie
978
der letzten Ölung der Rauch der aus¬
gelöschten Kerze nach oben steigt, so
deutet man dies auf Genesung des Kran¬
ken; bewegt er sich auf die Tür zu, so
kündet er Tod; ähnliche Beobachtungen
werden gemacht, wenn die Lichter aus¬
geblasen werden, nachdem der Sarg
hinausgetragen worden ist 6 ). Beim Früh¬
lings- und beim Johannisfeuer schließt
man aus der Richtung des Rauches auf
den Zug der Gewitter, auf den Ausfall der
Ernte, auf die Herkunft des Freiers 7 ).
Beim Ausräuchern der Scheune am Christ¬
abend, am Neujahrs- oder Dreikönigs¬
tag gilt ein senkrecht und geschlossen
aufsteigender Rauch als günstiges, ein
geteilter als ungünstiges Vorzeichen 8 ).
In allen diesen Fällen hat das Wahrsagen
aus dem Rauch einen mehr sekundären
Charakter: die Handlungen, mit denen
es verbunden ist, werden nicht ausdrück¬
lich zu diesem Zweck vorgenommen,
das beobachtete Phänomen ist nur eins
von einer größeren oder kleineren Anzahl
anderer; so kommt es z. B. bei den best¬
feuern auch darauf an, daß sie prasselnd
und hoch brennen, die K. ist hier eng
mit der Feuerwahrsagung (s. Feuer,
Pyromantie) verbunden, während sie bei
der Beobachtung des Kerzenrauches nur
eine der verschiedenen Formen des Kerzen¬
orakels ist (s. Kerze, Lychnomantie).
Anders ist es, wenn ein Mädchen einen
alten Besen anzündet, um aus der Rich¬
tung des entstehenden Rauches die Her¬
kunft ihres Freiers zu erschließen 9 ),
wenn man an einem besonders gewählten
Tag auf das Niederschlagen des Rauches
achtet, um festzustellen, ob ein Todes¬
fall bevorsteht 10 ), wenn man Weihrauch
in einen neuen, mit glühenden Kohlen
gefüllten Topf wirft, um Gewißheit über
Gesundung oder Tod eines Kranken zu
bekommen, je nachdem der Rauch gerade
aufsteigt oder zur Tür hinzieht 11 ).
Für die Zeugnisse über die antike K.
läßt sich genau die gleiche Gruppierung
in zwei Haupttypen durchführen; auch
hier finden wir teils eine eng der Pyro¬
mantie angeschlossene, teils eine selbst¬
ständige K. Wir begnügen uns wieder
mit einigen Beispielen und verweisen für
976 ff
die Einzelheiten auf die einschlägigen
Darstellungen 12 ). In den meisten Fällen J
bezieht sich die antike K. auf den Rauch,
der vom Brandopfer aufsteigt. Sie stellt
sich also damit als eine der zahlreichen
beim Opfer geübten Divinationen dar,
speziell als Teil der Pyromantie oder, noch ;
genauer, der Empyromantie dar, d. h. ^
der Prophezeiung aus den s^ropa, den
am Opferfeuer sich darbietenden Zeichen.
Es brauchte sich dabei nicht nur um
blutige Opfer zu handeln; auch die Ver¬
brennung von Weihrauch u. dgl. bot
dazu Gelegenheit und wurde von Be-
kämpfern des Tieropfers, wie Pytha¬
goras, ausschließlich dafür verwendet 13 ),
vgl. Libanomantie. Der Beobachtung ,
des Opferdampfes wurde in manchen ;;
Kulten eine so große Bedeutung beigelegt,
daß zum Tempelpersonal ein besonderer
,,Rauchbeobachter“ (xonrvau'^c) gehörte 14 ).
Da die Mantik auf Grund der Empyra
und damit des Opferrauches ein beliebtes
Motiv der antiken Dichtung war 15 ), so ,
sind wir über einige Einzelheiten der
Deutung unterrichtet: So galt zu starker
Rauch bei schwacher Flamme als un¬
günstiges Zeichen, dagegen bedeutete ein
normaler, gerade aufsteigender Rauch
Gutes. Auch die Richtung des Rauchs
und seine Färbung wurden beachtet,
purpurne Farbe wurde als glückliches,
blutige als unglückliches Vorzeichen ge¬
deutet. Der zweite Grundtyp einer
selbständigen, eigens zum Zweck der
Zukunftserkundung (fatidicum sacrum)
angestellten K. ist im Altertum gleich¬
falls vertreten, wenn auch nur ein Zeugnis
dafür vorliegt 16 ).
Über die Verbreitung der IC. im frühen
Mittelalter gibt es keine völlig ein¬
deutigen Zeugnisse. Die 17. Kapitel¬
überschrift des Indiculus superstitionum
,,De observatione pagana in foco vel in
inchoatione rei alicuius“ bezieht sich
keinesfalls ausschließlich auf die K. 17 ),
sondern offenbar auf die verschiedensten
pyromantischen Gebräuche. Die bei Eli¬
gius von Noyon (gest. um 641) 18 )
und bei Pirmin von Reichenau (gest.
758) 19 ), erwähnten „impurae, impuriae“
oder dgl. sind noch nicht einwandfrei
gedeutet; keinesfalls können sie, wie
neuerdings versucht wurde, einfach als
Rauchorakel = Ijjnrupa erklärt werden 20 ),
eher wäre es möglich, darunter Wahr¬
sagerinnen zu verstehen, die aus dem
Feuer und dem Rauch prophezeiten **).
Aber selbst wenn dies zuträfe, ist aus
diesen Stellen nicht mit Sicherheit auf
germanische Vorstellungen zu schließen,
da sie vermutlich auf Caesarius von
Arelate zurückgehen, dessen Polemik sich
nicht gegen germanisches, sondern süd¬
gallisches, hellenistisch-orientalisch beein¬
flußtes Heidentum richtet 22 ). Daß sich
gewisse, auf einfachen Assoziationen be¬
ruhende Anschauungen von der Bedeu¬
tung des Rauches auch bei den Germanen
vorfanden, ergibt sich aus dem Glauben,
je höher der Rauch bei der Leichen Ver¬
brennung steige, mit umso größerer Ehre
werde der Verstorbene droben emp¬
fangen 23 ).
Von den Schriftstellern des ausgehen¬
den Mittelalters und der Neuzeit, die
sich über die K. äußern, ist an erster Stelle
J. Hartlieb zu nennen, der auf die
Rauchwahrsagung im Rahmen seiner aus¬
führlichen, wenn auch verworrenen Be¬
handlung der Pyromantie (s. u. Anm. 1)
in den Kapiteln 80—82 seines 1456 er¬
schienenen Werkes ,,Buch aller ver¬
boten Kunst“ zu sprechen kommt 24 ).
Für ihn ist die Pyromantie eine ,,Kunst
der Zauberei und des Unglaubens“ mit
„Meistern“ und „Meisterinnen“, An¬
rufungen, Opfern und sonstigem Zere¬
moniell, sogar die Verwendung von kind¬
lichen Medien wird erwähnt. Zunächst
wird uns eine einfache Form geschildert:
„Etlich die mercken, wie der rauch gän
krump oder schlecht“. Die verschiedenen
Erscheinungen des Rauches und der
Flammen werden von Hart lieb auf
natürliche Ursachen zurückgeführt:
„Wann jn wärhait ist das holtz grön, es
gibt dicken wäßrigen räch; ist es dürr vnd
clain, es gibt liechten vnd schönen
flammen; ist es wintig, der räch naigt
sich“ (Kap. 81). Dann jedoch beschreibt
er eine zweite Form: „Mer vindt man
maister jn diser kunst, die nemen vaist
(=Fett) von etlichen tyeren, die jch von
ergrung nit nenn, sy prennen die vnd
mainen jn dem räch gar vil ding sehen;
das als des tewfels gespenst ist. etlich
diser kunst pyromancia maister vnd
Schüler, die nemen gantze yngwaid vnd
prennen die vff des tewfels altar vnd
weissagen dann vff dem gesicht des rächs,
vnd der vngelaub hatt dann ain besundern
namen, den haißt man auspicium“ (Kap.
82). Diese Beschreibung mit ihrer Be¬
stimmtheit und ihren wiederholten Aus¬
fällen gegen die Meister dieses Zaubers,
die viele Zeitgenossen verführen („schaw,
hochgelobter fürst, wie werden die armen
lüt verfürt. wer, herre, der sündt, es ist
warlich zeitt“ Kap. 81), zeigt, daß es
sich hier nicht um Antiquarisches, sondern
um einen durchaus aktuellen Unfug
handelte. Die hier geschilderte Methode
hat durchaus den Charakter einer selb¬
ständigen, ausdrücklich zum Zweck der
Wahrsagung angestellten zeremoniellen
Handlung, fällt also unter den zweiten
der oben auf gestellten Haupt typen. Die
Behandlung bei Agrippa 25 ), wo an¬
scheinend die Bezeichnung K. zum ersten
Male auftritt, ist dagegen kurz und, wenn
auch im Präsens geschrieben, deutlich
antiquarischen Charakters. Von großer
Bedeutung aber ist die Angabe des
Cardanus 26 ), daß man Samenkörner von
schwarzem Mohn oder Sesam auf glühende
Kohlen geworfen und dabei Zauber¬
formeln gemurmelt habe; ein reiner Knabe
oder eine schwangere Frau habe dann im
Rauch Erscheinungen gesehen und daraus
die Zukunft gedeutet. Auch Tierein-
geweide würden auf glühende Kohlen
gelegt, um K. zu üben. Auch hier also
tritt die K. als selbständige Form eines
Orakelzaubers auf, im Zeremoniell, der
Verwendung von Medien usw. anderen
Divinationen, z. B. der Hydromantie
(s. d.) verwandt. Die Ähnlichkeit mit
den Angaben Hartliebs ist nicht zu
verkennen, eine unmittelbare Abhängig¬
keit ist kaum anzunehmen, doch wäre
Benutzung einer gemeinsamen Quelle
nicht unmöglich; die Angabe des Car¬
danus, daß man Mohn- und Samenkörner
in das Feuer geworfen habe 27 ), wird von
späteren Darstellern der K. häufig wieder-
979
Kapuziner
980
holt 28 ). Darstellungen der K. seit dem
Ausgange des Mittelalters, die sich auf eine
bloße Registrierung und Namendeutung
oder Wiedergabe antiker Belegstellen be¬
schränken, sind hier absichtlich über¬
gangen.
Daß das Mittelalter die K. als tat¬
sächlich geübte und selbständig geübte
Wahrsagekunst gekannt hat, dürfte durch
die beigebrachten Zeugnisse erwiesen sein;
mindestens durch Hart lieb ist sie auch
für Deutschland belegt. Für diese Zeit
kann man die Nachwirkung der durch
orientalische Einflüsse verstärkten antiken
K. mit ziemlicher Sicherheit annehmen.
Freilich unterscheidet sich diese von
zünftigen Propheten mit allerlei Hokus¬
pokus betriebene Rauchwahrsagerei stark
von den eingangs angeführten simplen Zu¬
kunftsdeutungen, die das Volk heute aus
den Erscheinungen des Rauches folgert,
und die, wie sich zeigte, zum weitaus
größten Teile keinen selbständigen, son¬
dern einen mehr akzessorischen Charakter
haben. Wieviel davon als letzter Rest
antiker und mittelalterlicher Riten auf¬
zufassen und wieviel ursprüngliches Volks¬
gut ist, läßt sich kaum entscheiden. Zu
bemerken ist immerhin, daß ähnliche
Vorstellungen von der mantischen Be¬
deutung des Rauches weit über die Erde
und die Zeiten verbreitet sind 29 ).
1 ) Hartlieb (1456, s. u. Anm. 23) gebraucht
die Bezeichnung K. nicht, sondern rechnet die
Rauch Wahrsagung noch durchaus zur „Pyro-
mancia“, deren Benennung antik ist, s. Pvro-
mantie. 2 ) Ganz vereinzelt steht die nach lat.
haruspicina gebildete Bezeichnung „fumispi-
cina“ bei Praetorius Coscinomantia (1677)
A 2. 3 ) Freudenthal Das Feuer (1931) 76.
177. 243. 251. 299. 4 ) Freudenthal 76;
Schönwerth Oberpfalz 1, 251; ZfrwVk. 5, 246.
*) Witzschel Thüringen 2, 258. 6 ) Freuden¬
thal 177. 7 ) Ebd. 243. 299; Wrede Eifeier
Vkde. 97; Fehrle Volksfeste 73. 8 ) Geramb
Knaf fl- Handschrift 53. •) Knoop in MschlesVk.
7, 43 Nr. 1 (Posen). 10 ) WZfVk. 35, 150 (Steier¬
mark). 11 ) Urquell 4, 18 (Siebenbürgen).
12 ) Bouch^-Leclerq Hist, de la Div. 1, 178
und in Daremberg-Saglio Dict. des ant. 2, 299;
Boehm in Pauly-Wissowa 10, 1909; Halli-
day Greek Divination (1913) 184; Stengel
Griech . Kultusaltert . 2 55. 13 ) Diogenes Laert.
8, 20. 14 ) Inscr. Graecae 14, 617 t. (Heiligtum
der Artemis Sphakelitis in Rhegion). 16 ) Staeh-
lin Das Motiv der Mantik im ant. Drama
(1912) 44. 150. w ) Seneca Oedipus 299. 17 ) So
Widlak Synode von Liftinae 27. 18 ) Mon.
Germ. Script. Merow. 4, 705, 15; Grimm
Myth. 3, 401. lö ) Caspari Kirchenhisl. Anelt -
| dota 1 (1889), 173. 20 ) Boudriot Altgerman .
j Religion { 1928)33. 21 ) Caspari a. a. O.; Fehrle
in ObZfVk. 1, 106. 22 ) Boudriot a. a. O.
4 ff. 23 ) Wackernagel Kl. Schriften 1 (1872),
28. 24 ) Ausg. v. D. Ulm (1914) 50 f. 2Ö ) De occ.
1 philosophia 1, 57, Opera ed. Bering 1, 89 h, dt.
| Ausg. 1, 275. Ohne Bezugnahme auf die antiken
I Zeugnisse erwähnt Codes Chyromantie Ana-
j stasis (1517) 2 vb den Gebrauch, aus der Rich¬
tung des vom Herdfeuer ausgehenden Rauches
zu wahrsagen, vgl. a. Wimpina De divinations
in Farrago Miscellaneorum (Köln 1531) 101, wo
die Rauchwahrsagung ausdrücklich als gleich¬
zeitiger Aberglaube bezeichnet wird. 26 ) Opera
1 (1663), 565 a. 27 ) Die Erwähnung des Sesams,
einer besonders im Orient angebauten Pflanze,
läßt auf orientalische Quellen schließen. 2S )
Pictorius De speciebus magiae, in Varia (1559)
61, auch bei Agrippa Opera 1, 483, dt. Ausg.
4, 170; Peucer De generib. divinationum 2 (1560)
206; Bodin Dcmonomanie (1598) 122, auch hier
i wird betont, daß die K. zurzeit noch viel von
| Zauberern geübt werde, die sie zur ,,weißen
j Magie“ rechneten. Aber ,,il s'en faut mieux
I garder que de la peste“, vgl. a. Fischarts
Übersetzung von Bodins Werk (Hamburg 1698}
ui; Delrio Dtsquis. Magicae 2 (1603), 174;
Rabelais Gargantua 3, 25, dt. Ausg. v. Gelbcke
1, 399 . dazu Gerhardt Franz. Nov. 110; Lon-
ginus Trintim Magicum (1611) 98; Bulen-
gerus Opuscula (1621) 212. 22 ) Krauß in
ZfVk. 2, 186 (Südslawen, Mohamedaner);
Schneeweis in ZföVk. Erg.-Bd. 13, 133 (Alte
Preußen, Südslawen); Macculloch Ueligion 0/
the ancient Cells (1911) 248; Qvigstad Lappi¬
scher Abergl. (1930) 47 Nr. 279h; Journ. Am.
Folkl. 40 (1927), Nr. 536. 608; Scheftelowitz
Altpalästin. B au cm glaube (1925) 135; Skeat
Malay Magic (1900) 410; Fehlinger Ge¬
schlechtsleben der Naturvölker (1921) 33 (Neu-
Guinea). Boehm
Kapuziner. Neben den Jesuiten (s. d.)
gewann der franziskanische Orden der K.
seit dem 17. Jh. eine wachsende Bedeu¬
tung im katholischen Deutschland. Als
Seelsorger des niederen Volkes, durch ihre
Tätigkeit in den Beichtstühlen und Volks¬
missionen, als Prediger und Berater er¬
warben die K. sich bald den Beinamen
„Volksmänner" *). Die Aufhebung des
Jesuitenordens ließ Ende des 18. Jhs. das
Ansehen der K. noch höher steigen 2 ),
und ihre Volkstümlichkeit bewahrte sich
z. B. in der Schweiz und in Steiermark bis
heute 3 ). Eine solche Vertrauensstellung
zwang natürlich die K., auch die aber¬
gläubischen Ansichten und Neigungen der
Kapuziner
982
981
auf sie hörenden Seelen zustimmend oder
ablehnend zu beeinflussen, wie sie um¬
gekehrt wegen dieses großen Vertrauens,
das sie genossen, vom Volke auch für in
abergläubischen Dingen zuständig ge¬
halten wurden. Und tatsächlich griffen
die Iv. zuweilen fördernd in den Aber¬
glauben ein. So wirkten sie unzweifelhaft
gelegentlich an Geisterbannungen mit,
s. u. In der Frage des Exorzierens Be¬
sessener fanden sich bei den K.n gleich wie
bei den andern Orden Anhänger und
Gegner dieser Handlung, letztere aber
nicht zum wenigsten aus Besorgnis vor
Betrug, wie aus einem Paderborner Fall
1657 erhellt 4 ). Am Hexenwahn hielten
die K. im allgemeinen länger fest als z. B.
die Jesuiten 5 ). Noch 1892 betätigte sich
ein K. in Wemding im bayrischen Schwa¬
ben als Teufelsaustreiber 6 ). Auch in
anderen Nöten erwiesen sich die K. hilfs¬
bereit; so wurde in der Schweiz Aller¬
mannsharnisch von den K. gegeben, wenn
der Käse nicht geraten wollte 7 ). Die K.
segneten dem Volke Kräuter und Wurzeln
und verteilten Schutzmittel und Amulette
gegen Viehseuchen und Hexerei 8 ), ja,
bannten selbst eine Viehseuche 9 ). Gläubige
Schweizer Katholiken tragen noch im 20.
Jh. sogenannte K.skapuliere gegen unsitt- i
liehe Gedanken und leibliche Gefahren 10 ). j
Angesichts solchen Wirkens traute man
den K.n mit Vorliebe die Kraft zu, außer¬
gewöhnliche, zauberhafte Handlungen aus¬
zuführen, die über den gemeinen Men¬
schenverstand gingen. Es war, wie ge¬
sagt, nicht immer ohne Ursache, wenn
die K. als besonders erfolgreiche Ver-
treiber bösartiger Krankheitserreger u ),
als Teufels-, Hexen- und Geisterbanner
auch unter Protestanten galten, besonders j
in der Schweiz im Kanton Bern 12 ), als
Kenner der „weißen Kunst" gleich den
Jesuiten oder Franziskanern angesehen 13 ).
Daher suchte 1690 in Mülhausen ein
Bestohlener Hilfe bei K.n, woraufhin
der Dieb das Entwendete zurückgab 14 ).
Als Geisterbanner wünschte man einen
„heiligmäßigen, frommen K." 15 ). Einen
solchen zog man einem Weltgeistlichen
noch um 1860 in Memmingen vor, denn
„ein K. hat mehr Gewalt vom heiligen
Vater" 16 ). In unzähligen Sagen treten
deshalb K. als Geisterbanner auf 17 ),
welche die Beschworenen mitunter im
Kuttenärmel davontragen oder zu zweit
in die Mitte nehmen. Diesen Erzählungen
liegen nicht selten wirkliche Ereignisse
zugrunde, wie wenn z. B. um 1660
protestantische (!) Älteste in Westhofen
bei Worms einen K. für diesen Zweck
holten 18 ); in Baden und im Elsaß ließ
man ebenfalls von K. Geister in Säcke
und Flaschen bannen 10 ); von den Zuger
Vätern K. wurde die Mitwirkung an
Geisterbeschwörungen im 18. Jh. noch
lange mit Überzeugung erzählt 20 ). Im
Allgäu und in Tirol sind sogar bestimmte,
namentlich erwähnte K. als besonders
tüchtig überliefert 21 ). Seltener erschei¬
nen K. als Schatzgräber 22 ), vgl. dagegen
die Jesuiten. Neben diesen Zauber¬
künsten traute man den K.n noch andere
zu; so glaubten die Thurgauer, die Kon-
stanzer K. beschwüren bei einer erfolg¬
losen Belagerung der Stadt durch die
Schweden 1633 die Feuerkugeln 23 ).
Protestantische Berner meinten vor 100
Jahren, die K. würden für Geld Leute
tot beten 24 ). In Frankreich sagt man,
die K. vermöchten in der Zukunft zu
lesen, besonders bei der Geburt eines
Kindes 25 ). So werden die K. wie alle
Zauberkundigen schließlich mitunter zu
unheimlichen Gestalten. Öfter begegnet
daher ein abgeschiedener K. unter bösen
Mächten leidend: vom wilden Jäger
gejagt 26 ), vom Wuotisheer verfolgt 27 ),
als Schimmelreiter 28 ), als „geistweis ge¬
hender" Schatzhüter 20 ). Es heißt aber
auch einmal ein freundlicher Hausgeist in
einem früheren Ulmer Kloster „der gute
K." 30 ). In Italien fürchtet man sich vor
dem bösen Blick der K. 31 ), und um Metz
ist der Angang eines K.s ein Vorzeichen
schlechter Jagd 32 ).
*) M. Hei mb uche r Die Orden und Kon¬
gregationen der katholischen Kirche 2 2 , 392 f.;
vgl. Meyer Baden 536. a ) Alpenburg Tirol
139. 3 ) v. Geramb Die Knaffi-Handschrift 49;
Stoll Zauberglaube 52 f. 71 f. 4 ) B. Duhr Ge¬
schichte der Jesuiten in den Ländern deutscher
Zunge 3,767. ö ) Soldan-Heppe 2, 53. 6 ) Ebd.
2, 348; Hellwig Aberglaube 33; Stemplinger
Aberglaube 22; vgl. DG. 15, 27 h 7 ) SAVk. 15,
983
Karausche—Karde
984
13; vgl. Gotthelf SAVk. 22, 112. 8 ) Meyer |
Baden 536; DG. 14, 29; SAVk. 18, 115; 21, 47.
■*) Lütolf Sagen 115. 10 ) Stoll Zauberglaube
71 f. u ) Sartori Westfalen 72. 74 (1803, Kloster
Werl); Höhn Volksheilkunde 1, 68; Zahler
Simmenthal 55; Niderberger Unterwalden 3,
527; Man2 Sargans 45; Reuschel Volkskunde
2,25. 12 >SAVk. 8, 277; 21, 36. 47 f. 55 h. (Beob¬
achtungen Berner Geistlicher um 1826); Frik-
kart Kirchengebräuche 166; zahlreiche Belege
in Gotthelfs Schriften, vgl. SAVk. 18, 114 t.;
21, 81; 22, 112. 199; 15, 13 (Emmental);
Messikommer 1, 175; vgl. Angstmann
Henker 91 u. SchwVk. 5, 24 (G. Keller Grüner \
Heinrich ); Meyer Aberglaube 296; Württem¬
berg: Bohnenberger 7 f.; VkBll. 1911, 11.
13 ) Bavaria 1, 321. 367. 14 ) Alemannia 7, 246.
15 ) MschlesVk. 30 (1929), 94. 16 ) DG. 14, 29.
17 ) Angstmann Henker 101 A. 1; Stracker-
jan 1, 253; Mackensen Nds. Sagen 101;
Grässe Preußen 2, 696t; Jungbauer Böhmer¬
wald 114; Schönwerth Oberpfalz 3, 1130.;
Reiser Allgäu 1, 82. 166. 313. 348 t 44 i* 457 i
R a n k e Sag^n 2 65; Birlinger Volksth. 1,72 ;ders.
Aus Schwaben i, 208. 3620.; Bohnenberger 8
(98). 10 (100); Waibel u. Flamm 2, 153. 155;
Künzig Baden 7. xof. 17; ders. Schwarzwald¬
sagen 49 f. 55 f. 77. 218; Fi ent Prättigau 247;
Rochholz Sagen 1, 304t; 2, 131 ff.; Kuoni
St. Galler Sagen 63; s. a. W. §§207. 774; NdZfVk.
6 , 164. 18 ) HessBl. 11,8. 19 ) Alemannia 12, 19
(ViHingen 1744. 1759); Meyer Baden 536. 560;
Künzig Baden 11. 17; Stöber Elsaß 1, 106; 2,
132. ao ) SAVk. 21, 212. 21 ) Reiser Allgäu 1,
2iof.; Birlinger Aus Schwaben 1, 233; Alpen¬
burg Tirol 280; Manz Sargans 45f.; MschlesVk.
30 (1929), 92ff. 22 ) Ebd. 96; Rochholz Sagen 1,
260. 23 ) Alemannia 6, 285 f. 24 )SAVk. 21, 36; vgl.
18,114 t. (Gotthelf Bauernspiegel). 2ß ) Sebillot
Folk-Lore 4,253. 2 ®)Wolf Sagen 19; Eisei Voigt¬
land 62. 27 ) Birlinger Aus Schwaben i, 95.
28 ) Künzig Baden 29. 29 ) Meier Schwaben 1,274;
umgehender K.: Sebillot a. a.O. i, 280; K. als
Geisternameim Schweizer Kinderspiel vgl. Roch¬
holz Sagen 1, 352f. 30 )Birlinger Volksth. 1, 52;
spukende K. s. a. Künzig Schwarzwalds. 26. 67f.
84. 95. 204. 31 ) Seligmann Zauberkraft 132.
32 ) Sebillot a. a. O. 4, 252. Müller-Bergström.
Karausche fern. (Carassius carassius
£.), mundartlich sehr verschiedene For¬
men, x ) eine Karpfenart.
In Stettin muß man am Silvester¬
abend K.n essen, nachdem man sie ein¬
gekauft hat, ohne zu handeln. Die
Schuppen werden getrocknet und das
ganze folgende Jahr im Portemonnaie,
Strumpf, Geldschrank u. a. aufbewahrt;
dann wird man nie Mangel an Geld haben
(s. Fisch 2, 1534; Karpfen). In
Neuwarp (Pommern) sagt man: K. mit
Maibutter ist gesund 2 ).
Ob der coracinus des Plimus 3 ) die K. be¬
deutet, ist ungewiß. Frisius (1541) und
Kirsch (1713) übersetzen: Coracinus, Ka-
rusch, Karausch 4 ). Die Leber des cora¬
cinus ist nach Plinius gut für die Augen.
Eine sagenhafte Verwandlung in
eine Riesenkarausche erzählt Grässe 6 ).
*) Brehm TierlA 3, 163. 2 ) BIPommVk. 5,
126. 3 ) NH. 32, 24 (70). 4 ) Diefenbach
Glossarium (1857) 150. ß ) Preußen 2, 298.
Hoffmann-Krayer.
Karde (Schutt-Karde; Dipsacus Sil¬
vester).
1. Botanisches. Distelähnliche Pflan¬
ze, deren l / 2 bis i 1 / 2 m hoher Stengel
ebenso wie Blätter und Blütenstiele mit
Stacheln besetzt ist. Die Stengelblätter
sind am Grunde miteinander verwachsen
und büden so ein trichterförmiges Becken,
in dem sich das Regenwasser sammelt
(vgl. unter 2). Die bläulichen, kleinen
Blüten sind zu einem walzenförmigen,
nach dem Verblühen igelähnlichen Blüten¬
stand vereinigt. Die K. wächst häufig auf
Schutt, an Wegrändern usw. 1 ).
2. In alten Kräuter- und Medizin-
büchem 2 ) werden die ,,Würmchen", die
man in den Blütenköpfen der K. findet, als
Amulett gegen Quartanfieber genannt.
Es handelt sich hier um keinen deutschen
Aberglauben, da sich das Mittel bereits
bei Dioskurides 3 ) findet: Die Würmer
des Blütenkopfes (der K.) in ein Säckchen
gegeben und um den Hals oder Arm ge¬
bunden, sollen das viertägige Fieber
heüen. Plinius sagt, daß in dem Kraut
,,labrum Venerium“ (=Waschbecken der
Venus, wie die K. wegen der becken¬
förmig verwachsenen Blätter genannt
wird, s. unter 1) ein Würmchen enthalten
sei, das man an die Zähne drücke oder
mit Wachs in hohle Zähne einschließe.
Das ausgerissene Kraut dürfe aber den
Boden nicht berühren. Bei den Magyaren
heißt es, daß derjenige, der den „Wurm"
der K. mit den Fingern zerdrücke, eine
„elektrische Kraft" erhalte, so daß ein
jeder, dessen kranken Zahn er umfasse,
den Zahnschmerz verliere 6 ). Es handelt
sich hier jedenfalls um eine in den Blüten¬
köpfen der K. lebende Insektenlarve. Mit
dem zwischen den Blättern der K. ange-
985
Karfreitag
986
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sammelten Wasser bestreicht man ent¬
zündete Augen 6 ) oder Sommersprossen 7 ).
3. Die Weberk. (D. fullonum) soll
Glück bringen 8 ).
4. Die K. zeigt die Zeit der Dinkel¬
saat an: Blüht der oberste Abschnitt des
%
Blütenstandes zuerst auf, so wird die
Frühsaat am besten sein, wenn der un¬
terste, die Spätsaat 8 ). Vgl. Augentrost,
Heidekraut, Königskerze.
x ) Marzell Kräuterbuch 333 f. 2 ) Z. B. j
Mizaldus Memorab. Centur. 1592, 161; Wolff
Scrutin. amulet, medic. 1690, 159; Poppe Kräu¬
terbuch 1625, 315; Tabernaemontanus Kreu¬
terbuch 1731, 1071. 3 ) Mat. med. 3, 11. *)Nat. hist.
25, 171. 6 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 844.
•) Fuchs Kreuterbuch 1543, cap. 82; Andree
Braunschweig 423; Beauquier Faune et \
Flore 2, 156; Rolland Florepop. 7, 14. 7 ) Schul- j
lerusim „Kalender des Siebenb. Volksfreundes" j
1908; Sebillot Folk-Lore 3, 490. 8 ) Bohnen- j
berger 113. 9 ) Forstner Beschreibung von >
Franken 1 (1791), 70; vgl. Marzell Bayer.
Volksbot. 104. Marzell.
Karfreitag
1. Allgemeine Trauer. 2. Verbote. 3. Fasten.
Gebotene und verbotene Speisen. 4. Allerlei I
Verrichtungen. 5. Vorkehrungen für Vieh und |
Geflügel. 6. Für Acker und Garten. 7. Für
Heilung von Krankheiten. 8. Weissagungen,
Wetterregeln. 9. Allerlei Zauber. Geister und
Hexen. 10. Geburt und Tod.
1. Der Karfreitag J ) gilt in der katho¬
lischen Kirche von jeher als Tag der Trauer
und Enthaltung. Die Protestanten be¬
trachten ihn als hohen Feiertag. In
Preußen hat er seit 1899 die Geltung eines
bürgerlichen allgemeinen Feiertages 2 ).
Die ganze Natur trauert; die Zweige
der Bäume senken sich tiefer; die Tiere
neigen im Stalle um Mittag wie müde
ihr Haupt 3 ). Die Sonne scheint nicht 4 )
oder trauert bis nachmittags drei Uhr 5 ).
Im Ammerlande wird sogar das am Grün- j
donnerstag für Ostern glänzend geputzte !
Geschirr den K. über in Körbe verpackt 6 ).
Wer mit geputzten Schuhen geht, wird
von Ottern und Nattern gebissen 7 ). In
den Eiern glaubt man Kreuze wahrzu¬
nehmen 8 ). Sagen berichten von Häusern
und Städten, die versunken sind, weil
in ihnen der Trauertag durch Tanzen
entweiht ist 9 ). Wer nicht zur Kirche
geht, schläft zu Hause den ganzen Tag
hindurch (Angerburg-Goldap) 10 ). Doch
hat sich die lärmende „Rumpelmette" des
Gründonnerstags hier und da auch auf
den K. übertragen 11 ) wie auch das „Judas¬
verbrennen" 12 ) und „Judasstürzen" (Her¬
abwerfen von Katzen vom Turm) 13 ).
x ) Bezeichnungen: Höfler Ostern 12. Oben
3, 46. 2 ) Kellner Heortologie 55 f. 3 ) Wüste-
feld Eichsfeld 64. 4 ) Zingerle Tirol 148 (1275).
5 ) Meier Schwaben 389 (52). 8 ) Strackerjan 2,
69; Hoops Sassenart 44. 7 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2. 2 58(1350). 8 ) Holschbach Volksk.d.Kr.
Altenkirchen 100. 9 ) Kühnau Sagen 3, 358. 398.
10 ) Urquell 3, 230. ll ) Hoffmann-Krayer
145. 12 ) Wrede Rhein. Volksk. 257. 13 ) Drechs¬
ler 1, 92; Sartori Sitte 3, 116 A. 2.
2. Knechtische und geräuschvolle Ar¬
beit ist verboten, aber auch mancherlei
anderes 14 ). Der Schmied darf Hammer
und Nägel nicht gebrauchen, denn es
sind Leidenswerkzeuge 15 ). Der Jäger
geht nicht auf die Schnepfenjagd, denn
am K. schießt man stets fehl 16 ). Das
Hechtstechen soll man unterlassen, denn
man sticht doch nur Schlangen 17 ). Den
Jungen werden die Taschenmesser weg-
genommen, denn jedes
durch Schnitzeln entsteht,
Spänchen, das.
wird den Täter
nach seinem Tode quälen, oder er findet
das ganze Jahr über kein Vogelnest 18 )„
Vor allem unterläßt man das Pflügen und
Graben 19 ), um Christus nicht im Grabe
zu beunruhigen *°). Sagen erzählen von
Mädchen, die in Felsen verwandelt worden
sind, weil sie am K. Holz aus dem Walde
geholt haben 21 ), und von dem Manne, der
in den Mond versetzt ward, weil er Domen
verbrannt hat 22 ) oder sein Feld mit
Domen umzäunen wollte 23 ). Was man
näht, das hält nicht 24 ). Wer näht, kriegt
einen bösen Finger 25 ). Wer eine Nadel
in die Hand nimmt, den verfolgt das
Gewitter 26 ). Wenn man draußen Wäsche
auf hängt, muß in Jahresfrist jemand aus
dem Hause sterben 27 ). Man soll nicht
waschen und kein frisches Hemd an¬
ziehen 28 ). Man soll sich nicht kämmen,
sonst kratzen die Hühner im Garten 29 ). Die
Butter muß vor Sonnenaufgang fertig sein,
weil sie sonst nicht zustande kommt 30 ).
Man soll am K. kein Tier töten, nicht
einmal eine Fliege, sonst wird man das
ganze Jahr über von solchen Tieren be¬
lästigt 31 ). Der Landmann soll nicht
einmal ein Tier schlagen, das würde ihm
Unsegen bringen 32 ). Niemand soll
98 7
Karfreitag
988
Milch verkaufen oder verschenken (das
würde nur den Hexen nützen) und auch
sonst nichts aus dem Hause geben oder
ausleihen 33 ). Von der Straße darf man
nichts aufheben, denn die Hexen lassen
da allerlei fallen, und kein Geschenk an¬
nehmen s 4 ). Wer am K. reist, den trifft
Unglück 35 ).
14 ) Sartori Sitte 3, 143 A. 2. 15 ) Ders.
Westfalen 154. 1# ) Bartsch 2, 259. Wohl aber
muß die Elster am K. geschossen werden:
Witzschel Thüringen 2, 196(27). 17 )ZfVk. i.
181 (Mark Brandenburg). 18 ) Ebda. 12, 423
(Obere Nahe). 19 ) ein Pflüger versinkt: Jahn
Pommern 156!. *°) Grimm Myth. 3, 459 (706:
Ansbach); Baumgarten Jahr 21; Pollinger
Landshut 210; Hmtl. 14, 82; Campbell Witch-
craft etc . in the highlands and Islands of Scotland
262. Ursprünglich vielleicht, weil das Eisen den
unterirdischen Geistern lästig ist: Frazer 3, 229.
11 ) Kühnau Sagen 2, 649. 22 ) Schell Berg.
Sagen 54 (85). as ) Urquell 3, 291 (Holstein u.
Lauenburg); Kuhn Westfalen 2, 82 (255).
i4 ) Bartsch 2, 259 (1352). *®) ZfVk. 1, 181
(5: Mark Brandenburg). 28 ) Grimm Myth. 3,
492 (10: Litauen). 27 ) Strackerjan 2, 69;
Witzschel 2, 196(26). 28 )Holschbach Volksk.
d.Kr. Altenkirchen 100. Wer das tut, fällt sich
zu Tode: Baumgarten Jahr 21. 29 ) Toppen
Masuren 101. 80 ) Drechsler 1, 86. 81 ) Reiser
Allgäu 2, 117. 82 ) Wüstefeld Eichsfeld 64.
**) John Westböhmen 208; Schramek Böhmer¬
wald 240; Birlinger Volkst. 1, 322; Drechsler
1, 91. M ) Meier Schwaben 387 f. (43). 85 ) ZfVk.
4. 395 (Ungarn).
3. Das Fasten wird vielfach noch
strenge innegehalten 38 ). Alte Leute
fasten, bis die Sterne aufgehen 37 ). Nie¬
mand ißt ein Frühstück 38 ). Man fastet
gegen Augenkrankheit, Epilepsie usw., und
wenn man eine Krankheit nicht loswerden
Am K. ist gut backen 49 ). Das dann ge¬
backene Brot ist heilig; wer davon ißt,
wird selig 50 ). Drei am K. gebackene
Brote, in einen Getreidehaufen gelegt,
hindern Mäuse und Ratten davon zu
fressen S1 ). Wer am K. oder Gründonners¬
tag Bretzeln ißt, bleibt das ganze Jahr
von Fieber frei 62 ). Die Mädchen müssen
nüchtern von den Bretzeln essen, die
ihnen die Burschen nachts um 12 Uhr
ins Fenster reichen, dann bekommen
sie das Fieber nicht. So lange die K.s-
bretzel nicht schimmelt, bleibt der Geber
treu 53 ). In englischen Dörfern wird die
K.ssemmel als Heilmittel genossen und
auch dem Vieh verabreicht, wenn eine
Seuche im Stalle ausbricht 54 ). Das
Abendmahlsbrot des K.s soll vor allem
Unheil schützen und Feuersbrünste
löschen, in die es geworfen wird 6S ). Auch
dem Hofhund muß man ein Butterbrot
geben, in das ein Kreuz eingeschnitten
ist 60 ). Wer K.s Linsen ißt, dem geht das
Jahr über sein Geld nicht aus 57 ). Anders¬
wo dagegen soll man keine Hülsenfrüchte
essen, vor allem nicht Erbsen und Linsen 58 ).
In Liegnitz erhielt im Karthäuser¬
klosterhof jährlich am K. jeder, arm oder
reich, ein Almosen von Brot, Hering
und Münze. Die empfangenen neuen
Gröschel waren gut zu allerlei Zauber¬
wirkungen. Wenn nicht ausgeteilt wurde,
glaubte man, die Stadt würde ein großes
Unglück treffen 69 ).
3e ) Sartori 3, 144. Vgl. Kellner Heortologie
71. 74. Beibehaltung bei Protestanten: ZfVk.
kann 39 ). Wer Fleisch ißt, kriegt die Hände
voll Warzen 40 ), oder den beißen im Som¬
mer die Mücken sehr 41 ). Wer einenRausch
hat, muß ihn dreimal beichten 42 ). Das
Trinken wird (wohl weil Jesus am Kreuze
dürstete) überhaupt untersagt. Wer es
tut, wird das ganze Jahr von Schnaken
gestochen 43 ) oder hat immer Durst 44 ).
Wer aber am K. Durst leidet, dem schadet
kein Trunk das Jahr über 4S ). Selbst für
das Vieh soll K. ein Fasttag sein, sonst
gedeiht es nicht 4Ä ). Doch werden auch
wieder bestimmten Speisen besondere
Wirkungen zugeschrieben 47 ): Wer mor¬
gens nüchtern einen Apfel ißt, bekommt
das ganze Jahr über kein Magenweh **).
21, 115. 87 ) Zingerle Tirol 148 (1273).
88 ) Schramek Böhmerwald 146. 89 ) Urquell 3,
230; Lemke Ostpreußen 1, 13. 40 ) SchwVk. 4,
41. 41 ) Knoop Hinterpommern 179 (225);
Bartsch Meckl. 2, 259 (1351). Oder die Flöhe:
ZfVk. 1, 181 (Brandenburg). 42 ) Zingerle
Tirol 149 (1283). 43 ) Meier Schwaben 389 (51);
BayHfte 2, 173. 44 ) Reiser Allgäu 2, 114 (6);
ZfVk. 21, 257 (Isartal); Hmtl. 14, 340; Meier
Schwaben 389 (Wein aber darf man trinken).
45 ) Grimm Myth. 3, 446 (356: Chemnitzer
Rockenphilosophie); 468 (913: Bayern).
48 ) Strackerjan 2, 69; BayHfte 2, 173; Sar¬
tori 3, 146 A. 11. 47 ) Sartori 3, 144 A. 4.
48 ) Reiser 2, 115 (n). In Frankreich soll man
dagegen keine Äpfel essen: Söbillot Folk-Lore 3,
390. 49 ) Drechsler 1, 91. 60 ) Fontaine
Luxemburg 37. 41 ) S6billot Folk-Lore 3, 42.
52 ) Witzschel Thür. 2, 195 (10). Vgl. Höhn
Volksheilk. 1, 114; Kapff Festgebräuche 15.
989
Karfreitag
990
r
K
M ) Meier Schwaben 387; Kapff 14. 64 )Höfler
Ostern 15. Vgl. Sepp Religion n8f.; Reins¬
berg Festjahr 130 f. “) Hoff mann-Krayer
145. 5e ) Kuhn Mark. Sag. 378 (20); Andree
Braunschweig 342. * 7 ) Grimm Mythol. 3, 454
(586; Pforzheim). B8 ) Meier Schwaben 388;
Ebeling Blicke in vergessene Winkel 2, 223.
* 9 ) Drechsler 1, 92.
4. K. ist ein wichtiger Jahreseinschnitt,
gilt als Frühlingsanfang 60 ) und ist daher
wie alle Zeitanfänge für die Verrichtung
mancher Handlungen, die dem Hause
und seinen Bewohnern Nutzen bringen,
von Bedeutung. Die Entwöhnung der
Kinder geschieht am besten an oder nach
K. 61 ). Am Nachmittag müssen sie zuerst
zur Kirche gehen, damit sie klug werden 62 ).
In Gnesen werden sie morgens noch im
Bette von ihren Eltern tüchtig mit
Birkenreisern geschlagen 63 ). Wenn man
mit einem Lindensprossen, der am K.
beim Zwölf uhrschlage geschnitten wurde,
den ersten Kindsbrei anrührt, so bekommt
das Kind nie Zahnweh 64 ). Man soll sich die
Essig reinigt, erhält ihn das ganze Jahr
rein und lauter 78 ). Kehrt man vor
Sonnenaufgang den Staub aus allen
Ecken der Stube, so bekommt man keine
Flöhe und Wanzen oder sonstiges Unge¬
ziefer 77 ). Wanzen können auch dadurch
vertrieben werden, daß man vor Sonnen¬
aufgang mit einem Hammer an alle vier
Ecken der Bettstatt schlägt 78 ). Durch
Kehren vertreibt man Kröten und Holz¬
würmer 79 ). Im Schwarzwalde kehrt man
in der K.snacht um 12 Uhr mit einem
ganz neuen Besen die Stube und legt ihn
dann auf einen Kreuzweg 80 ). Die Mädchen
tragen früh vor Sonnenaufgang das Stroh
aus ihren Betten über die Grenze. Sie
meinen, daß sie dann das ganze Jahr hin¬
durch die Flöhe los werden 81 ). In West¬
falen misteten früher die Knechte vor
Sonnenaufgang die Ställe aus; man
glaubte, daß in das Land, das mit diesem
Miste gedüngt wurde, keine Würmer
kämen 82 ). Wenn man Ruß im Schornstein
Nägel schneiden, dann bekommt man das
ganze Jahr über keine Zahnschmerzen 86 ).
Das Schneiden der Haare befördert den
Haarwuchs 88 ). Man schützt Kinder vor
bösen Leuten, wenn man ihnen die Nägel
an Händen und Füßen und drei Schnipfel
Haare abschneidet, sie verbrennt oder in
die Dunggrube wirft 87 ). Doch heißt es
auch wieder, daß am K. abgeschnittene
Haare nicht wieder wachsen 88 ) oder daß das
Abschneiden viel Kopfweh verursache 89 ).
Wer an Kopfschmerzen leidet, soll sich
am K. das Haar auskämmen, an allen
übrigen Freitagen des Jahres es aber un¬
gekämmt lassen (Oberwölz) 70 ). Wenn
man an K. strehlt, bekommt man das
ganze Jahr keine Läuse 71 ). Wenn man
die Kleider an die Sonne hängt, so kommen
weder Motten noch Schaben hinein 72 ).
Putzt man sich die Schuhe, so wird man
von keiner Schlange oder anderem Tier
gestochen (Neumark) 73 ). In das Holz,
das am K. gehauen wird, kommt nie ein
Wurm, auch „schwint“ es nicht 74 ).
Am K. vor Sonnenaufgang werden viel
Stecken geschnitten vom Elsebeer-,
Eschen- und Haselholz, auch Wurzen
gegraben; denen allen wohnt da eine
große Kraft inne 76 ). Wer am K. den
fegt, so bleibt das Haus das Jahr über
vom Feuer verschont 83 ). Weidenruten
und Ellernreiser kann man in der Frühe
zu einem Band zusammendrehen, ohne
daß sie brechen. Ellemkränze, in den
Häusern aufgehängt, schützen vor Feuer
und Gewitter 84 ). Auch wenn man
Pflanzen, die am K. geweiht wurden,
während eines Gewitters verbrennt, ent¬
fernt man die Gefahr “J. Das „Moadlgam"
wird vor Sonnenaufgang von einem Maid¬
lein, das noch nicht sieben Jahre alt ist,
gesponnen. Es taugt zum Schwundwenden
und allerlei anderem 8e ). Manche Ma߬
regeln gehen auf Kosten des Nächsten:
Man wirft eine mißliche Sache gern an eine
Stelle, wo sie von andern aufgehoben
wird 87 ). Wenn man eine frische Hasel¬
gerte abhaut, einen Rock über den Stuhl
hängt und tüchtig darauf losschlägt, so
tut es dem Feinde, den man im Sinne hat,
weh 88 ). Ebenso wenn man eine Elsbeer-
rute schneidet und diese unter Anrufung
der h. Dreifaltigkeit gegen Sonnenaufgang
hält 89 ). Oder der Geklopfte wird todmüde 90 ).
Wer am K. unertappt stiehlt, kann das
ganze Jahr hindurch mit gleicher Sicher¬
heit stehlen 91 ). Zur Beschaffung wirk¬
samer Zaubermittel ist der K. besonders
99i
Karfreitag
992
geeignet: ein Hagedomstrauch, am K.
geschnitten, dient zum Austreiben der
bösen Geister 92 ); die Wünschelrute wird
aus einer Haselstaude geschnitten 93 ), ein
Wechseltaler durch Opfer einer Katze an
den Teufel gewonnen 94 ), ein Zauber¬
schlüssel geschmiedet 95 ). F reischütz
wird man, indem man auf die Hostie
schießt 96 ). Wer mit einem Kreuzdorn¬
stabe, in der K.snacht geschnitten, geht,
dem begegnet kein Gespenst. Schläge
damit an die vier Ecken des Stalles oder
an die Ständer heilen das dazwischen
stehende Vieh 97 ). Durch Erbsen, die in der
K.snacht gepflanzt sind, kann man sich
unsichtbar machen 98 ). Über Kraft und
Verwendung des Wassers s. K.swasser.
60 ) Auf der anglo-normannischen Insel Serk
lassen die Knaben Schiffchen schwimmen:
Söbillot Folk-Lore 2, 168. In der Nieder-
Bretagne ist Hochzeit der Vögel: ebda. 3, 169.
Die Schwalben kommen immer vor K., um der
Prozession beizuwohnen: ebd. 3, 185. 61 ) Wutt¬
ke 393 (601: Böhmen); Drechsler 1, 90 f.
6a ) Bartsch 2, 259; Niderberger Unterwalden
з, 345. * 3 ) Knoop Posen 327 (78). 64 )Rochholz
Kinderlied 292. 65 ) Kuhn Westfalen 2, 134
(402: Neumark); Birlinger Schwaben 1 386;
Reiser 2, 115 (8); Witzschel 2, 195 ( J 7 );
Seyfarth Sachsen 284. 66 ) Hörmann Volks¬
leben 56; Zingerle Tirol 149 (1282); Reiser 2,
114 (7). 67 ) Meier Schwaben 390 (59). 68 ) John
Erzgeb. 193. 69 ) Reiser 2, 114 (8). 70 )Hovorka j
и. Kronfeld 2, 191. 71 ) SAVk. 8, 314; Nider- j
berger Unterwalden 3, 345. 72 ) Grimm M. 3,
446 (355: Chemnitzer Rockenphilosophie); Pan¬
zer Beitr. 2, 296. 73 )Kuhn Westfalen 2, 134 (401).
74 ) Reiser 2, 117 (28). 7Ö ) Leoprechting Lech¬
rain 172. 76 ) Ebd.; SchwVk. 15, 28 (22); oben 2,
1061. 77 )Kuhn Westfalenz, 134 (403:Neumark);
Drechsler 1, 87 ff. (wo noch andere Mittel);
Birlinger Volkst. 1, 472; Manz Sargans 95;
vgl. Sartori 3, 145 A. 9. 78 ) Manz a. a. O.
Vgl. Witzschel 2, 195 (16). 79 Reiser 2, 114
(4. 5). 80 ) Meier Schwaben 389 (54). 81 ) Knoop
Posen 327 (79). 82 ) Sartori Westfalen 154.
M ) ZfVk. 1, 180 (Brandenburg); Baumgarten
Jahr 21. 84 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 19;
Kuhn u. Schwartz 374 (23. 24). 85 ) Wuttke
305 (449). 80 )Baumgarten Jahrzii. 87 )Boh-
nenberger 15. 88 ) SAVk. 2, 269; 24, 306;
Hoffmann-Krayer 147; Reiser 2, 117 (27);
Meier Schwaben 245. 89 ) BayHfte 1, 91.
®°) SchwVk. 10, 30. 91 ) Drechsler 1, 91.
92 ) Seefried-Gulgowski 177. 93 ) Sartori
Sitte 3,146 A. 15; Knoop Posen 293; Pollinger !
Landshut 118; Baumgarten Jahr 21. 94 ) Küh-
nau Sagen 2, 10. 9B ) Meier Schwaben 387 (42).
M ) Kühnau 3, 260. ® 7 ) Bartsch Meckl. 2, 258
(1347). M ) Meier Schwaben 246.
5. Für das Vieh sind am K. allerlei
Vorkehrungen zu treffen 99 ). Die Ställe
werden ausgeräuchert 100 ). Man darf den
Stall nicht auf machen, damit die Hexen
nicht eindringen 101 ). Tiere, die am K,
gezeichnet werden, gehen nicht verloren 102 ).
Durch einen Schnitt ins rechte Ohr wird
das Vieh vor Krankheit und Gefahr ge¬
schützt 103 ). Den Lämmern schneidet man
zu besserem Gedeihen die Schwänze ab 104 ).
Vor Sonnenaufgang peitscht man das Vieh
stillschweigend mit Kreuzdomruten; die
Schmerzen haben die Hexen, die auf dem.
Vieh sind 105 ). Wenn man mit einer
Palme vom Palmsonntag die Kühe im
Stalle streichelt, plagt sie das Ungeziefer
nicht mehr 106 ). Unglück wendet es ab,
wenn man das Vieh mit Asche bestreut 107 ).
Im Traunviertel stach man früher während
der Passion ein schwarzes Lamm, be¬
spritzte mit dem Blute die Rinder und
beschmierte das Brot, das ihnen am
Ostersonntage verabreicht wurde. Es
schützte gegen den Wolf. Hafer; mit diesem
Blute bespritzt und den Hühnern gegeben,
hielt den Fuchs ab 108 ). Wird für das Vieh
vor Sonnenaufgang etwas Erde vom
Garten geholt, so schadet ihm den
Sommer über kein Futter 109 ). Junge
Saat, vor Sonnenaufgang geholt und dem
Vieh zu fressen gegeben, macht, daß keine
Krankheit daran kommt uo ). Drei Gabeln
Mist werden vor Sonnenaufgang aus dem
Stalle gegen Blutgang des Viehes gewor¬
fen m ). Wenn man vor Tage ein Stück
Schweinefleisch am Grenzrain so eingräbt,
das die Speckseite nach dem eigenen
Felde, die magere nach dem des Nach¬
barn zu liegt, so zieht man allen Müch-
nutzen vom Nachbarn auf das eigene
Vieh 112 ). Hausfrauen streichen mit einem
Ring aus Holz über das Kruzifix, das auf
den Stufen des Altars liegt. Durch
diesen Ring treibt man dann das junge
Vieh und das Geflügel, damit ihm weder
Hexen noch Fuchs und Geier schaden
können. Zu gleichem Zwecke backt
man „Marterbrote“ und gibt davon dem
Vieh zu fressen 113 ). Vor Sonnenaufgang
reitet man seine Rosse in die Wette, dann
werden sie von den Bremsen nicht ge¬
plagt 114 ). Pferde müssen vor Sonnenauf¬
993
Karfreitag
994
gang ausgetrieben werden, wenn sie im
folgenden Jahre von der Gelbsucht frei
sein sollen 115 ).
Besondere Sorge wird auch dem Ge¬
flügel gewidmet. Man soll die Hühner
möglichst früh aus dem Stalle lassen 116 ),
damit sie die Herrschaft in der Nachbar¬
schaft erhalten 117 ). Hat das Federvieh
Läuse, so reinige man den Stall vor
Sonnenaufgang 118 ). Läßt man seine
Hühner ihr Morgenfutter aus dem
Schmelztiegel fressen, so vertragen sie
kein Ei; auch die Hemmkette hilft 119 ).
Am K. muß man ein „brüetigs“ Huhn
haben, sonst bekommt man das ganze Jahr
keine solchen 120 ). Manche Maßregeln
sichern das Geflügel gegen Raubzeug 121 ).
Am K. ausgebrütete Hühner schützen vor
Krankheiten und sind heilkräftig 122 ).
und dann mit diesem über den Kohl im
Garten streichen; dann hat dieser von
Raupen nichts zu leiden 127 ). Damit
der Klee gut gerate, streut man Asche
darauf 128 ). Um ihre Fruchtbarkeit zu
stärken, werden die Obstbäume geschla¬
gen 129 ), mit der Axt bedroht 13 °), ge¬
schüttelt 131 ), geputzt und mit Stroh
umwunden 132 ), mit geweihtem Wasser be¬
gossen 133 ). Um Böhmisch-Brod läuft man
wohl auch mit einem Säckchen Erbsen
im Garten herum und schlägt damit an die
Bäume, dann tragen diese so viele Früchte,
; als Erbsen im Säckchen sind 134 ). Kocht
j man am K. Obst, so werden das die
1 Bäume durch reichen Ertrag lohnen 135 ).
In Menzenschwand beschneidet man die
Obstbäume meist am K. 136 ). Man klopft
mit Hämmern an sie und will aus dem
99 ) Sartori Sitte 3, 146 A. 11. In Poitou j
sang man in den Ställen eine Art Psalm, um j
das Vieh zu segnen: Sebillot Folk-Lore 3, 107.
10 °) Drechsler 1, 87. 10J ) Eberhardt Land¬
wirtschaft 14. 102 ) Wettstein Disentis 173 (28). j
103 ) Manz Sargans 92. Vgl. Hoffmann- j
Krayer 147; SchwVk. 11, 49. 104 ) Manz 136.
10B ) Bartsch 2, 259. 106 ) Reiser Allgäu 2, 116.
107 ) Drechsler 1, 90. 108 ) Baumgarten Jahr
21. 109 ) Reiser 2, 117 (29). no ) Birlinger
Volkst. 1, 471; BayHfte 1, 90 (Schwaben); I
Reiser 2, 117 (30). ni ) Witzschel Thür. 2,
195 (18). 112 ) Wuttke 267 (391: Böhmen).
11S ) Hörmann Volksleben 57 f. Am K. wurden j
früher vom König von England Ringe gesegnet !
als Heilmittel gegen Krampf und fallende Sucht: ;
Sepp Religion 119. 114 ) Birlinger Volkst. 2, 78. ;
llB ) Ders. A. Schwaben 1, 386. n6 ) Meyer
Baden 503. 117 ) Eberhardt Landwirtschaft 21.
l18 ) Unoth 1, 183 (72). 119 ) Witzschel 2, 196 !
(24. 25). 12 °) SAVk. 24, 64. 121 ) Reiser 2, 115 f.; '
Schönwerth Oberpfalz 1, 352; Köhler Voigt¬
land 372; Grohraann 142 (1043); Hmtl. 14,
100; SAVk. 24, 65. 122 ) John Erzgeb. 234.
6 . Auch für Acker und Garten ist der
K. wichtig 123 ): Man vertreibt Mäuse und
Maulwürfe, indem man ihre Haufen aus¬
einander recht 124 ). Zu Fastnacht ge¬
schnittene Pflöcke werden am K. vor
Sonnenaufgang mit der Hacke in die
Grenzen der Felder eingeschlagen; so
weit der Hall geht, so weit können Maus
und Maulwurf nicht zu 125 ). Mittags 12
Uhr soll man unter dem Fliederbaum
Sand wegnehmen und gegen die Sperlinge
in die Saat streuen 126 ). Man soll die
Stube mit einem frischen Besen kehren
Klange schließen, ob es viel Obst gibt
oder nicht 137 ). Vorzüglich geeignet ist
der K. zum Pflanzen und Säen 138 ). Alles,
was in die Erde gesetzt wird, gedeiht 139 ).
Vielleicht spricht bei diesem Glaubender
Gedanke an Christi Grablegung und Auf¬
erstehung mit. Die Kartoffeln können an
keinem günstigeren Tage gelegt werden 14 °).
Doch heißt es auch wieder, daß am K.
gelegte Erdäpfel räudig würden 141 ). In
Schluchsee versetzt man die Zimmer¬
pflanzen und pflanzt die Ableger 142 ). Im
katholischen Süd Westfalen säet man den
Frühflachs, was eine besonders gute Ernte
sichern soll 143 ). Am K. gesäetes Kraut
wird groß und fett 144 ). In die Erbsen
kommen keine Würmer 145 ). Auch Bohnen
soll man setzen 146 ). Klee gedeiht, wenn
man vormittags Asche auf die Erde
streut 147 ). Zwiebeln, die am K. gesäet
werden, werden gut; das kommt von den
Tränen her, die an diesem Tage um
Christus geweint werden, weil auch beim Zu¬
bereiten der Zwiebel die Augen tränen 148 ).
Blumen säet man besonders gern
am K. 149 ). Balsaminensamen, am K.
gepflanzt, bringt die verschiedensten
bunten Blüten hervor 150 ). Wer zu ver¬
schiedenen Stunden Blumensamen säet
oder stupft, kann damit Blumen von ver¬
schiedenen Farben erzielen 151 ). Die am
K. mittags 12 Uhr beschnittenen Nelken
werden recht dicht und groß 152 ). Doch
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV.
32 a
995
Karfreitag
996
kommt der am K. beschnittene Garten¬
salbei nicht zum Blühen 153 ). — In
manchen Tiroler Kirchen schütten
Leute über das zur Verehrung ausgestellte
Kreuz Mais oder anderes Getreide. Es
gehört dem Küster 154 ). Man legt davon et¬
liche Hände voll in den Getreidekasten 155 );
auch schüttet man verschiedene Ge¬
treidearten über das Kreuz, und die
Art, von der am meisten auf dem Christus¬
bilde liegen bleibt, gedeiht in diesem
Jahre am besten 156 ). Jeder eilt am
frühen Morgen in den Garten, kniet ins
Gras und betet, weil da die Leiden
Christi anheben, zu den fünf Wunden
des Herrn 157 ), wogegen es in Stendal
wieder heißt, man dürfe nicht in den
Garten gehen, sonst gäbe es Raupen 158 ).
12S ) Sartori Sitte 3, 145 A. 8. 124 ) Eberhardt
Landwirtschaft 4; SAVk. 24, 65. 125 ) Schön-
werth Oberpfalz 1, 401 (8). 12# ) Schulenburg
252. 127 ) Meyer Aberglaube 213. 128 ) John
Erzgeb. 225. 129 ) Hör mann Volksleben 56;
Zingerle Tirol 148 (1274). 13 °) Frazer 2, 22
(Armenien). m ) Eberhardt Landwirtschaft 12 ;
Witzschel Thür. 2, 194 f., vgl. 195 (12);
Schauerte Sauerl. Volksk. 44; Grohmann
45 (285); ZfVk. 4, 394 (Ungarn). 132 ) Eberhardt
12; Drechsler 1, 89. * 33 ) ZfrwVk. 3, 149.
1M ) Grohmann 45 (285). 135 ) Eberhardt
12 13«) Meyer Baden 385. 137 ) Sartori 3, 145
A. 8. Das Obst gerät dann besser: Birlinger
Volkst. 1, 472 (11); Höf ler Waldkult 97.
188 ) Sartori 3, 145 A. 7; Fontaine Luxemburg
37; Rantasalo Ackerbau 2, 29. Aber unge¬
eignet, wenn der hundertste Tag des Jahres
auf K. fällt: Witzschel Thür. 2, 215. Man
soll überhaupt nichts säen: Sebillot Folk-Lore
3 * 453 - 13# ) Zingerle Tirol 148 (1280); Hör¬
mann Volksleben 56; Hmtl. 14, 99; SchwVk.
7, 31; Manz Sargans 136; Strackerjan 2, 69 f.
Manche Pflanzen müssen am K. gepflanzt wer¬
den: Sebillot Folk-Lore 3, 372. 373. 374.
14 °) SchwVk. 7, 31; SAVk. 20, 196; Manz 136;
Schauerte Sauerl. Vkde 44. 141 ) Vernaleken
Alpensagen 369. U2 ) Meyer Baden 502.
14S ) HmtblRE. 5, 146. 144 ) John Erzgeb. 225.
145 ) Meyer Baden 423; Zingerle Tirol 149
(1284); SchwVk. 4, 41. 147 ) Wuttke 424 (663).
148 ) ZfrwVk. 12, 129 (Paffrath im Bergischen).
* 49 ) Ebd. 12, 10. 15 °) Ebd. 18, 37 (Elberfeld).
151 ) Reiser Allgäu 2, 116 (23). 152 ) BayHfte
1, 90. 163 ) Ebd. 1, 91. 154 ) Zingerle Tirol 148
(1276); Sepp Religion 119. 155 ) Zingerle 148
(1277). 15e ) Ebd. 148 (1278); vgl. Hörmann
Volksleben 57 f. 157 ) ZföVk. 5, 64. 158 ) Kuhn u.
Schwartz 374 (26).
7. Für Heilungen ist der K. besonders
günstig 1M ). Eine ärztliche Untersuchung
an diesem Tage ist besser als zu jeder
andern Zeit 160 ). Vieler Wurzeln Heil¬
kraft wird gesteigert, wenn sie am K. aus¬
gegraben werden 161 ). Besprechungen
werden gern am K. vorgenommen, oder
dieser Tag wird doch in der Formel als
| maßgebend hervorgehoben 162 ). In Erfurt
gab man ein über dem Kruzifix gereichtes
Brot als Fiebermittel 163 ). Ein vortreff¬
liches Mittel gegen Augenübel ist, sich am
K., während die Scheidung geläutet wird,
im Namen Jesu die Augen zu waschen 164 ).
Die Hände soll man mit Froschlaich wa¬
schen, das verhindert ihr Auf springen 165 ).
Gegen Magenleiden trinkt man vor Son¬
nenaufgang in den drei höchsten Namen
Essig 166 ). Ein aus Sargnägeln oder
-griffen geschmiedeter Ring vertreibt
Gicht und Gliederschmerzen 167 ). Nach
Grimmelshausen werden die Gichtringe
am K. von nackten Schmieden aus einer
Galgenkette geschmiedet 168 ). Besonders
zahlreich sind die Mittel gegen Zahn¬
schmerzen 169 ). Auch ist der Tag gut zum
Aderlässen der Haustiere 170 ). Gegen
Bruchschaden zieht man Kinder durch
den Spalt eines Baumes 171 ). Auch das
Verbohren und Vernageln von Krank¬
heiten ist häufig m ). An manchen Orten
wird der „Schlag mit der Lebensrute“ voll¬
zogen 173 ). Wer am K. mittags um
12 Uhr in der Erde gräbt, findet kleine
Kohlen; die sind gut gegen vielerlei, vor¬
nehmlich gegen Krämpfe 174 ). Wenn eine
am K. drei Messerspitzen voll Mehl,
etwas von einem Brot Geschabtes und
noch ein „Stücklein“ einnimmt, so wird
sie ein ganzes Jahr nicht schwanger 175 ).
159 ) Sartori Sitte 3, 146 A. 12. 16 °) John
Erzgeb. 193. 161 ) Drechsler 1, 90. 162 ) Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 335 (Mähren); Dähn-
hardt Volkstüml. 1, 80 (4); ZfVk. 7, 290; Ale¬
mannia 26, 70 f.; Lammert 265. 1M ) ZfVk.
11, 274; vgl. Panzer Beitr. 2, 281. 433 f.
i® 4 ) ZfVk. 8,400 (Bayern). 165 ) Witzschel Thür .
2, *95 ( x 3 )- 186 ) Höhn Volksheilkde 1, 102 (das
ist wohl auf den Essigschwamm des Evange¬
liums zurückzuführen. Man soll am K. Essig
putzen oder von der Essigmutter ziehen: Hoff-
mann-Krayer 146; vgl. auch oben A. 76.
147 ) Höfler Ostern 13; Hoffmann-Krayer
147. 168 ) ZfVk. 22, 124. 169 ) Wuttke 351 (526);
Reiser Allgäu 2, 114 (9); Hoff mann-Krayer
146; SAVk. 15, 4; Drechsler 1, 90. 17 °) Hoff-
mann-Krayer 147; Reiser 2, 115; Drechs-
997
Karfreitag
998
ler 1, 90. m ) Wuttke 338 (503); Drechsler
1, 89; Witzschel 2, 196 (21); Meier Schwaben
390 (56); Hoffmann-Krayer 146; Hmtl. 14,
99; Sepp Religion 119. 172 ) Witzschel 2, 196
(23); Reiser 2, 114 (9); Schulenburg Wend.
Volkst. 252. 173 ) Knoop Posen 327 (78); vgl.
Meyer Germ. Myth. 137; Frazer 9, 268;
Bartsch Meckl. 2, 258 (1348). 174 ) Unoth 1,
181 (35); Schulenburg 252. 175 ) Höhn
Hochzeit 1, 1.
8. Zu Weissagungen findet der K.
in Deutschland nur geringe Verwendung.
Wenn es auf die Uhr zu gleicher Zeit mit
dem Vaterunserläuten schlägt, so stirbt
bald jemand im Ort 176 ). Zerbissenes
Gebäck, unters Kopfkissen gelegt, dient
in Ungarn zum Liebesorakel 177 ). Sieht
man zur Zeit des Passionsgottesdienstes
ein Geldstück auf den Boden rollen, so
greife man schnell mit der Hand an den
Kopf; soviel Haare man anfaßt, soviel
Geldstücke findet man im Jahre; die an¬
gefaßten Haare aber fallen aus 178 ). Doch
ist der K. für die Witterung von ent¬
scheidender Bedeutung. Es soll kein
Wind wehen 179 ). Wenn helles Wetter
ist, so gibt es einen guten Sommer, regnet
es aber, ein schlechtes Jahr 180 ), die
jungen Gänse gehen zugrunde 181 ), die
dritte Pflanze geht vom Acker 182 ),
das Heu lohnt nicht 183 ). Doch heißt
es auch: wenns K.s regnet, gibt es
ein gutes Jahr 184 ). Am häufigsten
wohl: K.sregen bringt große Dürre 185 ).
Oder: der noch kommende Regen taugt
nichts 186 ). Wenns friert, so gibts ein
gutes Frühjahr, und kein Frost schadet
mehr 187 ). Am K. solls gefroren sein, und j
wenns auch nur einen Spatzen trägt 188 ).
Man sagt aber auch: wenns Christus im
Grabe friert, dann frierts noch 40 Nächte 189 ).
Frost in der K.s- und Karsamstags-
nacht bringt auch Frost in der Buch¬
weizenzeit 190 ). Wenn K. kalt ist, ist es I
der kälteste Tag des Jahres 191 ). j
176 ) Alemannia 24, 155. 177 ) ZfVk. 4, 395. j
178 ) ZfVk. 4, 394 (Ungarn). 179 ) Leoprechting j
Lechrain 172. 18 °) Vernaleken Alpensag. 415
(125); Witzschel 2, 195 (11); ZfVk. 17, 449;
12, 423; ZfrwVk. 2, 207. 181 ) John Westb. 62.
,ÄÄ ) Bartsch 2, 259 (1355). 183 ) John Westb. 62.
184 ) ZfrwVk. 3, 149; SAVk. 12, 20; Sepp Religion
120. 185 ) Grimm Myth. 3, 474 (1044); Kuhn
u. Schwartz 374 (22); ZfVk. 9, 232 (Nord¬
thüringen); John Erzgeb. 194; Andree Braun¬
schweig 410; Schauerte Sauerländ. Volksk . 43;
John Westb. 61; ZfdMyth. 2, 102 (Bayern);
Leoprechting Lechrain 172; SchwVk. 6 , 36 f.;
Kück Wetterglaube 63 ff . 186 ) Witzschel 2, 197
(29); Schulenburg Wend. Volkst. 141; Ale¬
mannia 24, 155; Reiser 2, 117 (33). 187 ) Bir¬
linger A. Schw. 1, 386t. 387; Hörmann Volks¬
leben 56; Schramek Böhmerwald 146; Pollinger
Landshut 230; Fontaine Luxemburg 37; Reiser
Allgäu 2, 117 (34). 188 ) Leoprechting 172.
189 ) Kuhn Westfalen 2, 134 (400); Schauerte
Sauerl.Volksk. 43 f.; Wüstefeld Eichsfeld 64.
19 °) Strackerjan 1, 21. 2, 70. 191 ) Campbell
Witchcraft etc. in the Scottish highlands 263.
9. Mannigfachem Zauber gibt der K.
Raum, und Geister und Hexen treiben
an ihm ihr Wesen 192 ). In der Mitter¬
nachtsstunde verwandelt sich alles flie¬
ßende Wasser in Blut 193 ). Das Vieh redet
194 ). Alles Verwünschte muß sich regen 195 ).
Pilatus zeigt sich auf seinem Throne auf
der Oberfläche des Pilatussees 196 ).
Schatzberge öffnen sich 197 ), Schätze
sonnen sich 198 ), und die Schatzjungfrau
könnte erlöst werden, aber es mißlingt 199 ).
Versunkene Glocken läuten 200 ), aus dem
Teiche, der ein Gasthaus verschlungen
hat, kräht der Hahn 201 ). Das wilde Heer
zieht durch die Luft 202 ), und der ewige
Jäger ist verdammt, weil er am K. gejagt
hat 203 ). In entlegenen Kirchen findet um
Mitternacht eine Geistermesse statt 204 ).
Gespenster lassen sich zahlreich sehen 205 ),
denn dieK.snacht ist dieHauptgeisterzeit 206 ).
Blaue Flämmchen zeigen sich 207 ), ein
goldener Arm 208 ), irreführende Geister 209 ),
schöne Frauen 210 ), Holzfräulein breiten
ihre Wäsche aus 211 ), ein Fischer spukt,
weil er am K. gefischt hat 212 ). Wenn es
nachmittags 3 Uhr zum Sterben Jesu läu¬
tet, geht ein an die Wand eines Hauses
in Lungern gemalter großer Mann zum
Kirchenbrunnen Wasser trinken 213 ). Geht
man auf einen Kreuzweg, so kommt mit
dem Schlage der Mitternacht der Teufel,
und man kann allerlei von ihm erhalten 214 ).
Mit einer Pfeife, die man nachts 12 Uhr
an einem Kreuzwege aus einem Knochen
einer schwarzen Katze gemacht hat, kann
man Geister zitieren 215 ). Vor Sonnen¬
aufgang soll man auf einen kleinen Berg
gehen, dann sieht man alle Engel und
alle verstorbenen Leute, die man kannte 216 ).
Hexen haben am K. die größte Macht
und werden durch Gewaltmaßregeln
999
Karfreitagsei
IOOO
vertrieben 217 ): in der Gegend von Oels
unter großem Rumor mit alten Besen 218 ),
in Kremsmünster mit Stecken, Peitschen
und Büchsen 219 ). Man kann sie in der
Kirche erkennen 22 °). In Dietenheim
(Illertal) sieht man sie im Grieß Wurzeln
graben; um 12 Uhr muß man sich davon
machen 221 ).
192) öfters wird die gleiche Kraft des Geburts¬
und des Sterbetages Christi betont: Meier
Schwaben 176 (Hexen ziehen um). 390 (Bruch
des Kindes geheilt). 463 (Teufel hilft auf dem
Kreuzweg). 116 (wilder Jäger schießt gegen die
Sonne). m ) Drechsler 1, 84. 194 ) Lachmann
Überlingen 401. 195 ) Rochholz Naturmythen
155. 19 ®) ZfVk. 17, 63; Niderberger Unter¬
walden 1, 154; Cysat 65 (wenn man die Passion
predigt). m ) Meiche Sagen 697. 744; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 241; Grohmann Sagen 171;
John Westb. 200; Kühnau Sagen i, 232. 558.
571; 3 » 5^0. 591- 597 - 599 - 600. 601. 604. 614.
631. 641. 643. 650. 662. 738. 762 (meist während
des Absingens der Passion). 198 ) Drechsler i,
86 f.; Meier Schwaben 48; SchwVk. 10, 30;
Lütolf Sagen 64. 65. 66. 67; Niderberger
Unterwalden 1, 81; Lachmann Überlingen 97;
Vernaleken Mythen 135. 1## ) Meiche Sagen
579; Schönwerth 2, 413; Baader NSagen 18;
Kühnau Sagen 1, 615; Rochholz Naturmythen
160f. 20 °) ZfVk. 7, 127; Mecklenburg 13, 17;
Knoop Posen 259. 201 ) Kühnau 3, 35 8 -
202 ) Bohnenberger 3. 203 ) Schell Bergische
Sag. 161 (53). Man stellte sich daher nachts vor
die Tür, um sein Rufen zu hören: Henssen
Zur Geschichte d. berg. Volkssage 22. 204 ) Fon¬
taine Luxemburg 38. 205 ) Kühnau Sagen 3, 49.
51. 20 ®) Bohnenberger 7. 207 ) Grohmann
Sagen 23. 208 ) John Westb. 61. 209 ) Rochholz
Sagen 1, 250 f. 21 °) Ebd. 1. 276. 211 ) John
Westb. 200. 212 ) Bartsch Meckl. 1, 407. 213 ) Lü¬
tolf Sagen 269 (207); Niderberger Unter¬
walden 1, 72. 214 ) Meier Schwaben 2, 389.
215 ) Drechsler 1, 87. 216 ) SchwVk. 10, 30-
217 ) Sartori Sitte 3, 145 A. 10. 218 ) Drechsler
1,86. ai9 ) Baumgarten Jahr 21. 22 °) Strak-
kerjan 1, 421; Meier Schwaben 2, 391 (60).
221 ) Birlinger Volkst. 1, 326.
10. Die von drei an demselben K. ge¬
borenen Priestern gleichzeitig gelesene
Messe ist besonders heilkräftig 222 ). Sonst
aber ist Geburt an K. bedenklich. Kinder,
die am K. zur Welt kommen, werden sich
später erhängen oder sterben eines ge¬
waltsamen Todes 223 ). Auch stellt man
kein Kalb auf, das am K. geboren ist 224 ).
Dagegen hat man es gern, wenn jemand am
K. stirbt; er wird selig 225 ), seine Knochen
werden nie verwesen 226 ). Steht eine
Leiche am K. im Hause, so schlägt es
in dem Jahre nicht ein 227 ). Ein Begräbnis
hält schwere Gewitter vom Dorfe fern 228 ).
Dagegen wieder: Liegt am K. eine Leiche
im Orte, so gibt es im Laufe des Jahres
ein Schadenfeuer, meist durch Blitz 229 ).
Besuch der Kirchhöfe am K. dient hier
und da auch abergläubischen Zwecken 23 °).
In Siebenbürgen holt man vom Friedhofe
Attich, ein Mittel gegen jede Krankheit 231 ).
Mädchen schenken ihren Liebsten ein auf
dem Friedhofe rotgesottenes Ei, um bei
ihnen Liebe zu entzünden 232 ).
222) NdZfVk. 6, 18. 223 ) Wuttke 74 (87:
Böhmen). 224 ) Wolf Beitr. i, 229 (Hessen).
225 ) Höhn Tod 316; BayHfte 6, 209 (49).
226 ) ZfVk. 4, 395 (Ungarn). 227 ) John Erzgeb.
194. 228 ) Ebd. 128. 229 ) Drechsler 1, 90*
23 °) Sartori Sitte 3, 144 t. A. 6. 231 ) Haltrich
Siebenb. Sachsen 286. 232 ) Hör mann 60.
Sartori.
Karfreitagsei. Das am Karfreitag ge¬
legte Ei hat besondere Eigenschaften so¬
wohl an sich wie auch als Speise x ). Es
verdirbt nicht 2 ), sondern trocknet höch-
| stens ein 3 ). Wenn man am Karfreitag
ein frisches Ei über das Haus wirft, so
zerbricht es nicht 4 ). K.er nehmen die
Ostereierfarbe nicht an 5 ). Zerdrückt
man eines, so bekommt man die Aus¬
zehrung 6 ). Die günstigste Stunde, ein
K. zu magischen Zwecken zu benutzen,
ist die zwischen 11 und 12 Uhr vor¬
mittags am Karfreitag selbst, weil in
ihr Christus den Geist aufgab 7 ). K.er
dürfen zwar verschenkt, aber nicht ver¬
kauft werden, da sie sonst ihre Wirksam¬
keit einbüßen 8 ). Wenn auf einem Berner
Bauernhöfe am Karfreitag keine Henne
brütet, so kommt der Bauer um Hab
und Gut 9 ).
K.er sind gute Bruteier 10 ). Sie
bringen Hühner und Hähne mit jährlich
wechselnder Farbe hervor 11 ). Der am
Johannistage gefundene Farnsamen muß
in einer Feder von einem Hahn,
der aus einem K. ausgebrütet worden
ist, aufbewahrt werden 12 ). Wenn man
ein K. findet und jeder Henne davon
etwas zu fressen gibt, so holt sie das
Jahr über „der Vogel“ nicht 13 ). K.er
schützen vor Krankheiten und Seuchen u ),
ziehen Fieber an sich 15 ), feien gegen
Kreuzschmerzen und Kolik 16 ), verleihen
1001
Karfreitagswasser
1002
Stärke und sichern namentlich gegen !
Leibschaden (Bruch) 17 ), verhindern |
Wundliegen 18 ) und bringen Muttermäler
zum Verschwinden 19 ). Für das Wohl¬
ergehen der Wöchnerin sind sie am
besten 20 ). Auch das Gedeihen des Viehes
fördern sie, bewahren es vor Krankheit
und werden ihm vor dem ersten Weide¬
gang oder vor der Alpfahrt eingegeben 21 ).
Sie sichern vor dem Blitz 22 ) und löschen
das Feuer, in das sie geworfen werden 23 ).
Mit einem Ei, das am Karfreitag von
«iner schwarzen Henne gelegt wurde,
kann man Tote im Wasser auf finden;
wirft man es über die Schulter hinter
sich, so kann man einen Schatz finden 24 ).
Wer ein K. bei sich trägt, hat Glück im
Spiel 25 ). Dem Kinde gibt man vor dem
ersten Schulwege eines zu essen, in das
man die Buchstaben des gedruckten Al¬
phabets verhackt hat 26 ). Wenn man in
der Karfreitagsnacht um 12 Uhr ein ver¬
rührtes Ei in ein Glas mit Wasser schüttet,
so kann man am andern Morgen aus den
Figuren, die es bildet, erkennen, welche j
Früchte in dem Jahre geraten werden 27 ), j
Nimmt man ein Ei, das am Grün¬
donnerstag gelegt ist, am Karfreitag mit j
in die Kirche, so sieht man alle Hexen ver- I
kehrt in den Stühlen sitzen 28 ). Legt man
in den Sack am Karfreitagmorgen ein Ei
von einem schwarzen Huhn, das keinen
Schwanz hat, so sieht man alle Geister
in der Kirche 29 ). Wenn man das erste
am Karfreitag gelegte Ei einer schwarzen
Henne unter der Achselhöhle durch 9 Tage j
ausbrüten läßt, so kommt ein kleines j
Männchen heraus, von dem man sich alles 1
wünschen kann 30 ). Man ißt K.er, um
Knaben zu zeugen 31 ). Auf der schwä¬
bischen Alb bringt die Frau ihrem Manne
am Karfreitagsmorgen, wenn er noch im
Bette liegt, ein gesottenes Gänseei und
backt ihm abends einen Eierkuchen 32 ).
Mädchen schenken ihren Liebsten ein
auf dem Friedhofe rotgesottenes Ei, um
bei ihnen Liebe zu entzünden 33 ). Üb¬
rigens wird das am Karfreitag gelegte
Ei mitunter erst am Ostersonntag ge¬
gessen 34 ) wie das Gründonnerstagsei am
Karfreitag.
*) Vgl. oben 2, 607. 610. 2 ) Wuttke 430
(674); ZfVk. 8, 340; Kapff Feslgebr. 14; Meyer
Baden 411. 502; SchwVk. 7, 12; SAVk. 21, 203;
Sebillot Folk-Lore 3, 233. 3 ) Stoll Zauber¬
glauben 68. 4 ) Zingerle Tirol 149 (1285).
6 ) SchwVk. i, 4. 6 ) Meyer Baden 502. 7 ) Stoll
Zauberglauben 68. 8 ) Ebd. 118. 9 ) SchwVk.
6, 34. Wenn aber ,,ein schwarzes Hinckel auf
Karfreitag legt, das Haus trifft das Jahr aus
keyn Unglück“, heißt es in einer Rheingauer
Handschrift aus der ersten Hälfte des 17. Jahr¬
hunderts: ARw. 24, 174. lü ) Kapff Festgebr.
14; Eberhardt Landwirtsch. 21. X1 ) Wuttke
430 (673): Meier Schwaben 388 (45): Die aus
einem K. entstandenen Hähne haben besonders
hervorragende Eigenschaften: Sebillot Folk-
Lore 3, 218. 12 ) Niderberger Unterwalden 1, 72.
13 ) Reiser Allgäu 2, 115. 14 ) Höfler Ostern 17;
SchwVk. 6, 34; 10, 31; Sebillot 3, 233.
15 ) Stoll Zauberglaube n8f. 16 ) Drechsler 1,
90; Sebillot 3, 233. 17 ) Grimm Myth. 3, 459
(712: Ansbach); Hof f mann-Krayer 146;
SchwVk. 6, 34; Meyer Baden 411. 549; Lam-
mert 257; Stoll Zaubergl. 68; Reiser Allgäu 2,
115 (13); Meier Schwaben 389 (55). 18 ) Manz
Sargans 63. 19 ) Ebd. 20 ) Höhn Geburt 263.
21 ) Manz 53. 93. 22 ) Meyer Baden 502; Manz
87; Stoll Zaubergl. 118; Hoffmann-Krayer
146. 23 ) Jahn Opfergebr. 139; Birlinger
Volkst. 2, 443; Kuhn Westfalen 2, 133 (Eng¬
land); Sebillot Folk-Lore 3, 234; Bull, de
folklore 2, 3 (28). 24 ) Reiser 2, 115 (15)-
25 ) Wuttke 409 (636); ZfVk. 8, 340. 26 ) Meyer
Baden 109. Oben 2, 608. 27 ) Meier Schwaben
388 (46). 28 ) ZfrwVk. 2, 203 (obere Nahe); vgl.
Sebillot 3. 234. 29 ) SchwVk. 10, 31. 30 ) John
Westb. 217. 31 ) Baumgarten Aus d. Heimat
3 , 5 - 32 ) Meier Schwaben 390 (55). 33 ) Hör¬
mann Volksleben 60. 34 ) Sartori Sitte 3, 142
A. 15. Sartori.
Karfreitags wasser. Das Wasser wird
am Karfreitag in vielen Kirchen ge¬
weiht x ), hat aber auch an sich — fließend
oder springend — an diesem Tage be¬
sondere Heiligkeit und Kraft 2 ). Man
soll sich an einem Bache oder wenigstens
mit Bachwasser waschen zum Andenken
an den Bach Kidron oder daran, daß
Christus in dieser Nacht von den Juden
durch einen Bach geschleppt wurde 3 ).
Man glaubt, daß sich in der Mittemachts¬
stunde, des Todes Jesu wegen, alles
fließende Wasser in Blut verwandle und
daß also das Blut des Heüandes eigentlich
die Wunder tue 4 ). Mädchen und Burschen
schöpfen vor Sonnenaufgang lautlos gegen
den Strom das heilwirkende Wasser 5 ).
Ist kein Bach oder Fluß in der Nähe, so
schöpft man aus Brunnen und Trögen,
deren Wasser der Sonne zufließt 6 ). In
1003
Karf unkelstei n
1004
der Gemeinde Brütten wird das W asser
Schlag 9 Uhr vom Gemeindebrunnen
geholt 7 ). Kleinen Kindern bringt die
Mutter das fließende Wasser nach Haus,
wäscht sie ab und trägt es wieder in den
Bach, daß es fort fließe und die Krank¬
heiten fortschwemme. Mehr erwachsene
Kinder müssen wenigstens im Hofe nieder¬
knien und dort beten, bis sie abgewaschen
sind 8 ), öfters wird das Taufwasser vom
K. genommen 9 ).
Das K. wird nie stinkend und heilt
Krätze und Ausschlag, wenn man sich
darin badet 10 ). Wer es trinkt, wird nicht
durstig. Auch heilt es Sommersprossen,
schützt das Sauerkraut vor Fäulnis und
wird auf Blumen gegossen 11 ). Wer
unterm Schiedungsläuten sein Gesicht
wäscht, bekommt keine Sommerflecken 12 ).
Wer sich die Füße wäscht, bleibt vor
Fußkrankheiten bewahrt 13 ). Wäscht
man sich vor Sonnenaufgang die Hände,
so brechen sie nicht auf 14 ). Von Zahn¬
schmerzen bleibt man verschont, wenn
man sich zwischen n und 12 Uhr in
einem laufenden Brunnen Hände und
Füße wäscht 15 ) oder sich in Quellwasser
den Mund ausspült 16 ). Ein Trunk aus
fließendem Wasser vor Sonnenaufgang
sichert Gesundheit und jugendliches Aus¬
sehen 17 ). Die Pferde werden in die
Schwemme geritten 18 ). Wenn man sie
im Wasser gegen den Strom gehen läßt,
werden sie nicht krank 19 ). Dem Vieh ist
das K. ebenso heilsam. Man wäscht es
damit vor Sonnenaufgang und reinigt
damit den Stall 20 ) oder treibt das Vieh
morgens zum Brunnen 21 ) oder in den
Fluß 22 ). Nicht nur die Pflanzen, sondern
auch alle Hausgeräte werden mit K.
gewaschen und gescheuert 23 ). Nach altem
Glauben badet sogar der Rabe seine
Jungen mit Flußwasser, damit sie schwarz
werden, denn sonst bleiben sie weiß 24 ).
Zauberhaft wirkt auch der Morgentau
des Karfreitags. Auch er befreit von
Sommersprossen 25 ). Freilich kann auch
eine Mistpfütze seine Stelle vertreten
oder der Saft einer vor Sonnenaufgang
angeritzten Waldeiche 26 ). Wer am Kar¬
freitag vor Sonnenaufgang auf dem Rasen
seine Hände im Tau wäscht, der spricht:
,,Ich wasche meine Hände mit heiligem
Karfreitagstau; was ich anrühr und an¬
schau, das zerspringt und zerreißt
nicht“ 27 ).
J ) Meyer Baden 503. 2 ) Vgl. oben i, 810 f.
3 ) Drechsler 1, 84; ZföVk. 5. 64; Hörmann
Volksleben 36. 4 ) Drechsler 1, 84. 5 )Ebd. 1,83;
ZföVk. 4, 83 f. 6 ) Drechsler i, 84. 7 ) SchwVk.
7, 12 8 ) Grohmann 45. ®)Höhn Geburt 271.
10 ) Meyer Baden 503; Strackerjan 1, 79;
! Grohmann 44 (282. 283). 45 (289. 290). 182
(1271); oben i, 811. u ) Meyer Baden 502.
12 ) Grimm Myth. 3, 458 (697: Ansbach).
13 ) Drechsler 1, 84; Reiser Allgäu 2, 114.
! 14 ) Reiser 2, 115 (10). 15 ) Ebd. 16 ) Knoop
| Posen 327 (80). 17 ) John Erzgeb. 192. 18 ) Sar-
; tori Sitte 3, 132 A. 22. 19 ) Grohmann 46 (292).
1 20 ) Drechsler 1, 84 f. 21 ) Meyer Baden 303.
1 22 ) Tetzner Slaven 276. 23 ) Drechsler 1, 85.
24 ) Ebd. 25 ) Bohnenberger 23. 2 *)Drechsler
1, 84. 27 ) Meyer Baden 503. Sartori.
Karfunkelstein. Plinius führt als
Karfunkelsteine Edelsteine von verschie¬
dener Art und Farbe an. Im allgemeinen
war Karfunkel Bezeichnung für rötlich
strahlende Edelsteine; seit dem 13. Jh.
unterschied man als Arten des Kar¬
funkels: Rubin, Rubin = Baiais, Granat
und echten Karfunkel 1 ). Da man
diesen ,.echten“ Karfunkel nicht bekam,
verkauften die Edelsteinhändler als Kar¬
funkel die sog. „Katzenaugen“; nach
Zedier stammten sie ja auch, wie der
Karfunkel, aus Indien und waren köst¬
liche, durchsichtige, feurig glänzende
Steine 2 ). Der echte „große“ Karfunkel-
! stein, von dem im Mittelalter so viel
erzählt wird, der auch in Märchen und
Sagen eine Rolle spielt, gehört in das
Reich der Fabel. Seit den frühesten
Zeiten hatten Indienfahrer die aben¬
teuerlichsten Geschichten von der unge¬
wöhnlichen Größe und dem übernatür¬
lichen Glanz der Karfunkelsteine be¬
richtet, die sie in den Palästen der indi¬
schen Fürsten gesehen hätten. So sollten
der König von Pegu, der König von
Siam, der Kaiser der Tataren u. a.
Karfunkel besitzen, die so wunderbar
leuchteten, daß sie die finstersten Räume
sonnengleich erhellten 3 ). Auch in dem
Briefe des Presbyters Johannes werden
Karfunkel erwähnt, die in seinem Palaste
in der Nacht leuchteten 4 ). Aus solchen
Berichten entstand der Glaube des Mittel¬
1005
Karlsminne—Karl-Segen (Kaiser)
1006
alters, daß der echte Karfunkel allen
anderen Edelsteinen Rang und Preis
streitig mache, die Finsternis derartig
durchleuchte und mit seinen Strahlen
durchdringe, daß man keines anderen
Lichtes bedürfe, daß er alle Tugenden
und Kräfte besitze, die man den anderen
Edelsteinen zuschrieb, besonders alle Luft-
und Dunstgifte verscheuche. Dazu sagt
mit Recht der kritische Verfasser des
Artikels „Karfunkelstein“ in Zedlers Uni-
versallexikon: „Alle diese alten Nach¬
richten vom Karfunkel sind fabulös und
schmecken nach Tradition .... obwohl
immer wieder von ihnen erzählt wurde,
so will ihn doch keiner gesehen haben“ 5 ).
J ) Schade 1365 ff.; Megenberg Buch
der Natur 376 f.; Lonicer 57; Paracelsus
83 Abs. 2. 2 ) Zedier 15, 244!. s. v. Katzen¬
augen; Schade 1403 (Katzenaugen); Brück¬
mann 246; vgl. Grimm DXVb. 5, 212.
3 ) Westermanns Monatshefte 119 (1915), 1656;
Zedier 5, 780 s. v. Karfunkel; Breßl. Samml.
32, 403. 4 ) G. Oppert Der Presbyter Johannes
{1864), 41 u. 47. 5 ) Zedier, Schade a. a. O.;
Agrippa v. N. 1, 92 u. 134; Müller Uri 1,
271 ff. Nr 377 ff.; vgl. J. P. Hebels Gedicht
„Der KP
Ein solcher Fabelstein war für Märchen
und Sagen so recht geeignet. Vom Kar¬
funkelstein geht das magische Licht aus,
das wunderbar feurig flammend die Ge¬
mächer erhellt, in denen die Unterirdi¬
schen, Berggeister und Zwerge hausen 6 ).
Als Rätsel, „worüber sie zum großen
Nutzen dessen, der sie um dessen Lösung
angeht, Bescheid geben würden“, nennt
man in Oberösterreich den Karfunkel¬
stein. Aber nur wer alle Anfechtungen
und Prüfungen bestand, erhält die er¬
wünschte Auskunft und damit Reichtum,
Glück und Segen 7 ). Die Märchen¬
schlange (in der Franche-Comte „vouivre“
genannt) trägt einen Karfunkelstein als
Krone oder als einziges Auge; sein Funkeln
verrät ihren Zufluchtsort. Dieser Kar¬
funkel ist von unschätzbarem Wert,
und wer sich seiner bemächtigen könnte,
würde unermeßlich reich werden 8 ). Dich¬
tungen von Romantikern verklärten den
funkelnden Stein der Schlange zum Sinn¬
bild der Poesie; durch seinen Besitz wird
der Traum zur Wirklichkeit 9 ). Grübelnde
Mystiker sahen in dem „echten“ Kar¬
funkel den Kristall der Wissenden, der
sie mit hohem Wissen und geistigem
Glück belohnte 10 ).
6 ) LütjensZtt^rg 90; Gräber Kärnten 49 Nr.
55 (gelber Karfunkel in der Felsenwohnung der
heidnischen Riesen); Wolf Beiträge 2, 123;
Mannhardt Germ. Myth. 451 f. 447 u. a.;
Meyer Germ. Myth. 126; Schell Bergische Sagen
359; Heyl Tirol 383 f. u. 459 Nr. 19. 7 ) Böckel
Volkssage 72. ö ) SAVk. 25, 191; Grimm
Myth. 3, 198; Nouveau Larousse 4, 992; Stöber
Elsaß Nr. 1; vgl. Lütolf Sagen 322; Amers¬
bach Lichtgeister 26 (Deutung als Irrlicht);
vgl. Sebillot Folk-Lore 2,207. ü ) MschlesVk.
12, 2 (1910), 145. 10 ) Tiede Gotteserkenntnis
136. t Olbrich.
Karlsminne.
1. Daß in frühchristlicher Zeit in
Deutschland nicht nur die Minne Christi
und der Heiligen 4 ), sondern auch des
Herrschers und seiner Familie ausge¬
bracht wurde, beweist am klarsten, daß
die Sitte des Minnetrinkens zunächst
durchaus nichts mit christlichen Kult¬
gedanken zu tun hat. Vielmehr scheint
uns gerade dieser Brauch den eigent¬
lichen Kerngedanken des Minnetrinkens
in ziemlicher Treue bewahrt zu haben;
daß es hier auf die Person des (fränki¬
schen) Herrschers angewandt wird, ist
vielleicht z. T. als Nachwirkung des
römischen Imperatorenkultes, wie er be¬
sonders im römischen Heere gepflegt
wurde, zu erklären.
*) Vgl. den Artikel Minne.
2. Ob die Kaiserminne auch auf andere
Herrscher als auf Karl den Großen
getrunken wurde, bleibt ungewiß. Sicher
ist jedoch, daß es zu seiner Zeit all¬
gemeine Übung war, auf ihn und seine
Söhne den Minnetrunk auszubringen.
Wir entnehmen diese Tatsache dem
26. Kapitel seines Kapitulars vom Jahre
789, in dem er auch die Stephansminne
(s. d.) untersagt 2 ). Daß es sich hierbei
nicht um einen vereinzelten Fall, sondern
um eine weit verbreitete Sitte handelt,
macht der Umstand wahrscheinlich, daß
Karl sich genötigt sah, mit dem Gesetz
gegen sie einzuschreiten.
*) MG. Capit. reg. Franc. I 64.
Mackensen.
Karl-Segen (Kaiser). Ein im Text des
Himmelsbriefes seltener auftretender Brief,
der als selbständiges Stück in mittel-
1007
Karneol—Karpfen
I008
alterlichen Zauberbüchern erscheint, so
im Colomanus-Büchlein. Hier wird über
die Herkunft des Textes berichtet, daß
der Brief von Gott dem Abt Colomanus
für seinen Vater, den König von Iberia,
gesandt sei. Dieser glaubte nicht an die
Schutzkraft des Briefes und erprobte
sie an einem Verbrecher, dem weder
Schwert noch Gift noch Feuer schadeten.
Nun ließ er den Brief vervielfältigen,
und eine dieser Abschriften schickte
Papst Leo an Kaiser Karl d. Gr., der es
auf einen Schild mit goldenen Buchstaben
malen ließ x ). Als „Gebet Kaiser Karls
des Großen“ existiert ein Gebet, in dem
Jesus um Schutz gegen den Teufel an¬
gerufen wird. Wer dieses Gebet bei sich
trägt, ist geschützt vor seinen Feinden,
vor Feuer und Wasser, Dieben und
Räubern, Gespenstern und bösen Geistern.
Er bekommt nie Fieber und wird niemals
falsch angeklagt oder ungerecht ver¬
urteilt. Kein Mensch darf böse Gesinnung
gegen ihn hegen. Diese Fassung ist weit
jünger, sie stellt eine starke Verall¬
gemeinerung und Verchristlichung der
alten Zauberformel dar 2 ). Der Kaiser
Karl-Segen hat noch eine Reihe von
Umformungen erfahren; je nach den
Orten und Zeiten seiner Verbreitung
treten neue Motive hinzu 3 ). Er tritt
noch als „ein sehr nützliches Gebet,
welches der Papst Leo seinem Bruder
Carolo wider seine Feinde geschickt“
mit ähnlichen Verheißungen, wie oben
angeführt, in einem kathol. Erbauungs¬
buch auf 4 ).
i) Wuttke 167 §225; Stübe Himmels¬
brief 9; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 3. 2 ) ZdVfVk.
13 (1903), 164; Kronfeld Krieg 103. 3 ) DG.
10, 65; Alemannia 16 (1888), 233 f.; MschlesVk.
13/14 (1911). 615 ff.; 18 (1907b 3 6fi - 48; 19
(1908), 55. *) Geistl. Schild 93 — 95 - t Stübe.
Karneol. Die Alten nannten den
Karneol „Sarder“ (cjapS&ov, sarda). Auch
Zedlers Universallexikon verweist s. v.
Sarder auf Karneol. Erst im Mittelalter
entstand die Bezeichnung comiol (rot
wie comus, die Kornelkirsche); seit dem
15. Jh. tritt dafür der Name carneolus
(rot wie caro, Fleisch) auf. Der Name
Sarder ist bei Juwelieren noch heute
für eine Varietät des Karneols üblich.
auch die Franzosen haben neben comaline
den Namen sardoine x ).
Wegen seiner roten Farbe galt der
Karneol stets als stillendes Mittel bei
allen Blutungen, Nasenbluten, Blutungen
der Frauen, blutendem Zahnfleisch usw. 2 ).
Aus Aristoteles übernahm das Mittelalter
den Aberglauben, wer den Karneol am
Halse oder im Siegelringe trage, lasse sich
nicht vom Zorn hinreißen 3 ). Nach
Zedier wurde der Stein gern in Hals¬
gehängen und Armbändern getragen;
man glaubte, er vertreibe die Furcht,
widerstehe der Zauberei und helfe, schwan¬
geren Frauen auf den Leib gebunden,
zur Erhaltung der Leibesfrucht und
Beförderung der Geburt 4 ). In Tirol
wird er noch heute als Ringstein, seltener
auf der Brust, als Amulett gegen Furcht
und Schrecken getragen 5 ). Dem ent¬
spricht die Angabe Lonicers, der Sardius
vertreibe die Furcht und mache beherzt 6 ).
In den alten Apotheken wurde der
Karneol auf verschiedene Weise ver¬
arbeitet; er galt als blutstillendes und
blutauffrischendes Mittel und wurde pul¬
verisiert bei Eiterungen und Geschwür¬
bildungen des Zahnfleisches verwendet 7 ).
Heute wird der Stein nur noch als Siegel¬
stein gern getragen 8 ).
*) Schräder Reallex . 2 1, 211; Schade
1378 t. u. 1420; Quenstedt 206 f.; Gesner
d. f. I. 141; Bergmann 120. 2 ) Megenberg
Buch der Natur 380; Arnoldus S. 20; Ale¬
mannia 26 (1898), 203 (15. Jh.); Schade
a. a. O.; vgl. Megenberg a. a. O. 396 (Sarder)
u. Lonicer 58. 3 ) Hovorka-Kronfeld 1,
232; Megenberg, Schade a. a. O. « 4 ) Zedier
5, 896; Agrippa v. N. 5, 291; Franz Bene¬
diktionen 2, 188; vgl. Seligmann 2, 30 (K.
Amulett gegen bösen Blick bei Griechen,
Türken, Brasilianern); Goethe Westöstl. Divan
I, Segenspfänder. 5 ) Alpenburg Tirol 411.
®) Lonicer a. a. O. 7 ) Zedier, Schade a. a. O.
8 ) Brückmann 119 u. 204. fOlbrich.
Karneval s. Fastnacht.
Karpfen (Cyprinus carpio L.) t der
Antike unbekannt 1 ).
1. Vom Zeugungsakt des K.s sagt
Albertinus, nach Albertus Magnus: „Wenn
die Karpfin vermerkt, daß sie baldt ge-
beren werde, alsdann verfügt sie sich
zu ihrem Männlin, derselb lest einen
milchenen Samen in ihren Mundt fallen*
1009
Karpfen
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dadurchwirdt sie alsobaldt schwanger“ 2 ).
Über ihre Entstehung aus Kot sagt Ges-
ner: „Dise fisch wonend in allerley wasse¬
ren / dann es wachsend vnd entspringend
deren etlich von jnen selber / auß wüst vnd
kadt / one samen / als von etlichen
anderen fischen auch geschriben wirdt /
vnd die erfarenheit söllichs erzeigt“ 3 ).
Über die Geschlechtslosigkeit: „In
etlichen wyeren sollend K. gefangen
werden, in welchen kein vnderscheid
des geschlächts, röglings oder milcklings
mag gespürt werden. Solche werdend
one zweyfel die seyn / so von jnen selbs
wachsend vnd geschaffen werdend“ 4 ).
Über den Augen hat der K. je ein Stein-
chen in „eines halben Mondes Gestalt“,
das medizinal verwendet wird 5 ) (s. u.
Nr. 3) oder, wenn beim Essen an Weih¬
nacht gefunden, Glück bringt 6 ). Ver¬
einzelt ist die Angabe, daß der K. (wie
der Hecht, s. d. 3, 1608) die Marter¬
werkzeuge Christi im Kopfe trage 7 ).
Nach Gesner schwindet und wächst ihr
Hirn mit dem Mond 8 ). Er berichtet
auch über einige „Wunderkarpffen“, mit
Menschenkopf u. a. 9 ).
Lenz Zoologie 517. 2 ) Der Welt Tummel¬
platz 600 (vgl. Albertus Magnus De ani-
malibus 1 . 24 § 26 [nicht in der Ausgabe v.
Stadler]; Vinc. Bellov. 1 . 17 c. 142). 3 ) Ges¬
ner Fischb. 164 a. 4 ) Ebd. 164 b. 5 )Jühling
Tiere 29 (s. a. Gesner 164 a). 6 ) Drechsler
I, 34; 2, 223. 7 ) Fischer SchwäbWb. 4, 230.
8 ) Gesner Fischb. 164 b. 9 ) 165 a.
2. Aus den Kopfknochen setzt man
eine Vogelgestalt (Taube), den „heiligen
Geist“, zusammen und hängt sie über dem
Tisch an die Decke als Schutzmittel gegen
Hexen 10 ). Die Schuppen des an Weih¬
nacht oder Silvester gegessenen K. werden
im ganzen Hause umhergestreut, dann
bringen sie den Bewohnern Glück, im
Geldbeutel aufbewahrt: G e 1 d (vermutlich
wegen ihrer Münzengestalt) 11 ) (s. Fisch 2,
1534; Karausche). In Schlesien trägt
das Mädchen am Weihnachtsabend die
Gräten und andere Reste des K.s im
Tischtuch ins Freie und schüttet sie an
einem Kreuzwege aus, dann wird sie im
kommenden Jahre Braut. Auch ist es
dort Sitte, die vom Weihnachtsmahl übrig
gebliebenen Fischgräten und Frucht¬
schalen an die Ob st bau me zu legen, um
deren Gedeihen zu fördern (s. Fisch 2,
1537) 12 ). Der Rogen, besonders an
Weihnacht oder Silvester gegessen, bringt
ebenfalls Glück u. Geld: „So viel Körner,
so viel Gold“ 13 ). Die Lebensjahre eines
Neugeborenen bestimmt man in Gnesen
dadurch, daß man einen K. fängt, ihn
wiegt und die Gewichtszahl [welche
Gewichtseinheit?] mit 3 multipliziert 14 ).
10 ) Drechsler 2, 222 {. 249. n ) Ebd. i, 23.
44; 2, 223; ZfVk. 25, 87; Knoop Tierw. 23;
Schulenburg Wend. Volksl. 132 A. 2. 12 )Jahn
Opfergebr. 287. 13 ) ZfVk. 25, 87; Drechsler
i, 33 - 14 ) Knoop Tierw. 23; BlpomVk 5, 126;
Veckenstedts Zs. 3, 395.
3. Volksmedizinisch wird der K.-
stein (s. 1) gegen Epilepsie und Schlag
gebraucht 15 ). Nach Gesner ist der K.stein
„löblicher von einem läbendigen ge¬
nommen, dann von einem todten oder
gesottenen. Zu pulffer gestossen ge¬
steh er das blut: vnd so das blut von
der nasen auff den gantzen stein fließt /
sol es zu stund geston. Weyter ist er
nutz dem grien (Harngrn*s); im mund
gehalten / widersteh dem sod / oder
sodt / oder hertzwasser / behüt vor dem
bauchgrimmen: sy werdend auch von
etlichen am halß getragen zu etlichen
Kranckheiten“ 16 ). Auch im Elsaß wurde er
gegen das Nasenbluten angewendet 17 ).
Schwenckfeld sagt: „Dem K. wächst im
Schlunde ein dreieckiger Stein von der
Größe und Gestalt einer Wolfsbohne; hält
man ihn im Munde, so hemmt er das
Aufwallen und die Hitze der gelben
Galle, treibt Steinchen heraus und be¬
wahrt vor der Kolik. Er stillt das Nasen¬
bluten, wenn er gepulvert und mit
Cydonienflaum in die Nase eingeführt
wird. Von manchen wird er auch gegen
die Fallsucht empfohlen“ lö ).
In Württemberg wird auf das gicht¬
leidende Glied das dreieckige Beinchen
aus einem K.kopf („K.stein“) gebunden
(Riedhausen-Saulgau) 19 ). Gebärende,
die den Harn nicht halten können,
nehmen eine K.blase, gedörrt und ge¬
pulvert, ein 20 ). K.galle ist gut gegen
Staar (s. Fisch 2, 1539), blöde Augen,
Rotlauf, Rose, Grieß, Kolik, Epi¬
lepsie 21 ). „Sein feißte angeschmiert
IOII
Karren—Karsamstag
Ka r tenschlagen—Kar tenspiel
1014
1012
1013
nimpt den hitzigen schmertzen der nerv¬
aderen" (Spannader) 22 ).
Im Brauch kommt der K. namentlich
als Weihnachtsspeise vor 23 ). Die
Slaven backen K. in den Festlaib beim
Sippenfest 24 ). Am Portal des Doms
von Merseburg ist ein K. angebracht
(s. Fisch 2, 1542, Hering 3, 1782,
Lachs) 25 ). Sagen berichten von K. mit
goldenen Ringen um den Hals 26 )
oder mit Goldkette, wie diejenigen in
Barbarossas Weiher (vgl. Hecht Bd. 3,
1613) 27 ), von hundertjährigen K. 28 )
alter Familien, in deren Schloß sie ab¬
gebildet sind 29 ), von K., die der hl. Veit
den armen Kloster-Brüdern von Corvei
zu seinem Festtag durch ein Wunder 1
stiftet 30 ), von einem Wassermann in
Gestalt eines K. 31 ), von der Verwand¬
lung eines schlimmen Burgknappen in
einen K. 32 ).
15 ) Jühling Tiere 29. 110; Doebel Jäger -
Practica 4, 73. 16 ) Gesner Fischb. 165 a.
17 ) Alemannia 1, 198. X8 ) Catalogus 2, 429.
19 ) Höhn Volksheilkunde 1, 143. 20 ) Jühling
Tiere 29 (s. Kräutermann 1725). 21 ) Höfler
Organother. 225; Gesner Fischb. 165 a; Doebel
J Öger-Practica 4, 73; SAVk. 10, 267 (Uri).
22 ) Gesner Fischb. 165 a. 23 ) ZfVk. 3, 154
(Schlesien); Höfler Hochzeit 13 (Böhmen);
Dähnhardt Volkstümliches i, 77 (Sachsen).
24 ) Krauß Sitte u. Brauch 56. 26 ) Kruspe
Erfurt 1, 91 f. 26 ) Kühnau Sagen 3, 462;
Peuckert Schles. Sagen 70; Haupt Lausitz
1, 140. 27 ) Bavaria 4, 2, 290; Hebel Pfalz.
Sagen 2. 28 ) Gesner Fischbuch 164 b. 29 ) Haupt
Lausitz i, 247. 30 ) Grässe Preuß. Sagen 1, 748.
3X ) Meiche Sagen 381. 32 ) Grässe Preuß. S.
3, 298. Hoffmann-Krayer.
Karren s. Wagen.
Karsamstag.
1. Am K. 1 ) sind die Fasten zu Ende,
und beim Gloria der Messe erklingen
wieder die seit Gründonnerstag verstumm¬
ten Glocken. Diesen Augenblick soll
man für die verschiedensten glückbrin¬
genden Handlungen benutzen 2 ). Man holt
schon das Osterwasser (s. d.) 3 ). Das
Hausdach 4 ), die Bienenstöcke und das
Vieh werden begossen 5 ). Die Mädchen
laufen zum Wasser und waschen sich, um
schön zu werden 6 ). Wasser, aus drei
laufenden Brunnen gesammelt, schützt
diejenigen, die sich damit das Gesicht
waschen, vor Sommersprossen, Haut¬
ausschlägen und Augenkrankheiten; sie
müssen aber mit dem Waschen fertig
sein, ehe das Geläute zu Ende ist 7 ).
Auch vor Kopfschmerz und Sonnenstich
bewahrt das 8 ). Händewaschen schützt
gegen Warzen 9 ). Der Hausherr geht
mit einem Schlüsselbund klimpernd in
Wohnhaus und Hof herum, um von
Kröten verschont zu bleiben 10 ). Die
Schwaben werden mit einem Besen aus¬
gekehrt n ). In Traunstein (Oberbayern)
eilt jeder Bauer, die bereit gehaltenen
Pferde an den Pflug zu spannen, um zu
%
ackern 12 ). Die Obst bäume werden ge¬
schüttelt oder mit Wasser begossen 13 ),
auch bedroht 14 ). In Eschbach löst man
die in der Christnacht um die Obstbäume
gebundenen Strohseile während des Kar-
samstagsläutens ab 15 ). In Böhmen läutet
man auch mit den zusammengebundenen
Schlüsseln des Hauses; so weit der Schall
reicht, so weit tragen die Bäume 16 ).
x ) Bezeichnungen: Höfler Ostern 19. 2 ) Sar-
tori Sitte 3, 146 t. A. 1. 3 ) Ebda. 3, 152 A. 21.
In Berlin noch 1869: Pfannenschmid Weih¬
wasser 207. 4 ) SchönwerthOfcßr/)/ah 2, 86 (2);
John Westb. 242. 6 ) John Westb. 63. 6 ) Ebd.
') Reiser Allgäu 2, 126. 127; John Westb.
63. 242; Vernaleken Mythen 315; S6billot
Folk-Lore 2, 274. 8 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 191; vgl. Sebillot 2, 240. y ) Hoffmann-
Krayer 149. xo ) John Westb. 64. xx ) Bohnen¬
berger 18. X2 ) ZfVk. 14, 138. 13 ) John Westb.
63. 224. 242; Hoffmann-Krayer 149; Manz
Sargans 117; Sartori 3, 146 A. 1. X4 ) Frazer
2, 22 (Sizilien). 15 ) Meyer Baden 384.
lö ) Reinsberg Böhmen 134!.
2. Vor der Kirchentür wird bereits
vor der Messe das Osterfeuer in Brand
gesetzt (s. Feuerweihe). An manchen
Orten wird es als Judasverbrennen
bezeichnet 17 ). Derselbe Ausdruck wird
auch für das weltliche Osterfeuer ge¬
braucht, das gleichfalls schon oft am Kar-
samstagabend abgebrannt wird 18 ).
lv ) Sartori Sitte 3, 148. A. 7; Taylor
The burning of Judas, Washington University
Studies 11, Humanistic Series 1 (1923), 1596.
Im Sauerlande ,,jagt“ man in der Schule nachts
um 12 Uhr mit großem Lärm den Judas:
Sartori Westfalen 153. X3 ) Sartori 3, 149;
Wrede Rhein. Volksk. 258; Kück u. Sohn-
rey 90.
3. Auch Wasser wird am K. kirchlich
geweiht I9 ) (s. Ost er tauf). Vielfach
bringen die Leute auch Eier, Brot,
1
Salz, Hafer, kurz alles, was im Haus¬
halte gebraucht wird, in die Kirche, um
es segnen zu lassen; davon wird am
Ostertage den Speisen etwas beigefügt,
und auch dem Vieh gibt man davon 2°).
19 ) Sartori 3, 152 A. 21; Frazer io,
122 ff. 20 ) Schauerte Sauerl. Volksk. 44;
Wüstefeld Eichsfeld 67; Hovorka u.
Kronfeld 1, 374; Leoprechting Lechrain 28.
4. Das ganze Haus wird gereinigt.
Man kehrt alle Winkel mit einem neuen
Besen 21 ). In Köln nannte man das
„den Judas ausfegen“ 22 ). Beim Gloria¬
läuten beeilen sich die Mägde, den Keh¬
richt unbemerkt in des Nachbars Hof zu
werfen; dadurch wird das eigene Haus
von allem Ungeziefer frei, und der Nach¬
bar bekommt es 23 ). Hier und da wird
am K. bereits die kirchliche Aufer¬
stehungsfeier abgehalten 24 ).
2X ) Wuttke 400 (615). 22 ) Wrede Rhein.
Volksk. 258. 23 ) Schramek Böhmerwald 245;
Lemke Ostpreußen 1, 14. 24 ) Wüstefeld
Eichsfeld 67; John Westb. 64; Niderberger
Unterwalden 3, 349. In Köln hat nur die Kirche
St. Maria im Kapitol das Vorrecht, die Auf¬
erstehungsfeier schon am Abend des K.s um
8 Uhr zu feiern: Wrede Rhein. Volksk. 258.
5. Nach der abendlichen Auferstehungs¬
feier in der Kirche gehen die Kinder auf
die Saatfelder und rupfen die junge Kom-
saat aus, um sie daheim ins Bettstroh zu
legen (gegen Ungeziefer) oder dem Vieh
ins Futter zu streuen 25 ). Doch darf in
Ostpreußen das Vieh am Abend nicht
abgefüttert werden; es kriegt von Sonnen¬
untergang bis zum Ostermorgen kein
Futter 26 ). Findet man am K. Zecken in
den Schafen, so geben die Kühe im Jahre
reichlich Milch 27 ). Wenn es am K. regnet,
so „batet“ das Futter nicht 28 ). Vieh,
das am K. zur Welt kommt, gedeiht
besser, steht auch höher im Preise 29 ).
**) John Westb. 65; Reinsberg Böhmen
135; Bronner Sitt’ u. Art 132. 26 ) Lemke
Ostpr. 1, 14. 2r ) ZfVk. 4, 396 (Ungarn).
18 ) Meyer Baden 504 f. 28 ) Baumgarten Jahr
22.
6. Auch am K. haften gewisse Ver¬
bote; Man soll nicht auf dem Felde
arbeiten *°) und nicht säen, weil man
den Boden, in dem Christus lag, in
Ruhe lassen soll 31 ). Doch muß man in
Neuenkirchen am Karfreitag und K. mit
aller Macht säen und in Oldenburg an
diesen Tagen Erbsen pflanzen 32 ). Man
soll nicht waschen 33 ). Doch soll man
recht schwere Gegenstände heben (s. d.),
wodurch man an Kraft zunimmt 34 ). Eier,
an diesem Tage gelegt, sind besonders
gesund, und man trinkt sie roh, weil
man davon stark wird 35 ).
30 ) ZfrwVk. 4, 21 (Kr. Minden). 3X ) Eber-
hardt Landwirtschaft 2. 32 ) Strackerjan
2, 70. 33 ) Ebd. 2, 78. 34 ) Schramek Böhmer -
wald 147. 36 ) Baumgarten Jahr 22.
7. Alle bösen Geister weilen am K. in
der Holle, um die Predigt Christi zu hören;
darum ist jetzt die beste Zeit, das schir¬
mende Hufeisen an die Tür zu nageln 36 ).
i Doch sind auch wieder in der Nacht auf
; Ostern alle Wiedergänger sichtbar 37 ),
i und in Steiermark geht am K. die wilde
; Jagd um 38 ).
3Ö ) ICück Lüneburger Heide 38. 37 ) Stracker¬
jan 2, 78. 3s ) ZfVk. 8, 442. Sartori.
Kartenschlagen s. Nachtrag.
Kartenspiel.
1. Der Ursprung der Spielkarten
ist gänzlich unbekannt und bedarf noch
sehr der Aufhellung. Angeblich stammen
sie aus China. Sicher ist, daß sie aus
dem Orient (im geläufigen Sinne) stam¬
men und durch die Araber oder während
der Kreuzzüge nach Europa, vermutlich
! zuerst nach Italien (Sizilien) gebracht
j wurden. In Italien sollen sie 1379 zuerst
eingeführt worden sein. Sie sind aber
älter, denn für Deutschland, wo die
K.-Erzeugung schon frühzeitig in Blüte
I stand und die Kartenmacher nachge-
I wiesenermaßen 1384 bereits Innungen
gebildet haben (die erste beglaubigte
Innung scheint sogar aus dem Anfang
des 14. Jh. zu stammen), stammt der
erste sichere Nachweis aus dem Jahre
1377. In Belgien werden sie 1379, in
Frankreich 1392 ausdrücklich erwähnt,
und 1463 erließ England bereits ein
Einfuhrverbot für Spielkarten. Aus dem
15. Jh. sind K.e erhalten, die sich durch
große Schönheit und künstlerischen Ge¬
schmack auszeichnen. Viele sehen in
ihm eine bloße Umwandlung des Schach¬
spieles ; j edenfalls ist die zugrunde liegende
Idee die kämpfender Parteien. Es wurde
daher auch zuerst vorwiegend in Kriegs-
ioi5
Kartenspiel
I0l6
lagern gespielt x ). Ein Zusammenhang
mit dem Würfelspiel ist kaum vorhanden.
Daß es mit diesem zusammen in einem
Atem genannt wird, hat seinen Grund in
anderen Ursachen. Wie das Würfelspiel
scheint es bald nach seiner Einführung
mit nicht minderer Leidenschaft betrieben
und so manchesmal die Ursache zum
völligen Ruin unverbesserlicher Spieler
geworden zu sein. Daraus allein ist wohl
erklärlich, daß es stets mit dem Teufel
in Verbindung gebracht wird la ), als
dessen Spiel es gilt, der es erfunden hat 2 ),
der gerne um Seelen spielt. Außer aus
Sagen geht das auch aus zahlreichen
Redensarten 3 ) hervor. Geister, Zwerge
und der wilde Jäger sind der Sage eben¬
falls als Kartenspieler bekannt (s. u.) —
Seit jeher hat das K. einen bedeutenden
Anteil an der Volksunterhaltung 4 ), wenig¬
stens soweit die besonneren Kammer- und
Kommerzspiele, bei denen es sich nicht
so sehr um Gewinn als um Geschicklich¬
keit handelt, in Betracht kommen. Heute
noch dient es in seinen verschiedenen
Arten zum Zeitvertreib, besonders auf
dem Dorfe 5 ), wo es teils im Wirtshaus,
teils in den einzelnen. Bauernhäusern
gespielt wird, zur Unterhaltung an den
langen Winterabenden und an Sonntagen
nach der Kirche.
*) Die alten K.e, die große Wichtigkeit für
die Geschichte der Metall- und Holzschneide¬
kunst sowie der Typographie besitzen, sind
künstlerisch oft sehr wertvoll: K.e wurden
herausgegeben von Geisberg (1905)» ferner
von Lehrs (die ältesten deutschen Spiele
des kgl. Kupferstichkabinettes zu Dresden,
Dresden 1885). — Kataloge: Bierdimpfl Die
Sammlung der Spielkarten des bayrischen
Nationalmuseums, München 1884; Katalog
der im Germanischen Museum befindlichen K.e
und Spielkarten, Nürnberg 1886. Sonstige
Literatur: Breitkopf Versuch über den Ur¬
sprung der Spielkarte, Leipzig 1874; Tylor j
History of Playing Cards, London 1865. Über
ein K. aus der 1. Hälfte des 15. Jh.s in
der Stadtbibliothek in Zürich s. Reber
F. Hemmerlin 156; Neujahrsblatt der Stadtbibi.
Zürich 1853, 8; Alte Kunst S. 123. ^ Grimm
Myth. 1, 124. 2 ) Kuhn u. Schwartz Nr. 63;
484 Nr. 152; Wolf Beiträge 2, 121; Stracker-
jan 2, 237 Nr. 499; Simrock 5 481; Ver-
naleken Mythen 58; Quitzmann 15; Schön¬
werth Oberpfalz 3, 42 ff. 3 ) Über z. T. gereimte
Redensarten vgl. SchwVk. 4, 32. 46 f.; 5, 28;
<), 32 1 ; 10, 9; 11, 14; Urquell 5 (1894), 260;
Sartori 2, 1S7. 4 ) Reiser Allgäu 2, 337 ff.
(Beschreibung versch. K.e 337—343). 5 ) Sar¬
tori a. a. O.
j
2. Sp.-K.n sind unglückbringend,
darum werfen die Soldaten sie, wenn sie
in die Schlacht gehen, von sich, weil sie
die Kugeln anziehen (Old., Schw.) 6 ).
Über den, der dieses Teufelswerk bei sich
trägt, haben Tod und Teufel Macht 7 ).
Im Jahre 1864 (gegen Dänemark) 7 ) und
1866 (österr.-preuß. Krieg) 6 ) waren weite
Strecken der Schlachtfelder von zer¬
rissenen K.en übersät.
6 ) Wuttke 455 §719 = Strackerjan 1, 47
Nr. 64; Sartori 2, 169 = Strackerjan 1, 51;
Brnd. 1916, 168; Strackerjan 2, 237 Nr. 499;
SAVk. 19, 218. ") Dieterich Kl. Sehr. 250.
3. Seltsamerweise kann dieses Spiel,
dem so wenig Gutes nachgesagt wird, zu
Gottes Lob dienen, wie so manche
geistliche Auslegung des K.s beweist.
Neben einer solchen aus der Bretagne
und zwei aus Dänemark 8 ) besitzen wir
auch zwei deutsche Fassungen in Lieder¬
form aus Nordböhmen bzw. von der
sächsischen Grenze 9 ), deren Zusammen¬
hänge untereinander noch nicht erforscht
sind. Die Urfassung, die wohl noch in
den Ausgang des Mittelalters zurück-
reichen mag, wird zweifelsohne von einem
das K. liebenden Kleriker herrühren.
Um 1905 fand Andree, allerdings nicht
mehr in den Krambuden (bei Wallfahrts¬
orten), aber noch ziemlich häufig in den Ka¬
pellen Tirols, geistliche Spielkarten,
welche in Beutelchen bei den Heiligen¬
bildern hingen. Sie dienten nicht zum
Spielen, sondern zum Ziehen eines guten
Rates, der unter der Flagge einer Spielkarte
segelte. Es sind alte Drucke, die K.-
Blättchen 4V2 X 7 cm groß und der
Titel lautet: „Geistliches Kartenspihl zu
verdienstlicher Zeitvertreibung in 32 Blät¬
tern bestehend und zu Trost der armen
Seelen in Druck gegeben. Augsburg bei
Johann Stötter“. Die Einteilung ist
nach der deutschen Karte (Eichel, Herzen,
Laub, Schellen), und jedes Blatt schließt
mit der Anweisung, wie viele Vaterunser
oder Avemaria für die armen Seelen zu
beten sind 10 ).
8 ) ZfVk. 4 (1894), 253—255; Grundtvig
Gamle danske Minder i Folkemunde 2, 309;
1017
Kartenspiel
I0l8
vgl. Sartori 2, 1S7. ,J ) ZföVk. 6 (1900), 1540.
i0 ) Andree Votive 21.
4. Nicht Karten spielen soll man am
Sonnabend (an dem man sich für den
Sonntag vorbereiten muß) (Westpr.) u )
und Sonntag, bes. nicht während des
Gottesdienstes 12 ), in der Karwoche (bes.
Gründonnerstag und Karfreitag) 13 ) und
während der Weihnachtsfeiertage
(hi. Abend bis 2. Weihnachtsfeiertag) 14 ). |
K. in der Kirche gilt als schweres I
Vergehen 15 ). Meist werden die Frevler
vom Teufel geholt, und nur selten ist eine
Rettung durch das Dazwischentreten des
Pfarrers möglich 16 ). j
u ) Urquell 5 (1894), 258. 12 ) Ebd.; Bartsch j
Mecklenburg 1, 434 ff.; Strackerjan 2, 237
Nr. 499; Heyl Tirol 653 Nr. 124; Reusch
Samland Nr. 81. 13 ) Bartsch a. a. O. 1, 435.
437b Nr. 611 1 . 14 ) Müllenhoff Sagen 148
Nr. 204 1 ; Gräber Kärnten 4 254 Nr. 346. 15 )
Meiche Sagen 464 Nr. 602; Heyl Tirol 100
Nr. 63. 16 ) Bartsch a. a. O. 1, 435.
5. Glück und Unglück beim K. wird
in verschiedener Weise erklärt und her¬
beigeführt 17 ). Vor dem Anfang befragt
man durch Abheben eines anderen Spie¬
les Karten das Orakel, wer zu beginnen hat.
Die aufliegenden Karten machen dann
nach Wert und Farbe ihre Andeutungen
(Westpr. 18 ), fast allg.). Das Glück bannt
man auf verschiedene Weise auf seine
Seite: wenn man sich das Geld zum
Spiele borgt (Westpr., Pom., Meckl.,
Sachs. 19 )) oder Wünschelsamen (Schw. 20 )),
Johannisblut (Hildesheim) 21 ), Knaben¬
kraut 22 ), Karfreitagseier 23 ) oder einen
Vierklee 24 ), der ohne Wissen des Priesters
ins Meßbuch gelegt wurde, sowie ein
rotes Kelchtuch, das in der Christnacht
beim Gottesdienst gebraucht wurde
(Tir.) 25 ), bei sich trägt. Besonders glück¬
bringend ist etwas Blut von Hingerich¬
teten 26 ) oder ein Diebsdaumen (West-
bö 26a )). Wenn der Spieler, ohne daß eres
weiß, ein „Knoop' f (früheres dänisches Vier¬
bankschillingstück) in der Tasche hat 27 ),
so gewinnt er. Gewinn bringt es, wenn
man das Herz einer Fledermaus mit
einem roten Faden um den linken Arm
bindet (Tir. 28 ), Wetterau), oder um
den Arm, mit dem man auswirft (Tir. 28 ),
westböhm. Erzg. 28a )) oder unterm Rock
trägt (Westbö. 28b )); wenn man das Herz
einer Eule, den Stein aus dem Rücken ei¬
ner Fledermaus oder den Kopf eines Wie¬
dehopfes bei sich trägt 28c ), oder die linke
Pfote eines Maulwurfes abbeißt und bei
sich trägt (Old.) 29 ) oder ein Spielmänn¬
chen in der Tasche hat (Schles. 30 ));
wenn man den Stuhl umkehrt und mit
der Lehne nach dem Tische zu stellt
(Hamb., Old.) oder auch, falls man un¬
glücklich spielt, den Stuhl etwas verrückt
oder einen andern nimmt 31 ); wenn man
eine Nähnadel, mit welcher der untere
Vorderteil eines Hemdes zugenäht ist,
vor sich in die untere Seite der Tisch¬
platte steckt (Pr.), wenn man jemand,
der einen „guten Blick“ hat, in die Karten
gucken (Old.) 32 ) oder sich von einem
andern den Daumen halten läßt (Brand.,
Old. 33 ), allgemein). Wer mit der Fuge
(des aufklappbaren Spieltisches) in einer
Richtung sitzt, also beim Ausspielen auf
die Ritze haut, pflegt zu gewinnen
(Westpr.) Gewinn bringt es, wenn
man die Karten einzeln vom Tisch nimmt
und sie in der Hand ordnet (Ostpr.) s 5 ),
ebenso wenn man sich vor dem Spiel
an einem Schweinetrog scheuert
(Dithm.) 36 ). Wer anfangs gewinnt, ver¬
liert dann bestimmt und umgekehrt
(Bö., Old.) 37 ). Ist jemand am Weih¬
nachtsabend oder am Karfreitag (an
welchen Tagen man nicht spielen soll,
siehe oben 4) im K. glücklich, so hat er
auch im (folgenden) Jahre stets Glück
(Schles.) 38 ). Eine Glückshand kann
man sich verschaffen, wenn man sich
in der Ostemacht von 11—12 Uhr auf
einen Kreuzweg, der zugleich Toten weg
ist, hinlegt und dort trotz aller lächer¬
lichen und schrecklichen Erscheinungen
weder lacht noch weint, weder betet
noch eine Silbe spricht. Da kommt der
Teufel in Gestalt eines Jägers, nimmt den
Liegenden bei der Hand und verleiht
ihm Gewinn bei jedem K. (Tir.) 39 ).
Man kann sich auch die Karten von einer
alten Frau besprechen lassen (Westpr.) 40 ).
Manche Leute verstehen das „Karten¬
färben“, d. h. sie können nach Belieben
die eigenen oder die Karten der Gegner
zu ihrem Vorteil „umfärben“ (machen.
ioi9
Kartenspiel
1020
daß sie jedesmal die Hand voll Trümpfe
bekommen) 41 ). Damit aus einem Kinde
ein tüchtiger K.er werde, wurden dem
Kinde früher bei der Taufe Karten in
die Windeln gesteckt 42 ). Um allzu großem
Gewinn zu steuern (was man in der Regel
als etwas Unheimliches ansieht), soll
man dem Gewinnenden drei Kreuze
machen (Westpr.) 43 ). Auch soll man nicht
mit dem Spiele, das zum Auslosen der
Plätze gebraucht wurde, zuerst Karten
geben 43 ). Man ruft auch den hl. Nepo¬
muk an (und andere seltsame Heilige) 433 ).
17 ) Strackerjan a. a. O. 2, 237 Nr. 499.
18 ) Urquell 5 (1894), 259. 19 ) Ebd. 1 (1890), 64;
5, 258; Meyer Aberglaube 228 — Grimm MythA
3, 436 Nr. 51—52- 2Q ) Wuttke 98 § 123 = 409
§436. 21 ) Ebd. 104 § 134 = Seifart Sagen aus
Hildesheim 2, 134; W. 410 § 636. 22 ) W. 108
§ 140 = Köhler 377; Wuttke 410 § 636. 23 ) W.
74 § 87 = 409 § 636. 24 ) Ebd. 102 § 130;
410 § 636; Fogel Pennsylvania 80 Nr. 287.
a ) Quitzmann 247 = Panzer Beitr. 2, 553;
Zingerle Tirol Nr. 531. 731. 893. 28 ) Wuttke
137 § 189 == 410 §636. 26a ) John Westböhmen
285. 27 ) ZdVfVk. 20 (1910), 382. 28 ) ZföVk. 2
(1896), 157. 28a ) Erzg.-Ztg. 23 (1902), 236 u.
28 (1907), 255. 28b ) John Westböhmen 252.
28c ) Grimm Myth* 3, 442 Nr. 251. 2 *) Urquell
1 (1890), 64. ^ Kühnau Sagen 2, 4. 31 ) Urquell
1, 64. 3 *j Wuttke 410 §636; Seligmann
Blick 1, 247; Strackerjan 1, 113. 33 ) Strak-
kerjan a. a. O.; Meyer Aberglaube 228 = häm¬
mert 216. Vgl. Plinius hist. nat. 38, 2, 5. ^Ur¬
quell 5 (1S94), 258 t.; in einigen Gegenden gilt
auch das Entgegengesetzte. 35 ) Ebd. 1, 64.
36 ) ZfVk. 20, 382; vgl. für Westpreußen Ur¬
quell 5, 260. 37 ) Wuttke 223 § 317; eine
Schweizer Redensart sagt: ,,Verlust beim ersten
Spiel bringt später Glück" (SchwVk. 4, 47).
M ) Drechsler 1, 30. 3d ) Wuttke 263 §384
= Zingerle Tirol 97. 125; vgl. Alpenburg
Tirol 253. 40 ) Urquell 5, 260. 41 ) Reiser
Allgäu 1, 221. 42 ) Hüser Beiträge 2, 23. 43 )
Urquell 5 (1894), 259. 43a ) Urquell 5 (1894),
258.
6 . Unglück im Spiel. Beim K.en links
herumgeben, ändert das Glück (Westpr.,
Sachs.) 44 ). Unglück bringt ferner das
Sitzen unter dem Balken (Schlesw.) 45 ),
Essen von schwarzem Brot während des
Spielens 48 ), vorheriges Ansehen der Karten
(Westpr.); dem Kartengeber, wenn es
beim Abheben „gekleckert“ hat, d. h.
wenn die Karten in mehreren Häufchen
oder weit auseinander fallen (Westpr.) 47 ).
Nachteil bringt es ferner, wenn jemand,
der ein „schlechtes Auge“ hat, in die
Karten schaut 49 ). Auch soll ein Spieler
dem Mond nie den Rücken zukehren 48a ).
44 ) Urquell 5, 259. 45 ) ZfVk. 2o ; 382. 48 ) Ur¬
quell 4, 274. 4T ) Ebd. 5, 259. 4e ) Strackerjan
U 113-
48a
) Meyer Aberglaube 227.
7. Viele Sagen erzählen von k.en¬
den Geistern 49 ) — vielfach sind es im
Leben Spieler und Säufer oder Betrüger
(im K.) gewesen — vom wilden
Jäger 50 ), der selbst die Karten austeilt,
von Kobolden 51 ), die mit Wohlgefallen
dem K. Zusehen.
4 9 Quitzmann 15 = Panzer Beitr. 2,
Nr. 175; Vernaleken Mythen 56h Nr. 29;
Wolf Beitr. 2, 121; Heyl Tirol 594 Nr. 54;
Kühnau Sagen 1, 501; Bartsch Mecklen¬
burg j, 433h; Scliönwerth Obsrpfalz 3, 122;
Correvon Gespenstergesch, 15. 50 ) Wolf a.
a. O. = Kuhn u. Schwartz 58 t. Nr. 63.
61 ) Kühnau a. a. O. 2, 234 = Vernaleken
a. a. O. 58 f.; nach dänischem Volksgl. unter¬
halten sich die Nisse mit K. (ZfVk. 8, 5).
Kartenspiel im Nobiskrug: Kuhnu. Schwartz
131 f. 484.
8. Sehr groß ist die Zahl der Sagen, in
denen sich der Teufel den K.ern
zugesellt 52 ). Die eigene Lust am Spiel
oder aber das Fluchen der Spieler zieht
ihn an. Gerne beteüigt er sich, wenn
des Sonntags (bes. während des Gottes¬
dienstes), an heiligen Festtagen oder
gar in der Kirche gespielt wird. Er er¬
scheint plötzlich, ohne daß die Tür sich
öffnet (und verschwindet ebenso wieder) 53 ),
als Fremder im Mantel 54 ), am häufigsten
als Jäger oder Mann im grünen 55 ) oder
blauen 56 ) Rock und schaut dem Spiel
bloß zu 57 ) oder nimmt daran teil. Nach
Oldenburger Glauben sitzt er beim K.
unter dem Tisch und steht mit Schwanz
und Pferdefuß hinter dem, der flucht 58 ).
Meist wird er beim Herabfallen einer
Karte erkannt an seinem Pferde-, Hühner¬
oder Krähenfuß 59 ). Bekommt er die Kreuz-
As, so flucht er schrecklich und wirft sie
unter Gotteslästerungen unter den Tisch
(Kämt.) 60 ). Häufig entweicht er von
selbst, nachdem er sich zu erkennen ge¬
geben hat 61 ) oder die Leute laufen davon,
während er sich mit dem Gelde aus dem
Staube macht 62 ), oder er muß durch
einen Vers aus dem Gesangbuch, die
Nennung des Namens Christi oder gar
durch die Beschwörung des Pfarrers oder
Kapuziners vertrieben werden 63 ). Oft
1021
Kartenspiel
1022
t.
verleidet er den Spielern, ohne ihnen
weiter zu schaden, das K. für immer 64 ),
manchmal entgehen sie ihm nur mit
Mühe und Not 65 ), oder sie sterben vor
Schreck 66 ). Hie und da nimmt er auch
einen Spieler, gewöhnlich den, der nicht
aufhören will oder einen, der besonders
stark flucht, mit sich in die Hölle 67 ),
zerschmettert ihn an der Wand, dreht
ihm das Genick um 68 ) usw. Letzteres
Schicksal bereitet er besonders den Spie¬
lern, die in ihrer Leidenschaft in der
Kirche spielen. In einer Tiroler Sage
erscheint er einmal halb als Mensch,
halb als Bock 69 ), eine Lausitzer Sage
weiß zu berichten, daß er einmal aus
Ärger über sein ständiges Verlieren die
letzte Karte in einen Stein drückte 70 ).
62 ) Quitzmann 15 = Schönwerth Ober-
Pfalz 2, 175. 402; 3, 27. I4iff.; Wolf Beitr.
1, 121; Heyl Tirol 799 Nr. 240; Kuhn West¬
falen 1. 322 Nr. 266; Gand er Niederlausitz
15 Nr. 53, 143. M ) Schell Bergische Sagen
159 Nr. 47. 54 ) Bartsch Mecklenburg 1, 434
Nr. 1. 437 f. 55 ) Kühnau Sagen 2, 609 =
Riesengebirge in Wort und Bild, Heft 27/28
(1890), 63; Bartsch 1, 436 Nr. 5. 7; Gräber
Kärnten 4 288 f. Nr. 392. 66 ) Bartsch 1, 435.
* 7 ) Ebd. 1, 435. 438 f. 5S ) Strackerjan 1, 330
Nr. 200. 63 ) Bartsch 1, 434 = Müllenhoff
Sagen 148 Nr. 204; 363 Nr. 351; Meie he Sagen
474 Nr. 615. 40 ) Gräber a. a. O. 61 ) Schell
a. a. O. 220 Nr. 189; 293 Nr. 3. Ä2 ) Müllenhoff
263 Nr. 351. c3 ) Bartsch 1, 435 Nr. 4; 1, 436
Nr. 7. #4 ) Ebd. 1, 438 t.; Schell a. a. O.
202 Nr. 151; 57 Nr. 92. 6Ö ) Kühnau Sagen
2, 622 f.; Müllenhoff a. a. O. 148 t. Nr. 204.
* c ) Schell a. a. O. 17 Nr. 6. 4r ) Bartsch
1» 437 h 439 f.; Ranke Sagen 261 (*267) =
Schambach u. Müller 160 Nr. 174; Meiche
Sagen 464 Nr. 602. 6i ) Müllenhoff a. a. O.
148 ff. Nr. 204. 69 ) Heyl Tirol 100 Nr. 63.
70 ) Kühnau a. a. O. 2, 616 = Haupt Lausitz
^ I, 92. Weitere Belege f. d. Zusammenhang
J zwischen K. und Teufel: Eckart Südhannover.
Sagen 157; Schmitz Eifel 2, 64; Nider-
* berger Unterwalden 2, 104 f.; Sommer Sagen
56 Nr. 48; Bindewald Sagenbuch 86.
9. Auch durch andere unheimliche
4 *. Erscheinungen werden K.er in ihrem
< Vergnügen gestört; durch eine schwarze
Frau 71 ) oder eine (unbeschreibbare)
', unheimliche Gestalt 72 ); sie werden für
; ihr Vergehen auch auf andere Weise be¬
straft 73 ), in Stein verwandelt 74 ), von
einer einstürzenden Höhle erschlagen 75 ).
In ganz seltenen Fällen bleibt das K.
am Sonntag ohne böse Folgen 76 ). Leiden¬
1
schaftliche Spieler werden durch eine
Eidechse, die mit Karten im Maul plötz¬
lich erscheint, geheilt 763 ).
71 ) Schell a. a. O. 163 Nr. 59. 72 ) Bartsch
a. a. O. 1, 437. 73 ) Reusch Samland Nr. 81.
74 ) Vernaleken Alpensagen 273 f.; Gräber
a. a. O. 254 Nr. 346. 75 ) Heyl Tirol 653 Nr. 124.
76 ) Kühnau Sagen 1, 521. 7 ® a ) Vernaleken
Mythen 259 f. Nr. 181.
10. Sonstiger Aberglaube mit
Spielkarten. Wenn man einen neuen
Stall baut, so soll man von einem Spiel
Karten eine Anzahl von jeder Farbe ein¬
mauern, damit die Kühe aller Farben im
Stalle gedeihen (Westbö., Bärringen im
Erzgeb.) 77 ). In der Algersdorfer Gegend
(Wemstadt) mauert man beim Bau eines
neuen Stalles nur eine neue Spielkarte un¬
ter der Türschwelle ein (Nordbö. 78 )). Ist
ein Schwein beschrien, so soll man die
Blätter von einer alten Karte inwendig
hin und her im Saustall anzwecken,
damit es ihr besser wird 79 ). Mit Karten
kann man auch wahrsagen, wenn man
ein K. in einer „geraden“ Stunde in
einem Kreuzweg vergräbt und die drei
höchsten Namen dabei sagt und sie,
nachdem sie drei Nächte dort gelegen
haben, erst wieder ausgräbt (Schwz.) ®°).
Im ehern, österr.-Schlesien verfuhr man
folgendermaßen: Man nahm die vier
Damen eines Spieles, legte sie in eine
Reihe und gab jeder Karte den Namen ei¬
ner Person. Hierauf legte man 12 Karten,
darunter den Herzkönig, der Reihe nach
vor die Damen. Die Damen, zu der nun
der Herzkönig kam, wurde nach rechts
gedreht. Welche Dame sich zuerst vier¬
mal gedreht hatte, die war dem durch
den Herzkönig Dargestellten zur Frau
bestimmt 81 ). In Deutschböhmen wird
noch heute der gute oder schlechte Aus¬
gang einer Sache durch Befragen der
Karten erforscht. Kräftig gegen Fraisen
ist das Papier, in welches ein Spiel Karten
eingeschlagen ist. Man verbrennt es und
gibt dem Kinde die Asche ein (Bärin¬
gen) 82 ). Uber Weissagungen durch K.n
vgl. Tylor, Cultur 1, 82.
77 ) Sartori 2, 140 = John Westböhmen
245; Erzg.-Ztg. 21 (1900), 234. 78 ) ZföVk. 6
(1900), 176. 78 ) Seyfarth Sachsen 272 =
Rockenphilosophie 6, cap. 73, 367. ®°) SAVk.
1023
Kartoffel
1024
8, 278 f. 81 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2,
175. 82 ) Erzg.-Ztg. 21 (1900), 80. Herold.
Kartoffel (Solanum tuberosum).
1. Die K., die bekanntlich aus Süd¬
amerika stammt, wird in Deutschland
erst seit der ersten Hälfte des 18. Jh.s in
größerem Maße angebaut. So kommt es
wohl, daß über die K. trotz ihrer weiten
jetzigen Verbeitung und ihrer Bedeutung
als Volksnahrungsmittel im Gegensatz zu
anderen seit langer Zeit bei uns gebauten
Kulturpflanzen (s. Getreide, Rüben, Lein)
verhältnismäßig wenige altertümliche
abergläubische Meinungen bekannt sind.
Sie beziehen sich meist auf das ,,Stecken"
der K., wo dem Mond und besonders
den Zeichen des Tierkreises alle möglichen
„homöopathischen" Einflüsse zugeschrie¬
ben werden. Man darf die K.n nicht
im Neumond stecken x ), auch nicht im
zunehmenden Mond (,,sie wachsen ins
Kraut und setzen keine Knollen an") 2 ).
Die K. darf man nicht stecken im Stein¬
bock, da lassen sie sich nicht weich
sieden 3 ) oder sie werden klein 4 ), nicht
im Krebs, da setzen sie keine Knollen
an, sondern nur Wurzeln 5 ), bekommen
eine kranke („krebsige") Schale 6 ), blei¬
ben klein (weil im Krebs alles „zurück¬
geht") 7 ), werden wurmig und zerfres¬
sen oder werden verkrüppelt 8 ), nicht
im Skorpion ®), nicht im Zeichen der
Fische, da werden sie wässerig und faulen
leicht 10 ); nicht in der Jungfrau, da wer¬
den sie räudig oder blühen das ganze
Jahr 11 ). Günstige Zeichen zum Stecken
sind die Wage 12 ), da wiegen sie schwer 13 ),
die Zwillinge, da sind sie recht ergie¬
big 14 ), Löwe und Widder, „da be¬
kommt man löwenmäßig viel", bzw. „so
viel, daß sie einem beim Einheimsen zu¬
wider (!) werden" 15 ). K.n darf man
nicht am Montag legen, da werden sie
„madig" (etymologischer Aberglaube,
Gleichklang von „Montag" und „ma¬
dig“) 16 ). Am Gründonnerstag (bei Voll¬
mond) gelegte Kartoffeln geraten gut 17 ),
auch am Karsamstag oder überhaupt in
der Karwoche 18 ) soll man K.n stecken 1# ).
Wenn sich beim Pflanzen der K.n große
Wolken am Himmel zeigen, so werden
auch die K.n sehr groß 20 ). Beim K.-
stecken legt man ein rotes Band hin,
damit die K.n Freude haben und mehlig
werden 21 ). Wenn man K.n gelegt hat,
so setze man sich ein wenig an den Rand
des Ackers nieder, damit die K.n mit
ausruhen, dann tragen sie reichlicher 22 ).
Beim K.stecken spricht man: „Wir setzen
drei K.n den Menschen zum Brot, den
Mäusen zum bittem Tod". Die Formel
ist vom Legen der ersten Garbe in die
Scheune übernommen 23 ).
*) Marzeil Bayer. Volksbotanik 101, gerade
umgekehrt: Fogel Pennsylvania 200. 2 )
Schüllerus Pflanzen 421, ebenso in Estland
und Finnland: FFC 31, 3, dagegen im zu¬
nehmenden Mond: Rosegger Steiermark 67:
FL. 25, 278 (Piemont); Fogel Pennsylvania
194) 3 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 100;
Fischer Schwab Wb. z, 771; ZfrwVk. 6, 185.
4 ) Marzeil a. a. O.; Fogel Pennsylvania 202.
ö ) SAVk. 7, 142. 6 ) Bartsch Mecklenburg
z, 203; Frischbier Naturkunde 224. 7 ) Trei¬
chel V, 60. 6 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 99;
Fogel Pennsylvania 203. ZföVk. 13, 19;
Treichel V, 60. lö ) Marzeil Bayer. Volksbotanik
99; Spieß Obererzgebirge 17; ZfVk. 6, 183
(Thüringen). u ) Wartmann St. Gallen 73.
ia ) Eberhardt Landwirtschaft 200. 13 ) Eber¬
hardt Landwirtschaft 200; Wartmann St.
Gallen 73; Fogel Pennsylvania 204. ^Eber¬
hard t Landwirtschaft 200; als schlechtes Zeichen
dagegen, „weil die K.n klein bleiben und häufig
miteinander verwachsen" : Märze 11 Bayer. Volks-
botanik 99. 15 ) Blätter d. Schwäb. Albvereins
12 (1900), 536; vgl. auch Fischer Schwäb-
Wb. z, 774; 5, 1759; Bartsch Mecklenburg
2, 203; Fogel Pennsylvania 201. 16 ) Engelien
u. Lahn 282; ZfVk. 1, 186 — Brandenburg
114; auch bei den Lappen: Qvigstadt Lappi¬
scher Aber gl. 1920, 79. 11 ) Spieß Oberer z-
gebirge 35; John Erzgebirg 224. 18 ) Wilde
Pfalz 117. ld ) Eberhardt Landwirtschaft 200.
20 ) Treichel VI, 35. 21 ) Müller-Fraureuth
1, 297. 22 ) Spieß Obererzgebirge 35. 23 ) Meyer
Baden 423.
2. Eine reiche K.ernte steht bevor,
wenn am Neujahrstag viel Schnee fällt 24 ),
wenn in der Christnacht viel Sterne am
Himmel sind 25 ) oder wenn es viel Mai¬
käfer gibt 26 ). Wenn beim K.legen die
K.n nicht reichen, wird eine schlechte
Ernte 27 ), ebenso wenn es am Grün¬
donnerstag regnet 28 ).
24 ) DVöB. 6, 25. 25 ) John Westböhmen 198.
28 ) Drechsler 2, 198. 27 ) Wirth Beiträge 6/7,
zi. *•) Marzell Bayer. Volksbotanik 106.
3. Die K. als Orakel. Weiße K.-
stauden (Blätter, in denen kein oder
wenig Blattgrün ausgebildet ist) bedeuten
1025
Karwendelkraut—Karwoche
1026
einen Todesfall 29 ), werden diese aber
später wieder grün, so genest der Kran¬
ke 30 ). Träume von K.n deuten auf eine Woh¬
nungsveränderung (Ostpreußen) 31 ). Zu
kräftige und zu reichlich blühende K.pflan¬
zen bringen Unglück 32 ). Wird beim K.legen
eine Reihe übersehen, so stirbt jemand
aus dem Besitztum 33 ). Wenn die K.-
stauden im Herbst stark blühen, so gibt
es einen kalten Winter (Rheinpfalz) 34 ).
**) Marzell Bayer. Volksbotanik 66. 30 ) ZfVk.
1, 184 (Mark Brandenburg), vgl. Bohne, Klee,
Kohl. 31 ) Urquell 1, 203. 32 ) Köhler Voigtland
392. **) Drechsler 2, 58. **) Origin.-Mitt.
von Müller 1909.
4. In der sympathetischen Medizin
wird die K. zum Vertreiben von Warzen
benutzt. Man reibt die Warze mit der
Schnittfläche eines K.Stückes und wirft
es dann an einen Ort, wo weder Sonne
noch Mond hinscheint oder vergräbt es
unter der Dachtraufe 35 ). Warzen werden
mit einer gestohlenen K. gedrückt und
diese einer Leiche mitgegeben 36 ). Die
in der Hosentasche (im „Sack") bei sich
getragene K. schützt vor Rheumatis¬
mus 37 ). An Maria Kräuterweihe (15.
August) soll man K.n holen, dann kann
man neun Krankheiten wegessen 38 ). Eine
K., durch die eine Quecke gewachsen
ist, wird gekocht gegen Bettnässen ver¬
zehrt (Ostpreußen) 3S> ). K.wasser, das
man beim Sieden der Knollen erhält, ist
gut gegen Läuse ").
Ä ) ZfVk. 8, 200 (Westhavelland); Schön¬
werth Oberpfalz 3, 237; Marzell Bayer.
Volksbotanik 161; SAVk. 25, 280 (Clos du
Doubs); Fogel Pennsylvania 317. 38 ) Sey-
farth Sachsen 210. 37 ) ZfVk. 1, 191 (Berlin);
die K. muß gestohlen sein: Marzell Bayer.
Volksbot. 171; ebenso in Frankreich und Belgien
(SchwVk. 2, 78; Rolland Flore pop. 8, 110;
S6biIlot Folk-Lore 3, 489 t.); in England
(Dyer Plants 297; FL. 19, 89), in den Ver¬
einigten Staaten von Amerika (Bergen Animal
and Plant-Lore 100), in Pennsylvanien (Fogel
Pennsylvania zbj. 305. 327; hier auch gegen
Hämorrhoiden), ja sogar auf Haiti (Anthro-
pophyteia 8, 163); vgl. Herbstzeitlose, Kalmus,
Roßkastanie. M ) Fischer Schwäb Wb. 4, 711.
M ) Urquell 3, 15. *°) Ulrich Volksbotanik 40.
5. Verschiedenes. Am Hirsmontag
(Montag nach Invocavit) soll man nicht
K.n aus dem Keller holen, sonst kommen
die Mäuse in die K.behäJter 41 ). Wenn
ein Kind an einem Tag, an dem (gesät
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
wird oder) K.n gesteckt werden, geboren
wird, so wird die Saat keine Frucht
bringen und die K.n werden ungenießbar
werden 42 ). Wer viel K.n ißt, wird dumm 43 ).
Nach einer Schweizer Sage verschmähten
einst die Leute die K.n und erklärten
sie nur als Schweinefutter brauchbar. Da
wurde Gott zornig und wollte die K.n
so wachsen lassen, daß sie wirklich nur
als Schweinefutter tauglich wären. Auf
die Fürbitte der Muttergottes führte
jedoch Gott dieses Vorhaben nicht aus 44 ).
41 ) SAVk. 15, 5. 42 ) Knoop Pflanzenwelt
11, 76. ^ Schulenburg 242. 44 ) Lütolf
Sagen 537, vgl. Roggen. Marzell.
Karwendelkraut s. Quendel.
Karwoche.
1. In der K. hat jeder Tag seine eigen¬
tümliche Bezeichnung x ). Montag und
Dienstag sind von keiner besonderen
Wichtigkeit. Am „krummen Mittwoch"
von 11—12 Uhr mittags wird „die Faste
ausgeläutet" oder „totgeläutet", wobei
in Winterberg eine Katze vom Turm ge¬
worfen und damit „der Faste der Hals
gebrochen" sein soll 2 ). Am Mittwoch hat
sich einst der Verräter Judas erhängt und
zwar, wie die Südtiroler behaupten, an
einer Rebe. Sie hüten sich daher an diesem
Tage die Reben zu beschneiden, weil sie
sonst völlig verderben würden 3 ). Um
Leobschütz findet ein „Judasaustreiben"
statt 4 ). In Appenzell ist Chüechlitag;
dann halten die Schulkinder in der Schul¬
stube ein Kuchen-Mittagsmahl 5 ). In
Ostfriesland ziehen die Kinder die ganze
K. bettelnd und singend von Haus zu
Haus 6 ).
l ) Sartori Sitte 3, 138; ders. Westfalen 152;
ZfrwVk. 18, 34 f.; Namen der K.; Höfler
Ostern 1; K.ngebete: SAVk. 12, 287;
.SchwVk. 4, 29 f. 2 ) Schauerte Sauerl. Volksk.
42. 3 ) Hörmann Volksleben 54. 4 ) Sartori
3, 139 A. 4. 5 ) Vernaleken Alpensagen 369.
®) Sartori 3, 160 A. 65.
2. Manche Verbote betreffen die ganze
K.: Man soll nicht Dünger fahren 7 ),
kein Vieh kastrieren 8 ), keine Erbsen
kochen 9 ), keinen Knoblauch setzen 10 ).
Wenn der Bruthenne Eier untergelegt
werden, muß einer aus der Familie des
Hauses sterben n ). Ein in der K. ge¬
kauftes Kleidungsstück bringt seinem
33
1027
Karwoche
1028
Träger Unglück 12 ). Wessen Bett frisch
bezogen oder verstellt wird, der bleibt
ein ganzes Jahr krank 13 ). Weber,
Schmiede und Zimmerleute müssen in
der K. feiern 14 ). Man soll nicht bläuein,
denn so weit der Bläuel gehört wird,
schlägt im Sommer der Hagel I5 ). Vor
allem soll man nicht waschen, sonst stirbt
jemand im Hause 16 ), namentlich der, der
in einem zu dieser Zeit gewaschenen
Hemde krank wird 17 ), oder den Kindern
schwären die Finger 18 ), es entsteht Krank¬
heit * 9 ), es hagelt *). Nur Hexen waschen
in dieser Woche 21 ). So viel Fuder Mist
aus dem Dorfe gefahren werden, so viel
Leichen werden in dem Jahre aus dem
Dorfe getragen 22 ). Wer in der K. einen
falschen Schwur tut, dem wächst nach
seinem Tode die Zunge aus dem Grabe
als Domstrauch 23 ). In Gebweiler durften
die Frauen in der K. nie ohne Schürze
das Haus verlassen 24 ). Im Erzgebirge
darf man nicht taufen 25 ).
7 ) Wuttke 417 (650); Kuhn u. Schwartz
374 (21). 8 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20.
*) Ebda. 10 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 286.
n ) Sebillot Folk-Lore 3, 228. 12 ) John Erzgeb.
193. 13 ) Ebd. 14 )‘ Strackerjan 2, 70.
15 ) Schullerus Siebenbürgisch-sächsische Volksk.
143. M ) Witzschel Thür . 2, 196 (26); Höhn
Tod 314; SchwVk. 4, 12. 17 ) Mitt. Anhalt.
Gesch. 14, 19 f. lö ) Schulenburg Wend.
Volkst . 142. 1# ) Knoop Posen 327. 2U ) Halt-
rieh Siebenb. Sachsen 286. 21 ) Kapff Fest-
gebr. 14. 22 ) Witzschel Thür. 2, 196 {28).
23 ) ZfVk. 4, 303 (Ungarn). 24 ) Sartori 3, 144
A. 2. 25 ) Wuttke 387 (589).
3. Dagegen soll man vor Sonnenaufgang
die Bäume im Garten schütteln, dann
setzen sich keine Raupen an 26 ). Auch
soll man Kartoffeln legen 27 ). Der große
Putz in den Kartagen gilt im Kinzigtal
als ein Mittel, das Ungeziefer zu vertreiben;
man kehrt aber die Treppe hinauf statt,
wie gewöhnlich, hinunter, die Stube von
der Tür weg anstatt auf sie zu 28 ). In
der Eifel sagt man „Kuörwoch — Schuör-
woch", weil die Pflugschar nun in volle
Tätigkeit gesetzt werden soll 29 ). Samen
von Blumen, denen man mannigfache
Farbentöne wünscht, säet man in der
K. 3 °). Anderswo wieder darf man nichts
säen, da es nicht aufgeht 31 ). Ein in der
Marterwoche abgebrochener Senker läßt
den Blumenstock eingehen 32 ). Gicht¬
ringe soll man in der K. schmieden 33 ).
2a ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 20. 27 ) Sar¬
tori Westfalen 115. 28 ) Hmtl. 14, 98. 29 ) Wrede
Eifeier Volksk. 212; Fontaine Luxemb. 36.
30 ) Meyer Baden 423. 31 ) Eberhardt Land-
wirtsch. 2 (Cannstadt). 32 ) John Erzgeb. 244.
33 ) Seyfarth Sachsen 268.
4. In der K. herrscht gewöhnlich, ihrer
Stimmung entsprechend, schlechtes Wet¬
ter 34 ). Sie ist vorbedeutend für Un¬
glück 35 ). Alle in ihr Geborenen gelten
als Todes- und Leidenskinder 36 ), selbst
die Gänschen dürfen nicht auskommen,
weil sie nicht geraten würden 37 ). Wer
in ihr stirbt, erleidet auf dem Wege in
den Himmel alle Schmerzen, die Christus
in dieser Woche erlitt, und muß auch an
jedem Passe die Maut zahlen. In dieser
Zeit ist die Himmelstür verschlossen, und
nur das Höllentor bleibt offen (Romänen
im Harbachtale) 38 ). Doch wünscht bei
den Bewohnern der böhmisch-sächsischen
Grenze eine Mutter, deren Säugling in
der K. lebensgefährlich erkrankt, daß
Gott ihn noch vor Ostern zu sich nehme,
damit er mit den Engelchören das Auf¬
erstehungsfest feiere 39 ). Ein in der K.
offenes Grab hält Blitzschlag vom Orte
fern 40 ).
34 ) Wrede Eifeier Volksk. 212; ZfrwVk.
3, 148. 35 ) Köhler Voigtland 371. 36 ) John
Erzgeb. 50. 37 ) Globus 72, 333 (Lausitz).
38 ) ZfVk. 22, 159. 39 ) Reinsberg Böhmen 117.
40 ) John Erzgeb . 194.
5. Die ganze K. hindurch tobt das
wilde Heer, die Herodesjagd 41 ), der
Bonenjäger 42 ). Der Teufel tanzt „op
Stöllpen“ oder geht ,,op Stelzen“ 43 ). In
Schweden fahren die Ovaettir 44 ). Die
Haselschlange kommt aus den Tiefen der
Erde hervor, um zwischen den Wurzeln
des Haselstrauches ihre Eier zu legen.
Haselruten, die man in der K. schneidet,
schützen Gebäude und Zelte vor dem
Blitz 45 ). Ein Schatz zeigt sich als gol¬
denes Kalb 46 ). Wer viele böse Gedanken
gehabt hat, der macht mit geweihter
Kreide am ersten Abend der K. ein
Kreuz unter sein Bett, damit ihn nicht
nächtlicherweile der Teufel heimsüche,
der um diese Zeit gern die Menschen
besucht und ihnen seinen Beistand an¬
bietet 47 ).
1029
Käse
1030
41 ) Sartori Westfalen 153. 42 ) Ebd. 62.
43 ) Ebd. 153. 44 ) Meyer German. Myth. 141.
45 ) Wlislocki Volksglaube 146. 4e ) SAVk.
25, 290. 47 ) ZfVk. 4, 393 (Ungarn).
6 . In einigen Orten wird in der K. der
Osterochse (s. d.) zur Schau durch die
Straßen geführt 48 ). Die Eier der letzten
Tage der K. muß in Steinbach die ganze
Familie essen 49 ).
48 ) Sartori 3, 156 A. 46. 49 ) Meyer Baden
4 11 - Sartori.
Käse.
1. Geschichtliches. 2. K. als Kraftspeise.
3. K. als Apotropaion. 4. K. und Brot als
Speise der Unsterblichkeit. 5. K.ordal und
K. im Diebeszauber. 6. K.weihe. 7. K.
und Vegetationsdämonen. 8. Kobolde und
k.nde Gespenster. 9. K. und Brot als Gottes¬
speise. 10. Bestrafung der K.frevler. 11.
Hexendrachen und K. 12. Hexen stören das
K.geschäft, dazu Gegenzauber. 13. K. und
kosmische Erscheinungen im Volkswitz. 14.
K. als Opfer. 15. Quellopfer. 16. Vegetations¬
opfer. 17. Ernteritus. 18. Totenopfer. 19.
Sonstige Opfer: Schicksalsfrauen und Percht,
Votivgaben usw. 20. K.spenden und -abgaben.
21. K.feste und K.essen. 22. K. und Fasten¬
zeit. 23. K.augurium. 24. Zauber mit K.
25. K. und Verlobung. 26. K. und Hochzeit.
27. Geburt, Taufe und Wochenbett. 28. Allerlei
Aberglaube und Redensarten. 29. K. im Heil¬
zauber. 30. K. in der Volksmedizin.
1. Die Bereitung des wässerigen Weißk.
ist auch im Norden Europas sehr früh
bekannt, bevor die feinere Technik des
f eformten K. aus dem Süden eindrang x ).
Iber die germanischen Verhältnisse schei¬
nen sich die Angaben bei Cäsar und
Plinius zunächst zu widersprechen: Cäsar
berichtet: maiorque pars eorum victus in
lacte, caseo, carne consistit 2 ). Plinius
spricht den Barbaren überhaupt die
Kenntnis der Käsebereitung ab 3 ): Mirum
barbaras gentes, quae lacte vivant, igno-
rare aut spernere tot saeculis casei dotem,
densantes id aloqui in acorem iucundum
et pingue butyrum: spuma id est lactis,
concretiorque quam quod serum vocatur.
Cäsar meint den wässerigen Quarkkäse,
wie er heute noch bei den Bauern bevor¬
zugt wird, Plinius aber den technisch
feineren Formkäse der Südländer; aus
dem Süden kam ja auch das Lehnwort
Käse zu caseus, als die Germanen diese
feinere Art der Bereitung kennenlemten;
die romanischen Sprachen übernahmen
das vulgärlateinische formatium (ahd.
formizzi), belegt z. B. bei Columella 4 ),
nach der Form, in die man den K. preßte 5 ).
Am genauesten drückt sich Tacitus aus 6 ):
cibi simplices: agrestia poma, recens fera
aut lac concretum, eine Art Quarkkäse
aus der gestockten Milch primitiv ge¬
wonnen, die als Getränk der Skythen 7 )
und des Polyphem 8 ) erwähnt wird. Uber
die Völker zwischen Rhein und Elbe sagt
Strabo: TpocpT) 0 ebrö xtov ÖpeppaTtuv 77
irXetVci], xaftarsp tote vopaat 9 ). Über die
nordischen K.arten siehe Areander 10 ),
über die deutschen allgemein Heyne u ),
Fuße 12 ), Schmeller 13 ) und Schräder 14 ),
für die Schweiz das Id. 15 ). Für die aus¬
schließlich Milchwirtschaft treibenden Völ¬
ker ist K. wichtiger als Brot, das zeigen
die Schweizer Redensarten 16 ); von den
Eidgenossen wird betont: K. und Ziger
war ihre Spis 17 ), mit K. und Brot zogen
sie in den Krieg; eine Stelle zwischen
Bern und Laupen, wo sie Rast hielten,
heißt noch heute ,,K.- und Brot-Hübeli“ 18 ).
Der Erzbischof Olaf Magnus rühmt 1555
die Größe und Güte der K. in Schweden
und Finnland 19 ).
q Ebert Realiex. 6, 233; Schräder Realiex}
1, 560; Fischer Altertumsk. 55; Heyne Nah¬
rungsmittel 316 ff. 2 ) De hello Gallico 6, 22;
Hoops Reallex. 3, 17 ft.; Müllenhoff Alter¬
tumskunde 4, 347 ff.; über die ganze Frage:
E. P. Herdi Die Herstellung und Verwertung
von Käse im griechisch-römischen Altertum. Diss.
Bern 1918, 2—6. 44 ff. (zitiert: Herdi Käse).
3 ) Hist. nat. ii, 239;M a r t i n y Kirneu. Girbe 1895,
12. 4 ) Columella 7, 8, 3; Herdi Käse 34—36.
44. 6 ) Pauly-Wissowa io, 1489—1496; Herdi
Käse 34: prov. fourmo. e ) Germania cap. 23;
Herdi 1 . c. 6. 7 ) Herdi 14. 8 ) Homer Odyssee 9,
216 ff.; Herdi I. c. 20. 27. 9 ) 291 (2, 399, 21).
10 ) O. Ar eander Die altertümliche Milchwirtschaft
in Nordschweden. Stockholm 1911. n ) Hausalter¬
tümer 2, 315 ff. 12 ) Hoops 1 . c. 13 ) Bayr. Wb. 1,
1298 ff.; vgl. Schramek Bömerwald 322.
14 ) 1 - c. 559 ff. 16 ) Schweizld. 3, 502 ff. 506 ff.
508 ff.; vgl. Zedier Universallex. 15, 49 ff.;
über die K.bereitung: Schweizld. 1 . c. 510 ff.
1B ) Schweizld. 1 . c. 17 ) ebd. 3, 503. 18 ) 1. c. 504.
1B ) O. Magnus Historia de gentibus septentrio -
nalibus. Rom 1555, 466 ff. cap. 46.
2. K. als Kraftspeise. In der Antike
aßen die Athleten K. wegen der großen
Nährkraft 3 °). In einem alten Schwank,
der schon 1705 in den Physica des Neander
aufgezeichnet wurde, steht die später oft
I03i
Käse
1032
variierte Geschichte von dem Greis, der
seinen Großvater hat fallen lassen; der
Fürst, der auf der Jagd zu diesem Haus
der Uralten kommt, frägt nach der Speise,
durch die sie so alt geworden seien; diese
besteht aus K., Milch und gesalzenem
Brot 21 ). Nicht immer war diese Meinung
von der Kraft und Gesundheit spendenden
Eigenschaften des K. herrschend; im
Frühmittelalter, besonders im Kloster
(das mag mit der Enthaltung von K. in
der Fastenzeit Zusammenhängen, vgl.
auch § 30), galt der K. als ungesund, man
genoß ihn nur mit Zugabe von Gewürz
oder Honig; so im liber viventium von
Pfäfers 22 ): c. recentum in mel intingere
bonum est; das empfiehlt schon Ekkehart
in seinen benedictiones ad mensas 23 ):
Hunc caseum dextra signet deus intus
et extra.
Parturiat nullos lactis pressura lapillos.
Mel, piper et vinum lac dant minus esse
noci vum.
Lactis pressuram crux melle premat
nocituram.
Optime sumetur caseus, si melle . . .
detur.-
*°) Herdi 1 . c. 62—66; Pausanias 6, 7,
10; Herdi Käse 41; Pauly-Wissowa 11,
1495. 21 ) Rochholz Glaube 1, 193. 22 ) Mitt.
d. antiquar. Ges. Zürich 3, 120. 23 ) 1 . c. m
vers 139 ff.
3. K. als Apotropaion: Wie Brot
(vgl. §§ 20 ff.) als Kraftspender und
Hauptnahrung, ferner entsprechend seiner
Bedeutung im Kult, Gesundheit und
Segen spendet und vor Unheil und allem
bösen Antun schützt, so auch aus den¬
selben Gründen der Käse: Wie man
nach dem Journal bei Gernsbach im
Speyerischen beim Wickeln des Kindes
ein wenig Brot und Salz einwindelte 24 ),
so berichtet Runge zum Volksglauben
im Emmental: Wenn man dem Tauf¬
kind vor dem Gang zur Kirche ein
Stückchen Brot und K. einbindet, so
leidet es in seinem Leben keinen Mangel
und hat stets zu essen Dieser Brauch
hat natürlich mit einem Dämonenopfer
nichts zu tun, wie es Höfler vermutet 26 ).
Bei Jr. Gotthelf lesen wir: Als man
das Kind zur Taufe fäschete, band Anne
Bäbi ein dünnes Scheibchen Brot und
einen dito K. ein und sagte: He nun
so denn, su wirst öppen so Gottei nie
Mangel lide, sondern gäng öppen g'nueg
z’essen han 27 ). Damit die Kinder nicht
beschrien werden, hängt man ihnen
schwarzen Kümmel, K. und ein Stückchen
Brot um den Hals 28 ).
In England legt man gegen den bösen
Blick Brotkrumen unter das Kopf¬
kissen (vgl. Brosamen) und hängt sich
Brot und K. um den Hals 29 ). Wenn
in Northumberland ein Kind zur Taufe
getragen wird, beschenkt die Wärterin,
die den Zug anführt, die erste ihr be¬
gegnende Person (vgl. Angang 1, 420 ff.)
mit Brot, Käse, Ei und Salz 30 ); in den
drei beiden letzten Fällen ist die apotro-
päische Absicht ganz klar. Auf den
Hebriden machte man am 1. 5. einen
Käse, welcher bis zum nächsten 1. 5.
als eine Art von Zaubermittel gegen
Milchzauber aufbewahrt wurde 31 ) (kraft-
und segenbringende Festspeise). Wenn
man im Pandschab ein Pferd für ver¬
hext hält, wendet man folgenden Zauber
an, um das festzustellen: man mißt das
Pferd von den Ohren bis zur Schwanz¬
spitze mit einem Baumwollfaden, den
man um ein Kügelchen aus K.teig
rollt und ins Feuer wirft. Brennt der
Faden, bevor der Teig gekocht ist, so
ist das ein sicheres Zeichen, daß ein
böser Blick auf das Pferd geworfen
wurde 32 ).
In Bern-Wählern war es bis vor kurzem
Sitte, in der Kirche beständig K. und
Brot auf der Kanzel zu haben; daran
hängt, wie man meint, Wohl und Glück
der Gemeinde 33 ). In das Gebiet der
Magie gehört eine Geschichte in der
Kosmographie von Qazwini: Inmitten
des Berges Ulustän im Lande Rum be¬
findet sich ein kreisförmiger Engpaß;
wer diesen passiert, indem er am Anfang
hinein und am Ende wieder heraus¬
kommt und dabei Brot und Käse ißt,
dem schadet der Biß des tollen Hundes
nicht; beißt der tolle Hund einen andern
Menschen, so braucht er nur zwischen
den beiden Füßen dessen, der durch das
Passieren des Engpasses und das Essen
von Brot und K. bißfest geworden ist.
I0 33
Käse
1034
durchzukriechen, um ungeschädigt davon¬
zukommen M ). Ist das eine Vermischung
des Brot- und Käseordals (vgl. § 5)
mit dem Ritus des Durchkriechens?
24 ) Grimm Mythol. 3, 453, 564, vgl. 570.
2i ) ZfdMythol. 4, 2 Nr. 23; Mannhardt Germ.
Mythen 634; Rochholz Naturmythen 254;
ZföVk. 15, 89; vgl. Hillner Siebenbürgen 38
A. 136. ,e ) ZföVk. 1 . c. 27 ) Schweizld. 3, 505.
25 ) Seligmann Blick 2, 97, vgl. 38. **) Ders.
2, 94 - 3j ) ZföVk. 1 . c. 89. 31 ) Frazer 10, 154.
32 ) Seligmann 1 . c. 1, 266. M ) Schweizld. 3,
503. **) Jacoby im ARw. 13, 531 ff.
4. Käse und Brot als Speise der
Unsterblichkeit (s. Milch): Perpetua
erlebt im Traume die Paradiesherrlichkeit
und empfängt von Christus einen Bissen
K. 34a ). Epiphanius 35 ) und Augustinus 36 )
erzählen von einer Sekte der altchrist¬
lichen Kirche, die Brot und K. als Abend¬
mahlselemente betrachtete, man nannte
sie Artotyriten 37 ). Diese Sekte war
besonders in Galatien verbreitet 38 ). Wie
Milch (vgl. Milch und Blut im Artikel Milch)
ist K. die Speise der Unsterblichkeit,
Christus selbst ist die himmlische Milch 39 );
K. aber ist festgewordene Milch wie es im
Paedagogus des Clemens von Alexandria
heißt 40 ): xal 6 xupociaXaxxo; eaxt 73 m (dk%
irsirrflö?; das betont auch Tertullian 41 ):
nam ex coagulo in caseo vis est sub-
stantiae, quam medicando constringit,
id est, lactis. So wird K. zur Speise der
Unsterblichkeit. So wird K. zur sakra¬
mentalen Speise; nach Clitarch leben
die persischen Magier von K. und Brot 42 ):
Xa^avov Tpooij, xupo; xe xal apxo* euxsXifc.
Nach Plinius lebte Zoroaster in der
Wüste von Käse 43 ). In Persien gab
es Mysterien, bei denen Feigenkuchen
und Sauermilch als eine Art Kommunio
genossen wurden 44 ).
34a ) Ichthys 2, 512 ff. 35 ) In der Ketzerbe¬
schreibung bei Migne 41, 1, 879; Jacoby 1 . c.
543; dpTOTupi'roc; oe aüioü; xaXoOatv dr .6 toü
rot; auTüjv p.'jTT7jpi'oi; apxov xai xvpdv.
34 ) Augustinus de haeres. 28: artotyritae sunt,
quibus oblatio eorum hoc nomen dedit; offerunt
enim panem et caseum, dicentes a primis homini-
bus (Moses 1, 4, 3 und 4) oblationes de fructibus
terrae et ovium fuisse celebratas. 37 ) Krauss
Realenzyklopaedie 1, 95. 3S ) Jacoby 1 . c. 543ff.
Clemens Paedag. bei Jacoby 1 . c. 554.
40 ) Jacoby 552. 41 ) De carne Christi 19 ed.
Semler 3, 386; Jacoby 1 . c. 555. **) Bei
Diogenes Laertius ed. Cobet 2; Jacoby
1 . c. 556. 43 ) Hist. nat. n, 242 (2, 362, 7 ff.
Mayhoff): tradunt Zoroaster in desertis caseo
vixisse annis 30 ita temperato, ut vetustatem non
sentiret. u ) Plutarch Vitae parall. ed Sintenis
1 (Artaxerxes) 5, 106.
5. Brot- und Käseordal 45 ) (vgl.
Brot § 36 und Bissen): Seit der Papyrus
magica Londinensis 46 46 ) veröffentlicht
ist, wissen wir, daß die Probe mit Brot
und Käse schon im 5. Jahrhundert in
Ägypten bekannt war: Auf Ziegenk. und
Weizenbrot schreibt man 47 ): ‘Epjrijv, as
xaXa j Ösov dildvaxov.. . . 7tapa8oc cpmp’ ov
£73tui. Nach einem andern Rezept soll man
auf Ziegenkäse schreiben: Siaroxa Tatu,
cpcoS'-popi irapdSoc <pu>pov 8v £73x0) * 0 i
xtc auxujv jxt] xaxairtTQ xo SoDsv auxtp, auxox
Icmv 6 xXs'}ou. Ausläufer dieser helleni¬
stischen Magie finden wir in byzantinischer
Zeit unter den von Vassiliev herausgegebe¬
nen Anecdota: efc xXettttjv Aaß<Lv apxov
pixpöv xal xopov, Iv xm apxu> psv im^pa^ov
aapatoua, iv ok xq> xupu aapa'pa 7 )X, xal 80c
cpa^eTv xou; uirouxac v^axei;* xal eohscuc o
amoc 6n:o7:vi-pqa3Tai xal ic auxoo “('vuxjDiq-
dstai 48 ). Hermes, der Gott der Diebe im
hom. Hymnus, wird zum Entdecker der
Diebe. Daß übrigens auch die Brot probe
allein schon antik war, beweist eine Notiz
in den pseudoakronischen Scholien zu
Horaz epist. 1, 10, 9 49 ): Cum in servis
suspicio furti habetur, ducuntur ad sacer-
dotem, qui crustum panis carmine in-
fectum dat singulis; quod cum haeserit,
manifestum reum furti asserit. Neben
der Tatsache, daß in hellenistisch-heidni¬
schen Kreisen das Brot-Käseordal zur
Entdeckung der Diebe verwandt wurde,
spielt noch die Verwendung von Brot
und K. beim Abendmahl im Christen¬
tum eine Rolle (vgl. §4). Aus diesen
Wurzeln entstand das im mittelalter¬
lichen Recht geübte Ordal. Die Einzel¬
heiten der legalen, im Mittelalter geübten
Probe sind in Brot (§ 36) und Bissen
vorgelegt. Zur Ergänzung muß noch
auf die benedictio panis et casei ad
examinationem furti im St. Florianer
Rituale hingewiesen werden ®°). Viele
Reste dieser gesetzlichen Institution haben
wir noch im deutschen Volksglauben:
In Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst,
Unglaubens und der Zauberei, geschrieben
1035
Käse
1036
1455 > steht 61 ): mer vind man lewt die
ainen Käs segnent und mainent, wer
schuldig sei an dem diebstal der müg
des käs nit essen, wiewol darein etlich
saiffen für käs geben wird, noch ist es
sünd.
Grimm glaubt, daß die im Mittelalter
berühmten Kieuzk. als geweihte K.
angesehen wurden 62 ); mit Recht weist
Jacoby daraufhin, daß das Kreuz hier
eine Fabrikmarke war 63 ); diese K.
stammten aus den Schwaigen (Vieh¬
höfen) 54 ) des Klosters zum heiligen
Kreuz in Donauwörth; diese waren mit
einem Kreuz bezeichnet und standen
in hohem Ruf 55 ). Die Edikte, die gegen
diese K. erlassen wurden, wenden sich
alle gegen die Fabrikation der K. durch
andere Klöster; denn das Kloster zum
heiligen Kreuz hatte sich eine Art Monopol
gesichert 56 ). Ein von Kaiser Sigismund
1430 ausgestelltes Privileg sagt: . . . das
niemands uf einigem Swaihoff wo die
gelegen sein, kes machen sulle gezeichet
mit dem Zeichen des heyligen Kreuz
dann allein in den Swaihofen zu seinem
kloster gehörenden 57 ). Ein Privileg
handelt de caseis cruce non signandis,
ausgestellt von dem Herzog Heinrich
1448 68 ). Anhom berichtet in seiner Ma-
giologia 59 ): Eine lächerliche Weise einen
Dieben zu erfahren war jenne / da einem
Würt / von etlichen / die er des Nachts
beherberget / etwas gestolen worden /
. . . . der Würt .... gab einem jeden
ein Stuck käs zu essen / und sagt: welcher
unschuldig / dem widerfahre nichts /
wer aber den Diebstall begangen / dem
reisse dieses Stuck Käs den Bauch auf.
Als sie nun den Käs genommen / hat einer
von der Gesellschaft nicht daran ge¬
wollt / sondern ein Stuck Käs zu essen
hinderhalten / weil er seines Bauches
geförchtet. Deswegen ihn der Würt
herzhaft angeredet und gesagt: Du bist
der Dieb gib mir den Diebstall wieder /
oder ich will anderst mit dir verfahren.
Noch zu Wuttkes Zeit schrieb man
auf ein Stück Holländerk. bestimmte
Buchstaben und Zeichen und gab es
dem des Diebstahls Verdächtigen w). Ein
altes Rezept bietet Jühling 61 ) (16.
Jhdt.): Nim keße, schneit schnitten dar-
uon, schreib mit einer messer spitzen
nachfolgende Characteres vnnd des tauff-
nahmen, der es Essen soll drauff.
1 —j—I Diuans |-j-| max I—j— | niuax i-j-f
auff die ander Seitten schreib
I—[—I Diuans !— 1 -| na 1—j-| niuax
vnnd den Tauffnahmen darzu. Giebst
dem vordechtigen zu essenn. Welche
schult habenn, können ihre schnitte
nicht aufeßen.
Nach dem Hageno wer Familienbuch
schreibt man, um einen Dieb zu ermitteln,
folgende Worte 62 ): Deus. Meus. Max. Pax.
Virax. auf einen Bissen Käse und lasse es
denjenigen verzehren, auf den man Ver¬
dacht hat. Hat er es getan, so kann er
den K. nicht aufessen und wird im
Gesicht wie eine Kornblume, auch schäumt
sein Mund wie der eines Bären. Mit
Recht leitet Rochholz einen St. Galler
Brauch vom Brot-K.ordal ab: Nach
einem Nonnengebet wog man die Last
der begangenen Sünden durch das Ge¬
wicht eines Kruzifixes gegen K. und
Brot auf 63 ). Aus der griechisch-heid¬
nischen Volksüberlieferung übernommen,
wurde das Käseordal unter dem Einfluß
der Abendmahlsprobe und der Ver¬
ehrung des K. als sakramentale Speise
als legales Rechtsmittel sanktioniert, bis
schließlich der Weg wieder im Volks¬
aberglauben endete. Zugrunde liegt die
auch bei ähnlichen Gebräuchen anderer
Völker 64 ) zutagetretende Beobachtung,
daß man das schlechte Gewissen des
Diebes durch eine feierlich inszenierte
greifbare Symbolik wecken und zur Ent¬
deckung benutzen kann.
45 ) Glotz L’ordalie dans la Grece primitive
ui ff.; Jacoby 1 . c. 525—566. 46 ) Denkschrif¬
ten der Wiener Ak. 1888, 131. 134; Dieterich
Abraxas 63. 47 ) Bei Jacoby 540 ff. 4S ) Anecdota
Graeca-Byzantina 1, 340; Jacoby 1 . c. 536.
49 ) 2, 242 (Zeile 20 ff. Keller); im Text selbst
ist von einem Ordal keine Rede; hier vergleicht
sich Horaz mit einem Tempeldiener, der sich
an den Opferkuchen einen Ekel angegessen
hat; vgl. Stemplinger Aberglaube 57; die
Quellenangaben vermißt man in dieser Schrift
schmerzlich. 5J ) Franz Das Rituale von St.
Florian F. 1904, 129 ff. 185; vgl. I. G.
1037
Käse
1038
Eccardus Commentarius de rebus franciae
orientalis. Wirceburgi 2 (1729), 928; L. Rok-
kinger Quellenbeiträge zur Kenntnis des Ver¬
fahrens bei den Gottesurteilen (Quellen zur bai¬
rischen und deutschen Geschichte 7, 313—409)
350. 397 Zeile 629 ff.; Rozier e Recueil general
des formales usite'es dans Vempire des Francs.
Paris 1859, Nr. 614 ff.; Argovia 17 (1886), 12 ff.
Grimm Mythol. 2, 929 A. 1. 51 ) Grimm Mythol.
3, 428. 51; vgl. 2, 929; W. 350. 52 ) Myth. 2,
929 A. 1. 53 ) 1 . c. 531. 64 ) Schmeller Bair. Wb.
2, 627. 55 ) Schmeller 1 . c. 1, 1389; Fischer
SchwäbWb. 4,741. 66 ) Schmeller 1 . c. 57 ) Mo-
numenta boica 16, 50 Nr. 16. 6ö ) 1 . c. 55 Nr. 18.
5H ) Anhorn Magiologia 773 ff. ®°) W. 350.
51 ) Jühling Tiere 286. ® 2 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 340, 1624, vgl. 1623. 63 ) Rochholz
Glaube 1, 12; vgl. Pfannenschmid Erntefeste
382 ff. ft4 ) Jacoby 1. c. 564 ff.; die japanischen
Bergmönche lassen den Dieb ein mit mystischen
Zeichen beschriebenes Stück Papier verschlin¬
gen.
6 . Die Käseweihe: Unter den am
Osterfeste geweihten Eßwaren finden wir
neben Fleisch, Eiern usw. auch den K.
Seit dem 10. Jh. hat sich die Weihe¬
formel ziemlich unverändert gehalten 65 ).
Auch hier führte wie bei der Weihe der
Eier (siehe Ei § 8) der Schluß der Formel
,,ut quicumque ex populis tuis come-
derint, omni benedictione et gratia tua
saturati repleantur in bonis“ zu der
Ansicht, daß diese geweihten K. für
Heilzwecke besonders gut seien: Nach
Baisamon wurde ein Arzt abgesetzt,
weil er auf den Altar auf den Rat eines
gottlosen Menschen Fleisch und K. ge¬
legt hatte, um damit Krankheiten zu
heilen 66 ). Vor allem konnte die bene-
dictio casei contra febres den Glauben
auf bringen, daß man solchen geweihten
K. gegen Krankheiten verwenden könne:
Deus .... rogo vos, ut mittere digne-
mini benedictionem vestram super hanc
creaturam salis et aquae vel pomi vel
casei, ut proficiant ad salutem omnibus,
quibus dantur, ut sanitas eis fiat in ore,
in naribus, in oculis .... in omibus
membris illius . . . . 67 ). Es ist oben
ein Zeugnis zitiert worden, nach dem
man die geweihten K. mit Vorliebe zu
Ordalen benutzte.
6ß ) Franz Benedictionen 1, 592; Jacoby
556; Schmeller BairWb. i, 1137; Pfannen¬
schmid Weihwasser 66; Höfler Fastengebäcke
27. 6ä ) Franz 1 . c. 591 A. 4. ® 7 ) Franz 1 . c. 2,
477 ü.
7. K. und die Vegetationsdämo¬
nen: In den Alpenländem, deren Be¬
wohner hauptsächlich von der Käse¬
bereitung leben, befassen sich die Alm¬
vegetationsgeister natürlich mit diesem
Geschäft. Eine Hauptgruppe von Sagen
berichtet von der Erfindung des süßen
K.s durch diese Kobolde. Der wilde
Jäger in Wälschtirol bei Folgareit wird
von den Holzschlägern trunken gemacht
und gefangen; er lehrt die Knechte das
Käsen; wenn er nicht zu früh entkommen
wäre, hätte er noch manches lehren
können, besonders aus Milch Wachs
zu machen 68 ). Als wunderbares Geschenk
der Kobolde wird immer wieder die
Erfindung des Lab und des Süßkäsens
betont: Der wilde Mann (Salvanel) in
Valsugana bei Borgo wird durch zwei
mit Wein gefüllte Milchgefäße gefangen
und lehrt die Bereitung von Butter, K.
und Lab 69 ). Die Erdleutchen auf Seelis-
berg konnten dem Hirten wegen des
Föhn das Vieh nicht besorgen, daher
gingen zwei Kühe ein. Zum Ersatz
lehrten die Leutchen den Hirten das
Käsen mit Lab; er mußte die letzte
Gais töten; und sie zeigten ihm, wie
er aus dem Magen derselben ,,Lup“
bereiten könne 70 ). Im Maiensässe von
Schuders erriet ein Senn, der bisher
nur Käse aus Sauermilch bereitet hatte,
durch List das Süßkäsen: ein Fänggen-
mannli käste in seiner Abwesenheit für
ihn, weil er mit ihm gut befreundet war;
die K. aber waren süß wie Butter; aber
das Mannli wollte das Geheimnis nicht
preisgeben; da sagte einmal der Senn
mit freudiger Miene: Jez chan i denn
au süess käsa; darauf ereiferte sich das
Mannli: Häst süessa Chäs gmacht, so
häst au Mäga g’ha. Da probierte es der
Senn mit einem Gizimagen, und der
Versuch gelang 71 ). Das letzte Wild-
mannli auf der Alp Matschieis sagte
einst den Sennen, sie wüßten nicht,
daß nach dem Käsen noch das beste
in der Schotte bleibe; die Sennen wollten
ihm das Geheimnis entlocken und stellten
ihm Schnaps hin; das Mannli aber roch
daran und ging mit den Worten fort:
I trouw der nit, du chünntist mi büürla 72 ).
1039
Käse
1040
Käse
IO42
Aus der „Schotta“ bereiten die Fänggen
Gold 73 ).
Auf einer Graubündner Alp bat ein
wildes Männlein, das von dem Sennen
gut gehalten worden war, diesen, er möchte
es käsen lassen, aber ihm bis zu Ende
Zusehen, ohne zu sprechen. Als es nach
der Meinung des Sennen fertig war,
stellte es den Kessel mit Schotte über
das Feuer und schickte sich an, von
neuem zu hantieren; da lachte der Senn,
weil das Männlein aus der Schotte noch¬
mal käsen wolle. Das Männlein aber
legte die Kelle beiseite und sagte:
Wenn d'nüt weist,
so seist.
Es ließ sich nicht mehr sehen; hätte
aber der Senn geschwiegen, dann hätte
er gelernt, aus der Schotte Nutzen zu
ziehen. So blieb das ein Geheimnis,
und man kann mit der Schotte nur die
Schweine tränken oder das Blut reinigen 74 ).
Das Käsmandel im Lessachwinkel käst
von den Resten der abziehenden Sennen
und Hirten; noch heute wird das Käs¬
mandel zu Martini in die Alm einge-
glöckelt. und zu Georgi von der Alm
ausgeglöckelt 75 ).
Vor allem verstehen die Fänggen-
mannli die Kunst, aus Gemsenmilch K.
zu machen; die Gemsen kommen frei¬
willig in die Höhle und lassen sich melken;
die K. sind sehr süß. Man darf sie beim
K.n nicht belauschen und ihnen nicht
Zusehen; weil ein Knabe dieses Gebot
übertrat, verschwanden die Mannli aus
der Felsenhöhle oberhalb Camana in der
Mitte des Safientales 76 ). Wie das von
den Vegetationsgeistem geschenkte Brot,
so ist auch der Gemsk. eine Wunder¬
gabe, er geht nicht aus: Die Erdmännlein
auf dem Pilatus hatten mit den Gems¬
jägern ein Übereinkommen: Dafür, daß
die Jäger die Gemsen verschonten, er¬
hielten sie einen Gemsk., von dem sie
immer essen konnten, ohne daß er ab¬
nahm; als sie aber einmal einem andern
davon gaben, nahm er ab 77 ); ähnlich
eine Sage im umerischen I sental 77a ).
Auf der „Schocht eien alp“ gibt ein Herd-
mannli einem armen Kind für die darbende
Mutter Brot, K. und Mehl; die Gabe geht
nicht aus 78 ). In Giswil auf dem Zuber
lieh ein Mannli von einem reichen Bauern
eine Kuh; als Gegengabe erhielt der
Bauer ein Bratkäsli, das nie ausging;
aber man durfte es nie ganz auf essen, bis
ein hungriger Schneider und ein Schuh¬
macher, die zu Stör kamen, den K.
aufaßen 79 ). Die Heidenleutchen in der
Schwändi schenkten früher oft ihren
Günstlingen Gemsk. oder „Fadenklun-
geli“, welche nie ausgingen; aber der Be¬
sitzer mußte Stillschweigen bewahren,
sonst verlor die Gabe ihre Kraft 80 ).
Die Bergmännchen im Bernerland ma¬
chen aus der Milch der Gemsen Käse,
die solange wieder wachsen und ganz
werden, wenn man sie angeschnitten
oder angebissen hat, bis man sie un¬
vorsichtigerweise völlig und auf einmal,
ohne Rest zu lassen, verzehrt 81 ).
Ein Zwerg schenkte einem Jäger einen
Gemsk.; an dem hätte er sein ganzes
Leben gehabt, wenn er ihn nicht ganz ver¬
zehrt hätte; nach einer andern Version aß
ein Gast den Gemsk. auf, der das Geheim¬
nis nicht kannte 82 ). Eine arme Frau in
den Schüpferbergen (Entlebuch) bekam
von einem Erdmännchen einen K., der
nie ausging, wenn kein Fremder davon
aß. Als die Frau aus Vergessenheit einem
Fremden davon gab, nahm der K. wie
jeder andere ab 82a ). Die Tiroler Kaser¬
mandeln und Almstrudler verschenken
goldene K. 83 ). Eine Almerin gab dem
bittenden Gerlos-Mandel von ihrem Brot
und Käse; dafür bekam sie ein Lehm-
küglein, das zu Gold wurde 84 ).
® 8 ) Mannhardt 1, ii2ff.; Schneller
Wälschtirol 200, 2; 210, 3. w ) Mannhardt
1 . c. 113; Schneller 1 . c. 213. 70 ) Herzog
Schweizer sagen 1, 199 Nr. 177; Lütolf Sagen
481 ff. Nr. 443. n ) Herzog 1 . c. 2, 119 Nr. 109;
vgl. Luck Alpensagen 14; Lütolf Sagen 481 Nr.
443; 487 Nr. 447; J ec kl in Volkstümliches (1916)
378 ff. 71 ) Herzog 1 . c. 2, 118 Nr. 108. 73 ) Von-
bun Beiträge 54. 74 ) Vernaleken Sagen 217;
Vonbun 1 . c. 54; vgl. Mannhardt 1, 112.
76 ) Vernaleken 1 . c. 195 ff. Nr. 143; Zingerle
Sagen 85; ders. Kinder - und Hausmärchen 211.
7fl ) Herzog 1 . c. 1, 131 Nr. 109; Vonbun 1 . c.
53 - 77 ) Niderberger Unterwalden 1, 27, vgl.
19. 21; Lütolf Sagen 487 Nr. 447. 77a ) Lütolf
Sagen 484 d. 78 ) Niderberger 1 . c. 1, 36.
7ß ) Ders. 1, 40 vgl. 44. ®°) Ders. 1, 44.
81 ) Grimm Sagen 213 Nr. 298; vgl. Mannhardt
1041
n 1
'1
t.
1
Germ. Mythen 54. 82 ) Grimm 1 . c. 215 Nr. 301;
l vgl. Rochholz Glaube 1, 13. 82a ) Lütolf Sagen
483. ® 3 ) Rochholz I. c. 1, 12 ff.; ders. Sagen 1,
327. 84 ) Alpenburg Tirol 113 Nr. 24.
8 . Unfug treibende Kobolde
Und k.n de Gespenster: Der Starken¬
berger Schloßwichtele nahm einmal, weil
ihn jemand erzürnt hatte, die Winterk.
und rollte einen nach dem andern über
den Rain; dabei hat er schier g’schöllat
glacht 85 ).
Die Kasermandl machen 1 beim Abkasen
£ einen großen Lärm. Das Kasermandel auf
der Klapfbergeralp im Ultentaie ist ein¬
äugig 86 ). In einer verlassenen Almhütte
bei Chur käst um Mitternacht ein Ge¬
spenst, das wie ein Senn aussieht, nach
allen Regeln; um 1 Uhr verschwindet es
mit Ächzen und Geheul 87 ). Die Alm¬
gespenster auf der Ritteralm treiben mit
den Käslaiben Unfug 88 ). In einer Hütte
auf der Voralp zu Giswil kästen jede
Nacht Geister 89 ). Ein Handknabe auf
einer Alm im Kanton Uri, der einen ver¬
gessenen Melkstuhl in der verlassenen
Hütte holen wollte, traf dort drei geister¬
hafte Sennen, die kästen; in dem Kessel
war dreierlei Suffi: rote, weiße und
schwarze; nach der Erklärung der Sennen
bedeutete die rote die im Sommer ver¬
schüttete und versudelte Milch (nach
einer Sagenversion machen die Berg¬
männlein aus der das Jahr über ver¬
schütteten Milch K.) 90 ); die weiße, daß
sie die Kühe recht gemolken, die schwarze,
daß sie häufig in der Alp geschworen
hätten 91 ). Das Kasermandel auf der
Hochalm in der Riß (Nebental des Unter-
inn) ist der böse Geist eines für seine
Sünden büßenden Sennen 92 ); aus dem¬
selben Grund muß das Kasermandel auf
dem Lehmkopf in der hinteren Riß 93 ) und
das Kasermandel ohne Kopf auf der
Weißbrunneralm im Ultentaie bei St.
Gertrud umgehen 94 ). Das Kasermandel
in den Höttinger Alpen ist ein gut¬
mütiger Geist, der nach Mariä Geburt die
Alm bezieht 95 ). Nach der hessischen
Sage werfen die Irrlichter, wenn sie
gereizt werden, mit faulem Käse 96 ).
Auf dem Burgberg der Burg Brunst ein
geht um Mittag und Mitternacht eine
weiße Jungfrau um, die Käsejungfrau, die
bis zum Eselsbrunnen geht 97 ). Im
Waldlande will eine Frau Kasmaden
gesehen haben, sagenhafte Tierge st alten 98 ).
8fi ) Alpenburg l.c. 108 Nr. 17. 8# ) Mann¬
hardt 2, 1040. 109ff. 87 ) Vernaleken Sagen 334
Nr. 2. 88 ) Gräber Kärnten 77 Nr. 91. 89 ) Nider¬
berger 1 . c. 2, 11. ß0 ) Ders. 1, 19. 91 ) Herzog
1 . c. 1, 200 Nr. 178; Lütolf Sagen 458 Nr. 424.
92 ) Alpenburg 1 . c. 162 Nr. 25. * 3 ) Ders. 163
Nr. 26. ö4 ) Ders. 180 Nr. 48. ö5 ) ZfVk. 8, 324,
vgl. Urquell 3, 244. w ) ZföVk. 15, 89; Wolf
Hessische Sagen Nr. 219. 97 ) Schambach-
Müller 9 Nr. 9. 98 ) Reiterer Ennstalerisch 50.
9. K. und Brot als Gottesspeise.
Schließlich ist K. wie Brot eine heilige
Speise: Wie in Baden ein verirrtes Kind
3 Tage von einer weißgekleideten Frau
mit Brot gespeist wird "), so ist auch K.
neben Brot eine Gottesspeise: Eine säch¬
sische Ortssage leitet den Namen des
Dorfes Gottesspeise bei Zwickau davon
ab, daß ein Engel einem im Schnee¬
gestöber verirrten Knaben Brot und K.
spendete 10 °). Daher ist die K.Schändung
genau so entsetzlich und schwer bestraft
wie die Brotschändung. Wie ein Liebes¬
zaubermittel wirkt die Gottesspeise in
einer Schweizer Sage: Ein Bettler gibt
der Gräfin Margarethe von Greyerz, die
in der Kirche über ihre kinderlose Ehe
Tränen vergießt, K. und Brot für die
hungernden Kinder; er glaubt, sie weine
aus Not. Die Gräfin verwahrt die beiden
Stücklein in zwei verdeckten Silber¬
schüsseln; übers Jahr kann sie die Wun¬
derspeise als Taufschmaus den Gästen
auf tischen 100a ).
M ) Waibel-Flamm 2, 106; über Engel- und
Wunderbrote: ZföVk. 20, 77—79. 10 °) Grimm
Sagen 255, 361; Bolte-Polivka 3, 463; vgl.
Haupt Lausitz 1, 253, 314. 100a ) Rochholz
Naturmythen 255.
10. Bestrafung der K.frevler (vgl.
Brot §§ 7 ff.): a) Die Version in Schlesien,
in der Mark, in Pommern und Mecklen¬
burg, ganz entsprechend den in diesem
Kreis überlieferten Brotsagen vgl. Brot
§ 7a: In Kielingswalde bei Habelschwerdt
warfen die Hirtenbuben Brot und
weißen Käse auf den Boden, spien
und hieben mit Peitschen danach; sie
warfen beides den Abhang hinab und
riefen: Mach ok schnell, du Brot, daß de
dar Quork nich anoch koan; da wurden
1043
Käse
1044
alle verschüttet, und es zeigten sich
Sandsteinfelsen 101 ). Auf dem Käsebrett,
einer Steinlehne im Heuscheuergebirge,
schändete einst ein Hüterbub Brot und
Käse; dafür wurde er zu Stein 102 ). Auf
dem Felde des Gutes Hohenwardin sieht
man drei Steine, an die sich folgende
Sage knüpft: Zwei Schäferknechte warfen
zum Zeitvertreib ihren K. auf der Erde
umher und haschten ihn gegenseitig; zur
Strafe wurden sie in Steine verwandelt 103 ).
Der Siebenbrüderberg bei Mohrin in der
Mark hat seinen Namen davon, daß dort
sieben Brüder zur Strafe versteinert wur¬
den ; sie hatten nämlich auf einen Käse so
lange drauflosgehauen, bis Blut kam (vgl.
Brot § 8) 104 ). In der Nähe von Boitzenburg
steht eine Eiche, die der Käsebaum heißt;
unter dieser Eiche schimpfte einst ein
Ackerknecht über sein Frühstück (Butter¬
brot mit Käse): ,,Der Teufel soll mich
holen, wenn ich schon wieder Käse¬
butterbrot esse“; er nagelte ein Butter¬
brot an den Stamm; der Teufel holte
ihn 105 ). Ein in Doberau dienendes
Mädchen, das Brot und Käse aus Wut
verfluchte, wurde in Stein verwandelt 106 ).
b) Die Alpensagen 107 ) (vgl. Brot § 7bund
Milch): Reiche Almen versinken wegen
des frevelhaften Übermutes der Be¬
wohner: a) Nach einer mündlichen Er¬
zählung (1856) pflästerte der gottlose
Senn auf der Blümlisalp den Weg zur
Hütte mit Käskäsen (feinste Käsart) 108 ).
Südwestlich vom Hinterberg, unweit Aus¬
sen, hinter dem Elendgebirg, liegt die
sogenannte verfallene Alm; hier herrschte
einst Reichtum an Vieh und Milch; die
übermütigen Bewohner belegten die Wege
von einer Almhütte zur andern mit K.
und verkleisterten die Ritzen der Hütten
mit Butter und K.; da kam ein furcht¬
bares Unwetter, und alles erstarrte zu
Eis und Stein 109 ). Im Simmental gaben
die Kühe einst jeden Tag drei Eimer
Milch; daher molk man die Milch nicht
in Gebsen, sondern in einen Weiher.
Die Treppe, die hinabführte, war aus
Käslaiben gebaut, den Anken füllte man
in hohle Eichbäume; mit der Milch
wusch man das Geschirr, mit Anken
polierte man die Hauswände; bei einem
großen Sturmwind trat der Milchweiher
über und ersäufte alle Bewohner (Kan-
dertal im Berner Oberland) 110 ). Der
Milch- und Käsereichtum gehört zu den
Ingredienzien des Schweizer Schlaraffen¬
landes, des goldenen Zeitalters, darauf
1 geht die Redensart: Das ist gewesen, wo
der K. mit der Elle verkauft wurde 111 ).
In der Sewlialp floß einst die Milch wegen
der Milchkräuter in Strömen; da luden
die übermütigen Älpler die Talleute ein
und machten über den Sewlisee eine
Brücke aus Käs und Anken und spotteten
Gottes; die Folge war eine große Gewitter¬
flut; nach einer andern Version baute
ein Bauer eine Straße aus Käse 112 ).
Die Entstehung einer Kuppe des Glär-
nisch, genannt Vreneli's Garten, erklärt
man so: Hier war einst eine Alm; um
ihren Reichtum zu zeigen, baute Vreneli,
des Hirten Tochter, eine Treppe aus
K.; aber die schlecht behandelte und
bewirtete Schwiegermutter wünschteeinst,
daß die Käse zu Stein würden, und so
geschah es 113 ). Der Senn auf der Ober-
plegialp am Glämisch hatte eine Treppe
aus Käse gebaut und seiner Mutter Mist
zur Speise vorgelegt; da stürzte er in
die Gletscherspalte 114 ). An Stelle der
Hochalmspitz waren einst blühende Wie¬
sen und Almen; aber am Sonntag schoben
die Burschen aus Übermut mit Käse¬
kugeln und Butterkegeln. Daher versank
alles, und die Hochalmspitz erstand 115 ).
Aus demselben Grunde versanken die
Almen in den Hochtälern des Elend 116 )
und die Koralm 117 ). Die Knappen von
Schönfeld im Drautale, die viel Gold
fanden, schoben ebenfalls am Sonntag
mit Kegeln aus Butter und Kugeln aus
Käse; als sie einem lebenden Stier die
Haut mit glühenden Zangen abzogen,
erscholl eine Stimme: Heute Schönfeld,
morgen Steinfeld, und alles versank 118 ),
ß) Eine besondere moralische Note hat eine
andere schweizerische Sagengruppe: Ein
junger Erbe wirtschaftete auf der Grün¬
alp, wo alles im Überfluß vorhanden war;
das Beste sandte er seiner Geliebten;
die Mutter ließ er darben; als ihn einst
seine Geliebte besuchte, vergeudete er
Milch, Butter und K. in unsinniger Weise;
1045
Käse
IO46
zuletzt belegte er den Platz vor der Hütte
mit Käselaiben, damit die Geliebte den
Fuß nicht besudle (vgl. Brot §7b). Der
Mutter gibt er anstatt Schotten und
Zieger Mist als Speise; doch durch ein
Wunder des Himmels findet die Mutter
in der Tause Butter und K.; die Alm
versinkt in Schneegestöber und Eis 119 ).
Auf den Klariden-Älpen hielt einst ein
Senn eine leichtfertige Weibsperson so in
Ehren, daß er ihr den kotigen Weg von
der Hütte bis zum Käsgaden mit Käse
bedeckte, damit sie die Schuhe nicht
besudle. Als er seiner Mutter Pferdeharn
in die Milchspeise tat, verfluchte sie ihn;
er wurde mit der Dirn verschlungen, und
Firne und Felsen fielen übereinander 120 ).
Bei Scheuchzer steht diese Klaridensage
ausführlicher 121 ). Dieselbe Version bringt
Müller 122 ) von der Blümlisalp im Schä-
chentale. Hier begeht der Senn noch den
furchtbaren Frevel, daß er die Treichlen-
kuh christlich taufen läßt; die Alm wurde
in einen Firn verwandelt, die Kuh gab
nur noch „schwarzzäggeti“ Milch; sie
wandelt noch auf dem Firn und wird
von Geistern gemolken. Man kann sie
erlösen, wenn man sie am Karfreitag
melkt, bis weiße Milch kommt.
101 ) Kühnau Sagen 3, 393 ff. Nr. 1767.
|0Ä ) Ders. 3, 398 Nr. 1768. lo3 ) Knoop Hinter¬
pommern 133 Nr. 270. 104 ) Ranke Volkssagen
231. 105 ) Bartsch Mecklenburg i, 94 Nr. 107.
|g€ ) Ders. 1, 430 Nr. 603, vgl. 427 Nr. 599.
l0T ) Schweizld. 3, 503. 108 ) Schweizld. 3, 507.
l0# ) ZfdMyth. 2, 30. no ) Rochholz Glaube 1,
22. m ) Schweizld. 3, 503; bei Boccacio in
der dritten Geschichte des achten Tages schil¬
dert Maso dem Calandrino das Schlaraffenland
im Baskenlande: Da sind die Weinreben mit
Bratwürsten angebunden ... da ist ein ganzes
Gebirge mit Parmesank., da wohnen Leute,
die nur immer Makkaroni und Eierknödel in |
Kapaunensuppe kochen; dann werfen sie diese
den Berg hinunter, und wer die meisten fängt,
der hat die meisten; vgl. Bolte-Polivka 3
246 ff. 112 ) Müller Uri 1, 79 ff. Nr. 105.
Il1 ) Vernaleken 25 Nr. 15; vgl. Müller 1 . c.
74 Nr. 101, g. 114 ) Vernaleken 18 Nr. 9.
Gräber Kärnten 239 Nr. 327. 11Ä ) Ders.
140 Nr. 328. m ) Ders. 241 Nr. 329. 11S ) Ders.
•41 ff. Nr. 330. 119 ) Herzog 1 . c. 1, 42 Nr. 27.
M') Vernaleken 13 ff. Nr. 10; Müller l.c. 71
Nr. 100; SAVk. 16, 34. 121 ) Naturgeschickte des
Schweizerlandes 2 (Zürich 1746), 836.; bei
Müller 71 ff. ia2 ) Müller 1 . c. 74 ff.
II. Hexen-Drachen und K. (vgl.
Butter § 4 ff.): Wie bei den parallelen Vor¬
stellungen, die sich auf die Butter be¬
ziehen, laufen auch hier zwei Vorstellungen
zusammen; es besteht eine Verwandtschaft
zwischen den gutmütigen käsenden Vege¬
tationsgeistern (Förstemann hat darauf
hingewiesen, daß Quark und Twark in
Norddeutschland und nach Nordosten
weiter bis Livland Zwerg und Käse be¬
deutet) 123 ) und den käselüsternen und
käseschleppenden Hexen und Drachen;
dann aber ist auch das wichtige Geschäft
des Käsens wie alle Milchgeschäfte von
der abergläubischen Angst vor Schaden¬
zauber umgeben: In Vietlübbe bei Lübz
wurde einer Bäuerin öfters K. und Speck
abgeschnitten, als wenn Katzen und
Ratten darüber gewesen wären; als man
aufpaßte, kam eine schwarze Katze;
diese wurde blutig geschlagen; da kam
hinter dem Feuerherd die Braut des
Sohnes hervor; sie hatte eine blutige
Stirne; sie wurde als Hexe aus dem
Hause gejagt; nach ihr ist der Hexenberg
und das verschwundene Dorf Hexen-
Wangelin genannt 124 ). In den bekannten
Sagen von den brot-eier-geld-butter-
milchschleppenden Drachen (siehe Brot,
Eier, Butter 106 ), Milch) ist auch die
Version häufig, daß diese für ihre Herren
tätigen Geister K. schleppen: In Schwab-
hausen bei Gothe schleppte ein Drache
als Hase Brot und Käse ins Haus 125 ).
Auch Praetorius berichtet, daß die Hexen
K. stehlen 126 ). Die Hexen bringen auch
durch allerhand Zauber den K. wie die
Milch aus andern Häusern an sich. Zwei
Hexen, die auf den Brockelsberg fahren,
nehmen sich Backofenkrücken, gehen vor
die Ställe und sagen: Ich mache einen
Schnitt, Butter und Käse nehme ich
mit 126a ). Der evangelische Prediger Wald¬
schmidt zu Frankfurt kommt in der elften
Predigt auf Luthers Ausspruch: possunt
butyrum, lac, caseum aiiis furari, id est ex
poste vel bipenne (Hellenpart) vel man-
tili (Handzwöhl) mulgere; Waldschmidt
meint, der Teufel bringt die Milch durch
seine Gehilfen (Katzen, Kröten usw.) herbei
und läßt sie dann aus diesen Gegenstän¬
den laufen 126b ). Die südslawische Hexe
schleicht in der Johannisnacht auf den
1047
Käse
IO48
geflüchteten Zaun hinauf, der das Gehöft
umschließt und sagt 127 ): „Zu mir der
K., zu mir das Schmalz, zu mir die Milch,
euch aber die Kuhhaut". In Schweden
sagt man zum Alraun 128 ):
Butter und K. sollst Du mir bringen.
Und dafür soll ich in der Hölle brennen.
ll3 ) Kuhns Zeitschr. f. Spracht. i,426;Roch-
holz Glaube 1, 13. In Niederdeutschland heißt
mißlungenes Brot „Quargesback" und schlechtes
Bier „Quargesbru“: O. Lauffer Niederdeutsche
Vk. 1923, 75; NdZfVk. 1926, 5. m ) Bartsch
Mecklenburg 1, 114 Nr. 129; vgl. Niederhöf fer
3,133 ff. 1M ) Witzschel Thüringern, 323^.336.
1U ) Verrichtung 148. IU *) Gander Nieder¬
lausitz 28, 72. 124b ) Pythonissa endorea das ist
28 Hexen - und Gespensterpredigten von M. B.
Waldschmidt Frankfurt 1660 p. 253 ff.
127 ) Mitteil. d. anthrop. Ges. zu Wien 14, 20.
ll8 ) Mannhardt Germ. Mythen 56.
12. Wie das Butter- und Milchgeschäft,
so wird auch das Käsen durch den Teufel
und seine Hexen gestört (vgl. Butter
§5 ff., Milch, melken): Ein französisches
Zeugnis zeigt die oben erwähnte Verbin¬
dung mit den Vegetationsdämonen klar:
Die Bergzauberinnen der Monts noirs
(Doubs) bewirken, daß das Käsen nicht
gelingt 129 ). In Steiermark verderbt nach
den Aussagen in einem Hexenprozeß in
Marburg an der Drau (1546) der Teufel
durch seinen Kot die Milch, daß sie keinen
Käse gibt 13 °). In eine Glarner Alp kam
öfters ein Bettler und bat um eine Gabe;
der Meister gab ihm immer sofort das
Verlangte; er wies den Senn an, dem
Bettler immer sofort seinen Wunsch zu
erfüllen. Einst gab ihm der Senn nicht
sofort das Verlangte; als er aber ans
K.n ging „und zu dicken gelegt,
wollte die Milch gar nicht dicken". Da
holte der Senn auf dem Dachboden ein
Skapulier, das er am Turner aufhängte;
wie ein Büchsenschuß fuhr der Bettler
zur Hüttentür hinaus 131 ). In der
Schwandhütte am Söllereck bei Oberst¬
dorf konnte ein Senn nie mehr schotten;
da rührte er mit einer glühenden eisernen
Stange (vgl. Butter A. 182) im Molken
herum; da konnte er wieder schotten; ein
altes Weibchen aber hatte von der Stund
an die Nase voller Brandwunden 132 ). In
den Schweizer Hexenprozessen kehrt im¬
mer die Verdächtigung wieder, daß der
oder die Angeklagte das Buttern und
K.en verstellt habe (vgl. Butter § 6):
Eine Hexe kam ins Haus betteln; da
gab die Bäuerin immer etwas Butter und
Zieger; darauf ging jeweils die Bereitung
von Butter und Zieger sehr schwer 133 ).
Im berühmten Prozeß gegen Pfründ in
Graubünden wird ausgesagt 134 ), dieser
habe geraten: „und wenn er nicht käsen
könne, müsse er einen alten Roßnagel
rücklings aus einer Schmiedetruhe neh¬
men, so, daß es niemand sehe, und den¬
selben in den drei heiligen Namen von
unten in den Thuren (Arm), daran das
Kessi hanget, schlachen, darnach den
Forthürschlüssel sambt dem Magen in die
Milch tun, so werde es besser“. Ein ander¬
mal gab Pfründ dem Christen Mathis in
Jenaz, dem beim Käsen die Milch nicht
brechen wollte, den Rat, er solle über die
Milch, welche er am Abend ausgetan, am
Morgen mit dem Löffel ein Kreuz ziehen,
den Rahm in die Dachtraufe schütten,
darnach einen glühend gemachten Eisen¬
stecken darein stoßen, so soll es spretzeln
und besser werden 135 ). Urschla Zegen
(1702) sagt, das Pulver, mit welchem sie
Jelly Casper das Käsen und Anken ver¬
stellt habe, habe ihr Christen Adern ge¬
geben 136 ). An Gegenzaubermitteln gegen
das Verstellen beim Käsen seien noch
erwähnt: Man nehme die Wurzel einer
Brennessel und lege sie am Weihnachts¬
abend in die Milch, welche zur Käse¬
bereitung bestimmt ist; lasse sie stehen
und gieße sie am Feste der hl. Drei¬
könige auf den Mist; dann kann einem
niemand bei der Käsebereitung schaden 137 ).
Nach Blancardus, Mediz. Wb. (1710) 458
nimmt man „die verzauberte Milch oder
Käs, schüttelt sie auf glühende Kohlen;
darvon werden dann dergleichen Gabel-
reuterinnen und Hexen dermaßen ge¬
plagt, daß sie nirgends ruhen können" 138 ).
In Nassau heißt es: Wer mit weißem
Käse über die Straße geht, dem schaden
die Hexen 139 ). Im 13. Jh. hieß es in
Frankreich, der K., den ein ehebreche¬
risches Weib bereite, das eben einen Ehe¬
bruch begangen habe, halte sich nicht und
werde bald von Würmern verzehrt 14 °).
In Löbersdorf bei Radegast in Anhalt
1049
Käse
1050
legt man in den K.korb Stroh, das vom
Weihnachtstau benetzt ist (vgl. Eier,
Brot); dann kommen die Maden nicht in
den Korb 141 ). In Tirol rät man: lege
Johanniskraut zwischen die K., so wachsen
keine Würmer darin 142 ).
m ) Sebillot 1, 240. 13 °) ZfVk. 7, 188.
m ) Müller 1 . c. 241 Nr. 346. 132 ) Reiser Allgäu 1,
186 Nr. 196. 133 ) Schmid und Sprecher 54 ff.
134 ) 1 . c. 91. 135 ) 87. 13C ) 1 . c. 139. 137 ) Groh-
mann 139 Nr. 1019. 13S ) Birlinger Schwaben
1, 408. 139 ) Kehrein Nassau 2, 260 Nr. 135.
14 °) Sebillot 3. 87. »") ZfVk. 6, 430. 14a ) Heyl
Tirol 792 Nr. 186.
13. K. und kosmische Erscheinun¬
gen und Vorgänge im Volkswitz: In
der französischen Märchenüberlieferung
wird der Mond als ein runder K. seit dem
14. Jh. bezeichnet 143 ). Im Hennebergi-
schen ist der Mond so rund wie K. und
so groß wie eine Backschüssel 143 *), und
im Glamerland wird der Vollmond Käs¬
laib genannt 144 ). In der dänischen Sage
ist der Mond ein K., zusammengeronnen
aus der Molke der Milchstraße 145 ). In
Schwaben, in der Schweiz und in Schles¬
wig-Holstein ist der Mann im Mond ein
käsender Senn, der den Melkeimer auf
dem Rücken trägt I4Ä ). Im Walsertale
sagt man beim Gewitter: Sie käsen
droben, werfen die Käsger herum und
verschütten die Milch 147 ). Sternschnup¬
pen und Irrlichter werfen, wenn sie aus
Bosheit gereizt werden, mit faulem K. 148 ).
Wie die Geräusche und Hantierungen
beim Backen und beim Buttern, so
überträgt das Volk auch seine ihm vom
K.n vertrauten Bezeichnungen und Be¬
griffe auf die atmosphärischen Vorgänge.
143 ) Sebillot 1, 27; 3, 326. 143 ») Bechstein
Mythe, Märchen 3 (1834), 12; Rochholz
Naturmythen 253. 144 ) Rochholz Naturmythen
252; ders. Glaube 1, 13. 145 ) Ders. Glaube 1,
13; ders. Naturmythen 2520.; v. d. Hägens
Jahrbuch d. d. Sprache 360; vgl. Siecke
Götterattribute 158. ue ) Rochholz Glaube 1 . c.
14 ‘) Laistner Nebelsagen 248. 14ä ) Wolf Hess.
Sagen Nr. 219; Rochholz Glaube 1 . c.
14. K. als Opfer 149 ): Wie jede einfache
und lebensnotwendige Speise ist auch
der K. besonders bei den Bauern Völkern
ein beliebtes Opfer; schon Porphyrius
weist darauf hin 15 °): öxt qs ou xw eüo*]fx<p
yaipet 6 Öeoc x<ov i)uaia>v, dXXa ttj> xo^övri,
Sr,Xov Ix xoö xatK Tjpipav xpotpf,?; die
Artoriten begründen mit diesem Argu¬
ment die Käse-Brot-Kommunion 161 ).
Über antike Käseopfer handelt Wyss
zusammenfassend 152 ), ferner Pauly-
Wissowa 153 ). K., Gerstenkuchen und
Feigen legte man den Dioskuren im
Prytaneion auf den Opfertisch 154 ). Das
Hekateopfer bestand unter anderm aus
Eiern, geröstetem K. und Käsekuchen
mit Lichtern 155 ). Eigentümlich ist eine
Stelle bei Athenaeus über die Priesterin
der Polias (vgl. das Verbot des Käse¬
essens § 30): Kal vöv ös xf<v xtjc ’Aftijvac
tepstav oö Oüsiv apvrjv oiös xupoü ^eueaÖar
xtvlc oe cbrö xoö xr,v Jspsiav xijc lloXtaöoc
’Aibjvac xXtüpOü xopoü xoö jjlsv lirr/wptoo
ptrj aTrxeabat, Sevexöv os povov -irposcpspea&ai,
ypTjdÜat Ös xai x<ö 1 'aXapivtm 154 ). An
den Amphidromien opferte man K.,
welche aus der Chersonnes eingeführt
waren 157 ); Epikteta von Thera ver*
ordnete, daß an den drei von ihr zum
Heroenfest bestimmten Tagen ein Käse¬
kuchen geopfert werde 158 ). Nach Hippo-
nax bei Tzetzes in seinen Chiliades bekam
auch der Sündenbock (Pharmakos), der
beim Reinigungsopfer für die vom Un¬
glück betroffene Stadt verbrannt wurde,
Käse und Brot und trockene Feigen; dann
schlug man siebenmal auf sein Glied mit
Zwiebeln und wilden Feigen und ver¬
brannte ihn 159 ). Bei den Römern wurde
vor allem dem Juppiter Latiaris K. ge¬
opfert 160 ). Ob man in der von L. Weiser 160 *)
gewiesenen Richtung aus der Tatsache,
daß im Fichtelgebirge 160b ) ein kleiner
Käse aus der Frühlingsmolke Razel (Ra-
zeln sind Zwerge, die man auch Haukerln
nennt) genannt wird, aus dem Namen auf
den früheren Empfänger des Opfers
schließen, darf, ist wohl fraglich (vgl. A.
124). Stückelberg 160c ) möchte die Tat¬
sache, daß das Hauptattribut des Älpler¬
schutzheiligen Lucio ein K. ist, so deuten,
daß man dem Heiligen früher K. geopfert
hat.
l49 ) Herdi Käse 62—66. lfi0 ) De abstinentia
cap. 20; vgl. Wyss Milch 58 ff.; Pauly-
Wissowa io, 1494. 1S1 ) ARw. 13, 543 ff.
1M ) Milch 58—61; vgl. Rochholz Naturmythen
252—255. 153 ) 1 . c. 1493. 1495. 164 ) Athenaeus
4, 137; E. Lobeck Aglaophamos 2, 1084 Am.
1M ) Scholien zu Aristophanes Plutos 596;
i05i
Käse
Käse
1054
1052
1053
Rohde Psyche 8 2, 85 A. 1. 1M ) Athenaeus
9 . 375 ; Wyss 1 . c. 60 ff. 157 ) Pauly-Wisso-
wa 10, 1493. 158 ) 1 . c. 1495. 158 ) Hipponax
bei Tzetzes Chiliades 7260.; Bergk Poetae
lyrici graeci fragm. 4; übersetzt bei Nilsson
Die Religion der Griechen (in Relig. Lesebuch
von A. Bertholet B. 4) 6 Nr. 16; Nilsson
Griech. Feste 106 A. 4; Frazer 9, 255. 18 °) Dio¬
nys von Halikarnass 4, 49, 3; Festus p.
194; Wissowa Kultur 411; Wyss 1 . c. 59.
iftoa) Niederd. ZfVk. 4 (1926), 1 ff. 18 °b) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 341. 180c ) ARw. 13, 333 ff.
15. Quellopfer: Im germanischen Kul¬
turkreis finden wir vor allem das Käse¬
opfer für Quellen und Gewässer: Gregor
von Tour erzählt (de gloria confess. 2), daß
noch zu seiner Zeit die Leute je nach den
Vermögen dem Wasser opferten 161 ): Mons
erat in Gabalitano territorio cognomento
Helanus lacum habens magnum; ad quem
certo tempore multitudo rusticorum, quasi
libamina lacui illi exhibens, formas casei
ac cerae vel panis, unusquisque iuxta
vires suas. Veniebant autem cum plaustris
potum cibumque deferentes, mactantes
animalia et per triduum epulantes. Walter
Scott (Ministrely 2, 163) erwähnt eine
Käsequelle (Cheese-well genannt) auf der
Spitze des Minch-muir in Penblesshire;
dahinein warf jeder Vorübergehende für
die Elfen Käse als Opferspende 162 ). K.
und Brot warf man für die Feen in den
See von Breckneck in Südwales 163 ). In
der Cöte d'Or warfen die Liebenden, die
keine Gegenliebe fanden, Stücke K. in
die Quelle von St. Thursy 164 ). In der
Gegend von Lienz wirft man K. für die
Percht in den Bach, ein alter Brauch, der
schon in den Urkunden des 13. Jhdts.
erwähnt wird 164a ). Im Garten des Klosters
zu Heidenheim in Mittelfranken entsprang
der Käsbrunnen, ein Hungerquell, an dem
die Heidentaufe nach der Überlieferung
vorgenommen wurde 165 ); aus dem Namen
schließt Sepp 168 ) in seiner Art, daß man
früher K. hinein warf.
iei ) äe gloria confess. 2; Kraus Realenzyklop. 1,
672; Kloster 12, 366; ZföVk. 15, 88; ARw. 13,
546. 162 ) Liebrecht Gervasius 101 A.; Roch-
holz Glaube und Brauch 1, 12; Heck sc her
J 37 - 395 ; Sepp Sagenschatz 331 Nr. 37; Kloster
9, 176; ZföVk. 15, 88. 1#s ) Sepp 1 . c.; Roden¬
berg Ein Herbst in Wales 1857, 173; Roch-
holz Glaube 1, 12. 1M ) Sebillot Folk-Lore
2, 297. 1M ») Hörmann 252. 1#6 ) Rochholz
Gaugöttinnen 6. 1W ) Sepp Sagenschatz 330 ff.
16. Vegetationsopfer. ÜberOpferan
Waldgeister auf Gotland berichtet Loven:
Wettis tamquam diis terrestribus li-
barunt sine dubio varii generis esculenta
et caprarii hodiemi retinuerunt morem.
Nam cum in pascuis coenantur, portiun-
culas panis, casei aliorumque Wettis sive
Goda-Hett-Niß seponunt et cespite vivo
superstitione tegunt, ne pecori vel gregibus
noceant implacata et laeva numina 167 ).
Allgemein läßt man in Tirol bei der Ab¬
fahrt in der Hütte Butter, Käse und
Brot zurück; dazu bleibt die Türe un¬
verschlossen, damit die wettermachenden
Geister eine Unterkunft haben 168 ). Auf
den Tiroler Hochalpen Stillupe, Floiten
und Dengelstein lassen die Sennen vor der
Abfahrt nach altem Brauch Käse, Brot und
etwas Schnaps zurück, um den Berggeist,
der das Wetter macht, günstig zu stimmen;
wenn man das unterläßt, so stopft er sich
die Tabakspfeife, und dann kommt Un¬
wetter 169 ). Dem wilden Geißler legt man
als ausbedungenen Lohn Milch oder
Käse auf einen Stein 17 °). Der Geißler
des Klosters in Graubünden hütete einst
die Ziegen der Gemeinde gegen eine kleine
Abgabe von Zieger und Käse, der ihm
alljährlich im Herbste geliefert wurde 171 ).
Die Fänkenmännlein in Churrhätien be¬
kommen wie die Hauskobolde für die
Wartung des Viehs ein paar Käse und
Milch 172 ). Im Gailtale halfen die guten
Leutlein einem Bauern beim Roggen¬
schnitt ; dafür stellte die Bäuerin all¬
abendlich einen Laib Brot und einen mit
Fleisch und Käse gefüllten Stotzen vors
Fenster 173 ). Einem Männchen bei Zwip-
pendorf Kreis Sorau mußte man Brot und
K. versprechen; dann führte es die Leute
den richtigen Weg nach Hause; sonst
führte es die Wanderer in die Irre 173a ).
187 ) Mannhardt 2, 134 ff.; Loven Dissertatio
gradualis de Gothungia. Londini Gothorum 1745,
20. 168 ) Alpenburg Tirol 164 Nr. 13; Jahn
Opfergebr. 321. 169 ) M. Meyer Tiroler Sagen¬
kränzlein 1856, 53; Rochholz Glaube 1, 384;
ders. Naturmythen 250; Jahn 1 . c. 321.
l7 °) Mannhardt 1, 96. 171 ) Rochholz Sagen
1, 319, 226; Jahn 1 . c. 172 ) Mannhardt 1,
95. l73 ) Gräber Kärnten 64, 4. 173a ) Gander
Niederlausitz 51, 134.
17. Ernteritus: Im Wittgenstein-
schen 174 ) bindet man in die erste Scheunen¬
garbe ein Stück Käse; der, welcher sie ab-
lädt, fragt den Fuhrmann: Wann haben wir
Christtag ? Darauf die Antwort: Ich weiß
es nicht. Hierauf erwidert der andere: Ei,
so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich
meine Gerste hinlege. Hier überlagert
die apotropäische Vorstellung den Opfer¬
gedanken.
174 ) Kuhn Westfalen 2, 187, vgl. 183; Sartori
Sitte und Brauch 2, 81; Jahn 1 . c. 162 ff.;
Rochholz Gaugöttinnen 189.
18. Totenopfer: Die Livländer legten
ihren Toten Käse, Brot, Zwirn, Geld bei,
damit sie auf der Reise nicht not leiden 175 ).
In Deutschböhmen steht ein unange¬
schnittener Brotlaib mit Butter und K.
auf dem Tisch im Sterbehaus bis zur
Nacht; um Mitternacht werden drei Va¬
terunser gebetet; dann räumt man alles
rasch ab 175a ). Wenn man in Wales die Leiche
aus dem Hause brachte und auf die Bahre
legte, verteilten die Anverwandten über
den Sarg hinweg aus einer großen Schüssel
eine Anzahl weiße Brote und auch Käse,
in den eine Münze gesteckt war: Ablösung
der Totengabe durch die Armenspende 176 ).
Bei den Ruthenen heißt das Totenmahl
tokan und besteht aus Maismehl und
Schafskäse 177 ). Ein Zaubertext, in wel¬
chem die Totengeister zur Peinigung eines
Mädchens aufgefordert werden, bietet
den toten Seelen Käse als Speise an 178 ):
KoctccXituov äizb xoo aptoo 00 dafrtst; 6^t*yov
xai xXaaa; 71017; jov £; £7rxa ^u>poos xat
eXOtnv . . . Xs*]f£ xov Xofov etc xooc . ..
176 ) Maennling 353. 175a ) Archiv f. Anthrop.
N. F. 6, 102. 176 ) Sartori Totenspeisung 8.
17 ‘) Kloster 12, 472 A. 178 ) Fahz Doctrina
magica 1670.; Abt Apuleius 63.
19. Die übrigen K.opfer: Die Schick¬
salsfrauen erscheinen in der Gestalt wei߬
gekleideter Mädchen um Mitternacht an
der Wiege des Kindes in der Geburts¬
nacht ; um sie gnädig zu stimmen, opferte
man diesen Rozdanicen auf dem Tische
Brot, Käse und Honig 179 ). Unter den
Speiseopfern für die Percht finden wir
auch den Käse, so im sog. Thesaurus
pauperum (15. Jh.): Multi in domibus
in noctibus praedictis post coenam dimit-
tunt panem et caseum, lac, cames, ova,
vinum et aquam propter visitationem
Perchtae cum cohorte sua (vgl. Brot,
Krapfen) 18 °). Wie die Esten 181 ) vom
Brot, so wirft man im Norden den An¬
schnitt vom Käse oder Brot für den
Tomte auf den Boden 182 ). In Sachsen
schneidet man die Käsespitze ab und legt
sie beiseite, weil der Kobold darin
wohne 183 ). In einigen Orten Deutsch¬
lands stellt der Bauer noch heute für den
Unbekannten, der ihn in der letzten Nacht
gedrückt hat (Alp), ein Näpfchen Quark¬
käse an die Türe 184 ). Wenn es hageln
will, soll man im Emmental 185 ) das
Tischtuch in die Dachtraufe spreiten und
Messer und Gabel dazu legen, oder es
werden Messer und Gabel kreuzweise in
die Dachtraufe gelegt und ein Brot
darauf; die Sennen legen bei einem Ge¬
witter K. und Brot vor das Dach hinaus
(vgl. Brot § 18); schon hier vermischt
sich der Opfergedanke mit dem apotro-
päischen Zweck; ein reines Apotropaion
haben wir in einem italischen Brauch:
In Apennino Italiae iuxta Bononiam et
Pisas exorta tempestate mulieres turma-
tim foras procurrunt, eam elatis manibus
consignantes caseo in die Ascensionis
Domini presso et deccussatim signato
fune, crucis modo (1597) 186 ). Der erste
K., den man von einer Kuh erlangt, wird
mit den Nachbarn gegessen, wobei diese
mit Wasser bespritzt werden, damit die
Kuh viel Milch gibt 187 ). Nach Andree
wird unter den Naturalienopfem bei den
Weihegaben neben Butter oft K. erwähnt;
hierher gehört das Käsemirakel von St.
Hermann in Bischofsmais; hinter einem
Gitter ist dort ein faustgroßer grauweißer
Stein an einer Kette aufgehängt; dabei
ist eine Urkunde mit folgendem Wortlaut:
Laut vorhandener Urkunde hat 1657 eine
Bäuerin dem hl. Hermann ein Stück K.
opfern wollen. Da ihr aber das Stücklein
K. zu groß vorkam und sie ein Stückchen
davon in ihrem großen Geize abbrechen
wollte, ist der Käse zu Stein gewor¬
den . . . 188 ). Über steinerne Brotlaibe vgl.
Brot A. 104 ff. 189 ).
l7i ) Krauß Rel. Brauch 23. 180 ) Schmel-
ler BayrWb. 1, 271, 1; Jahn 1 . c. 282.
1S1 ) Boeder Ehsten 129. 182 ) NdZfVk.
1926, 14. 183 ) 1 . c. 184 ) Meyer Mythol. d. Germ.
135; ZföVk. 15, 88. * 85 ) SAVk. 15, 6. 188 ) ZföVk.
15, 88 ff. 187 ) Wlislocki Magyaren 23. 188 ) An-
1055
1056
dree Votive 165. 1S ’) Vgl. der steinerne Brotlaib
in St. Peter zu Salzburg: N. Huber Fromme
Sagen aus Salzburg 1880, 63.
20. Käse spenden und Käse abgaben:
Nach einer Schweizer Urkunde vom
Jahre 1645 erhält der Pfarrer „zu St.
Johannis ein Hauskäs von einem idwähren
Hus“ 19 °), Hundkäs ist eine freiwillige
jährliche Abgabe, bestehend aus einem
Käse; auf den Alpen um Bern-Interlaken
wurden diese K. aus der Milch eines
Tages gemacht und dem Landvogt dafür
geschenkt, daß er seine Knechte mit
Hunden von Zeit zu Zeit auf die Berge
sandte, um die Raubtiere zu verjagen;
der K. wurde im Herbst bei dem Schmaus
ausgegeben, den der Landvogt gab; der
letzte Hundsk. wurde auf der Rotschalp
Anfang der 20er Jahre gemacht 191 ). Von
einer seltsamen Käsabgabe berichtet die
Zimmemsche Chronik: „Zu Aichstet ist ain
jeder Abt zum heiligen Creuz zu Tonow-
werdt (vgl. § 5) järlich ain bischof von
Aichstet schuldig 200 kreuzkees zu geben
und die geen Aist et ins schloss zu liffern.
Das geet aber nur mit solcher Form zue.
So die 200 kees uf ain wagen geladen,
füert man den zwischen di thor im
schloss; daselbst heit denn der fuermann
still, bis der kuchinschreiber oder der so
solichs befelch hat vorhanden ist. Der-
selbig kommt mit einer brinnenden Ker¬
zen und steigt uf den wagen, daraus
nimpt er ungefarlich ein kees, der imme
gefeilt; von dem schneidt er ain schnitten,
die brennt er an. Wann nun der kees
nit so faist oder so guet, das die schnitten
anbrinnt und dem Schreiber oder wer es
ist, bis an die Finger brennt, so ist der
gerechtigkait nit genug beschehen und
mag er den furmann haissen mit dem
wagen und mit den keesen wider umb-
keren und werschaft bringen“ 192 ).
19 °) Schweizld. 3, 507. m ) 1 . c. 192 ) Zimmern-
sche Chronik ed. Barack 2, 73; Birlinger
Schwaben 2, 527; ders. Volksth. 2, 185.
21. K.feste: Weder mündlich, noch
urkundlich wissen wir etwas über den
Ursprung des Festes der Kästräger in
Hagnau am See; ich konnte bei einer
allgemeinen Umfrage auch bei den älte¬
sten Leuten keine Spur dieser Tradition
mehr feststellen: das Fest wurde Neujahr
1798 zum letzten Male gefeiert: man
setzte dem Pfarrer in der Neujahrsnacht
gegen Morgen den Maien, einen Tannen¬
baum; die Bruderschaft, bestehend aus
24 ledigen Burschen, rückte im Ober- und
Untergewehr zum Kirchgang aus, an der
Spitze den Obersten mit der Helmbarte.
Nach der Kirche ging man ins Pfarrhaus,
wo der pflichtige Käslaib herausgegeben
wurde; dieser wurde auf eine Stange ge¬
bunden und herumgetragen. Dabei sang
man das Neujahrslied 193 ). In Konstanz
war es Sitte, daß die Käsbruderschaft
am Dreikönigstag von den Kapuzinern
bewirtet wurde 194 ). In der bairischen
Pfalz zu Türkheim bestand bis zur fran¬
zösischen Revolution an Pfingsten däs
Käsekönigreich; ein zum Käsekönig ge¬
wählter Bürgersohn sammelte zusammen
mit berittenen Burschen den Käsezins in
allen Dörfern und Weilern, die mit Dürk¬
heim dieselbe Almende hatten; mit einem
gekrönten Handkäse hielt er an Pfingsten
seinen Einzug, empfangen von Kranzjung¬
frauen und dem bewaffneten Bürgeraus¬
schuß 195 ). Durch die Lokalsage wird der
Brauch begründet, daß die Gemeinde
Breitenbach alle Jahre am dritten
Pfingsttag vor der Sonne dem Pastor
von Questenberg ein Brot und vier Käse
abliefern soll; kommt die Gabe nicht zur
rechten Zeit, so haben die Questenberger
das Recht, den Breitenbachern die beste
Kuh aus der Herde zu nehmen; diese
muß aber dann dort auf der Weide ge¬
schlachtet und verzehrt werden 1954 ). In
Albringwerde sagten die alten Leute früher:
Auf Pfingsten muß man Eierk. essen,
dann geben die Kühe viel Milch 195b ).
In Schlesien bezeichnet man mit Käse¬
götze ein Festbrot 196 ). Seit alten Zeiten
heißt der Sonntag Invocavit in der Nähe
von Bozen der Kässonntag, so nach einem
alten Urbar (1485) aus Kaltem bei Bo¬
zen 197 ); der Name kommt von dem gro¬
ßen Käsmarkt, der am Vortag, in Bozen
und Meran dem Kässamstag, statt¬
findet 198 ). Nach einer anderen Version
aber heißt der Samstag nach dem Fast¬
nachtsonntag Kässamstag 199 ). An diesem
Sonntag findet in Proveis das Kom-
aufwecken statt, beschrieben bei Zin-
1057
Käse
IO58
gerle *°°) und Hörmann 201 ). Im Etschtal
heißen die Feuer, die man unter großem
Lärm abbrennt, Holepfannen, daher heißt
der Kässonntag auch Holepfannensonn¬
tag 202 ). Über andere Namen bei Höfler 203 )
und Hörmann 2M ). Die große Gemein
in Laatsch wurde am St. Petersstuhl¬
feiertag oder am Kässonntag abgehal¬
ten 205 ). Am Kässonntag werden die
Hirten gewählt, und dann kommen Küchel
auf den Tisch s 06 ); daher heißt dieser
Sonntag auch Küchlesonntag 207 ). Am
Jörgentag, am 24. April, läuten die Buben
im Unterinntal das Gras aus; wenn sie
von den Wiesen ins Dorf zurückkehren,
erhalten sie von den Besitzern Brot,
Butter und K. 208 ). Nach einer alten Er¬
zählung über die Pest in Marzell wurde
zum Andenken an diese Zeit die Hole-
pfann am Kässonntag eingeführt 209 ). Im
Lüneburgischen findet am Sonntag vor
der Herrenfastnacht das Kese-ettent
statt **°); dieses Käseessen wurde durch
die Lüneburgischen Artikel abgeschafft,
weil dabei Mißstände vorkamen 2U ). Die
Käsfastnacht, der erste Sonntag in der
Fastenzeit, ist in Lumbrein im Lugnetz
durch die Prozession berühmt 212 ). Mit
dem Sonntag Invokavit beginnt die
K.woche; darüber Pfannenschmid 213 ) und
Schmeller 214 ). Im Angelsächsischen 215 )
haben wir die cys-vuca, zu vergleichen
mit der russischen Butterwoche und der
neugriechischen tupivTj 216 ); in der cys-
vuca mußten sich die Eheleute ent¬
halten, da sie die erste Fastenwoche war.
Etwas ganz anderes ist die Bezeichnung
Käswoche: „die erste Zeit für neue Ehe¬
leute oder neue Dienstboten, wo noch
Nachsicht und gelindere Behandlung ge¬
wöhnlich ist“ M7 ). Diese Käswochen,
soviel wie Flitterwochen, kennt man vor
allem in Kärnten 218 ); sie sind zu ver¬
gleichen mit der „witteburetsweke“ 219 )
und den „stutenwiäken“ 220 ) und den
„wääkwochen“ M1 ) (Flitterwochen). In
Thrazien und Bulgarien heißt der Montag
der letzten Karnevalswoche Käsemontag
und wird durch Aufführungen gefeiert
(Fruchtbarkeitsriten?) 222 ). In Schwaben
wird am weissen Sonntag Käsekuchen
gebacken; wer das unterläßt, dem trifft
B&chtold-Stäubli, Aberglaube IV
im folgenden Jahre Blitz und Brand ***).
An dem Feste der Heimsuchung Mariä
findet in Wickershain das Ablaßkäsefest
statt: der Rat, die Geistlichkeit, die
Schule und 16 Musikanten begeben sich
aus der Stadt Geithain nach Wickershain,
wo sie beim Schulmeister mit Bier und einer
Pfeife Tabak bewirtet werden, dann gibt
ein Bauer, einen zinnernen Teller in der
Hand, jedem einen Ablaßgroschen, dem
Oberpfarrer aber einen Taler. Nach
dem Gottesdienst spendet der Rast¬
pächter Brot, Butter und K., besonders
einen runden Ziegenk.; der Stadtrichter
von Geithain schneidet den Ziegenk. in
Stücke; die ganze Tafelrunde bekommt
eine Scheibe. Dieser K. wird von den
meisten nach Hause mitgenommen und
nebst einem Stück Weißbrot in Papier
eingewickelt. Man verschickt den K.
weit und breit, weil man ihm dieselbe
Kraft zutraut, wie dem Merseburger
Gründonnerstagsbrot. Die Sitte wird
darauf zurückgeführt, daß Tezel hier
während der Fastenzeit Butter und K.
stückweise verkaufte 224 ). In England
bereitet man an Weihnachten feierlich
den christmas-cheese 225 ). Nachdem man
am Lechrain das Haus ausgeräuchert
und mit Weihbrunnen gereinigt hat,
nimmt man ein kaltes Mahl, aus K.,
Brot und Bier bestehend, ein, das nennt
man kollatzen 226 ).
1<J3 ) Birlinger Schwaben 2, 24 ff.; Lachmann
Überlingen 410 ff. 1W ) Schöp pner Bairische
Sagen 325; Rochholz Glaube 1, 12. 19# ) Becker
Pfalz 322; Sepp Religion 164; SchÖppner
Bair. Sagen Nr. 325; Rochholz Glaube 1, 12;
ders. Naturmythen 255. lWa ) Kuhn-Schwartz
226, 250; Jahn 1 . c. 316. 195b ) ZfdMyth. 2, 87.
ls *) Wein hold Dialektforschung 111; Roch¬
holz Glaube 1 . c.; ders. Naturmythen 1 . c.
197 ) Lexer Mhd. Wb. 1, 1527: Mannhardt 1,
540; Pfannenschmid Erntefest 1 . c.; Grimm
DWb. s. v. l98 ) Hörmann Volksleben 27 ff.;
Zingerle Tirol 139 Nr. 1223. 19B ) Zingerle
1 . c. 139 Nr. 1218. M0 ) 1 . c. 141 Nr. 1227;
Jahn Opfergebräuche 90; ZfdMyth. 1,286 ff.;
Alpenburg Mythen 351; Panzer Beitr. 2, 239.
2W ) 1 . c. * 02 ) Zingerle I. c. 140 Nr. 1224. 1225;
Hörmann 1 . c. * 03 ) Fastnacht 27. 204 ) 1 . C; 28.
20# ) Zingerle 1 . c. 204 Nr. 1642. 20# ) Zingerle
1 . c. 141 Nr. 1229. 207 ) Höfler Fastnacht 1 . c.;
Hörmann 1 . c. 28. *° 8 ) Zingerle 1 . c. 144 Nr,
1253; Mannhardt 1, 540; ZfdMyth. 2, 360.
Heyl Tirol 497 Nr. 63. 2l °) Pfannen-
34
I0 59
Käse
I060
schmid 1 . c. 381 ff.; Höfler Fastnacht 26.
tu ) Pfannenschmid 1 . c. 382. 212 ) SAVk. 2,
123. * 13 ) Erntefeste 381 £F. 214 ) BairWb. 1,
1298 ff. 216 ) Grimm DWb. 5, 258; Schmeller
1 . c. 1299. 2l6 ) Höfler Fastnacht 27; Schmeller
1 . c. 217 ) Schmeller 1 . c. 218 ) Staub Brot 9.
2l9 ) Weinhold Frauen 2, 1. 220 ) Sartori
Westfalen 110. 221 ) Wrede Eifeier Vk. 169;
ders. Rheinische Vk. 184. 222 ) Frazer 7, 26;
8, 333. 223 ) Birlinger Schwaben 2, 63; Fischer
SchwäbWb. 4, 248. 224 ) Meiche Sagen 772
Nr. 942. 22S ) Höfler Weihnachten 15; ders.
Ostern 15. 226 ) Leoprechting Lechrain 206;
Bavaria ia, 387; Schmeller 1 . c. 2, 290.
22. K. und Fastenzeit: Gegenüber
der Käse- und butterreichen Fastnachtzeit
war K. in der Quadrages. verboten. Schon
die truUanische Synode verbietet den
Genuß von K. und Eiern in der Fasten¬
zeit: In Armenien und anderswo ißt
man an den Sonntagen der Quadrages.
Eier und K. Auch diese Speisen kommen
von Tieren und dürfen an den Fasten
nicht genossen werden.... In der ganzen
Kirche muß eine Art der Fasten herr¬
schen 227 ). Die Paulizianer genossen
während der Fastenzeit K. und Milch 228 ).
In einem Kloster bei Rom, dessen Nonnen
sich durch Frömmigkeit auszeichnen,
essen diese weder Schweinefleisch noch
Käse noch Eier 229 ). Die orientalischen
Kirchen verbieten noch jetzt neben Eiern
auch Milch, Butter und Käse an den
Fasttagen 23 °). Eine Bäuerin in Bul¬
garien, deren Kind in der Fastenzeit
ein wenig Käse verschluckte, meinte,
das Kind habe eine unverzeihliche Sünde
begangen 231 ). In Belgien sind Eier,
Müch, Butter und Käse am Karfreitag
untersagt 232 ). Ein Schweizer aß in
Schlesien einmal zur Fastenzeit K. nach
Schweizer Brauch und konnte kaum die
Absolution erlangen 233 ).
ni ) Hefele Conziliengesch. 3, 308 Nr. 56;
ARw. 13, 556. 228 ) ARw. 13, 555 ff. 229 ) Klapper
Erzählungen 243, 29. 230 ) ZfVölkerpsych. 18,
48. ***} Maennling 120. 232 ) Wolf Nieder¬
ländische Sagen 685. 233 ) Schweizld. 3, 503.
23. K.augurium: Daß man auch
in der Antike aus dem K. weissagte,
bezeugt eine Stelle bei Aelian 234 ): ’Axoum
pivxot Ttvcuv Xe^ovicuv, oxt xal aXcptiot? pav-
xeuovxat xtvec xal xoaxtvotc xal xoptaxoic.
Nach dem St. Florianer Papierkodex
stellte man in den Rauchnächten Augurien
über die Getreideernte an: item in der
lesten rauchnacht tragent sy ain ganczen
laib und ches umb das haus und peissent
darab. als manig pissen man tan hat,
so vil schober wemt im auf dem veld 235 ).
Auch für Heiratsaugurien verwendet man
K.: Von Tagwellen: Andere treiben an
Matheis- oder Andreasnacht viel Gaukel-
und Affenspiel / mit Gürtlen Schuen
Schabziegeren oder grünen Käsen und
anderen Dingen; hierdurch im Traum
zu erfahren / oder durch würkliche Er¬
scheinung zu ersehen / was sie für Heyrat
bekommen werden 236 ).
In Arensdorf aßen die Mädchen abends
ein K.brot, weil sie glaubten, daß durch
seine Einwirkung ihnen der Liebste im
Traum erscheinen würde 237 ). Im Kanton
Bern stellt eine ledige Weibsperson am
Abend vor Weihnachten zwischen 11 und
12 Wein und K. auf den Tisch, zieht sich
nackt aus und kehrt rücklings gegen die
Fenster die Stube, dann sieht sie beim
Tisch ihren Zukünftigen 237a ).
***) Var . hist. 8, 5; vgl. Artemidor Oniro-
criticum 2, 69 (= 161, 22 Hercher L. 1864).
235 ) Grimm Mythol. 3, 418, 33; Rochholz
Naturmythen 253. 236 ) Anhorn Magiologia 136.
237 ) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 18. 237 *) SAVk.
15» 3 »' SchweizVk. 3, 89; Rothenbach Bern
49; Engelien u. Lahn 237; Drechsler
1, 13-
24. Zauber mit K.: Im Anschluß
an die Fabel von Apuleius, der durch
Gift in einen Esel verwandelt wurde,
berichtet Augustinus, daß in Italien Wir¬
tinnen ihre Gäste durch Genuß von
K. in Lasttiere verwandelten und nach
Bedarf wieder in Menschen. Augustinus
erwähnt auch den Fall des Praestantius;
dieser berichtet, daß sein Vater durch
Genuß von vergiftetem K. tagelang
schlafend dalag und nach dem Erwachen
sagte, er habe als Pferd in Rätien bei
den Soldaten Getreide tragen müssen 238 ).
In dem Gedicht von Burzbach über die
Verbrechen und die Bestrafung der Hexe,
die angeblich den Abt Simon von Leyen
umgebracht hatte, lesen wir 239 ):
Anno müesimo quigenteno duodeno
Lurida per caseum dans saga aconita
(Wolfswurz) peremit.
Auch im Prozeß gegen die Maria Jegene
*
1061
Käse
1062
in Graubünden wird der K. als Medium
für Schadenzauber erwähnt 24 °): „dem
Stäfen Werli habe sie vor vielen Jahren
dis Pulfers an ein schnita K. gestrichen,
daß er ihro nicht mehr ins Haus komme,
habe er den K. nit gässen, sondern in
die Hosa gestossen; erachty, er habe das
Pulver mit instossen darabgeriben". Um
eine Flinte zu bannen: „Iss ein Stück
alten Käses und hauche mit dem riechen¬
den Atem in das Rohr der Flinte; so
ist sie verdorben, es wird nicht damit
geschossen werden. Will man das Ge¬
wehr wieder brauchen, so muß man
■einen frisch getöteten Vogel oder Frosch
durch den Lauf stossen" 241 ).
238 ) Augustinus de civitate dei 18, 18; Franz
Nikolaus Jawor 164; Tharsander 2, 591;
ARw. 13, 546. 239 ) Hansen Hexenwahn 603
Zeile 4 £F. 24 °) Schmid-Sprecher 151, vgl.
171. 241 ) Grohmann 206 Nr. 1430; W. 333.
25. K. als Symbol und Festspeise
bei Familienfesten: Verlobung,
Hochzeit und Taufe, a) Verlobung:
Obwohl der Handk. in der Rheinpfalz eine
große Rolle spielt und dem Bfesuch hin¬
gestellt wird, darf er bei der Brautschau
nicht aufgestellt werden 242 ). In Hessen
und Nassau deuten bei der Brautschau¬
werbung Schinken und Leberwurst auf
eine günstige Annahme des Antrages,
die Bewirtung mit Mus oder K. aber
bedeutet, daß des Freiwerbers Mühe
umsonst gewesen ist 243 ). In Zermatt
wird der Freier, dessen Werbung ange¬
nommen wird, in den Familienkreis auf¬
genommen, indem man ihm erlaubt, vom
hundert jährigen Familienkäse zu essen 243a ).
Bei Waldmünchen stellt der Bursche,
wenn er das Mädchen zum erstenmal
ausführt, eine Probe auf die Häuslich¬
keit an: Erläßt K. bringen und schneidet
ihn auf, ohne ihn zu schaben, ißt das
Mädchen den K., ohne ihn zu putzen, so
deutet das auf eine unreinliche Haus¬
frau; schneidet es die Rinde ganz weg,
wird es verschwenderisch; schabt es
aber das Unreine ab, ohne etwas weg¬
zuschneiden, dann wird es eine gute
und sparsame Hausfrau abgeben 244 ).
Bei einer Brautwerbung in der Herze¬
gowina greift einer der Werber nach
«dem Abendessen nach seinem Sack und
holt ein Laibchen K. heraus und nimmt
das Messer zur Hand, um es zu zerstückeln;
da unterbricht ihn einer der Werber
und ruft: Nicht doch, jetzt werden wir
jemand suchen, der es zerschneiden
wird 244a ). Die wendische Hochzeit be¬
ginnt mit Butterbrot und K., beides
wird auch an die Zuschauer ausgeteüt 2441 *).
Bei den Ditmarsen werden mannslange
Brote und K. auf den Braut wagen ge¬
laden 244c ).
242 ) Bavaria 4b, 367; vgl. Becker Pfalz 227;
Der Pfälzerwalci n, 172 s. Wenn in der Schweiz
ein Besuch kommt, den man ehren will,
so wird ein K. angehauen, der halbe Teil ge¬
braten und Honig daraufgestrichen: Schw-
Vk. 8, 35. 243 ) ZfVk. 13, 289. 243a ) Bächtold
Hochzeit 1, 41 ff. 244 ) Schönwerth Oberpf. 1,
51 ff. Nr. 7. 244a ) Krauß Sitte und Brauch
372 A. 1. 244b ) Rochholz Naturmythen 234.
244 q ebd.
26. b) Hochzeit: Im Norden von
Schottland empfängt die Mutter des
Bräutigams die Braut an der Schwelle
des Hauses und hält über dem Haupt
ein Sieb mit Brot und K. gefüllt; der
Inhalt wird unter die Gäste ausgeteilt
oder unter das junge Volk ausgestreut,
das eifrig darnach hascht 245 ). Wenn
auf der Alpenkette zwischen den Schweizer
Kantonen und Wallis eine Hochzeit
stattfindet, ist es Sitte, daß man auf
einen Käse Namen der Vermählten und
Datum der Hochzeit vermerkt 2AA ). Oft
kommen beim Totenmahl K. zum Vor¬
schein, die das Geburts- und Hochzeits¬
datum des Verstorbenen tragen 247 ). Sogar
hundertjährige K. sind nichts Seltenes a48 ).
245 ) Mannhardt Forschungen 361. 168.
24e ) Schweizld. 3, 504. 247 ) Rochholz Glaube
1, 195 - 248 ) Stebler Goms 90 ff.; Bächtold
1, 42 ff.
27. Geburt, Taufe und Woghen-
bett: An demselben Tag, da den Berg-
einwohnem in der Schweiz ein Kind ge¬
boren wird, zeichnen sie einen K. mit
Namen und Jahreszahl, oft des Geburts¬
tages für Kinder und Kindeskinder be¬
wahrt; dieser K. wird am Tage des Be¬
gräbnisses verzehrt 249 ); in ähnlicher
Weise backt man nach dem Bischofs¬
bericht des Olaf Magnus bei der Ge¬
burt besondere Brote und bewahrt sie
bis zum Tode auf 250 ).
In England wird bei der Geburt der
„sick-wifes cheese“ zubereitet und in
kleine Stückchen zerschnitten; diese wer¬
den in die Schürze der Hebamme ge¬
worfen und geschüttelt; wenn die jungen
Mädchen diese aus der Hebammenschürze
genommenen Stücke unter das Kissen
legen, träumen sie vom Schatz 251 ).
In Nordengland gibt es bei der Geburt
eines Kindes den Groaning-Cheese (groan
= stöhnen) und einen Kuchen; nach der
Geburt des Kindes schneidet man in
die Mitte des Käses ein Loch und macht
aus dem Käs einen Ring, durch dessen
Öffnung man am Tauftage das Kind
zieht (siehe durchziehen); diese K.-
ringe heißen auch Groaning-Cake; sie
werden oft vierzig Jahre aufbewahrt 252 )
(wie die Karfreitagsbuns) 253 ).
In München gab es ehedem den Zanken¬
käs, welcher bei einem Taufmahl auf¬
getischt wurde, besonders wenn ein Knabe
geboren wurde 254 ). Eine ähnliche Be¬
stimmung hatte der Rümpfei- oder
Rümpelk.: So heißt noch heute in Nüm- j
berg eine gewürzte Art von Lebkuchen,
die zur Bereitung von Brühe verwendet
wurden. Hans Sachs erwähnt diesen
Rümpelk. 255 ):
Geht denn die Fraw mit einem Kindel,
So tracht umb vier und zweinzig Windel
Ein Fürgang und ein Rümpelk.,
Weck, Käs und Obs zu einem Gefreß.
Im Fichtelgebirge heißt die erste Suppe,
die die Wöchnerin nach der Geburts¬
arbeit bekommt, Rumpelsuppe 256 ); im
Elsaß sagt man: es hat gerumpelt für:
ein Kind wurde geboren 257 ). Daß man
mit Lärm die bösen Geister von der Ge¬
bärenden fernhalten wollte, und daß der
Name Rumpelk. damit zusammenhängt,
muß als eine kuriose Vermutung von
Hofier erwähnt werden 258 ).
In Ostfriesland steckt man der Heb¬
amme, die den Taufkuchen „Pupke-
Käse“ herumreicht, ein Geldstück in den
Käse 259 ).
Bei Lübben im Spreewald erhielt der
Pfarrer noch im Anfang des 18. Jhs. nach
der Taufhandlung ein Brot und einen
Käse; dasselbe Geschenk erhielten die
Taufpaten; diese verteilten die Spende
in der Kirche und nahmen ihren Teil
mit nach Hause ^.
Ist das Kind ein Knabe, so müssen
in Treffelstein die Gäste Käse essen,
damit dem „Bou“ seinerzeit der Bart
wachse M1 ).
Beim Fest der Namengebung des Kindes
briet man in Griechenland K. aus Galli-
poli 262 ).
In Frankfurt finden wir im 14. Jh.
den „Mandelkäse 4 * bei Taufangelegen-
heiten; dieses Gebäck machten später
in der Gesellschaft Limburg immer drei
ausgewählte Frauen, unterstützt von drei
Männern aus Mandelkernen mit ge¬
schlagenem Eiweiß und Molken 263 ).
Im Oberamt Biberach besteht das
Tauf essen aus saurem K. 264 ). Wenn
das Kind K. ohne Brot zu essen be¬
kommt, kommt es einmal in den Turm
oder an den Galgen 2€5 ).
249 ) Schweizld. 3, 504 ö* 25 °) Olau s Magnus
Historia de gentibus septentrionalibus 1 . c.
Mi) Hazlitt Faith and Folklore 1, 288; ZföVk.
15, 88. »*) Hazlitt 1 . c. 1, 286; ZföVk. 15,
87 ff.; Bächtold 1 . c. * 53 ) Höfler Ostern 15.
2M ) Schmeller 1. c. I, H 37 - *") ebd - 2 > 101 :
Grimm DWb. 8,2, 1494- 2M ) Schmeller 1 . c. 2,
100; Grimm 1 . c. 1492- 257 ) Martin u. Lien¬
hart ElsässWb. 2, 259. M9 ) ZföVk. l.c. 87.
259 ) Lüpke Ostfriesische Vk. 93; Höfler
1 . c. 88 . 26 °) Kriegk Deutsches Bürgertum im
Mittelalter I, 391. 5741 Höfler l.c. 88 .
2S1 ) Schönwerth 1 . c. 1, 171, 4: Rochholz
Naturmythen 255. 262 ) Athenaeus 2, 65 c;
Herdi Käse 63. 263 ) Bibliothek des Stuttgarter
hist. Vereins 1844, 23 (aus einer Pergamenthand¬
schrift des 14. Jh.). 2M ) Höhn Geburt 273.
265 ) Rochholz Kinderlied 317.
28. Allerlei Aberglaube und Re¬
densarten: Mit einem Metzgermesser
soll man nicht frisches Brot oder K. an¬
schneiden, sonst verliert es die Tötung 266 ).
Wenn eine ledige Person bei Tisch die
Butter oder den K. anschneidet, so muß
sie noch sieben Jahre warten (Schles.,
Thür., Erzgeb., Brandenbg., Mecklenbg.,
Wald., Vogtl., Old.) **), vgl. anschneiden
§ 5. Wer nach der Rockenphilosophie K.
auf dem Tischtuch schabt, dem werden
die Leute gram 268 ). Einen K., den man
am Himmelfahrtstag bereitet hat, soll
man nicht über das Meer nehmen 269 ).
Wenn man lange Zeit hat, muß man.
K. essen; dann vergeht sie 27 °) (!).
1065
Käsepappel—Kaspar
1066
aM ) Alpenburg Tirol 365. 267 ) Praetorius
Phil. 203; W. 547. 268 ) Grimm Mythol. 3,
443, 271; ZfVölkerpsychol. 18, 273. 28ä ) Wett¬
stein Disentis 165 Nr. 17. 2, °) SchwVk.
10, 38.
29. K. im Heilzauber und in der
Volksmedizin :a) Heilzauber: Umsich
die Gesundheit für ein ganzes Jahr zu
sichern, bindet man in Rumänien am
1. 3. eine rote und weiße Seidenschnur,
an der eine Silbermünze hängt, um den
Hals; am letzten März legt man die
Schnur ab, kauft für das Silberstück
etwas K. und Rotwein, begibt sich zu
einem Rosenstock, genießt hier beides I
und hängt die Schnur um den Hals 2n ).
Wenn jemand an der Auszehrung
leidet, so geht der, der sie ihm vertreiben
will, abends nach Sonnenuntergang, ohne
zu sprechen, nach einem Holunderbaum,
bringt diesem Wachs, Flachs, Käse und
Brot und sagt 27a ):
Gun Dag Gräun Marie!
Ik bring' di dat Nig’,
Hie bring' ik di Wass, Flass,
Hie bring' ik di Kes' un Brot,
Dat säst du upeten
Und dorbi den Namen vergeten.
In Waldeck müssen die Eltern, wenn
die Kinder kränkeln. Wolle und Brot zu
dem Wachholderbusch einer andern frem¬
den Feldflur bringen und sagen i* 73 ):
Ihr Hollen und Hollinnen,
Hier bring ich euch was zu spinnen
Und was zu essen.
Ihr sollt spinnen und essen
Und meines Kindes vergessen.
In der Übersetzung des Soranus finden
wir den K. als Mittel, um die Empfäng¬
nis zu fördern: mulier ut concipiat, etiam
si nunquam conceperit, capra cum pepe-
rit, ante quam haedus eius suffecerit et
lac sugere incipiat, mulge et ex eo fac
caseolum et in sinistro brachio in linteolo
obligatum suspendito ut portet mulier;
sed cum in balneum ire voluerit, domi
illum munditer reponat; reliquis horis
omnibus secum habeat 274 ).
271 ) Derblich Land und Leute in Moldau
und Walachei 1859, 164; Rochholz Glaube 2,
212. 272 ) Bartsch 1 . c. 2, 366 Nr. 1719; W. 13.
a73 ) Curtze Waldeck 373; zur Frage: Kuhn's
Zeitschrift 13, 73; Mannhardt 1, 20 ff. 274 ) So-
rani Gynaeciorum ed. V. Rose L. 1882, 125 ff.
Nr. 40.
30. b) Volksmedizin: Über die
reichliche Verwendung des K. in der
Antike siehe den Artikel von Kroll 275 )
und Herdi 276 ). Über die Verwendung
in der deutschen Volksmedizin berichtet
ausführlich B. Carrichter 277 ).
Holländerkäs treibt den Bandwurm ab
(Waldkirch in der Oberpfalz 278 )). Auf
eine klare antike Tradition, die Dölger 279 )
vorlegt, geht das bei Hildegard 28 °)
von Bingen und auch sonst in mittel¬
alterlichen Quellen (Ritualen, Pontifi-
kalen usw.) belegte Verbot zurück, den
Epileptikern Ziegenkäse (kultlich unrein)
zu geben. Vielleicht beruht zum Teil auch
darauf die im Mittelalter oft wiederkehren¬
de Ansicht, daß K. nicht gesund sei (vgl.
§ 2).
275 ) Pauly-Wissowa 11, 1495* 278 ) Käse
10—13. 40. 44. 51. 277 ) B. Carrichter Der
Teutschen Speiskammer. Straßburg 1614, 56 ff.
60 ff. 27S ) Schönwerth 3, 265, 16. 279 ) Ichthys
2, 33—68. 28 °) causae et curae 207 (Kaiser).
Eckstein.
Käsepappel s. Malve.
Kaspar
1. Einer der h. drei Könige, der mit
den beiden andern in Segen seine be¬
stimmte Rolle spielt*). Sein Tag ist der
1. Januar 2 ). Als Stemsinger wird er oft
schwarz dargestellt 3 ); in der Kirchen¬
malerei des 15. Jh.s als brauner Asiat 4 ).
Wenn die Wünschelrute Gold zeigen soll,
tauft man sie auf den Namen K. 5 ).
i) Oben 2, 459 ff. 2 ) Nork Festkalender 83.
3 ) ZfVk. 14, 263; Reiser Allgäu 2, 35; Grimm
DWb. 5, 259; Grimme Schwänke usw. in
sauerländ. Mundart 35 f.; auch in der Legende
des Joh. v. Hildesheim: Menzel Symbolik
1, 500; Franz Benediktionen 2, 267. Vgl.
Meisinger Hinz u. Kunz 48 f. 4 ) Menzel
a. a. O. 1, 499. 6 ) Zingerle Tirol 74 (626);
Elsäss. Monatsschr. 1913, 582; Wuttke 110
(143: Böhmen).
2. Oft wird der Teufel K. genannt 6 ).
In Westfalen heißt er Käsperken, de
swarte K. oder Kratzkäpp 7 ), auch Kla-
onenkasper (Münsterland). In Schwaben:
d er schwarze K. 8 ). Auch als Koboldname
kommt K. vor 9 ).
•) Meisinger Hinz u. Kunz 49. 7 ) Woeste
Wb. d. westfäl. Mundart 121. 8 ) Sepp Reli¬
gion 47. v ) Grimm Myth. 2, 889; Meier
Schwaben 266. Sartori.
io 6 j
Kastanie—Kastration
Kastration
1070
1068 I0 ^9
Kastanie (Edelkastanie; Castanea vesca).
1. Botanisches. Die K. besitzt (im
Gegensatz zur bekannten Roßkastanie,
die ihr nur in den Früchten ähnlich ist)
längliche, am Rande »ausgebuchtete und
mit spitzen Zähnen besetzte Blätter. Sie
stammt aus den Mittelmeerländem und
wurde durch die Römer zu uns gebracht.
Bei uns reifen ihre Früchte nur in warmen
Lagen x ).
x ) Märze 11 Kräuterbuch nof.; Schräder
Reallex . 2 1, 560 f.
2. Wer rohe K.n ißt, bekommt Läuse 2 ).
Der Aberglaube ist alt: „Welche menschen
vil castaneen rohe essen die gewynnen
vil luß an dem lybe vnd auch an den
cleydem“ 3 ). Schroeder 4 ) erklärt dies
damit, daß „diese Früchte einen gar
üblen Saft haben und nicht gut Blut
machen, dahero wohl möglich, daß das
Ungeziefer die Läuse bei solchen Leuten
sich häufig finden“. Wahrscheinlich
geht der Aberglaube darauf zurück, daß
bei Hungersnöten, wo Parasiten häufiger
sind, Brot aus K.mehl gebacken wurde 6 ).
Wir hätten also hier ein Analogon zum
Aberglauben von dem läusehervorrufenden
Genuß der Samen des Sauerampfers
(s. Ampfer).
2 ) Zingerle Tirol 1857, 65; Dalla Torre
Volkst. Pflanzennamen in Tirol 1895, 24;
Wilde Pfalz 120. 3 ) Hortus Sanitatis deutsch
1485 cap. 122. 4 ) Apotheke 1693, 920. 6 ) Vgl.
auch Mizaldus Alexikepus 1576, 184; Mau-
rizio Gesch. unserer Pflanzennahrung 1927, 57 h
3. Wenn es am Siebenschläfertag
(27. Juni) regnet, gibt es keine K.n;
wenn am 4. Juli, werden sie wurmig 6 );
vgl. Buche, Haselnuß, Walnuß.
S. auch Roßkastanie.
6 ) Fogel Pennsylvania 239; ähnlich auch in
Frankreich: Rolland Flore pop. 10, 120.
Marzeil.
Kastration. Unter Kastration (cas-
strare = entmannen, entgeilen, verschnei¬
den, sovou^lCsiv) l ) versteht man im
eigentlichen Sinne die Entmannung,
die vorsätzliche Entfernung der Ge¬
schlechtsdrüsen beim Manne durch Aus¬
schneiden (6pxoTO[xta), Zerquetschung
(öXaÖtac, OXißtac). Männliche Personen, die
nur der Hoden beraubt sind, nennt man
Halbverschnittene (spadones); die Ver¬
schneidung wird vollkommen, wenn auch
das männliche Glied (penis) entfernt
wird. Im weiteren Sinne bedeutet
Kastration ein operativer Eingriff zur
Vernichtung der Fortpflanzungsfähigkeit,
bei den Männern Amputation des männ¬
lichen Gliedes allein, bei den Frauen
operative Entfernung der Eierstöcke
und der Gebärmutter 2 ). Die Selbstk.
wird vor allem als Kulthandlung oder
Ausfluß religiöser Ekstase ange¬
troffen 3 ). Die ägyptische Religion kennt
die Selbstentmannung eines Gottes kaum 4 ).
Häufig dagegen ist sie in den semi¬
tischen Kulten bekannt. Der phöni-
zische Gott Esmun wird von der Götter¬
mutter Astronoe in Liebesglut verfolgt,
flieht aber vor ihr und entmannt sich,
wird darauf von der Göttin zum Gott
erhoben 5 ). Der syrische Gott Attes
stirbt durch Selbstentmannung 6 ). Nach
der phrygischen Version des Mythus
wird Attis von Rhea entmannt und
zieht dann als deren Priester umher 7 ).
Nach einer anderen Sagenform wird
Attis der Göttermutter wegen einer
Nymphe untreu; zur Strafe dafür wird
er in Raserei versetzt, in welcher er sich
selbst entmannt 8 ). Nach dem Vorbild
der mythischen Entmannung des Gottes
bringt sich das Kultpersonal (Gallen,
die einem Archigallus unterstehen) die
gleiche Verstümmelung bei ö ). Daß dieser
blutige Ritus noch mit primitiven Werk¬
zeugen, mit einem scharfen Stein oder
einer testa Samia, ausgeführt wurde,
ist ein Beweis für das zähe Festhalten
des Kultes an der althergebrachten Form.
Die Abneigung gegen die später ver¬
wendeten Eisenwerkzeuge hielt noch lange
an 10 ). Eine anschauliche Schilderung
einer solchen kultischen Initiation findet
sich bei Catull 63. Welchen Zweck die
kultische Kastration im letzten Grunde
verfolgte, ist nicht mit Sicherheit zu
ermitteln n ). Doch dürfte sie als Weihe
an die Gottheit, als Heiligung des Ini-
tianden angesehen werden 12 ). Die Selbst¬
entmannung als kultische Obliegenheit
scheint aus den semitischen Religionen
in den Kult der Magna Mater Kybele
und des Attis eingedrungen und mit
diesem nach Griechenland und Italien
gewandert zu sein 13 ). Verschnittene
Priester wurden nur in den Kulten, die
aus dem Orient übernommen wurden,
verlangt, und diese Stellen wurden dann
wohl nur von Ausländem bekleidet 14 ).
Die Idee der Selbstentmannung zum
Zwecke eines gottgeweihten, asketischen
Lebens drang früh in das Christentum
ein. Schon das Evangelium Matthaei
19, 12 kennt Eunuchen, die sich selbst
entmannt haben um des Himmelreiches
willen. Unter dem Einfluß dieser Stelle
nahmen selbst erleuchtete Geister wie Ori¬
gines die Selbstkastrierung vor. Von einer
Sekte, den Valesianem, wurde sie gerade¬
zu gefordert 16 ). Der Brauch nahm in
der Folgezeit derart überhand, daß das
Konzil zu Nicäa (325) im Kanon 1
bestimmte, selbstverschnittene Kleriker
hätten ihr Amt niederzulegen 16 ). Die
späteren Apostolischen Kanones unter¬
schieden zwar ebenso wie das Nicenum
zwischen Selbst- und Fremdkastration.
Doch die Kanones 22 und 23 begründen
die Abweisung der freiwillig verschnitte¬
nen Kleriker damit, daß sie ihre eigenen
Mörder seien und Feinde der göttlichen
Bestimmung. Wenn nach Kanon 24 ein
Laie sich selbst kastriere, so solle er drei
Jahre lang von der Kommunion ausge¬
schlossen bleiben 17 ). Der 7. Kanon der
2. Synode von Arles (443 oder 452) will
keinen Kleriker mit Selbstverstümmelung
zugelassen sehen 18 ). Etwas unklar bleibt
die Formulierung des heute geltenden
Kanons 985,5 des Codex Juris Canonici:
Freiwillige Selbstverstümmelung ist als
„Irregularitas ex delicto“ anzusehen. Im
18. Jh. entstand die in Rußland und
Rumänien verbreitete Sekte der Skop-
zen. Die Verschneidung wird nicht nur
bei den Männern, sondern auch bei den
Frauen ausgeführt; bei den Männer ent¬
weder durch die Abtragung der Hoden
in der Form des „kleinen Siegels“ oder
durch Entfernung von Hoden und Penis
zusammen in der Form des „großen
Siegels“. Bei den Frauen werden die
Brustdrüsen und die äußeren Schamteile
verstümmelt. Die Sekte beschränkt sich
nicht auf die freiwillige Kastrierung;
auch wer imfreiwillig in die Hände der
Skopzen fällt, „kann seiner Mannheit
Lebewohl sagen. Er wird auf ein Kreuz
gebunden, geknebelt und gewaltsam zum
Eunuchen gemacht“ 19 ). Die Fremd¬
kastration ist sowohl unter Natur-
wie Kulturvölkern verbreitet 20 ). Bis
in die ältesten Zeiten reichen Kastra¬
tionen zurück. Semiramis, die mythen-
hafte Königin von Assyrien, soll als
erste zarte Knaben entmannt haben 21 ).
Im alten Mesopotamien und in China
war die Institution der Eunuchen uralt.
Die Pharaonen und die israelitischen
Könige hatten ihre Eunuchen, freilich
unter einem anderen Namen 22 ). Der
Kämmerer der Aethioperkönigin Kandake
war Eunuch 23 ). Unter dem Einfluß des
Ostens gewannen die Kastraten in Rom
Boden. Nero ließ den Sporns entmannen,
weil er ihn leidenschaftlich begehrte und
ihn zu einer Frau machen wollte 24 ).
Domitian bereits mußte gegen das Über¬
handnehmen des Eunuchentums einschrei-
ten; Nerva verbot gleichfalls die Ent¬
mannung 25 ). Mit dem Vordringen des
Islam nahm die Zahl der Verschnittenen
im Orient stark zu. Sie wurden als
♦
Haremswächter angestellt und standen
teilweise in hohen Ehren 26 ). Durch die
Brüsseler Konferenz von 1890 wurde der
Eunuchenhandel verboten.
Als Kampf- und Rachehandlung 27 ),
namentlich im Kriege, findet sich die
Kastration bereits bei den alten Ägyptern.
Die Entmannung ist ägyptische Sieger¬
sitte und wiederholt sich oft in der ägyp¬
tischen Götter-und Menschengeschichte 28 ).
Zur Zeit der Errichtung des israelitischen
Königtums wurden erschlagene Feinde
durch Abschneiden der Präputien ge¬
schändet. Es wird sich hierbei, ander¬
weitigen Analogien entsprechend, um das
Abschneiden der ganzen Genitalien han¬
deln. David zählt seinem Schwieger¬
vater Saul 200 solche vor und erhält
dafür die Braut 29 ). Dieser grausame
Kriegsbrauch hat sich heute noch in
Abessinien erhalten. Abgeschnittene Ge¬
nitalien gelten als Kriegstrophäen. Es
mag dieser barbarischen Sitte der Ge¬
danke zugrunde liegen, auf diese Weise
die Fortpflanzungsfähigkeit und Zeugungs-
1073
Kater—Katharina
IO74
fähigkeit des Gegners zu vernichten, nach
primitiver Vorstellung, auch wenn er
schon tot ist *°).
Eine bedeutsame Stellung nimmt die
Kastration bei der Bestrafung des
Ehebruchs ein. Sie wird als sogenannte
„spiegelnde Strafe“ für Ehebrecher und
Notzüchter angewandt, die mit ihren
Hoden oder dem Zeugungsglied büßen
müssen 31 ). Horaz macht sich über einen
bestraften Ehebrecher lustig: „accidit,
ut cuidam (moecho) testis caudamque
salacem demeterent ferro“ 32 ). Der Kaiser
Severus, der vergeblich den Kampf gegen
Unzucht und Ehebruch aufnahm, ließ
100 Edelleute entmannen 33 ). Das salisch-
fränkische Recht kennt Kastration als
Strafe für Notzucht mit tödlichem Aus¬
gange der Vergewaltigten. „Auch wenn
ein waltpode einen juden einer Christ en-
frauen oder einer maide funde unkeusch-
heit mit ir zu triben, die mag er beide
halten, da sol man den juden sein ding
abe sniden und ein aug ausstechen und
sie mit rüden usjagen“ 34 ). In diesem
Recht kommt ferner die Entmannung als
Vorbereitung zur Todesstrafe vor, außer¬
dem als Verstümmelungsstrafe 3S ). Auch
Diebstahl, von einem Sklaven begangen,
wurde in der gleichen Weise gebüßt, in
England während des Mittelalters sogar
Falschmünzer und Wilddiebe **). Zu
künstlerischen Zwecken wurden in Italien,
besonders im ehemaligen Kirchenstaat,
jährlich zahlreiche Sängerknaben ver¬
schnitten. Man nannte solche Kastraten¬
stimmen „entmannte Harfen“ 37 ). Die
„unzüchtigen Italiäner“ hießen in ihrer
Eigenschaft als kastrierte Kirchensänger
schlechthin „Kappaunen“ 38 ).
Im Aberglauben ist der Angang eines
Entmannten unheilbringend 39 ). Der Harn
eines Verschnittenen hebt jede Frucht¬
barkeit auf 40 ). Über kastrierte Tiere und
über die Prozedur des Kastrierens liefen
im Altertum wie auch noch jetzt merk¬
würdige Ansichten um. Im Kult konnten
kastrierte Tiere nur bei bestimmten
Opfern Verwendung finden. Im allge¬
meinen durften den griechischen Göttern
und Heroen nur dann verschnittene Tiere
geopfert werden, wenn ihnen sonst männ¬
liche zukamen. Den Toten spendete man
dagegen weibliche oder auch verschnit¬
tene 41 ). In Indien darf den der Lebens¬
kraft beraubten Manen nicht ein Widder,
sondern nur ein Hammel geweiht wer¬
den 42 ). Vom Biber wurde lange in der
Antike die Fabel der Selbstentmannung
auf seiner Flucht bestaunt. Von Castor
(Biber) leitete man gar das Verbum
castrare ab 43 ). Von den männlichen
Hyänen glaubte man hingegen, daß sie
aus Eifersucht und Angst vor späteren
Nebenbuhlern die männlichen Jungen
gleich nach dem Wurf kastrierten u ).
Man vertreibt Spitzmäuse, wenn man eine
von ihnen kastriert (Justifikation) 45 ).
Wird ein Pferd kastriert, so fallen seine
Zähne nicht vorzeitig aus 46 ). Die Asche
! der Pflanze Brya, mit dem Urin eines
verschnittenen Ochsen vermischt, macht
impotent. Der Urin eines Eunuchen tut
denselben Dienst 47 ). Eber, Stiere und
Widder werden zweckmäßig im Früh¬
jahr oder Herbst bei abnehmendem Mond
verschnitten (Sympathie) 48 ). Auch in
der neueren Zeit werden noch dergleichen
Vorschriften beobachtet. Wenn in Meck¬
lenburg ein Bulle oder ein Hengst kastriert
ist, so legen viele die Hoden an einen Ort,
: wo weder Sonne noch Mond scheint.
! Die Heilung schreitet vor, so wie jene
vertrocknen, und weder Entzündung noch
starke Eiterung tritt ein 49 ). In Böhmen
verschneidet der Gemeindehirt am Grün¬
donnerstag von Haus zu Haus die
Tiere, erhält dafür eine Gabe und macht
daraus eine Speise, zu der er die Wirtin¬
nen, Mädchen und Mägde einladet w ).
Zum Blutstillen beim Verschneiden
spricht man:
Hüte dich, denn du sollst stehen still,
Wie das Gras stund still.
Da Jesus kniete.
So gewiß sollst Du stehen fest.
Wie der Baum hält die Äst.
Im Namen des usw. 51 ).
Bei den Esten wird oft vorher das Messer
besprochen und die ausgeschälten Testikel
mit Salz bestreut oder in den Dünger
geworfen 52 ). In Mecklenburg kastrieren
einige Operateure nur stehend; man
glaubt, daß sie es nur können, wenn sie
etwas gebrauchen (sie besprechen) 53 ).
In Frankreich mußte früher der Ver¬
schneider zum guten Gelingen sich sogar
seelisch reinhalten; an dem betreffenden
Tage sollte er tunlichst seine Sünden beich¬
ten, auch durfte er nicht Knoblauch essen,
um keinen schlechten Atem zu bekommen.
Wenn er zuerst ein Pferd kastriert und
darauf ein Mutterschwein verschneidet,
so muß das Mutterschwein eingehen M ).
In Böhmen kräht ein verschnittener Hahn
alle Mäuse aus dem Hause, oder er führt
sie alle zum Haus hinaus, indem er
vorangeht 55 ). Gegen Hambeschwerden
trinkt man in Oldenburg den eigenen
Ham oder den eines verschnittenen
Schweines 66 ). Das Hüftweh wird durch
Entmannen geheilt 57 ). Die Genitalien
eines verschnittenen Tieres um den Hals
gehängt, bis sie von selbst abfallen, sind
gut gegen Halsweh 58 ). Damit die Brüste
nicht allzu groß wachsen, reibe man sie
mit den Testikeln eines verschnittenen
Ebers, und zwar die linke Brust mit dem
linken, die rechte mit dem rechten Testi¬
kel. Offenbar liegt hier die Vorstellung
zugrunde, daß der in seinem Weiter¬
wachsen gewaltsam gehemmte Geschlechts¬
teil diese Hemmung durch Reiben weiter
überträgt (Similia similibus) 59 ). Nach
einem Wurstbuch von 1662 wurde aus
den Hoden von kastrierten jungen Schwei¬
nen die Klothwurst (Klöten), vermutlich
zu aphrodisischem Gebrauche, hergestellt,
wie auch nach der Vorschrift bei Kräuter¬
B. Stern Geschichte der öffentlichen Sitt¬
lichkeit in Rußland. Berlin 1907 und K. K.
Graß Die russischen Sekten II. Bd. Die weißen
Tauben oder Skopzen {Leipzig i9i4). 20 )Visscher
Naturvölker 2, 432 fi.; Wlislocki Zigeuner
XIII; Frazer 12, 209. 21 ) Ammianus Mar¬
cellinus 14, 6. 22 ) Marcuse 331. 23 ) Apostelge¬
schichte 8, 27. 24 ) Sueton Nero 28, 1. 25 )
Ders. Domitian 7; Vorberg 80. 26 ) Stern
Türkei 2, 394. Z7 ) Vgl. Schneickert Sexual-
vandalische Gebräuche im Altertum und Mittel-
alter = ZfSexualw. 1924, XI. 28 ) Liebrecht
ZVolksk. 95. 29 ) I. Samuel 18, 25. 27; vgl.
II. Samuel 3, 14. 30 ) Marcuse 331. 31 ) Hoops
Reallex . 1. 614 (Entmannung). 32 ) Satiren
1, 2, 45 f.; vgl. Valerius Maximus 6, 1, 13
= Vorberg 16. 33 ) Dio Cassius 75, 5. 34 )
Grimm R. A. 4 2, 299. 35 ) Hoops a. a. O.
36 ) Marcuse 332. 37 ) DWb. 3, 537. 38 )
DWb. 5, 182; vgl. Höfler Krankheitsnamen
258 (das ist ein man, der seiner gezeuglein
niht hat). 39 ) Lukian Eunuch. 6 — Grimm
3» 223.
40
) Plinius n. h. 28, 65
Licht
Sittengeschichte Griechenlands 2, 78. 41 ) Stengel
153; Ders. Opfergebräuche 89. 103. 136; Roh de
Psyche 1, 58. 42 ) Oldenberg Religion des
Veda 358. 43 ) Keller Antike Tierwelt 1, 188.
4< ) Plinius 8, 108. 45 ) Ders. 30, 148. 46 ) Ders.
11, 169. 47 ) Ders. 24, 72; Licht 2, 76. 48 )
Columella de re rustica 6, 26, 2 = Plinius
18, 322; vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 83. 49 )
Bartsch 2, 145. B0 ) Sartori 3, 140 Anm. 9 =
Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 124. B1 )
Kuhn Westfalen 2, 215 Nr. 613. 62 ) Boeder
Ehsten 96. 63 ) Bartsch a. a. O. 64 ) Sebillot
a. a. O. 65 ) Wuttke 400 §615. 6# ) Ders.
322 § 477 -
67
) Gregor von Tours 10, 15
= Grimm 3, 344. 68 ) Fogel Pennsylvania
276 Nr. 1451. 59 ) Staricius 476 f. ®°) Deutsche
Wurstfabrikantenzeitung 1929 Nr. 34; vgl.
oben 1, 528. Karle.
Kater s. Katze.
mann 164 die Hoden von Hähnen unter
das Wurstgut gemischt werden mußten w ).
1 ) G. Vorberg Glossarium Erot cum. Stutt¬
gart (1929) 80. 2 ) Marcuse in Hdwbch. der
Sexualwissenschaft (1926) 325. 3 ) Arthur
Darby Nock Eunuchs in ancient religion
— ARw. 1925, 25—33; Fred. Bergmann
Origine, signification et histoire de la castration,
de Veunouchisme et de la circoncision. Palermo
1883. 4 ) Urquell 3 (1892), 113L 6 ) Fr. Jere¬
mias in Chantepie de la Saussaye 1 (1925),
6 39- 6 ) Ders. 626. 7 ) Hepding Attis 29. 218.
9 ) Ders. 121. 218. 8 ) Ders. 130. 132. i6off.
163. 192. 10 ) Ders. 161. n ) Deubner in
Chantepie de la Saussaye 2, 496. 12 ) Jere¬
mias a. a. O. und 1, 626. 13 ) Fehrle Keusch¬
heit 110. 14 ) Stengel Die griechischen Kultus¬
altertümer (1920) 38. 16 ) Hefele Concilien-
geschickte 1, 110. 16 ) Ders. 376. 17 ) Ders.
806 f. 18 ) 2, 299. l9 ) Marcuse 326; vgl.
Katharina, hl., Märtyrin, nach ihrer
ohne jede alte Bezeugung gestützten
Legende *) eine in den Wissenschaften aus¬
gebildete edle Jungfrau aus Alexandrien
in Ägypten, die unter Kaiser Maxentius
306 oder 307 nach vorherigem vergeb¬
lichen Versuch, sie zu rädern, enthauptet
wurde, eine der gefeiertsten Heiligen des
Morgen- und Abendlandes. Fest 25. No¬
vember 2 ).
1. Der Kult der hl. K. gewann im Abend¬
land seit den Kreuzfahrten große Ver¬
breitung und fand seit dieser Zeit auch
Eingang in den Kreis der Kirchenfeste 3 ).
Seitdem K. nach dem Vorbild der Pariser
Universität zur Patronin der philosophi¬
schen Wissenschaften erhoben worden war.
1075
Katharina
IO 76
breitete sich ihre Verehrung noch mehr
aus, vermutlich zuerst am meisten in der
gelehrten Oberschicht, später allmählich
auch in der Mittel- und Unterschicht
des Volkes. Vom 15. Jh. an galt sie
als die größte Heilige unter den soge¬
nannten 14 Nothelfem. Mit ihrer Le¬
gende befaßte sich seit dem 12. Jh. die
Schrift- und Dichtkunst 4 ) und formte j
sie immer wieder aufs neue zu epischer
oder episch-lyrischer Darstellung. Ähnlich
wurde die Heilige schon im spät mittelalter¬
lichen Volksgesang 5 ) behandelt. Einzel¬
züge ihrer wunderreichen Vita pflanzten
sich in Volkslegenden 6 ) weiter fort und
neue bildeten sich in weiteren Volks¬
legenden hinzu, Auch in der bildenden
Kunst 7 ) verherrlichte man sie in und
seit dem Mittelalter umso mehr, je größer
der Bereich ihrer Patronate wurde. Sie
erscheint abgebildet mit einer Krone und
königlich gewandet oder in einer der Zeit
entsprechenden Gewandung und im üb¬
rigen mit wechselnden Attributen, mit
dem Rad oder mit einem Schwert oder mit
beiden Marterwerkzeugen, auch mit Palme
und Schwert, mit Blitz und Hagel oder
auch in szenischer Darstellung mit zer¬
sprungener, von Blitzen umzüngelter Rad¬
maschine oder mit einem Ring oder mit
einem Buch und Schwert oder in einer
Disputation mit Philosophen 8 ).
*) Vita erst im I0> Jahrh. vollständig (in
griech. Sprache) ausgebildet, bei Migne Patr.
gr. 116, 275 ff., vermutlich aber schon früher
im Abendland in lateinischer Fassung vorhan¬
den, vgl. Der Katholik XXXV 3 (1907), 158.
Nach Narbey Supplement aux Acta Sanc -
torum 2, 321 (1904) i s t bereits auf einem Fresko
aus dem 5. oder 6. Jahrh. in einer Katakombe
Roms eine Heilige a j s „sancta Catharina“ be¬
zeichnet; vgl. dazu bei Narbey a. a. O. 317
die Bemerkung über die Annahme einer Identi¬
tät der hl. K. mit der reichen und hochgebil¬
deten Alexandriner in Dorothea, die von Maximin
verbannt wurde; Kellner Heortologie 239; Gün¬
ter Legenden-Stuiien 21. 2 ) Knust Geschichte
der Legende der hl, Katharina von Alexandrien
(1890); Beissel Heiligenverehrung 2 (1892),
42; Potthast BibHotheca historica medii aevi
(1896); Korth Di e Patrocinien im Erzbistum
Köln (1904) —108, mit guter Übersicht
über die wichtigsten Quellen und entlegenere
Bearbeitungen der Legende; Gudry Le culte
de S. Catherine d'Alex. (1912); Reiter St. Ka¬
tharina (1916), kulturgeschichtlich. 3 ) Kölner
Festkalender z. B. verzeichnen ihren Tag vom
Ende des 12. Jahrh. ab, zuerst der im letzten
Drittel des 12. Jahrh. verfaßte Kalender des
Severinstiftes, vgl. Zilliken Der Kölner Fest¬
kalender 116. Auf dem Konzil zu Trier 1227 wurde
sie (nebst der hl. Elisabeth) der besonderen
Verehrung empfohlen. In der Benediktiner¬
abtei St. Pantaleon in Köln wurde die feierliche
Begehung des Katharinentages 1237 durch den
Abt angeordnet, vgl. Hilliger Die Urbare von
St. Pantaleon in Köln 141. 4 )Goedeke Grund¬
riß zur Geschichte der deutschen Dichtung 2 i,
233; Norrenberg Kölnisches Literaturleben im
ersten Viertel des 16. Jahrh. 12; Wolf Bei¬
träge 2, 237 = S. Brant (gest. 1521) Leben der
Heiligen 2, 70; Klapper Schlesien 308. 5 ) Moh-
nike Schwedische Volkslieder (1830) Nr. 22:
Liten Karin. Der Inhalt erinnert nur noch
leise an die K.legende; Bö ekel Handbuch 105;
Erk-Böhme 3, 808—812; Wolfram Nas-
säuische Volkslieder (1894) 9; Krapp Oden¬
wälder Spinnstube (1904) 40; ZfVk. 20 (1910),
401; Jungbauer Bibliogr. 114 Nr. 621: Böh¬
men. 6 ) Lütolf Sagen 541; ZfVk. 4 (1894),
406; 9 (1899), 78; Schell Bergische Sagen 123
Nr. 2 = Montanus Vorzeit der Länder Cleve -
Jülich-Berg-Mark 2, 400; Kronfeld Krieg 143;
Hilka Zur Katharinenlegende, AnSpr. 140
(1920), 171 — 184; Flaij Shans Lidovd legenda
o sv. Katerine. Vestnlk 14, 102 f. (Volkslegende
der hl. Katharina); Klapper Schlesien 308.
7 ) Künstle Ikonographie der Heiligen (1926)
369—374. 8 ) Doye Heilige uyid Selige der
röm.-kath. Kirche 1 (1929), 185.
2. Die zahlreichen Patronate 9 ), zu
denen die Heilige während des späteren
Mittelalters gelangte, haben zum größeren
Teil ihren Grund in der legendären Aus¬
schmückung ihrer Vita; bei einigen fehlt
entweder die Begründung oder sie ist
zu weit hergeholt, so daß diese kaum
Geltung beanspruchen können. In erster
Linie galt und gilt K. als Schutzherrin
der Philosophen und Gelehrten 10 ), zu
dieser Würde erkoren durch die Pariser
Universität. Auf den alten Siegeln der
Artistenfakultäten steht demgemäß ihr
Bild, für gewöhnlich mit Schwert und
Palme oder Buch. Begründet wird dieses
Patronat durch die legendäre Überliefe¬
rung, sie habe bei einer Disputation 50
heidnische Philosophen in seltener Bered¬
samkeit widerlegt und zum Christentum
bekehrt. Außer Philosophen, andern Ge¬
lehrten und Hochschulen wählten in der
Folgezeit Angehörige des Lehrstandes im
weitesten Sinne und christliche Schulen
aller Arten die heilige K. zur Patronin,
auch Rechtsgelehrte und Notare, Redner
10 77
Katharina
IO78
und Bibliotheken, Schüler und die stu¬
dierende Jugend. Weil nach ihrer Ent¬
hauptung ihrem Rumpf Milch statt Blut
entfloß u ), wurde sie Schutzheilige der
Ammen für Erlangung von Milch. Wegen
der Messer, mit denen die für ihr Marty¬
rium bestimmte Radmaschine besteckt
war, wählten auch die Barbiere, die früher
gleichzeitig Chirurgen waren, sie zu ihrer
Patronin. Infolge irriger Verbindung ihres
richtigen Namens AfocttEptvoc, russ. Jekate-
rina, mit xaßapö? galt sie als Vorbild der
Reinheit und deshalb leicht erklärlich als
Patronin der Jungfrauen 12 ). Frühzeitig
wurden deshalb auch Klosterkapellen für
Ordensschwestern auf ihren Namen ge¬
weiht 13 ). Eine weitere Entwicklung von
hier aus bedeutet es, wenn Mädchen über¬
haupt, Schulmädchen, Dienstmädchen,
Arbeiterinnen insbesondere, sich an sie
wenden und von ihrer Fürsprache Gutes
erwarten und ihren Tag festlich be¬
gehen 14 ). Früher wenigstens feierte man
diesen, z. B. in England die Spinnerinnen,
und noch heute z. B. in Belgien Mädchen¬
schulen, Pensionate und Familien mit
unverheirateten Töchtern sowie in Frank¬
reich die Arbeiterinnen allgemein, hier
besonders in Paris die Midinettes, in
erster Linie die aus den Werkstätten der
Putzmacherei und Schneiderei (Kon¬
fektion), vielfach .mit Umzügen, mimisch¬
dramatischen Aufzügen, Ball und Ge¬
schenken an die Mädchen. Dienstmäd¬
chen insbesondere hofften oder hoffen
auf die Hilfe der Heiligen zur Erlangung
eines guten Dienstes, Schulmädchen auf
Belohnung ihres Fleißes. Für Pariserin¬
nen, die das 25. Lebensjahr vollendeten,
ohne einen Lebensgefährten gefunden zu
haben, brachte der K.tag noch etwas Be¬
sonderes : sie mußten nach altüberliefertem
Brauch an diesem Tage eine Haube auf¬
setzen n ) und sich nunmehr als alte
Jungfer betrachten lassen. Wegen des
Rades, mittels dessen sie gemartert wer¬
den sollte, wurde K. frühzeitig Schutz¬
heilige der Spinnerinnen 15 ), desgleichen
der Wagner, Müller, Scherenschleifer,
bei den beiden letzten gewiß auch wegen
des Rades. Warum aber ist sie außer¬
dem Patronin der Bleigießer, Bogen¬
schützen, Buchdrucker, Flachshändler,
Gerber, Kammwollenhändler, Lederar¬
beiter, Schiffer 17 ), Schuhmacher, Seiler
und Wamsmacher gewesen oder noch
jetzt ?
9 ) D oy 6 a. a. O.; zu den dort genannten Ländern
und Städten, die K. zur Schutzherrin wählten,
wäre noch hinzuzufügen z. B. Kremnitz (Un¬
garn). 10 ) Schmidt Volksk. 126 = Sebastian
Franck Weltbuch, 2. Teil Europa (Tüb. 1534).
n ) Surius De probatis Sanctorum historiis VI
587; Narbey a. a. O. II 327. 12 ) Fontaine
Luxemburg 82; K. ist im Kanton Freiburg
(Schweiz) die Patronin der jungen und alten
Mädchen. 13 ) Samson Die Heiligen als Kirchen¬
patrone 249 = Kampschulte Die westfälischen
Kirchen-Patrocinien 158: in Dortmund war seit
dem Jahre 1118 die Kirche der Prämonstra-
tenserinnen und (später) in Unna die der Au-
gustinerinnen der hl. K. geweiht. 14 ) Reins¬
berg Festjahr 351. 15 ) La Tradition 17 (1903),
313; man nennt diesen Brauch coiffer Sainte-
Catherine. 18 ) Reinsberg Festjahr 350;
Knappert Folklore en Godsdienstgeschiedenis
162. 1? ) Reinsberg a. a. O. 351: Mecheln
(Belgien).
3. Als Heilige, deren Anrufung die
, »himmlische Zusicherung einer Erhörung“
besitzt, zählt sie ganz besonders zu der
Gruppe der 14 Nothelfer (s.u.i.). Die
bevorzugte Stellung, die sie in dieser
Heiligengruppe einnimmt, geht sehr deut¬
lich aus der fast unübersehbaren Zahl
ihrer Einzelbilder in der deutschen Kunst
vorzüglich des 15. Jh. und im Beginn des
16. hervor. Frühe Katharinenaltäre 18 )
zeugen gleichfalls von ihrer alten Ver¬
ehrung als einer hilfreichen Heiligen.
Man wandte sich oder wendet sich an sie
gegen Migräne, wahrscheinlich weil sie
selber durch ihre Enthauptung mittels
des Hauptes genugsam litt und Ver¬
dienste erwarb, auf Grund deren, wie man
glaubte, ihre Fürsprache zur Heilung
von Kopfleiden wirksam war. Weil die
Heilige so vortrefflich und beredt den
christlichen Glauben gegen Kaiser Maxen-
tius zu verteidigen wußte, also „eine
gute Zunge hatte“, wurde (wird?) sie bei
Zungenleiden 19 ) angerufen. Durch ihre
Fürbitte sollten besonders auch Stumme
geheilt werden, weshalb man Zungen aus
Wachs oder aus andern Stoffen opferte.
Nach der Legende floß aus ihrem Gebein,
das Engel nach ihrem Tod auf den Berg
Sinai trugen, ständig öl 20 ), das alle
1079
Katharina
I080
Gliederübel heilt. In Tirol galt das K.öl
im Volk früher als Heilmittel gegen
„Pest, Vergicht, Zitrachen, Gründschup¬
pen, Atemnot, Eingeweidewürmer, Grim¬
men der Bärmutter“ usw. 21 ). In der
Steiermark glaubte man, dieses öl helfe
Kindern gegen Würmer, wenn es äußer¬
lich in die Nabelgegend eingerieben
werde 2a ). Eine in Kathreinöl (oleum
petrae album) gekochte Feige, langsam
verschluckt, helfe gegen Angina 23 ). In
Siebenbürgen galt oder gilt K. als Helferin
der Bettnässer, von denen sie deshalb mit
dem Spruch: ,,Heilige Kathrein, du sollst
bei mir sein, Benimm meine Schwäch'“ :
angerufen wird 24 ). Der unmittelbare
Anlaß hierzu ist nicht ersichtlich, eben¬
sowenig, wenn ihre Hilfe gegen Flechten
erbeten wurde 2S ). Von Frauen wurde sie
auch in Geburtsnöten angerufen, und ihre
Passio wurde für diese während des Ge-
bärens verlesen 26 ). Der „Geistliche
Schild“ empfahl sie als Stundenpatronin
für die Zeit von 4 Uhr nachts bis 5 Uhr
nachts, d. i. besonders denen, die in dieser
Stunde im Sterben lagen 27 ). Nach der
Grüssauer Überlieferung (Schlesien, hand¬
schriftlich) war die besondere Gabe der
hl. K. als Mitglied der Not helfergruppe
ihre Hilfe in der Sterbestunde 28 ).
Weiterhin wird die Heilige in einem
Feuersegen 29 ) erwähnt, auch in einem
Wettersegen 30 ) gerufen. In einem Waffen¬
segen 31 ) wird empfohlen, die Waffe im
Gedenken an St. K. zu nehmen und
vom Schmer eines Wagenrades über die
Schneide zu streichen mit dem Kreuz¬
zeichen und Gebet „gott zu lobe und der
Jungfrawenn Sant Katherinen zu ere“.
18 ) Vgl. z. B. Weber Bistum und Erzbistum
Bamberg (1895) 7 °- 72. 101. 272. 19 ) Andree
Votive 120. 20 ) Legenda aurea (ed. Graesse)
794 — 795 » Beissel Verehrung der Heiligen 2,
42: Herzog Heinrich von Braunschweig brachte
ein noch jetzt [ ?] im Weifenschatz befindliches
Glasfläschchen [von seiner Pilgerfahrt zum
Katharinenkloster auf Sinai] heim, das die
Inschrift trägt „Oel der hl. K., welches
Herzog Heinrich mit eigenen Händen aus deren
Grab nahm und nach Braunschweig brachte.
1331 am 3. April"; vgl. auch Der Heiligen
Leben Blatt 102. 81 ) Andree-Eysn Volks¬
kundliches 132. M ) Hovorka-Kronfeld 2,
97 = Fossel Volksmedizin 79. * 3 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 10. * 4 ) Wlislocki Siebenbürgen
1, 84 f. 15 ) MschlesVk. 14 (1905), 88. *•) Franz
Benediktionen 2, 194; Legenda aurea c. 172
(ed. Graesse 794). 27 ) Geistl. Schild 126—127.
28 ) Klapper Schlesien 310 = K. A. Schmidt
Briegische Chronik (1845) 288. 2 ®) ZfdMyth.
4, 132 f. 30 ) Franz Benediktionen 2, 96. 98.
31 ) Alemannia 27 (1899), 104.
4. Der K.tag 32 ) wurde vereinzelt so
angesehen und gehalten wie anderswo
der Martinstag. Vermutlich spielt hier
die Verschiebung im Kalender vom Jahre
I 5^3 (m Deutschland) eine Rolle oder ein
klimatischer Landesünterschied, oder aber
der nahe bevorstehende Abschluß des
Kirchenjahres (s. u.) ist die treibende
Kraft. Ähnlich wie der Martinstag be¬
deutet der K.tag das Ende sommerlicher
Herrlichkeit und eine Wende bäuerlichen
Lebens. Der Tag galt oder gilt als äußerste
Frist für den Schluß der Viehweide 33 )
und für den Aufenthalt der Bienenstöcke 84 )
draußen. Wie für den Schluß bestimmter
landwirtschaftlicher Einrichtungen so gilt
der Tag anderseits als Beginn bestimmter
Arbeiten, z. B. der Schafschur 35 ), des
Spinnens (Rockenstube) 36 ) und anderer.
Man vergrub am K.tage Teile vom Kohl,
um Samen zu gewinnen, der eine ganz
neue Art sein und eine neue Kohlart
hervorbringen sollte 37 )
Infolge der Nähe des Adventbeginnes,
der für öffentliche Feste und Vergnügun¬
gen kirchlich geschlossenen Zeit, galt schon
der K.tag oder der in der Nähe liegende
Sonntag (Kathreinsonntag, letzter Sonn¬
tag vor Advent) vielfach als letzter
Tag für Lustbarkeiten aller Art, Gaste¬
reien und öffentliche Tänze 38 ). Man
sagte: ,,S. Kathrein stellt das Tanzen
ein“. Die Lustbarkeiten machten einer
stillen Zeit Platz, die Stimmung wurde
ernster. Um so lustiger und fröhlicher
ging es beim letzten Tanz, dem Kathreins-
tanz her 39 ). Besonders gilt (oder galt)
das Verbot für Hochzeiten. Im Solo-
thurner Lande heiratet niemand am
K.tag, der es nicht besonders eilig hat:
„D'Kättri stellt d'Hochsig i“, „Ka-
thrinlitag stellt d'Hochsig ab“. Sogar
das Freien unterliegt (unterlag?) dem
Verbot 40 ). An vielen Stellen ist Ka¬
thrinenmarkt, der früher vielfach als
Gesindetermin 41 ) galt. Werktägliche Ar-
1081
Katharina
1082
beiten, bei denen das Rad eine Rolle
spielte, mußten stillhalten. „Kathrein
stellt Räder und Tanz ein“ hieß es im
Volksmund 42 ). Fuhrleute durften nicht
fahren oder fuhren der Heiligen zu Ehren
nicht 43 ), die Müller mußten die Räder
stellen, also daß sie nicht gingen, und durf¬
ten nicht mahlen 44 ), und den Weibern
war es verboten, das Spinnrad zu be¬
rühren 46 ). So wurde das Attribut der
Heiligen, das Rad, rein äußerlich Anlaß
zu mancherlei Geboten und Verboten,
es sei denn, daß heidnisch-kultische an
das Sonnenrad geknüpfte Gewohnheiten
zugrundeliegen.
3a ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 31; Frazer
8, 275; Fehrle Volksfeste 9 f.; Das heilige
Feuer (1917) 148; Bayer. Staatszeitung Nr. 276
v. 26. 11. 1920 S. 3; Sartori 3, 274 = Strauß
Bulgaren 350 (Kuchenbacken u. Opfer); Se-
billot Folk-Lore 4, 436. 33 ) Frischbier
Hexenspr. 147 (Provinz Preußen); Eberhardt
Landwirtschaft 20: Kathrei tu d’ Küh’ ei;
Meyer Baden 162: Kathari ist d’ Futter¬
magd; Wettstein Disentis 165 (44). S4 ) Eber¬
hardt Landwirtschaft 22. 3 ') Boeder Ehsten
91; man darf kein Wild schießen, ebenda.
*•) Meyer Baden 174; John Westböhmen 9.
* 7 ) Strackerjan 1, 125; 2, 100. ss ) Leo-
prechting Lechrain 201; Reinsberg Böhmen
514; Schmeller BayWb i, 1309; ZfVk. 1 (1891),
303; 4 (1894), 131: die Kathrein stellt das
,,G’spil’" (Hochzeitsmusik) ein; Fischer Ost¬
steierisches 214: der ,,Küah-Fasching" ist aus.
John Westböhmen 99; Drechsler 1, 164;
Pollinger Landshut 191; Hörmann Volks¬
leben 203; Höhn Hochzeit 1, 1 (Württemberg:
Kathrei stellt ei’, stellt d’ Tänz ei' f . . . d’ Tanz*
und Geig’, . . . Tänz und Schlamp); Schramek
Böhmerwald 174; Meyer Baden 485: Kathrein
schließt d’ Pfeufe [Brunnenröhre, so bei Meyer,
gewiß irrig statt Pfeifenspielj, und de Dumme
(Thomas, 21. Dezember) läßt sie wieder brum¬
me. Vgl. die Redensart aus dem Solothur¬
nischen: Kathri stellt Trummle und Pfilfe i,
Thuma bringt si wieder uma. Bei den Wot-
jäken wurde das letzte große Fest des Jahres
am (russischen) K.tag gefeiert, Buch Wot-
jäken 163. 173. 39 ) John Westböhmen 99:
hier das sogenannte Aufpeitschen, bei dem ein
festlich gekleideter Bursche mittels eines durch
seidene Bänder verzierten Rosmarinstengels
die Mädchen peitscht, die dann für die Burschen
zahlen müssen, dafür aber Wein und Gebäck
als Gabe erhalten. In Luxemburg haben die
Mädchen das Recht, beim Tanz am K.tag ihre
Tänzer selbst zu wählen und für die Aus¬
erkorenen auch zu zahlen, Fontaine Luxem¬
burg 82. Im Kt. Freiburg zogen die Mädchen
singend von Haus zu Haus, sammelten Ka¬
tharinenbatzen, hielten einen Schmaus und
luden die Burschen ein. 40 ) ZfVk. 4 (1894),
131: es darf nicht gefreit werden (Gossensaß).
In Slowenien wirbt man dagegen sein Mädchen
in der Zeit zwischen K.tag und Weihnachten;
das Mädchen bleibt bis zum nächsten K.tag
Braut, Krauß Sitte u. Brauch 358. 41 ) Höfler
Weihnacht 53: Thom, Katharinenmesse; Meyer
Baden 199. 42 ) Hör mann Volksleben 203
(Tirol). 43 ) Birlinger Volksth. 2, 168. 44 )Ebd.;
Meyer Baden 485 = Leoprechting Lech¬
rain 201: sonst kommt einer in seiner Mühle
ums Leben; ZfVk. 1 (1891), 303; Wettstein
Disentis 173 Nr. 26: sonst brechen die Räder.
Auch im Luzerner Land feiern die Mühlen und
darf sich überhaupt kein Rad drehen, ,,weil die
Heilige es nicht gern sieht" (!), echt volks¬
übliche Begründung. 45 ) Ebd. Nr. 27; Hdr¬
in an n Volksleben 203.
5. Der K.tag ist auch ein bedeutsamer
Los- und Orakeltag, in erster Linie für das
Wetter 46 ). In Westfalen heißt es: „Kath-
raine hett den Winter innen Schraine“,
in der Mark: „Sünte Katrin smitt den
ersten Sten (Stein) innen Rhin“ 47 ).
Die Luzerner sagen: Wie das Wefter am
K.tag, so ist es im ganzen Winter.
„Wäscht“ K., d. h. regnet es am
25. November, so „trocknet“ Andreas,
d. h. friert es am 30. November 48 ).
Schiffer nehmen Regen an diesem Tage
als günstiges Zeichen für den rechtzeitigen
Angang der Schiffahrt im folgenden
Frühjahr. Ist das Wetter mild und trok-
ken, gibt es bis Neujahr keinen Frost.
Ihr Tag soll, wie das Volk glaubte, ent¬
scheidend sein für die Mast der Weih-
nachtsgänse 49 ). Wer am Untersee (Lu¬
zern) um diese Zeit gute Netze hat,
der geht fischen; denn: „Kathri jagt
tusig (tausend) dri“. Die Freiburger
(Schweiz) wollen von dem K.tag Voraus¬
sagen für das kommende Jahr haben;
deshalb füllen sie am Katharinentage
eine ausgehöhlte Mohrrübe mit Kom.
Zeigen die Körner bis Neujahr kleine
Triebe, so kann man sich auf das kom¬
mende Kornjahr freuen. Auch gute
Kirschjahre sagt St. K. ihnen voraus.
Wenn nämlich ein an ihrem Ehrentag
in Wasser gestellter Kirschbaumzweig
bis Weihnachten blüht, so „kann man
machen, daß man Körbe hat, wenn es
ans Ablesen geht“. Am K.tag hofft man
nicht nur auf gutes Wetter, sondern be¬
müht sich auch, solches zu erlangen, in-
1083
Kathartik
IO84
dem man K. mit einem Spruche anruft,
z. B. „Leve Katrine, lat de sünnen
schinen“ usw. 50 ). Besonders in Kinder¬
sprüchen und Marienkäferliedern, durch
die die Sonne herbeigefleht und dem
Regen gewehrt werden soll, wird sie ange¬
rufen oder erwähnt 51 ), vermutlich aber
nur des Reimes wegen (Kathrine-schinen),
schwerlich weil ihr „Radattribut an das
Sonnenrad erinnern mochte“(!). Sicher¬
lich kann das Volk nicht für den Ver¬
such verantwort lieh gemacht werden, K.
mit einer germanischen Mythengestalt
(Göttin) in Verbindung zu bringen, höch¬
stens gelehrte Romantiker 52 ). Vereinzelt
gilt der K.tag als „Hagelfirtig“ (Hagel¬
feiertag) und Unglückstag 53 ), warum,
ist nicht ersichtlich. Als außergewöhn¬
lich merkwürdiger, um nicht zu sagen
alberner Beitrag zum volkstümlichen
Orakelglauben sei die aus Ungarn über¬
lieferte Vorstellung angemerkt, daß ein
Bursche, der am K.tage sein Gesicht mit
einem Frauenhemd wischt, im Traum
seine zukünftige Frau sieht 54 ).
48 ) Leoprechting Lechrain 201; Pollinger
Landshut 229. 47 ) Reinsberg Festjahr 351.
48 ) Urquell 6 (1896), 16. 4Ö ) Reinsberg
Festjahr 351. 60 ) Kuhn Westfalen 2, 90
(282 b): Pommeresche auf Rügen. 61 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 7 (Kinderspruch); eben¬
da 386 Marienkäferlied: Sinte Cathelyne,
laet de zonne maer schynen, dat de regen
overgaet. Im Aargau lautet ein Spruch: Chäferli
flüg, flüg über de Rh!, säg der heilig Sant
Chäteri, es sött morn schön wetter si. Der
Käfer selbst wird in der Schweiz Anne-Kathrineli
genannt. 62 ) Mannhardt Germ. Mythen 385:
K. vom Volke (! ?) Begleiterin Holdas genannt,
weil sie ihrer Legende zufolge mit dem Rade
dargestellt zu werden pflegte, das Rad aber als
Sonne angesehen würde. Simrock Mythologie
624 vertritt weiterhin den romantischen Stand¬
punkt, die hl. K. sei im Mittelalter an die
Stelle Sünnas getreten, sei also Sonnengöttin,
weil ihr Attribut, das Rad, ein Abbild der
Sonne sei; ders. Kinderbuch 2 213, 869: K.
ist Sonnengöttin; Meyer Germ. Myth. 292:
,,K., deren Radattribut an das Sonnenrad er¬
innern möchte''. 63 ) Meyer Baden 366; zum
Hagelfeiertag s. 3, 1314. 64 ) ZfVk. 4 (1894), 406.
6 . Der übergroßen Volkstümlichkeit
der Heiligenist es zuzuschreiben, wenn ihr
Name im Mittelalter allenthalben und
über dieses hinaus bis in die neuere Zeit,
in dieser besonders noch in ländlichen
Gegenden, als Taufname allein oder in
Verbindung mit andern sehr beliebt
war 55 ) und dieser frühzeitig auch zum
Gattungsnamen mit recht mannigfaltiger
Bedeutung wurde, meist freilich mit wenig
günstiger oder gar übler, z. B. Keterlin
(Kathrinlein, Kathrinchen) für lieder¬
liche Bauemdime (im Fastnachtsspiel),
schnelle Katharina für Durchfall, so
schon in Grimmelshausens Simplizissi-
mus, ein Spiel mit griech. xaöapais,
xrfdapjjLa, Jungfer Kattel für monatliche
Reinigung (Bayerisch) 56 ) und viele an¬
dere 67 ). Wegen der üblen Bedeutung,
die der Name im Laufe der Zeiten an¬
nahm, vermied man es auch wohl, ein
Mädchen auf den Namen K. taufen zu
lassen. Es entwickelte sich die Meinung,
jede Käthe sei ein halber Teufel. Bur¬
schen achteten deshalb, daß ihre Braut
nicht K. hieße 58 ). In Ehingen a. D. sagte
| (sagt?) man: wo eine „Käther“ im Haus
ist, braucht man keinen Haushund 59 ).
Welchen Einfluß solche und ähnliche
Meinungen auf die Namengebung der
Mädchen ausübten oder heute noch aus¬
üben, verdiente eine Untersuchung.
65 ) Höhn Geburt 276; Wrede Rhein.
Volkskunde 2 148; derselbe Eifeier Volksk*
137 * 66 ) Fischer SchwäbWb. 4, 261; Schweiz-
Jd. 3, 561; Schmeller BayWb. 1, 1309;
DWb. 3, 609; Höhn Volksheilkunde 1, 114.
ß7 ) Meisinger Hinz und Kunz 50; Nied
Heiligenverehrung 77. ö8 ) Grohmann 108
j (Mähren) = Hvezda 1863, 97. 59 ) Birlinger
1 Schwaben 1, 412.
7. Manches, z. B. das Kathreinblü-
merl (Primula farinosa, eine Frühlings¬
pflanze) 60 ), steht in Beziehung zum Tage
der hl. K. von Siena, deren Fest am
30. April ist. Mit Hexenzügen in der
K.nacht wird es sich ähnlich verhalten 61 ).
Jedenfalls sind Verwechslungen beider
Heiligen und ihrer Tage als möglich in
Betracht zu ziehen.
60 ) Vgl. ZfVk. I (1891), 296. 41 ) Meyer
Germ. Myth. 262; vgl. auch Höfler Wald¬
kult 12. Wrede.
Kathartik. K. ist die Kunst des Rein-
machens, des Abwaschens aller Beflek-
kungen, welche den Menschen hemmend
heimsuchen *).
1. Die Lebenskraft des Menschen
stammt aus seiner Verbindung mit der
Allkraft. Sie kann ihn nur durchfluten
t
1085
Kathartik
1086
und so mit „Leben“ und Gesundheit,
Gedeihen und Erfolg segnen, wenn diese
Verbindung ungestört vor sich geht.
Wo aber widrige Kräfte oder Mächte
Eingang gefunden haben, kann die gute
Kraft ihre Wirksamkeit nicht entfalten 2 );
es sei denn, daß Reinigung 3 ) dem Men¬
schen wieder seine ursprüngliche Inte¬
grität zurückgegeben habe. Aufgabe eines
jeden und zugleich sein im eigensten
Interesse begründetes Streben ist es
daher, durch andauernde K. der leben¬
spendenden Macht das Eingehen in den
Körper zu ermöglichen 4 ).
Was aber ist Befleckung in diesem
technischen Sinne? Befleckung ist im
allgemeinen nicht Schmutz — oder zu¬
mindest besteht bei den verschiedenen
Völkern die größte Meinungsverschieden¬
heit über das, was als Schmutz anzuspre¬
chen ist. Unrein ist und Unreinheit ver¬
ursacht zumal, was mit einer widrigen
Macht in Beziehung steht. Man hat oft
eine Identifizierung der Begriffe unrein
und tabu versucht. Das stimmt nicht
ganz. Denn tabu ist auch die heilige
Macht für den, der nicht zur Verbindung
mit ihr initiiert ist; auch das Heilige
wirkt verderbenbringend für den Un¬
vorbereiteten; ohne daß dies Verderben
den Betroffenen verunreinigen würde.
Tabu ist also, der weit umfassendere
Begriff. Wohl aber ist es richtig, daß
alles Unreine tabu ist und tabuierend
wirkt. Freilich ist dieses Tabu seinerseits
abwendbar; es ist der K. zugänglich (s.
Tabu).
Hierbei ist es für die Folgen — und
auch für die Maßnahmen, die zu ihrer
Abwendung führen — gleichgültig, ob
diese Berührung mit der bösen Macht
schuldhaft oder zufällig erfolgte, ob frei¬
willig oder unfreiwillig, ob mit sittlicher
Verschuldung verbunden oder ohne solche,
ja infolge einer guten Tat.
Zwei Vorstellungsweisen sind hierbei zu
scheiden. Auf präanimistischer Stufe, wie
ihr der größte Teil des deutschen Aber¬
glaubens angehört, erfolgt die Befleckung
durch Anhaften oder Innewohnen einer
unpersönlichen bösen Macht, über deren
Herkunft und näheres Wesen man sich
nicht besonders den Kopf zerbricht. Der
Kampf gegen sie geht mit Abwaschungen,
Abstreifungen einher; man versucht sie
zu übertragen, indem man seinen mit
ihr behafteten Seelenstoff überträgt. Die
Übertragung geht dabei nur ausnahms¬
weise auf einen anderen Menschen; meist
ist das Objekt eine Pflanze (Hollunder,
Eiche) von besonderer Lebenskraft und
Heiligkeit, von der man erwarten kann,
daß sie mit der bösen Macht fertig werde.
Oder aber man bringt dies Stück Seelen¬
stoff samt Krankheit zum Absterben
(durch Vergraben, besonders unter der
Dachrinne) und erwartet nach der Regel
des pars pro toto, daß mit dem Absterben
dieses Teiles auch die ganze Krankheit
absterbe. Es sind ähnliche Gedanken¬
gänge, aber zum entgegengesetzten Zwecke
angewendet, wie bei den Methoden des
Schadenzaubers (s. d.).
Auf animistischer Stufe hält man für
Verursacher alles Übels und für das eigent¬
lich Verunreinigende die Dämonen 5 ).
Diese Anschauung hat sich auf deutschem
Boden nicht recht durchsetzen können.
Nur bei Fällen von Geisteskrankheit.
Nur bei Fällen von Geisteskrankheit,
sogenannter Besessenheit, glaubte man
— hier unter kirchlichem Einflüsse — an
das Wirken böser Geister (Teufel), denen
man mit heiligem Spruch und Bann ent¬
gegentrat. Das Alpdrücken sei hier nur
erwähnt, weil die Methoden zur Abwehr
des Alps äußerlich den kathartischen zum
Teile ähneln. Aber der Alp ist kein un¬
reiner Dämon, überhaupt kein Dämon
und wirkt nicht verunreinigend. Wohl
aber verunreinigen Incubus und Succubus.
Ihnen gilt deshalb auch der Bann. Doch
ist der Bann keineswegs die einzige
Maßnahme — nur die wirksamste —
mit der der Mensch den Kampf gegen die
Dämonen führt 6 ).
•Heckenbach De nuditate sacra 3; Rohde
Psyche 2, 436. 2 ) Lippert Christentum 693;
Jolly Recht und Sitte 156; Nilsson Griechische
Feste 489; Fabricius Deposition 39; Dieterich
Kl. Sehr. 121; ARw. 20, 157; Bastian Ele¬
mentargedanke 1, 145. 8 ) Abt Apuleius von
Madaura 184. 4 ) Beth Religion und Magie 2
208 ff. 5 ) Eusebius Praeparatio evangelica
IV 23; Frazer 6, 72 ff. e ) Ebd. 109 ff.
2. Im wesentlichen dient Sitte und
*V
Kathartik
Kathartik
1090
1088
Brauch dem unablässigen Bemühen sich
vor Befleckung zu hüten, den Hexen
und Dämonen Zutritt zu verwehren (s.
Abwehrzauber). Dennoch sammelt sich
immer wieder Unreinheit, die nun kunst¬
gerecht entfernt werden muß. Dem
dienen nun sowohl im Leben des Einzel¬
nen wie der Allgemeinheit sowohl be¬
sondere Gelegenheiten (ungewöhnliche Er¬
krankungen, Vorbereitungen zur Hoch¬
zeit, Todesfall in der Familie; das Ana¬
logon für die Gemeinschaft sind Seuchen,
Kriege, große gemeinsame Veranstaltun¬
gen) wie regelmäßig wiederkehrende Ver¬
anstaltungen 7 ), Freuden- und Trauerfeste,
die in den Kalender eingebaut sind.
Die K. ist noch darüber hinaus ein inte¬
grierender Teil des Ritus 8 ) (s. d.), in¬
sofern fast jeder Ritus mit reinigenden
Bräuchen beginnt (s. Gottesdienst), Rein¬
heit des Teilnehmers voraussetzt und
bedingt und dazu bestimmt ist, diese
Reinheit zu befördern und zu erhalten.
Im besonderen Maße dienen dieser Auf¬
gabe die besonderen Reinigungsfeste oder
Riten, die zum Kult aller Konfessionen
gehören, von dem Volksbrauch (vgl. die
deutschen Osterfeiern) in ihrer Bedeutung
aber noch unterstrichen werden.
Ob privat, ob der Allgemeinheit die¬
nend, die Reinigungsmittel sind ziemlich
typisch •):
a) Als das hervorragendste derselben
gilt das natürliche Wasser. Das Waschen
der Hände ist Bestandteil jedes Reini¬
gungsbrauches. Aber auch der Tote muß
gewaschen werden 10 ). Ja, nach Brauch
der Südseeinsulaner wird ihm sogar die
Haut abgezogen, damit er ganz rein vor
der Totenrichterin erscheine n ). Noch
stärker als gewöhnliches Wasser reinigt
fließendes 12 ), am hervorragendsten wirkt
Meerwasser 13 ) und das durch Salzgehalt
und Segnung mit ewiger Frische und
himmlischer Kraft erfüllte Weihwasser u ).
Als Reinigungsmittel in diesem Sinne
war auch von den ältesten Christen —
im Anschluß an den allgemeinen Volks¬
brauch der Reinigung durch Untertauchen
im fließendem Wasser — die Taufe auf-
gefaßt worden. Sie wusch die Sünden
des vergangenen Lebens ab. Darum I
wurde sie bis in möglichst hohes Alter
hinausgeschoben 1S ).
Die reinigende Kraft der Waschung wird
durch Zeit und Umstände noch erhöht.
Zu den heiligenden Festzeiten, am frühen
Morgen waschen die Quellen die Un¬
reinheiten des Gesichtes ab 16 ). Auch
das himmlische Wasser des Taus (s. d.)
hat besondere Macht. Die Indianer
schätzen das Dampfbad in der Schwitz¬
hütte 17 ).
b) Noch gewaltiger an Wirkung, so¬
wohl positiv wie negativ ist das Feuer
(s. d.). Bei den Römern reinigen sich
durch Durchschreiten (Überschreiten) eines
Feuers die vom Begräbnis Heimkehrenden
quod genus purgationis vocabant suf-
fitionem 18 ). Das Feuer wird hierbei
manchmal durch ein angezündetes Scheit
ersetzt 19 ). Reinigend wirken die Johan¬
nis- und Sonnenwendfeuer *°); ist ihr
oberster Zweck auch, an dem bedeutungs¬
vollen Tage die Kraft des himmlischen
Gestirnes zu vermehren und ihm an dieser
Wendung seiner Bahn beizustehen, so
ist dies doch nicht der einzige Zweck der
auf den Berghöhen flammenden Feuer.
Sie dienen auch dazu, reines Feuer wieder
zu gewinnen. ,,Feuer, das alles reinigt,
was es erfaßt“. Diese Magie des „reinen“
Feuers kennen alle Völker. Denn auch das
reinste der Elemente, das Feuer, gilt als
der Befleckung nicht unzugänglich — es
vor Befleckung zu hüten, war deshalb
heiligste Aufgabe in der persischen Reli¬
gion. Daher muß immer wieder reines,
noch unbeflecktes Feuer das untauglich
gewordene ersetzen. In Griechenland
wurde es am bestimmten Tage 21 ) von
der Insel Naxos gebracht. In Deutsch¬
land wird es an den einzelnen Orten durch
Reibung erzeugt und in die einzelnen
Häuser verteilt 22 ). In der Grabeskirche
zu Jerusalem ist es Teil des Auferstehungs¬
feuers, da der Patriarch aus einer Luke
am heiligen Grabe angeblich auf wunder¬
bare Weise entstandenes Feuer hinaus¬
reicht, das von den Gläubigen aufge¬
fangen und in ihre Häuser getragen wird
(s. ewiges Licht).
Im besonderen gilt Feuer als Mittel zur
Reinigung der Seelen. Nicht so sehr als
Strafe, wie zur Läuterung sind die von
Vergil in der Unterwelt gesehenen Seelen
dem reinigenden Einflüsse des Windes und
des Feuers ausgesetzt. Die Kirche ent¬
wickelte daraus eine umfassende Lehre —
die reinigende Macht des Fegefeuers — die
vom Volke mit Enthusiasmus aufgenom¬
men wurde **). Das Feuer hat aber auch
vergöttlichende Macht. Das beweist die
Selbstverbrennung des Herakles, die ihm
den Olympus gab. Das beweisen die
Sagen von Demophoon, den Demeter im
Feuer von dem Makel der Sterblichkeit
läuterte; in ähnlicher Weise hat auch
Thetis ihren Sohn Achilles unverwund¬
bar gemacht * 4 ).
Mächtiger als die Wassertaufe ist die
Feuertaufe. Feuer reinigt, was Wasser
nicht reinigen kann. Bei den Indiern
müssen irdene Gefäße zerbrochen werden,
nachdem sie einmal durch Benützung zum
Speisen verunreinigt sind; metallene und
hölzerne können gereinigt werden. Ähn¬
liches galt von den Israeliten **). — Ur¬
sprünglich geschah diese Reinigung eben
durch Feuer.
Eine abgeschwächte Form der Reini¬
gung durch Feuer ist die Reinigung durch
Räuchern welche als besonderes wirk¬
sames Mittel zur Vertreibung der Dämo¬
nen dient 26 ).
c) Blut gilt als besonderster Saft. Bei
schwerster Befleckung, insbesondere bei
Befleckung durch vergossenes Blut, muß
Blut zu Reinigung und Abwehr fließen.
Und insofeme als Blutschuld sehr bald
auch als Schuld erkannt wurde, ist Blut
das Mittel, um Schuld überhaupt abzu¬
wehren und abzuwaschen. Dem Be¬
fleckten läßt der Reinigungspriester das
Blut des Opfertieres über die Hände
rinnen * 7 ). So berühren sich Seelenopfer
und Reinigungsopfer aufs engste. All¬
mählich wird auch der Zusammenhang
zwischen Reinigung und Opfer, bzw.
Blutvergießen (bei den Israeliten z. B.
war ja jedes Schlachten ein Opfer, bei
dem das Blut für die Gottheit hingegossen
wurde) immer unlöslicher. Blut zieht die
Dämonen an (Odyssee) und Blut vertreibt
sie (bei den Semiten wird die Schwelle,
über die eine Braut in das Haus des
Bächtold>Stäubli, Aberglaube IV
Gatten einziehen soll, durch Blut eines da¬
selbst geschlachteten Schafes geweiht 28 ).
Auf dem Umweg über das Blutopfer *•),
dem sie entstammt, kann dann auch die
Asche oder ein anderer Bestandteil des
Opfers reinigende Kraft annehmen. So
galt bei den Israeliten als gewaltigstes
Reinigungsmittel die Asche der roten
Kuh bzw. die junge Kuh, die getötet
werden mußte, wenn ein Mord unentdeckt
blieb.
d) Das Schlagen mit der Lebensrute
(s. d.), mit den Riemen (s. d.) aus der Haut
besonders lebenskräftiger Tiere spielt wie
bei anderen Völkern auch bei den Deut¬
schen, und hier besonders an den großen
Lebensfesten wie Ostern, eine große
Rolle als Mittel der Reinigung und Er¬
füllung mit Leben und Fruchtbarkeit.
Bei diesen Riten, von denen die römischen
Luperealien die bekanntesten sind 81 ),
erkennt man am deutlichsten, wie un¬
auflöslich verquickt der Gedanke der
Stärkung und Belebung mit dem der
Reinigung ist, wie die Erfüllung mit
guter Lebenskraft und die Vertreibung
der bösen Macht den Menschen als zwei
Seiten desselben Aktes erschienen 82 ).
In dieser Weise gepeitscht wird auch
der Pharmakos (s. Abwehrzauber) und
ebenso auch Götterbilder in Zeiten der
Not. Besonders von Pan 33 ) wird dies
überliefert. An eine lästerliche und auf¬
rührerische Handlungsweise ist hierbei
nicht zu denken. Vielmehr meinte man,
das große Elend könne nur darauf zurück¬
geführt werden, daß eben die Gottheit
der Lebenskraft selbst an dieser Einbuße
erlitten habe und der Stärkung und Reini¬
gung bedürfe, die man ihr in analoger
Weise wie bei menschlichen Leiden zuteil
werden läßt.
Hier sei eingefügt, daß überhaupt der
Primitive den Gedanken der Unbefleck-
barkeit der Götter nicht gekannt hat.
Ebenso wie die Nerthus nach ihrem Um¬
zuge durch das Land eines reinigenden
Bades bedurfte, ebenso hatten fast alle
anderen Gottheiten, insbesondere die weib¬
lichen, ihre regelmäßigen Reinigungsfeste.
Im ägyptischen Kulte war die Reinigung
des Gottesbildes mit Wasserspenden und
35
Kathartik
Kathartik
1094
1091
1092
Räucherungen der Auftakt des regel¬
mäßigen täglichen Kultes.
Reinigend wirkt dabei nicht nur das
Schlagen, sondern auch die Pflanze (s. d.)
und der Riemen selbst. Im griechisch-
römischen Gebiete wird diese Kraft be¬
sonders Myrthe und Lorbeer zugeschrie¬
ben, auf israelitischem dem Ysop, im
deutschen Volksbrauch u. a. der Zwiebel,
die die bösen Einflüsse aufsaugt, wenn
sie auch nur im Zimmer aufgehängt ist 34 ).
e) In Rußland gilt heiliger Umgang
an heiliger Stätte als reinigend 35 ). Auch
an den griechischen Amphidromien wurde
das Neugeborene um den flammenden
Herd getragen M ), zum Teil sicher als
Zeichen seiner Aufnahme in die Haus¬
gemeinschaft, zum Teil aber auch, um
ihn der Segensmacht des heiligen Ortes
teilhaftig werden zu lassen. Ist die
Aufnahme in die Hausgemeinschaft als
solche ja schon an sich ein Losmachen
des Kindes aus der Zugehörigkeit zum
Seelenreiche (s. Kind). Auch bei den
Kopten ist das Tragen des Kindes um
den Altar ein Teil der Taufriten. Die
deutsche Wöchnerin umwandelt die Kirche
bei ihrer Aussegnung 37 ). Deshalb ist
Knuchel 38 ) wohl insofern recht zu geben,
daß nicht der Beginn der Reinigungs¬
zeremonien dieses Umwandeln sei, nicht
aber verliert es damit seinen katharti-
schen Charakter. Vielmehr aber könnte
man gerade bei den Amphidromien fragen,
ob nicht hier ein abgeschwächter Feuer¬
ritus vorliege.
f) Bei den Mazedoniern soll alljähr¬
lich die Reinigung des Heeres in der
Weise durchgeführt worden sein, daß es
in fester Ordnung und in voller Bewaff¬
nung zwischen den entzweigeschnittenen
Stücken eines H u n d e s hindurchgeführt
wurde 39 ) (2, 498t.). Ähnliches wird von
den Böotiern überliefert 40 ). Auch in der
Vision des Abraham **) taucht dieses
Motiv von den zerschnittenen Opfer¬
tieren auf. Liebrecht **) meint nun, wahr¬
scheinlich mit Recht, daß dies Hindurch¬
schreiten auch der Rasengang, das Krie¬
chen durch hohle Steine und ähnliche
Zeremonien, wie sie z. B. mit der Bluts¬
brüderschaft (s. d.) verbunden waren.
zusammengehörten und einen Reinigungs¬
ritus bildeten, der ein notwendiger Teil
jeder Bundesschließung gewesen sei. Da¬
für spräche auch, daß gerade Abrahams
Vision im Zusammenhänge mit dem
künftigen Bunde statthatte.
Das Tier wirkt hier offenbar als Phar-
makos; das Durchschreiten ist die Ab¬
schwächung eines ursprünglichen Durch¬
schlüpfens. Dieses in ein Tier Eingehen
in der Form des Eingehülltseins in eine
Tierhaut und des Herausgehens aus der¬
selben, ist auch ein Teil des großen Sed-
Mysteriums Ägyptens, bei dem der Iachu,
der Leuchtende, in der Tierhaut seine
Wiedergeburt erlebte.
g) Dieses Durchschreiten und Durch¬
schlüpfen ist einer der verbreitetsten Ri¬
ten, insbesondere auch auf deutschem
Gebiete, zur Abwehr von Krankheiten
(s. Durchkriechen, Durchziehen). Man
zwängt sich zwischen eng aneinander¬
stehenden Bäumen, zwischen Felsen und
Steinen durch; manchmal auch zwischen
Stühlen, Leitern oder anderen häuslichen
Gerätschaften. Man glaubt die Heil¬
wirkung hierbei durch Abstreifung des
an der Haut haftenden Dämons 43 ) oder
der ebenso haftend gedachten bösen
Macht herbeizuführen; sicher aber spielt
auch der Gedanke mit, daß der Baum
oder heilige Felsen (denn meist sind es
ganz bestimmte Örtlichkeiten, die dazu
geeignet oder bestimmt sind) von seiner
Kraft dem Durchschlüpfenden mitzu-
teüen habe. Denn bisweüen tritt die
Heilung nur ein, wenn der zum Zwecke
des Durchschlüpfens zerspaltene Baum
sich als kräftig genug erweist, um wieder
zusammenzuwachsen u ). Eine andere
Wendung für die nur bedingte Wirk¬
samkeit dieses Durchschlüpfens ist, daß
nur besonders Begnadeten es überhaupt
möglich ist. So ging von zwei Säulen im
Tempel zu Jerusalem die Sage, daß der
ins Paradies komme, der sich durch sie
durchzuschmiegen vermöge — aber nur
der Gerechte vermochte sich durch ein
besonderes Wunder hindurchzupressen.
Nicht nur physische Unreinheit, son¬
dern auch moralischer Fehler — soweit
primitive Zeiten hier überhaupt einen
1
1093
Unterschied kennen — konnte durch
dieses Mittel abgestreift werden. Wenn
ein Dorfbursche durch Lösung eines
Liebesverhältnisses sich den Tadel seiner
Genossen zugezogen hat, kann er sich
reinigen, indem er sich durch einen Korb
ohne Boden durchschmiegt 45 ).
In Indien schreiten die von dem Ver¬
brennungsplatze zurückkehrenden Ver¬
wandten des Toten durch ein aus Ästen
zusammengebundenes Joch, wobei der
letzte die Äste auseinanderwirft **). Frazer
machte darauf aufmerksam, daß dieser
Brauch sich aufs engste mit dem berühm¬
ten sub jugum mittere berührte, mit dem
die Römer besiegte und begnadigte Feinde
entließen 47 ). Er scheint aber nicht auf
die Römer beschränkt gewesen 48 ) und
sogar von Parthem einmal gegen Römer
angewendet worden zu sein 49 ). Hier¬
durch sollen die den Kriegern anhaftenden
Seelen der erschlagenen Feinde abge¬
streift werden — es wird ihnen damit
volle Freiheit und auch magische Straf¬
losigkeit gesichert *°). Damit stehe in
Zusammenhang, daß auch die römischen
Truppen selbst nur durch ein besonderes
Tor, die porta triumphalis, in Rom ein¬
ziehen durften, was offenbar eine lustratio
war 51 ). Auch das Alte Testament kennt
das Gebot der Reinigung für die vom
Kriege Heimkehrenden 52 ). Außerdem tra¬
gen die Soldaten 63 ) zu diesem Behufe bei
den Römern noch Lorbeerkränze. „Lau-
reati milites sequebantur currum trium-
phantis, ut quasi purgati ab caede hu-
mana intrarent Urbem“ M ).
h) Es wird alle Unreinheit auf ein ein¬
zelnes Wesen übertragen (Pharmakos-
Gedanke) und dieses dann so vertügt,
daß auch die Unreinheit damit verschwin¬
det (s. Abwehrzauber).
i) Dem Dämon gegenüber erweist sich
K. durch Wort, Spruch oder Segen be¬
sonders wirksam 55 ). Wer den Namen des
Dämons kennt und ihn anzuwenden
versteht, vor dem muß er weichen
(Rumpelstilzchen-Motiv). Auf animisti-
scher Stufe ist der Wort-Zauber der
mächtigste Abwehrzauber.
Für den Wortzauber aber güt wie für
alle anderen kathartischen Mittel, daß
er nicht vereinzelt angewendet wird,
sondern meist in Verbindung mit Weih¬
wasser, Feuer, Räucherung u. a. Auf der
anderen Seite wird aber auch Wasser¬
oder Feuer-K. selten ohne weihenden
Spruch oder Bann vorgenommen, wenn
auch freüich diese Häufung gerade beim
Wasser- oder Feuerritus nicht notwendig
ist M ). Im Gegenteil dient gerade beim
Wasserritus manchmal die Regel des
heüigen Schweigens zur Unterstützung der
Wunderwirkung des reinen Elementes als
gefordert.
7 ) Sartori Sitte 3, 9. ®) Eitrem Beiträge
zur griechischen Religionsgeschichte II. Kathar-
tisches und Rituelles , Videnskapsselskabets
Skrifter Christiania Histor. fil. Kl. (1917).
•) Nilsson Primitive Religion 34 f.; Wundt
Mythus u. Religion 1, 583; 3, 560; 4, 409;
Helm Religgesch. 1, 52 ff.; Storfer Jung¬
fräuliche Mutterschaft 196; Frazer Totemism
4» 363; Agrippa von Nettesheim 3, 328fr;
Cumont Orientalische Religionen 253 (48};
Beth Religionsgeschichte 85 f. 10 ) Schwebet
Leben nach dem Tod 248. u ) Frazer Belief
in Immortality. ia ) Rohde Psyche 2, 405.
13 ) O. Gruppe Handbuch der klassischen Alter¬
tumswissenschaft, Griechische Mythologie und
Religionsgeschichte 2, 889. 14 ) Pfannen-
schmid Weihwasser 205
16
) Augustin
Bekenntnisse Kap. 17. l< ) Wuttke pass.;
Lütolf Sagen 256. 17 ) Tylor Cultur 2, 435;
ZdVfV. 18 (1908), 368. 18 ) Festus 3, 1; ZdVfV.
20 (1910), 151. 12 ) ZdVfV. 18 (1908), 123. *°)
Quitzmann Baiwaren 271. * l ) Philostratos
Heroica 1. 22 ) Briffault The Mothers 3, 4fr
23 ) Ranke Volkssagen 45. * 4 ) O. Gruppe
Griechische Mythologie 892 f., s. a. Register s. v.
Feuer. l5 ) Lev. n, 32 ff. 2< ) Gruppe Griechin
sehe Mythologie 892. 27 ) Rohde Psyche 2,
76 ff.; Höfler Organotherapie 42 f. M ) Frazer
Old Testament. 28 ) Stengel Opfer gebrauche
236. 230. *°) Num. 19; Deut. 21, 6 ff.
)
Ovid Fasti II 410; Liebrecht Volkskunde
395; Nork Festkalender 141; ZdVfV. 15 (1905),
316. 32 ) Frazer 6, 169 ff. 267 ff. Ebd.
6, 256. M ) Wuttke 308 § 488. 85 ) ARw. 9,
452. 3# ) Schol. Aristoph. Lystistr. 757; ZdVfV.
4 (1894), 146. 37 ) Knuchel 9. M ) Ebd.
4L ") ARw. 7, 301; ZdVfV. 20 (1910), 152.
Plutarch Quaest. Rom. in; Liebrecht
Volkskunde 350; ZdVfV. 20 (1910)» 153. 41 )
Gen. 15, 17. 18. 42 ) ZdVfV. 20 (1910), 154.
**) Frazer 261 ff. 44 ) Wuttke § 503. tf ) R.
Hofschläger Über den Ursprung der Heil¬
methoden 213; Montanus Die deutschen Volks¬
feste (1854) 82. 4# ) Journal of the Anthro-
pological Institute 15, 80; ZdVfV. 20 (1910),
157. 47 ) Livius 3, 28; 9, 6; 15, 10; 10,
36. w ) RhM. 25, 59. 49 ) Tacitus Annalen
15» J 5 - M ) Frazer 1, 331. * l ) W. Ward©
1095
üatnartiic
1096
Fowler Die Anthropologie und die Klassiker
205. 223; NJb. 14, 324 ff. 62 ) Num. 31, 19 f.;
Schwally Semitische Kriegsaltertümer 1, 66ff.
106 ff.; Smith Lectures on the Religion of the
Semites 2 491. 63 ) Domaszewski Römische
Religion i6ff. M ) Festus 117, 13. M ) Knuchel
9; Abt Apuleius pass. M ) ARw. 16, 127;
Rohde Psyche 2, 436.
3. Unreinheit entsteht entweder aus
einem Herantreten äußerer Mächte oder
aus der natürlichen Funktion des mensch¬
lichen Körpers.
Im ersteren Falle ergibt sie sich aus
dem Betreten eines an sich unreinen
Ortes, aus der Berührung mit einem un¬
reinen Menschen aus dem Genuß einer
unreinen Speise, aus dem Überfallen¬
werden von einem unreinen Dämon, auch
aus dem Verüben einer verunreinigenden
Tat, insbesondere einer Bluttat, die Dä¬
monen entfesselt und so verunreinigend
wirkt.
Viel rätselhafter ist die Anschauung
aber, daß, nach unseren Begriffen ganz
natürliche und notwendige, keineswegs
krankhafte Funktionen des menschlichen
Körpers als so gefährlich für den Träger
wie als noch gefährlicher und ansteckender
für die Umgebung betrachtet werden
konnten.
a) Insbesondere um die Menstruation
hat sich ein Kranz von abergläubischen
Vorstellungen gereiht, welche für die
Entwicklung der Geschichte der Mensch¬
heit die größte Bedeutung gewannen 6? ).
Dabei war keineswegs klar, aus welchem
Grunde diese Funktion als so gefährlich
betrachtet wurde. Denn die Scheu vor
dem Blute galt nicht zu jener Zeit und
für jene Kultur stufe, bei welcher dieser
Aberglaube schon hoch entwickelt war.
Auch daß die Dämonen dadurch angezogen
würden, konnte damals nicht Erklärungs¬
grund sein — denn man wußte noch nichts
von Dämonen. Noch weniger wurde
ätiologisch ein böses Wesen etwa als
Verursacher angesehen; vielmehr war es
der Herr der Frauen, der Mond, auf
dessen Einfluß diese monatliche Erschei¬
nung zurückgeführt wurde. Ebenso ver¬
sagt Briffaults rationalistische Erklärung,
wonach die Frauen bewußten Schwindel
damit getrieben hätten, um sich den
Ansprüchen der Männer zu entziehen.
Denn die Verbote sind am drückendsten
für die Frauen selbst. Mag auch ursprüng¬
lich die Notwendigkeit zur Zeit der Men¬
struation die Hütte und das Lager zu
verlassen und in der Wildnis zu hausen,
für die primitive Frau nichts Unangeneh¬
mes gehabt haben — oder wenigstens
nicht so schlimm empfunden worden sein
wie später — so gab es doch genug
Praktiken, wie die, daß sie nicht einmal
ihr eigenes Essen haben, nicht einmal sich
selbst kratzen durfte, die große Beschwer¬
den bedeuteten.
Im modernen Aberglauben Europas
haben sich diese Restriktionen abge¬
schwächt. Es blieb aber die Vorstellung,
daß die menstruierende Frau durch ihre
Berührung Pflanzen zum Verwelken
bringe; die Vorschrift, daß sie zum Kon¬
servieren bestimmte Früchte nicht be¬
rühren dürfe, weil von ihr ein widriger
Einfluß ausgehe — und insbesondere
drängte die Kirche auf Unterlassen des
Geschlechtsverkehrs in dieser Zeit M ).
b) Dieselbe abergläubische Scheu galt
einst in verstärktem Maße der Kind¬
betterin. Auch sie mußte einst Haus und
Dorf verlassen; in abgeschwächtem Maße
zeigt sich diese Vorstellung noch in der
Unreinheit, die sich jeder zuzieht, der
ihr Lager oder Gegenstände berührt, die
sie benützt hatte 59 ). Zu ihrer Reinigung
war außer einem Bad ®°) (das auch die
Menstruierende zu ihrer Reinigung nehmen
mußte) und Räucherung meist noch eine
kultische Feier nötig. Nach alttestamen¬
tarischem Brauche war die gebärende
Mutter nach der Geburt eines Sohnes
40 Tage unrein; nach der Geburt einer
Tochter die doppelte Zeit. Sie mußte sich
zum Abschluß der Reinigungszeremonien
nach dem Tempel begeben und dort ein
Reinigungsopfer von jungen Tauben dar¬
bringen. Dieser Brauch wurde von der
Kirche übernommen. Die Sechswöch¬
nerin muß sich in die Kirche begeben, wo
sie vom Priester feierlich gesegnet wird
(„Aussegnung“ als Wiederaufnahme in
die Gemeinschaft, aus der sie durch die
Geburt vorübergehend geschieden war) 81 ).
In deutschem Aberglauben spiegelt
1097
Kathartik
IO98
sich die Unreinheit der Wöchnerin (s. d.)
nicht nur in ihrer Anfälligkeit gegen
Dämonen und Zauber, sondern auch
darin, daß jede Arbeit, die sie verrichtet,
zum Unheil ausschlägt, der Brunnen, aus
dem sie schöpft, versiegt u. a. m., ja, daß
sie sich nicht einmal die Haare machen
soll, eine Analogie zu den primitiven
Bräuchen, nach welchen sich Frauen
in solcher Lage nicht einmal kratzen
dürfen.
c) Stärker noch als die durch Kind¬
bett verbreitete Unreinheit blieb in
Deutschland die verunreinigende Wir¬
kung eines Todesfälle s bewußt und die
einer Leiche (s. Tod und Leiche). Wenn
dem römischen Flamen Dialis die Gattin
starb, mußte er sein Amt aufgeben 62 )
(allerdings vermutet Briffault, daß die
Flaminica die eigentliche Trägerin des
Amtes war, der flamen nur adlatus und
wie jeder Prinzgemahl mit dem Tode
der Herrscherin seinen Rang verlor).
Priester dürfen mit Leichen nicht in
Verbindung kommen 63 ). Ein mit einer
Leiche beschäftigter wird unrein und
bleibt es auch durch längere Zeit. Bei
den Narewebi dürfen die Leichenwäscher
durch mehrere Tage den Raum nicht
verlassen, wo sie die Leiche gewaschen
haben und müssen täglich ein Bad
nehmen 64 ). Bei den Indiern wird in
ähnlicher Reinigung das Bad am 10. Tage
genommen 63 ). Bei den Huzulen bedürfen
sogar die Zimmerleute, welche den Sarg
gezimmert haben, der Reinigung und
ebenso jene, welche das Grab mit Erde
vollgefüllt 68 ). Wer eine Leiche ange¬
kleidet hat, muß sich die Hände mit Salz
reiben, sonst vergehen sie ihm 67 ) (auch
Natron und ähnliche Minerale gelten
als von reinigender Kraft). Hinter dem
Toten muß die Stube ausgefegt werden —
und zwar, nachdem Salz aufgestreut
wurde — und Kehricht und Besen, welch
letzterer die Unreinheit angezogen hat,
müssen auf den Kirchhof geworfen wer¬
den; diese Prozedur soll möglichst ein
Waisenkind vollziehen, weil dieses am
wenigsten gegen Dämonen anfällig ist
(s. Waise).
d) Verunreinigend ist auch geschlecht¬
licher Verkehr. Er macht den näheren
Kontakt mit der Gottheit unmöglich,
während die sexuelle Reinheit, sei sie nun
dauernd oder wenigstens zeitweilig, das
Göttliche geradezu anzieht 68 ).
Die Erklärung dieser Vorstellung ist
umso schwieriger, als bei sehr vielen
primitiven Kulten und magischen Riten
eine heilige Hochzeit oder sogar orgi-
astische Panmixie das Zentrum der Feier
bildeten. Man könnte hier darauf ver¬
weisen, daß eben deshalb, weil bei diesen
Feiern die Vereinigung mit dem himm¬
lischen Partner vor sich geht, diesem
nicht kurz vorher ein menschlicher Rivale
darf vorgezogen worden sein. Doch bleibt
noch die davon ganz unabhängige Tat¬
sache zu erklären, daß jeder einzelne
Geschlechtsverkehr als verunreinigend
durch eine bestimmte Zeit angesehen
wird.
Im Aberglauben spielt das unschuldige
Kind eine bedeutsame Rolle (s. keusch).
Es webt das Nothemd (s. d.), junge
Kinder sind besondere Glücksbringer 69 ),
sie werden als Interpreten des Volkes in
allgemeinen Nöten verwendet 70 ), ähnlich
wie die Omaha die kleinen unschuldigen
Kinder zu wakonda schicken 71 ).
e) Unrein und verunreinigend sind auch
die Exkremente. Die Vorschrift, das
Lager durch sie nicht zu verunreinigen 7a ),
gilt auch heute noch in Indien. Bei den
Dschagga behaupten die Männer, daß
sie durch die Initiationsriten dieser Not¬
wendigkeit überhoben wurden. Die
Verunreinigung durch Exkremente ver¬
treibt die hilfreichen Geister (s. Zwerg),
bannt aber auch die bösen, weshalb sie
im Haussegen verwendet wird (s. Haus¬
bau).
57 ) Robert Briffault The Mothers pass.
68 ) Ebd. 2, 396 f. *•) Lev. 12, 1 ff. ®°) Lev.
15, 19 ff.: die rabbinische Tradition hat die
„Waschung" des Alten Testaments als Unter¬
tauchen in fließendem Wasser interpretiert.
61 ) Samter Geburt pass.; Lammert 1460. 173;
vgl. T. Pennant A Tour in Scotland 226.
® 2 ) R. Briffault The Mothers 3, 19 ff. ® 3 ) Lev.
21. 1 f. ®®) ZdVfV. 18 (1908), 358. •*) Ebd. 371.
®®) Ebd. 368. ® 7 ) Wuttke434 § 734. •*) Fehrle
Keuschheit 26f. •*) Krauß Sitte pass. 70 ) Eisei
Voigtland 286 Nr. 714. 7l ) Beth Religion und
Magie 2 237; Alice Fletcher The Omaha
1099
katholisch—Katoptromantie
1100
Tribe Animal Report of the Bureau of
Amer. Ethnol.).
5. Manche der Riten müssen nach
dem Gebote des Augenblickes durch¬
geführt werden. Andere, die General¬
reinigungen des ganzen Volkes, werden
mit Vorliebe auf bestimmte Tage, z. B.
den sogenannten Versöhnungstag 72 ) oder
bestimmte Zeiten verschoben 73 ). In
Deutschland sammeln sich diese Reini¬
gungsbräuche um die Feste des Winter¬
austreibens 74 ), auch um die Fastnachts¬
bräuche 75 ), die dann in die Karfreitags-
feiem und die Osterheiligung übergehen.
Ist nämlich K. Magie 76 ), so ist sie doch
zugleich auch Heiligung. Reinigung und
Heiligung sind zwei Seiten derselben
Handlung, die nach primitiver Anschau¬
ung imtrennbar verbunden sind.
7 *) Lev. 16. 73 ) Sam t er Religion der Griechen
56 ff. 74 ) Frazer 6, 404 ff. 76 ) Ebd. 6, 3130.
74 ) Reinfried Buchari 16 ff. K. Beth.
katholisch s. Konfession.
Katoptromantie. Wahrsagung ver¬
mittelst eines Spiegels (xatouTpov). Die
Bezeichnung ist für das Altertum nicht
belegt, sie tritt erst im 16. Jh. zur Zeit
der Hochblüte der Divinationsliteratur
auf, erstmalig vermutlich bei Cardanus 1 ).
Die Verwendung von Spiegeln für Zwecke
der Zukunftserkundung ist für die Antike
zwar bezeugt, spielt aber gegenüber
den Methoden, die mit der spiegelnden
Oberfläche des Wassers arbeiteten, eine
untergeordnete Rolle (s. Gastromantie,
Hydromantie, Lekanomantie). Bei dem
frühesten antiken Zeugnis (2. Jh. n. Chr.) 2 )
handelt es sich um ein wirkliches, mit
dem Kult einer chthonischen Gottheit
zusammenhängendes Orakel: In Patrai
(Achaia) befand sich vor dem Tempel
der Demeter eine Quelle. In sie ließ
man, um die Genesungsaussichten eines
Kranken festzustellen, an einer dünnen
Schnur einen Spiegel bis zur Oberfläche
des Wassers hinab. Nach Gebet und
Rauchopfer an die Göttin blickte man
dann in den Spiegel und sah darin das
Bild des Patienten als Toten oder Leben¬
digen. Es handelte sich also um eine
Verbindung von Hydromantie und K.,
Wasserspiegel und künstlicher Spiegel
sind das Medium für die Weissagegabe
der Erdmutter. Dies Orakel wurde
ausschließlich in Krankheitsfällen be¬
fragt. Ein weiteres Zeugnis berichtet
von dem Kaiser Didius Julianus (193
n. Chr.), er habe sich durch seine Zauberer
aus einem Spiegel wahrsagen lassen;
das Medium, ein Knabe, dem die Augen
verbunden und über den Zauberformeln
gesprochen waren, sagte den Tod des
Kaisers und die Nachfolge des Septimius
Severus voraus 3 ). Die Quelle, aus der
diese Nachricht stammt, ist wenig zu¬
verlässig und die magische Erkundung
des Nachfolgers ein beliebtes Motiv der
späteren Kaisergeschichte. Immerhin
bezeugt sie wenigstens für die Zeit des
Verfassers, die freilich strittig ist, das
Vorhandensein der K., die zwar aus¬
drücklich als etwas Unrömisches, aber
doch nicht Unerhörtes bezeichnet wird 4 ).
Auch ein griechischer Schriftsteller des
5- Jh.s n. Chr. spricht einmal allgemein
von magischen Künsten, mit denen Er¬
scheinungen in Spiegeln hervorgerufen
werden 6 ). Völlig unglaubwürdig ist
die im Mittelalter auftauchende Nach¬
richt, Pythagoras habe aus einem auf
den Mond gerichteten Hohlspiegel ge¬
wahrsagt, auf dessen Fläche er Zauber¬
charaktere mit Menschenblut geschrieben
habe 6 ). Der Spärlichkeit der positiven
Belege für antike K. entspricht ihr
völliges Fehlen in den Zauberpapyri,
in denen anderseits Rezepte für hydro-
und lekanomantische Handlungen mehr¬
fach Vorkommen. Wenn Pythagoras,
der in der Antike und im Mittelalter
so oft als Schüler indischer, persischer
und ägyptischer Magier bezeichnet wird,
mit der K., wie auch mit der Hydromantie
(s. d.), in Verbindung gebracht wurde 7 ),
so deutet dies zweifellos darauf hin, daß
man sie als eine aus dem Orient über¬
nommene Kunst ansah. In Indien war
in der Tat die Spiegelwahrsagung seit
alters im Schwange. Auch dort bediente
man sich dabei eines Mediums, und zwar
eines noch nicht mannbaren Mädchens.
In den kanonischen Schriften wird diese
Divination als „Spiegel“- oder „Mädchen¬
befragung“ bezeichnet; man erklärte sie
IIOI
Katoptromantie
1102
durch das Herabsteigen einer Gottheit
in den Spiegel oder in den Körper des
Mädchens 8 ). Für die Magie der Völker
des alten Vorderasiens scheinen Zeug¬
nisse zur K. nicht vorzuliegen, was jedoch
nicht unbedingt für Nichtvorhandensein
zu sprechen braucht; die mit der K.
so eng verwandten Künste der Hydro-
und Lekanomantie waren ihnen durch¬
aus bekannt.
Was die K. im Mittelalter und in
den folgenden Jahrhunderten be¬
trifft, so soll sich die folgende Darstellung
auf einige besonders wichtige Zeugnisse
älteren Vorkommens beschränken, da die
neuere Spiegel Wahrsagung, zumal die noch
heute oder bis in die jüngste Vergangen¬
heit geübten Formen, später unter dem
Stichwort „Spiegel“ behandelt werden.
Wollte man nur die Stellen heranziehen,
in denen die K. namentlich aufgeführt
und beschrieben wird, so wäre die Aus¬
beute ziemlich kärglich. Denn nicht
selten begnügen sich die Theoretiker der
Divinationsliteratur mit einer Wieder¬
holung der wichtigsten antiken Zeug¬
nisse und stellen die Verbindung mit
ihrer Gegenwart höchstens dadurch her,
daß sie die Erscheinungen im Spiegel
auf die Einwirkungen des Teufels zurück¬
führen 9 ). Meist wird die K. in enger
Verbindung mit der ihr nahe verwandten
Krystallomantie (s. d.) behandelt. Bis¬
weilen werden eigene Erlebnisse der
Autoren beschrieben oder wenigstens an¬
gedeutet, aus denen hervorgeht, daß die
K. auch zu ihrer Zeit geübt wurde 10 ).
Tatsächlich war die Spiegelwahrsagung
im Mittelalter zweifellos stärker ver¬
breitet und zeremoniöser ausgestaltet als
im Altertum. Das beweist vor allem
die Polemik der Kirche, die gegen diese
aus dem Altertum übernommene und
durch orientalische Einflüsse 11 ) befruch¬
tete Weissageform zu kämpfen hatte,
längst bevor die Gelehrsamkeit des 16. Jh.s
den antik klingenden Namen K. er¬
fand 12 ). Johann von Salisbury (f um
1180) faßt unter den „specularii“ alle
die zusammen, die aus blanken Gegen¬
ständen: Schwertern, Schalen, Bechern
und Spiegeln aller Art, wahrsagen, und
verweist auf die Becherwahrsagung Josephs
(1. Mos. 44, 5). Ferner berichtet er,
daß er als Knabe zusammen mit einem
Kameraden von einem Priester bei der
Wahrsagung aus einer spiegelnden Schale
als Medium verwendet worden sei; er
selbst habe keinerlei Wahrnehmung dabei
gemacht, dagegen habe sein Gefährte
angeblich unklare Bilder gesehen 13 ). Sehr
wertvoll ist, besonders wegen der ge¬
nauen Beschreibung des Zeremoniells,
die Behandlung der Spiegelwahrsagung
in Johann Hartliebs Buch aller ver¬
boten Kunst (1456) l4 ). Auch dieser
Autor kennt die Bezeichnung K. nicht,
sondern behandelt diese Wahrsageform
sonderbarerweise im Zusammenhang mit
der Pyromantie, während der Anschluß
an die Hydromantie der gegebene wäre 16 ).
Nach Hartlieb verwendet man entweder
einen Stahlspiegel oder auch einen ge¬
wöhnlichen Spiegel. Der Spiegel ist am
Rand mit Charakteren und Geheim¬
bildern versehen. Die Wahrsagehandlung
geschieht durch einen „Meister“ mit
Beihilfe eines Knabenmediums 16 ); doch
kann man angeblich auch solche Spiegel
hersteilen, aus denen jedermann ohne
solche Vermittlung die Zukunft erschauen
kann, nachdem man vorher gebeichtet
hat (Kap. 86). An die Stelle des Spiegels
kann auch ein blankes Schwert treten.
Wenn man sich über kriegerische An¬
gelegenheiten wahrsagen läßt „sol das
swert sein, das vil lüt darmitt ertödt
sein, so körnen die gaist dester ee vnd
pelder“. Handelt es sich um „lust vnd
fräden, kunst erfinden oder schätz zu
graben, so sol das swert rain vnd vnuer-
mailigt (= unbefleckt) sein, jch waiss
selbs ain grossen fürsten, wer dem pringt
ain altes häher swert, der hat jn hochgeert“
(Kap. 88) 17 ). Auch Priester betrieben
diese Kunst (vgl. oben das Zeugnis
Johanns von Salisbury) und verwendeten
als Spiegel die Patene, „daruff man gott
jn der mess handelt vnd wanndelt“.
Sie „ließen die kind darynn sehen vnd
hetten glauben, das allain die hailigen
engel darynn erscheinen möchten vnd
chain tewfel“ (Kap. 94). Die hier nur
in den Hauptzügen wiedergegebene aus-
U0 3
Katoptromantie
1104
führliche Schilderung Hartliebs beruht
sicher zum großen Teil auf persönlicher
Kenntnis; das bezeugen die wiederholten
Beziehungen auf den Aberglauben großer
Herren und die bewegten Klagen über
die Verblendung der Leute. Offenbar
also war die K. zur Zeit Hartliebs, der
1468 als bayrischer Hofarzt starb, sehr
verbreitet.
Während es sich, soweit die spärlichen
Zeugnisse einen Schluß erlauben, bei der
antiken K. um wirkliche Weissagung,
d. h. Kündung der Zukunft handelt,
dient der Zauberspiegel des Mittelalters
überhaupt zur Offenbarung des Verborge¬
nen 18 ); er weist, wie die Wünschelrute,
verlorene Gegenstände und verborgene
Schätze 19 ), er entdeckt Diebe 20 ) t er
macht, wie ein Fernsehapparat, entfernte
Personen, Plätze und Vorgänge sicht¬
bar 21 ) und ist der Ort, in dem beschworene
Geister erscheinen 22 ). Er gehört deshalb
auch zum unerläßlichen Handwerkzeug
der Zauberer 23 ).
Auf die zahlreichen volkstümlichen
Vorschriften für die Anfertigung eines
Zauber- oder Erdspiegels sowie auf die
vorhandenen Exemplare von Zauber¬
spiegeln soll hier nicht eingegangen wer¬
den 24 ), vgl. dafür den Artikel „Spiegel“.
Durchaus astrologisch bestimmt sind die
sehr ausführlichen Anweisungen des Pa¬
racelsus für die Herstellung von Zauber¬
spiegeln aus genau dosierten Mischungen
der den einzelnen Planeten zugeteilten
Metalle »).
Neben die kirchlichen, in den Volks¬
glauben eingedrungenen, z. T. wohl auch
auf ihm beruhenden Deutungen der
Phänomene bei der K. und ihre astro¬
logische Begründung tritt in neuester
Zeit die psychologische Interpretation,
die die tatsächlich vorkommenden Hallu¬
zinationen auf Suggestion und Hypnose
zurückführt; auch die Psychoanalyse hat
sich der K. bemächtigt. Im modernen
Okkultismus spielt sie eine nicht un¬
bedeutende Rolle 26 ).
x ) Cardanus Opera 1 (1663), 564. 2 ) Pau-
sanias VII 2i # 12. 8 ) Spartianus Vita Didii
Juliani 7, 10 ( Scriptores Historiae Augustae ed.
Peter 133). 4 ) . . . ea, quae ad speculum dicunt
fieri ... Julianus fecit. Ganz ähnlich soll Katha¬
rina von Medici durch einen Magier (Nostrada-
mus?) den Zauberspiegel über die zukünftigen
Regenten Frankreichs befragt haben: Kiese¬
wetter Faust 462. 8 ) Proklos Comment.
Plato Rep . 431, ed. Kroll 1, 290. Zur antiken
K. vgl. Ganschienietz bei Pauly-Wissowa
n, 27; Hopfner Offenbarungszauber 2 § 272;
Abt Apuleius 176; Stemplinger Antiker
Abergl. 55; Bouch£-Leclerq Hist, de la div.
1, 185; Dornseiff Alphabet 2 20. 171. 6 ) Delrio
Disquis. magicae lib. 4, c. 2, qu. 6, sect. 4
Opera 2 (1603), 169: Caelius Rhodiginus
Lectiones antiquae (1517) 533; Bulengerus
Opusc. (1621) 200; Naude Apologie (1679) 172.
Die Unmöglichkeit des Experiments erweist
Campanella De sensu rerum (1620) 331. Es
handelt sich um eine absichtliche oder fahr¬
lässige Mißdeutung der Notiz bei Suidas (s. v.
BerraXT) Y’jvVj); Schol. in Aristoph. Nubes 752,
wo ein „Kunststück des Pythagoras" (fMayrfpo'j
Trodyviov) beschrieben wird: Man schreibt mit
Blut Worte auf einen Rundspiegel und stellt
diesen so auf, daß er die Scheibe des Voll¬
mondes ganz wiederspiegelt. Dann erscheinen
die Schriftzüge auf dem Spiegelbild des Mondes.
Das Vorkommen des Pythagoras in „Mond-
wahrsagebüehern", einer besonderen Form der
Losbücher, hat mit jener Behauptung nichts zu
tun, s. Vian Ein Mondwahr sagebuch (Halle 1910)
59 f. Sollte eine Erinnerung daran vorliegen,
daß die Pythagoreer in ihrer Kosmologie den
Mond mit einem Spiegel verglichen ? Vgl.
Zeller Philos. d. Griechen 1, 425 Anm. 1;
Eisler Weltenmantel 2, 657. 687. Ein Spiegel¬
wahrsager unter Franz I. von Frankreich setzte
gleichfalls seinen Spiegel dem Schein des Mondes
aus: Grillot de Givry he musie des sorciers
(Paris 1929) 336. Buchstaben mit Blut auf
einen „Erdspiegel" geschrieben: Wackernagel
Kleine Schriften 1, 120 (Hs. d. 15. Jh.s). 7 ) Daß
diese Wahrsagungsform in neupythagoreischen
Kreisen tatsächlich geschätzt wurde, beweist
Iamblichos De mysteriis 3. 14, übers, v.
Hopfner (Leipzig 1922) 88. 221. 8 ) Zachariae
in ZfVk. 15, 83; Hillebrandt Ritualliteratur
69; v. Negelein Weltgeschichte des Aberglaubens
(1931) 312, vermutet, daß dem Brahmanen die
im Volk verbreitete Spiegelwahrsagung als
minderwertig und bösartiger Zauber verboten
gewesen sei. 9 ) Z. B. Delrio a. a. O.; Peucer
De praecipuis generib. divinationum (1560) 156;
Longinus Trinum magicum (1611) 92; Bodin
Dimonomanie (1598) 129 zählt die K. zu den
Zauberhandlungen „sans invocation expresse
avec le diable" und unterscheidet prinzipiell
das Orakel von Patrai von den Praktiken der
Hexenmeister seiner Zeit (sorciers); Pictorius
Varia (1559) 56, auch in Agrippas Werken
ed. Bering 1, 480, dt. Ausg. 4, 164 führt die
Erscheinungen auf die Luftgeister zurück.
Teufel als Urheber: Hansen Hexenwahn 3;
Wierus De praestigiis (1564) 155; Pfuel
Electa physica (1665) 149. Weitere Zeugnisse
aus dem 17. Jh. in Alemannia 9, 71; 11, 287.
1105
Katoptromanti e
1106
10 ) Boissardus De divinatione (1615) 15;
Camerarius De generibus divinationum (1575)
129: quod his etiam temporibus genus usur-
pari solere deprehenditur et resciscuntur eventus
mirifici. Qui possent a me non pauci comme-
morari etc. Derselbe Verfasser berichtet bei
der Behandlung der Krystallomantie in seinem
Buch De natura et effectionibus daemonum libelli
duo Plutarchi (1576) B 7 v ff. ausführlich über
ein persönliches Erlebnis in einer von Späteren
oft wiederholten Schilderung. n ) Nach Wierus
De praestigiis 155 wurde die K. „hodie adhuc
in coemeterio vel foro publico Constantinopoli"
ausgeübt. Über die Rolle des Zauberspiegels
in der arabischen Literatur s. Jacob Ein
ägyptischer Jahrmarkt, Szb. Mü. 1910, 10, 21,
über erhaltene magische Spiegel des Islam W.
Schulz in Mitt. d. Städt. Kunstgewerbemus.
zu Leipzig Nr. 7 (1915), 69 ff., vgl. a. Revue
Archöol. 1846, 156. Deutlich sprechen für den
orientalischen Einfluß die Zauberworte auf
erhaltenen Exemplaren deutscher Zauberspiegel,
s. Wünsch Ein Odenwalder Zauber Spiegel in
HessBl. 3, 154 ff., und in den Anweisungen zur
Anfertigung solcher Spiegel, z. B. in Fausts
Höllenzwang bei Kiesewetter Faust 464.
ia ) Synodus S. Patricii et Auxentii bei Du
Cange 7, 549. Can. 16: Christianus, qui
crediderit esse lamiam in speculo, quae inter-
pretetur striga etc. Zahlreiche Stellen aus
Beichtbüchern, Bußordnungen usw. bei Klap¬
per MschlesVk. 21, 82 zu Antonin v. Florenz
(1389—1459)- si incantavit cum speculo vel
pelvi plena aqua. An die Aufzählungen bei
Benedikt v. Massilia, Bresl. Hs. I F 240
Bl. 289 und in einem Beichtbuch bei Hansen
Hexenwahn 43 (um 1270) schließt sich genau
die in Luthers Tischreden , W. A. 10, I 590,
Klinger Luther 69 an. Vgl. ferner Hansen 3:
Schreiben des Papstes Johann XXII. vom
27. II. 1318 verfügt Untersuchung gegen In¬
kulpaten, die „speculis et ymaginibus ... usi
fuere". w ) Policraticus 1, 12. 2, 28. 14 ) Kap.
86 ff. Ausg. v. Ulm (1914) 52 ff., auch bei
Grimm Myth. 3, 431. 15 ) In der Zuteilung der
K. ist auch Agrippa Comm. in Plin. XXX
cap. 2, Opera ed. Bering 1, 529 unsicher. Er
verbindet die „magia, quae speculis et cor-
poribus splendidioribus fieri solet" mit der
Aeromantie, vermutlich weil auch er die Luft¬
geister für die Urheber der Visionen hält.
Codes Chyromantiae A nastasis (1517) 3 r a
zählt die K. zur Nekromantie. 18 ) Die Ver¬
wendung von Knaben, Mädchen, Schwangeren
wird sehr oft vorgeschrieben: Cardanus Opera
1, 564; Boissardus De div. 15; Bulengerus
Opuscula (1621) 199 (nach ihm wird der Spiegel
in ein mit Wasser gefülltes Gefäß gelegt, Ver¬
bindung von Hydromantie und K.!). Knaben
als Medium im Altertum: Hopfner bei Pauly-
Wissowa 14, 360; Abt Apuleius 112. 17 ) Vgl.
Grimm Myth. 3, 321: „als der in eime swerte
siht die sache, die man hat verstolen" (Troj.
Kr. 27412). „ich hate in einem swerte von även-
tiure einen geist, daz er mir solde künden"
(Frauenlob 142); weiteres s. unter „Schwert".
w ) Hansen Hexenwahn 3: de praeteritis et de
futuris (1318); Paracelsus Opera ed. Huser 10
(1589), n6f. unterscheidet je nach dem Zweck
drei Arten von Spiegeln. In dem einen sieht
man die „Contrafehung von Menschen, Dieben,
Feinden, Vieh, Kriegsrüstung, Schlachtordnung,
Belagerung". Ferner für alles, was die Menschen
tun oder getan haben, „es sey Tag oder Nacht,
das sieht man darinnen". Im zweiten sieht man
„schrifftlich alle vergangne vnd geschehne
Reden, wo vnd von wem geredet", im dritten
„alle Geschrifft in Brieffen, Büchern vnd alles
so in der Federn sein mag, wie heimlich vnd
verborgen es immer ist. Vnd in Summa, so
erscheinet dem Menschen, auff welchen diese
Spiegel gericht seind, alles das, so vnder dem
Horizonte beschehen oder vergangen ist, es
sey nahend oder fern, Tags oder Nachts, Heim¬
lich oder Öffentlich". M ) Alemannia 10, 77
(aus Theophil v. Wahrmund 1691); n, 287
(aus Dieterich Ecclesiastes 1632). *°) Oben 2,
211. Die dort aus Huß Aberglaube 23 ange¬
führte Stelle ist entnommen aus Pachelbl
Ausführliche Beschreibung des Fichtelbergs 1716,
vgl. Bayr. Wschr. 9 (1931), 336. Die Spiegel
wurden sogar verbotenerweise für diesen Zweck
kirchlich geweiht, s. Thomas v. Haselbach
bei Franz Benediktionen 1, 469 Anm. 7. Auch
die zur Heilung einer Krankheit dienlichen
Kräuter erscheinen im Spiegel: Buschius
De reform. monast. c. 51 bei Leibniz Scriptores
rer. Brunsv. 2, 952, auch bei Liebrecht
Gervasius 73 und in Alemannia 9, 76. 81 ) Agrip¬
pa Comm. in Plin. XXX cap. 2, Opera 1, 529;
Boissardus De div. 15; als literarisches Motiv
beliebt, z. B. im Genovefavolksbuch (Alemannia
11, 83), in den Gesta Romanorum cap. 102, bei
Rabelais Gargantua 3, 25, dt. Übers, v. Gelbcke
1, 398, vgl. Gebhardt Franz. Novelle 109.
Weiteres bei Wackernagel Kl. Sehr. 1, 129.
In der altmexikanischen Religion wird der
Spiegel in der Hand des Gottes zum Sinnbild
der Allgegenwart, s. Haberland Der Spiegel
im Glauben und Brauch der Völker in ZfVpsych.
13, 326- 339- Zur Bedeutung des wahrheits¬
kündenden Spiegels in der Schintoreligion der
Japaner s. Güntert Der arische Weltkönig
(1923) 355. M ) Vgl. Anm. 12 und die oben
gegebene Darstellung Hartliebs. **) Man denke
z. B. an Rembrandts Faust und an die Szenerie
der Hexenküche in Goethes Faust. Auf einer
Zeichnung des Lionardo da Vinci im Christ
Church College zu Oxford hantiert eine Hexe
mit einem Zauberspiegel, Abb. bei Grillot
de Givry Musie des sorciers (Paris 1929) 337.
Dort auch eine katoptromantische Szene aus
der prachtvollen Hs. Nr. 2400 der Bibliothek
von Troyes, die angeblich aus dem Besitz des
Abenteurers Graf von St. Germain stammt.
Über die K. Fausts und seines Famulus Wagner
s. Kiesewetter Faust 461 ff.; Birlinger in
Alemannia 9, 76. Auch anderen Zauberern oder
im Geruch der Magie stehenden Gelehrten, wie
Merlin, Pico della Mirandola, Agrippa, Jean
H07
Katze
1108
Femel wurde der Gebrauch weissagender
Spiegel zugeschrieben, s. Journ. Am. Folkl. 6,
32; Wackernagel Kl. Sehr. 1, 128 f.; Ale¬
mannia 9, 75. An letztgenannter Stelle sowie
ebd. ii, 83 ist viel Material zur K. und zur
Krystallomantie beigebracht; weitere ältere
Literatur auch bei Fabricius Bibliogr. anti-
quaria z (1760) 597. 611. 24 ) Vorläufig sei nur
verwiesen auf Wünsch HessBl. 3, 154 ff.;
Horst Zauberbibliothek 1, 125; Wuttke 245
§ 354; Kiesewetter Faust 463 f.; Wacker¬
nagel Kl. Sehr, i, 129 (Hs. des 15. Jh.s);
. Weinhold Ritus 9; Pfister Schwaben 50;
ZfVk. 9, 210; 15, 421; SAVk. 21, 219, s. a. oben
Anm. ii. 25 ) Paracelsus Opera ed. Huser
10 (1589), 115, oben Anm. 18, ebd. 401. 26 ) Des-
soir Vom Jenseits der Seele 82; RöheimS^i^/-
zauber , Internat. Psychoanalyt. Bibi. Bd. 6,
Leipzig-Wien 1919; Fielding The oecult lore
of the mirror in Occult Review 1919, 76; Bolton
A modern Oracle and its prototypes in Journ. Am.
Folkl. 6, 25; Magische Briefe Nr. 1: Spiegel-
und Kristall-Magie (Wolfenbüttel 1925). Die
Darstellungen der K. bei Freudenberg Wahr¬
sagekunst 105 und Geßmann Katechismus 107
beschränken sich in der Hauptsache auf die
Wiedergabe der Schilderungen bei den älteren
Divinationsschri f tstellern. Boehm.
Katze.
1. Etwas Unheimliches, Dämonisches
wohnt nach allgemeinem Glauben diesem
Tier inne, das man daher stets mit einer
gewissen Scheu behandelt. In noch
höherem Grade wie andere Haustiere
deutet die K. Zukünftiges an. Überall
ist der Glaube verbreitet, daß Besuch
kommt, wenn die K. sich putztund
dabei mit der Pfote hinter das Ohr
streicht 2 ). Das Putzen des rechten Ohrs
deutet auf einen vornehmen oder gern
gesehenen Gast, während das Lecken der
linken Pfote unangenehmen Besuch in
Aussicht stellt 3 ). Auch wenn sie einen
Buckel macht, kommen Gäste 4 ). Das
vorgestreckte Pfötchen der sich putzenden
K. gibt die Richtung an, woher der Besuch
kommt 5 ). Leckt sie sich den linken Fuß,
dann wird jemand aus dem Haus gehen 6 ).
Putzt sie vornehmlich das Gesicht, dann
ist weiblicher Besuch zu erwarten, wäscht
sie sich den Rücken, dann kommt ein
Mann 7 ). Sitzt sie beim Putzen rechts hinter
dem Ofen, kommt männlicher Besuch,
wenn links, eine Frau 8 ). Das Belecken
der Hinterpfoten deutet auf fremde
Gäste 9 ); ebenso das Reiben am Tür¬
pfosten oder Tischbein 10 ). Für Liebende
deutet das Waschen der K. auf ein
schönes Stelldichein n ).
*) Vgl. Voß Siebzigster Geburtstag Vers 85ff.;
Grimm Myth. 1, 422*; 3, 437 Nr. 72; ZdVfV.
8 (1898),399; Birlinger Volkst. 1, 117; Boeder
Ehsten 125; de Cock Volksgeloof 1 (1920), 100;
Dähnhardt Volkst. 1, 97 Nr. 9; Fogel Penn -
sylv. 86 Nr. 328; 143 Nr. 666; Keller Grab 4,
249; Kuhn Mark. Sagen 386 Nr. 87; Panzer
Beitr. 1, 259; Urquell 3, 108; ebd. NF. 1, 46;
Schmitt Hettingen 16; Müller Isergeb. 13;
Vernaleken Alpens. 421 Nr. 158; Rosegger
Steiermark 66; Haltrich Siebenb. Sachsen
290; Pollinger Landshut 165; SchweizVk.
10, 36; Klingner Luther 130; Hovorka-
Kronfeld 1, 233; Schramek Böhmerwald
243; SAVk. 2, 281; 12, 214; 23, 188; 25, 283;
Pfister Hessen 168; Bartsch Mecklenburg
2, 131. 208; Drechsler 2, 99; Köhler Voigt¬
land 387; Strackerjan 1, 23; Andree Braun¬
schweig 401; Stoll Zauberglauben 135; John
Westböhmen 214; Manz Sargans 118; Hopf
Tierorakel 22. 24. 31 usw. 2 ) SAVk. 2, 281;
Stoll Zaubergl. 135; Rothenbach 41 Nr. 366;
ZdVfV. 10, 209; Birlinger Volkst. 1, 117;
Manz Sargans 118; SAVk. 12, 151; ZfdMyth.
2 (1854), 102; John Erzgeb. 233. 3 ) Stoll
Zaubergl. 135; ZdVfV. 5, 415; Reiser Allgäu
2, 436; Köhler Voigtland 387. 4 ) ZfrhwVk.
1909, 268; John Westböhmen 214; Schramek
Böhmerwald 243; Wuttke 200 §271. 6 ) John
Erzgeb. 233. 6 ) ZfdMyth. 1 (1853), 237; Groh-
mann 55. 7 ) Bartsch Mecklenburg 2, 131;
Unoth i, 183 Nr. 59. 8 ) Birlinger Aus Schwaben
1, 413. ®) John Erzgeb. 233; Liebrecht
ZVk. 328. 10 ) ZdVfV. 4 (1894), 81 f.; Engelien
u. Lahn 268. n ) „Wäscht sich's Kätzchen,
treff ich's Schätzchen", John Erzgeb. 75.
2. Dann gilt die K. als großer Wetter¬
prophet. Regen gibt es, wenn sie sich
wäscht 12 ) oder sich den Hintern leckt 13 );
ebenso, wenn sie Gras frißt 14 ). Dreht sie
den Schwanz nach dem Ofen oder Herd,
dann gibt es Frost 15 ). Auf Regen deutet
es, wenn sie den Hals verdreht le ). Trinkt
die K. Wasser, so schneit es bald 17 ).
Auch das Niesen der K. zeigt Schnee
an 18 ). Leckt sie sich gegen das Haar, so
wird es Sturm geben 19 ); ebenso, wenn
sie sich am Schwanz kratzt oder am
Tischbein oder Besen reibt 20 ). Scharrt
sie den Boden auf, so schlägt bald das
Wetter um 21 ). Wer gutes Wetter zu
einem bestimmten Tag haben will, muß
die K. gut füttern 22 ). Wirft man eine
Katze ins Wasser, dann wird das Wetter
schlecht 23 ). Wer die K. nicht leiden
kann, bekommt Regen am Hochzeitstag 24 ).
Die K. merken Erdbeben voraus **).
1
1109 Katze IIXO
li ) Bartsch Mecklenburg 2, 140; ZfrhwVk.
1909, 268; Schramek Böhmerwald 250;
Wolf Beitr. 1, 231; 2, 420; Urquell 4 (1893),
88. 274; Haltrich Siebenb. Sachsen 290;
Schönwerth Oberpfalz 1, 358 Nr. 7. 13 ) Meyer
Aber gl. 223; ZfdMythol. 3, 174L 312. 14 )
Strackerjan 1, 23; Birlinger Volkst. 1, 117;
Bartsch Mecklenburg 2, 206; Manz Sargans
118; Fogei Pennsylv. 239 Nr. 1234; SchwVk.
ro, 35. 16 ) ZfdMythol. 3, 1740.; Strackerjan
1,23; Wuttke 200 §271. 1# ) SAVk. 2, 222.
I7 ) Birlinger Aus Schw. 1, 413. 10 ) ZdVfV.
24 (1914), 60. „Prusten" aber gutes Wetter
nach ZdVfV. 24 (1914), 60 im Gegensatz zu
Andree Braunschweig 410. lf ) Drechsler
2, 98; Rochholz Sagen 2,54. 20 ) Grohmann
55; Strackerjan 1, 23; John Erzgeb. 233;
Drechsler 2, 99; Wuttke 200 §271. ai )
Urquell 3 (1892), 139. 2S ) ZfrhwVk. 1914,
259; 1906, 81; 1909, 268; Knoop Hinter¬
pommern 158; ZfdMythol. 2 (1854), 93;
Drechsler 2, 98; A. de Cock Volksgeloof 1
(1920), 102ff.; ZdVfV. 1 (1891), 444; 23 (1913).
281; Maack Lübeck 69. 23 ) Reiterer Ennst.
59. — Weiteres bei E. H. Meyer Germ. Myth.
104; de Cock Volksgeloof 1 (1920), 99; Vonbun
106; Lewalter-Schläger 462; Müller Iser-
gebirge 15; Drechsler 1 53; 2, 99; Reiser
Allgäu 2, 436; John Erzgeb. 233. Gelegentliche
Widersprüche im Einzelnen; z. B. Waschen
hinter den Ohren bedeutet nach SAVk. 12
(1908), 150 (Baselland) gutes, nach ZfrhwVk.
1905, 206 (Nahetal) schlechtes Wetter; noch
anders ZfrwVk. 1914, 259. 24 ) Kuhn Märk.
Sagen 386 Nr. 85. n ) SAVk. 1917» 82.
3. Wen die K. beim Waschen länger
ansieht, der wird gescholten 26 ); streckt
sie dabei die Hinterbeine lang, so gibt es
Schläge 27 ), weil sie da gleichsam mit
einem Stock droht. Ganz allgemein
herrscht der Volksglaube, daß eine K.,
besonders eine schwarze, Unglück bringt,
wenn sie einem des Morgens über den
Weg oder zwischen die Beine läuft 28 ).
Man soll dann einen Stein über den Weg
werfen oder dreimal ausspucken, um das
Unheil abzuwenden *•). Schlimmes droht
ferner, wenn man von schwarzen K.n
träumt 80 ), besonders wenn das in der Weih¬
nachtsnacht geschieht 31 ). Wenn K.n in der
Nähe eines Hauses gar zu kläglich miauen,
gibt es einen Todesfall 32 ); wenn sie sich
beißen, kommt Unheil und Streit 8S ).
Betrachtet sich die Hausk. im Spiegel,
so ist das auch kein gutes Vorzeichen 84 ).
Putzen sich K.n an dem Fenster einer
Krankenstube, dann steht der Tod be¬
vor 35 ). Auch stirbt der Kranke, wenn
die K. nicht aus der Stube will **). Man
jagt bei einem Todesfall die K. aus dem
Haus 37 ). Miauen des Nachts die K.n, so
soll man nicht zum Fenster hinausschauen,
um sie fortzuscheuchen, sonst bekommt
man einen geschwollenen Arm oder ein
geschwollenes Gesicht **). Das Erscheinen
einer fremden K. im Haus deutet auf
einen Sterbefall 39 ), und eine schwarze K.
mit weißer Brust ist ebenfalls ein Todes¬
bote 40 ). Balgen sich K.n vor der Tür,
dann gibt es Streit im Haus 41 ); neidische
Leute lassen daher wohl einem Braut¬
paar zwei an den Schwänzen zusammen¬
gebundene K.n über den Weg laufen, dann
gibt es eine unglückliche Ehe 42 ). Hustet
eine K., dann gibt es Streit im Haus 43 ).
Sitzt vor der Trauung eine K. am Altar,
dann wird die Ehe unglücklich ^).
28 ) Grimm Mytkol. 3, 444 Nr. 290; Wuttke
200 § 271; Knoop Hinterpommern 182; Selig¬
mann 1, 123; ZdVfV. 1 (1891), 189; Groh¬
mann 55. * 7 ) ZdVfV. 23 (1913), 183; Köhler
Voigtland 387. M ) SAVk 7, 135; 22, 255;
ZdVfV. 20 (1910), 382; ZfrhwVk. 1905, 199;
1914, 259; Urquell 3 (1892), 108; Wuttke
200 § 271; Schramek Böhmerwold 243;
Grohmann 65; Vernaleken Mythen 352 ff.;
SchwVk. 3, 74; 4, 42; Strackerjan 1;
23; 2, 146; Köhler Voigtland 387; Leh¬
mann Sudetend. Volksk. 106; Rothenbach
1876, 41 Nr. 3670.; Messikommer 1, 189;
Fogel Pennsylv. 98. 105. 108 ff.; Dähnhardt
Volkst. 1, 98 Nr. 16; Pollinger Landshut
165; MschlesVk. 9 (1902), 9; John Erzgeb. 33;
Reiser Allgäu 2, 427; besonderes bei Dähn¬
hardt Volkst. 2, 88 Nr. 360; Fogel Pennsylv .
142 Nr. 657; John Erzgeb . 233. * 9 ) Drechsler
2, 99 ; John Erzgeb. 233; ZföVk. 13 (1907)» l 34 l
Engelien u. Lahn 283; Müller Isergebirge
13; ZdVfV. 23 (1923), 183. *°) Fogel Pennsylv .
74 Nr. 253; 78 Nr. 280; Dähnhardt Volkst.
2, 87 Nr. 354; de Cock Volksgeloof 1 (1920),
102; John Erzgeb. 233; Reiser Allgäu 2, 428;
SchwVk. 4, 42; Wettstein Dis. 172. 31 )
Hovorka-Kronfeld 1, 233; SchwVk. io,
29. 32 ) Hovorka-Kronfeld 1, 233; Höhn
Tod 308; Birlinger Volkst. 1, 117; John
Erzgeb. 113; ZfrhwVk. 1909, 268; Wuttke
200 §271; Strackerjan 1, 23; Praetor.
Phil. 94; Köhler Voigtl. 387; Schönwerth
Oberpfalz 1, 357; Schwebel Tod u. ew. Leb.
H9ff.; Schell Berg. Sagen 425 Nr. 12; Schulen¬
burg Wend. Volkst. 151; Pollinger Landshut
295. Unrichtig ist also, daß die K. kein Todes¬
bote sei; ZdVfV. 2 (1892), 180. **) Grimm
Mythol. 3, 486 Nr. 69; Keller Grab 1, 93.
u ) Unoth 1, 180 (Schaffhausen). w ) Hovorka-
Kronfeld 1,233; Grohmann 186. 84 ) SchwVk.
10, 32. 87 ) ZfrhwVk. 1904, 50; 1909, 268 (Eifel).
“) SAVk. ii (1917). 34 ; ZdVfV. 5 (1895), 415.
11 X 1
Katze
1112
Wer dadurch geweckt wird, hat nach John
Erzgeb. 233 Glück zu erwarten. 3# ) Meyer
Baden 578 (Fützen). John Erzgeb. 233.
4X ) Liebrecht ZVk. 328; Wuttke 200 §271
(Aargau). **) Wuttke 371 §563 (Ostpr.).
tt ) ZföVk. 4 (1898), 213. w ) Wuttke 200 § 271.
4. Wer eine K. tötet, hat Unglück 45 )
und verursacht Todesfälle unter den
Haustieren 48 ), und man sagt: „Wer die
K. ins Wasser trägt, der trägt sein Glück
aus dem Hause" 47 ). Dort, wo eine K.
erschlagen wurde, läßt sich keine mehr
eingewöhnen 4Ö ). Matrosen glauben, es
gebe Sturm, sobald man eine K. ins
Meer wirft **). Mit dem Gewehr, womit
das Tier erschossen wurde, trifft man
nichts mehr w ). Läuft einem eine schwarze
K. zu, so darf man sie nicht weg¬
jagen, sonst kommt Unheil ins Haus:
„Die schwarze Katz, das schwarze Huhn,
soll kein Bauer aus dem Hause tun" 61 );
nur infolge dieser Scheu, das unheim¬
liche Tier zu erzürnen, wird es zu einem
Glücksbringer: in einem Haus, wo K.n
sich gern aufhalten, waltet der Segen 52 );
wem eine K. am Hochzeitstag bis zur
Kirche nachläuft, hat besonderes Glück 63 ).
Ebenso, wem beim Ausgehen eine K.
nachkommt 64 ). Das Mädchen, dem auf
dem Weg zum Tanz eine gefleckte K.
nachläuft, bekommt bald einen Mann 65 ).
Die Mädchen, die K.n gern haben und
gut pflegen, werden eine glückliche Ehe
haben 68 ). Männer dagegen, welche K.n
gern mögen, verheiraten sich nicht 67 );
gehen sie zu grob mit K.n um, so be¬
kommen sie eine böse Frau 68 ). Auch
schützt eine K. vor dem Blitz 59 ), und
ein am Giebel aufgehängtes Katzenfell
leitet den Blitz ab 60 ). Eine dreifarbige
K. schützt vor Feuer 61 ) und bringt
nach schlesischem Glauben überhaupt
Glück 62 ), während man in Westfalen
K.n, die schwarz, weiß und gelb sind, für
unheilvoll hält 63 ). Eine weiße K. oder
eine mit weißen Pfötchen kündet Glück
an **), ebenso eine vierfarbige 66 ). Nachts
darf man eine K. nicht schlagen oder
ihr auf den Schwanz treten, sonst stößt
einem Unheil zu 68 ). Der Platz, wo ein
Kater geprügelt wurde, gibt eine Un¬
glücksstätte 67 ). Auch das Verzehren von
K.-Fleisch bringt Unheil 88 ).
“) Grimm Mythol. 3, 436 Nr. 68; Wuttke
127 §173; Meyer Abergl. 223; Vonbun
Beitr. 105; Grohmann 55; ZdVfV. 1 (1891),
188; Schramek Böhmerwald 243; Baum¬
garten A. d. Heimat 1, 81 ff.; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 139; John Erzgeb. 233; Hoffmann-
Krayer 140; Engelien u. Lahn 270; Drechs¬
ler 2, 99; Fogel Penns. 143 Nr. 662ff.; ZfrhwVk.
1909, 268. 48 ) Zahler Simmenthal 23; Rothen¬
bach Volkst. 35; Meyer Abergl. 223; Chemn.
Rockenphilos. Nr. 68; Haltrich Siebenb. Sachs.
290. 47 ) ZdVfV. 8 (1898). 399. «) ZfrhwVk.
1909, 268. 48 ) ZdVfV. 7 (1897), 116. w ) Fogel
Pennsylv. 143 Nr. 667. 61 ) SchwVk. 2, 18;
Zachariae Kl. Schriften 375 t.; Jühling
Tiere 102. Nach Berner Glauben gibt es dann
eine Hochzeit SAVk. 7, 135. * 2 ) Drechsler
2, 98; SchwVk. 2. 18 (Stein a. Rh.); ZdVfV.
10 (1900), 209; 19 (1909)* 440; ZfrhwVk. 1909,
267; Pollinger Landshut 137*®. 154. M )
ZfrhwVk. 1909, 268. M ) ZdVfV. 20 (1910),
382 ff. fifi ) John Erzgeb. 76. M ) Wuttke
128 § 173; 363 §547; Grimm Mythol. 3, 444
Nr. 292; Birlinger A. Schwab, i, 415; Fogel
Pennsylv. 142 Nr. 659; Praetor. Phil. 129;
Wolf Beitr. i ( 210; And ree Braunschweig
296; Drechsler i, 227; Reiser Allgäu 2, 436;
Kolbe Hessen 183. 67 ) Wuttke 363 §547;
Hovorka-Kronfeld 1, 233; Drechsler 1,
227; im Widerspruch dazu, daß der K.n-Freund
auch die Mädchen mag, die Angaben bei Bir¬
linger Volkst. 1, 117; John Westböhmen 214.
M ) Reiterer Ennstal. 41; Wolf Beitr. 1, 231.
M ) John Erzgeb. 26; vgl. auch Drechsler
1, 258. *°) Sartori 2, 13. 81 ) Schönwerth
Oberpfalz 2, 85; Drechsler 2, 98; ZdVfV.
5, 415; Wuttke 127 § 173. #s ) Seligmann
2, 124; John Erzgeb. 233; John Westböhmen
256. 63 ) Kuhn Westfalen 2, 62 Nr. 188 b;
Grohmann 55.
Eine gelbe K. sieht man
nach dem Glauben der Sudetendeutschen bei
einer Feuersbrunst: Lehmann Sud. Vk. 112.
• 4 ) ZdVfV. 20 (1910), 383; John Erzgeb. 233.
<5 ) John a. a. O. e ®) ZfrhwVk. 1909, 268;*
Wuttke 127 § 173; Stöber Elsaß 1, 109
Nr. 153; Meier Schwaben 2, 500; ZfdMyth.
1 (*853). 243; Schulenburg Wend. Volkst. 151;
Birlinger Volkst. 1, 118. 67 ) Wuttke 212
§296. ® 8 ) Strackerjan 2, 146 Nr. 375.
5. Ein Kind soll man nicht bei einer K.
allein lassen: es kann leicht behext oder
vom Atem geschädigt werden ®*); auch
ersticken alte K.n die Kinder, weil sie
sich ihnen auf den Hals legen ro ). Junge
Kinder dürfen nicht mit Hunden und K.n
desselben Jahres aufgezogen werden 71 ).
Vom Brei für das Kind muß auch die
K. bekommen 72 ), dagegen bewirkt ein
Prusten der K. in die Schüssel Krank¬
heit 73 ). Das Kind soll nicht mit der K.
zusammen schlafen 74 ), es sei denn, daß
1
1113
Katze
1114
es die Auszehrung hat: diese kann man
durch das Zusammenschlafen auf das
Tier übertragen 76 ). Besonders gefährlich
nach allgemeinem Glauben ist es, wenn
das Kind Katzenhaare verschluckt: dann
wird es schwindsüchtig und wächst nicht
mehr 78 ). Auch Erwachsene verfallen
durch Verschlucken eines Katzenhaars
der Auszehrung 77 ).
••) Wuttke 382 § 580; 386 § 588; John
Westböhmen 107; Birlinger Volkst. 1, 118;
Kochholz Kinderlied 316; Urquell NF. 1 (1897),
49; ZdVfV. 23 (1913), 148. 70 ) Schramek
Böhmerwald 243. 71 ) Urquell 1 (1890), 8; Jüh¬
ling Tiere 105. 71 ) Rochholz Kinderlied 291.
7a ) Rochholz a. a. O. aus Bertholds Predigten.
74 ) Drechsler 2, 235. 7# ) Ebd. 2, 99. 78 )
Hovorka-Kronfeld 1, 233; Wuttke 127
§ 173 ; 395 § 6 c> 5 ; ZfrhwVk. 1909, 268; Frisch¬
bier Hexenspr. 44 f.; Höhn Volksheilkunde
1, 93 - 77 ) Fogel Pennsylv. 55 Nr. 158; Lam-
mert 243; Drechsler 2, 99. 265. 311; ZdVfV.
23 (* 9 * 3 )» 281; Bartsch Mecklenburg 2, 140;
SAVk. 8, 274; Hovorka-Kronfeld 2, 40;
S6billot Folk-Lore 3, 90 f.; Schmitt Hetlingen
16; Höhn Volksheilk. 1, 92; Grohmann 55;
Wuttke 127 § 173; 309 § 453; SchwVk.
xo, 32; Jühling Tiere 105.
6 . Aus der Art, wie eine K. frißt,
läßt sich auf teure oder gute Zeit schließen:
läßt sie Krümeln liegen, so wird das Korn
billig 78 ). Beim Wohnungswechsel darf
die K. nicht gleich mitgenommen werden,
sonst gibt es bald einen Todesfall*•).
Eine Schwangere darf keine K. mit dem
Fuß stoßen, sonst hat sie eine schwere
Entbindung 80 ). Man darf eine K. nicht
bezahlen, sonst fängt sie keine Mäuse 81 );
das tut sie auch nicht, wenn man ihr
den Schnurrbart abschneidet 82 ). Ferner
taugen K.n nichts, die im Mai geboren
sind; man soll sie ersäufen 88 ). Sind j unge
Tiere sehr mager, so haut man ihnen
die Schwanzspitze ab, dann werden sie
bald gedeihen 84 ). Ein Fuhrmann nimmt
nicht gern K.n auf seinen Wagen; denn
er glaubt, daß dann die Pferde vorzeitig
ermüden “J. Mancherlei Mittel kennt das
Volk, um die K. an das Haus anzuge¬
wöhnen: man hackt ihr die Schwanzspitze
ab 8Ä ), man läßt sie in den Spiegel sehen 87 ),
man trägt sie dreimal um den Tisch
herum M ), man bestreicht die Füße
dreimal des Abends mit Butter 89 ), man
führt sie im Isergebirge dreimal um das
Tischbein und murmelt: „Dreimal ums
Been — Katze, bleib d'rheem“ 90 ), man
steckt sie in einen Sack und schlägt
diesen dreimal um sich hferum 91 ), man
streut ihr Salz auf die Nase 9 *), oder
man vergräbt unter der Schwelle Haare
vom Schwanz 93 ).
78 ) Grimm Mythol. 3, 446 Nr. 382; Wuttke
200 §271; ZrwVk. 1914, 259; Hovorka-
Kronfeld 1, 233. 7# ) Strackerjan 1, 55;
2, 222; Wuttke 396 §608; Fogel Pennsylv.
148 Nr. 695 f. ®°) Wuttke 377 § 592; Gassner
Mettersdorf 11. 8l ) Drechsler 2, 99; doch s.
auch de Cock Volksgeloof 1 (1920), 102. 8I ) ZföVk.
4 (1898), 215. M ) ZdVfVk. 10 (1900), 209; de
Cock Volksgeloof 1 (1920), 104. M ) ZfrhwVk.
1909, 268 (Eifel). w ) Bartsch Mecklenburg 2,
489 f.; Knoop Hinterpommern 172. M ) SAVk.
2, 263. 87 ) Schmitt Hettingen 15; Bartsch
Mecklenburg 2, 139 ff.; Fogel Pennsylv. 145
Nr. 675; ZdVfV. 5 (1895), 415. “) ZdVfV. 5,
415. «•) ZfdMythol. 3, 315. ") ZdVfV. 23
(1913), 183; Müller Isergebirge 13. M ) Wuttke
433 $ 679. •*) John Erzgebirge 233. •*) Fogel
Pennsylv. 146 Nr. 680; Urquell 3 (1892), 272.
Vgl. noch Grimm Mythol. 3, 458 Nr. 679;
Fogel Pennsylv. 144 Nr. 671; Haltrich
Siebenb. Sachsen 290; Oberpfalz 13 (1919)» 131;
Strackerjan 2, 146 Nr. 375.
7. In ein neues Haus jagt man zuerst
eine K. voraus: diese muß dann alles
Unheil auf sich ziehen M ); ähnlich läßt man
im Erzgebirge, wenn das Vieh im Herbst
von der Weide zurückkommt, eine K.
in den Stall vorausgehen 95 ). Das leitet
über zu dem Opfer von K.n *). Als Bau¬
opfer kommt das Töten einer K. vor w ) ,*
vor allem aber warf man K.n in das
Johannisfeuer *) oder Fastnachtsfeuer *).
War doch im Mittelalter bei Seuche und
Pest die schwarze K. das üblichste Sühn¬
opfer 10 °). Im Oldenburgischen nannte
man den Aschermittwoch „Kattenascher-
tag", weil ein Kater getötet und ver¬
scharrt wurde 101 ). In Ypern wurde am
„Kattewoensdag" (Mittwoch der zweiten
Fastenwoche) eine K. von einem Turm
gestürzt; ähnliches wird für die Schweiz
(Rapperswil), Westfalen (Attemdom, wo
man der K. Rinderblasen an die Pfoten
band) und Böhmen bezeugt 10 *). Auch
als „Komdämon" kommen Kater und
K. vor 10S ), in der letzten Dreschgarbe
ist der Kater, und so heißt auch der
Mann, der beim Komabschneiden zuletzt
fertig wird 104 ): er wird herausgeputzt
Katze
1116
1115
mit Reisern und Roggenhalmen und
bekommt einen langen geflochtenen
Schwanz angesteckt; mit einer großen
Rute sucht er die Kinder zu hauen
(Grünberg i. Schl.) 104a ). In Stralsund
hieß der Besieger des Winterdämons bei
den Frühlingsfesten „Katzenritter“, wor¬
aus sich die Darstellung des Winters
durch eine K. ergibt 106 ). Bei der ersten
Aussaat 106 ) oder auch am Weihnachts¬
abend tötet man einen schwarzen Kater
und vergräbt ihn auf dem Feld, damit
die bösen Geister dem Wachstum nicht
schaden 107 ). Auch auf Pfingsten werden
K. n als Opfer ertränkt i08 ). In Sieben¬
bürgen und Böhmen vergräbt man eine
schwarze K. unter einem Obstbaum,
damit dieser gedeihe 109 ).
• 4 ) John Erzgeb . 28; Lammert 37; Bartsch
Mecklenburg 2, 129; Urquell 1 (1890), 46; Fogel
Pennsylv. 149 Nr. 698; Seligmann 2, 124;
Liebrecht ZVk. 351; Haltrich Siebenb.
Sachs. 290; Wuttke 396 §608. **) Selig¬
mann 2, 124. M ) E. H. Meyer Germ . Mythol.
287; Jahn Opfergebr. 344; Köhler Voigtland
503; Grimm Myth. 3, 504 Nr. 43; Lütolf
Sagen 347. 97 ) Andree Parallelen 1, 22 t.;
Höfler Organotherapie 75; Wuttke 295 § 444;
Seefried-Gulgowski 181; MschlesVk. 1, 54;
ZdVfV. 12 (1902), 436f. ® 8 ) Höfler Organother.
75; Mannhardt 1, 515; Götter 201 f.; Fon¬
taine Luxemburg 62. 80; Urquell 2 (1891), 160;
Alemannia 2 (1874), 146. ®®) Mannhardt 1,
515; ZdVfV. 3 (1893), 353; Strackerjan 2,
148. 10 °) Stemplinger Abergl. 91; Höfler
Org. 75 - 101 ) Sartori Sitte 3, 115; Strackerjan
2,58. los ) ZfdMythol. 2 (1854), 93 t. 239; Sartori
Sitte 3, 116. 253; Wolf 1, 186; ZfdMythol. 2
(1854), 239; Höfler Fastengebäcke 23. 88 ff.;
Heyl Tirol 244 Nr. 59; Sartori Sitte 3, 115 f. ;
Kuhn Westfalen i, 162 Nr. 167; Lütolf Sagen
347; Heinsberg Festl. Jahr 45t.; Hart¬
mann Westfalen 25 f. 103 ) Sartori a. a. O. 116;
L. v. Schröder RV. 442; Frazer 7, 280 ff.;
Mannhardt Forsch. 378; Maack Lübeck 92.
104 ) Jahn Opfergebräuche 107; Sartori a. a. O.
101. 104a ) Drechsler 2, 65; Engelien und
Lahn 235. 108 ) Höfler Fastengebäcke 59; s.
auch Leoprechting Lechrain 155. 10Ä ) Wuttke
300 § 439; Stemplinger Abergl. 91. 107 ) Wutt¬
ke 295 §431; John Westböhmen 225; Groh-
mann 56. 87 (Böhmen). 108 ) Pröhle Unter¬
harz. Sagen 6 Nr. 20. 10 ®) Jahn Opfergeb. 17;
Drechsler 2, 82; John Westböhmen 214;
Sartori 2, 128.
8 . Damit kommen wir zu den mancherlei
Zauberhandlungen, die man mit Kater
und K. vornehmen kann. Vergräbt man
eine tote K. unter jemandes Türschwelle,
dann zieht das Unheil in das Haus uo ).
Wer eine tote schwarze K. rückwärts
über die linke Schulter wirft und sich
dann nach rechts wendet, hat Glück m ).
Verschluckt ein Kind das Herz einer
K., dann wächst es nicht mehr 112 ). Ist
Obst gestohlen worden, so vergrabe man
eine lebende K., dann muß ebenso unter
Qualen der Dieb sterben U3 ). Wer das
Herz einer schwarzen K., das in der
Milch einer schwarzen Kuh gekocht ist,
bei sich trägt, kann sich unsichtbar
machen und ist kugelfest 114 ). Sich un¬
sichtbar machen kann man auch mittels
eines Däumlings, der aus einem in der
Milch einer schwarzen Kuh gekochten
Ohr einer schwarzen K. gefertigt ist U5 ),
oder aus einem schwarzen K.nbalg,
an dem kein weißes Haar sein darf U6 ).
Der Genuß von Erbsen, die aus einem
K.nkopf gewachsen sind, bewirkt eben¬
falls Unsichtbarkeit m ), wie denn ein
K.nkopf überhaupt diese Fähigkeit ver¬
leiht 118 ). Auch ein bestimmter Knochen
einer schwarzen K., den man bei sich
trägt, macht unsichtbar 119 ) oder zeigt
vergrabene Schätze an 120 ). Mit einer
Pfeife, die man in der Karfreitagsmitter¬
nacht an einem Kreuzweg aus einem
Knochen einer schwarzen K. gemacht
hat, kann man Geister zitieren 121 ). Ver¬
gräbt man das Herz einer schwarzen K.
auf einem Kirchhof und scharrt am
dritten Tag wieder auf, so findet man
einen kleinen Ring; an den richtigen
Finger gesteckt, bewirkt er Unsichtbar¬
keit 122 ). K.nhim spielt im Liebes¬
zauber eine große Rolle; damit kann
die größte Leidenschaft entzündet wer¬
den 123 ). Durch K.nhaare, die man ins
Essen oder Getränk wirft, kann man
Zwietracht säen 124 ). Dem Teufel gibt
der Zauberer gern eine K. im Sack oder
eine schwarze K., die ganz mit Garn
umwickelt ist 125 ). Wirft man in ein
brennendes Haus eine dreifarbige K.,
so löscht man es bald dadurch 126 ). K.n-
augen, die dreimal drei Tage in Salz¬
wasser lagen, faßt man in Silber und
hat damit ein wirksames Amulett 127 ).
Wer einen Schatz heben will, muß eine
schwarze K. opfern oder in einem Sack
Katze
1118
1117
um die Kirche tragen 128 ). Wer das
letztere aber in der Christnacht zwischen
12 und 1 Uhr dreimal tut, ist innerhalb
der drei nächsten Tage tot 129 ).
uo) wuttke 127 §173; 265 §388. m ) Oberd-
ZfVk. 2 (1928), 47. 11J ) ZdVfV. 13 (1903)* 373 ff-
u3 ) ZdVfV. 20 (1910), 385; Urquell 2 (1891), 125.
l14 ) Höfler Organ. 241; ZdVfV. 8 (1898), 38
(Tirol); Wuttke 319 § 474. nß ) Manz
Sargans 144; Drechsler 2, 268. 118 ) ZfdMyth.
1 (1853), 237. n? ) Strackerjan 2, 123 Nr.
355. 118 ) Alemannia 2 (1874), 131; Strackerjan
2, 146 Nr. 375; Vonbun Beitr. 105 t.; Leo¬
prechting Lechrain 74 ff. 119 ) Wuttke 319
§474; Urquell 3 (1892), 271t.; Mannhardt
Abergl. 7. 82. 12 °) Mannhardt a. a. O. m )
Drechsler 2, 99. m ) John Westböhmen 318;
SAVk. 7 (1903), 51 (Bern); ZfdMyth. 3, 331 f.;
Alpenburg Tirol 359. 123 ) Birlinger Aus
Schw. i, 416; John Westböhmen 317; Höfler
Organ. 76 ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 78; E. H.
Meyer Germ. Mythol. 286. 124 ) ZfdMyth. 3,
321. 125 ) Strackerjan 2,146; Bohnenberger
11; SchwVk. 10, 33. 128 ) Drechsler 2, 140;
Hovorka-Kronfeld 1, 233. 1,? ) Bartsch
Mecklenburg 2, 329; Hovorka-Kronfeld 1,
233; Seligmann 1, 278. 230. 128 ) Wolf Beitr. 2,
420; ZfVk. 8, 38; Wuttke 128 § 173. 12 ®) John
Erzgeb. 233. — Weiteres bei Bartsch Mecklen¬
burg 2, 30; ZdVfV. 13, 279. Die altisländische
Völve trägt eine Mütze aus weißem K.npelz und
Handschuhe aus K.nfellen (Eiriks saga rauöa
c. 4).
9. Wenn die K.n alt werden, 7, 9 oder
gar 20 Jahre, dann muß man sie aus dem
Haus schaffen, weil sie zu Dämonen und
Hexen werden und schädlich wirken 130 ).
Ungefährlich ist die K., wenn sie schnurrt,
nach Sonnenuntergang aber ist ihnen
nicht zu trauen 131 ). Die Falschheit der
K. wird auch durch den Volksspruch be¬
zeugt, daß ein Hund seinen Herrn täglich
neunmal retten, eine K. ihn aber neunmal
umbringen will 132 ). Vor fremden K.n muß
man auf der Hut sein, weil es in Wirk¬
lichkeit Dämonen, Truden, Hexen, ja
der Teufel selbst, sein können 133 ); in den
Quatembertagen darf man nachts keine
K. zum Fenster hereinlassen oder strei¬
cheln 134 ). Auch arme Seelen gehen in
K.ngestalt, namentlich wenn eine K.
über das Grab läuft 135 ). Zahllose Sagen
berichten von Dämonen, Zauberern und
Hexen in Gestalt eines Katers oder
einer K. 136 ). K.n begleiten die Hexen
auf ihren Luftfahrten 137 ). Häufig wird
in solchen Sagen berichtet, daß eine
Verwundung, die man nachts einer un¬
heimlichen K. beibrachte, dann bei einer
Frau am anderen Morgen sichtbar wurde
und so deren Hexenart bezeugte 138 ).
Auch in den Hexenprozessen wird die Ver¬
wandlung in eine K.oft erwähnt 139 ). Das
Vieh schädigen solche Dämonen in K.n¬
gestalt, sie springen ihm auf den Rücken
und beißen es tot 140 ). Besonders sind
es schwarze Kater und K.n mit glühenden
Augen, von denen die Spukgeschichten
berichten; manchmal wird erzählt, daß
sie zu riesiger Größe anschwollen 141 ).
Jedenfalls stehen ganz schwarze K. stets
im Verdacht, Teufelstiere zu sein 142 ). Es
gibt auch Sagen über die Erschaffung
der K. und ihre Feindschaft mit der
Maus 148 ).
13 °) Schramek Böhmerwald 243; Grohmann
56 Nr. 368ff.; Wuttke 128 §173; Enders
Kuhländchen 84 ff.; Kühnau Sagen 2, 577;
Pollinger Landshut 109; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 357; Weinhold Neunzahl 38; Drechs¬
ler 2, 98; Bayer. Hefte 3, 83; Egerl. 4 (1900)#
32; John Westböhmen 201. 214. 256; Leo¬
prechting Lechrain 89; ZdVfV. 10 (1900), 56;
Schulenburg W. Volkst. 74; Wolf Beitr. 2,
420. m ) Drechsler 2, 98; Engelien u. Lahm,
23; John Westböhmen 214. 13a ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 355. 357; s. auch Engelien u.
Lahn 1, 23; Praetor. Phil. 155; ZdVfV. 1 (1891),
217; s. auchZföVk. 4 (1898), 216. 133 ) Wuttke
160 §217; W T olf Beitr. 1, 266. 134 ) Meyer
Baden 514. 135 ) Grimm Sagen 186; Wuttke
481 § 766. 136 ) Z. B. Reiser Allgäu 1, 195.
252 ff. 273 ff. 325; Kühnau Sagen 1, 48 ff.
390 ff. 616; 2, 563 ff.; 3,19. 23. 82. 255; Verna-
leken Mythen 26 f. 138; Rochholz Sagen 1,
367; 2, 51 ff.; Panzer Beitr. 1, 198 f.; 2, 58. 66;
Strackerjan i, 245. 404 ff. 436; 2, 146;
Meier Schwaben i, 142. 164; ZfrhwVk. 1909,
202. 269; 1910, nof.; 1913, 61.127.165; Müller
Siebenbürgen 131 ff.; SAVk. 2, 109. 112; ii,
135 ; * 5 » 13; 21,190; 25, 140ff. 184. 231; ZdfVfV.
3 (1893). 39 o; 9 (1899). 80; 11 (1901), 70; 23. 10;
Engelien u. Lahn 1, 23; Meyer Abergl. 274.
366; ZfdMythol. 1 (1853), 247f. 22; 2 (1854), 243;
Luck Alpensagen 59 f.; Grimm Sagen 147
Nr. 182; Schönwerth Oberpfalz 1, 268. 358;
3 , 185 f.; Pröhle Unterharz. Sagen 130 ff.;
Müllenhoff Sagen 207 Nr. 281; Baader Volks¬
sagen 27; Lütolf Sagen 213. 346; Meiche
Sagen 304. 3070.; Schell Berg. Sagen 47. 109.
301. 413; Bartsch Mecklenburg i, 114. 138.
217; 2, 11; Eisei Sagen 1430.; Grabinski
Sagen 46; Urquell 3, 317; 4, 114L; Birlinger
Volkst. 1, 92. 198; Haupt Lausitz 1, 51 f.;
Hertz Werwolf 71 ff.; Heyl Tirol 535 Nr. 105;
Kohlrusch 336; Sommer Sagen 62 Nr. 55;
Baumgarten Heimat 1, 75; Böckel Deutsche
1119
Katze
1120
Volkss. 88; MschlesVk. 13, 87; ZdVfV. 3 (1893),
390; Kühnau Sagen 3, 28 ff.; Alpenburg
Tirol 214; SchwVk. 2, 11 ff.; Klingner Luther
84; Schulenburg Wend. Volkst. 151; Wolf
Beitr. 2, 164t. 269; Knoop Hinterpommern 81.
84; Vonbun Beitr. 10; S6billot Folk-Lore 3,
122 ff.; Correvon Gespenstergeschichten 12.
20 f.; Schmitz Eifel 2, 34 f.; Gander Nieder¬
lausitz 38 Nr. 95; Köhler Voigtland 503;
Andree Braunschweig 380; Mannhardt 1, 112;
besonders vgl. man Luther Werke (krit.
Gesamtausg.) 1, 406; 23, 409. 3 ff.; s. ZdVfV.
22 (1912), 236. Vielerlei wird auch vom Tanz
derK.n gefabelt, der in Wahrheit ein Hexentanz
ist; ein Kater schlägt den Takt, die Tiere geigen
auf dem Schwanz, vgl. ZfdMyth. 1, 294;
Witzschel Thüringen 2, 81; Lütolf Sagen
213 f.; Schönwerth Oberpfalz 1, 359 Nr. 1;
3, 1850.; Meiche Sagen 294 Nr. 383; Eisei
Sagenb. 145 Nr. 392 ff.; A. de Cock Volks-
geloof 1, 105; Grohmann Sagen 228 t.; Schell
Berg. Sagen 181; Heyl Tirol 615 Nr. 81; 646
Nr. 115; Möllenhoff Sagen 216 Nr. 293;
Jecklin Volkstum! . 1916, 457; ZdVfV. 4, 303.
Der vorgehaltene Daumen schützt gegen eine
Hexenk., Grimm Mythol. 3, 456 Nr. 643.
Vergräbt man um Mitternacht an einem Kreuz¬
weg ein K.nherz, so kann man Gespensterspuk
bannen: Egli Gemeindechron. 3, 25. 1S7 ) Wuttke
160 $ 217; Keller Grab 5, 303; Meier Schwaben
1, 174; Kuhn u. Schwartz 68. I38 ) Z. B.
Rochholz Sagen 2, 52 ff.; Bartsch Mecklen¬
burg 1, 217; Kühnau Sagen 3, 28; Stracker¬
jan 1, 405 f. 435; Meyer Abergl. 273 ff.;
SAVk. 7, 141; 2, 113; Reiser Allgäu 1, 197;
ZfrhwVk. 1907, 117; Heyl Tirol 675. 1M ) Sol-
dan-Heppe 4, 435; Meyer Abergl. 273 f.;
Urquell 3, 101; Kämpfen Hexen 38; Dettling
Hexenproz. 72; Lütolf Sagen 200; SAVk. 3,
217. 140 ) Germania 29, 110; Wolf Beitr. 2,
271; Birlinger Volkst. 1, 303. 306; Stracker-
jan 1, 378; Wallis 233. 14x ) Z. B. SAVk. 21
(1917), 192; 25, 62; Grohmann 56; Wolf Beitr.
2, 420; ZföVk. 4, 233; Meyer Abergl. 74;
Bohnenberger 21; ZfdMyth. 2 (1854), 238;
S6billot Folk-Lore 3, 123; Kühnau Sagen 1,
228; Grohmann 55 f.; grauer Kater z. B.
ZdVfV. 8 (1898), 264, blauer: ZdVfV. 11 (1901),
339 * 1U ) Vonbun 106; Niderberger Unter¬
walden 2, 91 ff.; Strackerjan 1, 291; Schell
Berg. Sagen 26 Nr. 21. 143 ) Drechsler 2, 99;
Heyl Tirol 245; A. de Cock Volksgeloof 1,
100 f.; ZdVfV. 5 (1895), 415; Korth Jülich
ugf.; Schindler Abergl. 26; Reusch Sam-
land Nr. 80. 144 ) Strackerjan 2, 147; vgl.
ZdVfV. 16 (1906), 377 ff.
10. Wenn man nach mythologischen
Elementen im Volksglauben von der
K. sucht, wird man weniger an das
Katzengespann der altnordischen Freya
erinnern, wozu man früher neigte 145 ),
sondern einerseits beachte man Wen¬
dungen wie „Bullkater“ für den Korn¬
dämon und „Wetteraas“ oder „Donner¬
aas“ für K.; Gewitterwolken werden
„Murrkater, Bullkater“ genannt, vom
strömendem Regen sagt man, „es hagle
Katzen“, und im Oldenburgischen heißt
es von der warmen Sonne, „de Summer-
katten löpe“ 146 ). Diese Ausdrücke er¬
klären sich natürlich aus der Eigen¬
schaft der K. als Wettertier (s. o. § 2).
Man glaubt wohl auch, eine K. könne,
wenn sie mißhandelt werde, Wirbelsturm
erregen 147 ). Andrerseits aber faßt man
die K. öfters als eine Art Hauskobold
auf; Namen wie „Katzenveit“, „Kater¬
mann“, „Heinz“, „Hinzelmann“ gehören
hierher; auch der gestiefelte Kater des
Märchens mag beachtet werden 148 ). Des¬
halb muß durch Spenden die K. besonders
bedacht werden: vom ersten Brot aus
der neuen Frucht, vom ersten Küchlein
oder der frisch gemolkenen Milch ge¬
bührt ihr ein Anteil 149 ). So kommt man
zum Glauben, daß selbst die sonst ge¬
fürchtete schwarze K. Unheil auf sich
ziehen und so zum Segen dienen könne 160 ):
weil sie selbst ein dämonisches Wesen
ist, kann sie vor anderen Unholden
schützen und ihnen den Zugang ver¬
wehren. Noch bis zum Jahr 1780 ist
für den Kanton Zürich eine Buße für
eine verletzte K. gerichtlich festgesetzt,
das sog. „Katzenrecht“ 161 ). Auch das
beweist die Scheu, die man vor dem
Tier hat 162 ).
14i ) So z. B. Grimm Myth. 1, 253; Simrock
Myth. 624; Wolf Beitr. 2, 419; R. M. Meyer
Religionsgesch. 214; Jahn Opfer gebt. 107 f.;
Sepp Relig. 274 f.; Quitzmann Baiwaren 127;
Mannhardt Germ. Myth. 271 1 ; Urquell 3
(1892), 159; Wolf Beitr. 2, 268; Rochholz
Sagen 2, 53 f. Das Gespann der Freyja mit den
wilden K.n scheint dem Pantherwagen der Kybele
nachgebildet, s. Neckel Balder 1919. Immerhin
beachte man Verenas K.n, Rochholz Gau-
göttinen 137; K. der Frau Holle, E. H. Meyer
Germ. Myth. 285, den mit K.n bespannten Wagen
des Christmannes, Haltrich Siebenb. Sachsen
282; Sartori 3, 47 und das Geisterwagen¬
gespann mit 99 Paar K.n, Weinhold Neunzahl
18; s. auch E. H. Meyer Germ. Myth. 239;
Schell Berg. Sagen 489 Nr. 50; Heyl Tirol 287.
310. 439. 788; Vonbun Sagen 35 Nr. 26;
ZfrhwVk. 1908, 275; Rochholz Sagen 1, 374;
Hoops Reallex. 2, 18 f. 14e ) ZdVfV. 1 (1891), 444;
Strackerjan 3, 89. 146. 378; SeppÄe/tg. 274 f.
147 ) ZfdMyth. 2 (1854), 93. 148 ) Grimm Mythol. 1,
1121
Katze
1122
416; 3, 145; Rochholz Sagen 1, 374; Simrock
Mythol. 431; Wolf Beitr. 2, 344; Laistner
Nebelsagen $>2. 297; Hovorka-Kronfeld 1, 233;
Güntert Kalypso 125. 215. Zum gestiefelten
Kater vgl. namentlich das Kinderlied: ,,Unse
Katz* hat Stiefeln an. Reit damit nach Holla¬
brunn, Find ein Kindl in der Sunn"; s. ZdVfV.
4 (1894), 300; Wolf Beitr. 2, 185; dazu Roch¬
holz Sagen 1, 346. 378. — Vgl. auch „Hinz,
des Murners Schwiegervater" bei Licht wer
Die Katzen und der Hausherr, Str. 3; zu dem
Namen „Murner" vgl. „Murrkater" und E. Th.
A. Hoffmanns Kater Murr. 149 ) ZdVfV. 8
(1898), 130; Schönwerth Oberpfalz 1, 408;
ZdfVfV. 10 (1900), 55; Müller Jsergebirge 29.
31; Kohlrusch 340. 16 °) Seligmann 2, 124;
Kohlrusch 341; Fogel Pennsylv. 142. 161 )
Rochholz Sagen 2, 72; Osenbrüggen Studien
140; Rochholz Kinderlied 71 f.; Naturmythen
200. 1M ) Vgl. noch Land st einer Nieder¬
österreich 44; Arnold von Harff 101, 35.
11. Daß ein so unheimliches Tier in
der Volksmedizin größte Bedeutung
hat, ist sehr begreiflich. Nur einiges sei
hier beispielsweise erwähnt 153 ). Der Ge¬
nuß von K.nfleisch hilft gegen Schwind¬
sucht 164 ), das Fett der K. gegen Brand¬
wunden 156 ) und Frostbeulen 156 ). Das
Blut ist gegen die Fallsucht nützlich 157 ),
namentlich wenn es vom Schwanz der
K. stammt. Weit verbreitet gegen
Fieber ist K.nblut, das man dem Ohr
entnimmt 168 ). Die Leber, zu Pulver
gebrannt, nützt gegen Gallenstein 1B9 ). Der
Kot soll einen verschluckten Dom aus
dem Hals ziehen 160 ). Den entzündeten
Finger steckt man der K. in das Ohr 161 )
oder in den Hintern 162 ), dann heilt er
schnell. Ein mehrmals bindfadenartig
zusammengedrehter K.ndarm, um den
Hals gelegt, lindert Zahnschmerzen 163 ),
diese vergehen auch, wenn man mit
einem K.nschwanz über oder durch den
Mund fährt 164 ). K.nohren legt man auf
Wunden oder Geschwüre, um sie rasch
zuheilen zulassen 165 ); K.nkot mit
Senf zusammengeknetet gibt ein Mittel,
den Haarwuchs zu befördern 168 ), K.nkot,
über Branntwein abgezogen, gilt als Heü-
mittel gegen Epilepsie 167 ). Der Schweiß
einer abgehetzten K. ist gut gegen Zahn¬
schmerzen 168 ). Der Ham einer K. soll
gegen Trunksucht wirken 169 ). Gegen
Kopfschmerzen macht man einen Um¬
schlag mit K.nkot und Essig 17 °);
auch etwas K.nhim, morgens nüchtern
Bftchtold-Stäubli, Aberglaube IV
genommen, soll dieselbe Wirkung haben 171 ).
Weit verbreitet ist es, den verbrannten
Kopf einer K. zu Pulver zu verreiben
und als Heilmittel gegen den Star in
das kranke Auge zu streuen 172 ). Das
Hirn der K., das im Liebeszauber eine
so große Bedeutung hat (s. o. § 8), erregt
Wahnsinn 173 ); doch will man Hals¬
entzündung damit heüen 174 ) und Gelb¬
sucht 17S ). Die Leber der K. gilt schon
im Altertum als Mittel gegen Fieber 176 ).
Das K.nfell dient gegen Gicht und
Rheumatismus, gegen Leib- und Brust¬
schmerzen und wird möglichst frisch
und noch warm aufgelegt 177 ). Bemerkens¬
wert ist, daß die Galle der K. niemals
verwendet wird, das Herz auch nur
selten 178 ). Die K. zieht Krankheiten
an sich, weshalb man sie gern bei dem
Kranken schlafen läßt 170 ). Gegen den
bösen Blick kann man ein Kind schützen,
wenn man eine K. an den Beinen packt,
sie über die Wiege schwingt und dann
hinein wirft 18 °). Mit dem Wasser von dem
Teich, in dem K.n und Hunde ersäuft
werden, kann man Kopfgrind heüen 181 ).
Verwundete K.n heüen sich selbst, indem
sie die kranke Stelle fortwährend be¬
lecken 182 ). Ein Biß einer K. güt für sehr
bösartig: der Finger, der verwundet ist,
wächst bei Kindern nicht weiter 183 ).
Endlich sei hier noch eine mittelalterliche
Theorie über die Entstehung von Seuchen
erwähnt: man glaubte, eine K., die eine
Kröte blutig leckt, sei von derem Gift
durstig geworden und vergifte nun alle
Trinkbrunnen, wodurch sich eine Seuche
ausbreite 184 ).
163 ) Literat, für weitere Mittel: Jühling
Tiere 100 ff.; Hovorka-Kronfeld 1, 233;
2, 98; Höhn Volksheilk. 1, 110; Höfler Organ.
74 ff-» ZdVfV. 1. 192. 323; 5, 39; 8, 39; 22, 235 f.;
Müller Isergeb. 13; Fogel Pennsylv. 336;
Drechsler 2, 303; Lammert 186; Frisch¬
bier Hexenspr. 42; Urquell 3, 272; Lessiak
Gicht 123 f.; Lewalter-Schläger Nr. 168.
1M ) Wuttke 127 § 173; Grohmann 179;
Hovorka-Kronfeld 1, 233; 2, 284; Jühling
Tiere 103; Höhn Volksheilk. 1, 93 f.; Seyfarth
Sachsen 297; ZfrhwVk. 1909, 268. 1W ) Köhler
Voigtland 350; Seyfarth Sachsen 297; Schön-
wert h 1, 359. 1M ) Seyfarth Sachsen
297; SAVk. 8, 151; s. noch ZdVfV. 8, 39;
Hovoi ka-Kronfeld 2, 275. w7 ) Wuttke
355 § 532 ; Haltrich Siebenbürger Sachsen 290;
36
1123
Katze
1124
ZdVfV. 8 , 39; ZfrhwVk. 1909, 268; Woeste
Mark 55 Nr. 10. 188 ) Birlinger Volkst. 1, 488;
Hovorka-Kronfeld 1, 80. 139; 2, 327; Lam-
mert 264; S6billot Folk-Lore 3, 131; Meier
Schwaben 2, 513; Grimm Mythol. 3, 475;
ZdVfV. 7, 71. «•) ZdVfV. 8, 39; Höfler Organ.
164. 180 ) Lammert 242; Hovorka-Kronfeld j
2, 19* 181 ) Lammert 215; Seyfarth Sachsen
191; Fogel PennsyJv. 272; Jühling Tiere 103;
ZfdMyth. 3, 174. 182 ) ZdVfV. 5, 414: „Heile,
heile Kätzle, Kätzle hat e Schwänzle, Hat e ;
Löchle auch derbei, Fritzle, steck dei Wewele j
nei"! 163 ) ZfrhwVk. 1914, 164t.; Urquell 4,
154. le4 ) Drechsler 2, 235; Jühling Tiere
102; Lammert 121; Haltrich Siebenb. 290;
s. noch Urquell 1, 205. 1«) ZdVfV. 8, 38 (Tirol).
1M ) ZdVfV. 13, 271. 187 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 106 f. 188 ) Lammert 236; Grohmann
170. ie# ) Schulenburg 104. 170 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 190; Hofier Organ. 78; Höhn
Volksheilk. 1, 123. m ) SAVk. 15, 188; Jühling
Tiere 99. 102. 105; Lammert 229. 172 ) ZdVfV.
i, 223; Zahler Simmenthal 75 f.; Höfler
Organ. 75 h; Heyl Tirol 7 88; Staricius
Heldenschatz 546 f.; Bartsch Mecklenb. 2, ioif.
173 ) Höfler Organ. 75 ff.; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 37. 174 ) Höfler Organ. 78; Wuttke 357
§ 537 . 176 ) Lammert 249. 17# ) Plin. XXVIII,
66; Höfler Organ. 164. 177 ) Hovorka-Kron¬
feld 2,43.125; ZfrhwVk.1913,186; Mannhardt
i, 146!.; Jühling Tiere 107. 345 f.; Höhn
Volksheilk. 1, 90; Lammert 141. 177. 253;
ZfrhwVk. 1905, 246; 1907, 301; 1909, 268;
Schönwerth Oberpfalz 3, 267. 178 ) Höfler
Organ. 201. 240 h; Alpenburg Tirol 380.
17# ) Jühling Tiere 103. 107; Unoth 1, 186;
Strackerjan 2, 146; Hovorka-Kronfeld
1, 233; Wuttke 326 f. § 485. 18 °) Seligmann
2, 124; ZdVfV. 1901, 326. 181 ) Urquell 3
(1892), 206. 18a ) ZfrhwVk. 1909, 268; leckt die
K. den Schaum am Euter der Kuh, so ist das für
die Kuh gut, SAVk. 8, 153. 183 ) Engelien u.
Lahn 1, 23. 184 ) Hovorka-Kronfeld 2, 275.
12. Die K. ist erst verhältnismäßig
spät wichtiges, allgemein verbreitetes
Haustier geworden 185 ); aber sobald das
geschah, stellte sich infolge der eigen¬
tümlichen Natur dieses Tieres, das am
Haus und nicht am Menschen hängt, mit
seinem leisen Raubtiergang, den grün¬
lichen, besonders auch nachts leuchtenden
Augen und dem elektromagnetischen Fell
sofort die Auffassung eines, namentlich
im Alter, unheimlichen, dämonischen
Wesens ein. Wir haben hier also echte
volkstümliche und bodenständige Ge¬
danken, die freilich ähnlich bei den
verschiedensten Völkern wiederkehren 1SS ).
Manche Ortsnamen weisen auf lokale
Sagen hin 187 ), auch für Pflanzen wurde
der Name der K. gebraucht 188 ). Solche
bezeichnenden Eigennamen, wie sie der
Hund führt, hat die K. nie gehabt 189 ): so
nützlich die Mäusefeindin sein mag, so
zierlich und reinlich ein junges Kätzchen
ist, das Volk ist von der Falschheit des
Tiers überzeugt 190 ).
185 ) Doch gibt es schon bei Pfahlbauten
Knochenreste von der K., Ebert Realiex. 6,
245; die Indogermanen kannten die zahme K.
nicht, s. Schräder Reallex. 1, 562 f.; Hoops
Reallex. 3, 18 f; ferner Friedberg 55. 18s )
ZdVfV. 11 (1901), 93; 16 (1906), 128; Selig¬
mann 2, 124; Meyer Aberglaube 274; besonders
ZdVfV. 24 (1914), 98. 187 ) Z. B. Bartsch
Mecklenburg 1, 138 (K.n-Grund); Wolf Beitr. 2,
420 (K.n-Stein); Strackerjan 2, 146 Nr. 375
(Kattenberg usw.); Soldan-Heppe (K.nellen-
bogen) usw. 188 ) Marzeli Pflanzennamen 219 f. ;
Urquell 3, 257 (K.nsporn); Strackerjan 2,
146 Nr. 375 (Kattenwocken). Quartzkugeln
heißen „K.nsteine“ Hovorka-Kronfeld 2,
278; Urquell 3 (1892), 58; harzige Ausschwitzun¬
gen heißen K.n-Gold; Strackerjan 2, 146 Nr.
375. 1M ) ZdVfV. 3 (1893), 50; 10 (1900), 55;
Mannhardt 1, 93; Rochholz Kinderlied 294;
ZfdMyth. 2 (1854), 95; Deutungen der K.n-
sprache: Urquell 5 (1894), 56; ZdVfV. 13 (1903),
94; Bartsch Mecklenburg 2, 140. Viele K.n-
namen bei Wossidlo Mecklenb. Volksüberl. 2
(1899), 459 ff.; K. im Sprichwort s. Seiler
Sprichwörter künde s. Index; Drechsler 2,
98; Urquell 4 (1893), 275; Strackerjan 2,
146 Nr. 375; Höhn 10; A. de Cock Volks-
geloof i (1920), 103; John Westböhmen 214;
Engelien u. Lahn 268; John Erzgeb. 233;
Wolf Beitr. 1, 224; Urquell 3 (1892), 206 (K.n-
Spur). K. als Schimpfname: Kuhn West¬
falen 1, 161 f. Nr. 167 t.; ZfdMyth. 2 (1854),
239 (K.n-Küsser). K.nsprache bei Wossidlo
Mecklenb. Volksüberl. 2, 72 ff., Benennungen
der K.n-Laute, ebda. 43. 19 °) Weitere allgemeine
Lit.: Wundt Mythus u. Religion 2, 157;
Wrede Rhein. Volksk. 94. 103; Sartori 2,
129; Sittl Gebärden 117. 124; Quitzmann
Baiwaren 244; Reuterskiöld Speisesakram.
56. 109; Liebrecht Gervasius 63. 137. 155;
Haltrich Siebenbürg. 101. 289 f,; Heer Alt-
glarn. Heidentum 22; Keller Haustiere 50 ff.;
Drechsler Haustiere 10; Köhler Voigtland
503; Jahresber. über die Fortschr. d. klass.
Alt.-Wiss. 8, 1890; Pauly-Wissowa 11, 1,
52 ff.; Grimm Mythol. 1, 254; 2, 557. 918 f.;
3, 192; Wlis 1 ocki Zigeuner 14; Magyaren 179;
Mannhardt 2, 354; Gubernatis Tiere 371 ff.;
Bolte-Polivka 3, 542 f.; Fischer Altertums¬
kunde 53; Hoffmann-Krayer m; Frazer
12, 209 f.; S6billot Folk-Lore 4, 438; Tetzner
Slaven 94; Germania 20 (1875), 349; MschlesVk.
11 (1909), 55 f.; 21 (1919), 144; Schrader-Hahn
Kulturpfl. u. Haust 8 1911, 4630.; Hoops
Reallex. 3, 18 f.; Schräder Reallex. 1 ; 562ff.;
Ebert Reallex. 5, 221; 6, 245. Güntert.
1
*
1125
Katzenhexe—Katzenmusik
1126
Katzenhexe s. Hexe 3, 1871 f.
Katzenminze (Nepeta cataria).
1. Botanisches. Lippenblütler mit
herzförmigen, am Rande grobgesägten
Blättern. Die Blüten sind weiß oder
rötlich. Ab und zu in Dörfern, auf
Schutt, an Zäunen; eine zitronenartig
riechende Abart wird manchmal inBauem-
gärten gezogen J ).
x ) Marzeli Kräuterbuch 333.
2. Die Wurzel soll Zorn erregen, wenn
sie ein wenig gekaut wird. Man erzählt,
daß ein Scharfrichter, der ein sehr weiches
Herz gehabt, vor jeder Hinrichtung von
dieser Wurzel habe kauen müssen, um
nicht vom Mitleid übermannt zu werden 2 ).
Nach Schroeder 3 ) erzählt dies der
Alchymist und Botaniker Thurneysser
{16. Jh.), der Aberglaube ist also nicht
,.aargauisch“, wie es an der vorher an¬
gegebenen Stelle heißt.
a ) ZfdMyth. 1, 446. 8 ) Apotheke 1693, 1069.
3. Hat eine Hexe der Kuh die Milch
gestohlen, so pflückt man stillschweigend
vor Sonnenaufgang im zunehmenden Mond
drei Stengel der K. im Namen der Drei¬
einigkeit, wäscht zuerst das Melkgefäß
damit (wohl mit dem Absud der K.) aus,
salzt sie dann gut und gibt sie der Kuh
zu fressen. Während sie frißt, sagt man j
dreimal:
Herr me Gott
Half desem Krot
Gäw mi det Meng
Löss äm det Seng.
So erhält die Kuh die Milch wieder 4 ).
K. legt man unter das Bett der Wöch¬
nerin 5 ). Manchmal wird die K. als
„weißer Dorant“ (s. d.) bezeichnet, das
bekannte hexen widrige Kraut 6 ).
4 ) Schullerus Pflanzen 355. & ) Gaßner
Mettersdorf 12 f. Ä ) SAVk. 23, 172. Marzeli.
Katzenmusik.
1. Man versteht darunter Aufzüge
von häufig maskierten, mit Lärminstru¬
menten aller Art versehenen Burschen
vor das Haus einer vorher bestimmten
Person, wo — auf ein gegebenes Zeichen
des Anführers — durch Schreien, Johlen,
Pfeifen und die mitgebrachten Geräte
ein Höllenspektakel veranstaltet wird.
Der Brauch, welcher nächtlicherweüe
oder in der Dämmerung geübt wird, ist
am stärksten in den an romanisches
Stammesgebiet grenzenden Ländern West-
und Süddeutschlands (einschl. Österreichs
und der Schweiz) verbreitet, wo er mit
dem verwandten Charivari zusammen¬
fließt.
2. Die Etymologie des dem roma¬
nischen Sprachstamm angehörigen Wortes
Charivari ist ungeklärt. Gamillschegg,
Etymolog. Wörterb. d. franz. Sprache,
Heidelberg (1928), v. Qharivari, hält es
für Schallbildung „wie das bei Du Cange
(s. v. caria 2) belegte cary-cary x ), das die
älteste Form des Wortes sein dürfte“ und
erklärt es mit: Lärm der Hochzeitsgäste
beim Verschwinden des jungen Paares.
Eine Zusammenstellung von 27 Varianten
des Wortes und verschiedener Deutungs¬
versuche bei G. Phillips (Über den Ur¬
sprung der K. Freiburg 1849) S. 61 ff. 2 ).
Andere technische Bezeichnungen z. B.:
schellen, moregiigen, keßlen, küblen 3 ),
hörnen, hömlen 4 ), trychleten (treich-
lete) 5 ), Schalwaari, den schalwaari
schloon, klopen, den scharebari schla¬
gen 8 ), far cavals 7 ), mantineda 8 ), matti-
nadas 9 ), bavarella 10 ) u. a. m.
3. Der Brauch tritt auf deutschem
Boden zumeist als Akt der sitten¬
richterlichen Tätigkeit des Bur¬
schenverbandes in Erscheinung, als
öffentliche Brandmarkung in Fällen, die
das Verhältnis der beiden Geschlechter
zueinander bzw. das Eheleben betreffen
und zwar: wenn das sittliche Empfinden
des Volkes bzw. alter Brauch verletzt
erscheint, sowie als Ausdruck von Hohn
und Spott, der sich mitunter in naiv¬
rücksichtsloser Weise auch über den
leidenden Teil ergießt.
Mädchen, die sich schlecht auf führen,
anderswohin tanzen gehen 11 ), in ein an¬
deres Dorf heiraten 12 ), werden K.en
dargebracht; im letzten Fall ist ein Los¬
kaufen möglich 13 ). Den in der Fastnachts¬
zeit erwischten fremden Kilter führt die
Burschenschaft in schimpflichem Umzug
unter K.begleitung durchs ganze Dorf 14 ).
Bei Auflösung eines Verlöbnisses wird vor
dem Haus der verlassenen Braut eine
K. veranstaltet (Oberinntal) 15 ); der zu¬
rückgewiesene Freier erhält sie am Vor-
1127
Katzenmusik
1128
abend der Hochzeit des Mädchens mit dem
glücklicheren Bewerber 16 ). Die Heirat
übelbeleumdeter oder mißliebiger Per¬
sonen wird in der Schweiz durch K.en
kundgetan 17 ); es genügt, wenn nur der
Hochzeiter nicht genehm ist (Emmen¬
tal) 18 ).
Mitunter nimmt die K. sogar die Form
eines dramatischen Spieles an, so beim
sog. „Hornergericht“, das schlechte Braut¬
leute oder liederliche Ehegatten bei der
Ankunft im Heim nächtlicherweile emp¬
fängt, wobei eine Gerichtssitzung nach¬
geahmt wird, in welcher das durch zwei
in Lumpen gehüllte Masken dargestellte
Paar symbolisch zum Tode verurteilt und
unter K.begleitung gehängt sowie schlie߬
lich verbrannt wird 19 ).
Auch die Heirat eines alten Mannes
mit einer jungen Frau bzw. eines jungen
Mannes mit einer Alten verletzt die Sitte
und wird in verschiedenen Gegenden
(Saarland 20 ), Franz.-Lothringen 21 ), Frank¬
reich 2Z ), England 23 )) durch K.en gerügt.
Ganz besondere Mißbilligung erfährt die
Hochzeit verwitweter Personen 24 ), vor
allem eine 2. Ehe von seiten der Frau 25 ),
in deren Verspottung sich das Volk nicht
genug tun kann. Dies büdet in Frank¬
reich die häufigste Veranlassung für K.en,
wie aus der Erklärung von charivarium,
chalvaricum bei Du Cange hervorgeht.
Auch die Wiedervereinigung geschiedener
Eheleute fordert den Spott des Volkes
heraus und wird durch K.en gebrand¬
markt 26 ). Wie das „Ausschellen“ der
entlaufenen Weiber 27 ) ist ein „Zusam¬
menschellen“ nach ihrer Rückkehr üb¬
lich 28 ); beides erfolgt durch formelhafte
Verkündung durch den Anführer des
Schwarms mit Einlagen von K.en. Schlie߬
lich wird auch ehelicher Unfrieden, Zank
und Prügelei, sobald sie ruchbar geworden,
durch K.en geahndet 29 ); sie können
sowohl dem Teil gelten, der die Prügel
austeilt 30 ), wie jenem, der sie erhält 31 ).
Es ist nicht immer verletztes Rechts¬
empfinden, das sich darin äußert: fröh¬
liche Verspottung des gemaßregelten
Teiles, bes. wenn es die Frau ist, ist nur
zu häufig fühlbar; so, wenn z. B. in
Schwaben während der Pausen zwischen
den K.n ein Bursch in einen irdenen Topf
hinein stöhnt und heult, um damit die
jammernde Frau darzustellen, welche
die Schläge erhält 32 ).
4. Neben jenen Berichten, in welchen
die K. als öffentliche Brandmarkung einer
das sittliche Empfinden des Volkes ver¬
letzenden Handlung erscheint und damit
in nahe Beziehung zum Haberfeldtreiben
(s. d.), Tierjagen 33 ) u. ä., also in den
Komplex volkstümlicher Rügegerichte 34 )
tritt, stehen andere, welche den Brauch
im Gegensatz zur erstgenannten Bedeu¬
tung geradezu als Wohltat, sein Unter¬
bleiben als Kränkung empfinden lassen.
Fließen die Quellen hierüber auf deut¬
schem Boden auch spärlicher, scheint
doch die Annahme berechtigt, daß sich
in ihnen hochaltertümliche Züge erhalten
haben, die zur Erklärung des Brauches
von wesentlicher Bedeutung sind.
Im Bündner Oberland betrachtet das
neuvermählte Paar die ihm von der
Knabenschaft dargebrachte K. als Ehrung
und stattet seinen Dank durch eine Wein¬
spende ab 35 ). Dieser Wein heißt dort
il vin de cavals 36 ), wie der Brauch selbst
unter der Bezeichnung „far cavals“ (vgl.
o. Anm. 7) bekannt ist. Auch in Tirol
pflegt man ein Hochzeitspaar, das be¬
liebt ist, daheim mit einer K. zu emp¬
fangen 37 ), in Baden bringt die Burschen¬
schaft den Neuvermählten eine Stunde
nach dem Zubettgehen „ Scharewares“
dar 38 ).
Als sog. „faules Weib singen“ kennt
diese Art Ständchen besonders der Wipp¬
taler 39 ) und empfindet ein Unterlassen
des Brauches geradezu kränkend 40 ).
Charakteristisch ist die Verknüpfung
der K. in dieser Bedeutung gerade mit
der Hochzeitsfeier, während sie im
ersten Fall an den Verkehr der Geschlech¬
ter im allgemeinen gebunden war. Zum
Verständnis dieses Brauches führt eine
Gepflogenheit des Genfer Landvolks, in
der Fastnachtszeit, bzw. am ersten März-
Sonntag, den Ehe- und Kinderlosen
K.en darzubringen ti ).
Dies ist nicht etwa nur als Ausdruck
der Mißbilligung zu deuten, denen Ehe-
bzw. Kinderlosigkeit in der Anschauung
II29
Katzenmusik
1130
B. des Volkes allgemein unterliegen 42 ), es
offenbaren sich hier die dem Brauch zu-
J gründe liegenden Vorstellungen in aller
J; wünschenswerten Deutlichkeit als Dä-
monenabwehr bzw. Fruchtbarkeits-
y zauber, wie er ja gerade bei der Hoch-
, zeit in verschiedenen Formen, vor allem
• •
u im Polterabend (s. d.) und Hochzeits¬
schießen (s. Hochzeit § 6, schießen,
Schuß) zum Ausdruck kommt.
In diesem Zusammenhang ist wohl auch
die mehrfach erwähnte Gewohnheit zu
f* verstehen, der Burschenschaft für ihren
Aufzug Gaben zu verabfolgen 43 ). Segen-
vermittelnde Umzüge, verbunden mit
. Gabensammeln sind eine alte, durchaus
volkstümliche und weitverbreitete Sitte,
die zu allen Festzeiten des Jahres, bes. in
der Winter-Frühjahrsperiode, beobachtet
werden kann 44 ).
Wo die ursprünglich segenbringende
\ Bedeutung der K. verblaßt ist oder die
Sitte als lästig empfunden wird, pflegt
man sich durch eine Spende davon los¬
zukaufen 45 ). Hochzeitern, die keine,
oder eine zu geringe Spende verabreicht
haben, bringt die Knabenschaft als Aus¬
druck ihrer Unzufriedenheit eine K.
dar 46 ), die so lange andauern kann, bis
sie das Gewünschte erhält 47 ).
Aus dem Gesagten ist wohl ersichtlich,
daß es nicht angeht, für die K.en eine
einzige Erklärung suchen zu wollen.
Gerade im lebenden Brauchtum fließen
. t _
häufig auch divergierende Elemente zu¬
sammen; dieselbe Schar Jungen, die vor
dem Haus angesehener und beliebter
Leute den alten Brauch in ehrender Ab¬
sicht geübt hat, kann vor dem nächsten
Haus, bei Verweigerung einer Gabe, in
derselben Weise ihrem Unwillen Aus¬
druck verleihen. Daher sagt Hoffmann-
Krayer mit Recht, daß man nicht jedes¬
mal feststellen könne, ob diese „tumul-
tuösen Äußerungen der Jungmannschaft
als Strafe oder als Wohltat zu deuten
sind“ 48 ).
5. Auch im Jahresbrauchtum
sind K.en in beiden genannten Bedeu¬
tungen zu beobachten, allerdings geht
hier der Begriff „K.“ vielfach in den all¬
gemeinen von „Lärmumzug“ über (vgl.
Lärm).
Den verschiedenen Höllenmusiken, die
in den Umzügen der Winter-Frühjahrs-
periode auf deutschem Boden noch in
der Gegenwart gebräuchlich sind, liegt
bekanntlich die Vorstellung einer Dä¬
monenabwehr bzw. Förderung der Wachs¬
tumskräfte (vgl. Lärm) zugrunde. Diese
Absicht tritt besonders deutlich zutage,
wenn, wie z. B. im Kanton Schwyz, die
Knaben am ersten Fastnachtstag mit
Kuhschellen, Klappern u. dgl. m. unter
die Kirschbäume laufen und einen Heiden¬
lärm verursachen, um dadurch deren
Fruchtbarkeit zu erhöhen 49 ) (vgl. das
österreichische Grasausläuten). Uber
das „Einschellen“ der einzelnen Fest¬
zeiten (Einholen von Festen durch ohren-
zerreißende Musik) s. Lärm, läuten,
Schelle.
Anderseits tritt bei den winterlichen
Lärmumzügen, bes. in der Zeit zwischen
Silvester und Fastnacht auch stark das
volksrichterliche Element in den
Vordergrund. In Klingnau brachten
die Nachtbuben zu Silvester bzw. Neu¬
jahr mißliebigen Personen eine K. dar,
indem sie irdenes Geschirr, Schüsseln,
Milchhäfen u. ä. m. vor deren Haustür
werfen: je stärker das Geklirr, desto
größer die Freude 60 ). An vielen Orten
der Schweiz und Österreichs wird in der
Faschingszeit vor den Häusern mi߬
liebiger oder unehrenhafter Personen ein
ganzes Sündenregister verlesen, das häufig
von K.en unterbrochen wird 51 ).
6. Zusammenfassend sei darauf ver¬
wiesen, daß die K. jene beiden Elemente
in sich vereint, die dem Fastnachtsbrauch¬
tum sein charakteristisches Gepräge geben:
Vegetationszauber und ungebundene Volks¬
justiz, und es liegt der Gedanke nahe,
sie als Urform der vielgestaltigen Fast¬
nachtsaufzüge anzusehen; enthält sie doch
auch schon Ansätze zu dramatischem
Spiel, wie die Schilderung des Homer¬
gerichts in der Schweiz (vgl. o. Anm. 19)
deutlich erkennen läßt.
Auch die im Romanischen stark be¬
tonte Vermummung (Verkleidung in
Tiergestalt, wie Hirsch, Kalb, Ziege und
1
Katzenpfötchen
1132
II3I
Nachahmung jener Tierstimmen) be- 1# ) ZfVk. 10, 405. 17 ) SAVk. 8, 172; 19, 187;
weist den engen Zusammenhang von K. 25t ? 8o; x? offm ^ n o "^ ra / e L 3 ^ '*1 S ^ Vk i
und Fastnachtsaufzug. Für die deutsche 368 n) Böcke i Psychologie 344; ZfrwVk. 2,
K. ist diese Vermummung nur verein- 157. 22 ) Böckei u. ZfrwVk. ebd. 23 ) Böckei ebd.
zeit bezeugt, hier hat sich der Brauch
mehr in sittenrichterlichem Sinn ent¬
wickelt, während er in der romanischen
Überlieferung seinen alten Charakter
als Vegetationszauber treuer bewahrt hat.
So ist die K. im deutschen Volksbrauch
der Gegenwart als Rest alter indoger¬
manischer Schwarmumzüge anzusehen,
wie sie für die klassischen Völker der An¬
tike L. Radermacher in seiner grund¬
legenden Einleitung in die Frösche des
Aristophanes aufgezeigt und charakteri¬
siert hat 62 ). Daß sie auch dem ger¬
manischen Norden nicht fremd gewesen,
beweist der zähe Kampf, den durch das
ganze M. A. die katholische Kirche gegen
diese Überlieferungen aus vorchristlicher
Zeit geführt hat 53 ).
Die Geschichte der K.en ist noch
nicht geschrieben. Man müßte dabei
wohl von den Trägern des Brauches,
den Burschen verbänden, ausgehen; treu
und zäh hat Schweizer Brauchtum uralte
Überlieferung bewahrt, da dort die
Knabenschaften noch heute Wahrung
der Sitte und des Anstandes bes. im Um¬
gang mit dem andern Geschlecht und
gemeinsames Auftreten bei kultischen
Handlungen als ihre vornehmsten Pflich¬
ten betrachten. Eine auf breiter Basis
aufgebaute Untersuchung altgermani¬
scher Männerbünde könnte mehr
Licht auf den Ursprung der K.en werfen.
x ) Ein in der Normandie gebräuchlicher
Ausruf, durch den das Volk zur Verhöhnung
gegen die Steuerbeamten auffordert, vgl. auch
Phillips Ursprung der K.en, Freiburg 1849, 62.
*) Vgl. ZfrwVk. 2, 157; Simrock Mythologie
552 f. 8 ) SAVk. 8, 87. 172; vgl. Bächtold
Hochzeit 1, 298. 4 ) SAVk. 8, 165; 21, 81; vgl.
Bächtold Hochzeit 1, 298. 6 ) SAfVk. 1, 146;
2, 140t.; 11, 267; Hoffmann-Krayer 59
(Treichle-Schelle); Bächtold a. a.O. •) ZfrwVk.
2, 156; Wrede Rheinland 224; ders. Eifeier
Volksk. 200. 7 ) SAVk. 2, 140; 8, 165; 30,
23; Phillips a. a. O. 61. 8 ) SAVk. 1, 281;
8, 165. •) Ebd. 18, 159. 10 ) Ebd.; andere Be¬
zeichnungen: Bächtold a. a. O.; SAVk. 8, 164.
u ) SAVk. 15, 98. 12 ) Ebd. 2, 141; vgl. 16, 85 t.
ii, 267; Bächtold a. a. O. 1, 299. 13 ) SAVk.
2, 141. 14 ) Ebd. 1, 280. 16 ) Zingerle Tirol 223 f.
(mit Literatur); Simrock a. a. O. 552. 24 ) Phil¬
lips a.a.O. 5; ZfVk. 10, 207; Simrock a.a.O.
551; ZfrwVk. 2, 156; 6, 292; SAVk. 2, 141;
18, 159; Hoffmann-Krayer a. a. O. 59;
Fox a. a. O. 368. 25 ) Weinhold Frauen 2, 36 f.;
Hoffmann-Krayer ebd.; Fox a. a. O. 484,
Anm. 433; Böckei ebd.; ZfrwVk. 2, 157; ZfVk.
10, 206; SAVk. 8, 166, 172 f. (mit Literatur);
vgl. Phillips a. a.O. 51 ff. 2# ) SAVk. 2, 141;
4, 308; 8, 165; Hoffmann-Krayer a. a. O.
27 ) SAVk. 4, 308. 28 ) Ebd. 8, 165. 172 f. 307 f.;
Hoffmann-Krayer a. a. O. 2> ) Meier
Schwaben 2, 497; SAVk. 8, 87. 164 f.; Simrock
a. a. O. 552. 80 ) SAVk. 2, 141; ZfVk. 26, 104;
Wrede Eifeier Volksk. 200; ders. Rheinland
223 f. 81 ) ZfVk. 26, 104; Böckei a. a. O.
82 ) Meier a. a. O.; vgl. SAVk. 8, 164 f.
M ) ZfrwVk. 2, 156; 27, 89; Simrock a. a.O.
55of.; Wrede Rheinland 171. 223 f.; ders.
Eifeier Volksk. 159. 200. M ) H. Usener
Italische Volksjustiz (Rhein.Mus. Bd. 56).
w ) SAVk. 2. 140; 8, 172. 86 ) Ebd. 2, 140.
87 ) ZfVk. 10, 202 ff. 206 ff. *•) Meyer Baden
316. 8# ) ZfVk. 10, 202. «>) Ebd.; ZfrwVk. 10,
222. 41 ) SAVk. 7, 161; 11, 267; Sartori Sitte 1,
121; Hoff mann -Kray er a. a.O. 59. 42 ) Becker
Frauenrechtliches 46 ff.; vgl. SAVk. 8, 166.
43 ) SAVk. 11, 267; vgl. ZfVk. 10, 207 (Ober¬
österreich). 44 ) Literatur bei Sartori 3, 11;
vgl. Fehrle Volksfeste 104; Geramb Brauch¬
tum 7. 9. 10. 31 f. 95. 97. ioif. (mit Lite¬
ratur); vgl. zuletzt Meuli im SAVk. 28, 1 ff.
* 5 ) SAVk. 8, 97. 44 ) Ebd. 2, 141; 8, 87. 97;
25, 280; Bächtold a. a. O. 298; Wrede
Rheinland 171; ders. Eifeier Volksk. 159.
47 ) SAVk. 30, 23. 48 ) Hoffmann-Krayer
a. a. O. 49 ) SAVk. 1, 66. ®°) Ebd. 7, 115; vgl.
14, 86. 51 ) Hoffmann-Krayer 59; Sartori
a.a.O. 3, 121 f.; vgl. Geramb a.a.O. 17. 23. 25.
62 ) Sitz.Ber. Akad. Wien, Phil.-hist. Kl. 198,
4. Abhandl.; s. bes. S. 4 ff. M ) Zeugnisse b.
Phillips a. a. O. 3 ff. 19 ff. und passim;
Pfannenschmid Erntefeste 577 ff. und passim;
ZfVk. 10, 206; SAV. 8, 81 ff. 161 ff. M ) Zur Lite¬
ratur: Queri Bauernerotik 10; Sepp Religion
56ff.; De Cock Volksgeloof 1 (1920), 105; ders.
Oude Gebruiken 2420.; Volkskunde 12, iff.;
16, 128 ff.; SchwVk. 10, 84; RTrp. 6, 429;
Flögel Gesch. d. Grotesk-Komischen 2, 211 f.;
Driesen Ursprung d. Harlekin 107 ff. 120 ff.
242 ff.; Urquell 2, 163. Perkmann.
Katzenpfötchen (Himmelfahrt sblüm -
chen, Mausöhrlein; Gnaphalium dioicum,
Antennaria dioica).
1. Botanisches. 5—20 cm hoher
Korbblütler, dessen Stengel und Blätter
unterseits weißfilzig behaart (daher K.)
sind. Die grundständigen Blätter sind
1133
Kauf, Verkauf (Handel)
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rosettenartig angeordnet. Die Blüten¬
köpfchen sind weiß bis rötlich. Das K.
ist häufig auf trockenen, sandigen Heiden,
in Kiefernwäldern usw. J ). In der volks¬
kundlichen Literatur wird das K. manch¬
mal mit dem kleinen Habichtskraut
(s. d.), das ebenfalls den Namen „Maus¬
öhrlein“ führt, verwechselt. Diese Pflanze
ist wohl das „Mausöhrle“, das an einem
Freitag vor Sonnenaufgang gegraben und
in einem weißen Tuch auf dem Leib
getragen hieb- und stichfest machen
soll 2 ).
*) Marzeil Kräuterbuch 293 f. 2 ) Meier
Schwaben 247 = Wuttke 106 § 137.
2. Besonders in Süddeutschland be¬
steht der Glaube, daß die am Himmel¬
fahrtstage (daher „Himmelfahrtsblüm-
chen“) vor Sonnenaufgang gesammelten
K. vor dem Blitz schützen. Oft werden
aus den Blümchen Kränzchen gebunden,
die in den Stuben und Ställen aufgehängt
werden. Meist sind es die Mädchen,
die schon in aller Frühe 3 ) die K. pflücken 4 ).
Ganz allgemein heißt es manchmal, daß
das K. alles Unheil besonders Hexerei
abhalte 6 ).
3 ) Schon um 2 Uhr nachts: Meier Schwaben
399. 4 ) Wirth Beiträge 6-7, 6; Mannhardt
Germ. Myth. 18; Meyer Germ. Myth. 216;
Reinsberg Festjahr 145; Grimm Myth. 3,
36; Marzeil Bayer. Volksbotanik 32 f.; Hmtg.
1, 292; Meier Schwaben 399; Meyer Baden
102; Birlinger Aus Schwaben 1, 388; Heer¬
wagen Volkskde. von Kleinsorheim im Ries
1919, 34 (mit vielen Literaturnachweisen);
Bohnenberger 112; Kapff Festgebräuche 61;
Alemannia 1914, 186. 6 ) Birlinger Aus
Schwaben 1, 388; auch auf Island galt das K.
als hexen widrig: Olafsen Reise durch Island
I (1774)» 228.
3. Gegen „Gichter“ der Kinder
macht man Kränzchen aus den Blüten
des „Katzendäbli“, schiebt sie am ersten
Oktavtag ohne Wissen des Pfarrers unter
das Altartuch, nimmt sie am letzten
Oktavtag wieder weg und legt sie unter
das Kopfkissen. „Aber viele halten das
für unreligiös, darum seien schon viele
Kinder, die mit solchen Kränzchen be¬
handelt wurden, von schwerer Krankheit
befallen worden“ 6 ). Der Tee („griser
Tee“) wurde bei Mastdarmvorfall kleiner
Kinder angewandt; zu diesem Zwecke
1134
mußte die Pflanze um Bartholomäi (24.
August) gepflückt werden 7 ).
®) Meyer Baden 42. 7 ) Kück Lüneburger
Heide 238. Marzeil.
Kauf, Verkauf (Handel).
A. Eink.: 1. Angang. 2. Glückerzwingende
Zauber. 3. Günstige und ungünstige Handels¬
zeit. 4. Die K.handlung (Weink. oder Leitk.
und Angeld oder Handgeld, Gottesheller). —
B. Schutz und Angewöhnung der neu-
gek.ten Tiere: 5. Lösung aus der bisherigen
Umgebung. 6. Unheilabwehr auf dem Heim¬
weg. 7. Unheilabwehr im neuen Heim. 8. Ein¬
führungsriten. 9. Bindung an die neue Um¬
gebung. 10. Bindung an die neue Herrschaft.
11. Sachenschutz. — C. Verk.: 12. Glück¬
erzwingende Zauber. 13. Preis- und Verk.s-
vorzeichen. 14. Aufbruch zum Markt. 15.
Marktweg (Angang). 16. Erster Verk. (Handk.,
Handgeld) und erster Käufer. 17. Schutz
der zurückbleibenden, nicht verk.ten Tiere und
Waren. — D. Zu k.en und zu v er k.en:
18. Was man k.en muß. 19. Was man k.en
kann; in K.sitten gewandelte Geldopfer. 20.
Was man nicht k.en darf. 21. Was man verk.en
muß. 22. Was man verk.en kann. 23. Ver¬
botene Verk.szeiten (Hexenabwehr). 24. Un¬
verkäufliches. 25. Betrug.
A. 1. Das Glück eines günstigen
Eink.s 1 ) hängt für den Bauern wie für
den Handelsmann nach einigen Zeug¬
nissen zunächst von mit dem Willen
nicht greifbaren Kräften und Einflüssen
ab, die es zu beachten gilt. Man muß
Glück haben, freilich auch selbst dafür
sorgen (vgl. §2), daß man es habe 2 ).
Schlechte Vorzeichen und ungünstiger
An gang vereiteln einen guten Handel.
Wenn sich beim Abschluß eines Handels
plötzlich Elsterngeschrei hören läßt, be¬
deutet dies Prozeß mit dem Verkäufer 8 ).
„Gehet jemand in seinen Geschäften
über Land, und begegnet ihm vor seinem
Haus ein altes Weib, so hält er selbes
für ein Unglück und kehret wieder um“ 4 ).
Wenn einem auf dem Marktweg jemand
mit Wasser begegnet, hat man weder
zum K. noch zum Verk. Glück 5 ). Von
guten Vorzeichen und günstigem An¬
gang wird gleichfalls berichtet. Wer auf
dem Weg zum Kuhk. ein Stück Eisen
findet, glaubt einen guten K. zu machen Ä ).
Der Angang junger Leute ist dem Käufer
günstig 7 ), vgl. § 16. In Ostpreußen er¬
kundet man beim Ank. von Rindvieh
die Farbe, die „einem zur Hand geht“.
H35
Kauf, Verkauf (Handel)
1136
d. h. gedeiht; es ist die Farbe des ersten
Wiesels, welches man sieht, besonders
wenn man sich im Stalle aufhält — sieht
man ein weißes Wiesel, so gedeiht weißes
Vieh am besten usf. 8 ), vgl. § 2.
1 ) Zur antiquarischen Wort- u. Sachkunde
von K. u. Verk., altem Tausch u. Handel über¬
haupt vgl. Grimm RA. 2, I5iff.; Schräder
Sprachvergleichung 2, 290 ff.; Indogermanen 40ff.
u. Realie x . 2 i, 434—438. 566—569; Ebert
Reallex. 5, 37—64. 71—90 (Handel in Europa).
6, 246—249 (K.); Hoops Reallex. 2, 373—410
(deutscher Handel); 3, 19 ff. (K., K.mann);
G. Steinhausen Der Kaufmann in der deutschen
Vergangenheit 1891. 2 ) Vgl. Sartori Sitte u.
Brauch 2, 140 ff. 3 ) Hüser Beiträge 2, 26;
vgl. den ungünstigen Angang der Elster über¬
haupt, s. o. 1, 429 t.; Meyer Baden 514:
sammen ein Stück Geld geopfert (einem
Bettler gegeben), um Glück in K. und
Verk. zu beschwören 16 ). Am'günstigsten
schneidet natürlich bei allen Einkäufen
der ab, der mit einem Wechseltaler be¬
zahlt und noch Geld zurückerhält —
den Taler selbst findet er dann zu Hause
wieder 17 ), vgl. Hecktaler 3, 1613 ff.
Wer etwas aus einer Kirche, von einem
Altar oder aus einem Gotteskasten be¬
kommen kann und damit zu handeln
anfängt, wird überaus reich 18 ). Noch
eine seltsame Schadenverhütung ist zu
erwähnen nach dem Bericht des Egerer
Scharfrichters Huß 1823: „Gehet einer
Vieh und besonders Küh eink.en, so leert
Raben-, Elstern- u. Hähergekrächze auf dem
Geschäftsgang unlieb; noch heute in Ostpreußen,
vgl. NdZfVk. 8, 50. 4 ) Huß Aberglaube 7;
Meyer Baden 515: wenn man auf einem Gang
in einen Laden einem Mann mit einer Geiß
begegnet, bekommt man die gewünschte Ware
nicht, s. a. A. 294. Ä ) Rockenphilosophie (1706)
179 c. 76 = Grimm Myth. 3, 443 Nr. 257;
Panzer Beitrag 1, 263. ®) ZfVk. 23, 181
= Müller Isergebirge 9. 7 ) Müller a. a. O.
8 ) Toeppen Masuren 97 = W. § 690.
2. Man verläßt sich aber hier nicht
nur blind auf sein Schicksal, sondern
ruft auch starke Mächte zu Hilfe. Ähn¬
lich der Wirkung einer nordgermanischen
Zauberrune, die auf eine Buchenholz¬
tafel eingeschnitten und zwischen den
Brüsten getragen worden ist •), verleiht
der rechte Tobiassegen dem Besitzer,
daß all sein Beginnen in K. und Verk.
ein gutes Ende nimmt 10 ). Oder es wird
geraten, „daß du wohlfeil eink.st und
theuer verk.st: Fange ein weißes Wiesele,
nimm ihm dem Kopf ab und steck den¬
selben in deinen rechten Sack. Pro-
batum** u ). Ebensogut hat man den
Kopf eines Wiedehopfs in einem Säck-
lein bei sich, der bewirkt, daß man von
den K.leuten nicht betrogen werden
kann 12 ); „so du eines Widehopfen Aug
in dem Beutel trägst, so gewinnst du an
allem, was du k.est** 13 ). Wer eine ab¬
gebissene Maulwurf$pfote mit sich führt,
auch der k.t wohlfeil und verk.t teuer 14 ).
In Brandenburg trägt man beim Eink.
des Viehs Salz und Dill in der Westen¬
tasche 15 ). Bei einem böhmischen Pflüge¬
zauber wird mit Brot und einem Ei zu-
er den Tisch ab, das nichts auf selben
liegen bleibt, ansonst wird nicht aus der
Stube gegangen** 19 ). Vielleicht ist diese
Vorschrift mit dem Verbot zu fegen beim
Marktgang des Vieh Verkäufers zusam¬
menzubringen, vgl. § 15.
8 ) ZfVk. 13, 276. 10 ) nordböhmisch, ZföVk.
15 (1908), 114 = Kronfeld Krieg 67. n ) Al¬
bertus Magnus (Enßlin) 2, 11. 12 ) Kuhn
u. Schwartz 461; Bartsch Mecklenburg 2,
30 (1586); Panzer Beitrag 1, 259 Nr. 46.
13 ) Albertus Magnus 2, 12. 14 ) Rocken¬
philosophie (1706) 189 c. 81 ss Grimm Myth.
3, 443 Nr. 261. 16 ) ZfVk. 1, 187. 16 ) John
Westböhmen 186 = Sartori Sitte 2, 62. 17 ) Hü¬
ser Beiträge 2, 21 Nr. 60; ähnlich Grohmann
212; vgl. Sartori Sitte 2, 21. 18 ) Männling
293 (Lübecker Sage). lfl ) Huß Aberglaube
7 — ZföVk. 6, 109; vgl. Panzer a. a. O. 1, 267
Nr. 182: wer verreisen will, soll beim Abgehen
erst den Tisch abräumen, sonst wird ihm der
Weg sauer.
3. Ungünstige Stunden und Tage zu
vermeiden, glückliche zu benutzen, gilt
wie bei andern wichtigen Handlungen
auch für K. und Verk., vgl. Glückstage
3, 899 fl. So soll man zwischen 11 und
12 Uhr mittags kein Vieh k.en 20 ). Grö¬
ßere Vorsicht erfordert noch die Wahl
des Tages. Im Mittelalter hat es nicht
an „schwarzen Tagen** gefehlt, den ägyp¬
tischen Tagen (1, 223 fl.), an welchen
es verpönt gewesen, K.e und Verk.e
abzuschließen 21 ). Am Bodensee kennt
man noch in der Neuzeit fünf unglück¬
liche Tage (3. III, 17. VIII., 1. 2. 30. IX.),
an denen man nichts k.en soll 22 ). Ein
gleicher Unglückstag für K. und Verk.
ist der erste April 23 ). Unter den Wo c h e n -
1137
Kauf, Verkauf (Handel)
1138
tagen k.t man Montags nicht gerne
etwas, da man Montags kein Geld aus¬
geben soll, wenn man nicht das Glück
für die ganze Woche weggeben will 24 );
demgegenüber heißt es auch einmal, Mon¬
tags beim K. nichts schuldig zu bleiben 2S ).
Mittwochs darf man nicht mit Vieh han¬
deln, am allerwenigsten am Aschermitt¬
woch 26 ), vgl. § 23. Mittwochs und Frei¬
tags k.te man in Mittelbaden noch vor
kurzem keine Schweine, weil man dann
kein Glück mit ihnen zu haben ver¬
meinte 27 ). Der Freitag ist vollends ein
Unglückstag für Geschäfte, zumal im
Viehhandel 28 ). Wenn man am Montag
oder Freitag die Milch des gleichen
Tages verk.t, gibt die Kuh künftig blaue
Milch 29 ). Günstig dagegen ist der Don¬
nerstag, der altbeliebte Gerichtstag, der
besonders in der Schweiz seit alter Zeit
als Markttag geschätzt ist 30 ), und gegen
den Dienstag bringt der deutsche Aber¬
glaube in dieser Hinsicht ebensowenig
Nachteiliges vor. Der Samstag schlie߬
lich ist wieder nicht unbedenklich, es dür¬
fen da keine neuen Kleider gek.t werden 31 ).
Wesentlich für das Gedeihen des gek.ten
Viehs ist in Aalen, daß der Eink. bei
zunehmendem Mond erfolgt 32 ). Michaelis
als passendsten Termin zum Eink. des
Viehs bestimmt eine Bauernregel wohl
aus ganz natürlichen Gründen 33 ). S. a.
§§ 6. 20. 23.
fl 1 *°) Alemannia 34, 277 (Walldürn). 21 ) Meyer
' Aberglaube 210. 22 ) Lachmann Überlingen
l 391. 23 ) Schmitt Hettingen 13. 24 ) W. § 67
(Sachsen); Panzer Beitrag 2, 294. 25 ) Grimm
y Myth.3, 461 Nr. 771 (Osterode 1788); Meyer Aber-
y glaube 207. *®) W. §§ 69 (süddt.). 99. 681; dies
wird in Baden heute nicht mehr beachtet, der
■ Mittwoch ist z. B. in Ettenheim der Hauptmarkt¬
tag, gerade im Viehhandel. 27 ) Meyer Baden
404; vgl. ebd. 399. 511; auch hessisch: Wolf
* Beiträge 1, 221. 241. 28 ) Meier Schwaben 2, 391;
'■ Becker Pfalz 261; Sartori Sitte 2 , 140; W.
§ 777 * 29 ) W. § 705 (Thüringen). 30 ) Roch-
holz Glaube 2, 43 f.; Meyer Baden 513; W.
1 § 70; Di., Do. u. Sa. auch in Schweden, vgl.
$■ Heurgren 345. 31 ) W. § 72. 3a ) Eberhardt
• f. Landwirtschaft 15. 33 ) ZfVk. 10, 208 (Nord¬
thüringen): ,,den Verk. aber brich nicht übers
Knie“.
4. Für einen guten Verlauf des Han¬
dels und zur Vermeidung von Schaden
p für das verhandelte Vieh, den gewünsch¬
ten Gegenstand besteht das wichtige
Gebot, nicht zu feilschen, vgl. 2,13i3fl.
Besonders muß man dies vermeiden,
wenn man ein Kalb zum Aufziehen k.t,
sonst fällt es 34 ). Nur aus Oldenburg ist
im Gegenteil überliefert, daß der Käufer
von Vieh immer von dem Angebot etwas
abdingen müsse, sonst habe er kein Glück
damit 35 ). Ebensowenig darf man be¬
trügen, vor allem nicht beim Bienenk.,
sonst „verk.t man seinen Segen mit** 36 ).
Der K.preis soll eine gerade Zahl be¬
tragen 37 ). Nimmt man das Patengeld
eines Kindes als K.geld für ein Schwein,
so wird dieses gut gedeihen 38 ). Die ei¬
gentliche K.abmachung wird seit alters
durch einen Handschlag bekräftigt,
ein altes deutsches 39 ), aber ebenso rö¬
misches und griechisches Rechtssymbol 40 ),
vgl. 3, 1401 f. In Schlesien spricht der
Verkäufer, die Hand dem Käufer rei¬
chend: „Na, Gott verleih Glücke! 1 *, und
der Handel ist zu dem vom Käufer ge¬
botenen Preise abgeschlossen 41 ). Die
Bückeburger Schweinekäufer wünschen
sich selbst: „Na, denn Glück damit, süss
well wi se nich“ 42 ). So ist die Haltung
des Käufers schon stark bestimmt durch
die Rücksicht auf das Gedeihen des Neu-
gek.ten, s. w. §§5—11. Den K.abschluß
vollenden und verleihen ihm nach alter
Gewohnheit Rechtskraft nach dem Hand¬
schlag ein gemeinsamer Trunk und
ein Almosen, bzw. eine Anzahlung
der erwerbenden Partei, wovon die beiden
erstgenannten Opfer bald von einer,
bald von beiden Parteien gespendet wer¬
den. Diese alte Rechtssitte des Wein-
k.s 43 ) oder Leitk.trinkens (Litk., Leitk.,
mundartlich entstellt Leutk., Leuk.,
Lei(h)k., Leink., Leibk. ^)) und des
Gotteshellers oder des Angeldes hat
sich aus dem Reurecht entwickelt 43 ),
der Möglichkeit, von einem mündlich
beredeten Vertrage, besonders einem K.-
vertrag zurückzutreten, solange keine be¬
stimmte symbolische Handlung vor Zeu¬
gen den Vertrag fest gemacht hat; als
solche Handlungen werden im Mittel-
alter schon als üblich genannt: einer¬
seits die Hingabe eines Pfandes von
seiten des Käufers, in der Regel einer
H39
Kauf, Verkauf (Handel)
1140
kleinen Geldsumme, die verschieden ge¬
heißen wird: Gottesheller oder Gottes¬
pfennig, Arrha, Arre 46 ) oder Darangeld 47 ),
Handgeld (vgl. aber §16); gelegentlich
ist sie durch den Handschlag vollgültig
ersetzt 48 ); wenn beide Seiten seit dem
16. Jh. den Gottespfennig geben, offenbar
unter dem Einfluß des Weink.s (s. u.),
liegt eine Abweichung vom alten Recht
vor 4Ö ); einen entsprechenden Festigungs¬
pfennig kennt auch das altnordische, be¬
sonders das altschwedische K.- und Miet¬
recht 60 ); dieses Pfandgeld wird entweder
als Almosen geopfert oder als Anzahlung
dem verk.enden, (sich) vermietenden Teile
gegeben; über den im Aberglauben dem
Gottesheller noch zugewachsenen Sinn vgl.
§5 — andrerseits (das ältere Symbol
oder erst eine jüngere Anwendung des
dann älteren Pfandgeldes?) die Feier
des abgeschlossenen Vertrags in Gemein¬
schaft mit Zeugen durch ein Mahl oder
einen Trunk, Weink. usw. genannt; den
Weink. bezahlen im Gegensatz zum Pfand¬
geld nach den alten Quellen bei K.Ver¬
trägen beide Vertragsschließende 61 );
schon im Mittelalter tritt an die Stelle
von Mahl und Trunk, des ,,nassen“, ein
„trockener“ Weink., Trinkgeld an Zeu¬
gen 62 ), infolgedessen gehen schließlich
Namen und Begriffe von Weink. und
Gottesheller und Angeld ineinander
über M ); die Weink.szeugen sind Ver¬
tragszeugen, daher rühren die Namen
vinum testimoniale, potus testimonialis,
Wissebier 64 ); später hat man diesen ei¬
gentlichen, Zeugen schaffenden Sinn des
Weink.s vergessen und ihn wenigstens
bei K. und Miete meist nur noch unter den
Parteien getrunken. Die Rezeption des
römischen Rechts ersetzt als Rechts¬
brauch diese alten Symbole durch den
schriftlichen Büchereintrag; die Sym¬
bole, denen die Kraft der Willenserklärung
nunmehr genommen ist, schleppen sich
aber als willens- und rechtsbestärkend
und den Beweis erleichternd in der bäuer¬
lichen K.sitte fort, bis sie heute all¬
mählich absterben 65 ). Auch das Rechts¬
sprichwort erhält ihr Andenken noch:
„Was verleitk.t wird, hat Kraft“ 56 ).
Beide Symbole, Angeld (in der Regel als
von
Haftgeld für den geworbenen Vertrags¬
teil, seltener als Almosen an einen Dritten)
und Weink., begegnen mit der selben
rechtskräftigenden Wirkung auch bei an¬
dern Verträgen als dem K., besonders
bei Verlobung 57 ) und Dienstboten¬
miete 58 ). Das bei Auflösung des Ver¬
sprechens verfallbare „Handgeld“, der
„Haftpfennig“, „Gottespfennig“, „Gottes¬
heller“ oder „Heiligergeistpfennig“, das
,, Angeld' 4 , ,,Drangeid' ‘, , ,Draufgeld f ‘
(Arrha) und der Weink. halten sich bei
der Verlobung am längsten 59 ) — in
Unterfranken heißt das Handgeld „Weng-
kof“ 60 ) — bis der Ring immer mehr
diese Treugelder, meist bestimmte Mün¬
zen, ablöst. Das Ausgeben dieses „Drauf¬
geldes“ bringt Unglück 61 ), man trennt
sich daher nie davon 62 ). Bei der Dienst¬
miete spricht man ebenso von „Hand¬
geld“, „Haftgeld“, „Gottespfennig“ und
von ,,Dienst groschen“, „Mietstaler“,
„Milchpfennig“ (vgl. aber § 5) Ä3 )> se ^~
tener von „Leihk.“ und „Weink.“ 64 ),
im Rheinland von „Meetspenning“ oder
„Jottsheller“ 65 ), in Gossensass noch
„Arre“, „Capärre“ 66 ), „Har“ im Pinzgau
und Unterinntal 67 ). In Nordböhmen
spuckt der gedungene Dienstbote auf
das Handgeld 68 ) wie der K.mann auf
sein erstes eingenommenes „Hand“-Geld,
vgl. § 16. S. w. Dienstbote 2, 256 ff. Nicht
minder häufig als die Verlobung wird
heute noch die Dingung auf dem Lande
durch einen Trunk oder ein Mahl bekräftigt
auf Kosten des mietenden Bauern, so
daß „Weink.“ nicht nur ein leerer Name
bleibt 6Ö ), besonders nicht auf südost¬
deutschem Gebiet 70 ).
M ) W. §690. 35 ) W. §681. 36 ) Urquell
5, 21. 37 ) ZfVk. 23, 181; Müller Isergebirge 9.
38 ) Drechsler 2, 117. 39 ) „K. schlagen",
ZfdMyth. 3, 303U. Grimm RA. 2, 151; H. Fehr
Das Recht im Bilde (1923) S. 136 u. Abb. 187;
s. u. Anm. 241; noch lebendig: Becker Pfalz
261; Wrede Rhein. Volkskunde 2 224; Heck-
scher 465 Anm. 226; ZfVk. 5, 301 (Flandern,
nur beim Tierk.!); Laube Teplitz 50; Drechs¬
ler 2, 24; Schramek Böhmerwald 242; im alt¬
schwedischen Recht vgl. Hylten-Cavallius
2, 403; Heurgren 344; Globus 66, 275 (Ruthe-
nen). 40 ) Bei den Süd Slawen reichen sich Käufer
und Verkäufer die Hand, ein dritter versetzt auf
die vereinigten Hände einen Schlag mit seiner
Rechten, so ist der K. besiegelt, Krauß Sitte u.
i
II4I
Kauf, Verkauf (Handel)
1142
Brauch 195. 41 ) Drechsler 2, 108; vgl. Kück
Lüneburger Heide 247. 42 ) ZfrwVk. 6 (1909), 196.
43 ) DWb. 14, 1, 944—948; Becker Pfalz 261.
383: „Winkuff"; Bächtold Hochzeit 1, 92;
Kolbe Hessen 147 f. u. Kondziella Volksepos
m Anm. 115 leiten abwegig Win- in Wink,
nicht von Wein, sondern von ahd. mhd. wini
= Geliebter, Geliebte ab, demnach Winkof
— „Brautk.", vgl. dagegen Grimm RA. 1, 264.
2, 153 f. u. DWb. 14, 1, 945 f. 44 ) ahd. lid,
mhd. lit = „Obstwein", später allg. „Trunk",
DWb. 6, 693. 727. 739 (Hans Sachs u. Luther);
14, 1, 944: wenig jünger als „Weink.", bayr.-
Österr., ostmd.; Grimm RA. 1, 264 h; Schmel-
ler BayWb. 1, 1536!.; 2, 521; Schweizld. 2,
271 f. 3, 167 ff.; Drechsler 2, 24; John
Westböhmen 209 u. Oberlohma 160; Toeppen
Masuren 98; WZfVk. 35, 43. 46 ) Vgl. O. Stobbe
Reurecht und VertragsSchluß nach älterem deut¬
schen Recht in ZRG. 13 (1878), 209 ff.; s. a.
Grimm Kl. Sehr. 2, 205; Amira Grundriß
225 t; R. Schröder Dt. Rechtsgeschichte * 326 f.
7991 Fehr a. a. O. 1360.; Schwerin Volks¬
kunde u. Recht (1928) 12 ff. 4 ®) lat. arrhabo,
arra aus griech. d£f>aßu)v, hebr. eräbön
„Unterpfand", Schräder Reallex . 2 1, 567;
„arre" im Sachsenspiegel; ZRG. 13, 2150.;
Schmeller BayWb. 1, 121; 2, 1146; Schmitz
Eifel 1, 51; Bächtold Hochzeit 1, 92. 47 ) DWb.
2, 760. 48 ) ZRG. 13, 222. 49 ) Ebd. 227. 60 ) K. v.
Amira Nordgermanisches Obligationenrecht 1
(1882), 3240.; 2 (1895), 346ff.; schwed. köpskal,
südschwed. lif>köp — eingewandertes mnd. lid-
kop, Grimm RA. 1, 264 t. u. Amira a. a. O.
L 290. 325. ßl ) ZRG. 13, 231 ff.; Grimm RA.
1, 264t.; Bächtold a. a. O.; Drechsler 2,
24; Schönbach Berthold v. R. 112; Kircher
Wein 67 f. (ags. u. antike Parallelen); Weink.-
trinkenim 16. Jh.: DG. 5, 164 f. (Unterfranken).
191 f. (Pfalz); s. a. H. Brunner Dt. Rechts¬
geschichte 2 2 , 530 Anm. 11; Schröder Dt.
Rechtsgeschichte 8 92. 326. 396; Fehr a. a. O.
S. 139 u. Abb. 188; weitere Lit. vgl. Bächtold
a. a. O. 93. ® 2 ) ZRG. 13, 234; Wrede Rhein.
Volkskunde 2 335 Anm. 216. M ) So heißt z. B.
um 1800 in Obersteiermark die Verlobungsgabe,
also das Pfandgeld des Bräutigams an die
Braut „Leik.", Geramb Knaffl-Handschrift
57. 64 ) ZRG. 13, 236 ff. 66 ) Lemke Ostpreußen
L 82; Toeppen Masuren 98; Drechsler 2, 24;
Laube Teplitz 50; John Westböhmen 209;
Schramek Böhmerwald 242; WZfVk. 35, 43
(Mühlviertel); Heyl Tirol 809; Eberhardt
Landwirtschaft 12; Hoff mann-Krayer 31;
Becker Pfalz 261; Wrede a. a. O. 224;
Schmitz Eifel 1, 96; Globus 66, 275 (Ruthe-
nen); Sartori Sitte 2, 181. 66 ) Graf u. Diet-
herr Deutsche Rechtssprichwörter (1869) 243, 122.
* 7 ) Bächtold Hochzeit 1, 92 ff.; Kondziella
Volksepos in ff.; Becker Pfalz 227; „Weink."
in manchen Gegenden soviel wie „Verlobung";
vgl. Meyer Baden 257; SAVk. 11, 274 (Fast¬
nachtsspiel 1610); Reuschel Volkskunde 2, 74;
Mülhause 41 f.; Kolbe Hessen 347T; Heßler
Hessen 2, 415; auch einst „Gleichkauff", „Lieb-
kauff" genannt, Götze Luther 33. 68 ) ZRG. 13,
230; Sartori Sitte 2, 37 f.; Schweizld. 3, 167.
69 )ZRG. 13,221 ;Weinhold Fraueni, 309h 342L;
Sartori Sitte 1, 56; ZfVk. 10, 46. 293; 13, 290.
382; 14, 281 (Koburg); Brückner Reuß 182;
Witzschel Thüringen 2, 234; ZfrwVk. 2 (1905),
187; 10 (1913). 3 *-; Mülhause 41 f.; Rehm
Feste 101 (hessisch); Wrede Rhein. Volks¬
kunde 2 169 (Beispiele 1571, 1585 u. 19. Jh.);
Schmitz Eifel 1, 51; Becker Pfalz 227;
Meyer Baden 258: das Handgeld um Gottes
willen armen Leuten weitergegeben; Hoff-
mann-Krayer 31; Reiser Allgäu 2, 257;
Kohl Tiroler Bauernhochzeit 217. 220. 225. 254;
Geramb Brauchtum 2 118 (Tirol u. Salzburg);
Bavaria 1, 389; 2, 276 („Ehetaler" oder „Haftl-
geld", Oberpfalz); 3, 332. 962 („Heiratstaler",
Mittelfranken); 4, 366; Schönwerth Oberpfalz
1, 56 f. 119 t.; John Oberlohma 160 f.; Schra¬
mek Böhmerwald 189; Baumgarten Aus der
Heimat (1869), 46; Schullerus Siebenbürgen
105 ff. (K.trunk, Wisstrunk); Handgeld in poln.
Oberschlesien: Drechsler 1, 234; bei südslaw.
Verlobung: Krauß Sitte u. Brauch 195. 276Ü. 356.
451; bei den Deutschen in Rußland: Dt. Volks¬
kunde im außerdt. Osten (1930) S. 79. e0 ) Reu¬
schel Volkskunde 2, 74; Meyer Baden 257.
öl ) ZfVk. 14, 281 (Koburg). 62 ) Schönwerth
a. a. O. ® 3 ) ZRG. 13, 230 f. 235; Sartori Sitte
2, 37; Lauffer Niederdeutsche Volksk. 109;
Kück Lüneburger Heide 56; John Westböhmen
343; ZfVk. 5, 301 u. RTrp. 9, 134 (Lüttich).
u ) ZRG. 13, 231 (Altgothaisches Recht); „Wein-
goff" u. „Weiguff" im bad. Bauland, Meyer
Baden 331; ZfrwVk. 6, 259 (Minden); Nds. 12,
294 (Soest). ® 6 ) Wrede Rhein. Volkskunde 2
200. 215. 224; ebd. 224 u. 335: Beispiele bei
Hausmiete Köln 1648, bei Hausverk. Linz
(Rhein) 1727; s. a. Schmitz Eifel 1, 67; Wrede
Eifler Volksk. 189; Schwerin Volkskunde u.
Recht (1928) 12 f. ®®) ZfVk. 8, 119 = Sartori
Sitte 1, 56. ® 7 ) Hörmann Volksleben 5 ff. 351.
® 8 ) ZföVk. 13, 133. ® 9 ) Wie in den Beispielen
Anm. 64. 70 ) Vgl. 2, 257 Anm. 20 ff.
4 a. Verschiedenes. Beim Eink. des
Zeugs zu einem Kinderkleide achte man
darauf, daß der K.mann etwas beim
Messen zugebe, damit das Kind „hinein¬
wachse“ 71 ). Vor unangenehmen Folgen
einer Ungeschicklichkeit beim Eink.
warnt die Rockenphilosophie, die ver¬
kündet, wer beim K. eines Kammes
diesen fallen lasse, müsse bei jedem Käm¬
men einen Wind hinten auslassen 72 ).
In der Bukowina bringt der Eink. eines
zum Schlachten bestimmten Viehstücks
Glück 73 ). Heutiger (Wiener) Kinder¬
glaube mißt dem ersten Eink. in einer
neuen Wohnung Bedeutung zu; er soll
Salz und Brot sein, dann schimmelt das
men
x 143 Kauf, Verkauf (Handel) 1144
Brot niemals 74 ). Uber die Wirkung
des ersten Eink.s auf das Handelsglück
des Verkäufers vgl. § 16. S. a. §§ 18
bis 20.
71 ) W. § 605 (Thüringen). 72 ) Rockenphilo-
sophie (1706) 376; (1759) 645. 73 ) ZföVk. 4,
215. 74 ) WZfVk. 32, 88.
B. Schutz und Angewöhnung der
neugek.ten Tiere. Von großer Bedeu¬
tung, vor allem im bäuerlichen Leben,
ist die Aufgabe, das Neugek.te, neuer¬
worbene Tiere unbeschädigt aus ihrem
bisherigen Lebenskreis zu lösen, vor äu¬
ßerem Unheil zu schützen und in ihre
neue Umgebung rasch einzugewöhnen.
Schon das Verbot, beim Eink. zu feil¬
schen, und der Glückwunsch beim K.-
abschluß (vgl. § 4) nehmen diese Rück¬
sicht, hernach werden aber noch unzäh¬
lige allgemein verbreitete Maßnahmen in
der gleichen Absicht getroffen.
5. Sie bezwecken zunächst eine glück¬
liche Lösung aus den bisherigen Ver¬
hältnissen, welche für das Vieh in der
Bekämpfung des Heimwehs, nament¬
lich der Sehnsucht des Jungtieres nach
dem Muttertier gipfelt, die abgewöhnt
werden muß; außerdem ist darauf zu
achten, daß das neugek.te Tier keine
bösen Wünsche mit sich nimmt. Um
dem vorzubeugen, zieht man, wenn man
ein junges Tier k.t, dieses rückwärts
aus seinem alten Stall 75 ), vgl. §17;
in Frankreich soll jedes gek.te Tier nach
dem K.abschluß, nach welchem der Käu-
fer gegen Zauberei ein heimliches Kreuz¬
zeichen mit der Faust über den Rücken
des Tieres gemacht hat, rückwärts vom
K.platz abgehen 76 ). Dies güt besonders,
wenn das Tier sich vor dem Gang ins
Schlachthaus sträubt; damit ein an den
Metzger verk.tes Milchkalb gutwillig mit¬
geht, rauft ihm der Käufer in Württem¬
berg die langen Haare über den Augen,
die sogenannten Scheuhaare, aus, zieht
es an den Ohren rückwärts aus dem
Stall und dreht es dann rasch um, oder
aber man läßt ihm Zeit, sich dreimal um¬
zusehen 77 ), vgl. das Umschauen auf der
Grenze (§6). Schweine werden nach dem
K. rückwärts in den Sack gesteckt, und
man vergißt nicht, zum Angewöhnen eine
Handvoll des bisherigen Strohs mit¬
zunehmen 78 ), das man in den neuen
Stall legt 70 ). Deutschamerikaner nehmen
einen Stein vom K.ort mit, um ihn in den
Trog zu werfen 80 ). Auch einer zur Zucht
verk.ten Kuh gibt man Stroh oder den
Strick mit, damit sie kein Heimweh
bekomme und der Verkäufer nicht die
Milch behalte 81 ). Im Nahetal hat man
einer frischgek.ten Kuh den Strick, an
dem sie nach Hause geführt worden, um
die Hörner geschlungen, drei Tage so zu
tragen, damit sich die Milch nicht ver¬
ziehe 82 ). Dieser Strick wird auch in
Lothringen aufbewahrt 83 ) und bei Kroa¬
ten und Ruthenen 84 ). Und es wird ge¬
legentlich unbedingt ermahnt, niemals
dem Verkäufer den Strick des gek.ten
Tieres zurückzugeben, da dieser mit dem
Strick eben den Nutzen des Tiers be¬
halte 85 ). Wie stark die Macht des vom
Verkäufer zurückbehaltenen Stricks wir¬
ken kann, zeigt auch die Erzählung von
einem Zauberer, der sich, in einen Ochsen
oder ein Pferd verwandelt, verk.en läßt,
während sein Vater den Kopfstrick, das
Halfter behält, um jenen wieder zu er¬
lösen und den Käufer hereinzulegen 88 ).
Von besonders umständlicher Vorsicht
zeugt ein badischer Bericht: ein Käufer
mußte ein gek.tes Roß nachts, unbe-
schrien, ohne Licht an seinem alten Halfter
wegführen, wobei er dem früheren Be¬
sitzer ans Fenster klopfte, damit das Roß
nicht verhext würde 87 ), Entwöhnung und
Abwehr in einem Verfahren! Auch vom
guten Willen des bisherigen Be¬
sitzers hängt so das Wohl des gek.ten
Tieres ab. Er darf das verk.te Tier nicht
wieder angreifen, sonst magert es ab 88 ),
man fürchtet also Schadenzauber des
Verkäufers. Dieser muß das Verk.te dem
Käufer richtig gönnen 89 ), ihm Glück
wünschen und die Hand reichen 90 ), er
darf beim Verk. nicht weinen 91 ), anders
hat der Käufer kein Glück. Noch .schlim¬
mer wäre es, wenn der Verkäufer beim
Weggang die Faust ballte 92 ). Wer aus
fremdem Dorfe eine Kuh k.t, gibt außer
dem Preis einen Milchpfennig, damit
die Milch nicht zurückgehalten werde 93 ),
oder er überzahlt unvermerkt den be¬
Kauf, Verkauf (Handel)
II46
1145
dungenen Preis M ), diese wie die folgenden
Handlungen sind Abwehrzauber. Man
wirft einen „Nutzkreuzer“ in den Stall, be¬
vor man das Tier herausführt, damit der
Nutzen nicht zurückbleibt 95 ), vgl. aber
die gegenteüige Wirkung desselben Vor¬
gangs § 17 Anm. 346. Oder der Käufer
erk.t sich das Glück zur Aufzucht mit
20 Pfennigen Schwanzgeld 96 ), Trink¬
geld an die Magd, welche das Tier bisher
gefüttert 97 ), oder an den Dienstboten,
der das Tier zum Käufer geführt 98 ). Dieses
Schwanzgeld, im Kanton Zürich einst
„Glücksgeld“ genannt (vgl. 3, 888 f.),
bringt auch dem Verkäufer Glück, wenn
er es zum Ankauf eines neuen Tiers ver¬
wendet, welches dann fetter wird").
Wichtig ist ferner, daß der Führer eines
neugek.ten Tieres sich im Hause des
Käufers satt ißt, sonst gedeiht jenes
nicht 10 °). Wer aber kein Trinkgeld gibt,
hat auch kein Glück mit den gek.ten
Tieren 101 ). Und noch ein weiteres Opfer
soll das Glück beschwören. Dem ersten
begegnenden Bettler oder Armen wird
nachdem Viehk. ein Almosen, derGottes-
heller gespendet, der zu gleichen Teilen
von Käufer und Verkäufer oder von
einem von beiden, in der Regel natürlich
von Käufer, bezahlt wird 102 ), s. o. §4
und § 8 Anm. 149. Wenn dies versäumt
wird, gedeiht das neugek.te Vieh nicht,
auf jeden Fall muß am nächsten Sonntag
nach dem K. ein Gottesheller in den Ar¬
menstock gegeben werden 103 ) (s. a. 3,
975). Die Neige des „Leink.s“ (s. o. §4)
gießt man in Ostpreußen rückwärts über
seinen Kopf, damit das Vieh gedeihe 104 ),
ein Trankopfer! Der bisherige Besitzer
erleichtert schließlich noch die Überlei¬
tung in das neue Heim durch die folgen¬
den Maßnahmen, die der Mitgabe von
Stroh und Strick in ihrer Wirkung gleich¬
kommen: Bei der Abholung des Tieres
erhält der Käufer vom Verkäufer ein
Stück Brot zur Aufbewahrung; das
Tier bleibt so lange gesund, als dieses
Brot von Schimmel und Fäulnis frei ist
(hart darf es werden); man läßt aber auch
das Tier davon genießen, damit es sich
leicht angewöhne 106 ). So begegnet das
unter den Menschen übliche „Heimweh“-
oder „Gewöhnbrot“ als starker Helfer
auch im. Viehhandel, vgl. 1, 1649 f.; 3,
1692 f. In Baden gibt man verk.tem
Vieh ein Stück Hausbrot oder Brot und
Salz, besonders Dreifaltigkeitssalz, mit,
und der Käufer reicht ihm das vor seinem
Stall oder verzehrt selbst dieses „Glücks¬
brot“ (vgl. 3, 884) daheim mit den
Seinen 106 ); solches Brot bildet auch an¬
derswo die erste Nahrung des Tieres im
neuen Stall 107 ), man gibt ihm auch be¬
sonders geweihtes Brot ein 108 ). Ein
Stück Brot (rinde) für die Kuh unterwegs
bekommt der Käufer als „Gewöhnbrot“
noch jetzt im oberösterreichischen Mühl¬
viertel mit, während auf das Mitgeben
des Stricks dort kein Wert mehr gelegt
wird 109 ). Wenn dieses Brot also einge¬
wöhnen helfen soll, dient Salz ganz der
Unheilabwehr, so im oben mitgeteilten
Falle oder wenn man Dreikönigssalz einem
neugek.ten Stück Vieh in die Krippe oder
Tränke wirft n0 ). Ebenso soll Salz Be¬
hexung ab wehren, wenn man davon einer
Kuh auf streut, ehe man sie aus dem
alten Stalle führt m ). Mit Salz sichert
man auf dem Markt gek.te Milch gegen
den bösen Blick 112 ); s. a. §§ 7. 17. 23.
76 ) Hüser Beiträge 2, 26; ZfrwVk. 2, 292;
Witzschel Thüringen 2, 278; ZfVk. 23, 182 =
Müller Isergebirge 11; Drechsler 2, 102; John
Erzgebirge 226; Schramek Böhmerwald 240;
WZfVk. 35, 43; Pollinger Landshut 156;
Reiser Allgäu 2, 439; s. u. §8 Anm. 159 eine
gegenteilige Vorschrift. 74 ) S^billot Folk-
Lore 3, m. 77 ) Eberhardt Landwirtschaft 19.
78 ) Alemannia 20, 283 (bad. Taubergrund);
John Westböhmen 209; Witzschel Thüringen
2, 279; Drechsler 2, 118; Engelien u. Lahn
1, 270; diese und andere Maßnahmen in
Schweden und Finnland, Heurgren 345 ff.
79 ) Eberhardt a. a. O. 15 (Jagstkreis); Meyer
Baden 399. 404. 80 ) Fogel Pennsylvania
173 Nr. 827. M ) John Erzgebirge 226;
Drechsler 2, 108 (Niederschlesien); Lemke
Ostpreußen 1, 82; WZfVk. 35, 43; sog. „Trau¬
strick", damit das Tier der neuen Behausung
„traue", Nordthüringen, ZfVk. 10, 208. M )
ZfrwVk. 2, 293. 83 ) S6billot a. a. O. 84 )
Sartori Sitte 2, 141. 86 ) ZfVk. 9, 444 (Branden¬
burg); BIPommVk. 3, 106 Nr. 8. 84 ) Meie he
Sagen 540 f. 8? ) Meyer Baden 398. 88 ) John
Erzgebirge 226. 89 ) Toeppen Masuren 97 =
Urquell 4, 74 = W. § 690. M ) Schmitz Eifel
1, 96 f.; Drechsler 2, 108. 81 ) ZfVk. 23, 182 =
Müller Isergebirge 9. 82 ) W. § 292 (West¬
preußen). M ) Grimm Myth. 3, 471 Nr. 987 =
Meyer Aberglaube 224; Grimm RA. 2, 152;
U 47
Kauf, Verkauf (Handel)
II48
Schmitz Eifel i, 51; Panzer Beitrag 2, 306 u.
Kuhn Westfalen 2, 63 (Unterfranken); Frisch -
bier Hexenspr. 14 f.; NdZfVk. 8/51 (Ost¬
preußen); vgl. die Bedeutung als Pfandgeld in
der Dienstbotenmiete, s. o. § 4 und 3, 975. 94 )
ZfVk. 24, 62 (Schleswig-Holstein); Heurgren
346(finn.). 95 ) W. §690 (Oberpfalz); Eberhardt
a. a. O. 15. 96 ) Dähnhardt Volkst. 1,96; Stirt-
gild, Kück Lüneburger Heide 247; beim Verk.
eines Pferdes Haltergild für den Großknecht.
9? ) Drechsler 2,108 („Strickgeld",,,Horngeld“).
117; W. § 690 (Thüringen); Wrede Rhein. Volks¬
kunde * 200 („Tränkgeld"); Sartori Sitte 2, 44
Anm. 52. M ) Steertgeld in Flandern, ZfVk. 5,
301. ") John Erzgebirge 226. 10 °) ZfVk. 1,
187 (Brandenburg). 1C1 ) Meyer Baden 404.
102 ) ZfdMyth. 3, 52; Kuhn Westfalen 2, 63;
ZfrwVk. 2, 293 (obere Nahe); Schmitz Eifel
1, 96 f.; Wrede a. a. O. 215. 224; Sartori
Sitte 2, 140. 171; Haltrich Siebenb. Sachsen
314; W. § 690. 103 ) ZfdMyth. 3, 52 (Westfalen);
Sartori Westfalen 112. 104 ) Toeppen Masuren
98 = W. § 681. 10S ) Hüser Beiträge 2, 26;
W. § 690 (Franken, Oberpfalz); vgl. Eber har dt
a. a. O. 18. 20; John Westböhmen 211. 248.
10< ) Meyer Baden 373. 399. 404. 107 ) ,,Winne¬
brot" in Westfalen, Sartori Westfalen 112;
Strackerjan 1, 124; ZfVk. 10, 208 (Nord- j
thüringen); John Westböhmen 209; Baum¬
garten Jahr 7; Panzer Beitrag 1, 257;
Bronner Sitt* u. Art 210; Birlinger Schwaben
1, 403. 421; Meier Schwaben 2, 498; Staub
Brot 54; s. a. Bartsch Mecklenburg 2, 144,
640; W. §§ 175. 687; Sartori Sitte 2, 50.
141fr.; Globus 42, 89. 108 ) Pollinger Lands-
kut 155 ; s. a. Hüser a. a. O.; Fontaine
Luxemburg 64. 109 ) WZfVk. 35, 43. 110 ) Meyer
Baden 494; in Lothringen gibt man dem Tier
zuerst mit der rechten Hand etwas Salz,
S^billot a. a. O. m ) W. § 690 (Franken).
lu ) Frischbier Hexenspr. 15.
6. Nachdem die Verbindung mit dem
vergangenen Dasein glücklich abge¬
schnitten zu sein scheint, werden auf dem
Weg in das neue Heim weitere Hand¬
lungen vorgenommen, die alles Unheil ab¬
wenden und die Angewöhnung vorbereiten
sollen. Unheilabwehr verbietet, ein
gek.tes Fohlen Montags zu holen 113 ), am
Mittwoch neues Vieh in den Stall zu
führen 1U ), ebensowenig am Freitag 115 );
Freitags oder Sonnabends darf keine neu-
gek.te Kuh gebracht werden 116 ); vgl. § 3.
Auf dem Weg zur neuen Heimat führt
man das angek.te Vieh gerne über flie¬
ßendes Wasser, damit es nichts Böses
mit in den neuen Stall bringt 117 ). Hier
waltet als reinigende und abwehrende
Kraft die Grenze (vgl. 3,1147), wie auch
in der mecklenburgischen Vorschrift, wer
ein Schwein von auswärts k.e, müsse „es
auf der Feldscheide blutwunden zum
Schutz gegen böse Leute“ 118 ). Es be¬
gegnet auch ein dreimaliges Umdrehen
der gek.ten Kuh auf der Grenze, um ihr
durch diese Rückschau nach der alten
Heimat die Sehnsucht zu benehmen 119 ).
Überschreitet man mit einem neuen
Pferd die Dorfgrenze, so soll man von der
ersten Fußspur im eigenen Dorfgebiet
etwas Erde rückwärts über die Grenze
werfen, dann kann das Pferd nicht be¬
hext werden 120 ). Man gibt dem Tier
nach dem Grenzübertritt etwas Erde zu
fressen, s. u. § 9 Anm. 180. In Schlesien
führt man einmal das neugek.te Vieh,
um es vor Behexung und Krankheit zu
bewahren, auf dem Heimweg vom Markte
dreimal um den letzten Hügel an einer
Waldecke herum 121 ). Peinlich vermeidet
man, auf dem Heimweg mit dem gek.ten
Tier an einem Hexenhaus vorbeizukom¬
men m ). Verhängnisvoll ist es endlich
für das Glück der gek.ten Tiere, wenn der
mit Milchschweinen vom Markt heim¬
kehrende Bauer unterwegs nach ihrem
Preise gefragt wird 123 ).
118 ) BIPommVk. 10, 171. m ) W. § 69 (Süd¬
deutschland). 115 ) Schramek Böhmerwald 240;
ZfVk. 23, 181 (Isergebirge). 116 ) Müller Iser-
gebirge 9. 117 ) Bohnenberger 104 (14); vgl.
Heurgren 345. 347. 118 ) Bartsch Mecklenburg
2, 156. 1I9 ) Grimm Myth. 3, 471 Nr. 987 =
Meyer Aberglaube 224. 12 °) Kuhn Mark. Sagen
380; W. § 711. m ) Drechsler 2, 103 f.
122 ) Meyer Baden 554. 123 ) Ebd. 404.
7. Im neuen Heim angelangt, muß
man die Unheilbekämpfung mit allen
Mitteln fortsetzen. Die ersten drei
Tage darf das Tier von niemand an¬
gesehen werden 124 ), eine neugek.te Kuh
darf nicht vor Ablauf dreier Tage aus dem
Stall kommen 125 ), drei Tage lang kein
Heu fressen 126 ). Gegen Verhexung und
Unheil hilft vor allem das Kreuzzeichen.
In Ostpreußen wie in Baden schlägt man,
bevor man das Vieh in den Stall bringt,
drei Kreuze vor ihm, um es gegen
Hexenspruch zu schützen 127 ), aus dem
gleichen Grund legt man in Mecklenburg
beim ersten Stalleintritt ein Kreuz von
Kreuzdorn vor den Stall 128 ), in Pommern
kehrt man das Vieh mit einem Kreuz¬
f
1149
Kauf, Verkauf (Handel)
1150
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dornstecken, den man dann still über der
Stalltüre versteckt 129 ). Und in der
Oberpfalz bezeichnet man es mit einem
Kreuze vom Kopf bis zum Rücken mit
an Epiphanias geweihter Kreide, damit
es gedeihe und immer den Weg ins Haus
finde 13 °). Man kratzt nach dem Ein¬
trieb neugek.ter Schafe mit einem grauen
Feldstein drei Kreuze auf die offenstehende
Stalltüre, so daß die Tiere sie sehen
können 131 ); ein Kreuz am StaUfenster
begegnet in Lothringen 132 ). So werden,
damit das gek.te Tier im neuen Stall
gedeihe und „gut arte“, vor dem ersten
Eintritt in den Stall zuweilen recht aus¬
führliche Vorkehrungen getroffen: man
führt die vorhandenen Tiere auf den Hof,
bestreut den ganzen Weg vom Hoftor
bis zur Stalltür, die Lagerstätte und die
Stallecken mit Salz (s. o. § 5) und achtet
schließlich auch darauf, daß der Führer
des Tieres sich im Hause des neuen
Besitzers satt esse 133 ). In Nordthüringen
bringt man ein in einem andern Dorfe
gek.tes Haustier nicht durch das Ein¬
gangstor, sondern durch das Hinterhaus
über den Hof in den Stall 134 ). Das Seil,
an dem die neugek.te Kuh gebracht
worden, wirft man übers Haus, dann
kann das Tier nicht mit Heimweh be¬
hext werden 13S ). Damit das neugek.te
Vieh nicht beiße oder stoße, wendet man
ihm die Zunge, ehe es zum ersten Male
in den Stall geführt wird 136 ).
124 ) Drechsler 2, 118. 125 ) Meyer Baden
403. 12 ®) Grohmann 137. 127 ) NdZfVk. 8, 51;
Meyer Baden 399; vgl. den frz. Brauch nach
dem K.abschluß, s. o. § 5 Anm. 76; s. a. Anm.
170. 128 ) Bartsch Mecklenburg 2, 144. 640;
s. a. Anm. 138. 129 ) BIPommVk. 7, 92. 13 °)
W. § 691. 131 ) Grimm Myth. 3, 463 Nr. 816.
13a ) S^billot a. a.O. 133 ) ZfVk. i, 187 (Bran¬
denburg); Grohmann 137: die neugek.te Kuh
muß drei Minuten am Hoftor stehen bleiben,
bekommt die Augen verbunden und ein Bett¬
polster der Bäuerin (vgl. § 10) auf den Kopf
gelegt und wird so zur Stalltüre geführt. 134 )
ZfVk. 10, 208. 135 ) Drechsler 2, 102 f.; ders.
Haustiere 7. 13 ®) Wolf Beiträge 1, 219 (Hessen).
8 . DerersteEintritt desneugek.ten
Tieres in den Stall selbst ist als
ein bedeutungsvoller Durchgangsritus
gehalten, der einen reinigenden und nach
außen alles Böse abwehrenden Cha¬
rakter trägt, vgl. dieselben Maßnahmen
beim Viehaustrieb (1,734; 4, 126 f.) Stall¬
geräte, Eisen, Geld strömen den Zauber¬
bann aus. Man legt z. B. eine Axt und einen
Besen vor die Tür sch welle, über die das
neugek.te Tier in den Stall geführt
neugek.te Tier in den Stall geführt
werden soll, „dann bleibt es gesund“ 137 ).
Ein quer liegender oder zwei kreuzförmig (!)
übereinander gefügte Besen vor der
Stalltüre wehren ebenso eine Verhexung
ab 138 ). Die gleiche Wirkung haben
auch andere Stallgeräte wie Mist¬
gabeln und Schaufeln 139 ), Dunggabel und
Besen gekreuzt 140 ); hier und in den fol¬
genden Beispielen waltet die unheil¬
wehrende Kraft des Eisens! Man
legt den Stallschlüssel auf die Schwelle 141 ),
ein mit der Schneide nach außen ge¬
kehrtes Beil (eine Hacke) 142 ); in Pommern
liegt, umgekehrt, eine Axt oder ein Beil
mit der Schneide nach innen, oder die
Axt ist mit einer Hausschürze (vgl. § 10)
zugedeckt 143 ). In Masuren wird nur
verlangt, daß das neugek.te Vieh über
Metall in den Stall schreite 144 ); oder es
soll dreierlei Stahl sein: Sichel, Feuer¬
stahl und Messer 145 ), in Oldenburg ein
Messer oder eine Schere 146 ). Eintritt
über Kleidungsstücke der Bäuerin
s. u. § 10. In gleicher Funktion findet
sich der Marktstock des Bauern 147 ); im
Breisgau legt der Käufer den Stecken,
mit dem er das gek.te Tier hergetrieben,
vor die Stalltüre, macht drei Kreuze und
läßt das Vieh darüber schreiten, wobei die
Zuschauer sagen: „Ich wünsch Glück in
Stall“ 148 ). Man läßt ferner das neue
Vieh über einen (halben) Kreuzer oder
beliebiges anderes Geld in den Stall ein-
treten, muß aber das Geld einem Armen,
dem ersten Bettler schenken 149 ), vgl.
§ 4. In Westböhmen legt man außer
Mistgabel oder Hacke auch eine mit
Geld gefüllte Brieftasche oder Gebet¬
buch und Rosenkranz unter 150 ). In der
Oberpfalz wird geboten, das Vieh dieses
erstemal tüchtig über die Mistgabel ein¬
zutreiben, damit es künftig immer gehörig
heimgehe und den Weg finde 151 ). Man
muß natürlich darauf achten, daß das
Vieh nicht auf den zu überschreitenden
Gegenstand hin auf tritt, sondern ihn über¬
steigt 152 ), man muß es hierbei schweigend
H5I
Kauf, Verkauf (Handel)
1152
und mit zurückgehaltenem Atem in den
Stall führen 163 ). Das Tier muß bei der
ersten Einführung mit dem rechten
Vorderfuß den Stall zuerst betreten 154 ),
auch beim Überschreiten von auf die
Stallschwelle gelegten Besen oder Groschen
mit dem rechten Fuß vorangehen 156 ).
Mit dem Ersteintritt des rechten Vorder¬
fußes ist freilich die folgende Übung un¬
vereinbar. Zur guten Eingewöhnung wie
zur Abwehr von Krankheiten — „weil
das Vieh nur von hinten behext werden
kann" 166 ) — zieht man nämlich allent¬
halben das gek.te Tier rückwärts
mit dem Schwanz in den neuen
Stall hinein 167 ), wie man es auch rück¬
wärts aus dem früheren Stall geholt hat,
s. o. § 5. Man ruft dabei: „Hex isch
fort" 168 ). Auch ein zum Aufziehen gek.tes
Kalb, das man aus seinem früheren Stall
mit dem Kopf zuerst heraus und auf den
Wagen gebracht hat, muß bei der An¬
kunft verkehrt aus dem Wagen geholt und
in den Stall gezogen werden 169 ). Eine
gek.te Katze muß man so ins Haus tragen,
daß sie den Kopf gegen die Straße und
nicht gegen das Haus hält, sonst bleibt
sie nicht 180 ). Auch Tauben sollen „hinter
sich" in den Schlag gebracht werden 161 ),
und Hühner steckt man verkehrt durchs
Fenster der Wohnstube 162 ). Neben all
diesen Durchgangsriten besteht noch hie
und da ein ganz greifbarer Reinigungs¬
ritus. Man hat in Schlesien beim ersten
Überschreiten der Schwelle eine Kanne
Wasser auf das Dach gegossen, damit
das herabfließende Wasser das Rind be¬
gieße; dieses gedeiht dann gut, und eine
Kuh gibt viel Milch 183 ). Diese Segnung
und Gewöhnungslustration durch Be¬
gießen mit Wasser wird auch an der
neugek.ten Kuh oder am Schwein geübt,
ehe das Tier rückwärts in den Stall ge¬
schoben wird 164 ). In Ostpreußen gießt
die Frau über Kopf und Rücken, vorn und
hinten, und der Mann führt die Kuh drei¬
mal im Kreise um sich herum und dann
erst in den Stall 166 ). Oder man be¬
sprengt das neugek.te Vieh mit Weih¬
wasser 1 ® 8 ). In Frankreich spuckt man
vor der ersten Stalleinführung aus 187 ),
ähnlich wie die Magyaren jeden neugek.ten
Gegenstand anspucken, damit nichts
Böses an ihm haften bleibe 168 ) — und
er in den eigenen Machtbereich gezogen
werde, beides, vom Anspucken des Hand¬
gelds abgesehen (vgl. § 16), anscheinend
nicht deutsch.
137 ) ZfVk. 1, 187 (Brandenburg); Engelien
u. Lahn 1, 270. 138 ) Meyer Baden 399;
Bartsch Mecklenburg 2, 144. 156; Witzschel
Thüringen 2, 278; ZfVk. 23, 182 (Isergebirge);
Drechsler 2, 203 f.; Sartori Sitte 2, 142 A. 24;
um Oels wird die neugek.te Kuh über einen
Besenstumpf gehoben, Drechsler Haustiere 7.
13# ) Eberhardt Landwirtschaft 15; Bohnen¬
berger 114 (24); Schönwerth Oberpfalz 1,
320; John Westböhmen 208. 14 °) BIPommVk.
7, 92. 141 ) John Erzgebirge 226; Wolf Beiträge
1, 219 (Hessen); s. a. § 10 Anm. 220. 142 ) Eber¬
hardt a. a. O.; John Westböhmen 208; Wolf
a. a. O.; NdZfVk. 7, 38 (Ostfriesland); W. § 691
(Sachsen): Kopf der Axt nach innen, Stiel nach
außen gelegt. 143 ) BIPommVk. 7, 92. l44 )
Toeppen Masuren 97. 14fi ) Wolf a. a. O.;
Bartsch Mecklenburg 2, 144. 14i ) W. § 691.
147 ) Eberhardt a. a. O. 148 ) Meyer Baden 399;
vgl. Fogel Pennsylvania 173 Nr. 826. 828.
149 ) Eberhardt a. a. O. 20; Bohnenberger
114 (24); Meyer Baden 399; SSbillot Folk-
Lore 3, in. 16 °) John Westböhmen 208. 151 )
Schönwerth a. a. O. 162 ) BIPommVk. 7, 92.
1M ) Wolf a. a. O. = W. § 691. 164 ) Bohnen¬
berger 116 (26); W. § 691 (Oberpfalz); Groh-
mann 137; John Westböhmen 209; Peter
Österr. Schlesien 2, 249; Drechsler Haustiere 7;
Witzschel Thüringen 2, 278; Wrede Rhein.
Volkskunde * 130 (Rezept des 18. Jh.s). 166 )
Meyer Baden 399. 166 )W. §681. 167 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 156; Knoop Hinterpommern
172; W. §§ 676. 678. 681 (Oldenburg, Böhmen);
Frischbier Hexenspr. 14; Kuhn u. Schwartz
446; Engelien u. Lahn 1, 270; ZfVk. 1, 187
(Brandenburg); Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1031
(Bunzlau 1791); Drechsler 2, 103. 118; ders.
Haustiere 7; Witzschel Thüringen 2, 279;
Wrede a. a. O.; Pollinger Landshut 156;
Eberhardt 15; Meyer Baden 399. 404; Se-
billot a. a. O.; Fogel Pennsylvania 170 Nr. 811.
lfi8 ) Meyer Baden 399. 15# ) W. § 690 (Branden¬
burg, Schlesien). 18 °) Grimm Myth. 3, 458
Nr. 679 (Schwaben 1790). M1 ) Meyer Baden
413; John Erzgebirge 235. 182 ) Drechsler
Haustiere 11. 143 ) Grabinski Sagen 52 =
Drechsler 2, 102 f. 1M ) W. § 691 (Ost¬
preußen); Drechsler 2, 103. 118; Globus 72,
352 (Niederlausitz); vgl. Gesemann Regen¬
zauber 59. 166 ) Toeppen Masuren 97 = W.
§ 691. 16# ) Grohmann 137; John Westböhmen
208; S£billot a. a. O. 187 ) Söbillot a. a. O.
1W ) Wlislocki Magyaren 73; gleiche u. ähnliche
Maßnahmen in den nord. Ländern, Heurgren
347ff - . .
9. Nicht minder wichtig als die Unheil¬
abwehr dieser Einführungsriten ist die
1153
Kauf, Verkauf (Handel)
H54
Fürsorge für ein rasches Ein leben des
gek.ten Tieres in die neue Umgebung.
Hierzu sollen schon die Mitnahme des
alten Stallstrohs und des Leitstricks und
das Glücks- oder Gewöhnbrot beitragen,
s. o. § 5. Man sucht das Tier, be¬
sonders Hunden, Katzen und Geflügel,
mit einem Teil seines Körpers an
die neue Umgebung zu binden.
Daher sägt man einem neugek.ten Rinde
ein Stück von einem Horn ab und heftet
dieses mit einer Nadel (!) an den Futter¬
trog 189 ). Einen zwischen den Ohren ab¬
geschnittenen Büschel Haare vergräbt
man vor der Stalltüre, damit das Tier sich
ans Haus gewöhne 17 °). Von Hund und
Katze legt man ein paar (drei) ihrer Haare
unter einen Tischfuß 171 ), was die Rocken¬
philosophie auch für junge Schweinchen
empfiehlt 172 ), vgl. 3, 1285. Ein Hirsch¬
berger Rezept verordnet: schneid dem
neuen Hunde drei kleine Büschlichen
Haare aus dem Genicke, thue sie in ein
Papier und lege beides an einen Ort. wo
man nicht auskehrt, so bleibt er gewiß 173 ).
Statt unter der Stallschwelle vergräbt
man die Haare auch vor dem Haustür¬
stein 174 ). Von jeder neugek.ten Taube
drei Federn (des linken Flügels), fest
eingesteckt 175 ) in ein Loch am Tauben¬
hause, bewirken, daß die Tauben nicht
davonfliegen 176 ). Oder man zupft dem
Vogel drei mittlere Schwanzfedern aus
und wirft sie in eine Ecke des Tauben¬
söllers oder verbrennt sie im Ofen 177 ).
Man bindet auch die Tauben selber einen
Tag lang zur Angewöhnung an 178 ). Man
läßt das gek.te Tier (dreimal) in einen
Spiegel, den Zimmerspiegel sehen,
dann „bleibt es treu" 179 ), man hat so
sein Bild und damit es selbst im Spiegel
eingefangen. Man bindet die Tiere aber
auch als Ganzes durch eigene Teilnahme
an der neuen Heimat, wie z. B.
in Württemberg gek.tes Rindvieh an
die neue Markung dadurch gefesselt wird,
daß man es etwas Erde fressen läßt,
sobald die Markungsgrenze zum ersten
Male überschritten worden ist 180 ). Aus
Baden wird 1787 überliefert, daß man
gek.tes Geflügel dreimal um den Tisch
oder einen Tischfuß jagen (s. u.), von
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
allen oder von drei Tischecken ein
Stückchen Holz abschneiden und ihm
unterm Brot zu fressen geben solle, dann
bleibe es daheim 181 ). Solches von den
vier Ecken des Haustischs ab¬
geschabtes Holz wird in Baden 182 )
und in der Oberpfalz 183 ) auch neugek.ten
Kühen gegen ihr Heimweh in den Trank
eingegeben, ebenso helfen Holzspänchen
von drei Ecken des Hauses 184 ). Noch
häufiger erscheint das Umtragen der
Tiere. In Schlesien trägt man die neu¬
gek.ten Hühner in einem Sack oder Korb
dreimal um das Haus und steckt
dann jedes Huhn einzeln verkehrt durch
das Fenster in die Wohnstube 185 ). Man
soll neugek.te Hunde, Katzen und Hühner
dreimal um ein Tisch- oder Stuhl¬
bein führen 186 ) (und nicht sofort be¬
zahlen) 187 ). In Württemberg vereinigt
und steigert man diese Gewöhnungs¬
zauber: man dreht ein neugek.tes Huhn
dreimal um einen linken Tischfuß herum,
läßt es dreimal unter Anruf der drei
höchsten Namen in einen Spiegel sehen
und dreimal durch einen Rockschlitz
fallen (vgl. § 10), ehe es in den Stall
gebracht wird 188 ). An die Stelle des
Tischfußes tritt bei dem Drehzauber auch
das Bein des Hausherrn oder der Haus¬
frau (s. u. § 10), in Mecklenburg gelegent¬
lich der Kesselhaken 189 ), also ein Herd¬
teil. So spielt weiter auch der Herd,
bzw. der Ofen eine bedeutende Rolle
in den Gewöhnungszaubern. Man bringt
Milchschweine zuerst hinter den Ofen 190 ),
läßt neugek.tes Vieh ins Ofenloch 191 ),
eine neue Katze in den Schornstein
schauen 192 ), einem Hund bestreicht man
zuerst am Herde die Pfoten, damit er
nicht wegläuft 193 ); in Sachsen treibt
man vollends neue Haustiere dreimal um
den Herd und reibt sie an der Feuer¬
mauer 194 ), der alte Brauch der Herd¬
umwandlung 196 ), vgl. 3, 1768!. Diese
Herdzauber erinnern aber auch an die
schwedische Sitte, neugek.te Tiere im
neuen Heim alsbald Heu aus dem Kamin,
also dem Herde, oder von einem boden¬
festen Stein fressen zu lassen, damit sie
sich wohl befinden 196 ), und an den nor¬
wegischen Brauch, einer neuen Kuh
37
1155
Kauf, Verkauf (Handel)
1156
Feuer vor die Augen zu halten und ein
neues Pferd in die Stube vor das Herd¬
feuer zu führen 197 ). In Ostpreußen
schwingt man glühende Kohlen über
gek.te Gänse zum Schutz gegen Zaube¬
rei 198 ). Mit dem Wasser eines Ofenhafens
sollen die Füße neuer Tauben vor dem
Einlaß in den Taubenschlag gewaschen
werden, damit sie nicht davonfliegen lö9 ).
Auch neuem Rindvieh, das sich nicht
an den Stall gewöhnen will, wäscht man
in einem beliebigen Gefäß die Füße und
gießt das Wasser in den Stall aus 20 °).
Neue Tauben können auch aus einem
Totenschädel trinken 201 ) oder das
erstemal mit in Honig getauchter Gerste
oder Anis 202 ) oder mit gekautem Brot
(s. u. § 10) gefüttert werden 203 ). Um
neugek.te Hühner zu fesseln, gibt man
ihnen schließlich noch Haken und Heften
ins Futter 204 ). Und ihr Nest baut man
aus Futterabfällen, die man in den Vieh¬
trögen des Hofes findet 205 ), s. a. 4, 451.
m ) ZfVk. 1, 187 (Brandenburg). 17 °) W.
§ 691 (Waldeck), in Brandenburg trägt man
solches kreuzweise abgeschnittenes Haar auf
einen Kreuzweg. 171 ) Schmitt Hettingen 15;
Meyer Baden 410; W. § 679 (Oldenburg); s. w.
Hund 4, 477. 172 ) Rockenphilosophie (1759) 803
c. 73 - 173 ) Drechsler Haustiere 10. m ) Müller
Isergebirge 13. 175 ) Dies soll mancherorts ge¬
rade am Freitag vorgenommen werden (Meier
Schwaben 2, ^ioNt. 416;\V. §678; vgl. Drechsler
2, 95), ein Widerspruch zu dem Verbot, am
Freitag neues Vieh in den Stall einzustellen,
s. o. § 6. 17 ®) Panzer Beitrag 1, 259; Eberhardt
Landwirtschaft 20; W. § 678. 177 ) Drechsler
Haustiere 11; vgl. Urquell 3, 175. 178 ) Meyer
Baden 413; vgl. W. § 676. 179 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 158. 160; Heckscher Hannover.
Volksk. 1 § 77; Hüser Beiträge 2, 26; John
Erzgebirge 234; John Westböhmen 216; Meyer
Baden 410. 413; W. §§ 676. 679; s. a. Anm. 188.
180 ) Eberhardt a. a. O. 15. 181 ) Grimm Myth.
3, 454 f. Nr. 577. 616; Meyer Baden 413. 182 )
Meyer Baden 374. 399- 183 ) W. § 68 3 - 184 )
Kuhn Westfalen 2, 62. l85 ) Drechsler Haus¬
tiere 11. 188 ) Meyer Baden 410. 413; John
Erzgebirge 234; Drechsler 2, 87. 187 ) ZfVk.
23, 183 (Isergebirge); vgl. Bohnenberger m
(21). 188 ) Eberhardt a. a. O. 20; vgl. Pfister
Schwaben 41. 50. 189 ) Bartsch Mecklenburg
2, 158; vgl. drehen 2, 410 u. Herd 3, 1768 f.
19 °) Eberhardt a. a. O. 15; Heurgren 356.
m ) W. § 681 (Erzgebirge). m ) Wrede Rhein.
Volkskunde 2 130. 193 ) NdZfVk. 8, 51 (Ost¬
preußen). 194 ) W. § 679. 195 ) Praetorius Phil.
10 u. a. m., vgl. 3, 1769 f. Anm. 109. 1M )
Svenska Landsmälen 2, 5, 8 (Möre, Smäland);
Heurgren 348. 197 ) Liebrecht Zur Volksk.
319 = Sartori Sitte 2, 142 f.; Heurgren 350 f.
198 ) NdZfVk. 8, 51. 199 ) Schönwerth Oberpfalz 1,
3531 John Westböhmen 209 (Hühner); W. § 676.
20°) w. § 691 (Ostpreußen). 201 ) Meyer Baden
413 f.; W. § 678: Gewöhnungszauber für Tauben:
man stellt einen Totenschädel, den man in der
Christnacht vom Kirchhof geholt, als Trink¬
gefäß in den Schlag; man macht die Tür des
Schlages aus den Brettern einer Totenbahre;
man hängt in einem Glas etwas Milch von einer
einen Knaben säugenden Frau in den Schlag;
vgl. Anm. 202. 202 ) Eberhardt a. a. O. 20;
Staricius (1679) 476; Albertus Magnus
(Enßlin) 1, 51: Nimm ein Brettlein von einer
Todtenbahr, darin ein Kind begraben worden,
das vor der Taufe gestorben, lege es unter das
Loch, da die Tauben darüber gehen, so kommen
sie wieder, wenn man sie nicht einsperrt oder
umbringt. .. . Willst du aber daß deine Tauben
fremde Tauben mitbringen, so gib ihnen Leimen
von einem alten Backofen zu fressen, mache den
Leimen an mit wenig Anis, das fressen sie gern,
und andere Tauben riechen es von denen und
fliegen mit ihnen heim in den Schlag (vgl. Anis
1, 448), ähnlich ebd. 4, 36 Nr. 129. 203 ) ZfVk.
23, 183 (Isergebirge); Eberhardt a. a. O. 20.
204 )Bohnenberger m (21); vgl. Meyer Baden
413. 20ß ) Bohnenberger 114 (24).
10. Wenn man neugek.te Tauben mit
gekautem Brot füttert 206 ), geht der
Zwang zu guter Eingewöhnung von der
Person des Käufers aus. Wie durch das
Eingeben von am Haustisch abgeschab¬
tem Holz (s. o. § 9) das neugek.te Tier
mit dem Haus verbunden werden soll, so
erfolgt hier eine unmittelbare Verknüp¬
fung mit dem Hausherrn. Man
kaut ebenso für einen neuen Hund Brot
oder läßt es unter der Achsel oder Ferse
vom eigenen Schweiße durchdringen und
gibt dies dem Tiere zu fressen mit den
Worten: ,,Hund, du gehörst nun mir" 207 ),
vgl. 4, 477. Im badischen Taubergrund
bekommt ein Hund, der sich nicht ge¬
wöhnen will, etliche Schweißhaare unter
das Essen gemischt 208 ). In der Wetterau
gibt man einem neugek.ten Schweine
zuerst drei Brotkrusten, in welche einige
unter dem Arme eines Menschen aus¬
gerissene Haare eingewickelt sind, zu
fressen, dann gedeiht es gut 209 ). Diese
Gewöhnzauber arbeiten mit den gleichen
Mitteln, Schweiß und Speichel, wie die
Liebeszauber, die den Bedachten auch in
den Bannkreis einer bestimmten Person
ziehen wollen. Ihr eigentlicher Sinn ist
1157
Kauf, Verkauf (Handel)
II58
dann vergessen, wenn man Hühnern,
damit sie bleiben, in Schmalz geröstetes
Brot gibt 21 °). An der obern Nahe werden
einer neu eingestellten Kuh Haare der
andern Stalltiere zwischen zwei Brot¬
schnitten eingegeben, damit sie Frieden
halten 211 ). Angewöhnung an die neuen
Besitzer ist auch beabsichtigt, wenn das
gek.te Schwein aus der Suppenschüssel
zuerst fressen soll, um immer gern zu
fressen 212 ), oder wenn man dem neuen
Hund früh nüchtern ins Maul spuckt oder
ihm von dem Wasser, mit dem man sich
gewaschen, ins Futter schüttet 213 ). Der
Dreh za über mit Tisch- oder Stuhl¬
bein (§ 9) findet hier ein Gegenstück,
wenn man einen gek.ten Hund, eine
Katze oder ein Huhn dreimal um sein eige¬
nes rechtes, seltener linkes Bein dreht al4 ).
In Warmbrunn stellt die Hausfrau ihr
bloßes rechtes Bein neben einen Tisch¬
fuß, und die Hühner werden dreimal um
beide herumgereicht 215 ), vgl. Gebärde
3, 330 f. Hühner und Tauben steckt
man auch dreimal zwischen den Beinen
hindurch, immer von vorn nach hinten,
und flüstert diesen in Schlesien dabei zu:
,,Taube, bleib bei mir daheim wie der
Strumpf an meinem Bein" 216 ), s. w. u.
Die Person der neuen Herrschaft kann
durch ihre Kleider vertreten werden.
Daher werden die Tiere auch durch die
Berührung mit Kleidungsstücken
des Bauers und vor allem der Bäuerin
an Hof und Stall gewöhnt: neugek.te
Hühner, Katzen und Kühe läßt man über
einen Schurz — einen blauen Schurz 217 ) —
ein (linkes) Strumpfband oder einen
Gürtel der Frau zum ersten Male in den
Stall hinein (oder daraus heraus, vgl.
unten), Tauben werden durch einen
Rockschlitz geschoben 218 ), das letzte wie
das Durchstecken zwischen den Beinen
ein Durchziehzauber, vgl. 2, 491 f.
Oder die erste Fütterung soll aus der
Schürze erfolgen 219 ). Diese Maßnahmen
werden zum Teil ausdrücklich erst beim
ersten Auslaufen des gek.ten jungen
Huhns getroffen; dabei zerbeißt in Baden
die Frau einen Bissen Brot und wirft ihn
dem Huhne nach in den drei höchsten
Namen; und will das Huhn nicht bleiben.
so stellt man das rechte Bein dreimal auf
die Hühnerstallschwelle und schiebt das
Huhn dreimal darunter mit dem Spruch:
,,Huhn, blib uf'm Hof wie de Dod uf'm
Kirchhof"; man läßt die Hühner über
den Hausschlüssel auf der Türschwelle
laufen und gebraucht dazu verschiedene
geeignete Sprüche 220 ). Und jetzt erst
auch erfolgt der Gewöhnungszauber des
dreimaligen Umführens des Geflügels um
das rechte oder linke Bein der Haus¬
frau 221 ) oder der Durchziehzauber mit
Kleidungsstücken, wenn neugek.te Hühner
das erstemal durch ein Hemd des Käu¬
fers 222 ), durch ein Hosenbein 223 ), über
ein Strumpfband 224 ) aus dem Haus in
den Hof fliegen sollen.
Appetitzauber: Will ein neues Tier
sich nun nicht eingewöhnen und nicht
fressen, so soll man es zum Schein an den
Nachbarn oder Frau oder Kind „ver¬
handeln", sogar etwas Geld dabei zahlen
und „Leink. trinken", dann frißt es sehr
gut 225 ), vgl. § 21. Ähnlichkeitszauber
bewirken guten Appetit: einer Saufunlust
der Milchschweinchen wird dadurch vor¬
gebeugt, daß der Käufer auf dem Markte
selbst ordentlich trinkt 226 ); neugek.te
Ferkel werden daheim zuerst mit Milch,
die auf der Bratpfanne aufgewärmt wird,
gefüttert, denn weil die Pfanne immer
fett ist, so werden auch die jungen
Schweine bei der Mast fett werden 227 ).
2M ) S. o. Anm. 203. 207 ) Drechsler Haus¬
tiere 10; vgl. Drechsler 2, 16 f. 96; John Erz¬
gebirge 233; Köhler Voigtland 429; ZfrwVk.
6, 269; Meier Schwaben 2, 498 Nr. 323; W.
§ 679. 208 ) Alemannia 20, 283. 209 ) W. § 687.
21 °) Birlinger Schwaben 1, 400; vgl. Fogel
Pennsylvania 182 Nr. 875; s. o. 1, 1650.
* 11 ) ZfrwVk. 2, 293. 295; vgl. Bartsch
Mecklenburg 2, 137; Pollinger Landshut 155s.;
Reiser Allgäu 2, 439; Zahler Simmenthal 92;
s. o. 3. 1285. 212 ) W. § 687 (Oberpfalz). 213 )
W. § 679; vgl. BIPommVk. 7, 44 (s. o. 1, 1650).
214 ) Grimm Myth. 3, 474 Nr. 1061 (Bunzlau
1791) = ZfVk. 4, 47 u. = Panzer Beitrag 1,
316; Drechsler 2, 97; John Westböhmen 256;
W. § 676; s. a. Anm. 221. 215 ) Drechsler
Haustiere 11. 2lfl ) Ebd.; vgl. den ähnlichen
badischen Durchziehzauber Anm. 220; s. a.
Liebrecht Zur Volksk. 255 f. 217 ) Meyer
Baden 413. 218 ) Bohnenberger 107 (17);
Eberhardt a. a. O. 15. 20; Meyer Baden 399;
Wolf Beiträge 1, 219 (Wetterau); s. a. Anm.
222—224. 219 ) John Westböhmen 209. M0 )
11 59
Kauf, Verkauf (Handel)
1160
Meyer Baden 413; man legt gegen das Ver¬
laufen einen Haustürschlüssel quer über das
Hühnerloch, Reiser Allgäu 2, 449. M1 )
Drechsler 2, 87; John Westböhmen 216;
Grohmann 232; vgl. Liebrecht Zur Volksk.
356. 222 ) Lauffer Niederdeutsche Volksk. 2 89.
ÄM ) Bartsch Mecklenburg 2, 157; Toeppen
Masuren 101; Drechsler 2, 88. 224 ) Meier
Schwaben 2, 514; s. a. E. v. Künßberg Hühner¬
reckt u. Hühnerzauber in JbhistVk. 1, 126 ff.
***) Toeppen Masuren 98 = W. § 681 =
Seligmann Blick 1, 336; Urquell 4, 116. 187;
dieser Brauch berührt sich mit dem Kinderspiel
„Schweinchen verk.en", vgl. v. Künßberg
Rechtsbrauch u. Kinderspiel SitzbHeid. 1920
Nr. 7, 48. 22fl ) Bohnenberger 106 (16);
Eberhardt a. a. O. 15; John Westböhmen 209.
M7 ) NdZfVk. 8, 51 (Ostpreußen).
11. Sachenschutz. Nicht nur neu-
gek.ten Tieren wird solche mystische Für¬
sorge gewidmet, man sichert sich auch
neuerworbene Gegenstände in ähnlicher
Weise. Wer ein neues Messer k.t, gebe
den ersten damit geschnittenen Bissen
einem Hunde zu fressen, so verliert er
das Messer nie 228 ). Beim K. eines
Hauses sieht man in Oberbaden darauf,
daß der Tisch und das Christusbild darin
geblieben sind, ebenso wie in thüringi¬
schen Dörfern der Tisch (zwei Stühle)
und die Bibel 229 ). Wenn es bis ins 18. Jh.
bei einem Grundstücksverk. üblich ge¬
wesen ist, die Haustüre des neugek.ten
Besitzes offenstehen zu lassen, damit der
neue Besitzer eintreten kann 230 ), so hat
sich hierin nur ein Zug anschaulicher alter
Rechtssitte erhalten, die heute noch im
Worte lebt — „Auflassung eines Grund¬
stücks' * — und kein Aberglaube. Nach
einem Hausverk. soll aber der vorige Be¬
sitzer nicht als Mieter wohnen bleiben,
sondern vor dem Einzug des neuen ver¬
schwinden; denn alter und neuer Wirt in
einem Hause bringen Unglück 231 ).
128 ) Grimm Myth. 3, 462 Nr. 799; Alemannia
8, 128; Schönbach Berthold v. R. 151 (17. Jh.).
22# ) Meyer Baden 351; ZfVk. 6, 15 (Thüringen
1842). 23 °) MschlesVk. 4 (1897), 59; Klapper
Schlesien 263; vgl. Sartori Sitte 2, 182. 231 )
John Erzgebirge 37 = Sartori a. a. O.
C. Noch mehr als der Käufer bemüht
sich der Verkäufer um einen glücklichen
Handel, bei welchem er seine Waren,
seine Tiere zu günstigen Bedingungen und
ohne Unfall losschlägt und die zurück¬
bleibenden, nicht verk.ten Waren und
Tiere vor bösen Einflüssen sicher bewahrt.
12. Vielfach sind es die gleichen
Waffen, welche den Käufer zum Erfolg
führen und die auch der Verkäufer
an wendet, um das Glück auf seine Seite
zu ziehen, von den nordgermanischen
Zauberrunen und dem rechten Tobias¬
segen — zuweilen heißt es einfach: der
Vieh Verkäufer muß einen „Z a uber¬
zett el“ auf der Brust tragen, wenn er
viel Geld lösen will — bis zum Wiede¬
hopfkopfe und zur Maulwurfspfote, vgl.
§ 2. In Nordamerika entspricht der
letzten noch heute die Kaninchenpfote
als Glückstalisman für den K.mann 233 ),
während in Bosnien eine Fledermaus im
Laden des K.manns die Kunden an¬
zieht 234 ). Die Zigeuner glauben, viele
Käufer für ihre Hausierware zu be¬
kommen, wenn sie Zähne, die jahrelang
in der Erde gelegen haben müssen, mit
den Knochen eines Laubfroschs zu¬
sammen in einem Säckchen vernähen,
mit dem sie dann die Ware bestreichen 235 ),
vgl. die Totenamulette weiter unten. Aus
Mittelschlesien wird berichtet, eine Ver¬
käuferin solle in ihrer Geldtasche, in der
sie das Wechselgeld mit sich führt, ein
Otternköpfchen, eine kleine, runde Mu¬
schel, bei sich tragen, dann werde sie
glücklich sein in ihren Verkäufen und
ihren Einnahmen 236 ). Die Wenden
kennen auch eine Pflanze, welche die
Frau dem Vieh Verkäufer heimlich in die
Tasche stecken muß, daß er viel Käufer
habe 237 ), bei den Tschechen verteilt man
einige Triebe der Kamille unter die Waren,
um im Verk. glücklich zu sein 238 ). Über
die gute Wirkung von auf dem Marktweg
gepflücktem Fingerkraut s. d. 2, 1498.
Man legt ein Blatt Klee von einem zu
Fronleichnam geweihten Kranze in den
Geldbeutel, wenn man Kühe oder andere
Tiere zu Markt bringt 239 ). Ausgezeichnet
hat von jeher ein Spiritus familiaris
(s. d.) geholfen, „er verschafft zu jed-
wederer Handelschafft genügsame Kauff¬
leute und vermehrt die Prosperität“ M0 ).
Genau so altertümlich und einst beliebt
wie dieser starke Helfer sind die von den
K .leuten herangezogenen Totenamu-
i
Kauf, Verkauf (Handel)
1162
1161
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lette, namentlich Diebsdaumen, vgl.
2, 239 f., s. a. hängen 3, 1455 ff., Hin¬
gerichteter 4,44 ff. Man schnitt z. B. 1569
in Schlesien die Finger eines Geräderten
ab, um „gut gelück zum kauffschlagen“
zu haben 241 ). Um ein Pferd zu verk.en,
sollte man auf dem Markt ein Auge eines
armen Sünders in der Hand haben, aber
imbedingt bei dem Preis, den man zuerst
gemacht hatte, bleiben, sonst half Cs
nicht 242 ). Gelang es einem K.mann,
bei der Enthauptung eines Mörders an¬
wesend zu sein und einige Tropfen Blut
mit seinem Taschentuch aufzufangen,
on vermehrte sich seine Kundschaft 243 1 .
Huß berichtet allgemein von den „Ge-
f werbsleuten“: „wan sie etwas von einem
* Armen-Sünder bey ihrem Handwerks-
zeich haben, so werden sie mehr Ver-
?' kehr und Zutrauen erlangen, jeder wird
ihnen abk.en“ 244 ). Ebenso beförderte
j es das Glück des K.manns, wenn er seine
Waren, besonders Geschirr oder Schuhe,
1 mit einem „Armsünderfleckl“ (vgl.
• Hingerichteter 4, 50), einem Lappen vom
Kleid eines Gehängten oder überhaupt
, eines Gerichteten abwischte 245 ), wer die
> Waren dann anschaute, konnte nicht
j mehr weg, er mußte sie kaufen. Diese
Amulette gewinnen alle ihre Macht aus
* der Zauberkraft des hingerichteten Ver¬
brechers. Ebenso stark wirken die Ge-
■ richts werk zeuge, wie ein altes Zürcher
Rezept verrät: „Nim ein Reislein von
einer Ruthen, damit eine oder ein ist aus-
V gestrichen worden, ein Mannsbild mus es
von einem Mannsbild, ein Weibsbild von
einem Weibsbild die Ruthe haben, dan
mach dir ein Ringlein und überwinde es
mit rother Seide, und Steck es an den
Finger, wen du etwas verk.en willst, So
zalt man dirs wie du es bietest“ 246 ).
Ähnlich verwendete man Galgenstricke
und Galgennägel, vgl. Galgenamulette
3, 264 ff. Auch ein Hufeisen, auf die
Schwelle des K.iadens genagelt, ver¬
schafft viele Käufer und guten Gewinn;
umgekehrt befestigt, bringt es Unglück
247 ). Neben diesen glückerzwingenden
Amuletten finden sich noch andere
Zwingzauber. In einem Rostocker
Hexenprozeß von 1584 wird der Ange¬
klagten vorgeworfen, sie habe einem
andern „ein Poth zugerichtet, den er
unter den sül vor der hußthür gegraben,
das er ... sein broth wol verkeuffen
solte“ 248 ). Im Gegensatz zu solchem
Teufelswerk gebraucht man auch ge¬
weihte Sachen, um den Verk. seiner
Waren zu steigern, wie 1650 schlesische
Töpfer gegen das Weib eines Mitmeisters
klagten 249 ). „Ain schuester, so er schuech
zu sneyt, so legt er das leder auf ain stül,
so let es sich pald verkauften“ 280 ). Fegt
man den Staub vor der Tür in den Laden,
so hat man viel Absatz 251 ). Oder man
bestreicht des Morgens seine Ladentür
mit frischem öl 252 ). Bei der Eröffnung
eines Geschäfts soll man zuerst Geld in
die Ladenkasse legen, im Zeichen der
Jungfrau wird sie besonders gewinnreich
sein 253 ). Es soll überhaupt immer eine
Münze im Geldkasten liegen, um stets
neues Geld anzuziehen 254 ), vgl. den heute
noch allgemein verbreiteten Brauch, einen
Glückspfennig, die kleinste Kupfer¬
münze, und möglichst eine ganz neue, im
Portemonnaie zu haben. Über die nütz¬
liche Kraft des Handgeldes vgl. § 16.
Ohne sein Zutun erreicht den K.mann
das Glück, wenn er am Ersten Schulden
macht oder in aller Frühe wechseln muß
255 ). Es gibt auch unheilbringende Vor¬
gänge, so wenn ein K.mann seine Ware auf
ein Bett legt, dann wird sie nicht verk.t
werden 256 ). Unglückstage zum Verk.
vgl. § 3. Glückerzwingende Zauber
im Viehverk. vgl. §§ 14. 15.
tat) w. § 710 (Brandenburg); ein Segen, um
viele Käufer zu haben, bei Bartsch Mecklen¬
burg 2, 351. 233 ) AKrim. 61, 128. 234 ) ZfVk.
9, 254; ähnliches auf Celebes, vgl. Seligmann
Blick 2, 114; rotes Tuch in Siam, ZfVk. 23, 208.
235 ) SAVk. 14, 270. 236 ) ZfVk. 4 , 83. * 37 )
Schulenburg Wend. Volksthum 163. 238 )Groh-
mann 100. 239 ) Knoop Tierwelt 39; s. a. § 15.
24 °) Grimmelshausen Courasche nach Schlos¬
ser Galgenmännlein 61; von solcher Kraft der
Mandragoren oder Glücksmännlein berichtet
noch Lena Christ in ihrem Roman Matthias
Bichler (oberbayrisch); s. a. § 19. 241 ) Mschles¬
Vk. 25 (1924), 87. * 42 ) UrqueU 1, 187. * 4 *)
Knoop Hinterpommem 166; W. § 189. ,44 )
Huß Aberglaube 20. 245 ) Baumgarten Heimat
2, 95; Schönwerth Oberpfalz 3, 204. ***)
SAVk. 2, 268 = Albertus Magnus (Enßlin)
2, 34 - * 47 ) W. § 176. 148 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 26. 249 ) Kühn au Sagen 3, 14. ”•)
Kauf, Verkauf (Handel)
1163
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Grimm Myth. 3, 419 Nr. 61 (Hs. 14./15. Jh.).
m ) W. § 718 (Böhmen). «*) W. § 777. 2ß3 )
John Erzgebirge 36. 254 ) Ebd. 37; vgl. Anm.
307. 2ß6 ) Wiener Kinderglaube, WZfVk. 33, 50.
aM ) Drechsler 2, 194.
13. Neben diese reiche Anzahl von
Zaubereien, die das Verk.sglück herbei¬
zwingen sollen, treten mancherlei Vor¬
zeichen, die dem Verkäufer die Preis-
und Verk.smöglichkeiten anzeigen.
So für den Kornhandel. Soviel Hahnen¬
schreie man in der Weihnachtsnacht
hört, so teuer wird im folgenden Jahr
das Korn 257 ). ,,Wenn es am kürtzesten
Tage gefrieret, so fällt das Korn im Preise;
ist es aber gelinde Wetter, so steigt
der Preiss 258 ); so viel die Theuerlinge
(Schwämme) Körner in sich haben, so
viel wird das Korn hinfort Groschen
gelten“ 259 ); aus dem Korn der zuerst
ausgedroschenen Garbe kann man sehen,
wie das Korn das folgende Jahr alle
Quartale steigen und fallen wird 26 °).
Am Haferblatt ist ein B oder ein T zu
sehen, je nachdem wird der Hafer billig
oder teuer 261 ), langes Wachsen des Ha¬
fers gilt als Vorzeichen von Teuerung * 62 ).
Andere Möglichkeiten, die Getreidepreise
zu erraten, vgl. Getreide 3,788; 4,318; Brot¬
preisorakel vgl. 1, 1648; s. a. Teuerung.
Eine mainfränkische Familiengeschichte
aus dem Jahr 1772 behauptet von den
Zwölfnächten: scheint die Sonne am
neunten Tag, so bedeutet es den K.-
leuten einen glücklichen Handel im neuen
Jahr 263 ). Wenn eine Katze sich putzt,
wird sie verk.t a64 ). Beim Viehhandel
zeigt sich der Verk. des zum Markt ge¬
führten Tieres an, wenn ihm die Augen
tränen oder wenn es im Hofe stallt * 65 ).
Wohl deshalb soll das Vieh immer vor
dem Verk. misten 266 ). Tritt das Tier mit
dem rechten Fuß aus dem Stall, so be¬
deutet dies Glück, der linke Fuß vereitelt
den Verk. 267 ). Oder es heißt umgekehrt:
das Vieh wird gut oder überhaupt nur
verk.t, wenn es mit dem linken Fuß
zuerst aus dem Stall tritt 268 ). Die rechte
Seite zeigt aber auch im Benehmen des
Verkäufers selbst einen Vorteil an: „Wenn |
ein Weib zu Marckte gehet und hat früh,
als sie die Schuhe angezogen, den rechten
Schuh erst angezogen, so wird sie ihre
Wahre theuer loß werden“ 269 ). Reitet
man weg, um ein Füllen zu verk.en, und
das Füllen will nicht von der Hofstelle,
dann wird es nicht verk.t 270 ); ebenso
kommt ein Pferd wieder, das beim Aus¬
trieb mit der Leine hängen bleibt 271 ).
257 ) Drechsler 1, 42; Panzer Beitrag 1,
316; Grimm Myth. 3, 449 Nr. 468; 475
Nr. 1085. 268 ) Rockenphilosophie (1706) 172
c. 73. «•) Ebd. 175 c. 74; vgl. Hopfen 4, 311.
26 °) Ebd. 181 c. 77. 241 ) Treichel West¬
preußen 9, 265. 282 ) Schweizld. 2, 931.
2e3 ) Fränkische Monatshefte 1928, 419. *«*)
Wiener Kinderglaube, WZfVk. 33, 49. 2«)
Eberhardt Landwirtschaft 19. 2M ) Vecken-
stedts Zs. 1, 97. * 47 ) John Westböhmen 209;
Bohnenberger 116 (26); Sebillot Folk-Lore
3, in. 268 ) Eberhardt a. a. O. (Blaubeuren);
Pollinger Landshut 155. 268 ) Rockenphilo¬
sophie (1709) 206 c. 21 = Grimm Myth. 3, 438
Nr. 114 = Meyer Aberglaube 227; s. a. ZfVk.
23, 123. 27 °) ZfVk. 24, 61 (Schleswig-Holstein).
271 ) Müller Isergebirge 12.
14. Wie an den Viehk. heftet sich auch
an den Vieh verk. der meiste Aberglaube.
Eine glückliche Lösung vom alten Heim
und Unheilabwehr sind auch dem Ver¬
käufer dringende Geschäfte, dazu kommt
die Anlockung der Käufer. So wird
an den Unglückstagen Mittwoch und
Freitag natürlich kein Vieh aus dem Stall
gegeben 272 ), vgl. §3. Treibt man Vieh
zum Verk., so soll man einen knoten¬
losen Strick mitnehmen und ein Stück
Brot 273 ), es wird also auch dem Verkäufer
empfohlen, was dem verk. tenTiere frommt,
vgl. § 5. Man zieht das Tier rückwärts
aus dem Stall 274 ), dies ist aber auch gerade
verboten 275 ), vgl. §§5, 17. Beim Her¬
ausziehen aus dem Stall sagte man im
Nahetal: „N. N.! ich muß dich verk.en,
und jeder soll mir nachlaufen“, dazu die
drei hl. Namen, und die Käufer drängten
sich zum Ank. 276 ), vgl. § 15 das Gleiche
beim Überschreiten eines fließenden
Wassers. In Westböhmen spuckt der
Verkäufer beim Austrieb dreimal über
den Rücken des Tieres zurück 277 ), an¬
scheinend ein Lösungszauber. Der Thü¬
ringer putzt das Vieh, um es auf dem
Markt los zu werden, mit einem vom
Nachbarn gestohlenen Lappen ab 279 ),
vgl. § 12 den Gebrauch der Armsünder-
fleckl, s. a. Hingerichteter 4,50. In der
Niederlausitz schneidet man dem Markt¬
Kauf, Verkauf (Handel)
Il66
II65
vieh die Haare ab und verbrennt sie 279 ).
Ein anderes westböhmisches Mittel, das
Vieh sicher zu verk.en besteht darin,
daß man mit einem Wespennest über den
Rücken des Tieres streicht, ohne ihn
aber mit der Hand zu berühren 28 °). Diese
Maßnahme scheint verwandt mit der fol¬
genden : um das auff den Marckt gebrachte
Vieh bald zu verk.en, soll man es mit
einer aus der Mitte eines Ameisen-Hauf-
fens gegrabenen schwartzen Kugel räu¬
chern, so will jedermann das Vieh k.en 281 );
in Ostpreußen bewirft man das zum Verk.
geführte Vieh mit Ameisen 282 ). Ebenso
zieht es viele Käufer an, wenn man das Tier
beim Antrieb zum Markt mit einem Zweig
peitscht, den man, und zwar in der Regel
am Karfreitag, von einem Baum geschnit¬
ten, an dem ein Bienenschwarm ange¬
setzt 283 ). Während diese Mittel alle
mehr oder weniger Lockzauber zu sein
scheinen, sind auch noch einige Lösungs-
zauber zu erwähnen: man wirft beim
Austrieb aus dem Hause eine Hand voll
Kehricht hintennach 284 ) oder einen alten
Topf 285 ); Katzen läßt man in den Spiegel
schauen, damit sie nicht mehr heim¬
finden 286 ), vgl. im Gegensatz dazu §9.
Unheilabwehr läßt in Frankreich die
Verkäufer ein Kreuzzeichen über den
Rücken eines Schweines machen und
einem Ochsen Salz aufs Haupt streuen 287 ).
Die Lockzauber sollen anscheinend in der
Weise arbeiten, daß sie das Vieh besser
erscheinen lassen als es ist; dies
wird offen gesagt beim Bestreichen mit
Kohle, die in der Johannisnacht unter den
Wurzeln des Beifußes gefunden wird, sie
macht das Vieh feist und stattlich, und
wenn es auch nur auf 48 Stunden hält 288 ),
eine ostpreußische List. In Ostpreußen
leben die abergläubischen Vorschriften
für einen glückverheißenden Aufbruch
zum Viehmarkt noch heute stark und
zahlreich, wie ein Bericht aus Dörfern
der Rominter Heide verrät: dort steht
der Landwirt schon recht früh auf und
führt das für den Verk. bestimmte Vieh
mehrmals auf dem Hofe über einen für
die Schweine gebrauchten Futtertrog;
denn so schnell die Schweine beim Füttern
an ihren Trog laufen, so schnell werden
sich auf dem Markt Käufer bei dem Vieh
einfinden; zu verk.ende Schweine treibt
man mehrmals um ihren Futtertrog, dann
wird der Bauer mit dem Käufer handels¬
einig 289 ), s. w. §15. Vor der Überfüh¬
rung auf den Markt erhält das Jungvieh
im südlichen Hochschwarzwald den
„Chalbersegen“, damit es gut laufe: es
werden drei Vaterunser gebetet, und bei
jedem bekommt es ein Stückchen Brot
mit Salz 290 ), vgl. § 5 -
272 ) Meyer Baden 399 (Hornberg). * 73 ) John
Westböhmen 209. 274 ) John a. a.O.; Sebillot
Folk-Lore 3. m. 276 ) W. § 690. 276 ) ZfnvVk.
2 (1905), 292; ein größerer Bannspruch aus der
Graudenzer Gegend bei Frischbier Hexenspr.
I54 . 277 ) John a. a. O. 278 ) Witzschel Thü¬
ringen 2, 278. 278 ) ZfVk. io, 229 Nr. 1. 28 °)
John a. a. O. 281 ) Rockenphilosophie (1706)
34 c. 11 — Grimm Myth. 3, 441 Nr. 199;
Bartsch Mecklenburg 2, 35 1 • Leoprechting
Lechrain 91; W. § 149 (Oberpfalz). 282 ) W.
§ 149. 283 ) Köhler Voigtland 371!. 4 * 2 :
Drechsler 2, 86. 108. 220; W. §§ 150. 710.
284 ) w. § 710. 285 ) Drechsler 2, 108. 284 )
Wiener Kinderglaube, WZfVk. 33, 49 - 287 )
Sebillot a. a. O. 288 ) Frischbier Hexenspr.
154. 288 ) NdZfVk. 8 (1930), 50 f- 2 *°) Meyer
Baden 399.
15. Während jemand mit Vieh auf dem
Markte ist, darf in seinem Hause nicht
gekehrt werden, sonst fegt man ihm die
Käufer hinweg 291 ). Auf dem Weg zum
Markt gelten für den Verkäufer die glei¬
chen günstigen und ungünstigen Zeichen
und Begegnungen wie für den Käufer,
vgl. § 1. Einen ungünstigen Angang für
einen Händler bedeutete im Mittelalter
ein Mönch, Grund genug, einen Handel
aufzuschieben 292 ). In Ostpreußen 293 )
kündet noch heute beim Aufbruch zu
vernehmendes Rabengeschrei vom Dache
eines Hofgebäudes Unglück bei der Hin¬
oder Rückfahrt an; ebendort sorgt man
auch eifrig für einen günstigen ersten
Angang, man schickt eine männliche
Person aus der Familie vor dem Weg¬
führen des Viehs schnell vom Hofe, die
dann den Aufbrechenden gerade am Hof¬
tor begegnen muß, denn der Angang einer
Frau (vgl. § 1) brächte Unglück auf der
Reise 294 ); unterwegs gibt es auch ver¬
schiedenes zu beachten: auf Kreuzwegen
schlägt man vor sich und dem Vieh ein
Kreuz, um dieses gegen Zauberbann zu
Kauf, Verkauf (Handel) II68
schützen. Von auf dem Reiseweg gefun¬
denen Kletten nimmt man wenigstens
eine mit, dann wird man viele Käufer um
sich haben; will man im Sommer mit
einem Pferde zum Markt, soll man unter¬
wegs an einem fließenden Gewässer trän¬
ken, um die K.lustigen anzulocken. Beim
Durchgang durch ein fließendes
Wasser — so lautet die ältere, deut¬
lichere Vorschrift — gießt man drei Hände
voll Wasser dem Tier über den Rücken
und spricht jedesmal: „Es muß mir Jeder¬
mann nachlaufen und muß mir mein Vieh
abk.en, so wahr als Christus taufete am
Jordan, so wahr taufe ich dich auch
t 295 y
291 ) W. § 710 (Mecklenburg, Brandenburg).
m ) Breslau 15. Jh., MschlesVk. 21 (1919), 85.
2W ) NdZfVk. 8, 50 f. 294 ) So auch Eberhardt
Landwirtschaft 19; vgl. § 1 Anm. 4; Meyer
Baden 515: die schlimmste erste Begegnung ist
die eines alten „Wibervolks“, namentlich (am
Oberrhein und Bodensee) dreier „Wibervölker"
hintereinander, wenn sie ... jemand beim Markt-
gang anreden. 295 ) Albertus Magnus (Enß-
lin) 1, 52 f.; WürttVj. 13, 179. 220; Eberhardt
a. a. O.; Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 10.
16. Auf dem Markte selbst spielt über
alle vorsorglichen Zauber hinaus eine ent¬
scheidende Rolle der erste Verk., sei es,
daß man unbedingt an den ersten
Liebhaber der Waren etwas verk.en
muß, um das Glück für den weiteren
Handel nicht zu verscherzen (a), sei es,
daß der Erlös dieses ersten K.s, des
„Handk.s“, das „Handgeld“, als
glückbringend betrachtet wird (b), sei
es endlich, daß die Person des ersten
Käufers mit gutem oder bösem Handk.
den günstigen oder ungünstigen Verlauf
der Geschäfte entscheidet (c). In
aUen drei Ansichten haben wir es mit
einem Stück Anfangs- und Angangs¬
glauben zu tun. Die Bezeichnung
„Handk.“ erscheint oft für „Handgeld“,
in älteren Quellen begegnet häufig das
Wort „Handgift“ 296 ).
a) „Wer auff einem Marckte etwas feil
hat, soll den ersten Käuffer nicht
gehen lassen, solte man auch gleich die
Wahre wohlfeiler hingeben als sonst“,
andernfalls wird man weiterhin Schaden
haben; es gilt dies auch für eine Geschäfts¬
eröffnung und den Laden verk. 2Ö7 ). Be-
/
kommen die Verkäufer an Markttagen
zeitig Handgeld, d. h. wird von ihnen bald
etwas verk.t, so machen sie an demselben
Tag gute Geschäfte 298 ). Auch in Böhmen
darf der erste Kunde nicht lange handeln
und noch weniger ohne zu k.en Weggehen
2 "). Die Handelsfrau des Erzgebirges sagt
bei der Einnahme des Handgelds: „Alle
Leute kommen hergelaufen, mir meine
Waren abzuk.en, das walte Gott“ *°°).
Es ist natürlich auch die Höhe dieses
Handgelds, der Preis, den K.leute und
Gastwirte für den ersten Verk. erhalten,
bedeutungsvoll 301 ).
b) Das durch den ersten Verk., den
Handk., gewonnene Handgeld hat man
einst zunächst auf den Boden geworfen
302 ). Noch in neuerer Zeit spuckt man auf
das Handgeld, um so weiter gute Ge¬
schäfte zu beschwören 303 ); man spuckt
auf das erste eingenommene Geldstück,
damit es sich vermehre 304 ). Es scheint
dies eine alte Abwehrhandlung dämoni¬
scher Schädigung zu sein 305 ), vgl. spucken,
Geld 3, 606. Wer aber dieses Handgeld
wieder weggibt, gibt damit für den ganzen
Tag das Glück weg 306 ). Auch bei der Er¬
öffnung eines K.hauses hat man früher
dem Handk. besondere Bedeutung bei¬
gemessen ; so hat 1776 in Berlin ein ange¬
sehener Verwandter eines Geschäftsgrün¬
ders nach damaliger Sitte persönlich den
ersten Eink. getätigt und selbst aus diesem
Handgeld einen Glücksgroschen auf
den Ladentisch genagelt 307 ). Unter
„Handgift“ hat man im 15. Jh. auch eine
Neujahrsgabe verstanden, die still¬
schweigend geschenkt werden mußte und
die Kraft besaß, Krankheiten zu heilen
308 ), also auch ein Anfangszaubermittel.
c) Der Handk.saberglaube wird als ein
Teil des Angangsglaubens schon in mittel¬
alterlichen Handschriften getadelt, die sich
entrüsten, „de errore que vocatur anegang
vel hantcaufft“ 309 ) und über die Menschen,
„di do gelauben an anganckt vnd an hant-
gifft der leute“ 310 ). Vintler weist 1411
auf den unterschiedlichen Wert hin, den
die „hantgifft“ je nach der Person des
Käufers vorstellt 311 ). Die verschiedene
Wirkung des Handk.s teilt eine Wiener
Äußerung von 1451 so mit: „so man
Kauf, Verkauf (Handel)
1170
II69
chunftige ding sagt aus hantgift, als so ein
munich oder ein priester von erst chaufft
oder ein ander gaistlich person, so schol
es chain glukch nicht habn; aber so
pueben und püebin von erst chauffen, so
schol es in den ganczen tag wol gen“ 312 ).
Auch Nicolaus von Dinkelsbühl schilt im
gleichen 15. Jh.: „error mercatorum et
ceterorum similium qui in vendicione
rerum suarum precium quod primo re-
cipiunt credunt fortunatum esse, saltem
aliquid et ab aliquo datum“ 313 ). Geist¬
liche sind also unheilvolle Erstkäufer, wie
ihr Angang überhaupt ungünstig beurteilt
wird, vgl. § 15, s. a. 1, 423. Eine alte Frau
— als Angang gleich unbeliebt — wird
ebenso ungeme als erster Käufer des
Tages gesehen 314 ). Junge Leute sind
die erwünschten Handkäufer. K.t dem
auf den Markt Gezogenen „zuerst ein
Knabe oder eine Jungfer ab, der hat selbi¬
ges Tages gut Glück zum Verk.“ 315 ).
Dieser Glaube hat sich bis heute gehalten;
in Köln nehmen Krämerinnen in Klein¬
läden, namentlich Gemüseläden, und
Bäuerinnen auf den kleineren Wochen¬
märkten am liebsten von Kindern oder
sonstigen bestimmten Personen Hand¬
geld 316 ), auch in Schlesien soll noch
immer Handgeld von einer jungen Person
Glück bringen 317 ), in Mecklenburg ver¬
hängt über eine Geschäftseröffnung ein
Kind als erster Käufer Glück, eine alte
Frau Unglück 318 ). Und im Bernischen
sagt man, wenn jemand am frühen Mor¬
gen einem jungen (ledigen) Manne oder
einem Knaben gegen bares Geld etwas
verk.en könne, werde eine gute Losung
folgen, verk.e man aber nichts oder auf
Kredit oder an ein altes Weib, so sei alle
Hoffnung verloren 319 ). Es heißt auch
gelegentlich, die Handgift von einem
armen Manne sei glückbringend, von
einem andern aber unglückverheißend 32 °).
Der Handk.saberglauben ist so wenig wie
andere Angangsvorstellungen eigentümlich
deutsch, er begegnet international als ein
auf Analogie beruhender alter Glaube 321 ).
So passen auch die Bäuerinnen in Rennes
noch heute genau auf, wer ihnen zuerst
abk.t; haben ihnen diese Erstkäufer
einmal Glück gebracht, so warten sie
stets auf sie und verk.en ihnen zuerst
billig 322 ).
294 ) DWb. 4, 2, 389. 399 - 287 ) Rockenphilo¬
sophie (1709) 132 c. 89. (1759) 112 = Grimm
Myth. 3, 437 Nr. 86 = Meyer Aberglaube 227:
ebenso Panzer Beitrag 1, 264; Meier Schwaben
2, 512 (,,auf dem Markte und sonst"); Wolf
Beiträge 1, 216 (Hessen); Wrede Rhein. Volks¬
kunde 2 224t.; Bartsch Mecklenburg 2, 313;
Drechsler 2, 194; Urquell 3, 232 (Hamburg,
auch ostjüdisch u. südslawisch); Fogel Penn¬
sylvania 377 Nr. 2023. 298 ) Köhler Voigtland
394. 299 ) Grohmann 228; W. § 292 (Schlesien).
30 °) John Erzgebirge 36; vgl. die ähnliche Formel
Anm. 276 u. 295. 301 ) ZfVk. n, 278. 3oa )
Schönbach Berthold v. R. 31: aliqui super-
stitiosi mercatores pecuniam primo eruptam vel
receptam de rebus venditis, quam vocant vul-
gariter hantgifft, projiciunt ad terram, ante-
quam ponant. 303 ) Kuhn u. Schwartz 459
(Berlin); Köhler Voigtland 434; Hovorka u.
Kronfeld 1, 32 f. (Wien, Schlesien, Ruthenen);
Drechsler 2, 194: man spuckt dreimal auf die
erste Einnahme. 304 ) John Erzgebirge 36;
W. §§ 251. 633; Urquell 3, 232 (Hamburg).
305 ) Vgl. Hovorka u. Kronfeld 1, 32 f. 399.
302 ) Drechsler 2, 194. M7 ) Vossische Zeitung
5.8. 1931 (Nr. 185); vgl. Anm. 254, die Funk¬
tion des Glückspfennigs! 308 ) SAVk. 27, 138
(Weimar 1483). 309 ) Hs. 15. Jh. Sagan, Mschles¬
Vk. 21 (1919). 86. 3l °) Ebd. (1507 Amberg)-
SAVk. 27, 138 (1484 Augsburg). 3n ) Grimm
Myth. 3, 421 u. ZfVk. 23, 5 f. 312 ) MschlesVk.
21, 86. 313 ) Ebd. 87, ..inicia fori vel contractus".
314 ) John Erzgebirge 36. 315 ) Rockenphilosophie
(1706) 104 c. 41. (1759) 4°3 = Grimm Myth .
3, 442 Nr. 226; Schönbach Berthold v. R. 31 f.
3l «) Wrede Rhein. Volkskunde 2 225. 317 )
Drechsler 2, 194; W. §§ 292. 777. 3l8 )
Bartsch Mecklenburg 2, 313. 3l9 ) SAVk. 21,
35; Unoth 1, 182. 320 ) ZfVk. 23, 17. 321 )
MschlesVk. 21, 89. 328 ) Ebd. 87; vgl. Urquell
3, 232 (ostjüd. u. südslaw.).
17. Mit der gleichen Sorgfalt, die der
glücklichen Lösung der verk.ten Tiere aus
ihrer bisherigen Umgebung gewidmet
wird, muß man darauf achten, daß auch
der zurückbleibende Teil, vor allem
ein Muttertier, keinen Schaden er¬
leidet. Wenn ein Kalb verk.t worden ist
oder zum Markt, ins Schlachthaus geführt
werden soll, also für immer den bisherigen
Stall verläßt, wird auf verschiedenste Weise
die Sehnsucht und Unruhe der verein¬
samten Kuh bekämpft. Aus der gleichen
Rücksicht für die Kuh wie für das Kalb
zieht man das Kalb rückwärts aus dem
Stall oder trägt es verkehrt hinaus, da¬
mit nicht die Kuh sich gräme oder ihr
bange werde 323 ) und damit sie nicht in-
Kauf, Verkauf (Handel)
1172
II7I
folge dessen die Milch verliert 324 ). Das
Muttertier erhält hierbei einen Schlag 325 );
der Käufer muß den Atem beim Hinaus¬
bringen anhalten 326 ). Man rupft ferner
dem scheidenden Tiere, schweigend, einige
Stirnhaare oder einen oder drei Büschel
Haare aus dem Rücken, oben an einem
Wirbel, vom Halse, auch vom Schwanz
aus, steckt sie unters Brot oder sonstiges
Futter und gibt dies der Mutterkuh zu
fressen, in Schlesien mit einem Schlag auf
ihren Rücken und den Worten: „Einen
Schlag, nicht länger grämen als einen
Tag" 327 ). Diese Häärchen werden auch
schon vor dem Hinausbringen des jungen
Tiers dem alten „unter Hersagung eines ge¬
wissen Gebetes“ ins Maul gelegt 328 ) oder
ins Ohr gesteckt 329 ). Man vergräbt die
Haare auch unter die Krippe 33 °), legt sie
in eine Mauerspalte des Stalls 331 ) oder be¬
hält sie so zurück 332 ). In Norwegen bringt
man einige dem verk.ten Stück Vieh aus¬
gerauften Haare in seinen alten Stand, da¬
mit man nicht das Glück fortverk.e 333 ).
Statt der Haare gibt man der Kuh auch
einen Wisch Heu zu fressen, mit dem man
vorher dem Kalb über den Rücken ge¬
strichen hat 334 ); s. a. Haar 3, 1284 f. Der
abholende Metzger stößt das Kalb mit
dem Schwanz an das Maul der Kuh, da¬
mit sie nicht so lange nach ihm schreie 335 ).
Man behält den Strick des verk.ten
Tieres zurück, weil man sonst das Glück
fortgibt 336 ), vgl. aber §5. Den Strick
des Kalbes windet man der Kuh um die
Hörner und schlägt ihr hierbei auf den
Rücken 337 ), oder man hängt der Kuh
den Strick, das Halsband des Kalbes um
den Hals 338 ). Man legt einen Stein vor
die Krippe, die Kuh leckt daran und
brüllt nicht mehr 339 ). An diesen auf den
Standort des Kalbs gebrachten Stein
bindet man den Strick des Kalbes, da¬
mit die mütterliche Kuh sich leichter
beruhige **°). Wenn man Federvieh
verk.t, muß man in Ostpreußen jedem
einige Federn abschneiden und zurück¬
behalten, sonst gibt man das Gedeihen
des übrigen Geflügels mit fort 341 ). Es
gehen aber nicht nur vom verk.ten Tiere,
sondern auch vom Käufer gefähr¬
liche Einflüsse aus, man fürchtet böse
Hexenkünste gegen das nicht verk.te
Vieh. Deshalb lassen in Schlesien viele,
wenn sie Vieh verk.en wollen, den Käufer
nicht in den Stall 342 ), in Westfalen wird
das angebotene Tier allein aus dem Stall
geführt an einen dritten Ort 343 ). Oder
es muß der Verkäufer zuerst den Stall
betreten 344 ). Der Käufer muß den ganzen
oder wenigstens einen Teil des K.preises
im Stall bezahlen, weil er sonst das Glück
aus dem Stalle mit fortnimmt 345 ); er
wirft das Trinkgeld (vgl. § 5) vor dem
Wegführen des Viehs aus dem Stall in
die Krippe, aus der das Tier bisher ge¬
fressen, sonst geht der Segen Gottes aus
dem Hause weg; wer abends dieses Geld
zuerst in der Krippe findet, hat Glück
zu hoffen 346 ). Wenn man Ferkel beim
K. betrachtet, muß man dabei „Gottes
Segen“ sagen, sonst gedeihen sie nicht 347 ).
Unverk.tes Vieh darf nie auf demselben
Weg zurückgebracht werden, da man
ihm sonst die Ruhe benimmt 348 ), s. a.
§ 21. Gleiche Vorsicht muß beim Milch-
verk. walten, um üble Folgen zu ver¬
hindern. Wird Milch von einer melk ge¬
wordenen Kuh über den Weg verk.t, so
muß etwas Salz hineingeworfen werden
(vgl- §§ 5 - 23), damit die Milch sich
bei der Kuh nicht verliert 349 ). Es sollen
drei Sprätchen Salz sein, dementsprechend
man die Milch auch vor dem Verk. an
drei verschiedene Orte stellt 35 °). Wenn
man an Walpurgis nach Sonnenuntergang
Milch oder etwas anderes verk.t, muß
man ebenfalls Salz in die Milch schütten
oder dem Käufer nach werfen 351 ). Um
Zauberei zu verhindern, wirft man auch
ein Stückchen Brot in die zum Verk.
gegebene süße Milch 352 ). Ebenso vor¬
sichtig ist man beim Butterverk.: die
gek.te Butter muß sofort nach Hause ge¬
tragen werden, ohne daß man noch in
ein anderes Haus eintritt, um nicht die
Kühe, von denen die Butter stammt,
einer Verhexung auszusetzen 353 ), die
Butter darf nur verdeckt über die Straße
getragen werden 354 ). Beim Verk. von
Erzeugnissen des Landbaus, besonders
Kartoffeln, nimmt in Ostpreußen der Ver¬
käufer, wenn dem Käufer sein Teil ab¬
gemessen ist, davon wieder eine Hand
Kauf, Verkauf (Handel)
II74
1173
m
J-
h
- voll und wirft diese auf seinen Haufen
\ oder in einen Sack zurück, um den Segen
f nicht fortzugeben 355 ). Eine ähnliche
», Schutzhandlung begegnet bei den Esten,
l die Kohl, den sie verk.en, mit Bier be-
r gießen, damit die übrigen nicht ver-
\' derben 356 ), s. a. §§ 21 — 24.
• 3 * 3 ) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1031 (Bunzlau
j 1791): Drechsler 2, 102. 108; ders. Haustiere
j 7; ZfVk. 23, 182 (Isergebirge); Köhler Voigt-
j land 428; Hüser Beiträge 2, 26; Wolf Beiträge
f 1, 219 f. (Hessen); Schramek Böhmerwald
li 240; Grohmann 137; Reiser Allgäu 2, 439;
■ W. § 699; Fogel Pennsylvania 170 Nr. 810;
S^billot Folk-Lore 3, mf. (bes. 17. Jh.);
* Wolf a. a.O. (Bretagne). 324 ) ZfKultG. 3. 220
(Nassau-Idstein). 326 ) Müller Isergebirge 11.
**•) Wolf a. a. O. (Hessen). 327 ) Grimm Myth.
3, 417 Nr. 21 (14. Jh.); Woeste Mark 54;
Drechsler 2, 102; ders. Haustiere 7; ZfVk.
23, 183 = Müller Isergebirge 11 f.; Köhler
a. a. O.; Huß Aberglaube 30; John Erzgebirge
, 226; Schramek Böhmerwald 240; Grohmann
137; ZföVk. 6, 110; Pollinger Landshut 156;
Birlinger Schwaben 1, 403; Germania 29 (1884),
> 95; Sartori Sitte 2, 141h; Fogel a. a. O. 161
' Nr. 764; 170 Nr. 809- 328 ) Hüser a. a.O.; in
‘ Frankreich bekommt die Kuh Schwanzhaare
| des Kalbs in einem Kohlblatt zu fressen, S6 -
billot a. a. O. 32 ®) Engelien u. Lahn 1, 272.
**°) Toeppen Masuren 98 = W. § 690; auch
afrikanisch, Sartori Sitte 2, 141. 331 ) Dähn-
hardt Volkst. 1, 9b; ZfVk. 10, 208 (Nord¬
thüringen). MJ ) Johna. a.O.; Heurgren 345.
«•) Liebrecht Zur Volksk. 324. M4 ) Birlinger
Volksth. 1,121. 336 )Engelien u. Lahn 1,211.***)
Drechsler 2, 108 (poln. Oberschlesien); Globus
72, 35 2 (Niederlausitz). M7 ) Drechsler 2, 102;
ders. Haustiere 7; ZfVk. 23, 182 (Isergebirge).
* 38 ) John a. a. O.; Fogel a. a. O. 171 Nr. 819.
**•) Drechsler 2, 102; ders. Haustiere 8 (Op¬
peln). 34 °) ZfVk. 10, 209 (Nordthüringen). M1 )
W. § 672. 342 ) Drechsler 2, 252; vgl. Selig¬
mann Blick 2, 208. 343 ) Hüser a. a. O. M4 )
Alemannia 20, 280 Nr. 5 (Taubergrund); ZfVk.
io, 208 (Nordthüringen); Drechsler Haustiere
7. 34C ) ZfVk. a. a. O.; Drechsler a. a. O.; John
a. a. O.; Sartori Sitte 2, 141; man behält, sich
zur Sicherheit, von dem Käufer ein Geldstück
oder seine Leibbinde, Urquell 4, 144. M# )
ZfKultG. 3, 220 (Nassau). 347 ) And ree Braun¬
schweig 385. 348 ) Alemannia 20, 280 Nr. 6.
*•*) ZfrwVk. 3, 204 (Minden); ebenso Wolf
Beiträge 1, 227 (Hessen); Köhler Voigtland
428; s. a. § 23 Anm. 453. 36 °) Eberhardt
Landwirtschaft 17. 361 ) John Erzgebirge 196.
Ui ) Schramek Böhmerwald 254. 363 ) ZfrwVk.
2, 203 (Nahe). 354 ) W. § 709 (Franken); Selig-
mannMcÄ 2, 280. 3W ) W. § 670. 366 ) Boeder
Ehsten 132.
D. 18. Eine bunte Reihe von Gelegen¬
heiten begegnet im deutschen Aberglau¬
ben, wo ausdrücklich geboten wird,
etwas zu k.en, namentlich einen be¬
stimmten Gegenstand, der einem Zauber
dienen soll, gerade durch K. zu erwerben.
Durch die K.handlung bannt man Un¬
heil an einen neutralen Ort, wenn eine
Wöchnerin, die gegen das Verbot vor dem
Ablauf von sechs Wochen in ein fremdes
Haus geht, vorher an einem fremden Ort
etwas k.t, um kein Unglück in das Haus
zu bringen 357 ). Anders erklärt sich eine
amerikadeutsche K.Vorschrift: gegen Leib¬
schmerzen soll man einen Bittern trinken,
muß aber das Trinkglas mitk.en, offen¬
bar zur Verhütung von Schadenzauber
mit dem Glase 358 ). Oder ist das K.en in
diesen beiden Fällen eine verschleierte
Opferhandlung, die den Opfernden von
der Krankheit reinigt ? Ein anders be¬
gründeter K.zwang findet sich, um Un¬
glück von einem zum K. verhandelten
Tiere abzuwenden, vgl. § 21. Dem Heil¬
zauber dienende Mittel müssen zuweilen
erk.t sein — vgl. neu — und zwar ohne
zu feilschen gek.t, vgl. 2, 1314. So k.t
man für eine Arznei ein Ei von einer
kohlschwarzen Henne, ungehandelt 359 ).
Auch in Frankreich muß für einen Heil¬
zauber eine schwarze Henne gek.t, sie
darf nicht geschenkt sein 36 °). Gut ist,
von Handwerksburschen Brot zu k.en
und einem kleinen Kind einzugeben, da¬
mit es bald sprechen lernt 361 ). Auch tür
andere Abwehrzauber muß das Not¬
wendige oft gek.t sein, in der Regel ohne
zu handeln, vgl. Gegenzauber 3, 346 f.
Zur Vorbeugung schädlicher Folgen des
Fallens k.t eine Mutter für ihr kleines
Kind ein Töpfchen, nach dessen Zer¬
brechen auf der Straße die Gefahr für
das Kind auf immer beseitigt ist 362 ).
Wenn einer Kuh die Milch genommen ist,
k.t man einen neuen Hafen, ohne zu
markten, und benützt ihn zu einem um¬
ständlichen Strafzauber 363 ); um die Kühe
gut melken zu machen, k.t man zur Neu¬
mondszeit ein Ei, in dessen hohle Schale
man die Kuh melkt, um jene dann unter
der Schwelle zu vergraben 364 ). Ein zum
Abwehrzauber gegen ein „Schrattele“ be¬
nötigtes Arzneiglas muß man in der Apo¬
theke k.en ..ohne zu satren. wozu man
H75
Kauf, Verkauf (Handel)
1176
es brauchen wolle, ohne zu fragen, was es
koste, und ohne dafür zu danken", die
dreifache rituelle Vorschrift 365 ). Als Aus¬
nahme von der Regel (vgl. §§ 20. 24) soll
man einen als Zauberspiegel gewünschten
Spiegel auch k.en, aber nur, ,,wie man ihn
bieten thut" 366 ). Aber auch eine Katze,
die Mäuse fangen können soll, muß ge¬
kauft, freilich auch gestohlen, mindestens
nicht bezahlt sein 367 ). Bienen und Schwei¬
ne, die gedeihen sollen, müssen gelegent¬
lich gek.t und nicht geschenkt sein, vgl.
aber § 20. Ebenso soll das Holz für einen
Hausbau gek.t (oder gestohlen oder er¬
bettelt) sein, sonst bleibt das Glück
aus 368 ). Man bedarf also für die ver¬
schiedensten Zwecke, zur Abwehr eines
Übels wie zur Erzielung besonderer Stärke,
Kräfte, deren neue, fremde Macht,
die noch nicht im eigenen Bereich ver¬
braucht und geschwächt worden ist, eben
der K. verbürgt, vgl. als Gegenstück
stehlen § 1, s. u. aber § 20.
M7 ) Grimm Myth. 3, 464 Nr. 844. 3M )
Fogel Pennsylvania 280 Nr. 1473. M9 ) Grimm
Myth. 3, 465 Nr. 864; vgl. ebd. 3, 436 Nr. 62;
s. a. feilschen 2, 1315 Anm. 6; Albertus Mag¬
nus (Enßlin) 4, 49 Nr. 176: einen Hecht k.en,
wie man ihn bietet, usw. zur Herstellung der
verlorenen Mannheit. 3eo ) S6billot Folk-Lore
3, 243. 381 ) Witzschel Thüringen 2, 250.
3Ät ) John Erzgebirge 56. 383 ) „frag nicht, wie
er (der Hafner) ihn gibt, sondern gib ihm einen
Kreuzer dafür“, Albertus Magnus (Enßlin)
2, 23; 3, 49; Seligmann Blick 1, 300 (Pom¬
mern); s. a. feilschen 2, 1315 Anm. 7. 3M )
Grohmann 137; gibt die Milch keine Butter,
dann wirft man ein Geldstück in die Kanne, um
die Hexe „abzuk.en“ (vgl. Geld 3, 620), ein
Geldopfer gleich manchem § 19 erwähnten.
386 ) Meyer Baden 551. 36 ®) Albertus Magnus
(Enßlin) 2, 26; W. § 354. 387 ) Grabinski Sagen
46. 388 ) Grimm Myth. 3, 472 Nr. 1000.
19. Solchen unumgänglichen Käufen
stehen zahlreiche mögliche Käufe gegen¬
über, die Kräfte erwerben und Wirkungen
auslösen, welche über das nüchterne
Handelsgeschäft des Alltags gehen. Ohne
daß der Erwerb durch K. ausdrücklich
geboten ist, hat man sich zu allen Zeiten
im Handel die verschiedensten Heil- und
Glücksmittel zu verschaffen gewußt
vom Armsünderfett, das die Apotheken
einst feilhielten (vgl. Hingerichteter 4, 46,
hängen 3, 1454ff.; 1, 554), und allen den
kräftigen Mitteln des Scharfrichters wie
Galgenstrick und Galgennägeln (vgl. 3,
262 ff.) bis zu den noch immer gebrauchten
Zahnhalsketten (vgl. 3, 1458 Anm. 164)
I und den Mascottes der Automobilisten,
I die heute so manches K.haus vorrätig
hält 369 ). Wie diese „Schutzgeister** hat
man sich immer helfende Kräfte, besonders
! Geisterkräfte durch K. sichern und schlie߬
lich die irrationalsten Dinge k.en können.
Alter Glaube läßt Geisterhilfe k.en,
einen Spiritus familiaris — wer einen
solchen k.t, in dessen Tasche bleibt er 370 )
— einen „Nisspuk" 371 ), einen „Putz",
der sofort in das Haus des Käufers um¬
zieht 372 ), einen kleinen Schatzteufel 373 ),
einen Hecktaler (vgl. § 22). In Auerbachs
Hof zu Leipzig und in Wittenberg hat
man Kobolde zu k.en bekommen, wobei
man sich vorsehen mußte, daß man nicht
betrogen wurde 374 ). Man konnte nämlich
arme und reiche Kobolde k.en 375 ). Ein
Spiritus familiaris ist nach einer Anklage
von 1668 um den Scheinpreis von drei
Pfennigen übernommen und gek.t wor¬
den 376 ). Andererseits wird als Preis für
Kobolde 50 Reichstaler genannt 377 ). Ein
anderer glücklicher K. erscheint auch im
Zusammenhang mit diesen hilfreichen
Geistern in dem allgemein verbreiteten
Sagen typ von Geistern, besonders Zwer¬
gen, welche etwas k.en, aber nur einen
wertlosen Stein oder ähnliches in Zahlung
geben, was sich jedoch im Hause des
scheinbar betrogenen Käufers in Gold,
Juwelen verwandelt. Die K.Vorstellung
beherrscht schließlich die seltsamsten
Handlungen. ,,Es ist auch eine alte böse
Superstition, wann ein mensch dem andern
das fieber oder eine andere kranckheit zu
k.en gibt oder abk.en thut, welche desto
höher zu straffen, das nit ohne hülff dess
bösen geists die würckung zum öffterm
erfolgt" 378 ), man kann also sogar Krank¬
heiten „k.en", s. w. §22. Ostjüdische
Kinder „k.en",, und „verk.en" auch Sün¬
den 379 ). Zuweilen ist ein Geldopfer zum
K. geworden, so wenn der Pate den dritten
Tag nach der Geburt dem Kind „das
Weinen abk.t", d. h. ihm ein Stück Geld
in die Windel steckt, damit es Ruhe er¬
hält 38 °). Den „Sommerkindem" kann
man „den Sommer abk.en", das ist heil-
1177
Kauf, Verkauf (Handel)
II78
sam 381 ). Ganz deutlich ist das zum K.
gewandelte Geldopfer, wenn man vielfach
die Hebamme die Kinder (von einem
Brunnen) k.en läßt und sie ihr abk.t 382 ),
vgl. 3, 613 ff. 1597. Zum angeblichen K.
der Braut 383 ) vgl. § 4, wo die K.sitten
ihre Erklärung als Reugeld finden, s. a.
Braut (1, 1525 t.), Ehe (2, 569 ff.), Ver¬
lobung. Diesen meist sehr alten Vorstel¬
lungen von merkwürdigen K.möglich-
keiten steht noch ein Aberglaube jungen
Ursprungs zur Seite: ein Freimaurer
kann, wenn er durchs Los zum Sterben
bestimmt ist, sich einen Stellvertreter
k.en 384 ), zuweilen heißt es freilich nur
zweimal 385 ); früher sollen die Freimaurer
gar Johanniskinder zu Menschenopfern
gek.t haben 386 ). Endlich ist auch noch
auf die verschiedenen Eink.ssitten hin¬
zuweisen, wie sie an die Aufnahme in
die Jungmannschaft (Knabenschaft,
Bruderschaft) des Dorfes geknüpft sind
387 ), welche dem Dienstjungen auferlegt
sind, der nach bestimmter Dienstzeit sich
in die Reihe der Knechte eink.en muß
888 ) — gleich dem Eink. des freigesproche¬
nen Lehrlings in den Ge seilen verband
einer Handwerkerzunft (vgl. 3, 1430) —
oder der neuaufgezogenen Dienstmagd,
die sich in Schlesien einst bei der länger
dienenden Magd am Tag des ersten Vieh¬
austriebs hat eink.en müssen 389 ), oder
dem fremden Burschen, der sich durch
Geld oder Branntwein in der Gemeinde
eink.t, um mit den Mädchen verkehren zu
können 39 °), oder schließlich die Abgaben
an die Jungmannschaft bei einer Hoch¬
zeit 391 ) und, namentlich für einen aus¬
wärtigen Bräutigam, die Erk.ung des
Durchzugs für den fremden Eheteil unter
den Hochzeitsgebräuchen 392 ), vgl.4, 157.
Das Geld dieser Eink.sabgaben wird in
der Regel gemeinsam vertrunken.
SS9 ) Vgl. 1 > x 43 - 74 °; 2 . 72 u. ZfDkde
31 f. 37 °) Grimm Sagen 76 Nr. 84;
Meiche Sagen 293. 371 ) Müllenhoff Sagen
322. 372 ) Heyl Tirol 22. 373 ) Ebd. 267 (Bozen).
* 74 ) Sommer Sagen 33 — Ranke Sagen 2 167;
Meiche Sagen 295; Sieber Sagen 255. 376 )
Sommer u. Ranke a. a. O. 378 ) Meiche Sagen
293. 377 ) Sieber a. a. O. 378 ) Panzer Beitrag
2, 279 t. (Bayern 1611). 379 ) Urquell 2, 165
(Lemberg). 380 ) Grimm Myth. 3, 460 Nr. 739
ob der Enns 1787); vgl. ein ebenfalls zur K.Vor¬
stellung abgewandeltes englisches Windopfer:
man wirft ein Geldstück über Bord, „um den
Wind zu k.en“. Bergen Superstitions 115 Nr.
1057; eine ma. Sage von windverk.enden Ein¬
wohnern Vinlands bei Sebastian Frank, Grimm
Myth. 1, 532 f. m ) Grimm Myth. 2, 637.
382 ) Meyer Baden 11 f. (fränkisch); vgl. v.
Künßberg Rechtsbrauch u. Kinderspiel Sitzb-
Heid. 1920, 7, 48 u. Höhn Geburt 259. M3 ) Die
Ablehnung dieses gelehrten Irrtums begründet
u. a. Bächtold Hochzeit 1, 189ff.; s. a. ZfVk. 14,
281; Sartori Sitte 1, 56 f.; GrimmÄ^l. i, 583.
589 h 384 ) Jahn Pommern 361 f.; Strackerjan
1, 361; Zaunert Westfalen 309. 388 ) Jahn
Hexenwesen 25 u. Pommern 360; Zaunert
a. a. O. 308. 388 ) MschlesVk. 13/14, 239. M7 )
Bächtold Hochzeit 1, 279 ff.; Sartori Sitte 2,
188; SAVk. 8, 99; John Westböhmen 336;
Nds. 12, 382 (Mecklenburg). 388 ) Drechsler
2, 19; ZfVk. 1, 83 (Pommern); Andree Braun¬
schweig 236 ff.; ZfVk. 11, 332 ff. (Braunschweig);
Sartori Sitte 2, 42 f. 38# ) Drechsler 2, 19;
ZfrwVk. 4, 295 (Berg). 3M ) Alpenländer und
Skandinavien, Weiser Jünglingsweihen 65 t.;
Messikommer 1, 130; Sartori Sitte 2, 190
Anm. 9. 3M )Bächtold a.a.O. i,28off.; Sartori
Sitte 1, 57 Anm. 8 (Lit.); 3, 106 f. Anm. 68:
Eink. der Neuvermählten durch Ball oder
Schmaus; auch bei den Deutschen in Rußland,
vgl. Dt. Volkskunde im außerdt. Osten 1930»
S. 79. 3M ) Sartori Sitte 1, 90; 2, 182 Anm. 13;
Weiser a.a.O.; Mailly Deutsche Rechtsalter¬
tümer (1929) 49.
20. Dem gebotenen Erwerb durch K.
und der Möglichkeit zu k.en stehen Ver¬
bote desK.ens nicht minder bedeutsam
gegenüber. Im Gegensatz zu den § 18
erwähnten Beispielen ist noch häufiger
vorgeschrieben, die für eine Zauber¬
handlung, Heilzauber wie Abwehr- und
Schadenzauber aller Art, benötigten
Mittel nicht zu k.en, sondern zu er¬
betteln und sich schenken zu lassen, zu
leihen, zu stehlen oder Ererbtes und Ge¬
fundenes zu benutzen, vgl. die ent¬
sprechenden Artikel. Der gek.ten fremden
Sache mangelt hier also die erwünschte
Kraft. Deshalb mußte auch schon in der
Antike ein Opfertier (oder dessen Organe)
nicht gek.t, sondern freiwillig gegeben oder
mindestens um jeden Preis ungehandelt
erstanden sein 393 ), vgl. 2, 1314. Jeglicher
K. ist nicht ratsam an gewissen Un¬
glückstagen (s. o. § 3), um nicht Scha¬
den auf Käufer und Gek.tes zu ziehen.
Am Neujahrstag darf man in Schmal¬
kalden wohl etwas k.en, es aber nicht be¬
zahlen 394 ). Auch an andern besonderen
ii 79
Kauf, Verkauf (Handel)
1180
Tagen ist Vorsicht geboten. So darf man
am Karfreitag keine Milch k.en 395 );
Flachs, auf Laurentii gek.t, verbrennt 396 ),
vgl. § 23. Es gibt auch Dinge, die man
niemals k.en darf, wenn man sich und
andere vor Schaden bewahren will. Alter,
geheiligter Rechtsbrauch untersagte schon
früh — vgl. ein Kapitulare Karls des
Großen 806 — Getreide auf dem Halm,
Wein an der Rebe und blutige Kleidung
zu k.en 397 ). Neben die Rechtsrücksicht
tritt Furcht vor Frevel. Deshalb soll
man nach einer französischen Ansicht von
einer krankheitheilenden Quelle nichts
k.en noch verk.en dürfen, sonst bekommt
man die hineingezogenen Krankheiten 398 ).
Wenn ein Bräutigam seiner Braut ein
Buch k.t (oder schenkt), so wird dadurch
die Liebe verblättert 3 "), vgl. 1, 1689.
Auch im Tierk. muß man achtgeben. Es
ist schädlich, Bienen zu k.en, deren Herr
gestorben ist, sie sterben auch bald dahin
40 °); sie dürfen auch nicht aus einem zwei¬
felhaften Haus gek.t noch darf beim Eink.
gehandelt werden (vgl. 1, 1233; 2, 1315),
sonst bleiben sie nicht beim neuen Be¬
sitzer 401 ); in Frankreich soll man, schon
im 17. Jh. und noch heute, Bienen über¬
haupt nicht k.en, nur eintauschen, wenn
sie gedeihen sollen 402 ). Auch in Deutsch¬
land gedeihen geschenkte oder geerbte
Bienen am besten, nur ausnahmsweise,
z. B. in Waldeck, heißt es umgekehrt, daß
man Bienenstöcke nicht verschenken
dürfe, wenn die übrigen gedeihen sollen,
und daß nur gek.te gedeihen 403 ); ebenso¬
wenig geraten in Thüringen geschenkte
Schweine 404 ). Wer aber ein Paar Turtel¬
tauben halten will, darf sie nicht k.en,
sondern muß sie sich schenken lassen 405 ).
In der Bukowina hütet man sich, Ochsen
zu k.en, deren letzte Rippe kürzer als die
andern ist, denn diese sollen nicht wachsen
und sich nicht gut füttern 406 ). Gleich dem
ungünstigen Angang, hat es einst für un¬
heilvoll gegolten, von Priestern oder Mön¬
chen Pferde zu k.en 407 ), ein Teil der allge¬
meinen Abneigung, Vieh von Menschen
mit dem bösen Blick einzuhandeln 408 ).
393 ) Höfler Organotherapie 12. 394 ) Hessler
Hessen 2, 482 = Sartori Sitte 3, 63 Anra. 40,
«in Anfangszauber! 396 ) Schramek Böhmer¬
wold 240. 398 ) Bunzlau 1791, Grimm Myth.
3, 476 Nr. 1100. 397 ) Grimm RA. 2, 157; Hoops
Reallex. 3, 20. 398 ) Nur der Eigentümer, bzw.
der Kirchen Vorsteher läuft glücklicherweise
diese Gefahr nicht: Sebillot Folk-Lore 2, 288.
3 ") Rockenphilosophie (1709) 125 c. 83 =
Grimm Myth. 3, 437 Nr. 80. 40 °) Schleswig,
Urquell 6, 20; Schönwerth Oberpfalz 355;
Knoop Tierwelt 3; Rochholz Glaube 1, 148.
401 ) Meyer Baden 414; Birlinger Schwaben
1, 399 ; Sartori Sitte 2, 132. m ) Sebillot
a. a. O. 3, 320. 374. 403 ) Curtze Waldeck
402 —W. §671; s. w. i, 1233 s. Anm. 113 .
404 ) W. § 688. 405 ) Meier Schwaben 1, 218.
40e ) ZföVk. 4, 215 Nr. 519. 407 ) Sagan 1474,
MschlesVk. 21 (1919). 8 h. 408 ) P&igord, Se¬
ligmann Blick 1, 37.
21. Es findet sich verschiedenerlei Ge¬
bot zu verk.en. Der brandenburgische
Bauer will nichts verleihen, sondern
nur verk.en, auch wenn er das Geld nicht
sofort erhält 409 ), wohl mitbegründet als
Unheilabwehr, vgl. leihen. Ähnlich rät
die Rockenphilosophie: wer mit Essig
handelt, soll keinen verborgen, und sollte
der Borger auch nur eine Stecknadel zu
Pfände geben 410 ). Und es heißt in Alten¬
burg und Schlesien, man dürfe überhaupt
nichts ganz umsonst aus dem Hause ver¬
schenken, weil man sonst das Glück
mit weggebe, man müsse wenigstens eine
Kleinigkeit, und sei es eine Stecknadel,
als Bezahlung fordern, besonders bei den
Erzeugnissen des Feldes, Gartens und des
Viehstands, also bei Sämereien, Setz¬
pflanzen, Milch 411 ), eine Rücksichtnahme
auf das gefährdete Gesamtglück, vgl. § 17.
Gewisse Dinge darf man nur verk.en,
wenn man ein Unglück verhüten will. So
muß man Messer, Scheren und Steck¬
nadeln verk.en, weil man durch Ver¬
schenken die Freundschaft mit dem Be¬
schenkten zerschneidet 412 ), nach Wiener
Kinderglauben soll man Stecknadeln noch
heute nicht verschenken, sondern lieber
verk.en 413 ). Ein besonderer Anlaß zum
Verk. liegt vor, wenn die Hausfrau das
erste Kind ihrer Mutter ist; dann verk.t
man die ersten Kälber der jungen
Kühe, da sie nicht gedeihen können 414 ).
Aber auch ohne diesen in Estland ausge¬
sprochenen Grund verk.t man um Stettin
die Erstlingskälber stets an den Fleischer
41B ). Beim Tod der Hausfrau werden im
Erzgebirge sämtliche Hühner verk.t, den
Kauf, Verkauf (Handel)
1181
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Haushahn aber darf man nie selbst
essen, sondern muß ihn verk.en 416 ). Eben¬
so muß man jedes Stück Vieh, Hunde,
Vögel oder ,,sonst etwas“, das durch ein
Gebot (über den Wert) feil geworden
» ist, in dessen Gegenwart man davon ge-
. sprochen hat, daß man es k.en oder ver-
$ k.en wolle, verk.en, andernfalls geht es
bald darauf zugrunde 417 ). In Westfalen
führt man aus Furcht vor Behexung ein
solches unverk.tes Tier nicht wieder
y in den Stall zurück, sondern an einen eige-
f nen Platz und sucht es um jeden Preis
, möglichst bald los zu werden 418 ). Und
wenn jemand ein Tier gern haben will,
. soll man es ihm geben oder einem andern
verk.en, sonst stirbt es 419 ). Dies gilt be¬
sonders für Vögel 420 ). Das Kind einer
Mutter, bei der schon mehrere Kinder ge-
storben sind, „verk.t“ man an die Heb-
j amme oder eine andere mit Kindern ge-
; ♦ segnete Frau, damit es in deren Besitz
besser gedeihe 421 ). Der Verk. an einen
Dritten entzieht also das Verk.te
(wie oben das begehrte Tier) einer Gefahr,
einem feindlichen Einfluß. Ebenso verk.en
’ nach Wiener Kinderglauben die „Polni¬
schen“ ein todkrankes Kind zum Schein,
in der Annahme, der Todesengel kenne
sich dann nicht aus 422 ). Und in gleicher
i Weise gibt man das Vieh, wenn es nicht
gedeihen will, einem Familienglied in
scheinbaren K., und wenn es auch
dann nicht gedeihen will, einem Dritten,
s. o. § 10. So muß man besonders bei neu-
gek.tem verhexten Vieh verfahren; sobald
f es in die dritte Hand kommt, kann ihm
der Beschwörer nichts anhaben 423 ). Ent¬
sprechend kann ein Dieb sich gegen Ver¬
folgungszauber schützen, wenn er das ge¬
stohlene Gut alsbald weiterverk.t 424 ), vgl.
i 2, 216.
409 ) ZfVk. 1, 189. 41 °) Grimm Myth. 3, 449
Nr. 470. 4U ) W. § 625. 412 )W. §625; Bergen
Superstitions 144 Nr. 1413, allg. in USA.
‘ 413 ) WZfVk. 34, 32. 414 ) Estland 1788, Grimm
Myth. 3, 491 Nr. 80; Boeder Ehsten 119.
415 ) Jahn Opfergebräuche 303 = Sartori Sitte
2, 138. 414 ) John Erzgebirge 226. 417 ) Saalfeld
1790, Grimm Myth. 3, 452 Nr. 532; ZfVk. 5,
416 (Franken); Müller Isergebirge 12; W. § 680
(Oldenburg); Selig mann Blick 1, 198 (Shef¬
field); vgl. ebd. 2, 280: wenn in Sardinien um
r; ein Pferd oder Früchte gehandelt wird, ge-
1182
schieht dies darum in Abwesenheit des Tiers,
der Früchte. 418 ) H ü ser Beiträge 2, 26. 419 ) Wie¬
ner Kinderglaube, WZfVk. 34, 67. 42 °) Ebd.
34, 76; ebenso Sebillot Folk-Lore 3, 191.
421 ) Urquell 4, 187. 422 ) WZfVk. 34, 75. 423 )
Schleswig-Holstein, ZfVk. 24, 62. 424 ) Nach
einem Arzneibüchlein von 1768, Wein hold
Festschrift 116; vgl. Strackerjan i, 100.
22. Es ist möglich, Krankheiten zu
„verk.en“, eine schon der Antike geläu¬
fige Zauberhandlung 425 ). 1668 hat man
in Deutschland gemeint: „man kan die
pocken verk.en, und der sie k.et, krieget
so viel nicht als sonst“ 426 ). Es ist dies
„eine alte böse Superstition“, nämlich
Fieber oder andere Krankheiten zu verk.en
427 ), s. o. § 19 Anm. 378. Sie hat sich in
Bayern bis in die Gegenwart erhalten,
wenn man dort Geschwüre „verk.t“: man
betet ein Vaterunser, dann nimmt man
eine Kupfermünze, reibt das Geschwür
dreimal mit ihr, wirft sie morgens vor
Sonnenaufgang auf der Straße rücklings,
ohne sich umzusehen, über sich hin und
geht stillschweigend nach Hause; wer das
Geldstück aufhebt, bekommt das Ge¬
schwür, und der andere wird frei 428 ). Die
Amerikadeutschen „verk.en“ ebenso War¬
zen für einen Cent, den man versteckt
oder wegwirft für einen unglücklichen
Finder 429 ), s. a. Geld 3, 609 f. Die Vor¬
stellung des Verk.ens ist hier also einem
Übertragungszauber umgehängt wor¬
den. Durch einen eigenartigen Verk.
kann man einen Hecktaler bekommen:
man beschwört den Teufel und verk.t ihm
eine Katze im Sack für einen Hasen 430 ),
vgl. 3, 1619. Will man den Hecktaler
wieder los sein, dann muß man ihn unter
seinem Werte verk.en, damit es der
Käufer merke, daß darunter etwas ver¬
borgen hege, und alles mit seiner still¬
schweigenden Einwilligung vollzogen
werde 431 ). Ebenso verk.t man auch an¬
dere Geisterkräfte wieder, die man durch
K.gewonnen (vgl. §19). „GalizischeHaus¬
geister, Didken“, können durch Verk. um
beliebiges Geld abgetreten werden 432 ). Es
wird ein in eine Schachtel oder Flasche
eingesperrter Teufel, der sieben Jahre
dienen muß, um drei Pfennige verk.t 433 ),
auch ohne daß der Käufer etwas merkte
434 ), offenbar ein Spiritus familiaris.
1183
Kauf, Verkauf (Handel)
Kauf, Verkauf (Handel)
Il86
II84
dessen scheinbarer K.preis eben drei
Pfennige beträgt (vgl. § 19), von dem es
aber auch heißt, daß er jedesmal billiger
verk.t werden müsse. Grimmelshausen
läßt die Landstörtzerin Courasche ein sol¬
ches Ding um zwei Kronen von einem
alten Soldaten erwerben, der ihr sagt, daß
dieses „seinen gewissen K. und Verk.“
habe, „vermög dessen die Frau Zusehen
mag, wann sie diss Kleinod wider hingibt,
daß sie es nemlich wolfeiler verk.e, als sie
es Selbsten erk.t hat“; sie wird es um eine
Krone an Springinsfelt los, der es nun
nicht wieder verk.en kann, weil der Satz
aufs Ende gekommen ist 485 ). Man glaubt,
ein solcher Spiritus familiaris könne zwei¬
mal verk.t werden; wer ihn das drittemal
k.t, muß ihn für immer behalten 436 ). Das
gilt auch für andere Hausgeister und
Schatzteufel 437 ).
4,5 ) Lammert 32 f. 42 ®) Grimm Myth. 3,
477 Nr. 1136. 427 ) Panzer Beitrag 2, 279 f.
428 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 392. 429 ) Fogel
Pennsylvania 324 Nr. 1726 f.; ebenso Bergen
Superstitions 103 Nr. 902 (Mass.). 43 °) Bartsch
Mecklenburg 2, 351. 431 ) Meiche Sagen 309;
Sieber Sachsen 273; Kühnau Sagen 2, 17;
s. o. 3, 199. 432 ) Vernaleken Mythen 239.
483 ) Ebd. 263. 434 ) Ebd. 273. 435 ) Schlosser
Galgenmännlein 6if.; vgl. Grimm Sagen 77.
434 ) Kühnau Sagen 2, 7. 437 ) Müllenhoff
Sagen 322; Heyl Tirol 267; ZfVk. 4, 91 (Ko-
motau 1670); W. § 386 (der böhm. ,,Sotek ‘).
23. Auch der Verk. unterliegt bestimm¬
ten Einschränkungen. Zu gewissen
Zeiten ist es nicht Tätlich, etwas zu ver¬
k.en, wenn man nicht bösen Zaubermäch¬
ten und schlimmem Schaden Eingang ver¬
schaffen will. Es sind dies über die allge¬
mein für Geschäfte ungünstigen
Tage wie Montag, Mittwoch und
Freitag (s. o. § 3) hinaus geheiligte
Tage und Stunden, in welchen nicht
durch einen Verk. schädlichen Einflüssen
Raum gegeben werden darf. Man soll
nichts verk.en an den heiligen Abenden
der Weihnachtszeit, besonders nicht am
Weihnachtsabend und Silvesterabend 438 ),
ebensowenig am Aschermittwoch 439 )
oder am Karfreitag 440 ), in Ungarn
auch nicht am Georgstag und Martins¬
tag 441 ). Die Begründung, weil der Nutzen
weggegeben 442 ), fürs künftige Jahr der
Segen verk.t wird 443 ), muß zusammen¬
gehalten werden mit einem andern An¬
fangszauber, gerade an solchen heiligen
Abenden und Tagen fremden Nutzen sich
anzueignen, vgl. stehlen §§ 4. 7. Beson¬
ders Milch darf man nicht am heiligen
Abend 444 ), am Fastnachtsdienstag 446 ),
am Karfreitag 44e ), am ersten April 447 )
verk.en, wenn man das Vieh vor Hexen
oder dem Tod behüten will. An den Qua¬
tembertagen darf keine Milch verk.t oder
weggegeben werden, sonst kann eine Hexe
es der Kuh auf ein Vierteljahr antun 448 ).
Milch, Butter, Käse und Eier soll man wegen
der vielen Hexenkünste nach Sonnen¬
untergang überhaupt nie aus dem Haus
verk.en 449 ), besonders nicht am ersten
April 450 ) und am Johannistage 451 ), aber
auch nicht in den Zwölften, am An¬
dreas- und Karfreitage 452 ). Wenn man
es dennoch tut, muß man ein wenig
Salz dazugeben, damit man nicht
alles Glück zugleich aus dem Hause
lassen möchte, ein schon lange gerügter
Aberglaube 453 ), oder daß die Milch nicht
in einem Topf ohne Deckel verhext werde
454 ). Im Erzgebirge verk.t man am Wal-
purgistäge nach 6 Uhr abends auf keinen
Fall mehr Milch 455 ). Die erste Milch
darf allgemein drei oder acht Tage lang
nicht weggegeben werden, sonst gibt die
Kuh immer nur wenig und schlechte, zum
Buttern untaugliche Müch 456 ). In Mittel¬
baden soll man auch von einer frisch-
gek.ten Kuh vor Ablauf dreier Tage keine
Milch verk.en und nicht vor dem ersten
Buttern 457 ), im Taubergrund neun Tage
lang nicht 458 ). Die erste Butter verk.t
man dort und anderswo überhaupt nicht
459 ); in Westböhmen muß man wenigstens
dreimal buttern, ehe man Butter, Käse
und Milch verk.t, dann erst hat die Hexe
keine Gewalt über das Vieh 460 ). Von dem
ersten Buttern nach einem Kalben darf
man nichts verk.en, um das Glück nicht
wegzugeben 461 ), in Niederösterreich muß
man diese Butter verschenken 462 ). Wenn
eine Kuh das erstemal kalbt, soll man an
den drei ersten Freitagen ausstoßen und
keine Butter verk.en, sonst verk.t man
den Nutzen 463 ), s. a. Butter § 8 (1,
1738 ff.). Das Vieh wird nach älterer An¬
sicht auch behext, wenn man ungesunde
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I I85
Milch oder solche, unter die nicht ein bis¬
chen Wasser gemischt ist, verk.t 464 ). Noch
leichter ist, schlimme Milchhcxcrei zu
treiben, wenn man an zwei Orten Milch
k.t und sie zu Hause untereinandergießt,
dann nimmt man beidem Vieh die Milch
465 ), s. w. Milchhexe (3, 1863 ff.). Eben¬
falls zur Verhütung von Schadenzauber
und Segensverlust darf man in Ostpreußen
von Saaterbsen oder Saatkartoffeln nichts
weggeben oder verk.en, bevor man sein
eigenes Feld bestellt hat 466 ). Genau so,
wie in diesen Fällen die Hergabe eines
Teils das Ganze gefährdet, verhält
es sich beim Menschen selbst, wenn nach
steirischem Glauben eine Frau, die ihr
Haar verk.t, dadurch dem Bösen Macht
über sich einräumt 467 ), vgl. Haar § 10
(3, 1271 ff.). Da man während einer Ge¬
burt zur Verhütung böser Einwirkungen
nichts aus dem Hause geben soll (vgl. 3,
411), darf man auch nichts verk.en, so¬
lange eine Kuh kalbt, eine in der Ober¬
pfalz noch lebendige Auffassung 468 ). In
Salzburg darf, wenn das Vieh erkrankt ist,
während dreier Tage im Hause nichts
verk.t (noch verschenkt) werden 469 ).
Ebenso soll störende Einmischung fern¬
gehalten werden, wenn während eines
Prügelzaubers gegen eine Hexe nieman¬
dem etwas verk.t werden darf; denn es
kommt z. B. die Tochter der Hexe und
will Buttermilch k.en, um dadurch den
Straf Zauber zu brechen 47 °). Während in
diesen Vorschriften der Verk. für eine
bestimmte Zeit gesperrt bleibt, heißt
es auch noch weitergehend, daß man
einer Hexe überhaupt nie etwas
verk.en noch schenken dürfe, damit sie
nicht durch diesen Besitz Macht über den
Verkäufer gewinne 471 ). Auch geht alles
von einer Hexe durch K. empfangene
Geld, sogar das eigene, wenn es mit jenem
gemischt wird, wieder in ihre Hand zu¬
rück 472 ).
438 ) ZfVk. 1, 178 (Brandenburg); Engelien
u. Lahn 1, 239; Kuhn u. Schwartz 405h;
Schulenburg Wend. Volksthum 246 (Luzetag);
Lemke Ostpreußen i, 33; Toeppen Masuren
74; Drechsler 1, 21; Köhler Voigtland 361.
426; W. §625; Sartori Sitte 3, 41; ZfVk. 4,
312 (Ungarn). 439 ) W. §. 99. 44 °) Strackerjan
2, 69; Witzschel Thüringen 2, 196; John
B ächtold'Stäubli, Aberglaube IV
Westböhmen 61; Sartori Sitte 3, 143; Oster¬
abend: Lemke a. a. O. 441 ) ZfVk. 4, 397. 406.
442 ) Köhler a. a. O. 426. 443 ) Drechsler
1, 21. 444 ) John Westböhmen 16; vgl. Sartori
Sitte 2, 144. 446 ) John a. a. O. 41. 448 ) Schra-
mek Böhmerwald 240; John a. a. O. 208;
Köhler a. a. O. 372; W. §§87. 100. 705.
447 ) Köhler a. a. O. 372. 448 ) W. § 705 (Ober¬
pfalz). 44d ) Grimm Myth. 3, 473 Nr. 1023
(Bunzlau 1791) = Drechsler 2, 253; Heck¬
scher 379; Grohmann 138; ZfVk. 9, 444;
W. §§ 625. 705. 46 °) Drechsler i, 104. 461 ) W.
§ 92 (Lausitz, Schlesien). 4M ) W. § 705.
453 ) Richter Aberglauben (1702) 50; Toeppen
Masuren 101; Engelien u. Lahn 1, 273;
Bartsch Mecklenburg 2, 137; Hüser Beiträge
2, 26; Witzschel Thüringen 2, 280; Drechsler
2, m; W. §705; Liebrecht Zur Volksk. 316
(Norwegen); vgl. oben Anm. 349 bis 351.
454 ) W. §625 (Baden). 45ß ) W. §89; vgl.
Sartori Sitte 3, 172. 4ß ®) W. § 705; Sartori
Sitte 2, 144. 457 ) Meyer Baden 403. 488 ) Ale¬
mannia 34, 283 Nr. 35. 459 ) Ebd. Nr. 43; Jahn
Opfergebräuche 304 = W. § 709 (auch Vogtland).
46 °) John Westböhmen 203; Witzschel Thü¬
ringen 2, 278 (frischmelkende Kuh). 4ei ) Köhler
Voigtland 426. 4fl2 ) Seligmann Blick 2, 94.
463 ) Alemannia 19, 165 Nr. 30. 464 ) HessBl.
15, 129 (Worms 1790). 4 ® 5 ) W. §§390. 705
(Böhmen, Voigtland). 4 ® 6 ) W. §§ 655. 670.
4 ® 7 ) Germania 36 (1891), 402. 468 ) OdZfVk. 1,
150. 4(i9 ) ZföVk. 3, 5. 47 °) Kühnau Sagen 3,
25. 471 ) Bartsch Mecklenburg 2, 39 (1584);
noch im 20. Jh., z. B. in der bad. Pfalz, Meyer
Baden 555. 472 ) Köhler Voigtland 420; zur
Abwehr dagegen Kreide beim Geld: Panzer
Beitrag 1, 238 Nr. 29.
24. Dem Verbot, Bienen zu k.en
(s. o. § 20), entspricht das französische
Gebot, dieseTiere auch nicht zu verk.en,
sondern nur zu verschenken oder gegen
andere Gegenstände auszutauschen 473 ),
vgl. 1,1233; 4, 305. Auch anderes, zu dem
der Mensch in geheimnisvoller, außer¬
ordentlicher Beziehung steht, darf nicht
verk.t werden, so die Wiege; wenn ein Fa¬
milienvater die Wiege verk.t, in welcher die
Kinder lagen, treibt er das Glück aus dem
Hause 474 ). Ein Zauberspiegel darf
gleichfalls nicht verk.t, sondern muß in
der Familie vererbt werden, wenn er seine
Kraft nicht verlieren soll 475 ). Besonders
empfindlich gegen Verk. sind unter den
heiligen Dingen die Glocken. Zahlreiche
Sagen berichten von verk.ten (oder ge¬
raubten!) Glocken, die nicht wegzuführen
476 ) oder über die Gemarkungsgrenze zu
bringen sind 477 ) oder von selbst wieder
zurückwandem, vgl. 3, 873. Ebenso läßt
3«
u8 7
Kaulbarsch—Kauz
1188
sich das ewige Licht einer Kirche nicht
verk.en, es erlischt über der Grenze 478 ).
Auch ein Muttergottesbild, das einer
protestantisch gewordenen Kirche ab-
gek.t werden soll, kehrt immer wieder an
den alten Platz zurück 479 ). Mit den Ge¬
schenken freundlicher Geister soll man
schließlich auch nicht handeln. Aus dem
Kyffhäuserkeller gespendeter Wein darf
bei Todesgefahr nicht verk.t werden:,,Um¬
sonst bekommt Ihr ihn, umsonst sollt Ihr
ihn geben” 48 °).
473 ) ZfdMyth. 2, 419 Nr. 21 (Cevennen);
Söbillot Folk-Lore 3, 320: Bienenstock nur
gegen Gold oder Getreide ungestraft verkäuf¬
lich. 474 ) Schneller Wälschtirol 244 Anm. 53;
unter den Südslawen gilt es als Sünde und
Schande, etwas von dem unbeweglichen oder
dem betriebsnotwendigen beweglichen Gut zu
verk.en, nur bestimmte Dinge sind ohne weiteres
verkäuflich, Krauß Sitte u. Brauch 106 f.
475 ) Meier Schwaben 1, 282 — Pfister Schwaben
51; vgl. Künzig Schwarzwaldsagen 211. 47e ) Z.B.
Heyl Tirol 135. 477 ) Z. B. Künzig a. a. O.
249 t. 478 ) Künzig Baden 84. 47 *) Quensel
Thüringen 105. 48 °) Witzschcl Thüringen 1,
263; Grässe Preußen 1, 435; vgl. oben §20
Anm. 398.
25. Betrügerisches Verhalten im
Handel, in Eink. und Verk., bestraft das
Rechtsgefühl des Volkes, wie es die älteren
Zeiten gebildet haben, in zahlreichen
Sagen von verdammten, geisternden
Betrügern, vgl. unehrlich.
Müller-Bergström.
Kaulbarsch (Acerina cernua), Kugel-,
Steuer-, Gold-, Knacker-, Rotzbarsch,
Stuhr, Schroll, Rauhiger, Rotzwolf, Rotz¬
kater, Pfaffenlaus.
Im Kopfe des K.s findet sich ein Stein,
der gegen verschiedene Krankheiten, wie
Seitenstechen, Harnverhaltung, Stein,
Krampf, Fallsucht, auch gegen Verletzun¬
gen gut ist (vgl. Barsch 1, 928). Er wird
auch herzstärkenden Medizinen und Zahn¬
pulvern beigemischt x ).
Tiermärchen. Als die Fische einen
König wählen wollten, veranstalteten sie
ein Wettschwimmen. Der K. trug den
Sieg davon. Die Flunder (s. Scholle)
war darüber neidisch, verzog höhnisch das
Maul und sagte: ,,Jä, de Kulboarsch!” —
Zur Strafe für ihren Neid blieb ihr das
Maul schief stehen 2 ). Außerdeutsche Er¬
zählungen bei Dähnhardt 3 ).
*) Jühling Tiere 24. 110; DWb. 5, 348 (n.
Hübners Handlungslexikon 1727); Schwenck-
feld Catalogus 2, 442; Höhn Volksheilkunde 1,
92; ZfdU. 33, 102. 2 ) BllPomVk. 5. 140.
3 ) Natursagen 4, 92. Hoffmann-Krayer.
Kaulkopf, Koppen, Groppe, Dolm,
(lat. Cottus gobio). Der im Kopf befind¬
liche ,,Stein” wird in Tirol pulverisiert
gegen Harnstein genossen 1 ).
*) ZfVk. 8, 174; Jühling Tiere 31.
Hoff mann-Krayer.
Kauz. Von den K.en ist es besonders
der Steink. (Athene noctua), den das
Volk für den Todesverkündiger hält x ).
Man weiß von ihm, daß er, aus eigenem
Naturtriebe, vielleicht durch den Geruch
geleitet, gern an die Fenster der Kranken¬
stuben fliegt, durch sein Lärmen die Leute
in Furcht setzt 2 ). Dazu sagt Frisch 3 ):
Weil diese kleinste Art der K.e sich ge¬
meiniglich wegen der Einsamkeit, in denen
Kirchen, Gewölben und Kirchhöfen oder
Gottesäckern, die mit vielen Begräbnissen
bebaut sind, aufhalte, so nennen es einige
das Kirchen- oder Leichenhuhn. Ja, weil
es sich auch, wegen des Totengeruchs, so
Sterbende von sich geben, oder Todkranke
hinwegdunsten, zuweilen auf solchen Häu¬
sern auch wohl vor den Fenstern einfindet,
und sich durch Geschrei als Flattern an
den Fenstern hören läßt, so nennt es der
abergläubische Pöbel das Sterbe- oder
Totenhuhn, Leichhuhn, den Sterbevogel;
weil man glaubt, daß dieser Vogel an-
zeigen wolle: der Kranke müsse sterben.
Über den naturwissenschaftl. Aber¬
glauben — daß etwa das Käuzchen aus
den Kirchenlampen das öl nasche 4 ) —
und die Stellung im Dämonen- und
Seelenglauben wie in der Mythologie vgl.
Eule.
*) Suolaht i Vogelnamen 322. *) Naumann
Naturgesch. d. Vögel Deutschlds . 5 (1896), 12 =
Suolahti 322. 3 ) Joh. Leonh. Frisch Vor¬
stellung d. Vögel Teutschlands (1763) VIIIC2b =
Suolahti 322. 4 ) Lonicer Kreuterbuch 1577,
CCCXXVI A; Rolland Faune 2, 46.
I. Todvogel.
a) Name. Der K. gilt als ein Unglücks¬
bote 5 ), und zwar besonders als Todes¬
bote 6 ). Das geht schon aus seinen Namen
hervor, deren wichtigste sind: Nacht¬
vogel 7 ), de schree'n Uhl 8 ), Eule 9 ),
Äuferl 10 ), Grabeule 11 ), Todeule 12 ), Lei-
r*
1189
Kauz
1190
cheneule 13 ), Leichenvogel 14 ), die Leich 16 ),
Totenvogel 16 ), Totenkopf 17 ), Totenhuhn 18 ),
Leichenhuhn 19 ), Höllenhuhn (?) 20 ), Sterb¬
kauz 21 ), Stervogel 22 ), Todesengel 23 ),
Totenschreier 23a ), Todlacher a4 ), Kibitz,
Kiwidd, Kumitt 25 ), Kommittchen 26 ),
Klawit 27 ), Wik 28 ), Wiggi 29 ), Wiggle 30 ),
Wichtel 31 ), Wichsi 23 ), Schwigglä 32 ),
Quieckle, Quackerle, Quack 33 ), Weckerle
34 ), Weck-, Wegvogel 33 ), Tschauette
(Graubünden), Tscholit (oberes Inntal),
Tschavit (Südtirol), Tschwigga (Vorarl¬
berg) 35 ), Schoffitl 36 ), Klage 37 ), Wehklage
38 ), Klageweib 39 ),.Klagemuhme 40 ), Klag- f
mütterle 41 ), Holzweibi 42 ), Vogel Kreide¬
weiß 43 ). Daneben stehen eine Reihe
w
außerdeutscher Namen 44 ), die z. T. an¬
schließen 45 ).
6 ) Keller Antike Tierwelt 2, 42; Hopf Tier¬
orakel 106; Gubernatis Tiere 528 f.; Stern
Türkei 1, 425; And ree in Mitt. anthrop. Ges.
Wien 6, 36 ff.; Benfey Pantschatantra 2 (1859),
134; Hemavijaya Katharatnagara (übers. Joh.
Hertel) 2(1920). 222 f.; Wlislocki Magyaren
(1893)» 75: Müller 1646 bei Rochholz Glaube 1,
155; Schramek Böhmerwald 244; Rob. Pohl
Heimatbuch d. Kreises Rothenburg O. L. 1924,
63; Heimatkalender Krs. Oppeln 2 (1927). 118.
•) S. unten: ferner DWb. 5, 370; Wuttke 2 228
§ 324 {.; Gubernatis Tiere 526L; Hopf
Tierorakel 105 fr.; Keller Antike Tierwelt 2,
41. 42 f.; E. Jobbe-Duval Les morts mal-
faisants 1924, 32; Benfey Pantschatantra 2,
133; Mogk Relgesch 31; Vernaleken Mythen
82; Carinthia 55 (1865), 476; Alemannia 13,
143; Paul Stintzi Sagen d. Elsasses 2, 22;
Meyer Baden 578; Heßler Hessen 2, 72.
176. 294. 385. 480. 534; Grimm Myth. 2, 950;
3 » 3 2 7 : John Erzgebirge 113; Lehmann Su-
detendtsch. Volkskd. 1927, 181; Brandenburg
258; E. Tegethoff Französische Volksmärchen
3 2 9 : vgl. Söbillot Folk-Lore 2, 162. 165;
im griech. Altertum: ARw. 24. 282; Tier der
Unterwelt: Keller Ant. Tierwelt 2, 42.
7 ) Tharsander 270. Wohl auch Niderbcrger
Unterwalden 3, 191. 8 ) Finder Vierlande 2,
97. 9 ) E. Jobbö-Duval Les morts malfai-
sants 1924. 32 f.; (Thüringen): ZfVk. 13. 389;
(Pommern) Festschrift für H. Lemcke 1898,
228; Bartsch Mecklenburg 2, 124 Nr. 497;
Knoop Tierwelt 6; Peuckert Schles. Volksk.
229; MschlesVk. 19, 83. 10 ) Matthias Höf er
Ethymolog. Wb. der in Oberdeutschland vorzüglich
aber in Österreich üblichen Mundart 1 (1815),
48 = Heckscher 350. n ) Globus 79, 360.
Grabes vogel: Schwebel Tod und ewiges Leben
124. 1S ) Drechsler 2, 231; MschlesVk. H. 3,
20; H. 9, 9; H. 7, 69; (Glatzer) Guda Obend
(Kalender) 10, 94: Das Kuhländchen 4 (1922),
198; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13;
BIPommVk. 3, 106; Totenkäuzle: Reichhardt
Geburt, Hochzeit u. Tod 121. ls ) Bergisch: ZfrwVk.
5. 244; Urquell 1,17. 14 ) Wrede Rhein. Volkskd.
121 \ ZfrwVk. 5 (1908), 244; 15, 104; Engelien
u. Lahn 250; Brandenburg 258; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 124 Nr. 497; (Dithmarschen) Urquell
L 73 * 15 ) Zingerle Tirol 45. ie ) Joh. Heinr.
Campe Wörterbuch d. dtsch. Sprache 2 (1808),
904; Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod 121;
Fischer Schwab. Wb. 4, 298; Stalder 1, 286;
SAVk. 10, 279; Alemannia 4. 272; 19, 165;
Carinthia 55. 476; (N. Österreich) Kießling
Frau Saga im nieder Österreich. Waldviertel 5,
113C; Podlinger Landshut 295; John West¬
böhmen 164; Laube Teplitz 50 f.; ZfVk. 13,
389 (Thüringen); Drechsler 1, 285; 2, 231;
MschlesVk. 19, 83; (Glatzer) Guda Obend (Ka¬
lender) 10, 94; Wrede Eifel 170; W. Diener
Hunsrück 180; Suolahti 319; ZfrwVk. 15, 104;
Fr. Plettke Heimatkunde d. Reg.-Bez. Stade 1
(1909)» 43 &J Schwebel Tod u. ewiges Leben
124; BIPommVk. 5, 44; Globus 79, 360; Rol¬
land Faune 2, 46. 17 ) ZfrwVk. 15, 104. 18 ) Ber¬
gisch: Urquell 1, 17; ZfrwVk. 1908. 244.
19 ) Grimm DWb . 5, 366; Plettke Heimatkd.
d. Reg.-Bez. Stade 1, 436 = Finder Vierlande
2. 97; Heckscher 350; Reichhardt Geburt .
Hochzeit u. Tod 121; Erk-Böhme 1, 604
Anm. zu 199; Gilow de Diere 676; BIPommVk.
5, 44; ZfrwVk. 5 (1908), 244; Anhalt u. Thü¬
ringen: Suolahti 322 f.; niederdtsch.: ebd.
Jede kleine Eule: Joh. Friedr. Danneil Wb.
d. altmärkisch-plattdeutsch. Mundart 1859, 127;
Joh. Christoph Strodtmann Idioticon Osna-
brugense 1756. 126; Seifart Hildesheim 2,
33 f- 161; Georg Buschan Sitten d. Völker
4 (1922), 446, aus Niedersachsen. 21 ) Schmeller
BayWb. 2, 1315; (Fulda) Heßler Hessen
2, 361; Grimm DWb. 5, 370; (Thüringen)
Suolahti 323. 22 ) John Westböhmen 164.
M ) Meyer Baden 578; ders. Volkskd. 267;
Rochholz Glaube 1, 155. 24 ) Alpenburg
Tirol 343. M ) Pfalz: Lammert 99; Kivvit:
Rochholz Glaube 1, 155; (Preuß.) Suolahti
323. Kividd = trag ihn hinaus! Im Ma¬
gyarischen sein Ruf: Urquell 2, 55; Kuwitt:
Alfr. Karasek-Langer u. Else Strzygowski
Sagen d. Beskidendeutschen 1930, 104. 58. 59.
26 ) (Schwalm) Heßler Hessen 2, 294; (Preußen)
Suolahti 323; Buschan Sitten d. Völker 4,
446. * 7 ) Vilmar Wb. 1868, 206; Heßler Hessen
2, 515; Suolahti 323; Curtze Waldeck 382
Nr. 67; Klawit: Kuhn u. Schwarz 452;
Rochholz Glaube 1, 155; Schwebel Tod u.
ewiges Leben 124; Sutermeister KHM. 202.
u ) Alemannia 4, 271. nach Anhorn Magiologia
1674, 144. *•) Stoll Zauberglauben 132: hier
aber nicht der Steinkauz Carine noctua
Gray, sondern der Waldkauz Syrnium aluco.
30 ) Suolahti 320 f.; SAVk. 2, 218; 7,139;
10, 32; 12, 150; 15, 11; Schweizld. 3, 601;
And ree in Mitt. anthrop. Ges. Wien 6, 36
N. 1; Sutermeister KHM. 202; Friedli Bäm-
dütsch 2, 215 u. Stäuber Zürich 1, 29 u.
Manz Sargans 119 (Weibchen des Uhu, vgl.
1191
Kauz
II92
Kochholz Glaube 1, 155, sonst Weibchen der
Eule: Mitt. anthrop. Ges. Wien 6, 36); Friedli
3, 114; 4, 1, 262. Nach Rochholz Glaube 1,
155 ist das Gwiggli die Schleiereule. 31 ) Ver-
naleken Mythen 82. 310 f.; Germania 1875, 353;
ZfdMyth. 4, 30: Suolahti 318 (Steiermark,
Bayern) für die Zwergeule. 32 ) Manz Sar-
gans 119. Im Taminatale: Schl’wigga: ebd.
M ) Meyer Baden 578; ders. Volksk. 267; Paul
Stintzi Die Sagen d. Elsasses 2 (1929). 22.
Ma ) Meyer Baden 578; Alemannia 4, 272;
Suolahti 324. 34 ) Meyer Baden 578; Ale¬
mannia 4, 272; 13, 143. 36 ) Vonbun Beitrag
110. 3fl ) ZfVk. 1, 215 f.; Andrian Altaussee
143; Pfarrer Anton Meixner bemerkt dazu:
Tschafittel heißt in Untersteier die kleinste
Eulengattung. Suolahti 317 für die Zwerg¬
ohreule. 37 ) Zingerle Tirol 46 Nr. 401; Ger¬
mania 5, 125; Klageule: Reichhardt Geburt,
Hochzeit u. Tod 121; Suolahti 321. M ) Globus
79, 360* Suolahti 321. 39 ) Vgl. Nachw. 38.
40 ) Schwebel Tod u. ewiges Leben 124. 41 )
(Dtsch.-Böhmen) E. Lehmann Vom Krön-
wald u. vom Krottenpfuhl 1921, 38; Lammert
99 (Mittelfranken); Globus 79, 360; Suolahti
321. 42 ) Leoprechting Lechrain 82. 43 ) Alpen¬
burg Tirol 343; Kridewißchen (am Meißner):
Heßler Hessen 2, 452; HessBl. 27, 204; Vilmar
Wb. 206. 226. Kleiderweißchen (Thüringen):
Suolahti 323; aus Klawit, Kliwitken: ebd.
u ) Germania, Neues Jahrb. f. dtsch. Sprache
7, 436; Rolland Faune 2, 38 ff. 44 f.; Groh-
mann 67 = DWb. 5, 370; (neugriech.) ARw. 24,
282. 46 ) Vgl. etwa zu Anm. 30: Graubünden
Tschauette, frz. chouette, ital. ciovetta usw.;
Dalla Torre Tiernamen 142. 148.
b) Ruf.
Der Ruf wird gewöhnlich als Komm
mit*) 46 ), Koem-oeit 47 ) = Kiwit (zieh
mit) 48 ), aber auch gu gu 49 ), Komm mit
zur Ruh 50 ), huhuhu 51 ), mi grugt 62 ),
wiuwe 6 *), Wiggengwig 60 ), huwigg 53 ), harrut
(heraus) 53a ), eweck 53b ), geh weg 54 ), (ber-
gisch) Lik, Lik, ewek 55 ), (schles.) a Licht, a
Licht 56 ), 't is Tid 57 ) oder ausführlicher
als: d' Zitt isch do 60 ), Kled di witt 58 ),
Zur Ruh, zur Truh! Geh mit!, oder zwei
alten Leuten: Geschwind, geschwind, witt,
witt! Und als die Frau nicht will: Du
muest use und der mueß use 69 ), Hannes,
Hannes, pack auf, du stirbst jetzt bald 61 ),
De Zeit, die kummt, et geht en Lieh, dat
bes du, kuwik 61 ). Komm mit, komm mit,
mi Häk un Schip 62 ), Kumm mit, kumm
mit, mi grugt 63 ), Wit, wit, wit, morche
kümst aufs Tätebrit 63a ) Pojdz podkoscio-
*) Aber so rufen auch sonst übernatürliche Vö¬
gel: E. Lehmann Vom Kronwald und vom
Krottenpfuhl 1921, 45.
lek w dolek — Kommt unter die Kirche
in die Gruft 64 ), gedeutet. Im Saarland
sagt man von seinem Ruf, es je-itscht 65 ),
in Schlesien pfeift 66 ), singt 68a ), am Lech¬
rain ächzt es 67 ).
46 ) Heckscher 350; ferner Reichhardt
Geburt, Hochzeit u. Tod 121; Schwebel Tod
u. ewiges Leben 124; Schweizld. 3, 601; Keller
Antike Tierwelt 2, 44; Wuttke 202 § 274;
ZfVk. 10, 211; 13, 389; Rochholz Glaube 1,
155; Edwin Roedder D.as südwestdeutsche
Reichsdorf 1928, 397; Meyer Baden 578;
ZfdPhil. 28, 541; Walther Schwäbische Volksk.
1929, 92; Höhn Tod 307; ZföVk. 13, 133;
John Erzgebirge 113; E. Lehmann Vom Kron¬
wald u. vom Krottenpfuhl 38; Peuckert
Schles. Volkskd. 229; MschlesVk. H. 3, 20;
Heimatblätter des Kreises Wohlau 4 (1925), 51 ;
9 ( I 93 o)* 63; Glatzer Heimatblätter 5, 84;
(Glatzer) Guda-Obend (Kalender) 10, 94; 11,
96; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13; Knoop
Tierwelt 6 Nr. 47; Wrede Rhein. Volkskd. 121;
Ders. Eifel 1924, 170; Urquell 1, 17; ZfrwVk. 5,
120. 244; 15, 104; Strackerjan i, 27; Danneil
Wb. d. altmärk. plattdtsch. Mundart 127; Finder
Vierlande 2, 97; Wossidlo Mecklenburg 2,
135 (mit Zusätzen . . . nach dem Totenberg u.
ähnl.); (slawisch?) Volkskunde 5, 97 - Vß 1 *
tschech. pod, poid = komm komm: Groh-
mann 67 — Stern Türkei 1, 425; Als Name:
Meyer Volksk. 267. 47 ) Sloet de dieren 190 f.
48 ) Heßler Hessen 2, 72; Becker Pfälzer
Volkskd. 1925, 235. 4# ) Schweizld. 3, 601.
50 ) Georg Buschan Sitten d. Völker 4 (1922),
446. 51 ) (Glatzer) Guda Obend (Kalender) 10,
94. M ) ZfrwVk. 15, 104. * 3 ) (Geh weg): Stoll
Zauberglaube 132. 133. Ma )Seifart Hildesheim
2, 33f. iöi. Mb ) Ebd. 2, 161, nach ZfdMyth.
1, 240. 64 ) Reichhardt Geburt, Hochzeit u.
Tod 121; Meyer Baden 578; Alemannia 4, 272;
Höhn Tod 307; vgl. Nachw. 44. Als Name
Meyer Volksk. 267; Reichhardt 121. 65 ) (Ber-
gisch) Urquell 1, 17; ZfrwVk. 5, 244; 15, 104;
Wolf Dtsch. Märchen und Sagen 600 Nr. 220.
58 ) Guda Obend 10, 94; 11, 96. C7 ) Urquell 5, 32
(Pommern). 68 ) Wossidlo Mecklenburg 2, 136.
6# ) Sutermeister KHM. 202. t0 ) Rochholz
Glaube 1, 155; Karasek-Langer u. Strzy-
gowski Sagen der Beskidendeutschen 1930, 104,
vgl. Nachw. 33. 81 ) Vonbun Beitrag 110.
81 ) Diener Hunsrück 180; ZfVk. 1, 460; ZfrwVk.
15, 104. 83 ) Wossidlo Mecklenburg 1, 323;
2, 135 f- (grugen auch in bezug auf Kälte:
ebd. 136); oder: Kumm mit! ruft das Weibchen,
mi grugt: das Männchen; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 124 f. Wa ) (Ochsenfurter) Gau ZfdMA. 13
(1918), 123. M ) Knoop Tierwelt 7 Nr. 49. tt )Fox
Saarland 370. 68 ) MschlesVk. H. 9, 9. Vgl.
Wossidlo Mecklenburg 2, 44. 88a ) Heimatblätter
d. Kreises Wohlau 9 (1930), 63. * 7 ) Leoprech¬
ting Lechrain 89.
c) Todbedeutend. Der Ruf des
Käuzchens 68 ) auf oder beim Hause 69 )»
V
1193
Kauz
1194
besonders am Fenster des Krankenzim¬
mers 70 ), — der Steinkauz soll einen beson-
dem Drang dazu haben, dem Licht zuzu¬
fliegen 71 ), — gilt als Vorzeichen für den
Tod eines Hausbewohners. Es sitzt nachts
im Weinlaub, wenn der Tod um dein oder
deines Freundes Haus geht 72 ). Zuweilen
wird das spezialisiert: wenn K. u. Wiggli
auf dem gleichen Baum schreien 73 ). Oder
es gilt, wenn sie nach zehn abends schreit
74 ) — dem, der den Ruf hörte 75 ) —; es
muß im Laufe eines Jahres eins sterben 76 ),
es kann auch einem Haustier den Tod
vor bedeuten 77 ). Weil es bei Nacht uner¬
wartet junge Tiere anfällt, gleich wie der
Tod unerwartet kommt, soll es — nach
Agrippa von Nettesheim — den Tod an¬
kündigen 78 ). In Georgia (Nordamerika)
drehen Weiße wie Neger die Hosentaschen
um, legen ihre Schuhe auf den Boden, um
das Unglück abzuhalten 79 ). Der Unter¬
weltsvogel 80 ) wird vom Teufel zum
Schreien bewegt (dort, wo ein Toter liegt)
81 ), ist der Teufel 82 ), eine Hexe (Wald¬
dämon) 83 ), der Tod selber 84 ), eine arme
Seele 86 ). In der Bretagne werden die
alten Jungfern nach dem Tode K.e 86 ).
In der Schweiz (Zürich) holt der K. den
Toten 87 ). Ein K. setzt sich dem Glöckner
auf die Hand und zwingt ihn zum Läuten,
während ein Dorfbewohner stirbt 88 ). In
Schwaben schreit es einen Menschen
heraus oder herein, d. h. zeigt Tod oder
Geburt an 89 ). In Grünberg (Schles.)
deutet sein Schrei den Tod, sein lachender
Ruf eine Geburt an 90 ). Ähnlich verkündet
es bei den Wenden einer Schwangeren
glückliche Niederkunft 91 ), bei den Alba¬
nesen die Geburt eines Mädchens 92 ).
Uber die Möglichkeiten, das Vorzeichen
zu verhindern, sagen die Neugriechen:
den K.töteh, führe den eignen Tod herbei;
man müsse ihn verjagen, mit guten Namen
loben, oder ihm fluchen 92a ).
M ) Grimm DWb. 5, 370; Heckscher 350 f.;
dazu Wuttke 202 § 274 = Stern Türkei 1,
425; Naumann Grundzüge 73; Hopf Tier¬
orakel 106; (Englisch) Urquell 4, 277; Thomas
Deloney Tage des alten England 1928, 196;
Shakespeare Sommemachtstraum V, 1 =
Stemplinger Abergl. 47= BayrHefte 1, 246h;
(Geldern) Sloet de dieren 191; Stracker¬
jan 1, 27; Bartsch Mecklenburg 2, 124 f.;
Pommern: Festschrift H. Lemcke 1898, 228;
BIPommVk. 5, 45; Lauffer Niederdtsch.
Volkskd. 1923, 87; Strodtmann Idioticon
Osnabrugensc 1756, 126; Kuhn u. Schwartz
452 Nr. 393; Finder Vierlande 2, 97, mit
weitern Nachweisen; Wrede Rhein. Volkskd.
121; Ders. Eifel 170; Fox Saarland 1927, 370;
Henßen Neue Sagen aus Berg u. Mark 1927,
120; ZfrwVk. 5, 120. 244; 10, 62; Heßler
Hessen 2, 176. 361. 385. 452. 480. 515. 534;
Hess. Bl. 27, 204; (Nord-Thüringen) ZfVk. 10,
211; 13, 389; 19, 440; (Ochsenfurter Gau)
ZfdMA. 13 (1922), 123; Schramek Böhmer¬
wald 244; John Westböhmen 164; Köhler Voigt¬
land 388; Wuttke Sachs. Volksk. 300; Laube
Tepiitz 50 f.; (Iglauer Sprachinsel) ZfVk. 6, 407;
E. Lehmann Vom Kronwald u. vom Krotten¬
pfuhl 1921, 38; Deutsch-mährisch-schlesische
Heimat 15 (1929), 196; Schrei der Eulen in
Paarungszeit: Das Kuhländchen 4(1922), 198;
Karasek-Langer u. Strzygowski Sagen d.
Beskidendeutschen 1930, 104; Klapper Schlesien
300; Heimatkalender f. d. Krs. Oppeln 1927,
118; MschlesVk. H. 3, 20; 9, 9; Peuckert
Schles. Volksk. 229; Heimatblätter des Kreises
Wohlau 9 (1930), 63; (Oberlaus. Wenden)
Rob. Pohl Heimatbuch d. Kreises Rothenburg
O.L. 1924, 63; (Posen) MschlesVk. 14, 76;
Walther Schwäbische Volksk. 124; (Heidelberg)
Alemannia 33, 301; 4, 271 f.; Höhn Tod 307;
I Roedder Das südwestdeutsche Reichsdorf 1928,
397; Pollinger Landshut 165; Leoprechting
Lechrain 89; Schweizld. 3, 601; SAVk. 2, 217;
2 °. 55 F; Niderberger Unterwalden 3, 191;
Rochholz Glaube 1, 155 = Hopf Tierorakel
106 = MittAnthropGesWien 6, 35 f. 36 N. 1
= Stern Türkei 1, 425; Zingerle Tirol 45;
ZföVk. 13, 133; (Steiermark) Germania 36, 384;
Bacher Lusern 75; Tessin: SAVk. 2, 30;
französisch: Sebillot Folk-Lore 3, 193; bre-
tonisch: Beitr. rom. engl. Philologie, Breslau
1902, 79. ••) Heckscher 350; OdZfVk. 1, 101;
Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod 1913,
121; Fischer Schwab. Wb. 4, 298; ZfdMyth. 4,
47 Nr. 7; Alemannia 4, 271 f.; 19, 164 Nr. 16;
24, 155; Höhn Tod 307; Sutermeister KHM.
202; Fient Praetigau 248; Manz Sargans
118 f. 122; SAVk. 2, 218; 7, 139; 12, 150;
23, 187; 24, 63; Friedli Bärndütsch 1, 596;
Stoll Zauberglaube 132; Stäuber Zürich 1,
29; Zingerle Tirol 46 Nr. 401; Ders. Lu-
sernisches Wb. 1869, 78 Nr. 28; (Nieder¬
österreich) ZfdMyth. 4, 30 Nr. 16; ZföVk. 4,
151; Mailly Sagen aus Friaul 16; Meisinger
Volkskd. v. Rappenau 1906, 49- 54 » Spieß
Fränkisch-Henneberg 153; Kehrein 2, 269
Nr. 248; Conrad Tegtmeier Sitten u. Ge¬
bräuche d. Kalenberger Landes 1925, 34; John
Erzgebirge 113; (Friedland: Nordböhmen) Ur¬
quell 4, 280; Huß Aberglauben 8; MschlesVk.
H. 3, 20; 9, 9: Drechsler 1, 285; Aus der
Heimat, Beilage z. Grünberger Wochenblatt
14. 4. 1929; Heimatblätter d. Kreises Wohlau 4
(1925), 51; Engelien und Lahn 250; AmUrds-
brunnen 6, 192= Finder Vierlande 2, 97 Nr. 4;
Erich Bohn Tampadel u. seine Scholtisei 1925,66;
H95
Kauz
1196
Knoop Tierwelt 6 Nr. 46ff.; BiPommVk. 3, 106;
Curtze Waldeck 382 Nr. 67; Josef Winckler
Pumpernickel 1926, 478; (Dithmarschen) Ur¬
quell i, 7; Strackerjan 1, 27; Andree Braun¬
schweig 314; Engelien u. Lahn25o; Danneil
Wb. d. altmär kisch-platt dtsch. Mundart 1859, 127;
ZfVk. 22, 162; Hovorka-Kronfeld 1, 120;
(Tschech.) Grohmann 67; (Albanien) v. Hahn
Albanes. Studien 1854, 158; Gust. Weigand
DicAromunen 2 (1894), 124; (neugriech.) ARw.
24, 282. Wenn die Wiggle in Nähe des Hauses
kommen, Emmenthal: SAVk. 15, 11. Wenn sich
ein K. aufs Dach setzt, Todesfall im Jahr oder
großes Unglück: Albert Meyrac Traditions,
coutumes ... des Ardenncs 1890, 186 Nr. 202.
70 ) Meyer Baden 578; Alemannia 4, 272;
SAVk. 10, 279; Pollinger Landshut 295;
Lammert 99; Heßler Hessen 2, 72. 106
(fränk. Niederhessen); John Erzgebirge 113;
Drechsler 1, 285; Peuckert Sckles. Volkskd.
229; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13; Jb.
dtsch. Gebirgsvereins f. d. Jeschken- u. Iser-
gebirge 11, 53; Glatzer Heimatblätter 5, 84;
(Glatzer) Guda-Obend (Kalender) 10, 94; 11, 96;
Karasek-Langer u. Strzygowski Sagen
der Beskidendeutschen 1930, 58; Knoop Tier¬
welt 6 Nr. 46 f.; ZfrwVk. 5, 120; 15, 104;
Becker Pfälzer Volkskd. 235; Clara Viebig
Weiberdorf 188; Strackerjan 1, 27; Wolf
Dtsch. Märchen u. Sagen 600 Nr. 220; (engl.)
Germania, Neues Jahrb. f. dtsch. Sprache 7, 436;
französ.: SAVk. 14, 292; Sebillot Folk-Lore
3, 196. 71 ) Keller Antike Tierwelt 2, 42;
Sloet de dieren 191; Andree Braunschweig 314;
Lammert 99; Francisci Höllischer Proteus
1725, 268 f.; Oppelner Heimatblatt 1925 Nr. 13.
n ) Mündlich aus Gläsen, Krs. Leobschütz;
Erscheinen beim Hause: Vernalekcn Mythen
310 f. 73 ) SchwVk. 10, 32. 74 ) Stern Türkei
1, 425. 75 ) Stoll Zauberglaube 132. 133; Roch-
holz Glaube 1, 155. 76 ) Herrn. Janosch
Unsere Hultschiner Heimat (1924), 79. 77 ) Stoll
Zauberglaube 132; vgl. Wehklage. 78 ) Agrippa
v. Nettesheim 1, 249. 79 ) Zentralbl. f. Okkul¬
tismus 7, 443. 80 ) Gubernatis Tiere 326;
Keller Ant. Tierwelt 2, 37. 42; Globus 79, 360.
8l ) Francisci Höll. Proteus 1725, 256t. 82 ) (Ober-
Steiermark) ZfVk. 1, 215 f. 83 ) Stintzi Die
Sagen des Elsasses 2 (1929), 46. 84 ) Stoll
Zauberglauben 132. Ein K. sitzt nach neugriech.
Glauben auf dem Mastbaum des Totenschiffers
Charos: ARw. 24, 293. 85 )Ebd.; Sebillot Folk-
Lore 3, 167. 88 )Beitr. roman. u. engl. Philologie,
dem 10. deutsch. Neuphilologentage überreicht
Breslau 1902, 62. 87 ) Stäuber Zürich 1, 29.
M ) Karasek-Langer u. Strzygowski Sagen
d. Beskidendeutschen 1930, 59. M ) Höhn Tod
308. 307. Vgl. dazu die Eule als Kinderbringer
Wossidlo Mecklenburg 2, 406 Nr. 1247.
*°) Aus d. Heimat, Beilage z. Grünberger
Wochenbl. 14. 4. 1929. 91 ) Hopf Tierorakel
106, nach Haupt-Schmaler Volkslieder d.
Wenden 2, 258. 260. 9a ) v. Hahn Albanes.
Studien 1854, 158. 92Ä ) ARw. 24, 283.
2. Sagen. In Oberlindewiese (österreich.-
Schlesien) erscheint abends eine wunder¬
schöne, singende weiße Frau, von Toten¬
eulen verfolgt 93 ). Am Lechrain zeigt sich
das Holzweibel als K. 94 ), wie anderorts
der Schlagenteufel 95 ).
93 ) Kühnau Sagen 1, 519. 94 ) Leoprechting
Lechrain 82. ö5 ) Heckscher 101.
3. Angang. Vorbedeutung (s. 1).
Der Angang des K.s ist unheilvoll 96 ), nur
selten glückbringend 96 ). Erscheint eine
Nachteule bei Tage an den Häusern, bricht
bald Feuer aus 97 ). Der Neugrieche beach¬
tet, ob sie paar oder unpaar schreien;
paar: schlechtes, unpaar: gutes Vor¬
zeichen 97a ).
M ) Keller Antike Tierwelt 2, 40 ff.; Klapper
Deutsches Volkstum am Ausgang d. Mittelalters
2 5 : Hopf Tierorakel 105; Schramek
Böhmerwald 244; Söbillot Folk-Lore 3, 456.
9? ) MschlesVk. 19, 83. 97a ) ARw. 24, 283.
4. Wetter.
Wenn der K. zeitig erscheint, oft schrill
schreit, gab es nach Ansicht der Alten
schlecht Wetter, während man schönes
erhoffte, wenn er die ganze Nacht sang 9g ).
Der als K. umwandelnde Schlagen teufe]
ist ein Wetterprophet; wenn es recht
böses Wetter werden will, schreit er am
schrillsten; bei schönem Wetter singt er
anmutiger und leiser "). Verläßt der K.
seinen Ort im Walde, zeigt das Unfrucht¬
barkeit und Hungersnot an 10 °).
98 ) Hopf Tierorakel 104; Keller Ant. Tier¬
welt 2, 40; Heckscher 101; vgl. dazu Sebillot
Folk-Lore 3, 201. 212. ") Heckscher 101.
10 °) Hopf 104 f.
5. Zauberglaube und Medizin.
Ein Fieberkranker wird geheilt, wenn er
Mitternachts in den Wald geht und den K.
rufen hört 101 ). Sein Herz auf der Brust
getragen, verschafft ewiges Leben 102 );
Herz und rechten Fuß unter der Achsel
getragen, macht, daß einen kein Hund
anbellt 103 ), beißt 104 ). Den rechten Fuß 105 ),
oder Herz und rechten Fuß 106 ) auf einen
Schlafenden gelegt, macht, daß dieser
alles sagt, was man wissen will. Die Füße
mit Wegerich gebrannt, sind gut gegen
Schlangen 107 ). Kinder, die die Eier als
Amulett tragen, werden für alle Zeit ab¬
stinent 108 ). Blut und Fleisch dienten
wider enge Brust und schweren Atem 109 ),
das Fleisch auch gegen Gicht, Melancholie
und eröffnet die Halsgeschwüre; die Galle
II97 Kegel, Kegelspiel II98
taugt zu den Augenflecken, das Fett
schärft die Augen no ).
101 ) (Tschechisch) Grohmann 166 = Ho¬
vorka-Kronfeld 2, 337 = Wuttke 354 § 530.
iw) Wanderer aus dem Riesengebirge 172, 23.
108 ) Viktor Lommer Volksthüml. aus d. Saal¬
thal 1878, 50. 104 ) Wuttke 124 § 165. 105 ) Ebd.
W8 ) Lommer Saalthal 50, nach Albertus
Magnus; vgl. Gubernatis Tiere 530; Wuttke
124. 107 ) Lonicer Kreuterbuch 1577, CCCXXVI
A. 108 ) Schwenckfeld in MschlesVk. 29, 294.
109 ) Lonicer CCCXXVI A. n0 ) Schröder
Medizin-chymische Apotheke 1685, 1349.
6. Eine kleine, aus einem gespaltenen
Haselzweig hergestellte Holzpfeife, mit
der sich ein der Stimme des K. ähnlicher
Klang erzeugen läßt, heißt Käuzel 111 ).
m ) Ochsenfurter Gau: ZfdMA. 13 (1918), 122.
Peuckert.
Kegel, Kegelspiel (vgl. Keil, Keule).
1. Kegelspiel als Brauch. Das
K. ist ein allgemein bekanntes und über¬
aus beliebtes Vergnügen J ), das ins¬
besondere auf dem Lande vom Frühling
bis in den Herbst hinein betrieben wird j n England kannte man Kegel aus
und in der Form wochenlang dauernder Knochen 13 ); in der Sage schieben Kopf-
Preisschieben *) den Höhepunkt der all- lose Kegel 14 ), Bauern, die im Leben
gemeinen Anteilnahme erreicht; teilweise dem Kegeln sehr ergeben waren, k.n als
ist Pfingsten ein besonders bevorzugter Tote mit ihren eigenen Köpfen 15 ), Tote
Festkegeltermin 3 ), dabei bedeutsam die besonders in verzauberten Kirchen 15 ),
Pfingstnacht (z. B. in der friesischen mit Totengebein überhaupt 16 ); es taucht
Wede), wo schließlich mit dem Besen der Totenkopf als Kegel auf 17 ); Berg-
nach den Kegeln geworfen wird 4 ). Die knappen schieben mit dem Kopfe des
Zahl der Kegel ist drei 5 ) oder neun 6 ). Kegelbuben lg ) oder ermorden zu diesem
Von einem eigenartigen Schieben mit Zwecke einen Knaben 19 ) und ähnliches
roter Kugel nach fünf Kegeln berichtet öfter *°); insbesondere schiebt auf Kreuz-
Köhler 7 ). wegen in mondhellen Nächten der Teufel
Das Kegeln war schon im 13. und 14. mit Menschenschädeln *>). Neben Toten-
Jh. in Deutschland in Übung 8 ). Die köpfen als Kugeln kennt die Sage ge-
Geistlichkeit nahm gegen das Kegelspiel bleichte Schenkel als Kegel 2 *). Auch
Stellung (14. Jh.), doch errang es sich wird eine glühende Kegelkugel in der
vom 16. Jh. an langsam Anerkennung 9 ). Hand eines menschlichen Spielers um
Jedenfalls ist es oft von der Obrigkeit T Uhr nachts zum Totenkopf* 3 ).
untersagt 10 ), in bestimmten Fällen nur j n diesem Zusammenhänge fällt der
gegen besondere Erlaubnis gestattet für 1692 belegte Brauch ins Auge, auf
worden u ). dem Kirchhof Kegel zu schieben, wo-
Aus seiner großen Beliebtheit während gegen ein ausdrückliches Verbot ergangen
langer Jahrhunderte und seiner Be- war* 4 ). Übrigens ist eine Beziehung
kämpfung allein ist schon ein Schluß auf zw i sc hen Kegel und Menschenkörper auch
die besondere Rolle dieses Spieles in dadurch gegeben, daß man am K. Kopf,
Volksbrauch und Volksmeinung erlaubt. Hals, Bauch und Fuß unterscheidet,
‘) Kück u. Sohnrey 137 = Sartori Sitte womit wir im R eine Form de r (Holz-)
mert 5 9 (Bayern); Wrede Rhein. Volksk. vor uns haben 25 ). Hierzu ist
162; Wrede Eifier Volksk. 145; Grimm DWb noch die Entwicklung des Götzenbildes
5 * 3 ^ 5 - *) So im Salzburgischen noch heute,
und zwar um Geld; um landwirtschaftl. Geräte
Kap ff Festgebräuche 20; um Hammel bei
Köpenick Sartori 3, 212 (nach Kuhn und
Schwartz 368). 3 ) Strackerjan 2, 237
Nr. 499; Sartori 3, 212. 4 ) Strackerjan 2,
80 = Sartori 3, 212. B ) In der Südeifel:
Wrede Eifler Volksk. 199. fl ) In der Nordeifel:
ebd. 199. 7 ) Voigtland 202. 8 ) Sepp Religion
159; A. Schultz Höf. Leben 1, 540 zitiert
Laßbergs Liedersaal 2, 215. 2386.; s. a.
Lex er Mhd. Wb. und DWb. s. v. Kegel.
9 ) Rothe Das Kegelspiel, kulturhistorische Studien
usw. (Halle 1879) S. 7. 10 ) Sepp Religion 159.
u ) Schultz Leben 175.
2. Zur Herkunft des Kegels.
Bezeichnend erscheint die Beziehung zwi¬
schen Kegel(knochen) und Kugel(holz).
Bei Grimm 12 ) finden wir einen Beleg
für Kegel als ,,quoddam os in pede
thibie et sure cum quo luditur“; im
Märchen gibt es Kegel aus Menschen¬
knochen und Kugeln aus Totenköpfen 12 );
um Leipzig wurden seinerzeit Kegelspiele
aus Pferdefußknochen hergestellt 12 ); auch
H99
Kegel, Kegelspiel
1200
zu halten, dessen ursprüngliche Gestalt
die Klotz- oder Kegelform war 26 ). Eichen¬
klötze hatte man auch im mittelalter¬
lichen Frankreich als Götzenbilder 27 ).
12 ) DWb. 5, 383^. = Rothe Kegelspiel
129 ff.; vgl. Sepp Religion 157. 13 ) Rothe
Kegelspiel 129 f. 14 ) Vernaleken Mythen 54.
lß ) Schell Berg. Sagen 92 Nr. 18; 93 Nr. 23 =
Knortz Der menschliche Körper 20; vgl. Sepp
Religion 158. 16 ) Herzog Schweizer sagen 2,
203 f. 17 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 148.
1S ) ZföVk. 20, 35 (Niederöst.). 19 ) ZfVk.
i, 217. 20 ) Heyl Tirol 164, Nr. 70; vgl. Se-
billot Folk-Lore 1, 73. 238. 21 ) Mündlich
(Marburg a. d. D.). 22 ) Zingerle Sagen Nr. 369.
M ) Birlinger Volksthüml. 1, 245. 24 ) Bir-
linger Schwaben 2, 508 Nr. 55; vgl. Heck¬
scher 411 Anm. 33. 26 ) Sanders DWb. 1, 884;
vgl. Rothe Kegelspiel 129 f. Vgl. die Artikel
Götze, Puppe. 2# ) WS. 1, 45 (,,Holz u. Mensch").
Vgl. Pritz Überbleibsel aus dem hohen Altertum
75. 27 ) Vgl. Pritz a. a. O.
3. Kegel und Götzenbild. Die
besondere Stellung des Spieles mit Kegeln
bekommt klarere Umrisse, wenn wir alte
Überlieferung heranziehen. Da ist vor
allem jene vielbehandelte Nachricht zu
beachten, nach der alljährlich um Lätare
auf dem kleinen Hildesheimer Domhofe
zwei längere Hölzer aufgestellt und ihnen
zwei kleinere kegelförmig zugespitzte auf¬
gesetzt wurden, die dann junge Leute
mit Steinen und Stöcken hinabwarfen 28 ).
Solch ein Klotz hat später den Namen
Jupiter geführt, er war bekleidet und
wurde gesteinigt 29 ); engst verwandt mit
diesem Brauche ist der zu Halberstadt,
wo jährlich auf dem Markte einem Klotze
der Kopf abgeworfen wurde ®°). In
Halberstadt warfen die Domherren im
16. Jh. über dem Kirchengewölbe nach
Götzenbildern mit Kegeln 31 ).
Hinter dieser alten Sitte vermutete
man eine symbolische Darstellung des
Sturzes der heidnischen Götter über¬
haupt 32 ), insbesondere aber eine Nach¬
ahmung von Donars Kegel spiel M ) oder
eine Fortführung des alten, bei Götter¬
festen geübten Steinstoßwettspieles M ).
Eine Entscheidung in diesem Punkte
wird freilich nicht leicht zu treffen sein.
Beachten wir aber die Zeit um Lätare
als Frühlingstermin, und berücksichtigen
wir dazu andere für den Winterabschied
symbolische Handlungen 3S ) t so mag es
keineswegs weit fehlgehen, wenn wir
jene Kegel als Wintersinnbilder auf¬
fassen 36 ), Winter, Donar oder Jupiter,
alle drei sind finster-dämonischer Natur,
die beiden letzteren vom christlichen
Standpunkte im besonderen, und könnten
zur Frühlingszeit wohl in Gestalt primi¬
tiver Holzpuppen zum Gegenstände der
Verhöhnung geworden sein.
28 ) Grimm Mythol. 1, 158; Simrock Mythol.
252; ZfdMyth. 2, 134. 29 ) Grimm Mythol. 1.
158; Simrock Mythol. 251. 269; vgl. Albers
Jahr 130 f. 30 ) Grimm Mythol. 2, 653. 3l )
Vgl. Sepp Religion 156. 32 ) Simrock Mythol.
252; ZfdMyth. 2, 134. M ) Meyer Germ. Mythol.
217. 34 ) ZföVk. 20, 36; Grimm DWb. 5, 386.
35 ) Grimm Mythol. 1, 159; Reinsberg Fest¬
jahr 103 ff. 36 ) Albers Jahr 132 f.
4. Kegel, Kegelspiel und Ge¬
witter. Eine Beziehung zum Dämo¬
nischen ergibt sich nach der älteren
mythologischen Forschung auf der Linie
K.spiel—Gewitter 37 ), und zwar zu Donar.
In ältester Zeit erscheint der Blitz
lediglich als Stein, und mythische Wesen
haben neben der Keule auch bloß Steine
zu Waffen 38 ); Keule, Keil und Kegel
aber sind verwandt 39 ); Steinkugel und
Steinkegel sind Riesenspielzeug 40 ), Teufel
und Ritter werfen mit Steinen um die
Seele 41 ), Felsblöcke sind Kugeln der
Riesen 42 ). Der Donnerstein oder Donner¬
keil (Nephritbeil) unter dem Hausdach
ist ein Schutzmittel 43 ), und die Be¬
zeichnung Donnerkugel für Stechapfel 44 ),
mag sie nun auf Donar oder Donner
zurückführen, vermittelt doch auch deut¬
lich das Bild. Ein althd. Segenspruch
bringt den Riesen Donner als Teufels¬
sohn, der einen Stein in Stücke zu schlagen
vermag 45 ), und Donars Nachfolger, St.
Michael, wird auf skandinavischen Runen¬
steinen mit dem Donnerkeil dargestellt 46 ).
Thor schleudert während des Gewitters
feurige Kugeln über die Himmelsbahn,
er wird von St. Peter abgelöst 47 ). Ge¬
witter erregende Gestalten werfen Fels¬
kegel 48 ); wirft Bruder Blitz mit der
Kugel, so geht sie über das Ziel tief in
einen Felsen hinein 49 ).
So sieht man denn im Gewitter ein
Stein- oder Kugelschleudem oder Kegel¬
spiel übermenschlicher Kräfte. Der
1201
Kegel, Kegelspiel
1202
Donnerkeil heißt auch Teufelskegel, womit
vielleicht der Blitz als ein vom himm¬
lischen Kegeln heruntergefallener oder
geworfener Kegel, keilförmiger Stein, auf¬
gefaßt erscheint 50 ). Entsprechend stellt
man sich den Donner als Lärm einer
rollenden Kugel vor 51 ). Das Donnern
wird mit größter Vorliebe ausgelegt als
Kegeln des Gewittergottes 52 ), des ,,lieben
Gottes“ oder Heilands 53 ), des Petrus 54 ),
der Engel 65 ), der Heiligen im Himmel 56 )
oder schlankweg „im Himmel“ 57 ); bei
starkem Donnerschlag sind oben alle
neune gefallen 58 ); schlägt es ein, so hat
Petrus alle neune geschoben 59 ). Gott
oder die Engel werfen aber auch im Ge¬
witter mit großen Steinen w ). Die „lange
Kegelbahn“, die die Sage kennt, spricht
wohl deutlich genug für den angedeuteten
Zusammenhang. So gibt es eine Riesen¬
kegelbahn über das Tal hin 61 ), eine Kegel¬
bahn, die eine Stunde lang ist und auf der
die Kugel selbst wieder zurückkommt 62 ).
Damit erscheint den ältern Forschern die
Verbindung zwischen Gewitter und Kegeln
oder Steinwerfen klar gegeben.
37 ) Vgl. die Literatur bei Birlinger Volks¬
thüml. 1, ior. M ) Meyer Germ. Mythol. 92.
3Ä ) Grimm DWb. 5, 383 ff. 4 °) Heyl Tirol
601 f. Nr. 66. 41 ) Kühnau Sagen 2, 702.
42 ) Bertsch Weltanschauung 223. 43 ) Möllen¬
hoff Sagen 358 Nr. 480; Meyer Mythol. der
Germanen 357. 44 ) Hörmann Volksleben 128.
45 ) Meyer Mythol. d. Germanen 228. 48 ) Ebd.
359. 47 ) Sepp Religion 156. 48 ) Rochholz
Sagen 2, 42. 49 ) Vgl. ebd. 2, 42; Sepp Re¬
ligion 160. M ) Grimm DWb. 5, 392; Bertsch
Weltanschauung 245. 81 ) Vgl. Bertsch Welt¬
anschauung 218. 82 ) ZfdMyth. 2, 311.
53 ) Grimm Mythol. 3, 627; Strackerjan
2, 237 Nr. 499; ZföVk. 3, 45 (Steierm.);
Bertsch Weltansch. 219. M ) Simrock Mythol.
270; Grimm DWb. 5, 392; Meier Schwaben
259; Haltrich-Wolff Siebenbürgen 301; Roch¬
holz Sagen 2, 42, John Westböhmen 240; vgl.
Bertsch Weltansch. 219; Meyer Germ. Mythol.
217. 6Ö ) Grimm DWb. 5, 392; Meier Schwaben
259; Grimm Mythol . 3, 62 f.; Müllenhoff
Sagen 358 Nr. 480; Hör mann Volksleben 122 =
Geramb Sitte u. Brauch 66; vgl. Bertsch
Weltansch. 219 (Aargau, Mark, Rheingegend).
3< ) ZföVk. n, 194 (Böhmen). 57 ) ZföVk. 20, 36
(Niederöst.). 58 ) Wolf Beiträge 2, 120. 69 )
John Westböhmen 240. 60 ) Müllenhoff Sagen
358 Nr. 480. 6I ) Wolf Sagen 47. •*) Wolf
Beiträge 2, 120.
5. Das goldene (glühende, glän¬
zende) Kegelspiel. Sehr häufig trifft
man vor allem ein goldenes Kegelspiel
oder goldene Kegel in der Sage. Damit
wird die bereits aufgezeigte Verbindung
zum Gewitter noch deutlicher.
Im Gewitter tritt die Jungfrau Maria
mit einem goldenen Kegelspiel auf, dessen
Kegel oder Kugel unter Umständen einen
Menschen totschlagen 63 ) (vgl. den vom
Himmel fallenden Donnerkeil). Die
Brüder Donner, Blitz und Wetter schieben
auf einer goldenen Kegelbahn 64 ), beim
Gewitter fährt ein Feuerball hernieder
und vernichtet die Riesen samt ihrem
goldenen Kegelspiel 65 ). Thor schleudert
im Gewitter feurige Kugeln über die
Himmelsbahn 66 ). Der flammende Blitz
(Kugelblitz!) wird in der primitiven
Auffassung zur goldglitzemden Kugel.
Übrigens treffen wir in der Sage auch
Kugeln und Kegel aus glühendem Eisen 67 ).
Diese klare und anschauliche Beziehung
zum Gewitter ist nun freilich meistens
nicht mehr aufrecht erhalten, wenn wir
die unzähligen goldenen Kegel, Kugeln
und Kegelspiele betrachten 68 ), die ver¬
schiedenen Besitzern oder Spielern zu¬
gesprochen werden; so z. B. den Riesen 69 ),
Fenesweiblein 70 ), Saligen 71 ).
Zum goldenen Kegelspiel gibt es eine
große Zahl von Varianten; auch bloß
eine goldene Bahn wird erwähnt 72 ),
ein goldenes Spiel auf silberner Bahn 73 ),
goldene Kegel mit Silberkugel 74 ), eine
goldene Kugel mit Silberkegeln 75 ), ein
silbernes Kegelspiel 76 ) oder rundweg
nur silberne Kegel rr ), ein Mittelkegel
von Gold, die anderen von Silber 78 ).
Gelegentlich erscheint nur eine goldene
Kugel 79 ) oder es wird eine aus anderem
Material gefertigte Kugel in der Hand
des Menschen golden ®°).
w ) ZdVfVk. 7, 7 f. (Tirol); vgl. Bertsch
Weltansch. 219. 64 ) ZdVfVk. 7, 6; Meier
Schwaben Nr. 6. 46 ) Kühnau Sagen 2, 512.
M ) Sepp Religion 156. ® 7 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 141. 68 ) Pröhle Unter harz 11
Nr. 33; Alpenburg Tirol 329; Vernaleken
Alpensagen 143 t.; Kuhn Westfalen 1, 237;
Rochholz Naturmythen XII f.; Lütolf Sagen
45 f. 5 <> 7 f-; Eisei Voigtland 20 Nr. 33; Frei¬
sauf f Salzburg 92. 569; Estermann Ricken¬
bach 175 f.; Bechstein Thüringen 2, 232;
Sepp Sagen 50 ff. Nr. 80; Waibel-Flamm
1 113; Zingerle Sagen Nr. 144. Nr. 168.
1203
Kegel, Kegelspiel
1204
Nr. 367; Birlinger Volksthüml. 1, 101. 246;
Kuoni St.Galler Sagen 39; Lachmann Über¬
lingen 60. 107. 168; Kühnau Sagen 2, 512;
Oberholzer Thurgau 4; Herzog Schweizer¬
sagen i, 249; 1, 128 f.; Jecklin Volkstüm¬
liches 181L; Kunze Suhlet Sagen 39; vgl.
noch Wolf Beiträge 2, n8f.; Simrock Mytho¬
logie 195; Sepp Religion 159 f.; Meyer German.
Mythol. 91. 119; ältere Literatur siehe Menzel
Odin-, Roch holz Sagen 1, 129 h.; vgl. ZdVfVk. 7,
6; Bertsch Weltansch. 218 f. u. ö. ••) Heyl
Tirol 504 Nr. 69 f.; Zingerle Sagen Nr. 367;
Alpenburg Tirol 329 f. 70 ) Peter österr.
Schlesien 2, 8. 71 ) Heyl Tirol 409 Nr. 95.
7> ) Kühnau Sagen i f 230. 73 ) Gräber Kärnten
139; Rappold Sagen aus Kärnten 30 Nr. 25.
74 ) Gräber Kärnten 102. 74 ) Zingerle Sagen
Nr. 268; Birlinger Volksthüml. 1, 7; Wolf
Beiträge 2, 119; Laistner Nebelsagen 138;
ZfÖVk. 20, 35 (Niederöst.). 7 ®) Umlauft
Geograph.-Statist. Handbuch d. österr.-ungar.
Monarchie 96 (Gasteiner Berge); Wolf Bei¬
träge 2, 119; Panzer Beiträge 1, 197. 77 )
Baader Volkssagen 89. 78 ) Sepp Religion 158.
79 ) Baader NSagen 112. ®°) Grimm Mythol.
2. 796; Baader Sagen 1.
6 . Kegelspiel und Berg. Hat es
am Himmel ein Gewitter und donnert
es mächtig, so kommen die goldenen
Kugeln aus dem Berge 81 ) (der Blitz
wird sichtbar). Und es gibt in der Sage
nur zu viele dieser verborgen liegenden
goldenen oder auch nicht näher be¬
zeichnet en Kegelspiele 82 ), die entweder
von einem Drachen 83 ) oder einem
Hunde 84 ) im Berg 85 ), im Keller 86 )
oder in einem unterirdischen Gange 87 ),
schließlich auch nur durch eine im Fels
eingemeißelte Geige M ) behütet und ge¬
schützt werden und so als Schatz an
und für sich aufgefaßt erscheinen 8Ö ).
Wie in Berg, Keller oder unterirdischem
Gange, so findet sich das geheimnisvolle
Kegelspiel auch in oder bei Schlössern 90 ),
Burgen oder Ruinen 91 ) und anderen
entlegenen Baulichkeiten 92 ). Das Kegeln
ist aus dem Verstecke weithin zu hören 93 ),
und solch ein Berg kann auch einmal
unmittelbar Kegelberg (bei Deutschnofen)
heißen 94 ).
Der Berg oder ein andres Höhlungs¬
versteck birgt also im (goldenen) Kegel¬
spiel die gewittertreibenden Kräfte, ge¬
wissermaßen einen Schatz, in gewitter-
losen Zeiten, solange eben das befruchtende
Wasser nicht fallen will 96 ); so ist der
einem
irdische Berg die Lokalisierung des „himm¬
lischen Wolkenberges“ w ).
81 ) Birlinger Volksthüml. 1, 101; vgL
Meyer German. Mythol. 119. 82 ) Vgl. Zu¬
sammenstellung bei Bertsch Weltansch. 221.
83 ) Heyl Tirol 268 f. Nr. 83. 84 ) Vernaleken
Alpensagen 142; vgl. Kuhn u. Schwarz 497.
86 ) Heyl Tirol 268 f. Nr. 83. 8 ®) Vernaleken
Alpensagen 143. 87 ) Ebd. 142. 88 ) Ebd. 143.
89 ) Heyl Tirol 268 f. Nr. 83; 95 Nr. 57; Lach¬
mann Überlingen 60. ®°) Heyl Tirol 504 Nr. 69;
Kühnau Sagen 1, 230; Zingerle Tirol Nr. 369.
91 ) Pfister Hessen 84; Wolf Beiträge 2, n8f.;
Schnezler Bad. Sagenbuch 1, 367; 2, 231;
Zingerle Tirol Nr. 368; Witzschel Thüringen
232 Nr. 230; Rochholz Sagen 1, 130. 92 )
Birlinger Volksthüml. 1, 246. 93 ) Heyl
Tirol 95 Nr. 57; 268 f. Nr. 83; Sepp Religion
159. 94 ) Heyl Tirol 409 Nr. 95. ® 5 ) Vgl. Bertsch
Weltansch. 221. 96 ) ZfVk. 7, 6.
7. Kegelspiel und Wasser, Sterne,
Wald. Diese gewittersymbolisierenden
Kugeln, Kegel oder Kegelspiele versetzt
die Sage auch gerne in das Wasser 97 ),
so in einen See, wo oft ein goldenes oder
silbernes Kegelspiel zu sehen 98 ) ist,
oder in einen Brunnen ").
Die Beziehung erscheint gegeben durch
das dumpfe Geräusch, das besonders
aufgewühlte Wassermassen zu verursachen,
vermögen, oder aber auch durch den
Widerschein der Sterne im Wasser, die
doch als funkelnde, feurige Kugeln auf¬
gefaßt werden können; bezeichnender¬
weise heißt ja das Sternbild des
Gr. Bären auch Kegelries oder Kegel¬
fall 10 °), und eine fallende Sternschnuppe
oder ein ziehender Komet mag die Vor¬
stellung einer glühenden Kugel des himm¬
lischen Kegelspieles hervorrufen. — Wer¬
den doch feurige Erscheinungen meteoro¬
logischer Natur auch gerne als Aus¬
wirkungen dämonischer Mächte ange¬
sprochen; so fliegt der Alber bei Nacht
als feurige Kugel mit Schwanz 101 ) (Komet) „
ähnlich der Teufel sowie Gewitterriesen,
Drachen 102 ) und Schatzhüter 103 ); Riesen
bewerfen sich mit großen goldenen Ku¬
geln 104 ) (Blitz).
Schließlich stellt sich die Sage das
Gewitter vertretende Kegelspiel auch oft
als im Walde verborgen vor 105 ).
• 7 ) Heyl Tirol 269 f. Nr. 84. M ) Alpen¬
burg Alpensagen 353 = ZdVfVk. 7, 123;
Zingerle Tirol 150; Baader Sagen 32. **’)
Panzer Beiträge 1, 197. 10 °) Vgl. Bertsch
1205
Kegel, Kegelspiel
1206
Weltansch. 245. 101 ) Panzer Beiträge 2, 76.
10t ) Bertsch Weltansch. 216 ff. 103 ) Eisei
Voigtland 170; Wuttke §385. ia4 ) Bech-
stein Thüringen 1, 3 u.ö.; vgl. Bertsch
Weltansch. 218. 106 ) Vgl. Bertsch Weltansch.
221.
8. Bestraftes Kegeln; Kegeln
als Strafe. Schwere Kegelleidenschaft
wird bestraft, doch ist wiederum kegeln
selbst eine Form büßender Strafe.
Sonn- und Feiertagskegler, die ins¬
besondere die Zeit des Gottesdienstes
nicht achten, werden hart mitgenom¬
men 106 ), etwa vom Teufel 107 ); Über¬
mut 108 ) auf der Kegelbahn wird be¬
straft, auch das Falschspielen 109 ). Gerne
finden sich übermütige Knappen, die sich
goldene Kegel und Kugeln machen, aber
für den Frevel büßen, indem ihr Berg¬
werk durch ein Gewitter vernichtet
wird no ). Übermütige Sennen und Senne¬
rinnen bereiten Kegel und Kugeln aus
Butter U1 ) oder Käse 112 ); auch aus
Brot werden Kegel gefertigt 113 ), lauter
Frevel, die zur Züchtigung herausfordem.
Das Kegeln erscheint schließlich oft
auch als Strafe 114 ).
1{ *) Alpenbur g Alpensagen 195; vgl. Bertsch
Weltansch. 221. 107 ) Waibel-Flamm 1, 2i6f.
lö8 ) ZföVk. 11, 194 (Böhmen). 109 ) Rochholz
Sagen Nr. 113. ll °) Heyl Tirol 269 f. Nr. 84;
268 f. Nr. 83; 95 Nr. 57; 382 Nr. 62; ZdVfVk.
1, 216. m ) Gloning Oberösterreich 98; Heyl
Tirol 95 Nr. 57; Vernaleken Alpensagen
247 f. llt ) Gräber Kärnten 239. U3 ) Schell
Berg. Sagen 349 Nr. 53; 552 Nr. 25. l14 ) Heyl
Tirol 271 Nr. 84.
9. Besondere Kegler, Spukgestal¬
ten. Zur Charakteristik des Kegelspieles
im Rahmen des Volksglaubens trägt noch
bei die ansehnliche Reihe außermensch¬
licher Spieler, zu denen bereits die büßen¬
den Frevler und die zum Kegeln nach
ihren Tode Verurteilten überleiteten. So
finden wir als Kegler Geister oder „Um¬
gehende“ 116 ), die meist nachts auftreten.
Bergentrückte 116 ), oftmals in der Zahl
zwölf („Männer“ 117 ), weißbärtige 118 ), ver¬
wünschte 119 )), ferner Götter 120 ), Rie¬
sen m ), Zwerge 122 ), Männlein 123 ), Berg¬
männlein 124 ), Elfen 125 ), Salige 128 ); Rit¬
ter 127 ), so Kaiser Otto mit vielen Rittern
im Kyffhäuser, große, starke 128 ), schön
gekleidete 129 ) Männer, Fenesweiblein 130 ),
recht gerne auch den Teufel 131 ).
Oft mengen sich Menschen in das Spiel
der Spukgestalten ein, da verschwindet
der Spuk, wenn der Mensch alle neune
schiebt 132 ); der Mensch hilft ohne irgend
welche Folgen für ihn, die Kugel zurück¬
zuschieben 133 ), raubt sie 134 ), bekommt
für das Nachschauen eine Ohrfeige 135 ),
erhält eine eiserne Kugel, die zu Gold
wird 138 ), für das Mitspielen oder eine
goldene 137 ), den Kegelkönig 138 ) oder das
ganze Spiel, das dann zu Gold wird 139 ).
Umgekehrt tauchen wieder Spukge¬
stalten auf, die am Kegelspiel der Men¬
schen mittun oder mittun wollen; wird
der Bannhölzler von einem mutwilligen
Kegler gerufen, so kommt er und wirft
die Kugel durchs Haus 14 °) (vgl. oben
Bruder Blitz); auch der Teufel erscheint 141 )
oder eine Gruppe von drei Unbekannten
(Bärtigen) 142 ), oder ein graues Männchen,
das beim Querwurf einer Kugel durch
einen Burschen schreiend als feurige Ge¬
stalt davonfliegt 143 ).
116 ) Zingerle Tirol Nr. 144. 368. 369; Bir¬
linger Volksthüml. 1, 7; 1, 245; Schönwerth
Oberpfalz 3, 141 £.; 3, 145; 3, 122; 2, 402;
Waibel-Flamm 2, 62; Pröhle Harz 238;
vgl. Bertsch Weltansch. 219; Quitzmann
Baiwaren 15. ll8 ) Witzschel Thüringen
1, 267; Bertsch Weltansch. 220; vgl. den Ar¬
tikel Bergentrückt. U7 ) Pfister Hessen 84;
Kühnau Sagen 2, 71; Kuhn u. Schwarz
479. li8 ) Wolf Beiträge 2, n8f. 119 ) Ebd.
2, n8f. 12 °) Sepp Sagen 54 ff. Nr. 19 f.;
Quitzmann Baiwaren 15. I21 ) Heyl Tirol
504 Nr. 69h; Rochholz Naturmythen 58;
Meiche Sagen 430 Nr. 568; Kühnau Sagen
2, 512; Haupt Lausitz 1, 81; Grässe Sachsen
55h; vgl. Bertsch Weltansch. 218. 1M ) Meiche
Sagen 329 Nr. 433; Taubmann Nordböhmen
34 = Kühnau Sagen 2, 150; Eisei Voigt¬
land 20 Nr. 33; Haupt Lausitz 1, 35; Waibel-
Flamm 62; vgl. Bertsch Weltansch. 219;
Wuttke §47. 123 ) Kühnau Sagen 1, 230.
m ) ZföVk. 20, 35 (Niederösterr.). 126 ) Jecklin
Volkstüml. 181 f. 12e ) Heyl Tirol 409 Nr. 95.
127 ) Vernaleken Alpensagen 143; Wolf Bei¬
träge 2, 119; vgl. Literatur bei Bertsch Welt¬
ansch. 220 {. 128 ) Grimm Mythol. 2, 796.
129 ) Vernaleken Mythen 54. 13 °) Ranke
Sagen 262 f.; Meiche Sagen 477 Nr. 618;
Vernaleken Mythen 54. m ) Waibel-Flamm
1, 216 f.; vgl. Bertsch Weltansch. 219. 1$a )
Vernaleken Alpensagen 143; Kuhn Sagen
476; Rochholz Sagen Nr. 113. 138 ) Kühnau
Sagen 1, 230 = Peter Österr. Schlesien 2, 5.
m) Wolf Beiträge 2, 119. 13ft ) Birlinger
Volksthüml. 1, 246 — ZdVfVk. 7, 7. 134 ) Grimm
Mythol. 2, 796. 137 ) Kühnau Sagen 2, 71;
1207
Kegel, Kegelspiel
1208
Meier Schwaben 77; Wolf Beiträge 2, 118.
119. 1M ) Pröhle Harz 10. 238. 139 ) Bech-
stein Thüringen Nr. 158. 14 °) Vernaleken
Alpensagen 74. 1M ) Strnadt Grenzbeschrei¬
bungen 759 (aus d. J. 1611); darnach SitzbHeid.
1920, 7. Abh. S. 12, Anm. 4. 142 ) Rochholz
Naturmythen 58; Bertsch Weltansch. 219.
us ) Zingerle Tirol Nr. 479.
10. Kegelzauber. Mit dem Kegel¬
spiel war und ist noch mancher Aus¬
übungsaberglaube verbunden, eine Tat¬
sache, die z. T. auf Rechnung des Spieler¬
aberglaubens im allgemeinen zu setzen ist.
Vor allem heißt es hier wie so oft:
Wenns gehn will, gehts 144 ) (wenn näm¬
lich eine schlecht abgelassene Kugel
wider Erwarten viel nimmt) oder aber:
Wenns net will, wills net 145 ) (wenn eine
gut abgelassene Kugel keinen Erfolg hat).
Wenn die eine Partie gleich mit beson¬
derem Glücke beginnt, schließt man auf
Umkehr des Verhältnisses im weiteren
Verlaufe, je höher hinauf, umso tiefer
der Fall 146 ). Man sucht den Lauf der
Kugel zu beeinflussen (allgemein), was
nach Trimbergs Renner (V. 11360— 11397 )
schon ehedem mit Gesten, Zuruf und
Schreien bei einem wahrscheinlich an¬
deren Kegelspiel versucht wurde 147 ).
Erfolgreiches Spiel steht zu erwarten,
wenn man sich das rechte Auge einer
Fledermaus in den drei allerhöchsten
Namen auf die rechte Hand legt 148 ),
oder sich auf die innere Wurfhandfläche
das Herz einer Fledermaus bindet 14Ä ).
Ein Kegelschütze erreicht unvergleich¬
liche Leistungen, wenn er sich in einer
bestimmten Nacht aus Galgenholz Kegel¬
chen macht, die während der Messe
unter dem Altartuche lagen; mit dieser
Weihe wird bewirkt, daß er so viele
Kegel schiebt, als er Kegelchen seines
Spieles vor dem Schube in die Hand
nahm 15 °). Solch ein glücklicher Schieber
hat eben „Sau“ 151 ) („Schwein“ oder
„Eber“); er ist ein Kegeltod. j
Schlechte Erfolge bringt es, wenn '
man hinter den Schiebenden Zigarren¬
asche hinstreut 152 ) („einen Wedemann
setzt“) oder ein Kreuz macht 153 ); wenn
man, während ein anderer schiebt, den
Daumen der Rechten in die geschlossene
Hand drückt 1S4 ), wenn ein junger Mensch
übers Brett läuft oder ein Hund heult 155 );
auch der eine oder andere Teilnehmer
bedeutet für die Partie oft Unglück 156 ),
denn er hat eben immer „Pech“ 157 ).
Ferner bringt Unheil der durchs Los
bestimmte Rang des ersten Schiebers 158 );
wenn auf dem Kegelkreuz ein Kegel von
selbst umfällt oder, während einer schie¬
ben will, irgend eine Störung eintritt 159 );
wird der „Schwede“ (Vorderkegel) zu¬
letzt aufgesetzt, so trifft ihn der nächste
Schütze nicht 16 °). Beim Kegeln geht es
oft nicht „mit rechten Dingen zu“, so
wenn ein Kegler 18 mal hintereinander
den Eckkegel trifft m ). — Ort weise heißt
ein Schub, bei dem die Kugel die Kegel
nicht erreicht, sogar die „Drud“ 162 ).
144 ) Rothe Kegelspiel 153. 148 ) Mündlich.
Alpenländer. 148 ) Rothe a. a. O. 151. 147 )
Vgl. ebd. 7. 148 ) Birlinger Schwaben 1, 399.
149 ) Graz, mündlich. 16 °) Birlinger Schwaben
1, 115 Nr. 135. Ähnlich ZfdMyth. 4, 412 =
Wuttke §636. 181 ) Rothe a. a. O. 164. 18g )
Ebd. 151. 1M ) Ebd. 151. 184 ) Steiermark.
188 ) Grohmann 220. 158 ) Rothe a. a. O.
151 f. 187 ) Ebd. 161. 158 ) Rothe a. a. O. I5if.
189 ) Ebenda. 16 °) Ebenda. m ) Reiterer
Altsteirisches 23. 182 ) Rothe a. a. O. 158.
11. Entwicklungsgeschichtliches.
Auffallend ist, daß sich an verschiedenen
Gotteshäusern Kegel eingemauert finden,
so am Dome zu Ratzeburg ein ganzes
Kegelspiel 163 ), in einer Turmstube zu
St. Stephan in Wien ein Kegel (stein) 164 ),
ebenso zu St. Annaberg in Sachsen 165 ).
Demnach hat der Kegel vielleicht als
Symbol einer heidnischen Gottheit ge¬
golten, da auch die allenthalben an Kir¬
chen sich findenden Götzenmanderl wohl
Symbole des niedergerungenen alten Gottes
vorstellen 168 ). So käme man ohne alles
Zwängen etwa zu der Verbindung Keil
(Donnerkeil)-Keule und Hammer (Her¬
kules-Donar)-Kegelkeil und schließlich
zum Sinnbild des Gewitterdämons über¬
haupt.
Keil, Keule, Hammer, Kugel, Kegel —
einander entsprechende Vertretungen für
die Tätigkeit des im Gewitter tätigen
Gottes.
Dazu müssen wir halten, daß der
Kegel auch phallisches Symbol ist 167 ).
Für testiculi tritt in der heute noch üb¬
lichen volksmäßigen Erotik oft Kugeln 168 )
1209
Kegel, Kegelspiel
1210
ein; kegeln, kegelschieben wird immer noch
im Volksmunde für coire verwendet 169 );
es ist nun sehr naheliegend, daß der
Kegel selbst dem männlichen Gliede
entspricht auf Grund der beiden Bil¬
der 170 ). Ältere Forscher erklären von die¬
sem Punkte aus auch die Bedeutung
Kegel = uneheliches Kind, ein Ausdruck,
der ja doch vom Allgemein wort Kegel
nicht zu trennen ist 171 ), und sie folgern
weiter: Donars Erscheinung hängt
klar mit dem Begriffe der Fruchtbarkeit
zusammen m ), er spendet Leben 173 ), gibt
Ehesegen 174 ); der Donnerkeil verschafft
den Feldern guten Ertrag 175 ), macht die I
Kuheuter strotzend und erhält sie er¬
tragreich 176 ), Thors Hammer hatte für
die Hochzeitsfeier erotische Bedeutung 177 ).
Kegelförmige Gebilde (aus Silber, Hämatit
u. a.) sind als Amulette nachgewiesen 178 ).
So steckt also möglicherweise hinter
unserem Kegelspiel, dem älteren Kegel¬
werfen 179 ), ein altheidnischer Fruchtbar¬
keitskult, der etwa bei Götterfesten 180 )
oder insbesondere bei der Frühlingsfest-
feier eine hervorragende Rolle gespielt
hat. Die Leonhardsklötze, Rümpfe ohne
Kopf und Arme, gleichen oft großen
Phallen, so daß Quitzmann in ihnen
Frobilder sieht oder doch Darstellungen
von Göttern, die den Phallus zum Attri¬
but haben 181 ).
Steinopfer als Form der Götterver¬
ehrung sind für die älteste Zeit belegt 182 ).
Beliebt war bei unseren Altvordern ja das
Werfen mit Steinen, das Schlagen schwe¬
rer Kugeln 183 ).
Trug solch ein Spiel zur Zeit der Christi¬
anisierung ausgeprägt „abgöttischen“ Cha¬
rakter, so liegt nichts näher als eine
energische Stellungnahme dagegen von
Seite des Christentums, eine Stellung¬
nahme, für die ja, wie gezeigt, sowohl
die wenigen geschichtlichen wie die ge¬
häuften Sagenüberlieferungen deutliche
Beweise erbringen.
183 ) Bartsch Mecklenburg 1, 353 f.; Müllen-
hoff Sagen 79 Nr. 83; Sepp Religion 157;
Kießling Das Kegeln (Wien 1897) 11; Ders.
Eine Wanderung im Poigreich (Horn 1899)
S. 127. 184 ) Kießling in beiden Schriften
a. a. O. 168 ) Ebenda; Sepp Religion 157.
16 *) Kießling Poigreich 126 ff.; Ders. Kegeln
11 f.; Simrock Mythol. 519. 1#7 ) ZfdMyth.
3, 107; Birlinger Volksthüml. 1, 101. 1M )
Vgl. Grimm DWb. 5, 390; eigene Aufnahmen
in den Alpenländern. I#9 ) Alpenländer, bes.
Oberösterreich, vgl. Webinger in Beiwerke zum
Studium d. Anthropophyleia IX (1929), S. 222
unter „Kegelschciben" und ,,schieben". —
BlümmI Futitilates (Beiträge z. volkstüml.
Erotik Bd. 3, 55) (Wien 1908). 17 °) Grimm
DWb. 5, 390; so im oberöst. Schnaderhüpfl.
m ) Vgl. Grimm DWb. 5, 388t; WS. 1, 45.
172 ) Vernaleken Alpensagen 420 Nr. 151;
ZfdMyth. 3, 86 ff. 246. 17S ) ZfdMyth. 2, 318;
3, 210. 230 ff. 174 ) Mannhardt German. Myth.
129 f. 178 ) Ebd. 138. 17i ) Ebd. 21. 22,
177 ) Meyer German. Mythol. 226. 178 ) Andree-
Eysn Volkskundliches 139 (mit Abbildungen).
179 ) Ältere Wendung: Kegelwerf, Kegelwerfen.
1S0 ) Vgl. die Vermutung bei Grimm DWb. 5,
385. 181 ) Quitzmann Baiwaren 94. 181 ) Vgl.
Liebrecht Zur Volksk. 280!.; über das Stei¬
nigen der Götterbilder ebenda 280 f. 413;
ZfdMyth. 2, 131 ff. 183 ) Weinhold Altnord.
Leben (1856) 2930.; ZfVk. 7, 5.
12. Auch außerhalb unseres Gebietes
deuten einzelne Züge auf einen ähnlichen
Zusammenhang.
Bei den Griechen kennt man konische
und pyramidale Steinfiguren als Götter¬
bilder 184 ), ein kegelförmiger Stein findet
sich für eine Gottheit auf Votivtafeln
zu Thugga 185 ) (Afrika); vom Himmel
gefallene Meteore verehrte man; Blitze
hielt man für glühende Steine, die vom
Himmel gefallen seien 18Ä ); hinter dem
Blitze stecken Gewitter erregende Dä¬
monen 187 ). Der hl. Silex im Jupiter¬
kult ist das Abbild des Donnerkeiles 188 );
ein Stein vertritt den Blitz beim römi¬
schen Bündnisritual, wahrscheinlich auf¬
gefaßt als ein im Blitze niedergefallener
Stein 189 ).
Auch der talmudische Stein der Lilith
ist als Pfeil mit dem Blitze auf die Erde
gekommen 190 ).
Auch die Beziehung zum Phallus er¬
scheint gegeben, denn bei den Griechen
bildeten die Meteoriten, die öfter als
Phallen dargestellt wurden und später
als behauene Säulen erscheinen, die Grund¬
lage zu den Hermen, an denen man
namentlich den Phallus stark hervor¬
hob 191 ). Ähnlich unserem Unheil ab¬
wehrenden Donnerkeil unter dem Haus¬
dache stand bei den Griechen der Übel
abhaltende Stein vor der Haustüre (später
I 211
kehren, Kehricht
1212
Apollo Agyieus) in Form einer Spitz¬
säule ; auf römischen Boden wurden daran
Phallen angebracht, so kamen die phal-
lischen Hermen zustande m ).
184 ) Gruppe Griechische Mythologie 2, 774f.
(Anm. 4). 185 ) Ebd. * 8 «) Ebd. 2, 773. 187 )
Ebd. 2, 776. 188 ) Wissowa Religion der Römer
28. 18B ) Gruppe Mythologie 2, 773. 19 °) Ebd.
191 ) Gruppe Mythologie usw. 2, 1341. 1M )
Nilsson Feste 102. Webinger.
kehren, Kehricht.
1. Im Totenbrauch. 2. Unheilvoll. 3. Sakrale
Lustration. 4. Gegen Ungeziefer. 5. Bei Um¬
zügen. 6. Zauberkräftig. 7. Zubringend. 8. Heil¬
kräftig. 9. Kehrvorschriften. 10. Verbote.
11. Als Vorzeichen und Orakel. 12. In der
Sage. 13. Im Hochzeitsbrauch. 14. Im Rechts¬
leben.
Kehren (fegen, wischen) ist die häufig¬
ste und einfachste Art der Reinigung.
Schmutz und Unrat sind den Menschen
etwas Lästiges und Widriges und müssen
daher weggeschafft werden. Somit hat das
Hinausschaffen, das Hinauskehren, einen
abweisenden, abwehrenden Sinn, zumal
wenn primitiver Glaube in Staub und
Kehricht Schlupfwinkel und Versteck un¬
heimlicher und übelwollender Geister er¬
blickt. So muß das Kehren gleich von
Anfang an als kathartische, als magische
Handlung überhaupt, aufgefaßt werden.
1. Der kathartische Charakter des Keh-
rens zeigt sich am reinsten im Toten-
brauch verschiedener Zeiten und Völker.
Nach vielfacher Anschauung verläßt im
Augenblick des Abscheidens die Seele nicht
sofort auf immer den Leib, sondern ver¬
bleibt noch in seiner Umgebung mit ihm
bis zur Bestattung zusammen. Als kleines,
imscheinbares Ding, das sie nach allge¬
meiner Vorstellung ist, kann sie leicht am
Fußboden sich festsetzen. Wünscht man
nun die Seele endgültig mit dem Körper
aus dem Hause fortzubekommen, so muß
unmittelbar nach dem Hinaustragen des
Sarges gekehrt werden. Ursprünglich
wurde der Kehricht selbst mit in das Grab
geschüttet, damit die Seele auf jeden Fall
dort sei. Ein Gesetz aus Keos verbot
xodAocruaTot cpipstv IttI tö OTjpa, weil offenbar
der alte Brauch, die Seele mit Sicherheit
zu entfernen, nicht mehr verstanden
wurde x ). Wo man dagegen die Seele noch
einige Tage im Hause behalten will, wird
das Ausfegen nicht gestattet, solange der
Tote im Hause liegt. Nach einem in Naxos
und Kalymnos herrschenden Glauben darf
man den Kehricht nicht auf die Straße
werfen, da nämlich die Seele noch drei
Tage im Haufen weilt und daher mit dem
Kehricht hinausgeworfen werden könnte.
In der Gironde vermeidet man es, das
Leichenzimmer auszufegen, aus Furcht,
die Seele zu verscheuchen. Folgerichtig
ist es in der Nieder-Bretagne nicht ge¬
stattet, die Möbel abzustauben und den
Staub aus dem Hause zu werfen, weil
sonst die Seele vertrieben würde und man
ihre Rache zu fürchten hätte. In La
Creuse häuft man den Kehricht in einer
Ecke auf und schafft ihn erst hinaus, wenn
das Begräbnis vorbei ist. In Borneo wird
der Geist des Verstorbenen erst noch vier
Tage bewirtet, dann wird ausgefegt und
sein Speisegeschirr zerbrochen. Die Tonki-
nesen vermeiden die Reinigung während
des Festes, an dem die Seelen der Ver¬
storbenen in ihre Häuser zurückkehren.
Die Kongoneger fegen ein ganzes Jahr
nach einem Sterbefall die Hütte nicht 2 ).
Nach der Frist aber, die man den Toten
noch zum Verweilen einräumte, wird die
Seele ausgekehrt. Von den alten Preußen,
welche die Seelen noch mehrere Male be¬
wirteten, berichtet Christian Hartknoch,
Altes und Neues Preußen (1684): Am
dritten, sechsten, neunten und vierzigsten
Tage nach dem Leichenbegängnis fand ein
Mahl der Anverwandten des Verstorbenen
statt, dessen Seele auch herbeigerufen und
gleich wie noch andere Seelen bewirtet
wurde. Wenn die Mahlzeit verrichtet war,
stand der Priester von dem Tische auf,
fegte das Haus aus und jagte die Seelen
der Verstorbenen ,,nicht anders als die
Flöhe“ hinaus mit den Worten: ,,Ihr habt
gegessen und getrunken, o ihr Seligen,
geht heraus, geht heraus“ 3 ). Fast wört¬
lich findet sich diese Formel energischer
Ausladung bereits bei den Griechen. Am
letzten Tage der Anthesterien wurden die
Seelen geladen und bewirtet, dann aber
wieder aus dem Hause gewiesen mit dem
Ruf öupaCe Krjpsc, oux It’ AvöeaTTjpta 4 ).
Nicht minder durchgreifend wird die Ver¬
treibung des Totengeistes bei den Battas
1213
kehren, Kehricht
1214
H* *
1,
auf Sumatra gehandhabt. Nachdem der
Priester als letztes Opfer das Blut eines
Vogels auf den Sarg hat laufen lassen,
•erfaßt er einen Besen und schlägt damit
heftig in die Luft, als wolle er den bösen
Geist vertreiben. Dann raffen vier Per¬
sonen den Sarg auf und rennen schnell
damit davon, während der Priester noch
eine Zeitlang hintennachkehrt 6 ). Der
Brauch des Leichenkehrens hat ein hohes
a 11 _ 1 • i. _ix,*_
1
Römern bestand die Vorschrift, daß der
Erbe, sobald die Leiche aus dem Hause
getragen war, das Haus mit einem Besen
fegen mußte. Das Recht aber der eigent¬
lichen Reinigung der Leichenhäuser war
auf die Everriatores beschränkt. Für das
deutsche Sprachgebiet sind reichliche
Zeugnisse für das Leichenkehren vorhan¬
den 6 ). Mancherorts müssen dabei be¬
stimmte Formalitäten eingehalten werden.
Sobald die Leiche aus der Stube oder aus
dem Hofe ist, macht man im Sterbezim¬
mer drei Häufchen Salz und kehrt diese
dann mit dem Kehricht hinaus 7 ). In
Hessen wird nachher die Haustüre ver¬
schlossen, um dem Toten den Wiederein¬
tritt zu verwehren «). Im Erzgebirge wird
da, wo die Bänke mit dem Sarge aufge¬
stellt waren, gekehrt; die Abfälle von den
Kränzen werden mit einem Rutenbesen
der Leiche nachgekehrt 0 ). Ganz vor¬
sichtig geht man dabei in Mecklenburg
zu Werke; von dem Sarge bis zur Haustür
streut man Asche, da im Verbrannten
nichts Lebendes mehr ist, und fegt den
Flur aus gleich nach dem Hinaustragen
der Leiche, stillschweigend und rück¬
wärtsgehend 10 ). In Waldeck fegt man
aus dem Hause hinter der Leiche her und
schüttet, um ihr die Rückkehr zu ver¬
eiteln, einen Eimer Wasser hintennach,
dann spukt sie nicht 11 ). In Ostpreußen
wird erst, wenn der Tote ,,auf halbem
Weg“ ist, das Haus sorgfältig gereinigt und
der Kehricht weggetragen 12 ). In Bul¬
garien muß ein Waisenmädchen das Aus¬
fegen besorgen, damit das Glück wieder
einziehe. Gleichzeitig werden auch die
Häuser der Verwandten ausgefegt. Bei
den Israeliten müssen ledige Mädchen das
Leichenhaus auskehren; womöglich christ¬
liche sollen zu dieser unheimlichen und
gefährlichen Verrichtung herangezogen
werden 13 ). In der Gegend von Przemysl
wird ausgefegt und abgesperrt, dann wird
sogleich frisches Brot gebacken, damit
alles gesund bleibe 14 ). Wenn in Hessen
nicht noch einmal gefegt wird, ehe die
Leiche heruntergetragen wird, stirbt bald
jemand im Hause 15 ). Durch dieses vor¬
sorgliche, apotropäische Kehren kann die
Seele nicht mehr zurückkehren, auch
nicht als Vampyr, um ein Lebendes nach
sich zu ziehen 16 ). Den Besen, den man
zum Leichenkehren benutzt hat, wirft man
entweder auf den Gottesacker oder auf
das Feld zusammen mit dem Kehricht,
weil sich in ihm doch noch die Geister
versteckt halten könnten 17 ). Im Voigt¬
lande wird dieser Besen außer Gebrauch
gesetzt und auf dem Boden hinter einen
Dachsparren gesteckt 18 ). Binnen Jahres¬
frist stirbt im Erzgebirge ein Familien¬
mitglied, wenn der auf dem Hausbalken
aufbewahrte Leichenbesen herunterfällt
19 ). Ebendaselbst gilt ein dem Kehren
ähnliches Geräusch an der Wand als Todes¬
vorbedeutung. Der betreffende Besen
wird zuweilen verbrannt, damit er kein
Unheil anrichten kann *°). Nach einer
Meinung in der Oberpfalz rasten in der
Samstagnacht die Armen Seelen auf dem
Stubenbesen. Mit ihm darf man weder
Tisch noch Bank abkehren, noch darf
man sich auf eine mit einem Besen ge¬
reinigte Bank setzen, weil man sonst
Blasen bekommt. Andernorts glaubt
man, daß man die hinfallende Krankheit
oder Flöhe bekomme oder sogar der Tod
folge. Im Cloppenburgischen ist daher
das Zukehren des Viehfutters mit dem
Besen, auch das Fegen der Tenne ver¬
boten 21 ). Der Besen als Sitz und Ver¬
steck der Verstorbenengeister wird leicht
für todbringend, abgeschwächt unheil¬
bringend, angesehen. Nicht mehr ver¬
ständlich in seiner überlieferten Form ist
folgender Bericht aus der Oberpfalz: „Am
Samstag muß der Kehricht aus der Stube
geschaßt sein, wenn er auch die ganze
Woche hinter der Türe im Kehrichtwinkel
gelegen hat; denn in der Samstagnacht
kommt die letztverstorbene Seele des
1215
kehren, Kehricht
1216
Hauses und setzt sich hinter die Türe:
sie muß daher eine reine Stelle finden".
Die letzte Begründung ist nicht zutreffend:
gerade das Hinausschaffen des Kehrichts
am Samstagabend soll die Seele jeder
Möglichkeit berauben, ein Versteck zu
finden, wo sie sich auf halten kann. Man
will eben die Verstorbenen nimmer im
Haus 22 ). Daß die Armen Seelen durch
Abkehren vertrieben werden, geht aus
folgendem hervor: „In der Allerseelen-,
Christ- oder Silvesternacht zieht man
eine Bahre dreimal um die Kirche in der
Zeit einer halben Stunde; das geht schwer,
denn die Armen Seelen setzen sich darauf,
und man muß sie immer wieder herunter¬
wischen. Ist man in einer halben Stunde
fertig, so erhält man einen Haufen Gold;
wenn nicht, dann ist man verloren'' M ).
*) Samter Geburt 32 Anm. 6; ARw. 24, 318.
2 ) Samter 33 Anm. 6. 3 ) Sartori Toten -
Speisung 24. 28 = ZfVk. 11 (1901), 263 ff.;
Tylor Cultur 2, 39. 4 ) Rohde Psyche 1, 239
Anm. 2; Pauly-Wissowa Suppl. 4, 892; NJbf.
Wiss. u. Bildung 6 (1930), 616. 6 ) Sartori 4.
*) Festus Epit. 77, 18 = Samter 30 Anm. 1;
MschlesVk. 10 (1908), 8; ZfVk. 11 (1901), 265;
14 (1904), 256; Rochholz Glaube 1, 200;
Lippert Christentum 465; Spieß Fränkisch-
Henneberg 154; Curtze Waldeck 384 Nr. 77;
Wuttke 465 Nr. 737; Urquell 2 (1891), 80;
Drechsler 1, 305 = Samter 32; Sartori
Westfalen 104; Sitte 1, 144; Heseraann Ravens -
berggo; IAE. 13 (1900), 141 Anm. 13. 7 )Grimm j
Myth. 464 Nr. 864; Witzschel Thüringen 2,
262 Nr. 87; Köhler Voigtland 254; Lüers
Sitte 97; Sartori Sitte 1, 144. 8 ) Heßler
Hessen 2, 516. ®) John Erzgebirge 126.
10 ) Bartsch Mecklenburg 2, 95 Nr. 324. u ) Curt¬
ze 384 ~ Samter 87. 12 ) ZfVk. 11 (1901).
264 = Samter 31. 13 ) Strauß Bulgaren 451;
Höhn Tod 341. 14 ) Sartori Totenspeisung 57
Anm. 1 = Urquell 3 (1892), 52. u ) Heßler
2 » 583. 1# ) Krauß Volkforschung 135. 17 ) Köh¬
ler 418; Seyfarth Sachsen 26; Lüers Sitte
97 • 18 ) Köhler 443. *•) John Erzgeb. 115.
s0 ) Ders. 113; ZfVk. u (1901), 264. 21 )
Schönwerth Oberpfalz 3, 279; Grohmann
226 Nr. 1610 = Wuttke 263 Nr. 609; IAE. 13
(1900), 140; Urquell 4 (1893), 94; Stracker-
jan 2, 37 Nr. 293. 22 ) Schönwerth 3, 279.
23 ) ZfdMyth. 2, 35 = Wuttke 263 Nr. 385.
2. Aus dem engen Zusammenhang:
Tote hinaustragen — nachkehren bezieht
die Kehrhandlung den Sinn einer unheil¬
vollen Handlung schlechthin. In Sla¬
wonien sagt man: „Willst du dich je¬
mandes für immer entledigen, so lade ihn
zu dir ein und bewirte ihn. Sobald er
aber fort ist, kehre die Stube hinter ihm
aus. Das läßt sich leicht deuten, wenn
nämlich ein Verstorbener aus dem Hause
geschafft wird, kehrt man nach ihm das
Haus aus" 24 ). Wenn man hinter jemand
das Zimmer auskehrt, so stirbt er bald 25 )_
Aus dem gleichen Grunde darf auch einem
scheidenden Fremden nicht nachgekehrt
werden. Wenn jemand verreist, darf die
Stube nicht eher ausgekehrt werden, als
bis er auf der Grenze ist, sonst fegt man
ihm Unglück nach 26 ). In Schlesien, wo
sich dieser Aberglaube findet, gibt man
als Grund an, daß man nur nach einer
hinausgetragenen Leiche die Stube aus¬
kehre. Weiter als bis an die Grenze
reicht die magische Handlung nicht. Da¬
her soll man auch den Kehricht nicht
früher hinausschütten, als bis die Leute
die Grenze erreicht haben 27 ). Auch in
Bulgarien darf man an dem Tage, an dem
der Hausvater verreist ist, im Hause
nicht kehren, sonst kehrt er nimmer heim,
oder es trifft ihn ein Unglück M ). Man
kann bereits erkennen, wie das ursprüng¬
liche „Tod nachfegen" zum allgemeineren
„Unglück nachfegen, antun" sich abge¬
schwächt hat. „Hinter dem scheidenden
Gast das Zimmer ausfegen, gilt für sehr
unglücklich", berichtet Plinius 29 ). Im Erz¬
gebirge verfeinden sich zwei Personen, wenn
eine der andern nachkehrt, auch das Nach¬
werfen von Kehricht ist unstatthaft 30 ).
Nicht nur das unbeabsichtigte Nach¬
kehren, auch schon das zufällige Anfegen
bringt Unheil. Man darf die Füße eines
Menschen nicht anfegen, er wird sonst
krank 31 ). Wenn man jemand beim
Kehren anfegt, so fegt man ihm das Glück
fort, man kehrt ihm das Unglück auf den
Hals 32 ). Ein Tiroler Bauer hatte im
Übermut zu seiner mit dem Besen ihn
anfegenden Magd gesagt: „Jetzt kannst
du meinetwegen das Glück hinauskehren,
jetzt habe ich alles". In der folgenden
Nacht entlud sich ein Gewitter, das Haus
und Hof wegschwemmte 3S ). Werden Hei¬
ratsfähige in einem Haus angekehrt, so
kommen sie im selben Jahre nicht mehr
zur Heirat. Daher ruft die heiratslustige
Venetianerin der mit dem Besen han¬
1217
kehren, Kehricht
1218
tierenden Magd zu: „Befege mich nicht,
denn ich will heiraten" 34 ). Auch werden
den Mädchen die Tänzer weggefegt 34 ).
Höchste Vorsicht ist somit immer beim
Kehren geboten. Mit dem Besen darf
man niemanden an den Füßen berühren,
weil eine solche Person nie mehr als Tauf¬
zeuge geladen würde 35 ).
Nicht nur die eigentliche Berührung
des Kehrichts, auch schon das bloße
Überschreiten ist gefährlich 36 ). Besonders
in der Frühe im nüchternen Zustande ist
es nicht ratsam, wenn man über Kehricht
steigt 37 ), man hat kein Glück am selben
Tage 38 ), oder es begegnet einem etwas
Unangenehmes an diesem Tage 39 ), oder
man bekommt Zank 40 ). Ledige Personen
hauptsächlich sollen sich vor dem Über¬
schreiten hüten. Passiert dies unver¬
sehens einem jungen Mann, so bekommt
er keine Geliebte 41 ), oder seine Liebste
wird ihm gram, oder das Verhältnis wird
f efährdet, und der Schatz wird untreu 42 ).
)ber den Kehricht stolpern die Freier 43 ).
In Thüringen warnt ein Sprichwort die
jungen Leute, welche „sich einander gut"
sind: „Schreit* ju nech ibersch Kehricht
wack, Sunst fällt d'r deine Liebe in
Drack" 44 )! Auch dem Auskehrenden ist
das Überschreiten abträglich. Man kann
die Mägde in eine üble Laune versetzen,
wenn man ihnen während des Kehrens
in den Kehricht läuft: es gelingt ihnen
den ganzen Tag nichts mehr 45 ).
24 ) ZfVk. 1 (1891), 152 = 11 (1901), 264. 25 ) Ur¬
quell 4 (1893), 94 Nr. 44. 26 ) Wuttke 407
Nr. 629; Urquell 1 (1890), 48 Nr. 28; 3 (1892),
231 Nr. 19. 27 ) Grimm 3, 492 Nr. 12; Lieb¬
recht ZVolksk. 323 = Sartori Sitte 2, 51;
Drechsler 2, 6. 28 ) Strauß 282. 2 ®) n. h.
28, 26. so ) John Erzgeb. 35; Urquell 4 (1893),
74 Nr. 4. 31 ) ZfVk. 11 (1901), 264. 32 ) Ebd. 20
(1910), 383 Nr. 34; 24 (1914). 57 Nr. 41;
Drechsler 2, 6; Bartsch 2, 317 Nr. 1573:
Finder Vierlande 2, 223; Krauß Sitte 165;
Kulda Mähr. Gebräuche 117. M ) Alpenburg
Alpensagen 391. 34 ) Grohmann 223 Nr. 1560;
229 Nr. 1648 = Wuttke 363 Nr. 547; ZfVk.
11 (1901), 449 Nr. 40. 41; John Westböhmen
251; Reinsberg-Düringsfeld Ethnograph.
Curiositäten 2, 108. 36 ) Urquell 1 (1890), 47
Nr. 9; Boeder Ehsten 24. 34 ) Grimm 3, 334
Nr. 8 (Rockenphilosophie); 3, 475 Nr. 1095;
Lammert 38; John Erzgeb. 34; Köhler 425;
Dähnhardt Volkst. 1, 97; Drechsler 2, 194;
Bavaria 3, 309; Finder 2, 221. 223. 37 )
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
DWb. 5, 427. 38 ) Schramek Böhmerwald 255.
39 ) Köhler 395 = Wuttke 397 Nr. 610. 40 )
John Erzgeb. 35; Westböhmen 251. 4l ) Köhler
395 - 42 ) Schultz Alltagsleben 159; Drechsler
2, 6; 1, 232. 43 ) John Westböhmen 250. 44 )
Sommer Bilder und Klänge aus Rudolstadt
2 (1881), 120. 45 ) Schönwerth 3, 279.
3. In gleicher Weise wie beim Toten¬
brauch zeigt sich auch bei althergebrachten
Begehungen der abweisende und reini¬
gende Charakter des Kehrens. Zu be¬
stimmten Zeiten und bei gewissen An¬
lässen muß der materielle Unsegen durch
einen materiellen Reinigungsakt entfernt
werden. Das Datum wird manchmal mit
Rücksicht auf die Landwirtschaft fest¬
gesetzt. So wird bei den Hos in Togo¬
land in Westafrika die Austreibung der
Schädlinge alljährlich vorgenommen, be¬
vor das Volk die junge Yamswurzel zum
ersten Male ißt. Zunächst reinigen Priester
und Zauberer die Stadt, indem sie die
Dämonen in Pflanzenbündel hineinzau-
bem. Am andern Morgen fegen die Frauen
ihren Herd aus und legen, was sie aus¬
gefegt haben, auf Holzteller. Nach einem
Gebet laufen sie, so schnell sie können,
in die Richtung des Berges Adaklu,
schlagen sich auf den Mund und schreien:
„Hinaus heute, hinaus heute! Das, was
irgend jemand tötet, hinaus heute! Ihr
bösen Geister, hinaus mit euch heute,
und alle, die ihr uns Kopfschmerzen ver¬
ursacht, hinaus mit euch heute! Anlu
und Adaklu sind die Orte, wohin sich
alles Unheil begeben soll"! Wenn sie an
einen bestimmten Baum auf dem Berge
Adaklu gekommen sind, werfen sie alles
fort und kehren nach Hause zurück u ).
Die Ausladeformel steht an Deutlichkeit
dem Rufe bei den Anthesterien und beim
Mahl der alten Preußen in nichts nach,
ihre Ähnlichkeit ist geradezu auffallend.
Die Neger der Goldküste Afrikas kehren
von Zeit zu Zeit die Dörfer mit Keulen
und Fackeln aus, um die böswilligen
Dämonen zu verscheuchen. Am ersten
März fegen bulgarische Frauen die Woh¬
nungen sorgfältig aus und werfen den
Kehricht weit weg vom Hause. Auch
werden Haus und Hof gegen die bösen
Geister mit Weihrauch ausgeräuchert. Der
Kehricht als Sitz übelwollender Mächte
39
1219
kehren, Kehricht
1220
muß unschädlich gemacht werden durch
Weg werfen oder Eingraben. Auch das
Spülichtwasser, das bei der Reinigung
den Unsegen aufnimmt, ist sorgsam zu
entfernen. Dies ist der Sinn des römischen
„lustrum condere“ 47 ). Der Unrat wurde
in Rom in einem Seitengäßchen des
Clivus Capitolinus weggeworfen und das
Gäßchen aus Vorsicht noch mit einer Türe
geschlossen. Auch in den Tiber wurden
die Purgamina geschafft. Die Griechen
warfen die Katharmata gern auf die un¬
heimlichen Kreuzwege 48 ). Der 15. Juli
des römischen Kalenders bezeichnet das
Ende der Reinigung des Vestatempels mit
der Nota: Q(ando) ST(ercus) D(elatum)
F(as). Durch die Beseitigung des Unrats
war die Gefahr beschworen, der Tag
konnte als fastus gelten 49 ). An den
Palilien wurden die Schafställe mit Wasser
besprengt, ausgekehrt, mit Schwefel aus¬
geräuchert und an Stalltüren wurden
grüne Zweige und Kränze angebracht 50 ).
Man könnte versucht sein, den bei Varro
(Lingua Latina 7, 102) erwähnten Gott
Averruncus nicht von avertere, wonach
Averruncus eine apotropäische Gottheit
schlechthin wäre 51 ), sondern von averrere
abzuleiten. Dazu verführt besonders der
Name der römischen Nothelfergöttin
Deverra. Die römischen Wöchnerinnen
schützte man vor den Nachstellungen
des Waldschrats Silvanus dadurch, daß
drei Männer nachts am Eingänge eine
Axt in die Türschwelle schlugen, mit einer
Keule die Schwelle trafen und sie dann
mit einem Besen abkehrten. Nach der
dritten Teilhandlung verehrte man die
drei Nothelfergottheiten Intercidona (a
securis intercisione), Pilumnus (a pilo)
und Deverra (a scopis) 52 ). Wie Deverra
Göttin des Wegfegens der Dämonen ist 53 ),
so könnte auch Averruncus für eine
Gottheit des gleichen Machtbereichs an¬
gesehen werden, zumal wenn man die im
Lustrationsgebet an Mars (Cato R. R. 141)
aufgeführten UnZuträglichkeiten 54 ) durch
magisches Abkehren (uti averrunces) sich
abgewendet denkt. 1
4< ) Tylor Cultur 2, 200; Bötticher Baum -
kultus 372; Frazcr Der Goldene Zweig 808.
* 7 ) Strauß 335 =* Samter 33; ARw. 16 (1913),
1 127 ff. 133. «) ARw. 16, 135; Schoemann-
Lipsius Griechische Altertümer * 2, 376 Anm. 1.
4 ®) ARw. 16, 134. 60 ) Ovid Fasten 4> 736 ff.' =
Samter 34. 51 ) Thesaurus Linguae Latinae
2, 6 Sp. 1316; Usener Götternamen 9. 312.
62 ) Augustinus De civitate Dei 6, 6 = Varro
Antiquit. rer. div. 14 Fr. 61. 63 ) Samter 52.
64 ) Sartori Sitte 3, 7.
4. Durch das Auskehren wird auch Un¬
segen in bestimmterem Sinne, nämlich Un¬
geziefer, worin das Volk gern dämonische
Wesen zu erblicken geneigt ist, beseitigt.
Feste Vorschriften bestimmen Zeit, Mittel
und Art des Fegens. Geeignete Tage sind
Weihnachten, Fastnacht, Aschermittwoch,
Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern, Geor-
gi, Walpurgisnacht, Johannistag, St. Ab-
donstag und Petri Kettenfeier 55 ). Be¬
sonders wirksam ist ein neuer oder ein
in den Zwölften gebundener Besen 54 );
Märzschnee tut dabei gute Dienste 57 ).
Man kehrt den Schmutz aus den vier
Ecken der Stube 58 ), zuweilen rückwärts
und nackt 59 ), vor Sonnenaufgang 60 ). Den
Kehricht trägt man weit weg vom Hause,
gern auf einen fremden Misthaufen, daß
sein Besitzer das Ungeziefer erhält 61 ),
auch wohl in der Absicht, daß die Hühner
die Eier nicht auf den Misthaufen in
andere Höfe legen, oder man bringt vor¬
sichtshalber gleich den Kehricht auf drei
Düngerhaufen 62 ). Mancherorts werden
außer der Stube auch die Ställe und der
ganze Platz vor dem Haus bis zur Grenze
gefegt. Der Kehricht wird dann auf
einen Kreuzweg getragen; dabei macht
man der Sonne drei Verbeugungen und
sagt allerlei Sprüche im Namen der Drei¬
einigkeit her. Das befreit von Ungeziefer,
und wer den Kreuzweg zuerst betritt,
auf den wird es übertragen Ä3 ). Im
Schwarzwald legt man auch die neuen
Besen, mit denen man am Karfreitag das
Haus auskehrte, auf den Kreuzweg, wo
sie jedermann liegen läßt M ). Vorzugs¬
weise werden Flöhe dadurch vertrieben
(vgl. den Bericht über die alten Preu¬
ßen). Wenn man den Auskehricht einem
Bekannten auf die Schwelle schüttet,
kann es dieser vor Flöhen im Hause nicht
mehr aushalten; der Karfreitag ist hier¬
für ein besonders bevorzugter Termin.
Wer dagegen auskehrt, bleibt das ganze
1221
kehren, Kehricht
Jahr von dieser Plage befreit. Im Spree¬
wald muß der Kehricht gegen Abend
geworfen werden, weil sonst die Flöhe
wiederkämen Ä5 ). Den Pflügern wird beim
ersten Pfluggang von der Frau oder der
Magd Asche und Kehricht nachgeworfen,
daß sie alle Flöhe mit nehmen. In öster¬
reichisch-Schlesien wirft man Kehricht
dem Hirten beim ersten Austrieb nach
mit dem Wunsche, er möge alle Flöhe
mit auf das Feld nehmen 66 ). In Mecklen¬
burg sagt man beim Auskehren am ersten
Mai folgenden Spruch: „Flöh’ und Lus,
Rut ut min Hus, Ga hen na Nawers
Hus“ 67 )! Wenn man Kehricht in des
Nachbarn Garten wirft, so wird dort im
Sommer das Gemüse von den Erdflöhen
auf gef ressen 68 ). Anderseits muß man in
Mecklenburg etwas Unrat beim ersten
Spatenstich ein werfen, dann kommen
keine Flöhe, weil sie hierdurch ab¬
geschreckt und gebannt werden 69 ). Von
Läusen, hauptsächlich Hühnerläusen, be¬
freit man sich am vorteilhaftesten an
Fastnacht 70 ). An Weihnachten dagegen
werden nach einem Gebete die Schwaben
ausgekehrt 71 ). Mit einem neuen, am
Gründonnerstag gekauften Besen reinigt
man am Karsamstag alle Winkel des
Hauses. Das hilft gegen die Mäuse 72 ).
Wird rings um das Feld gekehrt (durch
das Kehren wird eine magische Grenze er¬
richtet), so gehen die Maulwürfe über die
Grenze 73 ). Am Karfreitag hält man
Kröten durch Kehren fern 74 ). Kehrt man
am gleichen Tage vor Sonnenaufgang die
Stube aus, so gehen in der Umgebung
die Frösche zugrunde 75 ). Doch bestehen
auch Verbote, am Karfreitag zu kehren,
da man sonst viele Fliegen in das Haus
bekommt 76 ). Ebenso zieht man durch
Kehren beim Neumond Spinnen ins
Haus 77 ). Gegen Raupen fegt man den
Kohl am Johannistag. Raupen werden
vertrieben, wenn man sie mit einem
Besen, den man am Karfreitag benützte,
abkehrt 78 ). Im Brandenburgischen wer¬
den vor Sonnenaufgang die Obstbäume
umkehrt, damit keine Raupen in den
Garten kommen 79 ). Die Spree Wälder fe¬
gen die Raupen vom Kohl, wenn eine
Leiche vorbeikommt, und sprechen dabei:
„Nimm mit, nimm mit“ 80 ). Ob die Vor¬
schrift: „Man kehre die Holzlager, die
Werkstätten von Schreinern, Wagnern,
überhaupt von Holzarbeitern, sauber aus,
so kommt der „Wurm“ nicht mehr ins
Holz,“ nur rein praktischen oder einen
bedeutungsvolleren Sinn hat, bleibe dahin¬
gestellt 81 ).
M ) Birlinger Volksth. 2, 78; Aus Schwa -
ben 1, 385; Sartori Sitte 3, 116 Anm.
116; Schönwerth 3, 279; Wuttke 75
Nr. 87; Fogel Pennsylvania 254 Nr. 1319;
Drechsler 1, 81; Knoop Hinterpommem 174;
Reiser Allgäu 2, 114 Nr. 4; Strackerjan 1,
76; Pollinger Landshut 159; Vernaleken
Alpensagen 371; Baumgarten Jahr u. s. Tage
23. 28; Hmtld. 13 (1926), 9. 50 ) Bartsch 2, 261
Nr. 1363; Wuttke 75 Nr. 87. M ) John
Erzgeb. 191. 195; Wuttke 93 Nr. 114.
ß# ) Köhler 357. 369 = Wuttke 83 Nr. 98.
60 ) Kuhn Westfalen 2, 134 Nr. 403; John
Westböhmen 37. fll ) Schramek 136. 255.
® 2 ) John Westböhmen 41; Schönwerth 1, 349.
® 3 ) Drechsler 1, 87. ® 4 ) Meier Schwaben 2,
389 Nr. 54 = Sartori Sitte 3, 145 Anm. 9.
45 ) Veckenstedt Sagen 442 Nr. 71. 72; Bir¬
linger Volksth. x, 472; Witz sehe! Thüringen 2,
190 Nr. 15; Schön werth 3, 379: Köhler 357.
369; Drechsler 2, 3; Wuttke 267 Nr. 393;
Schramek a. a. O.; IAE. 13 (1900), 144;
Schuienburg 253. 6 ®) ZfVk. 14 (1904), 143 =
Sartori 2, 62. Ä7 ) Bartsch 2, 267 Nr. 1387 a. b.
* 8 ) Pollinger 159. ® 9 ) Bartsch 2, 161 Nr. 749.
70 ) Fogel 254 Nr. 1320; 255 Nr. 1323. 71 ) Bir¬
linger Volksth. 1, 468. 72 ) Grohmann Apollo
Smintheusbi =Wu ttke 400 Nr. 615. 73 )Wuttke
416 Nr. 647. 74 ) Birlinger Volksth. 2, 78;
Reiser Allgäu 2, 114 Nr. 4. 7ß ) ZfVk. 4 (1894),
395 - 7e ) Fogel 255 Nr. 1327. 77 ) Ders. 242
Nr. 1250. 78 ) Strackerjan 1, 70 Nr. 76 =
Wuttke 417 Nr. 648; HessBl. 11 (1912), 215 f.;
Bad.Hmt. 1 (1914). 91; Becker Pfalz 242;
Busch Volksglaube 48. 79 ) Engelien u. Lahn
273. 80 ) Schulenburg Wend. Volkst. 242.
8I ) Reiser Allgäu 2, X14 Nr. 5.
5. Kehren wehrt Übel ab bei Umzügen
und Einzügen. Vielerorts gibt es Masken,
die alte Besen tragen und damit die Straßen
kehren. Vülinger und Rottweiler „Wüste“
führen solche Reisigbesen im Zuge mit.
Beim Villinger Narrentreffen 1929 kehrte
ein Rottweüer mit seinem Besen die Straße
(selbst beobachtet) 82 ). Beim Huttier¬
laufen in Tirol kehren die Huttier sogar die
Zuschauer mit einem kotigen Besen tüch¬
tig ab. Auch Kinder tragen zu diesem
Zwecke solche Besen 83 ). In Steiermark
kehren beim Einsammeln der Bausteuer
zwei Burschen den Weg bis zum Neubau 84 ).
1223
kehren, Kehricht
1224
Beim Einbringen des Kammerwagens
kehrt in Böhmen eine Person mit einem
langen Barte den Staub unter den Rä¬
dern weg 86 ). Bei Triberg kehrt eine är¬
mere Person mit einem neuen rotbebän¬
derten Besen vor den Brautleuten her,
wenn sie zum Wirtshaus gehen 86 ). Im
Kanton Bern wird vor dem Taufzug
die Straße gewischt 87 ). Auch in Sontheim
(Württemberg) ist außer Strohstreuen
das Wegkehren üblich, wenn darauf ein
Taufzug kommt 88 ). Am ersten Kirch¬
weihtage geht es manchmal noch zum
Gottesdienst über die frischgekehrte
Straße 89 ). Am Dreikönigstag trug in
Voßwinkel der Mohr gewöhnlich einen
Besen und kehrte damit alles Unglück
aus dem Hause hinaus 90 ).
82 ) Lüers Sitte 23; Jahn Opfer gebrauche 115;
Mannhardt 1, 268 f. 541. 543 — Sartori
Sitte 2, 112; 3, 99 Anm. 4; ZfVk. 8 (1898), 441;
Kuhn Westfalen 2 168; Zingerle Tirol 137
Nr. 1205; Schmitz Eifel i, 20; 2, 41. Abbildung
von ,,Wüsten“ mit Besen in der Hand in Hmtld.
13 (1926), 47. 87 ) Zingerle 136 Nr. 1196; Hör¬
mann Volksleben 12. 14 = Sartori Sitte 3, 100.
M ) Rosegger Steiermark 1, 10. 86 ) John
Westböhmen 161. 88 ) Meyer Baden 297. 87 )
Hoffmann-Krayer-28. 88 ) Höhn Geburt 271.
8# ) Spieß 139; Heßler 2, 575 = Sartori 3,
249. 90 ) Hüser Beiträge 2, 31 = Sartori
3, 79 Anm. 34.
6. Eine beachtenswerte Rolle spielt
das Kehren und der Gebrauch des
Kehrichts bei zauberkräftigen Handlun¬
gen. Will man einen Geist bannen, so
kehre man mit einem neuen Besen das
Geisterhaus aus. An der Stelle, wo er
sitzt, wird er sich kenntlich machen und
wie ein Hund zu heulen anfangen. Ein
im Stall hausender Flaschengeist wird
durch Kehren gebannt 91 ). Der Teufel
und die Hexen werden durch Nachkehren
unschädlich gemacht. Schon das Lukas¬
evangelium (n, 24—26) kennt das Fegen
hinter dem Bösen drein. Wenn der Teufel
dann in sein altes Haus zurückkehren
will, findet er es ausgekehrt und
geschmückt (vermutlich ein Schmuck
aus apotropäischen Zweigen und Bän¬
dern). Gegen diese abweisenden Ma߬
nahmen kommt er allein nicht auf, er
muß andere Teufel, mächtiger (böser) als
er, holen, um sich mit vereinten und ver¬
stärkten Kräften den Wiedereintritt zu
erzwingen. Wenn eine Hexe fortgeht,
schlägt man ein Kreuz und fegt die ganze
Diele rein ab 92 ). Doch genügt auch schon
bloßes Ausfegen, um die Hexe fernzuhal¬
ten. Ein „Zwölftenbesen“ leistet dabei
den wirksamsten Dienst. Eine Unter-
inntaler Hexe „hat nimmer Gewalt, wenn
der Schwazer Besen kehrt“ •»). In der
Ostemacht soll bei den Wenden die Haus¬
frau aus den vier Stubenecken nach der
Mitte zu kehren und den Kehricht auf
die Straße werfen, dann ist das Haus vor
Behexung geschützt 94 ). An und für sich
ist es aber gefährlich und unvorsichtig,
den Kehricht auf die Straße zu schaffen,
die Hexen können ihn nämlich zu ihren
Zaubereien benützen 95 ). Will eine Hexe
das Zaubern erlernen, so muß sie auf
Stubenkehricht treten, den sie selbst
zusammenfegte, und Christum abschwö¬
ren mit den Worten: „Ich tret' auf dieses
Genist Und verschwöre meinen Herrn
Jesum Christ“ 96 ). Will jemand mit den
Vilen (unheimlichen Geistern) Wahl¬
schwesterschaft eingehen, so muß er mit
einem Besen, mit dem noch nie gekehrt
wurde, vor Sonnenaufgang im Hofe um
sich herum einen Kreis auskehren, in die
Mitte treten und eine Formel sprechen 97 ).
Wer in der Georgsnacht mit einem glim¬
menden Besen den Kreuzweg kehrt, dem
erscheint der Teufel 98 ). Will man seinen
Feind böse verzaubern, so nimmt man
einen Besen, mit dem man einem Toten
auskehrte, verbrennt ihn und bestreut
mit der Asche des Besens seinen Feind ").
Hexen verkrümmen und lähmen mißlie¬
bige Menschen, wenn diese in der Stube
zusammenkehren, den Kehricht aber lie¬
gen lassen, denn der Teufel kann sich
leibhaftig dahinter verbergen 10 °). Auch
mit dem Kehricht vor der Haustüre
können sie Lähmungen herbeiführen oder
wenigstens daraus ersehen, was im Hause
vor sich geht 101 ). Wer nicht hexen kann,,
und dennoch weggeworfenen Kehricht
aufhebt, verfällt dem Teufel 102 ). Daher
spuckt man zur Abwehr auf den Haufen,
bevor man ihn aufnimmt, oder auf die
Stelle, von wo man ihn aufgenommen
hat 103 ). Wenn man auf Kehricht pißt„
kehren, Kehricht
1226
bewerfen die Heinzelmännchen, die ihren
Sitz im Kehricht haben, den Menschen
oft mit Ausschlag. Um es zu verhindern,
soll man dreimal ausspucken 104 ). Der
unvorsichtig auf den Düngerhaufen weg¬
geworfene Kehricht wird oft zum Schaden¬
zauber mißbraucht; besondere Vorsicht
ist an Fastnacht geboten 10S ). In der Ober¬
pfalz sagte andeutend das Holzfräulein:
„Wüßten doch die Leut', wozu das Drüpf-
wasser und Auskehricht ist, wenn man
es auf den Mist führt“ 106 ). Trägt man
den Kehricht der Reichen in das Haus
eines Armen, so wird dieser reich und
umgekehrt 107 ). Um Mitternacht kehrt
man Liebeszauber zusammen 108 ). Übles
fügen mißvergünstigte Leute dem Braut¬
paar zu, wenn sie während der Trauung
auf dem Oberboden unter Verwünschun¬
gen hin- und herfegen 109 ). Verhexung
und Unglück behebt man auf folgende
Weise: Vor Sonnenaufgang wird im Na¬
men des Teufels eine Haselgerte ge¬
schnitten, Staub aus allen vier Ecken
zusammengefegt und in einen Sack ge¬
füllt. Dieser wird auf die Schwelle ge¬
legt und mit der Gerte bearbeitet. Jeden
Schlag auf den Sack spürt die Hexe.
Wird „Kutter“ um Mitternacht nackt
zusammen-,,gefirbt“ und ebenso behan¬
delt, dann läßt der Verzauberer mit
Hexen nach no ). Ein Dieb wird ge¬
züchtigt, wenn Staub von überall, wo er
gestanden und gegangen sein kann, inner¬
halb 24 Stunden zusammengefegt und in
einem Hafen zum Sieden gebracht wird;
dann muß der Dieb stark laufen 111 ).
Stubenkehricht wird mit der Asche eines j
verbrannten Brotlaibes vermischt in ein i
Tüchlein gebunden und zur Dämpfung
der Brunst in die Flammen geworfen U2 ).
Mit Kehricht werden Hexenwetter herauf¬
gezaubert. Man wirft ihn zusammen mit
Haaren, Steinen und Glockenspeise ins
Wasser 113 ). Die Magd einer Wetterhexe
sollte bei einem Gewitter mit einem
Ährenbündel den Speicher kehren. Da
sie aber eigenmächtig ein Tannenreis
nahm, füllte sich der Speicher mit Tannen¬
nadeln statt mit den ausgeschlagenen
GetreidekÖmem. Wenn die drei schwar¬
zen Melker fertig waren mit Käsen,
kehrte einer den Boden der Hütte rein
aus, tat den Kehricht in eine Pfanne und
kochte daraus ein Melchermus 114 ).
M ) Kiesewetter Faust 452; Rochholz
Sagen 2, 140. 9 *) Klingner Luther 116;
Schambach-Müller 174 Nr. 193. 2; Bartsch
2, 249 Nr. 1283 t.; Alpenburg Alpensagen 91.
M ) Wuttke Sächs. Volksk. 371. 95 ) Andree
Parallelen 2, 11; Wuttke 83 Nr. 98; 379 Nr.
610; Schönwerth 3, 174; Urquell 4 (1893), 74;
Lammert 38. 96 ) ZfVk. 21 (1911), 295 (Henne-
bergischer Zauber- und Hexenprozeß 1662).
97 ) Krauß Relig. Brauch 104. M ) Wlislocki
Magyaren 166. 99 ) Krauß Relig. Brauch 135.
10 °) ZfVk. 21 (1911)' 2 94 - 101 ) Andree 2, II.
JW) Zingerle 58 Nr. 501. 103 ) Urquell 3 (1892),
56 f.; Seligmann 2, 210. 104 ) Seefried-
Gulgowski 187. 10S ) Wuttke 83 Nr. 98.
Schönwerth 3, 368. 107 ) Grohmann 22
Nr. 1564 — Wuttke 271 Nr. 398. 108 ) Drechs¬
ler 2, 6. 109 ) John Erzgebirge 97. 110 ) Roch¬
holz Glaube 2, 166 = Lehmann Aberglaube
125; Birlinger Schwaben 1, 116 Nr. 13h;
Schmid-Sprecher 87. 1U ) ZfVk. 5 (1895k
279 Nr. 19. 11# ) John Westböhmen 274. n *)
Heyl Tirol 176 Nr. 81; 800 Nr. 242; 437 Nr.
127. n4 ) Ders. 817 Nr. 162.
7. Bei den beiden eben erwähnten
1 zauberischen Handlungen läßt sich be¬
reits ein neuer Sinn des Kehrens erkennen.
Zusammenkehren als Handlung des
Sammelns „bringt zu“. Auch der
Kehricht, das Resultat des Kehrens,
übernimmt von der Handlung diese
Eigenschaft des „Zubringens“. Somit
werden Kehren und Kehricht zum Unter¬
pfand des Erwerbs, des Besitzes, des
Glückes überhaupt, vielleicht aber gerade
auch darum, weil ihm, wie oben gezeigt,
das Verbundensein mit den imheim¬
lichen Geistern zugute kommt. Wenn
man in der hl. Nacht zwischen n und
12 Uhr unter der „Urbete (Obertenne)
firbt“, dann hat man am andern Morgen
in der Urbete alle Arten von Frucht 1U ).
Mancher Kaufmann kehrt den Staub vor
seiner Türe in den Laden, damit er viel
Absatz habe n *). Um Mitternacht vor
der Türe gesammelter Kehricht wird ins
Haus gebracht, um Wirtshausgäste an¬
zuziehen. Umsomehr muß man sich
| daher hüten, abends oder vor dem Morgen
das Lokal zu kehren, da sonst die Gäste
wegblieben 117 ). Auf daß viele Burschen
die Spinnstube besuchten, kehrten die
Mädchen den Kehricht aus allen Winkeln
1227
kehren, Kehricht
1228
des Hauses zusammen und sagten dabei:
„Wir kehren zusammen den Kehricht,
Jünglinge und Witwer; es komme, wer
wolle, von Berg und Tal und von der
Scheuer“ 118 ). Scherzweise fegen beim
Auskehren die Mädchen um einen Jüng¬
ling herum, damit die Bräute um ihn
herumgehen 119 ). Ist dagegen jemand mit
Vieh auf dem Markte, so darf in seinem
Hause nicht gekehrt werden, sonst fegt
man ihm die Käufer weg 120 ). Neue
Hunde werden anhänglich gemacht, wenn
man drei Haarbüschel von ihnen an einen
Ort legt, wo man sie nicht auskehrt 121 ).
Die Fischer in den Masuren legen, wenn
sie fischen gehen, etwas Kehricht in das
Netz, das bringt Erfolg. Wird in Ost¬
preußen etwas aus dem Hause zum Ver¬
kaufe geführt, so wirft man eine Hand¬
voll Kehricht hintennach, dann hat man
Glück 122 ).
118 ) Krauß Relig. Brauch 127; Lachmann
Überlingen 400. 11Ä ) Grohmann 223 Nr. 1561
= Wuttke 454 Nr. 718. 11? ) Meiche Sagen
493 Nr. 641 (zu Budissin, Lausitz 1677); Haupt
Lausitz 1, 195 Nr. 228; John Westböhmen 251;
Strauß 286. 118 ) Grohmann 147 Nr. 1085;
Urquell 1 (1890), 12 Nr. 13. 12 °) Wuttke 450
Nr. 710. m ) Drechsler 2, 96; Haustiere 10.
m ) Toppen Masuren 94. 102; Frischbier
Hexenspr. 158; Wuttke 453 Nr. 716; IAE. 13
(1900), 155; Wuttke 450 Nr. 710.
8 . Als heilkräftige und apotropäische
Substanz kommt der Kehricht bei Krank¬
heitsfällen in Anwendung. Wer Warzen
vertreiben will, muß Auskehricht nehmen,
dreimal kreuzweise diese drücken und
sprechen: „Im Namen . . .“ 123 ). Für
Kolik wird Stubengemill (Gemüll) ver¬
schrieben 124 ). Besteht der Verdacht
einer Behexung, so sind Räuchereien mit
Kehricht aus den vier Winkeln ange¬
bracht 125 ). Wenn Kinder unruhig schla¬
fen, müssen sie verhext sein. Daher kehrt
man aus allen Ecken Kehricht zusammen
und legt ihn unter das Bett oder unter
den Kopf. Dieser Vierwinkelstaub ver¬
treibt die Geister, die das Kind quälen 128 ).
Daher darf die Wöchnerin unter der Wiege
nicht wegkehren, sie nähme sonst dem
Kinde die Ruhe 127 ), nach dem Aus-
£ an g ginge ihr der Segen der Kirche ver¬
loren 118 ). Auch bei Erwachsenen darf
man nicht unter dem Bett feeren. weil sie
sonst neun Tage nicht mehr schlafen 129 ).
Gegen das drei tätige Fieber ist siebenerlei
Kehricht aus sieben (semitisch!) Tür¬
angeln umzubinden 130 ). Wöchnerinnen
werden durch Aufstreuen von Kehricht
auf die Brüste oder durch Räucherung
mit den Spänen des Besens, womit das
Zimmer gekehrt wird, geschützt m ).
Damit die Nachgeburt nicht anwachse,
soll die Schwangere täglich die Stube aus¬
kehren 132 ). Ein südslavischer Zauber¬
spruch lautet: „Drei Jungfräulein, Drei
Schwesterlein, Jede trägt ein Beslein, —
Um von des Petrus getauftem Leibe die
Krankheit wegzukehren“ 133 ). Hat ein
Tier infolge Behexung Krämpfe, so jagt
man es mit einem Kehrbesen aus dem
Stalle. Hier zeigt sich bereits die Ab¬
schwächung des Auskehrens. Das In¬
strument vertritt die ursprüngliche Hand¬
lung 134 ). In Ostpreußen wird der in den
Zwölften gesammelte Kehricht verbrannt
und als ,, Zwölf tenasche“ aufbewahrt,
damit später das weidende Vieh gegen
Verhexung damit bestreut werden kann
136 ). Der Wechselbalg muß mit einem
alten Besen vor die Tür gefegt werden,
dann bringen die Zwerge das geraubte
Kind wieder 136 ). Kehricht wird den
Kühen, die gekalbt haben, in die Tränke
gegeben 137 ). In einem St. Lambrechter
Prozesse von 1614 bekennt der Ange¬
klagte, er habe von einer Sennerin gelernt,
daß, wenn die Kühe dem Stiere nicht
zugehen wollten, man die Stube neunmal
fegen und den Kehricht den Kühen zum
Fressen geben solle; dann würden diese
trächtig werden 138 ). Bei St all Verhexung
wird Kehricht unter der Stallschwelle
vergraben, über die das Vieh schreiten
muß 139 ). Vermöge seiner übelabwen¬
denden Kraft wird der Kehricht gemein¬
hin als Sitz des häuslichen Friedens und
Glücks angesehen. Als glückbringendes
Symbol und Pfand heilt der Stuben¬
kehricht das Heimweh 140 ). Man näht
dem Scheidenden etwas Kehricht in ein
Kleidungsstück 141 ), oder gibt ihn in eine
Eierspeise oder in der Suppe, auch im
Kaffee und im Kuchen. Hauptsächlich
Bräute und Dienstboten werden auf diese
Weise gegen Heimweh gesichert 142 ). Mit
1229
kehren. Kehricht
1230
Kehricht muß, soll das Glück nicht ver¬
scherzt werden, sorgsam umgegangen
werden. Man darf ihn daher nicht über
die Schwelle fegen oder gar auf den Mist
werfen, da man das Glück fortwürfe 143 ).
Hebt man den Kehricht auf, so hat man
immer viel Geld im Haus 144 ).
123 ) Drechsler 1. 45; Veckenstedt Sagen
457 Nr. 29. 124 ) Höhn Volksheilkunde 1, 110.
1M ) Grimm 3, 334 Nr. 2 (Rockenphilosophie);
Busch Volksglaube 69; Schönwerth 1, 187.
1W ) John Erzgebirge 55; Köhler 432; Drechs¬
ler 1, 210; Meyer Baden 374; Volksk. 105;
Haltrich Siebenb. Sachsen 260; Wuttke 386
Nr. 587; ZfVk. 21 (1911). 295. 127 ) Drechsler
1, 205. 128 ) Ders. i, 188. 129 ) Wuttke 313
Nr. 463. 13 °) Blau Zauberwesen 73. m )
Grimm 3, 460 Nr. 731; Birlinger Schwaben
1, 394. 132 ) John Westböhmen 101. 133 ) Krauß
Relig. Brauch 49. 134 ) Drechsler 2. 252;
Samter Geburt 34. 136 ) Frischbier 143. 148.
13c ) Kuhn u. Schwartz 424 Nr. 227. 137 )
Meyer Baden 374; Wuttke 442 Nr. 697.
138 ) ZfVk. 7 (1897), 191. 13# ) John Westböhmen
320. 14 °) ZfVk. 23 (1913). 283; Sartori 2, 47.
50. 141 ) Finder 2, 226; Meyer 374. 142 )
Bohnenberger 20; Meyer 374. 143 ) Groh¬
mann 223 Nr. 1563; Urquell 1 (1890), 48 Nr. 29
(Ostpreußen); John Erzgebirge 1, 36; ZrwVk.
1905. 205; ZfVk. 20 (1910)» 383 Nr. 33; 24
(i 9 M)» 57 Nr. 40; Wuttke 397 Nr - 6lo i Finder
2, 221. 143 ) Veckenstedt 434 Nr. 8. 144 )
John Erzgebirge 183. 193; Sartori 3, 145. I
9. Gar wichtig ist die Richtung, in der
das Kehren vorzunehmen ist. Man muß
von der Türe nach der Mitte des Raumes,
also „zubringend“ kehren 145 ), im Stall
nur von der vorderen Tür nach der hinte¬
ren, andernfalls geht das Glück zum Stall
hinaus 146 ). Treppen sind von unten nach
oben zu kehren, damit der Segen in das
Haus hinein-, bzw. hinaufgekehrt wird 147 ).
Ehe die Neukonfirmierten zum Abend¬
mahl gehen, kehrt man das Haus von
unten herauf bis zur Wohnung, nur vor¬
wärts, nie zurück. Der Kehricht wird
ein Jahr lang als segenbringend auf-
bewahrt 148 ). Daher darf man auch
Spinnweben in der Stube nicht von unten
nach oben abfegen, man will sie ja los¬
werden 149 ). Günstige Kehrtage sind Neu¬
jahr, Fastnacht, Gründonnerstag und
Karfreitag. Der „Osterputz“ hat sich
bis heute gehalten 150 ). Kehrt man am
Jahresende, dann wird das neue Jahr
glücklich. Dieses darf keinen Kehricht
vorfinden. Fegt man nicht noch in der
Silvesternacht, so herrschen Unordnung
und Krankheiten im neuen Jahr 161 ).
Den Kehricht verbrennt man im Ofen;
das schützt gegen Einschlagen und bringt
Glück 162 ). Besen, mit denen man die Kir¬
che kehrt, verhelfen besonders zum
Glück 153 ). Daher soll man das Haus mit
einem solchen Besen kehren oder wenig¬
stens Kirchenkehricht hinein tragen, wenn
man das Glück fest halten will 164 ). Das
Getreide muß mit einem „Zwölftenbesen“
zusammengekehrt werden, wenn es nicht
brandig werden soll 155 ). An Pfingsten
bringt die Reinigung des Hauses mit
gelbblühenden Ginsterbesen Glück. Im
Lüdenscheidschen werden den Kühen am
ersten Pfingsttag weiße Besen ans Horn
gebunden. Mit diesen Besen wird an
manchen Orten durch das Haus gekehrt
156 ). Am dritten Pfingsttag wird die Dorf¬
quelle gefegt, mancherorts in der Mai¬
nacht. Doch ist unter diesem Fegen eine
bloße Reinigung zu verstehen 157 ). Auf
einen uralten magischen Frühlingszauber
mag das „Lerchenfegen“ (s. d.) zurück¬
gehen. An Lichtmeß bewaffneten sich die
Twieflinger Bur sehen mit Besen, gingen am
frühen Morgen aufs Feld und fegten die
Lerchen, indem sie ihnen zuriefen: „Lereke,
du fule Su, Wir sünd ehr opestan wie
du“ lß8 ). Da die Feldlerche als Früh¬
lingsbote (bisweilen erscheint sie schon
Anfang Februar) 159 ) und als einer der
frühesten Vögel am Morgen gilt, wird sie
mit dem Besen aufgescheucht. Wenn
flug vom Tagesbeginn nicht zu trennen
vermag, so muß nach eben dieser Vor¬
stellung klärlich der Tag früher an¬
fangen, wenn die Lerche zu noch früherem
Auf fliegen aufgestöbert wird. Je länger
der Tag aber wird, desto rascher muß es
Frühling werden. Rituelle Ungeduld
kann seinen normalen Eintritt nicht er¬
warten, durch die magische Handlung
wird der Zeitablauf beschleunigt. Mehr
praktischen Zweck verfolgt „Petri St aul¬
fege“. Am 22. Februar (Petri Stuhl¬
feier) werden die Bienenstöcke gefegt 160 ).
Am gleichen Tage bringt man in der
Werragegend den „Petersdreck“, einen
Topf mit Leinsamen, Kehricht und Flachs-
1231
kehren, Kehricht
1232
abfall und wirft ihn mit dem Rufe: „So
hoch soll der Flachs werden!“ in die
Stube (Fruchtbarkeitszauber ) 161 ).
145 ) Urquell 1 (1890), 48 Nr. 27; 4 (1893), 94
Nr. 43; Sartori 3, 63; Wlislocki Magyaren
84; ZfVk. 4 (1894), 319. 148 ) Kohlrusch 341.
147 ) J°h n Erzgebirge 193 = Wuttke 397 Nr.
610; Sartori 3, 145. 148 ) John Erzgebirge 67.
14# ) Wuttke 397 Nr. 610. 16 °) Sartori 3, 40.
145; John 193; Wlislocki 84; Kuhn West¬
falen 2, 167 Nr. 469; Fogel 251 Nr. 1300;
Lippert Christentum 465. 615. 151 ) Grabinski
Sagen 53 = Sartori 3, 63; John 183. 152 )
Fogel 251 Nr. 1300; Sartori 3, 145. 1M )
Grohmann 223 Nr. 1562. 1M ) Wuttke 144
Nr. 198; 397 Nr. 610. 156 ) ZfVk. 1 (1890), 394.
X58 ) Kuhn Westfalen 2, 167 Nr. 469; Jahn
Opfergebräuche 310; Meyer Baden 97; Sartori
Westfalen 161 f. ~ Sitte 3, 195 Anm. 14; 207
Anm. 52. 157 ) Grohmann 52 Nr. 333; Schell
Berg. Volksk. 98; DWb. 3, 1414. 158 ) ZfVk. 12
(1902), 342; Sartori 3, 86. 1S9 ) Brehm Tier¬
leben 9, 546. 18 °) Bartsch 2, 253 Nr. 1317.
lö1 ) Witzschel 2, 189 = Jahn 114 = Sar¬
tori 3, 89.
10. Die Kehr verböte sind zahlreich.
Wer Brot backen will, darf nicht kehren,
solange der Teig im Trog ist, das Brot
geht nicht in die Höhe (hier scheint ein
Racheakt der durch das Kehren auf¬
gescheuchten Geister vorzuliegen), oder
man kehrt ein Brot (Hausglück) mit
hinaus 162 ). Beim Ausfegen der Korn-
und Mehlkasten darf nicht alles aus¬
gefegt werden; bleibt kein kleiner Rest,
so gerät man in Not 163 ). Brotabfälle
dürfen auf dem Schiff nicht ausgekehrt
werden, sonst fressen die Ratten das
Mehl auf (Ablösungsopfer) 164 ). Wenn
die erste Fuhre Korn eingefahren wird,
soll man das ausgefallene Korn, das nach
dem Abladen auf dem Wagen bleibt,
nicht abfegen, sondern wieder mit auf
das Feld nehmen; dann kommen in die
Scheune keine Mäuse 165 ). Spinnweben
im Stalle darf man nicht abkehren, denn
sie verzehren das Gift, auch bringen sie
Glück und Segen ins Haus 168 ). Da die
Spinne aber auch als giftig gilt, bringt
das Abkehren der Spinnen dem Vieh
Gedeihen 167 ). Beim Kehren im Hof
werden Staubwolken aufgewirbelt, die
das Wetter herbei ziehen. Daraus er¬
klärt sich, warum das Wetter schlecht
wird, wenn man den Hof kehrt. Der
alte Wetterzauber wird nicht mehr ver¬
standen 168 ). Man soll beim Stuben-
fegen nicht mit heißem Wasser sprengen,
es gibt sonst Zank im Haus (die Haus¬
geister leiden im Kehricht, werden da¬
durch aufgebracht und stiften Unfrie¬
den) 169 ). Beim Fegen darf der Kehricht
nicht über die Schwelle gefegt werden,
weil sonst das Brot aus dem Haus ge¬
kehrt wird. Daher wird er vor der
Schwelle aufgehoben 17 °). Bei den Bul¬
garen darf kein Mädchen die Türschwelle
selbst kehren, sonst werden die Brüste
groß, was nicht schön, sondern ein
Kennzeichen der „Pestfrauen“ ist. Wenn
beim Bettmachen Stroh in die Stube ge¬
fallen ist, muß man es mit der Hand auf-
heben und wegtragen; es darf nicht aus¬
gefegt werden, sonst kommt es zu Un¬
stimmigkeiten zwischen den Eheleuten 171 ).
Besonders abends hat man das Kehren
zu unterlassen. Der Kehricht muß im
Hause bleiben, weil er leicht von den
nächtlichen Unholden zum Schadenzauber
mißbraucht werden könnte 172 ). Mit dem
Kehricht werden abends die Armen Seelen
ausgekehrt, oder die Mutter Gottes wird
dadurch vertrieben 173 ). Auf dem Besen
reitet dann der Teufel 174 ). Ist man aber
dennoch gezwungen, nachts zu kehren,
so versenge man vorher, um den Bösen
zu verscheuchen, die Spitze des Besens.
Dadurch wird, was im Besen sitzt, un¬
schädlich gemacht. Man kann mit leich¬
ter Mühe aus den eben angeführten
Stellen eine christliche Umfärbung er¬
kennen 175 ). Nach französischer Volks¬
meinung stirbt der Hausherr, wenn nach
Sonnenuntergang noch gefegt wird, be¬
sonders, wenn es am Palmsonntag ge¬
schieht 176 ). Abends darf man nicht
kehren, weil man dann nicht schlafen
kann oder der Erwerb gemindert wird.
Nach Sonnenuntergang soll man nicht
den Schafstall fegen, denn die Tiere er¬
kranken. Im Unter harz kehrt man aus
diesem Grunde schon nach der Vesper¬
stunde (3 Uhr) die Stube nicht mehr
gern aus, um das Glück nicht fortzu¬
schaffen 177 ). Am Einzugstage dürfen
vor Sonnenaufgang die Türstufen nicht
gekehrt werden m ). Das Kehren in der
Mittagsstunde ist nicht ratsam, weil der
i
i2 33 kehren,
Segen herausgefegt wird 179 ). Mittwoch
und Freitag dürfen die Ställe nicht aus¬
gemistet werden 180 ). Vor den Hoch¬
festen (Weihnachten, Ostern und Pfing¬
sten) soll das Fegen unterbleiben, haupt¬
sächlich vor Weihnachten 181 ). Binnen
Jahresfrist stirbt ein Mensch, wenn am
hl. Abend die Treppe gescheuert ward 182 ).
In den hochheiligen und unheimlichen
Zwölften unterlasse man das Kehren; kein
Kehricht darf in der Stube liegen, auch
nicht über die Schwelle hinausgetragen
werden 183 ). Während der Zwölfnächte darf
kein Stall ausgemistet werden, sonst ver¬
liert man im Laufe des Jahres ein Tier 184 ).
181 ) Grimm 3, 435 Nr. 33 (Rockenphilo¬
sophie); Birlinger Schwaben 1, 414; MschlesVk.
8 (1901), 27; Fogel 188 Nr. 917; IAE. 13 (1900),
143 Anm. 1; 155 Anm. 13. 183 ) Meyer Aber¬
glaube 225 f. 184 ) Bartsch 1, 52 Nr. 46. m )
Ders. 2, 311 Nr. 1509. 188 ) Wuttke 440 Nr.
692; Drechsler 2, 220. 187 ) Panzer Beitrag
2, 298. lfl8 ) Reiterer Ennstalerisch 59. 189 )
Grimm 3, 448 Nr. 424 (Rockenphilosophie).
17 °) Urquell 1 (1890), 48 Nr. 29; 3 (1892), 246
Nr. 20; ZfVk. 24 (1914). 57 Nr 4 ° m ) Strauß
299; Krauß Relig. Brauch 59; Finder 2, 221;
372 ) Wuttke 397 Nr. 610; ZfVk 1 (1891), 188;
John Erzgebirge 36; Toppen 94; Engelien u.
Lahn 267 Nr. 160; Bartsch 2, 198 Nr. 937;
Drechsler 2, 6; Sartori 2, 47; Finder 223;
S^billot Folk-Lore i, 136 f.; Fogel 109 Nr.
468 ff. 173 ) S6billot 1, 136; Samter 38 Anm. 1.
174 ) Urquell 1 (1890), 48. 176 ) Abeghian Ar¬
menien 32. 178 ) S6billot 1, 137. 177 ) Urquell
4 (1893), 74 Nr. 5; Veckenstedt 434 Nr. 8;
Bartsch 2, 132 Nr. 559; Strauß 286; IAE. 13
(1900), 155. 178 ) John 28. 179 ) Engelien u.
Lahn 268 Nr. 160; John 36. 18 °) Fogel 258
Nr. 1347t. l81 ) Strackerjan 2, 34 Nr. 290;
ZfVk. 4 (1894). 313; John 36; Müller Iser-
gebirge 30. 182 ) John 113. 183; ZföVk. 4 (1898),
218 Nr. 567; Kuhn 2, 113 Nr. 338; Wuttke
64 Nr. 74; Finder 175; Frischbier 143.
1M ) Bartsch 2, 245 Nr. 1270 a; 247 Nr. 1275 a =
Sartori 3, 24.
11. Wer sich aber in dieser Zeit an die
Verbote nicht hält, der kann die Zu¬
kunft erfahren. Am hl. Abend wird in
der Meßkircher Gegend der Tennenboden
sorgfältig ausgekehrt, so daß manche
Körner vom „Obertenloch“ herabfallen.
Am Christmorgen schaut man nach, von
welcher Fruchtsorte die meisten Körner
auf dem Boden liegen; diese wird be¬
sonders gut geraten 185 ). Ein ähnlicher
Brauch war in der Eifel üblich. Nur
kehrte man dort den Feuerherd in dem
Kehricht 1234
Glauben, es falle in dieser Nacht Frucht
vom Himmel 186 ). Im Erzgebirge muß
die Scheunentenne bis zum hl. Abend
gesäubert sein; diese Reinigung soll gute
Frucht bewirken. Nach früherer Ansicht
sollte sie herumziehenden Geistern als
Tanzplatz dienen 187 ). In manchen Ge¬
genden Ungarns glaubt man den Gesang
der Engel hören zu können, wenn man
in der Weihnacht das Haus umkehrt,
den Kehricht hinausträgt und sich auf
den zu Boden geworfenen Besen stellt 188 ).
In Schleswig-Holstein fegt man in der
letzten Nacht des Jahres aus allen vier
Ecken der Stube hervor. Aus einer Ecke
wird dann das herausgekehrt, was einem
im kommenden Jahre bevorsteht 189 ).
I Aber auch in gewöhnlichen Zeiten zeigen
Kehren und Kehricht Künftiges an.
Beim Lotto gewinnt, wer morgens Keh¬
richt vor der Türe findet. Bleibt morgens
beim Auskehren ein Strohhalm in der
Stube liegen, so kommen Gäste oder
Besuch 180 ). Ein Mädchen unterbreche
das Fegen des Zimmers nicht, da sie sonst
von ihrem Bräutigam verlassen wird.
Wenn ein Mädchen beim Zimmerkehren
aussetzt, dann glaubt man, daß es mitten
im Tanze im Stich gelassen werde 191 ).
Wenn man im Traum das Zimmer
kehrt, hat man das ganze Jahr hin¬
durch eine schmutzige Wohnstube m ).
Starkes Interesse bringen unverheiratete
Mädchen dem Orakelkehren in bestimmten
Nächten entgegen 193 ). Der bekannteste
Termin ist St. Andreastag 194 ). Als ge¬
eignetste Stunde hierfür gilt die Stunde
vor Mitternacht. Auf den Tisch wird
ein brennendes Licht gestellt, das Mädchen
zieht sich splitternackt aus, kämmt die
Haare und kehrt rückwärts mit einem
neuen Besen die Stube aus, in der Rich¬
tung von der geöffneten Türe nach dem
Tische hin. Dabei blickt sie immer nach
dem Tisch, wo der Zukünftige sitzen
wird. Der kommende Ehemann läßt sich
zuweilen auch im Spiegel erblicken 195 ).
Im Vogtland deckt sie außerdem den
Tisch mit neunerlei Speisen, rückt einen
Stuhl an den Tisch und spricht dann
Schlag zwölf Uhr folgenden Vers: „Deus
I meus, Heiliger Andreus, laß mir er-
1235
kehren, Kehricht
1236
scheinen Den Herzallerliebsten mei¬
nen“ 196 )! Im Schwäbischen wird erst Blei
gegossen, dann ausgekehrt, doch den
Stubenteil, wo das Kruzifix hängt, muß
man immer im Rücken haben. Mit dem
linken Fuß geht man dann zu Bett, aber
ohne Weihwasser. Um zwölf soll man
einen Apfel essen und dann zum Fenster
hinausschauen 197 ). In Schmieheim (Ba¬
den) klopft man nach dem Fegen unter
Anrufung der Dreifaltigkeit an die drei
vorderen Bettstellen, und der Bräutigam
zeigt sich 198 ). Eine anschauliche Schil¬
derung enthält die loseifernde Predigt
des Jesuiten Scherer auf St. Andreas¬
tag 1683: ,,. . . daß die fürwitzigen Magd
und Jungfrauen an seinem heiligen Abend
zauberische Losung zu gebrauchen pflegen,
damit ihnen die Männer, welche sie künf¬
tig zur Ehe nehmen werden, im Schlaf
oder sonst erscheinen sollen, kehren zu
dem Ende die Stuben hinter sich aus,
decken den Tisch und was des Narren¬
werks mehr ist. Solches kommt von
St. Andreas nicht her, sondern vom
Teufel . . . Wenn ich Hausvater oder
Hausmutter wäre, wollte ich solche Stu¬
benkehrerin mit dem Stiel vom Besen
dermaßen traktieren, daß sie hinfür keine
Lust haben sollte, an St. Andreä Vigilia
und an anderen heiligen Abenden mit
solcher Gauklerei umzugehen“ 199 ). Kehrt
man die Stube rückwärts aus und trägt
man den Kehricht rücklings hinaus, so
sieht man den Andreas, der einem weis¬
sagt *°°), oder man sieht den Liebsten
unter der Türe oder im Traume, auch
einen Sarg, wenn es nicht zur Heirat
kommen soll* 01 ). Im Wendischen be¬
fragen die Mädchen dieses Eheorakel am
ersten Adventssonntag *° 2 ). Kehrt man
in der Thomasnacht die Stube aus, nackt
und hinterfür, so sitzt St. Thomas hinter
dem Ofen und zeigt das Handwerk des
zukünftigen Mannes an * 03 ). Abraham a
St. Clara berichtet in ,,Judas der Erz¬
schelm“, wie in dieser Nacht der Teufel
einer losenden Magd erschienen sei und ihr
mit der Beißzange einen Zwicker versetzt
habe 204 ). Nicht verwunderlich mag es er¬
scheinen, wenn in der Heiligen Nacht das
Brautorakel häufig angegangen wird 206 ).
Nach der Rückkehr von der Mitter¬
nachtsmette kehrt die Maid die Stube und
streut im Freien Kehricht gegen Osten
hin; dann horcht sie, aus welcher Richtung
Hundegebell dringt, in diese Richtung
wird sie heiraten 206 ), oder von welcher
Seite zuerst ein Hahn kräht, daher kommt
der künftige Mann 207 ). Wenn die Magd
ihren Herrn erblickt, so stirbt dessen Frau,
und der Herr wird die Magd heiraten 208 ).
Wenn man in der Mettennacht das Vor¬
haus kehrt und auf einen dreibeinigen
Stuhl, der aber genau in der Mitte des
Vorhauses stehen muß, ein Licht an¬
zündet, so kommt der Zukünftige, nimmt
das Licht und setzt sich auf den Stuhl 208 ).
Ebenso aufschlußreich ist die Silvester¬
nacht 209 ). In Schlesien stellen sich die
Mädchen auf den zusammen gekehrten
Kehrichthaufen, laufen von dort hinaus
an einen Gartenzaun und rütteln an ihm.
Der Bursche aus dem Dorfe, den sie am
nächsten Morgen zuerst erblicken, wird
ihr Freier sein 210 ). In Mecklenburg
schaut das Mädchen nach dem Ausfegen
in den Ofen oder in eine Schüssel, wo es
den kommenden Gatten sieht 211 ). In
Ostpreußen wird die Stube gefegt, mit
Sand bestreut und stark geheizt, damit
es den Engeln behaglich werde (christlich
umgebogen) 212 ). In Tirol wird in der
Dreikönigsnacht das Orakel befragt 213 ),
in Hessen und in Waldeck an Pauli Be¬
kehrung 214 ), in anderen Gegenden in der
Matthiasnacht 215 ). Ein Liebesorakel ver¬
langt, daß ein Mädchen in der Osterwoche
nackt einen Tisch scheuere, dann erscheint
ihr der Liebste durch den Schornstein,
aber nur, wenn er treu geblieben ist 216 ).
1M ) Meyer Baden 488; Birlinger Volksth.
1, 465; Meier Schwaben 2, 462 Nr. 203; Vecken-
stedt 438 Nr. 30. Vgl. Strackerjan 1, 106.
185 ) Schmitz Eifel i, 4 = Sartori 3, 44 Anm.
103. > 87 ) j ohn l5J i8 8 ) ZfVk (1894). 313.
185 ) Handelmann Weihnachten in Schleswig-
Holstein (1866) 59. 1W) ) Reinsberg-Dürings-
feld Ethnograph. Curiositäten 2, 117; Knoop
Hinterpommern 183; Wuttke 209 Nr. 290;
Bartsch 2, 132 Nr. 558 a; Finder 2, 220. m )
Urquell 4 (1893), 275 Nr. 19; ZföVk. 3 (1897),
21 Nr. 123. m ) SchwVk. 10, 31. m ) Verna-
leken Mythen 330; ZfVk. 4 (1894), 315;
Wuttke 251 Nr. 362; Ranke Volkssagen 27;
Hoffmann-Krayer 96; SAVk. 21 (1917), 43
Nr. 41; 226 Nr. 4. 194 ) Reinsberg Festjahr
1237
kehren, Kehricht
1238
353; Meier 2, 455 Nr. 187; Schönwerth 1, 142;
Busch 92; Lütolf Sagen 103. Vgl. oben 1, 399.
w ) Meyer Baden 168. 1M ) Köhler 383. 187 )
Birlinger Volksth. 1, 341. 188 ) Meyer 168.
* w ) Wrede Rhein. Volksk. 126. 20 °) SAVk. 2,
216. 201 > SchwVk. 3. 88; Meyer 168. 202 )
Veckenstedt 444 Nr. 95. 203 ) Birlinger
Volksth. 1, 341. 204 ) Alemannia 17 (1889), 93.
20ft ) Vernaleken 339 Nr. 32; Birlinger i,
467; Grimm 3, 451 Nr. 507; SchwVk. 3,
88 ff. 20Ä ) ZfVk. 4 (1894), 315. 207 ) Wuttke
238 Nr. 34; Vernaleken 330; Fehrle Volks¬
feste 13. 208 ) Meier 2, 455 Nr. 187; Baader
Sagen 368 Nr. 416; Baumgarten Jahr u. s.
Tage 11. 208 ) Witzschel 2, 180 Nr. 67; Bir¬
linger 1, 469; Drechsler 1, 47; Fogel 60
Nr. 182; Heßler 2, 482; Dähnhardt Volkst.
1, 78. 21 °) Drechsler 1, 23. 211 ) Bartsch
2, 238 Nr. 1236 a; 240 Nr. 1244. 212 ) Wuttke
65 Nr. 75. 213 ) Heyl Tirol 753 Nr. 12. 214 )
Curtze Waldeck 397 Nr. 131; Heßler 2, 176;
Sartori 3, 82 Anm. 2. 216 ) Curtze 397 Nr - > 3 2 i
Wuttke 250 Nr. 362. * 18 ) Andree Braun¬
schweig 338.
* 12. In der Sage wird Kehricht als Lohn
für erwiesene Dienste angeboten. Beson¬
ders Hebammen und Frauen, die den
Nixen, den Zwergweiblein oder der Frau
des Wassermanns bei der Geburt Hilfe
leisteten, werden mit Kehricht abgegolten.
Das Verhalten der Beschenkten ist
meistens gleich. Voll Unwillen schütten
sie den Kehricht weg. Zu Hause aber ent¬
decken sie dann, daß der Kehrichtrest, der
etwa noch in der Schürze geblieben ist,
sich mittlerweile in reines Gold verwandelt
hat. Eine Bäuerin erhält für den Paten¬
dienst bei den Erdmännlein ,,Stuben-
wischete“ angeboten, die sie zurückweist
* 17 ). Wer aber den Kehricht nach Hause
bringt, und sei es nur aus Versehen, findet
sich mit einer Schürze Gold belohnt 218 ).
Ein Bursche, der das Wohlgefallen des
Wassermanns erregt hat, bekommt von
diesem zu seiner Verwunderung ein Sack¬
tuch mit Kehricht geschenkt, der sich
später in Silbermünzen verwandelt 219 ).
Ein Nagelschmied, der in einem verwun¬
schenen Berg einen Sack Nägel gegen
Kehricht ausgetauscht hat, findet statt des
Kehrichts das reinste Gold **°). In Mähren
war an einem Karfreitag ein Mädel in eine
unheimliche Ruine gegangen. Für den
Dienst des einen Tages (nach der Rückkehr
stellte es sich aber heraus, daß es ein ganzes
Jahr gewesen war) bekommt es Kehricht
geschenkt, der sich bei der Heimkehr als
Goldmünzen erwies 221 ). Wer im Leben
säumig war beim Kehren, muß nach dem
Tode als Geist umgehen und die Straße
kehren 222 ). Vor Sonnenuntergang muß
alles in der Stube gereinigt sein, wer mit
dem Fegen noch nicht fertig ist, setzt die
Arbeit nach dem Tode fort 223 ). Haben
die Mädchen Kehricht in den Ecken ge¬
lassen, so sagt die Mutter: „Wart' nur,
Frau Bercht kommt, schneidet dir den
Bauch auf und füllt ihn mit Kehricht“ 224 ).
In Nürnberg meint man, alte Jungfern
müßten mit den Bärten alter Junggesellen
den weißen Turm fegen 225 ). Der Platz um
das Teufelsloch bei Oberehrendingen ist
stets reingefegt wie auch andere geheiligte
Orte 226 ). In der Kirche zu Stephans¬
bergham scheuern zwei Erdmännlein
nachts das Pflaster. Darum ist es immer
rein und braucht vom Meßner nicht gefegt
werden 227 ). Das Aschen weiblein zu Zittau
zeigte in der Neujahrsnacht durch Zu¬
sammenkehren des Schnees die Einäsche¬
rung der Stadt an, bei der es nachher die
Asche kehrte 228 ). Kehrte nach einer
schwedischen Sage die Pestjungfrau vor
dem Tor, dann starben alle im Dorfe 2a9 ).
217 ) Künzig Schwarzwaldsagen (1930) 151.
218 ) Kühnau Sagen 2, 317. 233 f. 342 f.; Huber-
Zaural Kronenberg 21; Wolf Beiträge 2, 291;
Gander Niederlausitz 55 Nr. 137. 158; Kuhn
u. Schwartz 174; Hoffmann Ottenau 100.
*>•) Kühnau 2, 336 f. 22 °) Vernaleken 110.
221 ) Ders. 137 i. * 22 ) Birlinger Aus Schwaben
1, 210 = Waibel u. Flamm 1, 269. 213 )
Schönwerth 3, 279. m ) Panzer Beitrag i,
247; Andree-Eysn Volkskundliches 159;
Wuttke 27 Nr. 25. ***) Lammert 153. 224 )
Rochholz Sagen 1, 258. ,27 ) Pollinger Lands¬
hut 122. 228 ) Meiche Sagen 197 Nr. 266. 22f )
Grimm 2, 994.
13. An manchen Orten Niedersachsens
muß sich die Braut vor dem Eintritt in
das Haus die Füße mit einem Besen ab¬
kehren (apotropäisch) 230 ). Viele Scherben
am Polterabend bringen Reichtum. Die
Braut muß diese selbst zusammenkehren
(zubringend) 231 ), nachdem sie einmal
darüber hinweggegangen ist 232 ). Das
beim Br aut bet t machen heruntergefallene
Stroh wird mit einem neuen Besen zu¬
sammengeholt und dieser dann unter das
Bett gelegt 238 ). Bei der Rückkehr von
der Trauung ergreift die junge Frau den
Besen und kehrt damit, um zu zeigen, daß
1239
Reich-Kelch
1240
sie etwas von der Arbeit verstehe 234 ). Er¬
hebt man sich in Polnisch-Oberschlesien
von der Hochzeitstafel, dann sucht die
Braut geschwind einen Besen und kehrt
die Knochen aus der Stube. Vergißt sie
es, so tut es der Brautdiener, dem sie ein
Strafgeld bezahlen muß 235 ). Im Jever¬
lande tanzt der Lader mit dem Besen,
nachdem er die Tenn vorher damit gefegt
hat 236 ).
23 °) Heßler 2, 68. 131 ) Dähnhardt Volkst.
1, 87. 232 ) John 91. 233 ) Wuttke 374 Nr. 568.
*“) Sartori Westfalen 94; Sitte 1, 65. 238 )
Drechsler 1, 273. * 36 ) Sartori Sitte 1, 107
Anm. 16.
14. Im altgermanischen Rechtsleben
wurde eine Besitzübertragung durch Auf¬
werfen von Kehricht wirksam. Nach sali-
schem Gesetz (L. S. LVIII) raffte der
Landesflüchtige Chrenecruda d. i. Staub
aus den vier Winkeln seiner Hütte zu¬
sammen und warf ihn auf seine Ver¬
wandten, um sie zu Besitzern seines
Hauses zu machen 237 ).
537 ) Meyer Volksk. 106 — ZfVk. 21 (1911),
*95. Karle.
Keich (Häher? s. d.). Diese von
Konrad v. Megenberg (Buch d. Natur
202) gebrauchte Namensform beruht
offenbar auf einer Verstümmlung. „Ki-
ches haizt ain K. Der vogel hat manger-
lai stimm und verändert sein stimm vil
nahen (beinahe) all tag. Wenn des
selben vogels kinder so stark worden sint
und so wol gevidert, daz si gefliegen mü-
gent, so speisent si vater und muoter
und fristent ir leben in dem nest an all
ir arbait“. Dieses „Kiches“ geht auf das
kikes des Thomas Cantimpratensis
(De natura rerum) zurück, der seinerseits
wieder von Vincentius Bellovacen-
sis (Speculum naturale 1 . XVI, c. 100)
kopiert worden ist: „De Kike. Kikes est
avis, quae vocibus diversis vociferat", etc.
Anders lautet der Name bei Albertus
Magnus (De animalibus 1. 23, 123):
„Kythes aves sunt quae vociferant
vocibus diversis ita quod fere quolibet
die commutant voces.et cum pulli
perfecti sunt, reponunt suos parentes in
nidis de quibus exiverunt ne amplius la-
borent, et eos cibant in nidis illis pietate
naturali“.
Alle gehen letzten Endes durch ver¬
lorene Zwischenglieder auf Aristoteles
(An. hist. 9, 651 b, 19) zurück, bei dem von
der xtixa (xiaaa), womit vermutlich der
Häher gemeint ist, dasselbe über den
täglichen Stimmwechsel gesagt wird,
während über das Ernähren durch die
Jungen im gleichen Kapitel von dem
Immenvogel (jiipo<{>) berichtet wird.
Name und biologische Anschauungen
sind also nicht deutsch.
Hoffmann-Krayer.
Keil s. verkeilen, verpflöcken.
Keinfisch. Konrad von Megenberg
(255) : „Nullus haizt ain kainvisch. Der
hat den namen darumb, sam Isidorus
spricht, daz er waich ist und gar un-
lustich ze ezzen . . Ein drolliges
Mißverständnis Konrads, der „Nullus“
(„Kein") statt „Mullus“ gelesen hat, wie
es bei Isidor (Et. XII, VI, 25) richtig
heißt.
S. Seebarbe. ' Hoffmann-Krayer.
Kelch, das vornehmste Gerät bei der
Meßfeier, meist aus Edelmetall. Die
Symbolik sieht in ihm das Sinnbild
Christi x ). Heute spielt der K. selber
im Aberglauben kaum noch eine Rolle,
anders aber im Mittelalter. Heftig
Menstruierende ließen sich den Unter¬
leib damit berühren 2 ); Krankheiten der
Brüste wurden ebenfalls durch Berührung
mit dem K. geheilt 3 ). Ein Trunk aus
dem Meßkelch des hl. Ulrich, der auf
Schloß Firmian aufbewahrt wurde, half
gegen allerlei Widerwärtigkeiten, ein
Trunk aus einem andern Kelch desselben
Hl. sollte die Geburt erleichtern 4 ). Ab-
schabsel von einem Kelche hilft gegen
Epilepsie 5 ) und andere Krankheiten.
Mannigfaltig ist die Verwendung der
den Kelch bedeckenden Tücher (das
Tuch, womit er umhüllt ist, heißt:
Kelchvelum; das zum Auswischen: Puri-
ficatorium; das, worauf er steht: Cor-
porale und das Tüchlein, womit er be¬
deckt wird: Palla). So braucht man
9 Kelchvelen, um den unsichtbarmachen¬
den Farnsamen aufzufangen Ä ). Eine
Palla schützt gegen Feuersbrunst 7 ). Feuer¬
male werden durch Bestreichen mit einem
Purificatorium vertrieben 8 ). Mit einem
1241
KeUe—Keromantie
1242
Corporale kann man der Ottemkönigin
ihre goldene Krone rauben 9 ).
x ) Geist!. Schild 52—56. *) Franz Bene¬
diktionen 2, 205. 8 ) Franz 1. c. 4 ) Franz 1. c.
1, 292 Anm. 4. •) Andree Braunschweig 423;
Keller Grab 5, 69. 8 ) Weinhold Neunzahl 18 f.
7 ) Franz !. c. 1, 39. 8 ) Drechsler 2, 284.
*) Kühnau Sagen 2, 380. Schneider.
Keile (Küchengerät). In der Kreuz¬
gasse zu Tschagguns wollte einer vom
Nachtvolke (s. d.), von dessen musi¬
kalischer Kunstfertigkeit er schon Wunder
gehört hatte, die Flöte blasen lernen.
Als er dem Nachtvolke sein Ansuchen
gestellt hatte, wurde er geheißen, bei
der nächsten Fahrt des Nachtvolkes
den K., so muß sie das Tischtuch um den
Kopf binden (Voigtland) 7 ) (vgl. o.
2, 123. 126). Zu einem anderen Vor¬
stellungskreis gehört folgende Begrün¬
dung des Verbotes: Die Wöchnerin darf
innerhalb 6 Wochen nicht in den K.
gehen, sonst verderben die Speisevorräte 8 ).
Kinder vor 6 Wochen darf man nicht in
den K. schauen lassen, damit sie sich
später nicht fürchten 9 ). Kinder darf
man nicht mit in den K. nehmen, weil
sie sonst furchtsam werden 10 ), schwer
sprechen lernen n ), weil sie der Kobold
holt 12 ).
Um Mäuse zu vertreiben, bindet die
sich wieder an der Kreuzgasse aufzu¬
stellen, dabei aber ja nicht zu lachen
oder zu reden, überhaupt keinen Laut
von sich zu geben, was immer auch er
zu sehen bekäme; bestehe er diese Probe,
so werde er fürderhin die Flöte meister¬
lich blasen können. Aber am Schlüsse
des Zuges des Nachtvolks lief einer,
der hatte eine Kochkelle im After stecken,
und brummte zu sich selber: „Sie stecked
i der Rahma“. Da mußte der Mann
unwillkürlich lachen, bestand also die
Probe nicht, und mit dem Flötenblasen
war es aus 1 ). Im Saterlande war es
ehedem Sitte, der Braut, sobald sie das
Haus des Mannes betrat, einen „slef“
(Kelle) in die Hand zu geben und sie
dreimal um das Herdfeuer zu führen 2 ).
*) Vonbun Beiträge 7 ff. *) Kuhn und
Schwartz 433 Nr. 279. Bächtold-Stäubli.
Keller. Der K. gilt als Aufenthaltsort
des Koboldes 1 ) (s. d., Klöpferle). Ge¬
spenster 2 ) und Poltergeister 3 ) klopfen
und poltern im K. Einige Male wird ein
Weink. als Treffpunkt der Hexen nach
der Hexen Versammlung genannt 4 ). Der
K. ist der beste Ort, um einen Menschen
durch Singen oder Beten zu töten 6 ).
Man ist im K. aber auch vor Behexung
sicher 6 ). Wenn eine Wöchnerin in den
ersten 9 Tagen in den K. geht, bricht An¬
der Teufel das Genick (Thüringen). Wenn
sie später zum ersten Mal in den K. geht,
muß sie in einem Papier neunerlei Bänder
oder Dosten und Dorant zum Schutz
gegen den Kobold mithaben. Muß sie
aber während der Wochen durchaus in
Hausfrau beim Frühläuten am Ostertag
(oder Palmsonntag) alle Schlüssel des
Hauses zusammen und geht entweder
sofort oder beim Mittagläuten in den K.
und rasselt mit dem Bund solange als
das Läuten dauert 13 ). Die Deutschen
Pennsylvaniens glauben, daß keine Ratten
im K. sind, wenn ein Maulwurf darinnen
ist 14 ).
Verschiedene Sagen erzählen von ge¬
heimnisvollen Weink.n, die einzelne Men¬
schen sehen und in denen sie herrlichen
Wein erhalten, das Erlebte aber mit dem
Leben büßen müssen 16 ); oder einen im
K. befindlichen Schatz nicht bekommen,
weil sie die Piobe, ein „Faßl“ Wein aus¬
zutrinken, ohne berauscht zu werden,
nicht bestehen 1Ä ).
An einen bestimmten K. mit einer
Holzdecke war die Prophezeiung geknüpft,
daß derjenige, der ihn überwölben werde,
sterben müsse 17 ).
*) W. § 47 s - 44- *) Oben 3, 768. 8 ) s. d. weiter
z.B. Kühnau Sagen 1,582; Strackerjan 1,315.
4 ) Oben 3, 1886. *) W. S. 270 § 397. •) Thüringen
ebd. S. 283 § 416. 7 ) Ebd. S. 397 § 576. 8 ) Höhn
Geburt 266. •) Ebd. 276 Mergentheim. 10 ) Grimm
Myth . 3, 435 Nr. 28; John Erzgebirge 56.
u ) John ebd. la ) W. S. 386 § 588. 1# ) Ebd.
S. 399 § 614. M ) Fogel Pennsylvania 371
Nr. 1988 (Heidelberg). 1# ) Grimm Sagen
38 ff. Nr. 15. w ) ZfVk. 2, 441 f. 17 ) Kühnau
Sagen 3, 435. Weiser-Aall.
o A ocül T ff
Kellerhai8 s. Seidelbast.
Kephalomantie s. Kopf § 3.
Keromantie Wahrsagung vermittelst
Wachs (xijpoc). Gelehrte, nicht antike
Bezeichnung für das Verfahren, flüssiges
1243
Kerze
1244
Wachs in Wasser zu gießen und aus den
sich dabei bildenden Figuren die Zukunft
zu deuten 1 ). Im Altertum ist diese Divi-
nation nicht nachzuweisen, sie wird von
den alten Berichterstattern meist auf
die Türken zurückgeführt 2 ). Die an¬
scheinend älteste Erwähnung findet sich
in einem Traktat ,,Der Selen Trost“
(Augsburg 1483): „Du solt kein wachs
lassen gießen noch pley“ 3 ). Gelegentlich
wird die Bezeichnung auch für die be¬
kannte Sitte der Apostelkerzen (vgl.
Apostel, Lychnomantie) verwendet und
diese im Gegensatz zu der ,,türkischen“
K. als deutscher Brauch in Anspruch
genommen 4 ). Das Wahrsagen aus Wachs
in Wasser wurde auch bei den alten
Preußen geübt, ebenso in Schottland 5 ).
Juden in der Bukowina verwenden die
K. zur Erkennung der durch den bösen
Blick verursachten ,,Schreckkrankheit“ 6 ).
Sie ist auch für romanische und slavische
Länder belegt 7 ). Für Deutschland fehlt
es zwar nicht ganz an Zeugnissen 8 ),
doch ist die K. hier wie überall durch
das allgemein verbreitete Bleigießen fast
völlig verdrängt. Vgl. auch Wachs.
l ) Der Name K. begegnet zuerst bei Carda¬
nus (t 1576) Opera 1 (1663), 565 a; Codes
Chyromantiae Anastasis (1517) zieht die K. zur
Hydromantie. a ) Cardanus a. a. O.; hier wird
die Methode der Türken genau beschrieben, vgl.
a.PeucerDc praecipuis generibus divinationum
(1560) 242; Bulengerus Opuscula (1621) 213;
Pictorius Varia (1559) 62, auch in Agrippa
Opera ed. Bering 1,484, dt. Ausg. 4, 171; Wierus
De praestigiis (1564) 157 (nach diesem Zeugnis
gießen die Türken das Wachs in Öl) ; Delrio Dis-
quis. Mag. lib. 4, cap. 2, qu. 7, sect. 1, Opera 2
(1603), 176; Pfuel Electa physica (1665) 149;
weitere ältere Literatur bei Bulengerus a. a. O.
und Fabricius Bibliogr. antiquarial (1760) 598.
3 ) Hasak Christi. Glaube 105; Alemannia 11,
288 (aus Dieterich Ecclesiastes 1632, 2, 702).
4 ) Pictorius a. a. O.: ,»unsere alten Hexen“
(P. stammte aus Villingen); Delrio a. a. O.:
„Alsaticae vetulae“. 6 ) Dalyell Darker Super -
stitions 511 f., nach Meletius De diis Samagi-
tarum (1580). 6 ) Seligmann Zauberkraft 431.
7 ) Urtel Portugiesische Vkde. 40; Bogatyrew
in SudZfVk. 3, 217 (Karpathenrußland). Nach
Zelenin Russ. Vkde. (1927) 380 ist die Sitte aus
den westlichen Ländern nach Rußland gekommen.
*) Freudenthal Das Feuer 186. Boehm.
Kerze. Die allgemeinen Vorstellungen
vom Licht (s. d.) als Lustrat ionsmittel,
Erscheinungsform der Seele und Vor¬
spuk haben eine Ausgestaltung erfahren
durch Hereinbeziehung des hauptsäch¬
lichsten Lichtträgers. Alle besonderen
Lichtbräuche, die sich an die K. knüpfen,
sind nicht Auswirkungen einer von vorn¬
herein selbständigen Grundanschauung —
das zeigt schon die Doppelbedeutung des
Wortes „Licht“ als Leuchtflamme und
K. —; sie ergaben sich vielmehr nahezu
zwangsläufig einmal aus der technischen
Eigenart dieses Leuchtmaterials, durch
die jene Überlieferungen vom Wesen des
Feuers (s. d. § 7) und des Lichtes teil¬
weise in ganz neue Bahnen gelenkt
wurden; zum andern brachte die K.nweihe
der Kirche (s. Lichtmeß) dem Volks¬
glauben eine Fülle von Anregungen, indem
die ursprünglich der Licht Symbolik gel¬
tende feierliche Handlung durch die
immer mehr in den Vordergrund tretende
Benediktion der gegenständlichen K.n
zu einer Weihe des Leuchtmaterials für
den häuslichen und kirchlichen Bedarf
(s. auch Osterk., Schauerfeier) wurde.
Diesem legte das Volk dann, ebenso wie
den angekohlten Brennstoffen der welt¬
lichen Jahresfeuer und des kirchlichen
Karsamstagsfeuers, eine Bedeutung bei,
die ursprünglich nur Licht und Feuer an
sich besaßen, ja, es steigerte sie noch
dadurch, daß es dem K.nwachs (s. a.
Wachs) einen Fetischcharakter beimaß.
So spielt denn die K. im Zauber der ver¬
schiedensten Art, in den nur verkün¬
denden Formen der Weissagung und des
Orakels, wie in den aktiv bewirkenden des
Heil- und Schadenzaubers eine große
Rolle*). In der Darstellung ist nicht
immer scharf zu trennen zwischen „K.“
und „Licht“; vgl. daher zur Ergänzung
stets den Artikel Licht.
Schon bei der Lustration (vgl. Licht
§ 1) findet sich die Übertragung des leuch¬
tenden Lichtes auf die K.nmasse. Vor
allem ist es die Lichtmeßk. (s. Lichtmeß),
die nicht nur in brennendem Zustande
gegen die verschiedensten Übel hilft,
sondern schon durch ihr Wachs in K.n-
gestalt oder in verarbeitetem Zustande
eine bannende Wirkung ausübt (s. Wachs).
In anderen Fällen, so vor allem beim
Schatzsuchen, wird die Kraft des Lichtes
1245
Kerze
1246
"bedingt durch Material, Farbe und Form
der K.; sie soll beispielsweise gelb, rot
oder schwarz, dreifach gewunden, aus
Jungfernwachs oder mit Weihrauch und
Schwefel bereitet sein la ) (vgl. auch Diebs¬
licht oben 2, 229 ff.).
Erheblich mannigfaltiger aber ist die
Substitution des Lichtes durch die K. in
den Bräuchen, die sich auf die Vorstellung
vom Lebenslicht (s. d. und Licht § 2)
und verwandte Anschauungen gründen.
Wie Christus nicht nur in dem Licht der
Osterk. (s. d.) versinnbildet wird, son¬
dern auch in ihrem Körper, dessen Zer¬
stückelung und Austeilung an die Gläu¬
bigen vermutlich die Vorstufe bildet für
den Vertrieb der Agni Dei (s. d. oben
1, 215), so werden in der symbolischen
Begleithandlung der Exkommunikation
nicht nur die K.nflammen gelöscht, son¬
dern auch die K.n selbst zu Boden ge¬
worfen und zertreten 2 ). Ebenso wird
gelegentlich 3 ) bei der Warnung vor unbe¬
dachtem Eidschwören die Lichtsymbolik
auf eine K.nsymbolik ausgedehnt: „...
Man pfleget ein geschwärtzetes Liecht an
zuzünden ... vnd zu sagen! Sihe so
schwartz wirstu für Gott sein, wofern
du wirst unrecht schweren ... Man
wirfft das Liecht wider die Wand und
saget: Also wird dich Gott wegwerffen,
so du unrecht hast geschworen. Wenn
das Liecht stincket, so spricht man: Also
wirstu stincken für Gott und allen hei¬
ligen Engeln. Endlich pfleget man das
Liecht aus zu treten, vnd zu sagen: Also
wird dich Gott aus dem Himmel treten,
ob du wider dein Gewissen hast geschwo¬
ren“. Hierher gehört schließlich auch
ein vereinzelter Totenbrauch aus der Tep-
litzer Gegend, wo beim Begräbnis lediger
Burschen im Trauergefolge eine zer¬
brochene K. auf einem Polster mitgeführt
wurde 4 ).
Reichhaltiger aber sind die brauchtüm-
lichen Formen, die in feinen Abwandlun¬
gen den allmählichen Übergang von der
reinen Lychnomantie in eine Kero-
mantie (s. d. und Wachs) zeigen. In
dieser Hinsicht ist schon eine einfache
Weiterbildung des Glaubens vom bedeut¬
samen Erlöschen der Hochzeitslichter (s.
Licht §2) kennzeichnend: Auch das
schwächere Leuchten 5 ) und unruhige
Flackern 6 ) der einen K.nflamme, das
Abputzen des Dochtes 7 ) und das tie¬
fere Nieder brennen des einen K.n-
körpers 8 ) hat die gleiche Vorbedeutung
für den Zeitpunkt des Ablebens eines der
beiden Hochzeiter. Eine weitere Ent¬
wicklungsstufe dieses Vorzeichens, das
auch ohne Zusammenhang mit der Trau¬
ung beobachtet wird •), besteht darin,
daß man fernerhin solche zukünftigen
Dinge erschließt, die keine unmittelbare
Beziehung zur Lebensdauer eines Men¬
schen haben; so weist der helle, stete
Brand der Brautk.n auf Glück in der Ehe,
der düstere, flackernde auf Unglück 10 ).
Wenn man unter diesem Unglück im be¬
sonderen Zank und Streit versteht n ), so
wird die gedankliche Parallele ersichtlich
zu der Gleichsetzung des Feuers mit dem
cholerischen Temperament (s. Feuer § 5),
wie denn überhaupt die Ableitung der
Lychnomantie von der Pyromantie (s. d.)
unverkennbar ist; nur beschäftigt sich diese
(s. Feuer § 5) vorwiegend mit Geräuschen,
jene fast ausschließlich mit Gesichts¬
empfindungen. Selten nur wird einmal
das Knistern der K. als Hinweis auf
einen Brief 12 ) und ihr „Brummen“ als
Vorzeichen eines Verweises 13 ) beachtet;
sonst wird nur die visuelle Beobachtung
ausgedeutet, die sich mm im wesentlichen
auf die Veränderungen des Dochtes und
des Lichttalges erstreckt. Bei hausge¬
machten K.n verbrennt der Docht zu¬
meist nicht vollständig, sondern er rollt
sich verkohlt zusammen und glüht oder
flammt an geknoteten oder durch aufge¬
sogene Verunreinigungen der Lichtmasse
verdickten Stellen auf. Die Unentbehr¬
lichkeit der Liehtputzschere 14 ) beweist,
daß diese Vorgänge durchaus geläufig
waren, und so zog man denn auch aus
ihrer Beobachtung im allgemeinen 15 )
nicht gerade schwerwiegende Schlüsse:
Gleich dem sprühenden Herdfeuer (s.
Feuer § 5) zeigt auch die funkende oder
auf flammende K. eine frohe Botschaft in
Gestalt eines Gastes oder eines Briefes
an 16 ), besonders wenn die glühende
Docht stelle die Form einer Rose 17 ) an-
1247
Kerze
1248
nimmt. Im übrigen bezeichnet man diese Mit kleinen K.n besteckte und in eine
und ähnliche Erscheinungen — ohne Schüssel mit Wasser gestellte Nußschalen
daß der technische Sachverhalt im Ein- werden auf die Anwesenden verteilt,
zelfall immer klar ersichtlich ist 18 ) — Wessen Licht umstürzt und untergeht,
mit einer ganzen Reihe landschaftlich vor der Zeit oder als erstes erlischt, der
verschiedener Ausdrücke, so als Butzen 1 ®), wird Unglück haben, schwer erkranken
Knöllchen *°), Hütchen („Köpp") 21 ), und bald oder vor den übrigen sterben «).
Popel**), Rispel 23 ), Nösel 24 ), Schnuppe 26 ), Aus dem Zu- oder Auseinanderstreben
Glumme **), Räuber 27 ), Dieb* 8 ). Alle der einzelnen Nußschiffchen aber schließt
genaueren Angaben aber weisen den Zu- man auf Zu- oder Abneigung der Per¬
satz auf, daß derjenige das Vorzeichen sonen, deren zukünftiges Geschick sie
auf sich zu beziehen hat, dem sich der dergestalt tragen 36 ); wessen sich gar be-
aufglühende Dochtteil zuwendet. Im Ber- gegnen, die werden einander im kommen-
ner Gebiet schloß man noch weiter aus den Jahr heiraten 37 ). Durch paarweises
der geringen oder erheblichen Schwierig- Hineinsetzen der Schalen ins Wasser be-
keit, die Störung zu beseitigen, auf die stimmter befragt, verrät dies Orakel den
mehr oder weniger große Annehmlich- beiden zugehörigen Liebesleuten beim
keit des angezeigten Besuches 2 ®). — Hinstreben einer K. zur anderen ein
Demgegenüber verkünden die Verände- „Nachlaufen“ des einen Teiles**), bei
rungen des Lichttalges durchweg etwas Berührung ebenfalls baldige Hochzeit M ),
Übles. Am K.nkörper herunterfließende den Eheleuten hingegen bei ruhigem
oder sich einrollende Talgteile heißen in Nebeneinanderschwimmen Glück, bei
Norddeutschland allgemein Hobelspäne, Trennung Unglück 40 ). Ein vielumwor-
in Dithmarschen geradezu „Sarkspoin" 30 ), benes Mädchen läßt wohl außer dem
weil sie auf den baldigen Tod eines Fa- eigenen so viele Lichter schwimmen, als
milienangehörigen hinweisen 81 ). —Schließ- es Liebhaber hat, und erfährt dann auf
lieh achtet man beim Auslöschen ähnliche Weise, wen es zum Manne be-
der K.n auch noch auf Stärke und Zug- kommen wird 41 ); oder es verfeinert und
richtung des Rauches (s. d.). erschwert die Aufgabe dadurch, daß es
Die gleichen Vorstellungen liegen nun nur die eigene K. ansteckt und nun danach
im wesentlichen auch der absichtlich be- ausschaut, welche von den schräg in die
triebenen Zukunftserforschung, den K.n- Schalen gestellten anderen 4 *] sich an der
orakeln, zugrunde. Sie werden zunächst seinigen entzündet 43 ). — Ähnlich ver¬
einmal vorgenommen an solchen Feier- fährt man auch außerhalb der Orakeltage
tagen, die an sich schon unter K.nschein bei besonderem Anlaß; so stellt im Mosel¬
festlich begangen werden, so vor allem ländischen ein von zwei Freiem umwor-
an Lichtmeß. Da zündet der Hausvater benes Mädchen zwei brennende K.n zu
wohl am Abend für jedes Familienmit- den Seiten eines Steinkreuzes auf, teilt
güed eine geweihte K. oder ein Stück des jedem eine zu und wählt dann denjenigen,
Wachsrodels an; wessen Licht zuerst er- dessen Licht zuerst erlischt u ). Zu den
lischt oder nach einem durch alle gleich- reinen K.norakeln gehört ferner eine
zeitig erfolgten Ausblasen am wenigsten Sondersitte beim dithmarsischen Kinds-,
lange fortglimmt, der muß als erster Keesfood, der Zusammenkunft der
sterben **). Ein ähnliches Verfahren händ- Nachbarinnen im Hause der Wöchnerin,
habt man in der Oberpfalz 33 ) und im wo die Frauen u. a. über ein Licht
Böhmerwald 84 ) an Allerseelen. Bedeu- sprangen und diejenige, die es dabei mit
tend häufiger und vielseitiger aber be- den Röcken auslöschte, zum Brannt-
dient man sich derartiger Bräuche an den weintrinken verurteilten 45 ) oder als die
großen Orakeltagen das Jahres. Sie treten demnächstige Wöchnerin bezeichneten **).
hier am ausgeprägtesten auf in den mei- Sie findet sich ausgestaltet und abgewan-
stens in der Neujahrs- oder Thomasnacht delt merkwürdigerweise in Siebenbürgen
vorgenommenen Lichterschwimmen, wieder; auch hier springen die Nachbars-
1249
Kerze
1250
frauen beim Taufschmaus über ein Licht,
das auf dem Badtrog befestigt ist, oder
über den Butterständer mit verkehrt
hineingestelltem Besen, der die brennende
Kerze trägt; wer sich weigert, wird nur
Mädchen bekommen, wer das Licht aus¬
löscht, muß ein Pfand geben 47 ). Ein
Braun Schweiger Spinnstubenbrauch am
Petritag ist ebenfalls hierher zu rechnen:
Die Mädchen stellten sich, brennende K.
in den Händen, im Kreise um einen trun¬
ken gemachten Erbgander auf. Wessen
Licht er mit dem Schlag seiner Flügel
auslöschte, die mußte im kommenden
Jahr sterben; wessen Licht brennen blieb,
die wurde Braut 48 ). — Mittelbar findet
die K. ebenfalls beim Orakeln Verwen¬
dung. Wer beim Scheine eines am Weih¬
nacht s- oder Altjahrsabend rückwärts ins
Zimmer getragenen Lichtes keinen oder
nur einen kopflosen Schatten an die
Wand wirft, dem ist für das nächste Jahr
der Tod sicher 49 ). Verbreiteter ist ein
Liebesorakel unter Zuhüfenahme der K.,
das in vielen landschaftlichen Abwand¬
lungen fast zum Zitierzauber geworden
ist und in seiner gebräuchlichsten Form
darin besteht, daß das heiratslustige
Mädchen um Mitternacht ein brennendes
Licht auf den Tisch stellt und unter
Beobachtung verschiedener anderer Vor¬
schriften hinter sich blickt; da wird sich
ihr dann der Zukünftige irgendwie
zeigen 60 ).
Die obigen K.norakel knüpfen die
Verbindung zu dem verwandten Brauch
der Heiligen- und Namenwahl, von
der schon Cäsarius von Heisterbach als
einer bekannten Frauen angelegen heit zu
berichten weiß 51 ): ,,In duodecim can-
delis duodecim Apostolorum nomina sin-
gula in singulis scribuntur, quae a sacer-
dote benedictae altari simul imponuntur,
Accedens vero femina, cuius nomen per
candelam extrahit, illi plus ceteris et
honoris obsequii impendit“. Wird also
bei dieser Apostel wähl (vgl. oben i, 553)
der K.nkörper wie ein Los gezogen, so
geht es bei der ihr durchaus ähnlichen
eigentlichen Namenwahl (s.Namengebung)
meistens wieder um die Brenndauer.
Nach den ältesten Zeugnissen 52 ) handelt es
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube IV
sich dabei um die erstmalige Belegung
eines Neugeborenen mit einem Namen;
später tritt als Zweck dieses Brauches
die Namensänderung (s. d.) in den Vor¬
dergrund, das Um taufen eines Kranken
zur Täuschung und Fernhaltung des Dä¬
mons oder zur Gewinnung eines neuen
Schutzpatrons. Eine diesbezügliche, un¬
klare Notiz bei Gottschalk Hollen M )
Wird durch eine wahrscheinlich auf die
gleiche Quelle zurückgehende Angabe
Bemardinos von Siena M ) — der den
Namen wählen läßt „secundum quem
remanserit candela accensa“ (statt: „se¬
cundum candelam apostolo accensam"
bei Hollen) — dahin berichtigt, daß die
bis zuletzt brennende K. den Ausschlag
gibt. In einem Brauche, den Pfälzer
Gerichtsakten von 1674 ausweisen, ist es
dagegen von drei je mit dem Namen
eines Heiligen bezeichneten K.n die zuerst
erlöschende, zu deren Träger der Kranke
wallfahrten muß 55 ). — In alten Aber¬
glaubentraktaten 66 ) findet sich ferner
die gleiche „exstinccio“ oder „extraccio
candelarum“ in bezug auf nur einen ein¬
zigen Heiligen erwähnt. Darin wird ent¬
weder ein Verfahren zu vermuten sein,
wie es eine vatikanische Handschrift des
15. Jhs. bezeugt, nach der ein Kranker
sich aus sieben buchstabenbeschriebenen
K.n zwei zu fastende Wochentage er¬
löst 57 ); oder es sind wiederum Lebens¬
lichtvorstellungen maßgebend, wie sie
uns in verwandten Bräuchen der neueren
Zeit entgegentreten, in denen aus der
Brenndauer von Votivk.n auf Tod, wei¬
teres Siechtum oder Genesung eines kran¬
ken Kindes geschlossen wird 68 ). Schlie߬
lich gehören in diesen Zusammenhang
noch einige Einzelüberlieferungen: Um
die Mitte des 19. Jhs. erlösten sich
Leute im Bayrischen Wald Lotteriege¬
winne auf die Weise, daß sie um einen
Totenkopf herum 90 bezifferte K.n an¬
zündeten und diejenigen Nummern
setzten, deren Licht zuerst erlosch 58a ).
In Disentis gibt ein Vater jedem seiner
Kinder eine brennende K. in die Hand;
wessen Licht am hellsten leuchtet, das
wird ein Geistlicher oder eine Nonne 59 ).
Von den Freimaurern wird erzählt 59a ),
40
1251
1252
sie erkennten einen Verräter oder das
fällige Todesopfer ihres Bundes daran,
daß von allen an die K. gehaltenen Zet¬
teln der seinige nicht anbrenne.
Zu dem Anschauungskreis des K.n-
orakels ist dann noch der Glaube zu
rechnen, daß die Reinheit eines jungen
Menschen sich daran ermessen lasse, ob
er eine glimmende K. wieder anblasen
könne, eine verbreitete 60 ) Vorstellung,
die schon von Grimm 61 ) mit den Feuer-
ordalen in Verbindung gebracht worden
ist (vgl. auch die Lichterordalparallelen
oben 3, 1022f.). Bei den Pennsylvania-
Deutschen hält man es für einen Beweis
von Liebe, wenn man den Lichtdocht
mit dem Finger abzukneifen vermag,
ohne sich zu brennen 62 ).
Den Vorstellungen beim Lichterschwim¬
men äußerlich verwandt ist die Anschau¬
ung, daß man einen Ertrunkenen fin¬
den kann, wenn man ein brennendes
Licht in einem hölzernen Gefäße, auf einem
Brette oder in einem ausgehöhlten Brote
schwimmen läßt; dort wo das Schiffchen
stehen bleibt oder das Licht verlöscht,
wird man den Leichnam antreffen (vgl.
oben 1, 1618; 2, 986 f.). Obwohl ein
alter Beleg 63 ) für diesen Brauch von
1490 als Ratgeber einen Barfüßermönch
erwähnt und andererseits auch das Agatha¬
brot 64 ) in diesem Zusammenhang vor¬
kommt, wird der Ursprung nicht in kirch¬
lichen Gedankenkreisen zu suchen sein;
vorherrschend ist wiederum die Lebens¬
lichtvorstellung: wo der Tote liegt, er¬
lischt die K. 66 ).
Endlich findet die K. noch im Heil-
und Schaden za über Verwendung. Wie
man z. B. die Wirkung der den Heiligen
dargereichten Weihegabe dadurch er¬
höht, daß man statt des nach Pfunden
geopferten Wachses ausgeformte Wachs¬
figuren wählt, so brachte man nach den
Zeugnissen frühmittelalterlicher Heiligen¬
biographien 66 ) auch die Votivk. in eine
sinnfällige Beziehung zur heilbedürftigen
Person, indem man ihr deren Längen¬
ausmaß gab. Oder man stellte eine Ge¬
dankenverbindung dergestalt her, daß
man mit dem bei Augenerkrankungen
geopferten K.nlicht das Augenlicht ver-
sinnbildete 67 ). Noch klarer wird der
Sachverhalt beim Bosheits- und Liebes¬
zauber, wo die K. an die Stelle des Wachs¬
männchens (s. d.) tritt. Statt ein men¬
schenähnliches Abbild des Geliebten oder
Gehaßten sympathetisch zu behandeln,
bedient man sich zur gegenständlichen
Vorstellung der gemeinten Person ein¬
fach einer K. Nur schmelzt man sie nicht,
wie beim reinen Wachsbildzauber, son¬
dern zündet sie an 68 ). Dadurch ist der
Brauch wiederum von Lebenslichtvor¬
stellungen befruchtet worden, und er hat
mit dieser zweifachen Begründung gele¬
gentlich auch eine dichterische Behand¬
lung erfahren 69 ).
*) Vgl. zum folgenden Freudenthal Feuer
127 ff. la ) Z. B. Reiser Allgäu 2, 299; Pollinger
Landshut 288; Kuoni St. Galler Sagen 195;
Kühnau Sagen 3, 769. 772 f.; BlBayrVk. 2,
22; Egerl. 4, 48; Urquell 2, 91; Nds. 33, 250.
*) Mühlbauer Geschichte und Bedeutung der
(Wachs-)Lichter bei den christlichen Funktionen.
Augsburg 1874, 89h.; Grimm RA. 1, 209:
Kantzow Potnmerania, hrsg. v. Kosegarten 1
(1816), 460; Du Cange Glossarium 2, 82 unter
,,candelae“. 3 ) Valerius Herberger Trauer¬
binden 1 (16io), 307, nach MschlesVk. 16, 246 f.
4 ) Laube Teplitz 33. 6 ) Wolf Beiträge 1, 211;
Strackerjan i, 31; Engelien u. Lahn 243;
Toeppen Masuren 89; Lütolf Sagen 548;
Zingerle Tirol 10; Drechsler 1, 261; John
Westböhmen 144; Grohmann 120; ZfVk. 6, 260;
MschlesVk. 7 (1), 51. — Demgegenüber weist
das hellere Brennen auf langes Leben: Strak-
kerjan 1, 31; Seifart Sagen, Märchen,
Schwänke u. Gebräuche aus Hildesheim. Göttin-
gen-Kassel 2 (1854/60), 144; BayHfte 5, 207.
6 ) Strackerjan 1, 31; Manz Sargans 122;
Reiser Allgäu 2, 284; Flügel Volksmedizin 78;
Baumgarten Aus der Heimat 3, 94; ZfVk. 15,
438; BayHfte 5, 207; MwürttVk. 1912, 21.
7 ) John Westböhmen 144. 8 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 91; Reiser Allgäu 2, 284; Drechs¬
ler 1, 261; Hoffmann-Krayer 28; Fischer
Oststeierisches 44; Grohmann 120; Manz
Sargans 122; ZfVk. 3, "147; ZfrwVk. 8, 298;
BayHfte 6, 298. 8 ) Altarlicht überhaupt:
Schönwerth Oberpfalz 1, 265; Rochholz
Glaube 1, 214; SAVk. 21, 206 f. Beim Leichen¬
gottesdienst: Pollinger Landshut 300. Toten¬
licht: Strackerjan 1, 32; Rosegger Sitten¬
bilder 41; Lammert 105; ZfdMyth. 4, 29. 10 )
WredeRÄmi. Volkskunde 120 = Wrede Eifeier
Volksk. 163: Birlinger Aus Schwaben i, 415;
Bavaria 2 (1), 283; BayHfte 5, 207; Reiser
Allgäu 2, 284; Drechsler 1, 261; Peter öster-
reichisch-Schlesien 2, 226; Grohmann 120;
ZfVk. 3, 147; 6, 260; 15, 438; vgl. auch Meyer
Baden 295; Klapper Schlesien 297; ZfrwVk.
5, 118. n ) Meier Schwaben 485; Schönwerth
1253
Kerze
1254
Oberpfalz 1, 90; Pollinger Landshut 257;
Fischer Oststeierisches 44; Wettstein Disentis
172; Peter Ösierreichisch-Schlesien 2, 226;
John Westböhmen 144; Baumgarten Aus der
Heimat 3, 94; Germania 36, 405; MwürttVk.
1912, 21. Vgl. Reiser Allgäu 2, 284; Groh¬
mann 120. ia ) ZfrwVk. 12, 59. 13 ) ZfdMyth.
4, 29. 14 ) Ein fauler Putzer wird einen schläfri¬
gen, unfreundlichen oder iangnasigen Ehegatten
bekommen: Strackerjan 1, 50; Bartsch
Mecklenburg 2, 317; Urquell 1, 12. Ein unge¬
schickter wird sich beim nächsten Kirchgang
verspäten: Germania 36, 404. 16 ) Ausnahmen:
Eine Schnuppe (Andree Braunschweig 404),
„ein Kranz rotglühender Rosen" (Schönwerth
Oberpfalz 1, 264) im Licht und „überhaupt
Rosen oder Knollenbildung am glühenden
Dochte" (Flügel Volksmedizin 78) bedeutet
baldigen Tod. 18 ) Birlinger Volksth. 1, 199 f.;
Bartsch Mecklenburg 2, 317; Kock Volks-
u. Landeskd. d. Landsch. Schwansen. Heidel¬
berg 1912, 102; ZfVk. 20, 385; 24, 55;
Urquell 1, 47: 4, 95: ZfrwVk. 12, 59. Vgl.
Germania 29, 93; Liebrecht Zur Volksk. 328.
17 ) Prätorius Spin-Rocken (1678) 121 in:
MsäVk. 7, 203; Rockenphilosophie 2, 175;
(Keller) Grab d. Abergl. 5, 234 b; Wolf Bei¬
träge 2, 377; Panzer Beitrag 1, 257; Meier
Schwaben 504; Zingerle Tirol 18; Köhler
Voigtland 394; Curtze Waldeck 411; Spieß
Fränkisch-Henneberg 151; Bartsch Mecklen-
burg 2, 317: Drechsler 2, 200; Flügel Volks¬
medizin 26; ZfdMyth. 4, 29. Einige außerdeut¬
sche Parallelen bei Liebrecht Zur Volksk. 328.
18 ) So erscheint z. B. der Ausdruck „Butze(n)"
in diesem Zusammenhänge sowohl zur Bezeich¬
nung des ganzen Dochtes als auch seines auf¬
glühenden Teiles: Birlinger Volksth. 1, 199 f.;
Zingerle Tirol 16; Kehrein Nassau 2, 253;
Meyer Baden 295: Bartsch Mecklenburg 2,
317; ZfdMyth. 4, 47 = Birlinger Volksth. 1,
495; Fogel Pennsylvania 96 (Docht zeigt den
Weg des kommenden Schatzes). Vgl. Liebrecht
Zur Volksk. 326. l8 ) S. Anm. 15. 10 ) Wolf
Beiträge 1, 216. 21 ) Jahrb. f. d. Landeskd. d.
Herzogth. Schlesw., Holst, u. Lauenburg 8
(1866), 96. a2 ) Peter österreichisch-Schlesien
2, 256; Drechsler 2, 199. t3 ) Drechsler 2,
299; vgl. Grimm Myth. 3, 475. 24 ) Woeste
Mark 57; Andree Braunschweig 404: Lauffer
Niederdeutsche Volksk. 87. 25 )Witzschel Thü¬
ringen 2, 295; Woeste Mark 57. 28 ) Engelien
u. Lahn 272; Drechsler 2, 199. Ä7 ) Drechs¬
ler 2, 200; Meyer Baden 295. 28 ) Stracker¬
jan 1, 36; Rothenbach Bern 40; ZfrwVk. 8,
299. Vgl. dazu ZfVk. 20, 384 f.: Helle Stellen
• 1 .
T T
Kock a. a. O. 102: „Beginnt das Licht zu
flackern und zu laufen, naht ein Dieb". 29 )
Rothenbach Bern 40. 30 ) Urquell 1,9. 31 )
Strackerjan 1, 36 = Wuttke 212; Bartsch
Mecklenburg 2, 125; Jensen Nordfries. Inseln
336; Urquell 1, 48; 3, 299; BIPommVk. 6, 140.
Ebenso bezeugt für Tirol (Hörmann Volks¬
leben 423), die Schweiz (Unoth 180) u. Eng¬
land (Liebrecht Zur Volksk. 352). 32 ) Hoff¬
mann-Krayer 124; Birlinger Volksth. ,2, 19;
Reiser Allgäu 2, 42; Vernaleken Alpensagen
348; Baumgarten Jahr u. s. Tage 17; SAVk.
20, 191. 33 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 277.
M ) Schramek Böhmerwald 167. M ) Witz-
schel Thüringen 2, 178; Baumgarten Jahr
u. s. Tage 5t.; Vernaleken Mythen 338; Ur¬
quell 1, 103; Veckenstedts Zs. 2, 440; Baltische
Studien 33 (1883), 125; SAVk. 6, 98. 36 ) Ur¬
quell 1, 103. 37 ) Drechsler 1, 25; Bauern¬
feind Nordoberpfalz 10; Lehmann Sudeten¬
deutsche 133; ZfVk. 14, 280; ZfrwVk. 3, 65;
Veckenstedts Zs. 2, 440. 88 ) Schramek Böh¬
merwold 112. M ) Grimm Myth. 3, 475: Witz-
schel Thüringen 2, 178; John Erzgebirge 140;
Peter Österreichisch-Schlesien 2, 214; Schlei¬
cher Sonneberg 141; Frisch bi er Hexenspr.
165; vgl. Wuttke 235. Ein drittes Licht stellt
dabei den Geistlichen vor: John Erzgebirge 140.
40 ) Witzschel Thüringen 2, 178; Baumgarten
Jahr u. s. Tage 5 f.; SAVk. 6, 98. 41 ) Schlei¬
cher Sonneberg 141. 42 ) Statt der Lichter für
die Liebhaber werden in diesem Falle auch
Zettel genommen, und es wird dann nur auf ihr
einfaches Begegnen mit der K. des Mädchens
geachtet: Schönwerth Oberpfalz 1, 140. In
diesem Falle wird die K. auf ein Brett gestellt;
sonst nimmt man statt der Nußschalen auch
Korkstückchen (John Erzgebirge 140; Wuttke
235). Zwischenglieder zu der völlig k.nlosen
Form dieses Brauches: z. B. Schönbach Ber-
thold v. R. 35; Ulm Hartlieb 41; John Erz¬
gebirge 140. 43 ) Nds. 14, 124. 44 ) ZfrwVk. 8,
298. 45 ) Mensing Schlesw. Wb. 3, 118; ebs.
Heimatb. d. Kr. Steinburg. Glückstadt 2 (1925),
482. 48 ) Mündl. 47 ) Hillner Siebenbürgen 41 f.;
Gaßner Meltersdorf 35. 4S ) Andree Braun¬
schweig 231. 40 ) Nach Amaranthes Frauen¬
zimmer- Lexicon (1715) bei Schultz Alltagsleben
225; Peuckert Schles. Volksk, 120. 228; ZfVk.
4, 86; NdZfVk. 8, 56; Urquell 1, 102; DG. 13,
121; Fogel Pennsylvania 116; Flügel Volks¬
medizin 78. M ) Zahn Steirische Miscellen. Graz
1899» 4: Engelien u. Lahn 237; Drechsler 1,
13; Peuckert Schles. Volksk. 118 f.; Franzisci
Kärnten 32; Meier Schwaben 455; Baumgarten
Jahru.s . Tagen ; Jahn Pommern 159; Heßler
Hessen 621; Strackerjan 1, 168; Frischbier
Hexenspr. 163; ZfVk. 1, 179; Nds. 19, 188;
ZfEthn. 15, 85 f.; BIPommVk. 6, 25. Die unter¬
scheidenden Einzelheiten dieser Belege u.
weitere verwandte Bräuche sind aufgeführt
bei Freudenthal Feuer 181 f. 6l ) Cäsarius
v. Heisterbach Dialogus 2, 129; vgl. 2, 133 f.
62 ) Chrysostomos Homilia XII in Epist.
prim, ad Corinthios c. 7, bei Migne Patr.
Graeca 61, 105; vgl. ferner ZfVk. 22, 225 f.
M ) ZfVk. 18, 444 f.; vgl. Cruel Gesch. d. deut¬
schen Predigt im Mittelalter. Detmold 1879,
619; Z. f. vaterl. Gesch. u. Altertumskd. 47
(1889) (1), 96; Meyer Aberglaube 228 f.;
Wolf Beiträge 2, 89. 64 ) ZfVk. 22, 225 f.
w ) Mitt. u. Umfr. z. bayr. Vk. 9 (2), 3; vgl.
ZfrwVk. 8, 298 f. Ein ähnlicher Brauch im
1255
Kessel
1256
Kessel
1258
Schadenzauber bei Agrippa v. N ett esheim
4,172. M )Franz Nik.d Jawer 182; ZfVk. 11, 274.
i7 ) Franz Benediktionen 2, 591 f. M ) Birlinger
Volksth. 1, 200; Meyer Baden 575; Lammert
142. Ma ) DG. 4, H3f. **) Wettstein
Disentis 174. 68 a ) Oben 3, 31. 41. 60 ) Rocken-
philosophie 2, 320; Amaranthes a. a. O. 242;
Zingerle Tirol 18; Meier Schwaben 504; Pan¬
zer Beitrag 1, 258; Rosegger Steiermark (1875)
1,82; Strackerjan i, 105; Bartsch
burg 2 . 58; BIPommVk. 6, 140; ZföVk. 3, 54;
vgl. Wuttke 220. 41 ) Grimm RA. 2, 598!.
• a ) Fogel Pennsylvania 95. 83 ) Nds. 27, 136.
**) Z. B. Meyer Baden 507 f. 85 ) Haltrich
Siebenb. Sachsen 309. M ) Wolfheri Vita Gode-
hardi c. 39, in MG. SS. 9, 217 t.; Liber miraculo-
rum (s. Virgilii)c. 3, bei Mabillon Acta Sancto-
rum Ord. Bened. Venedig 1734. 3 (2), 286; vgl.
ferner Franz Die Messe im deutschen Mittelalter.
Freiburg i. B. 1902, 290; franz. u. engl.
Parallelen bei Gerhardt Franz. Novelle 133.
87 ) Toeppen Masuren 13; Frischbier Hexen -
spr. 32. ® 8 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 127;
Lütolf Sagen 233; Müller Siebenbürgen 148;
Drechsler 2, 260; Rosegger Steiermark (1875),
1, 80; Urquell 2, 141!.; vgl. Liebrecht Zur
Volksk. 205. 69 ) Avenarius Die Seelenkerze
in: Stimmen und Bilder. München 7 o. J. 181 f.
Freudenthal.
Kessel.
1. Sachkundliches. Die germani¬
schen Bezeichnungen für K. (anord.
kettle, got. katils, ahd. kezzü, ags.
cietel) werden allgemein als frühe Ent¬
lehnungen aus dem Süden (lat. catillus ,
gr. xotoXoc) gedeutet*). Daneben gibt
es aber auch ein altes einheimisches
Wort, das in den germanischen Sprachen
zur Bezeichnung des K.s Verwendung
fand, nämlich anord. hverna (Koch¬
geschirr), got. hwairnei (Hirnschale),
anord. hverr , ags. hwer , ahd. (h)wer =
K. (verwandt mit aind. carü = K.,
karaüka = Schädel, russ. cara = Schale,
air. coire — K.). Diese Wortgruppe
hat einen Nachkommen im norweg.
kvann bewahrt, einem Wort, das den
bootförmigen Knochen im Fischkopf be¬
deutet 2 ). Hält man dazu, daß man im
Norden, z. T. bis heute, so primitive
Vorgänger des metallenen Stell- und
Hänge-K. findet, wie z. B. Beutel aus
Tierhäuten auf den Hebriden 3 ), auf-
hängbare Specksteingefäße in Schweden,
hölzerne oder rindene Bierkufen im N orden
und Nordosten u. dgl. m. 4 ), so ist wohl
der Schluß erlaubt, daß das primitive
Urgut derartiger K.-Gefäße mit dem
alten Namen hwer bezeichnet wurde
und daß sich das Lehnwort catillus erst
auf die technisch vervollkommneten me¬
tallenen K. bezogen hat. Es verhält
sich dabei wohl ebenso wie mit dem
zweihenkeligen Eimer, der auch mit einem
Lehnwort (ahd. amber, Eimer, volksety¬
mologisch aus Etn-bar, von lat. atnphora)
benannt ist, obwohl gerade seine Form
(in den Rössener Bechern, Kugelampho¬
ren, Lausitzer Buckelumen usw.) am
frühesten aus dem nordwestlichen Kultur¬
bereich nachweisbar ist 6 ). Für die Auf¬
nahme des fremden Namens mit der
Metall-Industrie spricht auch der Um¬
stand, daß sich viele der metallenen
becken-, schüssel- und eimerförmigen K.
aus der Hallstatt- und Latene-Zeit, wie
z. B. der berühmte Silberk. von Gunde-
strup (Jütland), als Importstücke aus
dem Süden erweisen lassen 6 ). Jeden¬
falls aber ist der K. als einfaches Herd-
und Kultgerät auch auf germanischem
Boden uraltes, heimisches Kulturgut, und
die mythischen Vorstellungen, die sich
an ihn knüpfen, brauchen daher keines¬
wegs als fremde Einflüsse gedeutet zu
werden.
*) Schräder Reallex. 279; Falk u. Torp
Etym. Wb. 1, 514. *) Falk u. Torp Etym. Wb.
1, 602. 3 ) Heckscher 488 Anm. 75 (nach
Buchanan Reisen 1782 S. 96 ff.). 4 ) Haber¬
land t in Buschan III. Völkerk. Stuttgart
1926 S. 492. 498. 512 f. u. a.; C. Schuchhardt
Vorgeschichte von Deutschland (München 1928)
120 Abb. 94. 6 ) C. Schuchhardt a. a. O. 75.
78. 142 ff. u. a. •) Ebd. 223; Hoops Reallex.
3 » 41 f-
2. Kultisches. Daß auch zu Kult¬
zwecken noch verhältnismäßig spät primi¬
tive K.-Formen verwendet wurden, be¬
zeugt der heilige Columban (f 615), der
bei einem schwäbischen Wodansfest in
der Nähe von Bregenz mitten auf dem
Festplatz eine große hölzerne Bierkufe
antraf, die mit Opferbier gefüllt war 7 ).
Wir dürfen uns auch die Opferk., hlaut -
bolli, in denen das Blut der Opfertiere
aufgefangen wurde, ebenso wie die in
der Mitte des Golfes über dem Feuer
hängenden K., in denen das Fleisch der
Opfertiere gekocht wurde 8 ), durch lange
Zeit hindurch in primitiver Gestalt vor-
1257
stellen, um so mehr, als man ja bei
kultischen Geräten bekanntlich archaische
Formen besonders lange beibehält. Aber
ohne Zweifel hat man andererseits, gerade
um die Weihe solcher Gefäße auch
äußerlich zu betonen, daneben bei den
Germanen gewiß auch schon in recht
früher Zeit kostbare und prunkvolle
Opferk. verwendet, die z. T. eingeführt,
z. T. nachgeahmt oder selbständig ge¬
staltet wurden. Die älteste Nachricht
über einen großen, ehernen Opferk. ver¬
danken wir Strabos Erdbeschreibung 9 ).
Darnach führten die weissagenden Zauber¬
frauen der Kimbern deren Kriegsge¬
fangene an den großen, etwa zwanzig
Maß fassenden, metallenen K. und durch¬
schnitten ihnen, indem sie sie über den
K. beugten, die Kehlen. Aus dem im
K. wallenden Blute weissagten sie. Aus
edlem Metall, vielleicht sogar aus Gold,
war wohl der Opferk., der den Kimbern
„als der heiligste galt“ und den sie dem
Kaiser Augustus als Sühnegeschenk
sandten 10 ). Kultischen Zwecken — wenn
auch nicht ausnahmslos — dienten wohl
auch die K.-Wagen, wie solche in
Skandinavien (Ystad, Skallerup), Meck¬
lenburg-Schwerin (Peccatel), Böhmen (Mi¬
lavec, Trebnitz), Steiermark (Strettweg)
und Siebenbürgen (Szaszvarosszek) ge¬
funden wurden n ), sowie auch auf thessa-
lischen Münzen und aus dem salomoni¬
schen Tempel bekannt 12 ) sind. Etliche
von ihnen sind nach neuerer Auffassung
vielleicht prunkvolle Tafelstücke gewesen,
die deswegen mit Rädergestellen ver¬
sehen wurden, damit man sie am Zech-
tisch bequem hin- und herschieben
konnte 13 ); andere aber, wie der Strett¬
weger Opferwagen, dienten schon nach
ihrem figuralen Schmuck, der sehr an
die Figuren an den Eimern von Bologna
und Watsch (Krain) 14 ) gemahnt, zweifel¬
los kultischen Zwecken. Seit längerer
Zeit ist dabei eine Deutung versucht
worden, die den übrigen Kultdiensten
der K., nämlich der Aufnahme des Opfer¬
blutes, Opfertrankes und Opferfleisches
noch einen weiteren hinzugesellt, näm¬
lich ihre Verwendung im Regenzauber
{s. d.) 15 ). Darnach würde es sich bei
den betreffenden K.-Wagen um Nach¬
bildungen von kultischen Wagen handeln,
die, bei Dürre mit einem großen K. be¬
laden, umhergeführt worden sind. Nach
der einen Auffassung sei der K. mit
Wasser gefüllt, nach der anderen im
Gegenteil leer gelassen worden, um —
im letzteren Falle — der Gottheit nahe¬
zulegen, daß er eben gefüllt werden
wolle 1# ). Da wir auch sonst Zusammen¬
hänge des K.s mit dem Wetterzauber
fest st eilen können (s. unten) und ver¬
schiedene volkskundliche Wahrnehmungen
(z. B. das „schön Wetter machen“ durch
Leeren von Speise- und Getränke¬
gefäßen) 17 ) ebenfalls für derartige Be¬
ziehungen sprechen, scheint uns die Er¬
klärung der K.-Wagen als Regenzauber-
Geräte recht ansprechend zu sein, wie¬
wohl das letzte Wort in dieser Sache
noch kaum gesprochen sein dürfte.
7 ) Jonas vita s. Columbani in M. G. Schul.
28, 105; Grimm Myth . 1, 45 b; 3, 28; Meyer
Germ. Myth. 261; ders. Myth. der Germ. 34;
O. Lauffer Entwicklungsstufen d. germ. Kultur.
Heidelberg 1926 S. 91; P. Herrmann Alt¬
deutsche Kultgebräuche, Jena 1928, S. 16.
•) Grimm Myth. 1, 46 f.; Mogk Mythologie
394; Meyer Germ. Myth. § 26; P. Herrmann
a. a. O. 30 f. 8 ) Strabo 7, 2; Grimm Myth. 1,
45. 10 ) Strabo 7, 2; Grimm Myth. 1, 51;
O. Lauffer a. a. O. 91. ll ) Ebert Reallex.
6, 332 ff. ia ) Ebd. und Lütolf Sagen
61 ff. 13 ) C. Schuchhardt a. a. O. 182 fl.
14 ) Ebd. 182 ff. u. 225 f. 1B ) Kauffmann in
ARw. 11; Helm Religgesch. 1, 181 f.; Gese-
mann Regenzauber 42 ff. ie ) Lisch in Mecklenb.
Jahrb. 25, 225. 17 ) Gesemann a. a. O. stellt
H prar+i crp Bränr.hp
7iKammpn
3. Mythisches. In den älteren und
jüngeren germanischen Mythen spielt
der K. eine nicht unbedeutende Rolle,
die sich teilweise auch noch in Vorstel¬
lungen des heutigen Volksglaubens aus¬
wirkt. Auffallend ist dabei die Tatsache,
daß es vor allem die Wetter-, Sturm-,
Wasser- und Luftdämonen und die aus
diesen entwickelten Götter- und Halb¬
götter-Gestalten sind, die zum K. in
Beziehung gesetzt erscheinen. Die Grund¬
ursache ist vielleicht nicht so sehr im
erwähnten Regenzauber, sondern in der
sehr natürlichen primitiven Assoziation
zu suchen, die in der wallenden und
rauschenden Gewitterwolke einen sieden-
1259
Kessel
I 2 Ö 0
den K. sieht und die möglicherweise auch
ihrerseits wieder selbst dem genannten
Regenzauber zugrunde liegt. Von Island
an, wo die Gewitterwolke noch neuislän¬
disch als hverr ( = K.) bezeichnet wird 18 ),
ist die „sicher uralte Vorstellung“ 19 )
vom „Brauen der Gewitter“ über das
ganze germanische Sprachgebiet bis herab
auf die Südgrenze verbreitet, wo man,
z. B. in Steiermark, Schauerwetter als j
„siedende Wetter“ bezeichnet und wo
Peter Rosegger vom „Sieden im Ge-
wölke wie in tausend Kesseln“ redete 20 ).
Diese Vorstellung verbindet sich fast
immer mit der von den Wetterhexen,
die — namentlich das Hagelwetter —
im K. brauen. So erzählt z. B. eine
Allgäuer Sage, wie wetterkundige Berg¬
steiger hinter einem Felsen drei alte
Weiber belauschten, die um einen brodeln¬
den K., aus dem das Gewitter aufstieg,
Reigen tanzten 21 ). In zahllosen Hexen¬
prozessen findet dieselbe Vorstellung in
dieser oder ähnlicher Form reichlichen
und mannigfaltigen Ausdruck 22 ). Der j
Glaube reicht, wie schon J. Grimm ein- |
gehend nachgewiesen hat, bis in das j
höchste Altertum zurück und war nicht i
nur im Germanischen, sondern auch bei
Esten, Finnen und Kalmücken ver¬
breitet 23 ) (s. die Artikel Hagel, Hexe, ;
Wetterzauber). Eine verwandte Asso¬
ziation war ferner durch die Beobachtung
gegeben, daß heiße Quellen, Dämpfe,
Dünste, Nebel, Wind und Gewitter wirk¬
lich oder scheinbar ausSchlünden, Schacht¬
höhlen („Wetterlöchern“), Klüften und
Abgründen auf steigen, weshalb man auch 1
diese mit dem K. verglich und z. T. auch I
noch im heutigen Sprachgebrauch als K.
(„Felsenkessel“ u. dgl.) bezeichnet. Die
Benennungen helle kessel, hellesöt (ags.
hellesdad), helleputze, Kesselbrunnen, Kak¬
born u. dgl. gehören hieher 24 ). Sie haben
sich in christlicher Zeit mit der Hölle
(s. d.) als Teufelswohnung verquickt, wo
die armen Seelen im K. gesotten werden
und in die der Teufel mit ungetauften
Glocken, die manchmal anstatt der K.
aufscheinen, verschwindet 25 ). Einesieben-
bürgische Sage z. B. erzählt, man habe
in uralten Zeiten hinter dem Zeidner
Berg einen großen K. ausgegraben, aus
dessen Metall man die vorige große
Glocke gegossen habe. Das Loch, worin
der K. gewesen, sei lange offen gestanden,
bis der Teufel einmal die Leiche eines
bösen Stadtrichters aus der Gruft geholt
und in jenes Loch gestürzt habe, wo sie
bisweilen, bei stürmischer Witterung ein
entsetzliches Getöse verursache 26 ). Ob
die Lindwürmer im „K.-Graben“ 27 )
und in der ,,K.-Mauer“ (Steiermark) **),
wie E. H. Meyer meinte 29 ), mit dem
Midgardwurm bei Ymirs K. Zusammen¬
hängen, erscheint uns zweifelhaft. Fol¬
gende Vorstellungen finden sich in alten
germanischen Mythen bezeugt: In
Wolkenk.n brauen die Sturmriesen ihr
Bier, wovon einer Olvaldi (Bierwalter)
heißt 30 ). Einen im Berge verborgenen
K. des Hrimthursen Suttingr beraubt
Odin seines Inhaltes, des Lebensmethes
(odrerir) 31 ). Nach einer norwegischen
Volkssage ertönen die K., in denen das
Riesenweib kocht, wenn Unwetter im
Anzug ist 3a ). Hvergelmir der „rauschende
K.“ hieß der Abgrund am Weltenrande,
wo der Midgardwurm haust und aus
dessen zwölf Strömen (elivdgar) die
Urriesen (zunächst Ytnir) entsprossen 33 ).
Mit ihm hängt die bekannte Thorsmythe
zusammen, die mit ihren märchenhaften
Zügen auch im heutigen deutschen Volks¬
märchen (vom „starken Hans“ u. a.)
weiterlebt 34 ) und die uns erzählt, wie
Thor , der Gewittergott, jenen meilentiefen
K. des Urriesen Ymir raubt, nachdem ihn
das Riesenweib zuerst unter dem K.
versteckt hatte. Nach allerlei Kämpfen
und Abenteuern (z. B. Fang des Midgard¬
wurmes), stülpt er sich den K. über den
Kopf und bringt ihn den tafelnden Äsen
in Aegirs Halle, wo er als Methk. auf¬
gehängt wird, während er nach arideren
Mythen als Eldhrimnir zum Sieden des
sich immer wieder erneuernden Ein-
herja-Ebers diente 35 ). Auch sonst er¬
scheint Thor (s. d.) wiederholt zum K.
in Beziehung gesetzt. Die alten Eigen¬
namen Thorkettil (Thorkel), Asketill (ags.
Oscytel), und PrumketiU deuten auf K., die
dem Thor geweiht waren 38 ). Vielleicht
gehört auch die norddeutsche Sage hierher,
u
■)
%
t m *
i
1261
Kessel
1262
in der Böcke eine Kittelkittelkarre (K.-
Wagen?) ziehen 37 ). Sicherer scheint das
Nachwirken von Thorsmythen in einer
Tiroler Sage zu sein, in der ein rotbärtiger
brüllender Wetterriese einen goldenen
Bockswagen besitzt. Ebenso klingen sie
vielleicht in einer schwäbischen Sage nach,
in der das Guenisheer mit einem schweren
Wagen durch die Lüfte fährt, dessen
Geräusch wie eine Last klirrender Käsek.
anzuhören ist, wie endlich auch in einer
Appenzeller Sage, in der ein Luftreiter,
spöttisch „ der Donner hetze/ * genannt, mit
Gekessel (Lärm) durch die Lüfte braust 38 ).
Im Harz wird, wie eine andere Sage er¬
zählt, an einer Stelle, wo zwei gespen¬
stische Ziegenböcke tanzen, ein mit Gold
gefüllter Brauk. sichtbar 39 ). Und wenn
in Schweden die Gewitterwolken Thors
bukkar genannt werden so sind auch
da die erwähnten assoziativen Zusammen¬
hänge wieder recht deutlich erkennbar.
Neben Thor, Ymir (Hymir, Brimir) und
Aegir 41 ) erscheinen auch andere mythi¬
sche Gestalten, besonders Elben und
Drachen, die teilweise noch im heutigen
Volksglauben weiter leben, in Verbindung
mit dem K. Elfen schmieden K., die sie
den Menschen borgen, von denen sie
andererseits manchmal auch K. entlei¬
hen 42 ). Im Brehochberg bei Schleswig
wohnen die Unterirdischen. Wenn die
Bauern in früheren Zeiten bei Hochzeiten
K. brauchten, klopften sie an den Berg.
Dann fragten die Unterirdischen, was sie
wollen und wie groß die K. sein sollten
und liehen sie ihnen in jeder gewünschten
Größe. Die Bauern konnten sie am näch¬
sten Morgen vor Sonnenaufgang abholen.
Dafür* verlangten die Zwerge nichts, als
die Überreste der Speisen, die in den K.n
gekocht worden waren. Ein übermütiger
Bauer tat aber einmal etwas anderes
hinein, und seitdem leihen die Unterirdi¬
schen keinen K. mehr aus 43 ). Nach einer
Sage aus Hinterpommem sah ein Bauer
am Fuße eines Berges eine Jungfrau sitzen,
die einen K. scheuerte. Er trat zu ihr
und bat sie, ihm den K. zur Hochzeit
zu leihen. Die Jungfrau war dazu bereit,
trug ihm aber auf, den K. pünktlich zu¬
rückzubringen. Das hat er aber nicht
getan, und deshalb hat ihn der Böse
geholt. Die Jungfrau aber muß noch
weiter auf Erlösung warten 44 ). Eine
Reminiszenz an den alten Opferk. ent¬
halten vielleicht die Südtiroler und
mecklenburgischen Sagen, nach denen
die Hexen und die wilden Frauen in
einem K. Menschen sieden 45 ) (vgl. auch
andere Märchen, z. B. die Hexe in Hänsel
und Gretel u. a.). Auch die goldenen
Eimer oder die mit Gold gefüllten Schatz¬
kessel gehören wahrscheinlich hieher.
Nach etlichen Sagen werden verwunschene
Jungfrauen gesehen, die mit goldenen
K.-Eimern in den Nächten Wasser ho¬
len 46 ). Eine thüringische Sage erzählt,
daß eine weiße Jungfrau einen Bauern
zu einem Baum führte und ihn dort
graben hieß. Er tat es und brachte als¬
bald einen K. zum Vorschein. Wie er
ihn herausheben will, wird der K. immer
schwerer, so daß dem Bauern die Kräfte
versagen wollen. Da haucht ihm die
Jungfrau in den Mund, und nun hebt er
den über und über mit Gold gefüllten K.
Es bleibt ihm zwar eine schwarze Zunge,
aber die Jungfrau ist erlöst, und er ist
unermeßlich reich 47 ). Derartige Schatz-
kessel erscheinen wiederholt in den
Mythen und Sagen. Auch der nordische
Riesenk. ist oft voll Gold 48 ), ebenso wie
der oben erwähnte Ziegenbock- K. im
Harz 49 ). In einem Brunnen bei Caldrun
in Tirol erscheint alle hundert Jahre aus
einer Steinfuge der Brunnenwand die
Hieng (K.-Hänge) eines gewaltigen
K.s, der mit einem Schatz gefüllt ist
und von einem Wurm bewacht wird.
Man müßte etwas Geweihtes auf die
Hieng werfen, um den Schatz zu heben 49 ).
Ein ähnlicher Brunnen liegt am Raffen¬
berg zwischen Hagen und Limburg.
Etliche Leute bemerkten einmal in dem
Brunnen einen mit Gold gefüllten K. und
suchten ihn herauszuziehen. Aber je
höher sie ihn zogen, desto schwerer wurde
er, und als einer ein Wort sprach, sprang
eine Kröte in den Brunnen, worauf der
K. sofort versank und auf immer ver¬
schwand w ). Eine oldenburgische Sage
erzählt, daß die Erdmännlein, als sie
nach dem Tode ihrer Königin das Land
1263
Kessel
1264
verließen, einen kleinen K. hinterlassen
hätten, der von besonderer Arbeit war 51 ).
Man erzählt auch von Frau Holt , daß sie
im Venusberg bei einem über dem Feuer
hängenden K. sitze 62 ). Daß derartigen
Sagen bisweilen archäologische K.-Funde
zugrunde liegen, bezeugt der berühmte
Fund von Pekatell, der eine mecklen¬
burgische Volkssage, die in dem dortigen
Hügel einen Zwergen-K. wußte, in über¬
raschender Weise bestätigte 53 ).
18 ) Meyer Germ. Myth. § 119. 121. 124.
1# ) Grimm DWb. 2, 322. 20 ) Ebd. u. 4,1, 3, 6397;
Rosegger Waldheimat&.Tn.O. 21 ) Reiser Allgäu
i,92f. 22 ) Grimm Myth. 2, 873fr; 3, 307;Byloff
(1929) 15. 24; ders. Das Verbrechen der Zauberei,
Graz 1902, a. v. O. 23 ) Grimm Myth. 2, 908 ff.;
3 » 3*3 L 24 ) Meyer Germ. Myth. 119. 124. 234
(173 wo weitere Lit.); Grimm Myth. 2,
670 ff.; 3, 239 f. 25 ) Meyer Germ. Myth.§ 234
(S. 173); Wolf Beiträge 1, 202; Kuhn West¬
falen 1, 16. 216. 2tt ) Müller Siebenbürgen 97f.,
ähnliche Sagen auch anderswo, vgl. z. B.
Krainz Nr. 214 u. 231. 27 ) Rochholz Sagen
2, 8. * 8 ) Krainz 174. ,# ) Meyer Germ. Myth.
100 § 136; ders. Indogerm. Mythen 2, 585. 625.
*°) Meyer Germ. Myth. § 124. 194. 31 ) Ebd.
§ 196; Mogk Relgesch. 69 f. 32 ) Faye Norskc
Folkesagen 6. M ) Grimm Myth. 1, 467; Wolf
Beiträge 2, 349 ff.; Meyer Germ. Myth. § 119.
184. 188; Quitzmann Baiwaren 193. 34 )
Grimm Myth. 1, 155 f.; Simrock Mythologie
2630.; Bugge Heldensagen 1, 26; Meyer
Germ. Myth. § 145. 184 f. 188. 202. 256; Mogk
Relgesch. 91 ff. Meyer Germ. Myth. 256.
3# ) Grimm Myth. 1, 51. 151. 155; 3, 69 f.;
Meyer Germ. Myth. § 272. 37 ) Müllenhoff
Sagen 445 ff. (IV 18). 38 ) Rochholz Sagen 1,
95 L; ZfdMyth. 1, 20; 2, 185. 39 ) Pröhle Harz 2,
217. «>) Hylten-Cavallius 2, Till. X. 4l )
Meyer Religgesch. 103 f. 42 ) Müllenhoff
Sagen 284 f. 317; Kuhn und Schwartz 164 f.;
Kuhn Westfalen 1, 200 u. 306; Meyer Germ.
Myth. S. 128 § 167. 43 ) Grimm Sagen Nr. 154
u. 302. 44 ) Knoop Hinterpommern 59 t.
**) Laistner Sphinx 1, 288; 2, 3190.; Meyer
Germ. Myth. § 164 (S. 123); Schneller Wälsch-
tirol 202; Hör mann Mythol. Beitr. a. Wälsch-
tirol 213; Bartsch Mecklenburg 1, 48 Nr. 68.
**) Laistner Sphinx 1, 286; Bartsch Mecklen¬
burg 1, 273 ff. 47 ) Witzschel Thüringen 2,
42 Nr. 40; Laistner Sphinx i, 321. *•) Meyer
Germ. Myth. § 124. 49 ) Heyl Tirol 384 Nr. 63.
*°) Grässe Preußen 783 f. 61 ) Strackerjan 1,
402; Meyer Germ. Myth. § 164. 62 ) ZfdMyth. 1,
273; Meyer Germ. Myth. § 367 (S. 282). M )
Mackensen in NdZfVk. 3, 88; E. Jung
Germ. Götter u. Helden München 1922 S. 313.
5. Der Kessel im Wetterzauber.
Am meisten verbreitet ist heute noch
der Glaube an die Hexen, die in K.n
Wetter, besonders Hagelwetter, sieden
(s. oben u. Anm. 18—23). Diese Vor¬
stellung war vielleicht schon dem alten
salischen Volksglauben bekannt. In der
lex salica cap. 67 heißt es: „si quis
alter um chervioburgum, hoc est strioportium
clamaverit , aut illum , qui hineo portare
dicitur, ubi strias (= striae) coccinant
Es galt demnach, wie Jacob Grimm
meinte, als ehrenrührigstes Scheltwort, je¬
manden einen Hexenkesselträger zu nen¬
nen. Nun steht freilich die Grimmsche
Deutung des Wortes chervioburgus, das
Grimm als chverio (also hver > altfränk.
chver = K.) und burjo (Träger) auf-
faßte 54 ), nicht mehr unumstritten fest.
W. van Helten hat dagegen ver¬
schiedene Einwände erhoben und die
Lesung chereburgium > *heraburgio = har
(Hexe) und burgio (Gewährsmann), also
Hexendiener vorgeschlagen 55 ). Aber
selbst wenn die letztere Lesart die richtige
und wie van Helten meint, der Nachsatz
,,illum qui hineo portare dicitur , ubi strias
coccinant . . .“ nur ein in die Text¬
rezension aufgenommener Versuch wäre,
um das schon damals unverstandene
Wort zu erklären, so bestätigt doch
jedenfalls dieser Versuch selbst den ver¬
breiteten und allgemein als bekannt
vorausgesetzten Glauben an die kochenden
und siedenden Hexen. Jacob Grimm
hat dabei einen Gedanken angesponnen,
der seither m. W. nicht weiter verfolgt
wurde, nämlich die Frage, ob es sich
nicht vielleicht ursprünglich um Prieste-
rinnen gehandelt habe, die die geheiligten
Salzquellen und Salzsiede-K. in ihrer
Verwahrung gehabt hätten. Jacob Grimm
verweist dabei u. a. auf eine Handschrift
aus dem Kreise des „Strickers“ hin 56 ),
in der unter verschiedenen abergläubischen
Bräuchen auch folgende Stelle vorkommt:
,,daz ein wip ein chalb rite, daz waeren
wunderliche site, ode rit üf einer dehsen ,
oder iif einem hüspesem nach salze ze
Halle fuere . . und weiter „ob ein wip
einen ovenstap über schrite und gegen
Halle rite über berge und über taV\ Diese
Stellen bezeugen also den Glauben an
Weiber, die auf einer Dechsen (Spinn¬
rocken) 57 ) oder auf einem Besen oder
1265
Kesaei
1266
einer Ofenkrücke nach Halle um Salz
reiten. Es wäre demnach denkbar, daß
der Glaube an Hexen, die auf Besen,
Spinnrocken und Ofengabeln über Berg
und Tal reiten u. a. auch mit germani¬
schen und keltischen Zauberfrauen zu¬
sammenhängt, die das Salzsieden noch
als geheiligte Handlung zu vollziehen
hatten. Damit wäre neben Opferk. und
Regenzauber noch eine dritte Wurzel für
den Glauben an die siedenden Hexen frei¬
gelegt. Die Frage scheint doch wert,
weiter untersucht zu werden.
Auf Wetterzauber deutet ferner fol¬
gender aus einem lettischen Heilsegen
ersichtlicher Glaube hin: man denkt sich
dort den Wahnsinn dadurch entstanden,
„daß Piktuls (der vom Gewittergott
verfolgte Dämon des Dunkels) nirgends
einen K. fand, unter den er sich hätte
flüchten können, weil nach altem
Brauch beim Herannahen des Ge¬
witters alle Kessel umgestülpt
worden waren. Da fuhr er in den Menschen,
und sein schreckhaftes Hin- und Her¬
zucken im Körper bewirkte den Wahn¬
sinn 58 ). Ferner schlägt — ebenfalls
nach lettischem Volksglauben — der
Donnergott Perkunas auf K., was das
Donnern hervorruft 59 ). Vielleicht gehört
hieher auch die böhmische Sage, nach der
ein Weib vom Blitz erschlagen wurde,
da sie Sonntags Garn im K. sott. Der
siedende K. aber wurde nach derselben
Sage in eine heiße Quelle verwandelt 60 )
(s. K.-Haken).
ö4 ) Grimm Myth. 2, 873 ff. u. 3, 307; RA.
645 f. w ) W. van Helten in PBB. 25 (1900),
S. 487 ff. § 168. M ) Grimm Myth. 2, 875 f.
Nach gütiger Mitteilung von Prof. Zwierzina
steht das Gedicht in der Wiener Hs. 2705, die
ca. 1280 in Tirol geschrieben wurde. Das
Gedicht selbst ist nicht von Stricker, wohl aber
von einem Dichter seines Kreises verfaßt. Es
ist auch in v. d. Hägens Germ. 8, 307 f. ab¬
gedruckt. 67 ) Schmeller BayWb. i, 484.
* 8 ) E. Kurtz in ZfVk. 35/6 (1926), 41. In
Umbrien wurden bei Hagelzauber bronzene K.
aufgestellt. Goldmann Andelang 36, wo
weitere Literatur. w ) Rochholz Naturmythen
54; Veckenstedts Zs. 1, 246; Meyer Indo¬
germ. Mythen 2, 605; zu Perkunas vgl. Mogk
Relgesch. 89. 40 ) Grohmann 246; Meyer
Indogerm. Mythen 2, 602.
5. Der K. als Schützer und Hel¬
fer. Es ist immerhin auffallend, daß in
Mythen, Märchen und Sagen wiederholt
davon erzählt wird, daß man sich vor
drohenden Gewalten unter einen K.
flüchtet. Wir hören es bereits in der
Edda (Hymirsquiäa) von Thor und Thyr
(s. oben Anm. 33) und dann wieder vom
lettischen Piktuls (s. oben Anm. 58),
daß sie sich unter K.n verbergen. Daß dieses
Motiv auch in Märchen wiederkehrt, wo
der Held, meist von der Frau des Un¬
holdes unter einem K. oder Faß u. dgl.
versteckt wird, hat schon Wolf angedeu¬
tet 61 ). Aber auch verschiedene Sagen
erzählen dasselbe. Nach einer westfäli¬
schen Sage verbirgt sich ein Mädchen, das
in den Zwölften einen K. von Campen
nach Sieden tragen mußte, vor der heran¬
nahenden Herodis und ihren Hunden
unter diesem K. 62 ). Ein Tiroler Senner
spottete den Ruf der Habergeiß nach.
Als sie herankam, verkroch er sich unter
einen kupfernen K. Aber die Habergeiß
durchblickte den K. und fraß den Hir¬
ten 63 ). Eine oldenburgische Sage weiß
von einem Mädchen zu berichten, das
zwischen Weihnachten und Neujahr einen
Wasch-K. durch den Busch trug. Da
hörte sie den brausenden Zug des ewigen
Jägers , warf in ihrer Angst den K. weg
und versteckte sich darunter 64 ).
Aber auch durch das K.-Sieden kann
man Dämonen verscheuchen. Die Alt-
weiberphüosophie vom Jahre 1612 be¬
richtet, die Nachtmar scheuchet kein
Ding mehr, dann so ein Hafen , vom
Ferner gesetzt , noch seudt 65 ); ebenso zeigt
es an, wenn ein gerichte im topfe , nachdem
es vom fetter, nachkochet, daß keine Hexen
im Hause 66 ). Der Glaube ist weit
verbreitet: Die schwedischen Vättar flie¬
hen vor dem im K. siedenden Wasser 67 );
Elben, Nachtmaren und Hexen vertreibt
man, wenn man in einem K. oder in
einem Topf Wasser siedet 68 ), den Dra¬
chen verscheucht man, wenn man einen
mit Wasser und Hexenkraut gefüllten K.
drei Tage und drei Nächte lang über
einem Notfeuer hängen läßt 69 ), ebenso
wie man in Island das Vieh zum Schutz
gegen Krankheit mit K.-Wasser besprengt,
das über dem Notfeuer gesotten wurde 70 ).
12 67
Kessel
1268
Schon Burkhard von Worms (f 1024) er¬
wähnt, daß man Kinder vom Fieber
heilte, indem man das im K. siedende
Wasser auf das Kind überströmen ließ 71 ).
Ebenso wirft man den Wechselbalg in
einen siedenden K. und legt ihn dann
auf einen Kreuzweg, damit die Trollen
das rechte Kind wiederbringen 72 ). Ver¬
schiedene indogermanische Mythen er¬
zählen von jungen Helden, die sich in
siedende K. warfen und verjüngt aus
diesen hervorgingen, während ihre Feinde
elendiglich darin umkamen 73 ). Auch
bei der Taufe soll man bisweilen gekochtes ;
K.-Wasser verwendet haben 74 ). Bei
allen diesen Vorstellungen, ebenso wie
beim nordischen K.-Bier 75 ), oder beim
Trienter K.-Tanz und beim schwäbischen
Balfaribrauch 78 ) oder bei allen Theoduls-
Glocken 77 ) an Thors-K. oder an Wetter¬
zauber 78 ) zu denken, ist wohl nicht
nötig, noch weniger, darin Zusammen¬
hänge mit dem Mond zu sehen 79 ). Man
kommt hier m. E. sehr oft damit aus, die
segenspendende Kraft des Herd- (s. d.)
und Notfeuers (s. d.), über denen der K.
hängt, als wesentlichsten Erklärungs¬
grund anzunehmen.
6l ) Wolf Beitr. 1, 95 - 6a ) Kuhn Westfalen
I, 3 Nr. 4; Laistner Sphinx 2, 94. 63 ) Laist-
ner Sphinx 2, 219. 64 ) Strackerjan 1, 372!.
e5 ) ZfdMyth. 3, 311. 68 ) Grimm Myth. 3, 477
Nr. 1135. 67 ) Hylten-Cavallius i, 268.
68 ) Birlinger Volkstk. 1, 328; Jahn Hexen¬
wesen 365. 376; Meyer Germ. Myth. 137 § 175.
68 ) Bartsch Mecklenburg 1, 259!.; Meyer
Germ. Myth. 98 § 135. 70 ) Grimm Myth. 1,
507. 71 ) Meyer Indogerm. Mythen 2, 520.
71 ) Meyer Germ. Myth. § 282 S. 210. 73 ) Meyer
Indogerm. Mythen 2, 319 ff. u. 521. 74 ) Meyer
Germ. Myth. 282 S. 209. 7S ) Liebrecht Ger¬
vasius 57; Meyer Germ. Myth. 209 § 282.
7# ) Zingerle Tirol 84 Anm. 5; Quitzmann
Baiwaren 187; Panzer Beitrag 2, 61. 77 ) Von-
bun Beiträge 22 f.; Vernaleken Alpensagen
314 f. 78 ) Meyer Germ. Myth. a. a. O. 79 ) Z. B.
Siecke Götterattribute 304.
6. Verschiedene K.-Bräuche. Der
bekannteste alte K.-Brauch ist wohl das
Gottesurteil des ,,K.-Fanges“. Er ge¬
hört zu den sogenannten „Elementar-
Ordalen“, welche als die ältesten Formen
der Gottesurteile angesehen werden
Das K.-Ordal schildert schon Gregor von
Tours 81 ). Es sind dafür die Bezeich¬
nungen iudicium aquae ferventis, bullien-
tis, calidae , ags. wacterorddl, fries. weter-
kamp-ketelfang, an. Ketilfang, ketiltak ,
deutsch kesselfang überliefert. Der Be¬
klagte hatte in oder vor der Kirche aus
einem siedenden K. einen Stein heraus¬
zugreifen. Blieb er unversehrt, so galt
seine Unschuld als erwiesen 82 ). Im
Norden wurde diese Form als häufig¬
stes Gottesurteil (s. d.) bei Frauen im
Jahr 1025 durch Olaf den Heiligen ein¬
geführt 83 ). Eine andere K.-Probe be¬
stand darin, daß man die Schuld als
erwiesen betrachtete, wenn sich der
aufgehängte und mit siedendem Wasser
gefüllte K. zu drehen begann. Diese
Form wurde oft als Vorprobe zum K.-
Fang, aber auch selbständig vorge-
| nommen 84 ).
Eine Südtiroler Sage erzählt von einem
Zauberer, genannt der Lauterfresser , der
nach seiner Gefangennahme an einen
kupfernen K. angeschmiedet wurde 85 ).
Vielleicht klingt die Erinnerung an einen
alten Rechtsbrauch nach.
An festliche Opferk. erinnern vielleicht
folgende Bräuche: In Trient wurde an
Fastnacht auf dem Platz unter einem
kupfernen K. Feuer angemacht und
Plenten (< ital. polenta) gekocht. Man
umtanzte den K., aß und trank. Außen¬
stehende suchen den Plenten zu stehlen,
wem es gelingt, der wird geehrt und zum
,,Räuberhauptmann“ erkoren 86 ). Ähn¬
lich geht es beim Balfaribrauch zu, der
am Sonntag nach Michaelis im schwäbi¬
schen Bergschloß Gablingen abgehalten
wurde. Dabei stellte man im Schloßhof
einen großen kupfernen K. auf, füllte
ihn mit Wasser aus dem Schloßbrunnen,
umringte den K. und jeder suchte daraus
zu trinken. Ein Bursche suchte den K.
zu entreißen und fortzuschleifen und
wurde von den andern verfolgt 87 ).
In Hohenauen (Norddeutschland)
wurde am Schlüsse der Ernte ein Kranz
gewunden. Kam man damit im Hofe an,
so wurde ein K. umgekehrt hingestellt,
und alle mußten über diesen K. springen 86 ).
Es wäre denkbar, daß dieser umgestürzte
K. mit einem ehemaligen Regenzauber
im Zusammenhang steht.
Dagegen hängen folgende Bräuche wohl
1269
Kesselhaken
1270
mit dem Herdzauber (s. Herd u. Kessel¬
haken) zusammen: In Pommern setzt
man einen blanken K. neben das junge
Federvieh, wenn dieses zum erstenmal
ins Freie gelassen wird. Dadurch schützt
man es einerseits vor Raubvögeln, die
vom blanken Metallk. geblendet werden
(s. Vogelscheuchen), andererseits glaubt
man aber, daß dadurch die Hexen ge¬
hindert werden, den Kopf der Küchlein
am Rücken festwachsen zu lassen 89 ).
Mit dem Bannzauber an den Herd und
dadurch an das Haus steht gewiß auch
folgender von Müllenhoff überlieferter
sagenhafte Zauber in Verbindung: Ein
Jude zaubert einen entlaufenen Knecht
wieder her, indem er in einem großen K.
über dem Herdfeuer um Mitternacht u. a.
die Jacke des Knechtes einlegt und durch
dreimal 24 Stunden kochen läßt ®°).
80 ) v. Amira Grundriß 3, 219. 81 ) M. G.
script. rer. Meroving. I 2, 542. 8Z ) Franz
Benediktionen 2, 353 ff. u. 373 ff.
83 ) Müllen¬
hoff Altertumsk. 5, 398 f. 84 ) Franz Benedik¬
tionen a. a. O. 86 ) s. o. 2. 904 f.; Panzer
Beitrag 2, 114. 8# ) Ebd. 2, 61. 87 ) Ebd. 88 ) Kuhn
u. Schwartz 399 Nr. 108. 8# ) Kuhn Westfalen
2, 64 Nr. 197. 90 ) Müllenhoff Sagen 201 f. Nr.
274 (neue Ausg. 316). v. Geramb.
Kesselhaken nennt man den Haken,
der den über dem Herd hängenden Kessel
trägt. Er wird auch helhaken, oder einfach
die oder das hei , hat (auch hähel , hadl,
haol, hiil , hol, häle , hceli u. dgl.) ge¬
nannt l ). Dieser Name steht nicht — wie
man seinerzeit meinte 2 ) — mit der Unter¬
welt hei in Verbindung, sondern gehört
zu ahd. hdhila, mnd. häle , bedeutet also
einfach „die Häng“ (von ahd. und got.
hähan — hängen) 3 ). Doch ist der Name
vielfach von der Hänge Vorrichtung auch
auf den K. übertragen worden. Goldmann
hat es wahrscheinlich zu machen gesucht,
daß der in mittelalterlichen Rechtsurkun¬
den oft und oft genannte andelang eine
alte Benennung des K.s gewesen ist 4 ).
1. Sachkundliches. Es gibt ver¬
schiedene Formen des K.s und seiner
Aufhängevorrichtung. Die einfachste ist
wohl ein hölzerner Ast mit hakenförmigem
Ende. Recht primitiv und an sich sehr
alt, nämlich schon in prähistorischer Zeit
nachweisbar 6 ), ist auch die Hängekette,
die aus ineinandergreifenden Metallringen
besteht, deren unterster den Haken trägt.
Das Bedürfnis beliebig höher oder tiefer
hängen zu können, hat auch schon recht
früh zusammengesetzte Formen erzeugt,
entweder in der Weise, daß der Haken
samt dem daran gehängten Kessel in
eingekerbte Zähne einer Aufhängestange
eingehakt wird, oder daß man ihn selbst
als das untere Ende eines gezähnten
Eisenblattes gestaltete, das mittelst Ösen
mit einem über dem Herd herabhängenden
Führungsstab verbunden war. Während
man die Kesselketten in der Hallstatt-
und Latene-Zeit in den Alpen und von
dort über West- und Südeuropa verbreitet
findet, scheint die Zahnstangenform mit
hölzernen Kerben in Skandinavien und
Rußland am frühesten nachweisbar zu
sein 6 ). Die kompliziertesten und ent¬
wickeltsten Formen des K.s mit mehr¬
teiligem eisernen, oft schön verzierten
Zahnblatt und kunstvollem Traggerüste
findet man im rheinisch-westfälischen
Eisengebiet 7 ). Eine dritte Art sind die
drehbaren Kesselgalgen (in der Schweiz
Turner*), in den kärntnischen Alpen
reidhäle, Drehhäle genannt 9 )), die als
Wendesäulen auch in Norddeutschland
und bis nach Osteuropa Vorkommen 10 ).
Sie entsprangen dem Bedürfnis, den
Kessel in horizontaler Richtung bequem
verschieben zu können. Auch Kombina¬
tionen zwischen Drehgalgen und Zahn¬
stangen sind häufig n ). Die Zahnung
des K.s hat auch etliche Volksrätsel
entstehen lassen, z. B. Wer hett de
meisten Naesen ? 12 ) oder ik wäit en
swart mänken hiät tackeln in der syt 13 ).
*) Heyne Haus alter tümer 2, 288; Urquell
4, 59; ZfrwVk. 4, 288 f.; Wrede Rhein. Volksk.
47. 57; Sartori Westfalen ^4. 125; Goldmann
Andelang 30 ff. 2 ) Montanus Volksfeste 99L;
Lippert Kulturgeschichte 439; Urquell 4, 59. 3 )
Falk-Torp Etym. Wb. 1, 447 t. 4 ) Goldmann
Andelang passim. *) A. Haberlandt in Bu-
schans III. Völkerk. 2, 460f. 8 ) Ebd. 7 ) Ebd.
und Bomann Bäuerliches Hauswesen (Weimar
1927), 7off., Abb. 45—55. 8 ) Haberlandt
a. a. O. 9 ) Eigene Aufzeichnung. 10 ) A. Haber-
landta.a.O. u ) Bomann a. a. O. 12 ) Stracker¬
jan 2, 224. 13 ) ZfdMyth. 3, 189.
2. Die kultische und rechtliche
Bedeutung des K.s hängt zweifei-
1271
Kesselhaken
1272
los mit der Heiligkeit und der Stellung
des Herdes im Ahnenkult und als Kult¬
mittelpunkt des Hauses zusammen 14 )
(s. Herd), wozu noch sein ursprünglicher
Aufhängeort vom Schornstein herab (s. d.)
und vielleicht auch noch die Bedeutung
des Kessels (s. d.) in Mitwirkung tritt.
Es fällt auf, daß sich die kultischen und
rechtlichen Vorstellungen, die an dem
K. haften, besonders im niedersächsischen
und fränkischen Gebiet samt seiner süd¬
westlichen und nordöstlichen Ausstrah¬
lung verdichten 15 ). Andere Gebiete, in
denen eine ähnliche Verehrung des K.s
zu beobachten ist, finden sich in Island
und in Schottland, sowie bei den Süd¬
slawen und bei den Osseten und Tschet¬
schenen im Kaukasus ie ). Nur vereinzelte
Spuren lassen sich auch bei den Wotjäken
nach weisen 17 ).
a) Der K. als lar familiaris. In
der kultischen Weihe, die den K. aus¬
zeichnet, besitzt dieses Herdgerät eine
seltsame Verwandtschaft mit dem Feuer¬
bock (s. d.). Es spricht sehr viel dafür,
daß er wie dieser als lar familiaris (lar
= focus), als Ahnengeist und Herdgott,
somit als der eigentliche kultische Haus¬
herr betrachtet wurde, als der er isländisch
und französisch (maitre de la ntaison)
buchstäblich bezeichnet wird 18 ). Das ist
genau dieselbe Vorstellung, die sich bei
den Bulgaren beim Allerseelenfest kund¬
gibt, bei dem man Opfer in die Herd¬
höhle und auf den Dachboden (Rauch¬
abzug) legt mit den Worten: ,,Freue dich
Hausherr“ 19 ). Ebenso streichen die
Letten Speisereste an den K. als Opfer
für den Hausgeist pukis *°). Besonders
stark hat sich dieser Ahnenkult bei der
Kesselkette der Osseten erhalten, bei denen
es in einer Gerichtsklage als ärgeres Ver¬
brechen gilt, die Kesselkette zu rauben, als
den Sohn des Hauses zu töten tt ). In
der Schweiz läßt man die Herdflamme
nicht zu hoch in den Schlot, aus dem
die Kesselkette herabhängt, emporzüngeln,
damit die armen Seelen nicht zu viel
leiden müssen 22 ). Das Schütteln der
Kesselkette freut nach isländischem Volks¬
glauben den Teufel 23 ). Fällt der K. von
selbst herab, so bedeutet das Besuch
u. a. 24 ), wie man ihn auch um Zukunfts¬
deutungen ausfragt: In Mecklenburg häng-
ten die Mädchen ihr Hemd an den K.,
wenn sie ihren Zukünftigen erkunden
wollten 25 ). Man teilt ihm aber auch
Geheimnisse mit, die man Menschen
nicht sagen darf, und beichtet 2 *) ihm
ganz so wie sonst dem Herd oder Ofen
(s. d.). Schon im 14. Jh. wurde nach
einem Dortmunder Weistum eine ge¬
richtliche Verkündigung mit Schwert¬
hieben an dat haill verbunden 27 ), sowie
man auf den K. auch Eide ablegte u. zw.
sowohl bei den alten Niedersachsen wie
bei den Osseten 28 ). Desgleichen legte
man Abgaben verschiedener Art auf den
K. 2S ).
b) Der K. als rechtlicher Haus¬
mittelpunkt. Wenn Goldmanns an¬
sprechende Deutung des Wortes ande-
lang K. richtig ist, dann haben wir
zahlreiche Rechtsurkunden in der Zeit
vom 9. bis ins 16. Jh., denen zufolge der
K. als das hauptsächlichste Symbol des
Herd- und Hausbesitzes bei Investituren
und Übergaben dem neuen Besitzer über¬
reicht wurde (per andelangum tradere) 30 ).
Tatsächlich hat sich dieses Symbol auch
in verschiedenen Bräuchen als solches er¬
halten : In Westfalen wurde der neu
eintretenden Braut der K. als Symbol
der Hausherrschaft eingehändigt 31 )■ Wie
anderwärts der Besitz des Herdes (s. d.)
oder des Feuerbockes (s. d.) galt z. B.
in Turin schon 1360 der Besitz der catena
(Kesselkette) als Zeichen der Hausinhaber¬
schaft, ebenso wie in der Schweiz das
Aufhängen des häl 32 ). Ebenso bedeutet
das Auf- und Niederlassen (uff und
nider schürzen) des haell (im Kölnischen
nachweisbar 1609) die Besitzübemahme
des Hauses 33 ). Zum selben Zwecke
legten Braut und Bräutigam und das
ehemalige Familienoberhaupt bei der
Hochzeit, oder der alte Vater und der
Sohn bei der Hof Übergabe, der Bauer
und der Knecht beim Dienstboten-Ein-
tritt die Hände in die unterste Einzah¬
nung des K.s 34 ). Beim Regierungs¬
wechsel der Grafen von Lippe ging der
Kanzler auf alle fürstlichen Besitzungen
und nahm sie durch Berühren des K.s
1273
Kesselhaken
1274
für den neuen Herrn ins Eigentum 35 ).
Umgekehrt bedeutete das Abhauen des
K.s Vertreibung von Haus und Hof, und
bei Feuersbrünsten suchte man vor allem
den K. zu bergen 34 ). Bei den Osseten
genießt der Verbrecher Asylrecht, wenn
er die Kesselkette berührt 37 ), und auf
dieselbe Weise schützt sich bei den
Tschetschenen der Mörder vor der Blut¬
rache **). Mit dieser symbolischen Kraft
des K.s hängt es auch zusammen, daß
dieser bei Grenzziehungen als bestim¬
mender Grenzpunkt galt 39 ) und daß
der K. wiederholt als Geschlechtsname,
Hausmarke und Wappenzeichen er¬
scheint "J, wie er auch seinerseits mit
Heilszeichen und Wappen geschmückt
ist 41 ). Im Bergischen, im Sauerland,
im Aggertal und in Brabant hat es noch
im 19. Jh. ein K.-Fest gegeben, bei
dem die Burschen von den Mädchen
zum Dank dafür bewirtet wurden, daß
sie ihnen den schweren Kessel vom Haken
heben halfen 42 ). Vielleicht ist es ein
Rest eines alten Herdgenossen-Festes.
14 ) Schwebe 1 Tod und ewiges Leben 70;
Lippert Christentum 485; Wuttke 132 § 181;
Kronfeld Krieg 64 f.; Goldmann a. a. O.
45 t. l6 ) Goldmann Andelang 64 f. und
Schwebel a. a. O. ie ) L. v. Schröder Esthen
129; Negelein in ZfEthn. 1902, 66; Gold¬
mann a. a. O. 42 ff. 17 ) Goldmann a. a. O.
45 - 18 ) Goldmann a. a. O. 45 f. Zur Gleichung
K. Feuerbock s. Meringer ZfromPhil. 1906,
4190. 1B ) Murko in WuS. 2, 94; L. Weiser
in MAG. 56, 4. *°) Bielenstein im Globus
85, 182. ,l ) Goldmann 44 t. 11 ) SAVk. 1902,
48. M ) LiebrechtZur Volksk. 371. f4 )Stracker-
jan 1, 38; 2, 223 Nr. 473. * 6 ) Kuhn Westfalen
2, 123 Nr. 375. 2# ) Strackerjan 2, 224 Nr. 473
und Goldmann 38 (England und Frankreich).
* 7 ) Goldmann 49 Anm. 4. * 8 ) Peßler Das
altsächsische Bauernhaus (1906) 127; Gold-
mann 44. * 9 ) Grimm RA. 1, 539 t. Dazu
Goldmann 49 Anm. 4. 30 ) Goldmann
passim bes. 26 ff.; Amira Grundriß 32. 31 )
Kauffmann in ZfdPh. 1910, 149; Jostes
Westf. Trachtenbuch 101; Goldmann 40.
31 ) Du Cange s. v. catena ; Lauffer Mitt.
germ. Nationalismus. 1901, 18; Schweizld. s. v.
Häl 1134; Goldmann 50. Wrede Rhein.
Volksk. 57; Grimm Myth. 2, 993. 34 ) ZfrwVk.
4 (1907), 230. *•) Bomann a. a. O. 78. M )
Goldmann 43. 37 ) Goldmann 43. M ) Gold¬
mann 44. 3B ) Goldmann 48 Anm. 8; Grimm
Weist. 2, 217; Lauffer Mitt. d. germ. National¬
museums 1900, 168 (Bacharach 1407); Grimm
in Abh. d. Berl. Ak. 1843, 135; Bomann
a. a. O. 78. Lippert Christentum 485. 488;
Schwebel Tod und ewiges Leben 70; Kron¬
feld Krieg 64 f.; Gold mann 49 Anm. 1—3;
Bomann a. a. O. 78; Sartori Westfalen 29.
41 ) Goldmann 37 f.; Lauffer Mitt. d. germ.
Nationalmuseums 1901, 25 u. 121; Bomann a.
a. O. 74 u. Abb. 55; Meyer Germ. Myth. 89.
124. 4a ) Monatsschr. d. berg. Gesch.-Ver. 1, 87;
ZfrwVk. 4 (1907). 297; Wrede Rhein. Volksk.
70; Goldmann 39.
3. Die Helleite. Ums Hel leiten ,
öm et Hel Uten u. dgl. 4S ) nennt man je¬
nen weitverbreiteten — nach dem Vorher¬
gesagten ohne weiteres verständlichen —
Initiationsritus, dem wir auch bei Herd
und Ofen (s. d.) begegnen und der darin
besteht, daß das in die Herdgenossen¬
schaft neu eintretende Wesen (Kind,
Braut, Hausherr, Gesinde, Haustiere) an
oder um den Sitz des Hausgeistes, des
lar familiaris, in unserem Falle also an
oder um den K. geleitet werden. So¬
lange der Herd und damit der K. in
der Raum-Mitte stand, wurde dieser
Brauch mit der Umwandlung (s. d.) ver¬
bunden ; als der Herd an die Wand verlegt
wurde, erhielt die Sitte andere Formen.
a) Das Neugeborene wurde in Eng¬
land **) und in der französischen Schweiz 45 )
dreimal um den K. getragen. In West¬
falen nahm man die Kindtaufe vor dem
„Hol“ vor 44 ), und bei den Osseten trägt
man das Kind drei Tage nach der Taufe
unter die Kesselkette mit einigen Gaben für
den Herdgeist (Safa) 47 ). Im südtiroli-
schen Gedicht Vintlers Pluemen der
Tugent (um 1500), das auf eine italieni¬
sche Vorlage zurückgeht, wird von Heb¬
ammen erzählt, die das Neugeborene
durch eyn höle stoßen und segnen**).
Doch wäre noch zu untersuchen, warum
hier ein K. genannt wird, wiewohl der
beifügte Holzschnitt ein Speichenrad ab-
büdet 49 ) (s. 2, 484).
b) Die junge Frau. Sie wurde in der
Eifel M ), im Rheinland 51 ), Westfalen M ),
in der Mark 53 ) und in Siebenbürgen 64 )
nach der Hochzeit entweder dreimal um
den K. geführt oder vom Bräutigam
herumgetragen, oder es wurde der K.,
wo der Herd an der Wand stand, dreimal
um die Braut geschwungen. Alle diese
Zeremonien nannte man um’s Hel lei¬
ten* 5 ). Bei den Südslawen verneigt sich
die Braut dabei auf den vier Seiten vor
1275
Kesselhaken
Kesselhaken
1278
dem Herd und küßt das Kesselgestell 66 ).
In sehr feierlicher Form mit Berühren und
Schütteln der Kesselkette und mit Schwert¬
schlag an die Kesselkette hat sich der
Brauch bei den Osseten und Tschet¬
schenen erhalten 67 ).
c) Der neue Hausherr wurde der¬
einst im Siegerlande in ähnlicher Weise
ums Hel geleitet 6S ).
d) Das Gesinde. Als Initiationsritus
beim Dienstantritt ist die Helleite aus
demselben nordwestdeutschen Gebiet viel¬
fach bezeugt 59 ). Zu Alten-Hunden in
Westfalen treten die Mägde zu Martini
den Dienst an. Zieht nun eine Magd
in einem Hause neu ein, so kommen die
jungen Burschen und führen sie om dat
Hdl , wofür sie nachher von ihr bewirtet
werden 60 ). An der unteren Wupper
wurden neu eintretende Knechte und
Mägde zum K. geleitet, oder das Hel
wurde um sie geführt 61 ). Zu Meiderich
am Niederrhein geschah das in der Weise,
daß die an den K. geführte Magd vor
diesem in gebückter Stellung verharren
mußte, bis man sie unter Absingung eines
Liedes mit der hahel umkreist hatte.
Später geleitete man sie nur um die
Öllampe, nannte aber auch diesen Brauch
noch das hoolleije 62 ). In Westfalen heißt
die Sitte, die dort mit einem Spruch
verbunden ist, höälen 63 ).
e) Tiere. Schon im 17. Jh. bezeugt
ist folgender Glaube: Welcher seine Katz
oder Hund dahajm behalten wil , daß sie
nicht außlauffen, der treib sie dreymal umb
die haal . . , 64 ). In Mecklenburg führt man
neugekaufte Hühner oder Küchlein drei¬
mal um den K. 65 ). An der oberen Nahe
wurde ein Hahn, damit er bei seinen
Hühnern bleibe, dreimal um die Hohl
gereicht ÄÄ ). Dasselbe Verfahren ist aus
Frankreich für Katzen und Hühner be¬
zeugt Ä7 ).
M ) Waldbrühl in
und Goldmann 39
Umwandlung 6 (wo
Goldmann 41. tt )
ZfVk. 23, 124; Goldr
in ZfrwVk. 1906, 82.
ZfdMdA. 3. 556 Nr. 66
Anm. 4. 44 ) Knuchel
weitere Literatur) und
SAVk. 12, 119 Nr. 4;
ann 40. 44 ) Prümer
47 ) Goldmann 43.
4S ) ZfVk. 23, 8. 4 ®) Der Text spricht noch
deutlich für K. heia und hael ist in süd-
tirol. Mundarten für K. bezeugt; Sch mel¬
ier 1, 1072 f. Auch Schöpf Tirol. Idiotikon
S. -37 denkt hier an K. M ) Schmitz Eifel
1, 67. 51 ) Wrede Rhein. Volksk. 184; Schell
in ZfVk. io, 165 f.; ZfrwVk. 4 (1907), 294.
52 ) Sartori Westfalen 93. M ) Kuhn Märk .
Sagen 361. 54 ) Meyer Volksk. 67 f. M ) Mon¬
tanus Volksfeste 99 f.; ZfrwVk. 4 (1907), 294;
Samt er Familienfeste 20. 58 ) Lippert Kultur-
geschickte 2, 146; Krauß Slav. Volkforschung
430 f.; Goldmann 42; Knuchel Umwand¬
lung 20. 67 ) Goldmann 42 ff. M ) Rade¬
macher in Urquell 4, 112. Dazu Goldmann
41 f. 89 ) Literatur bei Goldmann 39 Anm. 4,
dazu Wrede Rhein. Volksk. 200; Sartori
Westfalen 125.
) Kuhn Westfalen 2, 61
Nr. 184; ebenso Schmitz Eifel 67. #1 ) ZfrwVk.
4 ( x 9 ° 7 )» 2 97 - M ) Dirksen Meiderich 19.
6S ) Sartori Westfalen 125. e4 ) ZfdMyth. 3, 312.
• 5 ) Bartsch Mecklenburg 2, 158. 68 ) ZfrwVk.
1905, 294. e7 ) Liebrecht Gervasius 218;
Goldmann 40.
4. Der K. im Heilzauber. Mehrfach
ist der K. als Helfer gegen die Pest
bezeugt. Die älteste Nachricht aus der
Mitte des 17. Jh.s stammt aus einer
Lüneburger Chronik, die erzählt, wie ein
polabischer Bauer auf den Rat der Pest¬
frau mit seinem K. ,,mit der Sonnen“
(sonnenläufig) nackt um seinen Hof und
um das ganze Dorf lief, dann den K.
unter der Brücke vergrub und dadurch
das ganze Dorf vor dem Eindringen der
ringsum wütenden Pest rettete 68 ). Dieser
höchst altertümlich anmutende Brauch
(mit kultischer Nacktheit, Sonnenlauf,
Vergraben an der Dorfgrenze) ist nicht
ohne Gegenstück. In der Grafschaft
Ruppin erzählt man sich, daß einmal, als
die Pest wütete, drei Mädchen, jede auf
ihrem K., dreimal ums Dorf ritten und
darauf den K. am Dorfende vergruben.
Da habe die Pest über die K. nicht Vor¬
dringen können 6Ö ). Ein dritter Beleg
liegt von der kurischen Nehrung vor, wo
man 1709 das Dorf Sarkau dadurch gegen
die Pest geschützt haben soll, daß man
mit einem fortgeerbten K. eine Furche
als Bannkreis (Zaun) gegen den Pestmann
um das Dorf herum pflügte 70 ).
Aber auch sonst spielt der K. in der
Volksmedizin eine große Rolle 71 ). So
vertreibt man den Kopfgrind der Kinder
in Oldenburg, wenn man ein rotes Hals¬
bändchen, das das kranke Kind um den
Hals trug, auf den K. hängt, damit der
Grind vertrockne 72 ). Das schlimme Auge
heilt man in Mecklenburg, indem man
!.
IV»
1
)
ri
A
1277
neunmal mit dem K. darüber kratzt und
dazu spricht:
Ketelhaken , ik klag di, de Heerebran dei
plagen mi,
Sei plagen mi wohl Nacht un Dag , dat ik
ni ruhen mag 73 ).
Auf ähnliche Weise vertreibt man dort
den Hartspann (Herzbeschwerde), wozu
man spricht: Ketelhaken, sta fast , Hart -
spann, du (säst) hast 74 ).
In Island heilte man Lippenblasen,
indem man den K. küßte und dazu
fragte, ob der Hausherr daheim sei 75 ).
Der Huck (Halskrankheit) wurde nach
einem Wittenberger Hexenprozeß (1689)
dadurch geheilt, daß die Beschuldigte den
Atem über den K. gehen ließ und dazu
sagte: Jode, Joduth , ick kan den Kehtel -
haken nicht upschlucken. Im Namen . . , 76 ).
Schwärende Finger heilte man im Hessi¬
schen, indem man dreimal um den Herd
ging und sprach: Hohlhang (=K.) ver¬
treib mir doch mein Nägelzwang 77 ). In
Tirol vertrieb man dem Kinde Leib¬
schmerzen, indem man ein wenig Stein¬
rutenkraut am K. befestigte 78 ). Auch
in Oldenburg bringt man Gegenstände,
auf welche Krankheiten sympathetisch
übertragen sind, auf den K. 79 ). In
Schottland heilte man beschriene Kinder,
indem man einen neuen Schilling dreimal
um den K. schwang und ihn dann mit
Wasser aus einem Holzgefäß ausschüt¬
tete 80 ). In Bosnien schneidet man bei
Fieberanfällen so viele Kerben in einen
hakenförmigen Pflaumenbaum-Zweig, als
man Fieberschauer zählte, und hängt dann
den Zweig an die Kesselkette, von der man
ihn am nächsten Morgen ins Feuer wirft 81 ).
C8 ) Grimm Myth. 2, 992 f. ; ZfdMyth. 3, 304;
Weinhold Ritus 39; ZfVk. 14, 136; Samter
Geburt 136 f. (weitere Literatur); Goldmann
32 u. 34; Knuchel Umwandlung 64 f. 69 )
ZfVk. 7, 292; Knuchel Umwandlung 67.
,0 ) Frischbier Preuß. Wb. s. v. Erbhaken ;
Goldmann 34 f.; Knuchel a. a. O. 66 i.
71 ) Übersichtliche Zusammenstellung bei Gold-
maiin 33 f. 7J ) Wuttke S. 345 §515. 73 )
Weinhold in ZfVk. 11 (1901), 81. 74 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 412. 7fi ) Liebrecht Zur Volks¬
kunde 370; ZfVk. 8 (1898), 287; Goldmann
33 f- 7# ) ZfdPh. 6, 159 f.; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 36; ähnlich bei Grimm Myth. 3, 344
nach Lisch, Mecklenburg. Jahrb. 6, 191. 77 )
Mühlhause 54 f. 78 ) Goldmann 35 nach
Schöpf Tirol. Idiotikon S. 237 s. v. hdl (nach
Zingerle Sagen 471). 7# ) Strackerjan 2, 224
Nr. 473. 80 ) Seligmann Blick i, 262. 81 )
Urquell NF. 1, 25; Goldmann 35 t.
5. Der K. im Wetter- und Hexen¬
zauber. Spielt bei den bisher behandelten
Bräuchen der K. als lar familiaris und
Hausmittelpunkt dieselbe Rolle wie der
Herd (s. d.), so ist bei den folgenden
möglicherweise ein Einfluß des Kessels
(s. d.) mit in Erwägung zu ziehen, der
ja im Wetterzauber und im Hexenglauben
von besonderer Bedeutung ist. Ob die
Zahnstange des K.s eine Assoziation
zum Blitz hervorgerufen hat 82 ), müßte
erst näher untersucht werden. Vor allem
gilt das Spielen der Kinder mit dem K.
als sehr gefährlich, weil er den Blitz
herbeilockt 83 ). Sehr alt ist der in Eng¬
land, Frankreich und Italien bezeugte
Brauch, Unwetter dadurch zu bannen,
daß man den K. oder die Kesselkette
abhängt und vor die Haustüre hinaus¬
wirft. Diese Sitte wird schon in den
Predigten San Bemardinos von Siena
(1380—1444) mitgeteilt: alius extra ostium
domus suae projicit catenam quae appen-
ditur super ignem 84 ). Auch in Frankreich
war derselbe Wetterzauber schon zur
Zeit des Gervasius von Tilbury (13. Jh.)
bekannt 85 ). In Umbrien wurde bei
Hagelzauber, nachdem man bronzene
Kessel aufgestellt hatte, eisernes Gerät
und zuletzt die Kesselkette auf die Tenne
geworfen, welch letztere Handlung als
besonders große Sünde galt 86 ). In der
Gegend von Modena hängt man die
Kesselkette bei Sturm hinaus 87 ). Der ent¬
sprechende deutsche Brauch besteht darin,
daß man in Franken bei Gewitter die
Ofengabel (s. d.) zum Fenster hinaus¬
warf 88 ).
Das erinnert bereits an den Zusammen¬
hang mit Hexen, die denn auch in der
Tat mit dem K. manches zu schaffen
haben. Schon der Malleus maleficarum
erzählt davon, daß sie das neugeborene
Brüderchen am K. abtun 89 ). In einem
handschriftlichen Kräuter- und Zauber¬
buch des 17. Jh. wird in einem Rezept
zum Hexenbannen u. a. angeführt, daß
man dabei den K. um 3 Haken hinauf-
1279
Kette
1280
hängen müsse ®°), auch behexte Hühner,
die schalenlose Eier legen, hängt man in
Tirol in die Hol w ). Bei den Südslawen
besteht ein sehr ähnlicher Brauch: Dort
hängen die Bäuerinnen, um Hexen zu
bannen, am letzten Faschingssonntag die
Kesselkette verkehrt auf® 2 ). In Nord¬
england besorgt man das Hexenbannen
dadurch, daß man den K. mit einem
Kreuz versieht * 3 ). Dieser Zusammenhang
von K. und Hexen geht bis ins Mittel-
alter zurück. In verschiedenen Hexen¬
prozessen wird berichtet, daß die Hexen
die Milch der von ihnen bezauberten Kühe
aus dem K. melken. Wie finden diese
Vorstellung u. a. in. einem Schweizer
Hexenprozeß v. J. 1459 ® 4 ), in einem
Innsbrucker v. J. 1485 ® 5 ), in einem aus
Deutschland v. J. 1596 94 ) nachgewiesen.
•*) Strackerjan 2, 223. M ) Ebd. und 1, 45;
2, 135; Meyer Germ. Myth. 89 § 124: Wuttke
132 §181; 304 §447; 399 §609; Goldmann
36. M ) Zachariae* in ZfVk. 22 (1912), 117.
M ) Liebrecht Gervasius 245 Nr. 321 f. M )
Wünsch in HessBl. 3 (1904), 65 nach G.
Belucci; Goldmann 36. 87 ) v. Andrian
in MAG. Wien 24, 29, nach P. Riccardi;
Goldmann 36. M ) Wuttke 303 § 444. 88 )
Hexenhammer 2, 139; Goldmann 36
Anm. 5.
Nürnberg
•°) Lauffer Mitt. d. germ. Mus.
1901, 224; Goldmann 36 f. 91 )
Schöpf Tirol. Idiotikon 237 (nach Zingerle
Sagen 471). M ) Krauß Slav. Volkforschung 71.
88 ) Henderson Folk-Lore 220; Goldmann
37. u ) Goldmann 37; Schweizld. 2, 1134
s. v. Häl. * 6 ) Byloff (1929) 11 Nr. 10. **)
ZfdMyth. 2, 73; Goldmann 37. v. Geramb.
Kette. A. Umhegung: Um den
Nagelberg, der einst von drei Jungfrauen
bewohnt war, ist eine goldene K. (zwei¬
mal) *) gezogen. In der versunkenen
Heidenburg liegt eine goldene K., die so
lange ist, daß sie zweimal um den Berg
herumgezogen werden konnte 2 ). Um
den Kegelberg zieht sich in der Erde eine
goldene K. ®). Auch der Bürgenberg (Lu¬
zern), ein Berg bei St. Sulpice (Neuen¬
burger Jura), derUrsfelberg (Schwaben) ist
mit einer K. umgeben; öfter werden auch
Ringe (s. Ring) erwähnt 4 ) (s. Berg § 13).
B. Magischer Kreis: Das Umgeben
mit K.n hat den Zweck a) etwas von außen
Drohendes abzuhalten oder b) das Um¬
schlossene festzuhalten, a) Man umzieht
das Haus mit einer K., um Schlangen
fernzuhalten 5 ). Die Hühner werden unter
dem Tisch gefüttert und während sie
fressen wird eine Sperrk. herumgelegt „
dann kann sie der Habicht nicht fangen 6 ).
b) Bei Tölz legte man in der hl. Nacht den
Eßtisch an eine Holzk. 7 ). Im Lavanttale
wird zu Weihnachten das Hausgerät, Ge-*
schirr und Pfannen unter den Tisch gestellt
und mit einer K. umzogen, damit die
Ernte gut ausfalle und die Bäurin in der
Wirtschaft Glück habe 8 ). Die Serben
umspannen den Weihnachtstisch mit einer
K., damit Eintracht herrsche ®). Verläßt
die Braut das Elternhaus, muß man eine
schwere Wagenk. um den Kachelofen
wickeln, um die Hausgeister festzu¬
halten 10 ). Zwei Tagelöhner umzogen in
der Mainacht das ganze Dorf mit einer
Erbk. Nur eine Stelle ließen sie offen
und setzten sich mit zwei geerbten Eggen
dahin. Gegen Mitternacht kam der Hexen¬
zug, wurde aber durch die Erbk.n und
Eggen zurückgehalten und konnte nicht
hinauskommen u ). Zwei andere Männer
umgingen mit zwei Erbk.n, die sie vorne
anfaßten und nachschleppen ließen, das
ganze Dorf und ließen nur den Weg offen,
damit die Hexen aus dem Dorfe ziehen
könnten 12 ). Bisweilen spannt Berchta
eine K. um einen Ort, so daß niemand
weder heraus noch hinein kann. Erst
durch fromme Übungen wird der Bann
gelöst 13 ).
*) Sepp Sagen 100 Nr. 32. Ä ) Panzer Beitrag
1, I 55- s ) Meier Schwaben 2, 344 Nr. 3.
4 ) Lütolf Sagen 259 Nr. 195; Sepp Sagen 100
Nr. 32. Zwei wegen Zauberei gefangene Vene-
tianer sollten ihre Freiheit wieder bekommen,
wenn sie der Stadt (Zürich) eine goldene K. um
die ganze Stadt herum schenkten. Kuoni St.
Galler Sagen 239 Nr. 413. Nach Adam von
Bremen soll eine goldene K. den Tempel von
Uppsala umgeben haben. Der etwas unklare
Bericht: Im Grabhügel des Königs Oere von
Dänemark soll eine K. liegen, die von dem einen
Hügel zu dem anderen (ein zweiter Hügel ist
nicht erwähnt) reicht (Thiele Danske Folke-
sagn 1, 10) gehört wohl nicht in diesen Zusam¬
menhang. Mannhardt German. Mythen 675.
Vgl. außerdeutsch: Vor dem irdischen Paradies
ist eine K. gespannt. Hertz Abhandl. 79.
6 ) Meyer Baden 80. 495. •) Schönwerth
1, 350. 7 ) Sepp Religion ioff. Vgl. Tisch.
8 ) österreichische Monarchie in Wort und Bild,
Kärnten 101; über den Platz unter dem Tisch
s. ZfVk. 1928. 217—223. S. 221 muß es heißem
Die Angabe „unter dem Tisch“ ist als bes.
Kette
1282
1281
altertümlich anzusehen. 9 ) Schneeweis Weih¬
nacht 65. 10 ) Lüers Sitte und Brauch 53.
J1 ) Bartsch Mecklenburg 1, 127. 12 ) Ebd.
2, 34- 13 ) Gräber Kärnten 92.
2. Zauber: Aus einer K., an der sich
jemand erhängt hatte, konnte man
einen S-förmigen Haken (s. d.) (Nothaken)
schmieden. Hängte man den Nothaken
unter einen Karren, so konnte man die
schwersten Lasten fahren 14 ). An Petri
K.nfeier legt man das Hühnerfutter an
eine K. und läßt die Hühner so fressen,
dann verlaufen sie sich nicht 15 ). Wird
ein junges Tier zum erstenmal auf die
Weide getrieben, so wird die K. still¬
schweigend abgenommen, wieder ge¬
schlossen und in die Krippe gelegt, das
Tier soll dann von selbst den Stall wieder¬
finden 16 ). Wenn ein Mutterschwein träch¬
tig ist, wirft man eine schwere Hemmk.
mit vielen Gliedern unter den Schweine¬
stall 17 ). Mit einer K. kann man — wie
wird nicht gesagt — das Wetter beein¬
flussen 18 ). Mit Hilfe einer Erbk. kann
man einen Schatz heben 19 ). Nach schwe¬
dischem Glauben bringt eine K., an der
ein Verbrecher gehängt wurde, faule
Pferde zum Laufen. Man erreicht das auch,
wenn man ein Glied einer derartigen K.
ohne Wärme zerschlägt und spitzt 20 ).
Eine Kuh brüllt nicht nach ihrem Kalb,
wenn man ein Schwanzhaar des Kalbes
abschneidet und es in die K. der Kuh
windet 21 ), oder wenn man das Halsband
des Kalbes in ihre K. hängt **). In
Schottland kann der ausziehende Mieter
seinem Nachfolger alles Glück nehmen,
wenn er die K., an der der Kochkessel
über dem Herde hing, nicht durch die
Tür sondern durch den Schornstein fort¬
bringt 23 ).
14 ) Schell B er gische Sagen 302 Nr. 19. i5 )
Sepp Religion 9 f. 18 ) Hüser Beiträge 2, 26
Nr. 14. 17 ) ZfdMdA. 18, 127. 18 ) Heyl Tirol
316 f. 19 ) Meiche Sagen 714 Nr. 885. *°)
Heurgren 50. 21 ) Fogel Pennsylvania 169
Nr. 808. * 2 ) Ebd. 172 Nr. 820. 23 ) Liebrecht
Zur Volksk. 385. — Nach kaschmirischem Volks¬
glauben besteht das Gottesurteil darin, daß die
Prinzessin eine K. berührt; ruft sie das Gottes¬
urteil ungerechterweise an, so wird ihre Hand
von der K. gefesselt. ZfVk. 20, 174.
3. K.n mit denen Dämonen ge¬
fesselt sind. Gefährliche Dämonen wer¬
den oft gefesselt vorgestellt (s. Fessel 1).
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Ein Fürst, der bei Lebzeiten sein Volk
bedrückt hatte, mußte nach seinem Tode
umgehen. Ein fahrender Schüler be¬
schwor den Geist auf die wilden Schroffen
und schmiedete ihn mit K.n an den Fel¬
sen 24 ). Ein schatzhütendes Ungeheuer
ist mit einer goldenen K. gefesselt 25 ).
24 ) Reiser Allgäu 1, 352. 26 ) Kuoni St.
Galler Sagen 249 Nr. 422.
4. K. — Weltuntergang: Bricht der
gefesselte Teufel von seiner K. los, dann
geht die Welt unter, s. Ambos (1, 359 f.).
Wenn eine Forelle, die mit einer K. an
einen Felsen geschmiedet ist, loskommt,
so reißt sie mit dieser den Fels los und läßt
dadurch den See im Inneren des Berges in
das Tal strömen 26 ). Eine K. hält den ge¬
spaltenen Bürgenberg zusammen, wenn
einmal ein Stück des Berges in den See
fällt, geht die Stadt Luzern unter 27 ) (s.
Berg 15 c). Alle sieben Jahre wächst die
eiserne Kette (oder jedes Jahr wird ein
Glied angeschmiedet), die die Leonhard¬
kapelle (s.u. 12) bei Brixen umzieht, um
ein Glied. Reicht sie dreimal um die
Kirche, so geht die Welt unter 28 ).
26 ) Waibel und Flamm 2, 346. 27 ) Nider-
berger Unterwalden 1, 90. 28 ) Heyl Tirol
116 Nr. 6.
5. K.n der Dämonen. Wassergeister
legen die Seelen Ertrunkener an K.n 2 ®).
Der Teufel hat eine K., an der er die
Menschen hakt und durch die Luft
führt 30 ). Eine Nixe gab ihrem Manne,
dem Grafen von Pyrmont, als er am
Tage seiner oberweltlichen Freiheit auf
die Erde stieg, eine K., die seine Liebe
an sie band. Bei einem Turnier wurde die
K. zerhauen, und der Graf freite die Kö¬
nigstochter. Vor dem Altar, als er das
Jawort sprach, erschien die Nixe und
umschlang ihn, da sank er tot zusam¬
men 31 ). Goldene K.n haben die Kraft,
den Träger in ein Tier zu verwandeln 32 ).
29 ) Deutschi, und Schweden: Schambach-
Mtiller 343. 30 ) Möllenhoff Sagen 225. 31 )
Wolf Beiträge 2, 234. 32 ) Ebd. 2, 223; Mann¬
bar dt Germ. Mythen 694.
6. K.n der Gespenster: Sehr häufig
rasseln Gespenster mit einer K. **) (s.
Sp. 1288), oder ihr Erscheinen ist von
einem Geräusch begleitet, das wie das
Nachschleppen von K.n klingt M ). Ein
Gespenst soll alle K.n aus der Scheune
41
1283
Kette
1284
ins Wohnhaus geschleift und von Stufe zu
Stufe geschleppt haben 36 ). Möglicher¬
weise ist das K.ngerassel einzelner Ge¬
stalten der Weihnachtsumzüge wie das
Klingen von Glocken (z. B. beim Christ¬
kind) mit Mannhardt 36 ) als Kennzeich¬
nung der Geisterstimme aufzufassen;
sicher von dem Lärmen der Weihnachts¬
aufzüge mit K.n und Glocken, das böse
Geister verscheuchen und die Wachstums¬
geister aufwecken soll, zu unterscheiden 37 )
(s. u. 8 b u. Lärm). Die Gschtampa z. B.
klirrt mit K.n, die sie immer bei sich trägt,
daß man sie weithin hört 38 ). Da viele
Gestalten der Weihnachtsumzüge zum
Kinderschreck geworden sind, werden
die K.n so gedeutet, daß damit die unge¬
zogenen Kinder gefesselt und fortgeführt
werden sollen; z. B. bei der Gschtampa 39 )
und dem Krampus 40 ).
33 ) Z. B. Kuoni St. Galtet Sagen 14 Nr. 21;
182 Nr. 327; Schell Bergische Sagen 140 Nr. 8f.;
173 Nr. 82. 34 ) Rochholz Sagen 2, 95. 35 )
Ebd. 2, 130. 36 ) Mannhardt 1, 327. 37 )
Andree-Eysn Volkskundliches 156—175. 38 )
Heyl Tirol 429 Nr. 118. 39 ) Ebd. 753 Nr. 9.
40 ) Z. B. in Wien.
7. K.n verwirren: Allerlei Kobolde
verwirren die K.n des Viehes 41 ) oder sie
hängen zwei Kälber an eine K., daß sich
die Tiere kaum bewegen können 42 ). Um
die K. in einem solchen Fall öffnen zu
können, muß man mit einer Mistfurke,
die Zinken wie zum Kampfe nach vorne
gerichtet, dreimal um den Stall herum¬
gehen und dann mit der Hand an die
gespannte K. schlagen; oder man sticht
unter Anrufung der drei höchsten Namen
mit der Furke in die K. 43 ).
41 ) Z. B. Heyl Tirol 613 Nr. 79- 4S ) SAVk.
11, 132; Kuoni St. Goller Sagen 69. **) Ebd. 149,
8. Abwehr: a) Will das Buttem nicht
gelingen, so wird das Butterfaß mit der
Kuhk. geschlagen 44 ) oder eine glühende
K. in die Butter geworfen **), oder man läßt
das Vieh aus dem Stall, legt die K. in die
Krippe und schlägt sie mit einer Rute
im Namen der drei göttlichen Personen M ).
b) K.ngerassel: Durch K.ngerassel ver¬
treibt man Geister 47 ) und Hexen 48 ).
**) Schönwerth 1, 338. 45 ) Heyl Tirol 801
Nr. 250. 46 ) Lütolf Sagen 22 Nr. 157. 47 ) Zu
Neujahr Sartori Westfalen 139: Baumgarten
Das Jahr und seine Tage 23 (zu Georgi). 48 )
Drechsler 1. 108—110: Indien: Frazerg. 290.
9. Vorzeichen: Wenn die K.n an
einer Karre blinken, stirbt bald hernach
jemand. Fährt ein Fuhrwerk an einem
Hause vorüber und fällt dabei dem Pferd
eine K. ab, so stirbt bald danach eine Per¬
son in dem Haus 49 ).
49 ) ZfrwVk. 4, 246.
10. Heilverfahren mit K.n: Wenn
sich ein Rind das obere Hüftgelenk
ausgerenkt hat („ausscheiben“ oder
„radln“), so trägt der Bauer die Halsk.
der Kuh zum Sympathiedoktor. Dieser
geht auf den Dachboden, ruft die drei
heiligen Namen Gottes an und sagt:
„Daß es vergehe und nicht mehr komme,
so wie Christus gestorben ist und nicht
mehr stirbt“. Dann schlingt er die K.
um eine Dachsäule, befestigt ihre Enden
ineinander und schiebt in die noch schlaffe
K. einen Knüttel, der während des Ave-
läutens geschnitten sein muß. Damit
reutelt oder spannt er die K. und sagt
einen Spruch dazu. Das wird an drei
Tagen, zwischen denen immer ein Tag
ausgelassen werden muß, wiederholt und
die K. immer straffer gespannt, neun Tage
an der Säule gelassen. In schweren
Fällen soll sich die K. nicht ziehen lassen,
in leichteren wie Wachs 60 ). Wenn man
eine Blatter auf die Lippe bekommt, so
braucht man nur in die Küche zu gehen
und mit folgenden Worten die Kesselk.
zu küssen: „Heil und Glück, liebe K., ist
der Hausherr zu Haus ? ich werde deinen
Haken küssen, wenn du mir die Lippe
heilst“ (Island) 51 ).
M ) ZföVk. 3, 5L; 36, 22 f. M ) Liebrecht
Zur Volksk. 370.
11. Verschiedene Sagen: Ein
Schmied wurde beauftragt eine K. anzu¬
fertigen, die an der Kirchentür aufge¬
hängt werden sollte. Als zwei K.n, die
er geschmiedet hatte, keinen Beifall
fanden, rief er: „So mag der Teufel eine
K. machen“. Am anderen Morgen hing
wirklich eine K. an der Tür. Später hatte
ein Mädchen eine Vision, nach der sie be¬
stimmt war, die Teufelsk. zu entfernen.
Sie versuchte die K. zu zerreißen, was ihr
beim dritten Male gelang 68 ). Eine zum
Tode Verurteilte wurde in einen unter¬
irdischen Gang geschickt, um ihn zu unter¬
1285
Kettenbrief, -gebet
1286
suchen. Konnte sie den Auftrag ausfüh¬
ren, so sollte sie ihr Leben behalten. Sie
traf im Gange Zwerge, denen sie alles
erzählte. Sie gaben ihr als Wahrzeichen
eine Eisranke mit, die sich vor aller Augen
in eine schwere Eisenk, verwandelte 53 ).
C2 ) Bartsch Mecklenburg 1, 363. 53 ) Kuhn
u. Schwartz 12 Nr. 13.
12. Votiv k.n: Einer Reihe von Hei¬
ligen, besonders dem St. Leonhard, brach¬
ten befreite Gefangene ihre K.n dar, oder
verlobten sich Kranke durch Anlegen
von K.n 64 ). Älter als die K. als Zeichen
der Verlobung scheint der Ring (s. d.)
zu sein. Votivk.n aus Eisen, Holz und
Wachs finden sich in großer Zahl in
den verschiedenen Leonhardskirchen 56 ).
Ein auffallendes Kennzeichen vieler,
aber nicht aller Leonhardskirchen, sind
mächtige Eisenk.n, mit denen sie um¬
spannt sind (vgl. o. § 4). Über den Ur¬
sprung dieser K.n gibt es verschiedene
Überlieferungen. Sie entstanden in Folge
von Gelübden für Rettung aus Lebens¬
gefahr, als Sühne für ausgebrochene Pest,
und endlich wurden sie aus den K.n
kranker oder gefallener Pferde zusam¬
mengeschmiedet. Die letzten Sagen ent¬
halten wohl die Erklärung für die Erschei¬
nung der k.numspannten Kirchen. Eine
Leonhardskirche ist an den Außenwänden
vollständig mit K.n behängt; einen an¬
deren Ausweg, die sich häufenden K.n
und andere Eisenopfer aufzubewahren,
konnte man dadurch gefunden haben,
daß man aus den einzelnen Stücken eine
gewaltige Votivk. schmiedete und sie
zur Ehre des Heiligen um die Kirche
spannte 5Ä ).
M ) Andree Votive 49. Außerdeutsch: Die
Kyprier weihen ihre Kinder oder sich selbst bei
schweren Krankheiten einem Heiligen. Zum
Zeichen des dienstlichen Verhältnisses zu dem
Heiligen legt man sich gewöhnlich eine aus der
Kirche genommene K. um den Hals. B. Schmidt
Volksleben der Neugriechen 75. 65 ) Andree
Votive 45. 73. 6e ) Ebd. 72 f. Die wichtigsten
Erklärungsversuche, die den Brauch in das
klassische oder germanische Heidentum zurück¬
führen und mythologisch deuten wollen: Lieb¬
recht Zur Volksk. 307 ff.; Simrock Mytho¬
logie 4 433. 515; Quitzmann 92; Mannhardt
German. Mythen 675. Vgl. Birlinger Volksth. 1,
158: Die K.n symbolisieren das Band, das die
Kirche umschlingt, ihre Kinder um Christus.
Deshalb geht die Laupheimer K. vom Christus¬
bild aus. Diese K.n bezeichnen die Kirche
ferner als Freistätte. Vgl. Brandenburgs 37,
173 ff-
13. K.ntragen als Strafe: Wenn
ein Edelmann etwas verbrochen hatte, so
durfte er nach dem Glauben der Leute
früher nicht ins Gefängnis geworfen wer¬
den. Er mußte als Strafe eine goldene K.
um den Hals tragen. Der Scharfrichter
kam zuweilen, um nachzusehen 67 ). Das
ältere Recht kennt symbolische Pro¬
zessionen als Strafe, wobei bestimmte
Gegenstände zur Schau getragen werden
mußten, u. a. auch K.n um den Leib 58 ).
ö7 ) Knoop Hinterpommern 76. 68 ) Fr. v.
Künßberg Über die Strafe des Steintragens.
Untersuchungen zur Deutschen Staats- und Rechts-
geschichie hrsg. von Otto Gierke, H. 91, 36 f.
Namentlich bei Buß wallfahrten. Grimm RA *
2, 300.
14. K.n beißen 589 ) (s.beißen,hänseln):
Soll ein Kind zum erstenmal in die Stadt
(zu einer Kapelle) 59 ), so erzählt man ihm,
daß es beim Eintritt in eine K. beißen Ä0 )
(eine K. abbeißen) 61 ) müsse. In Stein
bekommt es dann ein hartes ringförmiges
Gebäck 62 ). Einmal heißt es, man müsse
so stark beißen, daß es einen Kritz gebe 6S ).
Das ist, wie das Abbeißen, eine ursprüng¬
liche Kraftprobe. In Eger erwirbt man
sich eine Braut oder einen Bräutigam,
wenn man beim ersten Besuch der Stadt
in die um eine Statue gespannte K.
beißt 64 ). Es handelt sich um einen Hänsel¬
brauch, der fast nur noch als scherzhafte
Drohung weiterlebt, mit der man Kinder
vor dem Besuch der Stadt ängstigt oder
sie vom Mit kommen abhält.
Ma ) HessBl. 22, 22 Anm. 5; SchwVk.
1916, 14 f.; R. Mielke Die Kette von Berlin.
Brandenburgia 37, 173 ff. andere Deutung.
59 ) Birlinger Volksth. 1, 249. w ) Messi-
kommer 1, 115; Höhn Geburt 278; Meier
Schwaben 1, 150 Nr. 6; ZfdMyth. 2, 103;
Stöber Elsaß 428. #1 ) Pollinger Landshul
244. «) SAVk. 7, 61. * 3 ) Ebd. 305. “)
SAVk. 10, 103 = John Westböhmen 123. 249.
Weiser-Aall.
Kettenbrief, -gebet (s. a. Schneeball¬
gebet). Der K. gehört zu der religiösen
Mechanisierung des Gebetes, deren höchste
Steigerung in den Gebetswalzen und Ge¬
betsmühlen der buddhistischen Tibetaner
mit der Formel „Om mani padme hum“
1287
Kettenlärm—Keule
1288
(Oh du Perle von Lotus! Amen) vorliegt.
Hier handelt es sich darum, ein kurzes
Gebet oder einen harmlosen Spruch durch
Versendung zu verbreiten, so daß die
,, Gebetskette" nicht unterbrochen wird,
womöglich um die Erde herumläuft. Der
Gebetsformel ist eine Anweisung beigefügt.
Der Absender erklärt darin, daß ihm selbst
der Spruch zur Weitergabe zugesandt sei.
Jeder, der ihn erhält, soll ihn neun Tage
hintereinander einem andern „lieben Men¬
schen" ohne Namensunterschrift weiter¬
senden. Wer es tut, wird am 9. Tage
eine große Freude haben und von allen
Sorgen befreit sein. Dem Versprechen
wird die Drohung beigefügt: „Es geht eine
alte Sage von dem Gebet, daß wer es nicht
weitergibt, kein Glück mehr hat" 1 ). Sehr
alt scheint die Versendung von Ketten¬
briefen nicht zu sein. Der älteste Text
soll vor einer drohenden Pest und Hungers¬
not bewahren. Er stammt aus der Ge¬
gend von Neiße 2 ). In der Schweiz sehr
verbreitet ist ein Gebetstext, der beson¬
ders gebräuchlich zu sein scheint: „O
köstlicher Herr Jesu, erbarme dich der
ganzen Menschheit. Bewahre uns durch
dein kostbares Blut. Lehre uns dich
innig lieben" 3 ). Ein anderer Text wird
als „Kette des hl. Petrus" bezeichnet 4 ).
Auch englische und französische Texte
ähnlichen Wortlautes wie die zu Anm. 3
genannten sind vielfach im deutschen
Sprachgebiet verbreitet 5 ). Ganz ver¬
einzelt steht ein Kettensegen zur Kon¬
zeption eines Kindes 6 ).
Während es dem Charakter dieses
Werkes als einer wissenschaftlichen Be¬
arbeitung des Materials, das im religiösen
Glauben und Brauch des Volkes vorliegt,
entspricht, daß hier auch für fremd¬
artigste und seltsamste Verirrungen des
religiösen Triebes die psychologische Er¬
klärung erstrebt wird, darf hier vielleicht
einmal ein Werturteil gefällt werden.
Der Kettenbrief kann mit vollem Recht
als Unfug bezeichnet werden; wenn auch
gegen die verbreiteten Gebete nichts ein¬
zuwenden ist, so ist das ganze Verfahren
doch eine solche Mechanisierung und
Verflachung des religiösen Lebens, daß
katholische wie protestantische Geistliche
in der Verurteilung der K.e durchaus einig
sind. Hier darf man den Begriff des
„Aberglaubens" im Sinne einer Verurtei¬
lung anwenden, den das Wort im Titel
dieses Werkes nicht haben soll.
Grabinski Neuere Mystik 59ft. 66;
Kronfeld Krieg 9. 102 f.; Mitteil. Anhalt.
Gesch. 14, 2; ZdVfVk. 26, 327; MschlesVk.
20 (1918), 60; DG. 10, 72. 2 ) Kühnau Sagen
3, 300 f. 3 ) SAVk. 19, 223; 25, 153; Nider-
berger Unterwalden 3, 614 f. 4 ) SchwVk.
5, 82. 5 ) Ebd. 2, 39. 40. 78. 86 f. 6 ) J. Wyndham
in Man 19, 124 f. f Stübe.
Kettenlärm verrät einen umgehenden
Geist. Manchmal ist er so stark, daß es
die Leute nicht mehr aushalten. Man
kann ihn im Haus ebenso vernehmen wie
auf der Straße. Meist muß der Geist,
um ein sündenvolles Leben abzubüßen,
in Ketten gehen, bis ihm jemand seine
Last abnimmt. Neugierige sollen von
solchen Geistern berührt oder angeblasen
werden. Jedenfalls bekommen sie zur
Strafe für ihre Neugier einen geschwolle¬
nen Kopf.
Agrippa v. Nettesheim 5, 22; Bech-
stein Thüringen 1, 32 Nr. 19; Bindewald
Sagenbuch 178; Eckart Südhannover. Sagen
163; Frazer 9, 163; Gräber Kärnten 188;
Kühnau Sagen 1, 56. 477; Kuhn Westfalen
1, 135 Nr. 143; Kuoni St.Galler Sagen 14. 182
Nr. 327; Luck Alpensagen 53; Lütolf Sagen
104; Meiche Sagen 154 Nr. 206; Reiser
Allgäu 1, 305 t.; Schade Klopfan 67; Scham¬
bach u. Müller 230 Nr. 240, 1; Schell Bergi -
sehe Sagen 16 Nr. 4; 39 Nr. 47; 56 Nr. 89;
173 Nr. 82; 337 Nr. 26; 406 Nr. 20; Sebillot
Folk-Lore 4, 208. Mengis.
Keule. Die K. stellt auf deutschem
Boden eine primitive Waffe vor, die bei
Einsiedlern, Waldgehem usw. in der
Frühzeit des Mittelalters noch in Ge¬
brauch war x ). Sie verkörpert aber
auch die Macht der Obrigkeit, dem
Recht mit ihrer Handhabung Geltung zu
verschaffen, ähnlich wie Prügel, Ochsen¬
ziemer, Knüppel, Hämmer und dergleichen
zur bevollmächtigten Ladung der Dorf¬
genossen verwendet wurden oder werden 2 ).
Die literarischen Quellen zur sinnbild¬
lichen Verwendung der K., die manchen¬
orts einfach als starker Kieferknorren,
Rebwurzel oder Eichklotz überliefert
wurde 3 ), lassen sie auch einem Hammer,
1289
Keule
1290
Kolben oder Schlägel gleichsetzen. Ob
sie etwa im Strafrecht der germanischen
Frühzeit zur tätlichen Verwendung ge¬
langte, ist nicht auszumachen. Die Be¬
merkung J. Grimms von einer früh¬
germanischen Greisentötung mittels der
K. wird andeutungsweise immer wieder
in der neueren Literatur angezogen. Sie
sei daher, soweit von diesem Tat Werk¬
zeug die Rede ist, wörtlich hierher¬
gesetzt: „In den aneedotes and traditions
derived from ms. sources, edited by
William J. Thoms, London 1839 (for j
the Camden Society) s. 84 stoße ich auf j
folgende meldung. "The holy mawle,
which they fancy hung behind the
churchdoor, which when the father was
seaventie, the sonne might fetch to I
knock bis father in the head, as effete
and of no more use". „Das aufhängen
1
des mawle (maul, maillet, malleus) in !
der kirche für die grausamen söhne,
die sich des ihnen gestatteten rechts
bedienen wollten, soll den barbarischen
bloß überlieferten, niemals ausgeübten
brauch entschuldigen" .... Grimm, der
im übrigen an eine Ableitung der K.
vom heiligen Hammer Donars, sofern
„hämmer oder schlegel am eingang heid- j
nischer tempel würklich aufgehangen" . . . |
waren, denkt, spricht nur von einem I
„Volksglauben" und trifft damit wohl
auch das richtige 4 ). j
„Die deutsche Geschichte kennt kein ;
Beispiel, daß seit der Einführung des
Christentums abgelebten Eltern ein frei¬
williger oder gewaltsamer Tod (sc. nach
Rechtsbrauch, d. Ref.) widerfahren |
wäre" 5 ). Dagegen rollt schon Grimm
die kulturgeographische Seite dieser Frage
auf. Im allgemeinen sind es nach ihm
sächsische und schlesische 6 ) — richtiger
wohl ostelbische 7 ) — Städte, an deren
Toren Keulen aufgehangen wurden, die
uns hier wie anderwärts als Zeichen der !
Obrigkeit zu gelten haben 8 ), denen
die nur wenig abgewandelte Inschrift
beigegeben wurde: „Wer den Kindern
gibt das Brot / und selber dabei leidet
Not, / den soll man schlagen mit dieser
Keule tot". Aus Osnabrück ist nur der
Spruch überliefert, die älteste nieder¬
deutsche Fassung in drei Reimen des
16. Jh. stammt aus Rostock; Jüterbog
beansprucht ihn unter Hinweis auf die
alte Fabel von den undankbaren Kindern
für sich 9 ). Da von den alten Preußen
(Praetorius) wie von den Wilzen, von
Wagrien und anderen Wendlanden Töten
der altersschwachen Eltern und auch
Endokannibalismus als Chronistenüber¬
lieferung bis ins 17. Jh. noch aufscheint,
mag der Spruch, der in der literarischen
Überlieferung schon seit dem 13. Jh.
bezeugt ist, ebendort auf die in natura
erhaltenen Stadtkeulen im besonderen
bezogen worden sein 10 ). Anderwärts
sind K.n oder Kolben nur als Wappen¬
figur erhalten geblieben oder in anderer
Art umgedeutet werden (s. Schlegel).
Die Fabel von den undankbaren Kindern
ist nicht nur in Deutschland, sondern
auch in Frankreich, England und Spanien
bekannt, kommt zuältest im Schach-
buch des Jakobus di Cessolis, später
auch noch in Luthers Tischreden und bei
Hans Sachs („Kolb im Kasten") vor 11 ).
Wir schließen uns im übrigen der
Meinung derer an, die den Spruch in
deutscher Rechtsgeltung als eine Ver¬
mahnung an die zur Übergabe in die
Stadt fahrenden Landleute sehen wollen,
daß restloses Aufgeben seiner Habe den
Auszügler rechtlich wehrlos macht und
die Obrigkeit ipso facto gegen sich
kehren läßt.
In Stemberg sagt das Volk von den
dort vor dem großen Brand am Tore
aufgehangenen K.n, daß vor Zeiten der
Feind mit denselben vertrieben worden
wäre, ja daß die Frauen damit ihre
Männer in den Kampf getrieben und
sich selber an ihm beteiligt hätten 12 ).
Im Schweidnitzer Keller zu Breslau
sollte nach alter Sage der erstmalig in
die Stadt Gekommene die „Igelkeule"
küssen 13 ). Der hl. Hippolyt, Patron
von Blexen soll dort einst mit eherner
K. vom Himmel herab die Feinde der
Friesen zerschmettert haben, was wieder¬
um auf andere Vorstellungen doch wohl
mythischer Art Bezug hat 14 ).
l ) Schräder Reallex. 422 f. 2 ) Amira Stab
40ff. 45 ff. 76—78. Hierzu E. Tylor Anthro -
1291
Keuschheit
1292
pology 184: ,,It is curious to see how the rüdest
of primitive weapons, after its serious warlike
use has ceased, survives as a symbol of power,
wenthe mace is carried as emblem of the royal
authority, and is laid on the table during the
sitting of Parliament or the Royal Society".
3 ) S. v. Obstfelder Chronik der Stadt Crossen
70; Grässe Preußen 2, 364; Kreiskalender
des Kreises Lebus 1919, 54. 4 ) ZfdA. 5, 72 f.
5 ) RA . 3 489. 6 ) ZfdA. 5, 72. 7 ) Brandenburgia
16, 107; Bartsch Mecklenburg 1, 46, 458;
„Mecklenburg" 13, 32; Knoop Star gar der
Sagen 65; Grässe Preußen 2, 364; Tegethoff
Märchen 172; Scheible Kloster 9, 276 ff. 282.
8 ) So erlangte Crossen a. Oder 1330 von Herzog
Heinrich IV. von Schlesien die Bestätigung
aller Freiheiten aus den Zeiten des Markgrafen
Waldemar. Als Zeichen der verliehenen,
namentlich der peinlichen Gerichtsbarkeit diente
für Crossen eine eichene Keule, die an Ketten
am Odertor, später über dem Rathauseingang
aufgehängt wurde. S. v. Obstfelder Chronik
der Stadt Crossen 25. In Künhardt „am Schlegel",
zu Dorf Mosbach bei Feuchtwangen in Bayern ge¬
hörig, hängt an einem Maienbaum ein schwerer
Eichenklotz mit Jahreszahl 1790. Er soll an
eine Hut Streitsache mit dem angrenzenden
Herrn von Knöringen zu Kreßberg erinnern,
der mit dem Vergleiche endigte, daß die Ge¬
meinde einen Maien aus ihren Waldungen auf¬
stellte und daran der Schlegel aufgehängt
wurde, den der Herr von Knöringen aus seinen
Waldungen zu erneuern hatte, der also wohl
nach Gewohnheitsrecht sein Hoheitszeichen
war. Früher soll er hier wie zu Mosbach an
der Dorf linde gehangen sein. Für Beides A.
Mailly in „Der Fährmann" (Wien 1924)
453; vgl. Schöppner Sagen 1, Nr. 372.
*) ZfdA. 5, 72 f.; Scheible Kloster 9, 283;
ZfVk. 17, 246t.; Carl Chr. Heffter Urkundl.
Chronik der Kreisstadt Jüterbog (1851) 207.
10 ) RA . 3 487 f.; ein Fall von Tötung alters¬
schwacher Eltern 1297 in Jammerholz bei
Grabow: T e t z n e r Die Slawen in Deutschland
(Braunschweig 1902) 377; über K.n als Wehr
ebd. 16. u ) ZfVk. 17, 246 h.; ZfdA. 5, 73 f.;
Mailly a. a. O. mit weiteren Nachweisen.
ia ) Bartsch Mecklenburg 1, 46, 458. 13 ) „Ygel"
ein Bierhumpen. Grässe Preußen 2, 147.
14 ) Strackerjan 2, 233. 319. 581 f.; Meyer
German. Mythol. 219. Haberlandt.
Keuschheit, d. h. in diesem Falle
geschlechtliche Enthaltsamkeit, ist im
Brauch und Glauben unseres Volkes oft
Vorbedingung zum Gelingen eines Vor¬
habens. Viele Anweisungen dafür sind
in der Kultur der alten Griechen und Römer
den unsrigen so gleich und in Fülle vor¬
handen, daß der deutsche Volksglaube
fraglos von dorther beeinflußt ist. Um
aber bei dieser Herleitung nicht einseitig
zu verfahren, müssen wir uns in der ver¬
gleichenden Volkskunde umsehen. Dann
erkennen wir, daß es kaum ein Volk gibt,
das die Vorschriften geschlechtlicher Ent¬
haltung aus Gründen des Glaubens oder
des Kultes nicht hat 1 ).
Ich greife aus der Fülle der Belege
einige heraus: Während in Neuguinea
und in Ländern Afrikas der Familienvater
auf der Jagd oder beim Fischfang ist,
muß daheim die Frau, manchmal auch
die ganze Familie, sich des geschlecht¬
lichen Verkehrs enthalten, damit dem
Mann sein Unternehmen gelinge 2 ). Auf
Madagaskar glauben die Frauen, ihr
Mann würde im Kampfe fallen, wenn sie
während seiner Abwesenheit mit einem
fremden Mann verkehren würden 3 ). Wäh¬
rend auf Java der Wettermacher durch
Zauber den Regen verhüten soll, müssen
die Angehörigen der Familie, die ihn da¬
zu angestellt hat, strenge K. bewahren 4 ).
Die Bewohner des Hindukusch enthalten
sich während eines Krieges des geschlecht¬
lichen Verkehrs. Bei ihnen gilt der Satz:
Der Sieg gehört dem Keuschesten 5 ). Die
Kekchi-Indianer enthalten sich während
der Bebauung des Feldes, bei Jagd und
Fischfang 6 ). Zur Heilung eines an Kopf¬
krankheit Leidenden wird im alten Ba¬
bylon vorgeschrieben: Nimm das Fell
eines unberührten Zickleins, eine abge¬
sonderte (d. h. eine des Verkehrs mit
dem Manne sich enthaltende) Frau,
spinne .. , binde sieben und nochmal
sieben Knoten... 7 ). Bei heiligen Hand¬
lungen beobachteten Babylonier und As-
syrer K. Nach geschlechtlichem Verkehr
müssen sie sich Reinigungen durch Wa¬
schen und Räuchern unterziehen 8 ). Den
Mohammedanern ist in heiligen Zeiten,
besonders während der Wallfahrt nach
Mekka, geschlechtlicher Umgang ver¬
boten 9 ). Auch die alten Ägypter
kannten vor gottesdienstlichen Hand¬
lungen strenge Enthaltungsvorschriften 10 ).
Ebenso galt den Juden der Verkehr für
verunreinigend, und sie forderten des¬
halb während heiliger Betätigungen, auch
während des Krieges, strenge Enthal¬
tung 11 ).
Diese kurzen Hinweise zeigen, daß wir
1293
Keuschheit
1294
unsere Betrachtung nicht auf den deut¬
schen oder europäischen Volksglauben
beschränken dürfen. Es handelt sich
hier um allgemein menschliche Glaubens¬
vorstellungen. Geht man den Gründen
nach, die bei einfachen Völkern zu solchen
Enthaltungen geführt haben, so findet
man, daß sie teilweise auf den Willen
zurückzuführen sind, für ein großes Unter¬
nehmen alle Kräfte zu sammeln und mög¬
lichst viel Energie aufzuspeichern. Die
Enthaltung von geschlechtlichem Ver¬
kehr steigert die Energie. Das Empfinden
gestärkter Macht kann, von übersinn¬
lichem Standpunkt aus, auf eine beliebige
Tätigkeit gelenkt werden, auch wenn,
gedanklich betrachtet, dadurch keine
Stärkung für die beabsichtigte Handlung
erwirkt werden kann. Alles, was zur
handelnden Person Beziehung hat, bildet
mit ihr einen unlösbaren Komplex. Was
in diesem Komplex geschieht, geht alle
Verbundenen an. Wenn der Mann im
Krieg oder auf der Jagd ist, so ist das
Verhalten seiner Angehörigen daheim
ebenso wichtig, wie sein eigenes. Es
herrscht hier ein starkes Gemeinschafts¬
empfinden.
Daneben haben wir auch schon bei
Tiefkulturvölkem die Anschauung, ge¬
schlechtlicher Verkehr mache nach reli¬
giöser Auffassung unrein und deshalb zu
kultischen Handlungen ungeeignet.
Als Beleg dafür führe ich die Mitteilung
des Paters Rascher aus Neu-Pommern an:
,,Durch geschlechtlichen Verkehr sollen
sowohl der Mann als auch das Weib, sie
seien nun verheiratet oder nicht, verun¬
reinigt werden. Die Verunreinigung wird
a sile oder a sie genannt. Worin sie
eigentlich besteht, wissen die Leute nicht
anzugeben. Die Verheirateten können
sich von dieser Verunreinigung jeder selbst
reinigen. Die Art und Weise wird den
Erwachsenen bei ihrer Verheiratung ge¬
lehrt, und zwar unterweisen Männer die
jüngeren Leute und Weiber die Mädchen.
Die mit sie behafteten Unverheirateten
(man soll ihnen an den Augen absehen
können, daß sie unrein sind) werden von
allen gemieden. Die Kinder werden von
ihren Eltern auf dieselben aufmerksam
gemacht, damit sie die betreffenden
meiden. Man nimmt nichts von ihnen
an, besonders sieht man darauf, daß mit
sie Behaftete nicht in Berührung mit den
Tanzinstrumenten, o kol, kommen. Man
ist der Meinung, sie würden durch die
bloße Gegenwart die Malerei an den
Gegenständen verunreinigen. Ein mit
sie Behafteter soll an der Verunreinigung
sterben, wenn nicht eine bestimmte Rei¬
nigungszeremonie an ihm vorgenommen
wird; deswegen sollen diejenigen, die sich
vergangen haben, ihre Tat sofort be¬
kennen, und jemanden bitten, sie zu
reinigen. Diese Reinigung geschieht bei
Männern öffentlich und zwar auf folgende
Weise: „Es wird eine Portion Kokusnuß-
kem geschabt und mit Meerwasser und
Ingwer (wahrscheinlich unter Zauber¬
worten) gemischt. Diese Mischung muß
der Verunreinigte trinken, dann wird er
ins Meer gestürzt. Die Blätter, worin der
Trunk enthalten war, nimmt er mit in
die See und legt sie unter einem Steine
am Boden nieder. Hierauf badet er, ent¬
fernt die Bekleidung, welche er während
seines Vergehens getragen hat, und wirft
sie weg. Die Männer, welche dieser
Zeremonie vom Strand aus beiwohnen,
singen währenddessen ein Lied. Dann
kommt der Gereinigte wieder aus dem
Meer und schlägt sich ein neues Hüfttuch
um.... Auch diejenigen, die zwei im
geschlechtlichen Verkehr angetroffen ha¬
ben, ... werden dadurch verunreinigt
und bedürfen einer Reinigung, die aber
viel einfacher als die soeben beschriebene
vor sich geht“ 12 ).
Ob die Vorstellung kultischer Unrein¬
heit sich aus der oben behandelten Be¬
gründung der Enthaltungsvorschriften
durch Energieverlust erklären läßt, muß
dahingestellt bleiben. Möglich wäre es,
daß eine Tabu-Vorstellung, die zum Be¬
griff Unreinheit führt, aus der Anschau¬
ung von der Schwächung herzuleiten
wäre, wenn man sich der ersten Gründe
nicht mehr bewußt war. Doch not¬
wendig ist diese Verbindung nicht.
Der Glaube an die kultische Befleckung
durch geschlechtlichen Verkehr kann auch
anders erklärt werden. Alles, was der
1295
Keuschheit
1296
Mensch nicht verstehen kann, wird in den
Bereich der übersinnlichen Welt gestellt,
so besonders die großen Rätsel des Lebens,
Tod und Geburt. Sie werden auf die
Wirkung göttlicher oder dämonischer
Mächte zurückgeführt. Berührung mit
diesen macht tabu im guten oder schlim¬
men Sinne 13 ). Sich reinhalten in ge¬
schlechtlicher Beziehung oder sich rei¬
nigen bedeutet ursprünglich nichts ande¬
res als gefährliche Wirkungen aus dem
Bereiche der übersinnlichen Welt von sich
femhalten oder sie zu entfernen.
Tot acppoÖiata piaivsi 14 ), d. h. alles was
mit Geschlechtlichem zusammenhängt,
bringt kultische Befleckung und macht
zu religiösen und magischen Handlungen
ungeeignet, ist ein im griechischen und
römischen Altertum oft ausgesprochener
Grundsatz 15 ). Geschlechtliche Enthal¬
tung ist im ersten Christentum neben As¬
kese in anderer Form stark betont 16 ).
Die Erörterung dieser Fragen in den
christlichen Schriften der ersten Jahr¬
hunderte und späterer Zeit 17 ) und eben¬
sosehr die Schriften der Griechen und
Römer haben die Anschauungen des
deutschen Volkes stark beeinflußt und
umgestaltet. Wenigstens finden wir bei
Tacitus in der Germania Kap. 18 ff., wo
von der K. germanischer Frauen ge¬
sprochen wird, nichts, was diesen süd¬
ländischen und orientalischen Anschau¬
ungen entspräche 18 ).
Wie sehr antike Anschauungen und
deutscher Volksglaube, der bis heute gilt,
übereinstimmen, zeigen Beispiele beson¬
derer Art, die kaum in Deutschland und
Griechenland unabhängig voneinander
entstanden sind. Der Urin unschuldiger
Kinder, tö oupov ttguöoc acpüopou, ist in der
griechischen Magie öfters erwähnt. Man
verwendet ihn z. B. mit Wein und Honig
gemischt gegen fressende Geschwüre 19 ).
Plinius empfiehlt in seiner Naturgeschichte
24, 39 zu zauberischen Zwecken pueri im-
pubis urina 20 ). In Mittelbaden stillt man
Blutungen mit dem Urin einer Jungfrau 21 )
oder läßt, wenn man sich geschnitten hat,
einen unschuldigen Knaben darauf uri¬
nieren 22 ). Hat ein Mädchen Frostbeulen,
so kann sie durch den Urin eines ledigen
Burschen davon befreit werden 23 ). In
Heidelberg werden mit dem Urin eines
„gesunden Knäbleins“ auch Hautkrank¬
heiten geheilt.
In der Spätantike gab es allerlei kleine
zusammenfassende Schriften über Ham-
schau und Harn Verwendung in der Me¬
dizin (Urologie und Uroskopie). Sie
wurden Öfters großen antiken Ärzten wie
Hippokrates und Galen zugeschrieben und
waren jahrhundertelang sehr beachtet 24 ).
Aus ihnen unmittelbar oder aus Sammel¬
schriften, die wieder auf solchen Sonder¬
abhandlungen beruhen, wie die Natur¬
geschichte des älteren Plinius und das
landwirtschaftliche Sammelwerk Geopo-
nika 25 ) schöpfte auch die deutsche Volks¬
medizin, und die zahlreichen Vorschriften
über Verwendung des Urins eines keuschen
Menschen gehen darauf zurück.
Aus antiken Quellen schöpfen auch die
Anweisungen, Zaubervorschriften auf
Jungfernpergament oder, wie Geiler von
Kaysersberg, der in der Emeis 50 diesen
Aberglauben bekämpft, sagt, auf megt
pergamen zu schreiben. Eine antike
Zaubervorschrift lautet z. B. -fpotyov ...
efc x a P Ttv ‘rcapftsvov (Cat. codd. astrol.
7, S. 105 f.). Der lateinische Ausdruck
dafür ist Charta virgo 26 ). Unschuldige
Kinder und keusche Jungfrauen sind auch
sonst viel in magischem Sinne verwendet.
Auch hierin ist kaum ein Unterschied
zwischen dem Volksglauben der alten
Griechen und Römer 27 ) und dem deut¬
schen. Für die Jungfrau im Glauben und
Brauch ist der Stoff oben 3, 841 ff. ge¬
sammelt und bearbeitet. Dazu einige Er¬
gänzungen und Bemerkungen: In der Ge¬
gend von Bonndorf (Baden) war es bis
vor kurzem üblich, daß beim ersten
Ackern der Pflüger eine Jungfrau küßt 28 ).
Will man lauter Hühner und keine Hähne,
so muß man in Zähringen bei Freiburg aus
dem Stroh des Strohsackes einer keuschen
Jungfrau das Nest für die Bruthenne
machen 29 ). Hier ist wohl die „heidnische
Bewertung“, wie oben 3, 847 gesagt ist,
in erster Linie maßgebend gewesen; mit
der Zeit rückt aber die ganz äußerliche
Beachtung der K. in den Vordergrund.
Das zeigen viele Beispiele sehr deutlich.
Keuschheit
I298
1297
Vielerorts wird am 1. Mai die Dorf linde
von den Jungfrauen geschmückt. Stellt
sich nachträglich heraus, daß daran ein
gefallenes Mädchen teilgenommen hat,
so muß die Linde gewaschen und der
Rasen oder das Pflaster um sie herum er¬
neuert werden 30 ). Wenn in solchen
Segensbräuchen vielfach die Schürze oder
das Halstuch einer Braut verwendet
werden, so soll damit gesagt sein: es ist
die Schürze, mit der das Mädchen zum
letztenmal ihren jungfräulichen Schoß,
das Halstuch, mit dem sie zum letztenmal
ihre keusche Brust deckte. Hier ist
weniger der Segenszustand der Braut,
als vielmehr ihre K. betont, wie oben
3, 847 richtig bemerkt ist, wohl infolge
christlicher Umwertung. Das erweisen
öfters Nebenerscheinungen der Bräuche.
So ist neben der K. die weiße Farbe be¬
tont 31 ). Eine verzauberte Alp wird da¬
durch von dem Zauber befreit, daß man
unter besonderen Umständen ein ganz
weißes Stierkalb, das kein schwarzes Haar
hat, aufzieht und den Stier, wenn er fünf
Jahre alt ist, mit den Hörnern an die
Zöpfe einer reinen Jungfrau bindet und
sie auf die Alp schickt. Der Stier folgt
der Jungfrau willig; wo sie hinkommen,
weicht der Zauber 32 ). Weiße Tauben
warnen bei Gefährdung der K. So heißt
es im Volkslied 33 ):
Drei schneeweiße Taube,
Die fliege übers Haus,
Gebt acht auf das Maidle,
's sind Räuber im Haus.
Mit 111 weißgekleideten Jungfrauen wall-
fahrteten die Hotzenwälder (Badisch.
Schwarzwald) nach Ein siedeln, um für
einen Salpeterer-Führer Glück zu er¬
flehen 34 ).
Im griechischen Altertum bildete sich die
Anschauung, die Biene sei ein keusches Tier
weil sie ohne Zeugung entstand 35 ). Des¬
halb mußte im Altertum und muß nach
dem Volksglauben auch bei uns heute
noch jeder Mensch, der Bienen pflegt, K.
bewahren. Jungfrauen werden von Bie¬
nen nicht gestochen 36 ). Wenn eine Frau
eine Biene ißt, wird sie nie schwanger 37 ).
Die Anschauung, daß ein Gegenstand
nur von einer Jungfrau gehoben werden
kann, für andere Leute aber zu schwer
ist, war ebenfalls in der Antike schon
entwickelt. Bei uns weiß vor allem die
Sage viel davon zu berichten: Ein Schatz
kann nur von einer Prinzessin gehoben
werden, die noch reine Jungfrau ist 38 ).
Eine Glocke kann nicht weitergebracht
werden, nur einer Jungfrau gelingt das
mit Leichtigkeit 39 ). Schlägt man ein
Pferd mit dem Gürtel einer reinen Jung¬
frau, so wird es gesund 40 ). Das Einhorn
kann von keinem Jäger erlegt werden.
Wenn es aber einer Jungfrau begegnet,
ist es völlig zahm 41 ). Wer nicht mehr
Junggeselle ist, kann nicht Freischütz
| werden 42 ).
In Segensformeln spielten einst drei
weibliche Personen eine Rolle 43 ), ohne
daß ihre Jungfräulichkeit betont ge¬
wesen wäre; ja sie waren im germanischen,
keltischen und römischen Glauben als
Mütter bezeichnet. Auf einer späteren
Entwicklungsstufe sind es drei reine
Jungfrauen.
K. schützt vor Gefahr. In dem Volks¬
lied „Als wir jüngst in Regensburg
waren“ heißt es:
Und ein Mädel von zwölf Jahren
Ist mit über den Strudel gefahren.
Weil sie noch nicht lieben kunnt.
Fuhr sie sicher über Strudels Grund.
Der Schiffsmann sagte dem Fräulein
Kunigund:
Wem der Myrtenkranz 44 ) geblieben.
Landet froh und sicher drüben.
Wer ihn hat verloren,
Ist dem Tod erkoren 45 ).
Wie sehr derartige Glaubens Vorstellun¬
gen heute noch wirksam sind, zeigt eine
| Gerichtsverhandlung aus dem Jahre 1927:
; Einer Taglöhnerfamilie in der Bodensee-
| gegend erzählte ein Betrüger, auf dem
i Schienerberg sei ein Schatz von drei Mil-
| lionen vergraben. Er könne nur gehoben
j werden, wenn die K. einer Jungfrau ge¬
opfert werde. Der Taglöhner und seine
Frau stellten dafür ihre isV^jährige Toch¬
ter zur Verfügung. Der Betrüger mi߬
brauchte sie und erhielt 15 Monate Zucht¬
haus 46 ).
I In Gegenwart eines geschlechtlich Un¬
reinen kann ein Zauber nicht ausgeführt
werden 47 ).
1299
Keuschheit
Keuschheit
1302
1300
Verwunschene Personen, die nach ihrem
Tode umgehen müssen, können nur von
keuschen Menschen erlöst werden 48 ). Da¬
bei ist, wenn überhaupt etwas näheres
angegeben wird, nicht die keusche Ge¬
sinnung, sondern die körperliche Unbe¬
rührtheit betont 49 ).
Wie wenig oft von sittlichen Anschau¬
ungen ausgegangen wird, zeigen aber¬
gläubische Bräuche bei der Eidesleistung.
Ein Eid kann nach der Anschauung des
Volkes nur richtig geschworen werden von
einem Menschen, der im Zustand der Rein¬
heit ist. Will aber jemand keinen gültigen
Eid schwören, so durchlöchert er vorher
(z. B. in Hessen, in der Rheinprovinz und
in Holland) seine Hosentasche, steckt
während des Schwörens die linke Hand
durch dieses Loch und berührt die Ge¬
schlechtsteile. Damit ist er unrein und
nach dem Volksglauben unfähig, einen
Eid zu schwören. Also ist das, was er
schwört, kein Eid und er verfällt nicht
der göttlichen Strafe 60 ).
Bei Verwendung von Kindern in Se¬
gensbräuchen ist dieselbe doppelte Be¬
gründung maßgebend wie bei Jungfrauen
(s. o. 3, 841 ff.): Man verwendet sie,
weil sie in der Blüte der Jahre stehen 51 ),
hauptsächlich aber wegen ihrer K. Im
alemannischen Gebiete Badens müssen
bei der Ernte die drei letzten Ähren von
einem jungen Mädchen abgeschnitten
werden. Einem jungen Mädchen oder
einem Kind wird auch der Emtemaien in
die Hand gegeben ö2 ). In Schlesien
pflückt ein unschuldiges Kind die ersten
Früchte eines Obstbaumes 53 ). Beim
Hochzeitszug sieht man vielerorts in
Deutschland gerne Kinder. Ein junger,
zum erstenmal tragender Baum wird
fruchtbar, wenn man seine Früchte von
einem noch auf dem Arm getragenen
Kind oder überhaupt von einem Kinde
unter sieben Jahren abpflücken läßt 54 ).
In Hettingen (Amt Buchen) legt man
jungen Rindern, wenn man sie ans Joch
gewöhnen will, den Strumpf eines un¬
mündigen Kindes unters Joch. Im
Halberstädtischen wird das Notfeuer von
keuschen Knaben erzeugt w ). Der König
von Dänemark hat beim ersten Betreten
des ihm nach dem Weltkrieg zugespro¬
chenen Teils von Schleswig-Holstein ein
kleines Mädchen mit aufs Pferd ge¬
nommen S6 ).
Gegen Gichter hilft eine Unterlage
unter das Kopfkissen, die von einem
Mädchen unter sieben Jahren gesponnen
ist 57 ). Kleidungsstücke, die von unschul¬
digen Kindern gefertigt sind, schützen
in verschiedenster Form, vor allem gegen
Verwundung im Krieg 58 ) und gegen Ver¬
urteilung vor Gericht 59 ) (vgl. u. Not¬
hemd).
Kranken Pferden gibt man in Schwaben
in Wachs eingewickelte Läuse ein, diese
müssen von einem Knaben sein, der noch
nicht sieben Jahre alt ist 60 ). Um Diebe
oder verlorene Sachen zu entdecken, gibt
man einem unschuldigen Knaben eine
Flasche voll Weihwasser in die Hand und
läßt ihn sagen: ,,Du heiliger Engel, Du
schneeweißer Engel, durch meine K. und
Deine Heiligkeit zeige mir den Dieb“ 61 ).
Gegen geschlechtliche Ansteckung trugen
Schweizer Soldaten ein Büschel Haare
von einem kleinen unschuldigen Mädchen
auf der Brust 63 ).
Ist jemand krank, so schickt man in
Ettenheim (Baden) ein Kind aus der
Familie des Kranken oder auch aus der
Nachbarschaft mit drei gleich langen
Kerzen eines geweihten Wachsstockes in
die Kirche zum Beten. Die Lichtlein
stellte man vor den Altar der schmerz¬
haften Mutter Gottes und benannte sie
Leben, Leiden und Tod. Dann achtete
man darauf, welches zuerst erlösche w ).
Kann jemand nicht „ersterben“, so wer¬
den in Neukirch (Triberg) sieben Kinder
in eine Kapelle geschickt, um für einen
baldigen glückseligen Tod zu beten 64 ).
Kinder sollen am Oberrhein die Sterbe¬
kerzen auslöschen. Bläst ein Kind drei
Flammen, die neben der Leiche brennen,
mit einem Hauch aus, so wird eine arme
Seele erlöst. An manchen Orten läßt man
die beim Toten brennenden Lichter von
unschuldigen Kindern einzeln auslöschen,
zündet sie immer wieder an und läßt sie
von neuem ausblasen, bis alle anwesenden
Kinder an der Reihe waren. Erst dann
wird der Sarg zugemacht 65 ).
1301
Sagenhafte Erzählungen berichten vom
Einmauern unschuldiger Kinder in ein
neu zu erbauendes Haus und vom Be¬
streichen des Mörtels mit dem Blute un¬
schuldiger Knaben 68 ). Kindesfinger wer¬
den von Dieben gerne gebraucht, um sich
unsichtbar zu machen oder sonst nicht
entdeckt zu werden. Am meisten wirken
sie, wenn sie von einem noch nicht ge¬
borenen Kind genommen sind, oder es
soll wenigstens noch nicht getauft sein,
d. h. das christliche Sakrament soll es
noch nicht dem Bereich des Zaubers ent¬
rückt haben 67 ). Kindesopfer zu magi¬
schen oder kultischen Zwecken werden
öfters erwähnt 68 ). In Köndringen (Ba¬
den) vertreibt man Warzen, indem man
sie mit dem Menstruationsblut eines keu¬
schen Mädchens betupft 69 ).
Oft sucht man durch allerlei Mittel die
K. festzustellen 70 ).
Vor Unkeuschheit schützt die Pflanze
agnus castus, Keuschlamm. Dieser Glaube
geht auf den griechischen Kult zurück.
Zweige der Pflanzen a^voc legten die grie¬
chischen Frauen am Feste der Thesmo-
phorien auf die Erde und setzten sich
darauf, damit die Segenskraft der Erde
in sie eingehe und sie Mütter würden.
Die üppig wachsende Pflanze sollte die
Segenskraft verstärken. An diesem Tage
mußten die Frauen Verkehr mit Männern
meiden. Als man den ursprünglichen Sinn
des Brauches nicht mehr verstand, glaubte
man, die Zweige sollten den Frauen dazu
verhelfen, die K. zu bewahren. Neben
dem Brauche mag eine mißverständliche
Deutung des Wortes apos zu der Um¬
deutung geführt haben. Es wurde zu¬
sammengebracht mit dem ähnlich klin¬
genden Wort d^voc, das keusch heißt.
Von der Antike her haben alle europäi¬
schen Völker die Pflanze und den ihr an¬
haftenden Glauben übernommen. In der
christlichen Antike des Römerreiches
wurde er bestärkt durch den Anklang an
das lateinische agnus, das Lamm bedeutet.
Das Lamm wurde ein Sinnbild der K.
Der Wortanklang führte dazu, daß man
in legendenhaften Darstellungen die K.
der heiligen Agnes besonders betonte.
Im Italienischen heißt die Pflanze
agno casto, spanisch gattilio casto, eng¬
lisch chaste-tree, bei uns Keuschlamm
oder Keuschbaum 71 ). Die Pflanze wurde
früher vor allem in Klöstern verwendet,
vereinzelt auch im Volke. Daneben ge¬
brauchte man im selben Sinne Buchs¬
baumzweige 72 ) und Lattich 73 ), sowie
Edelsteine wie Smaragd und Jaspis 74 ).
Im ganzen vgl. Geschlechtsverkehr (3,
735 ff.), Jungfrau (4, 841 ff.), Kind, ledig,
Nothemd, unkeusch, unschuldig.
*) Fehrle Keuschheit 29 ff.; ders. Kultische
Keuschheit und Krieg BayHfte 2, 260 ff.;
Artikel ,,Keuschheit“ in RGG. 2 ) Frazer 1, 29;
ders. Gold. Zweig 33. 3 ) Frazer Gold. Zweig 2,
37. 4 ) Ebd. 98 f. 5 ) S. Reinach Cultes, mythes
etrel. 2, 33. °)ARw. 7 (1904), 458t.; Fehrle K.
31. 7 ) Jastrow Rel. Bab. u. Assyr. 1, 346;
Eitrem Opferr. 381. 8 ) Herodot 1, 198;
Strabo 16, 1, 20; Makrob. Sat. 1, 23, 10;
Wellhausen Skizzen und Vorarbeiten 3, 116;
Fehrle K. 32. ö ) Fehrle K. 32; Schwally
Sem. Kriegsaltert. 61. Vgl. Plin, Naturg. 8, 13.
10 ) Herodot 2, 64; Fehrle K. 33. u ) Fehrle
K. 33 f.; Jirku Die Dämonen und ihre Abwehr
48; Eitrem Opferr. 96; JbjüdVk. 1923, 181.
12 ) Fehrle K. 29 f. 13 ) Ebd. 35 ff.; W. Hertz
Abhandl. 197 ff.; W. Fiedler Antiker Wetter¬
zauber (1931) 23 f.; J.R. Farn eil The evolution
of religion 88 ff.; James Religiöse Erfahrung,
deutsch von Wobbermin 280 ff. 14 ) Porphyr.
Abst. 4, 20. 15 )Fehrle/C. 25ff.; R. M. Ratten¬
bur y Chastity and chastily ordeals in the
ancicnt greek romances: Proceedings of the
Leeds philosophical Society, vol. 1 p. II, 59—71.
1C ) RGG. unter K. 17 ) Fehrle K. 12 ff. 236 s.
18 ) Vgl. den Kommentar zu Tacitus Germ, von
Fehrle S. 87ff. und oben unter Jungfrau 4, 843!.
Zur Brynhildesage (i, 844f.) vgl. F. Panzer Sig¬
frid 186 f. 19 ) Hopfner Griech.-ägypt. Offen¬
barungszauber (1922) §847. 20 ) Fehrle K. 55;
Geoponica 10, 64, 2; 9, 2, 6. 21 ) Zimmer mann
Volksmed. 24. 81.85. 22 )Hmtl. 2, 18. Dies Mittel
wird auch heute noch in Heidelberg verwendet.
23 ) Zimmermann a. a. O. 76. 24 )Vgl. z. B.
Pseudo-Galen Die lateinischen Harnschriften,
hrg. u. bearbeitet von H. Leisinger 1925.
Urin wird in der Volksmedizin bei Verwundung
auch verwendet, ohne daß der Begriff der K.
damit verbunden ist. 25 ) Fehrle Geop. 26 )Hess-
Bl. 13 (1914), 108ff. Vgl. o. 4, 851 f. 27 ) Fehrle
K. 54 ff. 28 ) Meyer Baden 417 f. 2ü ) Ebd. 412.
30 ) Sartori Sitte 3,176, 32. 81 )ObdZfVk. 5(1931).
12 f. 8l ) SchwVk. 14 (1924), 26. 33 ) Bender
Ober sehe fflenzer Volkslieder 232, 64. 34 ) Scheffel
Ges. Werke hrg. v. Proelß, 3. Bd., 144. 3S ) Fehrle
K. 56 f.; J. Kleck Arch. f. Bienenkunde 7, 37 f.
S. o. unter Biene. Zu Jungfernwachs vgl. ObZf-
Vk. 5 (1931), 94; Kronfeld Der Weihnachtsbaum
38 f. 38 ) K. Knortz Die Insekten in Sage, Sitte
und Lit. 30. 37 ) Urquell 5 (1894), 179; ZföVk.
8 (1902), 49 f. 3S ) Heckscher 1, 109. 3 *)
1304
1303
Bert sch Weltanschauung 267. 40 ) ObdZfVk.
2 (1928), 136h; Ael. h. a. 11, 18. 41 ) ObdZVk. 5
(1931)» 13^ vgl.o. unter Einhorn. 42 )Heckscher
1,112. 43 )ObdZfVk. 4(1930), 102 ff.; Fehrle
Zauber und Segen 43 h; Andree-Eysn Volks¬
kundliches 35 ff.; ObdZfVk. 5 (1931), 94. 4; )
Fehrl e K. 239 ff. 45 ) Alte und neue Lieder mit
Bildern und Weisen S. 208 f. 46 ) Oberländer Bote
(Lörrach) 90 (1927), Nr. 98. 47 ) Bianchi Studien
über Heinr. v . Kleist 1, 14 f. 48 ) Frank Schlan¬
genkuß 57 f. 70. 71; Bohnenberger 10;
Bauernfeind Nordoberpfalz 25; Humpert
Mudau 224; Fehrle K. 59. 49 ) NiedZfVk. 7
(1929), 249. M ) ARw. 12, 58 f. 61 ) ObZfVk. 3
(1931), 8; Fehrle K. 63 f. 52 ) Meyer Baden
43iff. M ) Peuckert Schles. Vk. 74. 54 )Wuttke
426 f. 6ß ) Grimm Myth. 504. 56 ) Bianchi
Kleist 15. 57 ) Steidel Ortsgeschichte von Dais¬
bach (1910) 153. M ) BayHfte 2, 260 ff.; ZfVk.
21, 157; 22, 129. 59 ) Globus 95, 23. 60 ) Fehrle
K. 60. fll ) Montanus Volksfeste 117. 62 ) SAVk.
19 (1915), 215. 63 ) Meyer Baden 575. 64 ) Ebd
581. Vgl. Philol. Wochenschrift 45 (1925), 597 t.
cs ) SchwVk. 8 (1918), 38. 6G ) ObZfVk. 2 (1928),
82; Liebrecht Zur Volksk. 287. Siehe oben
Bauopfer und unten Kind. 6? ) L. Bianchi
Kleist 1, 15 f.; v. Künssberg Rechtsbrauch
und Kinderspiel 32 f. 68 ) Globus 37, 25 ff. 55 ff.
72ff.; Eitrem in der Festskrift til Hjalmar
Falk (1927) 257 f. 69 ) Fehrle Geoponica 16 f.;
Zimmer mann Volksmed. 73. 70 ) Siehe oben 4,
845f.; Fehrle K. 56, 2. io6f. 125. 131. 221;
ZfVk. 19 (1909), 67; SAVk. 27 (1927), 89;
Weinreich Gebet und Wunder (1929)3980.;
Bolte-Polfvka 1,546; Adamantios'Ayvefa;
Ttefpo, Laographia 1 (1909). 461 ff. 71 ) Fehrle K.
152 ff.; SAVk. 27, 87 h; Seligmann Blick
2, 69. 72 ) SAVk. 27, 88. 73 ) Fehrle Geoponica
45. 74 ) Bohnenberger 23; Fehrle K. 154, 1.
Fehrle.
Kiebitz (Tringa vanellus; Gavia vul¬
garis). Der Name ist dem Geschrei
des Vogels ähnlich. Die schrift¬
mäßige Form von heute ist mittel¬
deutsch x ), vielleicht unter Anlehnung an
die slavische Endung wie bei Stieglitz,
Kifittig 2 ). Im md. Kiwitt; die nd. Form
ist dieser ähnlich, die oberd. weicht ab:
Gawitzl (Egerland), Kiwitza (Nieder-
österreich), Giermitz, Girmes (Tirol),
Keibitz, Geibitzer, Gaiwitzer 3 ), Giritz 4 ).
Er gilt als unheimliches Wesen
Ruf des K. kein Geld in der Tasche hat,
wird das ganze Jahr nichts erübrigen 8 ).
Auch in Schottland gilt er als unheil¬
verkündend 9 ).
Er ist der Geselle des Kuckucks 10 ),
und sein Name verhüllt wie der des Kuk-
kucks den Teufel 11 ). Daher haben auch
das Innere des K.nestes und die Drüsen
des K.Weibchens unter gewissen Umstän¬
den dämonische Kraft 12 ).
Der K. gilt als Seelenvogel. Als
solcher erscheint er im Märchen vom
Machandelbaum. In den Marschen hält
man ihn gleich dem Storch für einen
geheiligten Vogel, in dem eine Menschen¬
seele steckt oder der eine verwandelte
Menschenseele darstellt 13 ). Das geht aus
der Sage von dem Schäfer hervor, der
fünf weiße Schafe verlor. Sein Herr
züchtigte ihn so, daß er starb. Im Tode
wurde er in einen K. verwandelt, und
seitdem fliegt er umher und sucht unter
dem Ruf: ,,Fief witt“ —fünf weiß, die
verlorenen Schafe 13 ). Seelen alter Jung¬
fern werden Kiebitze 14 ). Unbegehrt
gebliebene Menschen werden nach dem
Tod in unbegehrte Tiere verwandelt.
Daher „ins Giritzenmoos fahren“ vom
Tod alter Jungfern lö ). Mit diesen Worten
necken die ledigen Burschen die unver¬
heirateten Mädchen 16 ). Im Girizenried
fliegen verwandelte Jungfrauen 17 ). Alte
Jungfern müssen Geibitzen hüten (öster¬
reichisch) 18 ). Im Harz wird ein spukender
Frauengeist in den Kibitzbach gebracht 19 ).
Ebenda ist der Kibitzbruch Sitz unseliger
Geister 20 ). Über die Giritzenmoosfahrt
s. Alte Jungfern 1, 334.
Der K. im Volksreim. Der K. ist
der einzige Republikaner unter den Vögeln.
Als diese sich einen König wählen wollten,
war er nicht einverstanden und flog in
die Wiesen, wo er nun, wenn er verfolgt
wird, schreit:
Kiwitt, wo bliw ick ?
wie Kauz und Eule. Wenn er in die
Nähe menschlicher Wohnungen kommt,
prophezeit man daraus einen Todesfall
(nordfriesisch) 5 ). Wegen seines sonder¬
baren Rufes „Komm mit“ gilt er als
Totenvogel 6 ). Er lockt Wanderer in den
Sumpf 7 ). Wer im Frühjahr beim ersten
in’n Brommelbeerenbusch,
do sitt ick,
do fleit ick,
do hew ick min Lust 21 ).
Ähnlich in Mecklenburg **), Oldenburg 23 ),
Anhalt 24 ), in der Altmark 25 ). In der
Mark Brandenburg spricht er: „Kiwitt,
ach watt förn schöen Vojel bin ick“ 26 ).
1305
Kiefer— Kiesel stein
1306
Bei den Wenden: „Kotz Blut, Kiebitz!
Wie mir meine Beine frieren“ 27 ).
In der Alt mark vergnügten sich früher
die Kinder mit einem Spiel, das „Kiwitt-
dans“ hieß. Sie gingen in die Hock¬
stellung, legten die Hände auf den Rücken
und sangen unter Herumhopsen:
Kiwittdanzen kann ick nich,
dao slog se mi, dao went ick;
dao geff se mi n fett Botterstoll,
dao sweg ick 28 ).
Der K. muß im Februar ankommen und
am 2. März sein erstes Ei legen, und wenn
er es auch in den Schnee legen sollte 29 ).
Der K. findet sich auch in Pflanzen¬
namen 30 ).
4 ) Grimm DWb. s. v. 2 ) Montagsblatt der
Magdeburgischen Zeitung vom 22. 11. 1926.
8 ) ZfVk. 12 (1902), 460. Grimm Myth.
3. 196. 5 ) Urquell 3 (1892), 299. c ) Drechsler
2, 231. 7 ) Kühnau Sagen 1, 384. 8 ) Stracker-
jan 1, 10; 2, 161 = Wuttke 205 § 281. 9 )
Hopf Tierorakel 169. 10 ) Mannhardt ZfdMyth.
3, 281. 229. n ) Grimm Myth. 965 (2, 846).
12 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 126. 13 )Stracker-
jan 2, 166. u ) Meyer Germ. Myth. 63. Dazu
Laistner Nebelsagen 230. 16 ) Rochholz
Glaube 1, 154 L 1S ) Lütolf Sagen 566. 17 )
Grimm Myth. 3, 196. 18 ) Rochholz Sagen
41, 47; Glaube 154t. 19 ) Pröhle Harz 2, 48.
20 ) Grimm DWb. s. v. 2l ) Andree Braun¬
schweig 465. 22 ) Bartsch Mecklenburg 2, 177.
23 ) Strackerjan 2, 166. 24 ) Wirth Beiträge
4 / 5 » 55 - 25 ) Wegener Volkslieder aus Nord¬
deutschland 1, 80. 26 ) Engelien und Lahn 200.
a? ) Schulenburg Wend. Volkstum 154. 28 )
Danneil Wb. der altmärk. plattdeutschen Mund¬
art 1858, 101. Dazu H. Diehl Das Labyrinth
67. 29 ) Strackerjan 2, 166. 30 ) Marzell
Pflanzennamen 220. Wirth.
Kiefer (Föhre; Pinus silvestris). Ob¬
wohl die K. ein bei uns allgemein verbrei¬
teter und bekannter Nadelbaum ist, spielt
sie in Sage und Aberglauben keine nen¬
nenswerte Rolle. Ab und zu ist eine
Hexen- oder Wunderk. bekannt x )
oder eine „Heiligenföhre“ 2 ). Nach einer
finnischen Sage stammt die K. (wohl
wegen der rötlichen Rinde!) aus dem
Blute des Erlösers 3 ). Die Rumänen in
der Bukowina erzählen, die K. sei
deswegen so knotig, weil die Kreuzes¬
nägel Christi aus dem Holz der K. waren 4 ).
Wird das Holz der K. gegen „Altschein“
(abnehmender Mond) gehauen, so trocknet
es besser aus, wird leichter und bekommt
später keinen Wurm 5 ).
Vgl. Marzell Die deutschen Bäume in der
Volkskunde. 7. Die Kiefer in: Mitt. d. D.
Dendrol. Gesellsch. 42 (1930), 180—184.
*) Kühnau Sagen 3, 33. 281. 2 ) Rochholz
Sagen 1, 85; vgl. auch Treichel Zwei mark .
Sagen von der K. in: Verh. bot. Ver. Prov.
Brandenburg 23 (1881), 49. 3 ) FFC. 52, 53.
4 ) ZföVk. 4, 218. 5 ) Wiide Pfalz 126.
Marzell.
Kielkropf s. Wechselbalg.
Kieselstein. Alles Wasser, das über
glatte Kiesel läuft, ist heilkräftig, be¬
sonders Bachwasser. Nimmt man einen
Bachkiesel aus dem Wasser und berührt
damit schlimme Augen, so heilt er das
Übel, wenn man ihn nachher wieder an
die Stelle legt, wo er gelegen hat 1 ).
Ebenso sucht, wer Seitenstechen hat,
stillschweigend drei K.chen in einem
Bache und steckt sie an die Seite,
wo es ihn schmerzt, dann schwindet das
Stechen 2 ). Im Altenburgischen drückt
man einen am Bachrande gefundenen
K. dreimal auf die Wunde und spricht
dabei: „Im Namen Gottes, des Vaters,
des Sohnes und des heiligen Geistes“;
dann legt man den Stein wieder
an seine frühere Stelle 3 ). Daß es ein
fließender Bach sein muß, weist auf das
„Wegschwemmen“ der Krankheit hin.
In Schwaben spuckt man bei Zahn¬
schmerzen auf die untere Seite eines
am Wege gefundenen K.s und legt ihn
wieder an seinen Ort 4 ). Eines zufällig
auf einem Zaun gefundenen K.s bedient
man sich gegen Hühneraugen, indem
man sie damit umreißt und einen
Zauberspruch dabei hersagt 5 ). Um
wunde Frostbeulen fährt man dreimal
mit einem K. herum und sagt dabei:
„Bein, du sollst so wenig geschwellen und
geschwären als wie dieser Stein, im Namen
usw.“ 6 ). Am Muskelschwund kranke
Glieder bestreicht man mit einem K.
bei wachsendem Monde unter Her¬
sagen eines Zauberspruches 7 ). Aufge¬
kochtes Bachwasser, in dem drei K.e
liegen, gilt in Simmenthal als Mittel
gegen Husten 8 ); in Mettersdorf wirft
man als Mittel gegen Gicht neun heiße
Kiesel in die Badewanne 9 ).
*) Birlinger Volkst. 1, 140 Nr. 218; Lam-
mert 227 und 236; vgl. Grohmann 46. *)
Kilian
1307
Alpenburg Tirol 4. 11. 3 ) Seyfarth Sachsen
221; vgl. Grohmann a. a. O.; Bohnen¬
berger 15. 4 ) Lammert 236 (Schwaben!.
5 ) Baumgarten Aus der Heimat 1, 158. 6 )
Meier Schwaben 2, 521 Nr. 469; Wuttke
34 6 § 517» vgl. Hovorka-Kronfeld 2, 370.
7 ) Manz Sargans 74. 8 ) Zahler Simmenthal
91. *) Gaßner Metiersdorf 79.
Ist die Milch verhext und erhält man
keine Butter beim Buttem, so gibt man
entweder glühende K.e ins Butterfaß
und schüttet dann Wasser darauf, daß
es zischt und prasselt; das tut der Hexe
weh — oder man schlägt, nachdem
man die Steine hineingeworfen hat, das
Faß mit einem Kreuzdorn. Dann kommt
die Hexe herbei und hebt den Bann auf 10 ).
Sollen die Hühner viel Eier legen, so
holt man einen schönen glatten K. aus
dem Bache und wirft ihn übers Dach
in den Hof unter die Hühner n ). Ein
alter Brauch, den nach Staricius der
bewährte Bereiter des Königs von Na¬
varra erfunden hat, ist: einem unruhigen,
unbändigen Pferde steckt man einen
kleinen, runden K. ins Ohr und hält
dieses mit der Hand fest zu; dann wird
es lammfromm 12 ).
10 ) John Westböhmen 66. 204. 205. 255; Egerl.
5 (19 01 )» 5- u ) Grohmann 142. ia ) Staricius
Heldenschatz (1706) 116; Drechsler 2, 113 Nr.
486; ZdVfV. 13 (1903), 272; ZfrwVk. 8, 145.
Ein schlesischer Aberglaube ist: Wenn
eine Mutter das Kind entwöhnt und sich
dabei auf einen K. setzt, bekommt
das Kind nie Zahnschmerzen; es erhält
steinharte Zähne, wenn sie, sobald zur
Kirche geläutet wird, sich mit dem
bloßen Gesäß auf einen Stein setzt 13 ).
Im Erzgebirge legt man in eine Ecke
des Feldes einen K. (einen Besen
und einen Nesselsack), dann kann kein
Dieb etwas entwenden 14 ). Eine eigen¬
artige „Diebsstellung“ steht bei Jühling:
Wenn etwas im Hause verloren ging,
schreibt man die Taufnamen aller, die
man im Verdachte hat, auf Bachkiesel
und läßt dann die Steine über Nacht in
fließendem Wasser liegen, die Namen der
Unschuldigen sind dann ausgelöscht 15 ).
1S ) Drechsler 1, 214; ähnlich Bartsch
Mecklenburg 2, 55. 14 ) John Erzgebirge 220.
u ) Jühling Tiere 285 t.; vgl. John West-
böhmen 323; ein ähnlicher franz. Aberglauben
bei Liebrecht Gervasius 260 Nr. 479, 2.
1308
Da die mit Stahl geschlagenen Quarz-
k.e Funken geben, hat man sie mit
dem Gewitter in Zusammenhang ge¬
bracht (vgl. Stahl und Stein, Feuerstein).
In Waldeck und der Oberpfalz glaubt
man, daß auf Äckern gefundene weiße
(kristallinische) K.e vom Gewitter her¬
rühren (versteinerte Donnerkeile sind) 16 ).
Ein Wetterorakel im Aargau lautet:
wenn Kinder im Frühjahr viel mit K.n
spielen, deutet dies schwere Gewitter
im Sommer voraus 17 ). In Röpersdorf
hält der Bauer, solange er Weizen sät,
einen, weißen K. im Munde; dann können
die Sperlinge, wenn der Weizen groß
wird, ihn nicht sehen 18 ). In der Volks¬
heilkunde wird gepulverter K. in einer
Latwerge gegen Steinleiden (similia simi-
libus) erwähnt 19 ).
16 ) Curtze Waldeck 412 Nr. 201; Schönwerth
Oberpfalz 2, 214. 17 ) Rochholz Kinderlied
319. ,9 ) Engelien und Lahn 268 Nr. 162.
lf ) G. Schmidt Mieser Kräuterbuch 36 Nr. 10.
Vgl. Quarz und heilende Steine. f Olbrich.
Kilian (Quinianus, Chilianus, Cilianus),
hl., Bischof und Märtyrer, irischer Ab¬
kunft, predigte mit seinen Gefährten Ko-
lonat und Totnan das Christentum in
Thüringen und Ost franken, besonders in
der jetzigen Diözese Würzburg, daher
Apostel der Franken x ) und Patron der
Diözese Würzburg, erlitt hier unter dem
von ihm bekehrten Herzog Gozbert auf
Anstiften von dessen Schwägerin Geilana
nebst seinen Gefährten 689 den Märtyrer¬
tod. Seine Gebeine wurden 733 durch den
hl. Bischof Burkhard erhoben und 752
in den Dom übertragen; sie ruhen in der
Neumünsterkirche, die Häupter aller drei
Märtyrer im Dom. Außer im Würz¬
burger Sprengel und in Heilbronn am
Neckar wird oder wurde K. auch in Hessen,
in der Mainzer Gegend und im südlichen
Teil der Diözese Paderborn verehrt, da
dieser bis 800 Würzburg unterstellt war.
Fest 8. Juli (Todestag) 2 ).
1. K. wurde und ist ein vielbegehrter
Fürsprecher. An seinem Festtag besucht
man die K.sgruft in der Neumünster¬
kirche. In feierlicher Prozession werden
dann die Häupter der drei hl. Männer
umhergetragen. Besonders das Landvolk
1309
Kill—Kind
I3IO
erscheint zahlreich in der schmucken
Landestracht in der Bischofsstadt. Bei
der Prozession singt man das schon seit
langen Zeiten echt volkstümlich gewor¬
dene K.slied, dessen Anfang lautet:
„Wir rufen an den teuren Mann, Sankt
K., Sankt Kolonat und Sankt Totnan.
Dich loben, dir danken deine Kinder in
Franken, Sankt K.“ 3 ). Um den reli¬
giös-kirchlichen Ursprung des K.festes
auch bei dem sich anschließenden welt¬
lichen Volksfeste zu wahren, hat man
in die gottesdienstlichen Veranstaltungen
der Festoktav ein in Form der alten
Mysterienspiele gehaltenes Spiel, das
K.spiel, eingefügt, erstmalig 8. —13.
Juli 1926. Sein Schauplatz ist der Raum
zwischen Dom und Neumünster.
2. Mit dem Wasser aus dem Brunnen
in der K.sgruft der Würzburger Neu¬
münsterkirche benetzt man die Augen, um
sie vor Krankheit zu bewahren 4 ). Auch
wird der Heilige gegen Gicht und Rheu¬
matismus angerufen 5 ).
3. Infolge des lebenswichtigen Wein¬
baues im Frankenlande erkoren ihn be¬
sonders die Winzer zu ihrem Patron.
Sein Tag ist für den Feld- und Garten¬
bau bedeutungsvoll. Er macht die Bahn
(die Eschwege) auf, und an ihm fliegt der
Hopfen an, d. i. beginnt die Hopfen¬
blüte 6 ). Rüben auf K.tag gesteckt,
werden dick 7 ). An ihm auch stellt oder
stellte man die Schnitter an 8 ). K. wird
zum Schutze für das Vieh angerufen ähn¬
lich wie viele andere Heiligen, ohne nähere
Beziehungen zur Vieh Wirtschaft zu haben.
So z. B. gilt er in Kissingen als Patron der
Schafe 9 ).
4. Sieht man in der hl. K.i-Nacht
glühendes Farrenkraut und steckt es zu
sich, so wird man unsichtbar 10 ).
5. Nach K. ist in Schötmar (Lippe)
die Kirmesfigur genannt, die sonst, z. B.
im Rheinland, Zacheies (Zachäus) heißt.
Dieser ,,K.“ macht wie der Zacheies
als Verkörperung der Kirmes alles mit und
wird zum Schluß vernichtet 11 ). Die Ver¬
wendung des Namens ist hier besonders
rein äußerlich, da diese Lipper Kirmes in
die K.szeit fällt.
1 ) Als solcher bereits erwähnt bei Seb. Franck,
s. Schmidt Volhsk. 126. 2 ) AASS. II 599;
Levison in MGSS. rer. Merov. V 711; Künstle
Ikonographie der Heiligen 379; Korth Kirchen¬
patrone im Erzbistum Köln 108; Doye Heilige
und Selige 1, 658. 3 ) Erk-Böhme 3, 786. 4 )
Lammert 25; Pfannenschmid Weihwasser
89: eine Brunnenquelle unter dem Altar der
K.skirche in Heilbronn. 5 ) Doy6 Heilige
und Selige 1, 658. G ) Fischer SchwäbWb. s. v.
7 ) Ebenda, ferner Rosegger Steiermark 206:
... er ist doch ein großer Rübenpatron; Eber¬
hardt Landwirtschaft 2; ZfrwVk. 17, 110; Sar-
tori Westfalen 115. 8 ) Eberhardt a. a. O. 5;
Württemberg. Jahrb. 1 (1907), 203. 9 ) ZfVk.
21 (1911), 108. 10 ) Aus Komotau (Böhmen):
Grohmann 97. 11 ) Sartori Westfalen 170.
Wrede.
Kill. Konrad v. Megenberg (Buch der
Natur 238): „Kilion, oder Killon, als
ain ander puoch hat, daz mag ain K.
haizen. Daz ist ain wunderleich mer-
wunder, sam Aristotiles spricht .
Daz tier hat die lebem in der denken
(linken) seiten und daz milz in der reh-
ten“. Weder bei Aristoteles noch in
andern uns zugänglichen Tierbüchern
findet sich ein Tier dieses Namens.
Aristoteles erwähnt an zwei Stellen (H. A.
6, 14; 8, 20) einen (unbestimmbaren)
Fisch Tilön, von dem aber nichts über
die Lage der Eingeweide gesagt wird.
Auch in den Partes Animalium 3, 7, wo
ausführlich über Leber und Milz gehan¬
delt ist, findet sich nichts ähnliches.
Hoffmann-Krayer.
Kiltblume s. Herbstzeitlose 3, 1757.
Kind.
Allgemeines zur Bewertung des K.es s.
unter „Kindersegen“ und „Kinderher¬
kunft“. 1. Fürsorge: Aufnahme und Ein¬
führung. a) Was man aus Äußerem und Ver¬
halten des K.es weissagt, b) Was man mit dem
Neugeborenen tun soll und nicht tun darf,
c) Abergläubische Fürsorge am heranwach-
senden K. 2. Dämonengefahr und Dämo¬
nenabwehr. a) K.ertausch, K.erraub, K.er-
schreck. b) Schutzmaßnahmen. 3. Das K. als
Glücksträger und Heilbringer, a) Verbindung
mit dem Überirdischen, b) Besondere Glücks¬
und Heilkraft im K. c) Das K. als Mittel zu
Weissagung und Zauber. 4. K. und Tod.
Das K., zumal das Neugeborene,
untersteht jener abergläubischen Beach¬
tung, die jede bemerkenswerte Zufällig¬
keit zur Deutung und Vorausschau
I 3 11
Kind
1312
künftigen Lebensschicksals be¬
nutzt. Vom ganzen Leben mit K.ern
(nicht nur vom Essen) gilt Luthers
Glosse: „Wir alten Narren essen mit den
Kindern, nicht sie mit uns“ J ). Die re¬
ligiös erfaßte Begegnung der Gegen¬
wärtigen mit den Kommenden in der
Geburt weist den Blick in die Zukunft
(s. Geburt), ruft von jeher die natürliche
Elternliebe zu unendlicher Fürsorge,
zu möglichst richtiger, das junge Leben
sichernder Aufnahme und Einführung
in die Lebensgemeinschaft auf (Ab¬
schnitt 1) 2 ). Über die, unter dem christ¬
lichen Taufgebot wachsende, Dämonen¬
furcht hinweg (Abschnitt 2) hat sich
das Wissen von besonderer Glücks- und
Segensmacht des K.es auch im Aber¬
glauben behauptet (Abschnitt 3).
1. a) Schon die Art der Geburt ist
vielsagend und zukunftsdeutend (s. Ge¬
burt). Auf den (einst vielbeschäftigten)
Henker deutet ein roter Ring um den
Hals des K.es 3 ); so auch, wenn es mit
aufrecht gewandtem Gesicht zur Welt
kommt 4 ).
Sein offenes oder geschlossenes Auge,
sein erster matter oder fester Blick ent¬
scheidet über die Lebensdauer 5 ). Wird
es mit Zähnen geboren, hat es Druden¬
natur 6 ) oder stirbt frühzeitig 7 ), wie das
K., das mit langen Haaren geboren
wird 8 ).
Mancherlei äußere Merkmale sind vor¬
bedeutend 9 ); weiße „Kirchhofblümlein“
oder ein blaues Mal (Ader) über der Nase
weissagen den frühen Tod 10 ), zwei Wir¬
bel zeigen Klugheit und Berühmtheit
an 11 ); auch Mitesser und sonstige Mi߬
bildungen sind bedeutsam 12 ).
Starker Ausschlag weissagt künftige
Schönheit 13 ), wie überhaupt Häßlich¬
keit zur Schönheit wird und umgekehrt 14 ).
Glückverheißend ist Ähnlichkeit zwischen
Vater und Tochter, Mutter und Sohn 15 ).
K.er, die viel schreien, gedeihen gut
(es wächst ihnen das Herz, sie lernen gut
sprechen, singen) 16 ). Desgleichen die, die
sich oft erbrechen („Spei-k.er = Gedeih-
k.er“) 17 ), die sich recken 18 ), aus dem Bett
fallen 19 ), oft den „Häcker“ haben 20 ),
niesen 21 ), u. a. m. Die an Verstopfung
leidenden K.er sollen klug werden 22 ).
Ein kurzes Leben weissagt man dem
K., das schön singt 23 ), im Schlafe lacht
(es „sieht Engel“) 24 ), viel von Engeln
redet 25 ), recht fromm 26 ) oder recht
klug ist 27 ), das sich (im ersten Lebensjahr)
sehr rasch entwickelt (es „wächst dem
Himmel zu“) 28 ).
Frühen Tod befürchtet man auch bei
dem K., das sich sehr an den Vater
schmiegt 29 ), das sich viel mit dem Kopf
am Kissen reibt 20 ), das den Kopf beim
Schlafengehen zurückwirft, ihn gern tief
legt, sich auf Tisch oder Fußboden rück¬
lings niederlegt, sich die Augen zubindet,
bei der Taufe weint u. a. m. 31 ).
Auch über die Säuglingszeit hin¬
aus ist das Verhalten des K.es bedeut¬
sam. K.er, die mit Feuer spielen, nässen
das Bett 32 ) (oder spielen mit dem Teu¬
fel) 33 ), die in den Spiegel sehen, werden
eitel 34 ), die am Federkiel kauen, werden
dumm 35 ), die das in der Schule Gelernte
im Freien laut aufsagen, werden „hart-
lehrig“ 36 ) f die mit den Füßen schau¬
keln, bekommen Würmer 37 ); die rück¬
wärtsgehen, „führen ihre Eltern in die
Hölle“ 38 ), die sich runde Löcher in die
Schuhsohlen laufen, werden reich 39 ).
Mädchen, die pfeifen, rufen die Not her¬
bei (oder machen die „Mutter Gottes“
weinen) 40 ), u. a. m. Zumal wird wichtig
für die Zukunft, was das K. ißt und
trinkt 41 ) (s. a. Stillen).
Die vielfach im Volksbrauch bekannten
Orakel werden zu den wichtigen Ter¬
minen, zur Geburt, Taufe, Entwöh¬
nung, zum 1. oder 7. Geburtstag vor¬
genommen. So legt man vielfach dem
(eben entwöhnten, oder einjährigen) K.
bestimmte Gegenstände vor: Rosenkranz,
Brot, Gebetbuch, Geld, Kartenspiel; wo¬
nach es greift, das „bleibt ihm fürs Le¬
ben“ 42 ).
Hingewiesen sei hier noch auf die hohe
Bedeutung der Geburtsstun de. Im
Mittelalter ließen „vornehme Familien
fast durchweg ihrem K.e das Horoskop
(s. d.) stellen“ 43 ).
b) Uber das Angeführte hinaus (das
sich einer tieferen Begründung meist ent-
1
1313 Kü*« 1 I 3 j 4
zieht) empfiehlt der Aberglauben eine Vater gern zugedachte Rolle des drohend-
sehr große Zahl von Geboten und Ver- herzlosen „Schicksals“ über Leben und
boten der Fürsorge der Eltern, die ja Tod der Seinen mit etwas mehr psycholo-
nach Geiler? von Kaisersberg Wort „ihren gischem Verständnis zu berichtigen. Wenn
Kindern das Gold in den Busen legen man einst das Neugeborene aufhob
wollen“ 44 ); diese fast unübersehbare Fülle („Hebamme“) und dem Vater brachte,
dessen, was man mit dem K. tun soll vor ihm niederlegte usw. 48 ), so war das
oder nicht tun darf, findet zum Teil der heilige Augenblick der Vereinigung
seine Begründung in heidnischer Auf- des Kindes, das von der Mutter kam,
fassung der Elternpflicht und des kind- mit dem Vater, und es ist durchaus un¬
lieben Wesens, seiner Herkunft (s. Kin- wissenschaftlich, aus dieser Szene das
derherkunft), seiner Gefährdung und seiner natürliche Empfinden des Mannes für
segensreichen Bedeutung für die Gemein- Leid und Freude der Mutter einer erfun-
schaft. Es kann sich also, wo wir kul- denen und höchst ungermanischen Haus¬
tische Nachklänge zu spüren meinen, in despotie zuliebe zu entfernen, obwohl man
Einzelfällen um Riten der Aufnahme, weiß, daß die als Persönlichkeit gewertete
Begrüßung, Danksagung, Weih- germanische Frau und Mutter gar nicht
ung und der Dämonen ab wehr han- daran dachte, über das Leben ihres K.es
dein, es kann aber diese Fülle von Aber- den Mann durch eine Handbewegung ent-
glauben nicht an sich der „Rest“ eines scheiden zu lassen.
bestimmten Kultus sein (von dem die In der Zeit der Niederschrift der alten
Quellen alter Zeit wenig berichten), son- Volksrechte war jener Akt der väter-
dem es muß wie überall, so auch hier, liehen Anerkennung infolge des star-
nach dem Verlust der heidnischen ken Anwachsens unehelicher Geburten von
Glaubenseinsicht der wuchernde Aber- gesteigerter, erbrechtlicher Bedeutung
glaube des MA.s diesen „Reichtum“ (Man hat auch besonderes Aufheben des
geschaffen haben, in dem „abergläubische K.es durch den Paten bei der Taufe als
Weiber die Kinder, eh man sie in die Wiege Nachklang jenes Brauches ange¬
legt, unter die Bank schieben, oder sonst sprochen 49 )).
mit besonderen Charakteren, Zeremonien, Im Anklang an dieses besondere feier-
verdächtigen Gebärden und Worten die liehe Niederlegen 50 ) und Aufheben
K.er bezeichnen, aufheben, niederlegen, des Neugeborenen legt man das K. im
baden“ 45 ) usw. Volksbrauch auf die bloße Erde 51 ), „da-
Wieweit bei diesen zumal am Neu- mit es fest und kräftig“ sei 62 ), man legt
geborenen geübten Bräuchen ein be- es auf Tisch oder Herd 53 ) (unter den
herrschender Grundgedanke anzu- Schutz der Hausgötter) 54 ) oder oft auch
nehmen ist (Weihung an die Mutter unter Bank 55 ) oder Tisch 56 ), z. B. da-
Erde 46 ), Übergabe in den Schutz der mit das K. lebenslang demütig bleibt 67 ),
Hausgötter 47 ), Sicherung gegen dä- klug wird 58 ), gut hören oder sehen lernt 59 ),
monische Mächte) muß hier unerörtert Vereinzelt soll das K. der Mutter zu Füßen
bleiben. Hüten müssen wir uns davor, gelegt werden 60 ), damit es nicht wider-
auch hier unter dem Einfluß griechischer spenstig werde 61 ), das Mädchen auf die
und römischer Kult-Uberlieferung die Mutterbrust, dann kommt es nie zu
klar überlieferte germanische Auf- Schande 62 ); man soll es zum Vater
fassung von der Heiligkeit von Herd, bringen und es mit seinen Füßen vor
Haus, Erbgrund, Geburt, Namen, dessen Brust stoßen, damit es kein böses
Wasserweihe und von der Wichtigkeit Ende nimmt 63 ). Der Vater begrüßt es
der Blutsverwandtschaft und Sippe zu mit Kuß 64 ), aber ein neugeborenes Mäd-
übersehen. chen darf nicht vom Vater, ein Knabe
Das überreich bezeugte ebenbürtige nicht von der Mutter zuerst geküßt wer-
Nebeneinander germanischer Eltern über den, sonst wächst dem Mädchen der
den K.ern verpflichtet uns auch, die dem Bart statt dem Jungen 65 ). Haucht der
Sicht old-Stäubli, Aberglaube IV 42
1315
Kind
I3I 6
Vater beim ersten Anblick dem Kind in nähme in die Haus- und Kultgemeinschaft
den Mund, bewahrt er es vor Zahn- gleichkommt, denn wir wissen, welche
schmerzen 66 ). Nach altem Rechtssatz religiös und gesellschaftlich bindende Wir-
muß das K. erst ,,die vier Wände be- kung der gemeinsamen Teilnahme an
schrien haben“ 67 ), wozu es die Hebamme Speise und Trank zuerkannt wurde,
mit einem Schlag bisweilen anregt, damit So mag auch dem zur Verdünnung des
es sich durchs Leben schreit 68 ). ,,Kindspechs“ eingegebenen „Kinds-
Alle Stufen der Pflege des Neugebore- säftlein“ oder „Kindstränkli“ 87 )
nen 69 ) begleitet der Aberglaube. über die Bedeutung eines abführenden
Von Wichtigkeit ist vor allem das Bad Mittels hinaus symbolische Bedeutung
(s. d.) 70 ), zunächst eine natürliche hy- der ersten Teilnahme an gemeinsamer
gienische Maßnahme 71 ), die m. E. nir- Speise (man nimmt dafür auch Syrup,
gends im Volksglauben als alte rituelle Eigelb u. a.) 88 ) zugekommen sein 89 ).
Reinigung 72 ) oder Befreiung von Das Verbot jeder Nahrungsauf¬
bösem Zauber 73 ) eindeutig in Er- nähme vor der Taufe (das K. wird sonst
scheinung tritt 74 ). Die Vorstellung von ein Nimmersatt 90 )), könnte schließlich
der Unreinheit von Mutter und auch hiermit Zusammenhängen. Ferner ist
Kind ist historisch nicht als germanisch das erste Einwickeln, vor kurzem
nachzuweisen und an sich unwahr- bei uns noch zumeist aus Angst, das K.
scheinlich für die der Bekehrung voraus- könne schief werden 91 ), zu der schäd-
gehende Heidenzeit. Die heidnische liehen Torheit völlig luftdichter Ein-
Wasserweihe macht nirgends den Ein- schnürung führend 92 ), von Bedeutung 93 ),
druck einer Lustration (s. Taufe). Wasser Nach ostpreußischem und baltischem
und Feuer (auch mit Feuer wird das K. Aberglauben muß das K. in das Hemd
in Berührung gebracht 75 )) haben noch des Vaters (nie das der Mutter) gewickelt
andere Bedeutung für das religiöse Er- werden 94 ), oder je nach Geschlecht in
lebnis als die des Reinigungsmittels. ein Mannes- oder Frauenhemd 95 ), ander-
Der christlichen Meinung liegt dann der weitig auch in das Tischtuch 96 ). In Pelz
Gedanke nahe, daß das tägliche Säuglings- I wickelte man es ein, damit es krause
bad „die Erbsünde abwasChen“ helfe 76 ). Haare bekam 97 ). An die Windeln 98 )
Auch die Temperatur des Wassers ist von zumal hat sich viel Aberglaube geknüpft
Bedeutung 77 ), ebenso die ins Wasser (Auch der Sage sind Windeln waschende
gegebenen Zutaten, die, wie der Wein im Spukerscheinungen bekannt ")). Die
alten Rom und Sparta 78 ), die Lebenskraft erste soll grob sein, damit das K. nicht
erproben, — oder, wie das Salz, wohl hochmütig werde 10 °); bisweüen nimmt
desinfizierend wirken sollen (vgl. das Ein- man das Brautband der Mutter dazu,
reiben mit Salz 79 ), mit öl 80 )) oder sonst oder sonst bedeutsamen Stoff 101 ); alte
volksmedizinische Bedeutung haben wie Windeln (oder Schürze) 102 ) soll man
der Zusatz von geweihtem Johanniskraut nicht nehmen, sonst wird das K. ein
(Oberpfalz 81 )), von Weidenrinde 82 ), von Dieb 103 ).
Müch und Wein zur Erlangung schöner Man soll die verbrauchten Windeln
Farbe 83 ). Aber auch Geld wird ins erste verbrennen 104 ), sie nicht unter die
Bad geworfen M ) u. a. m. Bank 105 ) oder auf die Stubendiele werfen.
Ähnlich wichtig wie das erste Bad ist sonst wird das K. arm 106 ); man soll sie
die erste Nahrungsaufnahme, einst in fließendem Wasser waschen 107 ), man
bei der rechtlichen Bewertung der K.es- soll sie nicht zur Erde fallen lassen (sonst
aussetzung neben Wasserweihe und Na- verliert das K. den Schlaf 108 )); man darf
mengabe von großer Wichtigkeit 85 ). Auch sie nicht am Staket hängen lassen (K.
für Germanien könnte wahrscheinlich wird unartig) 109 ), sie überhaupt (wie all¬
gemacht werden, daß das rituelle Ein- gemein die K.swäsche) nicht ins Freie,
geben einer bestimmten ersten Nahrung in die Sonne (so ans offene Fenster) 110 )
(wie Milch und Honig) 86 ) einer Auf- hängen (bes. vor der Taufe) m ), vor
Kind
1317
allem sie aber nicht abends nach Gebet- ziehen sich zunächst unmittelbar auf
läuten im Freien lassen, sonst wird das das Neugeborene. Aber auch weiter-
K. furchtsam 112 ), nachtblind 113 ), be- hin begleitet der Aberglaube die K.es-
hext 114 ), oder liederlich 115 ), verdaut die fürsorge. Die erste K.erkleidung muß
Milch nicht 116 ), verliert den Schlaf 117 ), beizeiten gerichtet werden, sonst wird das
wird mondsüchtig 118 ), oder bekommt das K. langsam und untätig 144 ). Vom
„Nachtweinen“ 119 ). Läßt man sie im Macherlohn darf man dabei nichts ab-
Sturm hängen, bekommt das K. Blähungs- ziehen oder abhandeln 145 ); andernorts
beschwerden 120 ), läßt man sie gefrieren, darf das Kleid nicht neu sein, sonst zer-
ist das K. „bös zu haben“ 121 ), ver- reißt das K. später zu viel 146 ), und man
schenkt man K.Wäsche, wird das K. soll dem K. überhaupt kein Kleid an¬
krank 122 ). messen 147 ). In Mecklenburg soll dieHeb-
Hier sei noch eine Reihe ande- amme in die Mütze des K.es blasen
rer, abergläubisch beachteter (sym- und sie stets aufhängen 148 ). Vielfach
pathetischer) Handlungen mit dem soll man das K. nicht wägen und mes-
Neugeborenen angeführt: Der, schon sen (sonst wächst es nicht mehr usw.) 149 ),
antik bezeugte Brauch, das K. an den zumal nicht von 2 Personen oder bei ab-
Füßen hochzuheben, erhält die Be- nehmendem Monde wägen lassen 150 ), das
grün düng, man müsse den Verstand Bade wasser nicht unnötig sieden lassen
schütteln 123 ). Die Hände taucht man in (K.: Ausschlag) 151 ), Speise nicht vor¬
kaltes Wasser, dann frieren sie später kauen (K.: Mundgeruch) 152 ), den Arzt
nicht 124 ). Man bläst den Brei nicht an, nicht unbezahlt lassen 153 ), die Flasche
dann verbrennt es sich später nie 125 ), nicht ganz austrinken lassen 154 ); Haare
Man legt das K. rechtsseitig, damit es nicht bei abnehmendem Monde 155 ) und
nicht linkisch werde 126 ), hoch, damit es nicht durch Schwangere 156 ) schneiden
hoch zu Ehren komme 127 ) oder schwin- lassen, den K.erwagen nicht leer fah-
delfrei werde 128 ), auf den Kalender, da- ren 157 ), das (Wochen-)Bett nicht ver-
mit es ein kluges K. 129 ), hinter oder un- rücken 158 ), (vor der Taufe) nicht spinnen,
ter den Ofen, damit es ein ruhiges K. mangeln, drehen, sonst wird das K. un-
werde 130 ). Man legt das Mädchen auf ruhig im Leben 159 ), nicht ihm zu Häup-
einen Spinnrocken, den Knaben auf ein ten stehen 160 ), sonst lernt es schielen, es
Netz 131 ) oder in einen Komscheffel 132 ), nicht vom Mond bescheinen lassen, sonst
damit er ^in tüchtiger Fischer oder Bauer wird es mondsüchtig 161 ).
werde, oder setzt ihn aufs Pferd 133 ) Man soll das K. nicht in undichtem
(verschiedene Bedeutung, s. u. 3) und Gefäß baden, sonst wird es nicht sau-
das Mädchen vors Butterfaß 134 ). ber 162 ), nie an einem Fuß unbekleidet las-
Man gibt dem K. Geschriebenes in die sen, sonst kommt es nie zu Brot 163 ) das
Hand, Buch unters Kissen, damit es klug Mehl nicht im Tuch lassen, sonst lernt
wird 135 ), gut lernt 136 ), hartes Brot, damit es nicht sprechen 164 ) den Staub nicht
es kein Leckermaul wird 137 ), dem Kna- unter der Wiege wegkehren, sonst geht
ben ein Schwert in die Hand 138 ), oder ihm der Segen der Kirche verloren 165 ),
das Werkzeug des Vaters, oder die Peit- u. a. m. Damit das K. gefügig wird,
sehe 139 ), dem Mädchen Strickzeug, muß man es früh ans Bücken gewöh-
Kochlöffel, Nähnadel, und läßt es zeitig nen 166 ), damit es stark wird, ihm eine
nähen 140 ). Dieser sinnvolle Brauch der abgeschlagene Brotrinde oder Speise durch
Beigaben, der überall, z. B. im Alt in- eine Wolfsgurgel geben 167 ), oder mit be-
dischen 141 ) oder bei Indianerstämmen sonders zugerichtetem Wasser baden 168 ),
vorkommt 142 ), mag wohl alt (germa- damit es reinlich wird, es sieben Wochen
nisch) 143 ) sein, nicht aber die Beigaben alt über ein Gefäß halten 169 ), damit es die
selbst in ihrer scharfen Trennung der Scheu verliert, muß es einem Bettler
Geschlechter. Brot schenken 170 ), damit es sich an die
c) Die bisher behandelten Bräuche be- Fremde gewöhnt, muß man es (in
1319
Kind
1320
Baden) ins Freie tragen m ), damit es
klug wird, gibt man ihm Wein an Sonn-
und Feiertagen 172 ), damit es nie einen
Rausch bekommt, einen in Wein ge¬
tauchten ,,Schnuller** 173 ) u. a. m. Damit
es früh gehen lernt, führt man es an drei
aufeinander folgenden Freitagen oder
Sonntagen beim Glockenläuten „dreimal
unbeschrien unter Nennung der drei
höchsten Namen über ein Stubenbrett
der Länge nach“ 174 ) (oder stellt es auf
die an Fronleichnam im Freien errichteten
Altäre, Pfalz) 175 ). Damit ihm alle Klei¬
der wohl stehen, zieht man ihm sein
„Westerhemd** drei Sonntage nachein¬
ander an 176 ) usw.
Tiefer im Moralischen begründet als
das Angeführte erscheint das Folgende:
Man soll über K.er nicht spotten (wird
dann selbst von den eigenen K.ern ver¬
spottet) 177 ); gegebene Versprechen soll
man ihnen halten (sonst fallen sie
leicht) 178 ); nichts Mögliches, Gutes ihnen
versagen (das K.erherz kann zerbrechen
daran) 179 ); sie beim Essen nicht nur
Zusehen lassen, sondern ihnen von allem
abgeben 180 ), und beim Verteilen keines
übergehen (sonst blutet das K.erherz) 181 );
ihnen nicht beim Singen oder Schreien
auf den Mund schlagen (sonst lernen sie
stottern). Die erste Speise soll die Mutter
singend bereiten, damit das K. selbst
singen wird 182 ).
Bedeutsam wird davor gewarnt, das
K. mit einem Haustier (Katze, Hund)
aufzuziehen (eins davon gedeiht nicht,
hat keine Art 183 ), oder das K. lernt nicht
sprechen) 184 ); desgleichen davor, es mit
einer Rute zu schlagen, mit der ein
Tier geschlagen worden ist 185 ). Vor
allem gilt jede (scherzhafte) Tierbenen¬
nung: Würmchen, Kröte, Krebs, Igel,
und auch Namen wie Jäckel, Ding, viel¬
fach als sehr gefährlich für das Ge¬
deihen 186 ), und hierin scheint eine be¬
deutsame Betonung der Grenze zwischen
Mensch und Tier zu liegen. Altger¬
manische Auffassung sah im Kleinkind,
im Gegensatz zur späteren Auffassung,
wie sie noch Lessing beherrschte, nichts
Tierisches, sondern das volle Menschen¬
tum (Die Geschichte der Pädagogik gibt
über die Rückkehr zu solcher Auffassung
Aufschluß). — Die Katze zumal (als
Hexentier?) darf man nicht mit dem K.
allein lassen: „sie fängt dem K. den Atem
ab" 187 ). Und in Schwaben heißt es, K.er
fürchten sich lebenslang vor dem Tier,
das über sie, ehe man sie taufte, hinweg¬
gesprungen ist 188 ). Eigentümlich sind
die Vorstellungen von einer Gefährdung
des Wachstums durch Handlungen,
die auch sonst (z. B. im Toten- und
Fruchtbarkeitskult) vielfach bedeutsam
sind. So wächst z. B. das K. nicht mehr,
wenn es durchs Fenster steigt 189 ) oder
gehoben wird lö °), über eine halbe Tür
gehoben wird 191 ), wenn jemand über das
K. hinwegschreitet (ohne zurückzuschrei¬
ten) 192 ) oder es zwischen den' Beinen
hindurchlaufen läßt 193 ), den Arm über
dem Kopf des K.es schwenkt, es mit
einer Gerte schlägt, mit dem schon ge¬
brauchten Besen berührt 194 ) oder
schlägt (es wird auch dürr) 195 ). Wichtig
für Entwicklung und Lebensglück ist
besonders der Zeitraum des ersten
Jahres 196 ). K.ern, besonders unter einem
Jahr, darf man Haar und Nägel nicht
schneiden 197 ) (sonst Dieb) l98 ), nichts
am Kleid abschneiden (man schneidet
das Glück ab) 199 ), ihnen nicht die Schup¬
pen vom Kopf waschen (man wäscht den
Verstand ab) 20 °), sie an nichts riechen
lassen 201 ), sie nicht mit Blumen be¬
schenken und bekränzen 202 ), sie nicht
in den Spiegel sehen lassen (werden furcht¬
sam) 203 ), nicht in den Keller tragen
(sonst wachsen sie nicht gut) 204 ), nicht
mit ihnen auf den Boden gehen (sonst
Brandstifter) 205 ), ihnen keine Klappern
schenken 206 ) u. a. m. Das K. unter einem
Jahr darf man nicht schlagen, sonst
wird es halsstarrig, weinerlich 207 ) oder
lernt das Stottern (auch vom Kitzeln) 208 );
es darf nicht in den Regen kommen
(sonst Sommersprossen) 209 ), nicht mit
einem anderen einjährigen K.e spielen
oder sich von ihm küssen lassen 210 )
(sonst stirbt eins, lernt schwer reden
usw.) 211 ). Unter einem Jahr soll viel¬
fach das K. nicht laufen lernen (läuft ins
Unglück, dem Tod entgegen) 212 ); so
stößt man es bei jedem Gehversuch um 213 );
1321
1322
es soll nicht bei der Mutter schlafen 214 ),
nicht in den Mond sehen u. a. m. 215 ).
Schließlich seien nur noch einige Bei¬
spiele 216 ) dafür gegeben, wie zumal die !
Mutter des K.es Schmerzen und Leiden
durch Besprechungen 217 ) und Haus¬
mittel aller Art abergläubisch zu lindem
sucht 218 ), wobei manches Schädliche
zumal auf Kosten der Reinlichkeit ge¬
trieben wird 219 ).
So läßt man kranke K.er mit Geld
spielen 220 ), hütet bei Krämpfen das K.
vor Berührung (das berührte Glied bleibt
steif), oder hängt die Windeln zur Ver¬
treibung der Krankheit unter dem Kreuz
im „Herrgottswinkel** auf 221 ). Die Mutter
legt sich nach altem Aberglauben mit
dem Leib über das kranke K. 222 ), und
vor Zahnweh meinte man es zu schützen,
wenn Vater oder Mutter (je nach Ge¬
schlecht des K.es) die ersten ausfallenden
Zähne verschlucken 223 ). „Einen Codex
der gegen K.erkrankheiten gebräuch¬
lichen Zaubersprüche zusammenzustellen,
würde eine umfängliche und ermüdende
Arbeit sein** 224 ). Zumeist werden sie zu¬
dem unter den Krankheitsnamen er¬
wähnt. Es ist aber gegen Ploß und seine
dankenswerte Zusammenstellung 225 )
zu betonen, daß es immer, auch vor der
Christianisierung, eine Heilkunst gab,
die Krankheitsursachen richtig erkannte.
Wenn im abergläubischen MA. und noch
weit in die Neuzeit hinein „die Krankheit in
den Augen des Volkes einfach die Wirkung
eines bösen Dämons" ist, so ist es durch¬
aus falsch, diesen Aberglauben schlecht¬
hin mit germanischem Heidentum zu ver¬
wechseln, in dem uns die Gestalt des den
Krankheitsdämon austreibenden
Medizinmannes doch eben völlig un¬
bekannt ist. Die Fülle volksmedizinischer
Unsinnigkeiten 226 ) hat sich ebenfalls
nachweisbar erst aus der nahezu sekun¬
där-primitiven Geistesverfassung des
unterdrückten mittelalterlichen Bauern¬
standes entwickelt; ihr entsprach die
große K.er Sterblichkeit 227 ).
Bräuche wie jener, das kranke K. in
die Ackerfurche zu legen, führen weit
ab von dieser Dämonomanie 228 ).
Man muß sich endlich klar darüber sein,
daß die uns eindeutig bezeugte, geistige
und körperliche Erscheinung des heid¬
nisch-germanischen Menschen nicht auf
dem Grunde mittelalterlicher Hexen-
angst erwachsen sein kann, und daß zur
Zeit des Arminius in Deutschland wie
noch zur Zeit des Egill Skallagrimssohn
in Alt-Island die germanische K.erstube
eher ärztlichen als „bösen** Blicken aus¬
gesetzt war.
Das Werk Ploß Kind ist in 2. Aufl. als
„Ploß“, in 3. Aufl. als „Ploß-Renz“ abge¬
kürzt.
1 ) Roch holz Kinderlied 291. 2 ) Dieser na¬
türliche Grund genügt allein als Argument
gegen gelehrte Fehlurteile über „geringe Be¬
wertung des K.es“ in alter Zeit (s. u. Kinder¬
segen). 3 ) Grimm Myth. 3, 419 Nr. 63. 4 ) ZföVk.
6,119. 5 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 180; Herzog
Schweizersagen 1, 6. 6 ) Wuttke § 405; Fogel
Pennsylvania 49. 7 ) Höhn Gehurt 261. 8 ) Ploß
1, 49. 9 ) Ebd.; Meyer Baden 18 f.; Jensen
Nordfries. Inseln 217 u. a. 10 ) ZfrwVk. 1908,
241; Knoop Hinterpommern 157; Birlinger
Aus Schwaben i, 396; Reiser Allgäu 2, 231.
n ) Bartsch Mecklenburg 2, 54; Fogel Penn¬
sylvania 33 f. u. a. 12 ) Köhler Voigtland 397;
John Erzgebirge 49. 13 ) Drechsler 1, 216.
u ) ZfVk. 11, 446. 15 ) Knoop Hinterpommern
163; Drechsler 1, 184. 16 ) ZfVk. 11, 446;
23. 278; John Erzgebirge 49; SAVk. 1917. 34 -
17 ) ZfVk. 23, 278; Fogel Pennsylvania 44.
i») Urquell 6, 180; SAVk. 8, 271. 19 ) ZfVk. 23,
278. 20 ) Höhn Volksheilkunde 1, 126. 21 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 2, 102; Taubmann
Nordböhmen 54. 22 )Rochholz Kinderlied 337.
23 ) Fogel Pennsylvania 41. 24 ) Ebd. 49; Bir¬
linger Aus Schwaben 2, 240; Steiger Fröm¬
migkeit 1, 61 ff. 25 ) And ree Braunschweig 293;
Wuttke § 316. 2Ö ) Strackerjan 2, 204.
27 ) Fogel Pennsylvania 56; Hillner Sieben¬
bürgen 52; ZfrwVk. 1913. 167. 256;
Wolf Beiträge 1, 206. 249; Birlinger Aus
Schwaben 2, 242. 392; Höhn Tod 313; Knoop
Hinterpommern 157; Urquell 4, 118; Drechsler
1, 295; Lammert 118; Bartsch Mecklenburg
2, 54. 28 ) Höhn Tod 313; John Westböhmen
109. 29 ) Knoop Hinterpommern 157. 30 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 396. 31 ) Liebrecht
Zur Volksk. 326. 32 ) Bartsch Mecklenburg 2,
54; de Cock Volksgeloof 1, 231 f.; Andree
Braunschweig 293; ZföVk. 3, 10. 33 ) Urquell 3,
39. 34 ) Andree Braunschweig 293. 35 ) Urquell
1, 165. 36 ) ZfVk. 24, 57. 37 ) Reiser Allgäu 2,
233. 38 ) Grohmann 112. 39 ) Wuttke § 316.
40 ) Wuttke §607; de Cock Volksgeloof 1,167ff.;
Schmitt Hetlingen 17; ZföVk. 4, 213; Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 409; ZfrwVk. 1
(1904), 65; vgl. Sprichwort: „Mädchen, die
pfeifen und Hühnern die krähn, denen muß
man bei Zeiten den Hals umdrehn“. 41 ) Vgl.
Fogel Pennsylvania 42; Schmitt Hettingen 14.
1323
Kind
1324
4Z ) Drechsler 1, 217; Wuttke § 316; Knoop
Hinterpommern 157. 4S ) PIoß-Renz 1, 68.
44 ) Rochholz Kinderlied 297. 45 ) Birlinger
Aus Schwaben 1, 394. 46 ) Dieterich Mutter
Erde. 47 ) ZfVk. 16, 465 (Samter). 48 ) Wein-
hold Frauen 1, 78 ff.; Hoops Reall. 3, 311 ff.;
vgl. Stern Türkei 2, 332 ff. 49 ) ZfVk. 20, 142.
*°) Diese Bräuche beschränken sich nicht auf
das Kind; vgl. Fehrle s. o. 2, 998. 61 ) Vgl.
Samter Geburt 1 ff.; Dieterich Mutter Erde
6ff.; ders. Kl. Schriften 312 f.; Wilutzky
Recht 2, 11; Heckenbach De nuditate 47;
Gennep Rites de passage 74 f. ö2 ) Grohmann
106. 5S ) Wittstock Siebenbürgen 78; Frazer
2, 232. M ) Samter Familienfeste ; Münch. Allg.
Ztg. 1903, Nr. 116; vgl. ZfVk. 2i, 410. M ) Ver-
naleken Alpensagen 395; Mannhardt Germ.
Myth. 312 f. 66 ) Hoffmann-Krayer 24;
Boeder Ehrten 49; Kuhn u. Schwartz 430;
Seefried-Gulgowski 121 f.; Mannhardt
Germ. Myth. 635; Kuhn Mark. Sagen 364;
Grimm Myth. 3, 440. 67 ) SAVk. 21 (1917), 179.
M ) Grohmann 107. 69 ) Grohmann 107.
®°) Boeder Ehsten 49. 81 ) ZfVk. 4, 46 f. 62 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 393. 83 ) ZfdMyth. 3,
316; Grimm Myth. 3, 438. 84 ) Grüner Eger-
land 36; Kondziella Volksepos 86. 85 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 42. 68 ) Kohlrusch Sagen 339.
* 7 ) Grimm RA. 1, 106 f.; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 170. 68 ) Meyer Baden 17. 89 ) Außer
Ploß-Renz vgl. bes. bzgl. K.espflege Wos-
sidlo Mecklenburg 3. Bd.; ZfEthn. 15, 191
(Kulischer Primitive ); ebd. 32, 79 ff.
(Bartels Island)’, Urquell 5, 179 t. u. 6, 23 t.
(Haas Pommern ); Urquell N. F. i f 8 f. 82 t.;
2, 251 ff.; Globus 38, 252 ff. 2690.; Bulletin
de Folklore 2, 82 ff. 140 ff. 70 ) Ploß-Renz 2,
29 f.; Sartori 1, 24. 71 ) Über Völker, die auf
das Baden des K.es verzichten vgl. Ploß 2, 10.
72 ) Vgl. Rohde Psyche 2, 72. 73 ) Sartori 1, 24.
74 ) Vgl. etwa Jensen Nordfries. Inseln 220
(Waschen in heiliger Quelle); Rosegger Steier¬
mark 114; Meyer Baden 16. 75 ) Berthold
Unverwundbarkeit 39; Sartori I, 24. 76 ) Grü¬
ner Egerland 39. 77 ) Gaßner Mettersdorf 13;
Fogel Pennsylvania 56; Ploß 2, 11; vgl.
Galen De sanitate tuenda lib. 1, c. 10: ,,Die
Germanen haben eine gänzlich zu mißbilligende
Kindespflege. Wie könnte es einem, der bei
uns lebt, einfallen, ein eben geborenes, vom
Uterus noch heißes Kind an einen Fluß zu
tragen, in kaltes Wasser zu tauchen, in Lebens¬
gefahr zu bringen und gleichzeitig kräftigen
zu wollen“? Uber das Kaltbaden des Neu¬
geborenen bei Naturvölkern und die Emp¬
fehlung dieser Abhärtungsmaßnahme durch
Rousseau, Locke u. a., vgl. Ploß 2, 10 f.
Es besteht aber im Hinblick auf die Bade¬
stuben Alt-Islands kein Grund, anzunehmen,
daß das im MA. vielfach als ,,Wollust des
Leibes“ mißverstandene Warmbad (s. Walther
Hermann Ryffs Badenfahrt) im alten, der
Körperkultur stärker zugewandten Germanien
unbekannt gewesen sei, wie Ploß 2,23, meint.
78 ) ZfVk. 4, 138. 79 ) Hesekiel 16, 4; Ploß 2,
16 ff. 80 ) ZfrwVk. 1913, 62. 81 ) Bavaria 2
(1)» 337 * 82 ) Ploß 2, 25. M ) Wettstein Di-
sentis 172. 84 ) Kuhn Märk. Sagen 364. 85 ) Ploß-
Renz 1, 179. 86 ) Kuhn Märkische Sagen
3^31 vgl. bes. Hovorka-Kronfeld 1, 373.
87 ) Vgl. Ploß 2, 239. 88 ) Rochholz Kinderlied
282 ff. 89 ) Mannhardt Germ. Mythen 311
Anm. 2. 90 ) ZföVk. 4, 151. 91 ) Gold¬
schmidt Volksmedizin 140. ® 2 ) „Kaum in
irgend einem Lande wird das K. so unzweck¬
mäßig eingehüllt, als noch jetzt bei uns in
Deutschland“; Ploß 2, 38. 93 ) Vgl. u. a.
Kondziella Volksepos 87 f. M ) MschlesVk.
17, 39; SchwVk. 9, 42; Ploß 2, 40. 95 ) Drechs¬
ler 1, 185: um später Glück beim anderen
Geschlecht zu haben. 96 ) Grimm Myth. 3, 460
Nr* 743. 97 ) Ebd. 3, 460 Nr. 734. 98 ) Vgl.
Windeln Jesu als Reliquie; vom Papst gesegnete
Windeln des spanischen Prinzen Scheible
Kloster 6, 39. 99 ) Meier Schwaben 1, 270;
Rochholz Sagen 1, 259. 10 °) Höhn Geburt 260.
101 ) Kuhn Märk. Sagen 364. 102 ) Ebd.; Hillner
Siebenbürgen 1 1; Mädchen in Schürze wickeln:
Seefried-Gulgowski 121. 103 ) Fogel Penn¬
sylvania 41, 53. 104 ) Ebd. 41. 105 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 181. 108 ) John Erzgebirge 57.
107 ) Rochholz Kinderlied 288. 108 ) Urquell 4,
171. 109 ) John Erzgebirge 57. u°) Meyer
Baden 36. m ) Wuttke § 578; SAVk. 24,
61; ZfVk. 4, 142; Rochholz Kinderlied 288;
Drechsler 2, 5!.; Bartsch Mecklenburg 2,
52; Fischer Oststeirisches 115; Manz Sargans
113; Heyl Tirol 167; Stern Türkei 2, 416;
billot Folk-Lore 4, 462 (Reg.). 112 ) ZfVk.
9 » 443 * 11S ) John Erzgebirge 56. 114 ) Lammert
174. 116 ) Schulenburg 107. 118 ) Rochholz
Kinderlied 288. 117 ) Urquell 4, 170. 118 ) Roseg¬
ger Steiermark 63. 119 ) Schramek Böhmer -
wald 256 (Wenn man sie bei Dämmerung
wäscht); Ploß 2, 40. 12 °) John Erzgebirge 57.
121 ) Reiser Allgäu 2, 232. 122 ) Ebd. 2, 228.
! 123 ) Boeder Ehsten 54. 124 ) Knoop Hinter -
| pommern 155; Urquell 5, 278; vgl. Schulen¬
burg 108. 126 ) Grimm Myth. 3, 435. 126 ) Grimm
Myth. 3, 439. 127 ) Wuttke § 596. 128 ) SAVk. 2,
262. 129 ) Reiser Allgäu 2, 230. 13 °) Knoop
j Hinterpommern 155; Baum garten Aus der
Heimat 3, 9. 1S1 ) Urquell 1, 133. 132 ) ZfVk. 1,
184; Mannhardt Forschungen 366 f. 133 )Wutt¬
ke § 549 u. a. 134 ) Ploß 1, 74; Kuhn Märk.
Sagen 364. 135 ) Strackerjan 1, 114. 138 ) Meyer
Baden 17. 137 ) SAVk. 8, 267. 138 ) Rockenphilo¬
sophie, Grimm Myth. 3, 438. 139 ) ZfVk. 13,
384; Urquell 1, 133; 5, 278; Meyer Baden 17.
14 °) Meyer Baden 17; Bohnenberger 18;
Höhn Geburt 261. 141 ) Stein, Axt, Gold-Festig¬
keit, Schneid, Reichtum, — Meyer Baden 17.
142 ) Bogen u. Pfeil, vgl. allgemein Ploß 1, 66 ff.
145 ) Meyer Baden 17. 144 ) Höhn Geburt 257.
146 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 262. 148 ) Kuhn
Märk. Sagen 364; Hillner Siebenbürgen 11.
147 ) Grimm Myth. 3, 454. 148 ) Ploß 2, 40.
U9 ) ZfVk. 13, 357 (Steiermark); Fogel Penn¬
sylvania 52; Schönwerth Oberpfalz 1, 179;
Heyl Tirol 803. 15 °) Grimm Myth. 3, 443
Kind
1326
1325
Nr. 267; Hillner Siebenbürgen 52; Drechsler
1, 209; Prätor. Phil. 4; John Erzgebirge 249.
151 ) Fischer Oststeirisches 115. 152 ) ZfVk. 4,
214. lM ) Fogel Pennsylvania 47. 154 ) Ebd. 53.
1W ) Meyer Baden 50. 158 ) Fogel Pennsylvania
43. 157 ) John Erzgebirge 55. 158 ) Wuttke §580;
Köhler Voigtland 436. 159 ) Urquell 1, 151.
16 °) Andre e Braunschweig 293; Alemannia
33, 304; Urquell 6 (1895), 173. 181 ) Grimm
Myth. 3, 473 Nr. 1034; Drechsler 1, 188.
18a ) Wettstein Disentis 172. 183 ) Wuttke
§ 606. 184 ) Grohmann 145. 165 ) Drechsler
1, 188. 186 ) ZfVk. 11, 446. 187 ) Urquell 6, 180;
SchwVk. 10, 34. 188 ) John Westböhmen 109.
169 ) Höhn Geburt 277. 17 °) Ebd. 277. 171 ) Meyer
Baden 50. 172 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 241.
173 ) Meyer Baden 30. 174 ) Höhn Geburt 278;
ähnlich Alemannia 27, 229. 175 ) Höhn Geburt
278. 17fl ) Männling Albertäten 183; Rochholz
Kinderlied 295. 177 ) John Erzgebirge 38.
178 ) Grimm Myth. 3, 454. 179 ) Rochholz
Kinderlied 320. 18 °) Fogel Pennsylvania 45;
ZfVk. 11, 446. m ) Wuttke § 607. 182 ) Kohl¬
rusch Sagen 340. 183 ) Kuhn Märk. Sagen 377;
Kuhn und Schwartz 432; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 55; ZfVk. 1, 184; Knoop Hinter-
pommerni$6. 184 ) Strackerjan 1, 55. 185 ) ZfVk.
* 3 » 385. 186 ) Praetorius Phil. 101; Rocken¬
philosophie IV, c. 11 (S. 281 ff.); Urquell 6,
181 (Pommern); Grimm Myth. 3, 435. 444;
Fogel Pennsylvania 48; Seyfarth Sachsen 47;
Schmitt Hettingen 14. 187 ) Andree Braun¬
schweig 293. 188 ) Birlinger Aus Schwaben 2,
240. :89 ) SchwVk. 4, 42 (,,es wird ein Dieb“);
Schmitt Hettingen 14. 19 °) ZfVk. 23, 278;
Grimm Myth. 3, 445. 191 ) ZfVk. 23, 278.
192 ) ZfVk. 13, 356; John Erzgebirge 56; Bir¬
linger Aus Schwaben 240. 193 ) ZfVk. 13, 356.
194 ) Ebd. 195 ) John Erzgebirge 56; John West¬
böhmen 109; Grimm Myth. 3, 475. 198 ) Vgl.
Bohnenberger 17; Schmitt Hettingen 14
u. a. 197 ) Dähnhardt Volkstümliches 2, 89.
198 ) Pollinger Landshut 243. 199 ) Wuttke § 604
20 °) Schramek Böhmerwald 181. 201 ) Fogel
Pennsylvania 38; Grimm Myth. 3, 443 Nr. 277;
Praetorius Phil. 16. 202 ) ZfVk. 9, 443;
Drechsler 1, 295. 203 ) ZfVk. 9, 443; Dirksen
Meiderich 48; Höhn Geburt 277. 204 ) ZfrwVk.
1907, 115. 205 ) J ohnErzgebirge 56. 206 )Grimm
Myth. 3, 435 Nr. 12. 207 ) Höhn Geburt 277.
208 ) Fogel Pennsylvania 42, 43; Rochholz
Kinderlied 318. 209 ) ZfVk. 6, 255; Fogel Penn¬
sylvania 45. 21 °) Köhler Voigtland 425; Wutt¬
ke § 604. 2U ) Grimm Myth. 3, 463 Nr. 831;
John Westböhmen 109; ZfVk. 13, 350 (Gegen¬
mittel). 212 ) John Westböhmen 109; Wuttke
§ 316. 21S ) John Erzgebirge 56. 214 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 68. 215 ) ZföVk. 5, 137.
218 ) Mit Rücksicht auf die ausführliche Be¬
handlung der „sympathetischen“ Behandlung
des kranken K.es durch Ploß 2, 210 ff.;
Ploß-Renz i, 5150. 2l7 ) Wossidlo Mecklen¬
burg 103 ff. 218 ) Meyer Baden 36ff.; Kück
Lüneburger Heide 8f.; John Erzgebirge 53 f.;
ZfrwVk. 1914, 172; Reiser Allgäu 2, 231.
219 ) Meyer Baden 44. 22 °) Wuttke § 318*
221 ) Meyer Baden 37. 222 ) MschlesVk. 1915,
17, 31. 22S ) Grimm Myth. 3, 451 Nr. 505;
über das Zahnen und den betr. Aberglauben
vgl. Ploß 2, 224 ff. 224 ) Ploß 2, 216: in
der Anm. ausführliche Lit.-Angabe. 226 ) Ploß
2, 210ff.; Ploß-Renz 516. 226 ) Ploß 2,217s.
227 ) Ein Vergleich zwischen den Islandsagas
und der Sturlungasaga erweist für Altisland
wachsende K.ersterblichkeit bei gleichzeitigem
Verfall der alten Eheordnung in den ersten
christlichen Jahrhunderten. 228 ) Vgl. Mann-
hardt {Kind und Korn) Forschungen 350!.
370 f -
2. Die so vielfältig bezeugte abergläu¬
bisch betonte Sorge um dasK. steigert
sich vielfach auch bei uns, wie fast über¬
all in der Welt 228a ), zur bewußten Angst
vor ,,neidischen Mächten", vor
k.raubenden und k.vertauschenden
Dämonen, vor Verwünschen, Be-
schreien und ,,bösem Blick". Im
Lande des Hexenhammers ist es heute
nicht mehr möglich, jene „Seuche" des
Hexenwahns, „die seit Innocenz VIII.
ihren verheerenden Gang durch Europa
nahm" 229 ), in das uns nun gut bekannte
altgermanische Leben zurückzuprojizie¬
ren, denn sie beruht in der Tat „auf
Gründen, die mit dem problematischen
Zauberglauben der germanischen Urzeit
nur sehr wenig gemein haben" 230 ). Ein¬
tönig überzieht der Aberglauben des
Mittelalters unter der Herrschaft des
christlichen Teufelsglaubens alle Völ¬
ker ohne Unterschied; die Dämonen¬
lehre — von den Kirchenvätern in die
Doktrin der Kirche aufgenommen —
gab den Nährboden für diesen Hexen¬
spuk, der sich trotz Karls Verbot und
Agobards Leugnung der „dämonischen"
Krankheiten verbreitete, und nicht nur
(neben Erwachsenen) unschuldige K.er
wegen Zauberei verbrannte 231 ), sondern
wohl auch durch Lähmung jeder
natürlichen Heilbehandlung und
Naturerkenntnis mehr Opfer des
Wahns in K.bett und K.erstube forderte,
als jemals bei einem gesunden, „primär¬
primitiven" Volk. Die im Vergleich zu
primitiven Völkern so großen Ausmaße
dieses Wahns bei „Kulturvölkern" er¬
weisen auch alle „natürlichen" Ent¬
stehungsursachen als unzulänglich („C r e -
tinismus, als Ursache der Wechselbalg-
Kind
1328
1329
Kind
1330
I327
Vorstellung 232 ); die für hypnotische Ein¬
wirkung empfängliche Natur des ner¬
vösen K.es 233 ); Säuglingssterblich¬
keit 234 ) u. a.). Dieser Wahn ist nicht
„natürlicher“ Herkunft, sondern hat un¬
sere Zonen von außen her überfallen,
und jeder Hexenprozeß hat ihn geschürt.
„Deutschland weist den Vorwurf, die
Mutter dieser Geistesverwirrungen zu
sein, mit gerechtem Unwillen von sich
ab“ (Bauer) 235 ); „die Blume aller pfäffi-
schen Mißbildungen“ 236 ) hat, trotz Grimm
und Wuttke, Mogk und Noreen, keine
altgermanische Heimat; „der im Hexen¬
hammer symbolisierte Hexenglaube“
konnte „dem Widerstreben der Völker
gegenüber sich überall nur allmählich
Raum schaffen“ 237 ); „die Inquisitoren
und die Richter mit der Folter torquierten
einen überall gleichmäßigen Glauben an
die Wirklichkeit dieser Dinge in die
Völker hinein“ 238 ), und diese hielten ihn
dann sehr lange fest. Sein ständiges
Anwachsen verfolgen wir in der Mis¬
sionszeit, und nur dafür liefert das alt¬
nordische Schrifttum den Beweis 239 ).
Dies muß betont werden, weil gerade
der auf das K. bezügliche Aberglaube
diese Auffassung klar bestätigt. Die Für¬
sorge zeigt sich zunächst durchaus
positiv, als Rest religiös gebundenen
Dienstes am Leben; durchaus in zweiter
Linie steht der Abwehrkampf gegen
Dämonen, der in einer dunklen Zeit¬
spanne unserer Geschichte in den Vorder¬
grund gedrängt worden ist und der sich zu¬
meist (im Widerspruch stehend zum Glau¬
ben an die im K.e wirkende Segensmacht)
auf den im Sinne der Kirche von dieser
Angst verkürzten Lebensabschnitt
zwischen Geburt und Taufe be¬
schränkt. Nur das ungetaufte K., das
dann im Tode friedlos ist (s. u.), wird
den uns fremden Begriffen der Unrein¬
heit 240 ), wie sie zumal die Wöchnerin
umgeben, unterstellt, und erscheint erst
von hier aus besonders gefährdet
durch alle die unreinen Geister, die
eben nur dem „faustischen“ Menschen
bedeutsam werden konnten.
a) In dieser Einschränkung können
also nach dem Volksglauben die K.er
vertauscht und geraubt, verhext
und beschrien und vom bösen Blick
getroffen werden 241 ). Die Hexen
können das K. des Verstands berauben 242 ),
es blödsinnig und tölpelhaft machen, es
im Zahnen hindern und lähmen, ihm das
Herz herausnehmen 243 ) u. a. m.
Wenn neben Hexen und Teufeln über¬
all Zwerge, „Unterirdische“, Wald- und
Wassergeister, Alpe und Druden, Elben
und Feen, und allgemein alte, wunder¬
liche, wilde, weiße oder verwunschene
Frauen erscheinen M4 ), so ist das der
religionsgeschichtlich klare Vorgang der
Verklärung und Verflüchtigung einer
Zwangsvorstellung in die Bezirke des
Märchens und der Sage. Um alte Be¬
lege hierfür steht es schlecht, wo nicht
die „Interpretatio christiana“ 245 ) einer
verteufelten heidnischen Gottheit die
Rolle eines K.erdämons aus römischem
Aberglauben übertrug 246 ).
Der Wechselbalg-Glaube hat nir¬
gends in der fast „kinderlosen“ Welt
germanischer Riesen und Zwerge seine
Wurzeln, und findet sich nur dort, wo
der Teufel schon seine Brut gezeugt hat,
die dem „sündigen“ Menschlichen immer
zum Verwechseln ähnlich ist. Der ger¬
manische Mythos und Glaube hält das
Böse in der Gestalt des „Ungeheuren“
und,,Unheimlichen“ noch stärker außer¬
halb des Menschentums (Wolf). Wenn
Luther an Wechselbälge glaubte, und
sie zu „ersäufen“ riet, erwachte nicht
„heidnische Härte“ in ihm 247 ), sondern
er zeigte sich als K. seiner Zeit. Incubus
und Succubus gingen durchs Land.
Das Böse war fruchtbarer als das
Gute in einer Zeit, in der Ehe und Zeu¬
gung ihre Heiligkeit gegen Cölibatsgesetze
verteidigen mußten. So kam das unge¬
taufte K. in die Gefahr, vertauscht zu
werden 248 ), z. B. wenn man es ungesegnet
niederlegte 249 ).
Vielfach erkennt man den Wechsel¬
balg bald an Mißgestalt und Beneh¬
men, so im schwedischen Dal-Elf-Gebiet
daran, daß er bei der Taufe nicht schreit 250 )
(vgl. im übrigen Wechselbalg); ähnlich
erkennt man überhaupt das verzau¬
berte oder behexte K. am Nicht-
■v
'i
M
gedeihen 251 ), am vielen Weinen 252 ), am
frühen Tod 253 ).
Zur Gefahr des K.ertausches tritt
die des K.erraubes 254 ) und setzt das
dämonische Verlangen nach dem Mensch¬
lichen voraus, das besonders das schwache
und ungeschützte K. sich erwählt.
Unter den Geistern und Unholden
(vgl. die jüdische „Lilith“, s.d.) zeigen sich
neben der kinderraubenden und kinder¬
fressenden Hexe und „bösen Frau“ 255 )
und dem Teufel 258 ), der etwa als Frem¬
der, als schöner Herr auftritt 257 ), Ge¬
stalten wie der Wassermann, der das
K. wiegen will, und, wenn man es ver¬
wehrt, sich rächt 258 ), der Nicker und
die Nixen 259 ), Zwerge 260 ) und Ko¬
bolde 281 ), Nachtgespenster, Schreck¬
gestalten und Unholde 262 ), Wald-
und Berggeister aller Art 263 ), auch der
wilde oder schwarze Jäger 264 ) und be¬
sonders die Elben 265 ), Salige 266 ), Rog¬
genmuhme 267 ), Fengsweibeln 268 ),
wildeFrauen 269 ) und weißeFrauen 270 ).
Unter den dämonischen Tieren (vgl.
die im K.erschreck genannten, nach Abend¬
läuten auf der Gasse herumlaufende K.er
holenden Untiere, Nachttiere, Dorfpudel
usw.) seien Nachtrabe 271 ) und
Habergeiß 272 ) genannt. K.erraub
durch Menschen und durch Zauber
(Angst vor Zigeunern 273 ), Rattenfänger
von Hameln 274 ) u. a.) wird hier über¬
gangen. Selbst die Sonne ,,frißt“ K.er,
(wenn man sie unverdeckt zur Kirche
trägt) 275 ), der Mondmann kann sie
stehlen 276 ) u. a. m.
Viele Sagen berichten, daß das K. „vom
Teufel besessen“ ist und deshalb
lärmt, am 1. Tage schon spricht u. a.
m. 277 ), oder der Teufel erscheint selbst
in Gestalt eines K.es von einer Hexe
einem Mädchen eingegeben 278 ). Die
nahe Beziehung zwischen K. und dä¬
monischer Macht auf der Grundlage
christlicher Sündenlehre zeigt das oft
in der Sage verwandte Motiv von einem
dem Teufel verschriebenen K. 279 ).
Die Verwendung vom kinderraubenden
Dämon als K.erschreck schließt sich
hier an, das Nachttier und seine Varia¬
tionen (zumal in der Schweiz), Nacht-
heuel, Uhu, Gwixi, Dorfpudel oder
„Böhlima“ (Teufel) und „Trubehan-
nes“ 280 ). Wolf und großer Hund, Schorn¬
steinfeger, Jude, Stoffel, Riese, „Mum¬
matsch“ oder auch (im Allgäu) das
Fürggeweible, das „Zillebachweible“ 281 ),
das Weib „mit de lange spillbomene
Täne“ 282 ) u. a. Hettinger K.er, die sich
nicht kämmen lassen, werden von Läusen
an einem aus Haaren geflochtenen Seil
in den „Wildewald“ gezogen 283 ). Schwatz¬
haften K.ern näht die „Teufelsnadel“
(Wasserlibelle) den Mund zu 284 ).
b) Den dämonischen Gefahren, die dem
K. drohen, besonders dem schlafenden 285 ),
unbewachten 286 ), ungetauften oder noch
nicht 6 Wochen alten 287 ), sucht der Aber¬
glaube mit einer Fülle von Schutzma߬
nahmen zu begegnen, die zumal Ploß 288 )
und Renz 289 ) zusammengestellt haben
und die hier nicht aufgeführt werden
können. Frommes Gebet 290 ) und
Spruch 291 ), Beschwörungen aller
Art 292 ), Wachehalten, brennendes
Licht 293 ) oder provisorische Wasser¬
taufe durch die Hebamme 294 ), Ver¬
stecken des K.es vor gefährlichem Be¬
such (alte Frauen) 295 ) hinter dem Vor¬
hang 296 ), Verbergen vor fremden Blik-
ken 297 ), auch durch Vermeiden jedes
Ausgangs 298 ) („über die Dachtraufe
hinaus' 4 ) 2 "); daneben spielen zahlreiche
Amulette 300 ) und Beigaben eine große
Rolle: Salz und Brot hängt man dem K.
um 301 ), legt Salz auf die Zunge 302 ) u.
a. m. Donnerkeile, Stahl und Eisen,
Ringe, Münzen, geweihte Kräuter, Bibel
und Gesangbuch 303 ) legt man in die
oder einen Besen auf oder unter die
Wiege 30€ ); auch Kleidungsstücke :
(des Vaters) Hemd 307 ), der Mutter Sonn¬
tagskleid 308 ). Pentagramm, Kreidestrich,
Sicherung von Tür und Fenster, rotes
Band und Besen fehlen nicht 309 ). Neben
dem Hinweis auf Ploß’s Zusammen¬
fassung sei nur zur Illustration eine
altertümliche Zusammenfassung hierher¬
gestellt: „Das neugebohme Kind turfte
nicht ehenter in die Wiege oder Kriplein
gelegt werden, bis unter dem Bethkiss
ein Feuerstahl und Schlafkaunz von einer
I33i
Kind
J332
Domhecke eingesteckt worden, an Kopf
und Fuß der Wiege aber Druittenfüße
angemahlen und mit Weihwasser ein¬
gesprengt und gesegnet wurde, bey den
Austragen haben sie dem Kind verschie¬
dene Amolets, Freisgroschen, Wurzeln,
Steine, Märzenhasen-Augen und Wolfs¬
zähne angehangen, damit es nur von aller
Hexerey befreyhet, und gegen einen
Wechselbalk nicht möge vertauscht wer¬
den ; wann es nun Abend geworden
und alles zu Bet he gegangen darf ja
nicht vergessen werden, das die Kinds
Mutter den hölzernen Kochlöffel vor die
Thüre und das Schloß steckt, dann
damit ist alles verrigelt, das kein Alb,
kein Druit noch Erdgeist und Hexe hin¬
ein kann“ 310 ).
Besonders beachtlich erscheint die
äußerste Konsequenz des Hexen¬
wahns in den Maßnahmen, ein bereits
vertauschtes oder verzaubertes K. noch
zu retten: In der Lausitz warf man das
als Wechselbalg erkannte K. um und
kehrte es hinaus 311 ), oder man schaffte
sich durch Ruten schlagen 312 ) und andere
Mittel (Drohung, siedendes Wasser, Na¬
mensruf 313 ), Jesus-Ruf 314 )) das rechte
K. zurück, zwang den Teufel oder die
Zwerge, es zurückzubringen 315 ) oder er¬
reichte durch List, daß der Wechselbalg
sprach und damit sich verriet und ver¬
schwand 31 ®). Auch dieser Überblick
zeigt die Fülle des Wahns und seine
Herkunft aus einer künstlich gestei¬
gerten Angst vor dem Bösen. „Die
Taufe gilt überall als das beste Mittel
gegen Behexung“ 317 ).
228a ) Ploß-Renz i, i ff. 229 ) Soldan-Heppe 3
(Vorwort) i, 3. *») Ebd. »i) 22 K.er im Alter
von 7 10 Jahren in einem Winter in Bamberg
Soldan-Heppe 2, 5. 232 ) pi oß 2 x 1I?
283 ) Ploß-Renz 1, 122. * 34 ) Urquell 2, 7.
M6 ) Soldan-Heppe 3 1, 3. 286) Ebd 237) Ebd
1, 266. 238 ) Ebd. 1, 10. 239 ) So, wenn etwa in
die Fylgjenvorstellung der Begriff des Hexen¬
ritts (Helgakviöa HiQrvarzsonar Prosa 30/31)
handgreiflich fremd hineinkommt. * 40 ) Im
Gegensatz zu den alten griechischen Gebeten
und der Auffassung semitischer Völker tritt
z. B. in den Benediktionen unseres MA. dieser
Begriff völlig zurück: Franz Benediktionen 2,
2 i2 2«) Vgl f ür letzteres Sartori 1, 27; ZfVk. 3.
388; Grüner Egerland 36; Mädchen weniger als
Knaben: Seligmann 2, 221. * 42 ) Hartmann
Dachau u. Bruck 200. 243 )Urquell 2,104. 244 )Ploß
2, 1140.; Ploß-Renz 1, iooff. ^Achterberg
Interpretatio christiana. 246 ) Mannhardt Germ.
Myth. 267. M7 ) Meyer Myth. d. Germ. 63.
248 ) Ploß 2 1, 1170. Vgl. Ranke Volkssagen
127; Dähnhardt Volkstümliches 1, 99; Hell-
wig Aberglauben 39; Hillner Siebenbürgen 23;
Strackerjan Oldenburg 2, 203. 249 ) Geiler
Hexenpredigten ElsMonSchr. 1 (1910), 20.
a5 °) Ploß 2 1, 118. 2S1 ) Seligmann 1, 201.
252 ) Frischbier Hexenspr. 8. * 53 ) Höhn
Geburt 263. 254) pi D ß 2 I# mf - Ploß-Renz
1» 95 ff- 255 ) Grimm Myth. 2, 898. 902; Waibel
und Flamm 2, 343; Heyl Tirol 179 f.; Lieb-
recht Gervasius 135. 1370.; Radermacher
Beiträge 93. 258 ) Ranke Volkssagen 261;
Heyl Tirol 799; Bechstein Thüringen 2, 206.
257 ) Kohlrusch Sagen 64. 258 ) Kühnaii
Sagen 2, 323, vgl. 333. 259 ) Ploß 2 i, 115;
Wuttke § 584. 260) Schambach u. Müller
I 3 °- 358 f.; ZfdMyth. 3, 272; Grimm Myth. 1,
387. 261 ) Wuttke § 588. 282 ) Niderberger
Unterwalden 2, 107; 3, 98 f.; Meiche Sagen
126; Mannhardt i, 113. 263 ) Lütolf Sagen
31. 38 f. 465; ZfdMyth. 4, 37 f. 264 ) Urquell 3,
(1892), 254; Ranke Volkssagen 77. 260 ) Meyer
Germ. Myth. 122; Wolf Beiträge 2, 245 f.;
vgl. die Nereiden Schmidt Volksleben n8f.
266 ) Heyl Tirol 167. 403 f. 657. 267 ) Wolf Bei-
träge 2, 246. 268 ) Kühnau Sagen 2, 124. 259 ) Ver-
naleken Alpensagen 225; Mannhardt 1,
611; ders. Germ. Myth. 234; Ranke Volks¬
sagen 180. 27 °) Grimm Myth. 2, 808; Müllen-
hoff Sagen 579. 271 ) Schmitt Hettingen 17.
27Z ) Ranke Volkssagen 213. 273 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 163 t.; Hellwig Aberglaube 127 ff.
274 ) Mannhardt Germ. Myth. 257. a75 ) Roch-
holz Glaube 1, 68 . 276 ) Grimm Myth. 2, 598.
277 ) Alemannia 37, 10; Schönwerth 3, 75;
Müller Siebenbürgen 45. 278 ) Kühnau Sagen
2, 742 f. 279 ) Grimm Myth. 2, 856 f.;
Waibel u. Flamm 2, 131 f.; Quitzmann
Baiwaren 236; Stöber Elsaß 1, 47;
Müllenhoff Sagen 197 f.; Bavaria 2, 231;
Eckart Südhannover 119; Heyl Tirol 422;
Witzschel Thüringen 1, 295; Knoop
Posener Märchen 3 f. 280 ) SAVk. 25, 198.
281 ) Reiser Allgäu 1, 120. 122. 282 ) Knoop
Hinterpommern 158. 283 ) Meyer Baden 50.
284 ) Rochholz Kinderlied 319. 285 ) Wuttke
§224. 286 ) Andree Braunschweig 288. 287 ) Ebd.
209; Alemannia 24, 146; Wuttke §582; Fogel
Pennsylvania 50. 288 ) Ploß 2 i, 121—143.
a89 ) Ploß-Renz 1, 100. 290 ) Knoop Hinter¬
pommern 155. 291 ) Z. B.:
Ich lege dich in Gottes Kleid,
Beschütze dich die heilige Dreifaltigkeit.
Jesus ist ein starker Mann.
Wer stärker ist, der greif dich an.
Meyer Baden 15. 292 ) Vgl. Krauß Relig.
Brauch 43. 293 ) U. a. ZfVk. 2, 79; Meier Schwa¬
ben 2, 474; Höhn Geburt 262; Urquell 1, 164 f.;
Kuhn Mark. Sagen 195; Samter Geburt 68;
Wuttke § 116. 252; Kn uchel Umwandlung 7.
294 ) Ploß 2 1, 143. 29S ) U. a. Seyfarth Sachsen
1334
1333 Kind
47; Höhn Geburt 263. *"■) Wuttke § 582.
297 ) Meyer Baden 36; Meier Schwaben 2, 474;
Alemannia 24, 153 f.; Hovorka-Kronfeld 1,
76; Grimm Myth. 3, 456; Wuttke § 581;
Birlinger Volksth. 1, 498. * 98 ) Kuhn u.
Schwärt z 432; Fogel Pennsylvania 40;
Höhn Geburt 263. 2 ") ZfVk. 23, 278. ,0 °) Ver¬
kehrt aufges. Seidenhäubchen mit Amulett
Ploß-Renz 1, 108. 236; Wuttke § 414.
301 ) Friedberg Bußbücher 40. 302 ) ZfVk. 3,
389. 303 ) Sartori 1, 27 (mit Literatur); vgl.
außerdem Bohnenberger 24; Müllenhoff
Sagen 310; Seligmann 2, 38; ZfVk. 2, 410;
Birlinger Schwaben 1, 394; Müllenhoff
Sagen 314 (Schere); Hoffmann-Krayer 25;
Wittstock Siebenbürgen 75; Boeder Ehsten
60. 304 ) Grimm Myth. 3, 460 Nr. 740. S05 ) ZfVk.
6, 253. 805 ) Müller Siebenbürgen 60; Wittstock
Siebenbürgen 73; Bartsch Mecklenburg 2, 132.
307) Wuttke § 581. 308 ) Ders. § 577. 309 ) Ploß 2
1, 122. 31 °) ZföVk. 6, 122. 311 ) Wuttke § 585.
312 ) Schulenburg 109. 31S ) Fogel Pennsyl¬
vania 145. 314 ) Höhn Geburt 262. 815 ) Vgl. noch
Vernaleken Mythen 234. 31Ä ) Ploß-Renz
1, 106 f. 317 ) Ploß 2 1, 124.
3. Im Gegensatz zu dem behandelten
Glauben an die besondere Gefährdung
des K.es durch Dämonen lebt im Volks¬
glauben auch vieles, was auf die Bewer¬
tung des K.es als besonderer Heils- und
Segenskraft 318 ) und auf die Erkenntnis ein oder drei Tropfen Segen hinein, so
von der besonderen Macht der Rein- daß man ihn „weder salzen noch Schmal¬
heit oder Unschuld zurückzubeziehen zen“ braucht, und er nährt und heilt 33ft ).
ist. So tritt z. B. neben die erwähnte In den K.ergebeten äußert sich Ver-
Angst vor alten Leuten und ihrer Berüh- trauen auf Gottes und der Engel Schutz
rung des K.es der Glaube, daß alte Leute immittelbarer und freier als sonst in
ihre Kräfte sich erhalten können, wenn christlichen Gebeten 337 ).
sie mit kräftig gedeihenden K.em zu- b) Wie jeder Glückliche „Glücksk.“
sammen schlafen (aber diesen nehmen ist (,,der Saelden kint“ im MA.), so ist
sie damit die Kraft) 319 ). das K. mit Glückskräften gesegnet
Man glaubt das K. a) überirdischen und glückbringend. Trotz bestimmter
Mächten besonders eng verknüpft, b) mit Unterschiede gilt das von beiden Ge-
besonderen Kräften begabt und daher schlechtem.
zu aller Art Zauber bevorzugt geeignet. Im Angang bringen K.er, besonders
a) Schon um das Neugeborene stehen Knaben, Glück 338 ). Sie sind auch die will-
die Nachfolgerinnen der alten Nornen 320 ), kommensten (Neujahrs-)Gratulanten 339 ).
die Feen und „wilden Frauen“ 321 ), Erstlingsobst läßt man gern von
wie die griechischen „Moiren“ 322 ) und K.em (lieber von Knaben als von Mäd-
verwandte (z. B. slavische) Erschei- chen) 34 °) pflücken, damit der Baum
nungen 323 ), und bringen ihm Gaben, be- im nächsten Jahr reicher trägt. Bei der
stimmen ihm das Geschick oder ver- Ernte muß ein K. unter 5 bzw. 7 Jahren
fluchen es auch 324 ) (Auf den Färöern den ersten Halm schneiden, das erste
heißt das erste Gericht, das die Mutter Strohseil winden 341 ) u. a. m. Das schla-
nach der Geburt des K.es zu sich nimmt, fende oder das kleinste K. im Haus
, ,nomagreytur‘ ‘, ,,Nomengrütze* ‘) 325 ). schützt es vor dem Blitz 342 ). Als Glücks-
„Des K.es Schutzengel“ ist überall be- träger gehen K.er im Tauf- und Hoch-
kannt. Beim Fallen kann das K. im zeitszug 343 ), festlich geschmückt; bei
ersten Jahr keinen Schaden nehmen 326 );
bei Krieg, Brand, Erdrutsch, Lawinen¬
sturz wird es wunderbar behütet 327 ), von
Maria selbst gerettet 328 ) und hat einen
Apostel zum Schutzpatron 329 ). Etwas
dem altnordischen Fylgjenbegriff Ver¬
wandtes 33 °) lebt hier noch fort; dazu
kommt die enge Eingliederung des K.es
in die beseelte Natur (vgl. die Sitte der
Geburtsbäume) und das, was wir bei
Primitiven den Sympathietierglauben
nennen, so in dem Motiv von der
Schlange, die mit dem K. aufwächst,
und mit dem K. schicksalhaft verknüpft
ist 331 ) (die zur Hochzeit dem Mädchen
ein Krönlein bringt u. a. m.) 332 ). Wilde
Tiere tun dem K. kein Leid, sondern
nehmen sich seiner an 333 ). Verirrtes
K. wird durch weiße Frau, verwunschene
Jungfrau usw. gepflegt, beschenkt, ge¬
rettet 334 ); das Stiefkind findet bei
guten Geistern Ersatz für die fehlende
Mutter 335 ). Die tote Mutter schützt
und nährt das K. noch aus dem Jenseits,
und in den K.erbrei tut Gott selbst
1335 1011(1 x 336
Zauberlied für die Völwa singt 361 ). Auch
bei uns galten K.er als besonders wetter-
kundig 362 ).
Im deutschen MA. wird das K. zur
Mantik viel verwandt. Man läßt es in
Spiegel, Kristall, Kerze, Wasser oder in
die Hand, in die Fingernägel sehen, und
wahrsagt nach seinen Aussagen 363 ). Ein
,,reines K.**, Knabe oder Mädchen, war
hier wie anderswo (z. B. in Indien 364 )) er¬
wünscht zum Zauber 365 ). Nach der
Kaiserchronik 366 ) erschlägt der Zauberer
ein unge tauft es K., begräbt es unter
seinem Bett und zaubert damit, was er
will. Geiler von Kaisersberg und andere
berichten ähnliches 367 ).
Grauenhafter Zauber ist teilweise
bis in die Neuzeit mit dem (zumal un-
getauften) toten K. getrieben worden
(was heimliche Beerdigung 368 ), Be¬
wachung von K.ergräbern 369 ) nötig
machte), und mit dem K. im Mutter¬
leib, was furchtbare Verbrechen zeitigte,
die nur eine — unserem „Heidentum* *
völlig fremde — Diktatur des Wahns
wirkt wechselseitig von Geschlecht zu ermöglicht hat 370 ). Der vielfach wohl
Geschlecht. Ausschlag vertreibt man, nur auf der Folter „gestandene** Massen-
indem man das kranke K. dreimal über mord an Schwangeren um solchen
die Stirn eines K.es vom anderen Ge- Zaubers willen ist aber nicht nur eine
schlecht streichen läßt 352 ). Dem neu- Folge davon, daß durch die zeitige
geborenen Bauernjungen sichert man die Taufe dem Diebe und Zauberer unge-
Gabe, Pferdekolik zu heilen, wenn man taufte K.er nur selten zur Verfügung
ihn sofort (rittlings) aufs Pferd setzt 353 ), standen 371 ), sondern hängt auch mit
Sterbenden legt man das kleine K. an die der Bewertung der Schwangerschaft
linke Seite zum Schutz gegen die Bösen 354 ), (s. d.) zusammen. Selbst die Möglich-
und die weiße Frau wird durch Küssen keit, daß ein Mann sein Weib zu solchem
eines Neugeborenen erlöst 355 ) (Vgl. Zweck verkauft, hat die mittelalterliche
bes. Wiege). Ein nach dem Tode des Volksphantasie beschäftigt 372 ). Die für
Vaters geborenes K. kann „Blindhäutchen den römischen Kaiser gemachte Schnitt-
von kranken Augen wegblasen** 356 ) gebürt (Kaiserschnitt) 373 ) als Mittel zur
u. a. m. Weissagung 374 ), das Herausschneiden
Vielfach gilt das K., zumal bis des K.es und überhaupt der K.esmord
zum 7. Jahre, ohnehin als wahrsage- im antiken Liebeszauber sei hier nur
und zauberkräftig 357 ) (Vgl. a. das erwähnt 375 ). Damit zusammenhängend
Motiv vom klugen Knaben, der einen desgleichen der Glaube, daß heraus-
Rechtsstreit glücklich löst 358 )). Sonn- geschnittene K.er mit besonderen Kräften
tagsk.er, „Neusonntagsk.er“ 359 ), Neu- begabt sind, Geister und Schätze sehen,
jahrsk.er sehen Geister, finden Schätze leicht geheime Künste lernen 378 ), jeden-
u. a. m., zaubern selbst 360 ). Ein altes falls außerordentliche Menschen werden 377 )
Zeugnis für den Gebrauch von K.em im (vgl. ihre Rolle in der Heldensage 378 )).
Wetterzauber haben wir aus dem alten Auch das tierische Ungeborene ist
Grönland, wo das Mädchen Gudrid das übrigens zauberkräftig. So diente das
allen Volksfesten haben sie eine be¬
sondere Bedeutung, oft symbolisch auf
Frühling und Fruchtbarkeit deutend
(Vgl. das Regenmädchen 344 ), den Pfingst-
knaben 345 ), die Verwendung von Knaben
beim Notfeuer 346 ), von Mädchen beim
Feldzauber u. a. m.). Von 4-, 5-, 7- oder
12jährigen K.ern gesponnenes Garn hat
besondere Glücks- oder Heilkraft 347 ).
Mädchen unter 7 Jahren können den
Faden zu einem Glückshemd spinnen 348 )
oder das Glückslos in der Lotterie zieh-
hen 349 ); beim Rekrutieren sicherten sich
einst die Burschen, die nicht Soldat
werden wollten, indem sie ein unge¬
waschenes Häubchen eines neugeborenen
Mädchens oder etwas Garn, das ein vier¬
jähriges K. spann, bei sich trugen 35 °).
Jungvieh gewöhnt man zum Ziehen ein,
wenn man ihm einen K.erstrumpf unter
das Joch legt 351 ). Zumal die Kleidung
am Neugeborenen gilt als zauberhaft, z. B.
die Windeln.
Die kindliche Heilkraft, die zumal
alte Leute sich zu nutze machen (s. o.),
1337
Kind
1338
ungeborene Hasenjunge zur Heilung von
Epilepsie 379 )
Besonders begehrt als Heil- und Zau¬
bermittel (zumal auch von Dieben)
waren die K.erfinger 380 ), die dem Dieb
leuchten, Schlösser öffnen, wahrsagen,
unsichtbar machen, auf den Tisch gelegt
oder angezündet die entsprechende Zahl
Menschen im Haus in Schlaf gebannt
halten 381 ); löschen kann man sie nur in
süßer Milch 382 ). Mit den Händen toter
K.er heilte man Kropf und Muttermal 383 ).
Herz und Leber 384 ) (3 oder 3x3, von
ungeborenen, männlichen K.em) macht
unsichtbar, befähigt zum Fliegen u. a.
m. 385 ). Ein Fall von Zauberabsicht mit
dem Arm eines neugeborenen K.es wird
aus dem Jahr 1568 bezeugt 388 ). Auch
K.erblut braucht man zum Zauber 387 ).
Die „Mordsuppe“ der Lausitzer Räuber¬
bande des Georg Beer, Anfang 17. Jh.,
sollte hieb- und stichfest machen 388 ).
Siebenbürger Zigeunerinnen saugten das
Blut aus dem linken kleinen Finger
ungetaufter K.er, um Konzeption
zu befördern 389 ), oder benutzten K.erblut
mit Hasenfett gemischt als Salbe 390 ).
So brauchen die Hexen allgemein K.er¬
blut zur Hexensalbe 391 ). Zumal nach
dänischer Sage 392 ) kann sich ein zum
Werwolf Verzauberter durch Trinken
von Herzblut eines ungetauften K.es
(kein Mädchen; kein Knabe, der schon
Zähne hat usw.) 393 ) erlösen. Von den
angeblichen Körben voll K.erköpfen in
Kaiser Julians Palast, abgeschlagen zur
Zukunftsbefragung 394 ), bis zu „dem
Rucksack voll** K.erhänden, den der
Landstreicher liegen läßt 395 ), und ähn¬
lichem 396 ), sucht man, in dieser vom
Aberglauben allzu blutig gefärbten Chro¬
nik des K.ermordes um des Zaubers
willen, meist eine Erinnerung an das
heidnisch-kultische K.eropfer (s.
d.), das uns im Altgermanischen nicht
belegt ist. Nach Maßgabe der altnor¬
dischen Quellen hat es mit heidni¬
schem Kult nichts zu tun, wenn die
getauften Franken in Italien Weiber
und Kinder der Feinde als „Erstlings¬
opfer des Krieges** in den Fluß geworfen
haben. Eine sichere altgermanische Pa¬
rallele zur Opferung Isaaks oder Iphi¬
geniens muß gefunden sein 397 ), ehe man
die verschiedenen K.eropfer des mittel¬
alterlichen Aberglaubens altgermanisch
motiviert. Hingabe eigenen Blutes
an einen „zu versöhnenden** Gott und
Bewertung des „Unschuldigen** als
besonders geeignet zum Sühneopfer
scheinen nirgends im altgermanischen
Glauben Wurzel zu haben 398 ). Gebild-
brote in K.esform, „Buben Schenkel**
usw., haben kaum etwas mit altem K.er¬
opfer zu tun 399 ). Neben dem vielgenann¬
ten Bauopfer 400 ) (wobei Freiwilligkeit
verlangt wird, Bettelk.er und Uneheliche
bevorzugt werden) 401 ), dem K.er¬
opfer 402 ) bei Wassersnot und Vieh¬
sterben, dem Pestopfer 403 ), dem Ge¬
witteropfer u. a. 404 ) erscheint das
Schatzopfer besonders oft. Gerade zum
Schatzheben benötigt man ein K.,
meist von besonderer Beschaffenheit 40S ).
Es darf seinen Vater nie gesehen haben,
oder muß unge tau ft sein 406 ). In diesem
Zusammenhang erscheint es geboten, an
die Kinderkreuzzüge (als größtes K.er¬
opfer) zu erinnern 407 ).
318 ) Ausgenommen bisweilen nur die unehe¬
lichen K.er, deren Leichen wie die der Ertrun¬
kenen und Selbstmörder nach bulgarischem
Glauben Unheil bringen: Strauß Bulgaren 454 t.
318 ) Wuttke § 588; Fogel Pennsylvania 43;
Hovorka-Kronfeld 2,41; ZfrwVk. 1913, 182;
vgl. die Vorstellungen von der Seele in Kindes¬
gestalt: Grimm Myih. 3, 247; Kuhn Mythol.
Stud. 2, 57. 820 ) Golther Myth. 104 ff.;
Mannhardt Germ. Myth. 541 fi.; Panzer
Beitrag i, 1 fi.; 2, 1190. 321 ) Panzer Beitrag
1, 362; Bolte-Polivka 1, 439 f- 322 ) ZfVk.
4, 144; Meyer Baden 17. 323 ) ZfVk. 8, 244.
324 ) Kohlrusch Sagen 309. 325 ) Golther
Myth. 107. 826 ) ZfVk. 13, 384 f. 327 ) Roch-
holz Kinderlied 348. 328 ) Kohlrusch 368;
Waibel und Flamm 2, 344. 328 ) Grimm
Myth. 3, 415. 330 ) In der Saga erscheinen auch
K.erfylgjen, z. B. Porst. {>. uxaföts {Fms.
3, 113); erinnert sei an die griechischen und
ägyptischen K.ergottheiten, Niisson Grieche
Feste 59; ARw. 21, 228. 881 ) Grimm Myth.
2, 571; SAVk. 8, 302; 16, 19; 13» 164.
332 ) Lütolf Sagen 324. 333 ) Rochholz Kinder¬
lied 347. 834 ) Witzschel Thüringen 1, 117!.;
Sommert Egerland 60 f.; Waibel u. Flamm
2, 106; Grimm Myth. 2, 808; Meiche Sagen¬
buch 607. 335 ) Haltrich Stief- u. Waisenkinder
(1856) 9. 338 ) Rochholz Kinderlied 291.
887 ) ZfVk. 104; SAVk. 25, 100. 202; Wos-
sidlo Mecklenburg 3, 480.; ZföVk. 3, 280 ff.
1339
Kind
1340
338 ) Stracker j an 1, 29; ZfVk. 8, 400;
Schönwerth Oberpfalz 3, 274. M# ) John
Westböhmen 27; Schramek Böhmerwald 124;
Meyer Baden 515; Manz Sargans 123; Andree
Braunschweig 327; SAVk. 19, 22. 340 ) „Weil
sich (durch Mädchen) das Obst leicht spaltet“
(sympathet. Grund) Drechsler 2, 82; Prae-
torius Phil. 211; Perger Pflanzensagen 321.
841 ) Wuttke § 660. M2 ) Wuttke § 448; Bir-
linger Aus Schwaben 1, 391; Schmitt Het-
tingen 14. S4a ) Höhn Geburt 270. 344 ) Wein-
hold Ritus 22 (alter Beleg). 345 ) Kuhn Mark.
Sagen 318 f.; Mannhardt 1, 380. 348 ) Grimm
Myth. 1, 504; Frazer 11, 281. 34? ) Lammert
257; Wolf Beiträge 1, 209; Wuttke § 495;
Frischbier Hexenspr. 18. 348 ) Bohnenberger
21. 349 ) Drechsler 2, 45. 35 °) Wuttke § 719;
Birlinger Aus Schwaben 1, 398. 351 ) Wuttke
§ 694; Meyer Baden 402. 352 ) ZfVk. 7, 165;
ähnlich Grimm Myth. 3, 459; Drechsler 2,
319 353) ZfVk. 9, 335; Andree Braunschweig
426; Bartsch Mecklenburg 2, 41; Kuhn Märk.
Sagen 364; Weinhold Ritus 42. 354 ) Meyer
Baden 581. 355 ) Grimm Myth. 2, 806. 356 ) Ploß-
Renz 1, 68. 357 j Wuttke § 182, 204. a58 ) Zacha-
riä Kl. Schriften 161. 359 ) D. i. am Sonntag, der
auf Neumond und Monatsersten fällt, oder am
ersten Sonntag nach Neujahr geborenes Kind,
vgl. ZföVk. 10, 142; Grohmann Aberglaube 106;
Baumgarten Jahr 15. 3 ®°) Birlinger Aus
Schwaben 2, 241; Wuttke § 75. 361 ) Eirikssaga
rauda c. 4. 34a ) ZfVk. I, 68; Grimm Sagen 186;
K.erleiche im Wetterzauber. 383 ) Grimm
Myth. 3, 428, 431; Mannhardt Germ. Mythen
621, 3. 364 ) Caland Altind. Zauberrit. 127;
Weber Ind. Studien 1, 279. 385 ) ZfVk. 15, 84;
Abt Apuleius 184. 388 ) Diemer 64. 387 ) Roch-
holz Sagen 2, 159. 388 ) Rothenbach Bern
11 Nr. 21. 389 ) Bavaria 4, 2, 347. 37 °) Vgl.
Meyer Aberglauben 279; Hinrichtung des
Hundssattler in Bayreuth wegen achtfachem
Mord an Schwangeren; Strackerjan i, 119;
Lammert 84; Hovorka-Kronfeld 1, 313;
Baumgarten Aus der Heimat 3, 137. 371 ) Ho¬
vorka-Kronfeld 1,313. 372 ) Ebd.; Montanus
Volksfeste 130; Urquell 3, 211. 282; Roch-
holz Kinderlied 344. 373 ) Vgl. Bartels Medizin
der Naturvölker 306. 374 ) Ammianus Mar¬
cellinus 29, 2, 17. 375 ) Vgl. Stemplinger
Aberglaube 73; Höf ler Organotherapie 34 f.
378 ) Z. B. Strackerjan 2, 201. 377 ) Wuttke
305; Bolte-Polivka 1, 196; ZfdMyth. 1, 200;
Feilberg Danske Bondeliv 2, 150. 378 ) Grimm
Myth. 1, 322; Wolf Beitr. 1, 144. 379 ) Stracker¬
jan 1, 96; Staricius Heldenschatz 341.
380 ) Rochholz Kinderlied 344; Birlinger Aus
Schwaben 2, 435. 381 ) Strackerjan 1, n8f.;
Urquell 3, 210 f.; Zahler Simmenthal 156;
Hovorka-Kronfeld 1, 313. 382 ) Stracker¬
jan 1, 119. *•*) Wettstein Disentis 174;
Rochholz Kinderlied 334; Lütolf Sagen 554;
Strauß Bulgaren 455. 384 ) U. a. Höf ler Or¬
ganotherapie 154. 385 ) Mannhardt Aberglaube
22 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 329; Meyer
Aberglaube 279; Hovorka-Kronfeld 1, 234,
313; Baumgarten Aus der Heimat 2, 99;
Urquell 3, 267; Kohlrusch Sagen 117. 3B8 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 115. 387 ) Simrock
Mythologie 325; Wlislocki Zigeuner 14;
Sepp Religion 140 f.; Urquell 3, 7; Hovorka-
Kronfeld 1, 234. 388 ) Haupt Lausitz 1, 204;
Kühnau Sagen 3, 259. 889 ) Urquell 3, 8.
39 °) Ebd. 3, 9. 391 ) Grimm Myth. 2, 8970.; Ur¬
quell, 53; Meyer Aberglaube 260. S92 )Grundt-
vig Gamle danske Folkeminder 2, 26; ders.
Folkeviser Nr. 55. 393 ) Urquell 3, 2 f. 90. 894 ) Dio
Cassius 73, 16. 395 ) ZfVk. 2, 195; Daemono -
mania 2, 3; Urquell 3, 285. 398 ) Procop de
Bello Goth. 2, 25, 9f. 397 ) Über die altnordischen
„Belege“ für Sohnes-Opferung vgl. Kummer
Midgards Untergang 11 z ff. 398 ) Wenn man
sich statt nur auf heidnische Gottesnamen auf
den heidnischen Gottesbegriff besinnt, kann
man weder Nerthus noch Wodan für die Bau¬
opfer verantwortlich machen; vgl. Ploß-
Renz 2, 249. a ") ZfVk. 12, 439 h 4W >) ZfVk.
з, 45; Eckart Südhannover Sagen 102; Grimm
Myth. 2, 956; Witzschel Thüringen 1, 281.
401 ) ZfEthn. 1898, 11 f. 402 ) Maack Lübeck 58 f.;
Deichbruch Sebillot Folk-Lore 2, 170.
403 ) Grimm Myth. 2, 994; Höfler Waldkult
142. 404 ) Mülhause 4; vgl. Krauß Relig.
Brauch 157. 405 ) Witzschel Thüringen 2, 82 f.;
Vernaleken Alpensagen 148; Rochholz
Sagen 2, 5. 40Ä ) Meiche Sagen 688; Fient
Prättigau 169; Jecklin Volkst. 164t. 407 ) Vgl.
и. a. Kruspe Erfurt 1, 21 ff.
4. Betrachten wir endlich die abergläu¬
bischen Gedanken, die sich auf das Ster¬
ben, das Grab und den Totenort des
K.es beziehen, so fällt uns noch einmal
besonders stark die Zwiespältigkeit
der Vorstellungen auf: Einmal sehen wir
eine tiefe Ehrung und Verklärung des un¬
schuldig gestorbenen K.es, daneben aber
eine ängstliche Sorge um das Heil des
ungetauft gestorbenen und deshalb vom
Himmel ausgeschlossenen K.es.
a) Das tote K. wird festlich ge¬
schmückt 408 ), bekleidet und mit Strauß
und Kranz 409 ) (um das Fegefeuer zu
meiden) 410 ), zum Grab getragen 411 ).
Vom Taufkleid schneidet man etwas
ab, damit es nicht über die Himmels¬
treppe stolpert 412 ). Spielzeug gibt
man ihm mit (schon in römischen und
etrusk. K.ergräbem) 413 ), die Puppe 414 ),
auch Windeln und Schnuller 415 ) oder
den Hochzeitskranz der Mutter (bei Mäd¬
chen) 416 ). Der Trauerzug beachtet be¬
sondere Bräuche (Spreu auf den Weg 417 ),
Licht 418 ), weiße Schleifen u. a.) 419 ), die
Beerdigung besondere Formen 42 °), das
1341
Kindbetterin—Kinderherkunft
1342
£
Grab 421 ) wird sorgfältig geschmückt 422 )
(mit buntem Flitter, mit Schleifen, klei¬
nem Glashäuschen usw.) 423 ). Mädchen,
die K.er zu Grab tragen, dürfen das Haar
nicht flechten, sonst fällt es aus 424 ).
Eltern die ein K. verloren haben, tröstet
man damit, daß sie einen Engel im Him¬
mel haben 425 ); wenn das 1. K. stirbt,
kommen noch viele K.er nach 426 ). Mit
vielem Weinen stört man der K.er himm¬
lische Freuden 427 )* denn K.er kommen
sicher in den Himmel 428 ) und Gott macht,
wenn immer ein K. stirbt, einen neuen
Stern, und gibt ihn dem K. zum Spie¬
len 429 ). Maria führt die toten K.er am
Johannistag in die Erdbeeren, und deshalb
darf die Mutter vor diesem Tage keine
essen 430 ). Im Glauben an das Glück der
K.erseelen betritt das Heidentum an
vielen Stellen den christlichen Himmel.
Die Geltung der Taufe aber ver¬
schließt den ungetauften K.em den
Himmel und überläßt sie einem friedlosen
Irrlichterdasein, das der Volksglaube mit
vielen bedeutsamen und wohl auch alten
Zügen ausgestattet hat. Diese werden
unter dem Stichwort ,,ungetauft“ ge¬
schlossen vorgeführt.
408 ) Schulenburg 113. 409 ) Reiser Allgäu 2,
293; Höhn Tod 320. 41 °) Grüner Egerland 61;
John Westböhmen 175. 411 ) Reiser Allgäu
2, 300; Höhn Tod 339; Sartori 1, 151 f.
412 ) Drechsler 1, 295. 413 ) Ebd. 1, 297 f.;
ZfVk. 5, 183 f. 414 ) John Erzgebirge 125.
4ia ) Engelien und Lahn 250. 418 ) Meyer
Baden 587; Wuttke § 734; Höhn Tod 320;
Grimm Mythol. 3, 471 Nr. 974. 417 ) Höhn
Tod 320. 418 ) SAVk. 15 (1911), 11. 419 ) ZfVk.
17» 364. 42 °) ZfrwVk. 1908, 258; Sartori
1, 151. 421 ) Köhler Voigtland 253; Kuhn
u. Schwartz 436. 422 ) Antike Beispiele:
Pfister Reliquienkult 1, 313 ff. 423 ) Sartori
1, 158; Andree Braunschweig 318. 424 ) Sar¬
tori 1, 152. 425 ) Höhn Tod 336; Birlinger
Volkst. 2, 408. 426 ) Unoth 1, 187. 427 ) Drechs¬
ler 1, 295. 428 ) John Erzgebirge 62. 429 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 378. 43 °) Panzer Beitrag
2, 13, 14; Mannhardt Germ. Mythen 428.
Kummer.
Kindbetterin s. Wöchnerin.
Kinderbischof. In Nachahmung kirch¬
licher Sitten und im Gegensatz zu ihrem
strengen Emst wählten im Mittelalter
Schüler mit Genehmigung ihrer Vorge¬
setzten sich zu bestimmten Zeiten einen
„Abt“ 4 ) oder gewöhnlicher einen
„Bischof“. So namentlich in der Weih¬
nachtszeit, am Andreas-, Nikolaus-, Un¬
schuldige-Kindertage 2 ). Der Erwählte
hatte die Befugnis, in der Kirche Gottes¬
dienst und Predigt und nachher mit den
übrigen Knaben einen Umzug zu halten
und Bewirtung oder Geschenke entgegen¬
zunehmen. Der Brauch hat seine letzte
Wurzel wohl in den Satumaüen. — Ein
„Bischof“ war oft auch bei den Frühlings¬
festen zugegen, die zur Feier des Gregorius-
tages (12. März, im MA. Schluß der
Winterschule) von der Jugend veranstal¬
tet wurden 3 ). Dieser Bischof hat an
manchen sächsisch-thüringischen Orten
Züge des Pfingstls angenommen 4 ).
*) So in Hamburg: Handelmann Weih¬
nachten in Schleswig-Holstein 5; Tille Weih¬
nacht 31. 2 ) Sartori Sitte 3, 19. 53; SAVk.
7, 121 i. 200 ff.; Bilfinger Julfest 72f.,
Künssberg Rechtsbrauch und Kinderspiel 42;
Tille 31 f. 299 f.; Hertz Elsaß 39. 198 f.
In den Niederlanden auch am Martinstage:
SAVk. 7, 121; Jürgensen Martinslieder 13 f.
— Über den Narrenbischof Erwachsener (in
Deutschland, Frankreich, England): SAVk. 7,
119 f* 200 ff.; Frazer 9, 3360.; Nilsson
Jahresfeste 55 f.; ARw. 17, 141 f.; Globus 86
(1904), 357f. 3 ) Sartori 3, 128; Künssberg
42; Tille 300. 4 ) Spieß Fränkisch-Henneberg
109 ff. 1130.; Sommer Sagen 153 f.; Mitteld-
BlVk. 1, 84 t. 99 ff.; 2, 80 ff. Noch am Jo¬
hannistage wurde in Neunheiligen ein kleiner
„Bischof“ herumgeführt: Ebd. 1, 101.
Sartori.
Kinderbrunnen s. Spalte 1349 ff.
Kindergicht s. Freisen 2, 1724 ff.,
Gichter 3, 839 ff.
Kinderherkunft (Kh.).
1. Das religionsgeschichtliche Problem.
2. Baum und Wald. 3. Wasser. 4. Stein und
Berg. 5. Luftreich. 6. Kinderkauf. 7. Kinder¬
bringer.
Eine eingehendere Darlegung des zu¬
gehörigen religionsgeschichtlichen
Problems 1 ) ist hier unvermeidlich. —
Die natürliche Herkunft der Kinder
von der Mutter kann niemals zweifelhaft
gewesen sein. Selbst die primitive Un¬
klarheit über den Erzeugerberuf des
Vaters, an die Gelehrte glauben, kann,
da sie nur jenseits des Beginns mensch¬
lichen Denkens 2 ) möglich ist (nie etwa
1343
Kinderherkunft
1345
Kinderherkunft
1346
bei Jägern oder Viehzüchtern), kaum in
Mythos und Glaube gesucht werden 2a ).
Wenn die Nord-Queensländer glauben,
daß Geistwesen „in the distant west“
die Kinder machen, und dann beim Bad
den Frauen unbemerkt eingeben 3 ), so
wird auch hier nicht die Unkenntnis der
dem Naturvolk stets vertrauten Natur,
sondern die religiöse Suche nach der
Herkunft des seelischen Lebens am
Werke sein 38 ). Die „präanimistische“ Er¬
klärung reicht hier nicht aus. Der Mensch,
auf Grund seelischen Besitzes sich vom
Tier stets unterscheidend, sucht Heimat
seiner Seele, solange er Mensch ist, und
verwechselte sich auch in der Steinzeit
nicht mit dem „Säugetier“. Darum er¬
fand er den Tieren weder Kinderbrunnen
noch Paradies 4 ).
Wenn man also in dem auf die Kh.
bezüglichen Aberglauben und Märchengut
nicht nur die schamhafte oder bequeme
Verhüllung oder Umschreibung des
Natürlichen vor dem fragenden Kinde
sieht (wozu außerhalb der christlichen
Sündenlehre sich selten Anlaß bietet),
kann man einen dahinter vermuteten
„uralten Glauben“ 5 ) nur auf das vom
Körper bewußt getrennte Seelische
beziehen. Dies vorausgesetzt, kann man
sagen: „Was früher sinniger Glaube
einer mit der Natur eng verbundenen
Menschheit war, die überall in Stein,
Baum und Wasser Leben sah, das hat
die Phantasie späterer Geschlechter aus¬
gestattet und benützt, um den neugieri¬
gen Wissensdurst der Kinder zu befriedi¬
gen“ 6 ). Der Glaube, der so zum Kinder¬
märchen wird, ist nicht eine „kindliche
Volksanschauung“, nach der die Kinder
wirklich in Seen und Teichen wohnen 7 ),
sondern wie aller Glaube eine sinnvolle
Erkenntnis des Unsterblichen 8 ). — Er¬
kennt man in der großen Vielfältigkeit,
Verbreitung, Ursprünglichkeit, Unchrist¬
lichkeit, Naturverbundenheit jener Vor¬
stellungen von der Kh., die so auffallend
denen vom Totenort benachbart sind und
so vielfältig an heidnisch-germanisches
Glaubensleben erinnern, wirklich einen
Rest alten Glaubens, so gewinnt man
damit einen neuen Beleg für das alt-
1344
germanische Wissen um Seele und Un¬
sterblichkeit, und ein wichtiges Ar¬
gument gegen den Versuch, dieses Wissen
auf Grund des Wiedergängerwahns prä-
animistisch zu verengen. Diese Reste
des Heidentums sagen nicht nur, daß
„die Menschen bei der Geburt aus der
Gemeinschaft der (naturbeseelenden) El¬
ben heraustreten und beim Tode in sie
zurückkehren“ 9 ), daß also „die mensch¬
liche Seele nur ein Teil der Naturkraft
ist“, sondern sie weisen auf den Glauben,
im Seelischen einen Teil der göttlichen
Kraft zu besitzen.
Dieser Glaube von dem Seelenort der
Ungeborenen und Gestorbenen steht
durchaus fremd neben der mittel alt erl ich-
christlichen Meinung von dem in Sünde
empfangenen, durch Gnade befreiten, im
Grabe harrenden und im Fleische auf¬
erstehenden Menschenleben. Er ent¬
stammt einer anderen Lösung des Leib-
Seele-Problems; hinter den ungeborenen
Seelen steht wie hinter den Toten die
heidnische Gottheit, der kein Teufel
das Irdische streitig macht. Jenseits
des Sündenfalls und der Sündenpredigt
glaubt der Mensch, noch nicht auf Er¬
lösung angewiesen, unmittelbar teil¬
zuhaben am Unsterblichen.
Als Orte der Kh. werden alle die in
heidnischer Kultübung bevorzugten Orte
genannt. Sie haben nichts Unirdisches,
sind im Gegenteil Herzpunkte des natür¬
lichen, irdischen Lebens, da der Heiden¬
glaube hinter „der Gottheit lebendigem
Kleid“ noch nicht Frau Welt sah, die
Verführerin. Wenn also in gewissem
Sinne „alle deutschen Anschauungen (bzgl.
Kh.) darin Zusammengehen, daß die
Kinder aus der Erde stammen“ lo ),
so ist das eher mit altgermanischem
Diesseits-Glauben (vgl. „Tuistonem terra
editum“; Tacitus, Germania c.2) als
mit antiken Mysterienkulten von der
Wiedergeburt aus der Erde zu erklären.
Das Empor wachsen des Menschen
innerhalb der heiligen Natur, der er
durch Schuld entwächst, — im Gegen¬
satz zu der biblischen Einsetzung des
Menschen über die unheilige Natur,
der er im „Sündenfall“ verfällt, —
Li
ist die weltanschauliche Grundlage aller
unserer Anschauungen von der Kh. Ihre
Vielfalt brauchen wir daher weder auf die
„Mutter Erde“ des Altertums noch auf
die „Wolkengöttin“ Holda oder „den
himmlischen Garten der Mondgöttin“ 11 )
zu verengen. Die „Wolkenmytho¬
logie“ 12 ), der auch „Baum wie Berg
und Brunnen Abbild der Wolke“ 13 ),
„Baum wie Teich, Meer, Fels und Berg
Ausdrücke für Wolke“ 14 ) waren, mi߬
verstand diese weltanschauliche Grund¬
lage, als sie einer „im lichten Himmels¬
reich thronenden“ Göttin als der „großen
Mutter der Menschen“, „das Reich des
lebenerzeugenden Wassers“ unterstellte 16 ).
Nicht eine germanische Wolkengöttin,
noch eine antike „Mutter Erde“, braucht
der Volksglaube bei seinen Träumen von
der Allerseelenheimat in der „Brunnen¬
tiefe“ heiliger Natur 16 ); über den Mystiker,
der die Gottesmutter „den Brunnen“
nennt, darein „diu lebendiu sunne“
scheint, macht er Maria selbst zur
Herrin des Kinderbrunnens 17 ).
Insofern weist an diesem Glaubensrest
tatsächlich alles auf Germanisches,
in gewissem Sinne „alles auf den Brunnen
der Wurd oder Wergelmir“ 18 ) (oder
„Mimirs Brunnen“), d. h. es weist zurück
auf die altnordische Kunde vom Brunnen
unter dem Weltenbaum, wo sich im
„Ragnarök“ ein Menschenpaar birgt, und
wo die Nomen aus edlem Blut (vel
aettadar) Lebenswasser schöpfen und gute
Geschicke schaffen w ).
Im Gegensatz zur Anerkennung dieser
Zusammenhänge hat man jedoch auch
„in dem Ammenglauben (?) vom Holen
der Kinder aus dem Teich“ „nur die
Umdeutung einer realistischen Tatsache“
gesehen, und dementsprechend im
manischen Heidentum „nur einen
danken
ger-
Ge-
an vorherige Gestaltung der
Körper“ gefunden, denen dann (wie
Ask und Embla in der nordischen Mytho¬
logie) 2°) „die Seele zuerteilt wird“ a ).
Mit Hüfe dieses ersten Menschenpaars
leitet Karl Helm zumal den Glauben von
der Herkunft aus Bäumen zurück auf
einen ihm „wahrscheinlichen“ germani¬
schen „Totemismus“, damit freilich besten-
Bäcktold-Stäubli, Aberglaube IV
falls ein Teilstück des gesamten Her¬
kunft sglaubens erklärend 22 ). Die Fragen,
von wem und aus welchem Stoff der
erste Mensch geschaffen wurde 23 ), sind
im übrigen zu trennen von den Fragen,
woher die Kinderseelen kommen, wer
sie bringt (und warum die Mutter davon
liegen muß).
Die Herkunftsorte lassen sich ele¬
mentar verteilen auf „Baum und
Wald“, „Wasser“, „Stein und Berg“,
„Luft re ich“ und sind in der volkskund¬
lichen Literatur unübersehbar oft be¬
handelt 24 ).
r ) Vgl. Dieterich Mutier Erde 18 ff.; Ploß
Kind 1, 29 ff. 2 ) Der Ausdruck ,,prälogisches
Denken“ ist in sich widerspruchsvoll und stiftet
Verwirrung. 2a ) So wird man auch aus den
Erzählungen, in denen der Genuß einer Frucht
oder eines Trankes, Geruch einer Blume, Be¬
rührung durch Wind, Regen oder Sonnenstrahlen
die Befruchtung herbeiführen, oder aus der An¬
wendung zahlreicher Zaubermittel (Essen von
Früchten, Wurzeln, Insekten, Fischen, Eiern,
Hasenfleisch, Salz, selbst von Totenknochen)
oder gar aus den im Volksglauben geübten
Berührungen mit Amuletten, heiligen Bildern,
kirchlichen Geräten und aus Zeremonien des
Mitsommerfeuers nicht mit Hartland schließen
dürfen, daß einst eine allgemeine Vorstellung
von außergeschlechtlicher Befruchtung an der
Stelle der Erkenntnis des Natürlichen stand
(Hartland Perseus ; ders. Paternity 1, 41 f.;
2, 274 ff.; v. Reitzenstein ZfEthn. 41, 644).
Unter dem, was dagegen spricht (v. Leon har di,
Preuß, W. Schmidt), ist das Entscheidende
der naheliegende Hinweis auf das Beispiel der
Haustiere (Bolte ZfVk. 23, 209 f.). *) Hart-
land Paternity 2, 75 f. *•) Vgl. den Wieder¬
geburtsglauben: Im Kind erkennt man den
Ahnen, die ,,Ahnenseele“: Tylor Cultur 2,
4f.; v. Gennep Rites de passage 75t.; Diete¬
rich Mutter Erde 23 ff.; ders. Nekyia 62.
4 ) Bisweilen sagt man dem Kind, daß das Kälb¬
chen vom Heuloch heruntergefallen sei und
der Bote das Füllen brachte, was für unseren
Zusammenhang ohne Bedeutung ist; vgl.
Birlinger Aus Schwaben 1, 343; Ders. Volksth.
1, 140. 6 ) ZfrwVk. 3, 162. # ) SchwVk. 3, 79.
7 ) Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod (Jena
1913) 1 f. *) Vgl. Lippert Christentum 556:
„Unser Märchen von der Herkunft der Kinder
bezieht sich in seinem ernsten Sinne nur auf
die kindliche Spekulation über die Herkunft
der Seelen derselben. Im Allgemeinen muß
die Antwort lauten: Sie kommen vom Seelen¬
orte“. •) Sommer Sagen 170; Roch holz
Sagen 1, 245; Kuhn Westfalen 1, 240. i0 ) Die¬
terich Kl. Sehr. 314, vgl. Mithraslit. 144 f.;
„das Kind ist ja die Frucht der Erde“: Die¬
terich Mutter Erde 102. ll ) Fontaine Luxem -
43
1347
Kinderherkunft
1348
bürg 144. 12 ) Vgl. Meyer Germ. Myth. 80 f.
13 ) Mannhardt Götter 282 ff. 14 ) Kuhn West¬
falen 1, 240 ff. 15 ) Viele Darstellungen, so die
von Ploß Kind 1, 1 ff. zeigen $ich von der
Wolkenmythologie abhängig. 13 ) Vgl. Die¬
terich Mutter Erde 20 u. 64; Samter Geburt
20 Anm. 1. 17 ) Roch holz Gaugöttinnen 128 ff.
18 ) Hillner Siebenbürgen 17 f. 19 ) Vgl. Snorra
Edda c. 14,Neckel, Thule Bd. 20, 630. 20 ) Edda,
Thule 2, 76. 2X ) Meyer Religgesch. 86. 2a ) Helm
Religgesch. 1, 162. 23 ) Vgl. Grimm Myth. 3,
162 f. 24 ) Zusammenstellung der verschied.
Örtlichkeiten Urquell 4, 224.
2. Der Baum als Symbol 25 ) des auf¬
rechten, an Scholle und Sippe gebunde¬
nen Germanen ist von unseren Geburts¬
bäumen (s. d.) und Dorflinden zurück
bis zu Donarseiche, Irminsul und
Yggdrasil 26 ) eindeutig genug über¬
liefert. Hinter dieser Symbolik steht
nicht „primitiver” Glaube an Wesens¬
gleichheit von Mensch und Baum, sondern
Weltanschauung.
Deshalb gibt uns die Belebung des
ersten Menschenpaares aus Baum¬
stämmen 27 ) (Treibholz, Landnahme?,
vgl. isländische Hochsitzpfeiler mit Thors¬
bild) neben der Bergung des, „Ragnarök”
überlebenden, Menschenpaares 28 ) (unter
dem Welten- und Lebensbaum), neben
der Verehrung von Baum und Hain als
Sitz der Gottheit (Nerthus, Donars¬
eichen) keinen Grund zur Suche nach
germanischem (durchaus unwahrschein¬
lichen) „Totemismus”. Auch der Sem-
nonenhain („inde initia gentis”) *•) hat
wohl Bedeutung in diesem Zusammen¬
hang 30 ), und die rätselhafte Vorschrift
der Fesselung und des Hinauswälzens
Gestrauchelter gewinnt Sinn in einem
Kultus, dem Bindung an den Wurzel¬
grund Leben — und Entwurzelung Tod
gilt (vgl. Fällung der Donarseichen
durch Missionare).
Schwer zu entscheiden bleibt aber,
wieweit im Einzel falle der Kh.sglauben
von jenem „Heidentum” berührt ist.
Und gewiß ist etwa bei dem Handwerks¬
burschenlied von den Mädchen aus Sach¬
sen, die auf Bäumen wachsen, reichlich
Vorsicht am Platze 31 ). Ernster zu
nehmen ist wohl schon der schwäbische
Kinderreim: „Jetzt steig ich auf den
Feigenbaum, und schüttel Buben runter.
Es fallen etlich tausend ’rab. Es ist kein
schöner drunter“ 32 ).
Vereinzelt wird erzählt, daß die K.er
im Garten in Kohlköpfen wachsen 33 )
im Garten in Kohlköpfen wachsen 33 )
(auch in England, Belgien, Frankreich 34 ),
vgl. Engelköpfchen aus Rosen auf Pariser
Hebammenschildem) 35 ) oder daß sie aus
des Pfarrers Garten kommen 38 ), daß
sie unter dem Buchsbaum (von der Heb¬
amme) ausgegraben werden, daß sie aus
dem Weidengebüsch 37 ) oder aus einem
bestimmten Waldstück (Kinderbusch) ge¬
holt werden 38 ) und im Walde Schwämme
hüten 39 ). Zumeist aber wachsen sie in
oder auf Bäumen 40 ) in Garten und
Wald. Der Kinder- oder Kindlibaum ist
unendlich verbreitet 41 ). Äpfel-, Birnen-,
Pflaumen-, Nuß-Bäume, daneben Eiche,
Weide, Esche, Lärche, Linde, Buche,
Tanne (Kastanie) kommen vor 42 ), bis¬
weilen je nach Geschlecht verschieden
(Birnbaum-Knaben, Zwetschgenbaum-
Mädchen) 43 ). Oft sind es besonders
ausgezeichnete, alte, vor allem aber hohle
Bäume 44 ), z. B. hohle Esche 45 ), Eiche 46 )
und Weide 47 ), und bisweilen wird ein
solcher bestimmter Kinderbaum („ Kindl i-
buche”, „Tititanne” u. a. tt )) ehrfürchtig
vor Gelärm und Axt geschützt (er blutet,
wenn man hineinschlägt) 49 ) und aber¬
gläubisch verehrt 60 ). Es kommt vor,
daß Tauf- und Hochzeitsgesellschaft an
der als Kinderbaum bezeichneten Eiche
rasten und scherzhafte Glücksorakel und
Opfer (Schmücken mit Bändern, Be¬
gießen mit Branntwein) vollziehen. Die
Sage begründet (nachträglich?) den
Brauch damit, eine Taufgesellschaft habe
einst hier bezecht den Täufling liegen
lassen 51 ). Im alten Nußbaum hört man
die Kinder schreien, wenn der Sturm
die Blätter schüttelt 62 ).
2S ) Vgl. bes. Mannhardt Baumkultus.
28 ) Vgl. Baum, Weltesche und Wetterbaum,
Kuhn i. ZfvglSpr. 1, 468 t. 27 ) Snorra Edda,
GyJf. c. 9; Edda Vsp. 17 t. 28 ) I holti Hodd-
mimis“, Edda Vm. 45; vgl. die Verwendung
von Baumnamen als „Kenning" in der nor¬
dischen Skaldendichtung und Mannhardt
Baumkultus 8. 29 ) Tacitus Germ. c. 39. 30 ) Trotz
Helm Relgesch. 1,162, der eine herrschende Vor¬
stellung von der Wesensgleichheit zwischen
Baum und Mensch annimmt; vgl. a. Meringer
XF. 19, 2560.; Much WuS. 1, 39 ff. (Holz
1349
Kinderherkunft
1350
.jund Mensch) ; vgl. Sepp Sagen 125. 31 ) Golther
Mythol. 526. 32 ) Rochholz Kinderlied 286.
33 ) Kuhn u. Schwartz 469; Fontaine Luxem¬
burg 144; Urquell 4, 226 (Bretagne, Elsaß).
34 ) Hartland Paternity 1, 41: ,,of the parsley-
bed or the cabbage-bed". 35 ) Urdhsbrunnen 7,
127. **) Liebrecht Gervasius 69. 37 ) Höhn
Geburt 259. 38 ) Urquell 4, 224; ZfrwVk. 3, 162.
32 ) Grohmann 105. 40 ) Vgl. für ältere Belege
Grimm Mythol. 3, 162. ,,Frau-Hollenbäume“,
Ploß Kind 1, 7. S. bes. Bugge Heldensagen
544; Mannhardt Forschungen 307; Lieb¬
recht Gervasius 68. 171; Hofier Waldkult 45.
60. 80. 82; Mannhardt Götter 284; Ders.
Germ. Myth. 668 f., s. a. Lütolf Sagen 550;
Sepp Sagen 125; Schlosser Galgenmännlein 92;
Schäfer Verwandlung 6 ff.; Schwebel Tod und
ewiges Leben 22 ff. 41 ) Für Westfalen vgl.
Wöste in WolfsZ^. 2, 92 f.; für die Schweiz
Rochholz Sagen 1, 87 ff. 42 ) Hillner Sieben¬
bürgen 17; Urquell 4, 224; Sepp Religion 375 ff.
43 ) Gaßner Mettersdorf 5; Hillner Sieben¬
bürgen 17. 44 ) ,,Jungrationalistischer Zug"
Helm Religgesch. i, 160; Heyl Tirol 805;
ZfrwVk. 1913, 162; Bugge Heldensagen
544. 45 ) ZfdMyth. 2, 345. 46 ) Sartori West¬
falen 77; ZfrwVk. 1913, 162; Urquell 4, 224.
4? ) Birlinger Aus Schwaben 2, 232 f.; bezeich¬
nendes Kindheitserlebnis aus Bronners Leben
1, 23 ff. 48 ) Höfler Waldkult 82. 42 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 668; Dieterich Mutter
Erde 19. 60 ) Urquell 1, 35. 61 ) ZfVk. 6 (1896),
36. 82 ) ZfrwVk. 3, 162.
3. Zum Lebensbaum gehört schon
im Mythos der Lebensquell. So weiß
auch die Volkskunde viel von der Kh. aus
Brunnen, Quell, Bach, Fluß, Teich, See,
Sumpf. Das Wasser als Lebensträger
und Lebensspender 63 ), hat Denken und
Glauben stets beschäftigt. Aus Fluten
steigt im Mythos die neue Erde empor.
Uber das Meer kommt der sagenhafte
Held, wie er dann übers Meer zurück¬
fährt, in das „Jenseitige”, das zumal in
alt irischen Sagen im Gegensatz zur
christlichen Vorstellung ein irdisches
Traumland ist (vgl. die altnordischen
Schiffsbestattungen). In Cortryk (Bel¬
gien) soll es noch heißen, die Kinder
kommen zu Schiff 54 ), wie die Hallig¬
kinder aus der Tiefe des Meeres kommen 55 )
und dänische Kinder „aus dem Salz¬
wasser'‘ 56 ). Auf Sylt „fischt” man die
Kinder, desgl. auf Amrun (aus dem
„Gänsewasser”) 57 ) und erzählt (Sylt),
wie Ekke Nekkepenns Weib sich einst
•einer Frau für Geburtshilfe erkenntlich
zeigte 58 ). — Im Lande hat fast j eder
Ort sein „Kinderwasser”; möglichst nahes
fließendes oder stehendes Wasser aller
Art 59 ), von großen Seen wie Bodensee
und Titisee (Schwarzwald) 60 ) bis zur
Ortsschwemme 61 ), oder der Lache auf
der Wiese 82 ), der Wasserstelle zum Hanf¬
einweichen 63 ) u. a. Vielerorts trägt
der „Kindleweiher” 64 ) oder „Kinder¬
teich” 65 ) besonders bemerkenswerte
Namen. Aus der Fülle seien genannt:
der „Gütchenteich” bei Halle 66 ), „Kinder¬
pfuhl”, „Hollenteich” 67 ) (Friesland), „der
große und kleine Kindersoll” im Kreis
Schievelbein 68 ), „Lüttekensdyk”, „Bur¬
dyke” (Iserlohn-Dortmund) 69 ); „Teu¬
chelgrube” (Marbach-Rottweil) 70 ), „der
blaue Damm” (neben Schloßruine bei
Flensburg) 7l ), der „Eselsteich” (Dassel
am Solling), der „Krähenteich” bei
Lübeck, der „Däbel” (mooriges Tief¬
land in Norddithmarschen) 72 ) u. a. Die
Herkunft aus dem Moor scheint selten
zu sein 73 ). Mehrere Vorstellungen vereint
der See in der Zwergenhöhle, „über den
noch keiner lebend gefahren ist” 74 ), oder
der „Teich am roten Tor” (bei Glaucha),
wo einst die Gräfin in schwarzer Kutsche
versunken ist 75 ) u. a. m.
Auch die Flüsse sind Kinderbringer.
Die glucksenden „Gotterlöcher” der
Donau bei Donaueschingen 76 ) werden
besonders genannt. Neben der Donau der
Neckar 77 ), der Rhein 78 ), die Spree 79 ),
die Eider ®°), die Isar, die Weser (aus den
die Fahrstraße bezeichnenden Tonnen) 81 )
u. a. 82 ). Die Kinder werden in den Flüssen
gefischt oder aufgefangen, wie sie auch
auf den Bächen zur Menschen Wohnung 83 )
geschwommen kommen M ), wie im Klein-
kinderbach der Stadt Aarau dem
„Seltenbach” im Luzemer Gebiet w ).
Im Wasser schäum werden sie auf¬
gefangen, von der Hebamme herausge¬
schöpft 87 ) oder vom Geistlichen ge¬
fangen, der sie in Kraut kübeln (an die
die „Häuserin” einmal wöchentlich Suppe
gießen muß) 88 ) im Keller verwahrt 89 ).
Auch der Wasserfall kommt als Ort der
Kh. vor 90 ) und dann die Quelle 91 ), wie
der „Hirschgumpen” zu Ebnat 92 ) u. a.
Die „Gumpen”, „Hülben” auf der Alb,
oder die „Matten” bergen Kindlein M ).
1351
Kinderherkunft
1352
Ul
in
zu
Vor allem aber haben die Kinderbrun¬
nen eine ungeheure Verbreitung 94 ); sie
liegen im oder beim Dorf (Stadt) 95 ) oder
im Heimatdorf der Hebamme 96 ); solche
mit besonders heilkräftigem Wasser schei¬
nen bevorzugt 97 ). Am bekanntesten
sind (oder waren) der „Knäbleinsbom“ in
Frankfurt a. M. 98 ), das Basler „Milch-
brünneli“"), der sprachlich viel um¬
strittene 10 °) Gödebrunnen in Braun¬
schweig 101 ), der „GrÖnnerkeel“ in Flens¬
burg 102 ), der „Klingelspütz“ in Köln 103 ),
der Alfredibrunnen („Saffrings Püttken“)
in Essen, das „Clemenspüttchen“ in
Werden 104 ) und der „Queckbrunnen“ zu
Dresden (mit Storch verziert), nach dem
zu Luthers Zeit schon gewallfahrtet
wurde (Sage, daß sein Wasser fruchtbar
mache) und neben dem eine Kapelle er¬
richtet wurde, die man wegen des die um¬
liegenden Kirchen schädigenden An¬
dranges der Abergläubischen wieder ein-
gehen ließ 105 ). Ähnliches ist bekannt
vom „Helgenbronn“ (Helgenbrunn i. El¬
saß), wo Mütter kranke Kinder baden,
Fruchtbarkeit gewinnen u. a. 106 ). In der
Tiefe dieser „Kinderbrunnen“, in den
„Brunnenstuben“ 107 ), wo Frau Hol¬
le 108 ) oder Maria die Kleinen hütet,
mischt sich eigentümlich Heidnisches und
Christliches, Hölle und Himmel 109 ). Alte
„Höllbrunnen“ gelten als „noch von den
Heiden gegraben“ uo ) (vgl. die „Höll“
als Kinder-Brunnen m )), und manche
Kinderbrünnen „führen zur Hölle“ 112 ).
Die schlesische „Spillaholle“ bringt die
faulen Kinder in den Brunnen und neu¬
geboren kinderlosen Eltern zu 113 ). Oder
ein Brunnengeist verschenkt die Kinder 114 )
(Wassermann 116 )). Aber im Kuniberts¬
brunnen zu Köln sitzen die Kinder um
die Gottesmutter, die ihnen Brei gibt und
mit ihnen spielt 116 ); gerade vor Lieb¬
frauenkirchen stehen Kinderbrunnen 117 );
eine der Maria geweihte Kapelle (über
einem Brunnen) kann selbst zum Ort der
Kh. werden U8 ). Die Sage begründet
den Bau der Kapelle mit einem Wunder:
Ein Baum wurde gefällt, und man hörte
Stimmen 119 ). — Frau Holle freilich
güt uns nicht mehr so viel wie den Wol-
kenmythologen, und wir verzichten auf
den Versuch, hinter den verschiedenen
mythischen Gestalten, die im Kinder¬
brunnen herrschen, eine germanische
Gottheit zu erkennen (vgl. Kinderfrau,
die den Teich beherrscht, und die Mutter
mit der Sense verwundet 120 )). Wichtig
ist, daß der Kinderbrunnen auch im
Keller der Hebamme 121 ) und im
Garten des Pfarrers gedacht werden
kann 122 ).
Es bleibt noch die Frage, was man von
den Ungeborenen in der Tiefe hören und
sehen kann. Nicht nur für Kinder er¬
dacht scheint es, wenn es heißt, daß unter
der Erde ein Brunnen fließt: man hört
das Rauschen und das Jubeln und Schrei¬
en der Kinder, wenn man das Ohr auf
die Erde legt 123 ). Den Kinderglauben
bestärkte bisweilen das Spiegelbild im
Wasser 124 ) oder die Puppen, die man
hineinwarf 125 ). So konnte man sehen,
„ob wieder ein neues Kindli parat“ war
(Schaffhausen). Oder man ließ das Echo
helfen, dem fragenden Kind über die er¬
warteten Geschwister Auskunft zu ge¬
ben 126 ). In den Kinderteichen und Brun¬
nen hört man Geschrei, das verstummt,
sobald man einen Stein hinein wirft 127 ),
oder man sieht die Kinder als Fi sch lein
umherschwimmen 128 ), stellt sie auch als
Frösche vor, die sich vom Tau nähren
und dann im Bach zu den Menschen
schwimmen 129 ). Bisweilen läßt man
die Kinder Gaben für die ungeborenen
Geschwister, Backwerk und Blumen in
den Brunnen werfen 13 °). Überzeugend
für die Kleinen wirkt auch, wenn ihnen
dasNeugeborene Zuckerwerk mitbringt 131 ).
63 ) „Das fruchtbar machende Element“
Runge Quellkultus in der Schweiz 19. 54 ) Wolf
Beiträge 1, 164. 65 ) Jensen Nordfries. In¬
seln 1 303. M ) Urquell 2, 147. 6? ) Jensen Nord¬
fries. Inseln 2 303; Urquell 4, 225. 5B ) Jensen
Nordfries. Inseln 2 303. 69 ) Drechsler 1, 180;
Urquell 5, 80 u. a. 60 ) Birlinger Aus Schwaben
i, 191; Meyer Baden 9, 14. 61 ) Urquell 4, 225.
62 ) Alemannia 24, 152; Meyer Baden 13.
w ) Höhn Geburt 259. * 4 ) Birlinger Schwaben 1,
191. * 6 ) Mannhardt Germ. Mythen 95;
Egerland 4, 6; Pröhle Unterharz 4. 12. 140;
Kuoni St. Galler Sagen 288 f.; Sommer
Sagen 25; ZfrwVk. 1913» 162; Schulenburg
103 u. a. 66 ) Sommer Sagen 25: Gütchen =
Heimchen (Kuhn): Gütchen = Gode (Wolf
Beiträge 1, 164). 67 ) Wolf Beiträge 1, 164: vgl.
1353
Kinderherkunft
1354
ZfdMyth. 1, 196. ® 8 ) Urquell 5, 255. ••) ZfdMyth.
2, 92. 70 ) Höhn Geburt 259. 71 ) Urquell 5, 80.
72 ) Ebd. 73 ) Kuhn u. Schwartz 300. 74 ) Roch-
holz Sagen 1, 346. 75 ) Wolf Beiträge 1, 164.
78 ) Meyer Baden 9. 77 ) Birlinger Volksth.
1, 140; Höhn Geburt 259. 78 ) Meyer Baden 13.
79 ) Schulenburg 103. 80 ) Urquell 2, 147.
81 ) Strackerjan 2, 101. 82 ) Pollinger Lands¬
hut 238; Hillner Siebenbürgen 17. 83 ) Groh-
mann 105. 84 ) Höhn Geburt 259; Meyer
Baden 13; ZfdMyth. 2, 345; Lütolf Sagen 81.
85 ) Rochholz Gaugöttinnen 129 f. 8Ö ) Ebd.
(Name: Frau Saelde). 87 ) Meyer Baden 13;
Dieterich Mutter Erde 19. 88 ) Oberinntal:
ZfdMyth. 2, 345. ") Hillner Siebenbürgen 17 f.
D0 ) Sehr a me k Böhmerwald 180. 91 ) Hillner
Siebenbürgen 17. 92 ) Birlinger Aus Schwaben 1,
343; ZfVk. 8, 344. 93 ) Höhn Geburt 259. M ) Vgl.
außer dem im Folgenden Angeführten noch:
Mannhardt Götter 288 f.; Simrock Mytho¬
logie 35; Lippert Christentum 557; Pfannen-
schmid Weihwasser 99; Schambach und
Müller 59 f. 341; Spieß Fränk. Henneberg 97;
Schmitt Hettingen 9; Sepp Religion 375 ff.;
Lohmeyer Saarbrücken 7 i.\ Pröhle Unter¬
harz 102; Quitzmann Baiwaren 108; Hocker
Volksglaube 224. 95 ) Meyer Baden 9. 90 ) Höhn
Geburt 259. 97 ) Ebd. ® 8 ) Wolf Beiträge 1, 164.
99 ) SchwVk. 3, 79. I0 °) Wolf Beiträge 1, 164.
101 ) Sack Altertümer der Stadt Braunschweig
(1841) 14 (, Joghetborn“, ,, Jördbrunnen“);
Andree Braunschweig 286. 102 ) Mülienhoff
Sagen 105; Birlinger Aus Schwaben 1, 191;
Wolf Beiträge 1, 164. 103 ) ZfrwVk. 1913, 162.
104 ) Ebd. 105 ) Meiche Sagen 647. 108 ) Rochholz
Gaugöttinnen 60 f. 107 ) Grimm DWb. 5, 735;
Birlinger Aus Schwaben 1, 191 u. a. 108 ) Gol-
ther Mythologie 498 f.; Mannhardt Germ.
Mythen 267. 109 ) Vgl. Meyer Germ. Mythol.
279. 110 ) Meier Schwaben 1, 263. m ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 191. U2 ) Meyer Baden
10. 113 ) Weinhold Frauen i, 36; Wolf Beiträge
i, 162; Rochholz Sagen 1, 245: vgl. Grimm
Sagen Nr. 4, 73. 114 ) Mannhardt Germ. Mythen
426. 115 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 186.
uß) Wuttke § 27; Urquell 4 (1893), 224.
117 ) Wolf Beiträge 1, 164. 118 ) ZfdMyth. 2, 344;
SchwVk. 5, 5. 119 ) ZfdMyth. 2, 344. 12 °) Jensen
Fries. Inseln 2, 303. iai ) Alemannia 25, 36.
122 } Meier Schwaben 1, 263. 123 ) Urquell 4, 224.
124 ) Höhn Geburt 259. I25 ) Schweizld. 3, 339.
128 ) Birlinger Schwaben 2, 232 f. 127 ) Urquell
5, 255; Bindewald Sagenbuch (1873) 28 f.
128 ) Schulenburg 103; Meyer Baden 10;
Höhn Geburt 259. 129 ) Grohmann 105.
13 °) Schambach u. Müller 60. 131 ) Wolf
Beiträge 1, 206 (Belgien); Andree Braun¬
schweig 286; ZfdMyth. 2, 92; Meyer Baden 14;
Urquell 5, 80.
4. Neben Wald und Wasser spielen
Stein und Berg eine große Rolle im
Kh.sglauben. Wie dort der hohle Baum,
oder die Brunnen stube dem wachsenden
Rationalismus entgegenkommt, so ge¬
winnt hier die Höhle, das Fels loch,
Bedeutung. Ursprünglicher ist auch hier
der gewachsene, ragende Fels oder
Berg, der als Lebensspender vielfältig
verehrt wird 132 ). Schwangere erfragen
am „Kinderstein“ das Geschlecht der
Kinder u. a. m. 133 ). Die Gelübde-,
Opfer- und Göttersteine der Heiden,
die Steinsetzungen („Leerthrone der Gott¬
heit“ 134 ), Totengedenksteine u. a.) ber¬
gen göttliche Lebenskraft, die sich der
Mensch nutzbar macht. Die „heiligen
Berge“, bevorzugt zum Kult, sind noch
im heidnischen Island (Helgafell) 13fi ) frei
erwählte Kraftzentren des Göttlichen, zu
Gebet und Ratschluß bevorzugt und als
Orte der Toten auch Herkunftsorte des
neuen Lebens. Erst die christliche Inter¬
pretation des Heidenglaubens „an Stock
und Stein“ läßt den Heidengott körper¬
lich im Stein sitzen. Erst in der Missions¬
zeit fällt der Totenort mit dem Grab zu¬
sammen, und es verwischt sich, zumal
in der Vorstellung der Hel, der scharfe
Unterschied zwischen dem Menschen und
den unterirdischen Mächten, der die nor¬
dischen Mythen beherrscht. Der erste
Bauer (Buri) erwächst nach dem Mythos
aus dem Stein 136 ), und in Mythos und
Märchen wird Lebendiges in Stein ver¬
wandelt (vgl. die Sagen von Felsge¬
bürten 137 ); von Erzeugung im Stein 138 )
u. a.).
Der Glauben an solche Kinderfelsen,
Kindersteine oder Kindlisteine 139 ) (in der
Schweiz auch Titti-, Poppali-, Heubeeri-,
Herdmandlisteine, „pierre ä bourdons“
u. a.) 14 °), die oft in Bach oder See lie¬
gen 141 ), begegnet in mancherlei Ab¬
wandlung, heftet sich zumal an auffal¬
lende, einzelne Felsen 142 ), die besondere
Namen haben, z. B. Egglistein (Sisikon),
Fluestein (Küßnacht) 143 ), Hochstein 144 ),
Oefelisstein, Badlesstein 145 ) u. a. Aber
auch der Steinbruch kann der Ort
der Kh. sein 146 ).
Die mit solchen Steinen in Zusammen¬
hang stehenden Sagen kann man weder
„mit der bergebewohnenden Holde“
noch mit den griechischen Sagen von der
{ Abkunft „dri nixprfi“ allein erklären 147 ),
1355
Kinderherkunft
1356
und auch die bisweilen auf tauchen den,
hinter dem Stein wohnenden 148 ) oder die
Kinder hütenden 149 ) Erdmännchen oder
Zwerge helfen nicht weiter. Die Heb¬
amme ist es meist, die (im Aargau) mit
goldenem Schlüssel den Stein auf schließt,
oder mit goldenem Karst ihn hebt 15 °);
denn oft sagt man, die Kinder liegen
darunter 161 ), mitleidige Mädchen hören
die Ungeborenen weinen, und mühen
sich vergeblich, den Stein wegzuheben 162 ),
und das Kranksein der Mutter erklärt
sich damit, daß sie sich beim Heben des
Steins überanstrengt hat 163 ). Schließlich
heißt es in Baden, daß jedes Kind einen
Zettel trägt, mit dem Namen der Eltern
darauf 164 ).
Eindeutiger ist die Vorstellung vom
Aufenthalt der Ungeborenen in Fels loch,
Höhle 166 ),Sch lucht und wilde mTal 156 ),
so das „Holloch" bei Kranichfeld („Frau
Holle" 167 )) oder die zur Flutzeit gefüllte
Höhle unter dem „Ongersteine" 168 ).
Bemerkenswert ist die Vorstellung vom
Kinder trog im und unter dem Felsen 159 ),
die „Jungfrau" im Schloßberge bei Te-
gerfelden hat sogar zwei, einen für die
Ungeborenen und einen für die gestorbe¬
nen Säuglinge, und sie ernährt jene mit
wunderbaren Heilkräutern und diese mit
Honig, weswegen die Bienen immer nach
dem Schloßberg schwärmen 160 ). Mit
der „Schatzkiste der Göttermutter
Frigg" hat freilich keiner dieser Tröge
etwas zu tun 161 ), und der „Kindelberg"
(mit dem Kinderstein) nichts mit Tann-
häusers Venusberg 162 ). Daß eine
Jungfrau oder „weiße Frau" die Kin¬
der im Berge hütet, und der Hebamme
hinreichte 163 ), weist in das Gebiet der
Feensagen.
132 ) Vgi b es Sebillot Folk-Lore 1, 333 t.
IS3 ) Rochholz Gaugöttinnen 118. 1S4 ) Willi
Pastor Aus germanischer Urzeit. 135 ) Eyr-
byggjasaga, Thule Bd. 7. 186 ) Snorra Edda,
Thule 20, 54. 1S7 ) Liebrecht Gervasius 171.
188 ) Rochholz Gaugöttinnen 119. 138 ) Roch¬
holz Steinkultus 12 ff.; Ders. Naturmythen
59 » 109; Rütimeyer Urethnogr. 396; Meyer
Germ. Myth. 88; Waibel u. Flamm 1, 274;
Lütolf Sagen 271; Hillner Siebenbürgen 171;
Dieterich Mutter Erde 20. 64; Schambach
und Müller 341; Argovia 3, 15; Samter
Geburt 20. 140 ) SchwVk. 3, 78; Schwld. 1, 867;
3, 338; SAVk. 1, 220; Grimm DWb. 5, 734.
141 ) ZfdMyth. 3, 31. 142 ) Samter Geburt 20;
Meyer Baden 14. 143 ) SchwVk. 5, 5. 144 )
Schramek Böhmerwald 180. * 48 ) Meyer
Baden 14. 146 ) Höhn Geburt 259. 147 ) Wolf
Beiträge 2, 361; Grimm Mythol. 1, 474.
148 ) Rochholz Sagen 1, 288. 149 ) Ebd. 358.
15 °) Rochholz Sagen 1, 288 (3 X Um¬
schreiten, Pfeifen, Rutschen über den Stein).
151 ) Jensen Nordfries. Inseln 2 303. 152 ) SAVk.
8, 308 (Einsiedeln). 153 ) Jensen Nordfries.
Inseln 2 303. 154 ) Meyer Baden 14. 155 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 256; Urquell 4, 225 u. a.;
Meyer Germ. Mythol. 88. 1W ) ZfdMyth. 2, 345.
18? ) Witzschel Thüringen 2, 68. 158 ) Wolf
Beiträge 1, 171. 159 ) Meyer Baden 9; Kuhn
Westfalen 1, 240. 18 °) Rochholz Sagen 1, 228;
bei Reute im „Falkenloche" „summen" die
Ungeborenen und wurden offenbar als Bienen
gedacht; ZfdMyth. 2, 344. 181 ) Rochholz
Sagen 1,245. 182 )Wolf Beiträge 1,171. lfi8 ) Meier
Schwaben 263.
5. Der Wolkenmythologie zum Trotz
fehlt es fast ganz an Vorstellungen von
Kh. aus der Luft und aus den Wolken 164 ).
Der freundliche Gedanke, daß die Kinder
vom Himmel fallen (und durch den Kamin
ins Haus) 165 ) ist nicht tief im Volks¬
glauben verwurzelt, und der Stern des
neuen Menschenkindes wird erst ange¬
zündet, wenn unten die Geburt sich voll¬
zog. Auch unsere beflügelten Kinder¬
bringer (s. u. 7) sind nur irdische Etappen¬
flieger, die aus nahem oder fernem Kin¬
derteich oder Stein die Kleinen holen.
Wenn das „Lieb-Gott-Käferchen" (Ma¬
rienkäfer) ein Himmelskindlein bringt,
so doch nur bis zum Kinderbrunnen, und
von dort holt es „der gestiefelte Kater"
ab 166 ). Und im Schweizer Fricktal
rollt beim Donner ein Stein in das Kinder¬
wasser, und die Hebamme kann ein neues
Kindlein holen 167 ).
Der Bevorzugung derVögel als Kin¬
derbringer stellte sich zur Seite, daß
man die die Kinderseelen entführenden
Geister (Strigen und Lamien usw.)
sich meist beflügelt, bzw. in Vogelgestalt
vorstellte 168 ).
Der „Seelenvogel" 169 ), wie er dem
Munde des Sterbenden entflieht 170 ), hat
im Kh.sglauben keine rechte Entspre¬
chung. Aus Tirol sind die Redensarten
mitgeteilt: „Du bist noch mit den
Mücken (mit den Feifaltem) herumge-
flogen" 171 ).
1357
Kinderherkunft
1358
Insekten als K.erseelen meinte
man in K.erliedem zu erkennen 172 ), be¬
sonders auch den griechisch-deutschen
Seelen-Schmetterling 173 ), den „Son¬
nenvogel" eines westfälischen, zum K.er-
lied gewordenen Zauberspruchs 174 ). Dem
Engelland der K.erlieder hat man
große Bedeutung beigelegt, dem Land
der Engel und Elben, „der lichte Him¬
melsraum" 175 ), wobei doch wohl die Be¬
funde im Banne der wolkenmytholo¬
gischen Theorie überschätzt wurden.
Der Name Engelland ergab gewisse Ge¬
dankenverbindungen auch ohne „Heiden¬
tum". Am christlichen Engelsglauben
von den himmelsgesandten Kinderseelen
ist „heidnisch" zunächst nur der darin
versteckte Protest gegen die Lehre vom
„Bösesein von Jugend auf"; das „Kinder¬
heer" der Perchta 176 ) (s. d.) und Ver¬
wandtes gehört nicht zum Kh.saber-
glauben (s. a. „ungetauft").
164 ) Rochholz Sagen 1, 77; Mever Germ.
Mythol. 62. 80 ff. 1M ) SchwVk. 3, 78. i® 6 ) Roch¬
holz Sagen 1, 345. 187 ) Wuttke § 60; Kuhn
Westfalen 1, 240. 168 ) RhMus. 50, 1 ff.; ZfVk. 15,
3 iss) Weicker Der Seelenvogel. 17 °) Vgl. über
die Verwandlung der Seele in Vogelgestait
Laistner Nebelsagen 561. 563. 568; Güntert
Kalypso 215. m ) Mannhardt Germ. Myth.
370; Zingerle Tirol 3; Güntert Kalypso 216;
172 ) Mannhardt Germ. Mythen ; vgl. Seele als
Grashüpfer Grimm Myth. 2, 692. 173 ) Mann¬
hardt Germ. Myth. 371 ff. 174 ) Heim in Fl.
Jb. f. Kl. Phil. Suppl. 1893, 19, 514. 175 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 346 ff. 176 ) Z. B. Eisei
Voigtland 21; vgl. Waschnitius Percht 142 ff.;
Grimm Mythol. 1, 229; Witzschel Thüringen
1, 220; Heyl Tirol 752 f.; L. v. Schröder
Rigveda 125; „Kinderhimmel" Sebillot Folk-
Lore 1, 184.
6. Zu der Kh. von Baum, Wasser und
Stein tritt noch die nüchterne Vorstel¬
lung vom Kauf der Kinder. Der Vater
kauft sie auf dem Markt 177 ) (im Kanton
Zürich auf der Zurzacher Messe, im Kt.
Appenzell in Lindau, im Zürcher Seeland
auf der Post zu Uznach u. a.) 178 ), oder
die Hebamme kauft sie am Brunnen 17e );
in Belgien bringt sie das Schiff auf den
Markt 180 ), und oft ist die Hebamme
selbst die Verkäuferin (s. Hebamme 6a).
177 ) Höhn Geburt 259. 17S ) SchwVk. 3, 78.
178 ) Meyer Baden 11. 14. 180 ) Wolf Beiträge
1, 164.
7. Erstaunlich vielfältig ist auch die
Antwort auf die Frage, durch wen
die Kinder gebracht oder geholt wer¬
den. Der bekannteste Kinderbrin¬
ger ist der Storch 181 ), der gewiß nicht
wegen seiner roten Beine „mit dem Blitz¬
gott Donar in enge Beziehung" gesetzt
werden darf 182 ). Im Gegensatz zu M ann-
har dt muß man bezweifeln, daß der
Storch als „der blitztragende Vogel der
Urzeit" die Seelen als Lufthauch oder
Blitzstrahl zur Erde brachte 183 ); ger¬
manische Auffassung, die das Gött¬
liche nie restlos in den Himmel projizierte,
läßt die Gottheit (gerade Donar-Thorr)
„mit Erdkraft genährt" sein. Die be¬
kannten Zusammenhänge zwischen Zeu¬
gung und Feuerbereitung konnten die
zweifache Bedeutung des Storches (Blitz¬
träger, Feuerlöscher und Kinderbringer)
— und damit die Begründung des Storch¬
aberglaubens im heidnischen Glauben
an den eheweihenden und Blitze schleu¬
dernden Gott des nordischen Mythos —
nur erklären, solange man unter dem
Einfluß der Wolkenmythologie das fast
völlige Fehlen der Belege für Kh. aus wirk¬
lichen Wolken (etwa im Blitzstrahl) über¬
sah 184 ).
In der Schweiz ist der Storch als Kin¬
derbringer ganz jung, in Schwaben offen¬
bar selten 185 ), im Norden und in Schles¬
wig-Holstein, Ostpreußen 186 ) als „heiliger"
Vogel bekannt, der die Kinder aus dem
Sumpf 187 ) aus bestimmten Teichen 188 ),
oder vom Stein im See 189 ) holt, durch
den Schornstein ins Haus bringt 190 )
und die Mutter ins Bein beißt 191 ); biswei¬
len legt er dabei für die Geschwister noch
etwas in die Wiege 192 ). Das gleiche Amt
haben auch andere Tiere, so die Krähe,
die die Kinder unter den Steinen im Ge¬
birge holt (oder aus dem Walde) und
aufs Fenster legt 193 ), oder sie im Teich
findet und in den Kamin wirft 194 ); ähn¬
lich die Elster 195 ), der Schwan 196 ), ja
der Marienkäfer 197 ). Auch Esel und
Hase 198 ) werden genannt. Die unehe¬
lichen Kinder „niest der Esel hinter
den Zaun" 199 ).
Im übrigen zeigen sich außer der Heb¬
amme, die ja begreiflicherweise leicht
1359
Kinderkleid—Kinderlied
Kinderopfer
1362
den Kindern als die Kinderbringerin er¬
scheint (s. Hebamme C), mancherlei
Personen mit dem Amt betraut, „die
allein den Ort der Kh. genau kennen“ 200 ).
Die Kinderbringerin mit Rechen, Korb,
Tasche, Koffer 201 ) oder einer Butte 202 ),
die „alte Frau“, „böse Frau“, „weise
Frau“, „Fei“, „Botin“, „Wib, das umme-
rennt“ 203 ), „Muelteweiblein“ 204 ), „Bade-
mutfer“ 205 ) (Wasserjungfer) 206 ), ist nicht
von vornherein die Hebamme, sondern
ein Mittelglied zwischen jener die Kinder
hütenden „Brunnenfrau“ oder „Wei¬
ßen Frau“ (von der sie die Kinder emp¬
fängt 207 )), und der den Kindern als Kin¬
derbringerin erscheinenden Geburtshel¬
ferin, deren Tätigkeit auch dem sogen,
„prälogischen Denken“ (s. o. Anm. 2) nie
unklar war. So ist es auch möglich, daß
selbst die Nonnen eines Klosters in den
Ruf kommen, die Kinder am Kindlistein zu
holen 208 ), und daß andererseits neben
weiblichen auch männliche Kinder¬
bringer auf treten, der Hirt, der Wald¬
bruder 209 ), bei Innsbruck der Mann aus
dem Duxer Tal 210 ) und andere irgendwie
volkstümlich-absonderliche Personen 211 ).
Schließlich sogar der Niklaus oder Niko¬
laus, der die Kinder vom Baum holt 212 ),
und den man nicht als „Nicker“ zur mi߬
verstandenen Brunnenfrau 213 ) zu ma¬
chen braucht; denn der Kh.sglaube steht
nicht unter dem Zeichen einer heid¬
nischen Göttergestalt, sondern unter
dem Zeichen eines „heidnischen“ Be¬
griffs von der Herkunft des seelischen
Lebens.
i81 ) Dieterichs Ablehnung: „Hat er doch auf
keinen Fall mit der Herkunft der K.er etwas
zu tun“ (Mutter Erde 20), ist zu scharf.
182 ) „Thunars Vogel, der die Kinder aus Huldas
Wohnung holt“, ZfdMyth. 2, 91; Kuhn West¬
falen 1, 240. 183 ) Vgl. Ploß 2 1, 6 f. 184 ) Vgl.
Hassencamp im Globus 24, 23. i85 ) Bir-
linger Volkst. 1, 140. 186 ) Frischbier Natur¬
kunde 302. 187 ) Z. B. auf Föhr: Jensen Nord¬
fries. Inseln 2 303. 188 ) Urquell 4, 225 (Schei¬
dingen, Erfurt, Halberstadt). 189 ) Fluestein auf
Seegrund an der Rigi bei Küßnacht SchwVk.
5, 5. 18 °) Kück Lüneburg 160; Mannhardt
Germ. Mythen 272; Hillner Siebenbürgen 17;
Sartori Westfalen 77. 1M ) Urquell 4, 226;
Pollinger Landshut 230. 18a ) Urquell 4, 226.
188 ) Grohmann 105. 194 ) Rogasener FamBl. 5
(1901), 8. lM ) Hoffmann-Krayer 23 f.;
1360
Meyer Baden 12. 1M ) Mannhardt Germ.
Myth. 343; Sepp Religion 379. 197 ) Ebd. 272;
Rochholz 1, 345. 198 ) Mannhardt Germ.
Myth. 410; „Hasennest“ (Brunnen) in Kißlegg,
Schwaben, Birlinger Volkst. 1, 140. 199 ) Kück
Lüneburg 160. 20 °) SchwVk. 3, 77. 201 ) Meyer
Baden 10. 202 ) Toggenburg Neuausg. 1910, 9.
108 ) Meyer Baden 10; Wrede Eifeier Volksk.
102. 204 ) Reiser Allgäu 1, 117. 205 ) Schulen-
bürg 108. 208 ) Schambach u. Müller 60.
207 ) Meier Schwaben 263. 208 ) SAVk. k 8, 308:
bei Einsiedeln. 209 ) Schweizld. 3, 338.
ZfdMyth. 2, 345. 211 ) SchwVk. 3, 77.
Ebd. 3, 78. 213 ) Wolf Beiträge 1, 164.
Kummer.
Au
210 }
212 }
Kinderkleid s. Kleid.
Kinderlied. Allgemein nimmt man an,
daß sich gerade im K.*) alte, vorchrist¬
liche Gedanken, Begriffe, Namen
und Kult Übungen in Resten erhalten
haben 2 ), besser oft, als in der Welt der
Erwachsenen, was zumal aus einer starken
Übereinstimmung von Island bis zu
den Alpen gefolgert werden kann 3 ), und
was schon dadurch wahrscheinlich wird,
daß sich vielfach das Volkslied im K.
aufgelöst zeigt 4 ). Man vermutet den
Abstieg von einstiger kultischer Bedeu¬
tung 5 ) (vgl. Nachklänge alter Zauber-
und Runen-Lieder 6 )) bis auf die
Stufe nicht mehr verstandener und des¬
halb auch kirchlich nicht beachteter K.er.
Die K.er, wie die Kinder-Sprüche und
Reime, begleiten nicht nur alle großen
und kleinen Feste des Jahres, sondern
zeigen auch eine besonders innige Ver¬
bundenheit mit der Natur, mit den
Jahreszeiten 7 ), besonders mit der
Tierwelt 8 ).
Mythologische Anklänge hat man
vielfältig diesen Liedern (z. B. dem „Mai¬
käfer, flieg!“) 9 ) abgelauscht 10 ), wobei
natürlich die jeweils persönliche Auf¬
fassung vom germanischen Heidentum
und von der Bedeutung mythischer
Namen und Erzählungen die Deutung
bestimmte. Schon Ploß n ) mahnt zur
Vorsicht vor jenen Auslegungen, die zu
seiner Zeit „den Männern vom Fach“
geläufig waren, z. B. jene, die den „alten
Kaiser“ im Ringelreihen ohne weiteres
mit „Odin in seiner Wolkenburg“ gleich¬
setzt 12 ).
*) Rochholz Kinderlied ; Wehrhan
lied\ BÖckel Handbuch ; Hruschka und
Toischer 379 ff.; vgl. u. a. Laube Teplitz
62 ff.; Reuschel Volkskunde 2, 133; Ethn.
Mitt. a. Ungarn 5 (1896), 108 ff.; Pollinger
Landshut 344 f. 3 ) Wolf Beiträge 2, 385; Gün¬
ter t Kalypso 216; Vernaleken Mythen 62;
Mannhardt Germ. Mythen bes. S. 373 f. 386 f.
483 ff. 524 g. 3 ) ZfVk. 5, 189. 4 ) Arnim-
Brentano Des Knaben Wunderhorn (Anhang);
W. Grimm Kl. Sehr. 1, 398; Uhland V.L.
7 ff.; Rochholz K. 201; Böckel Handbuch
132; Dähnhardt Volkst. 2, 61. 5 ) Sain-
tyves Les Liturgies popul. rondes enfantines
usw., Paris 1919; Bücher Arbeit und Rhythmus
325 ff. 381. 384. ®) Grimm Mythol. 2, 1190;
Rochholz K. 182; Ploss Kind 2 2, 312.
7 ) Ploss Kind 2 2, 315. 8 ) Ebd. 312 f.; Stracker-
jan 2, 206; vgl. die „Kinderpredigt“: Ein
Huhn und ein Hahn / Die Predigt geht an /
Ein Katze und eine Maus / Die Predigt ist aus;
Urquell NF. 1, 10. 9 ) RTrp. 7 (1892), 758;
Mannhardt Germ. Mythen 347 f.. 10 ) Z. B.
Panzer Bayer. Sagen 545. xl ) Ploss Kind 2
2, 317. 11 ) Für solche Reihenlieder vgl. Müllen-
hoff Sagen 484; Frischbier Preuß. Volksreime
157 ff.; Köhler Volksbrauch 182; Schulen¬
burg Wend. Volksth. 178 u. a. Kummer.
Kinderopfer. 1. Die uralte Sitte des
Menschenopfers forderte ursprünglich, daß
die Mächtigsten und Vornehmsten, die
Könige und Adeligen, als Opfergabe dar¬
gebracht würden, waren sie doch die
manamächtigsten, die Gottnächsten x ).
So opferten die Schweden ihren
König Olaf dem Odin für ein gutes
Jahr 2 ). Später traten verschiedene
Ersatzopfer an die Stelle des Königs¬
opfers, das nur in größter Not noch fak¬
tisch vollzogen wurde; man schlachtete
Gefangene, Sklaven, Verbrecher, auch
Tiere. Am naheliegendsten (und wirk¬
samsten) war aber, statt des Königs den
Königs-Sohn, später ein beliebiges Kind
einer vornehmen Familie, zuletzt irgend¬
ein Kind den Göttern zu verwenden.
Als in Thessalien Hungersnot herrschte,
wollte König Athamas auf Anraten eines
durch die teuflische Stiefmutter ver¬
fälschten delphischen Orakels seine
beiden Kinder Phrixus und Helle opfern.
Um Artemis zu versöhnen, opferte
Agamemnon seine Tochter Iphigenie.
König Mesa von Moab schlachtete seinen
Sohn auf den Mauern der Stadt, als er
von den Israeliten bedrängt wurde 4 );
..da kam ein eewaltieer Zorn über Israel.
so daß sie von ihm abzogen und zurück¬
kehrten“. Unzählige Drachensagen be¬
richten von der Opferung, bzw. Preisgabe
von Königstöchtern an ein das Land ver¬
heerendes Ungetüm, wobei freilich der
Held oft die Vollziehung des Opfers im
letzten Augenblick hindert. So schickten
die Athener alle 7 Jahre als schuldigen
Tribut für den Minotaurus sieben Jüng¬
linge und sieben Jungfrauen nach Kreta.
Eine elsässische Sage berichtet von fürch¬
terlichem Elend im Lande, das nur durch
Ertränken eines Kindes im See hätte
abgewendet werden können. Tatsächlich
erlosch die Seuche erst, als der jüngste
Sohn eines vornehmen Geschlechtes er¬
trunken war 5 ). Bisweilen entsteht das
bedrohliche Elementarereignis nur, weil
der Gottheit das von ihr erwählte Opfer
vorenthalten wurde 6 ). Es wird auch von
regelmäßigen K.n zur Frühlingszeit be¬
richtet 7 ).
K. dienen auch dazu, schwindende
Körperkräfte zu erhalten. König Aun
oder On von Schweden opferte neunmal,
jedes neunte Jahr, einen von seinen zehn
Söhnen dem Odin; und so konnte er
bis weit über die menschliche Lebenszeit
sich erhalten. Als er auch den zehnten
opfern wollte, verwehrte es das schwedische
Volk, so daß er sterben mußte 8 ). Einen
schauerlichen Nachklang solcher K. bieten
auch die Erzählungen von den „schwarzen
Messen“. Spuren davon bieten die zahl¬
reichen Hexensagen mit ihren Berichten
vom Ausreißen und Essen der Kinder¬
herzen ®). Kinderleichen, insbesondere
solche ungeborener oder ungetaufter Kin¬
der, dienen zu mancherlei Zauber 10 );
man verbrennt sie etwa zu Asche und
bereitet daraus einen Teig, der Obstbäume
und Weinstöcke zum Verdorren bringt,
ja auch auf Menschen Gift Wirkung ausübt.
Von Giles de Laval, Marschall von
Frankreich, wird erzählt, daß er den
Dämon, der ihm bei der Goldmacher¬
kunst helfen soll, „gleich zum Einstand
das Herz, die Hand und das Blut eines
Kindes darbringt“. Später lockt ein
altes Weib für ihn Kinder an; schließlich
schlachtet er dem Dämon auch sein
eigenes ungeborenes Kind 11 ).
I363 Kinderraub 1 364
2 ) Jahn Opfergebräuche 64. 2 ) Ynglinga Saga
47. 3 ) Frazer Der goldene Zweig 423. 4 ) II.
Kön. I 3, 6 ff. 5 ) Stöber Elsaß 169 Nr. 93.
•) Mülhause Hessen 2590. 7 ) Grimm Myth.
3, 25 ff. ®) Frazer a. a. O. 423; ders.
Folklore in the Old Testament 2, 213. 9 ) Grimm
Myth. 3, 25. 10 ) Wuttke 126 § 484. 11 )
Görres Christliche Mystik 5, 464.
2. Abgesehen davon wurden gewissen
Gottheiten regelmäßig K. gebracht. Am
bekanntesten ist dies von den semitischen
Molochgestalten 12 ). Im Alten Testament
spielt das Opfer der Erstgeburt eine be¬
sondere Rolle. In der Erzählung von der
Opferung Isaaks wird berichtet, daß das
Menschenopfer durch Tier-Ersatzopfer ab¬
gelöst worden sei 13 ); aber auch noch in
späterer Zeit wird von der Opferung bzw.
Auslösung der Erstgeburt von Mensch
und Tier gesprochen 14 ).
Im deutschen Aberglauben ist jene
Variante am häufigsten, daß das Kind
einer himmlischen oder dämonischen
Macht von den Eltern vor der Geburt
oder aus anderen Gründen versprochen
worden war; bisweilen muß die Hingabe
dann nicht durchgeführt werden. Hierher
gehören die Märchen von dem ,,Marien¬
kind'‘ oder Rumpelstilzchen-Typus und
die zahllosen Teufelssagen, wo der Teufel
sich ein Kind versprechen läßt, um das
er dann durch List oder Fömmigkeit ge¬
prellt wird.
12 ) Frazer a. a. O. 410. 13 ) Gen. 22. 14 )
Ex. 13, 12 ff.
3. Kinder finden auch mit Vorliebe bei
Bauopfem (s. d.) Verwendung 15 ). Hier
kann es sich manchmal auch umErsatzopfer
für Erwachsene handeln 16 ). Meist wird
aber das Kind gewählt worden sein 17 ),
weil seine ungebrochene Jugendkraft und
Unschuld kräftigeren Zauberschutz für
das Bauwerk erhoffen ließ. Dafür spricht
der Umstand, daß die geopferten Kinder
meist lebendig eingemauert wurden, und
daß man besonderes Gewicht darauf
legte, sie bei guter Laune zu erhalten 18 ).
Man gab dem Kinde etwa eine Semmel
oder ein Stück Schmalzbrot in die Hand
und begrub es, während es noch mit
diesen Genüssen beschäftigt war. Die
Kinder verschaffte man sich durch Raub.
Man kaufte sie auch den Müttern ab,
ließ etwa auch die Mütter Zusehen.
Analoge Bräuche werden von den Dschag-
ga berichtet, wo auch Söhne der ältesten
Adelsgeschlechter lebendig begraben wur¬
den, um das Land gegen die Feinde zu
bewachen und den Eltern zwar Ersatz
gegeben wurde, aber verboten war, um
die so hingemordeten Kinder zu trauern,
damit es nicht deren guten Willen ver¬
mindere, für ihr Land das Beste zu tun.
16 ) Zur Sage vom eingemauerten Kind vgl.
NdlTVk. 32, 1—13 (mit reicher Lit.); Lieb¬
recht ZVolksk. 286 ff. 18 ) Eisei Voigtland
252 Nr. 630. 17 ) Bechstein Sagenschatz 4,
157; Strackerjan 1, 108; Rochholz Sagen 2,
93. 18 ) Wuttke 281 § 440. M. Beth.
Kinderraub. Kleine Kinder, als noch
nicht ganz dem Geisterreiche entzogene
und dem Irdischen verhaftete Seelen¬
wesen, sind mannigfachen Angriffen von
seiten der Geisterwelt, insbesondere der
Elben und Kobolde, ausgesetzt und hilf¬
loser gegen sie als Erwachsene 1 ). Am ge-
fährdetsten sind die Säuglinge während
des Wochenbettes der Mutter und vor
ihrer Taufe. In dieser Zeit müssen sie
bei Tag und Nacht vor dem Angriffe der
Zwerge 2 ), Wichtel 3 ), Nixen 4 ) oder
anderer Kobolde 5 ) bewacht werden. Alle
diese stehlen die Kinder und legen an
ihrer Stelle einen Wechselbalg in die
Wiege Ä ). Die erwachende Mutter sieht
zwei Kinder nebeneinander, und wenn
sie nicht nach dem richtigen greift, so
ist ihr das eigene verloren 7 ). Darum
darf die Mutter nicht einnicken, wenn
nicht jemand bei dem Kinde wacht;
Mutter und Kind sollen überhaupt nicht
allein bleiben 8 ). Außerdem werden noch
verschiedene Abwehrmittel gebraucht. In
das Wickelband wird ein Stück Brot
und Salz gesteckt 9 ), oder ein Stück
Stahl, ein Messer, am besten ein be¬
kreuztes oder zwei kreuzförmig gelegte,
eine (kreuzförmig gelegte) Schere 10 ), ein
Schlüssel n ), ein Amulett, rotes Band 12 ),
Dosten, Dorant und Kümmel 13 ). Die
Hosen des Vaters 14 ) oder irgend ein
anderes Kleidungsstück desselben werden
zum Schutz über die Wiege gebreitet.
Man steckt auch ein Messer oder einen
Dolch so hinein, daß die Spitze heraus¬
ragt, damit sich die nahenden Unholde
1365
Kinderschreck
1366
daran verletzen 15 ). Ein Kreidestrich
auf der Fuge zweier Dielen ist auch ein
unüberst eigliche s Hindernis für den
Wechselbalg 16 ).
Wenn die Butte (der Wechselbalg)
bereits einen Tropfen Muttermilch ge¬
kostet hat, ist das vertauschte Kind nicht
wieder zurückzubekommen, deshalb darf
die Mutter dem Kinde nur vorsichtig die
Brust geben 17 ). Doch gibt es mancherlei
Methoden, um die Räuber wieder zum
Rücktausch zu bewegen. Sei es, daß man
den Wechselbalg mit einer einjährigen
Haselrute prügelt 18 ), sei es, daß man
ihn vor die Türe legt 19 ), daß man ihm
die Nahrung verweigert 20 ) oder ihn ins
Wasser wirft 21 ) oder ihn durch ein unge¬
wöhnliches Tun zum Eingeständnis bringt,
daß er kein richtiges menschliches Kind
ist 22 ), kann man das richtige mensch¬
liche Kind wieder erhalten. Einmal
hat ein Kindermädchen, im Zusammen¬
hang mit einer Wette, es auf sich ge¬
nommen, nachzusehen, was der beständige
Lichtschein im Keller eines Hauses be¬
deute. Da rief es: „Guckst du hin, so
werf ich“. Sie antwortete: „Wirfst du,
so hasch* ich“ und hob ihre Schürze.
Da lag ein Kind darin, in welchem ihre
Herrschaft das ihre erkannte, der Wechsel¬
balg aber war verschwunden tt ). In
vielen Sagen ist Rückgabe des eigenen
Kindes Belohnung für gute Behandlung
des Wechselbalgs.
Es wird auch Raub größerer Kinder
berichtet. Die wilden Weiber locken
durch Musik die Kinderfrau von ihnen
fort, dringen dann durch das Fenster
ein und entführen die Kinder in der
Windsbraut 24 ). Ebenso die Waldgeister,
der Salvanel, die Fanggen, die böhmische
Waldfrau 25 ), der Alp, Frau Holle ae ).
Der Kornengel raubt die Kinder, welche
sich bei Pflücken der Kornblumen zu
tief in das Getreide wagen 27 ). Dasselbe
droht von der Kommuhme 28 ). Auch
Hexen rauben Kinder 29 ). Sie sind oft
Menschen- bzw. Kinderfresserinnen, wie
z. B. das Märchen von Hansel und Gretel
voraussetzt. Eine hexerische Spinnerin
hat bei Lebzeiten Kinder in Katzen ver¬
wandelt und dann auf dem Blocksberg
verzehrt. Nach ihrem Tode wurde sie
in eine Eiche gebannt. Aber noch immer
schnurrt ihr Spinnrad und die schönsten
Blumen blühen Sommers und Winters
in einem kleinen Umkreis derselben, um
Kinder anzulocken, denn beträte ein
Fuß diesen Raum, so wäre sie erlöst a0 ).
Letzte Reste jener alten Überliefe¬
rungen sind die Traditionen, daß wilde
Tiere, besonders Adler oder Lämmer¬
geier, Kinder rauben und in ihren Horst
schleppen 31 ). Der frühe Tod eines Kindes
wird auch ganz allgemein dahin auf gef aßt,
daß es von Dämonen geraubt worden
sei 32 ).
l ) Mannhardt Germ. Mythen 310; Beth
Religion und Magie 2 245 ff. 311. *) Grimm
Myth. 2, 886. 3 ) Alpenburg Tirol 110. 4 )
Eisei Voigtland 31 Nr. 61. 6 ) ZfVk. 25, 121.
•) Kuhn und Schwartz 29 ff. 105. 480;
Wolf Beiträge 2, 321; Mülhause 28; Weber
Indische Studien 5, 260. 7 ) Wuttke 360
§ 583. 8 ) Grimm Myth. 3, 453 Nr. 564. •)
Ebd. 10 ) Wuttke 359 §581- n ) Grimm
Myth. 3, 450 Nr. 484. 12 ) Wuttke 359 § 581.
13 ) Eisei Voigtland 52 Nr. 118. 14 ) Grimm
Myth. 3, 451 Nr. 510; Wuttke 359 § 581.
1S ) Grimm Myth. 3, 453 Nr. 565. 1Ä ) Wuttke
359 §581. 17 ) Ebd. 359 § 582. 18 ) Ebd. 361
§ 585. 1«) Ebd. *«) Köhler Voigtland 481.
21 ) Wolf Beiträge 2, 303. **) Wuttke 361
§ 585. 23 ) Eisei Voigtland 163 Nr. 445. a4 )
Vernaleken Mythen 249; Grohmann Sagen
127 ff. **) Mannhardt 1, 153. M ) Köhler
Voigtland 480. ,7 ) Wolf Beiträge 2, 275. M )
Rochholz Glaube. 2 *) Grimm Myth. 2, 898.
30 ) Eisei Voigtland 91 Nr. 228. 81 ) Rochholz
Sagen 383. 82 ) Frazer Folklore in the Old
Testament 2, 170. M. Beth.
Kinderschreck, Popanz. Primitive
Phantasie unverständiger Erzieher hat
wohl zu allen Zeiten x ), bald in mehr
spielender, bald in ernsterer Weise mit
Schreckgestalten gearbeitet, die dazu
dienen sollen, gewissen Erziehungsgrund¬
sätzen den nötigen Nachdruck zu ver¬
leihen. Ob es gilt, des Kindes Unarten,
Trotz, Geschrei zu überwinden, es zu
Gebet und Frömmigkeit anzuhalten, es
bei Dunkelwerden von der Straße ins
Haus und ins Bett zu scheuchen, oder
es von gefährlichen Orten (Wasser, Korn¬
feld u. dgl.) femzuhalten, stets ist ein
„Schwarzer Mann", „Bumann“, „Böög-
gel", oder wie der Popanz sonst heißt.
136;
Kinderschreck
1368
zur Hand, der das Kind „holt“ oder klaas, B(r)ummeluks, Bummermann,
irgendwie anders straft, wenn es den Bummkerl, Mummkerl, Mümmelmann
Weisungen der Erwachsenen nicht folgt. Mummumm 3 ), Wullekärl, Wullemann
Nur verhältnismäßig selten entstehen Lollekerl, Lollemann, Bollewatz, Wulle-
dabei ganz neue Gestalten, die allein watz, Wullewackes, Wuwelax 4 ) (vgl.
dem pädagogischen Zwecke dienen wie Buwatz) 5 ) usw.; „der Bullermann ist
a \ W u n .' eclerdeutsclle Bumann schwarz, mit schwarzem Kapuzenmantel,
(s. d.); häufiger sind es schon vorhandene trägt einen großen Sack auf dem Rücken!
Gestalten des Spuk- und Dämonen- in den er die unartigen Kinder steckt, und
glaubens, die dann zunächst auch, mit hat einen Knüppel, mit dem er gegen die
der Zeit aber oft nur noch als K. ver- Türen bullert“ 8 ); „Bummermann nimmt
wandt werden Denn es scheint ein di mit, denn wardst inn Sack stäken,
rehgionsgeschichtliches Gesetz zu sein, int Water smäten, un denn swemmst
daß einerseits Glaubensvorstellungen sich du wech“ 7 ). In Mittel- und Süddeutsch-
mit fortschreitender „Aufklärung“ als land entspricht vor allem der Butze-
K. in die Kinderstube zurückziehen, mann, dessen ebenfalls vielfach ent-
anderseits aber auch der häufige Miß- stellter Name (oben r, 1763) als Buse¬
brauch solcher Vorstellungen als K. den mann, Büsemann, Buselmann, Busebeller,
ihnen etwa noch geltenden Glauben Buschemann, Buschebar, Buschebau, Bu-
untergräbt: erst das, woran man selber scher usw. aber auch in Norddeutschland
nicht mehr ernstlich glaubt, ist so recht bekannt ist 8 ), und der Popelmann
zum K. geeignet ; umgekehrt aber büßt, (s. d.) oder Pöpel»). Im ganzen Sprach-
was häufig als K. mißbraucht wird, mit gebiet scheint der (wohl aus der
wi u . n0t T en J dlg an G1 . auben ein - Sphäre des Totenglaubens stammende) 10 )
Welchen Grad diese Entwicklung im schwarze Mann (s. d.), auch swart
einzelnen Falle erreicht hat, wird sich Peter, Nachtmann, langer Mann oder
auf literarischem Wege nicht oft fest- bloß „der Mann" genannt, als K. vorzu¬
stellen lassen; jedenfalls kann eine solche kommen u ), mit dem schon der spätere
Feststellung hier nicht meine Aufgabe Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen
sein, wie auch eine vollständige Samm- (1611—1656) durch seinen Präceptor Seb.
ung aller als K. vorkommender Ge- Leonhard geängstet wurde 12 ) (vgl. auch
s en und Namen hier nicht von mir das Haschespiel „wer fürchtet sich vorm
erwartet werden darf 2 ). schwarzen Mann“) 13 ). Enger begrenzten
Die beim K. wirkenden Bildvor- Geltungsbereich haben z. B. der seit dem
Stellungen sind einigermaßen eintönig und 16. Jh. belegte und in die Schriftsprache
der Kinderphantasie angepaßt: er hat aufgenommene Name Popanz, der mund-
vor allem einen Sack, in dem er die artlich auf Ostmitteldeutschland be-
bosen Kinder mitnimmt, einen Haken, schränkt und vielleicht aus tschech.
mit dem er sie zu sich zieht, wobei z. T. bubak abzuleiten ist 14 ), das voigtländi-
die weitere Vorstellung mitspielt, daß er sehe Schreckgökerle 18 ), der mittel-
die so gefangenen frißt (vgl. Kindli- und süddeutsche Wauwau 18 ) (aus dem
fresser); oder er hat eine Rute, mit kein „Sturmgott Wauwau" zu erschließen
der er sie schlägt. Daneben gibt es aller- ist)«), die rheinische Ovendsmoer
drngs auch eigenartigere Ausgestaltungen (Abendmutter) 18 ), die schweizerischen
(S \p\ „ . , . . Böögg (s. d.), Bölimann (s. d.), Ma-
K. der allgemeinsten Art ist in Nord- muuggi 18 ) und viele andere. — Das
deutschland neben dem Bumann vor gemeinsame an den K.en dieser ersten
allem der Bulle(r)mann, der seinen Gruppe besteht einmal darin, daß sie
viei variierten Namen vom bullern (pol- ohne deutlich abgegrenztes pädagogisches
tem) hat: Bullerkerl, Bollemann, Bolle- „Patronat“ (wie es die K.en der dritten
mann, Bulemann, Bolekerl, Buleklaas, Gruppe besitzen) gewissermaßen das mo-
ebeis, Bulemucks, Hulemann, Hule- ralische Prinzip als solches verkörpern:
1369
Kinderschreck
1370
sie holen und strafen „unartige Kinder“; wie der Diternäst (= Tut dir nichts)
ferner darin, daß sich — unbeschadet und Nemest (= niemand) der Sieben-
ihrer dem Forscher deutlichen verschie- bürgener Sachsen “). Wie schließlich
denen Herkunft — ihr Dasein im heutigen der K. selbst bei den Kindern Glauben
Volksbewußtsein im wesentlichen auf und Wirkung einbüßt, zeigt das ver-
die Kinderstubenphantasie beschränkt: breitete Kinderlied: ‘Es tanzt ein
sie sind K.en xat‘ iiv/rp geworden (die Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus her-
gelegentliche Übertragung mancherNamen um’ **).
wie Bullermann u. dgl. auf die „polternde" Eine dritte Gruppe von K.en hat
Wetterwolke ist wohl sekundär und scherz- in der Kindererziehung eine fester um¬
haft). rissene Aufgabe (‘Patronat’): sie drohen
Auf eine zweite Gruppe trifft zwar an bestimmten, den Kindern verbotenen
die erste, nicht aber die zweite Bestim- Örtlichkeiten. Das gilt in erster Linie
mung zu; es handelt sich bei ihnen um von den im Kornfeld hausenden K.en,
Gestalten des Volksglaubens, die auch im in denen die Erinnerung an früher ge-
Volksbewußtsein noch heute ihr selb- glaubte tier- oder menschengestaltige
ständiges Dasein haben und nur daneben Vegetationsdämonen noch mehr oder
auch als K. (meistens ohne besonderes minder deutlich fortlebt, die aber heute
Patronat) verwandt werden: ‘Wäs still, meistens wohl nur noch dazu dienen, die
de Wood steit vört Finster' oder ‘Fru Kinder vom Kornfeld femzuhalten, in
Goden kütnt'l heißt es im Mecklenburg^ dem sie sich verirren könnten 87 ), das
sehen 80 ), und dem entspricht es, wenn sie aber auch nicht zertreten sollen:
man in Schlesien die Kinder mit dem gah nich int kuurn, dor sitt de roggen-
„Nachtjäger“ 21 ), im Belgischen mit dem wulf (de hawerbuck) in, de frett juch up *»);
„ewigen Fuhrmann“ **) bedroht; ander- ähnlich der Kniesbuck 3 ®), der Bull-
wärts dienen z. B. der N a c h t r a b e (s.d.) 23 ), kater (s. d.) “), der Wolf 81 ), Bär 48 )
das Huri, Nachthuri (s. Klage), das (vgl. auch oben Busebar), die wilde
die beim Reisigsammeln verspäteten Kin- Sau “) u. dgl. Anderswo droht man
der in den Sack schiebt 24 ), der „Alf" **), den Kindern mit der Kornmutter und
de olle Häksche (s. Harke, Frau) *•), Roggenmuhme, die sie an ihre schwar-
Frau Bercht und Frau Holle als K. zen oder eisernen Zitzen legt, so daß sie
(schon im 16. Jh.: schweyg oder die eysene sterben (daher Tittenwif **), Häkel-
Bertha kumbt) 87 ). Ja sogar der Teufel möhm 45 )), oder ihnen eine Teerstulle
wird gelegentlich zum Popanz; doch zu essen gibt; oder mit dem Chom-
entspricht es nur dem oben Gesagten, hanseli 46 ), dem Bölima (s. d.) u. dgl.
wenn sich dieser Mißbrauch einer noch Über alle diese Vorstellungen hat W.
so lebendigen Glaubensvorstellung in der Mannhardt ausführlich gehandelt 47 );
Kinderstube grausig rächt: der Teufel vgl. auch unten unter Korndämonen
stellt sich auf die Drohung wirklich ein (Kornmutter, Roggenmuhme, Rog-
und holt das schreiende Kind 88 ). — genwolf). — Wie im Korn die Roggen-
Umgekehrt ist es ein letzter Grad der muhme, so sitzt im Erbsenfeld die
Entleerung an Glaubensgehalt, wenn auch Erftenmöin 48 ), im Weinberg der Trübe-
Gestalten der nüchternen Wirklichkeit hans oder Rebhansel, der die Trauben
als K. angesprochen werden, nur weil naschenden Kinder fängt und einsperrt
sich mit ihnen für das Kind gewisse oder der Hanselima, der ihnen die Hände
Gruselvörstellungen verbinden wie der abhackt 49 ); im Walde das Hardtweible,
Kaminkehrer (als schwarzer Mann) 28 ), das die Kinder irreführt und schlägt 80 ),
schon im 16. Jh. 30 ); der (polnische) Jude das Aichlimanndli 81 ), die Buschmutter
(mit seinem Sack) 81 ), der Zigeuner 38 ), (Mickadrulle, Spilladnille) M ), das März-
der Gendarm **), der Moskowitter 34 ) hackel („das schneidet euch die Schinken
u. dgl., oder wenn deutlich scherzhafte i ab“) M ), die Waldkatze („die kratzt
Namenbildungen für den K. erscheinen, ! dir die Augen aus und frißt dich auf“) 84 ).
Kinderschreck
1372
1371
— Vor allem hat dann noch das Wasser
seine K.en, in denen die alten Wasser¬
dämonen fortleben: überall in deutschen
Landen haust in Brunnen, Teichen,
Bächen der Hakenmann (s. d.), der die
Kinder mit seinem Haken in die Tiefe
zieht, oder mit anderem Namen für die
gleiche Vorstellung: Mettje mit'n langen
Arm 5ß ), die ‘Dükermoder' M ), Water-
möhm ß7 ), Ondemutter 68 ), das Bachtele-
muoterli M ), der Brunnenmann ®°), Karren¬
mann (der die Kinder auf seinem Karren
in die Tiefe holt) 61 ), aber auch der
Bumann, Bussemann 62 ) oder sogar der
Tader (Zigeuner)•*). — Ein Haken¬
mann sitzt auch im Heu und zieht die
auf dem Heuboden spielenden Kinder ins
Heu hinunter M ), und im Abort, in den
die Kleinen hineinfallen könnten 65 ).
Eine vierte und letzte Gruppe
von K.en tritt in den Maskenumzügen
besonders der Advents- und Weihnachts¬
zeit in persona auf: entweder sind es der
umziehende Nikolaus, Klasbur, Schande-
klas, Pelzemärtel, die hl. Lucia 66 ), das
Christkindchen 67 ), die Pudelmutter 68 ),
die Pechtrababa ••) usw. selber, die nicht
nur die guten Kinder freundlich be¬
schenken, sondern auch die bösen und
faulen (die ihr Gebet nicht aufsagen
können) in den Sack zu stecken drohen
oder mit ihrer Rute oder mit dem Aschen¬
beutel schlagen; oder die heiligen Per¬
sonen werden von einer Schreckgestalt,
dem Hansmuff, Klaubauf (s. d.), Kram¬
pus 70 ), Rupprecht, Semper 71 ) usw. be¬
gleitet, dessen Amt es ist, die bösen
Kinder in Schrecken zu setzen, und der
gelegentlich auch allein auftritt (vgl.
Weihnachtsumzüge, Rauchnächte,
Nikolaus, Lucia). In einigen Gegenden
folgt zu diesem Zweck dem Heiligen
“de düveT in eigner Person 72 ).
Erwähnungen von K.en aus dem deut¬
schen Mittelalter sind spärlich und
werden erst um 1500 deutlicher 73 ): Wenn
in Boners Fabelsammlung (um 135°)
eine Mutter ihrem schreienden Kinde droht:
der wolf nimt dich , so stammt das wört¬
lich aus Boners lat. Quelle 74 ); gelegent¬
lich ist von der Furcht der Kinder vor
dem Butzen die Rede 76 ); erst bei Geiler
von Kaisersberg heißt es mit echter
K.formel: ‘Wenn das Kind sein Muoter
im Hauss behalten wil, so spricht sy:
gang nit hinaus / der Mann ist draus\ 76 ),
womit gewiß eher der ‘schwarze 1 als der
‘wilde' Mann gemeint ist; ein andermal
sagt bei ihm die Mutter: schweig , der
Murmler oder der Butz ist daußenX oder
der Mann der wil dich beißen oder die
gensz die pfeiffen iber dichX 77 ). Luther
spricht vom schwarzen Poppelmann und
Nickel 78 ) und weiß, daß man die Kinder
„mit Potzen und Robunten schüchtert “ 79 ),
wobei er wohl an K.en unserer vierten
Gruppe denkt 80 ).
Eine dem K. verwandte aber freund¬
lichere Gestalt der Kinderstubenphantasie
ist der Sandmann (s. d.).
l ) Vgl. z. B. Pauly-Wissowa s. v. Akko
und Lamia. *) Reiche, von mir nur z. T. aus¬
geschöpfte Sammlungen von K.en bringt vor
allem Wossidlo Mecklenburg 3, 154 fl. u.
Anm. S. 380 ff.; außerdem Müllenhoff Sagen 2
(ed. Mensing) 545 zu Nr. 499; Heckscher
426 (96); Moscherosch Jnsomnis Cura (1645)
ed. Pariser (1893) S. 83; Grimm Myth.
1, 419. 4250.; Böhme Kinderlied 96 ü. ;
Kuhn u. Schwartz 429 Nr. XXII, vgl. auch
167 Nr. 190; Kuhn Westfalen 2, 16 Nr. 44;
Ndd. Korrbl. 1, 13 f.; 4. 2 9 (d); BIPommVk. 2,
63; Knoop Hinterpommern 158 Nr. 29; Kehr¬
ein Nassau 2, 275 f.; Meier Schwaben 148 f.;
Birlinger Volksthüml. 1, 528; Singer Märchen
23 ff.; Kuoni St. Gallen 82 f.; Zingerle Sitten
4 f. Nr. 17 f.; Blniederösterr. Landeskd. 1, 75
Nr. 82; Haltrich Siebenb. Sachsen 257 (vgl.
168); Siebenb. Korrbl. 25, 61 ff. — Eine Geo¬
graphie der deutschen K.en wäre m. E. eine
dankbare Aufgabe für den Volkskundeatlas.
3 ) Müllenhoff Sagen 1 338. 545 f. (Nr. 499);
Mensing Schlesw. Wb. 1, 574 f.; Heckscher
426 (96); Wossidlo Mecklenburg 3, 154!.
Nr. 1035. 1041 u. Anm.; Schell Berg. Sagen
151 Nr. 29; auch Birlinger Volksth. 1, 250
Nr. 392. 4 ) ZfdMyth. 1, 395; Kuhn Westfalen
2, 16 Nr. 44; Wrede Rhein. Volksk 3 155;
Kehrein Nassau 2, 275 f. 6 ) Pfister Nach¬
trag zu Vilmars Idiotikon 40. # ) Mensing
Schlesw. Wb. i, 575; Müllenhoff a. a. O.
7 ) Wossidlo Mecklenburg 3. 154 Nr. 1035.
8 ) Müllenhoff a. a. O.; Mensing 1, 592. 593;
2, 573; Heckscher a. a. O.; Kuhn und
Schwartz 429 Nr. 257; Frischbier Preuß.
Wb. 1, 121 f. *) Klingner Luther 19; Zedier
Universal-Lexikon 28, 1517; Urquell 3 (1892),
255; Regel Ruhlaer Mundart 141. 10 ) Nau¬
mann Gemeinschaftskultur 47. u ) Mosche¬
rosch Insomnis Cura 83; Singer Märchen
1, 24; Mensing Schlesw. Wb. s. v. swarte mann ;
Wossidlo a. a. O. 3 Nr. 1034; Bl. f. Landeskde.
1373
Kindersegen und Kinderlosigkeit
1374
Niederösterr. 1, 75 Nr. 82; ZfrwVk. 2, 99
Nr. 49. lt ) ZfdMyth. 2, 122. 13 ) Böhme Kinder¬
lied 565 Nr. 379; vgl. auch ZfdMyth. 1, 437;
2, 122. 14 ) Kluge Etym. Wb. s. v. popanz ;
aber vgl. ZfdA. 32, 158; ZfdMyth. 3, 110.
16 ) Köhler Voigtland 477. 18 ) ZfdMyth. 2,
424; vgl. auch oben 1, 27 (Anm. 77); Kehrein
Nassau 2, 276; Rochholz Sagen 2, 211 Nr. 425;
Bl. f. Landeskde. Niederösterr. 1, 75 Nr. 82.
17 ) Sepp Sagen 466 f.; Simrock Myth. 196.
18 ) Wrede Rhein. Vk 3 156. 19 ) Lütolf Sagen
125 Nr. 29 d. 20 ) Wossidlo Mecklenburg
3, 155 Nr. 1039. 21 ) Kühnau Sagen 2 Nr. 812.
1064. 1088. * 2 ) Schell Berg. Sagen 151 Nr. 29.
* 3 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 410; Meier
Schwaben 1, 150 Nr. 168, 5; Schambach
Wb. 141. 24 ) Lütolf Sagen 123 Nr. 59 b.
36 ) Siebenb. Korr.bi. 25, 62 (unter alf). 2Ä )
Kuhn und Schwartz 429 Nr. 257. 27 ) Crusius
Ann. suev. II 8 cap. 7 p. 266 (= Grimm
Myth. 1, 230); vgl. auch Witzschel Thüringen
2, 134; Birlinger Volkst. 1, 249 t.; Meier
Schwaben XXII; Pröhle Harzsagen 2 171;
Grimm Myth. i, 226; Waschnitius Perht
27. 164. 176. 28 ) Zingerle Sagen Nr. 474;
vgl. auch Alpenburg Alpensagen Nr. 209;
Niderberger Unterwalden 2, 107. ") Wos¬
sidlo Mecklenburg 3 Nr. 1033 (u. 1332);
Knoop Hinterpommern 158 Nr. 29; Mensing
Schlesw. Wb. s. v. schosteenfeger ; Meier Schwaben
1, 148 Nr. 168, 1; Haltrich Siebenb . Sachs.
257. 30 ) Fischart Gargantua 198; Mosche¬
rosch Insomnis Cura 83. 31 ) Wossidlo a. a. O.;
Knoop a. a. O.; Wrede Rhein. Volksk .* 156;
Mensing Schlesw. Wb. 1, 578; Siebenb. Korrbl.
25, 62; Bl. f. Landeskde. Niederösterr. 1, 75
Nr. 82. sa ) Mensing Schlesw. Wb. 2, 573;
Siebenb. Korrbl. 25, 63. M ) Wossidlo a. a. O.
34 ) Wossidlo a. a. O. Anm. 35 ) Haltrich
Siebenb. Sachs. 168. 257. 89 ) Böhme Kinder¬
lied 96 Nr. 439. 37 ) Mannhardt Forschungen
306 Anm. 2. 38 ) Wossidlo Mecklenburg 3
Nr. 1048. 1049. 39 ) Müllenhoff Sagen 2 545
zu Nr. 499. 40 ) Bartsch Mecklenburg 2, 127;
Mannhardt Korndämonen 2. 41 ) Knoop
Hinterpommern 158 Nr. 29; Mannhardt
Roggenwolf 9 f.; Wrede Rhein. Volksk . 2 156;
Böhme Kinderlied 98 Nr. 444. 42 ) Wossidlo
a. a. O. Nr. 1031. 43 ) Meier Schwaben 1, 149
Nr. 169, 4. M ) Sartori Westf. Volksk. 81;
ZfrwVk. 1903, 208; Mannhardt For¬
schungen 304. 45 ) Ebd. 44 ) Singer Märchen
1, 23. 47 ) Mannhardt Roggenwolf 7ff.; Ders.
WFK. 2, 157 f.; Ders. Forschungen 297 ff.
4S ) Kuhn und Schwartz 429 Nr. 259; Kuhn
Märk. Sagen 372. 42 ) Singer Märchen 1, 29.
*°) Birlinger Volkst. 1, 64 Nr. 86; vgl. Waibel
und Flamm 1, 239 f. und das Hardjoggeli bei
Singer Märchen 1, 23. 51 ) Singer a. a. O.
30. ß2 ) Kühnau Sagen 2, 186 f. Nr. 818. 820
( = Peter Volkstüml. 2, 20). M ) Zingerle
Sitten 4 f. Nr. 18. M ) ZfVk. 6, 318; vgl. auch
Mannhardt 2, 172 Anm. 3. 6ß ) Strackerjan
i, 419. 58 ) Wossidlo Mecklenburg 3 Nr. 1042.
* 7 ) Mensing Schlesw. Wb. 2, 573; Bartsch
Mecklenburg 1, 153; Wossidlo Mecklenburg
3 Nr. 1050; ZfVk. 5, 121. 68 ) ZfdMyth. 3,
172, I. w ) Singer Märchen 1, 24. fl0 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 185. ei ) Meier Schwaben
1, 149 Nr. 168, 2. 4I ) Men sing Schlesw
Wb. 1, 593. 63 ) Müllenhoff Sagen 1 545
M ) Singer Märchen 1, 24; Schwld. 4, 259
**) s. unter Hakenmann Anm. 4. 8fl ) Leh
mann Sudetend. Vk. 128. 67 ) z. B. ZfrwVk
2, 99 Nr. 49. 88 ) Weinhold Weihnachts
spiele 11; ZfVk. 8, 445; ZföVk. 2, 303t
82 ) Waschnitius Perht 27. 70 ) Bl. f. Landesk
Niederösterr. 1, 75 Nr. 82; Lehmann Sudetend
124. 71 ) Quitzmann 114; Haltrich Siebenb
Sachs. 257. 7l ) Wrede Rhein. Vk 3 230. 73
Zum folgenden vgl. Zingerle Kinderspiel 54f
74 ) Boner Edelstein Nr. 63, 10; vgl. Aviani
Fabulae ed. Hervieux (les Fabulistes latins III
Paris 1894) 265, I. 7ß ) Liutolt v. Seven
ed. Wackernagel (1862) 261, 6; Der Jüngere
Titurel (ed. Hahn) v. 1275, 1; Had.
v. Laber (ed. Schmeller) 357. 74 ) Zin¬
gerle a. a. O. 77 ) Geiler von Kaisers¬
berg Der Bilger (1494) fol. 23 a (ed. Dacheux
1882 S. 149); zu den Gänsen als K. vgl. Men¬
sing Schlesw. Wb. 2, 299: de Groot ganner
bitt di. 78 ) Luther Werke (Weim. Ausg.)
XXXIV 2, 247. 251. 253. 258; vgl. Klingner
Luther 19. n ) Ebd. VIII 171. ») vgl. Kling¬
ner a. a. O. Ranke.
Kinderschuhe s. Schuhe
Kindersegen (Ks.) und Kinderlosig¬
keit (Klk.)
(Kind = K., kinderlos — kl.)
1. Bewertung des Ks.s. 2. Fluch und Schuld
der Klk. 3. Vorzeichen des Ks.s und Mittel, ihn
zu verhüten oder zu erlangen.
i a) Eine Sage, in Stein auf dem Rats-
brunnen zu Buttstädt dargestellt x ), er¬
zählt: Kinderlose Eltern verschrie¬
ben dem Teufel das erwünschte K. Als
es da war und sie es einmal lächeln sahen,
ergriff sie der Schmerz und sie beteten,
bis ein Engel mit einer Wage den Kampf
der Elternliebe entschied: Der Teufel mit¬
samt dem schwersten Mühlstein w r og das
K. nicht auf. Die Sage wirft Licht auf
den ganzen das K. betreffenden deutschen
Aberglauben; dem Wunsch nach dem
K.e, im Schatten der Erbsündenlehre und
der Teufelsangst folgt die Sorge um
das K., der Kampf mit dem Bösen,
der zumal über das Ungetaufte Macht
hat. Aber wie in den Kämpfen des Glau¬
bens gegen „Erbsünde“ und „Bösesein
von Jugend auf“, gegen das „Dogma“,
1375 Kindersegen und Kinderlosigkeit 1376
das ungetauften K.erseelen den Himmel I reichtums, sondern die allgemeine
verschließt, das Christuswort von den Bewertung des K.erbesitzes.
„Kindlein“, denen „das Reich Gottes Niemals ist bei den einst ldnder-
ist“, immer wieder ins Feld geführt wur- reichen und kinderfrohen 2 ) Völkern des
de, so hat im Volksglauben das Wissen Nordens (vgl. Tacitus: „numerum libero-
von den angeborenen Segenskräften im rum finire flagitium habetur“) das Leben
„unschuldigen“ K. den Teufel und sein des kleinen K.es gering geschätzt wor-
kirchlich sanktioniertes Recht auf das den 8 ); wer das annimmt, mag auch den
ungetaufte, unbelehrte, unerlöst ster- imendlichen Reichtum der K.erfürsorge
bende K. immer wieder aufgewogen. in deutschem Volksbrauch und Aber-
Aus germanischer Heidenzeit ist glauben wie überhaupt die Mutterliebe als
uns wenig von frommer Bewertung des Erziehungsprodukt einer vorwiegend as-
kindlichen Lebens und von frommer Für- ketisch eingestellten Priesterschaft zu er-
sorge für das K. bekannt, aber nichts weisen suchen. K.estötung galt noch
von jener — vielfältige Schutzmaßnah- im heidnischen Island als gemeiner Mord,
men erzeugenden — Dämonenfurcht des Die Kindesaussetzung 4 ) (s. i, 730),
K.es wegen. Die Volkskunde hat dieses im dichtbesiedelten Island des 10.Jh.s in
„argumentum e silentio“ zu beachten, einigen Fällen bezeugt 6 ) (bei Reichen
Wenn nur bezeugt ist, daß die Nornen verurteilt) 6 ) und für das Altertum als
an der Wiege Schicksal fügen, Gaben eine Art Auslese der Gesunden
bringen, daß das K. seinen eigenen wohl anzunehmen 7 ), vielfach aus „Nach-
„Schutzgeist“ hat (Fylgja), daß es im klängen“ des durch die Maßnahme
Namen des Oheims oder Ahnen dessen erregten Mitgefühls in Sage und Dich-
ganze Persönlichkeit trägt, daß es für tung gefolgert 8 ), hat offenbar bei uns
unverletzlich güt (wie die Frau), u. a. m., niemals den Ks. kaltherzig reguliert
so bleibt keine Wahrscheinlichkeit für und beschränkt, womöglich mit einsei¬
altgermanische Parallelen jenes Glaubens tiger Anwendung auf das weibliche
an die besondere Gefährdung des Geschlecht®) (Elternliebe ist nicht
K.es durch Dämonen, die dann im | jünger als Elternschaft). Und wie im
Gefolge des christlichen Teufels den Le- M. A. die Massenaussetzungen von
bensabschnitt zwischen Geburt und K.em, nach Vorschrift an den Kirchen -
Taufe bedrohen, und überall in der Welt türen 10 ), von der christlichen Nächsten-
zumal bei sekundär primitiven Völ- liebe ausgeglichen wurden 11 ), so steht
kern in Verbindung mit zurückbleibender auf Alt-Island wie überall sonst das Mit-
Urteüskraft und dem Versagen ärztlicher leid zur Rettung der Kleinen bereit,
Kunst und Aufklärung an Macht gewin- und neben dem „Motiv“ dieser K.esaus-
nen. Setzung das andere von der wunderbaren
Und so kann wohl die vorzugsweise im Errettung 12 ).
deutschen oder nordeuropäischen Volks- Das Verkaufen von K.em in die
glauben sich zeigende Bewertung des Sklaverei, im MA. teüweise gestattet 13 ),
K.es als Segen, als segnende und er- bei Juden, Griechen und Römern be-
lösende Lebensmacht (die z. B. der den zeugt 14 ), hat in altnordischer Über-
K.erreiclitum so hoch bewertenden alt- lieferung und Sage kein Vorbüd, ist un¬
jüdischen Volksmeinung fehlt), sich nur vereinbar mit heidnisch religiöser Auf-
aus überliefertem Gedankengut heid- fassung von Sippe und Blut und wird
nischer Zeit erklären (das dann auch im Volksglauben immer schwer verur-
dem christlichen Weihnachtsfest das be- teilt 16 ).
sondere Gepräge des K.erfestes geben So dürfte es an der Zeit sein, bzl. Kin-
half und die erlösende Geburt über den desaussetzung (u. K.erverkauf) nicht
gekreuzigten Erlöser stellte). Der Begriff mehr „grausame Sitte in der Rohheit des
des Ks.s umfaßt also im deutschen Volks- Heidentums“ 16 ) zu sehen. Angesichts
glauben nicht nur den Begriff des K.er- der ungezählten ausgesetzten oder in
1377
Kindersegen und Kinderlosigkeit
1378
Hörigkeit gegebenen Priester- und Laien-
K.er des Mittelalters ist es falsch, wenn
man sagt, „das Christentum habe die
Bahn für eine mildere Auffassung der so¬
zialen Stellung des Kindes gebrochen“ 17 ).
Im Gegensatz zu manchen durch Ab¬
treibung sich schwächenden Naturvöl¬
kern 18 ) ist für alle indogermanischen
Völker in ihrer Frühzeit große Wert¬
schätzung des Ks.s bezeugt 19 ). Daß
sich diese Wertschätzung „in der äl¬
testen Zeit lediglich auf den Besitz von
Söhnen bezieht“ 20 ), „die den Ahnen¬
kultus verrichten, das Geschlecht fort¬
führen und tüchtige Arbeiter in der Wirt¬
schaft sind“ 21 ) (was bei Germanen die
Töchter auch tun und sind), und daß die
Mädchen dementsprechend „nur als
Tauschobjekt für den Vater Wert ha¬
ben“ 22 ), ist abgesehen von allen psycho¬
logischen Gegengründen 23 ) mit allen
Zeugnissen vom germanischen Altertum
zu widerlegen, die das freie Nebenein¬
ander der Geschlechter schon in der K.-
heit zeigen, beide Geschlechter mit dem
neutralen Begriff des K.es umfassend
(K. zu gens, gigno, Zeugung, Stamm,
zum Stamme gehörig 24 ), got.-altn. bam,
altn. mey-bam u. sveinbam usw.). Wenn
auch in unserem Volksglauben wie an¬
derswo 25 ) die Geburt eines Mädchens
weniger freudig begrüßt wird als die eines
Knaben 26 ), und trotz mancher aus¬
gleichender Beurteilung im Volksmund 27 )
und manchen wohlgemeinten Tadels die
Mädchengeburt oft niedriger bewertet
wurde 28 ) (was sich wohl vorwiegend aus
wirtschaftlichen Verhältnissen und sitt¬
lichen Wandlungen unter semitischem
Vorbüd schärfster Wert Unterscheidung
der Geschlechter 29 ) erklärt), so läßt sich
doch der auf das K. bezügliche Aber¬
glaube keineswegs nach Geschlechtern
trennen, sondern zeigt die dem germa¬
nischen Leben eigentümliche geringe
Kluft zwischen der Bewertung beider
Geschlechter 30 ). Vgl. die kirchlich be¬
stimmten, das Geschlecht des Kindes
berücksichtigenden Sitten bei Aussegnung
des Wochenbettes (Reinigung) und Taufe.
Im allgemeinen galt also ohne Rück¬
sicht auf das Geschlecht der Kinderreich-
Bächtold-Stäubii, Aberglaube IV
tum für ein, wenn auch manchmal un¬
willkommener, Segen, den man nicht
beschränken durfte 31 ). Abergläubische
Furcht vor solcher Beschränkung ist
so gut wie die im Brauch vielfältig sich
zeigende Ehrfurcht vor dem K. und
der Geburt weniger eine Folge kirchlicher
Verbote und Drohungen, als überkomme¬
ner „heidnischer“ Scheu vor dem Ver¬
gehen am eigenen Blut und Nach¬
wuchs, um den man einst die Gottheit
bat 32 ) (wie die Schweden ihren Freyr
= Herr, „si nuptiae celebrandae
sunt“) 33 ), den man der göttlichen Fü¬
gung und Lebenskraft verdankte, dessen
göttliche Herkunft man glaubte (s. Kin¬
derherkunft). Da der Germane nicht von
persönlichen himmlischen „Ehegöttem“
und Zeugungshelfem, sondern von seiner
jeweils ihm das Innere leitenden Gott¬
heit, so auch vom vergöttlichten Ahnen,
solchen Ehesegen erbat, lebt im christ¬
lichen Gebet und Opfer um Ks. vor
Heiligen 34 ), am heiligen Baum mit Ma-
rienbÜd und Votivgaben 85 ), im (fran¬
zösischen) Steinkult 36 ), in Wallfahrten
(und Opfern) zu Kapellen 37 ) und Bädern 38 )
(vgl. besonders den Kult der Ks. ver¬
leihenden Verena) 39 ), zu „K.er-brun-
nen und Quellen“ 40 ), jeweils nicht Erinne¬
rung an eine bestimmte, meist von Mytho-
logen konstruierte „Ehegottheit“ fort 41 ),
sondern (von Frigg 42 ) bis Maria) die
„heidnische“ Auffassung von der Heilig¬
keit und „göttlichen“ Herkunft des
erneuerten Lebens, die sich mit den
kirchlichen Lehrmeinungen im Volks¬
glauben auseinandersetzt.
Ist K.erreichtum ein Segen, so ist
K.erarmut ein Mangel, „Einzige“ sind
Sorgenk.er, Teufelsk.er 43 ); geraten oft
schlecht u ); Klk. ist ein Unglück, ja
ein Fluch, hinter dem Schuld gesucht
wird. Gelten die Geburten als Stufen, um
die das Weib dem Himmel näher kommt 45 ),
so führt Klk. oft zum Bösen oder ist des
Bösen Werk.
„Wer de Welt nich vermihrt, is'n
Kirchhof nich wiert“, heißt es in Mecklen¬
burg. „Väl Kinner, väl Vaterunser“ 46 ).
Leider hat man auch hier die Völker
nivelliert und das Germanische in seiner
44
1379
Kindersegen und Kinderlosigkeit
1380
Eigenart verkannt 46 ). Zwischen Island
und Palästina zeigt die Bewertung der
k. erlösen Frau und Ehe große Unter¬
schiede. Gisli und Aud in ihrer bis zum
Tod getreuen k.erlösen Ehe 4? ) etwa im
Vergleich zu Abraham und Sarah 48 ) be¬
weisen, daß die Stellung der germani¬
schen Frau nicht von ihrer Fruchtbar¬
keit abhängig war 49 ), wie anderswo, und
daß germanische Sitte niemals Trennung
der Ehe oder Duldung einer Nebenfrau
um des Ks. willen befahl, wie bei Ba¬
byloniern, Juden, Persern und Indem
in verschiedener Weise 50 ) (s. Frau).
Auf Alt-Island treffen wir einen Fall von
Scheidung wegen Impotenz des Man¬
nes 51 ), aber keinen wegen Unfrucht¬
barkeit der Frau, und demnach auch
keinen Beleg für abergläubische Ver¬
urteilung der unfruchtbaren Frau,
die sich dann auch bei uns vielfach ge¬
zeichnet, schuldig und zur Buße ver¬
pflichtet fühlte 62 ), wie sich schließlich
der abergläubische Ehemann auf langen
Reisen Sorgen macht, daß seiner Frau
durch die Verminderung der ihr bestimm¬
ten K.erzähl ewiger Schaden erwachse M ).
*) Kuhn u. Schwartz 212. 2 ) „Einehe"
und Bevölkerungsüberschuß in altgermanischer
Zeit genügen als Beweis. 3 ) S. Tac. Germ . 20:
Quanto plus propinquorum . . tanto gratiosior
senectus (auch Edda, Hav. 72); vgl. aber Fried¬
berg Bußbücher 39. 4 ) Vgl. Pauly-Wissowa 11,
l, 463 ff.; Grimm RA. i, 6270. 6 ) Dem Befund
der Saga-Belege gegenüber (vgl. bes. Klose
Altisländ. Familienverhältnisse 80ff. Diss.Leipzig
1927; Ploß-Renz 1, 179) klingt die von Ploß
2, 248 wiedergegebene Meinung, „die alten
Skandinavier pflegten vorzugsweise Töchter ins
Wasser durch Sklaven werfen“ zu lassen (nach
Stricker in Arch. f. Anthr. 5, 451), phanta¬
stisch genug. *) Wohl kaum als „Opfer“ deut¬
bar, wie Naumann Gemeinschaftskultur 74
meint. 7 ) Necke 1 Altgermanische Kultur 47;
vgl. die Tüchtigkeitsprobe der Spartanerkin¬
der ZfVk. 4, 145 und die Verwendung des Mo¬
tivs solcher Auslese in der nordischen Völsunga-
saga. 8 ) Vgl. z. B. Erk-Böhme 3, 880 Reg.
9 ) Weinhold Frauen i, 81; Ad. Rittershaus
AUnord. Frauen 14 (Im heidnischen Island ha¬
ben wir vielfach Mädchen als Erstgeborene und
mehrere Schwestern in einer Familie bezeugt).
10 ) Friedberg Bußbücher n; mit Salz zum
Zeichen der noch nicht vollzogenen Taufe;
Grimm RA. 457. u ) Birlinger Volksth. 2,
296; vgl. die päpstliche Erfindung der „Dreh¬
lade“ für anonym ausgesetzte Kinder, Ploß-
Renz 1, 180. 12 ) Z. B. Errettung der Mutter
des hl. Liudgar Mannhardt Germ. Myth 311;
vgl. bes. Hepding Attis 108. 13 ) Friedberg
Bußbücher 10f. 14 ) Ploß 2, 2460. 15 ) Vgl. etwa
Kohlrusch 292: Gegen das Verhandeln einer
Jungfrau lehnt sich die ganze Natur auf.
ie ) Grimm RA. 1, 628; auch die Missionars- und
Reiseberichte über die Sitten australischer
und afrikanischer Völker sollten vorsichtiger
verwertet werden; Ploß 2, 250 ff.; vielfach ver¬
bietet auch der Wiedergeburtsglaube und die
Auffassung, daß im Namen des Ahnen dem K.
dessen Wesen gegeben werde (wie noch in der
Saga) die Annahme geringer Bewertung; vgl.
Dieterich Mutter Erde 230.; Gennep Rites
de passage 75 f. 17 ) Ploß-Renz 1, 180. 18 )
Ploß-Bartels Weib 1, 991 ff.; Schräder
Reall. 1, 5 f. 589. 19 ) Vgl. für die alten
Inder Zimmer Altind. Leben 318 f.; Kaegi
Der Rigveda Reg. „Kindersegen“; für die
Perser Clemen Pers. Rel. 109, 140; Hero-
dot 1, 136; für die Griechen Herodot 1, 30,
für die Germanen Tacitus Germania c. 20.
20 ) Ploß-Renz 1, 5. 2X ) Schräder Reall. 1, 589.
* 2 ) Ebd. 23 ) Man ist hier zu einer Karikatur
der Vaterschaft und des väterlichen Herzens
gelangt. 24 ) Schräder Reall. 1, 587; erst später
dann „Kind“ für Mädchen gegenüber „Knaben“
gebraucht z. B. in der Rechtsoffnung von Os-
singen Bluntschli Zürcher Rechtsgesch. 1 260.
26 ) Vgl. für Griechenland ZfVk. 4, 137 f.; s. a.
Stern Türkei 344 f. 26 ) Hillner Siebenbürgen
29; Meyer Baden 15 u. a. 27 ) Drechsler 1, 179;
ZfrwVk. 1913, 166; z. B. Abraham a S. CI.
Lauber-Hütt 1, 330. 2S ) ZfVk. 4, 138; so wurden
um 1500 im Moselland der Mutter bei Knaben-
Geburt 2 Frontage erlassen, bei Mädchenge¬
burt nur einer. ZfrwVk. 3, 124 (Markgraf
Mutter und Kind). * 9 ) Vgl. über orientalische
Trauer bei Tochtergeburt Koran, Sure 16.
*°) Vgl. Ploß-Renz 1, 1: „Je tiefer die Kluft
ist, welche die Kulturverhältnisse zwischen den
beiden Geschlechtern geöffnet haben, desto we¬
niger freudig wird die Geburt eines Mädchens
begrüßt“. 31 ) Meyer Baden 394; Lammert
170. 32 ) Meyer Germ. Myth. 226; Befragung
des delphischen Orakels wegen Nachkommen¬
schaft vgl. Euripides: Medea, Jon. w ) Adam v.
Bremen. 84 ) Font aine Luxemburg 110 f.; St.
Georg in Osteuropa Vis scher Naturvölker 2,
62. 3S ) Lütolf Sagen 364; ZfVk. 1907, 195.
36 ) S£billot Folk-Lore 1, 3380. 87 ) Grimm
Myth. 2, 987; Pollinger Landshut 238; Waibel
und Flamm 1, 222; Lenggenhager Sagen
106. 38 ) Stoll Zauberglauben 68; Lammert 157;
Wrede Eifel 101. 39 ) Vgl. Urquell 4, 273;
Roch holz Gaugöttinnen 124 ff. 40 ) ZfVk. 8,
344; vgl. den fruchtbarkeitfördernden Mutter¬
gottesbrunnen in Heidenau Meiche Sagen 653;
Sebillot Folk-Lore 2, 275 f. 4l ) Vgl. bzl. Holda
u. Perchta Wolf Beitr. 1, 163. 42 ) Grimm
Myth. 1, 252. 43 ) Reiser Allgäu 2, 231; vgl.
ZfVk. 4, 142. 44 ) Ebd.; Strackerjan 2, 204.
45 ) Grohmann 114. 45 ») W ossidlo Mecklen¬
burg 3 , *19 ff- 46 ) Ploß-Renz 1, 2 ff.
47 ) Gislasaga, Dt. i. Slg. Thule B. 8. 48 ) Vgl.
1381
Kindersegen und Kinderlosigkeit
1382
die altjüd. Bewertung der Klk. als „Schande"
im AT. und das Wettgebären von Jakobs
Frauen mit Hilfe der Mägde 1. Moses 29 u.
30. 49 ) Die diesbezüglichen Irrtümer beruhen
auf Unterschätzung der altnordischen Quellen.
60 ) Ploß-Renz 1, 2 ff.; vgl. AT. Abraham und
Jakob: die eigenen Frauen führen ihnen die
Mägde zu. 61 ) Njälssaga c. 7; Thule Bd. 4.
62 ) ZfVk. 17, 162. M ) SAVk. 21 (1917). 37 -
2. Die vielverbreitete Auffassung, die
in der Klk. einen Fluch M ) sieht, ver¬
mutet als Ursache gern schuldhaftes
Handeln, und damit Beziehung zum
Dämonischen, Teuflischen und Unter¬
irdischen (Zwerge sind kinderlos 55 ),
Dämonen rauben K.er u. a. m.). Wie
nach der Sage k.lose Ehefrauen zu Dru¬
den werden 56 ), so erklären transsilva-
nische Zeltzigeuner die Klk. als Folge
vorehelichen Umgangs mit einem Vam¬
pyr 57 ), oder sie gilt allgemein als selbst¬
verschuldet durch unzüchtigen Lebens¬
wandel in der Jugend, oder anderes, und
wird bitter bestraft 58 ). So kann es Klk.
eintragen, wenn die Tochter sich über die
eigene Mutter bei der Geburt eines Nach¬
kömmlings imwürdig äußert, oder eine
kinderreiche Mutter verspottet oder be¬
schimpft 59 ). Oder die Klk. gilt als Strafe
für die Übertretung kirchlicher Gelübde 60 ),
als Zeichen göttlichen Zorns 61 ).
Mit der freiwillig k.losen Frau geht
zumal die Sage hart ins Gericht. Die Frau,
die, um kl. zu bleiben, zu spät heiratet,
wird zur Sühne für das Leben sieben
ungeborener K.er, die ihr nach des Prie¬
sters Wort bestimmt waren, auf der ihre
Seele rettenden Wallfahrt den wüden
Tieren überlassen 62 ).
Die Geister der schuldhaft ungeborenen
(oder ermordeten) K.er treten als Verfol¬
ger und Rächer auf, peitschen und be¬
speien die Mutter 6 *), laufen als Mäuse
auf ihrem Grab umher 64 ), erscheinen als
Gänse und töten die selbstsüchtige Frau
(Galizien) 65 ), oder als Eichhörnchen (bre-
ton. Variante) 66 ), Hinter dem Sarg der
mit Willen kl. gebliebenen Gräfin laufen
zwölf Hennlein, Geister der ungeborenen
oder gemordeten K.er her 67 ). K.ermord
und gewollte Klk. stellt diese weitverbrei¬
tete Sage von der freiwillig kl.en und be¬
straften Frau 68 ) vielfach auf eine Stufe.
Nach der färöischen Fassung 69 ) dreht die
Predigersfrau auf den Rat eines alten
Weibes die Handmühle 3 mal rückwärts,
um die drei ihr bestimmten K.er nicht
zu gebären 70 ). Nach einer fünischen Fas¬
sung dreht die Braut bei der Hexe die
ihr verbotene Handmühle 12 mal, hört
jedesmal eines K.es Seufzen und sieht
ein K. in schwarzem Gewand vorüber¬
gehen, erlebt dann zwölf Totgeburten,
und stirbt als Bettlerin auf der Wall¬
fahrt 71 ).
In der Ballade zeigt sich das an tief¬
ste Dinge des Menschlichen greifende
Motiv von den Seelen der ungeborenen
oder gemordeten K.er 72 ) ;man stellte
auch Carsten Hauchs Ballade 73 ) von der
Schwangeren hinzu, die, um ihre Schön¬
heit besorgt, in der zauberischen Mühle
sich des K.es entledigt 74 ), trotz der war¬
nenden Bettlerin — (vgl. Strindbergs
Kronbraut) — und dann keinem K.e
mehr ins Gesicht schauen kann, bis sie
„vor einem Marienbüd sterbend in Ma¬
ria die Wamerin und in dem Jesusknaben
ihr eigenes vom Mühlstein zermalmtes K.
erkennt" 7S ). Auch im deutschen Volks¬
lied klagt das ermordete, uneheliche K.
die Mutter, die mit dem Brautkranz bei
der Hochzeit sitzt, an 7Ö ). Die kl.e Schlo߬
frau, die ein Bettelweib wegen ihrer sie¬
benköpfigen K.erschar schilt, wird durch
die Schande einer gleichzeitigen Geburt
von ebensoviel (oder 12 ) K.em be¬
straft 77 ).
Wenn die junge Frau (zumal bei
slavischer Frühheirat), sich Klk. aus
Eitelkeit oder Sinnlichkeit zunächst
wünscht 78 ), bietet ihr der Aberglaube
mancherlei Mittel, die Empfängnis zu
verhüten (s. Empfängnis) und sich
Klk. anzuzaubem 79 ), bei der Hochzeit
(s. d.), beim Brautbad usw. ®°). Die Braut
faßt den Kessel mit ganzer Hand oder so¬
viel Fingern an, wieviel Jahre sie k.erlos
bleiben will, wirft Kohlenstücke glühend
ins Wasser, um sie dann aufzubewahren
und wieder ins Feuer zu werfen, wenn sie
sich K.er wünscht, u. a. m. 81 ). Ähnliche
Mittel gibt es auch, um allzu reichen Ks.
einzuschränken. So empfiehlt man allzu
K.erreichen, das Neugeborene mit dem
1383
Kindersegen und Kinderlosigkeit
Namen eines schon gestorbenen K.es zu
benennen, damit es das letzte sei 82 ). Ge¬
rade, wenn das erste Kind stirbt, kom¬
men noch viele nach **).
Aber im allgemeinen beherrscht der
Wunsch nach K.ern und die Angst
vor Klk. das Feld in einer uns heute er¬
staunenden Einmütigkeit. Bei der Ge¬
burt pflegt man schon an die kommenden
Geburten zu denken, die in Schlesien
ein Besuch in der Wochenstube, der sich
auf die Lade neben dem Bett setzt und
diese abschließt, verhindern kann 84 ).
Aus der Beschaffenheit der Nachgeburt
(s. d.) ersieht man die künftige K.erzahl,
dem Neugeborenen oder getauften Mäd¬
chen weiß man Ks. oder Klk. voraus¬
zusagen, im Ehe-Orakel wird die K.er¬
zahl vorausgesagt 85 ), vom Kuckuck
wird sie verkündet 86 ); im Hochzeits¬
brauch zumal 87 ) (s. Hochzeit) versichert
man sich des Ks.s (Knabe auf die Knie
der Braut setzen u. a.). Begegnung eines
Schimmels oder einer Kuh beim Her¬
austritt des Paares aus der Kirche
bedeutet Ks., eines Rappen oder eines
Stieres aber Klk. 88 ). Neben der Zahl weis¬
sagt man das Geschlecht (s. d.) des näch¬
sten K.es 89 ).
Im „Angang“ bedeutet der Wöch¬
nerin beim Kirchgang Begegnung mit
Mann demnächst Knabengeburt, mit Frau
Mädchengeburt, zwei Menschen Zwillinge
und keiner künftiges Ausbleiben des
Ks.s 90 ). Bei zwei Hochzeiten an einem
Tag bleibt eine Ehe kl. u. a. m. 91 ).
Eine Aufzählung aller Bräuche und
Mittel zur Erlangung von Ks. 92 ) ist hier
unmöglich und zudem minder wichtig
in Anbetracht der Tatsache, daß die Be¬
wertung der Frau nach dem Maße ihrer
Fruchtbarkeit, wie sie etwa 1. Moses 30
besonders kraß hervortritt und in jü¬
dischen, türkischen, slavischen Hoch¬
zeitsbräuchen im Vordergründe steht ö3 ),
in unserem Volksglauben auf Grund einer
für unser Empfinden menschenwürdigeren
Eheauffassung des Germanentums stets
im Hintergrund geblieben ist. Unserem
Empfinden blieb die Klk. stets eine Tra¬
gik, der man nicht mit Mägden oder
Zaubermitteln (vgl. Alraunwurzel) 94 )
1384
leichtfertig Abhilfe schuf, sondern die sich
meist an die Altäre flüchtete (Brauthemd
zum Altartuch stiften, Geburtsorgane
darstellende Votivgaben, Taufwasser trin¬
ken, Abgeschabtes von Kirchengefäßen
einnehmen u. a. m. 95 )). In der „Bene-
dictio thalami“ und mit Gebeten und
Beschwörungen kämpft das Mittelalter
gegen die Gefahr der Unfruchtbar¬
machung durch Hexen und Teu¬
fel 96 ); sie zu verscheuchen, zieht man lär¬
mend vor die Häuser der Kinderlosen 97 ).
Besondere Begrüßung kl.er Ehepaare mit
bedeutsamem Gabeneinholen 98 ) und viel¬
fache Anspielung auf den Ks. bes. in
Fastnachts- und Osterbräuchen ") kann
hier nur erwähnt werden, ähnlich wie der
vielfache symbolische Gebrauch von Pup¬
pen, Wickelkern 10 °), Wiegen 101 ), Spinn¬
rocken u. a. m. 102 ) oder die Weihung des
Ehebettes durch geweihte Palmen, Gold,
Myrrhe, Salz usw. 103 ).
Um insbesondere eine Mädchengeburt
zu erzielen, rät wendischer Aberglaube
der Frau eine Mädchenhaube heimlich
in ihres Mannes Rock einzunähen 104 ); sie
zu verhindern, trieb man nach mittel¬
alterlichem Zeugnis die Katzen aus dem
Haus, entfernte die Mäusefallen u. a.
m. 105 ). Es hieß, daß unter sieben hinter¬
einander geborenen Mädchen eins ein
Werwolf wird 106 ); dagegen kann der
letzte von sieben hintereinander geborenen
Knaben Überbeine „vertun“, oder das
siebente K. ist überhaupt ein Wunderk. 107 ).
Bisweilen spricht man der Mutter einer
bestimmten K.erzahl besondere Macht
zu. Die Speise, die die Mutter dreier
hintereinander geborener Knaben be¬
reitet, hat heilende Kraft 108 ). K.erreiche
finden wunderbar Schutz und Hilfe 109 ).
Fromm ist die Meinung, daß die An¬
nahme eines fremden Kindes eigenen Ks.
zur Folge hat (Kt. Zürich) 110 ), und be¬
zeichnend sind die Märchen von dem
wegen Klk. betrübten Paar, dem ein
Wunder (Schlangenkrönlein m ) u. a.)
hilft.
54 ) Vgl. zur allg. Bewertung Stern Türkei 2,
394; ARw. 18, 594 t.; Krauß Sitte u. Brauch
I2 4 * 2 97 ; Frazer 1, 70 ff.; 12, 216; Weinhold
Frauen 2, 30. w ) Stöber Elsaß 1, 3. 58 ) Heyl
Tirol 431. S7 ) Ploß-Renz 1, 3. 58 ) Hart-
1385
Kinderspiel
1386
mann Dachau und Bruck 204; Witzschel
Thüringen 1, 315; Schönwerth Oberpfalz 1,
114 t.; Lütolf Sagen 538 f.; Herzog Schweizer -
sagen 1, 22 f. 6 ®) Hartmann Dachau und
Bruck 204. *°) ZfVk. 17, 163. 81 ) Ebd.
17. 195. M ) Schönwerth Oberpfalz 1,
114 t. 8S ) ZfVk. 16, 311. 84 ) Witzschei
Thüringen 1, 315. 65 ) ZföVk. 4, 47. 66 ) ZfVk.
14, 117. 87 ) Pollinger Landshut 100. 68 )
Vgl. bes. ZfVk. 14, 114 ff. 8Ö ) Jakobsen
Fceroske folkesagn og esventyr 627 (Nr. 76).
7<x ) ZfVk. 16, 311. 71 ) ZfVk. 14, 115. 72 ) Kristen-
sen, Danske Studier 1, 110. 7S ) Carsten
Hauch Samlede Digte 2 (1891), 19—31. 74 ) Zum
Motiv der Kindsmörderin vgl. hier Correvon
Gespenstergeschichten 9 f. 17 f. 75 ) ZfVk. 14,
ii5f. 7e ) Knoop Hinterpommern 10. 77 ) Pan¬
zer Beitrag 1, 134; Reiser Allgäu 409 f.
78 ) ZfVk. 16, 313 f. 7# ) Krauß Serbischer
Zauber und Brauch Kinder halber, Urquell 3,
160 ff. 80 ) ZfVk. 13, 268. 81 ) Urquell 3, 161; vgl.
Mschles.Vk. 1915 (17), 35. 82 ) Rochholz Kin-
derlied 294. 83 ) Höhn Geburt 276. 84 ) Drechsler
1, 207. 85 ) Fogel Pennsylvania 70; Mühl¬
hause 25. 88 ) Kohlrusch 339. 87 ) Vgl.
„Das Huhn im Hochzeitsritual“ bei H. Schef-
telowitz Huhnopfer 9 ff. 88 ) Grohmann 120 f.
89 ) Z. B. Köhler Voigtland 393; Bartsch
Mecklenburg 2, 53; vgl. alten frz. Brauch
Knuchel Umwandlung 61; Grimm Myth. 3,
460 Nr. 747 u. a. ®°) Grimm Myth. 3, 437
Nr. 92. M ) Drechsler 1, 236. 9a ) Vgl. ZfVk. 23,
209 ff.; ARw. ii, 411. M ) Stern Türkei 2, 261 ff.
M ) Schlosser Galgenmännlein 9; bzgl. „Aller-
mannsharnisch'‘ vgl. Ploß-Renz 1, 8; Salbe:
Urquell 3, 8. ® 5 ) Schultz Alltagsleben 191.
") Ploß-Renz 1, 5 f.; ZfVk. 17,164. 97 ) Hü-
ser Beiträge 3, 9h; Sartori Hochzeit 121.
® 8 ) SAVk. 11 (1907), 267; 7, 161; Höfler
Fastengebäcke 85. M ) Vgl. Mannhardt For¬
schungen 149 ff.; ders. 1, 281; Höf ler Weih¬
nacht 75. 10 °) Gebäcke: Höf ler Weihnacht 56.
101 ) Vgl. Wolf Beiträge 2, 193. 102 ) Ploß-Renz
1, 8. 103 ) Ebd. 1, 5. 104 ) Schulenburg Wend.
Volksthum 124. 105 ) ZfVk. 22, 236; Zachariä
Kleine Schriften 375 f. 106 ) Grimm Myth. 3, 477.
107 ) Hovorka-Kronfeld 2, 397; Grimm
Myth. 3, 440; Staricius Heldenschatz 35 f.;
Ploß-Renz 1, 67. 108 ) Liebrecht Zur Volksk.
339. 109 ) Krauß Relig. Brauch 136. 110 ) SAVk.
8, 144. U1 ) Vernaleken Alpensagen 248.
Kummer.
Kinderspiel.
a) Das K. wird mit Recht von der
Volkskunde außerordentlich stark be¬
achtet, wovon die Fülle der Literatur
Zeugnis gibt 1 ). Seine Beständigkeit
durch die Jahrhunderte erweisen zumal
Verzeichnisse von K.en aus dem 16. Jh. 2 )
und Spieisachenfunde aus dem MA. 3 ).
Wie es, in spielender Nachahmung der
ernsten Beschäftigungen und Gescheh¬
nisse des Lebens 4 ), Gebrauchs- und
Ausdrucksmittel längst vergangener Kul¬
turperioden verwendet (Beispiel „Pfeil
und Bogen“) 5 ), so macht es auch die
Kinder zu Trägem alter Sitten und
Kultbräuche 6 ), Bewahrern alter Fest¬
formen 7 ), alter Naturverbundenheit 8 ),
so zumal im Reihen oder Ringel¬
tanz 9 ) („heidnischer Chorreigen“ ?) 10 ),
vgl. etwa das Spiel von Frau Rose u ),
das Blindekuhspiel 12 ), die Brücken-Spiele
(„Totenbrücke“) 13 ) u. a. m., daneben in
den Springspielen nach auf gezeichneten
Figuren 14 ) (Himmel- und Hölle-Spiel 15 ),
„Fassein“ 16 ) u. a.).
Oft läßt sich Anknüpfung des K.s an
die Sage zeigen 17 ).
b) Der Aberglauben benutzt das Spiel
der Kinder auf der Straße als Orakel und
beachtet es deshalb genau x8 ). Wenn die
Kinder Deiche in der Gosse bauen oder
viel Geschrei machen, gibt es Regen lö ).
Wenn sie mit Sand Kuchen formen,
„wirds teuer“ 20 ). Wenn sie Soldaten
spielen, Fahnen tragen und streiten, gibt
es Krieg 21 ); wenn sie Kreuze und
Gräber machen 22 ), Begräbnis spielen 23 ),
im Haus oder vor dem Haus feierlich
singen 24 ), prozessionsweise einherziehen 25 ),
im Chor (Choral) singen 26 ) (und dazu
etwas auf dem Rücken tragen) 27 ), stirbt
bald jemand. Wenn sie im Spiel Messe
lesen, ist Krankheit zu erwarten u.
a. m. 28 ).
x ) Lit.-Ang. bei Ploss Kind 2 2, 320 ff.; Ploss-
Renz; Rochholz 1857; Fiedler Volksreime
(1847); ders. Kinderleben (Oldenburg) 1851;
Schaller Das Spiel und die Spiele (Weimar
1865); Sim rock Das deutsche Kinderbuch ; Zin-
gerle Das deutsche K. im MA.; Höhr Kinder -
reime und K.e. (Hermannstadt 1903); Künss-
berg Rechtsbrauch und K. (1920); Wikman
Barnlek och folksed 1917; de Cocken Teirlinck
Kinder spei (Gent 1903); Broeck en d'Hooge
Kinder speien (Brecht 1902); Dünger Kinderlied
m. K. aus dem Vogtland; Vernaleken und
Bransky Spiele in Österreich; Meier Dt.
Kinderreime aus Schwaben; — in Zss.: Globus
85, Nr. 4; ZfVk. 27, 106 ff.; ZföVk. 14, 109 ff.
1692.; ZfpädPsych. 20, 4150.; Oberschles-
Heimat 15 (1919), 52 ff. Vgl. noch S6billot
Folk-Lore 1, 353 f.; Messikommer 1, 96 ff.;
Laube Teplitz 69 ff.; Martin Badewesen 41;
Reuschel Volksk. 2, 133; Mülhause 26 ff.;
Lauf fer Niederdt.Vk. 94 f.; Schmitz Eifel
1, 81; Haltrich Siebenb. Sachsen 187 ff.
138;
Ki n dersteine—Ki ndesmördenn
1388
2 ) Vgl. das mhd. Gedicht: Der Tugenden Schatz
und Fischarts Gargantua. 8 ) Ploss Kind 2
2» 319; Hoops Reallex. 3, 44 f. 4 ) Z. B. ZfVk.
3,91. ß ) TylorCtt/tar 72. 6 ) Mannhardt 1, 260;
Grimm Myth. 1, 504 (Notfeuer); ebd. 1, 523
(Ofenanbeten). 7 ) Jensen Nordfries. Inseln
358. 8 ) Für die Pflanze im K. vgl. Marzell
Pflanzenwelt 48 ff. *) Müllenhoff Sagen 484.
10 ) Mannhardt Germ. Myth. 284. u ) Mann¬
hardt Götter 300 f. ia ) Schräder Schwieger¬
mutter 30. 13 ) Landsteiner Nieder Österreich
31. 14 ) ZfVk. 10, 238; SAVk. 25, 199.
15 ) Rivista 2,406; MeyerD. Volksk. 126. 1# ) ZfVk.
7 » 295; 22, 335. 17 ) Kühnau Sagen 2, 266.
18 ) Höhn Tod 312. 1# ) Köhler Voigtland 413;
Birlinger Volkst. 1, 196. 20 ) SAVk. 2, 222.
21 ) Wolf Beiträge 1, 209; Grimm Myth. 3, 438
Nr. 106; Grohmann 114. 22 ) Birlinger
Schwaben 2, 240; Lütolf Sagen 552; Höhn
Tod 312; Manz Sargans 127; ZfdMyth. 3, 310.
23 ) Unoth 1,187; Wolf Beiträge 1, 209; Wuttke
§ 287; Köhler Voigtland 392; Urquell 4, 18
u. a. 24 ) Köhler Voigtland 392; John
Erzgebirge 115. 25 ) Birlinger Schwaben 1, 391.
26 ) Höhn Tod 312. 27 ) Strackerjan 1, 29.
28 ) Grohmann 114. Kummer.
Kindersteine (Titisteine). Ein alter,
verbreiteter Aberglaube ist, daß die
Kinder aus Felsen kommen J ). In Heu¬
bach sagt man, daß die Hebamme die
kleinen Kinder aus einer Höhle des
Rosensteins hole, dort sei eine weiße
Frau, die sie der Hebamme darreiche 2 ).
Am Wiesensteig von Schirmeck nach
Rothau in Schwaben ragt ein Fels hervor,
von welchem die Kinder kommen 3 ).
In vielen Dörfern des Aargaus gelten
erratische Blöcke, Felsen, Bergwände als
„Titi-“, d. h. Kleinkindersteine, aus denen
die Hebammen die Neugeborenen hervor¬
holen. Auf dem Herdmännlistein bei
Wohlen haben die Erdmännchen ihre
Stuben; die Hebamme von Wohlen holt
von dort die Kinder. Rochholz nennt
solche Steine die Geburtsfelsen des
Zwergengeschlechts, aus „dessen Über¬
fluß an Kinderseelen sich das Menschen¬
geschlecht ergänzt“. Kleinkinderfelsen
sind auch der isoliert turmförmig auf¬
ragende Fels an der Burgflüh bei Wölfis-
wil und der Tegemseer Schloßberg, auf
dem eine weiße Frau umgeht. Auf
beiden stehen Tröge, aus denen die
Hebamme die Neugeborenen holt. Ist
der Name des gewaltigen Berges Titlis
nicht etwa rhätischer Herkunft, so wäre
er der größte Titistein 4 ). Die Amme
von Riedichen über dem Wiesenthal hat den
Schlüssel zu einem großen Stein auf der
Hohen Möhr. Aus dem Herrenbrunnen
bei Oberöwisheim bei Bruchsal lockt die
Hebamme die kleinen Kinder hervor,
indem sie mit der flachen Hand auf
einen davorliegenden Stein schlägt. Die
Hebamme von Agenbach (Calw) holt die
kleinen Kinder unter einem Stein am
Heidebrunnen hervor 5 ). Wenn Steine
und Höhlen Kinder bergen, so scheint
das Vorhandensein von Wasser doch oft
Voraussetzung zu sein. Der Gewitter¬
regen sammelt sich an den Gebirgs-
felsen, wo die Kleinkindertröge stehen,
und kommt mit den Quellen und Wald¬
bächen zu Tale und bildet dort die Teiche
und Brunnen, in denen Frau Holle
wohnt und die wiederum die Kleinkinder¬
brunnen sind 6 ). In Schwaben hat fast
jeder Ort einen bestimmten tiefen Brun¬
nen, aus dem man die kleinen Kinder
holt 7 ). Unter den schönen Seen des
hohen Schwarzwaldes, die nach dem
Volksglauben den Ungeborenen als Aufent¬
halt angewiesen sind, ist der Titisee der
größte Kleinkinderbrunnen 8 ).
l ) Dieterich Mutter Erde 20 11. 64; vgl.
Jahn Pommern 390 Nr. 497 (Adebar-, Schwan¬
steine); SchwVk. 3, 78. 2 ) Meier Schwaben
263 Nr. 294 letzte Zeilen. 3 ) Sepp Völker -
brauch 7. 4 ) Rochholz Sagen 1, 356 Nr.
24• 245 Absatz 2 u. 87 Nr. 77; Naturmythen
109 Nr. 5 u. 59 Nr. 6 letzte Zeilen; Sepp
Sagen 99; vgl. Mannhardt Germ. Myth.
2 73 3 ; Kuhn Westfalen 1, 242 Nr. 274.
5 ) Meyer Baden 14 u. 10; Höhn Geburt 259.
6 ) Höhn a. a. O.; Rochholz Naturmythen 143
Nr. 14 Anm. u. 136 Anm.; Sagen 1, 17; vgl.
Mannhardt a.a. O. 255; Weinhold Frauen 1,
49; Kuhn Westfalen 1, 314 Nr. 355 u. 240
(Anm. z. Nr. 274); Grimm Sagen Nr. 4;
Zingerle Sagen 16 Nr. 27; Bindewald Ober¬
hessen 28 f.; Schambach-Müller 59 t. Nr. 81
u. a. 7 ) Meier Schwaben a. a. O. 8 ) Meyer
Baden 13. f Olbrich.
Kindes mörderin.
1. Bei vielen Völkern ist Kindes¬
mord, d. h. Mord Neugeborener, welche
noch nicht in die soziale Gemeinschaft
aufgenommen waren (s. Aussetzung und
Kindesraub) ein vielgebrauchtes x ) und
wahrscheinlich notwendiges Mittel 2 ), um
einem unerwünschten Wachsen der Volks¬
Kindesmörderin
1390
1389
zahl 3 ) oder einer relativen Übervölke¬
rung zu Zeiten plötzlich einbrechender
Hungersnot 4 ), wie sie in früheren Zeiten
öfter eintrat, vorzubeugen. Besonders
häufig fallen Mädchen diesen Beschrän¬
kungstendenzen zum Opfer 5 ). In China
sollen an öffentlichen Kanälen in größeren
Städten Steine mit der Aufschrift stehen :
„Hier dürfen keine Mädchen ertränkt
werden“ 6 ). Aus ähnlichen Motiven
entsprang — wenn die Erzählung histo¬
risch ist — das Gebot des Pharao an die
Hebammen von Ägypten, die Knäblein
der Hebräer ums Leben zu bringen 7 ).
Nicht hierher gehört die Geschichte vom
bethlehemitischen Kindermord, welche
vielmehr als singuläres Ereignis zu deu¬
ten ist.
Gewisse Kinder müssen auch bei Völ¬
kern, welche sonst auf Hervorbringung
einer größtmöglichen Kinderschar be¬
dacht sind, wie z. B. die hackbautreiben¬
den Neger Afrikas, getötet werden. So
dürfen bei manchen Völkern Kinder nicht
leben, welche von einem noch nicht initi¬
ierten oder unverheirateten Eltempaar ge¬
boren sind 8 ), Brautkinder 9 ) (in beiden
Fällen wohl aus demselben abergläubischen
Grunde, daß Eltern, welchen die Erwach¬
senenweihen fehlen, welche, bei den
Dschagga z. B. in ihren letzten Stufen erst
nach Abschluß des Ehevertrages an Braut
und Bräutigam erteilt werden, nur minder¬
wertige Nachkommenschaft erzeugen kön¬
nen), Zwillinge 10 ), die Erstgeburt 11 ),
Mißgeborene 1Ä ) — überhaupt Kinder,
welche zu gewissen als unglücklich be¬
trachteten Zeiten geboren werden oder
bestimmte Merkmale an sich tragen.
Erwähnung mögen hier auch jene
historischen und sagenhaften Fälle finden,
wo ein bestimmtes Kind (Oedipus, Ro-
mulus und Remus, Cyrus) getötet werden
muß, weil es, wenn es am Leben bliebe,
ein Unheüsträger wäre. Hier handelt es
sich um das individuelle Verhältnis zwi¬
schen Eltern und Kinder, in welches
nicht, wie bei den oben angeführten
Beispielen, zwingende soziale Momente
oder zwingende religiöse Vorschriften
hinein wirken.
*) R. Briffault Mothers 2, 27 ff.; Visscher
Naturvölker 2, 563; Sitten, Gebräuche und
Narrheiten 202 ff. 2 ) Haberland Der Kinder¬
mord als Volkssitte, Globus 37, 25 ff. 3 ) F. Mül¬
ler Lyer Die Zähmung der Nomen 1, 2390.;
Chamisso Reise um die Welt, Stuttgart 1871.
4 )Witzschel Thüringen 2,46 Nr. 45. 5 ) Azara
Voyages dans VAmerique mSridionale (Paris
1809) 93. 96. *) F. Theilhaber Geburtenbe¬
schränkung im Altertum und bei den Naturvöl¬
kern und die Neue Generation 1913,184. 7 ) 2. Mos.
1, 15 f. 8 ) R. Brilfault Mothers 2, 190; 2,
25 ff. 9 ) Gutmann Das Recht der Dschagga
S. 136. 10 ) Rendel Harris The Cult of the
Heavenly Twins. u ) 2. Mos. 13, 13; Frazer
Folklore in the Old Testament 1, 480 ff. 562.
12 ) Post Ethnolog. Jurisprudenz 2, 11; West er -
marck Geschichte der menschlichen Ehe 310 ff.
2. Als die Germanen in die Geschichte
eintraten, waren sie in einem Stadium
starker Expansion; es gab also kaum
einen Grund zum Kindermord wegen
etwaiger Enge des Nahrungsspielraumes.
Gleichzeitig begann sich die streng pa¬
triarchale FamüienVerfassung voll aus¬
zuwirken, welche es der Frau möglichst
versagte, rechtlich relevante Handlungen
zu setzen. So kam es, daß zwar noch die
lex Frisionum der Mutter das Recht zu¬
gestand, ihre Kinder gleich nach der
Geburt zu töten, daß aber späterhin und
zwar bis in das 17. Jh. zwar der Vater
die Tötung eines neugeborenen Kindes
(s. Aussetzung) verfügen konnte, diese
aber von seiten der Mutter als todes¬
würdiges Verbrechen galt. Vergriff sich
die Mutter an dem Kinde, so vergriff
sie sich eben an dem Eigentume ihres
Gatten und seiner Sippe. Auch bei
anderen Völkern, z. B. bei den streng
patriarchal organisierten Dschaggas 1S ),
bildete es einen Teil des Unterrichtes bei
den Jünglingsweihen, die künftigen Ehe¬
männer über die möglichen geheimen
Mordpraktiken der Frauen gegen ihre
Kinder aufzuklären.
Bei den Germanen erlitt die K. die
Todesstrafe 14 ) häufig in der Art, daß
sie zwischen zwei Domenbündeln oder
auf einer Unterlage von Domen, Brenn¬
nesseln und glühenden Kohlen 15 ) be¬
graben wurde. Bisweilen wurde die
lebendig Begrabene mit einem Pfahl durch¬
stoßen 16 ), bisweilen wurden ihre Leiden
dadurch verlängert, daß man ihr künst¬
lich Luft zuführte 17 ). Eine tiefe Grube
Ki n desmör d erin
1392
1391
sollte gemacht werden und man sie
„allda lassen sterben und verderben,
damit weder Kind noch gewachsene
Lüten von ihr kein Schaden empfangen“ 18 ),
da man auch noch von dem toten Leibe
der K. wie dem der Ehebrecherin (s.
Ehebruch) und anderer Hexen Schaden
erwartete.
Später wurden K.nen häufig ertränkt
(auch im Sack) — es wurde dabei
aber nicht immer jede Möglichkeit
der Rettung ausgeschlossen. Ebenfalls
mit der Absicht, das Los der K. zu
mildem, wurde sie später geköpft. Bei
einer solchen Gelegenheit sah der Scharf¬
richter bei der Hinrichtung drei Köpfe
vor sich. Man schloß daraus, daß die
Frau eine Doppelmörderin sein müsse 19 ).
Als eine K. unschuldig hingerichtet wurde,
war ihr Blut nicht zu stillen 20 ).
Außer der zeitlichen harrte ihrer auch
ewige Strafe. Die K. spukt, geht um 21 ),
häufig an der Stelle, wo sie ihr Kind
ermordete 22 ) oder es vergraben hat 23 ).
Der wilde Jäger jagt sie. Sie erscheinen
dabei vielfach als schöne weiße Jung¬
frauen, manchmal in Gestalt weißer
Tauben 24 ). Keine Reue, kein noch so
triftiger Milderungsgrund bewahrt sie vor
diesem Schicksal 25 ).
Allerdings die kirchliche Praxis, so
strenge sie gegen K.nen einschritt, sie
erklärte auch Kindesmord von seiten
des Vaters unter allen Umständen
für ein homicidium — machte einen
großen Unterschied, „ob sie es in ihrer
Armut wegen Schwierigkeit der Er¬
nährung getan, oder ob sie eine Metze
war, oder um ihr Vergehen zu verheim¬
lichen“ 26 ). Die Kirche mußte um so
strenger den Kindesmord verdammen,
als diese Kinder ja der Taufe verlustig
gingen. Deshalb wird auch durch die
Gebeine der getöteten Kinder mancherlei
Spuk veranlaßt 27 ). Aber diese psycho¬
logische Differenzierung blieb dem Volks¬
bewußtsein lange fremd.
13 ) Gut mann Das Recht der Dschagga 212 ff.
33 * • 34 °* 14 ) K. von Amira Todesstrafen
18 ff. 16 ) ZdVfV. 17 (1907), 375. 16 ) Osen-
brüggen Studien 357 f. * 7 ) Ebd. 356.
1S ) Ebd. 344, vgl. auch S. 348. 18 ) Bartsch
Mecklenburg 1, 461 f. 20 ) Ebd. 1, 461 f.
21. 21 ) Vonbun Sagen 43 Nr. 47; Schell
Berg. Sagen 142, 13; Lütolf Sagen 287.
288 f.; Vernaleken Alpensagen 327. 22 )
Meiche Sagen 79 Nr. 94; Rochholz Sagen 1,
374 f-J SAVk. 25, 125 t. 23 ) Reiser Allgäu 1,
in. 24 ) ZdVfV. 13 (1903), 184. 25 ) Kühnau
Sagen 1, 494. 26 ) Friedberg 11; Jordan
Über d. Begriff und die Strafe des Kindesmordes,
Heidelberg 1844. 27 ) Meyer Aberglauben 352.
3. Als Kindesmord in uneigentlichem
Sinne stellen sich jene Bau- und Sühn¬
opfer dar, bei welchen Kinder, meist
lebendig, an den Dämon hingegeben
werden. Nicht der Mord, das Hinweg¬
räumen des Kindes ist hier Zweck der
Handlung, sondern die Abwehr feind¬
licher Einflüsse oder die Gewinnung eines
Schutzgeistes. Wenn vorzugsweise Kinder
zu solchem Opfer gewählt werden, so
geschieht das, weil es für die Gemein¬
schaft leichter ist, ein Kind als einen
Erwachsenen zu entbehren, sie dem
Dämon aber wegen ihrer größeren Geistes¬
kraft (s. Kinderraub und Kinderopfer)
wülkommener sind.
4. Das „Kindlimordrätsel-Motiv“ tritt
meist in der Form auf, daß folgende drei
Fragen gestellt werden: Was ist weicher
als Vogelflaum ? (Der Mutterschoß.)
Was ist süßer als Honigseim ? (Die Mutter¬
brust.) Was ist härter als Kieselstein?
(Das Vaterherz) 28 ). Die Lösung der
Rätselfragen lehrt die Muttergottes selbst
einem von seinem Vater an den Teufel
verkauften Kind, das durch Beantwortung
der Fragen gerettet wird (s. Rätsel) ™).
Ein hartherziger Vater legt die Frage
seinem Kinde selbst vor, bevor er die
Tat vollführt *°). Eine andere Variante
berichtet, daß eine Mutter ihr Kind als
Bauopfer verkauft habe, welches dann
ins Wasser geworfen wurde, weil ein
großes Loch beim Stördeich bei Heiligen-
steden sich nicht ausfüllen lassen wollte.
Dreimal auftauchend rief es das erstemal:
„Ist nichts so weich als Mutterschoß“?
Das zweitemal: „Ist nichts so süß als
Mutters Lieb“? Das drittemal: „Ist
nichts so fest als Mutters Treu“ 31 ) ?
Diese Rätselfragen zeigen schon die Ver-
urteüung des Kindesmordes, zu welchem
Zweck auch immer. Unter dem Einfluß
der katholischen Kirche wurde der Schutz
1393
Kindleinstag—Kinn
1394
des Lebens des Kindes auch auf den
Embryo ausgedehnt. Fast alle modernen
Gesetzgebungen stehen auch heute noch
auf diesem Standpunkt.
28 ) Bolte-Polivka 3, 16. 43; Herzog
Schweizersagen 2, 34; 1, 181; Schambach und
Müller 5, 326; Schwebel Tod und ewiges
Leben 157 f. * 9 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 67.
ao ) Lütolf Sagen 401. S1 ) Naumann Gemein¬
schaftskultur 77. M. Beth.
Kindleinstag s, unschuldige Kinder¬
tag.
Kindsfuß. „Kindsfoot ist das Zucker¬
werk, welches den bei Entbindungen ein¬
geladenen Frauen vorgesetzt wird, die
ihren Kindern davon mitzunehmen pflegen
und denselben vorsagen, das habe das
neugeborene Kind an den Zehen mit¬
gebracht“ x ). Nach Frischbier 2 ) ist
K. = Hasenbrot, das der Hase
mit bringt (vgl. Hasenbrot). In Ost¬
preußen ist K. das, was man an Back¬
werk oder Speisen von einer Mahl¬
zeit in einem fremden Hause mit nach
Hause nimmt 3 ). Findet in Deutsch-
Evern bei Lüneburg eine Kindstaufe
statt, so darf jedes nicht konfirmierte
Kind eine Semmel holen; wird die Gabe
verweigert, so ziehen die Kinder monate¬
lang vor das Haus und rufen: Dat Kind
heet keenen Foot 4 ). Nach Feilberg gibt
es in Dänemark ein Gebäck, das bametaa
heißt, ein anderes bamefod 6 ). Auf der
Kolonie Christiansholm bei Holm feiert
man nach der Geburt des Kindes Keesfoot
( = Kindsfoot). Da kommen die Nach¬
barsfrauen zu einem Kaffee mit Back¬
werk 6 ). In Ditmarsen heißt es von der
Schwangeren: sie ist grossfoot oder kees-
foot 7 ). Kindsfoot ist auch ein Weih¬
nachtsgebäck in Lüneburg (Abbild, bei
Höfler 8 )). Wessel berichtet in seiner
Schilderung des katholischen Gottes¬
dienstes in Stralsund bis 1523: Am Christ¬
abend fasteten die Bauersleute, bis sie
die Sterne am Himmel sahen; c^ann legten
sie Garben ins Freie, daß Wind, Schnee
Reif und Luft sie „bescheinen“ konnten;
diese Garben hieß man Kinsfoot; diese
gab man dem Vieh, „dat se alle des
kindesvootes geneten scholdenn“ ®). Nach
Dähnert hielt man das Futter allgemein
„gedeylich aufs ganze Jahr“ 10 ). Über
die Wunderwirkung des Weihnachtstaues
auf die Garbe und das Getreide berichtet
schon Gervasius in seinen Otia imperialia
(vgl. Brot) ll ). Höfler vermutet, daß
der Name der Garbe davon kommt,
daß man das K.gebäck in die letzte
Garbe oder dieWeihnachtsgarbe steckte 12 ).
x ) Dähnert Plattdeutsches Wb. 1781, 227;
ZföVk. 15, 101; ZfVk. 1902, 439; Höfler
Weihnachten 48; Urquell 5, 253; Wolf Hess.-
Sagen No. 18, A. 211; ders. Beitr. 1, 266; Roch¬
holz Naturmythen 271; vgl. BlpommVk. 9,
3. 2 ) Preußisches Wb. i, 362. 5 ) Grimm
DWb. 5, 757. 4 ) Niedersachsen 8 Nr. 9;
ZföVk. 1 . c. 102. 6 ) Feilberg Dansk bondeliv
2, 69; ZföVk. 1 . c. 101. 6 ) ZfVk. 23, 279,
51. 7 ) ZfdMyth. 4, 430; Mannhardt Germ.
Mythen 305: vgl. Höfler in ZföVk. 15, 101 (!).
8 ) Weihnachten 47 ff. Fig. 9. 19; vgl. ZföVk.
1 . c. 102 Fig. 24. ®) Germania 18, 1 ff.; Mann¬
hardt i, 233; Höfler Weihnachten 48; ZfVk.
12, 438. 10 ) 1 . c. n ) Liebrecht Gervasius 2 cap.
12. 12 ) ZfVk. 12, 439: Höfler Weihnachten
47 ff. Eckstein.
Kindsfinger, -händchen s. 2, 229 ff.
Kindsnetz s. Glückshaube 3, 890 ff.
Kinn. Die Form des K.s verrät den
Charakter des Menschen. „Ein langes
K. oder langes Gesicht bedeutet einen
jähzornigen Menschen langsamer Arbeit“,
erklärt Paracelsus (S. 37). „Ein gespal¬
tenes K.“, fährt er weiter, „bedeutet einen
getreuen, dienstbaren Menschen, ver¬
borgener u. gespaltener Rede; spricht oft
von diesem und meint ein anderes, jäh¬
zornig, tut im Zorn, was ihn hernach wohl
gereut, ist sinnreich und von behender
Listigkeit“.
In der heutigen Volksmeinung heißt es
weitverbreitet:
Spitze Nase und spitzes K.,
Da sitzt der lebig Teufel drin 1 ).
In England heißt es:
Dimple (Grübchen) in chm,
Devil within *).
Das Grübchen ist ein Glückszeichen; es
ist der Fingerabdruck des Engels, der
den Schlafenden geküßt hat 8 ).
Dem Toten wird eine Zitrone 4 ), eine
Bibel oder ein Rasenstich unters K. ge¬
legt, um zu verhüten, daß er den Kopf
aufrichte (s. Leiche).
1395
Kipfel—Kirche
In der Gebärde spielt das K. eine be¬
deutsame Rolle Ä ).
Als die Tiroler Bäuerin einer verhexten
Kuh die K.laden wegschneiden wollte,
kam die Hexe und schrie: „Bäuerin,
schneid nicht, schneid nicht!“, strich
mit der Hand der Kuh über den Rücken
abwärts, und von Stund an war die Kuh
gesund 7 ).
*) Strackerjan i, 34 § 22; 1, 330 § 202, c;
ZfVk. 21, 261 Nr. 49; Eckart Ndd. Sprichw.
177; Wand er Sprichwörterlex. 2, 1334 (mit
älterer Lit.); de Cock Volksgeloof 1 (1920),
162; SAVk. 8, 281; Wackernagel Kl. Sehr.
1 (1872), 172 ff. 2 ) Bergen Current Superst.
32 Nr. 102. 3 ) Ebd. Nr. 103 und 104. *) Witz-
schel Thüringen 2, 260 Nr. 77. 5 ) Rochholz
Glaube 1, 170; Panzer Beitrag 2, 294 (1806).
6 ) Sittl 379 (Reg.); Sch wenn Menschenopfer
160 usw. 7 ) Alpenburg Tirol 292 Nr. 4.
Bächtold-Stäubli.
Kipfel.
1. Nach der Sage wurde der K.
in Wien nach dem Sieg über die Türken
(1683) als Gebäcksubstitut des türkischen
Halbmondes gebacken x ); indessen lesen
wir schon bei Enikel in seinem Fürsten¬
buch, daß die Bäcker Leopold dem Glor¬
reichen (13. Jhdt.) „chipfen“ brachten 2 ):
Do brachten im die pecken chipfen und
weiße flecken weißer dann ein hermelein.
Preter 3 ) deutet den K. als Sonnen-
Homsymbol, entstanden aus dem Trigon.
Höfler denkt zunächst an das Symbol
des doppelgehömten Bacchus-Dionysos 4 )!
Der K. ist ursprünglich ein die Mond¬
sichel im ersten Viertel nachahmendes
Gebäck. Schon Lobeck weist auf die ent¬
sprechenden Gebäcke der Griechen hin 5 );
die beiden Gebäcke ß^S und ßofc (auch
„asX^'vT)“ genannt) hatten xepatet
Hörner 6 ); daß der Mond Hörner hat,
ist, wie schon im Grimmschen DWb. 7 )
betont wird, ein antikes und deutsches
Büd. Von der Antike übernahmen die
Klöster die panes lunati; Eckehardt
in seinen „benedictiones ad mensas“
schreibt 8 :
Panem lunatum faciat benedictio gratum.
Dazu bemerkt die Glosse: in lunae modum
factum. Für St. Gallen sind auch
„lunulae“ bezeugt 9 ). Mondförmig war
das Fastengebäck der Freckenhorst er
Nonnen im 11. Jh. 10 ). Hörnchen „comuta“
1396
erhielten die Mönche von Limoges als
Klostergebäck 11 ). Hörnchen ist auch
bei uns der Parallelname zu K. oder
volksetymologisch „Gipfel“ l2 ). Der schon
sehr früh belegte Name Kipf kommt von
ahd. kipfa, kipf, die beiden Hörner am
Kipfblock der Wagenachse 13 ); im Schwä¬
bischen spricht man direkt von „Kipf-
hömlein“ 14 ). Man sagt sogar: „Der
Mond macht ein kipfl“ 15 ).
2. K. hängt man am Lechrain (als
Symbol des Phallus) an den Maibaum,
welcher vor das Fenster der Mädchen ge¬
setzt wird 16 ). Nach Rochholz be¬
kommen „Kipferl“ als Geschenk nur die
Burschen 17 ). Nach einem bekannten
Sagenmotiv (s. Brot) werden die Brot-
kipfe der Verena in Kämme verwandelt,
als man ihre Gaben, die sie den Armen
bringen will, nachprüft 18 ); über eine
Kipf-Stiftung siehe Rochholz 19 ).
3. Bekannte Heilgebäcke sind die
Peregrinik. in Wien: Der heilige Pere-
grin genießt dort einen großen Ruf als
Helfer bei Fußleiden 2°); an seinem Fest¬
tag werden die Peregrinik. von den Fu߬
leidenden „massenhaft“ verzehrt 2l ) (vgl.
Homaffen, Martinshorn).
l ) Grimm DWb. 5, 781; Preter in Mitt.
d. k. u. k. Zentralkomm. 14 (169), 6. 2 ) Fürsten¬
buch 95; zitiert bei Grimm 1 . c. und Preter
1. c.; vgl. Heyne Nahrungswesen 277. 3 ) 1 . c.
4 ) Fastengebache 54 ff. 5 ) Aglaophamos 2,
1065 ff.; vgl. Pritz im Museum Franzisco-
carolinum Linz 1863, 32. 6 ) Lobeck 1 . c.;
Pauly-Wissowa 11, 2098; RW. 15, 1,
82. 97; Nilson Griech. Feste 466. 7 ) 1 . c.
8 ) Mitt. d. antiquar. Ges. Zürich 3 (1846—47),
106 Vers 10. 117. 9 ) Du Cange 5, 154.
10 ) Hoops Reallex. 1, 152. u ) Du Cange 2,
571. 12 ) Kluge Et. Wb. 13 ) Weigand Wb. 1,
1037. u ) Fischer Schwab. Wb. 4, 388. 15 )
Grimm 1 . c. 16 ) Leoprechting Lechrain 177.
17 ) Gaugöttinnen 85; Höfler Ostern 44.
18 ) Rochholz Gaugöttinnen 96. 121 ff. 19 ) Glau¬
be 1, 326. 20 ) Künstle Ikonographie der Heiligen.
21 ) Hovorka-Kronfeld 2, 504. Eckstein.
Kirche.
I. K.nerbauung. a) An alten Kultstätten.
b) Gründungs- und Bausagen. 1. K.nbau gelobt.
2. Tiere weisen den Bauplatz. 3. Wunder oder
Naturerscheinungen als Anlaß. 4. Baumaterial
wandert. 5. Wunderbare Hilfe bei K.nbauten.
c) K.n über Seen und Quellen, d) Bau Opfer,
e) Versunkene K.n. II. K. und Teufel. III.
K.numwandlung. IV. Nächtlicher Spuk in
K.n. V. Allerlei Abergläubisches von K.n.
1397
Kirche
1398
I. K.nerbauung. a) Klugerweise haben auch läßt man Stiere 12 ), säugende Kühe 13 )
die ersten christlichen Missionare oft K.n oder einen Schimmel 14 ) ungehemmt und
an alten Kultstätten erbaut 1 ), wovon unbelastet, mitunter freilich mit verbun-
viele Sagen 2 ), aber auch des öfteren denen Augen 15 ), laufen bis zu einer
durch Grabungen erhärtete Baugeschich- selbstgewählten Raststätte, und dort wird
ten und geschichtliche Überlieferungen 3 ) dann die K. gebaut. Vereinzelt findet
Zeugnis geben. sich die Sage, daß ein Schimmel nachts
b) Um die Entstehung der K.n rankt die künftige Baustelle umschreitet 16 ).
sich eine große Menge von Gründungs- Ferner überläßt man es dem Flug einer
und Bausagen, die zum guten Teil Taube, eines Raben 17 ), den Platz zu
dem Wunderglauben entsprungen sind weisen. In allem, auch wenn es sich
oder dem nachträglichen Erklärungs- offensichtlich um reinen Zufall handelt,
bedürfnis betr. der auffälligen Lage der erkennt man höheren Willen und fügt
K. Handelt es sich auch vorwiegend um sich. Innerlich verwandt mit den oben
epische Ausformungen, so liegen doch behandelten Sagen, weü man auch hier
Anschauungen von dem Vorherrschen einem blinden Los, einer Laune des
höherer Gewalten über den Menschen- Schicksals vertraut, ist die vom Hammer¬
willen zugrunde, wie wir sie im Volks- wurf: da, wo ein in die Höhe geworfener
und Aberglauben allenthalben treffen. Ein Hammer niederfällt — oft handelt es
kurzes Eingehen auf diese über ganz sich um Entfernungen von Stunden —
Deutschland und darüber hinaus ver- da wird die K. erstellt 18 ) (vgl. unten die
breiteten Sagen erscheint darum auch Sagen von den K.n bauenden Riesen),
hier gerechtfertigt. Nur die wichtigsten 3. Als dritte Gruppe kann man wohl
Erscheinungsformen sollen mit einigen die Gründungssagen betrachten, in denen
Beispielen belegt werden. die unmittelbare Äußerung göttlichen
1. Viele K.n und Kapellen verdanken Willens durch eine Offenbarung, ein
ihre Entstehung frommem Ge- förmliches Wunder oder eine wunder-
lübde für Errettung aus Not und Ge- bare Erscheinung erfolgt. Himm-
fahr 4 ) oder sind zur Sühne erbaut für lische Erscheinungen der Muttergottes,
gotteslästerliche Handlungen 5 ). Christi oder eines Heüigen geben deren
2. In den zahlreichen Fällen, in denen Willen kund, an bestimmter Stelle eine
man sich nicht auf einen bestimmten Verehrungsstätte zu besitzen 19 ). öfters
Bauplatz einigen konnte, überließ man ist in dieser Erscheinung bereits ein
die Entscheidung höheren Mächten. Zug- Heiligenbild vorgedeutet, das den Platz der
tiere vornehmlich und Vögel sollten, K. bezeichnen soll und das nachher auch
ganz ihrem eigenen Trieb über- wirklich aufgefunden wird 2°). In vielen
lassen, d. h. ohne menschlichen Zwang, Fällen zeigt sich ein solches Bild auch
die Lösung herbeiführen helfen. Solchem selbst in visionärer Weise 21 ) oder verrät
scheinbaren Fatalismus liegt aber die sich durch außergewöhnliche Naturer-
Vorstellung zugrunde, daß der allmäch- scheinungen (drei feurige Rosen blühen
tige Gott diese Tiere stets in seinem Sinn mehrere Nächte hintereinander je eine
lenkt. Man spannt ungewohnte Ochsen Stunde 22 ), aus dem Innern eines Baum¬
oder ein Pferd vor einen Wagen und Stammes ertönt liebliche Musik, verur-
belädt diesen oder das Tier selbst mit sacht durch ein in einer überwachsenen
dem Leichnam des Gründers (Grün- Nische verdecktes Vesperbild 23 )), oder es
derin 6 )), mit einer Heiligenstatue 7 ), mit kommt auch gänzlich unerwartet durch
Reliquien 8 ), mit den Bauwerkzeugen 9 ), Zufall ans Tageslicht (ausgepflügt 24 ),
dem Baugeld 10 ) usw., oder man bindet ausgewühlt von weidenden Tieren 25 )).
einem bunten Mutterpferd eine Marien- Außer einem Bild, das durch Vision,
statue auf den Rücken 11 ): da, wo das Naturerscheinung oder Zufall hervortritt
Tier stehen bleibt oder seine Last ab wirft, und Anlaß zu einem K.nbau wird, sind es
erkennt man den Bauplatz. Häufig aber öfter ungewöhnliche, wunderbare Na-
1399
Kirche
1400
turereignisse, die zum gleichen Ziele
führen: mitten im Sommer fällt Schnee
auf eng begrenztem Bezirk 26 ), oder um¬
gekehrt: eine bestimmte Stelle bleibt im
Winter reiffrei 27 ), ein Rosenstock blüht
in der Winterkälte 28 ), ein Flachsfeld blüht
in einer Nacht auf 29 ); Irrlichter zeigen
die Baustelle oder umreißen gar schon
den Grundriß des Baues 31 ).
4. Eine vierte Gruppe bilden die Sagen
vom verschleppten Baumaterial
oder von den sog. Wander-K.n. Man
hat bereits irgendwo zu bauen begonnen
oder zumindest das Baumaterial aufge¬
häuft: da werden drei Nächte hindurch
das Bauholz oder die Werkzeuge, mit¬
unter auch der Eckstein des bereits
begonnenen Baues 32 ) an einen neufen
Ort verbracht und die Zimmerleute mit,
die Wache halten sollten. Man findet
sie bald schlafend, bald tot wieder 33 ).
Da kein Fahrgleis zu entdecken ist,
glaubt man manchmal, Engel hätten das
Baumaterial weggetragen 34 ), oder zwölf
Schimmel sollen es getan haben 3S ). Ver¬
einzelt vermutet man, der Teufel sei im
Spiel 36 ); ein andermal wieder schreibt
man das rätselhafte Werk den Wichteln
zu 37 ), auch die Riesen kommen in diesem
Zusammenhang vereinzelt vor 3 ®). öfters
will die Arbeit durchaus nicht vorwärts¬
gehen. Die Zimmerleute verletzen sich
immer wieder mit ihrer Axt: da tragen
Vögel die blutigen Späne an einen neuen
K.nplatz 39 ). Solchen Winken des Himmels
wagt man natürlich nicht zu widerstehen.
5. Viele K.n sind unter wunder¬
samer Mitwirkung des Himmels er¬
baut worden. Als ein Oldenburger Bauer
sich entschloß, zur Behebung der K.nnot
einen Bauplatz zur Verfügung zu stellen,
lag im Nu durch ein Wundergeschehnis
das ganze Baumaterial dort bereit, und
selbst Statuen warteten auf Verwen¬
dung «). Einer Mecklenburger Gemeinde
eröffnete sich für den K.nbau seltsamer¬
weise eine Kalkgrube, und ein Pferd stand
bereit, um dem K.nbau zu dienen 41 ).
In einem Dorf im Allgäu spannte der
hl. Georg seinen Schimmel vor beim
Anfahren des K.nbauholzes 42 ), in Olden¬
burg wieder schleppte ein blinder Schim¬
mel die gesamten Bausteine für einen
Turmbau herbei 43 ). Andere Sagen er¬
zählen, daß Engel Geld für den K.nbau
brachten 44 ), daß gehobene Schätze den
K.nbau finanzierten 45 ). Einzelne sehr alte
; K.n sollen von Riesen erbaut worden
sein 46 ); zwei Riesen, die gleichzeitig je
an einer K. in benachbarten Tälern bauten,
benützten denselben Hammer, den sie sich
abwechselnd zuwarfen 47 ). Freilich ste¬
hen daneben die Erzählungen von Rie¬
sen 48 ) und Zwergen 49 ), die den Glocken¬
klang nicht hören können und neu¬
entstandene K.n zertrümmern (Vgl. III:
K. u. Teufel.) Auch von einem freund¬
lichen Baugeist, der nachts auf dem
Bauplatz erstaunliche Hilfe leistet, wird
erzählt 50 ).
c) K.n über Seen und Quellen: Von
dem Straßburger Münster glaubt man,
es stehe über einem See und mit einem
Kahn könne man unten durchfahren 51 ),
auch die Domkirche zu Salzburg soll
über einem See erbaut sein 62 ). In ein¬
zelnen K.n sprudelt unter dem Hochaltar
ein heilkräftiges Brünnlein 53 ); eine Sage
aus Friaul sagt indes, daß man solche
Quellen weder untersuchen noch darin
waschen dürfe, sonst werden sie ver¬
siegen 54 ). Weit größer als die Zahl der
K.n mit einem Heilbrunnen ist indes die
Zahl solcher Kapellen.
d) Alte, weitverbreitete und bis in
• die neuere Zeit reichende Sitte ist das
sog. Bauopfer, d. i. Opfer und Ein¬
mauerung eines lebenden Wesens, Tier
oder Mensch, beim Erbauen von Häusern,
Brücken und K.n (s. Bauopfer und
die umfassende Studie: Klusemann, Das
Bauopfer. Graz-Hamburg 1919). Nach
Grimms Meinung 56 ) wollte man der
Erde gleichsam ein Opfer dafür bringen,
daß sie die Last auf sich nehme und
wähnte, durch den grausamen Brauch
unerschütterliche Haltbarkeit und andere
Vorteüe zu erreichen. In Brandenburg
glaubte man früher, daß der Teufel den
Bauleuten schweres Leid zufügen werde,
wenn man ihm bei K.nbauten nicht zwei
Menschen opfere 56 ). Beim Abbruch
von K.n oder einzelner Teile derselben
will man da und dort Gerippe gefunden
1401
Kirche
1402
haben 57 ). Später, erzählen die Sagen,
habe man das Menschenopfer nur noch
symbolisiert, indem man Totenschädel,
äußerlich sichtbar, in die Mauer einfügte 58 ).
In andern Fällen wird ein solcher Schädel
allerdings als der Kopf eines verunglück¬
ten Zimmermanns erklärt 59 ).
-j mir ui quellen zur \jescn. aes Jrapsuums
1901, 76; Grimm Myth. 1, 5. 70. 90; 3, 37;
Grimm RA. 796. *) Heyl Tirol 324; Reiser
Allgäu 1, 401 Nr. 488; Gräber Kärnten 30;
von Mailly Friaul Nr. 86; Bechstein Thürin¬
gen i, 269. 3 ) Stemplinger Aberglaube 4;
Muus Altgerm. Religion 50; Grimm Myth. 1,
90; Krauss Sitte 150. *) Gräber Kärnten 319
Nr. 443; 323 Nr. 452; Reiser Allgäu 1, 395 Nr.
481; Kühnau Sagen 3, 446 Nr. 1821; Künzig
Baden 114 Nr. 302 u. 303; 115 Nr. 307. *) Grä¬
ber Kärnten 321 Nr. 449. 6 ) Panzer Beitrag i,
225. 7 ) Heyl Tirol 324; Gräber Kärnten 315
Nr. 439 (entweihtes Gnadenbild läßt sich zu
neuem K.nplatz fahren bzw. reitet selbst dahin).
8 ) Rochholz Sagen 2, 19. ®) Grimm Sagen
Nr. 349. 10 ) Hoffmann Ortenau 147. n ) Mül-
lenhoff Sagen m Nr. 137 = Wolf 1, 193.
ia ) u. 13 ) Müllenhoff Sagen Nr. 139. 14 ) Ebd.
Nr. 138. 15 ) Ebd. Nr. 139. 1# ) Ebd. Nr. 136.
17 ) Kühnau Sagen 3, 470; Kuoni St. Galler
Sagen 100; Heyl Tirol 562 Nr. 15; DG. 17, 61.
18 ) Baader Sagen 10 Nr. 14; Schell Bergische
Sagen 232 Nr. 209; Sepp Sagen 543 Nr. 149.
19 ) Gräber Kärnten 317 Nr. 441; ebd. 318 Nr.
442; ebd. 320 Nr. 446; Lenggenhager 44, 100.
20 ) Schell Bergische Sagen 443 Nr. 47. 21 ) Grä¬
ber Kärnten 319 Nr. 445. aa ) Perger Pflanzen¬
sagen 234. a3 ) Schell Bergische Sagen 470
Nr. 16; Baader Sagen 116 Nr. 122. 24 ) Müllen¬
hoff Sagen 115 Nr. 144; Kühnau Sagen 3,
442 Nr. 1818. 2& ) Gräber Kärnten 321 Nr. 448.
26 ) Schambach u. Müller 22 Nr. 29. 331;
Müllenhoff Sagen 113 Nr. 141; Baader
Sagen Nr. 122 u. 381; Meiche Sagen 653 Nr. 809;
Witzschel Thüringen 2, 49 Nr. 52; Kiesling
Drosendorf 29. 27 ) Witzschel Thüringen 1,
35 Nr. 3 ° 28 ) Schell Berg. Sagen 513 Nr. 39a.
29 ) Kühnau Sagen 3, 444 Nr. 1820. 3 °) Kuhn
u. Schwartz 250. 31 ) Grimm Myth. 3, 37.
32 ) ZfdMyth. 2 (1854), 236; Knoop Hinter¬
pommern 23 Nr. 40. 33 ) Baader Sagen Nr. 122.
175. 209; NSagen Nr. 92; Hof mann Bad.
Franken 34; Hoffmann Ortenau 104. 127;
Künzig Baden Nr. 299 u. 300; Lachmann
Überlingen Nr. 81; Waibel-Flamm 1, 315;
Reiser Allgäu i, 367 f. 403 s.; SAfVk. 2, 1;
3 » 1 57 u - 339 : 1 5 > 1 5 > Herzog Schweizer sagen
1, 260; Lenggenhager 10; Lütolf Sagen
526 f.; Kuoni St. Gallen 44; Walliser Sagen 1,
77. 127. 137. 169; 2, 39; Rochholz Sagen 2,
J 54 - 275. 286—288. 290. 293 f. 299; Verna-
leken Alpensagen 318 f.; Birlinger Schwaben
1, 68 Nr. 80; ders. Volkstümliches 1, 402 f.
Nr. 630; Meier Schwaben i. 317 Nr. 358;
Köhler Voigtland 605; Kühnau Sagen 3,
Nr. 1811—1813. 1815. 1816. 1818. 1819. 1823;
Bartsch Mecklenburg 1, 352; Müllenhoff
Sagen 542 Nr. 337; Schell Bergische Sagen
399 Nr. 5; 425 Nr. 10; Grimm Sagen Nr. 290;
ZfdMyth. 2 (1854), 237 f. 244—46. 88 ) Baader
NSagen 65; Köhler Voigtland 604; SAfVk. 2,
1; Panzer Beitrag 2, 415. 3B ) Bindewald
Sagenbuch 212. 38 ) Kühnau Sagen 3, 439;
Bindewald Sagenbuch 156. 37 ) Witzschel
Thüringen in Nr. 105; Panzer Beitrag 2, 14.
38 ) Strackerjan 1, 504. 39 ) Gräber Kärnten
Nr. 451; Panzer Beitrag 1, 49t. 223; 2,
4130.; J. R. Wyss Idyllen 1, 217. 333; Heyl
Tirol 114L Nr. 2. 3. 5; 196. 197 Nr. 1; 556
Nr. 10; 557 -
40
) Strackerjan 2, 326.
41
)
Bartsch Mecklenburg 1, 352 f. 42 ) Reiser
Allgäu 1,367. 43 ) Strackerj an 2, 334. 44 ) Stö¬
ber Elsaß 1, 95 Nr. 129. 45 ) Meiche Sagen
721 Nr. 894; Schönwerth Oberpfalz 2, 395;
Heyl Tirol 562 Nr. 15. 44 ) Müllenhoff Sagen
275; Pollinger Landshut 91 Nr. 16. 47 ) ZfdMyth.
2 (1854), 182 f.; Zingerle Sagen Nr. 137;
Baader Sagen Nr. 374 u. Nr. 37 (Christiani¬
sierung der alten Riesensage: Beilwurf zweier
Missionare bei Rodungsarbeiten). 48 ) Müllen¬
hoff Sagen 269 Nr. 361. 49 ) Meiche Sagen
322 Nr. 425. 60 ) ZfdMyth. 2 (1854), 244. 61 ) Stö¬
ber Sagen 2, 238. Ba ) Freisau ff Salzburg 303.
w ) Heyl Tirol 809; Kruspe Erfurt 1, 29,
S6billot Folk-Lore 2, 216. 54 ) von Mailly
Friaul 71. 66 ) Grimm Myth. 2, 956. 66 ) Enge-
lien u. Lahn 24; vgl. auch Strackerjan 1,
126 ff. B7 ) Meiche Sagen 933. 68 ) Ebd.
961; Engelien u. Lahn 24. 69 ) Heyl Tirol
45. Vgl. auch von Mailly Friaul 71 Nr. 86.
e) Versunkene Kirchen: Mit der
großen Zahl von Untergangssagen (von
versunkenen Dörfern, Städten, Schlössern,
Klöstern usw.) gehen fast gleiche Erzäh¬
lungen zusammen von versunkenen K.n.
Meist wird erzählt, daß die betr. K. wegen
irgendeines Frevels im Erdboden ver¬
schwand, z. B. weil Mönche und Priester
sie durch Zechereien entweihten 59a ). Ein
See oder Sumpf bedeckt dann häufig die
Stelle 59b ),man sieht zu bestimmten Zeiten
die Kirchturmspitze oder auch die ganze
K. emporsteigen 59c ), hört am Karfreitag
aus der Tiefe die Glocken läuten 59d )
(vgl. Glocke). Oder die Kirchturm¬
spitze wird, ähnlich wie in den Glocken-
sagen, von weidenden Tieren ausge¬
wühlt 59e ). Nach einer schles. Sage ent¬
springt an der Stelle des ehemaligen
Taufbrunnens einer untergegangenen K.
ein wundersamer Quell 50f ).
59a ) Bartsch Mecklenburg 1, 397 Nr. 549.
68b ) Knoop Hinterpommern 118 Nr. 247. 5# c)
Kühnau Sagen 3, 355 Nr. 1734. 59d ) Knoop
1403
Kirche
1404
Hinterpommern 118 Nr. 247. 69 e) Kühnau
Sagen 3, 547 Nr. 1953. 59 *) Kühnau Sagen
3, 364 Nr. 1745.
II. K. und Teufel. Der größte
Feind jeder neu erstehenden K. aber
ist nach der Volksmeinung seit je der
Teufel gewesen, der mächtige Wider¬
sacher des Christentums. Er weiß, daß
durch die Erbauung von K.n seine Macht
geschmälert wird, und sucht sie um jeden
Preis zu verhindern. Er verschleppt
das Bauholz (s. oben I b 4) und bricht
nächtlicherweile die bereits begonnenen
Mauern ab, bis ein Priester das Bau¬
material segnet *°). Einzelne der ver¬
breiteten Sagen von sog. Teufelssteinen
(Felsblöcken mit auffälligen Spuren) er¬
zählen von der bösen Absicht des Satans,
Steine durch Zerkratzen für den Bau
unbrauchbar zu machen 61 ). Seine Pläne
werden aber immer, meist durch List,
vereitelt: Christus begegnet dem Teufel
in verwandelter Gestalt, lähmt ihm den
Arm 82 ), überredet ihn, den Stein ab¬
zusetzen, den er nachher nicht mehr
allein aufheben kann und in den er
vor Wut seine Krallen eingräbt 68 ); oder
der Stein erweicht und ist für das böse
Werk unbrauchbar, er muß ihn in der
Nähe liegen lassen 64 ). In einem andern
Fall wird dem schon Ermüdeten der Weg
zur K. als so entsetzlich weit geschildert,
daß er den Mut verliert 65 ). Ähnliche
Bedrohungen durch den Teufel hören
erst auf, wenn die K.nglocken erstmals
läuten: soweit man sie hört, muß er
zurückweichen 66 ). Wie sehr es dem
Teufel um die Gewinnung unsterblicher
Seelen zu tun ist, zeigen die Sagen, in
denen er selbst, der K.nzerstörer, als
K.nbauer auf tritt. Er macht mit irgend
jemand die Wette, in kürzester Zeit
allein eine K. zu erstellen, und läßt sich
für den Gewinnfall dessen Seele 67 ) oder
auch die Seele des ersten 68 ), in anderem
Fall jedes 10. Menschen 69 ), der die
K. betritt, verschreiben. Durch Über¬
listung oder eigene Fehlrechnung ver¬
liert er aber die Wette im letzten Augen¬
blick, als er schon mit dem Schlußstein
durch die Luft schwebt. Vor Wut zer¬
trümmert er sein eigenes Werk. In einer
dritten Art solcher Sagen handelt es
sich um Wetten oder Abmachungen
mit dem Bauherrn oder Baumeister,
dem er gegen Verschreibung seiner Seele
das fehlende Geld verschafft 70 ) oder
den schwierigen Turm bauen hüft. Der
Ausgang ist für den Teufel der gleiche
wie oben. Mancher unvollendete K.n türm
wird so einem Racheakt des Teufels zu¬
geschrieben 71 ). — Ein andermal wieder
baut der Teufel eifrig mit einem Heiligen
zusammen an einer K. in der trügerischen
Hoffnung, daraus statt einer K. ein
Wirtshaus zu machen 72 ). Auffällige
Spuren im Steinwerk einzelner K.n
deutet man als Teufelswerk: einen
blutigen Streifen am hochgelegenen
Fenstergesims einer Tiroler K. soll der
Teufel verursacht haben, als er einen
Burschen, der während des Gottesdienstes
Karten spielte 7S ), in einem andern Fall,
als er eine Nonne 74 ) durchs Fenster
holte; aus gleicher Ursache soll eine
Pferdefußspur in der Dresdener Kreuz-
k. stammen 75 ). In der K. zu Ein¬
siedel soll der Teufel, als er bei der
K. weihe die 10. Seele holen wollte,
durch die Stola des Priesters, die zur
Kette wurde, in leibhaftige Satansgestalt
verwandelt und fest angeschlossen worden
sein. Dort soll er noch in finsterer Kam¬
mer angeschmiedet liegen, Rauch und
Feuer speien, zugleich entsetzlichen Ge¬
stank verbreiten 76 ). Wenn man den
Teufel, der sich in der K. herumtreibt,
rufen will, geht man dreimal um die
K., bleibt das dritte Mal vor der K.ntür
stehen und ruft: „Komm heraus!'" oder
pfeift ihm durchs Schlüsselloch. Ebenso
werden Geister der Verstorbenen auf¬
gerufen 77 ).
•°) Meiche Sagen 444 Nr. 582 (nach Grässe i,
Nr. 528). 61 ) Baader Sagen 9. <a ) Kühnau
Sagen 2, 616 (aus Haupt Lausitz 1, 92).
63 ) Baader Sagen 82 Nr. 93; 120 Nr. 129.
• 4 ) Baader NSagen 53 t. Nr. 77; ZfVk. 18, 6.
11. 13. w ) Panzer Beitrag 1 Nr. 274; Grimm
Mythologie 3, 159; Köhler Kleine Schriften 2,
430 f. M ) Schell Berg. Sagen 302 Nr. 20.
67 ) Kühnau Sagen 2, 696. ® 8 ) Grimm Mytho¬
logie 2, 252. ••) Kühnau Sagen 2, 684 Nr. 1311.
70 ) ZfVk. 9. 361 f.; Schönwerth Oherpfalz 2,
3941 : 3 . 207; Am Urquell 4 (1893), 207.
71 ) Kühnau Sagen 2, 696; 3, 435 (aus Philo
1405 Kirche 1406
Schlesien 1884, 37). 7 *) Schell Bergische
Sagen 106 Nr. 53. 73 ) Heyl Tirol 100 Nr. 63.
14 ) Zingerle Sagen 490. 76 ) Meiche Sagen 464
Nr. 602. 7# ) Kühnau Sagen 2, 684 Nr. 1311
(aus Philo Schlesien 1884, 37 t.). 77 ) Grimm
Myth. 2, 851 u. 3, 483 Nr. 148.
III. K.numwandlung. Ebenso alt
wie weit verbreitet und vielgestaltig sind
Umwandlungen der K. oder auch nur
des Altares, wobei es sich bald um mehr
oder weniger verblaßte kultische
Riten, bald um magische Absichten
handelt. Über diese Bräuche und ihren
Zusammenhang mit andern Umwand¬
lungen und Begehungen belehrt aus¬
führlich: Knuchel, Die Umwandlung in
Kult, Magie und Rechtsbrauch, Basel
1919. Wir treffen z. B. die K.numwand¬
lung zur Erleichterung der Geburt durch
die Schwangere selbst oder während der
Geburt durch ihre Angehörigen 78 ). Nach
der Taufe und bei der Aussegnung der
Wöchnerin 79 ) ist vielfach ein Opfer¬
umgang um den Altar üblich, bei Trau¬
ungen um Altar oder K. 80 ), beim Be¬
gräbnis ein- oder mehrmalige Umwand¬
lung von K. oder Friedhof 81 ). In Bayern
und Tirol war ehedem das unheimliche
„Totenbahrziehen“ gebräuchlich: der
zuletzt Verstorbene wurde nachts zwi¬
schen 11 und 12 Uhr auf dem Friedhof
ausgegraben und auf einer Bahre dreimal
um die Kirche gezerrt. Der Teufel
mußte dann den Leichnam mit Gold
aufwiegen; war die Arbeit aber nicht
Schlag 12 beendet, wurden die Teil¬
nehmer vom Teufel zerrissen 82 ). Nach
einer Kärntner Sage hat man dort das
Totenbahrziehen ebenfalls geübt, um Geld
zu bekommen. Beim Umzug aber mußte
ein Bursche unaufhörlich mit einem
„weißelsenen“ Stäbchen auf die Bahre
schlagen, um die Geister zu vertreiben 83 ).
Andernorts wurde der Sarg oder die
Totenbahre um die K. getragen, man
erhoffte dadurch, reich zu werden, gün¬
stige Losnummern zu erhalten, Glück
in Prozessen zu erlangen, sich unsichtbar
machen oder das Wild stellen zu können.
Ja, indem man vor Beginn der grausigen
Handlung mit dem Eisenring an die
K.ntür klopfte, beschwor man die Toten
herauf, daß sie sich auf die Bahre setzten 84 ).
Und soviel Tote (nach einer Tiroler Sage:
soviel Teufel) nun einer um die K. zog
oder trug, gegen soviel Lebende besteht
er im Raufen 85 ). — Groß ist die Zahl
der Heilumgänge um die K. Der
Patient geht selbst um die K. oder läßt
sich tragen, um das Fieber 86 ), die
englische Krankheit 87 ), die Auszeh¬
rung 88 ), Gicht 89 ), Zahnschmerzen und
Ohren weh 90 ) zu heilen. Kinder werden
um die K. geführt, um ihnen das Gehen
beizubringen 91 ) usw.
Aus Frankreich sind eine Reihe von
K.numwandlungen zu magischen Zwecken
bekannt, vor allem Umwandlungen, die
als Fruchtbarkeitsriten anzusprechen sind:
Frauen wandeln um die K., um Nach¬
kommenschaft, andere um Muttermilch
zu bekommen 92 ). Erwähnt sei hier noch
der Glaube, daß ein Geist erlöst werden
kann, wenn er dreimal um die K. ge¬
tragen wird 93 ).
Kollektivumwandlungen von K.n und
Kapellen: Bittprozessionen und -um¬
ritte sind meist mehr oder weniger
offiziell in die kirchlichen Bräuche auf¬
genommen 94 ). Es handelt sich be¬
sonders um Umgänge am Fest des hl.
Leonhard 95 ), des hl. Georg, des hl.
Martin, von St. Sebastian, St. Stephan,
St. Wolfgang und St. Ulrich 96 ). Beson¬
ders an Wallfahrtsorten ist die Um¬
wandlung des Gnadenaltares oder der
K. fast allgemein Sitte geworden. Kirch¬
liche Prozessionen an bestimmten Fest¬
tagen (Karsamstag, Christi Himmelfahrt,
Fronleichnam, Kirchweih u. a.) schließen
meist mit einem Zug um die K. ab. Eine
scherzhafte Nachahmung (ohne abergläubi¬
schen Hintergrund) stellt es dar, wenn
am Palmsonntag in der Pfullendorfer
Gegend (Baden) die Buben dreimal zur
Wette um die K. laufen. Den lang¬
samsten Läufer schilt man dann einen
Palmesel 97 ).
Tänze auf Friedhöfen und um
die K. wurden schon frühzeitig verboten
(z. B. auf der bayrischen Synode vom
Jahre 1298 unter Bischof Mangold) 98 )
und sind heute wohl nur noch ganz ver¬
einzelt anzutreffen. In Köln soll früher
an Fastnacht gelegentlich um die K.
I
I4°7
Kirche
1408
getanzt worden sein"), in der Eifel
schloß sich an mehreren Orten an eine
Mädchenversteigerung, die an Kirchweih
auf dem Friedhof stattfand, ein Tanz
um die Kirche an 10 °).
78 ) Knuchel Umwandlung 9. 79 ) Ebd. 8.
80 ) Ebd. 19. 81 ) Ebd. 38 s.; ferner Urquell 3
(1892), 300. 82 ) Knuchel a. a.O. 48. 83 ) Gräber
Kärnten 211 Nr. 284. 84 ) Knuchel a. a. O.
49. 85 ) ZfVk. 23, 127; Heyl Tirol 191. 86 ) Wutt¬
ke 354 § 530. 87 ) Toeppen Masuren 11.
88 ) Wuttke 361 § 545. 89 ) ZfVk. 19. * 75 -
w ) ZfVk. 8, 204; 19, 175; Knuchel Umwand¬
lung 60 Anm. 5 u. 8. 91 ) Knuchel a. a. O. 60.
92 ) Ebd. 61. 93 ) Kuhn Märk. Sagen 114L
94 ) Knuchel a. a. O. 92 ff. 95 ) Schierghofer
Altbayerns Umritte u. Leonhar difährten. Mün¬
chen 1913; Heyl Tirol 116. 96 ) Knuchel
a. a. O. 93. 97 ) Meyer Baden 94. 98 ) Lammert
57; Widlak Synode v. Liftinae 13. 09 ) ZfrwVk.
3, 251. 10 °) Schmitz Eifel 1, 49; Pfannen-
schmid Erntefeste 265; ZfrwVk. 4, 209.
IV. Nächtlicher Spuk in K.n.
K.n und Kapellen sieht man nachts,
besonders im Advent 101 ), oft wunder¬
bar hell erleuchtet, und hört selt¬
same Musik 102 ), ja mitunter sollen
sogar die Glocken selbst zu läuten an¬
fangen 10S ). In Tirol und im Hohenloh-
schen glaubt man, daß das den Tod
eines Mitgliedes der Gemeinde oder der
fürstlichen Familie bedeute 104 ). Während
in manchen Fällen beim Nähertreten
das Licht erlöscht 105 ), ist meistens ein
nächtlicher K.nbesuch oder Gottesdienst
der Geister zu beobachten. Die Toten
feiern des nachts ihre eigene Christ¬
mette 106 ), ein Totenamt 107 ), ziehen
in Prozession durch die K. 108 ), Ritter
steigen aus ihren Grüften und machen
einen feierlichen Umzug 109 ); desgleichen
die Straßburger Dombaumeister in der
Johannisnacht 110 ). Die toten Nonnen
kommen in den heiligen Nächten zur
Messe 111 ), besonders häufig schließlich
muß ein Priester oder Mönch jede
Mitternacht seine Messe lesen, weil
er sie etwa zu Lebzeiten aus Bequem¬
lichkeit verkürzte, sich dabei unter¬
brechen ließ oder gelobte Messen unter¬
lassen hat u2 ).
In einem andern Fall muß der Geist
eines Pfarrers nächtlicherweile immer
wiederkehren und in der K. die Tauf-
zeremonien vornehmen, weil er einst
statt im Namen Christi im Namen des
Teufels taufte 113 ). Gefährlich ist es
indes, aus Fürwitz dem Gottesdienst
der Toten anzuwohnen: das dabei ein¬
genommene Grauen hat manchen bald
zur Leiche gemacht 114 ). Wer sich nicht
zeitig vor Beendigung des Gottesdienstes
entfernt, wird von den Geistern verfolgt
und kann sich nur dadurch von ihnen
lösen, daß er ihnen etwa Mantel oder
Fürtuch zum Zerreißen überläßt 115 ). Hier
anzufügen ist auch der Glaube, daß man
in der Neujahrsnacht die Toten des
kommenden Jahres in den K.nstühlen
sitzen sehen kann 116 ).
Außer den Geistern, die zum nächt¬
lichen Gottesdienst in die K. kommen,
zeigen sich da und dort einzelne Um¬
gänger, die irgendeinen Frevel büßen
müssen, in gespenstischen Gestalten, be¬
sonders gern auf den Emporen, auf
dem Glockenboden 117 ) und auf der
Wendeltreppe des Turmes 118 ). Ein
Sakristan etwa muß jede Nacht mit
dem Klingelbeutel von Bank zu Bank
gehen, weil er Opfergelder unterschlagen
hat, ein Schulmeister muß Orgel spielen,
weil er einst sündhafte Lieder in der K.
ertönen ließ 119 ), eine arme Seele seufzt
und will erlöst sein 120 ). Oder es gehen
die Geister lebendig eingemauerter Mönche
oder Nonnen um, deren Gebeine man beim
Abbruch der K. oder anstoßender Ge¬
bäude fand, öfters wird hinzugefügt,
daß man zur Warnung den Kopf der
Betr. in die K.nmauer einfügte oder dort
nachbildete 121 ).
1 01 ) Birlinger Volkstümliches 1, 300 Nr. 475;
Bindewald Sagenbuch 141. 1W ) ZfdMyth.
3 » 173; Peter Österreich-Schlesien 2, 121;
Reiser Allgäu i. 403 Nr. 490. 103 ) Künzig
Baden 9 Nr. 16. 104 ) Wuttke 215 §301;
ZfdMyth. 3. 173 - 106 ) Reiser Allgäu 1, 402;
Birlinger Volkstümliches 1, 300 Nr. 475
und 476. 10 *) Köhler Voigtland 530; Kühnau
Sagen 1, 213 Nr. 201. 107 ) Kühnau a. a. O.
i, 210 ff. Nr. 199. 108 ) Birlinger Volkstüm¬
liches 1, 300 Nr. 475. 109 ) Reiser Allgäu 1. 401.
uoj Stöber Elsaß 2, 274. m ) Bechstein
Frankenland 1, 124; Stöber Elsaß 2, 25.
112 ) Reiser Allgäu 402 Nr. 489, 2; Schöppner
Sagenbuch 2, 167; Kühnau Sagen 1, 203 f.
Nr. 195; Künzig Baden 9 Nr. 15; Baader
Sagen Nr. 148. 314; ders. NSagen Nr. 33. 110.
U3 ) Bindewald Sagenbuch 141. 114 ) Baader
1409
Kirchenbesuch
I4IO
NSagen Nr. 43; Engelien und Lahn 1, 73.
116 ) Peter Österr.-Schlesien 2, 121; Heyl
Tirol 359; Kühnau Sagen i, 213 h Nr. 201.
116 ) Strackerjan 1, 107. 117 ) Meiche Sagen
178 Nr. 245. 118 ) Kühnau Sagen 1, 21 Nr. 14.
119 ) Künzig Baden 9 Nr. 16. 12 °) Kühnau
a. a. O. 1, 202 f. Nr. 194. 121 ) Kühnau a. a. O.
1, 200 ff. Nr. 193; Künzig Baden 39 Nr. 114
und 116.
V. Allerlei Abergläubisches von
K.n. Für ein schwer Krankes pflegt
man in der K. zu beten. Wird während
dieses Gebetes gehustet oder gescharrt,
so bleibt der Kranke ' am Leben 122 ).
Um von Krankheiten frei zu bleiben
oder befreit zu werden, gibt man Ge¬
schenke an K.n 123 ). Wird jemand in
der K. krank, so geneset er schwer 124 )
oder gar nicht 125 ). Wer etwas in der
K. liegen läßt, muß sterben 126 ), ebenso
der, der von einer K. träumt 127 ). Wer
aber im Traum in der K. fällt, wird
Schande erleben oder großes Leid 128 ).
Hört man einen K.nstuhl klappern, so
bedeutet das, daß bald jemand aus der
Gemeinde sterben muß 129 ). Wer in
einer K. begraben liegt, ist dem Himmel
besonders nahe 130 ). Was man keinem
Menschen offenbaren kann, erzählt man
der K.nmauer 131 ). Die Chemnitzer Rocken¬
philosophie empfiehlt: „Wem die Hände
stets schwitzen, der soll in eine K.
gehen, in welcher er sonst niemahls ge¬
wesen, und soll die Hände an die kalte
Mauer reiben“ 132 ). Haus und Schwelle
mit dem K.nbesen kehren, bringt Glück
(s. Kirchenstaub) 133 ).
In der K. zu Gräbern (Kärnten)
befindet sich hinter dem Altar ein Loch,
zu dem die Bauern auf den Knien hinzu¬
treten und Eisenstücke hineinlegen. Die
werden dann zu Hause den Rindern
um den Hals gehängt, damit sie immer
gesund bleiben. Auch die Leute selbst
stecken ihren Kopf in dieses Loch zum
Schutz gegen Kopfweh 134 ). In der
Altheimer K. (bei Uberlingen) ent¬
nahmen die Bauern früher einer Boden¬
vertiefung gelben Sand, sog. Othmars-
sand, gegen rheumatische Leiden. Der
Heüige soll diesen Sand aus seinen
Ärmeln geschüttelt haben 135 ).
Kirchen dach. Eine Wöchnerin be¬
erdigt man in Polnisch-Oberschlesien unter
BäcbtoId'Stäubli, Aberglaube IV
der Traufe des K., damit sie durch die
auf das Grab fallenden Tropfen ge¬
reinigt werde 136 ).
122 ) Alemannia 27, 239. 123 ) Wuttke 455
§ 720. 124 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 269 (aus
der Chemnitzer Rockenphilosophie). 125 ) Prä-
torius Philosophiae colus Can. 77 S. 205.
i2ö) Wuttke 221 § 314. 127 ) John Erzgebirge 29.
128 ) Reiser Allgäu 2, 428. 129 ) Höhn Tod
310. 13 °) Panzer Beitrag 2, 294. 131 ) Stracker¬
jan 2, 9 Nr. 265. 132 ) Rockenphilosophie 5, 190.
1S3) Wuttke 144 § 198 u. 397 § 610. 134 ) Gräber
Kärnten 347. 1S5 ) Lachmann Ueberlingen
128 Nr. 81. 136 ) Kühnau Sagen 1, 94 Nr. 108.
Künzig.
Kirchenbesuch.
1. K. als wichtige religiöse Pflicht. 2. Der
Kirchweg. 3. Vor und nach dem K. 4. Verhalten
in der Kirche. 5. Verbot des K.es.
1. Mit dem K., besonders an Sonn-
und Feiertagen, nimmt es das gläubige
Volk sehr ernst. Wer nur abkommen
kann, muß zur Kirche gehen, sei der
Weg auch noch so weit und das Wetter
noch so schlecht 1 ). Leute, die den Sonn¬
tagsgottesdienst versäumen und während
der Zeit „knechtliche“ Arbeit tim (Holz¬
sammeln, Jagen usw.), müssen nach dem
Tode umgehen; desgleichen alle die, die
einen andern vom K. abhalten *).
Auf dem Kirchweg von Rara (Südtirol)
geht z. B. der Geist eines Geizhalses um,
der für sich und seine Frau nur ein Paar
Schuhe hatte, so daß sie nur abwechselnd
die Kirche besuchen konnten 3 ). Eifrige
K.er dagegen haben vom Himmel
besonderen Segen zu erwarten. Im Badi¬
schen heißt es: „Almosen geben armet
nicht, Messe hören säumet nicht“ 4 ).
Wenn jemand beim Messeläuten vom
Felde weg zur Kirche geht, so pflügen in
der Zwischenzeit die Engel für ihn 5 ).
Eines aus dem Hause muß während
des K.es der andern zu Hause bleiben
oder „gaumen“, wie man im Alemanni¬
schen sagt, d. h. das Haus hüten und
kochen 6 ). Wer z. B. am Karfreitag
nicht zur Kirche kann, soll im Namen
der hl. Dreifaltigkeit drei Rosenkränze
beten, einen im Stehen, einen im Gehen,
einen im Sitzen zu Ehren der drei schweren
Gänge der hl. Muttergottes am Todestage
unseres Heilandes 7 ). Den aus der Kirche
Kommenden pflegt man mit der Frage zu
45
I4H
Kirchenbesuch
1412
empfangen: „Usgebätt?“, worauf er ant¬
wortet: „Fer dasmol“. Er darf aber nicht
einfach „ja“ sagen, sonst verkündet er
damit sein eigenes Ende 8 ).
2. Allerlei Aberglauben hängt mit dem
Kirchweg zusammen, den man nicht unge¬
straft abkürzen darf 9 ). Es gibt alte
Kirchwege oder Kirchsteige, die von den
eingepfarrten Dörfern nach dem Kirchort
führen und früher nur von Brautleuten und
den Leuten, die den Täufling zur Taufe
tragen, begangen werden durften. Man
mied also die Landstraße, wie man dies
auch bei Leichenbegängnissen tut 10 ).
Innerhalb des Dorfes soll der Täufling
nicht durch Seitengäßchen oder Gärten
getragen werden, sondern nur auf dem
üblichen Kirchweg, meistens also der
Dorfstraße 11 ). Der Weg zur Trauung darf
mit dem Leichen weg nicht zusammenfallen,
weil sonst in der jungen Ehe bald ein
Todesfall zu befürchten wäre. Man macht
oft große Umwege, um den Toten weg zu ver¬
meiden 12 ). Freilich soll andernorts wieder
der Leichenweg (s. d.) mit dem Kirchweg
ausdrücklich vereinigt sein 13 ), und auch
der Täufling wird gelegentlich auf dem
Leichenweg zur Kirche gebracht 14 ). Wenn
mehrere Leute auf dem Kirchweg Zusam¬
mengehen, muß bald einer davon ster¬
ben 15 ). — Bestimmte Leute, alte Frauen
oder Fronfastenkinder haben beim Kirch¬
gang prophetische Gesichte und sehen die
Toten des kommenden Jahres an sich
vorbeiziehen 16 ). Diese Kirchgangschaue-
rinnen geben an, durch einen inneren
Drang zum Kirchgangschauen gezwungen
zu werden 17 ).
3. Bestimmte Verrichtungen muß
man im Kirchenanzug tun, vor oder
nach dem Gottesdienst. Während
es z. B. in Baden zur Kirche läutet, bindet
man das Kalb zum ersten Mal an mit dem
Spruch: ,,I bind di an zum Deihn / Un
net zum Schreien“ 18 ). Auch in Hessen
glaubt man, daß bei solchem Vorgehen
das Kalb besser zunehme 19 ). Das Abge¬
wöhnen des Kalbes erfolgt mitunter
während des Kirchläutens 20 ), meistens
aber, wenn man wieder aus der Kirche
kommt und zwar im „Kirchenmutzen“
(Kirchenkleidung) 21 ). Bevor man am
Karfreitag zum Abendmahl in die
Kirche geht, soll man das Hühner¬
futter anmachen, dann bleiben die Hühner
vom Habicht verschont 22 ). Bruthühner
setzt man, wenn man aus der Kirche zu¬
rückkommt 23 ) oder beim Zusammen¬
läuten 24 ). Lernt ein Kind schwer laufen,
so stellt man es, wenn die Kirchgänger
heimkommen, in eine Wasserkanne,
schiebt diese am Henkel nach vorn und
sagt dabei: „Wie die Leute aus der Kirche
gehen, so lauf auch mit“ 25 ).
4. Auch an das Verhalten in der
Kirche knüpft sich allerlei Aberglaube.
Das Plaudern oder Schwatzen in der
Kirche z. B. kann manchen Schaden nach
sich ziehen; man soll sich am Karfreitag be¬
sonders davor hüten, weil einem sonst
Böses angewünscht werden kann 26 ). Wer
in einer Kirche schwatzt, sagt man in Ti¬
rol, lädt den Teufel ins Gotteshaus 27 ).
In mittelalterlichen lat. Sammlungen
von Predigtbeispielen (so bereits unter
Nr. 239 der Sermones vulgares des 1240
gestorbenen Jakob von Vitry), in zahl¬
reichen Heiligenlegenden und in bis heute
vielfach belegten Sagen kehrt die Er¬
zählung immer wieder, daß der Teufel
während der Messe auf einem Pfeiler,
Fenstersims oder hinter dem Altar sitze
und die Kirchenplauderer auf eine Ochsen¬
haut schreibe. Als der Platz nicht mehr
ausreicht, zerrt der Teufel mit den Zähnen
an der Haut, bis sie zerreißt. Das letztere
geschieht in anderen Fällen kraft frommen
Gebetes, und der Teufel stürzt dann auf
das Pflaster herab 28 ).
Das Schwatzen während der Wand¬
lung kann einem andern K.er aber auch
einmal für einen Analogie- oder
Heilzauber willkommen sein. Wer
mit einem Oberbein oder Überbein
(s. d.) behaftet ist, soll darauf achten,
daß er zwei Leute während der Wand¬
lung sprechen sieht und dann sagen:
„So schwer wie die zwei sündigen /
So schnell soll auch mein Oberbein ver¬
gehen ! Im Namen des Vaters . . .“ 29 ),
oder: „Was ich sehe, das ist eine Sünd /
Was ich greife, das schwind“ 30 ) (allge¬
mein auch für Vertreibung von Warzen
1413
Kirchenlied
1414
gebräuchlich 31 )) oder: „Überbein, Über¬
bein, Gang mit dene geschwätzige Leut
hai“ 32 ). Warzen kann man beim K.
auch loswerden, wenn man beim Zu¬
klappen des Meßbuches sagt: „Ich hör
das Meßbuch bätsche, damit vertreib
ich meine Warze“ 33 ). Weiterer Heil¬
zauber während des Gottesdienstes be¬
trifft das Bettnässen. In der Christmette
soll der Bettnässer unter der Wandlung,
und zwar drei Jahre nacheinander, laut
und unbeschrien in die Kirche rufen: „Be¬
tet au e Vaterunser / Für e arme Bett-
brunzer “ 34 ). Oder in Mecklenburg soll der
Bettnässer dreimal seinen Urin kreuzweise
an die Kirchentür lassen, während der
Prediger den Segen spricht 35 ). Besonders
sind, wie wir vereinzelt schon sahen, die
Wandlung und weiterhin die Christmette
für Zauberhandlungen begünstigt. Fron¬
fastenkinder können z. B. während der
Wandlung alle Hexen erkennen, die
aus Abscheu vor dem Heiligen dem Altar
den Rücken zukehren und Milchseiher
oder Melkkübel auf dem Kopfe tragen 36 ).
Auch wer in der Christmette auf einem
Schemel aus neunerlei Holz kniet (Linden-
und Eschenholz muß darunter sein) 37 ),
unbewußt ein vierblättriges Kleeblatt bei
sich trägt, einen gefundenen Eggen-
nagel 38 ), ins Brot gebackene Getreide¬
körner 39 ), ein Gründonnerstagsei 40 ), wird
dieses Gesichtes teilhaftig. Aber die Hexen
sehen ihn ebenfalls, und er ist dem Tod
verfallen, wenn er sich nicht rechtzeitig
vor Schluß des Gottesdienstes davon¬
macht. Jenseits der Kirchentürschwelle
haben die Hexen ihre Gewalt verloren 41 ).
5. Unter gewissen Umständen darf man
nicht zur Kirche gehen, so wenn man
einen Schaden an Hand oder Fuß hat, sonst
wird der unheilbar 42 ), auch nicht, wenn
man am Fieber leidet 43 ). Neues Gesinde
darf den ersten Sonntag nicht zur Kirche,
sonst gewöhnt es sich nicht ein 44 ). Um
das Liebesorakel mit Hilfe des Teufels
erfolgreich befragen zu können, darf
man neun Tage vorher nicht zur Kirche
gehen, sich nicht waschen, nicht beten,
kein Kreuz machen und kein Weihwasser
nehmen 45 ). Wer sich in Geldern (Kempen)
der schwarzen Kunst oder Feikunst ver¬
schrieben hat, kann erst durch einen
Kirchgang zur Mette wieder frei werden.
Doch sucht der Böse das zu hindern und
lähmt einen solchen Kirchgänger. Nur
wenn die andern Mettenbesucher sich
seiner erbarmen und ihn mitnehmen,
bricht der Teufelszwang 46 ).
*) Schramek Böhmerwald 124. 2 ) Bir-
iinger Volkstümliches 1, 14 f.; Meier Sagen
98 t.; vgl. Goethe's Wandelnde Glocke. 3 ) Heyl
Tirol 588. 4 ) Meyer Baden 521. 5 ) ZfdMyth.
3, 31. ®) Meyer Baden 524. 7 ) Ebd. 521.
8 ) Wuttke 232 §317. 9 ) Jensen Nordfrie¬
sische Inseln 232. 10 ) Köhler Voigtland 258.
u ) ZfVk. 13, 385; ZfrwVk. 10, 171. 12 ) Pfister
Hessen 169. 13 ) Höhn Tod 341. 14 ) ZfrwVk. 4,
112. 15 ) Strackerjan 1, 30. 16 ) Kohlrusch
Sagen 242. 17 ) Vernaleken Alpensagen 349
Nr. 18. 19 ) Meyer Baden 402. 19 ) Wolf Bei¬
träge 1, 219. 2Ü ) Eberhardt Landwirtschaft 15.
£1 ) Bohnenberger 24; Eberhardt Land¬
wirtschaft 15. 22 ) Eberhardt a. a. O. 21.
23 ) Grimm Myth. 3, 435 Nr. 18 (aus der Chem¬
nitzer Rockenphilosophie); Meyer A berglaube
224; Wuttke 429 § 642. 24 ) Bohnenberger
16. 25 ) John Erzgebirge 251. 26 ) Meyer
Baden 503. 27 ) Heyl Tirol 100. 28 ) Eine
reiche Lit. Zusammenstellung hierzu bietet
Bolte Der Teufel in der Kirche. ZfvglLitgesch.
NF. 11 (1897), 249 ff. Vgl. ferner Klapper Erzäh¬
lungen S. 238; Kühnau Oberschles. Sagen Nr.
466; Heyl Tirol 100 Nr. 71. 29 ) ZfrwVk. 2, 144.
M ) SAfVk. 15 (1911), 8 f.; Hovorka-Kronfeld
2, 397 (Oberfranken); Bohnenberger 15.
31 ) Zimmermann Volksheilkunde 72. 32 )
Ebd. 65. 33 ) Mündlich aus Pülfringen, A.
Tauberbischofsheim (Baden). 34 ) Zimmer¬
mann Volksheilkunde 52. 35 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 103. 3G ) Grimm Myth. 2, 902; Heyl
Tirol 800 Nr. 244 u. 801 Nr. 251. 37 ) Heyl
Tirol 801; Grimm Myth. 2, 903. 38 ) Grimm
Myth. 3, 452 Nr. 539; 3, 456 Nr. 636.
39 ) Ebd. 3, 458 Nr. 685. 40 ) Ebd. 3, 458 Nr. 783.
41 ) Ebd. 3, 903; Kühnau Sagen 3, 88 Nr. 1443.
42 ) u. 43 ) Wuttke 343 §511. 44 ) Grimm
Myth. 3, 450 Nr. 494. 45 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 145. 4ii ) ZfrwVk. 7 (1910), 109.
Künzig.
Kirchenlied. Wie Glockenklang ge¬
weihte Dinge, fromme Formeln usw. dem
Teufel ein Greuel sind, so vermag ihn ein K.
zu vertreiben, wovon z. B. eine schlesische
Tanzgesellschaft erfolgreichen Gebrauch
machte, als der Teufel unter ihr ent¬
deckt wurde 1 ); ähnlich versuchte, frei¬
lich umsonst, ein Kartenspieler den Teufel
unter dem Tisch zu verjagen, indem er
das Lied anstimmte: „Ihr Höllengeister
packet Euch “ 2 ). Im Oberamt Öhringen
1415
Kirchenraub
Kirchenstaub—Kirchentüre
I4l6
(Württemberg) legt man dem unge-
tauften Kind, das Hexen, Teufel und
böse Geister zu fürchten hat, unter den
Bettbezug ein zusammengefaltetes Blatt
Papier, auf dem die bereits erwähnte
Strophe steht:
Ihr Höllengeister, packet euch!
Ihr habt hier nichts zu schaffen,
Dies Haus gehört in Jesu Reich,
Laßt es ganz sicher schlafen 3 ) !
Die gleiche Strophe schrieb man, um
das Doggele abzuhalten, in Boldersheim
(Elsaß) über die Tür der Stube, in der
die Wiege stand 4 ), während im bad.
Wiesenthal dieselben Verse als Neujahrs¬
wunsch dienen 5 ). Sie entstammen, wie
Bächtold festgestellt hat 6 ), dem Abend¬
lied des K.dichters Scriver: Der lieben
Sonne Licht und Pracht / Hat nun
den Lauf vollführet. Nach einer schle¬
sischen Sage 7 ) wird der Teufel durch das
K. „Gott der Vater wohn uns bei!“ von
Martin Luther vertrieben. Kartenspielen¬
den Geistlichen wird der Teufel hart¬
näckig aufsässig und wird erst vertrieben,
als sie auf seine Frage aus einem Kirchen¬
lied:
Wo bleibt dann Leib und Seel ?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
Sei gut vor allem Schaden,
Der Aug und Wächter Israel *)!
Auch vor dem durchziehenden Nacht¬
jäger schützt ein K., und zwar das oben
bereits erwähnte: „Gott der Vater wohn
uns bei / Und lass uns nicht verderben“ 9 )!
*) Kühnau Sagen 2, 663 Nr. 1295. 2 ) Knoop
Hinterpommern 18 Nr. 27. 3 ) Höhn Geburt 262.
4 ) K. Walter DTllziger Jäger oder d ' Mond¬
fänger. Mühlhausen i. E. 1912, 48 Anm. 1.
6 ) Alem. 39 (1911), 120 Nr. 1. 6 ) H. Bächtold
Das K. im Volksbrauche Alem. 41 (i 9 I 3 )» 44 «
woher auch unsere Zitate 3 u. 4 stammen.
7 ) Kühna u Sagen 2, 654 Nr. 1291. 8 ) Bartsch
Mecklenburg 1, 438 f. Nr. 612. 8 ) Kühnau
Sagen 2, 452 Nr. 1052.
Künzig.
Kirchenraub. K. und Kirchendieb¬
stahl, ob es sich nun um Entwendung wert¬
vollen Kirchengerätes (goldener Kelche,
kostbarer Gewänder, alter Kunstgegen¬
stände usw.) oder um Weihegaben bzw.
den Inhalt der Opfer stocke, also des für
die Armen bestimmten Geldes, handelt,
wird von der Kirche seit je als ein schweres
Vergehen bezeichnet und ebenso im Volke
gewertet. Oft werden Kirchenräuber auf
der Stelle von der Strafe für ihren Frevel
erreicht, z. B. vom Blitz erschlagen 1 ).
Gregor von Tours erzählt, wie ein bri¬
tischer Graf ein Weihegeschenk aus der
Nazariuskirche in Nantes raubte, dann
sein Pferd in die Kirchenhalle führen
ließ, um davonzureiten; dabei aber stieß
er an einen Querbalken und stürzte
tot zu Boden 2 ). Gregor der Große be¬
richtet von einem arianischen Bischof,
der eine katholische Kirche in Spoleto
erbrach und dabei alsbald erblindete;
gleichzeitig öffneten sich Schlösser und
Türen der Kirche von selbst und die
Lichter begannen zu brennen 3 ). In
einem anderen Fall wird der Kirchen -
räuber vom Aussatz befallen und jedes
Jahr am Tag des K. von einem üblen
Augenleiden geplagt 4 ). Oft nimmt der
Kirchenräuber zwar nicht dauernden
Schaden, aber er wird am Ort seiner
Freveltat gebannt oder festgehalten (Vgl.
hierzu auch Art. Dieb). Gregor von Tours
erzählt von einem Kirchendieb, der ein
edelsteinbesetztes Kreuz aus der Julians¬
kirche zu Brioude entwenden wollte,
aber — offenbar von dem erzürnten
Heiligen festgehalten — keinen Ausweg
finden konnte, bis ihn die Wächter¬
patrouille überraschte 6 ). Einen anderen
Dieb drückte das selbe Altarkreuz so sehr,
daß er es wiederbrachte 6 ). Nach einer
friaulischen Sage wurden zwei Kirchen-
diebe durch den Gürtel des hl. Antonius
so fest zusammengebunden, daß sie nicht
zu fliehen vermochten und gefangen
genommen wurden 7 ).
Nicht selten auch müssen Kirchen¬
räuber in der Ewigkeit entsetzlich büßen,
wie etwa der Landgraf von Thüringen
in der Hölle in einem Behälter von Feuer
und Schwefel brennen muß 8 ). Geist¬
liche aber, die Meßgeld unterschlugen,
Küster, die Geld aus dem Klingelbeutel
behielten 9 ), viele ferner, die der Kirche
Geschenke angelobt hatten, dies Ge¬
lübde aber nicht erfüllten, müssen geister¬
haft umgehen. — So sehen wir, wie K.
immer als schwerer Frevel geahndet wird.
Nach slawischem Volksglauben freilich
1417
1418
ist es eine geringere Sünde, einen K. zu
begehen als eine Waise zu bestehlen.
Betr. Hostienraub vgl. Art. Hostie
u. Sakrileg.
1 ) Meiche Sagen 124 Nr. 161; Gregor von
Tours Julian 15, nach Bernoulli Merowinger
250. a ) Gregor von Tours Martyr. 60, nach
Bernoulli Merowinger 252. 3 ) Gregor I
Dialogi III, 29, nach Meyer Aberglaube 160.
4 ) Gregor von Tours Martyr. 58, nach Ber¬
noulli Merowinger 253. 6 ) Gregor von Tours
Julian 20, nach Bernoulli 249. 6 ) Gregor
von Tours Julian 43, nach Bernoulli 250.
7 ) v. Mailly Sagen aus Friaul 72. 8 ) Caesarius
v. Heisterbach Dialogus I, 34, nach Meyer
Aberglaube 161. ®) Künzig Baden 9 Nr. 16.
10 ) Kr au ss Sitte 587. Künzig.
Kirchenstaub, wie alles, was einmal
mit Reliquien oder auch nur mit heiligen
geweihten Stätten in Berührung gekommen
ist, selbst der Staub auf den Grabdenk¬
mälern der Heiligen und in deren Kirchen,
galt schon im frühen Mittelalter für
heilkräftig. Gregor von Tours, De
miraculis s. Martini 1, 27 sagt: „Ein
wenig Staub aus der Kirche des hl. Martin
nützt mehr als alle Wahrsager mit ihren
unsinnigen Hilfsmitteln“ x ). Nach einem
Visitationsbericht von 1603 fand sich
damals in einer Tiroler Wallfahrtskirche im
Boden ein vergittertes Loch, aus dem
die Pilger Erde ausgruben, um sie auf
Geschwüre zu legen. Eine gleiche Grube
befand sich in der Sakristei 2 ). In West¬
böhmen mißt man sogar dem Staub vor
der Kirchentüre Heilkraft zu 3 ). Auffällige
Rillen und Scharten am Mauerwerk
einiger K.n im Osnabrücker Land glaubt
Sartori 4 ) ebenfalls dadurch entstanden,
daß man den abgekratzten Staub des j
Gemäuers zu Krankenheilungen oder
sonstigen magischen Zwecken verwenden
wollte. — Inmitten der berühmten ita¬
lienischen Wallfahrtskirche San Loretto
bei Ancona steht ein einfacher Ziegelbau,
die Casa Santa, d. i. das von Engeln an¬
geblich hierher getragene Haus der Hl.
Jungfrau von Nazareth. Der Staub,
den man vom Dach dieser Casa zu¬
sammenfegt, wird in glasierten, be¬
malten Tonschälchen an Wallfahrer ab¬
gegeben und von diesen gegen alte,
schwer heilende Wunden kraft der Für¬
bitte der Madonna di Loretto mit Erfolg
angewandt 5 ). In Knock (Irland) wird
der Mörtel einer Wallfahrtskapelle als
Heilmittel gegen verschiedene Krank¬
heiten an Pilger verkauft 6 ). — In den
gleichen Vorstellungskreis gehört es, wenn
in dem holländischen Kamillanerkloster
Vaals Staub von der Zelle des hl. Ka¬
millus als heilkräftig verkauft und auf
Wunden gestreut wird 7 ). — Über die
Heilkraft der Erde überhaupt und ins¬
besondere der Friedhof er de s. Erde und
Friedhoferde. Allgemein glückbrin¬
gende Bedeutung schreibt man dem
K. zu, den man ins Haus bringt, eben¬
so wie dem Kirchenbesen 8 ).
l ) Migne PL. 71, 933. 2 ) Heyl Tirol 809.
3 ) John. Westböhmen 264. 4 ) Westfalen 61.
5 ) Andree-Eysn K.staub heilt Wunden ZfVk.
16, 320 f. 6 ) ZfVk. 16, 321, nach J. A. Bain
Protestantismus u. Katholizismus in Irland,
deutsch von Wegener. München 1905, 32.
7 ) ZfVk. 16, 320. 8 ) Seligmann Die mag.
Heil - und Schutzmittel (1927), 153 fi.; ferner
Fehrle in Festschrift für M. Andree-Eysn
61, wo auch zwei Parallelen aus dem Orient
angeführt sind. Künzig.
Kirchentüre. K.n sind öfters mit
Darstellungen von Fischen geschmückt,
die offenbar gleichbedeutend sind mit
dem altchristlichen Symbol für Chri¬
stus l ) (s. Fisch). Hufeisen an K.n
dürften zumeist Votivgaben sein, zumal
sie vorwiegend an Kirchen und Kapellen
ausgesprochener Pferdepatrone (Leon¬
hard, Wolfgang) Vorkommen; doch
scheint es nicht ausgeschlossen, daß
Hufeisen an K.n vereinzelt auch Un¬
glück- und geisterabwehrende oder posi¬
tiv glückbringende Bedeutung haben, wie
die Hufeisen an Haustüren 2 ) (s. Hufeisen).
Wie die K. bei katholischen Kirchen und
Zeremonien (Kirchweihe, Karsamstags-
riten u. a.) verschiedentlich eine Rolle
spielt, ist sie auch in der Volkssitte von
Bedeutung. Nach südslawischer Meinung
soll z. B. die Braut sich hüten, auf die
K.schwelle zu treten, damit sie später
leicht gebären kann (Aus gleichem Grund
soll sie eine Brücke nicht überschreiten,
sondern sich hinüber tragen lassen 3 )).
Bei einer Tauffeier müssen alle Teil¬
nehmenden zur selben K. wieder hinaus¬
gehen, durch die sie hineingekommen
1419
Kirchenturm—Kirchenuhr
1420
sind 4 ). Auffällig oft wird die K. in Fieber¬
heilbräuchen genannt. Ein Fieberbehaf¬
teter z. B. wird sein Leiden los, wenn er
beim Kirchenbesuch seinen Stock in
einen Winkel hinter der K. stellt und
dabei sagt: ,,Warte auf mich, bis ich
komme!“, dann nach Abbeten von drei
Vaterunsern die Kirche durch eine andere
Türe verläßt unter Zurücklassung des
Stockes. Das Fieber geht auf den über,
der ahnungslos den Stock mitnimmt 5 ).
Fieberkranke Frauen binden ihr Strumpf¬
band an den Ring oder das Schloß der
K. und werden dadurch fieberfrei 6 ). In
Brandenburg (Fahrland bei Potsdam)
gingen früher Fieberkranke vor Sonnen¬
aufgang oder nach Sonnenuntergang zur
K., die man mit der rechten Hand an¬
klinkte unter den Worten: ,,Sonne ich
klage dir / Fieber das plaget mir/Nimm es
von mir / Und behalt es bei dir“ 7 ). Das
Anfassen der K. bzw. der Klinke ist hier
natürlich pars pro toto, ebenso wie in
einer schleswig-holsteinischen Sage, nach
der ein Hexenmeister ein Mädchen zum
Glaubensabfall bringen will und es nötigt,
den Ring der K. anzufassen, dabei die
Worte nachsprechend:
Hier faat ik an den Karkenrink
Un schwöre Gott af un sien Kind 8 ).
In Mecklenburg soll der Bettnässer drei¬
mal seinen Urin kreuzweise an die K.
lassen, während der Prediger den Segen
spricht s ).
*) SAVk. 9, 314; Mitt. f. Gesch. u. Altertums¬
kunde Kahla u. Roda 6 {1904); Ndsachsen 22,
127. 2 ) Sepp Altbayer. Sagenschatz 143 Nr. 144;
Pollinger Landshut 399; John Westböhmen
69. 213. 255. 291; Monatsschr. f. d io Gesch.
Westdeutschlands 6, 309. 3 ) Krauss Sitte 396.
4 ) Wuttke 389 § 594. 5 ) Hovorka-Kron-
feld 2, 330. G ) Wolf Beiträge 1, 223. 7 ) En¬
gelien u. Lahn 260 Nr. 138. 8 ) Müllenhoff
Sagen 211 Nr. 287. 9 ) Bartsch Mecklenburg
2 > io 3 - Künzig.
Kirchenturm. Kirchentürme sind zu¬
nächst durch ihre Höhe auffällig: man
denkt sich, daß die Hexen auf ihrem
nächtlichen Flug anstoßen müssen und
schwer verwundet abstürzen *). Auch
der Teufel soll auf K.n gelegentlich
rasten. Einen für diesen Zweck zu spitzen
K. will er mit einem großen Stein zer¬
schmettern, wird aber — wie in den ver¬
breiteten Teufelsteinsagen — durch eine
List daran gehindert 2 ). Einen rein
epischen Zug stellt es dar, wenn man
einen besonders hohen Turm in einer
voigtländischen Sage zum Zahnstocher
eines Riesen macht 3 ).
Besonderes Staunen erregten von je
die majestätischen, kunstvollen Türme
unserer deutschen Dome. Manche kann
man sich nur mit Hilfe des Teufels ent¬
standen denken, z. B. den nordwest¬
lichen Turm des Bamberger Domes: den
Teufelsturm 4 ). Aus Eifersucht bei Aus¬
bau der Bremer Domspitze schickte der
Vater den erfolgreicheren Sohn an eine
gefährliche Turmstelle, wobei er abstürzte.
Der Turm bleibt seitdem stets reparatur¬
bedürftig 5 ).
Der Geist eines Mönches spukt nach
schlesischer Sage auf einem K. 6 ). In
Friaul hört man aus einem nach einem
Brand allein übriggebliebenen Turm des
Nachts wehmütig klingendes Geläute,
obwohl keine Glocken mehr darin hängen 7 ).
— In Türmen nisten nach nordischer
Überlieferung 8 ) die sog. Kirchennisser,
d. h. Kobolde, in einem aus Fetzen her¬
gestellten Nest, das größer ist als das
eines Huhnes. Sie sind kleinen Knaben
ähnlich und können in den Schallöchern
der Türme leicht an ihren roten Mützen
erkannt werden.
Ü Müllenhoff Sagen 212 Nr. 288. 2 ) Panzer
Beitrag 2, 57. 3 ) Eisei Voigtland Nr. 23 An¬
merkung. 4 ) Bader Turm- u. Glockenbüchlein.
Gießen 1903, 62 (nach M. Pfister Der Dom zu
Bamberg 1896). 5 ) Bader a. a. O. 36. G ) Küh-
nau Sagen 1, 21 Nr. 14. 7 ) von Mailly Friaul
71. 8 ) ZfVk. 8, 266 (nach Kristensen u.
Grundtvig). Künzig.
Kirchenuhr. Schlägt die K. während
des Taufgeläutes, muß das Kind
bald sterben *), trifft der Uhrschlag mit
dem Wandlungsläuten zusammen, muß
jemand aus der Gemeinde sterben 2 ).
Die K. der mecklenburgischen Stadt
Friedland wurde von einem Ritter ver¬
flucht, weil die Stadt betrügerischer¬
weise die Uhr vorrichtete, um den ver¬
pfändeten Besitz des Ritters an sich zu
bringen. Die Wirkung des Fluches war
die, daß die Uhr immer vorging, ja durch
keinen Uhrmacher je wieder zum Still¬
*
IM
1421
Kirchgang—Kirchweih
1422
stehen gebracht werden konnte. Sie
mußte durch eine andere ersetzt werden 3 ).
J ) Köhler Voigtland 436. 2 ) Höhn Tod
310; Hartmann Dachau u. Bruck 237;
Hmtl. 1928, 98. 3 ) Bartsch Mecklenburg 1,
339 f. 'Künzig.
Kirchgang s.Kirchenbesuch.Ferner:
Aussegnung u. Wöchnerin (Kirchgang der
Wöchnerin); Taufe (Kirchgang bei Taufe);
Hochzeit (Kirchgang bei Hochzeit); Be¬
gräbnis (Kirchgang bei Leichenzug).
Kirchhof s. Friedhof 3, 86ff.
Kirchweih.
1. Die K. (Kirmes) l ) ist zunächst
ein Fest der Erinnerung an den Tag der
Einweihung eines neu errichteten Gottes¬
hauses, die meist auf einen Sonntag oder
ein Heiligenfest fiel (Patroziniumsfest) 2 ).
Sie hat von vornherein einen kirchlichen
und einen weltlichen Teil. Der letztere
hat in der Wertung des Volkes durchaus
das Übergewicht. So ist die K. das Haupt¬
fest des Bauern geworden und hat in
Ausdehnung und Übertreibung der Ge¬
nüsse oft zu Maßlosigkeiten geführt, die
vielfach die Festlegung der Kirmessen
eines größeren Gebietes auf die gleiche
Zeit veranlaßt haben. Früher dauerte
jede Kirmes acht volle Tage, jetzt noch
oft drei Tage, denen acht Tage später
eine Nachfeier folgt. Die meisten Kir¬
messen finden im Herbst statt, wo reiche
Vorräte an Getreide und Vieh zu Gebote
stehen. An vielen Orten wird neben dem
Patroziniumsfeste noch eine Herbst¬
kirmes gefeiert 3 ). Es ist wahrscheinlich,
daß schon in heidnischen Zeiten solche
Herbstfeste begangen wurden 4 ), wie
denn auch die Kirmessen noch heute
manche Züge eines fröhlichen Erntefestes
erkennen lassen 5 ).
*) Ihre Bezeichnungen: Pf annenschmid
Erntefeste 260. 547; Birlinger A. Schwaben 2,
123 f.; Kück u. Sohnrey 187. 2 ) Über die
älteste wirkliche Weihe christlicher Kirchen:
Pfannenschmid Weihwasser 154 f. Vgl.
Stiefenhofer Geschichte der K. vom 1. bis
7. Jahrh. München 1909 = ARw. 21, 195.
3 ) Geramb Brauchtum 78. 4 ) Lippert Christen¬
tum 651 ff.; Meyer Mythol. d. Germ. 29. 333.
Hier und da, z. B. in Wurmlingen, sagt man
noch, die K. sei eigentlich ein heidnisches Fest
1 *
gewesen: Meier Schwaben 2, 447. 5 ) Uber die
K.: Sartori Sitte u. Br. 3, 245 h.; Pfannen¬
schmid Erntefeste 244 ff.; Reinsberg Festjahr
360 ff. Das Wort erhält die Bedeutung von
Festfreude i. a.: Weiser Jul 9.
2. Dahin gehört die Vereinigung der
Familie in weitestem Umfange zu einem
fast schwelgerischen Genüsse der Gaben,
die Feld und Weide gespendet haben.
Die K. ist ein ausgesprochenes Sippen¬
fest 6 ). Wird ein Kind am K.feste ge¬
boren, so ist es ein Gast, der immer da
bleibt; man spricht solchen Kindern ein
langes Leben zu 7 ). Den Dienstboten
wird ausgedehnte Freiheit gelassen, und
sie und die Armen erhalten reichliche
Spenden 8 ). Kinder und Burschen in
allerlei Mummereien machen ihre Sammel¬
gänge von Haus zu Haus 9 ), und wer
nicht gutwillig gibt, dem werden die
Hühnernester geleert und die Kühe ge¬
molken 10 ). Manche fastnachtsartigen
Scherze und Hänseleien kommen dabei
zum Vorschein 11 ). Ein Kirmesbär wird
bisweilen mitgeführt 12 ). Auch alte Frauen
sammeln 13 ) und vor allem die Hirten,
denn die herbstliche K. schließt auch das
Hirtenleben für dies Jahr ab 14 ). Eine
besondere Belustigung bildet die Kirmes¬
schaukel 15 ) (s. schaukeln). Den Ernte¬
mai wiederholt noch einmal der K.-
baum 16 ), der mitunter wie der Maibaum
still und heimlich bei Nacht aus dem
Walde geholt wird 17 ), gewöhnlich eine
Fichte, deren Zweige bis zur Krone ent¬
fernt werden. Der Baum wird feierlich
umschritten 18 ) oder umtanzt 19 ) und mit
Blumen, Fähnchen, Eiern, Glaskugeln
und Tüchern geschmückt. Kränze vom
Laube der Kirmesbäume wurden in
Wieseth in das unter der Kapelle fließende
Wasser getaucht und für Augenschmerzen
aufgehoben 20 ). In Wattweiler ist im
Wipfelgezweig ein kleines Gerüst von
Holz angebracht, darin ein lebendiger
Hammel 21 ). Ein solcher K.hammel wird
oft ausgetanzt oder ausgespielt und dann
geschlachtet und gemeinschaftlich ver¬
zehrt 22 ). Kleinere Leute schlachten
einen Ziegenbock 23 ). Auch ein Hahn
wird ausgetanzt 24 ) oder ein Hahnen¬
schlag veranstaltet 25 ), auch die Kirmes¬
gans fehlt nicht 26 ). Wahrscheinlich haben
Kirchweih
Kirschbaum
1426
1423
1424
diese Tiere hier
auch
bei andern
als
Träger
5, 51 (untere
Ebd. 3, 250.
wie
Gelegenheiten ursprünglich
des „Korngeistes“ gegolten.
6 ) Sartori 3, 246. 7 ) ZfrwVk.
Mosel). 8 ) Sartori 3, 246 t. 9 )
10 ) Ebd. 3, 250 A. 27; Wüstefeld Eichsfeld
230. 11 ) Meyer Baden 238 (Erschrecken durch
ausgehöhlte Kürbisse); Kapff Festgebr. 19
(Anzüglichkeiten); Wüstefeld Eichsfeld 226
(die seit der letzten K. Verheirateten werden
„gemännert“). 228 f. (Rasieren der zum ersten¬
mal Teilnehmenden). 12 ) Wüstefeld 228;
HessBl. 1, 85; Sartori 3, 250 A. 28. 13 ) Drechs¬
ler 1, 159; Kapff Festgebr. 20. 14 ) Meyer
Baden 161; Kapff 19; Fontaine Luxemb. 116;
Schmitz Eifel 50. 1B ) MitteldBIVk. 3, 49 ff.
lö ) Sartori 3, 253. Kirmesstrauß: Diener
Hunsrück 242 f.; Fox Saarland 424; Becker
Pfalz 334. 17 ) Pfanne nschmid Erntefeste
55 °• 55 1 - 1S ) Ebd. 557; Bayer. Heimatschutz
24, 32 f.; Sartori 3, 251 A. 35. 19 ) John
Westb. 95. 20) HessBl. 3, 94. 2 *) Pf ann en-
schmid 550. 22 ) ZfdMyth. 3, 103; Meyer
Baden 233; Wüstefeld Eichsfeld 227 f. 229;
HessBl. 25, 171 f.; ZföVk. 24, 108; Diener
Hunsrück 245; Fox Saarland 426; Lippert
Christentum 635; Sartori 3, 252 A. 49. 23 )
Kück u. Sohnrey 188; Sartori 3, 249 A. 24;
Lippert Christentum 656 (Bockstürzen bei der
slawischen K.). 24 ) HessBl. 25, 170 f. 25 ) Sar¬
tori 3, 253 A. 50. 26 ) Ebd. 3, 249 A. 24.
3. Bei Erntefesten wird oft der Toten
gedacht. So schließt man sie auch bei
der K. ins Tischgebet ein, läßt eine Messe
für sie lesen und besucht prozessions- oder
sippenweise ihre Gräber 27 ). In West¬
böhmen begann an manchen Orten der
Tanz der Jugend schon morgens nach
dem Frühgottesdienste; man nannte ihn
die „Preß“ oder „die goldene Stund“.
Er dauerte nur so lange, als eine bei Be¬
ginn angezündete Kerze brannte. Diese
Zeitbestimmung findet sich auch sonst
beim Kirmestanze. Man glaubte, daß
die Seelen der verstorbenen Ortsleute in
der „Preß“ anwesend seien, um sich mit¬
freuen zu können. Wer nicht mittanzte,
dem geriet nächstes Jahr der Hafer nicht.
Das Licht brannte hierbei, damit die
Seelen der Toten aus weichen könnten
und nicht getreten würden. Wer eine
Seele tritt, muß im nächsten Jahre
sterben 28 ).
27 ) Wrede Eifler Volksk. 230; Fontaine
Luxemburg 115; Wüstefeld Eichsfeld 226;
Leoprechting Lechrain 195; Sartori 3, 247.
28 ) John Westböhmen 94. 422; Egerl. 9, 38 s.;
24, 26.
4. Die herbstliche K. bezeichnet auch
den Abschluß des Wirtschaftsjahres.
Der Gedanke, daß nun ein neuer Zeit¬
abschnitt anhebt, hat vielleicht zu dem
Brauche beigetragen, jetzt neue Kleider
anzulegen 29 ). In Luxemburg muß das
Frauenzimmer, das für die K. keinen
neuen Anzug erhält, „den Küster auf
den Abort führen“ 30 ).
29 ) Sartori 3, 247 A. 14. 30 ) Fontaine 116.
5. Auf die K. ist manches übertragen,
was sonst den Mai- und Pfingstbräuchen
eigentümlich ist. Nur vereinzelt kommt
der „Schlag mit der Lebensrute“ vor.
Beim „Hahnenschlag“ werden die Mäd¬
chen über eine Bank gelegt und jeder ein
Klaps mit dem Waschbläuel versetzt 31 ).
In Schalkhausen (Mittelfranken) schlagen
die Knaben die Mädchen mit Weiden¬
ruten 32 ). Im Fuldischen und dem an¬
grenzenden Thüringen führt der Platz¬
meister beim Festzuge die Pritsche 33 ).
An manchen Orten werden die erwach¬
senen Mädchen versteigert oder aus¬
gelost. Die so zusammengeratenen Paare
gehören für den Verlauf der K., nament¬
lich für den Tanz, zusammen 34 ). In
Nalbach (Kr. Saarlouis) raubt sich am
K.feste nachmittags nach der Vesper
jeder Bursche das Mädchen, das er an
diesem Abend und das ganze Jahr hin¬
durch zum Tanze führen will, oft noch
in der Kirche 35 ). Wer sich sittlich ver¬
gangen hat, wird vom Tanze ausge¬
schlossen 36 ). Ergibt sich eine solche
Verfehlung erst später, so wird der K.-
baum vor der Zeit umgelegt 37 ) oder
ausgeräuchert 38 ) oder der Anger aus¬
gebrannt 39 ).
3l ) Spieß Fränkisch-Henneberg 144. 32 ) Kück
u. Sohnrey 194. 33 ) Bayer. Heimatschutz 24,
33. 34 ) Ebd. 24, 31; Sartori 3, 248. 35 ) ZfdMyth.
1, 89. 36 ) Sartori 3, 251 A. 34. 37 ) Heeger
Pälzer Kerwe 66. 38 ) Bayer. Heimatschutz 24,
33. 39 ) Wüstefeld Eichsfeld 225 f.
6. Das Bedürfnis nach Anschaulich¬
keit veranlaßt oft auch eine Verkör¬
perung der K. Sie wird durch eine
Puppe dargestellt, die während der ganzen
Feier irgendwo sichtbar angebracht ist 40 );
im Rheinlande heißt sie gewöhnlich
Zacheies 41 ). Überall geübt wird das
komisch-feierliche Begraben (seltener Ver-
1425
brennen) der K. in irgendeiner Gestalt 42 ),
mitunter als Pferdeschädel 43 ). Auch
wird ein Hahn erschlagen 44 ) und sein
Kopf vergraben 45 ). Oft wird ein Bursche
(der betrunkenste) dazu verwandt 46 ).
In Ludwigsburg heißt er „Kirbesau“ 4? ).
Diese „Kärwesau“ spielt in Baden auch
bei der feierlichen Einholung der K. eine
Rolle und wird beständig mit Wein und
Kuchen traktiert 48 ). Im übrigen wird
zum Beginn der K. das im vorigen Jahre
eingegrabene Symbol oft feierlich wieder
ausgegraben 49 ).
40 ) Sartori Westfalen 170. 41 ) Wrede
Rhein. Volksk. 285, vgl. 289 f.; ZfrwVk. 3, 85;
Lippert Christentum 656. 42 ) Sartori 3, 254 f.
43 ) Kuhn Westfalen 2, 130; Kück u. Sohnrey
191. 44 ) Kapff Festgebr. 20. 45 ) ZfrwkV. 5,
218. 46 ) Sartori 3, 254 f. A. 58. 47 ) Kapff 20.
4ä ) Meyer Baden 232. 49 ) Sartori 3, 255.
7. Vereinzeltes: Am K.tage eine Zwi-
schenhischl ansehen, die man liegen ließ,
schützt gegen den Brand 50 ). Die Teiche
auf dem „Husfeld“ werden blutrot, so
oft die Pferdsdorf er K. wiederkehrt (weil
dort ein Fräulein erstochen ist) 51 ).
ß0 ) Birlinger A. Schw. 1, 389. 61 ) Witzschel
Thür. 2, 45 (44). Sartori.
Kirschbaum (Kb.), Kirsche (K.) (Sauer¬
kirsche, Weichsel [Prunus cerasus] und
Süßkirsche [P. avium]).
1. Botanisches. — 2. Sagen. — 3. K.zweige
als „Barbarazweige". — 4. K.zweige zum Er¬
kennen der Hexen. — 5. K. im Heiratsorakel. —
6. Kb. als Unglücksbaum. — 7. K. in der
Fruchtbarkeitssymbolik. — 8. K. im landwirt¬
schaftlichen Aberglauben. — 9. Sympathie¬
medizin. ■— 10. Verschiedenes.
1. Botanisches. Die Sauerk. hat
ihre Heimat wohl in Westasien; die
Römer lernten sie wahrscheinlich erst in
der Kaiserzeit kennen. Dagegen ist die
Süßk., wie fossüe und prähistorische
(z. B. in neolithischen Siedelungen)
Funde beweisen, in Mitteleuropa heimisch.
Jedoch kamen die veredelten K.n erst
durch die Römer nach Deutschland 1 ).
D Hegi III. Flora v. Mitteleuropa 4, 1077 ff.;
Schräder Reallex . 2 i, 589.
2. Kb. und K.n treten manchmal
in Sagen auf. Nach einer Tiroler Sage
(Bozen) sitzt die Muttergottes gern auf
Kb.en. Wenn sie auf K.laub tritt,
so zeigen sich alsbald kleine Schlangen
auf den Blättern, und wo die Schlangen
auf dem Blatt sitzen, wird es dem Schlan¬
genleib nach ausgefressen. Ganz deutlich
kann man den Kopf der Schlange unter¬
scheiden. Das ist dann der Vorbote eines
Schlangenregens, der alles verheert 2 ).
Anlaß zu dieser Sage haben jedenfalls die
schlangenähnlichen Figuren gegeben, die
auf den Blättern durch minierende Raupen
(z. B. Lyonetia-Arten) hervorgebracht
werden. Auf ein K.blatt schrieb Jesus
die Worte: „Tausend und nicht mehr
Tausend“, nachdem ein Jünger ihn ge¬
fragt hatte, wieviel Jahre noch ver¬
fließen würden bis zum Ende der Welt 3 ).
Die Sage vom „Erlöser in der Wiege“
wird von einem K.bäumchen auf Burg
Raueck erzählt 4 ). Nicht selten sind Sagen,
in denen sich K.n bzw. K.nblüten oder
K.nkeme in Gold (Taler usw.) verwandeln 5 ).
2 ) Heyl Tirol 246; Zingerle Sagen 37 2.
3 ) Lütolf Sagen 369. 4 ) Bechstein Sagen¬
schatz d. Frankenlandes 191. 6 ) Alpenburg
Tirol 394; Bechstein Thüringen 3 (1898) 257;
ZföVk. 4, 227; Baader NSagen (1859), 2.
3. Im Advent, vor allem am Barbara-,
aber auch am Andreas-, Lucien- 6 ) oder
Thomastag 7 ) oder an Weihnachten 8 )
werden K.nzweige abgeschnitten und ins
Wasser gestellt. Sind sie bis Weihnachten
bzw. Neujahr auf geblüht, so bedeutet
dies Glück 9 ), für die Mädchen baldige
Hochzeit 10 ). Ferner schließt man aus
dem Blühen auf ein kommendes frucht¬
bares Jahr 11 ), auf gutes Wetter 12 ),
eine gute K.nemte 13 ). Blühen die Zweige
nach Weihnachten, so gibt es einen
späten Frühling 14 ). Das Mädchen schreibt
den Namen des Verehrers auf einen
K.nzweig; blüht dieser bis Weihnachten,
so wird es geliebt. Blüht er nicht, so ist
das Mädchen keine Jungfrau mehr 15 ).
Jeder Zweig bekommt den Namen eines
Heiratskandidaten; derjenige, dessen
Zweig zuerst blüht, heiratet das Mäd¬
chen 16 ). Der blühende K.nzweig wird
an Weihnacht in den Gottesdienst mit¬
genommen; der Bursche, der dann dem
Mädchen begegnet, gleicht dem künftigen
Gatten 17 ). Aus der Menge der Blüten
und aus ihrer schneeweißen Farbe wird
auf die Nähe der Hochzeit geschlossen 18 ).
Die Zweige müssen in der Andreasnacht
1427
Kirschbaum
Kirschbaum
1430
zwischen 11 und 12 Uhr gepflückt werden,
dann blühen sie bis Neujahr. Doch werden
sie nur einen Tag früher oder später ge¬
pflückt, blühen sie nie 19 ). Das Abschnei¬
den der Zweige muß „unbeschrien“ ge¬
schehen 20 ). Manchmal werden die Zweige
auch von anderen Obstbäumen oder auch
vom türkischen Flieder (Syringa vulgaris)
gepflückt. Übrigens dürfen in München
nach marktpolizeilicher Vorschrift die
auf dem Markte als „Barbarazweige“
feilgebotenen Zweige nicht von Obst¬
bäumen stammen 21 ). Die ,,Barbara¬
zweige'‘ zeigen Beziehungen zur Lebens¬
rute 22 ). Vgl. auch 1, 908 f.
6 ) Z. B. John Westböhmen 7; MschlesVk. 9,
7 5 - 7 ) Reiser Allgäu 2, 14. 8 ) Z. B. Schweizld.
4 > 659. 9 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 1;
Reiser Allgäu 2, 14; John Westböhmen 7.
10 ) Drechsler 1, 18; MschlesVk. 4, 48.
n ) Schweizld. 4, 659. 12 ) Hoffmann-Krayer
109. 13 ) Ebd. 97; Schweizld. 4, 1534; ZfVk.
4, 109 (Gossensaß); ZfrwVk. 4, 8. 14 ) Reiser
Allgäu 2, 178. 15 ) John Westböhmen 5.
16 ) MschlesVk. 4, 48. 17 ) MnböhmExc. 31,
149. 18 ) Pröhle Harzbilder 1853, 48.
19 ) Sommer Sagen 162. 20 ) Marzell Bayer.
Volksbotanik 2; DG. n f 215 f. 21 ) Marzell
Bayer. Volksbotanik 2. 22 ) Mannhardt 1, 266.
4. Vor allem in Ostdeutschland (slavi-
sche Herkunft ?) ist der Glaube verbreitet,
daß man mit Hilfe der am Andreas-, Bar¬
baratag usw. 23 ) geschnittenen K.nzweige
in der Christnacht (in der Kirche) die
Hexen erkennen könne 24 ). In Nieder¬
österreich (Krems) muß man an Johanni
bei Sonnenaufgang einen gabelförmigen
Weichselzweig brechen, ihn in Weih¬
wasser stellen und in der Kirche vom
Chor durch die Zwiesel des Zweiges
schauen, dann sieht man die Hexen ver¬
kehrt sitzen oder stehen 25 ). Wie so oft
bei ,»Hexenerkennungsmitteln“ (s. z. B.
Gundermann 3, 1204) handelt es sich hier
wohl um ein ursprüngliches Apotropäon.
Ein aus Weichselzweigen zusammengebun¬
denes Kreuz wird an Walpurgis in den
Misthaufen gesteckt 26 ). Mädchen, denen
es ,,angetan“ ist, stellen sich vor Sonnen¬
aufgang in den Garten unter einen Kb.,
schütteln ihn und lassen den Tau
auf sich fallen 27 ), vgl. auch § 9. Blü¬
hende K.nzweige legt man unter das Ge¬
treide um die Mäuse zu vertreiben 28 ).
1428
Gekochte K.n sind dem Wildmännli zu¬
wider 29 ).
23 ) Auch der Katharinentag wird genannt:
DVköB. 12, 37. 24 ) Kühnau Sagen 3, 34 f.;
Drechsler 2, 218; MschlesVk. 6, 12; 13, 85;
Schramek Böhmerwald 113; John West¬
böhmen 5, 200; Peter Österreichisch-Schlesien 2,
254; Vernaleken Mythen 285. 336; Wirth
Beiträge 6/7, 5; ebenso bei den Wenden (Schu¬
lenburg IVend. Volksthum 126) und in der
Walachei (ZföVk. 2, 249; RTrp. 18. 90). 25 ) Leeb
Sagen Niederösterreichs 1892, 65. 26 ) Spieß
Obererzgebirge 13 = John Erzgebirge 197.
27 ) Grohmann 156. 28 ) Wirth Beiträge 4/5,
31. 29 ) Kuoni St. Gallcr Sagen 161.
5. Wie andere Obstbäume (s. Birne,
Krieche, Pflaume, Zwetschge) wird
auch der Kb. (vor allem der Weichsel¬
baum) von heiratslustigen Mädchen
in der Thomasnacht 30 ) geschüttelt (,,ge¬
beutelt“) mit den Worten:
Weichselbaum, ih schüttel* dih,
Thomas, ih bittel dih,
Laß mir a Hunderl bell’n,
Wo sich mein Monn thuat meld’n.
In Schlesien lautet der Spruch (beim
Brechen des K.nzweiges):
K. ich knacke dich,
Feinsliebchen lache dich,
Wenn die K.n krachen,
Wird mein Feinsliebchen lachen.
Dann stellt man die Zweige ins Wasser
und schließt zu Weihnachten aus der
Zahl und Farbe der hervorgebrochenen
Blüten, ob für die Ausstattung zu sorgen
sei 31 ). In Westpreußen wird das Orakel
in der Neujahrsnacht angestellt, dabei
wird gesprochen:
Kb., ich schiittl' dich,
Laß ein weißes Hündchen bellen,
Wie die Wirtschaft ich soll stellen.
Kommt dann ein weißes Hündchen, so
tut es seine Meinung über die Wirtschaft
kund, und die Person bleibt am Leben,
kommt aber ein schwarzes Hündchen,
so stirbt sie 32 ).
30 ) Baumgarten Aus der Heimat 1862, 150;
ZfVk. 6, 133. 3l ) Drechsler 1, 10. 32 ) Treichel
Westpreußen 5, 33.
6 . An gewissen Tagen im Hochsommer
darf man keinen Kb. besteigen,
weil man herabfallen und sich zu Tode
stürzen würde. Als solche Tage werden
genannt der Tag der 10 000 Ritter
(22. Juni), Johanni 33 ), Margarete 34 ),
Ulrich 35 ), Heinrich 36 ), Jakobi 37 ). Der
1429
Glaube gehört wohl in den Abergläubens-
kreis, daß Johanni usw. einen,,toten Mann“
fordere (Macht der Geister an Johanni),
d. h. daß an diesem Tag jemand ertrinken
müsse usw. Übrigens kennt man auch in
Bosnien einen ,, Halsbrech tag“ (zur Zeit
der K.nernte), an dem niemand auf einen
Kb. klettert 38 ). Ferner darf eine
Mutter, deren Kind gestorben ist, vor
Johanni keine K.n essen 39 ). In der Regel
gilt dieser Glaube von den Erdbeeren
(s. 2, 893).
33 ) Lütolf Sagen 107; ebenso in Poitou und
in der Touraine: Sebillot Folk-Lore 3, 380.
34 ) Leoprechting Lechrain 180. 35 ) Marzell
Bayer . Volksbotanik 50. 36 ) Jb. Elsaß-Lothr.
12, 196. 37 ) Oberfranken: Das Bayerland 20
(1909), 574; vgl. auch John Westböhmen 91.
38 ) WissMittBosnHerc. 4, 491. 39 ) Drechsler
1, 296; Laube Teplitz 1896, 29; Temesvary
Geburtshilfe 23.
7. K. und Kb. erscheinen hie und
da als Fruchtbarkeitssymbol (vgl.
auch § 5 ,,Kb. im Liebesorakel“).
Um einen schwarzen Kb. führt man
eine Kuh, die nicht fruchtbar bleibt 40 )
oder schwer trächtig wird 41 )- Bei den
Serbokroaten zieht die kinderlose Frau
im Wald den Ast eines wilden Kb.s
heraus, kriecht dreimal durch, wobei sie
spricht: ,,Wie du nicht unfruchtbar bist,
so soll auch ich es nicht sein“ 42 ). Hierher
gehört auch wohl der Brauch, Heu unter
einen schwarzen Kb. zu legen und es
den Tieren zu fressen geben, damit sie
das ganze Jahr genügend zu fressen
haben 43 ). Auch spielt die K. in eroti¬
schen Vergleichen und Redensarten eine
Rolle 44 ). Mädchen mit leichtem Lebens¬
wandel steckt man einen K.zweig vor die
Tür 45 ); „die ist der gemein Kirsebaum“
(— ad usum communem) bezeichnet im
Elsaß die Dorfdirne 46 ). Umgekehrt
kann aber auch durch die menschliche
Fruchtbarkeit die des Kb.s gefördert
werden: Wenn man die ersten Früchte
eines K.s einer Frau gibt, die zum
erstenmal niedergekommen ist, so wird
das Bäumchen fruchtbar 47 ). Übrigens
sucht man in der Schweiz die Fruchtbar¬
keit der K.bäume durch Lärmumzüge (an
Dreikönig) zu fördern 48 ).
40 ) Bohnenberger 112. 41 ) Eberhardt
Landwirtschaft 214. 42 ) Schnee weis Weih¬
nacht 101. 43 ) SAVk. 15, 4. 44 ) Aigremont
Pflanzenwelt 1, 79 ff. 45 ) ZfVk. io, 180; Se¬
billot Folk-Lore 3, 402; vgl. auch Schweizld.
L 574 - 46 ) Martin u. Lienhart Elsäss. Wb.
2, 44. 47 ) SAVk. 2, 264 = Schweizld. 4, 1239.
4S ) Hoffmann-Kraver 103.
8. Im landwirtschaftlichen Glau¬
ben schließt man aus dem Verlauf der
K.nblüte auf das Gedeihen des Roggens 49 )
und des Weines 50 ). Da K. einerseits,
Roggen und Weinrebe andrerseits, an¬
nähernd die gleichen Vegetationsbedin¬
gungen haben, so entbehrt dieser Glaube
nicht einer gewissen Begründung. Die
K.n gedeihen, wenn man am Funken¬
sonntag (1. Sonntag in der Fastenzeit), der
in der Fruchtbarkeitssymbolik Öfter ge¬
nannt wird 51 ), viele Sterne sieht 52 ) oder
wenn am „jungen“ Fastnachtsdienstag
die Sonne scheint 53 ). K.n sollen mit¬
samt den Stengeln gepflückt werden, weil
die Bäume sonst im nächsten Jahr nicht
tragen 54 ). Ein Wirbelwind verschafft
der K.nblüte ein reiches Erträgnis 55 ).
Keine oder wenig K.n gibt es, „wenn der
Kb. zwischen zwei Lichtern“ (zwei
Monden) blüht (Mark) 56 ) oder wenn es
zur Zeit der K.nblüte blitzt (Schlesien) 57 ).
Wenn morgens das K.nlaub zittert, so
kommt noch an demselben Tag ein Ge¬
witter 58 ). So lang das Laub am Kb.
ist, schneit es nicht 59 ).
49 ) Fischer SchwäbWb. 4, 416; Sartori
Westfalen 69; Bartsch Mecklenburg 2, 166;
Yermoloff Volkskalender 114. 50 ) Schreger
Hausbüchlein 1770, 127, MnböhmExc. 21, 289;
Meyer Baden 383; Marzell Bayer. Volks¬
botanik 125. 51 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 108.
52 ) Reiser Allgäu 2, 104: Fischer SchwäbWb.
4, 41Ö. 53 ) Yermoloff Volkskalender 52.
54 ) Treichel Westpreußen 5, 53. 35 ) Meyer
Baden 368. 36 ^ Yermoloff Volkskalender 114.
57 ) Urquell 3, ’ O". 38 ) Reit er er Ennstalerisch 59.
59 ) Schweizld 4, 1239.
%
9. In der Sympathiemedizin werden
auf den Kb. (ebenso wie auf viele
andere Bäume) Krankheiten übertragen.
Man geht vor Sonnenaufgang zu einem
Kb. und beißt rückwärts gewandt, indem
man den Namen Gottes ausspricht, die
Knospen ab 60 ). Gegen Brustbeklemmung
geht man morgens vor Sonnenaufgang,
ehe die Vögel wach werden, und indem man
den Baum mit den Händen umspannt,
zu einem Kb.: „Kirschboom, ick bä di!
1431
Kirschbaum
1432
Hattspann und Reefkauken plagt mi.
Kirschboom, ick bä di! Nimm mit dat aff!
De erst Vagei, de över di henfliegt, driegt
et in’t Grav! Im Namen des Vaters
usw.“ 61 ). Wenn zwei Brüder, am besten
Zwillinge, einen Kb. in der Mitte
spalten und das kranke Kind hindurch¬
ziehen, dann den Baum wieder zubinden,
so heilt das Kind wie der Baum heilt 62 ).
Der Bruch wird in einen Kb. verbohrt.
Wer den Baum umsägt, bekommt den
Bruch 63 ). Bereits (im 5. Jh. n. Chr.) bei
Marcellus Empiricus 64 ) findet sich
das Mittel, das mit einem Bruch be¬
haftete Kind durch ein gespaltenes
Kb.chen zu ziehen und dann die ge¬
spaltenen Hälften des Bäumchens wieder
zu verbinden. Wenn der Baum wieder
verwachsen ist, ist auch der Bruch geheilt
(s. 2, 478). Gegen das Schwinden wurde
ein mit dem Blut des Kranken bestrichenes
Hölzchen in einen Kb. „verspindet“ 65 ).
Finger- und Zehennägel werden in ein
Lümplein gebunden, das man an einen Kb.
tut; dann bekommt man das ganze Jahr
kein Zahnweh 66 ) . Rotlauf wird mit einem
am Gallustag geschnittenen Hölzchen
eines Kb.s geheilt 67 ). Wenn ein Vieh
Maden hat, so laß dir sagen, wie es aus¬
sieht. Dann nimm drei Blätter vom
Kb., wirf ein Blatt über den Kopf
und denke: ,,Das schwarze (rote, bunte
usw.) Vieh hat Maden“. Das gleiche
mache man auch mit den übrigen Blättern.
Oder man faltet ein K.nblatt vierfach zu¬
sammen, die Rippen nach innen und denkt
dabei: ,,Ik döh wat vor de Maden, dat
dise Wittbunt in de Seite. Gott gebe dat
se den dritten Tag raus sind“. Dann legt
man das Blatt an einen Ort, wohin weder
Sonne noch Mond scheint 68 ). Ob jemand
mit ,,weißen Leuten“ (biale ludzie) be¬
haftet sei ( = Bleichsucht), erkennt man
in Masuren so: Man nimmt drei K.n-
ruten zusammen und schneidet sie in
kleine Stücke, indem man spricht: Eins
nicht eins, zwei nicht zwei, usw. bis neun
nicht neun! Dies Verfahren wiederholt
man dreimal so daß man dreimal 27 oder
81 kleine Stäbchen erhält. Diese Stäbchen
wirft man in eine Schale Wasser, das man
betend bekreuzt und mit den Worten
segnet: ,,Über den N. N. Getauften komme
Gott Vater, der Sohn und der heilige Geist“!
Amen wird nicht hinzugesetzt. Bleiben
alle Stäbchen schwimmen, so ist der Ge¬
nannte von „weißen Leuten“ frei, geht
aber ein Teü davon unter, so ist er mit
ihnen behaftet und zwar in dem Grade als
das Verhältnis der untergegangenen Stäb¬
chen zu den schwimmenden angibt 69 ).
Das erste Badwasser des Kindes schüttet
man an einen Kb., damit das Kind
schön wird 70 ), vgl. Apfelbaum, Rose.
Auch der Tau von einem Kb. ist
heilsam. Der Kranke lege sich nackt bei
der Nacht unter einen Herzkb. und
schüttle, mit dem Rücken dem Baum
zugewendet, den Tau auf sich herab 71 ).
; Man treibt das Vieh mit einem K.nzweig
aus dem Stall, läßt aber den Zweig im
! Stall stecken; dadurch sollen die Kühe
vor dem „roten Wasser“ (wohl Blut¬
harnen) geschützt sein 72 ). Hier ist wohl
die rote Farbe der K.n maßgebend.
60 ) Kuhn Westfalen 2, 205. 6l ) Lauffer
Niederdeutsche Volksk. 84 f. 62 ) Grimm Myth.
976. 63 ) Zimmer mann Volksheilkunde 59.
64 ) De medicam. 23, 26. G3 ) Seyfarth Sachsen
199. 66 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 386.
® 7 ) Fabricius De Signatura plantar. 1653, 35.
68 ) ZfVk. 8, 308; Engelien u. Lahn 276.
6£> ) Toppen Masuren 21; Frischbier Hexenspr.
75. 70 ) Höhn Geburt 260. 71 ) Grohmann 164.
72 ) Bartsch Mecklenburg 2, 142.
j 10. Verschiedenes. Wenn die Kinder
Kietterharz vom Kb. (es ist das aus dem
Stamm austretende K.nharz oder der
K.ngummi gemeint) essen, werden sie
starke Steiger 73 ). Wenn man von
schwarzen K.n träumt, so bedeutet dies
Tod, Trauer oder überhaupt Unglück 74 ).
Träumt man von schwarzen K.n an einem
Freitag, so deutet dies, namentlich
wenn es dreimal hintereinander geschieht,
auf Krankheit 75 ). Dagegen bedeutet das
Träumen von roten K.n Glück 76 ) oder von
K.n überhaupt Freude (Ostpreußen) 77 ).
Finden sich reife K.n und Blüten an dem¬
selben Baum, so bedeutet dies einen Todes¬
fall 78 ). In der Vita der hl. Hedwig (geb.
1174) wird erzählt, daß ihr von einem
Kb., der auf Weihnachten in Blüte
stand, gemeldet wurde. Sie sagte, das sei
ein Zeichen des Todes, und wirklich starben
in dem folgenden Jahre viele Arme 79 ).
1433
Es bedeutet Krieg, wenn der Kb. im
Jahr zweimal blüht 80 ). Kinder sollen
nicht in der K.nblüte abgestillt werden,
sie bekommen sonst frühzeitig weiße
Haare 8l ). Eine menstruierende Frau
darf keine K.n pflücken 82 ). Wer an Peter
und Paul K.n (oder Erdbeeren) aufhebt
und ißt, wird vom Geiste (Geisteskrank¬
heit) befallen 83 ). Wenn man K.n gegessen
hat, zählt man mit den Steinen ab, ob
man einen Mann bekomme: „Das Jahr,
nächschts, einisch, nie“ 84 ). Das „Kirsch¬
stengelreißen“ ist im Waldviertel (Nieder¬
österreich) ein Liebesorakel 85 ). Wer K.n
gestohlen und verzehrt hat, bleibt un-
entdeckt, wenn die Kerne der genossenen
K.n mit dem Stuhlgang Weggehen 86 ).
Man sucht aus dem Kot den Kern einer
gegessenen K. und pflanzt ihn ein. So
lange das daraus wachsende Bäumchen
grünt, lebt man 67 ).
73 ) Roch holz Kinderlied 319. 74 ) SchwVk.
10, 32; 12, 150; SAVk. 7, 135; Unoth 1, 180;
Wilde Pfalz 127; ebenso in den Vereinigt.
Staaten von Amerika: Bergen Superstitions 76.
75 ) Manz Savgans 127. 76 ) SAVk. 8, 271.
77 ) Urquell 1, 203. 78 ) Geschichtsbl. f. Stadt u.
Land Magdeburg 16 (1881), 240; vgl. auch
Wuttke 207 § 286. 79 ) Anz. f. Kde des deutsch.
Mittelalters 3 (1834), 10. 80 ) Grimm Myth. 3,
477. 81 ) DVöB. 5, 47. 82 ) SchwVk. i, 23; vgl.
auch Ploß Weib 7 1, 437. 83 ) Zimmermann
Volksheilkunde 61. 84 ) SAVk. 8, 268. 85 ) Wein-
kopf Naturgeschichte 59. 86 ) Drechsler 2,
263. 87 ) Wirth Beiträge 6—7, 13.
Literatur: Theodor Bodin Der Kb. im
Volksmunde und Volksglauben. In: Europa,
Jahrg. 1877, 987—992 (unbedeutend); Ad.
Seiler K. und K.b im Spiegel schweizer¬
deutscher Sprache und Sitte. In: SAVk. 4,
199—213. Marzeil.
Kissen s. Kopfkissen.
Kissentanz. Der Kisselistanz, Küsschen¬
oder Küssetanz, auch Päl-(Pfühl-)tanz
oder Polsterltanz genannt, ist von Öster¬
reich bis England belegt 1 ). Er wird in
Süddeutschland auf Hochzeit und Kirch¬
weihen gern getanzt und ist auch sonst
bei Tanzveranstaltungen und Hausbällen
heute noch volkstümlich. Die häufigste
Form ist wohl die von F. M. Böhme be¬
schriebene. Es ist ein altväterischer
Reigen, bei welchem ein Mädchen mit
einem Kissen in dem Ring der Tanzenden
hält und durch rasches Niederwerfen
1434
des Polsters und den Kuß, den sie dem
zugleich mit ihr darauf knienden Burschen
gibt, den Tänzer bezeichnet, mit welchem
sie in raschem Walzer der langsamen
Runde ein Ende macht 2 ). Auch in
Österreich wird das Polstert so weiter-
gegeben ; da die Zahl der Teilnehmer
eine imgerade ist, wird die letzt ver¬
bliebene Person mit Spott und Mutwillen
ausgelacht 23 ). Mehr an Brauchspiel
gemahnen die Formen, die in Nieder-
österreich aus Anlaß des Brecheltanzes
dabei üblich sind: die Erwählte muß
sich schnell auf das hingelegte Kissen
knien, sonst zieht der Tänzer den Polster
zurück. Nun tanzen beide herum, halten
dann plötzlich still, und die Tänzerin
haut dem Tänzer das Posterl hinauf,
der dann aus dem Kreise ausbrechen
muß 3 ). Auch im steirischen Tanzbrauch
nimmt der Tänzer oder die Tänzerin das
Polsterl auf die Schulter, und der Tänzer
entschlüpft schließlich unter den hoch¬
gehobenen Händen eines Paares aus dem
Kreis. Zum Abschluß kommt hier ein
Abgetretener und macht mit einem Besen
kehraus 4 ). In Mülhausen (Elsaß) bringt
der Bursche auf seinen Armen ein Trag¬
kissen herein, in dem eine Puppe ein¬
gebunden ist, tanzt damit einmal im
Saal herum, kniet vor einem Mädchen
nieder und überreicht es ihr sorglich,
diese tanzt wieder herum, und so geht
es weiter, bis auch die Fremden daran
waren ö ), ein wohl beabsichtigter, übrigens
typischer Zug unbefangener Gemein¬
schaft.
Dagegen ist die gesellschaftliche oder
„Tanzmeisterform“ des „coussin“ ge¬
nannten Tanzes die, daß die Dame auf
einem Stuhl sitzt und ein Kissen vor
sich hinbreitet, das sie jedoch schalk¬
haft zurückzieht außer vor dem, mit
dem sie tanzen will. Die tanzfremde
Etikette des Sitzens der Dame läßt
diese galant höfisch gefärbte Form kaum
als die ursprüngliche ansehen, neben die
der Volkstanz als gesunkenes Kulturgut
zu setzen wäre, wie J. Bloch dies tut fl ).
E. H. Meyer betonte die wachsende
Vertraulichkeit der Geschlechter, die einen
Hauptzug des Kirchweihfestes ausmacht
Kissen—Kissentanz
1435
kitzeln
1436
und will letzten Endes im K. eine Aus¬
drucksform der Hingabe der Braut an
den Bräutigam sehen 7 ). Sicher erinnert
der Mimus an manche Ausdrucksformen
der Hochzeit, so an das gemeinsame
Sitzen des Paares bei der slawischen
Hochzeit auf einem Polster, Kissen,
Handtuch u. dergl. 8 ). Auch das Spiel
mit der Puppe (s. d.), die scherzhafte
Prügelei (s. d.), Verspottung des Letzten
(s. d.) und Kehraus (s. Besen) sind ja
aus bedeutsamerem Bereich in die Spiel¬
form eingegangen. Hat für die französi-
sierte Tanzmeisterform, bei der die Dame
sitzt, das ,,Prangen“ der Braut ein Vor¬
bild abgegeben 9 ) ? Tiefere Bedeutung
wird dem Tanz, seit er beschrieben wurde
(in Österreich 1819), kaum irgendwo
zugebilligt; wenn man weitgehen will,
kann man ihn als Einleitung zu einer
Bindung entsprechend den Mailehen an-
sehen.
*) Pfannenschmid Erntefeste 581 f. 622;
HessBl. 26, 70 f. 2 ) Geschichte des Tanzes
1, 195 1= Bavaria 2, 834. 2a ) R. Zoder Alt-
österreichische Volkstänze (Wien 1922) 22.
3 ) ZföVk. 2,80; 21,115. 4 ) K. Mautner Alte \
Lieder und Weisen (Wien O. J. 1919) 396;
vgl. E. K. Blüraml Beitr. zur D. Volks¬
dichtung (Wien 1908) 48. Das Polsterschwingen
als alten Zug kennzeichnet der bis 1819 zurück¬
zuverfolgende Reim: Obers Kopf und unters
Kopf / da muaß das Polsterl fliegen / und die
das Polsterl haben will / die mueß a Busserl
kriegn. Das deutsche Volkslied (Wien) 22,
53; ZföVk. 5, 117. 5 ) Meyer Baden 232 f.
235. 3 ° 4 - 6 ) HessBl. 26, 70 f. 7 ) Meyer Baden
238. 8 ) ZföVk. Erg.-Bd. 13, 185 f. 9 ) ZfVk.
NF. 2, 12. Haberlandt.
kitzeln. Das früher als Liebkosung
zur Steigerung der geschlechtlichen Er¬
regung literarisch oft belegte und geradezu
mit coire gleichgesetzte x ) K. (vor allem
in den Achselhöhlen) wird vereinzelt auch
in der Volksüberlieferung erwähnt: Liebes-
leidenschaft lasse sich erzeugen durch
gegenseitiges Indiehändek. 2 ).
Daß gelegentlich von Hexen und Ko¬
bolden erzählt wird 3 ), sie hätten das Vieh
gekitzelt, schlägt den Bogen zu der mehr¬
fach bezeugten Vorschrift, man dürfe ein
Kind unter einem Jahr nicht k.; es würde
sonst stottern oder anwachsen, nicht
gehen lernen 4 ). Der Anlaß für ein solches
Kitzelverbot mag in der Gewohnheit der
Anverwandten liegen, durch K. und ähn¬
liche Unterhaltungen den kleinen Liebling
zum Lachen zu bringen und sich von
seiner ungebrochenen Lebensfreude zu
überzeugen. So sind denn auch der¬
artige Kitzelspiele viel häufiger über¬
liefert, z. T. in Verbindung mit Fin¬
gerreimen. Man patscht zunächst und
kitzelt zuletzt die Innenfläche der dar¬
gereichten und festgehaltenen Hand
unter Absprechen von Kitzelversen 5 ),
z. B.: ,,Daaler, maalder, kööche, kälefje,
schwänzje, dänzje, dile, dile, dänzje“ 6 ).
oder: „Hast’n Taler, geh zu Markt, kauf
dir' ne Kuh, Kälbchen dazu. Das Kälb¬
chen hat ein Schwänzchen. Dideldidel-
dänzchen“ 7 ), oder: ,,Söhlchen, smöhlchen,
stip in, klapp in, killekillekille“ 8 ), oder:
,,Koch Grützchen, koch Grützchen, gib
dem was, gib dem was, und diesem reiß
den Kopf ab. Killekille wauwau“ 9 ).
Auch bei dem bekannten Pfänderspiel
„Mien Vadder hett’ n Swien slacht“
kommt der abgewiesene Geldeintreiber
beim dritten Umgang als Milchmann
(oder die Händlerin als ,,Kitzel(Knibbel-)-
maschin“) und kitzelt an den Beinen zu
dem Spruche: ,,Knips, knaps, knäbelein,
beiß mir nicht ins Benelein! Lache nicht,
weine nicht, zeig mir deine Zähne nicht!“,
und für Lachen oder Zähnezeigen wird
dann ein Pfand erhoben 10 ).
Stellt sich der Kitzelreiz ohne eine
derartige absichtliche Berührung durch
einen anderen Menschen von selbst ein,
so wird er gern als Vorzeichen gedeu¬
tet. K. in der inneren (rechten) Hand¬
fläche weist dann wohl auf Geld) oder
Händeschütteln (= Besuch) u ) hin, in
der Nase auf Geschenk 12 ) oder, wie auch
im Ohr, auf Neuigkeit 13 ). Man spricht
in solchen Fällen auch von ,,beißen‘‘ (z. B.
Nase: Kuß, Streit, Zornanfall, Ankunft
einer Nachricht oder einer geliebten Per¬
son 14 ). — Ohr: üble Nachrede 15 ). —
Auge: (rechts) angenehmer Anblick,
(links) leidvolles Schauspiel 16 ), oder um¬
gekehrt 17 ). — Fußsohle: auf neuen Grund
kommen 18 ). — Hinterer: gutes Butter¬
jahr, oben 4, 68 ) oder von ,,brennen“
(z. B. Ohr: jemand denkt an einen 19 ))
oder meistens von ,,jucken“ (s. d. u. oben
1437
Klabautermann
1438
»
3, 601. 1362. 1385), wie schon in einer
Zürcher Handschrift von 1393: ,,...du
solt nüt glöben an zöber .. .noch an die
brawen vn der wangen iucken.. ,“ 20 ). Phy¬
siologisch und sprachlich vollzieht sich
dann in weiteren Beispielen 21 ) ohne we¬
sentlichen Bedeutungswandel ein Über¬
gang zu dem weissagenden Ohrklingen
(s. klingen u. oben 3, 1744), Backen¬
glühen (s. Wange), Schiunddrücken und
ähnlichen Empfindungen.
D DWb. 5, 877 t.; vgl. dort überhaupt ,,k.“
und abgeleitete Ausdrücke. Ferner Aigremont
Fußerotik 29 f. 2 ) Fogel Pennsylvania 375.
3 ) DWb. 5, 874; oben 3, 1125. 4 ) Fogel Penn¬
sylvania 42. 50; Hillner Siebenbürgen 52.
5 ) Vgl. Müller Handkitzelverse, in ZfrwVk. 11,
144. 6 ) Ebd. = Wred e Rhein. Volkskunde 155.
7 ) Hamburg, mündl. 8 ) Dithmarschen, mündl.
9 ) Heckscher Hannov. Volksk. 1, 335. 10 ) Ebd.
202; Hamburg, mündl. n ) Fogel Pennsyl¬
vania 101; 103; Urquell 4, 119. 12 ) Spieß
Fränkisch-Henneberg 151. 13 ) Rosegger Steier¬
mark ij (1875), 83; DG. 5, 202. 14 ) Fogel
Pennsylvania 390. 84; Zimmermann Volks¬
heilkunde 25. 15 ) Fogel Pennsylvania 93; tfgl.
94. ie ) Ebd. 96 f.; Wuttke 218; 17 ) Wuttkc
218; vgl. Rosegger Steiermark 1 (1875), 83.
18 ) Fogel Pennsylvania 87. — Oder als Zeichen
für den Schatzsucher: „Wenn ihm doch auch
einmal die Sohle kitzelt . . . “ (Goethe Faust
2, 1). 19 ) Fogel Pennsylvania 93. 20 ) Grimm
Myth. 3, 411. 21 ) Z. B. Wuttke 218 f.;
Dähnhardt Volkst. 2, 89. Freudenthal.
Klabautermann x ), Kalfater- oder Kla-
battermann 2 ) ist in der Regel ein guter
Schiffsgeist. Er verrichtet die Arbeit
für die Mannschaft, bei schlechtem Wetter
sorgt er, daß das Rechte geschieht 3 ),
behütet das Schiff vor Schaden. Dafür
will er sein gutes Essen (ein Schälchen
Milch) 4 ), ißt am liebsten vom Tisch des
Kapitäns 5 ). Er neckt und stört die
Mannschaft, ist rachsüchtig 6 ). Man hört
ihn fast immer klopfen 7 ), gewöhnlich
ist er unsichtbar 8 ). Wer aber am 22. 2.
um Mitternacht geboren ist, kann den
K. sehen 9 ). Der K. ist ein kleines graues
(rotes) 10 ) Männchen, kräftig und ge¬
drungen. Ein anderer beschreibt ihn
so: er ist ein kleiner Kerl mit roten Paus¬
backen, hellen, gutmütigen Augen, ist
gekleidet wie ein Matrose und hat einen
hölzernen Hammer in der rechten Hand 11 )
(hat eine ganz feine Hand) 12 ). Er hat
gelbe, kniehohe Reiterstiefel an, einen
großen feuerroten Kopf, weißen Bart,
grüne Zähne und einen spitzen Hut 13 ).
Er ist ganz nackt 14 ). Nach anderen hat
er einen greulichen Fischkopf mit langem
struppigem Haar. Der geöffnete Rachen
ist blutig mit langen gelben Zähnen, die
er grinsend fletscht. Die Augen sind
wie glühende Kohlen und sein Gewand ist
weiß 15 ). Zeigt er sich, oder hört man ein
starkes Poltern, so geht das Schiff unter 16 ).
Auch sonst wird er als unglückmeldender
Meergeist angesehen, der seinen Spuk mit
leeren Tonnen treibt.
Wenn die Mannschaft nichts taugt, ein
Verbrecher an Bord ist, oder ein Ver¬
brechen auf dem Schiff begangen wird,
verläßt der K. das Schiff. Einige er¬
zählen, daß alle Ratten mit ihm gingen,
denn sie sind seine Kameraden. Verläßt
er das Schiff, so ist das ein sicheres 17 )
Zeichen dafür, daß es von seiner nächsten
Reise nicht zurückkommt. Einst wollte
man ein altes Schiff, das stets glücklich
gereist war, auseinanderschlagen, aber
es war fest wie Stahl. Als man aber ein
Kästchen von Bord fortnahm, fiel das
Schiff von selbst auseinander. In dem
Kästchen war der K. Es wird auch gesagt
der K. sei ein Teufelsgeselle, wer ihn an
Bord habe, sei ein Freimaurer oder habe
sich dem Teufel ergeben.
Der K. geht zuweilen auch an Land
und wohnt dann im Pferdestall. Er
kommt in das Haus des Kapitäns, oft
bevor dieser ankommt und rumort auf
dem Boden. Das bedeutet, daß das Schiff
bald glücklich in den Hafen kommt.
Ursprung: Stirbt ein Mensch, dessen
Bruchschaden durch Durchziehen (s. 2,479)
durch einen Baum geheilt wurde, so geht
sein Geist in den Baum über. Wird dieser
Baum bei einem Schiffsbau verwendet, so
entsteht aus dem im Holze wohnenden Geist
ein K. 18 ). Der K. soll die Seele eines un-
getauft gestorbenen 19 ) (totgeborenen) 20 )
Kindes sein. Ist das Kind unter einem
Baum begraben und der Baum nachher
als Schiffsbauholz verwendet worden, so
folgt die Kinderseele dem Schiff als
Schutzgeist 21 ). Wird das letzte Stück
Holz am Schiff angebracht, so geht der
K. darauf 22 ). Er stellt sich oft schon
1439
Klage
Klagevogel
1442
beim Bau des Schiffes ein und hilft mit
kalfatern. Einige sagen, der K. habe
seine Heimat in wärmeren Gegenden und
komme von da mit den Schiffen herü¬
ber s®). Sticht ein Schiff Montag oder
Freitag in See, so hat der K. Macht über
die Mannschaft, und das Schiff wird die
ganze Fahrt schlechtes Wetter haben 24 ).
Der Glaube an den K. schwindet mit der
Abnahme der Segelschiffahrt 25 ) (s.
Kobold). Vgl. im Allg.: O. Loorits Der
norddeutsche Klabautermann im Ostbalti¬
kum, Sitzber. Gelehrte Estn. Ges. 1929.
1 ) Fehlt in Lexika und in der Literatur vor
1820. Das Wort gehört wahrscheinlich zur
Wortgruppe kalfatern, „ein Schiff ausbessern“,
ein Seemannswort des mittelländischen Meeres
umstrittener Herkunft. Kluge EtWb., Grimm
DWb. stellt K. zu der Wortgruppe klabastern
„schlagen, klopfen“. Andere Wortformen Zau-
nert Rheinland 1, 59. 574 f.; Wolf Ndl.
Sagen 310; Ausführlichster Bericht Heinrich
Heine Reisebilder (von Norderney) 2 (5. Auf!.),
24—27; Haas Pomm. Sagen Nr. 47; Greifs -
wald Nr. 38; Usedom-Wollin 42; Graesse
Preußen 2 Nr. 479. ParaUelen: Hl. Phokas,
Radermacher AKw. 7, 445 ff. Altgriechische
Parallelen Roscher Fünfzig 110. 2 ) Stracker¬
jan 1, 485 Nr. 255. 3 ) ZfdMyth. 2, 142; Strak-
kerjan 1, 485 h Nr. 255; Temme Pommern
300L 4 ) Kuhn u. Schwartz 15 Nr. 17. 6 )
Kleider und Schuhe darf man ihm nicht geben,
sonst zieht er sofort weg (s. Kobold 8, b) ZfVk.
4,300. 6 ) Müllenhoff Sagen Nr. 431; Strak-
kerjan 1, 486 Nr. 255. 7 ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 161 Nr. 198. 8 ) ZfVk. 2, 417. °) Urquell
U 135 - 10 ) Strackerjan i, 487. ll ) Ebd.
1, 485 Nr. 255. ia ) ZfdMyth. 2, 141.
13 ) Kuhn u. Schwartz 423 Nr. 222.
520. 14 ) Ranke Sagen 172. 15 ) K. ist eine
weiße Gestalt: Urquell 1, 134 f. 16 ) Ebd.;
Strackerjan 1, 487; ZfVk. 2, 417; 20, 387.
17 ) Strackerjan 1, 486 f. Nr. 255. 18 ) ZfdMyth.
2, 141. 19 ) Köhler Voigtland 476. 20 ) Ranke
Sagen 163. 21 ) Jahn Pommern 104. 108. Vgl.
Feilberg skibsnisser xoi f. 22 ) ZfdMyth. 2,
141. 23 ) Strackerjan 1,485^.255. 24 ) Ur¬
quell 1, 135. 2S ) Sartori Sitte 2, 161.
Weiser-Aall.
Klage, Klagemutter, Wehklage. Un¬
heimliche Laute in der nächtlichen Na¬
tur, vor allem das Schreien der verschie¬
denen Eulenarten, aber auch wohl andrer
Nachttiere, vielleicht auch der gelegen flieh
„klagende“ Ton des Windes u. dgl. haben
die bes. im Osten des deutschen Sprach¬
gebietes lebendige. Vorstellung von einem
durchweg weiblich gedachten Klagewesen
1440
geschaffen, das nachts seine bald heulende,
bald winselnde Stimme ertönen läßt.
Die Bezeichnungen wechseln: 'Klage'
gilt in Ober- und Niederösterreich 1 ),
Tirol 2 ), Kärnten 3 ) und im Allgäu 4 ),
‘Klagmutter’ (-mütterchen) in Böhmen
(hier seit 1400 bezeugt) 5 ), Schlesien 6 ),
Niederösterreich 7 ), im Erzgebirge 8 ), im
Voigtland 9 ), in der Oberpfalz 10 ) und am
Oberharz 11 ), ‘Winselmutter’ im Erz¬
gebirge 12 ) und im Voigtland 13 ), 'Haule¬
mutter' im Harz 14 ), 'Klageweib' in
Schlesien 15 ), im Voigtland 16 ), am Ober¬
harz 17 ) und in Braunschweig 18 ), 'Klin-
selweib’ in Schlesien 19 ), ‘Wehklage'
(wendisch boza[za]losc, boze sedlesco
= Gottes Klage) in der Lausitz 20 ) und
im Voigtland 21 ), 'Klagweh' in der
Schweiz 22 ). — Ihr Geschrei gilt überall
als Vorzeichen (bzw. Warnung) vor Tod
oder Unglück: „wer es hört, der stirbt“ 23 );
‘heult' die Wehklage vor dem Haus, in dem
ein Kranker liegt, so wirft man ihr ein
Tuch, das diesem gehört, vor die Tür:
nimmt sie es mit, so stirbt der Kranke,
sonst nicht 24 ); man kann das geweis-
sagte Unglück ablenken, indem man dem
Klagmütterchen sofort einen Ersatz
nennt 25 ). — Die Klage bleibt meistens un¬
sichtbar; sie „schwebt über das Haus
weg“ 26 ), ist ein „sehr imheimlicher
Vogel“ 27 ); wo sie gesehen wurde, er¬
schien sie entweder als unförmliche
schwarze Gestalt 28 ), als sich wälzender,
wirrer Knäuel 29 ), in Linnen gehüllt,
so hoch wie ein Kirchturm, mit glüen
Augen 30 ), oder in Tiergestalt: als Kalb
mit roten Augen 31 ), als Schaf (das, ge¬
neckt, zu Riesengröße schwillt) 32 ); die
wendische boze sedlesco erscheint als
weißes Kind oder weiße Henne zz ). In
Deutschböhmen heißt die große Raupe
des Totenkopf Schwärmers, die wie der
Schmetterling selber gleichsam klagende
Töne von sich zu geben versteht, „Klag¬
mutter“, im Böhmerwald die Raupe des
Bärenspinners „Klagmutter“ oder „Bär¬
mutter“ 34 ). — Eine weitergehende my¬
thische Einordnung fehlt im allg.: in
Österreich ist die Klage die Seele eines Ver¬
storbenen 35 ), in Sachsen die Seele einer
unglücklichen Mutter, die ihren ertrunke-
1441
nen Sohn sucht 36 ), im Allgäu ein mitter¬
nächtlicher Zug von Klagefrauen oder
sargtragenden Männern 37 ), in Kärnten
und in der Schweiz gehört sie zum wilden
Heer 38 ), im Fichtelgebirge ist das Klag¬
mütterlein ein Waldweibchen 39 ). Da¬
gegen ist Pröhles Gleichsetzung der Haule¬
mutter im Harz mit Frau Holle anschei¬
nend nicht volkstümlich 40 ).
Verwandte Vorstellungen sind z. B.
die schreiende Jungfrau vom Vogelsberg
(im Hannoverschen) 41 ), das schreiende
Kind bei Frankenheim 42 ), das klagende
Mühlfräulein bei Dischingen in Schwaben 43 ),
die weinenden Hojemannln am Lechrain 44 ),
das schweizerische Huri, Hauri (= Nacht¬
eule) 45 ), das ebenfalls schweizerische
„Haldengeschrei“ 46 ) und vor allem die
braunschweigische Tut ursel, Tutosei
(Eule), die Hackelbergs wilder Jagd vor¬
auffliegt und (scherzhaft ?) für die Seele
einer unmusikalischen Nonne erklärt
wird 47 ). — Daß der Eulenruf (wie im
griechisch-römischen Altertum) auch auf
deutschem Boden schon in sehr alter Zeit
weiblichen Walddämonen zugeschrieben
wurde, darauf deutet die Glossierung der
ululae aus Jes. 13, 22 durch wildiu wip
(vel man) und holz muowun im 9. und
10. Jh. 48 ).
l ) Hmtg. 1,304 t.; Vernaleken Mythen 105
Nr. 28; Landsteiner Niederösterreich 25.
-) ZfdMyth. i. 236 Nr. 14. 3 ) Gräber Kärnten
90 Nr. jio. 4 ) Reiser Allgäu 1, 416 Nr. 503.
& ) D. Ackermann aus Böhmen ed. A. Bernt u.
K. Bu rdach (1917) cap. 25, i8u. Anm.; Groh-
mann 6 Nr. 31; Kühnau Sagen 2, 62 f. Nr.
728; John Weslböhmen 164; Rank Böhmer¬
wald 1, 159t. c ) Kühnau Sagen 2, 60 f. Nr.
724. 725; Drechsler 2, 163. 7 ) Vernaleken
Mythen 234. 8 ) J ohn Erzgebirge 113. 9 ) Köhler
Voigtland 478 f. Nr. 54. 55; Eisei Voigtland 124
Nr. 319; Meiche Sagen 49 Nr. 42; 118 Nr. 152;
Panzer Beitrag 2, 69. in Nr. 174. 10 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 266 f. X1 ) Grimm Myth. 2,
950. 12 ) John Erzgebirge 113. 13 ) Köhler
Voigtland 478 Nr. 53; Eisei Voigtland 124
Nr. 319; Panzer Beitrag 2, in Nr. 174;
Meiche Sagen 47 Nr. 38; 108 Nr. 142. 14 ) H ar-
rys Nieders. Sagen 2 Nr. 6; Pröhle Harz
Nr. 143, 1. 190, 1. 15 ) Kühnau Sagen 2, 54
Nr. 715; Drechsler 1, 285. 16 ) Köhler
Voigtland 478 f. Nr. 54 f. 17 ) Grimm
Myth. 2, 950. % 18 ) And ree Braunschweig
379; Grässe Preußen 2, 874. 19 ) Drechsler 1,
285. 20 ) Kühnau Sagen 2, 46 f. Nr. 706 a u. b
(= Haupt Lausitz 1 Nr. 62 — Haupt u.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube IV
Schmaler 2, 269); Meiche Sagen 118 Nr. 152
(= Grässe Preußen 1 Nr. 568); vgl. ZfdMyth. 3,
114 Nr. 22. 21 ) Eisei Voigtland 248 Nr. 617;
Lammert 107. 22 ) KuoniS/.Gfl/kr Sagen 27 f.
23 ) ZfdMyth. 1, 236 Nr. 14. 24 ) Köhler Voigt¬
land 478 Nr. 53 Anm. {= Grässe Preußen 1
Nr. 568 = Meiche Sagen Nr. 152). 2S ) Peter
Österreichisch-Schlesien 2, 22 f. (= Kühnau
Sagen 2 Nr. 724). 26 ) And ree Braunschweig
379. 27 ) ZfdMyth. 1, 236 Nr. 19. 28 ) Köhler
Voigtland 478 Nr. 54. 2S ) Ebd. Nr. 53; Lammert
107; Vernaleken Mythen 105 Nr. 28 a;
Schmeller BayWb. 1328; vgl. auch Meiche
Sagen Nr. 42. 30 ) And ree Braunschweig 379,
vgl. Grässe Preußen 2, 874. 31 ) Meiche
Sagen Nr. 38. 32 ) Ebd. Nr. 42. 33 ) ZfdMyth. 3,
114 Nr. 22 (= Grimm Myth. 2, 950 = Haupt
Lausitz 1 Nr. 62 = Meiche Sagen Nr. 293
— Kühnau Sagen 2 Nr. 706 b). M ) Der Acker¬
mann aus Böhmen ed. Bernt u. Burdach
202 u. Anm. u. S. 324. 36 ) Vernaleken
Mythen 105 Nr. 28 b; Hmtg. 1, 304 f. 36 ) Grässe
Preußen I Nr. 530 (= Meiche Sagen Nr. 142).
37 ) Reiser Allgäu 1 Nr. 503. 38 ) Gräber
Kärnten 90 Nr. no; Kuoni St. Galler Sagen
27 t. 39 ) Panzer Beitrag 2, 69. 40 ) Pröhle
Harz Nr. 143, 1 u. 190, 1, vgl. auch Grimm
Myth. 3, 88; dagegen Waschnitius Perht 115.
41 ) Schambach u. Müller Nr. 10, 5. 106, 1
u. 2 u. Anm. 128. 42 ) Wucke Werra Nr. 374.
43 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 257 Nr. 263.
44 ) Leoprechting Lechrain 33. 45 ) Schweiz-
Id. 2, 1582. 1519 f. 4Ö ) Kuoni St. Goller Sagen
116. 47 ) Grimm Sagen 220 Nr. 311 (aus Oth-
mar Harzsagen 141 = Grimm Myth. 2, 769);
Pröhle Harz Nr. 110; vgl. auch Laistner
Sphinx 2, 303 f. 306 f. 48 ) Graff Althd. Sprach¬
schatz 1, 652; 2, 604 = Steinmeyer Ahd.
Glossen i, 602, 16. 589, 28. Ranke.
KlagevogeL „Ulula heißt ein K., weil
er, wie Isidorus (Etym. 1 . XII, c.
VII, 38) sagt, beim Rufen und Schreien
sich so hat, als ob er weine und klage.
Seine Stimme bedeutet Unglück, sein
Schweigen dagegen Glück. So behaupten
die Vogeldeuter, die lateinisch Augures
heißen. Das sind Leute, die aus dem
Zwitschern und Singen der Vögel die
Zukunft Vorhersagen zu können be¬
haupten. Ihre Prophezeiung ist aber oft
falsch und verfehlt. Wie dieser Vogel
sind die strengen Rüger, die bei anderen
Leuten keinen Scherz oder irgend eine
That zum Guten kehren, sondern alle¬
zeit von der schlimmsten Seite auf¬
nehmen“ J ).
Adelung 2 ) verzeichnet die Synonyma
Klagefrau, Klagemutter; in Lexers
Mhd. Wb. Nachtrag 3 ) wird klage-
46
1443
Klapper—Klatschmohn
1444
muoter nach einer Quelle des 15. Jhs.
zitiert. Wahrscheinlich ist auch der
luxemburgische Name Echel aus ach
zu deuten 4 ).
*) Megenbcrg Buch d. Natur 189. 2 ) Ver¬
such e. XVörterb. 2 (1775). 1600. 3 ) Mhd. Handw.
3 - 2 73 - 4 ) Suolahti Vogelnamen 321.
Hoffmann-Krayer.
Klapper. Altertümliches Lärmgerät 1 ),
das früher neben kultischen mancherlei
profanen Zwecken diente 2 ), gegenwärtig
nur noch als Kinderspielzeug 3 ) und an
den drei letzten Tagen der Karwoche an
Stelle der Glocken Verwendung findet, i
s. a. Ratsche; sie dürfte aus Osteuropa
nach Deutschland gekommen sein 4 ). Dem
Gebrauch der K. lag die alte Vorstellung '
von der apotropäischen Macht des Lärms
(s. d.) zugrunde 3 ); vgl. a. Glocke, Horn,
Schelle, Trompete. Über K.prozessionen
zu Ehren eines Heiligenbildes berichtet
J. R. Bünker aus Kärnten 6 )- Kindern
soll man keine K. kaufen noch schenken
lassen, sie lernen sonst langsam und schwer
reden 7 ).
M Beschrieben, abgebildet und verschie¬
dene Bezeichnungen: ZfVk. 20, 257 ff.; 12,
2X 4 * x 3 . 43 b f.; DG. 14, 134; MsehlcsVk. 11
Ü 9 ° 4 ). 73 B ; SAfVk. 3. 56. 151; Strackerjan
2, 09; Schramek Itohmerwald 144. 2 ) ZfVk. 20,
263 (mit Nachweisungen); 13,436. 438; SAfVk.
3,30. 3 ) Andree/W/f/f« 2, 86. 4 ) Manninen
m der WZfVk. 35. 141 ff.; vgl. ZfVk. 13, 438.
5 ) Meyer Baden 53; ZfVk. 13, 437 f., hier auch
als Mittel zur Herausforderung genannt (Salz¬
burg); Andree-Kysn Volkskundliches 140;
Fontaine Luxemburg 37; Selig mann Blick
2. 272 f. 6 ) Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien,
Wien 31, SitzBer. 119; vgl. ZfVk. 20, 262.
7 ) üriinni Myth. 3, 433 Nr. 12.
Zur Literatur: R And ree Ratschen, Klap¬
pern und das I er stummen der Karfreitags¬
glocken inderZfVk. 20, 230fr.; Pauly-Wissowa
Art. ,,I\rotalon . Perkmann.
Klara hl.
1. Schülerin des h. Franz von Assisi,
Stifterin des Klarissenordens, gest. 1253,
schon 1255 heilig gesprochen *). In
Frankreich sind K.quellen gut für die
Augen 2 ). In der Bretagne nennt man
das St. Elmsfeuer Feu sainte Claire, weil
man die Heilige bei seinem Erscheinen
anzurufen pflegte 3 ). Im katalanischen
Kinderliede erscheint sie als Verscheu-
cherin der Wolken 4 ). Alle diese Be¬
ziehungen sind wohl durch ihren Namen
hervorgerufen worden.
l ) Künstle Ikonographie 163. *) Sebillot
Folk-Lore 2, 269; 3, 413. K. wird auch gegen
Lisensplitter im Auge angerufen: ZfVk. 24,
158. 3 ) Sebillot Legendes de la mer 2, 89 f.;
ders. Folk-Lore 1, 118. 4 ) Mannhardt German.
Myth. 395. 422. 664.
2. Klara v. Montefalco s. Marter-
I Werkzeuge Christi.
3. Eine Nonne im Augustinerkloster
bei Kreuzburg a. Werra, die dort (seit
I 343) gegen Überschwemmungen an¬
gerufen wird 5 ).
5 ) Witzschel Thüringen 2, 40 (38). Sartori.
Klarinette. Die K. spielt in der deut¬
schen Volksmusik eine zu kurze Rolle,
als daß sich die Volksphantasie eingehen¬
der mit ihr hatte beschäftigen können.
So ist nur weniges anzuführen. Ein
Schäfer, der die K. blies, als eben das
Muotesheer vorüberzog, wurde von diesem
mitgenommen als Musikant*). In der
Walpurgisnacht wird den Hexen auf
der K. aufgespielt; das Instrument er¬
weist sich später als ein langer, schmutziger
Knochen 2 ); auch will ein Jäger einst
eine tanzende Hexengesellschaft in einer
Almhütte beobachtet haben, welcher eine
riesengroße schwarze Katze aufspielte,
indem sie ihren langen Schwanz im Maul
hielt und darauf wie auf einer K. blies 3 ).
Eine österreichische Sage berichtet von
einem Zauberer, der aus zwei Holz¬
prügeln unter vielem Murmeln zwei
schöne Klarinetten herstellte 4 ).
*) Meier Schwaben 1, 132. 2 ) Wucke Werra 2
271. 3 ) Wagner Pinzgauer Sagen 121. 4 )Kuth-
inayer Österreichische Sagen 32; Caliiano
Niederösterr. Sagen 3, 132. Seemann.
Klatschmohn (Feldmohn, Klatschrose;
Papaver rhoeas). 1. Botanisches. Häu¬
figes Ackerunkraut mit vier scharlach¬
roten, am Grunde schwarzgefleckten
Kronblättem. Die Frucht ist eine mehr¬
fächerige, viele Samen enthaltende Kap¬
sel. Nah verwandt mit dem K. ist der
ebenfalls in Äckern als Unkraut wach¬
sende Saat-Mohn (P. dubium) x ).
x ) Mar zell Kräuterbuch 369 f.
2. Schon in der Antike «diente der K.
im Liebesorakel. Es wurde auf die
Kronblätter geschlagen; den stärkeren oder
1445
Klaubauf—Klebkraut
1446
schwächeren Knall sah man als mehr oder
weniger günstiges Zeichen für die Gegen¬
liebe an 2 ). Das gleiche Orakel ist noch
in Lothringen bekannt 3 ). Im Anhaiti¬
schen legt der Bursche ein Kronblatt des
K.s hohl zusammen in die linke Hand
und schlägt mit der rechten drauf. Knallt
es recht, so sagt man: ,,Das gibt wieder
einen Kuß“. Doch erscheinen auch noch
stärkere erotische Deutungen 4 ).
2 ) Theokrit Idyllen 3, 29; vgl. Murr Pflan¬
zenwelt 185. 3 ) Memoir. de l’Academie de Metz.
3. ser. 35 (1905 06). 127. 4 ) Wirth Beiträge
6/7, 12.
3. Vor Blitzschlag schützt man sich
durch die an der Sommersonnenwende
gepflückten ,,Hansblumen“ (Johannis¬
blumen), zu denen auch der K. gehört. In
Wallonien heißt es, daß der Blitz ein¬
schlägt, wenn man K. abpflückt, auch
legt man dort den K. (,,fleur du töni“ =
Donnerblume) als Schutz gegen Blitz¬
schlag unter das Dach 5 ). In manchen
Gegenden Bayerns gilt der K. als blitz¬
anziehend 6 ), ebenso hüten sich in England
(Eastem Borders) die Kinder, bei einem
Gewitter K. zu pflücken, denn sie glauben,
daß, wenn beim Abpflücken die Kron¬
blätter abfallen, dies den Blitz anzieht 7 ).
Wahrscheinlich ist es die rote Farbe
(Feuer ! Blitz !) der Blüten, die zu der
Verbindung K.—Blitz Veranlassung gab.
5 ) Sebillot Folk-Lore 3, 471 f. 6 ) Marzell
Bayer. Volksbotanik 133. 7 ) Bartels Pflanzen 15.
4. In Westfalen hieß der K. im 18. Jh.
Fallblomen, „weil die Landleute glaubten,
daß Kinder, die mit diesen Blumen zur
Erde fielen, die Epilepsie bekämen“ 8 ).
Diese Erklärung scheint nur eine ad hoc
gemachte. Der K. fand wohl gegen Fall¬
sucht Verwendung 9 ). In Nordwest-
deutschland hieß der K. auch „Anstoots-
blome“, weil er als Mittel gegen „Anstoß“
(epileptiforme Krämpfe) der Kinder ge¬
braucht wurde 10 ).
8 ) Weddigen Histor.-geogr.-stat. Beschreibung
d. Grafschaft Ravensburg in Westfalen 2 (1790),
289. 9 ) Vgl. dagegen Hofier Krankheitsnamen
119. 10 ) Abhand. Naturw. Ver. Bremen 5 (1877),
439. Marzell.
Klaubauf. Der K. begleitet in Bayern
und Österreich den am Nikolaustag um¬
ziehenden Heiligen in fratzenhafter Teu¬
felsmaske und mit einem mächtigen Sack,
in den er die faulen und ungehorsamen
Kinder „aufklaubt“ *). Er wird auch als
(dem Teufel verwandter) Dämon in Fels¬
schluchten hausend gedacht, von wo er
die bösen Kinder auf Anruf holt und
„frißt“ 2 ). — In Schwaben hat man aus
seinem Namen einen zwergartigen Geist
der Obstgärten geschahen, der dort „das
Obst auf klaubt“ und Kindern „aufhockt“,
wenn sie allein hinausgehen 3 ). Vgl. auch
Kinderschreck.
1 ) Grimm Myth. 1, 426; Schmeller BWb. 1,
1321; Bavaria 1, 326. 386; Lcoprechtmg
Lechrain 203 (6); Alpenburg Tirol hoff.;
ZfVk. 9 (1899), 257. 2 ) Alpenburg Alpen¬
sagen Nr. 209; Zingerle Tirol 75; ders. Sagen
Nr. 662. 3 ) Birlinger Volkslhüml. 1, 57 Nr. 73.
Ranke.
Klaue. Abschabsei (s. d.) von der
K. eines an Schwinden (s. d.) leiden¬
den Tieres hilft ihm gegen diese Krank¬
heit l ). Wenn einer das „Wasser nicht
heben“ kann, „so nimm K.n von einem
Bock, brenne zu Pulver, gibs dem
Betreffenden im Trank zu trinken“ 2 ).
„Wechlawe“ heißen k.nartige Auswüchse
oberhalb der Pfoten eines Hundes,
die dem Hause, in dem ein solcher
Hund gehalten wird, Schutz gegen böse
Mächte gewähren. Solche Hunde können
auch Gespenster sehen 3 ).
l ) Vonbun Beiträge 126 Anm. 2 ) Höhn
Volksheilkunde 1, 116. 3 ) Schwcizld. 3, 706.
Über Klauen in Gräbern und im Totenkult s.
Mannhardt Gmn. Myth. 336 ff., s. a. Kralle.
Bächtold-Stäubii.
Klaus s. Nikolaus.
Klebkraut (Kleber, Kleb-Labkraut;
Galium aparine). 1. Botanisches. Lab¬
kraut mit schlaffem, an Zäunen und im
Gebüsch emporklettemdem Stengel, wo er
sich mit rückwärts gerichteten Borsten
festhält (daher K.). Die Blätter sind
lanzettlich und stehen in 6- bis 8zähligen
Wirteln beisammen. Die Blüten sind
klein, weiß und sternförmig mit vier-
spaltigem Saum. Das K. ist überall an
Zäunen, Wegen, im Gebüschusw. häufig *).
x ) Marzell Kräuterbuch 331.
2. Das K. wird im Liebeszauber an
Johanni gebraucht. In der Mitternachts¬
stunde soll das Mädchen einen Kranz
von K. („Kleber“) winden, während es
1447
Klee
1448
dreimal um das Haus läuft und dabei
spricht:
Klebekranz, ich winde dich,
Schätzchen, ich empfinde dich.
Wenn du willst der Meine sein.
Komm vor meinen Augenschein.
Dann erscheint der Zukünftige. Hat das
Mädchen nach dem dritten Umlauf den
Kranz nicht fertig, so wird es krank 2 ). Nach
einer Mitteilung aus neuester Zeit 3 ) lautet
der Spruch beim Kranzdrehen (Kr. Ost*
sternberg, Prov. Brandenburg):
Klebkraut, ich winde dich,
Feinsliebchen, finde dich
Heute nacht um 12 vor meinem Bett!
In Katharinenberg (Böhmen) flechten die
Mädchen Kränze aus K., halten diese
vor die Augen, sehen hindurch ins (Jo- I
hannis-) Feuer und sprechen
Johannisfeuer guck, guck! i
Stärk mir meine Augen '
Stärk mir meine Augenlider
Daß ich dich aufs Jahr seh wieder. f
Wer das dreimal sagt, bekommt während
des Jahres keine Augenschmerzen 4 ). j
Möglicherweise liegt hier jedoch eine Ver¬
wechslung mit dem Rittersporn (s. d.)
vor. Auch bei den Bulgaren spielt eine
Labkraut-Art im Johanniszauber eine
Rolle *).
c ) ZfVk. 1, iSi, vgl. auch Knuchel Um¬
wandlung 32 (hier steht fälschlich „Salicum“
für „Galium“). 3 )Originalmitteil. von Tempel
I 9 2 5 * 4 ) Heinsberg Böhmen 310; ders. Fest-
Jahr 2 237. 5 ) Strauß Die Bulgaren 1898, 386.
Marzeil.
Klee (Trifolium-Arten). 1. Botani¬
sches. Schmetterlingsblütler (Papiliona-
ceen) mit (normalerweise) dreizähligen
Blättern und kopfigen oder ährenförmigen
Blütenständen. Von den zahlreichen in
Mitteleuropa vorkommenden Arten ist
am bekanntesten der rotblühende Wiesen-
K. (Rotk.; Tr. pratense) und der wei߬
blühende Stein-K. (Weiß-K.; Tr. repens).
Beide Arten sind häufig auf Wiesen,
Triften usw. Im Großen wird der Wiesen -
K. in Deutschland etv^a seit Mitte des
18. Jahrhunderts angebaut 4 ). Es ist
jedoch ganz unrichtig, wenn manche
Volkskundeforscher, wie z. B. R. An-
dree 2 ) oder John 3 ), daher den an den
vierblättrigen Klee sich knüpfenden Aber¬
glauben als verhältnismäßig „jung“ be¬
zeichnen; denn die wildwachsenden For¬
men des K.s sind ja schon seit Jahr¬
tausenden bei uns heimisch. Übrigens
werden K.wiesen schon um 1350 bei Bam¬
berg erwähnt, doch handelt es sich hier
nicht um einen eigentlichen Anbau, son¬
dern nur um Begünstigung des natür¬
lichen K.s 4 ). Im Aberglauben spielen vor
allem die mehr als dreizähligen K.blätter
! eine Rolle, besonders der „vierblättrige“
K. Über diese „Polyphyllie“ des K.s,
es kommen 10—12-zählige 5 ) Blätter vor,
sind auch von botanischer Seite vielfach
Untersuchungen angestellt worden 6 ).
! ) Marzeil Kräuterbuch 232 f. 247. 2 ) An¬
dre e Braunschweig 402. 3 ) John Erzgebirge 248.
Hausrath Pßanzengeogr. IVandl. d. deutsch.
Landschaft 1911, 200. 5 ) Der Tiroler Glaube,
daß es K. mit Blättern „bis zur Zahl der Apostel“
geben soll (ZfVk. 8, 254) ist also richtig ! 6 ) Hegi
III. Flora v. Mittel-Europa 4, 1335.
2. Ein vierblättriges K.blatt gilt
im deutschen Sprachgebiet allgemein als
glückbringend 7 ) ebenso bei den Süd¬
slaven 8 ), in Italien 0 ), in Frankreich 10 ),
bei den Rumänen 11 ), den Magyaren 12 ), in
den Ver. Staaten v. Amerika 13 ). Bekannt¬
lich sieht man das vierblättrige K.blatt
daher oft auf Glückwunschkarten als sym¬
bolische Verzierung usw. 14 ). Der Grund
! für diesen Glauben ist wohl darin zu
suchen, daß ein solches Blatt verhältnis¬
mäßig selten ist und daß es (die alles
Böse abwehrende) Kreuzesform besitzt 15 ).
Möglicherweise war diese Form, wie man
aus alten Ornamenten schließen kann,
schon in der heidnischen Zeit ein Apo-
tropäum 16 ). Der Aberglaube ist offenbar
sehr alt. „Welcher ein K.blatt mit vier
Blettem findet, der sol das in wirden
halten, sol sein Lebenlang glückselig und
reich sein“ 17 ). 1662 erschien im Druck
ein langes lateinisches Gedicht von dem
bekannten Polyhistor Joh. Praeto-
rius 18 ). Wie der in den Schuh gelegte
Vierk. dort vergeht und sich auflöst,
kommt das Glück 19 ). Im besonderen
bringt der „Vierk.“ Glück im Spiel,
in der Lotterie 20 ), bei der Verlosung 21 ).
Nach einem alten (16./17. Jh.) Rezept soll
Hummelwachs und ein vierblättriges
K.blatt in einen Beutel aus Maulwurfs-
haut gesteckt Glück im Spiel bringen 22 ).
Vor einer Reise ein vierblättriges K.blatt
1449
Klee
1450
in die Schuhe gelegt, schützt nicht nur
vor Müdigkeit, sondern bietet auch Ge¬
währ für einen glücklichen Verlauf der¬
selben 23 ), in die Kleider eingenäht, schützt
es vor Unglück auf dem Weg 21 ).
7 ) Vgl. z. B. Stoll Zauberglauben 67. 135;
Manz Sargans 118; Urquell 1, 64; Knorrn
Pommern 145; And ree Braunschweig 402;
Meier Schwaben 252; Schönwerth Oberpfalz
1, 412. 8 ) Krauß Sitte u. Brauch 171.
9 ) ATrp. 18, 126. l0 ) Rolland Flore pop. 4,
146. ll ) ZföVk. 3, 184. 12 ) Urquell 5. l8 9 -
”) JAmFl. 2, 148. 14 ) Stoll Zauberglaube 135;
vgl. Kronfeld Krieg 68. 15 ) Seligmann
Blick 2, 69. 16 ) SAVk. 25, 85. 17 ) Der alten
Weiber Philosophy 1571 in Festschr. d. german.
Vereins in Breslau 1902, 60; ebenso Rocken¬
philosophie 2 (1707), 216; 15. Jh.: Sebillot
Folk-Lore 3, 313 18 ) Refutatae superstitiones
aniles de Tetraphyllo seu Cytiso quadrifoliaceo
hoc est, Klee Blädlein mit per Spitzen. Auc-
tore Johanne Praetorio... 1654, in Prae-
torius Phil. 45—62; vgl. auch Allgem. Deutsche
Biogr. 26, 521. 19 ) ZfrwVk. 2, 206. 20 ) Prae-
torius Phil. 44; Schneller Wälschtirol 247;
Schramek Böhmerwald 247; Drechsler
2, 44. 211; ZfVk. 12, 176 (Lusern); Wolff
Scrutinium amuletor. med. 1690, 242; Fogel
Pennsylvania 80; auch in Frankreich: Rolland
Flore pop. 4. 147. 21 ) ZfVk. 8, 254. 2 -) ZfdMyth.
3, 329. 23 ) Manz Sargans 53. 2i ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 412.
3. Sehr häufig findet der Vierk. Ver¬
wendung im Liebeszauber. Man legt
ihn in den Schuh der Person, die man ge¬
winnen will 25 ). Ein Mädchen, das einen
Vierk. (bzw. Zweik.) in den Schuh
legt oder sonst bei sich hat, kann den
Vornamen, des Zukünftigen erfahren. Wie
der erste ihr begegnende Mann mit Vor¬
namenheißt, so wird auch der,,Zukünftige“
heißen 26 ). Unter das Kopfkissen gelegt
sieht man im Traum den Geliebten 27 ).
Wenn sich einer eine Geliebte erringen will,
sie ihn aber nicht will, dann muß man ihr
an Ostern, ohne daß sie es merkt, ein vier-
blättriges K.blatt in die Tasche stecken,
sie wird dann dem Burschen mehr zu¬
getan sein (Oberfranken) 28 ). Wer „un-
verdanks“ einen Vierk. findet, heiratet
bald 29 ). Wer einen Zweik. findet und
ihn am Sonnwendabend beim Beginn des
Feierabendläutens pflückt, soll noch in
diesem Jahr eine Braut erhalten 30 ). Man
soll den K. schlucken und dabei an den
Liebhaber denken, dann kriegt man ihn 31 ).
Ein Vierk., bei der Ernte gefunden, be¬
deutet reichen Kindersegen (Nassau im
17* Jh.) 32 )* Fünfblättriger K. bedeutet
Ehesegen 33 ). Auch anderwärts dient der
Vierk. im Liebeszauber, so bei den Süd¬
slaven 34 ), in Norddalmatien 35 ), in Bos¬
nien 36 ), bei den Griechen 37 ), bei den
Polen (in Posen) 38 ), in Frankreich 38 ), in
den Vereinigten Staaten von Amerika 40 ).
25 ) Pollinger Landshut 247; Schönwerth
Oberpfalz 1, 126; Grohmann 92. 26 ) Treichel
Westpreußen VII, 588; Meier Schwaben 252;
SAVk. 7, 132; Dyer Plants 92, ähnlich auch
in Amerika: Bergen Superstitions 43 (hier
wird auch der zwei blättrige K. genannt).
27 ) John Westböhmen 256. 23 ) Aus dem Archiv
des Ver. f. bayer. Volkskde. München. Aul¬
gezeichnet 1909. 29 ) Schön werth Oberpfalz 1,
146, ebenso in Frankreich (der K. muß um
Mitternacht gesammelt sein): Sebillot Folk-
Lore 3, 513. 30 ) ZfdMyth. 2, 422 = Zingerle
Tirol 1857, 66. 31 ) Fogel Pennsylvania 59.
32 ) Zf. Kulturgesch. 3 (1896). 224. 33 ) Peter
Österreichisch - Schlesien 2, 256. 31 ) Krauß
Slav. Volkforschung 168; ders. Sitte u. Brauch
171. 3S ) Anthropophyteia 5, 248. 36 ) WissMitt-
BosnHerc. 4. 479 - 37 ) Dossios Abergt, b. d.
heutigen Griechen 2 1884, 18. 33 ) Veckenstedts
Zs. 3, 148. 39 ) Sebillot Folk-Lore 3, 488;
Rolland Flore pop. 4, 147. 40 ) Bergen
Superstitions 43; Fogel Pennsylvania 59-
4. Häufig sind Vorschriften, nach denen
der glückbringende bzw. zu zauberischen
Zwecken dienende Vierk. unter be¬
stimmten Umständen usw. ge¬
pflückt werden muß oder nur nach einer
gewissen „Vorbehandlung“ wirksam ist.
Sehr oft heißt es ausdrücklich, daß erun-
gesucht gefunden werden muß 41 ); er
muß zwischen Wagengeleisen gefunden
werden l2 ), der K. wirkt nur, wenn er ver¬
schenkt wird 423 ), er muß an Johanni 43 ),
am St. Georgstag 44 ), während des Ave-
Maria-Läutens 45 ), um Mitternacht 46 ),
gepflückt werden. Er darf nicht mit der
bloßen Hand berührt werden 47 ), muß
mit den Zähnen abgerissen werden 48 ),
oder muß mit dem „Hemdstock“ ge¬
pflückt werden 49 ). Alt ist die Vorschrift,
daß über den Vierk. eine Messe gelesen
werden muß, daher wird er unter das
Altartuch usw. ohne Wissen des Priesters
gesteckt 50 ) usw. So sagt schon im
16. Jh. Thurneysser 51 ):
Der last Mess lesen vbern Klee
Der hat vier bletter vnd nit me.
Auch Praetorius 52 ) schreibt: „Im Pabst-
1451
Klee
1452
tum seind lauter Aberglauben als zum
Exempel ein K.blatt mit vier Blättlein,
darüber etliche Messen gehalten, soll gut
sein für Hauen und Stechen" 53 ). In einem
Egerer Gerichtsprotokoll v. J. 1679 heißt
es: „Item, wenn man einen viereckhigten
K. findet, so solle man selben unter
daß Altartuch legen und drey Messen
darüber lesen lassen und hernach unter
der rechten Achsel tragen“ 54 ). Wird vier-
blättriger K. unter das Altartuch gelegt,
und werden mehrere Messen darüber ge¬
lesen, dann ist er fast zu allem gut. Nur
kann der Priester, wenn ein solcher K.
auf dem Altar liegt, beim Messelesen
schier nicht mehr weiter, er wird ganz ver¬
wirrt 65 ). Auch ins Meßbuch wird der K.
gelegt 56 ). In Friaul wird der im Liebes¬
zauber dienende K. unter das Altartuch
gelegt, und man läßt neunmal die Messe
darüber lesen 57 ), ähnlich in den Vogesen,
in Wallonien und bei den Albanesen, wo
der K. in das Ziborium zu den Hostien ge¬
legt wird 58 ). Den vierblättrigen K. legt
man so, daß er nicht bemerkt wird, zu
den Sachen, welche auf Maria Lichtmeß
oder an Ostern in der Kirche geweiht
werden, und nach der Weihe gibt man ihn
in ein Gebetbuch (Niederösterreich) 59 ).
Ab und zu heißt es auch, daß, wer einen
Vierk. sieht, Glück hat, man soll ihn
aber nicht pflücken, denn „selig das
Auge, das ihn sieht, verflucht die Hand,
die ihn bricht" 60 ).
41 ) Z. B. Urquell 1, 64; Pfister Hessen 167;
Wolff Scrutintum amuletor. medicum 1690, 242;
auch auf den Hebriden: FL. 13, 53. 42 ) Panzer
Beitrag 2. 304. 42 -i) J ohn Erzgebirge 248. 43 ) Zin-
gerle Tirol 1857, 66; ebenso in Frankreich:
Frazer Balder 2 (1913), *>3- 44 ) Grohmann 92.
45 ) ebd. 92. 4ti ) Laube Teplitz 51; John
Westböhmen 229. 48 ) Schramek Böhmerwald
247; auch in der Basse-Bretagne: Sebillot
T'olk-Lorc 3, 480. 49 ) DVöB. n, 167. 50 ) Vgl.
auch Panzer Beitrag 2, 282. 51 ) Archidoxa
J 575 * 490 - b2 )Phil. 58. 53 ) Ebenso bei Scultetus,
vgl. Wolf Beiträge 1, 238. 54 ) John Westböhmen
229. 55 ) Baumgarten Aus der Heimat 1862,
140; ebenso ZfdMyth. 1, 330 = Zingerle
Tirol 1857, 66; Panzer Beitrag 2 , 34. bG ) Alsatia
1856—57, 325; Zingerle a. a. O. S7 ) Anthropo-
phyteia 9, 347. -*) Rolland Flore pop. 4, 1407.
69 ) Germania 21 (1876), 411. G0 ) Menghin Süd-
tirol 111; vgl. auch Ulrich Volksbotanik 47;
Germania 21 (1876), 411 (Niederösterreich).
5. Vierblättriger K. schützt gegen
Hexerei und jeden Za\iber 61 ). Es wird
dies oft damit begründet, daß ein solches
Blatt die Kreuzesform hat. Wer es bei
sich trägt (zumal wenn es vor Sonnenauf¬
gang gepflückt ist), ist vor jedem bösen
Zauber sicher. Wer es unter die Butter¬
karne legt, behütet das Milchvieh vor Be¬
hexung 62 ). Damit die Hexen die Butter
nicht verhexen können, legt man einen
Vierk. unter das Butterfaß 63 ). Be¬
sonders hat jener Vierk. Zauberkraft,
welchen man „unverdanks" am Antlaß-
tag vor Sonnenaufgang gefunden und mit
drei Umgängen bei sich getragen hat 64 ).
Im mittleren Rottal holt man am Georgi-
tag vor Sonnenaufgang von drei K.-
pointen (mhd. biunt = eingefriedetes
Stück Land) K. (vom vierblättrigen K.
ist hier nicht die Rede) und gibt ihn den
Kühen, daß die Milch nicht verhext wird 65 ).
Als Mittel gegen Hexen und Zauberei gilt
der Vierk. auch bei den Wenden 66 ),
in Frankreich 67 ) und in den Ver. Staaten
von Amerika 68 ).
61 ) Z. B. Lütolf Sagen 379; Schulenburg
Wend. Volksth. 162. 62 ) Strackerjan i, 432.
63 ) John Westböhmen 204. C4 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 411 f. «) Marzell Bayer. Volks¬
bot. 29. 66 ) Schulenburg 268. « 7 ) S6billot
Folk-Lore 3, 484; Rolland Flore pop. 4, 146 f.
68 ) Bergen Animal and Plant-Lore 101; Fogel
Pennsylvania 140.
6. Besonders dient der Vierk. zum
Erkennen der Hexen 69 ). Man muß ihn
mit in die Kirche (vor allem in die Christ¬
mette, an Silvester, Neujahr) nehmen, dann
sieht man (bei der Wandlung) die Hexen.
Sie kehren dem Altar den Rücken, tragen
Melkeimer auf dem Kopf usw. 70 ). Mit
einem vierblättrigen K. kann man die
Truden sehen, wie sie abends auf den
Kühen heimreiten 71 ). Den Vierk. muß
man in die Schuhe legen und in die
Kirche gehen 72 ). Wenn man einer Jung¬
frau am Fronleichnamstag einen Vierk.
in das Haar steckt, so sieht sie alle Hexen
und weiß alle verborgenen Schätze 73 ).
Daß der Vierk. hellsichtig macht, be¬
richtet auch eine andere Tiroler Sage: Liegt
der Wanderer an gewissen Bergquellen
auf dem Rücken, so kommen schnee¬
weiße Tauben daher, einen Vierk. im
Schnabel und lassen ihn dem Schläfer aufs
1453
Klee
1454
Herz fallen. Erwacht er, bevor das K.- der Vierk. „hellsichtig" macht, findet
blatt welk wird, so kann er sich, wenn er sich ferner im Amelungenlied (21. Aben-
das Blatt in den Mund nimmt,unsichtbar teuer), wo Simüt den von den Zwergen
machen und die Grotten der „saligen geblendeten Helden (sie entsprechen den
Fräulein" finden, denen die Tauben ge¬
hören 74 ).
® 9 ) Wuttke 102 § 130; Grimm Myth. 2, 903;
Messikommer 1, 192; auch in England:
Dy er Plants 85. 70 ) Jahn Hexenwesen 178
(fünfblättriger K.); Geschiehtsbl. f. Stadt u.
Land Magdeburg 16 (1881), 243; DVöB. 4, 267;
Grohmann 92; Blümml Beitr. z. deutsch.
Volksdichtung 1908, 145 (Wem der K. ohne
sein Wissen in die Rocktasche gesteckt wurde); !
Kühnau Sagen 3, 88; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 412; Die Oberpfalz 6 (1912), 239;
Panzer Beitrag 2, 304; Zingerle Tirol 1857,
65; Martin u. Lienhart Elsäss. Wb. 2, 168;
Alsatia 1856—57, 325 (K. ins Meßbuch gelegt);
Wart mann St. Gallen 78; Ulrich Volks¬
botanik 42; SAVk. 2, 275; Reiser Allgäu 2,
21; Haltrich Siebenb. Sachsen 297; ebenso in
Dänemark (Feilberg Ordbog 1, 294) und in
Frankreich (Sebillot Folk-Lore 3, 513; Rol¬
land Flore pop. 4, 148). 71 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 297. 7Z ) Jäckel Oberfranken 164.
73 ) Zingerle Tirol 1857, 65. 74 ) ZfdMyth. 1,
330 = Alpenburg Tirol 398.
7. Die zauberische Eigenschaft des
Vierk.s, seinen (unwissentlichen) Trä¬
ger hellsichtig zu machen, ihn „Ver¬
blendung" erkennen zu lassen, erscheint
in der weitverbreiteten Sage vom Zau¬
berer und dem Hahnenbalken 75 ). Der
Typus der Sage lautet: Ein Zauberer
zeigt einen Hahn, der einen schweren
Balken im Schnabel herumträgt. Alle
Zuschauer sind aufs höchste erstaunt.
Da kommt eine Magd mit einem Korb
voll K. Darunter befindet sich, ohne
daß sie davon weiß, ein Vierk. Sie
durchschaut daher den Zauber, sieht, daß
der Hahn nur einen Strohhalm im
Schnabel trägt und sagt es den Leuten.
Um sich an der Magd zu rächen, gaukelt
ihr der Zauberer vor, daß sie im Wasser
wate, sie hebt die Röcke empor und wird
von den Leuten ausgelacht 76 ). In den
älteren Fassungen der Sage ist der Vierk.
meist nicht genannt 77 ). Das Sagen¬
motiv der „Verblendung" ist sehr alt,
geht vielleicht auf altindische Vorstel¬
lungen zurück 78 ), es findet sich auch im
„Eulenspiegel" 79 ), in der Sage von den
Herulern, die das Flachsfeld für Wasser
hielten 80 ). Eine Anspielung darauf, daß
den Betrug nicht sehenden Zuschauern
des Hahnes mit dem Balken) als zauber¬
lösendes Mittel einen Vierk. reicht:
„Hier geb ich jedwedem zum Lohne grü¬
nen K. Wer solch ein Vierblatt führt,
dem tut kein Zauber weh. Bewahrt sie
gut, so schaut ihr so klar als je zuvor“.
Ebenso nimmt auf den Aberglauben
Bezug die Stelle aus Vintlers „Plumen
der Tugent":
So habent yene den vierden kle,
Das sy davon gauckeln sehen,
und
Vil glauben, der vier plettert k.
Mach, das man kön gaucklen sehen 81 ).
Auch Hans Sachs 82 ) hat in dem
Schwank von der „unsichtigen nacketen
haußmagdt" unsem Aberglauben ver¬
wertet. Sie glaubt durch einen Zauber¬
spruch unsichtbar geworden zu sein.
Wie sie aber von den Gästen gesehen
wird, ruft sie aus:
Das den die drüß anghe!
Er hat ein vier-bläterten kle,
Der hat mir die kunst auffgethan.
Manchmal heißt es ganz allgemein, daß
der Vierk. gegen „Verblendung"
schützt 83 ). Auch in Frankreich 84 ), bei
den Wenden 85 ) und den Litauern 86 )
glaubt man, daß der Besitzer des
Vierks. die „Verblendung" durchschaut.
Schon das „landtgebott wider den aber-
glauben usw.“ des Herzogs Maximilian
in Bayern (München 1616) bedroht die,
„welche kreuter außgraben oder andere
gewisse Sachen, sonderlich mit rauten und
vierbletterten k. verrichten“ 87 ).
75 ) Bolte-Polivka 3, 201; ZfVk. 15, 391.
76 ) Grimm Märchen 2 (Inselvcrlag 1910), 226;
Jahn Pommern 1886, 346; Geschichtsbl. f.
Stadt u. Land Magdeburg 15 (1880). 59;
Seifart Sagen aus Hildesheim 2 (1860), 63;
Bartsch Mecklenburg 1, 130; Knoop Hinter¬
pommern 86; Urquell 2, 185; Schambach u.
Müller 171; Strackerjan 1, 113; Kuhn u.
Schwartz 121 f. 484; Meichc Sagen 512 f.;
Schmitt Hetlingen 11 Nr. 22; Montanus
Vorzeit I (1870), 172 = Schell Berg. Sagen
471 f.; AnzfKddV. 4 (1835), 408 (Franken);
Kühnau Sagen 3, 230 f.; Eisei Voigtland 146;
Grohmann 92; Endt Sagen 97 f.; Mnböhm-
ExcKl. 18, 23. 100. 368. 372; Baumgarten
1455
Klee
1457
Kleid
1458
Aus der Heimat 1862, 140; Schön werth
Oberpfalz 1, 411; Vernaleken Mythen 312;
Baader Sagen 262; Rolland Flore pop. 4,
147 (Lothringen); Birlinger Volksthüml. 1,
336; Meier Schwaben 251; Alemannia 22, 75 f.;
ZfdMyth. 4, 414; Lütolf Sagen 353; Müller
Siebenbürgen 1857. 22 f. 77 ) Hosman De tonitru
et tempest. Magdeburg 1618. 56 f. (Schwarz¬
künstler in Erfurt); Liechtenberg Art. d.
Zauberei 1631, 240; Praetorius Phil. 59 f.
(Gaukler in Frankenhausen); vgl. auch Amers¬
bach Grimmelshausen 1893, 42. 7d ) Urquell
N. F. 1 (1897), 55 f. 79 ) Till Eulenspiegel
1515. Nr. 5 a. Im Neudruck 55. 56. 80 ) Paulus
Diaconus Hist. Langobard. I cap. 20. 81 ) ZfVk.
23, 6. 115. 82 ) Werke hrsg. v. Keller u. Goetze
9, 502 ff. 8:; ) Kuhn u. Schwartz 458; ZfVk.
2 °. 385; Treichel Westpreußen 5, 63; Groh-
mann 92. 84 ) Gubernatis Plantes 2, 361;
Sebillot Folk-Lore 3, 485; Rolland Flore
pop. 4, 148. 85 ) Schulenburg 198 f. 86 ) Bez-
zenberger Litauische Forsch. 70. 87 ) Panzer
Beitrag 2; 283.
8 . Verschiedene Zauberwirkungen
des Vierk.s. Wenn man vierblätt¬
rigen K. einem Knaben, ohne daß er
davon weiß, ins Kleid näht, so wird er
gut lernen 90 ), ebenso wenn man den K.
in oder unter das Buch legt 91 ). Wer
seinen Nachbarn bezaubern will, daß er
töricht wird, der nehme ein vierblättriges
K.blatt (das aber nicht mit der bloßen
Hand abgerissen werden darf), trage es
in ein Tuch eingewickelt in des Nachbarn
Haus, ohne daß ihn jemand sieht, und
lasse es dort in den Krug fallen, woraus
der Nachbar zu trinken pflegt 92 ). Mit
dem am Johannisvorabend gefundenen
Vierk. kann man Zauberkünste treiben 93 ),
er dient auch zum Heben von Schätzen 94 ).
Legt man ein vierbläthriges K.blatt in den
Schuh, marschiert dann eine Strecke weit
und findet nachher jenes nicht mehr,
so ist der (oder die) Betreffende eine
Hexe 95 ). Ein vierblättriges K.blatt,
in eine Ecke der Wohnstube gesteckt,
schützt vor dem Blitz 96 ). Es macht
(wenn Messen darüber gelesen) hieb- und
stichfest 97 ). Gegen viertägiges Fieber
ißt man vier Tag lang (jeden Tag ein
Blättchen) davon 98 ). „Vor das Fieber
oder Kaldes Nim vireckenden K. drei auf
ein mahl in einer supen oder wein. Wan
es dich frieret, drey mahl muß es gesche¬
hen“ "). Wenn man am Himmelfahrts¬
oder Fronleichnamstag ein vierblättriges
1456
K.blatt findet, so ist man eines guten
Todes und der Seligkeit sicher 10 °).
00 ) Praetorius Phil. 61. 91 ) Fischer
SchwäbWb. 4, 466; Baumgartea Aus der
Heimat 1862, 140; in Dänemark gibt das erste
(s. Frühlingsblumen) Blatt des Weiß-K.s ge¬
gessen ein gutes Gedächtnis: DbotMon. 11
( i8 93 ). 75 - 02 ) Grohmann 200. 93 ) Zingerle
Tirol 1857, 66. ® 4 ) MschiesVk. 18. 90. ® 5 ) Wart¬
mann St. Gallen 77 f. 90 ) Marzell Bayer.
Volksbot. 136. 97 ) Praetorius Phil. 58; s.
auch Fußnote 52. 98 ) ,,Der alten Weiber Philo-
sophey“ 1571 in Festschr. d. german. Vereins in
Breslau 1902, 83; Sebillot Folk-Lore 3, 502
(Evang. des Quenouilles, 15. Jh.). ") Aus einem
alten Arzneibuch: Höhn Volksheilkunde i, 153.
10 °) St oll Zauberglauben 07 f.
9. Manchmal heißt es auch, daß der
fünf blättrige K. Glück bringen soll
usw. 101 ), meistens wird jedoch der fünf¬
blättrige K. als unglückbringend be¬
trachtet lü2 ). Überhaupt bringt der
unpaarige Vielk. (5-, 7-zählig) Un¬
glück 103 ). Ein siebenblättriges K.blatt
bedeutet Tod 104 ). Der Fund eines fünf-
blättrigen K.s bringt einen Gevatter¬
brief, der eines sechsblättrigen eine Ein¬
ladung zur Hochzeit 105 ). Ganz verein¬
zelt tritt auch der ,,Zweik.“ im Liebes-
orakel auf 106 ). Auch der Fund des Vier¬
k.s gilt nicht immer als glückbringend.
Wer einen solchen in kurzer Zeit viermal
nacheinander findet, wird bald sterben 107 ).
Auch heißt eine Redensart
Wer leicht findet vierblättelten K.
Der kriegt viel Ach und Weh 108 ).
101 ) Fischer SchwäbWb. 4, 466 (Kind lernt
leicht); Peter Österreichisch-Schlesien 2, 256
(bringt Ehesegen); Bohnenberger 113; Jahn
Hexenwesen 178 (zum Erkennen der Hexen);
V onbun Beiträge 130; Fogel Pennsylvania 107;
auch in Frankreich: Rolland Flore pop. 4, 417.
102 ) Wuttke 102 § 130; Andree Braunschweig
402; Grohmann 92; John Westböhmen 229;
Zingerle Tirol 1857, 66; Fogel Pennsylvania
107; ebenso in Dänemark (Feilberg Ordbog 1,
282) und in den Vereinigten Staaten von Ame¬
rika (Bergen Superstitions 85). 103 ) ZfVk. 8,
2 54 - 104 ) Reinsberg Böhmen 196; auch in der
Gironde unglückbringend: Sebillot Folk-Lore
3, 484. 105 ) John Erzgebirge 252. 106 ) Zingerle
Tirol 1857, 66 = ZfdMyth. 2, 422; auch in
England: Dy er Plants 92. 107 ) Rochholz Glaube
1. 21 3 - I08 ) Fischer SchwäbWb. 4, 463; 6, 1911.
10. Der gewöhnliche K. mit normal
dreizähligen Blättern tritt nur wenig
im Aberglauben hervor. Nach landwirt¬
schaftlichem Aberglauben darf man ihn
nicht bei Ostwind säen 109 ), man muß ihn
bei abnehmendem Monde säen, daß er
sich gut bewurzelt no ), auch im Krebs
gesät, bekommt er gute Wurzeln und
friert im Winter nicht aus 111 ). Wenn
man am letzten Freitag im Mond Asche
streut (als Dünger), so gibt es viel K. ua ),
ebenso wenn man dies am Karfreitag
tut 113 ). Wenn der Weiß-K. stets blüht,
gibt es eine nasse Ernte 114 ), wenn der
Wiesen-K. gut steht, wird die Heuernte
verregnet (Nordwestböhmen) 115 ). Wenn
der erste K. geholt wird, so wird derjenige,
der den Wagen führt, mit Wasser be¬
sprengt 116 ). Um schön zu werden, baden
die Mädchen in der ersten Mainacht im
taunassen K. 117 ). Wenn man abends
von den vier Ecken eines fremden Ackers
eine Hand voll K. mit nach Hause nimmt,
so gedeiht das Vieh gut (Altenburg) 118 ).
Das Einnähen von scheckigem K. (die
K.blätter sind oft weiß gezeichnet!) in
den rechten Ärmel, ohne daß es der Träger
weiß, befreit diesen von der Rekrutie¬
rung 119 ). Weißblättriger K. auf dem
Felde, bedeutet den nahen Tod eines
Familienmitgliedes 12 °) oder das Verenden
eines Stück Viehes 121 ), vgl. z. B. Bohne,
Erbse, Kohl. Nach einer weit ver¬
breiteten Volkssage müssen die Bienen
den roten K. meiden zur Strafe dafür,
daß sie einst am Sonntag daraus Honig
holten; nach einer anderen Fassung
stellte Gott den Bienen frei, entweder am
Sonntag zu feiern oder den K. zu meiden;
sie wählten das letztere 122 ). Natur-
arHarf cirh Hipcp T P-
gende daraus, daß der Wiesen-K., dessen
Honig ziemlich tief geborgen ist, von der
verhältnismäßig kurzrüsseligen Honig¬
biene nicht besucht wird, sondern haupt¬
sächlich von langrüsseligen Hummel¬
arten 123 ).
109 ) Veckenstedts Zs. 4, 388. 110 ) Eberhardt
Landwirtschaft 200. 11 1 ) Fogel Pennsylvania
200. 201. m ) Spieß Obererzgebirge 17. ll3 )
John Erzgebirge 225. J 14 ) Frischbier Natur¬
kunde 325. 116 ) Originalmitt, von Stelzhamer
1910. 118 ) Heßler Hessen 2, 112. 117 ) Meyer
Volksk. 263; ders. Baden 220; auch in Frank¬
reich: Rolland Flore pop. 4, 149. ll8 ) Wuttke
77 § 89; vgl. auch zu Fußnote 65. ll9 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 398. 120 ) Bayerland 25
(1913/14), 233; Höhn Tod 309. m ) Franken-
2 and 1915, 240. 122 ) Dähnhardt Natursagen 3,
306 ff.; Bartsch Mecklenburg 2, 160 ; Treichel
Westpreußen XI, 289; Germania 1 (1856), 110
(Pommern); Diener Hunsrück 141; Peter
Österreichisch-Schlesien 2 (1867), 32; Baum¬
garten Aus der Heimat 1862, 108 (ohne Er¬
klärung); Veckenstedts Zs. 3, 223; Meier
Schwaben 222; Alemannia 13, 213; 16, 73; 43,
29; SAVk. 21, 57; Wart mann St. Gallen 78;
Estermann Rickenbach 188 f.; Kuoni St.
Galler Sagen 57. 123 ) Vgl. Hegi III. Flora v.
Mitteleuropa 4, 1335 f.
Literatur über den vierblättrigen K.: F. Zand
Over de kracht van het vierbladig hlaver blad af
„klaverenvier", in Volksleven 5, 86—88; Trojan
Aus d. Reichs d. Flora 1910. 1--8; Marzell Der
vierblättrige I\. im Volksaberglauben in ..Die
Scholle“, Landsberger Volkskalender. München
iqi2, 73—76; W. Deonna La croyance au
trefle ä quatre feuilles. Pages d’Art 1917. i8 7
231 ff. — Über den engl. ,,sharnrock“, worunter
man offenbar verschiedene K -Arten versteht, vgl.
Britten and Holland A DiU. of Engl.
Plant-Names 1878 ff. 425; Over Plants 218 ff.;
FL. 22, 203; Brand Pop. Ant. 1900. 54.
Marzell.
Kleid
1. Allgemeines. Erklärung. 2. Herkunft.
3. Stoff und Prunk. 4. Farbe. 5 Reine und
weiße K.er. 6. Neue K.er. 7. Alte und
unreine K.er. 8. Anziehen. 9. Zeitliche
Umstände. 10. Das K. in der Sage. 11.
K.ergeschenke. 12. K.eropfer. 13. Ab¬
wehrzauber. 14. Fernzauber. 15. Geburt und
Kindheit. 16. Liebe und Hochzeit. 17. Tod
und Begräbnis. 18. Volksmedizin. 19. Rechts¬
wesen. 20. Sonstiges.
1. Das K. 1 ) ist ein Teil der Persön¬
lichkeit 2 ), aber nicht Sitz der Seele 3 ).
Für das Seelenleben stellt das K., etwa
gegenüber dem Blut, durchaus nichts
Wesentliches dar. Seine Zauberkraft
geht vielmehr vom Körper des Men¬
schen aus. Durch die enge Zugehörigkeit
zum Körper scheint das K. mit geheimen
Lebenskräften ausgestattet, die umso
stärker sind, je näher das K.ungs-
stück dem Körper anliegt 4 ). Daher
kommt auch einerseits dem Unterk.
(s. Hemd) gegenüber dem Oberk.,
andrerseits der Innenseite gegenüber
der Außenseite der K.ungsstücke mehr
Bedeutung zu. Zuweilen findet sich sogar
eine Gleichstellung von K. und Haut,
wie etwa in dem Märchenmotiv von den
neun übereinander angezogenen Häuten
oder K.ern, das auch im Zwiebelrätsel
wiederkehrt 5 ). Ähnlich wie das Tragen
bestimmter K.er unsichtbar macht, kann
sich nach dem Volksglauben _der unsicht-
1459
Kleid
bar machen, der neun Leute ,,schindet“.
In Steiermark wird von einem Mörder
namens „Leutschinder“ erzählt, daß er
den Leuten, die er tötete, die Haut (s. d.)
abzog 6 ).
Durch die K.ung wird der Mensch
mitunter körperlich verändert. Der
Reiter, welcher einen Leibriemen trägt,
ist ein Brustatmer, der Gebirgler, der
Hosenträger hat, ein Bauchatmer. Die
ersten werden meist dick, die zweiten
dünn 7 ). Auch die K.ermode greift
hier nicht selten unheilvoll ein, wie z. B.
das Korsett beweist. Aber auch in seinem
äußeren Wesen und Auftreten und sogar
seelisch wird der Mensch durch die
K.ung beeinflußt. Durch den Holz¬
schuh, Schuh oder Stiefel erhält sein
Gang ein bestimmtes Gepräge, im Festk.
oder im hohen Zylinderhut fühlt
und gibt er sich ganz anders. Und so
wurden und werden auch im großen die
Menschen verschiedener Zeiten durch die
herrschende K.ermode in ihrem Ge¬
baren und Charakter umgeformt. Der
Mensch schafft das K., wird aber doch
auch durch das K. gestaltet, so daß es
oft dunkel bleibt, wo das Wechselspiel
beginnt und aufhört 8 ).
Zur Entstehung der K.ung hat
neben dem Schutzbedürfnis gegen
Witterungsunbüden, gegen Angriffe von
Tieren und Menschen, dann neben dem
Nachahmungs- und Schmucktrieb,
der sich besonders stark in der Mode
äußert, welcher vor allem die als Schmuck
(s. d.) dienende K.ung unterworfen
ist 9 ), ferner neben dem Bestreben, sich
selbst oder seine Gruppe aus der Allge¬
meinheit hervorzuheben, sicher nur zum
Teil auch das Schamgefühl geführt 10 ).
Dort wo man sich am stärksten verhüllt,
ist keineswegs eine größere Sittlichkeit zu
finden als bei nackt gehenden Völkern n ).
Zweck des Schurzes, des ältesten K.es,
war zunächst, die Geschlechtsteile
vor dem bösen Blick und schädlichen
Einwirkungen zu schützen. Hie und
da mag man freilich diese Schamhülle
auch als geschlechtliches Reizmittel
gebraucht haben 12 ).
Wichtige Ereignisse des Geschlechts¬
lebens sind in der Regel von einer
Änderung der Tracht äußerlich begleitet
und gekennzeichnet 13 ). Zwei Motive
kommen hiebei besonders in Betracht,
das der Verhüllung, gewöhnlich im
Zustand der Unreinheit, z. B. während
der Menstruation, der Schwangerschaft
j und Niederkunft, und das der Verk.ung
zur Täuschung böser Geister und
i Abwehr. In beiden Fällen wird nicht
| allein die eigene Person, sondern auch die
I Umgebung, mitunter auch diese allein,
> geschützt. Wenn auch auf tieferer
Kulturstufe zwischen dem K. der beiden
Geschlechter selten ein großer Unter¬
schied ist 14 ), so ist doch heute das K.
allgemein zu einem Unterscheidungs¬
zeichen zwischen den Geschlech¬
tern geworden in der Männertracht
und Frauentracht, wozu bisweilen noch
Unterschiede zwischen dem K. lediger
und verheirateter Personen kommen. Ein¬
zelne K.ungsstücke sind im Laufe der
Entwicklung geradezu zu Geschlechts¬
zeichen geworden, so die Hose (s. d.) für
das männliche, die Schürze (s. d.) für das
weibliche Geschlecht. Der Aberglaube
unterscheidet aber auch bei den von bei¬
den Geschlechtern getragenen K.ungs-
stücken, verleiht dem Mannsk. (s.
bes. Hemd) eine stärkende und auch
schreckende Wirkung und hebt die
Weiberk.er (s. Gürtel, Haube,
Hemd, Kopftuch, Rock, Schleier, Schuh,
Schürze, Strumpf) in verschiedener Be¬
ziehung hervor. Mit dem Geschlechts¬
leben hängt meist auch der Geruch, beson¬
ders der Schweißgeruch (s. Schweiß)
des K.es zusammen. Doch ist hier oft
nur das Beiwerk abergläubischer Art,
während es sich im Kern der Sache um
keinerlei Aberglauben handelt, so wenn
man z. B. Tiere (Hunde, Stallvieh) 15 )
mit eigenen, getragenen und schweiß-
durchtränkten K.em in Berührung bringt,
um sie an das Haus zu gewöhnen.
Wie der Aberglaube das einemal alte
und getragene K.er verlangt, die enger
mit der Person des Trägers verquickt sind,
so werden bei anderen Anlässen wieder
reine oder neue K.er verlangt, ferner ist
die Herkunft, der Stoff, die Farbe
1461 Kleid 1402
und die Art und W T eise der Herstellung j
wichtig. Auch zeitliche und andere I
Umstände beim Nähen und Ausbes- 1
sern, das Anziehen und Ausziehen, j
das Tragen und die sinnbildliche
Verwendung, z. B. im Rechtsleben, ;
sind maßgebend. Dazu kommen be- !
stimmte magische Handlungen, das Um¬
kehren (s. d.) der K.ungsstücke, das
bindende (s. d.) oder hindernde Schlie- ;
ßen und das lösende (s. d.) öffnen, ;
dann solche, die einen Fernzauber oder j
Abwehrzauber in sich bergen oder j
veranlassen. Endlich erscheint das K. j
als Ersatz der Person auch als Opfer ■
und ist an Stelle der ursprünglich vor- ;
geschriebenen Nacktheit (s. d.) ge- !
treten, wenn eine Zauberhandlung nur j
in einem bestimmten K., z. B. im bloßen
Hemd (s. d.), unternommen werden darf.
Im K.eraberglauben ist die Kopf- i
bedeckung (s. Haube, Hut) und die
Fußbe k.ung (s. Schuh) neben dem
unmittelbar am Körper anliegenden und 1
daher besonders in medizinischer Be- |
Ziehung wichtigen Hemd am stärksten i
vertreten. Beide sind ja die auffälligsten |
Kennzeichen der Menschen, was sich auch
in der verbreiteten Lebensregel ausspricht,
daß der, welcher Gewicht auf sein Äußeres
legt, vor allem auf neue und nette Schuhe
und Hüte sehen soll. Einzelne Überliefe- j
rungen erklären sich auch daraus, daß ]
Hut und Schuhe, besonders Holzschuhe
und Pantoffel beweglich sind und leicht
an- und ausgezogen werden können, j
Sehr oft aber handelt es sich um eine
bloße Übertragung des Aberglau¬
bens, der ursprünglich sich auf den
Kopf (s. d.) oder das Haar (s. d.), bzw.
auf den Fuß (s. d.) bezog. Im zweiten
Falle erfolgten Übertragungen nicht allein
auf den Schuh, sondern auch auf den
Strumpf (s. d.).
Bei Übertragungen abergläubischer
Überlieferungen ist das Alter der K.¬
ungsstücke wichtig, da kulturgeschicht¬
lich jüngere, z. B. die Weste, das Korsett,
seltener und da meist durch Übertragung
Gegenstand abergläubischer Vorstellun¬
gen werden. Je einfacher und älter
dagegen ein K.ungsstück ist, desto
ursprünglicher und meist auch zahl¬
reicher sind die damit verbundenen aber¬
gläubischen Vorstellungen 16 ) (vgl. Hemd,
Hose, Hut, Schuh, Schürze). Bei diesen
zeitlichen Unterschieden ist zu be¬
achten, daß besonders in den Sagen oft
altertümliche K.ertrachten ver¬
gangener Jahrhunderte erscheinen, die in
der Überlieferung zäh festgehalten werden.
Allerdings muß berücksichtigt werden,
daß unsere Sagen nicht immer ein
getreues Bild der Gegenwart bieten, da
sie oft schon vor Jahrzehnten bei ganz
anderen Trachten Verhältnissen aufgezeich¬
net wurden und in der gleichen Form von
einem Sagenbuch in das andere übernom¬
men werden, wobei vielleicht gegenwärtig
die im Volke verbreitete Fassung dieser
Sagen, wenn sie überhaupt noch lebendig
sind, ein ganz anderes Aussehen haben
kann.
Durch die K.ung unterscheiden
sich nicht allein die Geschlechter, son¬
dern auch die Stände (Arbeitsk.),
dann ganze Volksgruppen, wobei die
Religion oder auch politische Ge¬
sinnung (s. bes. Hut) im K. zum Aus¬
druck kommen kann, und endlich auch
ganze Völker. In einzelnen deutschen
Landschaften sind diese örtlichen
Unterschiede so auffällig, daß sie
den Spott der Nachbarn gereizt und
Spottnamen veranlaßt haben, wie dies
namentlich in Baden der Fall ist 17 ).
Als Familiennamen (s. Hose, Hut,
Mantel, Rock, Schuh) kommen die Namen
einzelner K.ungsstücke allein oder in
Zusammensetzungen vor, wobei aller¬
dings die ursprüngliche Form mitunter
schwer zu erkennen ist (z. B. Kugel-
Gugel) 18 ).
Nicht selten werden K.er als Preise
bei Wettkämpfen ausgesetzt 19 ). Im
Volkslied erscheint das Motiv von den
gepfändeten oder versoffenen K.¬
em 20 ).
Glücksk. s. Glückshaube.
*) Vgl. DWb. 5, 10690.; Weinhold Frauen 2
2 (1882), 218 fi.; Schräder Reallex. 431 f.
1020 f. und Sprachvergleichung 2, 257 ff.; Hoops
Reallex. 3, 61 ff.; Heckscher 2570. 49 * 0 -;
Schurtz Tracht ; dazu Fr. G. Schultheiß
Zur Psychologie der Kleidung, Ausland 64
1463
Kleid
1464
(1891), 455ff. 466ff.; vgl. ebd. i8iff.; Hjalmar
Falk Altwestnordische Kleiderkunde, Videns-
kapsselskape t s Skrifter II. Hist.-filos. Kl.
1918. Nr. 3 (Kristiania 1919). Vgl. auch Karl
Weule Leitfaden der Völkerkunde (Leipzig und
Wien 1912) 120 ff.; Cysat 31; Jb. d. Geogr.
Ethnogr. Ges. in Zürich 1908/09; E. A. Stückei-
berg Mittelalterlicher Kleider schmuck, Anz. f.
Schweiz. Altertumsk. 24 (1891), 486 ff. — Über¬
sicht über Trachtenwerke s. K. Spieß Die
deutschen Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig
1911) 124 ff. — Zu Kluft = schlechtes Ge¬
wand vgl. Urquell 4 (1893), 55. zu Häs =
Gewand vgl. SchwVk. 7, 13. 2 ) Vgl. Bächtold
Hochzeit 1,251t. 3 ) Wundt Mythus u. Religion
1, 269 f. 4 ) Vgl. ZfVk. 8 (1898), 159 f. 5 ) Vgl.
H. Leßmann Der deutsche Volksmund 1 m
Lichte der Sage (Berlin und Leipzig 1922) 287;
Schultz Zeitrechnung 85 t. 6 ) Heiterer
Steiermark 71. 7 ) Vgl. Adolf Loos Kleider
machen Leute, Prager Tagblatt v. 6. März 1927.
5 ) Vgl. Helene Tuschak Die Geste der Kleidung,
Bohemia v. 11. Feber 1927 (Prag). 9 ) Schurtz
Tracht 97. 10 ) Ebd. 4 ff. Vgl. Ebert Reallex.
6, 382; K. Weule Leitfaden der Völkerkunde
120 f. ll ) Vgl. Bachofen Mutterrecht 77.
12 ) Vgl. Fehrle Keuschheit 38 f. Anm.; Hecken -
bach de nuditate 2. Vgl. M. Hirschfeld Ge¬
schlechtskunde 1 (Stuttgart 1926), 167 ff. 13 )
Schurtz Tracht 12 ff. ,4 ) Vgl. Bachofen Mutter-
recht 17. 15 ) Vgl. Bohnenberger 17. Siehe
Gürtel, Hose, Schürze, Strumpf. 18 ) K. Rob.
V. Wikman Byxorna, kjolen och förklädet,
ett hidrag tili frugan om klädedräktens magi,
Hembygden 1915 Pehr Lugn Die magische
Bedeutung der weiblichen Kopfbedeckung im
schwedischen Volksglauben, MAGW 50. bzw.
20. Bd. (Wien 1920). 101. 17 ) Vgl. B. Kahle
Ortsneckereien und allerlei Volkshumor aus dem
badischen Unterland (Freiburg i. Br. 1908) 20 f.
18 ) A. Heintze Die deutschen Familiennamen*
(Halle 1922) 48 f. »•) Sartori Sitte 2, 35.
2,) ) Vgl. Jungbauer ßikliogr. 21 Nr. 96; 26
Nr. 116 f.
2. Was die Herkunft der K.er an-
von mir gegangen ist” 22 ). Der Rock
Christi soll nahtlos gewebt gewesen
sein, wie einen solchen nach rabbinischer
Überlieferung der Hohepriester trug. Von
den Kirchenvätern wurde er daher als
Sinnbild der unteilbaren Einheit der
Kirche gedeutet. Da er ,,von oben”
gewebt war. war er, wie man ferner aus¬
legte, vom Himmel gekommen, vom hl.
Geist gewebt worden. Im 12. Jahrhun¬
dert wieder hieß es, daß er ein Webstück
der Madonna gewesen sei, wie dies auch
vom hl. Rock (s. d.) zu Trier u. a. behaup¬
tet wurde 23 ). Das K. der Madonna
selbst wurde in der Blachemenkirche zu
Konstantinopel und in der Liebfrauen¬
kirche zu Trier gezeigt 24 ) (vgl. Gürtel).
Im übrigen wurde nachgewiesen, daß die
Verzierungen der K.ung bei den schwar¬
zen Marienbildern vielfach mit denen der
schwarzen Diana zu Ephesus überein -
stimmen 2S ). In Stambul wurde früher am
15. Tage des Monats Ramasan unter
Anwesenheit des Sultans und des Hof¬
staates das K. des Propheten enthüllt
und zum Küssen gegeben. Der geküßte
Teil wurde in einem Becken gewaschen
und das so geweihte, heilsame Wasch¬
wasser in Flaschen aufbewahrt und bei
Krankheiten verwendet 26 ). Zuweilen
aber kann dem K. geweihter Personen
auch schädliche Kraft innewohnen. In
Japan glaubt man, daß der, welcher die
K.er des Mikado ohne Erlaubnis trägt,
mit Geschwüren und Schmerzen am
ganzen Leibe bestraft wird 27 ).
belangt, genossen seit je die angeblichen
oder 'wirklichen K.er von Göttern,
Religionsstiftern, Heiligen und Hel¬
den besondere Verehrung. Man bewahrte
sie als Reliquien auf und schrieb ihnen
Heilkraft zu.
Schon bei den Griechen wurden
Kleidungsstücke von Helden und be¬
rühmten Personen in den Tempeln ver¬
ehrt, z. B. in Delphi die Gewänder der
Amazonen, der Halsschmuck der Helena 21 )
u. a. (s. Schuh). Vom K. Christi ging
eine göttliche Kraft aus. Als das blut¬
flüssige Weib den Saum des K.es be¬
rührte, sagte Jesus: ,,Es hat mich jemand
angerührt, denn ich fühle, daß eine Kraft
Heilkräftig und segenbringend sind
neben den in Kirchen und Wallfahrts¬
orten aufbewahrten K.em heiliger Per¬
sonen, z. B. auch des angeblichen Man¬
tels eines Bischofs in China, der den Wall¬
fahrern umgehängt wird, auch die bei
der Wallfahrt selbst getragenen oder mit¬
getragenen K.er, die zuweilen vom Prie¬
ster gesegnet werden 28 ), dann alle K.er,
die irgend eine kirchliche Weihe er¬
fahren haben, so die Taufk.er, Patenk.er,
die beim Abendmahl 29 ) getragenen K.er,
die Hochzeitsk.er, besonders das Brautk.
(s. Hemd, Schleier, Tuch), und die Toten-
k.er (s. Hemd, Leichenk.ung), endlich vor
allem das Priestergewand 30 ) (s. u.).
1465
Kleid
1466
Der Herkunft nach sind noch die K.er
zu erwähnen, die zufällig gefunden,
geschenkt oder gestohlen wurden oder
Erbstücke sind, die ebenso wichtig im
Aberglauben sind wie unter den Toten-
k.ern die von Erhängten.
21 ) Vgl. Pfister Reliquienkult 1, 334 f.
22 ) Vgl. Agrippa v. Nettesh. 3, 78; ZfVk.
23 (1913), 31 f. 23 ) Fox Saarland 524 ff. 468 ff.;
Eisler Weltenmantel 1850. 24 ) Eisler 185 1 .
2l ) ZfVk. 18 (1908), 287 = Storfer Jungfr.-
Mutterschaft 130. 2C ) Stern Türkei 2, 298.
2? ) Frazer 3, 131. ze ) SAVk. 21 (1917). 206.
- 8 ) Vgl. Strackerjan 2, 9 Nr. 265 = Wutt-
ke 141 § 193. 30 ) Zu diesem vgl. Franz Bene¬
diktionen i, 38; Gihr Meßopfer 221 ff. 684;
Pfannenschmid Erntefeste 357.
3. Beim K. ist auch der Stoff wichtig.
Nach pythagoräisch-orphischer und auch
ägyptischer Lehre müssen die Personen
beim Zauber aus Pflanzen hergestellte
K.er tragen, also aus Linnen (s. Lein¬
wand) oder Baumwolle. Denn K.-
ungsstücke aus Schafwolle und Schuhe,
Leibriemen und Bänder aus Leder galten
als unrein, da dies alles von getöteten
Tieren stammt 31 ).
In der Volksmedizin wird hie und da
bei K.ungsstücken betont, daß sie aus
Seide sind oder sein sollen. In der Sage
haben weibliche Geister, vor allem Schlo߬
frauen, meist Gewänder aus Seide 32 ).
Das Märchenmotiv von dem K., das so
fein ist, daß es in einer Nußschale Platz
hat 33 ), erinnert an die spinn webdünnen
Seidenstoffe des Orients. Die in Buchara
hergestellten Schals kann man tatsächlich
in einerZündholzschachtel unterbringen 34 ).
Im Böhmerwald, aber auch in Vorarl¬
berg, in Schlesien und in den Karpathen
schätzte man früher die aus Baum¬
schwamm (Zunder) gemachten K.er,
besonders Westen und Hauben. Die
letzten sollen gut sein gegen Kopfweh 35 )
(s. Hut).
Allzugroßer K.erprunk mit kost¬
baren Stoffen u. a. hat wiederholt
K.erordnungen veranlaßt 3C ) — das
Schellenkleid 37 ) wie auch das bunte
Lappenkleid 38 ) des modernen Harlekin
waren übrigens schon im Altertum be¬
kannt — und wurde auch von der
Kirche bekämpft, die in solcher K.¬
ung das Netz des Teufels sah, worin
er die Seelen fängt 39 ). Seit je wurde auch
die Nachäffung fremder Moden als etwas
Schlechtes und Schädliches betrachtet *°)
(s. Tracht).
Nach orientalischem Glauben zieht
prunkvolle K.ung den bösen
Blick auf sich, weshalb man besonders
Kinder absichtlich in Lumpen hüllt 41 ),
oder in die Muster der indischen Prunk¬
kleider, der Teppiche, Stickereien und Ge¬
webe mit Absicht irgend eine Unregel¬
mäßigkeit hineinbringt 42 ). In Irland
glaubt man den Folgen des Verneidens
durch jemand, der eine schöne K.ung
lobt, dadurch zu entgehen, daß man ihm
diese zum Geschenk macht 43 ).
3l ) Th. Hopfner Offenbarungszauber (Leipzig
1921) 238 ff. § 855ff. 32 ) Z. B. Jungbauer
Böhmerwald 113; Kap ff Schwaben 62. Vgl.
u. Anm. 196. 33 ) Bolte-Polivka 2, 516 ff.;
Skiarek Märchen 289 Nr. 4; Wlislocki
Zigeuner XIV; Sebillot Folk-Lore 3, 435.
34 ) Verf. 3S ) BdböVk. 14, 1 (1917), 406 f. 36 )
Vgl. Birlinger Schwaben 2, 406. 37 ) Mann-
hardt Germ. Mythen 489 1 . 38 ) Radermacher
Beiträge 96. 39 ) Klapper Erzählungen 107
Nr. 95, 310. 40 ) Vgl. Birlinger Schwaben
2, 406 f. 4l ) Seligmann Blick 2, 222; Krauß
Slaw. Volkforschung 250. 42 ) Seligmann
a. a. O. 2, 221. 43 ) Ebd. 220.
4. Von den Farben ahmt die rote
(s. d.) meist die Farbe des Blutes nach.
Der fast unbek.ete Naturmensch trägt
diese Farbe gern unmittelbar auf seine
Haut auf und hofft, so seinen Körper gegen
schädliche Einflüsse aller Art wider¬
standsfähig zu machen. Mit Einführung
der vollständigen Bek.ung wurde diese
rote Bemalung mehr und mehr durch das
Tragen roter Gewänder und roter Amu¬
lette (s. d.) ersetzt 44 ).
Die schon bei den Griechen und Römern
im Kult übliche Verwendung roter K.er
ist ein Ersatz für ursprüngliche blutige
Opfer 45 ). Wenn die römische Braut
ein rotes Tuch trug, so weihte sie sich
dadurch symbolisch selbst zum Opfer 46 ).
In diesem Falle ist aber wohl wichtiger,
daß die rote Farbe seit je als übel-
abwehrend gilt 47 ) (s. rot). Auch im
germanischen Norden wurden rote
K.er bei Opfern für Götter getragen.
Das Rot wurde überhaupt für die präch¬
tigste Farbe angesehen, rote K.er
1467
Kleid
Kleid
1470
1468
wurden ausschließlich von Häuptlingen
und reichen Leuten getragen und im
Gegensatz zu andern „gute K.er“ ge¬
nannt. Ebenso herrschte in der Hof-
und Königstracht der karolingischen
Zeit eine Vorliebe für purpurrote Ge¬
wänder 48 ). Auch in der Volkstracht
der neueren Zeit wird die rote Farbe
bevorzugt, teils der natürlichen Schönheit
wegen 49 ), teils aus Aberglauben. So
ziehen im Egerland die Weiber zum
Kraut stecken gern rote Kittel an 50 ).
Schwarze K.er legten nach Plutarch
schon die kimbrischen Frauen vor der
Entscheidungsschlacht gegen Marius an 51 ).
Auch heute ist die übliche Trauerfarbe
schwarz, nur bei slawischen Völkern und
in früher slawischen Gebieten weiß 52 )
(s. u.). Vereinzelt kommt auch blau
vor. So tragen die Frauen in der Schwalm
blaue Trauerschleier 53 ), was früher auch
im Herzogtum Sachsen-Altenburg der
Fall war. Als kirchliche Trauerfarbe
tritt das Blau in der Altar- und Kanzel-
bek.ung während der Passionszeit auf 54 ).
Blau ist aber auch das K. der Hexen,
wobei man vielleicht an den blauen Mantel
Holdas denken kann 55 ). In der Ober¬
pfalz mußte bei Begräbnissen, Wall¬
fahrten und Flurumgängen ein altes
Weib mit blauem Schurz als letzte
im Zug gehen 56 ). Deutlicher Analogie¬
zauber liegt vor, wenn man in West¬
böhmen beim Leinsäen einen blauen
Schurz trägt. Dann blüht der Lein schön
blau und bringt viel Samen 57 ).
Eine innere Verbindung zwischen dem
Kult und der K.erfarbe sieht man be¬
sonders beim jüdischen und katholi¬
schen Priestergewand. Die Gewan¬
dung des jüdischen Hohenpriesters war
in der Farbenfolge der Stoffe dem Heilig¬
tum selbst genau entsprechend, nur in
umgekehrter Ordnung. Beim Priester¬
gewand folgen die Farben von außen nach
innen, indes sie für den Tempel selbst
von innen nach außen geordnet waren 5Ö ).
Die katholische Kirche verwendet je
nach dem Festtag und Anlaß ver¬
schiedenfarbige Meßgewänder. Vgl.
unten § 10 (Das K. in der Sage).
M ) ZfVk. 23 (1913), 256. 45 ) Samt er Familien¬
feste 53 ff. 46 ) Ebd. 57. 47 ) Vgl. Wächter
Reinheit 18 3 . 48 ) Hoops Realiex. 3, 59 f. 49 )
Vgl. SchwVk. 7, 75 f. 50 ) Egerl. 20 (1916), 6.
5l ) Hoops Reallex. 3, 59. 52 ) Heckscher
258. 491. 53 ) Ebd. 491 = Heßler Hessen
2, 235. * 4 ) K. Weinhold Blau als Trauer¬
farbe, ZfVk. 11 (1901), 83. 55 ) ZfVk. 7 (1897),
327. 56 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 255; 3, 176..
67 ) Egerl. 20 (1916), 6. 59 ) St. Steinlein Astro¬
logie, Sexualkrankheiten und Aberglaube in ihrem
inneren Zusammenhänge 2 (1915), 88.
5. Reine und weiße K.er waren seit
je bei gottesdienstlichen Handlungen und
im religiösen Kult vorgeschrieben.
Wenn die Leviten für das Heiligtum
geweiht wurden, mußten sie ihre K.er
waschen, nachdem ihr vorher gänzlich
von Haaren befreiter Körper mit Ent-
sündigungswasser besprengt worden
war 39 ). Weiße und reine Gewänder
i trugen die Priester bei den Griechen
und Römern, wenn nicht geradezu das
I Ablegen des K.es, das bindende und
hindernde Kraft haben kann, gefordert
war 60 ) (s. nackt). Bei der Einweihung
in die Mysterien mußte der Adept vor
| Betreten des innersten Heiligtums K.
und Schuhe ausziehen 61 ). Sonst wurde
bei manchen Mysterien das K., welches
! der Myste bei seiner Weihe trug, als sein
| Himmelsgewand für ihn so lange im
Tempel aufbewahrt, bis er den Akt der
Wiedergeburt erneuerte 62 ). Hetärischen
| Charakter hatten die bloß im dionysischen
Mysterienkult von den Frauen geforderten
durchsichtigen Gewänder 63 ). Weiß
war bei den Römern das Fe stk.,
besonders im Kult der Lichtgottheiten 64 ).
Auch der Zauberer war im Alter¬
tum in ein reines, weißes K. gehüllt 65 ).
Noch vorteilhafter war es, bei der Zauber¬
handlung ein durch den offiziellen Kult
geheiligtes Priestergewand zu tragen oder
sich als die Gottheit selbst zu verkleiden 6Ö )
(s. täuschen). Noch im deutschen Mittel-
alter mußte der Zauberer beim Kri¬
stallsehen ein reines, weißes K. an-
haben 67 ). Von den kimbrischen Weis¬
sagerinnen erwähnt Strabo, daß sie
weiße K.er hatten 68 ). In der Eiriksage
wird die K.ung einer weisen Frau
ausführlich beschrieben, die einen dunkel¬
blauen Mantel und eine mit weißem
Katzenfell gefütterte schwarze Lamm¬
fellmütze trägt und deren Handschuhe,
auch aus Katzenpelz, innen weiß und
zottig sind 69 ). Im Egerland galt früher
das Wallfahren nach Maria Kulm in
weißer K.ung, ebenso wie das Barfu߬
gehen oder Zurücklegen des Weges auf
den Knien, als erschwerendes Gelübde.
Mitunter gelobte man, zeitlebens in einer
schwarzen oder weißen Kopfbedeckung zu
gehen 70 ). Sonst ist im deutschen Volks¬
glauben das weiße K. meist das Sinn¬
bild der Reinheit, bei Mädchen na¬
mentlich der Jungfräulichkeit, be¬
sonders im Volkslied 71 ).
Reine und weiße K.er trägt man viel¬
fach auch bei der Aussaat, so im Eger¬
land beim Weizensäen, damit der
Weizen nicht brandig wird 72 ), häufiger
aber bei der Leinsaat, wenn sie nicht
nackt (s. d.) erfolgt. Denn je weißer der
Anzug, desto weißer wird der Flachs 73 ).
Auch beim Erntebeginn zieht man zu¬
weilen reine K.er an 74 ) (s. Hemd). Bei
besonderen Arbeiten im Hause und Felde
trägt man auch die Sonntagsk.er 75 ),
so daß zum Motiv der Reinheit noch der
Umstand dazu kommt, daß diese K.er in
der Kirche wiederholt gesegnet wurden.
In Hessen muß die Magd das Kalb wäh¬
rend des Kirchenläutens im Sonntags¬
staat anbinden 76 ). In Schlesien soll die
Hausfrau zum Anbinden des Kalbes neue
K.er anziehen, damit das Kalb immer
sauber bleibt 77 ).
— Anw. 17 ^1914;, 304
) 4 - MOS 4 . 0 .. .
•°) Pauly-Wissowa 11,2, 2132 f. Vgl. Hecken
bach de nuditate 3. 9. 17. 70; Fehrle Kult
Keuschheit 70; Wächter Reinheit 15 ff. 21 f.
ARw. 20 (1920/21), 469. fl ) Dieterich Kl
Sehr. 119. 62 ) Perdelwitz Petrusbrief 49
63 ) Bachofen Mutterrecht 249. <4 ) K. E
Götz Über Schwarz und Weiß bei den Römern,
Festschrift des philol. Vereines (München 1905)
= Schmidt Geburtstag 25, vgl. 27. * 5 ) Pauly-
Wissowa 11, 2, 2132 t.; Abt Apuleius 189 f.
215. ••) Th. Hopfner Offenbarungszauber
(Leipzig 1921) 147 § 574 ; 238 ff. §855«. « 7 )
Grimm Myth. 3, 432. * 8 ) Hoops Reallex.
3 * 59 - * 9 ) Meyer Religgesch. 146. 70 ) Egerl.
18 (1914). 37 4 °- 52 . 7I ) Vgl. Jungbauer
Bibliogr. 11 Nr. 52. 72 ) Egerl. 20 (1916), 6.
73 ) FFC. Nr. 31, 130 t. 74 ) Ebd. Nr. 62, 41t.
167. Vgl. oben II. 942. 75 ) FFC. Nr. 31,
131; Wuttke 419 t. § 653. 76 ) Wolf Bei¬
träge 1, 219 = Sartori Sitte 2, 138.
77 ) Drechsler 2, 102.
6 . Dort wo nicht das Motiv der Rein¬
heit vorliegt, verbinden sich andere aber¬
gläubische Vorstellungen mit neuen K.-
ern, die zum Teil in das Gebiet der
Tagewählerei (s. d.) und zum zeit¬
lichen Aberglauben (s. u.) gehören,
auf das Herstellen, Anziehen und
Tragen sich beziehen und sich zuweilen
auch aus dem Glauben erklären, daß das
neue K. mit der Person des Trägers
noch nicht in der geheimnisvollen ma¬
gischen Verbindung steht, die sich
erst bei längerem Gebrauch einstellt.
Ein neues K. bekommt das Kind meist,
wenn es ein Jahr alt wird, von den Paten.
Dies wird in Schlesien das Jahrk.-
chen genannt 78 ). Ferner soll man im
Frühling, wenn sich die ganze Natur
erneut 79 ), am Palmsonntag und zu
den Ostern, ein neues K. tragen; denn
dies bringt Glück ®°). Man muß aber
achtgeben, daß es der Palmesel nicht
beschmutzt 81 ). In der Schweiz zieht
man deyi Kindern am Palmtage ein neues
K. an, damit sie, wie man sagt, nicht
von dem Esel gestoßen werden. In man¬
chen Orten wird das Kind, das an diesem
Tage kein neues K. erhält, von den andern
ausgelacht und Osterkalb gescholten 82 ).
Im südlichen Böhmerwald pflegt man die
Kinder am Karsamstag zu waschen und
zu baden und mit neuer Wäsche und
neuen K.em zur Auferstehungsfeier
auszustatten 83 ). In der alten Grafschaft
Baden wurden die Kinder auch am
1. September frisch gek.et 84 ). Viel¬
fach erhalten Kinder und Dienstboten
auch zur Kirchweih neue K.er 85 ).
Die Esten glaubten, daß ein am Neu¬
jahrstage zum erstenmal angezogenes
K. lange neu bleibt und Linnenzeug dann
doppelte Dauer bekommt 86 ).
Allgemein verbreitet ist der Brauch,
bei einem neuen K. den Schneider
auszuzwicken 87 ), was schwerlich als
ein Vertreiben des im K. steckenden
Dämons zu deuten ist 88 ). Man will
vielmehr den Besitzer, dem noch die
magische Verbindung mit dem K.e fehlt,
gegen schädliche Einflüsse von außen.
1471
1472
1473
1474
hervorgemfen durch den Neid (s. böser
Blick), aber auch durch Lob und Bewun¬
derung (s. berufen), schützen. Man
zwickt nicht allein in das K., sondern
auch in das Ohr des Trägers und fragt:
„Wie lange soll es halten“ 89 ) ? Man
schlägt auch auf das neue K. und sagt:
Das Neue muß man klopfen.
Das Alte muß man stopfen ®°).
Man klopft so den Schneider heraus 91 ),
indem man zuweilen auch mit der Hand
darauf schlägt 92 ). Bei den Tschechen
nimmt man den Träger beim Ohr und
spricht: „Zdräv to roztrhej!“ (= Zur
Gesundheit, zerreiß das) 93 ). Ähnlich
sagt man im Erzgebirge beim Anlegen
des neuen K.es: „G’fall Gott, gesund
zerreiß's“ B4 ).
#
Im Isergebirge darf man ein neues K.
das erstemal nicht zu einem Begräb¬
nis anzichen. Benützt man es zuerst
beim Kirchgang, so hält es lange 95 ).
In Schlesien und Thüringen sagt man
dann, daß es den Segen empfangen hat 96 ),
in Ostpreußen, daß keine Motten hinein¬
kommen 97 ), im Erzgebirge, daß es dem
Träger Glück bringt 98 ), und in der
Schweiz, daß es lange schön bleibt ").
Glück hat der, dem in einem neuen
K., das nicht leer sein soll, etwas ge¬
schenkt wird 10 °), weshalb man allge¬
mein in ein solches, besonders bei Kindern,
ein Geldstück gibt 101 ). In der Schweiz
geht das Kind, das ein neues K. bekom¬
men hat, bei den Bekannten herum und
erhält von diesen einen Glückspfennig,
z. B. ein Fünfrappenstück 102 ). Da man
zu einem neuen Anzug stets etwas Ge¬
schenktes haben soll, lassen sich bei den
pennsylvanischen Deutschen die Männer
oft ein Paar Hosenträger dazu schen¬
ken 103 ). Diese Geschenke wurden damit
erklärt, daß der Geist im neuen K.e
eine Opfergabe erhält, daß der Glücks¬
geist im K.e mit diesem Geschenk be¬
stochen wird 104 ). In Wirklichkeit handelt
es sich auch hier nicht um einen im Innern
des neuen K.es versteckten Dämon, son¬
dern um die Abwehr äußerer Einflüsse.
Wenn an einem neuen K. noch die
Heftfaden sind, ist es noch nicht be¬
zahlt X05 ), wie die knarrenden Schuhe
(s. d.), oder man hat dem Überbringer
kein Trinkgeld gegeben 106 ). Hängt
man ein neues K. zum erstenmal auf,
so tut man es so hoch als möglich; dann
wird man in diesem K. besonders ge¬
achtet werden 107 ). Ein neues K. soll
man andere nicht anziehen lassen,
sonst „steht es einem nicht schön“ 108 ).
Wer ein neues K. anzieht und darin
krank wird, wird nicht mehr ge¬
sund 109 ). In Obwalden (Schweiz) glaubt
man, daß eine Person, die eine neue
K. er mode aufbringt, nicht erlöst und
selig werden kann, bis diese Mode wieder
aufgegeben ist u0 ).
Neue und noch dazu kirchlich geweihte
K.er pflegte man den Hexen anzuziehen,
um ihnen jede Möglichkeit zu bösem
Zauber zu nehmen. So wurden nach einem
elsässischen Prozeß aus 1619 der Gefan¬
genen zur Tortur angelegt „ganz neue
gebenedeite K.er, darin auch eine Parti-
cula de agno Dei genähet gewesen“ ln ).
Auch nach schlesischen Prozeßakten des
17. Jahrhunderts halten neue linnene K.er
den Teufel und Hexen ab I12 ).
78 ) Drechsler 1, 217. 79 ) Fehrle Volksfeste 2
(1920) 60. 80 ) Egerl. 20 (1916), 6. 81 ) John
Westböhmen 59. 82 ) Vernaleken Alpensagen
369; Hoffmann-Krayer 143. 152. 83 ) Verf.
8< ) Hof f mann-Krayer 165t. 85 ) Sartoti
Sitte 3, 247. 88 ) Boeder Eksten 75. 8T ) Schra-
mek Böhmerwald 255; Wuttke 315 § 465.
88 ) Urquell NF. 1 (1897), 131. 89 ) Drechsler
2, 10. 267. ®°) Grimm Myth. 3, 468 Nr. 922.
91 ) Fogel Pennsylvania 362 Nr. 1935. cz )
John Westböhmen 250. 93 ) Grohmann 223
Nr. 1554. 94 ) John Erzgebirge 36. 95 ) Müller
Isergebirge 35. 9ft ) Drechsler 2, 267. 97 )
Wuttke 315 §465. 98 ) John Erzgebirge 36.
Vgl. SAVk. 7, 134. ") SAVk. 8, 270. 10 °) John
Erzgebirge 38. 101 ) Grimm Myth . 3, 442 Nr. 231
(Rockenphilosophie); Panzer Beitrag 1, 262;
Meier Schwaben 2, 510; Hey 1 Tirol 805 Nr. 283;
Unoth 1, 187 Nr. 135; SAVk. 7, 132. Vgl.
Baltische Studien. Stettin 1883, 247. I02 )
SchwVk. i, 4; 3, 91. 103 ) Fogel Pennsylvania
377 Nr. 2055. 104 ) Urquell NF. 1 (1897), 132.
105 ) Drechsler 2, 201; Fogel Pennsylvania
91 Nr. 357. 10€ ) Meier Schwaben 2, 511. 107 )
Köhler Voigtland 433 = Wuttke 315 § 465.
108 ) Grimm Myth. 3, 449 Nr. 447 (Rocken¬
philosophie). 109 } Fogel Pennsylvania 123
Nr. 555. 110 ) Lütolf Sagen 554 Nr. 562.
Auch in Tirol. Vgl. Sartori Sitte 1.3.
m ) Soldan-Heppe 1, 347. lia ) Kühnau
Sagen 3, 13 Nr. 1363.
7. Alte und getragene K.er werden
1!
in der Volksmedizin, aber auch zu bösem
Zauber benützt, da mit ihnen die Person
des Trägers auf das engste verknüpft ist
(s. u., ferner bes. Hemd).
Verunreinigte und unreine K.er
gelten als gefährlich, daher müssen Heb¬
ammen und Helferinnen bei einer Geburt
oder diejenigen, welche mit einer Leiche
in Berührung gekommen sind, danach
die K.er wechseln (s. u.). Bei einem
Indianerstamm in Alaska werden die
alten K.er des mannbar gewordenen
Mädchens nach einer bestimmten Frist
verbrannt U3 ).
Auch seelische Verunreinigung haf¬
tet an den K.em und kann durch deren
Wechsel oder Opfer beseitigt werden.
Auf der 3. Synode zu Toledo (589) wurde
bestimmt, daß eine Frau, welche Buße
tun will, zuvor das K. wechseln muß 114 ).
Nach einer mexikanischen Handschrift
gingen Dirnen und Ehebrecherinnen in der
Nacht nackt auf einen Kreuzweg und
opferten dort ihre Röcke, was das Zeichen
war, daß sie die Sünde daließen 115 ).
Zerlumpte K.er s. u. § 10.
113 ) Frazer 10, 46. 114 ) Hefele Concilien-
gesch. 3, 51 Nr. 12. 115 ) Globus 83 (1903), 272 —
Samter Geburt 120 Anm.
8. Einzelne Umstände beim Anziehen
sind vorbedeutend oder verhängnisvoll,
weshalb man besonders bei der Hoch¬
zeit (s. u.) dabei achtsam sein muß.
Zieht man den linken Strumpf (s. d.)
zuerst an, so hat man den ganzen Tag
Unglück 116 ). Auch die Serben in Bos¬
nien bek.en erst den rechten, dann
den linken Fuß; dieser kommt aber beim
Ausk.en zuerst an die Reihe 117 ). Zieht
man ein K.ungsstück verkehrt an,
so geht den ganzen Tag alles verkehrt 118 ).
Doch heißt es bei den Deutschen West¬
böhmens 119 ) und bei den Tschechen 12 °),
daß gerade der Glück hat, welcher ein
K. zufällig verkehrt anzieht. Legt man
unwissend die Schürze (s. d.) verkehrt an,
so soll man sie, wenn man den Fehler
bemerkt, so lassen, sonst macht man sich
unglücklich m ). Wenn man die Schuhe
(s. d.) zuletzt anlegt oder früher anzieht
als die Hose, so muß man sich schä¬
men m ).
Bächtold*S täubli, Aberglaube IV
Auf Island wurde ein besonderes Gebet
beim Ank.en gesprochen 123 ). Eben¬
da pflegte man die Gottheiten der vier
ersten Monate des Jahres unvollstän¬
dig angezogen zu begrüßen. Am
x. Januar (s. d.) wurde Thorri in der
Weise willkommen geheißen, daß alle
Hausväter barbeinig, im bloßen Hemd,
ein Hosenbein angezogen, das andere
nachschleppend, auf einem Fuß um den
Hof hüpften. Ähnlich begrüßten die
Frauen am 1. Februar (s. d.) Goa und die
Burschen und die Mädchen den März und
April (s. d.). Man hat diesen Brauch mit
der Eile erklärt, welche im Rechtswesen
(s. Hemd, Hose, Schuhe) zuweilen eine
Rolle spielt 124 ). Doch soll damit wohl
auch die Unterordnung gegenüber der
Gottheit versinnbildet werden.
116 ) Strackerjan 1, 37 Nr. 27. 117 ) Urquell
3 (1892), 255. 118 ) Strackerjan a. a. O.;
Wuttke 222 §317. lj9 ) Egerl. 20 (1916), 6.
12 °) Grohmann 227 Nr. 1622. ial ) Fogel
Pennsylvania 381 Nr. 2048. l22 ) Ebd. 361
Nr. 1925 b 123 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 124 ) Ebd.
20 (1910)* 5 8 -
9. Beim Anziehen der K.er, nament¬
lich neuer, und auch sonst, sind allerlei
zeitliche Umstände zu beachten.
Wenn der Monat (= Mond) neu ist,
ist es nicht gut, neue K.er anzuziehen 125 ).
Wer ein zu Mittag (s. d.) zugeschnittenes
K. anzieht, findet den Tod 126 ). Ein
unter besonderen Umständen vor Mitter¬
nacht (s. d.) gewebtes K. hüft an der
Mosel gegen Behexung 127 ).
Von den Wochentagen ist vor allem
der Sonntag (s. d.) wichtig. Ein Kind,
das an diesem Tage das erste K.chen
anzieht, wird hochmütig 128 ). An einem
Sonntag genähte oder ausgebesserte
K.er soll man nicht anziehen 129 ), man
wird sonst krank 130 ) oder es schlägt
der Blitz hinein 131 ). Ist jemand mit
einem solchen K. auf einem Schiff, so
geht dies unter 132 ). Auch auf Island
glaubt man, daß Seeleute in K.em,
welche an einem Sonntag ausgebessert
wurden, umkommen 133 ). Nach einer
Sage aus Jeverland verfolgte einen Pre¬
diger, der am Sonntagmorgen seinen
Chorrock flicken ließ, ein schwarzer
Hund 134 ). Eine Frau, die an einem
47
1475
Kleid
Sonntag näht, kann nicht sterben 135 ) f
ebenso nicht der Kranke, der ein am
Sonntag gearbeitetes K. trägt 136 ) oder
auf Bettwäsche liegt, an der an einem
Sonntag genäht wurde 137 ). Auch der
Tote hat keine Ruhe, wenn sein Leichen¬
gewand an einem Sonntag verfertigt
wurde 138 ). Die Tschechen glauben, daß
in einem am Samstag gesponnenen und
am Sonntag vor der hl. Messe gemangelten
Leichenhemd der Tote weder ruhig liegen
noch verwesen kann 139 ). Nach magyari¬
schem Glauben soll man am Sonntag
nicht nähen, spinnen oder weben; denn
man verrichtet diese Arbeiten für das
Leichenhemd der Person, die man am
meisten liebt 140 ). In Lauenburg darf
man die Trauerk.er nicht an einem
Sonntag mit andern vertauschen; sonst
ist bald wieder Trauer im Hause 141 ).
Regnet es an einem Sonntag, an dem
der Pfarrer ein grünes Meßk. an¬
hat, so regnet es noch länger oder neun
Sonntage hintereinander 142 ).
Auch am Samstag (s. d.) soll man
K.er nicht zuschneiden 143 ) und nicht
kaufen 144 ). Die Magyaren glauben,
daß der stirbt, welcher ein an diesem
Tage zugeschnittenes K. trägt, es sei
denn, daß man das K. bis Mitternacht
ganz fertig gemacht hat 145 ). Am Samstag
muß der Saum des K.es der Jungfrau
Maria trocknen, den die armen Seelen
am Freitag, wenn Maria durch das
Fegefeuer schreitet, mit ihren Tränen
benetzen. Daher ist am Samstag immer
Sonnenschein 146 ), nach einer häufigeren
Überlieferung aber auch deshalb, weil
Maria ihr Hemd (s. d.) oder das des
Jesuskindes für den Sonntag trocknen
muß. Wer am Mittwoch (s. d.) ein
neues K.ungsstück anlegt, bekommt
Kopfweh 147 ). Ferner soll man am
Montag (s. d.) kein neugewaschenes K.
anziehen 148 ) und auch am Freitag
(s. d.) kein neues K. anlegen 149 ). An
diesem Tage darf man bei den Magyaren
auch kein K. zuschneiden 15 °).
Am Karfreitag soll man die K.er
an die Sonne hängen, weil dann weder
Motten noch Schaben hineinkommen 151 ),
von denen man auch verschont bleibt,
wenn man die K.er am Abdonstag 15a )
oder zu Margarethe 153 ) ins Freie hängt.
Wer ein am Karfreitag gewaschenes oder
ausgebessertes K.ungsstück trägt, fällt
ins Wasser 154 ). In das am Himmel¬
fahrtstage genähte K. schlägt der
Blitz ein 165 ) oder dem Träger ziehen
die Gewitter nach 156 ). Wer zu Maria
Empfängnis (8. Dezember) flickt oder
näht, den schreckt nach west böhmischem
Glauben die weiße Frau 157 ).
Vgl. bes. Hemd § 7 a.
125 ) DWb. 6, 2484. 128 ) Drechsler 2, 189.
127 ) Seligmann Blick 2, 220. 128 ) ZfVk. 4
(1894), 326 = Dirksen Meiderich 48. 129 )
Wuttke 59 § 66; 315 § 465. 13 °) Strackerjan
2, 23 Nr. 282; Stemplinger Aberglaube 114.
m) Wuttke 304 §447. 132 ) Ebd. = Birlinger
Volksth. 1, 496. 133 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 134 )
Strackerjan 2, 24.
135
)
3 M-
130
) ZfVk. 4 (1894), 327
Höhn Tod
= Dirksen
Meiderich 49. 137 ) Drechsler 2, 184. 138 )
Ebd. u. 1, 293. 13# ) Grohmann 192 Nr. 1349
= Wuttke 461 §731. i«>) H. Wlislocki
Volksglaube (1893) 70 = ZfVk. 4 (1894), 309.
141 ) Wuttke 467 §742. l42 ) Zingerle Tirol
120; Meyer Baden 157 = Gesemann Regen¬
zauber 64; Pollinger Landshut 230; ZfVk.
10 (1900), 185 (München). 143 ) Zingerle
Tirol 124. 144 ) Drechsler 2, 188; Wuttke
62 §72. 145 ) ZfVk. 4 (1894), 308. 148 ) Bolte-
Pollvka 3, 457 Anm. 147 ) Drechsler 2, 267.
148 ) Köhler Voigtland 359. 149 ) Dähnhardt
Volksth. 1, 98 Nr. 27. 158 ) ZfVk. 4 (1894), 308.
151 ) Grimm Myth. 3, 446 Nr. 355 (Rocken¬
philosophie); Drechsler 1, 89; Wuttke 74
§ 86. 152 ) Fogel Pennsylvania 257 f. Nr. 1341.
153 ) Egerl. 20 (1916), 6. 184 ) John Erzgebirge
jq 3 155) Wuttke 78 §91 (Ostpreußen). 15# )
Ebd. (Voigtland). 157 ) Egerl. 20 (1916), 6.
10. In der Sage wird oft das K.
der Geisterwesen nach Farbe, Stoff,
Form und Zustand genau beschrieben,
wobei durchaus nicht immer ein will¬
kürliches Spiel der Phantasie am Werke
ist, sondern sich nicht selten sinnvolle,
innerlich begründete Zusammenhänge zwi¬
schen dem K. und dem Träger ergeben.
In einzelnen Sagen kommt dem K.
auch eine besondere Verwendungsart zu.
Die Waldgeister haben meist ein
phantastisches, ihrer Natur und Um¬
gebung angepaßtes K. So tragen die
Fanggen und Wildfrauen der Alpen
Joppen aus Baumrinde und Schürzen
aus Wüdkatzenf eilen 158 ), wie ähnlich
die Mittagsmutter oder Mittagsmuhme
14 77
Kleid
des Rheinlandes durch ein K. aus Ziegen¬
fell gekennzeichnet erscheint 159 ) (s. Mit¬
tagsdämon, Teufel). In K.er aus Moos,
grauem Mies (Baumbart) oder Rinde
sind die Holzmännlein und Moos¬
weibchen gehüllt 160 ), was, allerdings
erst in neuerer Zeit, wo vielfach bildliche
Darstellungen und Schnitzwerke die Vor¬
stellung des Volkes beeinflussen, auch
von Rübezahl berichtet wird. Sonst
tritt dieser auch als ein Jäger der alten
Zeit mit graugrünem Rock und drei¬
spitzigem Hut auf 161 ). Ebenso erscheinen
auch die Waldgeister zuweilen in rein
menschlicher K.ung, die der Mode
einer früheren Zeit entspricht, sich sogar
mitunter an eine bestimmte landschaft¬
liche Tracht anschließt. So sahen die
Holzweibeln im Voigtland den ober-
ländischen Bäuerinnen ähnlich und hatten
gelbbraune Schürzen wie die Landleute
bei Schleiz, während die Holzmännel
grüne Jagdk.er mit roten Aufschlägen
und schwarze dreieckige Hüte trugen 162 ).
Grüne K.er haben die Waldfrau
und der Waldjäger in Schlesien 163 ),
ferner Kobolde in niederländischen, hol¬
steinischen, thüringischen, hessischen und
badischen Sagen. In der Mark heißt
einer danach der „grüne Junge“; in
Holland haben sie auch Gesicht und
Hände grün 164 ). Ein grünes Gewand 165 )
und hohe Wasserstiefel hat der Wasser¬
mann, aus dessen linker Rocktasche es
beständig tropft 166 ), wie auch der K.-
ersaum der ebenfalls meist grün ge¬
kleideten Wasserjungfern naß ist 167 ).
Die rote Farbe, die sich bisweilen in
der K.ung des Wassermannes und
seiner Tochter findet 168 ), ist kennzeich¬
nend für die Zwerge und Kobolde 169 )
(s. d.). Auch der Puck auf Rügen und
in der Neumark hat rote K.er 17 °). In
thüringischen Sagen wird das Wichtel-
k. genau beschrieben. Die Männchen
tragen kleine Dreimaster, rote Röckchen,
kurze und weite Hosen, lange Strümpfe
und Schuhe mit sehr hohen Absätzen,
die Weibchen kleine, zweiteilige Schnepp-
hauben und weiße Röckchen 171 ). Auch
die Irrlichter haben als Feuergeister
oder mit dem Fegefeuer und der Hölle
in Verbindung stehende arme Seelen
rote Gewänder und werden daher, meist
spöttisch, Rotkäppel, Rothösel, Rotröckel
und Rotstrumpf genannt 172 ). In Nor¬
wegen sieht man die Pestfrau manch¬
mal in einem roten K. 173 ), ein absonder¬
liches rotes Gewand hat vereinzelt auch
der ewige Jude 174 ); einen roten Rock,
schwarzes Mieder, weiße Strümpfe, Kopf¬
tuch und Holzpantoffel hat in einer
sächsischen Sage eine Hexe, die der
Beschwörer zu erscheinen zwingt 175 ).
Auch in der K.ung des Alps ist das
Rot in den roten Schnallenschuhen ver¬
treten, die aber blaue Maschen tragen.
Dieses Blau überwiegt in Schlesien,
wo der Alp blaue Pumphöschen und ein
blaues Mäntelchen hat, während die
Strümpfe schwarz sind und die spitze
Mütze aus Wolfsfell ist 176 ). Mitunter
trägt er ein blaues, mit weißen
Punkten besetztes K., das an den
Sternenhimmel erinnert. Ein solches
K. ist aber auch ein Schutzmittel
gegen den Alp, der den Schlafenden nicht
eher drücken darf, bis er die Punkte
gezählt hat 177 ).
Häufiger ist die graue Farbe. Eine
graue Kutte oder ein Mönchsgewand trägt
der Bergwerksgeist 178 ), ferner Rübe¬
zahl, wenn er als Bergmönch auftritt 179 ),
vereinzelt auch der Wassermann 180 )
und der Teufel. Dieser hat nach einer
Aussage in einem Hexenprozeß Dale-
karliens aus dem Jahre 1669 einen
grauen Rock, rot und blau gewirkte
Strümpfe, einen mit bunten Schnüren
verzierten hohen Hut und lange Knie¬
bänder 181 ). Grau gek.et sind oft die
Zwerge, die daher nicht selten Grau¬
männchen heißen 182 ), dann aber auch
arme Seelen und ruhelose Tote 183 ).
Bei den Verstorbenen kann man durch
eine Schaumesse feststellen, ob sie in
der Holle, im Fegefeuer oder im Himmel
sind, da sie sich dann je nach ihrem
Aufenthaltsort schwarz, grau oder weiß
gek.et zeigen 184 ) (s. u. § 17). Auch
von den in einer Vision der Christnacht
geschauten Toten des nächsten Jahres
tragen die Verdammten schwarze, die
Seligen weiße K.er 185 ).
M79
Kleid
1481
Kleid
1482
Sonst erscheinen die Toten stets im
weißen K. oder im weißen Hemd, in
dem sie bestattet wurden. Weiß ge-
k.et sind auch meist die Geister und
Gespenster 186 ), so namentlich die weiße
Frau 187 ) (s. d. und Perchta), die aber
auf dem Schloß zu Detmold in grauem
K. erscheint, wenn ein Todesfall bevor¬
steht 188 ) und zu Neuhaus in Südböhmen
ein Gegenstück in einer schwarzen Frau
erhalten hat 189 ). Wo Gespenster im
schwarzen K. sich zeigen, handelt es
sich meist um Verdammte 190 ), deren
Herr, der Teufel, selbst auch in schwarzer
Tracht, bedeckt mit dem mit einer roten
Hahnenfeder geschmückten Hut (s. d.),
auf tritt 191 ). Verbreitet ist die Vor¬
stellung, daß eine arme Seele nur solange
schwarz oder schwarz gekleidet ist, als
die Zeit der Buße dauert 192 ). In manchen
Fällen geht die Erlösung stufenweise
vor sich; die früher schwarze Gestalt
erscheint zunächst nur teilweise oder
zur Hälfte weiß und ist erst bei beendeter
Erlösung ganz weiß oder flattert erlöst
als weiße Taube fort 193 ). Zuweilen be¬
richten die Sagen auch von gespensti¬
schen weißen K.ungsstücken,
ohne daß Personen zu sehen sind 194 ).
Solche Phantasiebilder wurden durch
den Anblick von Wolken und Nebel¬
fetzen veranlaßt, was auch zu dem
veranlagt, was aucn zu
häufigen Sagenmotiv von der Gei st er -
wäsche (s. Wäsche) geführt hat 195 ).
Endlich kommt auch der Fall vor, daß
das K. selbst unsichtbar ist, daß
man nur, wie besonders bei den Seiden-
k.em weiblicher Schloßgeister (s. o.
§ 3), das Knistern oder Rauschen hört 196 ),
das zuweilen mit dem Rascheln von
Papier verglichen wird 197 ).
Geisterwesen tragen nicht selten zer¬
lumpte K.er, eine Vorstellung, die
man ursprünglich vor allem mit den
Toten und armen Seelen verband,
die in dem K., in dem man sie bestattet
hat, umgehen müssen und es nicht, wie
die Lebenden, ausbessem oder durch
ein neues ersetzen können, wenn es
schadhaft geworden ist. Zuweilen zeigt
sich aber auch das Motiv, daß sie solange
büßen müssen, bis ihr K. zerrissen ist.
1480
weshalb sie von einem K.ergeschenk
(s. §11) nichts wissen wollen, und, wie viele
Hausgeister und Zwerge mit zer¬
lumpten K.ern 198 ), in diesem Falle den
Dienst verlassen. Halbnackt sind die
Hausgeister (Heugütel) im Erzgebirge,
die man als Seelen ungetauft verstorbener
Kinder auf faßt 199 ); recht kurze K.er
tragen die Zwerge in der Lausitz, weshalb
man dort von einem so gek.eten
Menschen sagt: ,,Er geht wie ein Feens-
männel" a0 °). Ärmliche K.ung haben
ferner die Walen oder Venediger,
während sie daheim in Italien prächtig
gek.et daherkommen 201 ), dann der
Wassermann, der nach einer Böhmer¬
waldsage eine Magd aufnimmt, weil sie
ihm in Ertrinkungsgefahr ein neues K.
zu spinnen verspricht 202 ) l der auch gern
seine mitunter aus lauter kleinen Fleck¬
chen bestehenden K.er flickt 203 ). Bei
den Tscheremissen richtet sich die K.¬
ung des Wassergeistes nach der Größe
des Flusses, in dem er wohnt. Je kleiner
dieser ist, desto ärmlicher ist sein K. 204 ).
Auch die Roggenmuhme hat hie und
da zerrissene K.er 205 ), ein zerlapptes
braunes Jägerk. trägt der Hackel-
berg 206 ), und nur mit Leinwandfetzen
ist ein Feldgeist bei Freiwaldau in
Tschech.-Schlesien bek.et 207 ). Vorbe¬
deutung hat das K. eines Schlo߬
fräuleins, das alle 100 Jahre auf dem
Karpenstein einer Braut erscheint. Hat
es ärmliche K.er, so wird die Ehe
kummervoll; hat es schöne K.er, so
bedeutet es Glück 208 ).
Von sonstigen Sagenmotiven ist zu
erwähnen, daß man einen Schatz
bannt 209 ), indem man stillschweigend
ein auf dem bloßen Leib getragenes
K.ungsstück darauf wirft. Nach
andern soll aber gerade dies den Tod
bringen, weshalb man außer einer Brot¬
rinde u. a. zum Schatzbannen am besten
ein Taschentuch verwendet 210 ). Ein
häufiger Sagenzug ist, daß der Teufel
einen Schatzgräber, den er nach einem
K.ungsstück, z. B. nach der roten
Weste, bezeichnet, als Opfer fordert
und so zum Sprechen bringt, worauf
der Schatz verschwindet 2n ).
r
r V
Vor der Verwandlung in ein anderes
Wesen galt seit je, wie auch sonst bei
aktivem Zauber, z. B. der Zukunfts¬
erforschung 212 ), die Vorschrift, daß das
K. ausgezogen werden mußte 213 ) (s.
nackt). Den engen Zusammenhang zwi¬
schen K. und Person betont der Glaube,
daß eine Rückverwandlung in die
menschliche Gestalt unmöglich ist, wenn
die vor der Verwandlung abgelegten
K.er weggenommen wurden 214 ) (s.
Schwanenjungfrau, Werwolf). Ebenso
kann der Hexenmeister den ausgeübten
Bann nur in seinem vorigen Anzug wieder
lösen 215 ). Geister werden durch Weg¬
nahme des K.es, aber auch sonst
eines Gegenstandes, an den ihre über¬
menschliche Natur geknüpft ist, zum
Verharren in rein menschlichen Lebens¬
bedingungen gezwungen und verschwinden
sofort, wenn sie das K. in die Hand
bekommen 216 ). Sonst wird das K.
auch als hindernd empfunden, so z. B.
muß der Alp, wenn er drücken geht,
sein K., seine menschliche Hülle zurück¬
lassen 217 ), zuweilen auch als unnötig
und unpassend. Wie der Teufel die
abgezogene Haut der Hexenbäuerin zu¬
rückläßt und nur den Leib mitnimmt 218 ),
so bleiben auch die K.er der vom Teufel
Geholten meist irgendwo liegen 219 ), und
dem von der wilden Jagd Entführten
werden sie vom Leib gerissen 220 ).
Bei den Herren von Löwenburg, die
ihre K.er ohne Nagel an der Wand
auf hängen können, ist ein Sagenmotiv
vom Mantel (s. d. und Handschuhe) auf
die ganze K.ung übertragen worden.
Wenn sie aber unwissend ein falsches
Urteil gesprochen hatten, verließ sie
diese Wunderkraft 221 ). In der Sage,
aber auch in der Geschichte findet sich
ferner das Motiv, daß jemand das Hemd
oder K. bis zum Eintritt eines bestimmten
Ereignisses nicht wechselt oder bis
dahin Haar und Bart wachsen läßt 222 ).
Wie von eisernen Schuhen (s. d.), so weiß
die Sage auch von eisernen K.ern
(= Panzer) zu berichten. Solche trug
der Räuber Johann Hübner im Sieger¬
lande 223 ). Das unglaublich große K.
des riesigen Räubers und Menschen¬
fressers Erkinger bewahrte man lange
in der Riesenkapelle des Klosters Hirsau
auf. Es war 14 Fuß lang. Dazu gehörten
riesigeHosenträger und ein Riesenschuh 224 ).
In der französischen Überlieferung findet
sich das schon aus dem Altertum (Dido)
bekannte Motiv, daß ein geschenktes
Land mit Riemen aus Ochsenhaut um¬
grenzt wird, dahin geändert, daß dies
mit aus einem K. geschnittenen
Streifen geschieht 225 ), ferner auch das
Motiv von K.erabdrücken auf Fel¬
sen 226 ), wo das K. an Stelle des Körpers
(s. bes. Fußspur) getreten ist.
i 58 ) Vonbun Sagen 2 (1889) 39; Alpenburg
Tirol 51 f.; Mannhardt i, 89 ff. 105 - Zau-
nert Natursagen 1, 66. X59 ) Zaunert Rhein¬
land 2, 239. 160 ) Schönwerth Oberpfalz 2,
358!!. = Bavaria 2 (1863), 238; Zaunert
Natursagen 1, 83; Sieber Sachsen 173; Quen-
sel Thüringen 211. 16X ) G. Jungbauer Die
Rübezahlsage (Reichenberg 1923) 40. 1$2 ) Eisei
Voigtland 22 Nr. 37; Quensel Thüringen 211.
X63 ) Kühnau Sagen 4, 136; Peuckert Schlesien
189. 193. 195. 184 ) Zaunert Natursagen 1,
140 zu 56. 166 ) Kühnau Sagen 4, 136. 188 ) Pfalz
Marchfeld 140 f. 167 ) Wucke Werra 335 Nr. 576.
168 ) Kühnau Sagen 4, 176; Peuckert Schlesien
213. 169 ) Kühnau Sagen 4, 175. Vgl. Kapff
Schwaben 45. 17 °) Ranke Sagen 2 162. 171 )
Wucke Werra 362 Nr. 628 = Quensel Thü¬
ringen 196. 172 ) Quensel a. a. O. 251. 173 )
Grimm Myth. 2, 994. 174 ) Zaunert Westfalen
297. 176 ) Sieber Sachsen 237. 176 ) Peuckert
Schlesien 108. 177 ) Ebd. 110. X78 ) Ebd. 219;
Sieber Sachsen 162. Vgl. oben 1, 1073.
179 ) G. Jungbauer Die Rübezahlsage 12;
Peuckert Schlesien 176 f. X8 °) DVöB. 12,
22 f. — Peuckert Schlesien 211. x6x ) Soldan-
Heppe 2, 173. 182 ) Vgl. Zaunert Natur¬
sagen 1, 31; Jungbauer Böhmerwald 25.
113. X83 ) Kühnau Sagen 4, 134!.; Peuckert
Schlesien 155 f.; Sieber Sachsen 143 f. 184 ) DG.
10 (1909), 25. xß6 ) Sieber Sachsen 279. 188 )
Kühnau Sagen 4, 215 ff.; Peuckert Schlesien
142. 145. 152. 169; Jungbauer Böhmerwald
35 - 38. 98. 112. 117. 122. 234; Zaunert Rhein¬
land 1, 185; Kapff Schwaben 54. 60. 86 . 187 ) Vgl.
Zaunert Natursagen 1, 105; Jungbauer
Böhmerwald 138 fr.; Sieber Sachsen 309;
Quensel Thüringen 161 ff. 188 ) Zaunert
Westfalen 139. i89 ) Jungbauer Böhmerwald
145. 19 °) Kühnau Sagen 1, 125. 238. 445;
Jungbauer Böhmerwald 25. 96 t.; Kapff
Schwaben 79. 191 ) Kühnau Sagen 2, 554 Nr.
1201 = Peuckert Schlesien 254. X92 ) Klapper
Erzählungen 106 Nr. 94. 310. 193 ) Jungbauer
Böhmerwald 234. 194 ) Bohnenberger 9.
i95) Vgi Zaunert Natursagen 1, 69; Meyer
Germ. Myth. 28S. X96 ) Kühnau Sagen 1, 133
Nr. 144; Zaunert Rheinland 1, 231; Quensel
Kleid
Thüringen 312; Sebillot Folk-Lore 4, 135.
197 ) Peuckert Schlesien 145; Jungbauer
Böhmerwald 113. 217. 198 ) Witzschel Thü¬
ringen 1, 151 Nr, 147; 185 Nr. 182; 192 f. Nr.
189; Zaunert Natursagen 1, 31. 45 u. Westfalen
28. 1M ) M ei che Sagen 293 Nr. 380. 20 °) Kühnau
Sagen 2, 68. 201 ) Sieber Sachsen 73 f.; Quensel
Thüringen 113.
202
) Jungbauer Böhmerwald
5 7 - 203 ) Kühnau Sagen 2, 355 = Zaunert
Natur sagen 1, 116; Jungbauer Böhmerwald 51 ;
Sieber Sachsen 179. 185. 204 ) FFC. Nr. 61, 58.
206 ) Zaunert Natursagen 1, 99. 206 ) Zaunert
Westfalen 50. 207 ) Kühnau Sagen 3, 455 ff.
Nr. 1838 t. = Peuckert Schlesien 230. 208 )
Kühnau Sagen 1, 233 t. Nr. 224 = Peuckert
Schlesien 130. 209 ) Grimm Myth. 2, 811;
And ree Braunschweig 406; J ec kl in Volks -
tüml. 107. 2l °) Grimm Myth . 3, 455 Nr. 612.
2n ) DG. 4 (1902), 85. 212 ) Vgl. Bohnenberger
25- * 13 ) Vgl. Heckenbach de nuditate 36 ff.
214 ) Grimm Myth. 2, 917 ff. Vgl. 1, 354.
356. 216 ) Wucke Werra 363 f. Nr. 631. 21i ) Aus¬
führliche Lit. bei Jiriczek Heldensagen 1, 9.
Dazu Wolf Beiträge 2, 212 {. ; Panzer Beitrag
2, 123; Gräber Kärnten 59; Zaunert Natur¬
sagen 1, 49 f.; Frazer 3, 46 ff. 52 t. 61. 64. 67.
75 f. 2l7 ) Sieber Sachsen 201. 203. 218 ) Ebd.
271. 219 ) Quensel Thüringen 298. 220 ) Jung¬
bauer Böhmerwald 84. 221 ) Schell Bergische
Sagen 508 Nr. 30 = Zaunert Rheinland 2, 15.
222) ZfVk. 35/36 (1925/26), 276 t. 223 ) Zaunert
Westfalen 234. Vgl. oben 2, 730. 224 ) Kapff
Schwaben 37. 225 ) S6billot Folk-Lore 4, m.
228 ) Ebd. 1, 399.
11. Ein häufiger Sagenzug ist, daß die
Geister durch ein K.ergeschenk
vertrieben werden, so Zwerge 227 ), Erd¬
männlein 228 ) und Erdweiblein 22 °), der
Erdgeist Waldgeister, die im Hause
helfen M1 ), die meist das Vieh hütenden
Fänggen und wilden Männlein der Al¬
pen 232 ), der Norg in Tirol 233 ), die
Waldweiblein 234 ), das Busch weiblein 235 ),
das Holzweibel Z36 ) > das im Hause tätige
Wasserweiblein 237 ), das Seemännlein 238 ),
der Klabautermann 239 ), ferner allerlei
andere Hausgeister 240 ), der Niß im
Norden 241 ), das Heugütel im Voigt¬
land 242 ) und Jüdel in Sachsen 243 ), dann
der wohl auch Segen bringende, aber
boshafte Kobold 244 ), und endlich die
Schratl, denen man jedoch mit Absicht
K.er hinlegt, um sie zu vertreiben 245 ).
Als Grund für dieses Verhalten der
Geister gibt die Sage gewöhnlich an,
daß sie sich entlohnt und damit ent¬
lassen fühlen, daher oft klagend den
Ort verlassen 246 ). Daß dieser Sagenzug
in einer Gegend entstanden sein muß,
in welcher das Schenken eines Paar
Schuhes oder eines K.es ein Aufkünden
bedeutete 247 ), braucht man nicht an¬
zunehmen. In Wirklichkeit handelt es
sich bei diesen Geistern, deren K. ent¬
weder zerrissen ist 248 ) oder die, aller¬
dings seltener, überhaupt nackt sind 249 ),
um arme Seelen, deren Buße solange
dauert, als sie K.er am Leibe haben,
ausnahmsweise auch noch länger, wo
sie dann nackt erscheinen. Durch das
Geschenk von K.ern werden sie ge¬
zwungen, ihre Buße von neuem zu be¬
ginnen. Daher klagt auch das Holz¬
fräulein in der Überlieferung der Ober¬
pfalz, daß es nun aufs neue solange
leiden müsse, bis das geschenkte K.
zerrissen ist * 50 ). Unnötig ist es, diesen
Sagenzug als einen Jahreszeitenmythus
aufzufassen und dahin zu deuten, daß
im Herbst, wenn der Sturm das Moos-
und Blätterk. der Bäume zerreißt, der
Dämon der Vegetation, zum Genius des
Wachstums überhaupt erweitert, sich
in das Haus des Landmannes als segnender
Hausgeist zurückzieht und im Frühling,
wenn er ein neues K. bekommt, wieder
zu Wald und Flur zurückkehrt 251 ).
Nach anderen, weniger verbreiteten
Sagen werden die Geister durch ein
K.ergeschenk erfreut, wenn ihnen
auch zuweilen die rote Farbe 252 ) oder
der Umstand, daß am K. die Knöpfe
fehlen, nicht gefällt 253 ). Nicht selten
dünken sie sich von nun an zu stolz,
weiter knechtische Arbeit in den schönen
K.ern zu verrichten 254 ). So heißt es
in einem altnorwegischen Sinnspruch, der
den Gedanken unseres Sprichwortes
,,K.er machen Leute“ wirksam aus¬
drückt: „Meine K.er gab ich auf dem
Felde zweien Baummännern. Sie dünkten
sich Helden, als sie Gewände hatten,
der Schmähung ausgesetzt ist der nackende
Mann“ 255 ).
Auch hier scheint es sich in den meisten
Fällen um arme Seelen zu handeln,
deren Erlösung aber erfolgt, wenn sie
eine Zeitlang ohne Lohn gedient haben.
An dem Tag, an dem sie durch ein K.
belohnt werden, ist ihre Bußzeit zu Ende.
Nach Kennedy, Fictions of the Irish
Kleid
i486
Celts, S. 129 erhält der frierende Poska
von den dankbaren Dienstboten ein K.
und sagt, indem er weggeht: „My punish-
ment was to last tili I was thought worthy
cf a reward for the way I done tny duty.
You’U see me no more “ 256 ). In der ältesten
deutschen Sage, in welcher dieses Motiv
erscheint, in der 1559 aufgezeichneten
Erzählung vom Kobold im Schwerinschen
Franziskanerkloster, verlangt dieser als
Lohn für seine Dienste tunioam de
diuersis coloribus et iintinnabulis plenam
und erhält, als seine Zeit um ist, auch
diesen Schellenrock 257 ), der beweist, daß
damals eine Verwandtschaft zwischen
dem Kobold und Schalksnarren bestand.
Eine dritte Gruppe von Überliefe¬
rungen ist jene, wo von keinem Dienst
die Rede ist, das K.ergeschenk
aber doch auch die Erlösung armer
Seelen bedeutet, deren Ruhe zuweilen
an den Besitz eines bestimmten K.ungs-
stückes geknüpft ist. Die nackten Kinder
der Unterirdischen verschwinden, wenn
sie Leinenzeug erhalten 258 ). Sie sind
erlöst wie das ungetauft gestorbene Kind,
dem man einen Namen gibt. Nach
tschechischem Glauben weinen die ohne
Hemd begrabenen, nicht getauften oder
von der Mutter ermordeten Kinder so¬
lange, bis man ein Hemd auf das Grab
legt 259 ). Sie brauchen dies, wie auch
der Tote, dem man sein K. (s. Hemd)
wegnimmt, nicht mehr in das Grab
zurück kann.
Ursprünglich mag es sich bei K.er-
geschenken an Geister auch um ein
Abwehropfer gehandelt haben 260 ), durch
das man sich besonders vor bösen Wieder-
gängern sichern wollte. Eine Art Ab¬
wehropfer liegt auch in den Sagen von
der Geistermesse (s. d.) vor, aus der
man nur dann ungefährdet entrinnen
kann, wenn man ein K.ungsstück
(Halstuch, Mantel, Pelz, Rock, Schürze,
Umhängtuch u. a.) den Geistern über¬
läßt, die es meist zerfetzen 261 ).
227 ) Grimm Myth. 1, 401; 3, 141; Panzer
Beitrag 1, 42. 155. 281; Schambach u. Müller
141 Nr. 152. 354; Quitzmann 174; Pröhle
Unterharz 10 Nr. 30; 14 Nr. 44; Bechstein
Thüringen 2, 44; Wucke Werra 2 Nr. 2; 54
Nr. 103; Quensel Thüringen 203. 206 f. 215;
Schell Berg. Sagen Nr. 194 = Zaunert Rhein¬
land 1, 202 f.; ders. Westfalen 29; Reusch
Samland 19 ff. Nr. 15 f.; Gander Niederlausitz
45 t. Nr. 116—119; Meyer Germ. Myth. 133
§ 171. Weitere Lit. bei Bolte-Polivka 1,
364 f. Vgl. auch S6billot Folk-Lore 4, 29.
228 ) Kuhn Westfalen 1, 151 Nr. 155; 156 ff.
Nr. 161. 163; Meier Schwaben 1, 62 Nr. 69;
Kapff Schwaben 43; Lütolf Sagen 474!. Nr.
436; Pollinger Landshut 122 f. 229 ) Baader
NSagen 67. 23 °) Pröhle Unterharz 150 Nr. 379.
231 ) Mannhardt 1, 80. 232 ) Vonbun Sagen 2
(1889) 60 ff. Nr. 1 u. Beiträge 59. 61; Verna-
leken Alpensagen 2iiff.; Reiser Allgäu 1,
133. 148; Fient Prättigau 142; Herzog
Schweizersagen 1, 130 f.; Jecklin Volkstüml.
270. 316 f. 409; Heyl Tirol 23 Nr. 26; 616
Nr. 82; Mannhardt 1, 96. 233 ) Zingerle
Sagen {1859) 42!.; Alpenburg Tirol 121
Nr. 36. 234 ) Bechstein Thüringen 2, 153;
Kühnau Brot 38. 235 ) Sieber Sachsen 176.
236 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 362 ff. 379;
Bavaria 2 (1863), 238!.; Eisei Voigtland 23
Nr. 41 = Ranke Sagen 2 182 f. 237 ) Groh-
mann Sagen 141 f. = Rank Böhmerwald 1,
162 ff. =3 Jungbauer Böhmerwald 64 f. 247.
238 ) Meier Schwaben 1, 73 Nr. 80. 239 ) Kuhn
u. Schwartz 15 Nr. 17, 469. 24 °) Vernaleken
Alpensagen 232 Nr. 162; Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 302 f. — Zaunert Natur sagen 1, 45 f- \
Bechstein Thüringen 1, 254: Grohmann
Sagen 205; Gräber Kärnten 65: Zaunert
Rheinland 1, 59. 241 ) ZfVk. 8 (1898), 12. 16 f.
143. 242 ) Meiche Sagen 291 Nr. 378. 243 ) Sieber
Sachsen 258. 244 ) Eisei Voigtland 54 Nr. 122.
245 ) Gräber Kärnten 34. 246 ) Witzschel Thü¬
ringen 1, 151 Nr. 147; 185 Nr. 182; 192t.
Nr. 189; Meier Schwaben 1, 62 Nr. 69; 73 Nr.
80; Alpenburg Tirol 121 Nr. 36; Reusch
Samland 19 ff, Nr. 15 f.; ZfVk. 8 (1898), 145.
247 ) ZfVk. 8, 146. 248 ) Meier Schwaben 1 Nr. 69.
80; Reiser Allgäu 1, 148. 249 ) Reiser Allgäu
133
250
) Schönwerth Oberpfalz 2, 379
Nr. 21. Ebenso vom Nörgel bei Zingerle Sagen
(1859) 41 Nr. 54. Vgl. Ranke Sagen 2 146. 284.
251 ) Mannhardt 1, 80 f. 262 ) Zingerle Sagen
(1859) 43 Nr. 59. 253 ) Ranke Sagen 2 145 f.
254 ) Roch holz Sagen 1, 287; Reiser Allgäu
i, 148; ZfVk. 8 (1898), 143 f. 2bb ) Mannhardt
1, 73 - 25ß ) ZfVk. 8, 145 2 . 257 ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 74 f.; Grimm Myth. 1, 423. 258 ) Möllen¬
hoff Sagen (1921) 349 Nr. 514. 259 ) Grohmann
112 f. 26 °) Ranke Sagen 2 145 f. 261 ) Vgl.
Bolte-Polivka 3, 472; Gräber Kärnten
185 h.; John Erzgebirge 167; Peuckert Schle¬
sien 136; Jungbauer Böhmerwald 218 mit
weiterer Lit. 263.
12. Unter den verschiedenen Arten
von K.eropfern heben sich besonders
drei heraus, das Opfer für Götter
oder Götterbilder, das Abwehropfer
für Dämonen und Geister und das
Opfer bei Krankheiten.
I487 Kleid i4 88
K.ergeschenke für Götter und Götter¬
bilder kannten besonders die Grie¬
chen. Hera bekam alle vier Jahre in
Olympia einen von 16 Frauen gewebten
Peplos. Dem amykläischen Apollo webten
die Frauen Spartas jedes Jahr ein neues
Gewand 262 ). Athene erhielt an dem
Haupt tage der Panathenäen einen Peplos.
Auch bei anderen Völkern sind ähnliche
K.eropfer Sitte 263 ). Sie finden sich
auch im katholischen Kult. Vor
allem werden der Muttergottes und
dem Jesuskind, besonders an Wall¬
fahrtsorten, K.er geopfert, woran sich
mitunter sagenhafte Überlieferungen
knüpfen. So soll die Marienpuppe oder
das Bornkindel (Jesuskind) in Unterm¬
haus stets weinend und Unglück an¬
drohend nach Gera gekommen sein,
wenn man vergessen hatte, Zins und
Gewand darzubringen 264 ). In der Kirche
zu Zwönitz im Erzgebirge hat das Born-
kinnel ein rotsamtnes K. mit Ärmeln
und um den Hals eine Spitzenkrause.
Die Mädchen, welche im Lauf der Jahre
dem Bornkinnei ein neues K. machten,
starben stets kurz danach. Da wollte
niemand mehr dem Kind ein neues Fest-
k. machen, und es mußte lange faden¬
scheinig gehen. Und als sich im Jahre
1874 trotzdem die Tochter eines Holz¬
schnitzers erbarmte und dem Kind ein
K. verfertigte, starb auch sie vier Monate
später 2#6 ).
Ständige Opfer, die ursprünglich
böse Mächte abwehren, sie aber auch
günstig stimmen sollten, kannten vor¬
nehmlich die Bergleute. In Idria
kauften diese jährlich zu gewissen Zeiten
ein rotes Röcklein, der Länge nach
einem Knaben gerecht, und beschenkten
damit die Wichtlein, die übrigens täglich
ein Töpflein mit Speise bekamen 266 ).
In der Rauris (Salzburg) opferten die
Bergknappen noch zu Anfang der 70er
Jahre des 19. Jhs. dem Bergmandl am
Barbaratage (4. Dezember) außer Speise
und Trank ein rupfenes Grubengewand,
das im Hauptstollen aufgehängt wurde.
Man glaubte, die Erzadern würden ver¬
schwinden, wenn dies nicht geschähe 267 ).
Auch der Hauskobold bekommt nach
der Sage zuweilen alljährlich ein rotes
K. 268 ) (s. o.). Im christlichen Gewände
erscheinen hie und da Opfer in Ge¬
schenke an die Arme umgewandelt 269 ),
wofür die Legende vom hl. Martin (s. d.)
das bekannteste Beispiel ist.
Bei Krankheiten werden K.er ge¬
opfert auf Grund eines Gelübdes oder
zum Dank für die Genesung 270 ). Noch
häufiger aber ist das K. selbst Zwischen¬
träger der Krankheit, durch dessen
Opfern an einer heiligen Stätte man
sich ebenso von der Krankheit zu be¬
freien glaubt, wie durch das Vernichten
des als Krankheitsträgers gedachten K.-
ungsstückes. Bei K.ervotiven kommt
daher vor allem der Unterk.ung,
namentlich bei Unterleibs- und Ge¬
schlechtskrankheiten und Brustleiden, Be¬
deutung zu 271 ) (s. Hemd). Eine be¬
sondere Form dieses Opfers ist das Auf-
hängen des K.ungsstückes oder Teilen
davon auf Bäume, die gewöhnlich bei
Heilquellen, Wallfahrtskirchen und son¬
stigen geweihten Plätzen stehen (s.
Lappenbäume), oder das Opfer an die
Quellen selbst 272 ). Im zweiten Fall
kann es sich aber auch um andere Ur¬
sachen handeln. So glaubt man im
Rhodopegebiet, daß man beim Trinken
aus einer unbekannten Quelle ein Zeichen
von sich zurücklassen muß, um den
Herrn des Wassers gnädig zu stimmen 273 ).
262) Nilsson Griech. Feste 62. 136. Vgl.
Bachofen Mutterrecht 232. 263 ) Vgl. G. M.
Godden Bekleidete Götterbilder, ZfVk. 5 (1895),
100 f. 284 ) Quensel Thüringen 15. 265 ) Sieber
Sachsen 278. 266 ) Grimm Sagen 26 Nr. 37.
267 ) Andree-Eysn Volkskundliches 205 f.
268 ) Quensel Thüringen 206. Vgl. JahnO/>/er-
gebräuche 291; Kuhn Westfalen 1, 158; Meyer
Germ. Myth. 139. 269 ) Vgl. Klapper Erzählun¬
gen 133 Nr. 131. 335. 270 ) Beispiele bei Andree
Votive 163. 271 ) Ebd. 164. 272 ) Vgl. Andree
Parallelen 1 (1878), 58ff.; Samter Geburt
204 f.; Sebillot Folk-Lore i, 409; 2, 162 ff.
300 f. 461 ff. 273 ) ARw. 18 (1915), 593.
13. Bei der Abwehr böser Einflüsse
durch das K. handelt es sich zunächst
um besondere K.er, denen aus ge¬
wissen Gründen eine Zauberkraft zu¬
kommt, dann aber auch um gewöhn¬
liche K.er, bei welchen die Art der
magischen Verwendung, z. B. das
Umkehren, die Hauptsache ist.
1489 Kleid 1 490
Wie man im Orient den bösen Blick
durch lumpige K.er oder solche, die
Unregelmäßigkeiten zeigen, ablenkt
(s. o.), so schützt gegen alles Böse und
besonders gegen Behexung an der
Mosel ein K., das vor Mitternacht ge¬
webt, mit einem schwarzen Faden ge¬
näht, darüber sieben Vaterunser, eine
Litanei und die Namen der Dreieinigkeit
gesprochen wurden, das dann in Menschen¬
blut getaucht, in der Erde sieben Tage
und Nächte lang vergraben und endlich
unter Hersagen einer Zauberformel an¬
gezogen wurde 274 ). Wie dies Zauber-
k., so schützt in Sizilien ein mit der
linken Hand genähtes K. gegen
den bösen Blick 275 ) und bei den Tschechen
ein K., zu dem ein zur Zeit des Passions¬
lesens gesponnener Zwirn bei einigen
Nähten verwendet wurde, gegen Ge¬
witter 276 ). Bei den Südslawen gilt ein
von der Mutter für das Kind ohne Stepp-
zwim und ohne Faden, die vom Zettel
übrig geblieben, hergestelltes K. als Ab¬
wehrmittel gegen Vilenpfeile 277 ). Im
Rheinland schützt vor. Behexung das
Tragen eines K.es, das ein Priester
in der Kirche anhatte. Durch ein solches
kann auch eine bereits erfolgte Ver¬
hexung aufgehoben werden 278 ). In Schle¬
sien hat die Stola der katholischen
Geistlichen Zauberkraft gegen den Teu¬
fel 279 ), im Böhmerwald hilft der Mini¬
strantenrock, der gewöhnlich rot ist,
diebische Zwerge vertreiben 280 ).
Gegen Behexung schützt man sich
wenn man sich auf seine K.er setzt,
was aus dem 16. Jh. überliefert wird 281 ),
während heute allgemein gilt, daß man
K.er oder Schuhe (s. d.) verkehrt an-
ziehen muß 282 ), was eine Täuschung
der bösen Geister oder eine magische
Umkehrung, wie z. B. bei der Behebung
eines Blendzaubers 283 ), sein kann. Blend¬
zauber kann man auch beheben, indem
man die Zipfel des K.es in die Hand
geschlagen vor sich nimmt 284 ). Durch
Verkehren der K.er kann man die Hexen
erkennen 285 ) oder sich selbst ihnen un¬
sichtbar machen 286 ). Ein weiteres Schutz¬
mittel ist das Anziehen ungleicher
K.er 287 ). Um die Hexen vom Eintritt
in die Stube abzuhalten, genügt es, ein
K. an die Tür zu hängen oder Licht
brennen zu lassen 288 ). Dann wissen
sie eben, daß man vorbereitet und zur
Abwehr gerüstet ist. Ähnlich hängt
man in Finnland zum Schutz der Kühe
Säcke mit neuen K.ungsstücken an
der Stalldecke auf 289 ), oder man deckt
in Norwegen den Kübel mit dem Mehl¬
trank, den die Kuh gleich nach dem
Kalben erhält, mit einer Decke oder
einem männlichen K.ungsstück zu,
wenn man ihn über den Hof nach dem
Stall trägt 29 °).
Nebensache und bloßer Aufbewah¬
rungsort ist das K. dort, wo man ein
Abwehrmittel hineingibt. So soll man
gegen Heimweh Salz in die K.er
einnähen. Auch der bekommt keins,
dem man ohne sein Wissen Salz in den
Hosensack gibt 291 ). Auch sonst werden
in den Taschen (s. d.), Schuhen (s. d.)
oder in den K.ern eingenäht Schutz¬
mittel getragen, wie dies besonders im
Weltkrieg viele Soldaten taten 292 ).
274 ) Seligmann Blick 2, 220. 275 ) Ebd.
276 ) Grohmann 39 Nr. 230 — Wuttke 304
§ 448. 277 ) Krauß Slaw. Volkforschung 372.
278 ) ZfrwVk. 1905, 203 {Nahetal); Zaunert
Rheinland 2, 140. 279 ) Kühnau Sagen 2,
685 ff. Nr. 1311. 1315 = Peuckert Schlesien
261. 280 ) Jungbauer Böhmerwald 45 f.
281 ) Kühnau Sagen 3, 12 Nr. 1361.
282 ) Seligmann Blick 2, 222; FFC. Nr. 31,
133 t- 283 ) Meiche Sagen 242 Nr. 308; Jung¬
bauer Böhmerwald 73 f. (s. Ärmel). Vgl. ZfVk.
8 (1898), 449 (Island); Sebillot Folk-Lore 3,
468. 284 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 276.
285 ) Grimm Myth. 3, 475 Nr. 1082 (Neue
bunzlauische Monatsschrift 1791/92); Krauß
Relig. Brauch 120 f. 286 ) ZfdMyth. 1, 299 f.
287 ) Pfalz Marchfeld 85, 139 (s. Strumpf).
288) Heyl Tirol 800 Nr. 245. 289 ) Seligmann
Blick 2, 220. 29 °) Liebrecht Zur Volksk . 318,
291 ) Fogei Pennsylvania 151 Nr. 710 ff. 292 ) Vgl.
H. Bächtold Deutscher Soldatenbrauch u.
Soldatenglaube (Straßburg 19 1 7 ) 15 ff-
14. Beim Fernzauber kommt die
innere, magische Verbindung zwischen
K. und Person am deutlichsten zum
Ausdruck. Dieser kann man durch das
Schlagen eines ihrer K.ungsstücke
körperliche Schmerzen verur¬
sachen 293 ). Man legt auch einen Fetzen
des fremden K.es auf die Türschwelle
und klopft ihn, indem man den Namen
I49i
Kleid
1492
des Besitzers nennt ***). Durch Schlagen
eines K.ungsstückes, das ein Dieb
zurückgelassen hat, kann man diesen
krank machen 295 ) und ihm so zusetzen,
daß er, von Schmerzen gepeinigt, das
Gestohlene zurückbringt 296 ). In Schwa¬
ben und im Allgäu muß zum Prügeln
eines Abwesenden eine am Karfreitag
unbeschrien auf drei Schnitte abgeschnit¬
tene Haselrute (s. d.) verwendet werden 297 ).
Bei den Tschechen hüllt man das vom
Dieb zurückgelassene K.ungsstück in
ein Hemd, in dem jemand gestorben ist,
gibt dazu drei Wipfel vom Weißdom¬
strauch und drei Wipfel vom Hagedom¬
strauch, neun Stecknadeln und drei
Stückchen ungebrauchtes Glas und hängt
das Päckchen in den Kamin oder bindet
es zwischen die Speichen eines Wasser¬
rades 298 ).
Den abends lange ausbleibenden
Mann kann die Frau dadurch zum
baldigen Heimkommen zwingen, daß
sie eins seiner K.ungsstücke in das
Bett mitnimmt 2 "). Nach älterem Glau¬
ben kann man einen Entlaufenen zur
Rückkehr zwingen, indem man ein
Stück seines Gewandes in ein Mühl-
pfännlein legt und die Mühle gehen läßt.
Dann erfaßt den Flüchtigen eine große
Angst. Man nannte dies „die Angst
antun" s 00 ) (s. u. § 16).
M3 ) Manz Sargans 108; Zaunert Rheinland
2, 167 t. 29i ) Manz Sargans 109. 295 ) Frisch¬
bier Hexenspr. 119. »«) Seyfarth Sachsen 60.
Vgl. oben 2, 216 f. 297 ) Wuttke 270 § 398
(Schwaben); Reiser Allgäu 2, 117; SchwVk.
IO » 3 - Vgl. Frazer 1, 206 f. 298 ) Grohmann
204 f. Nr. 1420 = Wuttke 414 § 643. 2 ") John
Erzgebirge 35. 300 ) Huß Aberglaube 26.
15. Um Fruchtbarkeit zu erlangen,
wird besonders das Hemd (s. d. § 5) in
der verschiedensten Weise verwendet.
Wie in Italien jene Frau vor Unfrucht¬
barkeit sicher ist, welche zum Schlafen
das Hemd einer fruchtbaren Frau an¬
zieht 301 ), so zieht bei den Arabern von
Moab die Kinderlose das K. eines kinder¬
reichen Weibes an 302 ).
Die Geburt wird erleichtert, wenn die
Kindbetterin ein Mannshemd (s. Hemd,
Kleidertausch) anzieht *°»), was schon
im Altertum empfohlen wurde Wenn
sie Soldatenk.er (s. Uniform) oder
ein schmutziges Hemd des Vaters anlegt,
wird das Kind stark 305 ). Während
der Niederkunft löst man bei den
Südslawen jeden Knoten (s. d.) am
Gewand der Kreißenden und flicht ihr
Haar auseinander 306 ). Bei den Gräco-
walachen wechseln die Hebamme und
die Helferinnen gleich nach der Ent¬
bindung daheim ihre K.er 307 ). Das
von einer Kindbetterin genähte K.
zieht den Blitz an 308 ), das von ihr
getragene K. darf niemand anziehen*°*).
Diese aus der Unreinheit entspringende
Gefährlichkeit hat schon im Altertum
Anlaß gegeben, daß man das K. ver¬
storbener Wöchnerinnen der Iphigeneia
in Brauron an ihrem Grabe geweiht
hat 310 ).
Bei der Einsegnung muß die Mutter
in Nordwestböhmen mindestens ein neues
K.ungsstück haben, damit das Kind
im späteren Leben seine Sachen in Ord¬
nung hat 311 ) (s. o. §6). Das Tauf-
k., mit dem zuweilen eine Wünschel¬
rute (s. d.) mitgetauft wurde 312 ), wurde
früher in manchen Orten Norddeutsch¬
lands von der Kirche geliehen 313 ).
Vom Paten, dessen K. beim Tauf gang
in Westböhmen rein sein soll, damit auch
das Kind nett werde 314 ), wird das
Kind meist schon bei der Taufe mit
einem K. und Geld beschenkt 315 ). In
der Oberpfalz geschah dies früher auch
dann, wenn das Kind zu reden begann
und gut und böse unterscheiden lernte,
weshalb man von einem kleinen und
großen Dodngewand sprach 316 ). Sonst
pflegen die Paten das Kind alljährlich
zu Ostern oder zu Weihnachten mit
einem K. zu beschenken 317 ). Im Eger-
land erfolgte dies früher bis zum 8. oder
9. Lebensjahr des Kindes, wo es dann als
letztes Geschenk das sogenannte K.
bekam 318 ). Dies war wohl meist gegen¬
über den früher geschenkten einzelnen
Wäsche- und K.ungsstücken ein ganzer
Anzug. Bei den Kaschuben steckt
man dem Kind zur Taufe eine Schreib¬
feder in das K., damit es klug werde,
oder auch eine Nadel, damit es die K.er
stets in Ordnung halte, und zieht, heim-
1493
Kleid
1494
gekehrt vom Taufgange, dem Kind das
K. bis zum Abend nicht aus, weil es
dann einst seine Sachen schonen wird 319 ).
Läßt man einem Kinde das erste K.
machen, so soll man dem Schneider
nichts von seinem Lohne abziehen,
weil sonst das Kind kein Glück hat 320 ).
In Thüringen muß der Kaufmann beim
Messen des Stoffes etwas zugeben,
damit das Kind „hineinwachse" 321 ). In
die Taschen des neuen K.es gibt man
oft eine Geldmünze 322 ) (s. o. § 6). In
den schottischen Hochlanden glaubt man
die Kinder gegen den bösen Blick zu
schützen, wenn einzelne K.ungs¬
stücke von heller Farbe oder fehler¬
haft sind 323 ). Bevor ein Kind ein Jahr
alt wird, soll man ihm kein K. an¬
messen, weil es sonst einen unförm¬
lichen Leib bekommt, wie es zu Ende
des 18. Jhs. um Gernsbach im Speier-
schen hieß 324 ). Man soll überhaupt
nicht Maß zu K.ern nehmen, weil
das Kind sonst nicht wächst 325 ) oder
später viel K.er zerreißt 326 ). Wenn
das Kind vor Erreichen des ersten Lebens¬
jahres kein neues Hemd anzieht, so
dauern einst, wie man im Egerland
glaubte, die K.er länger, und das Kind
lernt auch die alten Sachen benützen 327 ).
Das erste K. eines Kindes soll neu
und ungeflickt sein, sonst zerreißt
das Kind einst viele K.er 328 ) oder
es wird schlampig 329 ), was auch ein-
tritt, wenn man das K. des Kindes
flicken muß, bevor es ein Jahr alt ist 33 °).
Kindern soll man auf dem Leibe
nichts flicken, weil sie sonst dumm
werden und nichts lernen 331 ) oder ein
schlechtes Gedächtnis bekommen 332 ). Der¬
selbe Glaube gilt auch für Erwachsene.
Ein Mädchen, das dies tut, wird in sieben
Jahren nicht heiraten 333 ). Sonst heißt
es, daß man dann das Gedächtnis ver¬
liert 334 ), was bei den Tschechen nur
für Mädchen gilt 335 ), daß man sich die
Not an den Leib näht 336 ), daß einen
dann die Hunde auf der Straße an¬
bellen 337 ), daß dann der Arzt etwas
an einem zu flicken bekommt (Franken)
oder daß man einen schweren Tod er¬
leidet (Brandenburg). In Bayern kann
man das Unheil dadurch verhüten, daß
man hierbei etwas in den Mund nimmt 338 ).
Hier liegt wohl zunächst die Erfahrung
zugrunde, daß man sich, wenn man
etwas auf dem Leibe näht, leicht ver¬
letzen kann, dann aber auch der päda¬
gogische Aberglaube, daß ein solches
flüchtiges Nähen meist wenig Wert hat.
Die Erklärung, daß man den in der
K.ung steckenden Geist nicht quälen
soll, weil er sich sonst durch „elbische
Verwirrung" oder durch den Alpstich
rächt 339 ), ist abzulehnen. Dieser an¬
gebliche „K.erdämon" spürt doch auch
dann, wenn man das ausgezogene K.
näht, die Stiche, so daß man daher
überhaupt nicht nähen dürfte.
301 ) Seligmann Blick 2, 225. 302 ) Frazer 1,
157. 303 ) Seligmann Blick 2, 221; Egerl. 20
(1916), 6 . 304 ) Stemplinger Aberglaube 69.
306 ) SAVk. 24 (1922), 61. 306 ) Krauß Sitte u.
Brauch 539. 307 ) ZfVk. 4 (1894), 145. 308 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 159 t ; Egerl. 20, 6. 309 )
Höhn Geburt 266. 31 °) Pfister Reliquien-
kult 2, 495; Wächter Reinheit 27, 37. 3U ) John
Westböhmen 117; Egerl. 20, 6. 312 ) Wuttke 110
§ 143. 313 ) Lau ff er Niederdeutsche Volksk . 2
94. 314 ) Egerl. 20, 6. Vgl. Knoop Hinter¬
pommern 137 Nr. 17. 3l5 ) ZfrwVk. 1906, 83;
Fogel Pennsylvania 42 Nr. 78. 31S ) Schön-
werth Oberpfalz 1, 172 Nr. 2. 3l7 ) Höhn
Geburt 277. 318 ) Grüner Egerland 41.
3l9 ) Seefried-Gulgowski 122. 320 ) Panzer
Beitrag 1, 267. 321 ) Wuttke 395 § 6o 5 -
322 ) Unoth 1, 187 Nr. 135 (s. o. Anm. 100 ff,).
323 ) Seligmann Blick 2, 221. 324 ) Grimm Myth.
3, 454 Nr. 580. 325 ) Egerl. 20, 6; Höhn Geburt
277. 32 ®) Wuttke 394 § 604. 327 ) Grüner
Egerland 40. 328 ) Höhn a. a. O. 329 ) Fogel
Pennsylvania 46 Nr. 103. 33 °) Ebd. 50 Nr. 129.
331 ) John Westböhmen 250; Egerl. 20, 6.
332 ) Höhn Geburt 278. 333 ) Strackerjan
i, 49 Nr. 42. 334 ) Lammert 225 (Pfalz).
335 ) Grohmann 227 Nr. 1623. 338 ) John
Erzgebirge 36. 337 ) Köhler Voigtland 423.
338 ) Wuttke 315 § 465. 339 ) Urquell NF. 1
(1897), 132.
16. Aus verschiedenen Anzeichen am
K. und mit Hilfe des K.es läßt sich
auf Liebe und Ehe schließen, dies¬
bezüglich die Zukunft erforschen und
allerlei Zauber ausüben.
Hängen sich Dornen an das K. eines
Mädchens, so hat es viele Verehrer,
(s. 2, 358) macht es sich beim Waschen
die K.er naß, so bekommt es einen
Trinker 340 ) (s. Schürze). Von einem
Witwer wird das Mädchen geliebt, dem
1495
Kleid
1496
sich der K.ersaum oft umschlägt 341 )
(s. Rock). Dies wird aber auch anders
gedeutet. In der Schweiz heißt es von
einer Frau, deren K.ersaum umge¬
bogen ist, daß sie einen Brief oder Be¬
such oder Schelte bekommt M2 ); um
Königsberg meint man, daß sich der
betrinken wird, dem sich das K. unten
auf schlägt oder der die Weste verkehrt
anzieht 343 ). Bei den pennsylvanischen
Deutschen soll das Weib, dem sich hinten
das K. aufrollt, darauf spucken; dann
bekommt es ein neues K. 344 ). Auf
Island meint man überhaupt, daß der,
dessen K. angespuckt wird, von dem
Täter ein neues erhält M5 ).
Wenn ein Mädchen am Andreastage
ihre K.er unter das Kopfkissen nimmt,
träumt es von dem zukünftigen
Mann 346 ). Bei den Franzosen muß es
die K.er umkehren und schön gefaltet
auf einen Stuhl legen 347 ). Wenn eine
weibliche Person ein Stückchen vom
K. des Geliebten siedet, muß er zu
ihr kommen 348 ). Will man in Preußen
ein Mädchen gewinnen, so durch¬
sticht man im Frühjahr zwei Frösche,
die sich gerade begatten, mit einer
Nadel und steckt diese in das K. des
Mädchens (s. 3, 134). Bei den Masuren
heftet man, wenn auch nur auf einen
Augenblick, die eigenen K.er mit den
K.ern der Geliebten zusammen 349 ).
In Niederösterreich sagt man: So viel
Stiche man an einem K., das ein
Lediger anhat, macht, soviele Jahre
nachher bekommt dieser kein Weib.
Ferner daß ein Mädchen in jenem K.e
Braut wird, bei dessen Nähen sich der
Zwirn verknüpft oder sie sich in
den Finger sticht 350 ). Im Rheinland
gilt der Glaube, daß sich ein Mädchen
in jenem K.e verlobt, bei dessen Ver¬
fertigen sich die Näherin blutig
sticht 351 ). In Schlesien heißt es, daß
die Trägerin eines K.es gefällt, wenn
man sich beim Nähen so in den Finger
sticht, daß das K. wider Willen blutig
wird 352 ), in Brandenburg, daß ein K.
gut gefallen wird, wenn es beim Nähen
oft herunterfällt 353 ). In Heidelberg
meint man, daß die Person einen Kuß
bekommt, welche sich beim Nähen eines
neuen K.es in den Daumen sticht 364 ) f
in Brandenburg 355 ) und Westböhmen 356 ),
daß die künftige Trägerin des K.es
darin geküßt wird, wenn sich die Näherin
unversehens in die Hand sticht, und im
Erzgebirge, daß beim Nähen aller K.-
ungsstücke, das Brautk. ausgenom¬
men, jeder Stich in den Finger einen
Kuß abwirft 357 ), ferner daß jenes Mäd¬
chen Braut wird, bei dem mit dem
letzten Stich am K. auch der Zwirns¬
faden alle wird 358 ). In Mecklenburg 358 )
und Brandenburg 360 ) verlobt sich das
Mädchen in jenem K.e, bei dessen Nähen
eine Nadel in drei Stücke gebro¬
chen wurde, in Schlesien heiratet die
Trägerin in der Zeit, so lange das K.
hält, wenn beim Nähen sieben Nadeln
zerbrochen sind 361 ). In Ostpreußen
verlobt man sich in dem K., bei dessen
Nähen sich der Faden oft knotet.
Geschieht dies bei einem Brautk., so
wird die Ehe nicht kinderlos sein 362 ).
Wichtig ist das bei der Hochzeit
getragene K., das wie das Hochzeits¬
hemd (s. d.) oft aufbewahrt wird und als
Totenhemd dient 363 ). Auch bei den
Chinesen gibt man verstorbenen Frauen
kostbare Brautk.er in das Grab mit 364 ).
Während die Braut dem Bräutigam ge¬
wöhnlich ein Hemd (s. d.) und auch
Strümpfe (s. d.) schenkt, ist es meist
Pflicht des Bräutigams, das Brautk.
und die Brautschuhe zu schenken. Dann
gibt es eine glückliche Ehe 365 ). Dies
ist Sitte in der Schweiz, wo im St. Galler
Land mit dem schwarzen K. auch ein
schwarzer Schal überreicht wird 366 ), wäh¬
rend sonst das schon im 12. Jh. nach¬
weisbare weiße Brautk. üblich ist 367 ),
ferner in Tirol 368 ), in Luxemburg 369 ),
im Rheinland 370 ), in der Mark Branden¬
burg 371 ) in Schlesien 372 ),bei den Kaschu-
ben 373 ) und vielfach bei den Deutschen
und Tschechen in Böhmen 374 ), dann bei
romanischen, slawischen und anderen
Völkern, z. B. auch bei den Indem 375 ).
Zuweilen wird an Stelle des K.es bloß
der Stoff dazu übersandt, bei slawischen
Völkern erhalten hie und da auch die
nächsten Verwandten der Braut K.er
1497
Kleid
1498
und Schmucksachen vom Bräutigam oder
seinem Vater 376 ).
In vielen Fällen werden diese Ge¬
schenke wohl nur als eine veränderte
Form des früher üblichen Brautkaufes
zu betrachten sein, zumeist aber liegt
ein Akt der Adoption vor. Die ge¬
schlechtsfremde Braut wird damit in die
Sippe des Bräutigams aufgenommen, und
durch gegenseitige Geschenke wird ein
künstliches Verwandtschaftsverhältnis
zwischen den beiden Familien oder Sippen
begründet 377 ). Es ist die Adoption
durch Eink.ung 378 ), die auch sonst
im Rechtsleben (s. u.) erscheint, wie
andrerseits das Entzweireißen eines
K.ungsstückes des Mannes, z. B. des
Hosenbandes (s. d.) bei den Südslawen,
also eine Art Entk.ung, sinnbild¬
lich die Ehescheidung ausspricht 379 ).
Aus der Sitte, daß der Bräutigam der
Braut das Hochzeitsk. schenken muß,
erklärt sich vor allem der Aberglaube,
daß die Braut das K. nicht selbst
machen, sogar bei der Herstellung nicht
einmal helfen darf 380 ), weil sonst Un¬
glück folgt 381 ) oder sie sich ihren Kum¬
mer zusammennäht 382 ) oder bald stirbt
383 ). Vereinzelt heißt es im Erzgebirge,
daß der Bräutigam nach kurzer Ehe
stirbt, wenn das Brautk. von weib¬
licher Hand gefertigt wurde, und auch
die Braut dasselbe Los ereilt, wenn sie
nicht selbst daran mitgenäht hat 384 ).
Nach dem Glauben des Erzgebirges
bringt es Unglück, wenn das Braut-
k. bunt, grau oder gelb ist oder wenn
sich die Schneiderin beim Nähen sticht.
Es darf vor dem Hochzeitstage nicht in
das Festhaus kommen, nachträglich darf
daran nichts geändert werden, es darf
daran nichts fehlen, wenn Ordnung in
der Ehe sein soll. Die Braut soll es sich
selbst anlegen — anderwärts wieder
nicht — und zwar „ein Viertel“; denn
nur dann bleibt sie keusch. Stellt sie sich
dabei auf einen Kuchendeckel, so wird
sie glücklich und hat dann immer alles
beisammen. Tritt beim Ank.en
ein unverheirateter Mann ein, so bewahrt
die Braut die eheliche Treue nicht.
Paßt das K. nicht, so zanken sich die
Ehegatten. Wird zum Anschaffen der
Hochzeitsk.er Geld geborgt, so wird
das Ehepaar liederlich. Beim Kirchgang
soll endlich die Braut das K. nicht
aufraffen 385 ); was sie auch in Olden¬
burg nicht tun darf, wenn der Weg auch
noch so schlecht ist. Denn dadurch würde
sie ihrem guten Ruf schaden und das
Ansehen einer achtbaren Braut verlie¬
ren 386 ).
Im deutschen OstbÖhmen helfen der
Braut ihre Freundinnen beim Anziehen
(s. o. § 8), wobei stets darauf geachtet
wird, daß alles „rechtisch“ geschieht.
Die Braut soll mit dem rechten Fuß
zuerst aus dem Bett steigen, zuerst den
rechten Strumpf und Schuh anziehen,
zuerst in den rechten Ärmel fahren, dann
geht in der Ehe alles „recht“. Ferner
soll sie die K.ungsstücke in der Rich¬
tung von unten herauf anziehen, zuerst
Strümpfe und Schuhe, dann die Röcke
usw. Dabei empfiehlt man an den einen
Orten der Braut, die K.er langsam
anzuziehen, in andern aber schnell,
weil dann auch in der Wirtschaft alles
rasch vom Flecke geht. Während des
Ank.ens darf man nichts suchen,
besonders nicht mit einem Licht; denn
dies bringt Zank und Streit. Die Schuhe,
in welche wie in die Strümpfe Geld gelegt
wird, sollen die Braut nicht drücken.
Eintracht der Eheleute erzielt man, wenn
der Braut beim Ank.en ein Hand¬
tuch um den Leib geschlungen wird,
das sie am nächsten Morgen dem Mann
zum Abtrocknen reichen muß 387 ). In
Tirol bedeutet es Unglück, wenn die
Braut am Hochzeitstag ein schwarzes
K. trägt 388 ). In Westböhmen soll die
Braut kein blaues K. anziehen; es geht
ihr dann nicht gut 389 ). Wird der Braut
bei der Hochzeit das K. zerrissen, so
geht die Ehe auseinander oder es bedeutet
den frühen Tod eines der Gatten 390 ).
Die Herrschaft in der Ehe gewinnt
im Egerland der Mann, wenn er während
der Trauung auf dem K. der Braut
kniet, die Frau, wenn sie auf dem Rock
des Mannes kniet 391 ). Sonst schützt das
Knien (s. d) des Bräutigams auf dem K.
I der Braut diese vor Kinderlosigkeit 392 ). Im
M 99
Kleid
Kleid
1502
1500
Voigtland bekommt jener Teil die Herr¬
schaft, dem es nach der kirchlichen
Trauung daheim gelingt, seine K.er über
die des andern an den Nagel zu hängen,
was oft der Anlaß zu einem ernsten Streit,
ja sogar zu Schlägereien zwischen den
Neuvermählten war 393 ).
Heute wohl mehr bloßer Prunk mit
seinem Besitz, wozu die Hochzeit die
beste Gelegenheit bietet 394 ), ursprüng¬
lich vielleicht aber Täuschung und
Abwehr böser Geister bezweckte die in
Westfalen hie und da noch übliche Sitte,
daß die Braut während der Hochzeits¬
feier, wenn der Tanz begonnen hat, von
Zeit zu Zeit verschwindet und jedesmal
in einem neuen K.e erscheint und daß
der Bräutigam in der Soester Börde eine
Anzahl Wämser oder Westen von ver¬
schiedenen Farben übereinander trägt 395 ).
340 ) Egerl. 20 (1916), 6. Vgl. oben 2, 358.
341 ) Drechsler 1, 226 — Wuttke 220 § 312;
Fogel Pennsylvania 58 Nr. 173. 342 ) SAVk.
991 ) Egerl. 20, 6. 393 ) Selig mann Blick 2,
) Köhler Voigtland 235.433. 438.
220.
8, 270.
343
) Urquell 3 (1892), 231.
344
) Fo¬
gel Pennsylvania 82 Nr. 301. 345 ) ZfVk. 8
(1898), 161. S4 *) Alemannia 25, 52 (Sie¬
gelau). 347 ) SAVk. 21 (1917), 226. 348 )
Schönwerth Oberpfalz 1, 131h; Ranke
Sagen 2 37. 349 ) Hovorka u. Kronfeld 2,
172. 35 °) Pfalz Marchfeld 101. 3ßl ) ZfrwVk.
1908, 119. 332 ) Drechsler 1, 227. W3 ) Engelien
u. Lahn 285 Nr. 289. 354 ) Alemannia 33 (1905),
301. 3ßß ) Engelien u. Lahn a. a. O. 3ßft ) John
Westböhmen 250. 3ß7 ) John Erzgebirge 94.
358 ) Ebd. 75. 3ß9 ) Bartsch Mecklenburg 2, 57.
36 °) Engelien u. Lahn a. a. O. 361 ) Drechsler
2, 5. ®® 2 ) Urquell 1 (1890), 12. 383 ) Sartori
Sitte u. Brauch 1, 132. 3Ä4 ) Vgl. Visscher
Naturvölker 2, 265 f. 3öß ) Wuttke 369 § 560.
3Ä6 ) Baumberger 5 /. Galler Land 168. 367 ) Ge¬
ra, mb Brauchtum 121. 388 ) Hörmann Volks¬
leben 365. 369 ) Fontaine Luxemburg 150.
37 °) ZfrwVk. 1907, 181. 371 ) ZfVk. 1 (1891), 182.
372 ) Drechsler i, 244. 373 ) Seefried-Gul-
gowski 105. 374 ) Grohmann 118 Nr. 892;
Verf. 37ß ) Lit. bei Bächtold Hochzeit 1, 245 fi.
378 ) Ebd. 246. 377 ) Ebd. 251. 378 ) Ebd. 128.
132 ff. 379 ) Krauß Sitte u. Brauch 570 f.
380 ) Bächtold a. a. O. 246 f. 381 ) John Erz¬
gebirge 94; Brandenburg 255; ZfVk. 13 (1903),
293 (Vogelsberg); C. Fraysse Le Folk-Lore du
Baugeois (Baugeois 1906) 84 Nr. 18. 322 ) Drechs¬
ler 1, 243. 383 ) Bartsch Mecklenburg 2, 59
Nr. 195; Engelien u. Lahn 245 Nr. 79.
384 ) John Erzgebirge 94. 38ß ) Ebd. 822 ) Strak-
kerjan 2, 194. 387 ) W. Oehl Deutsche Hochzeits¬
bräuche in Ostböhmen, BdboVk. 15 (Prag 1922),
51 f. M8 ) Zingerle Tirol 19. 389 ) Egerl. 20, 6.
3#0 ) Köhler Voigtland 396 u. John Erzgebirge
96 = Wuttke 210 § 291; Strackerjan 1, 31.
3M ) Vgl. W. Oehl a. a. O. 87 ff. 39ß ) Sartori
Westfalen 91 f.
17. Den Übergang vom Leben zum
Tod versinnbildet die zweifarbige K.-
ung in der Sage vom wilden Heer in
Montavon, nach welcher jene Person, die
zuerst im nächsten Dorfe sterben muß,
als letzte im Zuge mit einem weißen und
blauen Strumpf (s. d.) zu sehen ist 396 ).
Todesvorzeichen sind kleine dunkle
Kreuzchen oder Rostflecke im Gewebe
des Weißzeuges (s. Hemd) oder Bett¬
tuches. Verliert eine Braut bei der
Trauung die Schürze (s. d.), so lebt sie
nicht mehr lang 397 ). Wenn Mäuse
Schlafenden an den K.em nagen, zeigt
es einen Todesfall oder überhaupt Un¬
glück an 398 ).
Den Todeskampf sucht man zu ver¬
kürzen, indem man im Voigtland alle
K.er im K.erschrank löst und gerade
niederfallen läßt 3 "), während man bei
den Tschechen den Sterbenden mit einem
aus einem Grab genommenen schwarzen
Tuch oder mit seinem Tauf- oder Hoch-
zeitsk.e bedeckt 400 ) und bei den Sieben¬
bürger Sachsen ein Tuch oder K. „aus
dem vierten Familiengliede“ über ihn
breitet. Hier glaubt man umgekehrt den
Tod verhindern oder hinausschieben
zu können, wenn man unter das Kopf¬
kissen eines Schwerkranken ein „ange¬
storbenes“, d. i. ererbtes K.ungsstück
legt 401 ).
Das schon bei den alten Juden üblich
gewesene 402 ) und als ein ursprüngliches
K.eropfer an den Toten gedeutete
Zerreißen der K.ung aus Schmerz
oder Trauer erklärt sich wohl eher daraus,
daß gesteigerte Leidenschaft einen Zer¬
störungstrieb auslöst. Es war auch bei
den Römern Sitte. Der römische Gatte
zerriß sein K. beim Tode der Frau,
dasselbe tat die trauernde Römerin und
wird auch von Augustus berichtet, als
er die Kunde von der Varusschlacht
erhielt 404 ). Ebenso machte es nach der
mittelalterlichen Erzählung die Mutter
des hl. Gregorius, als sie erkannte, daß
sie den eigenen Sohn zum Manne habe .
1501
Bei den Juden in Crailsheim besteht noch
heute der Brauch, daß bei einem Todes¬
fall alle in der Stube anwesenden Ver¬
wandten an ihren K.em einen handbrei¬
ten Riß machen, bei der Trauer für
Eltern auf der linken Seite, sonst auf der
rechten 4M ),
Das Trauerk. und das beim Be¬
gräbnis getragene K. ist meist schwarz
407 ) > womit man vielleicht ursprünglich den
Träger vor den Dämonen unkenntlich
machen wollte. Doch findet sich in
Deutschland auch die blaue und, be¬
sonders in den einst slawischen Gebieten,
weiße Trauerfarbe 408 ). Die an die ewige
Nacht und Finsternis gemahnenden dunk¬
len Farben sind jedenfalls die natürliche¬
ren Trauerfarben. In Oberösterreich zog
die Bevölkerung, namentlich der weib¬
liche Teil, auch in der Fastenzeit dunkle
K.er an 409 ). Im Isergebirge darf man
neue K.er (s. o.) nicht das erstemal zu
einem Begräbnis anziehen 410 ).
Wäsche und K. des Kranken und Ver¬
storbenen, aber auch die mit dem Toten
in Berührung gekommenen K.er der
Lebenden galten seit je als unrein und
gefährlich, weshalb man jene reinigte
oder vernichtete und diese ebenfalls
wusch oder wechselte. Hierin liegt ein
deutlicher Niederschlag der Erfahrung,
daß durch das K. Krankheitskeime über¬
tragen werden können, wenn auch das
Volk sein Tun meist anders begründet.
Erst auf einer höheren Kulturstufe schließt
sich daran die Vorstellung, daß man
durch Reinigen der K.er sich selbst von
einer Befleckung oder einem Makel rein¬
waschen kann. Die K.er eines Kranken
galten schon den Alten als unrein und
wurden daher oft einer Gottheit geweiht 411 ),
den Indem und Israeliten erschienen die
K.er der Teilnehmer an einem Begräbnis
als unrein 412 ). Die alten Griechen sahen
auch das K. eines Mörders als unrein
an 413 ) und die Juden pflegten nach einem
Feldzug die K.er zu reinigen 414 ).
Das Waschen und Ank.en des
Toten war in der Münstergemeinde zu
Herford bis 1870 Sache der nächsten
Nachbarn, die man deshalb „Kiennaber“
(K.enachbam) nannte 415 ). Bei einigen
buddhistischen Sekten ziehen die, welche
einen Toten waschen und bek.en,
ihre K.er aus, ehe sie ans Werk ge¬
hen 416 ). In Württemberg wird oft die
Leib- und Bettwäsche des Verstorbenen,
aber auch alle K.ung, mit der er
in den letzten Wochen in Berührung
gekommen ist, gewaschen, weil sonst
der Tote keine Ruhe hat 417 ), was wohl so
zu verstehen ist, daß er dann den Zurück¬
gebliebenen schaden kann. Auch im
Ansbachischen meinte man früher, daß
der Tote nicht ruhen könne, wenn seine
Wäsche nicht bald gewaschen wird 418 ).
Derselbe Glaube war in der Oberpfalz
daheim 419 ). Die Armenier waschen
am Tage nach dem Begräbnis die K.er
des Verstorbenen 420 ), bei den Bulgaren
tun dies drei Weiber am dritten Tag nach
der Beerdigung, aber ohne Seife zu ver¬
wenden 421 ). In Poitou wäscht man
das Leinenzeug des Toten einige Tage
nach dem Begräbnis, bei den Aymara-
und Quichua-Indianern am neunten
Tage nach dem Todesfall, worauf es zum
Gebrauch des Verstorbenen im Jenseits
verbrannt wird. Bei den peruanischen
Indianern werden K.er und Hausgeräte
gleich nach dem Todesfall im nächsten
Fluß gewaschen. Bei den Wadschagga
werden K.er, Schmuck und Waffen des
Toten nach dem Begräbnis zum nächsten
Bach getragen und mit Wasser über¬
gossen, „damit auch sie ihres Herrn Tod
beweinen“ 422 ). Bei den Chewsuren
brennen ein Jahr lang Wachslichter vor
den in einem Winkel des Hauses nieder¬
gelegten K.ern des Toten 423 ). Bei den
Tscheremissen waschen sich die Leid¬
tragenden nach dem Begräbnis und wech¬
seln ihre K.er. Die Gegenstände, welche
durch die Leiche verunreinigt wurden,
müssen drei Tage lang im Freien liegen 424 ).
Bei der Gedächtnisfeier am 40. Tage legt
der, welcher hiebei die Rolle des Ver¬
storbenen spielt, dessen K.er an 425 ).
Sonst dürfen die K.er Verstorbener
von anderen nicht gleich benützt
werden, in Thüringen erst vier Wochen
nach dem Tode, weil sonst der Verstorbene
keine Ruhe hat 426 ), in der Gegend von
Leuzendorf-Gerabronn erst sechs Wochen
Kleid
1504
1503
danach, weil daran noch etwas vom
Wesen und den Kräften des Toten haften
könnte, was Schaden brächte 427 ). Nach
tchechischem Glauben zerfallen übri¬
gens die nach Verstorbenen getragenen
K.er, wenn deren Leichnam verfault 428 ).
Wichtig ist das Totenk. selbst,
das man dem Verstorbenen anzieht.
Wenn auch oft die Vermögensverhält¬
nisse hier mit bestimmen 429 ), so ist doch
in den meisten deutschen Landschaften
Regel, daß man dem Toten seinen
Sonntagsanzug 43 °) oder sein bestes
Gewand 431 ) mitgibt. Nicht selten ist
es das Hochzeitsk. (s. o.) oder ein
besonderes weißes Sterbek., das
in Forbach Sterbmantel genannt
wird 432 ). Bei den Chinesen gibt man
verstorbenen Frauen die Braut k.er
mit und bestattet den pater familias ent¬
weder in einem Priestergewande oder
in einem sogenannten Langlebe-K.,
welches schon bei seinen Lebzeiten ge¬
macht worden ist 433 ). Bei den Chinesen
werden Totenk.er mit Vorliebe in
einem Schaltjahr (s. d.) gemacht, weil
diese die Fähigkeit haben, das Leben zu
verlängern 434 ). Beim Nähen des Toten-
k.es soll man im Egerland keine
Nadel in den Mund nehmen, weil
sonst die Zähne ausfallen 43S ). In Baden
darf am Totenk. keine Hafte sein 436 ).
Bei den Tschechen darf es nicht am Sams¬
tag (s. d.) gesponnen und am Sonntag
(s. d.) vor der hl. Messe gemangelt sein,
sonst hat der Tote keine Ruhe und kann
nicht verwesen 437 ) (s. o. § 9). Ferner
darf man in den Zwirn keine Knoten
machen, sonst drückt es den Toten;
endlich darf es die Näherin nicht über
Nacht in ihrer Wohnung lassen, sonst
kommt der Tote und holt es 438 ). Will
bei den Ruthenen eine Witwe wieder
bald heiraten, so bindet sie alle Knoten
an dem K. des verstorbenen Mannes auf,
bevor der Sarg geschlossen wird 439 ).
Vor dem Schließen des Sarges
muß darauf geachtet werden, daß dem
Toten nichts von seinen K.ungs-
stücken in den Mund gerät, sonst folgt
ihm bald ein Glied der Familie nach
(s. Nachzehrer). Kommt ein K.ungs-
stück oder auch nur ein Lappen von
dem K. eines Menschen, woran noch
dessen Schweiß (s. d.) klebt, in den Sarg
des Toten, so vergeht der Besitzei, wie
dieser Lappen im Sarge vergeht. Ein
frisch gewaschenes K.ungsstück aber
kann man dem Toten ohne Furcht mit¬
geben 441 ). Manche Leute hüten sich
daher, ein getragenes K.ungsstück an
Arme zu verschenken, aus Furcht, es
könnte in einen Sarg kommen. In Hol¬
stein geschah es sogar, daß jemand die
Öffnung eines Grabes und Sarges forderte,
um seinen der Leiche angezogenen
Strumpf wieder zu bekommen 442 ).
Der Tote benötigt sein Hemd (s. d.)
oder K. und sucht es, wenn es geraubt
wird, wieder zu erlangen, da es auch
durch ein anderes nicht ersetzt werden
kann 443 ). Wenn man einem Toten das
K. einer bereits verstorbenen Person an¬
zieht, so weichen sich nach «dem Glauben
der Siebenbürger Sachsen beide im Jen¬
seits aus, wenn sie im Leben auch noch
so gute Freunde waren 444 ). Betreffs
der K.ung der Toten im Jen¬
seits besteht der durch zahllose Sagen
(s. o. § 10) belegte Glaube, daß sie ihr
Sterbek. meist das Hemd (s. d.),
tragen 44S ), zuweilen auch, daß Männer
schwarz, Weiber weiß gek.et sind 446 ).
Wenn man Gewißheit über das Schicksal
der Verstorbenen haben wollte, so ließ
man früher in der Oberpfalz eine Schau-
messe lesen, wobei aber der Priester eine
besondere „Gewalt“ haben mußte. Wäh¬
rend der Wandlung erschien dann der Ver¬
storbene den in der Kirche Anwesenden
in schwarzem K., wenn er in der Hölle,
in grauem, wenn er im Fegefeuer, und in
weißem, wenn er im Himmel war 447 ).
Daß die Gerechten und Auserwählten im
Himmel das K. der Herrlichkeit empfan¬
gen und überhaupt kostbare K.er tra¬
gen M ), läßt sich im heutigen Volks¬
glauben nicht belegen.
S96 ) Vonbun Beiträge 13. M7 ) Strackerjan
1.37 Nr. 27. 398 ) (Keller) Grab 4, 243b; 5, 411 f.;
Grimm Myth. 2, 931; 3, 440 Nr. 184. Vgl.
Agrippa v. Nettesheim 1, 244. 39# ) Köhler
Voigtland 439 ~ Wuttke 457 § 724 = Urquell
NF. 1 (1897), J 33 - <0 °) Grohmann 187 Nr. 1314.
401 ) Urquell 4 (1893), 50. 402 ) Vgl. 2. Kon. 2,
1505
Kleid
1506
12; 6, 30. 403 ) Samter Geburt H9 a . 404 ) Sittl
Gebärden 22 ff. 404 ) Klapper Erzählungen 92
297 Nr. 79. 40< ) Höhn Tod 317.354.
*° 7 ) Heckscher 258 f. 408 ) Ebd. 491 f. 409 )
Baumgarten Jahr u. s. Tage 20. 410 ) Müller
Isergebirge 35. 4n ) Wächter Reinheit 43.
412 ) Ebd. 50 2 . 413 ) Ebd. 68 f. 414 ) Ebd. 69 1 .
««) ZfnvVk. 1907, 281. 41fl ) ZfVk. 18 (1908),
357. 417 ) Höhn Tod 325. 418 ) Grimm
Myth. 3, 458. 419 ) Schönwerth Oberpfalz 1,
252. 42 °) ZfVk. 18, 372. 421 ) Strauß Bulgaren
452. 422 ) ZfVk. 18, 372. 423 ) Ebd. 17 (1907), 382.
424 ) ARw. 17 (1914), 403. 425 ) FFC. Nr. 61, 32. 34.
426 ) Wuttke 468 § 742. 427 ) Höhn Tod 356.
428 ) Grohmann 192 Nr. 1352 = Wuttke 468
§ 742. 429 ) Vgl. Rochholz Glaube 1, 185.
43 °) Höhn Tod 319. 431 ) J. Micko Volkskunde
des Marktes Muttersdorf (Muttersdorf i. West¬
böhmen 1926) 23. 432 ) Meyer Baden 585.
433 ) Visscher Naturvölker 2, 265 f. 434 ) Frazer
1, 169. 43ß ) Egerl. 20 (1916), 6. 436 ) Wuttke
4 62 § 731. 437 ) Grohmann 192 Nr. 1349 =
Wuttke 461 § 731. 438 ) Grohmann 192
Nr. 1350 f. 439 ) Globus 1898, 251 = Frazer 3,
310. 44 °) Köhler Voigtland 440. 441 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 92. 442 ) Wuttke 186 § 255.
443 ) Vgl. Haupt Lausitz 1, 143 Nr. 162e;
Witzschel Thüringen 1, 145 Nr. 140; Sieber
Sachsen 285; BdböVk. 17, 189. 444 ) Urquell 4
(1893), 52. 445 ) Vgl. Quensel Thüringen 313.
448 ) Ebd. 314. 447 ) DG. 10 (1909), 25. 448 ) Eisler
Weltenmantel 295 f.
18. Die größte Rolle in der Volks¬
medizin spielt das Hemd (s. d.). Was
sonst die K.ung im allgemeinen anbe¬
langt, handelt es sich hier um Vorsichts¬
maßregeln und um die Verwendung
der eigenen und fremder K.er zu
Heilzwecken.
a) Die Erfahrung, daß Krankheiten
durch K.er übertragen werden kön¬
nen, äußert sich in dem Glauben, daß
die Pest in einem Bündel alter K.er 449 )
oder in einem Tuch (s. d.) oder Lappen
(s. d.) steckt. Im 17. Jh. glaubte man,
daß sich die Pest durch den in den K.ern
der Pestkranken steckenden Geruch
verbreite 45 °). Dieser geahnte Zusammen¬
hang zwischen dem K. und der Krank¬
heit, aber auch der zwischen K. und Per¬
son bestehende, gibt sich zunächst in
allerlei Vorsichtsmaßregeln zu er¬
kennen. Über Nacht soll man K.er
nicht im Freien lassen, sonst kommt der
Nachtschatten hinein, und wer sie an¬
zieht, wird mondsüchtig 451 ). Einem
Unbekannten soll man kein getragenes
Hemd oder K. schenken, weil er damit
Bächtold’StäubU, Aberglaube IV
dem früheren Besitzer schaden kann 45a ).
Dieser K.erzauber wurde besonders von
Zauberern in Litauen 453 ), dann auch
in Sardinien geübt 454 ). Auch die Wot-
jäken verkaufen gebrauchte K.er nur
ungern, weil damit Hexerei getrieben
werden kann 455 ). Die pennsylvanischen
Deutschen glauben, daß man vor Zahn¬
weh bewahrt bleibt, wenn man morgens
zuerst den linken Strumpf (s. d.) anzieht
oder zuerst in den rechten Rockärmel
schlüpft 456 ), ferner, daß ein neues K.
(s. o. § 6) zuweilen gefährlich ist. Wenn
man darin krank wird, wird man nicht
mehr gesund 457 ). Nach dem Glauben der
tschechischen Mährer soll man bei Fieber
keine neuen K.er anziehen und in keine
Kirche gehen, weil sonst das Fieber noch
stärker wird 458 ).
b) In bezug auf die Verwendung der
eigenen K.er zu Heilzwecken ist zu¬
nächst auf das Messen der K.er hinzu¬
weisen, das ursprünglich ein Krankheits¬
orakel war, um Beschaffenheit, Dauer und
Ausgang einer Krankheit zu bestimmen.
Schließlich wurde es als ein Mittel zur
Heilung selbst betrachtet 459 ). Verbreitet
ist das Besprechen oder Büßen der
K.er durch Wundermänner und Wunder¬
frauen, die ihre heilende Kraft auf die
K.ung, die sie meist unter Hersagen
von Zauberworten oder Gebeten streichen,
übertragen, so daß der Kranke, wenn er
sie anzieht, gesund wird 460 ). Die Krank¬
heit wird auch durch Schlagen des
K.ungsstückes ausgetrieben, das die
Magyaren des Hajduer Komitates unter
der Türschwelle klopfen, um die Fall¬
sucht zu verjagen 461 ). Noch häufiger ist,
daß man das K. des Kranken oder Teile
davon verwendet, um die Krankheit
anderswohin zu übertragen, oder daß
man die Krankheit zu beseitigen glaubt,
wenn man das K. vernichtet, etwa
verbrennt, wie in Pennsylvanien bei
Fallsucht 462 ). Verstärkt wird diese Heil¬
handlung noch, wenn man die Asche des
verbrannten K.es in fließendes Wasser
wirft 463 ). Dieses Wegschwemmen des
Zwischenträgers wird bei Verbänden und
Pflastern von Wunden, Geschwüren und
Flechten bevorzugt, weil man bei deren
48
1507
Kleid
Verbrennen die „Hitze“ nur noch ver¬
größern würde 4U ). In Frankreich wäscht
man sich besonders bei Augenkrankheiten
in heilkräftigem Wasser und wirft dann
ein Stück der K.ung des Kranken, an
einer Stecknadel befestigt, in das Was¬
ser 466 ). Sehr beliebt ist ferner das Ver¬
graben eines vom Kranken getragenen
K.ungsstückes 466 ), was noch in neuester
Zeit von Kurpfuschern ausgenützt wurde,
die sich hiezu auch neue K.er geben ließen,
welche sie behielten 467 ). In Lehe bei
Lunden zieht man dem Fieberkranken ein
altes Gewand an, in dem er tüchtig
schwitzen muß. Damit geht man dann
vor Sonnenaufgang oder nach Sonnen¬
untergang über einen Berg und vergräbt
es. Bis man wiederkehrt, muß der Kranke
nackt im Bett liegen 468 ). Bei den Süd¬
slawen wird dem Fallsüchtigen beim
ersten Anfall das K. ausgezogen, ein
schwarzer, fleckenloser Hahn oder eine
ebensolche Henne, je nachdem es ein
Mann oder ein Weib ist, hineingewickelt,
das Bündel vom Sonnenaufgang gegen
Abend übers Dach geworfen und dann
vergraben. Doch darf man die Grube
nicht zuscharren, sondern bloß mit einem
Stein zudecken 469 ). Als besonders wirk¬
sam gilt in Württemberg, wenn der Fall-
süchtige ein Hemd, in dem er einen Anfall
durchgemacht oder das er längere Zeit
getragen hat, oder ein recht verschwitztes
Leintuch oder ein K.ungsstück einem
Toten in den Sarg mitgibt 470 ). End¬
lich überträgt man Krankheiten mit
Hilfe von K. ungsstücken oder Teilen davon
auch auf Bäume 471 ) (s. Lappenbäume).
c) Bei Verwendung fremder K.er zu
Heilzwecken wird oft gefordert, daß sie
vom andern Geschlecht sein müssen.
In Mecklenburg läßt man den kranken
Mann ein geschenktes Weiberhemd, das
kranke Weib ein ebensolches Männer¬
hemd tragen, das nach 14 Tagen in einen
Ameisenhaufen vergraben wird 472 ). In
Schlesien trägt der Mann gegen Fieber
ein schweißiges Weiberhemd auf dem
flößen Leibe 473 ). Gegen Finnen im
Gesicht hilft nach der Rockenphilosophie,
wenn sich der Mann an einem Weiber¬
hemd, das Weib an einem Männerhemd
trocknet 474 ) (s. Hemd), ferner hilft gegen
Schnupfen eines Weibes, wenn es in des
Mannes Schuhe riecht 476 ). In Polen
heüt man die Urok genannte Krankheit,
worunter man im allgemeinen Behexung,
bei den Masuren aber auch Kopfweh und
Übelkeit versteht, indem man bei einem
Mann mit Frauenk.em, bei einem Weib
mit Männerk.em über das Gesicht oder
auch vom Kopf bis zum Fuß des Kranken
wischt und dabei dreimal ausspuckt 476 ).
Heilkräftig ist ferner das K. oder Hemd
eines starken Menschen, besonders eines
Mannes 477 ), was dieParazelsisten schwäch¬
lichen Personen zum Anziehen empfah¬
len 478 ). Mit des Vaters Rock oder K.
deckt man ein Kind, das Krämpfe hat,
zu 479 ), wie die Mutter, wenn sie die
Wochenstube verläßt, auf das Kind, damit
es nicht ausgewechselt werden kann, etwas
von des Vaters K.ungsstücken legt 480 ).
Im Böhmerwald gibt man, um die Fraisen
eines Kindes zu lindem, ein Stück von
dem Brautk. der Mutter (Rock,
Schürze, Halstuch u. a.) auf das Kind 481 ).
In Frankreich werden Kranke auch durch
Anziehen oder Berühren von K.em, die
an heiligen Steinen gerieben wur¬
den, geheilt 482 ). Wichtig sind ferner
K.er aus Totenleinwand, die für aller¬
lei Schäden gut sind 483 ). Ein Hemd,
in dem jemand gestorben ist, stillt
Krämpfe, wenn man es um den betref¬
fenden Körperteil wickelt 484 ). Behexun¬
gen behebt man, indem man ein Stück
vom K. des Behexers zu bekommen
trachtet und verbrennt, was in Estland
und bei den Mohamedanem üblich ist m ).
In Irland verbrennt man das K. dieser
feindlichen Person neben dem behexten
Kinde. Niest dieses, so treibt es die
Geister heraus, und der Zauber ist ge¬
brochen . Endlich kommt noch das
K. von Erhängten in Betracht. In
Schlesien vergräbt man ein solches unter
die Türschwelle, holt es am Karfreitag
hervor und legt es den Rindern auf das
Kreuz; dann werden sie fett M7 ). Ebenda
behandelt man kranke Tiere dadurch,
daß man sie mit dem Saum des Kittels
oder Rockes bestreicht, so z. B. das dicke
Euter einer kranken Kuh 488 ).
1509
Kleid
1510
Strackerjan 1, 375; Lammert
Bohnenberger 16. ***) Frischbier
Erwähnt sei noch, daß bereits nach
antikem Glauben eine Pflanze heil¬
kräftig wurde, wenn sie bis zum Saume
eines K.es, z. B. dem eines Heiligen¬
bildes, emporwuchs, was sich vielleicht
aus dem biblischen Saumanrühren er¬
klärt «•).
449 ) Peuckert Schlesien 246. 450 ) Grimm
Myth. 2, 993. 451 ) Köhler Voigtland 424 =
Wuttke 315 § 465 = Urquell NF. i (1897),
132.
83;
Hexenspr. 4. 464 ) WZfVk. 31 (1926), 116.
466 ) And ree Parallelen 2, 12. 468 ) Fogel
Pennsylvania 312 f. Nr. 1654. 1663. 467 ) Ebd.
123 Nr. 555. 468 ) Grohmann 167 Nr. 1177 =
Wuttke 343 § 511 s=s Hovorka u. Kronfeld
2, 336. 4M ) ZfVk. 22 (1912). 133; vgl. 21. 151 ff.;
Hovorka u. Kronfeld 2, 696. 460 ) Huß
Aberglaube 14 f. = ZföVk. 6 (1900), 117; John
Erzgebirge 109; Seyfarth Sachsen 68. M1 ) Ho¬
vorka u. Kronfeld 2, 226; vgl. 340. 462 ) Fogel
Pennsylvania 303 Nr. 1604. 483 ) Hovorka u.
Kronfeld 2, 212. 464 ) Seyfarth Sachsen 223 f.
486 ) S6billot Folk-Lore 1, 409. 444 ) Seyfarth
Sachsen 216 ff. 467 ) Ebd. 218. 468 ) Urquell 2
(1891), 96. 4W ) Ebd. NF. 1 (1897), 25 = Hovor¬
ka u. Kronfeld 2, 224. 47 °) Höhn Tod
ohnenberger 14.
471
) Vgl. o.
334; J
§ 12. i7t ) Bartsch Mecklenburg 2, 118 Nr. 459.
473 ) Drechsler 2, 303. 474 ) Seyfarth Sachsen
271
476
) Gri
• UM
Myth. 3, 446 Nr. 361. 476 ) Ho¬
vorka u. Kronfeld 2, 231. 477 ) Lammert
245 = Hovorka u. Kronfeld 2, 41. 478 )
Stemplinger Aberglaube 69. 478 ) Fogel
Pennsylvania 334 Nr. 1774. ^ Grimm
Myth. 3, 744. 481 ) Verf. 482 ) S6billot Folk-
Lore 4, 58. 483 ) Bohnenberger 21.
484 ) Fogel Pennsylvania 290 Nr. 1539- 486 ) Se¬
ligmann Blick 2, 220. 486 ) Ebd. 1, 265.
487 ) Drechsler 2, 100. 488 ) Ebd. 104.
Grimm Myth. 2, 985 1 . 997.
19, Im Rechts wesen erscheint das
K. am häufigsten in der Sitte der Ein-
k.ung. Sobald Grundeigentum
aus einer Hand in die andere überging,
waren bestimmte Formen der Auflassung,
Übergabe und Übernahme zu beachten,
von welchen man eine Form, bei der
sinnbüdlich K.ungsstücke verwendet
wurden, mit den lateinischen Wörtern
vestire, investire (ahd. werjan) aus¬
drückte und so von einer Investitur
(ahd. giweri, giwerdida) sprach, wobei
der abtretende Besitzer exutus und der
antretende indutus oder vestitus ge¬
nannt wurde 490 ). Aber auch die Ver¬
leihung eines Amtes wird Investitur
genannt, was besonders bei kirchlichen
Ämtern und Würden der Fall ist und
im Mittelalter, da die Päpste das In¬
vestiturrecht des deutschen Königs zu
brechen suchten, zu dem erst 1122 bei¬
gelegten Investiturstreit führte. Der
Ausdruck „investieren“, d. h. eink.en,
jemanden mit den Zeichen der Amts¬
würde bekleiden, hat später die heute
gebräuchlichere Bedeutung angenommen,
Kapital in eine Unternehmung anlegen 491 ).
Die gegenwärtig vielfach noch übliche
feierliche Eink.ung geistlicher Per¬
sonen, z. B. auch das Nehmen des
Schleiers (s. d.) durch die Nonnen, hat
schon in der religiösen Symbolik des
Altertums, besonders kleinasiatischer Kul¬
te, ihr Vorbild und wird, wie etwa die
Eink.ung des Mardukbildes, auch kos¬
misch gedeutet 492 ). Zuweilen erhielten
davon Götter ihre Namen oder Bei¬
namen, was namentlich für Mithras anzu¬
nehmen ist 493 ). Durch Eink.ungs-
zeremonien wurden ferner Opfer (s. d.)
an Menschen, Tieren oder Pflanzen feier¬
lichst als Besitz der Gottheit erklärt und
ihr übertragen 494 ). Bei den Römern
war die Jünglingsweihe, aber auch die
Freilassung der Sklaven durch die
Überreichung der männlichen, nationalen
Kopfbedeckung (s. Hut) begleitet 495 ).
Eine Eink.ung besonderer Art ist
endlich die Bek.ung der Toten für
ihre Reise in das Jenseits.
Der Eink.ung geht mitunter eine
Entk.ung voraus. So mußte der
Herzog Kärntens sein Rittergewand ab-
legen und die slowenische Tracht an-
ziehen, was als sinnbildliche Darstellung
einer Änderung der Persönlichkeit ge¬
deutet wurde 496 ). In Bulgarien zieht der
Adoptivsohn seine alte K.ung aus und
läßt sie im Hause seiner leiblichen Eltern
zurück. Dafür erhält er vom Adoptiv¬
vater neue 497 ). Eine feierliche Entk.¬
ung wird bei der Wegnahme geist¬
licher Würden vorgenommen, wenn sich
jemand vergangen oder, wie J. Huß 498 ),
der Ketzerei schuldig gemacht hat. Einen
Mondmythus in dem Akt der Entk.ung,
Entschleierung (s. Schleier) oder sogar dem
Hautabziehen zu sehen 4 "), ist unnötig.
Wie zuweilen die Bewohner von Städten
Kleidertausch
1512
Kleidertausch
1514
I 5 II
welche sich dem Belagerer unterworfen
hatten, im Armensündergewand vor
dem Sieger erscheinen mußten ®°°), so gab
es früher auch besondere K.erstra-
fen. Durch Kürzen des langen Ge¬
wandes, das meist hinten abgeschnitten
wurde, bestrafte man verschiedene Ver¬
gehen. Frauen, die ein uneheliches Kind
geboren hatten, wurden nach dem Seeli-
genstadter Sendrecht außer anderm auch
dadurch bestraft, daß man ihnen hinten
den Rock abschnitt. Frauen strafte oder
schmähte man auch dadurch, daß man
ihnen hinten, vorne oder rundum bis zum
Nabel die Kleider abschnitt oder ihnen
die Röcke zusammenband und sie nackt
durch das Dorf peitschte, was besonders
bei Ehebrechern geschah 601 ). Zur Hin¬
richtung wurde dem Verurteilten oft
eine besondere Kopfbedeckung auf¬
gesetzt (s. Hut).
Erwähnt sei noch, daß K.er schon zur
Zeit des Tacitus (Germ. c. 25) von den
Untertanen als Zins entrichtet wurden 502 ),
ferner daß auch das Schwören auf ein
K. (jurare in vestimento) vorkam,
z. B. auch bei den Friesen ® 03 ).
Vgl. noch im besonderen Gürtel,
Handschuh, Hemd, Hose, Hut,
Mantel, Schleier, Schuh.
4 ®°) Grimm RA. 2, 85 t. Vgl. Bächtold
Hochzeit 1, 134. 491 ) Meyer Konv.-Lex. 9
(1906), 903 f. 492 ) Vgl. Eisler Weltenmantel 60 f.
4M ) Ebd. 166 ff. 494 ) Ebd. 173. 281. 285. 4 ®*) Vgl.
Gold mann Einführung 131 ff. 496 ) Ebd. 9.
J 3 °- Vgl. aber ZföVk. 9 (1903), 250. 497 ) Cis-
zewski Künstl. Verwandtsch. 307. 498 ) Vgl.
Quensel Thüringen 145. 4 ") Siecke Götter¬
attribute 221. 255. 260. 500 ) Vgl. Zaunert
Westfalen 214. 601 ) Grimm RA. 2, 302 t.
50f ) Ebd. 1, 523 ff. M3 ) Hoops Reallex. 3, 474.
20. Von sonstigem Aberglauben ist
zu erwähnen: Nach älterem Glauben
trifft der Schütze, der beim Schießen
ein Kinderk.chen unter den Lauf
legt W4 ). Bei den Siebenbürger Sachsen
kann die Feuerbannerin ein Feuer
sofort löschen, wenn sie die Brandstätte
dreimal nackt umläuft. Doch genügt es
auch, wenn ein K. von ihr um das Feuer
getragen wird 605 ). Bei den Franzosen
herrscht der Glaube, daß man Regen
hervorrufen kann, wenn man die K.er
einer Person in eine ungewöhnliche Lage
bringt oder die Taschen umkehrt 506 ). Ein
Traum, daß man die K.er nicht finden
kann, bedeutet, daß man irgendwohin
gehen will, aber nicht dorthin kommt 507 ).
Wer viel lügt, aus dessen K. steigen in
der Wäsche viele Blasen auf 50s ). Wer
selber auf sein K. spuckt, wird nach
isländischem Glauben belogen 509 ). K.er
zu waschen, ist in Finnland während der
Aussaat verboten 510 ). Ebenda zieht
man dazu außer neuen K.em (s. o. § 6)
auch K.er an, die man beim Dreschen in
der Riege getragen hat 511 ) und vertreibt
Raupen und Ungeziefer, indem man alte
K.er auf dem Kornfeld verbrennt und
die Asche durch ein Sieb ausstreut 612 ).
Kriecht eine Spinne auf das Gewand, so
bedeutet es in der Wildschönau Glück
und Segen 613 ). Bei den Esten muß der,
welcher nüchtern von einem Singvogel
durch den Gesang überrascht wird, etwas
von seinen K.ungsstücken verbrennen,
sonst hat er das ganze Jahr hindurch
Unglück 514 ) (s. Hemd §10). Endlich
besteht bei den Rumänen in der Buko¬
wina der Glaube, daß Gäste kommen,
wenn jemandes K. durch die Tür er¬
faßt wird 515 ).
504 ) John Westböhmen 326. 605 ) Wlislocki
Siebenb. Volksgl. 81 = Weinhold Ritus 35.
B06 ) SSbillot Folk-Lore i, 101. 607 ) Fogel
Pennsylvania 77 Nr. 275. 608 ) Bohnenberger
18 (Oberamt Heidenheim). 609 ) ZfVk. 8 (1898),
161. 51 °) FFC. Nr. 32, 82 f. 6n ) Ebd. Nr. 31,
132 f. 612 ) Ebd. Nr. 55, 103. * 13 ) Heyl Tirol
786 Nr. 133. 814 ) • Boeder Ehsten 140 f.
ß16 ) ZföVk. 4 (1898), 215. Jungbauer.
Kleidertausch. Für den K. 1 ), der
vielleicht an Stelle eines früheren Tau-
schens der Gestalt, das durch bloßen
Willen, ohne Formel und Kleid, voll¬
zogen wurde, getreten ist 2 ), kommen
verschiedene Beweggründe in Betracht 3 ),
die bei ein und derselben Erscheinung
auch gleichzeitig auf treten können. Vor
allem handelt es sich meist um eine
Täuschung, mit der sich auch eine
Drohung gegenüber feindlichen Geistern
verbinden kann, was sich insbesondere
im Brauchtum bei der Geburt, Hoch¬
zeit und beim Tod zeigt. Doch wird
hier zuweilen auch eine bloße Ver¬
stärkung der eigenen Kraft bezweckt.
1513
besonders wenn es Mannskleider sind,
die von Weibern oder Kindern angezogen
werden. Der K. zwischen den Ge¬
schlechtern, der im religiösen Kult
und bei Jahresfesten vorkommt, ist da¬
gegen meist nichts anderes als ein F r u c h t -
barkeitszauber. Diesen K. betrach¬
teten die alten Juden als etwas Un¬
heiliges, wie es Deut. 22, 5 heißt: „Keine
Frau darf sich Mannsgewänder anlegen
und kein Mann Frauenkleider, denn ein
Greuel für den Ewigen ist ein solches
Tun“. An Stelle des K.es ist noch im
1. Jahrhundert unter den jüdischen
Bauern Palästinas ein Namenstausch
(s. Namensänderung) getreten, da be¬
richtet wird, daß sich der Mann aus
Furcht vor den Dämonen nachts mit dem
Namen seiner Frau und diese mit dem
Namen des Mannes nennt. Daß man
durch Anziehen der Kleider einer anderen
Person auch eine Gottheit irreführen
kann, glaubte nach Herod. VII. 15 auch
Xerxes I. 4 ).
a) Geburt. Feindliche Geister täuscht
die Wöchnerin, wenn sie Kleider ihres
Mannes anlegt, wie in Thüringen 5 ) oder
bei den Kasch üben 6 ). Sie verstärkt ihre
Kraft und übersteht daher leichter die
Wehen, wenn sie des Mannes Hemd
(s. d.) anzieht 7 ), was schon antike Quellen
empfehlen 8 ), oder wie in der Schweiz die
Uniform des Mannes oder Soldatenkleider,
wodurch auch das Kind selbst stark ge¬
macht wird 9 ). Anders zu erklären ist,
wenn die kreißende Frau sich mit einem
Mannsgürtel (s. d.) gürtet, wie aus einem
bayrischen Beichtzettel des 15. Jahr¬
hunderts hervorgeht 10 ), oder die Pan¬
toffeln des Mannes anzieht (Schwaben) u ).
Beide Stücke sind beim Mann größer und
weiter und vergrößern und erweitern da¬
her in magischer Einwirkung die Geburts¬
teile, wodurch die Wehen erleichtert
werden. Auf den Watubella-Inseln
werden bei einer schweren Entbindung
einige von den Kleidern des Mannes unter
die Kreißende gelegt, w as auch auf
Amban und den Uliase-I nseln mit der
Begründung geschieht, d aß das Kind
die Transpiration des Vat ers bemerken
und, hierdurch angelockt, schneller her¬
austreten soll 12 ). Ein gleicher Ersatz des
K.es liegt vor, wenn man die Kindbetterin
vor Nachwehen dadurch sichert, daß man
eine gebrauchte Männerhose auf das Bett
(Pommern) 13 ) oder ein Hemd des Mannes
auf den Körper legt 14 ).
In der Oberpfalz legt die Kindbetterin
zur Abwehr der Drud ein Kleidungsstück
ihres Mannes unter den Kopf und schläft
darauf. Ferner trägt sie, solange sie nicht
vorgesegnet ist, des Mannes Jacke, um
von der Hexe nicht erkannt zu werden 15 ).
In der Pfalz muß die Kindbetterin, da¬
mit die Nachgeburt schnell abgehe, auf¬
stehen und mit einem Stock in der Hand
und dem Hut des Mannes auf dem Kopf
ein wenig umhergehen, worauf sie sich
wieder niederlegt 16 ). Um Henneberg
muß sie beim ersten Verlassen des Wochen¬
bettes des Mannes Rock anziehen, seinen
Hut aufsetzen, seinen Stock nehmen und
sich von der Hebamme in allen Stuben
des Hauses umherführen lassen 17 ). Der
Gebrauch des Stockes zeigt deutlich, wie
sich das Motiv der Drohung mit dem der
Täuschung verbindet.
Ebenso wird das Kind geschützt. Da¬
mit es nicht ausgewechselt wird, zieht
die Mutter in Schleswig ein Stück Zeug
von ihrem Manne an 18 ), oder sie legt
jedesmal, wenn sie die Wochenstube ver¬
läßt, etwas von des Vaters Kleidern auf
das Kind lö ), oder man hängt, wie in
Schottland und China, nach der Ent¬
bindung ein Paar Hosen am Fußende
des Bettes auf 20 ). Bei dem schon im
Mittelalter belegten Brauch, das neuge¬
borene Kind in des Vaters Hemd oder
Kleid zu hüllen, liegt weniger eine Täu¬
schung der Dämonen vor als vielmehr ein
Akt der Legitimation und zugleich der
zauberhaften Übertragung männlicher
Kraft auf das Kind 21 ). Das erste Motiv
läßt sich aber in der ostpreußischen 22 )
und schottischen 23 ) Sitte erkennen, ein
neugeborenes Mädchen in Männerwäsche,
einen Knaben in Frauen Wäsche zu
wickeln, was auch an die Sitte des Män¬
nerkindbettes 24 ) (s. d.) erinnert.
b) Hochzeit. Hier handelt es sich
nicht allein um die Täuschung böser
Dämonen, sondern sicher auch um das
1515
Kleidertausch 151 6
mit dem Beginn der Ehe entstehende I § 17), um eine Täuschung und um den
Gebunden sein des einen Teiles an den
andern. Man will durch den K. sinnbild¬
lich ausdrücken, daß man einen Teil seiner
Persönlichkeit aufgibt. Schon im Alter¬
tum kam der K. bei diesem Anlaß vor.
Der koische Bräutigam pflegte bei der
Hochzeit Frauenkleider zu tragen, die
spartanische Braut erwartete den Bräuti¬
gam in Männerkleidung 25 ). Die argivi-
schen Bräute trugen beim Beilager, jeden¬
falls beim ersten, falsche Bärte. Bei den
ägyptischen Juden legte im Mittelalter der
Bräutigam weibliche Kleidung an, wäh¬
rend die Braut Helm und Schwert trug.
In Westafrika trägt der junge Ehemann
einige Zeit nach der Hochzeit den Unter¬
rock der Frau. In Kondesch in Indien
reitet die Braut zwei Stunden vor der
Hochzeit in Mannskleidem durch das
Dorf 26 ). Bei den Esten wurde die Braut
am Hochzeitstage mit einem Mannsgürtel
umgürtet, und dem Bräutigam wurde
ein Weibergürtel um den Hut gebunden 27 ).
Wenn man der Braut den Hut des Bräuti¬
gams aufsetzt, wie dies bei den Ditmar-
schen, Esten, Kleinrussen u. a. üblich
ist 28 ), oder, wie bei den Slowenen in
Unterkrain, der Bräutigam seine Hosen
unter das Kopfkissen der Braut legt 29 ),
so wird damit die als selbstverständlich ge¬
dachte oder durch diesen Zauber erst er¬
strebte Unterordnung des Weibes unter
die Herrschaft des Mannes eher als andere
Motive in Betracht kommen. Wenn bei
den Esten mitunter auch der Braut¬
jungfer ein Männerhut aufgesetzt wird 30 ),
so erscheint sie damit bloß als Stellver¬
treterin der Braut selbst.
c) Tod. Von den Lykiem wird über¬
liefert, daß die Männer, wenn sie trauerten,
Weiberkleidung anlegten, was damit er¬
klärt wird, daß das Trauern, Weinen
und Klagen etwas Weibisches sei und da¬
her am besten auch in Weiberkleidern
geschähe 31 ). In Wirklichkeit handelt es
sich bei diesem K., ähnlich wie bei der
Unkenntlichmachung des Gesichtes durch
Bemalen bei einzelnen Völkern anläßlich
von Todesfällen und im Verkehr mit
Totengeistern oder auch beim Anziehen
von schwarzen Trauerkleidem (s. Kleid
Schutz der eigenen Person 82 ).
d) Schon im Altertum fand in reli¬
giösen Kulten und bei Jahresfesten
ein K. zwischen den Geschlechtern statt,
so wahrscheinlich bei einzelnen Kulten
in Sparta 33 ), dann an den großen Aphro¬
ditefesten, in Argos bei dem Fest Hybri-
stika u. a. 34 ). Im Kult der Selene spielten
Männer in Frauentracht und Frauen in
Männertracht eine Rolle 35 ). Man hat
diese Erscheinung als eine Übertragung
ursprünglicher Hochzeitsbräuche auf Jah¬
resfeste, die sich auf die Ehe beziehen,
erklärt. Der K. bei diesen Anlässen
ist aber viel verbreiteter und daher wohl
auch älter als die spärlich und vereinzelt
überlieferten Hochzeitsbräuche, die hier
herangezogen werden. In erster Reihe
hat man es mit einem Fruchtbarkeits¬
zauber zu tun, wobei freilich auch das
bei allen Maskeraden (s. d.) wichtige
Motiv mitspielt, daß man sich den Geistern
unkenntlich machen will 36 ). Mit dem
Fruchtbarkeitszauber macht sich auch
das rein geschlechtliche Moment stark
bemerkbar, so besonders bei griechischen
Tänzen, wo die Männer Weiberkleider
hatten und die Weiber Phallen trugen 37 ).
Endlich darf nicht übersehen werden, daß
schon in ältester Zeit sicher auch die Lust
am Verkleiden allein, die komische
Wirkung beim Tragen nicht passender
Kleider des anderen Geschlechtes den
Anlaß zum K. bei festlichen Lustbar¬
keiten gegeben hat. Vereinzelt mag hie
und da auch eine perverse Veranla¬
gung hereinspielen.
Weiberkleider zogen besonders die Sol¬
daten bei den römischen Kalendenfeiem
an. Diese Vermummungen setzten sich
in den frühmittelalterlichen Kalenden¬
bräuchen fort 38 ) und wurden, wie auch
ähnliche in Deutschland seit je übliche
Bräuche (s. Jahresfeste), von der Kirche
wiederholt bekämpft 39 ), zumal dieser
K., wie aus einem Beleg aus dem Beginn
des 12. Jahrhunderts hervorgeht, nicht
selten zur Ausführung von Übeltaten in
der Neujahrsnacht (. . . si viri muliebrem
vel midieres virilem habitum pro quolibet
maleficio induunt . . .) benützt wurde 40 ).
1517
KJeidomantie
1518
Am häufigsten ist der K. bei Frühlings¬
festen, bei welchen durchweg eine ge¬
steigerte Sinnlichkeit auffällt, die den
K. und damit gewissermaßen den Ge¬
schlecht st ausch veranlaßt. Dies bezeugt
eine Schilderung des Lütticher Pfingst-
umganges vom Jahre 1224 41 ) und über¬
liefert Fischart (1532) vom Fastnachts¬
dienstag 42 ). Aber noch in neuerer Zeit
trugen beim Maifest zu Vaihingen an
der Ens die Burschen Mädchenröcke und
die Mädchen Mannskleider 43 ). Beim
Maienumzug am 2. Pfingsttag in Dröm-
ling (Altmark) trägt ein Hirtenjunge
zwei Weiberröcke, davon einen über den
Kopf gebunden 44 ). Ebenfalls in der
Altmark ziehen Tänzer und Tänzerinnen
zu Pfingsten von Hof zu Hof, darunter
mehrere Burschen in Weiberkleidem. Auf
das Grün der erwarteten Saat und Flur
weist deutlich, daß man bei Lübeck einen
mit einem grünen Weiberrock behan-
genen Knecht am Sonntag Quinquagesimä
umherführt 45 ). Im Elsaß sind Verklei¬
dungen auch beim Feste der Weinlese
üblich (s. Herbstfeste) 46 ).
Von einem K. im heidnischen Kult der
Germanen berichtet Tacitus (Germ. c. 43):
,,Apud Nahanarvalos antiquae religionis
lucus ostenditur. Praesidet sacerdos mu-
liebri ornatu“ 47 ).
*) Vgl. Samter Geburt 90 f.; Pauly-
Wissowa ii. 2, 2168; Frazer Totemism 4,
250 ff. 2 ) Grimm Myth. 3, 317. 3 ) Vgl. Fehrle
Keuschheit 41. 92; ZfVk. 21 (1911), 412. 4 ) J.
Schef telowitz Alt-Palästinensischer Bauern -
glaube (Hannover 1925) 54 f. 6 ) Seligmann
Blick 2, 221; Samter Geburt 90. 6 ) Seefried-
Gulgowski 121. 7 ) Urquell 4 (1893), 149
(Mundorf a. d. Sieg). 8 ) Stemplinger Aber¬
glaube 69. 9 ) Hof fmann-Krayer 24; SchwVk.
9, 42; SAVk. 24, 61. 10 ) Samter Geburt 127.
n ) Grimm Myth. 2, 983. l2 ) SamterG^«^ 90 f.
13 ) Urquell 5 (1894), 232 = NF. 1 (1897), 132.
u ) Höhn Geburt 260. 16 ) Schönwerth
Oberpfalz i, 190 Nr. 6. 16 ) Lammert 168.
17 ) Sartori Sitte 1, 31. 18 ) Möllenhoff Sagen
(1921) 332 Nr. 494 = Ranke Sagen 2 138.
19 ) Grimm Myth. 3, 460 Nr. 744 (Oberösterreich,
1787). 20 ) Samter Geburt 90. 21 ) Vgl. SchwVk.
9, 42. 22 } Lemke Ostpreußen 1, 41. 23 ) Samter
Geburt 90 1 . 24 ) Vgl. ebd. 95 1 . 25 ) Pauly-
Wissowa 15, 2131; Nilsson Griech. Feste
370 ff. 28 ) Samter Geburt 91 ff. 27 ) v. Schroe-
der Hochzeitsbräuche 94 f. = Samter Geburt 92 f.
28 ) Samter Geburt 91 f. 29 ) Ebd. 93. 30 ) Ebd.
31 ) Vgl. Bachofen Mutterrecht 27 f. 32 ) Vgl.
Samter Geburt 95 f. 33 ) O. Gruppe Griech.
Myth. u. Religgesch. 1 (München 1906), 159.
34 ) Nilsson Griech. Feste 370 ff.; vgl. 451 ff. u.
ARw. 7 (1904), 75 f. 35 ) Radermacher Beiträge
88. 109. 122 f. 36 ) Pf annenschmid Ernte¬
feste 583. Vgl. ZfVk. 5 (1895), 130- 37 ) Vgl. H.
Schnabel Kordax (München 1910) 43 ff. 47.
38 ) ARw. 19 (1919), 92 f. 39 ) Vgl. Grimm Myth.
3, 415; Radermacher Beiträge 88. 40 ) ZfVk. 3
(1893), 372. 41 ) Mannhardt 1, 441 = ZfVk. 5
(1895), 130. 42 ) Höf ler Fastnacht 62. 43 ) Lieb-
recht Zur Volksk. 410. 44 ) Mannhardt 1,
324. 4ö ) Ebd. 441. 48 ) ZfVk. 5, 130. 47 ) Liebrecht
Zur Volksk. 410. Vgl. Ausgabe von E.Fehrle (Mün¬
chen 1929) S. 104. — Vgl. die einzelnen Kleidungs¬
stücke, besonders Hemd, Hose. Jungbauer.
Kleidomantie (Clidomantie), Schlüssel¬
wahrsagung (xXei? = Schlüssel). Die
folgende Darstellung bezieht sich grund¬
sätzlich nur auf die älteren Berichte
und sucht die Wurzeln dieser weitver¬
breiteten Wahrsagemethode bloßzulegen,
deren neuzeitliche Formen teils bereits
behandelt sind l ), teils dem Artikel
„Schlösser 1 Vorbehalten bleiben; von
ihnen sollen nur einige Beispiele bei¬
gebracht werden, aus denen das Fort¬
leben und die Zersetzung der alten
Methoden besonders deutlich hervorgeht.
Die Bezeichnung K. ist nicht antik,
sondern, wie bei vielen anderen Divina-
tionen, nur nach antikem Muster ge¬
bildet; sie tritt anscheinend zum ersten
Male im 16. Jh. auf (s. u.). Diesem
späten Erscheinen entspricht auch die
Tatsache, daß die in den frühesten Zeug¬
nissen beschriebene Form des ganzen
Verfahrens den Schlüssel noch gar nicht
unter den Requisiten der Praxis kennt.
Es ist dies die sogenannte Psalter- oder
Bibelprobe (Judicium cum psalterio), die
seit dem 16. Jh. vielfach unter dem
Stichwort K. beschrieben wird. Sie
gehört zu einer Gruppe von Divinations-
formen, deren Wesen darin besteht, daß
man die scheinbar spontan eintretende
Drehbewegung eines schwebend aufge¬
hängten Gegenstandes als Äußerung einer
höheren Macht deutet. In den meisten
Fällen bezieht sich diese Äußerung nicht
auf Zukünftiges, sondern auf die Fest¬
stellung einer Schuld oder eines Schul¬
digen, vor allem eines Diebes; es handelt
sich also vorwiegend auf eine „rückwärts
gewendete Weissagung". Es gehören
1519
Kleidomantic
1520
zu diesem Typus außer der Bibelprobe
noch die Kesselprobe, das Brotdrehen
und das Siebdrehen oder der Sieblauf.
Mit Ausnahme der letztgenannten Me¬
thode, die bereits im Altertum bekannt
war (s. Koskinomantie, Sieblauf), be¬
gegnen die sämtlichen genannten Schuld¬
proben unter den Gottesurteilen, die
ursprünglich von der Kirche geduldet
und durch amtliche Mitwirkung sank¬
tioniert, später aber (offiziell 1215 durch
das Lateranische Konzil) als abergläubi¬
sche Handlungen untersagt und verfolgt
wurden 2 ). Sowohl bei der Kessel- wie
bei der Brot probe gibt die Drehung des
Gegenstandes den Ausschlag: Bei der
Kesselprobe galt eine Schuld als erwiesen,
wenn ein unter bestimmten Riten auf¬
gehängter Kessel mit siedendem Wasser
sich zu drehen begann; sie ist wohl zu
unterscheiden von der Probe des kochen¬
den Wassers, bei der der Verdächtigte
den Arm in siedendes Wasser tauchen
mußte und als unschuldig galt, wenn er
sich dabei nicht verbrühte 3 ). Bei der
Brotprobe wurde ein aus Gerstenmehl
und Weihwasser hergestelltes und in der
Messe durch ein Kreuzeszeichen geweihtes
Brot mit einer Spindel durchstoßen, an
der oben eine Drehvorrichtung angebracht
war. An dieser drehbaren Öse wird
das Brot zwischen zwei Zeugen auf-
gehängt, ein ^Priester spricht ein Gebet,
in dem das Brot beschworen wird, sich
im Kreise zu drehen, wenn der Ver¬
dächtige schuldig sei 4 ).
Daß die K. zu dieser Gruppe gezählt
und nicht selten in engem Zusammen¬
hang mit den anderen dazugehörenden
beschrieben wird, verdankt sie dem Um¬
stand, daß zur Aufhängung der Bibel
oder des Gesangbuchs, dessen Drehungen
beobachtet werden, meist ein Schlüssel
verwendet wird. Die ältesten Anweisungen
jedoch setzen an seine Stelle ein Stück
Holz, das in den Psalter hineingebunden
wird. So wird nach der Münchner Hs.
Clm 100 (12. Jh.) 5 ) ein mit einem
Knauf (capitellum) versehenes Holz in
den Psalter an die Stelle des Psalmes
119, 137 „iustus es, Domine, et rectum
iudicium tuum“ eingelegt und das Buch
fest zugeschnürt. Der Knauf wird so
in das Loch eines zweiten Holzes ge¬
steckt, daß es sich darin drehen kann.
Dies Querholz halten zwei Leute, der
Verdächtige muß vortreten. Der eine
der Haltenden sagt nun dreimal zu dem
anderen: „Der hat die Sache“, und dieser
antwortet jedesmal: „Er hat sie nicht“.
Darauf ruft der anwesende Priester unter
Beziehung auf jene Psalmenstelle die Ent¬
scheidung des Höchsten an, wobei er
die Vermittlung der Gottesmutter und
aller Heiligen, besonders des hl. Chry-
santhus, des hl. Daria und des hl. Bran¬
danus erfleht e ). Wenn der Verdächtigte
unschuldig ist, so solle sich das Buch
nach dem Sonnenlauf drehen, umgekehrt
aber, wenn er schuldig ist. Im weiteren
Verlauf des Gebetes wird auch der
Anfang des Johannesevangeliums zitiert.
Ein zweites kirchliches Ritual für die
Psalterprobe, gleichfalls aus dem 12. Jh. 7 ),
ist in der Angabe der zu sprechenden
Gebete noch ausführlicher, dagegen
weniger klar in der Beschreibung der
Ausführung, deren altfranzösischer Text
außerdem mangelhaft überliefert ist. Doch
ist auch in ihr sicher von einem Schlüssel
keine Rede; das Buch wird offenbar
wieder an einem Holz aufgehängt. Den
Ausschlag gibt hier nicht die Richtung,
in der sich das Buch dreht, sondern die
Tatsache der Drehung selbst, die dann
eintritt, wenn der Verdächtigte den Dieb¬
stahl begangen hat. Gleichfalls ein Holz
dient zur Aufhängung des Buches in
einem Bericht des Griechen Baisamon
(2. Hälfte des 12. Jh.s), wonach ein Priester
bestraft wurde, der durch seine Mani¬
pulationen mit einem sich drehenden
Evangelienbuch vielen unschuldigen Leu¬
ten geschadet habe 8 ). Auch in anderen
frühen Erwähnungen des Psalterdrehens,
die bereits Verbotscharakter haben, wird
der Schlüssel nicht genannt ö ); doch
ist es bei dem Fehlen einer genaueren
Beschreibung nicht unmöglich, daß er
in diesen Fällen mitverwendet wurde.
Die erste ausdrückliche Erwähnung des
Schlüssels bei der Psalterprobe dürfte
in einer dänischen Hs. vom Jahre 1514
vorliegen 10 ), die ein gutes Beispiel dafür
1521
Kleidomantie
1522
liefert, daß sich die von der offiziellen
Kirche längst abgeschüttelten Ritualien
des alten Gottesurteils im Volksbrauch
noch lange erhalten haben 11 ). Aus der
in manchen Einzelheiten nicht völlig
klaren Beschreibung ergibt sich, daß zu¬
nächst dreimal ein lateinisches Gebet
verlesen wurde, in dem Jesus gebeten
wird, den Schuldigen zu offenbaren und
den Gerechten freizusprechen. Anschei¬
nend wird dies Gebet auf ein Papier¬
blatt geschrieben und der Name des
Verdächtigen hinzugefügt. Dies Blatt
wird in das Brevier an die Stelle gelegt,
wo der Psalm steht: Miserere mei Deus.
An die gleiche Stelle legt man einen
Schlüssel, und zwar so, daß er oben
und unten hinausragt. Das Buch mit
dem eingelegten Papierblatt und dem
Schlüssel wird nun auf beiden Seiten
von zwei Personen mit je einem Finger
gehalten. Wie die Handlung weiter ver¬
läuft, ist in diesem Bericht nicht an¬
gegeben 12 ). Ein deutsches Zeugnis aus
dem Anfang des 18. Jh.s bringt dagegen
eine sehr klare Schilderung: ,,Sie stecken
einen Schlüssel in ein Psalm-Buch (welche
sie beede nicht gekaufft, noch bezahlet,
sondern ererbet, dahero sie diese Stücke
auch den Erbschlüssel und Erbpsalter
nennen) auf einen gewissen Vers eines
gewissen Psalms, von oben hinein, daß
die Handhabe oben heraussen bleibt,
binden alsdann das Psalm-Buch feste zu,
halten den Schlüssel nur mit denen zween
Zeuge-Fingern, und nennen nacheinander
etliche verdächtige Personen mit Nahmen:
bey welchem Nahmen nun sich der
Schlüssel mit dem Buch herumdrehet,
denselben halten sie vor den Dieb“ 13 ).
Dies ist die gleichsam klassische Be¬
schreibung des verbreitetsten Typus der
K., den wir mit unwesentlichen Ände¬
rungen bis in die Neuzeit verfolgen
können 14 ). Bisweilen wird das Buch
mit dem eingebundenen Schlüssel nicht
von den Fingern (Zeigefingern, Daumen)
des oder der Befragenden gehalten, son¬
dern mittels einer Schnur an die Decke
oder an Tisch und Wand gehängt 15 ),
nach anderer Schilderung fällt der
Schlüssel, obgleich er eingebunden ist.
im entscheidenden Augenblick heraus 16 ).
Charakteristisch für den vorstehend ge¬
schilderten Typus der K. ist die Behelfs¬
rolle des Schlüssels, der in erster Linie
dazu dient, die Achse herzugeben, um
die sich das Buch dreht, und deshalb
auch, wie gerade die ältesten Zeugnisse
beweisen, durch ein Stück Holz ersetzt
werden kann. Damit ist nicht gesagt,
daß nicht auch dem Schlüssel an sich mit
naheliegender Beziehung auf seine Funk¬
tion des Öffnens und Erschließens eine
mantische Fähigkeit beigelegt wurde.
Diese Vorstellung tritt deutlich in einem
zweiten Typus der K. zutage, der sich
zwar an Ausbreitung und Lebensfähigkeit
mit jenem ersten nicht messen, aber
doch in älterer Zeit nicht unbekannt
gewesen sein kann, da sich gerade die
ältesten literarischen Zeugnisse für
K. auf ihn beziehen. Möglicherweise
sprechen auch Umstände der geographi¬
schen Verbreitung mit, denn jene Notizen
stammen von Schriftstellern des romani¬
schen Gebietes. Der erste Autor, bei
dem die Bezeichnung K. überhaupt vor¬
kommt, ist ein nordfranzösischer Anony¬
mus des 16. Jh.s. Er und Delrio, der
von ihm abhängt oder mit ihm aus der
gleichen Quelle schöpft, beschreiben die
K. folgendermaßen: Man wickelt einen
Zettel mit dem Namen des Verdächtigen
um einen Schlüssel und bindet diesen
an ein Bibelbuch. Dies wird von einer
jungfräulichen Person hochgehalten, und
nachdem einige Zauberworte gesprochen
sind, dreht und bewegt sich bei der
Nennung des Namens, falls der Be¬
treffende schuldig ist, der Zettel 17 ). Man
darf wohl annehmen, daß die letzten
Worte so zu verstehen sind, daß sich
damit auch der Schlüssel dreht, der in
den Zettel eingewickelt ist. Hier sehen
wir den Schlüssel eine selbständige Rolle
spielen; seine eigene magische Kraft
wird verstärkt durch das Fluidum des
heiligen Buches, an dem er aufgehängt
ist. Zeugnisse für das Fortleben dieser
Brauchform in späterer Zeit fehlen fast
völlig; aus dem Großstadtaberglauben
der Gegenwart (Wien 1928) wird einmal
angegeben, daß man die Jahre bis zur
1523
Kleidomantie
1524
Heirat an den Drehungen eines Schlüssels
feststellt, den man an ein Gebetbuch
gebunden hat 18 ). Zu bemerken ist, daß
der Zettel mit dem Namen des Schuldigen
auch in einer Beschreibung des ersten
Typus (oben Anm. 12) vorkommt, was
für das Nebeneinanderbestehen beider
Methoden im 16. Jh. sprechen könnte.
Wenn bei einem älteren Autor zum
Stichwort K. nur gesagt wird, daß der
Schlüssel auf die Bibel, und zwar auf
den Anfang des Johannisevangeliums
gelegt wird, so ist dazu wohl zu ergänzen,
daß er sich bei Nennung des richtigen
Namens bewegte oder herabfiel ld ), oder
daß man ihn etwa wie den Zeiger eines
„ Glück srades" durch einen Stoß in
Drehung versetzte und er dann beim
Stehenbleiben mit dem Bart auf den
Schuldigen zeigte 20 ). Eine eigenartige
Verbindung der K. mit der oben 312 ff.
unter „Horchen" behandelten Zukunfts¬
erkundung beschreibt Praetorius 21 ):, »Et¬
liche nehmen einen Erbschlüssel und
einen Knäuel Zwirn, binden den Zwirn
fest an den Schlüssel und bewinden das
Knaul, daß es nicht weiter ablaufen
kann und etwan ein eien oder sechs los
hängt. Dann stecken sie es zum Fenster
hinaus und bewegen es von einer Seite
zur anderen an den Wänden und sprechen
dabei „horch! horch!". Von der Gegend
und Seite her, wohin sie freien werden
und zu wohnen kommen, läßt sich als¬
dann eine Stimme vernehmen". Dem
oben 4, 319 besprochenen „Zaunrütteln"
nahe verwandt ist eine für den Anfang
des 18. Jh.s belegte Abart der K.: In
der Christnacht wirft das Mädchen einen
Erbschlüssel an die Haustür. Wo dann
ein Hund bellt, aus derselben Richtung
wird ihr Freier kommen 22 ).
Die in den jüngeren Belegen fast immer
begegnende Forderung, daß für die Pro¬
zedur keine gewöhnlichen Requisiten,
sondern Erbsclilüssel und Erbbücher ver¬
wendet werden müssen, tritt bereits im
Jahre 1542 (s. o. Anm. 13) auf 23 ). Von
den Bibelstellen, die man mit dem
Schlüssel in Verbindung bringt, gilt der
Anfang des Johannesevangeliums als die
wirkungvollste M ), daneben werden ver¬
wendet die Sprüche, Psalm 119, 137 25 ) >
Ps. 50, 18 26 ). In Anweisungen jüngeren
Datums finden sich außerdem: Hohes
Lied 8, 6f. 27 ), Offenbarung Joh. und
Jes. c. 14 M ), Ruth 1, 16 und Sprüche
19, 5 29 )* Ist das verwendete Buch ein
Gesangbuch, so wurde das Lied „Wir
glauben all' an einen Gott" bevorzugt 30 ).
Interessant ist, daß sich auch das in dem
ältesten Zeugnis (Anm. 5) vorgeschriebene
Zwiegespräch zwischen den beiden Aus¬
übenden mit dem Schema „er hat es
getan — er hat es nicht getan" auch
späterhin noch findet 31 ).
Ebenso wie die K. von der Kirche
nach anfänglicher Tolerierung verdammt
wurde, so dürfte sie auch von den welt¬
lichen Behörden gleich anderen Zaubereien
bestraft worden sein, besonders wenn
sie durch unbegründete Verdächtigung
den Ruf Unschuldiger schädigte. Akten¬
stücke im Archiv der (1911 durch Brand
zerstörten) New-York State Library zu
Albany berichten ausführlich über einen
derartigen Fall in der Kolonie Neu-
Niederland im Jahre 1662: Die Schuldigen
wurden anfangs zum Tode und zur
Konfiskation ihres Vermögens verurteüt,
später wurde die Strafe gemildert, die
Missetäter wurden auf dem Hochgericht
an den Schandpfahl gestellt mit einem
Papier auf der Brust, auf dem geschrieben
stand : „Bibeldreher und Mißbraucher von
Gottes heiligem Wort" #a ).
Was den Ursprung und die Herkunft
der K. betrifft, so liegt für ihren ver¬
breitetsten Typ, die Psalterprobe, und
die davon abgeleiteten Formen die christ¬
lich-kirchliche Wurzel deutlich zutage.
Denn das Hauptrequisit dieses Ordals
war, wie gezeigt wurde, der Psalter oder
die Bibel, also ausgesprochen kirchliche
Gegenstände, während der Schlüssel nur
eine sekundäre Rolle spielt. Nicht un¬
möglich ist es, daß diese Form an die
Stelle eines heidnischen Brauches, z. B.
der Probe des sich drehenden Kessels
getreten ist 33 )„ Die Vermutung, daß
orientalischer Einfluß vorliege **), stützt
sich lediglich auf vereinzeltes Vorkommen
der Schlüsselprobe im Orient des 19. Jh.s
und ist also nicht ausreichend begründet.
1525
Kleidomantie
1526
l ) Oben 1, 1218; 2, 208. s ) Oben 3, 1004 fl.
8 ) Franz Benediktionen 2, 354. 373* (Kirch¬
liche Weiheformel Anfang des 9. Jh.). 4 ) Oben
1, 606. 1641; Franz a. a. O. 2, 360. 385 ff.:
Konjurationen des „hängenden Brotes“ (panis
pendentis) aus Hss. des 9., 10. und 14. Jh.s.
6 ) Rockinger in Quellen u. Erörterungen zur
bayer. u. deutschen Gesch. 7 (1858), 352;
MG. Leges, Sect. 5 (1886), 671; Franz Bene -
diktionen 2, 391 f. 362; Diermanse in NdlTVk.
34, 7. Die Hs. enthält sogar eine freilich nicht
ganz deutliche Zeichnung des Aufhängeverfah¬
rens. •) Da sich von den beiden erstgenannten
Heiligen wertvolle Reliquien in Prüm befanden,
vermutet Franz 2, 362, daß die Hs. von dort
stamme, doch vgl. Diermanse a. a. O. 6
Anm. 23. 7 ) Cod. Paris, lat. 2403 fol. 163
(Nordfrankreich), Text bei Foerster-Kosch-
witz Altfranzös. Übungsbuch* (1921) 171;
MG. Leges, Sect. 5, 636; Franz 2, 363. 392;
Diermanse 8. 8 ) Migne P. G. 137, 724 A;
Franz 2, 338; Diermanse 9; für B.s Leben
und Werke vgl. Hör na Wiener Studien 25,
165. •) Hyltön-Cavallius Wärend och
Wirdarnc 8 2, LII aus einem „Seelentrost“
des 14. Jh.s: „thu skalt ey saltarin lata
löpa“; Des Coninx Summe (1514), hsg. v.
Tinbergen (1907) 269. Dazu vgl. De
Keyser in Tijdschr. v. Nederl. Taal en
Letterkde. 47, 101, der dort 104 aus einer
Genter Hs. Nr. 697 ein Gebet für das Psalter¬
drehen mitteilt, in dem die Erzengel Michael,
Gabriel und Raphael um ihren Beistand an¬
gerufen werden. Der Hsg. glaubt in dieser
Anrufung Spuren kabbalistischen Einflusses zu
sehen. Übrigens dürften auch die Worte Hart-
liebs Buch aller verb. Kunst Kap. 50, hsg. v.
Ulm 34 (im Anschluß an das Brotdrehen):
„es sind mer leut, die söllich loß treiben vnd
Got verbuchen mit einem psalter vnd pinden
daromb ain stol“ auf den in Frage stehenden
Typus der K. gehen; an Stelle des einfachen
Fadens wird zur Verstärkung der Wirkung hier
eine Stola verwendet, um den Schlüssel in den
Psalter zu binden. 10 ) Ohrt Danmarks Trylle-
formier 1 (1921), 429 Nr. 954; De Vries in
Tijdschr. v. Nederl. Taal- en Letterkde. 47, 106.
u ) H. G. v. d. Borne Kümmerlicher Zustand
der Chur- und Mark-Brandenburg (1641) bei
Praetorius Coscinomantia (1677) Eia und bei
Frentz Ruppiner Bauerntum (1929) 32 klagt
darüber, daß sich die Pfarrer und Küster auf
den Dörfern dazu gebrauchen lassen. 12 ) Die
von De Vries a. a. O. 107 gegebenen Details
sind aus dem Wortlaut der Hs. keinesfalls zu
erschließen. In einem Ratsprotokoll von Hel-
singör v. J. 1635 bei Ohrt a. a. O. 431 Nr. 960
heißt es in dem (dänischen) Gebet: „So
wahr und wahrhaftig St. Johannes Christus in
dem Wasser des Jordans taufte und Gott Wasser
in Wein verwandelte zu Kana in Galiläa“;
über die Ausführung verlautet auch hier nichts,
denn die mit ihrer Tochter wegen dieser Zauberei
verhörte Frau erklärte: „Was danach geschah
und was sie danach ausrichteten, wüßte sie
nicht“. 18 ) Pachelbl Ausführliche Beschreibung
des Fichteibergs (1716), abgedr. in Bayer.
Wochenschr. f. Heimat und Volkstum 9 (1931),
336. Die Beschreibung bei Huß Aberglaube 24
ist wörtlich aus diesem Buch entnommen; in
den Hauptpunkten stimmt sie überein mit der
bereits von Boissardus De divinatione (1615)
gegebenen Darstellung. 14 ) Vgl. z. B. (Bou-
hours) Remarques ou Reflexions (1692) 96.
Diese meist von Delrio abhängige, in diesem
Fall aber von ihm abweichende Darstellung
behauptet, nicht das Buch, sondern der Schlüs¬
sel gerate bei der Nennung des Schuldigen in
Drehung, und zwar so stark, daß dabei der
Faden, mit dem er in das Buch eingebunden
sei, zerreiße. Ferner: Grimm Myth. 3, 469;
Bartsch Mecklenburg 2, 341; John Erzgebirge
118. 152; Drechsler Schlesien 2, 242; ZfrwVk.
12, 266. Weitere Literaturangaben bei Heck¬
scher Kulturkreis 358 und Diermanse a. a. O.
4. Nach einer ausführlichen Beschreibung bei
Bang Norske Hexeformularer in Skrifter udg.
av. Vid. Selsk. i Christiania 1901 Nr. 1, 582
Nr. 1302 und De Vries a. a. O. 107 aus dem
Jahr 1830 wurde eine bestimmte Seite des
Psalters in den Querspalt des Schlüsselbartes
gelegt. 15 ) Grimm Myth. 2, 928 nach Stahl
Westphäl. Sagen (1831) 127; Köhler Voigtland
400; Schell Bergische Sagen 210. 14 ) Dähn-
hardt Volkst. 2, 89 Nr. 371. Von dem nicht
fest eingebundenen, sondern nur in das Buch
gelegten Schlüssel wird dasselbe gesagt: Urquell
2, 126. 17 ) Anonymus Moncalvariensis
(s. o. 4, 567 Anm. 23) bei Agrippa Opera 1
(1580), 692, dt. Ausg. 5, 363; Delrio Disquis.
Mag. lib. 4, cap. 2, quaest. 6, sect. 4. 2 (1603),
171. Auf ihn gehen zurück Longinus Trinum
Magicum (i6n)94;Pfuel Electa physica (1665)
150; Anhorn Magiologia (1674) 519; Freuden¬
berg Wahrsagekunst 112. Wenn Bulengerus
De ratione divinationis 3, 38, Opuscula (1621)
223 und Fabricius Bibliogr. antiquaria 8 (1760)
598 zur Erklärung der K. nur angeben „quando
clavi inscribitur nomen furis“, so dürften sie
die gleiche Methode im Auge haben. 18 ) WZfVk.
33, 11. Nach einer ebd. 33, 141 mitgeteilten
Methode genügt auch ein aufgehängter Schlüssel
ohne Buch, s. a. Wuttke § 368. Aus neuerem
Aberglauben werden noch andere Verbindungen
von Buch und Schlüssel berichtet, z. B. man
legt einen Erbschlüssel in ein geschenktes Buch
und stellt seine Fragen; blättert dann das Buch
nach rechts, so bedeutet das eine Bejahung
und umgekehrt. Wenn dabei gefordert wird,
daß an dem Schlüssel ein Bindfaden sein muß,
so ist dies eine sinnlos gewordene Erinnerung
an den auf gehängten Schlüssel: MsäVk. 7, 112
(aus der Zeit des Weltkriegs); der Schlüssel
wird mit zwei Fingern so gehalten, daß er eine
bestimmte Bibelstelle berührt; er regt sich dann
bei Nennung des Schuldigen: E. M. Arndt bei
Heckscher Kulturkreis 107. w ) Fabricius
a. a. O.; Kuhn u. Schwartz 448; Frischbier
Hexenspr. 117. ao ) Oben 2, 209; die dort Anm.
113 angegebene Belegstelle ist unzutreffend.
1527
kleine Leute—Klette
,l ) Saturnalia (1663) bei Grimm Myth. 3, 470
Nr. 954. 2a ) Schultz Alltagsleben 5, vgl.
Lehmann Sudetendt. Vkde. 133. Zur Vor¬
nahme der Schlüsselprobe in der Christnacht vgl.
Bayer. Wochenschr. f. Heimat u. Volkstum 8
(* 93 °)» 5 - 23 ) Das norwegische Rezept bei
Bang Hexeformular er Nr. 1302 (s. Anm. 14)
v. J. 1830 verlangt, daß der Schlüssel während
dreier Julnächte im Schloß gesteckt habe.
24 ) (Bouhours) Remarques ou Reflexions (1692)
96; Fabricius Bibliogr. antiquar .* (1760) 598;
Grimm Myth. 2, 928. 25 ) In dem kirchlichen
Formular für das „iudicium cum psalterio“
aus dem 12. Jh., oben Anm. 5. 26 ) Zu dem
dänischen Ms. v. J. 1514, oben Anm. io, vgl.
auch Ohrt Trylleformler 1. 27 ) Fogel Penn -
sylvania 64 Nr. 201 (Liebesorakel!). 28 ) Oben
2, 208. 28 ) Eckhof De draaiende teems en de
draaiende bijbel in Nederl. Archief voor Kerk-
geschiedenis N. S. 8 (1911), 216. 221. ^ Heck¬
scher Neustadt 52. Das norwegische Rezept
v. J. 1830 (Anm. 14) schreibt ein Lied „Schlaft
ihr, wie könnt ihr schlafen?“ vor. 31 ) Kuhn
u. Schwartz 448; F rischbiexHexenspr. 117;
Diermanse NdlTVk. 34, 2. Auch wird das
„Arfbok“ selbst mit einem Vers angesprochen:
Bartsch Mecklenburg 2, 341. 32 ) Eckhof
a. a. O. 224 f. 230 f. Oben 3, 1007. M ) Eck-
hof a. a. O. Boehm.
kleine Leute s. Zwerg.
kleiner Finger s. Finger §16.
Kleinkindersteine s. Kindersteine.
Klette (Arctium Lappa, Lappa offici-
nalis).
1. Botanisches. Korbblütler (Kom¬
posite) mit kräftigem Stengel und großen
Blättern. Die Blütenköpfe sind mit Hüll¬
blättern versehen, deren Spitzen haken¬
förmig gekrümmt sind. Infolgedessen
bleiben die Blütenköpfe bzw. die Frucht¬
stände leicht an vorbeistreifenden Tieren
haften x ).
*) Marzeil Kräuterbuch 333 ff.
2. Wenn man an Johanni zwischen
11 und 12 Uhr mittags einen K.nbusch
ausgräbt, so findet man darunter Kohlen,
die ,,zu mancherlei Dingen gut sind“
oder jede Krankheit heilen 2 ). Das gleiche
behauptet man auch vom Beifuß (s. d.).
Schulenburg, der mit einem wendi¬
schen Bauern unter den Wurzeln einer K.
nachsah, sah in einem Falle, daß die
„Kohlen“ altes, mürbe gewordenes Holz
unter der Erde waren 3 ). Es ist dies um
so leichter möglich, als die K. häufig auf
Ruderaist eilen, in der Nähe menschlicher
Siedelungen usw. wächst.
a ) Kuhn u. Schwartz 393; Bartsch
Mecklenburg 2, 291; Schulenburg 252; Wirth
Beiträge 6/7, 7. 3 ) Schulenburg 141 Anm. 5.
3. Die K. gilt (wegen der stachligen
Blütenköpfe? s. Domsträucher) als apo-
tropäisch. Ein K. nblatt unter dem Butter¬
faß bewirkt die schnellere Bildung der
Butter 4 ). An Johanni steckt man große
K.noder Beifuß (s.d.) über das Tor, durch
welches das Vieh geht, damit es nicht
behext wird 5 ), oder es werden K.n aufs
Dach geworfen, um „böse Menschen“
abzuhalten 6 ). K.n in die Haare geflochten,
vertreiben den Teufel 7 ). K.nwurzel, am
1. Mai mittags 12 Uhr stillschweigend aus
der Erde gehackt und im Hause umher¬
gestreut, vertreibt die Ratten 8 ). Den
Kühen, die zum Faselochsen geführt
wurden, steckte man geweihte K.n (des
Kräuterbüschels) in den Schwanz, damit
die Hexen dem Tier nichts anhaben
können (Unterfranken) 9 ). Ähnlich werden
im Ermland den Milchkühen am ersten
Weidetag K.n zwischen den Hörnern be¬
festigt 10 ). Auch in Bosnien und in Alba¬
nien l2 ) scheint die K. als antidämo¬
nisch zu gelten.
4 ) Frischbier Hexenspr. 124. 5 ) Neue
Preuß. Provinzialblätter 6 (1848), 229. 8 ) Trei¬
chel Westpreußen X, 447. 7 ) Gräber Kärnten
298. 8 ) Curtze Waldeck 399. ®) Mitt. u. Umfrag,
z. bayer. Volkskde. N. F. 1911, 211. 10 ) Philipp
Beitr. z. Ermländ. Volkskunde 1906, 125.
n ) WissMittBosnHerc. 2, 440. 12 ) Gubernatis
Plantes 2, 34.
4. Die K. ist ein altes Sympathie¬
mittel. Schon Plinius sagt, daß die
„lappa canaria“ (ob allerdings damit
unsere K. gemeint ist, bleibt zweifelhaft)
ohne Anwendung von Eisen ausgegraben
(sine ferro effossa) werden müsse, sie sei
dann ein Mittel gegen Krankheiten der
Schweine. Beim Ausgraben müsse man
sagen: „haec est herba argemon, quam
Minerva repperit subus remedium, quae
de illa gustaverint“ 13 ). Nach (Pseudo-)
Apuleius 14 ) hilft die K. gegen Fieber 15 ).
„Ein geheimes Mittel wider die Schweine
(= Schwinden)“ bringt das „Albertus-
Magnus-Büchlein“ 16 ): „Man kann drei
Klettenwurzeln an einem Feiertage
(wohl mißverständlich für „Freitag“) vor
1529
klingeln, klingen
1530
Sonnenaufgang ausgraben, von jeder
Wurzel drei Rädlein schneiden, in ein
Tüchlein nähen, über das schwindende
Glied binden und es zwei bis drei Tage
lang darauf liegen lassen, hernach es
wieder wie zuvor nehmen und solang
Gebrauch davon machen, bis das Glied
nicht mehr schwindet. Die Wurzeln
mögen grün oder dürre sein, welches gleich¬
viel ist, wenn sie nur an einem Feiertage
vor Sonnenaufgang gegraben worden sind.
Ist an vielen Menschen und Vieh probirt
worden“ 17 ).
An der gleichen Stelle 18 ) findet sich das
Rezept: „Daß man einen Schaden heilen
kann an Menschen und Roß. Man
schneide einen Klettenbusch ab und leg*
ihn ins Haus, daß er welk wird, darnach
muß man einen Faden von einer Spindel
nehmen, der nie gewaschen worden ist,
und sprich: Klettenbusch, ich binde dich,
daß du dem Menschen oder was es ist, den
Schaden heilest, das für Beulen, für
Schwellen, für Schweine und Schwinden
und alles gut ist, was dir fehlen mag; nimm
den Faden doppelt und fahre um den
Busch, wo er am dicksten ist, herum,
im Namen Gottes des Vaters, und mache
einen Knopf, und dann noch einmal
herum im Namen Gottes Sohnes, und
wieder einen Knopf, und dann fahre zum
drittenmal herum im Namen des hl.
Geistes und mache wieder einen Knopf
und sprich wieder: was ich und du nicht
heilen kann, das heile die heilige Drei¬
faltigkeit: darnach leg den Busch wieder
an einen Ort, da keine Luft zukann, so
heilet der Schaden von Grund aus“ 19 ).
Gegen Maden gehe man stillschweigend
zu einem K.nstrauch, nehme einen Mauer¬
stein in die Hand und denke bei sich:
Klettenblatt, ich würge dich,
Klettenblatt, ich laß dich nicht los
Bis das Tier die Maden los
(Neu-Ruppin) *°).
Gegen die „aufsteigende Gebärmutter“
(Globus hystericus, Uteruskolik 21 )) legt
man der Frau ein großes K.nblatt in die
Strümpfe, so daß sie mit bloßen Füßen
darauf geht; legt man ihr dagegen ein
solches Blatt aufs Haupt, so steigt die
Gebärmutter in die Höhe 22 ). Das Mittel
stammt wohl aus der „gelehrten“ Sym¬
pathiemedizin, scheint aber hin und
wieder ins Volk gedrungen zu sein **). Es
nimmt wohl Bezug auf die Vorstellung
der Gebärmutter als „Stachelkugel“
(stachlige Fruchtstände der K.). Gegen
heftige Krämpfe legt man die K. unter
das Bett 24 ). Gegen Konvulsionen hängt
man dem Kinde K.nwurzel an 2& ). Auch
gegen Augenkrankheiten hängt man K.n¬
wurzel um 26 ). Der Weichselzopf soll
durch K.nsamen erzeugt werden 27 ). Die
K.nwurzel soll den Haarwuchs befördern
bzw. den Haarausfall verhüten M ). Diese
Verwendung geht wohl auf die Signaturen¬
lehre zurück (Vergleich der Fruchtstände
mit einem stark behaarten Kopf !). Das
als „Klettenwurzelöl“ bekannte Haaröl
hat übrigens mit der Pflanze nichts zu
tun *•).
13 ) Plinius Nat. hist. 24, 176. 14 ) De medicam.
herbar. rec. Ackermann 1788, 197. IS ) Als
Sympathiemittel gegen Fieber in den Ver.
Staaten von Amerika: Bergen Animal and
Plant Lore 110. 16 ) 20. Aufl. Toledo 1, 20.
17 ) Vgl. Bartsch Mecklenburg 2, 153. 1B ) a.
a. O. 2, 44. 19 ) Vgl. auch WürttVjh. 13,
196; über eine Besegnung „De Lappacis“
aus dem 14. Jh. vgl. Schönbach Berthold
v. R. 145. *°) ZfVk. 8, 308. «) Höfier Krank¬
heitsnamen 681 f. 22 ) Schröder Apotheke 1693,
889; Staricius 1682, 546; Tharsander 3
( 1735 ). 535 ; Zedier 3, 443. 23 ) Martin u.
Lienhart Elsäss. Wb. 2, 861. 24 ) Marzell
Bayer. Volksbotanik 165; vgl. auch ZfrwVk. 3,
127. 26 ) Fogel Pennsylvania 291; vgl. auch
Tabernaemontanus Kreuterbuch 2 (1731),
1158. 24 ) Fossel Volksmedizin 92. * 7 ) Wuttke
349 § 523. 28 ) z- B. Schmidt Kräuterbuch 45;
Schulenburg Wend. Volksth. 104. **) Mitt.
Gesch. Med. u. Naturw. 5 (1906), 191.
S. auch Spitzklette. Literatur: H. Marzell
Die Klette im Volksglauben . In: Natur-
wissensch. Wochenschr. N. F. 12 (1913), 23—26.
Marzell.
klingeln, klingen. Klingen spielt zu¬
nächst im Erfahrungsaberglauben
eine Rolle.
1. Daß das Ohrenklingen (s.d.) als un¬
erklärliche Zufälligkeit eine besondere
Bedeutung hat, weiß schon Plinius. Er
sagt (28,2): absentes , tinnitu auriutn
praesentire sertnones de se receptum est .
Auch die Griechen kannten diesen Aber¬
glauben, wie ihr Ausdruck ßojxßos be¬
weist 2 ). Im deutschen Volksglauben der
klingeln, klingen
1531
1532
Gegenwart ist die gleiche Anschauung
noch lebendig, doch mit der Abstufung,
daß das Klingen des rechten Ohres gute,
das des linken schlechte Nachrichten be¬
deute 8 ). Häufiger noch heißt es: Klingt
es dir im rechten Ohr, so sagt man etwas
Wahres oder Günstiges, klingt es im
linken, so sagt man eine Lüge oder Un¬
günstiges von dir 4 ). Wem die Ohren
klingen, der wird belogen, sagt die Chem¬
nitzer Rockenphilosophie 6 ). Auch Gegen¬
mittel gegen Verleumder werden ange¬
geben. Beißt man in den oberen Haft
seines Hemdes, so wächst jenem eine
Blase auf der Zunge 6 ). Oder man nenne
die Namen aller Bekannten, so wird bei
Nennung des rechten das Klingen auf¬
hören 7 ).
l ) Stemplinger Aberglaube 27. 2 ) Grimm
Myth. 1, 935. 3 ) Stemplinger Aberglaube
27. 4 ) Grohmann 222, 1547. *) Grimm
MV**- 3 > 437 - 6 ) Ebd. 3l 462. 7 ) Groh¬
mann 222. 1546.
Glockenläuten (s. läuten) wird in
katholischen Gegenden noch heute beim
Gewitter gegen Blitzgefahr geübt. Darauf
ist es wohl zurückzuführen, daß eine sieben-
bürgische Sage von der Glocke zu Buzd
berichtet, sie hätte einen so hellen Klang
gehabt, daß die Hermannstädter sie hätten
besitzen wollen 8 ). In Frankreich wird
dem Glockenklang die gleiche Kraft bei¬
gemessen ®); doch sagt man auch weiter¬
hin von dem Klingen der Gläser und
Flaschen, das bei einem Zechgelage
unvermeidlich ist, das gleiche. So bei
Rabelais I, 99: longues beurettes rompent
le tonnoire 10 ). Das Klingeln mit dem
Schlüsselbunde am Karsamstage wäh¬
rend des Gottesdienstes vertreibt nach
einer westböhmischen Meinung die
Mäuse u ).
*) Müller Siebenbürgen 80. •) Gerhardt
Französische Novelle 91. l0 ) Oeuvres de Rabe¬
lais par Burgoud des Marets et Rathery, 3 *
Edition, Paris (s. a.) 2, 1, 99. U) John West¬
böhmen 265.
Vereinzelt wird ein Klingeln auch als
Todes Vorzeichen gedeutet. Starkes
Klingen der Glocke kündet den Tod
an 1J ); Tischlern macht sich ein naher
Sterbefall an dem Klingen der Sägen 18 ),
Totengräbern an dem Anein an der-
klingen der Hacken und Spaten be¬
merkbar 14 ).
ia ) John Westböhmen 165. 13 ) Urquell 1
(1890), 8. 14 ) John Erzgebirge 117.
2. Ein unerklärliches Klingen deutet
der Volksglaube zuweilen auch als An¬
zeichen für die Gegenwart von
Geistern, verwunschenen Menschen
und Schätzen.
Zwerge und Kobolde finden sich
in der Vorstellung des Volkes mit Schellen,
die lieblich klingen, behängen vor 16 );
zuweilen bedingen sie sich als Lohn für
einen geleisteten Dienst ein Schellenkleid
aus, so der Mecklenburger Pück vom
Jahre 1559 lö ). Das Volk führt diese Tat¬
sachen auf die Musikliebe der Geister
zurück, ebenso wie ein geheimnisvolles
Klingen als Musik von Berggeistern
gedeutet wird. Im Aargau zieht der
wilde Jäger 17 ) und in der Mark Frau
Gode 18 ) mit Schellengeläute durch Wald
und Feld. Bisweilen ist ein solches Klingen
das Vorzeichen für ein fruchtbares Jahr.
So verheißt im Elsaß der Klang des
Glöckleins des „Schellmännleins“ ein gutes
Weinjahr 19 ).
Ob, wie Rochholz will 20 ), das Klingen
und Läuten der Geister, ihre Schellen-
gewänder und Kappen ihren Ursprung
aus den kultischen Wald- und Feld¬
umzügen mit den auf ehernen Rollen
laufenden Götterwagen der heidnischen
Zeit genommen haben, läßt sich nicht
erweisen und bleibt auch zweifelhaft.
Sicher wird in einem großen Teil der Fälle
zum wenigsten die Vorliebe des Volkes,
einen geheimnisvollen Vorgang zu er¬
klären, zur Entstehung des Glaubens und
seiner Verbindung mit dämonischen Wesen
beigetragen haben.
Aus den heidnischen Fruchtbarkeits¬
umzügen sind aber sicher die Umzüge
der Fastnachtsnarren mit ihrem Ge-
schelle entstanden. So wird von einem
solchen Lärmumzug aus Graubünden
(„Chalanda Marz“) berichtet, der zum
Frühjahr von jungen Burschen, die sich mit
Schellen behängen und diese heftig läuten,
ausgeführt wird, um zu bewirken, daß das
Gras wachse 21 ). Ein kümmerlicher Rest
dieser Sitte des Einläutens, das sicher
1533
Klin (g)sor—klopfen
1534
dazu dient, die Natur auf zu wecken,
hat sich noch im Anhaitischen erhalten,
wenn dort das Schlagen der Erwachsenen
mit Ruten durch Kinder, wie es am Sil¬
vestertage geübt wird, ,,Nachtklingeln“
genannt wird 22 ).
15 ) Rochholz Sagen 1, 212. 18 ) Studemund
Mecklenburg. Sagen 172. 17 ) Rochholz Sagen
1, 109. 18 ) Kuhn Märk. Sagen 217. 19 ) Stöber
Elsaß 202. *°) Rochholz Sagen 1, 372. 21 ) Ebd.
I. 373. 22 ) Z*Vk. 6 (1896). 431.
Verwunschene Personen geben ihre
Anwesenheit durch Klingeln kund. So
steht bei Neiße eine Kapelle, aus der man,
wenn man dreimal um sie herumläuft,
einen verwunschenen Geistlichen klingeln
hören konnte 28 ). Dreißig verwunschene
Ritter, die im Spitzberge bei Brüx einer
böhmischen Sage zufolge hausen, bannen
den, der auf einem bestimmten Wege
den Berg hinansteigt, durch Klingeln auf
der Höhe fest. Erst nach 3 Tagen wird
er, gleichfalls durch Klingeln, wieder frei-
gegeben M ).
Verwunschene Schätze sinken zu¬
weilen mit Klingeln wieder in die Tiefe,
wenn die Person, die in der Lage ist, sie
zu heben, bei ihrer Aufgabe versagt. So
erging es einem Bauern in Tirol, der,
mit einer solchen Hebung beschäftigt,
davoneilte, als sein Gespann von Wölfen
angefallen wurde 26 ).
M ) Kühnau Sagen 1, 308. 24 ) Ebd. 1, 554.
25 ) Heyl Tirol 393. Tiemann.
Klin(g)8or, nach der mittelalterlichen
Sage ein gelehrter Schwarzkünstler und
Teufelsbanner. In Wolframs von Eschen¬
bach „Parzival“ wird er (als Clinschor)
mehrfach erwähnt. Ihm ist „staeteclichen
bi der list von nigrömanzi, daz er mit
zouber twingen kan beidiu wib unde
man“ (617, 11 ff.). Er ist Nachkomme
des Zauberers Virgilius (s. d.) von Neapel
(656, 17). Seine Zauberei hat er in
„Persidä“ J ) gelernt (657, 28). Im
Sängerstreit auf der Wartburg
spielt der Zauberer Kl. von Ungerland
die Schiedsrichterrolle zwischen Heinrich
von Ofterdingen, den er auf einem
Zaubermantel von Siebenbürgen nach
Eisenach zurückgetragen, und den übrigen
Sängern. Die Sage spricht auch von
seiner Prophezeiung, daß der junge Land¬
graf Elisabeth von Ungarn ehelichen
werde, und von dem Wettstreit mit
Wolfram von Eschenbach, dei^ er mit
Hilfe eines Geistes Nasias oder Nosion
ausfocht 2 ). Die Wiltener Handschrift
legt ihm ein längeres Gedicht „der helle
(Hölle) krieg“ bei 8 ).
*) Die Überlieferung von dem Land Persidä
(bei Wolfram ist es eine Stadt) geht durch
Honorius von Augustodunum Imago
mundi ( 1 . I, c. XIV: Persidä ... in hac primum
orta est ars magica), Isidor Etymologiae
( 1 . IV, c. III, 12: In Persidä primum .. . .)
auf Plinius zurück NH. (30, 3: sine dubio
illic orta est [ars magica] in Perside a Zoro-
astre). 2 ) Bechstein Thüringen 145 ff.; aus¬
führlicher: Heßler Sagenkranz aus Hessen-
Nassau 171 ff. 8 ) Zingerle in Germania 6,
295 ff. (nach Koberstein Gesch. d. dt. Nat.-
Lit* 1, 249 A. 32). Hoffmann-Krayer.
klirren ohne erkennbaren Grund oder
unerklärliche klirrende Geräusche gelten
allgemein als Todesvorzeichen. K.
die Fenster 1 ), Ketten 2 ), oder klirrt es
in der Stube, als ob Geschirr herabfalle 8 ),
so heißt es, jemand in der Freundschaft
sei gestorben oder werde in Kürze sterben.
Wenn bei einem Tischler die Sägen k.,
so weiß er, daß er bald einen Sarg an¬
fertigen wird 4 ). Ebenso sagt man, daß
das Henkerbeil klirrt, wenn es in der
nächsten Zeit gebraucht werden wird 5 ).
Wer in den Zwölften die Friedhofstür
k. hört, muß binnen Jahresfrist sterben 4 ).
Vereinzelt findet sich im Westfälischen
die Meinung, daß das K. der Kaffee¬
tassen im Schranke eine bevorstehende
Kindtaufe anzeige 7 ).
Alle diese abergl. Meinungen sind
sicherlich durch prälogische Ana¬
logieverknüpfung eines k.den Ge¬
räusches mit einer zufällig darauf folgen¬
den Begebenheit entstanden.
l ) Hartmann Dachau und Bruck 222, 74.
*) Höhn Tod 310. 3 ) Köhler Voigtland 394
und 573. 4 ) John Erzgebirge 116. 6 ) Angst -
mann Der Henker in der Volksmeinung in.
•) John Erzgebirge 114. 7 ) ZfrheinVk. 4, 110.
Tiemann.
klopfen.
1. Allgemeines und Verbreitung. 2. K. als
Sprache der Geister. 3 . K. als Zaubermittel
der Menschen.
1. a) Erscheinungsformen: Der
Übersichtlichkeit halber werden hier einige
1535
klopfen
allgemeinere Gedanken den Einzelaus-
führungen vorangesetzt. Die Belege
werden jedoch erst bei der Darstellung
dieser auf geführt werden. Aberglauben,
der an k. anknüpft, begegnet uns heute
in zwei Arten. Einmal glaubt man, daß
Geister sich durch Klopfgeräusche ver¬
ständlich machen. Meistens ist damit
die Meinung verbunden, daß die Menschen
durch sie eine üble, warnende oder (sel¬
tener) günstige und glückbringende Pro¬
phezeiung erhalten. Zweitens wird k.
von den Menschen selbst als zauber¬
wirkendes Mittel gebraucht, auch wieder
in einer Zweiteilung in Abwehrzauber
böser Mächte und in Frucht barkeits-
und Bannzauber für gute Dämonen,
b) Entwicklungsgeschichte. Es
ist wahrscheinlich, daß k. als Geister¬
sprache die ältere Form dieses Aber¬
glaubens darstellt, wenn auch nicht ver¬
gessen werden darf, daß viele jener Klopf¬
geister ihre Entstehung einer aus einem
prälogischen Analogieschluß hervorge¬
gangenen Erfahrungstatsache verdanken
werden. Doch zeigen die Formen, in
denen k. von den Menschen zum Zauber
benutzt wird, vor allem jedoch die der
Natur der Klopfgeister entsprechende
Zweiteilung in Abwehrzauber und in
Segenszauber, daß wir es in diesem Falle
mit einer magischen Nachahmung der
Geistersprache durch den Menschen zu
tun haben. Denn die Dämonen ver¬
ständigen nicht bloß den Menschen von
einem bevorstehenden Ereignis, sondern
sie üben durch das K. auch einen magischen
Zwang auf ihn aus, sei es, daß er ihnen,
als den Totengeistern, folgen muß, oder
daß sie als Vegetationsdämonen Frucht¬
barkeit, Gesundheit, Reichtum herbei-
führen. In ganz analoger Weise kann
der Mensch nach dem Volksglauben
durch K. das gleiche Unglück hervor-
rufen oder, im Abwehrzauber, bannen,
und andrerseits Fruchtbarkeit, Gesund¬
heit usw. herbeizwingen. Schließlich
deutet auf diese Entwicklungsgeschichte
noch der Umstand hin, daß wir in den
Klopfnächten (s. d.) eine Linie von Geister¬
umzügen zu kultischen Feldumzügen und
schließlich als Erstarrungsform zu Heische-
und Belustigungsumzügen verfolgen kön¬
nen.
c) Die Verbreitung der abergl. Mei¬
nung hinsichtlich des K.s reicht histo¬
risch in die ältesten Zeiten zurück und
geographisch über die ganze Erde. Wir
finden sie bei Griechen und Römern l );
vielleicht ist die Stelle bei Horaz, Carm.
1, 4, 13: ... pallida mors aequo pulsat
pede . .. auch ein Anklang an sie. Aus
dem 9. Jh. wird uns von einem Klopfgeist
in einer Kirche berichtet 2 ). Die Belege
aus dem deutschen Mittelalter sind
so zahlreich, daß sie unmöglich alle einzeln
aufgeführt werden können: Die Zim-
itiernsche Chronik z. B. erzählt von
klopfenden Dämonen 3 ); auf den gleichen
Glauben spielt Shakespeareim „Othello“
IV, 3, 22 ff. an, wenn Desdemona sagt:
... „Hark, who is't that knocksl ...“ 4 ).
Die Klöpfelsnächte erwähnt J. Boemus
in seinem De omnium gentium ritibus
v. J. 1520 5 ). Schon früher spielen die
Fastnachtsspieldichter Folz und Rosen-
plüt auf sie an 6 ). In den Augsburger
Malefizakten v. J. 1602 wird ihrer
aufs neue Erwähnung getan 7 ). Auch
bei den primitiven Völkern ist der Glaube
an klopfende Geister vorhanden, so z. B.
bei den Dajaks, Siamesen und Singha-
lesen 8 ). Bei den Kultumationen der
Gegenwart schließlich lebt er in mannig¬
facher Ausgestaltung weiter; ja er hat
durch das in den 70er Jahren des vorigen
Jahrhunderts wieder aufkommende Tisch¬
rücken und Tischklopfen, das jedoch
schon in der hellenistischen Zeit geübt
wurde, sogar in gebildeten Kreisen Ein¬
gang gefunden 9 ).
*) Grimm Myth. 2, 702. *) Tylor Cultur
2, 465. 3 ) Zimmernsche Chronik (Bibi. d. lit.
Vereins Stuttgart) 3, 128 ff. und 131 ff.
4 ) Ackermann Shakespeare 70. *) Reuschel
Volkskunde 2, 42. •) Meyer Baden 195 ff.
7 ) Birlinger Schwaben 2, 8. •) Tylor Cultur
2, 464. •) Ebd. 2, 465; Wuttke 256 § 372.
2. a) K. als Geistersprache
tritt uns im Volksglauben zunächst in
der Form entgegen, daß diese dadurch
ihre Anwesenheit verraten 10 ). Sie poltern
und k. im Hause umher, um die
Menschen zu necken und zu quälen 11 ).
Zuweilen kann man mit ihnen reden 12 );
1537 klopfen 1538
zauberkundige Leute können sie mit Hilfe
von Bibel und Gesangbuch vertreiben 13 ).
b) Meistens aber verkünden die
Geister durch das K. den Menschen
den baldigen Eintritt irgendeines Er¬
eignisses; die Fälle, in denen K.
Todesbotschaft ist, überwiegen 14 ).
Wenn es unbegründet im Hause pocht 15 ),
wenn die Totenuhr tickt 16 ), wenn es zur
Nacht an Fenster, Türen oder Läden
klopft und beim öffnen niemand draußen
steht 17 ), so kündet es den baldigen
eigenen Tod an oder, besonders wenn
ein Kranker im Hause ist, den eines Haus¬
genossen oder das bevorstehende Ab¬
leben eines entfernten Verwandten oder
Bekannten. Natürlich spielen hierbei
hervorragende Zahlen, dreimaliges K.,
Tod in drei Tagen, und außergewöhn¬
liche Zeiten, die Nacht, die Zwölften 18 ),
eine besonders wichtige Rolle.
Es lebt in dem Volke die Vorstellung,
daß die Seelen der Abgeschiedenen, die
Totendämonen, es sind, die den nächsten
Toten zu sich rufen. Auch der Tod selbst
kommt nach dem Volksglauben ja häufig
zuerst als Bote 19 ). Die Bevorzugung
der Zwölften und besonders das Verbot,
auf nächtliches K. zu antworten 20 )
oder mit der direkten Frage: „Wer
klopft? 1 * zu erwidern 21 ), das wir in
einigen Gegenden Deutschlands an treffen,
beweisen diese mythische Grundlage des
Glaubens. Denn es heißt, daß die Toten¬
geister oder der Tod, sobald man ant¬
worte, die Macht bekämen, den betreffen¬
den mitzunehmen, schweige man aber,
so müßten sie unverrichteter Sache
wieder abziehen und sich ein anderes
Opfer suchen. Wöchnerinnen, also be¬
sonders gefährdete Personen, dürfen in
Schlesien auf ein K. an die Tür
der Wochenstube überhaupt nicht ant¬
worten , wollen sie nicht schweren Schaden
davon tragen 22 ). Diese Meinung hat die
Sitte herausgebildet, an die Stube, in
der die Wöchnerin sich aufhält, niemals
anzuk. Hierzu paßt auch, daß
die Juden Galiziens in Epidemiezeiten
aus Furcht vor der Pestfrau nachts die
Tür nur auf dreimaliges K. hin öffnen 24 ).
c) In einer Reihe von Meinungen ist
Bäcbtold*Stäubli, Aberglaube IV
es der dem Tode Verfallene selber,
der entfernte Verwandte oder Nachbarn,
die zur Hilfeleistung verpflichtet sind,
in der Stunde seines Ablebens durch
K. benachrichtigt 25 ). Gewöhnlich ver¬
läuft der Vorgang so, daß es zuerst zwei¬
mal an die Tür klopft, ohne daß jemand
Einlaß begehrt; beim dritten K. aber
findet man einen Boten vor der Tür, der
den erfolgten Tod meldet und die Benach¬
richtigten auf fordert, ihre verwandt¬
schaftliche oder nachbarliche Pflicht zu
tun
d) Der Möglichkeit, die Macht der
Totengeister dadurch unwirksam
zu machen, daß man auf nächtliches
K. hin schweigt, ist schon unter
2b Erwähnung getan. Als passiver Ab¬
wehrzauber wird noch aus Böhmen be¬
richtet, daß einem Kinde der bevor¬
stehende Tod des Vaters oder der Mutter
durch dreimaliges nächtliches K.
an sein Bett angezeigt wird, und daß es
diesen abwenden kann, wenn es bereits
beim ersten K. erwacht. In diesem Fall
soll der Geist das Zimmer durchs Fenster,
in jenem durchs Schlüsselloch verlassen 27 ).
e) Umgehende Geister warnen bis-
weüen durch K. die Menschen vor einer
Begegnung mit ihnen. So berichtet
Schönwerth aus der Oberpfalz von einem
weiblichen Wassergeist, der beim Ver¬
lassen des Teiches, in dem er wohnte,
an einen bestimmten Baum klopfte, so
daß jeder die Stelle meiden konnte 28 ).
f) Neben den Seelendämonen stehen
die Fruchtbarkeitsgeister, die auch
ihre Anwesenheit den Menschen durch
K. kund tun. Doch treten sie im Aber¬
glauben der Gegenwart sehr zurück. Es
bleibt zweifelhaft, ob der Kobold, der
um 1695 zu Lauter in Sachsen in einem
Hause so lange rumorte, bis die Frau ein
Kind geboren hatte, zu ihnen zu rechnen
ist 29 ). Sicher aber sind die Geister, die
nach hessischem Glauben in der Nacht
vom 26. zum 27. Dezember im Lande
umherziehen und durch K. Ge¬
deihen der Felder und neues Leben her-
vorrufen sollen, als Fruchtbarkeitsdämonen
anzusprechen 30 ). Auch der Bergmann
kennt, allerdings in entsprechender Ab-
49
1539
klopfen
1540
Wandlung ihrer Funktionen, diese k.den
Fruchtbarkeitsdämonen; nach seiner
Überzeugung verraten sie ihm durch ihr
K. die Stellen, wo reiche Schätze in der
Erde ruhen; daneben scheinen sie jedoch
auch teilweise die Stellung von Seelen-
geistern zu haben, denn sie warnen ihn
vor drohenden Gefahren im Schacht 31 ).
g) Es besteht nach dem Volksglauben
die Möglichkeit, die Klopfgeister durch
gewisse magische Manipulationen zur
Manifestation zu zwingen. Doch
stets ist deren Natur die von Toten¬
geistern. Auf dieser Überzeugung beruht
das Wesen des Spiritismus 32 ) (s. d.).
10 ) Keller Grab 1, 94. u ) Wolf Beiträge
2, 344. 12 ) Meiche Sagen 261 Nr. 338. 13 )
Köhler Voigtland 534. 14 ) Grimm Myth.
2, 702. 15 ) Birlinger Schwaben 1, 224;
ders. Volksth . 1, 474; Drechsler 1, 286;
Egerl. 3 (1899), 59; John Erzgebirge 113;
Köhler Voigtland 394; Lammert 99; SAVk.
2, 218; 8, 272; Wuttke 224 § 320. 1# )
ZfrheinVk. 11 (1914), 264. 17 ) Ackermann
Shakespeare 78; Drechsler 1, 286; Grimm
Myth. 3, 474; Höhn Tod 309. 310; John
Erzgebirge 116; Keller Grab 1, 94; Köhler
Voigtland 573; Meiche Sagen 237 Nr. 299;
Meyer Baden 578; SAVk. 8, 272; Schell
Bergische Sagen 474 Nr. 24. 18 ) ZfVk. 1 (1891),
179. 19 ) Kühnau Sagen 2, 534. 20 ) Ebd.
534- 21 ) Vonbun Beiträge 15. 22 ) ZfVk.
3 ( i8 93)» *49- 23 ) Drechsler 1, 204. 24 )
Krauß Slav. Volkforschungen 106. 2ß ) Urquell
4 ( i8 93 )» j 9- 28 ) Schell Bergische Sagen 99
Nr. 39; 404 Nr. 16; ZfrheinVk. 5 (1908), 242.
* 7 ) Grohmann Sagen 70. **) 2, 199
Nr. 4. 29 ) Meiche Sagen 261 Nr. 338.
80 ) Kolbe Hessen 27. 31 ) Tylor Cultur 2, 465.
32 ) Ebd. 2, 464 ff.
3. In diesem letzten Abschnitt fassen
wir die große Menge menschlicher Zauber¬
handlungen, die im Alltag durch K. be¬
wirkt werden, zusammen:
a) Dem Versuche böser Geister, durch
K. den Menschen in ihre Gewalt zu
bringen, entspricht beim Menschen der,
durch die gleiche Handlung sich vor ihnen
zu schützen. So tritt K. als Abwehr¬
zauber in verschiedenen Gestalten auf.
Am verbreitetsten ist seine Erscheinung
als Gegenzauber gegen den bösen
Blick 33 ). Wenn man ein Kind 34 ), das
Vieh 35 ) seine eigne Gesundheit oder die
eines anderen *•) lobt, so muß der Lobende
oder der Gelobte dreimal mit dem Finger
gegen den Tisch klopfen (vgl. das eng¬
lische „touching wood“), will er nicht
beschreien oder beschrien werden. Zu¬
weilen wird als Verstärkung noch ein
Beiwort hinzugesetzt, wie z. B. in Braun¬
schweig „unberufen“ 37 ) (s.1,90). Wenn
eine Wöchnerin nach ihrer Genesung nicht
ihren ersten Gang zur Kirche machen
kann, so muß sie wenigstens dreimal an
die Kirchtür klopfen, um sich vor Schaden
zu schützen 38 ).
Gleichfalls ein Gegenzauber gegen
die Tot engeist er ist die weitver¬
breitete Sitte, beim Sterbefall an die
Bienenstöcke 39 ), an die Weinfässer 40 )
und Mehltruhen 41 ), überhaupt an alles
Lebendige im Hause 42 ) zu k. und zu
rühren, ihm „den Tod anzusagen“,
um es so vor Tod oder Verderben zu be¬
wahren. Auch hier werden häufig be¬
stärkende Worte hinzugesetzt. Besonders
den Bienen (s. d.) hat man in früheren
Zeiten lange Abschiedsreden gehalten 43 ).
Dagegen erklärt es sich wohl teilweise
aus einem Fruchtbarkeitszauber, teil¬
weise aus der Stellung der Biene über¬
haupt im Volksglauben, wenn der gleiche
Brauch des Ank.s an die Stöcke in
Westfalen auch bei der Hochzeit geübt
wird 44 ). Auf der Vorstellung, daß der
Tod der Bruder des Schlafessei 45 ),
beruht der Glaube, man brauche nur,
wenn man zu einer bestimmten Stunde
am Morgen auf wachen wolle, diese am
Abend zuvor am Bett abzuk. 46 ).
Da außerdem die gleiche Maßnahme
gegen böse Träume helfen soll 47 ), so liegt
auch hier wieder der Gedanke des Abwehr¬
zaubers zugrunde.
Sehr selten findet sich die Vorstellung,
daß durch K. des Menschen die gleiche
schädliche Wirkung wie durch das der
Geister hervorgerufen werden kann. So
ist es in Thüringen 48 ) und Brandenburg 49 )
verboten, am Weihnachts- bzw. Neu¬
jahrsabend an die Fenster zu k., sonst
rufe man den Tod in jene Familie.
b) Eine geringere Anzahl zauberischer
Handlungen wollen einen Bann aus¬
üben. K. mit der Sense oder Pfanne
hilft dagegen, daß die Bienen beim
Schwärmen zu hoch fliegen 60 ). In Meck¬
lenburg wird gegen die Budden, d. .s die
1541
Klopferle—Klopfnächte
1542
Raupen eines Nachtfalters, empfohlen, nach
Sonnenuntergang an drei Tagen auf das
heimgesuchte Feld zu gehen, dort mit
einem Stock erst auf die eine Ecke des
Ackers unter den Worten: In düt Land
sünd de Budden , und dann auf die gegen¬
überliegende zu k., indem man sagt:
Den drüdden Dag saele se rut sin. Dann
muß das Ungeziefer das Feld verlassen 61 ).
Ob der württembergischen Sitte, vor dem
Versenken des Sarges in die Gruft noch
dreimal an ihn mit den Worten Bhüt
Gott zu k. 52 ), und dem K. an die
Brust zum Zeichen der Reue 53 ), ob
beiden auch die Vorstellung des Ban-
nens zugrunde liegt, oder ob sie rein
christlichen Ursprungs sind, bleibe dahin¬
gestellt.
c) Bisweilen wird K. als Orakel¬
zauber verwandt. In Westböhmen k.
die Mädchen in der Andreasnacht (30. Nov.)
an den Hühnerstall und sprechen: Gak-
kert der Hahn kroigh i an Man ; gackert
die Henn — wea woiß wenn 64 ). Im
Elsaß k. die Leute am Karfreitag
die Obstbäume ab und wollen aus dem
Klange erraten können, ob es eine reiche
Obsternte gebe oder nicht 65 ).
d) Gering ist auch die Zahl der Frucht¬
barkeitszauber, die durch K. bewirkt
werden. Das Eink. eines Nagels in
den Futtertrog im Namen der heiligen
Dreifaltigkeit veranlaßt, daß die Schweine
gut fressen 56 ). Die Kuh, die mit einem
neuen Kochlöffel an ihr Euter geschlagen
wird, soll viel Milch geben 57 ). — Was
für ein Gedanke der schwäbischen Sitte,
beim Richtefest während und nach der
Rede des Bauleiters zu k. 58 ), zugrunde
liegt, bleibt zweifelhaft; ebenso steht es
mit dem Brauche, dreimal auf die Tisch¬
decke zu k., um Verlorenes wiederzu¬
finden 59 ).
**) Seligmann Blick 2, 276; Wuttke
282 §413. 34 ) Andree Braunschweig 292;
John Erzgebirge 52; Schramek Böhmer¬
wald 180. 3ß ) Bartsch Mecklenburg 2, 143
§ 635. M ) John Westböhmen 256; ZfVk.
2 3 ( I 9 I 3 ). 281. 37 ) Andree Braunschweig
385. M ) Ebd. 288. 39 ) Woeste Mark 53;
John Westböhmen 265. 40 ) Meyer Aber¬
glaube 226. 41 ) Wuttke 458 §726. tt ) Höhn
Tod 323. 4S ) John Westböhmen 167. u ) Woeste
Mark 53. tt ) Grimm Myth. 3, 252. *•)
Hovorka und Kronfeld 2, 252; Wuttke
3*3 § 4 6 3- 47 ) Hovorka und Kronfeld 2,
255. 48 ) John Erzgebirge 153. 49 ) Wuttke
65 §75- M ) Schönwerth Oberpfalz i, 355
Nr. 9. 6l ) Bartsch Mecklenburg 2, 458 § 2105.
52 ) Höhn Tod 346. M ) Sittl Gebärden 20.
John Westböhmen 4. M ) Jb. Elsaß-Lothr.
6 (1890), 166; Sartori Sitte 3, 145. 56 )
Bartsch Mecklenburg 2, 157 § 720. 57 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 334 Nr. 4. M ) Sartori
Sitte 2, 18. 59 ) Wuttke 415 §645. Tiemann.
Klopferle l ) ist ein Hausgeist, er
klopft überall im Haus herum und kann
nichts an seinem Platze stehen lassen.
Man sieht ihn zuweilen, bes. an hohen
Festtagen. Er tut niemanden etwas,
außer, wenn man ihm einen Auftrag gibt.
Sagt man nur: „Ich sollte das und das
tun“, so verrichtet es K. sofort 1 ). K.
heißt ein Geist, der sich im Keller hören
läßt, wenn es ein gutes Weinjahr gibt 2 ).
*) Meier Schwaben 1, 81. Vgl. Grimm Sagen
1, 98 Nr. 77. 2 ) Birlinger Volksth. 1, 55.
Ähnlich im Elsaß das Weingeigerlein (Wigigerle):
Gibt’s ein schlechtes Jahr, hört man klagende
Töne. Ebd. Andere Klopfer:- Birlinger
Schwaben 1, 342; Baader Sagen Nr. 407.
Weiser-Aall.
Klopfnächte (Klöpfelnächte, Klöpfles-
nächte) werden in Süd- und Mitteldeutsch¬
land die Nächte der drei letzten Donners¬
tage im Advent genannt. In der Schweiz
heißen sie auch Bochsel-, Bossel-, Bolster-
nächte 1 ), in Kärnten Klöcklerabende 2 ),
in Württemberg: Anklopfete, Einreiche
(Reiche), Säcklestäg, Fahrnächt 3 ). An
manchen Orten gilt nur der Abend des
letzten Donnerstags vor Weihnachten
als Klopfnacht 4 ). Die erste Klöpfelsnacht
ist die Andreasnacht 5 ). In Klingental
wird sie allein durch Klopfen an den
Fensterladen begangen 6 ). In der Wur-
zacher Gegend heißen K. die Nächte vor
dem St. Nikolaustag, und die erste
ist an St. Andreas 7 ). In Nesselwang
ist es die Thomasnacht 8 ). In Wängle
und Asch au die drei Nächte zwischen
dieser und der hl. Nacht 9 ). In Berg die
Dienstage und Donnerstage vom Nikolaus¬
tag bis zum hl. Abend 10 ). In Schwaben
die Nächte von Weihnachten bis Drei¬
könige 11 ). In Nürnberg ist die Drei¬
königsnacht (Oberstnacht, Bergnacht) die
Klöpfelsnacht 12 ), ebenso im Inn viertel
in Oberösterreich 13 ). Im Lechrain endeten
1543
Klopfn&chte
1544
die K., die mit dem ersten Donnerstag
im Advent begannen, am Dreikönigs¬
tage 14 ). In Oberbayem nennt man das
Klöpfeln am «Dreikönigstage auch berch-
ten und die Teilnehmer Berchten 15 ).
In Görisried galt früher als „Knöpfles¬
nacht“ die Nacht vom Donnerstag auf
den Freitag in der „ganzen Woche“ vor
Weihnachten, d. h. jener Woche im Ad¬
vent, in die kein Feiertag fiel, wozu man
früher alle Aposteltage, also auch An¬
dreas- und Thomastag, zählte 16 ).
In diesen Nächten, auch schon am
Abend, ziehen junge Leute, Frauen und
Kinder umher, klopfen an die Häuser,
singen und erhalten dafür Obst, Schinken
und Würste 17 ). Manchmal wird an den
Klopferstagen geschlachtet 18 ). Oft werden
auch Knöpfle (Klöße) gekocht und verab¬
reicht, daher die Bezeichnung „Knöpfles¬
nächte“ 19 ). Im OA. Gerabronn erhalten
die Kinder nur an den zwei ersten An-
klöpf ersahen den Geschenke, während sie
am dritten mit Ruß und Asche bestreut
werden 20 ). Zwischen den Klopfern und
den Leuten im Hause entspinnt sich ein
Wettreimen, indem jene bald ermuntert,
bald abgewiesen werden 21 ). Derjenige
Teil, der die Frage oder das Spottlied
nicht erwidern kann, wird verlacht, und,
wenn es die Klöckler sind, müssen sie
leer abziehen 22 ).
x ) Von bochseln = lärmen, klopfen, poltern:
Schade Klopfan 56; Hof f mann-Krayer
117. Das Wort erscheint in Basel zum ersten¬
mal 1432 (Bosselnacht: 1436): SAVk. 7, 112;
vgl. 11, 243; 14, 272. 2 ) Franzisci Kärnten
29 f. s ) Kapff Festgebr. 3. 4 ) Zingerle Tirol
182; Hörmann Volksleben 218; SAVk. 7, 111;
Kapff Festgebr. 3 (die „rechte Anklopfete").
6 ) Urquell N. F. i, 191. 6 ) Köhler Voigt¬
land 178. 7 ) Birlinger Volkst. 2, 6. 8 ) Reiser
Allgäu 2, 11. •) Ebd. 2, 12. 10 ) Pollinger
Landshut 192 f. u ) Schade Klopfan 55;
SAVk. 7, m. ia ) Schade 52; Panzer Beitr.
2, 119. 1S ) Baumgarten Jahr 13. 14 ) Leo-
prechting 203. 15 ) Panzer Beitr. 2, 116;
Waschnitius Perht 65 f. 16 ) Reiser 2, 11.
17 ) Zingerle Tirol 182. 183; Hörmann
Volksleben 220 ff.; Franzisci Kärnten 29 f.;
SAVk. 7, m; Panzer Beitr. 2, 115; Schmel-
ler BayWb. 2, 361 f.; Birlinger A. Schwaben
2, 7 f. 158; Meier Schwaben 457 ff, 530; Reiser
Allgäu 2, 9 ff.; Kapff Festgebr. 3 ff.; Pol¬
linger Landshut 192 t.; Germania 11, 76 f.;
Sepp Religion 35 ff.; Reinsberg Festjahr
4250.; Schade Klopfan 52 ff.; Kück und
Sohnrey 32 f.; Fehrle Volksfeste 12 f.; Reu-
schel Volkskunde 2, 42; Sartori Sitte 3, i2f.
18 ) Fehrle 14. 1# ) Ebd. 12 ff.; Kapff 4. *°)
Kapff 3. 21 ) Schade 19 f. 62 f.; Uhland
Schriften z. Gesch. d. Dichtung u. Sage 3, 25öS.;
SAVk. 7, 110. Es wird mit einem „Vergelts
Gott" erwidert (Meier Schwaben 460; Panzer
Beitr. 2, 118) oder mit Schelten und Schlägen:
Meier Schwaben 457. 2a ) Hörmann Volks¬
leben 221 f.
2. Das Klopfen wird vollzogen mit dem
Türklopfer oder mit Hämmern und
Schlegeln. Häufig wirft man aber mit
Erbsen, Bohnen, Linsen oder Kom gegen
die Fenster, auch mit Sand und kleinen
Sternchen 23 ). Bisweüen benutzt man
Erbsen bei beliebten, Sand bei unbeliebten
Leuten 24 ). Die Mädchen werfen Erbsen
an die Fenster ihrer Freundinnen; junge
Burschen bochselten ihren Mädchen, in¬
dem sie Hände voll Traubenkerne an die
Fenster warfen 25 ). In Klingnau wurde
von den Burschen schadhaftes Geschirr
an die Haustür geschleudert, alte Eisen¬
pfannen dagegen geschlagen u. dgl. 2S ).
An manchen Orten sind die Klöpfelabende
nur noch eine Veranlassung zu gegen¬
seitigen Besuchen guter Bekannter und
zu einer kleinen Bewirtung 27 ). Die
Dienstboten erhalten in den Häusern,
wo sie das Jahr über eingekauft haben,
ein Trinkgeld (Anklopfet) 28 ). In den
Wirtshäusern bei Ulm wird vielfach noch
unentgeltlich ein Schnaps gereicht M ).
Mädchen erhalten von den Liebhabern,
Kinder von den Paten ein Geschenk, Be¬
kannten wirft man das Knöpflesscheit in
die Stube 30 ). In Bissingen b. Ulm dürfen
sich die Kinder an der zweiten „Na n klopfe“
im Pfarrhause einen gebackenen Zopf ab¬
holen 31 ). In Weinfelden besteht die
Bochseinacht nur noch in einem lärmen¬
den Umzug der Jugend mit ausgehöhlten,
von innen erleuchteten Runkelrüben 32 ).
23 ) Meyer Baden 175. 195; Meier Schwaben
457 - 459 - 460; Panzer Beitr. 2, 118; SAVk.
7, 114 f.; Weiser Jul 24. 28; Sartori Sitte 3,12.
24 ) Fehrle Volksfeste 12. 2B ) SAVk. 7, 114 b
2 ®) Ebd. 7, 115. l7 ) Schmeller BayWb. 2,
374 f. (Augsburg); Zingerle Tirol 182 (Me¬
ran); SAVk. 7, 116. * 8 ) Schade Klopfan 54
(München); Birlinger Volkst. 2, 13 (Gmünd).
29 ) Kapff Festgebr. 4. *°) Fehrle 13 f.
31 ) Kapff 4. 32 ) SAVk. 7, 116.
3. Als Grund für das Klopfen wird
gewöhnlich angegeben, es solle dadurch
1545
Klöße, Knödel
1546
der Advent des Herrn verkündet werden 33 ).
Andere sagen, die ersten Christen hätten
sich für ihre heimlichen Gottesdienste bei
Nacht dadurch Zeichen gegeben, daß sie
Erbsen an die Fenster warfen 34 ). Wieder
andere führen den Brauch auf Pestzeiten
zurück, wo man das getan habe, um zu
prüfen, ob die Inwohner noch lebten ”).
Bilfinger hält das Klopfen für einen aus
dem Altertum stammenden Neujahrs¬
brauch, Schmeller denkt an die Umzüge
der Sundersiechen in München 36 ). Der
wirkliche Grund des Lärmens wird in
der Absicht bestehen, die bösen, der
Fruchtbarkeit feindlichen Geister zu ver¬
treiben. Die drei Donnerstage vor Weih¬
nachten sind „ungeheuer“, „verworfen“
und voller Hexenspuk 37 ). Vielleicht darf
aus diesem Grunde in Tirol der Weih¬
nachtszeiten nicht gebacken werden, ehe
der letzte Klopf eidonnerst ag vorbei ist 38 ).
Der Donnerstag gilt im Christentum oft
als bedenklich und gefährlich, und die
Erbsen usw. kommen vielleicht auch als
Geisterspeise zur Verwendung 39 ). Die
Vermummungen, in denen die Anklopfer
so oft erscheinen 40 ), sollen diese also
selbst als Geister darstellen, die böse
Mächte verscheuchen und selbst Glück
und Segen bringen. Darum läßt der
Bauer die Klöckler, wenn sie ihr Lied
gesungen haben, in dem sie Glück wün¬
schen, noch tüchtig auf seinen Feldern
herumspringen, damit es ein gutes Jahr
gäbe und das Getreide gedeihe, und die
Hausfrau spendet „Klöcklerwürsteln“ 41 ).
Die „schiachen Perchten“ halten an den
drei Adventsdonnerstagen ihre lärmenden
Umzüge 42 ) oder wenigstens am letzten 43 ).
Der Pelzmärte erschreckt die Kinder,
teilt ihnen aber auch Äpfel und Nüsse
aus **). In Tirol fährt der „Anklöpfel-
esei“ umher, dem ein bunter Zug von
Zigeunern, Vagabunden, Hexen usw.
folgt 4S ). Die Kirche hat daher trotz der
geistlichen Auslegung des Brauches diesen
bekämpft 46 ), und warnend erzählt man,
wie einst ein Bursche in Teufelsmaske
mit den übrigen vermummten Anklöpflem
ging und sich ein wirklicher Teufel dazu¬
gesellte und den andern jämmerlich zer¬
kratzte 47 ).
M ) Meyer Baden 196; SAVk. 7, 109 f. in;
Fehrle Volksfeste 12 f. 34 ) Meier Schwaben
2, 460. 35 ) SchwVk. 1, 21; Birlinger Volkst.
2, 6; Meier Schwaben 2, 460; Reinsberg
Festjahr 425. 38 ) Gegen beides Weiser Jul
84 f. 37 ) Schade Klopfan 63 f.; Birlinger
A. Schwaben 2, 9. 158; Meyer Baden 196.
Daher das Rad als Schutz? Heyl Tirol 763.
38 ) Hörmann Volksleben 219. 39 ) Fehrle 13;
Meier Schwaben XIX; Meyer Baden 196.
Vgl. oben 2, 335 f. 40 ) Baumgarten Jahr 13.
41 ) Hörmann Volksleben 224; ZfVk. 8, 93
(Raurisertal). 42 ) ZfVk. 8 , 92 b (Rauns; es
mußte ganz dunkel sein); Fehrle 13; Heyl
Tirol 763. 43 ) Kapff Festgebr. 4. 44 ) Meier
Schwaben 2.460. 45 ) Zingerle Tirol 182 f.;
Hörmann Volksl. 219 f.; Geramb Brauchtum
101 f.; oben 2, 1013. 46 ) Meyer Baden 196.
47 ) Alpenburg Tirol 281.
4. Daß die K. bereits die Jahres¬
wende ankündigen, zeigt auch der Brauch
des Glückwünschens („Gut Jahr, daß’s
Kom wol grat, Kraut und Zwiebel“) 48 )
und des Lösens. Die Mädchen gießen
Blei oder suchen auf andere Weise den
künftigen Gatten kennen zu lernen 49 ).
In Dux, wo die drei ersten Donnerstage
im Advent die drei Knöpflastage sind, ist
der letzte der „Losenpfinztag“. Wenn
man da mit einem Mohnstampf auf einen
Kreuzweg geht und das Ohr daran hält,
erfährt man viele geheime Dinge 50 ). —
Wenn der Wind in den K.n recht an die
Bäume rumpelt, gibts viel Obst 61 ). Wenn
man in der ersten K.n acht unter einem
Kirschbaume Kalk eingräbt, blüht der
Baum in der Christnacht. Blühende
Zweige davon werden in den Krippen auf¬
gesteckt 52 ).
«) Fehrle Volksfeste 14; SAVk. 7, in;
Hör mann Volksleben 223. 49 ) Meier Schwaben
2, 461; Birlinger Volkst. 1, 342; Zingerle
Tirol 183 (1519); Schmeller BayWb. 2, 375
(Tirol); Reinsberg Festjahr 425 f. B0 ) Zingerle
183. 51 ) Leoprechting Lechrain 203. “)
Zingerle 183 (1518). Sartori.
Klöße, Knödel.
1. Uber die verschiedenen Arten der
Klöße handelt G. Florin L ), über die Arten
der bayrischen Knödel Schramek 2 ) und
Schmeller 3 ); die Knödel sind nach dem
gelehrten Juristen Baron Schmid so mit
der bayrischen Volksseele verbunden,
daß er sagt, bayrische Landeskinder
seien deshalb mit der Relegation oder
Landesverweisung zu verschonen, weil
sie ihnen „Nudel und Knödel halber“
1547
Klöße, Knödel
Klöße, Knödel
1550
zu schwer falle 4 ). Knödel finden sich
aber nicht nur im österreichisch-bayri¬
schen Kulturkreis, sondern auch in der
Oberlausitz, am Niederrhein, in Aachen 6 )
und in Thüringen 64 ). In Schwaben •)
und im Elsaß 7 ) nehmen dieselbe Rolle
die Spätzle oder Knöpfle ein.
*) G. Florin Die Verbreitung einiger Mehl¬
speisen und Gebäcknamen im deutschen Sprach¬
gebiet, Gießen 1922 (Gießener Beiträge zur
deutschen Philologie 5). 2 ) Böhmerwald 323;
Die Oberpfalz (Kallmünz) 15 (1920), 16; Schmel-
ler Bayr. Wb. 1, 1348 g.; Grimm DWb. 5,
1246 Nr. 3; 1463. 3 ) 1 . c. 4 ) Schmeller 1 . c.
1349 . *) Grimm 1 . c. 1463. 6a ) ZfVk. 6, 19g.;
2 4 » 369* *) Fischer Schwab. Wb. 1491.
7 ) Martin-Lienhard Elsäss. Wb. 1, 507.
2. K. gehören zum Requisit des Schla¬
raffenlandes, so in Italien: Bei Boccaccio
in der dritten Geschichte des achten
Tages schildert Maso dem Calandrino
das Schlaraffenland im Baskenlande: Da
sind die Weinreben mit Bratwürsten an¬
gebunden ... da ist ein ganzes Gebirge mit
Parmesankäse, da wohnen Leute, die
nur immer Makkaroni und Eierknödel
in Kapaunen suppe kochen; dann werfen
sie diese den Berg hinunter, und wer die
meisten fängt, der hat die meisten 7a ).
7 *) Bolte-Polivka 3, 246 g.
3. K. als Opfer aufgefaßt: Aus
den Akten der Arvalbrüder des Jahres
240 erfahren wir: Nach dem Ferkel¬
opfer und dem Schafopfer betraten der
Priester und der stellvertretende Ob¬
mann den Tempel und brachten auf
dem Opfertisch und auf dem Rasen
vor dem Tempel dreimal drei Klöße aus
Milch, Leber und Mehl dar; dann kehrten
sie aus dem Tempel an den Altar zurück
und sprachen unter Darbringung von
drei Klößen und drei Opferfladen ein Ge¬
bet 8 ). Bei der berühmten Säkularfeier
des Jahres 17 v. Chr. brachte Augustus
in der Nacht des 1. Juni auf dem Kapitol
den Ilithyien ein Opfer von 9 Fladen,
9 Kuchen und 9 Klößen dar und betete:
Ilithyia, wie es für dich in jenen Büchern
geschrieben ist . . . soll dir ein Opfer ge¬
bracht werden von 9 Fladen, 9 Kuchen,
9 Knödeln. Am 3. Juni brachten Augustus
und Agrippa Apollo und Diana auf dem
Palatin dasselbe Opfer dar 9 ). Bei den
Indiern lud am dritten Tag nach der Be- |
erdigung der Erbe den Verstorbenen zu
einem Klößeopfer ein und trat dann die
Erbschaft an 10 ). Das Journal meldet
als Aberglauben aus dem Saalfeldischen :
Viele essen den letzten Tag im Jahr
Knödel und Heringe, sonst, behaupten
sie, schneide ihnen Frau Perchte den
Bauch auf, nehme das erst Genossene her¬
aus und nähe dann mit Pflugschar statt
der Nadel, mit Röhmkette statt des
Zwirns den gemachten Schnitt 11 ) zu (vgl.
Brei). Im Voigtland muß man Fische mit
Klößen essen, sonst füllt einem diePerchta
den aufgeschnittenen Leib mit Häckerlein
und näht ihn mit Pflugschar und Eisen¬
kette zu 12 ). Unter den sieben- oder
neunerlei Speisen am Weihnachtsabend,
die Gesundheit, rote Backen, Befreiung
von Kopfweh und Geldreichtum be¬
wirken, befinden sich auch Klöße 13 ).
8 ) K. Latte Religion der Römer ( Relig.
Lesebuch von Bertholet Band 5), Tübingen
1927, 17 g. •) 1 . c. 28 (Dessau 5050; CIL 6,
32323). 10 ) E. H. Meyer Mythol. der Germanen
118; vgl. Archiv f. Anthrop. N. F. 6, 109.
n ) Grimm Myth. 3, 452 Nr. 525; Witz-
schel Thüringen 2, 134 Nr. 166; Kloster
7 . 70 Grimm i, 226; W. 25. 76.
12 ) Ortwein Deutsche Weihnachten 129 g.;
ZfVk. 14, 268. J 3 ) W. 78; Weinhold Neun¬
zahl 11; ZfVk. 1 . c. 268; zur Neunzahl vgl.
oben die 9 Kuchen.
4. Klöße und Knödel sind nicht nur
eine offenbar sehr alte Festspeise in den
Rauchnächten, sondern auch der be¬
gehrte Leckerbissen elbischer Geister 14 ).
Werden Klöße gekocht, so darf man sie
nicht zählen, weil sonst die Holzfrauchen,
die gern mitessen, sich keine davon holen
könnten und sterben würden; das hätte
zur Folge, daß auch der Wald nach und
nach ausstürbe; deshalb spritzt man auch
beim Brot- oder Kuchenbacken Mehl oder
Wasser in das Feuer für die Holzfrau¬
chen 15 ). Nach einer andern Sage wandern,
wenn die Bäuerin die Knödel in den
Topf hinein zählt, die Quergeln aus, und
es kommen schlechte Zeiten 16 ). Als ein
Triebeser im Voigtlande nach seinen
Klößen sehen wollte, fand er ein Holz¬
weibel im Ofen stecken; als er schimpfte
und fluchte, ging das Holzweibel für
immer fort 16a ). Das beste Mittel gegen
das Klößestehlen der Vegetationsdä-
1549
monen besteht darin, daß man die K.
zählt: Zu den Holzmachem bei der Trinzer
Schäferei sagten die Holzweibel: Solange
die Leute die Brote in den Backöfen
und die K. in den Töpfen zählen, wird
keine gute Zeit werden 16b ) (vgl. Brot
pipen im Artikel Backen § 4). Wie blu¬
tendes Brot (s. Brot § 8 b), so sind
auch blutendes Mus oder blutende Klöße
die Vorboten von Krieg und Teuerung 18c ).
14 ) Jahn Volkssagen aus Pommern 117. 130.
16 ) Witzschel 1 . c. 2, 285 Nr. 100; für Bärnau:
Schönwerth Oberpfalz 2, 360, 1. 16 ) Panzer
Beitrag 2, 193. 16a ) Eisei Voigtland 23 Nr. 40;
vgl. 14 Nr. 26. 16b ) Ders. 29 g. Nr. 58—60.
16c ) Ders. 267 Nr. 671.
5. In den Sagen vom Drachen, der
in wechselnder Gestalt seiner Hexe alles
Gute herbeischleppt, sind auch die K.
erwähnt: In Tiefenbach in der Oberpfalz
schlich ein neugieriger Knecht seiner
Bäuerin nach, die immer in erstaunlich
kurzer Zeit das Essen fertigstellte; er
sah, wie sie einen Kessel abdeckte, in
dem ein schwarzer Hund saß und zu diesem
sagte sie: Heute speist du Knödel 17 ).
Der Drache einer Bäuerin zu Strega wird
mit Hirsebrei gefüttert und speit Klöße,
wenn die Bäuerin sagt: Hänschen spei,
Hänschen spei 17a ). In der gleichen Lage
fing eine Bäuerin in Baden die Katze und
sagte zu ihr: Katz*, mach' Knöpfle (vgl.
Butter § 6). Einmal warf der Knecht ge¬
weihtes Schwarzbrot darauf, da wurden
die K. zu Katzendreck 18 ).
17 ) Schönwerth Oberpfalz I, 377, 7. 1?a )
Gander Niederlausitz 39, 91. 18 ) Künzig
Sagen 63, 184.
6. Um Bärnau in der Oberpfalz müssen
die Weiber an Fastnacht Knödeln kochen,
ehe die Sonne aufgeht und dabei zerstreut
sein und nicht wissen, wieviel sie einge¬
schlagen haben; werden dann die K. auf¬
getragen, so heißt es: ,,Sua vül Kniadla,
sua vül Schuak Koam in dean Gauar" 19 ).
In Neuhaus kocht man an der Narren¬
fastnacht Leberk.; so viele K., so viel
Flachsbüschel 20 ). Im Voigtland kommt
der neue Dienstbote zu Mittag und ver¬
zehrt seine Klöße auf der Ofenbank; die
Herrschaft muß sich hüten, ihm dazu
Sauerkraut vorzusetzen, sonst würde ihm
die Arbeit sauer fallen 21 ).
19 ) Schönwerth 1 . c. 1, 401 Nr. 7. *°) 1 .
c. 1, 414 Nr. 8. 21 ) Grimm Mythol. 3, 465
Nr. 361; vgl. ZfVk. 15. 315. 320.
7. Beim Knödelkochen an Silvester
gibt man in Dobrzan in Westböhmen in
jeden K. ein beschriebenes Stück Papier
mit Sprüchen; welcher Knödel zuerst im
Topf an die Oberfläche kommt, zeigt mit
seinem Zettel den Inhalt der Zukunft
an w ). In die K., die man am Thomas¬
abend kocht, steckt man Zettel mit Lotto-
nummem; derjenige K., der zuerst oben
schwimmt, enthält die Glücksnummer 23 ).
Um die Hexen zu erkennen, nimmt man
einen durchlöcherten Pfahl und macht
daraus einen Rührlöffel; an diesem Löffel
muß man in den drei Knöpflinsnächten 24 )
arbeiten. Zugleich muß man an jedem
dieser drei Abende den Mehlbrei mit
diesem Löffel zu Knöpfle anrühren; man
darf aber den Löffel nicht abwaschen,
sondern es muß an allen drei Abenden
vom Teig daran hängen bleiben; mit
einem solchen Löffel erkennt man am
Christtag in der Kirche die Hexen 25 ).
23
22 ) John Westböhmen 25; vgl. ZfVk. 4,318.
\xt 24 ) Fi sc her 1 . c. 4, 499; Bir-
) W. 335 -
linger Volksth. 2, 6, 13. M ) Meier Schwaben
466 Nr. 215; offenbar eine volksetymologische
Anlehnung an die Knöpflinsnächte für Klöpf-
lensnächte.
8. Gegen das Überbein: Kocht eine
Bäuerin im „Hofn“ K., so tritt der Kranke
rasch zu ihr, legt das kranke Glied aufs
„Hofnbredl" und fordert sie auf, daß sie
mit dem ,,Kullöffl“ recht fest darauf
schlage 26 ). In Holstein macht man
Klöße aus Mehlbrei und Binsen und gibt
sie den Kühen; dann haben sie besser
„Degev“ 27 ).
26 ) Hovorka-Kronfeld 2, 397. 27 ) Heimat
37 (1927). i 12 , 12.
9. In Sagens (Graubünden) feierte man
die Knödel-Kilbi; zur Verherrlichung des
Sagenser Wappens (ein Kolben, den man
witzig Knödel nennt) ließen sich die Kna¬
ben durch die Mädchen einen Riesenknödel
bereiten; den verspeiste man bei Wein
und witzigen Reden 28 ). In Augsburg
sangen die Knaben beim Wasservogelfest:
A Schüssel voll Knöpfli ist no nit gnua,
A Schüssel voll Küchle ghort a dazua 29 ).
E. Lemke beschreibt das vor Fastnacht
in Verona gefeierte Gnocchifest 30 ).
Kloster
1552
1551
M ) SAVk. 2, 123. *•) Simrock Mythol. 550.
*°) ZfVk. 14, 320—322.
10. Erbsen darf man nicht an Knödel¬
tagen, d. h. am Dienstag und Donners¬
tag, setzen 81 ) (Ranggen).
#t ) Zingerie Tirol 40, 334.
11. K. im Ubertragungsheilzauber: In
Mähren verschafft man sich aus 9 Wirt¬
schaften Kornmehl, kocht daraus K.
und badet das lungenkranke Kind in
dem Wasser, in dem die K. gekocht
wurden; dieses Wasser bekommt ein
Hund zu saufen; der bekommt dann die
Lungensucht, und das Kind genest 32 ).
3t ) Hovorka-Kronfeld 2, 660.
12. Wenn die Nebel steigen, kochen die
Vegetationsdämonen auf der Milseburg
in der Rhön K. 83 ).
33 ) Rochholz Naturmythen 184; Bechstein
Deutsche Sagen Nr. 768. Eckstein.
Kloster. Fast alle Klöster haben ihre
Bau- und Gründungssagen, die durchweg
denen von Kirchen (s. d.) und Kapellen
(s. d.) gleich oder ähnlich sind. Auch hier
handelt es sich um fromme Gelübde aus
Dank für wunderbare Hilfe des Himmels 1 ),
um Stiftungen im Sinne eines Gott wohl¬
gefälligen Werkes *) oder gelegentlich
um Sühneleistungen 3 ). Himmlische Er¬
scheinungen und Traumgesichte, die den
Bau anregen oder seinen Platz be¬
stimmen 4 ), Zugtiere und Vögel, die die
Baustelle finden helfen 6 ), wunderbare
Naturerscheinungen °) und die rätsel¬
hafte wiederholte Verschleppung des Bau¬
materials an einen andern als den bereits
gewählten Ort 7 ) — das alles findet sich
in gleicher epischer Ausprägung wie bei
den Kirchengründungssagen. Ebenso
kehren hier die Erzählungen über wunder¬
bare Bauhilfe von Engeln oder Vögeln,
die ( Gold zum K.bau bringen 8 ), und
dgl. wieder. K.ruinen oder andernorts
Flur- und Straßenbezeichnungen, die an
ehemalige K. erinnern, nähren die Menge
der Sagen von zerstörten, untergegangenen
und versunkenen K.n 9 ). Die stattlichen
Bauten aber sind danach in einem See
oder Sumpf spurlos versunken, meist wird
sündhaftes, frevelhaftes Leben der K.-
insassen als Grund für den Untergang
genannt 10 ). Zu gewissen Zeiten hört
man den Chorgesang der Mönche und
Nonnen u ), sieht sie in langer Reihe
heraufwandeln und wieder verschwin¬
den u ) (Laistner, Nebelsagen S. 119 f.
erklärt einleuchtend diesen Sagenzug als
aus der Beobachtung wirklicher Nebel¬
gestalten entstanden) — oder man hört
nur einmal im Jahr die K.glocken
läuten 13 ) (vgl. Glocken, versunkene).
Nach anderen Sagen zeigt sich gelegent¬
lich die Turmspitze der K.kirche 14 ), oder
es steigt alle sieben Jahre, genau am
Tage des Untergangs, die K.kirche wie aus
Nebel gebüdet empor und füllt sich mit
Nonnen 15 ). Ja, bei Frostwetter vermag
man sogar das Brüllen des K.ochsen zu
vernehmen, der das Eis zum Bersten
bringt, wenn er mit seinen Hörnern dar¬
unter herstreicht 1G ).
Was von unter den K.ruinen liegenden
Schätzen 17 ), unterirdischen Gängen 18 ),
von dort um wandelnden Geistern 19 ),
weißen Frauen 20 ) usw. erzählt wird,
unterscheidet sich kaum von den ent¬
sprechenden Sagen von Burgruinen; eben¬
so spukt es noch häufig in ehemaligen
K.gebäuden, die heute für andere Zwecke
benutzt werden 21 ). Besonders hervorzu¬
heben sind noch die grausigen Erzählun¬
gen von Mönchen und Nonnen, die zur
Strafe für schwere Vergehen gegen ihre
Ordensgelübde lebendig eingemauert
wurden 22 ).
Uber den abergläubischen Gebrauch
von Staub aus K.kirchen oder K.zellen
(z. B. der Zelle des hl. Kamillus in einem
holländischen K.) vgl. Art. Kirchenstaub.
Ebenso kulturgeschichtliches wie volks¬
kundliches Interesse hat es, daß die K.
schon früh eigene Apotheken einrichteten
(die erste K.apotheke finden wir in dem
Grundriß zum Umbau des K.s St. Gallen
aus dem Jahre 829 als „armarium pigmen-
torum“ neben dem Arzt hause einge¬
zeichnet) und daß dort die Kräuterkunde
besonders gepflegt wurde; in eigenen K.-
gärten wurden Heilpflanzen aller Art ge¬
zogen. Viele Mittel der Volksheilkunde
haben von K.apotheken ihren Ausgangs¬
punkt genommen M ).
x ) u. *) Meiche Sagen 853 Nr. 1063; Lohre
Märkische Sagen 160 Nr. 251; Lenggenhager
Sagen 133; Birlinger Schwaben 1, 68 Nr. 83;
1553
Klotz
1554
Zaunert Westfalen 105 ff. 3 ) Quensel Thü¬
ringen 73; Zaunert Rheinland 1, 211 f. 4 )
Witzschel Thüringen 1 Nr. 183; Schell
Sagen des Rheinlandes 125 Nr. 210; v. Mail ly
Niederösterr. Sagen 114 Nr. 228. 5 ) Zaunert
Rheinland 1, 212; 2, 13. •) Schell Sagen des
Rheinlandes 110 Nr. 179; 178 Nr. 311;
Zaunert Rheinland 2, 12. 7 ) Birlinger
Schwaben 1. 67 Nr. 78. 8 ) Panzer Beitrag
2, 414. ') K noop Hinterpommern 91 Nr. 190;
Kuhn Westfalen 1, 28 Nr. 31 b, c; 51 Nr. 40;
364 Nr. 407; Künzig Baden 116 f. Nr. 311—313;
SAVk. 15 (1911), 14- 10 ) Urdhsbrunnen 2, 76;
Baader Sagen 1 Nr. 30; Meier Schwaben
Nr. 80, 3; 81, 334; Kühnau Sagen 3, 348
Nr. 1728; 356 Nr. 1735; Zaunert Westfalen
357 f.; vgl. auch Laistner Nebelsagen ngf.
173 - 255. 283. 306. u ) Birlinger Schwaben
i, 190 Nr. 166; Baader Sagen 1 Nr. 30. 12 )
Calliano Nieder Österreich. Sagen 1, 86; ferner
Laistner Nebelsagen 119L i3 ) Künzig
Baden 102 Nr. 272 und 103 Nr. 275. 14 ) Meier
Schwaben 1, 296 Nr. 334. 15 ) Bechstein
Thüringen 4, 186 ff. 18 ) Zaunert Westfalen
358. 17 ) Schwartz Sagen der Mark Branden¬
burg (1914). 137; Kuhn-Schwartz Nordd.
Sagen 40; Kühnau Sagen 3, 686 Nr. 2081.
18 ) v. Mail ly Niederösterr. Sagen 115 Nr. 229;
Kühnau Sagen 3, 686 Nr. 2082. 1# ) Kuhn-
Schwartz Nordd. Sagen 40; Kühnau Sagen
1, 200 ff. Nr. 193. 20 ) Kuhn Märk. Sagen 205.
41 ) Kühnau Sagen 1, 117 Nr. 130; 132
Nr. 144 und 215 Nr. 203. 22 ) Kühnau Sagen
1, 117 Nr. 130 und 200 ff. Nr. 193; Künzig
Baden 39 Nr. 116. 23 ) J. Berendes Über
K-Apotheken und K.-Gärten. Mitteil, zur
Gesell, der Medizin 8 (1909), 361—365.
Künzig.
Klotz. In einigen wenigen, ohne Be¬
ziehung zueinander stehenden Bräuchen
finden Teile von meistens behauenen
Baumstämmen Verwendung, die aus¬
drücklich als Klötze bezeichnet werden.
Am häufigsten bezeugt ist der unter den
mannigfachsten Benennungen besonders
im westlichen Deutschland bekannte
Christk., mit dem die alljährliche
Herdemeuerung vorgenommen wurde (s.
Weihnachtsblock) x ).
Grimm 2 ) weist ferner auf die Sitte des
K. (ab)werfens hin, wie sie für Hildes¬
heim und Halberstadt seit dem 13. Jh.
belegt ist als Zielwerfen mit Stöcken oder
Steinen nach dem kleineren Aufsatz eines
größeren Grundk.es (vgl. Heiden werfen,
oben 3, 1653 f.). Aus der Überlieferung,
daß diese Handlung zum Gedächtnis
der Ausrottung des heidnischen Götzen¬
dienstes (vgl. auch oben 3, 1072 f.)
vorgenommen würde, schließt Grimm auf
einen Zusammenhang mit dem Vor¬
stellungskreis des Todaustragens 3 ). Doch
handelt es sich hier zunächst einmal nur
um eine heute noch im Kinderspiel fort¬
lebende Abart des Kegelspiels (s. d.), die
nur in Verbindung mit diesem gegebenen¬
falls mythologisch auszudeuten wäre.
Sprachlich verwandt ist das schleswig¬
holsteinische „Klootscheeten“, das Eis¬
boßeln, ein ernsthafter sportlicher Wett¬
bewerb der Jungmannschaften 4 ), und
als technisch zugehörig wäre noch das
„Posternächte (l)n‘‘ der Berner Hirten
hereinzuziehen, die vor der Talfahrt glü¬
hende Klötze von der Höhe herunter¬
rollen 5 ).
Ein anderer Jahresfeuerbrauch unter
Verwendung eines K.es wird aus dem
Allgäu überliefert 6 ): In einigen Ort¬
schaften trägt man einen angeglühten K.
oder knorrigen Wurzelstumpf in Pro¬
zession um den Scheiterhaufen des Fast¬
nachtsfeuers herum und wirft ihn
zuletzt wieder in die Flammen hinein;
das bedeutet Glück fürs Haus. Diese
Sitte scheint eine besondere Form des
K.ziehens zu sein, das im Süden des
deutschen Sprachgebiets zur Faschings¬
zeit veranstaltet wird (s. Blockziehen,
oben 1, 1428 ff., dazu 4, 122).
Als K.tragen ist ferner ein ganz
andersartiger Rechtsbrauch zu bezeich¬
nen, den einige Schweizer Kantone noch
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
befolgten, wenn sie als Strafe vor allem
für rückfällige Bettler statt mehrtägiger
Haft die Anlegung eines K.es verhängten,
der mittels einer Kette am Fuß befestigt
wurde 7 ).
Von hier aus fällt schließlich auch ein
Licht auf das Heben (s. d.), Lupfen
und Werfen der eisernen Würdinger
und Leonhardsklötze und ähnlicher Votiv-
und Heiligenbilder, wie es in katholischen
Gegenden Süddeutschlands die Burschen
vornehmen; obwohl diese Veranstaltung
heute vorwiegend als Kraftprobe ange¬
sehen wird, sollen doch die alten Vor¬
stellungen, daß der geglückte Hub und
Wurf die Reinheit des Burschen ausweise
1555
Knabenkräuter
1556
und ihn im kommenden Jahr vor Krank¬
heit schütze, noch lebendig sein 8 ).
*) Vgl. neuerdings Freudenthal Feuer I2iff.
2 ) Grimm Myth. 1, 158; 2, 653 (3, 70). 3 ) Vgl.
Simrock Mythologie 251; Meyer Germ. Myth.
217. 4 ) Mensing Schlesw. Wb. 3, 171; 1, 436 h
6 ) Stalder 1, 209 t.; Vernaleken Alpensagen
366 t.; Hoffmann-Krayer 69; vgl. SAVk. 7,
217. 6 ) Reiser Allgäu 2, 98. 7 ) SAVk. 1, 84;
2, 6; 2, 73. 8 ) Andree Votive 100 ff.
Freudenthal.
Knabe s. Kind.
Knabenkräuter (Orchideen).
1. Botanisches. Pflanzenfamilie mit
zahlreichen Arten, die meist durch Besitz
bunter, auffällig gefärbter Blüten und
rundlicher oder handförmig geteilter Wur¬
zelknollen ausgezeichnet sind. Beim Aus¬
graben der Pflanzen kommen die Wurzel¬
knollen (die vorjährige ist schwärzlich,
mehr oder minder vertrocknet, die dies¬
jährige weiß und glatt, s. unter 3) zum
Vorschein. Diese sind es auch, die im
Volksglauben die Hauptrolle spielen.
Dazu kommt, daß es sich häufig um
Frühlingsblumen (s. d.) handelt, die
ja vom Volke besonders beachtet werden.
Zu den häufigsten und daher am besten
bekannten Arten gehören mehrere Knaben¬
kraut-Arten (Kuckucksblume, Stendel¬
wurz; Orchis) wie das Salep-Kn. (Orchis
morio) und das Kuckucks-Kn. (O. mascu-
lus) mit runden, ungeteilten Wurzel¬
knollen und das Wiesen-Kn. (O. latifolius),
das Flecken-Kn. (O. maculatus) mit hand¬
förmig geteilten Wurzelknollen. Solche be¬
sitzt auch die hellrot blühende Händel¬
wurz (Gymnadenia conopea). Angenehm
duftet die weißblühende Waldhyazinthe
(Platanthera bifolia), s. Dorant. In
den Alpen wächst das vanilleartig duf¬
tende Brändlein (Nigritella nigra). Die
Kn. wachsen auf (feuchten) Wiesen,
manche Arten auch an schattigen Stellen J ).
Als „Knabenkraut“ wird auch manch¬
mal die Fetthenne (s. d.) bezeichnet, und
in der volkskundlichen Literatur werden
manchmal die beiden Pflanzen mitein¬
ander verwechselt.
*) Marzeil Kräuterbuch 254. 298 f.
2. Wegen der hodenförmigen Gestalt
der Wurzelknollen gelten die Kn. 2 ) schon
seit alters als aphrodisische Mittel
(Signatura rerum). Dazu kommt noch,
daß der Duft einzelner Arten (z. B. O.
masculus, Himantoglossum hircinum
[riecht bockartig !]) Ähnlichkeit hat mit
sexuellen Gerüchen 3 ). Bei den Arten mit
handförmig zerteilten (also nicht hoden¬
ähnlichen) Wurzelknollen wollte man
eine Ähnlichkeit mit den weiblichen Geni¬
talien erblicken. So sagt Brunfels 4 )
über die Wurzelknollen vom „Kn.-Weib¬
lein“ (wohl Gymnadenia conopea): „Hatt
auch sonst einen unzüchtigen anblick der
weiber heymlichkeit (= pudenda) gleich“.
In der Antike werden die Kn. vielfach als
Aphrodisiaka genannt. (Pseudo-)Theo-
phrast 5 ) erzählt, daß der op/tc zwei
Knollen (vgl. oben 1) habe, von denen die
eine zum Liebesgeschäft (rcpoc ras ojxiXta?)
kräftiger mache, die andere aber untüchtig.
Daß der Genuß der einen Knolle frucht¬
bar, der der anderen unfruchtbar mache,
glaubt man auch jetzt noch hin und
wieder 6 ). Nach Dioskurides 7 ) be¬
wirkt die größere Knolle, von Männern
verzehrt, die Geburt von Knaben, die
kleinere (also offenbar die vorjährige),
von Frauen genossen, die von Mädchen 8 ).
Vom sortuptov (jedenfalls eine Orchidee)
berichtet er, daß sie beim Beischlaf die
Lust reize usw. 9 ). Pseudo-Apuleius
empfiehlt die „herba priapiscus“ (nach
der Abbüdung in alten Hss. eine Orchis-
Art) „si quisadmulieremnonpotuerit“ 10 ).
Daß der Glaube an die aphrodisische Wir¬
kung der Kn. auch im deutschen MA.
lebendig war, beweist die Stelle 11 ):
„Satyrion est flos campi, videlicet rote
plumel hat es oben , in terra et in radice
hat es zway hödel et etiam dicit testiculos
vulpis secundum medicos et ponitur
super fomacem in balneo. et sic viris
surgunt membra virilia. donec depo-
nitur“ (vgl. dazu den deutschen Namen
„Stendelwurz“ nach der erectio penis).
Albertus Magnus 12 ) und die „Väter
der deutschen Pflanzenkunde“ 13 ) sprechen
ausführlich von den aphrodisischen Wir¬
kungen der Kn. Bock 14 ) glaubt, daß die
Kn. „vom samen oder spermate der
Weckolterziemer ‘ (Krammetsvögel), der
Amseln und Drosseln erwüchsen. Die
Pflanzen entständen aus der „überflüssi¬
1557
Knabenkräuter
1558
gen Geilheit“ der Vögel, die auf die Erde
falle. Die Kn. galten wohl auch im ger¬
manischen Altertum als Aphrodisiaka. I m
einzelnen wird sich jedoch schwer fest¬
stellen lassen, was bodenständig ist und
was auf antik-literarische Tradition zu¬
rückgeht. Die hier oft angeführte Sage
von der nordischen Riesin Brana, die
dem Helden Halvdan die Pflanze „hug-
vendelser“ (= die den Sinn wendet) als
Aphrodisiakum schenkt, ist wenig beweis¬
kräftig, weil es sich hier um eine roman¬
hafte Sage handelt, die um das Jahr
1300 verfaßt wurde 15 ). Der nordische
Name „hugvendelser“ 16 ) für ein Kn.
würde übrigens etwa dem griechischen
Pflanzennamen anacampseros (avaxap*“
T£iv = umlenken, wiederbringen) ent¬
sprechen. Von diesem Gewächs berichtet
Plinius 17 ), daß es durch Berührung die
Liebe zurückbringe, auch wenn sich diese
schon in Haß verwandelt habe. Auf
Island hatte man den Glauben, daß man
entzweite Eheleute versöhnen könne,
wenn man die Knollen des „hjonagras“
(== Orchis maculatus, von hjon = Ehe¬
leute) in ihr Bett lege 18 ). Auch die russi¬
schen Bauemweiber bedienen sich der
Wurzel, wenn sie mit ihren Männern in
Zwist sind 19 ). Auf erotische Bezie¬
hungen weist auch der isländische Name
„friggiargras“ für Kn. hin 20 ). An die
Stelle der Göttin Frigg trat später die
Jungfrau Maria, vgl. die nordischen
Namen Jungfru Marie hand, Jungfru
Marie rokk, marigras für Kn. Ob die (alt¬
nordische?) Bezeichnung „Niardr vöttr“
(= Handschuh desNiördr, vgl. „Christus¬
hand“ usw. unter 3) hierher gehört, ist
zweifelhaft. Immerhin wäre es möglich,
da Njordh ein nordischer Fruchtbarkeits¬
gott ist, das männliche Gegenstück der
Nerthus, der Terra Mater 21 ). Jedenfalls
erscheinen die Kn. im deutschen Aber¬
glauben der neueren Zeit häufig als Aphro¬
disiaka. K. E. von Moll 22 ) berichtet aus
dem letzten Drittel des 18. Jh., daß er
im Zillertal (Tirol) die Bezeichnung „Hös-
wurz“ (wohl „Hosenwurz“) für Kn. er¬
fahren habe. „Dieser Name hat einen
nicht sehr erbaulichen Ursprung. Die
Zillertaler unterscheiden die Kn. mit
runden kugeligen und die mit gedrückten
platten Wurzeln. Die ersteren nennen sie
Männchen, die letzteren Weibchen (vgl. o.).
Die Mädchen suchen die ersteren, die
Jungen die zweiten auf. Und beide
glauben, daß durch den Genuß derselben
der Reiz zur Wollust befördert und die
Manneskraft vermehrt werde“. Daß die
Knollen der Kn. die geschlechtliche Po¬
tenz erhöhen, wird fast allgemein ge¬
glaubt 23 ). In der Schweiz erscheint das
Brändlein (Nigritella nigra) als Sym¬
pathiemittel gegen „Franzosen“ (Ge¬
schlechtskrankheit ; Ulcus molle ?) 24 ).
Auch den Haustieren werden die Knollen
als Aphrodisiakum gereicht 25 ). In Däne¬
mark ist O. maculatus für Hebammen
sehr gesucht, weil es die Geburt be¬
schleunigen soll 28 ). Weitere Verwendung
als Liebesmittel s. unter 3.
2 ) Vgl. DWb. 5, 1324. 3 ) Dragendorff
Heilpflanzen 1898, 150. 4 ) Kräuterbuch 1534,
22. 5 ) Hist, plant. 9, 18, 3. *) DVöB. 11, 167;
Treichel Westpreußen X, 467. 7 ) Mat. med.
3, 126 ff. 8 ) Ähnlich noch im heutigen Grie¬
chenland vgl. Heldreich Nutzpflanzen 1862,
9 f. •) Ähnlich bei Plinius Nat. hist. 26, 95 ff.
10 ) Corp. medicor. Latin. 4 (1927), 49. n ) Stein¬
meyer u. Sievers Die ahd. Glossen 4, 501.
12 ) De Vegetabilibus 6, 459. 13 ) Brunfels
Kreuterbuch 1534, 22; Fuchs Kreuterbuch 1543,
cap. 271. 14 ) Kreuterbuch 1551, 299. 15 ) Janus
13 (1908), 582. 16 ) Ähnliche Formen bei
Jenssen-Tusch Nordiske Plantenavne 1867,
156. 17 ) Nat. hist. 24, 167. 18 ) Schübeler
Pflanzenwelt Norwegens 1875, 139. 19 ) Annen-
kow Botan. slowar 1878, 233. 20 ) Meyer
Germ. Myth. 270; Grimm Myth. 251; ZfdMyth.
3, 401. 21 ) Vgl. ZfdMyth. 3, 401; Grimm
Myth. 2 198; Menzel Odin 1857, 27. 22 ) Natur-
hist. Briefe über Österreich usw. 2 (1785), 350.
23 ) Osiander Volksarzney mittel 3 1838, 38 z
24 ) Stoll Zauberglaube 90. 25 ) AnzfKddV. z*
(1881), 332; Rhiner Wäldstätten 28; Sc hu bei« 1
Pflanzenwelt Norwegens 1875, 139; Hczzmi-
berger Litauische Forsch. 75. 2# ) DbotMon
n> 75 -
3. Im Volk werden besonders die Wur-
zelknollen der Kn. beachtet. Soweit sie
handförmig gespalten sind (vgl. untei i),
werden die vorjährigen, vertrockneten
und meist mehr oder weniger schwätz,
liehen als Teufelsklaue, -kralle, -hand,
-füßchen 27 ), die diesjährigen, glatten,
weißlichen als Johannis- “*), Gottes , Mnt-
tergottes-, Christushand (händchen) be¬
zeichnet 2B ). Auch „Adam und F.va“
•559
Knabenkräuter
Knabenkräuter
1562
werden die beiden Knollen genannt 30 ).
Sie spielen eine große Rolle im Aber¬
glauben, besonders an Johanni. Sie
werden an Johanni (zwischen 11 und 12
Uhr nachts) gegraben S1 ). Die „Händ¬
chen“ sollen an Johanni fünf Finger
haben, während sie sonst nur vier zeigen 32 ).
Ein Spruch lautet:
Ich grabe dich für mich
Zur Liebe und zum Glück* 3 ).
Die „Johannishändchen“ verschaffen
ihrem Inhaber Glück, in den Geldbeutel
gelegt, bewirken sie, daß das Geld nicht
ausgeht. Sie dürfen aber nicht mit den
bloßen Fingern angefaßt werden 34 ). Am
beliebtesten sind die „Glückshändchen“,
die am meisten Finger haben. In Leipzig
werden diese Wurzeln am Johannistag
vor den Toren der Friedhöfe, namentlich
vorm Johannisfriedhof, feilgehalten. Sie
werden gern gekauft 35 ). Die Knollen
des Wiesen-Kn. (Orchis latifolius) wurden
sogar in Berlin als „Glückswurzel“ feil¬
geboten und viel gekauft 36 ). Die Knollen
werden von den Kindern ins Wasser ge¬
worfen, die untersinkenden (schwarzen)
werden „Teufel“, die schwimmenden
„Engel“ genannt 37 ). Die „Johannis¬
händchen“ schützen vor Hexerei, gegen
Zauber, den Teufel usw. 38 ). Man gibt
die Knollen den Kühen, damit sie die
Milch nicht verlieren 39 ). Die schwarze
Knolle dagegen leistet Hexen- und
Satanskünste 40 ). Die „Johannishand“
hält den Blitz ab 41 ). „Johanniswurzeln“
(ob hierher gehörig?), in ein Lederlein ge¬
näht, zur Zeit des ersten Mondviertels um
den Hals gehangen, lassen (zusammen mit
anderen Mitteln) alle Hexen des Ortes
sehen 42 ). Vor allem dienen die Knollen
jedoch im Liebeszauber (vgl. auch
unter 2). Mädchen, die keine Kinder
haben wollen, essen die schwärzliche
„Hand“, solche, die Kinder wünschen,
die weißliche 43 ). Die Mädchen nähen
die „Johannishändchen“ in das Kopf¬
polster, dann träumen sie von ihrem
Zukünftigen u ). Ein Kräutersammler
verkaufte die Wurzelknollen als „Zeiker-
wurzel“ (zeickem = locken, verführen)
an die heiratslustigen Mädchen. Die
Wurzel wurde in Leinwand eingepackt,
1560
am bloßen Körper (z. B. Achselhöhle) ge¬
tragen, damit sie die Ausdünstung des
Körpers annehme; dann wurde (je nach
dem Fall) dem zu „verzeikemden“ Bur¬
schen die weibliche, dem Mädchen die
männliche im geheimen in die Tasche
gesteckt oder ins Bett gebracht 45 ). Wenn
man einem anderen ein Stück von der
Wurzel beibringen kann, so muß der be¬
treffende dem erstem nachlaufen, daher
wird das Kn. auch „Nachlaufwurze“ ge¬
nannt 46 ). Ein Liebhaber erreicht sein
Ziel, wenn er drei blühende Pflanzen (Ni-
gritella) unter das Kopfkissen der Ge¬
liebten bringt 47 ). Die Kuckucks- oder
Heiratsblume (Orchis latifolius) wird an Jo¬
hanni gegraben. Dabei denkt man, ob
ein gewisses Liebespaar sich finden wird.
Je nachdem die „Hände“ (die beiden
handförmigen Wurzelknollen) sich inein-
anderlegen oder voneinander ab wenden,
kann man auf die Nähe der Hochzeit
schließen (Samland) 48 ). In Piemont
(Val di Lanzo) gehen die Verliebten, um
den Stand der Heirat zu erforschen, auf
die Suche nach dem Kraut „concordia“
(eine Orchis-Art mit handförmigen Wurzel¬
knollen). Wenn die beiden „Hände“ ver¬
bunden sind, so ist die Heirat gesichert.
Wenn aber die „Hände“ auseinander¬
gehen, so kommt es zum Bruch. Das
Kraut heißt dann „discordia“ 4Ö ). Auch
im oberen Tessin kennt man die Pflanze
„concordia e discordia“ und sagt von
ihr, daß sie entweder Liebe oder Zwie¬
tracht stifte 50 ). Schon im 16. Jh. spricht
der Italiener G. Porta 51 ) von einer
Pflanze „concordia“, die von den siziliani-
schen Frauen gebraucht wird, wenn sie
mit ihrem Gatten uneins sind. Hier
dürfte es sich jedoch um keine Orchis,
sondern um die Judenkirsche (Physalis
alkekengi) handeln. In den Ver. Staaten
von Amerika nimmt man die „Adam and
Eve“ (vgl. oben) genannten Knollen
einer Orchidee (Aplectrum hiemale) als
Liebesorakel. Die eine Knolle nimmt
man für sich selbst, die andere für die
Geliebte. Je nachdem die eigene schwimmt
oder untersinkt, ist man erfolgreich oder
nicht 52 ). Über die Entstehung der hand-
förmigen Knollen sind verschiedene Ur-
1561
sprungssagen vom verlassenen Mädchen,
dem falschen Liebesschwur usw. bekannt,
so in Tirol M ) und in Böhmen 54 ). Ab
und zu erscheint die „Johannishand“
(menschenähnliche Gestalt!) als Alraun
(s. d.), vgl. auch oben, als Mittel, um reich
zu werden. So in der Sage vom „Galgen¬
männlein“, das in der Mittagsstunde
des Johannistages am Kaltenberge (Ober¬
lausitz) ausgegraben wird 5S ). Zieht man
die Wurzelknolle („Adamshändchen“)
vom Flecken-Kn. aus der Erde, so gibt
die Pflanze einen klagenden Ton von sich
(im Bergischen) 56 ). Auch die Slovaken
kennen eine Orchis-Art „hrvolec“, die
beim Ausgraben schrecklich schreien
soll 67 ), ein bekannter Zug des Alraun¬
glaubens. In der aphrodisischen Wirkung
berührt sich die „Johannishand“ eben¬
falls mit dem Alraun.
27 ) Ebenso in Dänemark als „fandens hand“:
Feilberg Ordbog 1, 268. 2B ) Mit „Johannis¬
hand“ wurden aber auch die aus den Wurzeln
von Farnen (s. d.) geschnitzten Talismane
bezeichnet. * 9 ) Vgl. auch Hegi lll. Flora v.
Mittel-Europa 2, 337. 30 ) Ebenso in England:
Britten and Holland Popul. Nantes 1878, 5.
31 ) Z. B. Neue Preuß. Prov.-Bl. 6 (1848), 229;
Treichel Westpreußen V,47; John Westböhmen
227; Heyl Tirol 792. 32 ) John Erzgebirge 205.
33 ) Niederlausitzer Mitteil. 3 (1893), 67. 34 ) Mar-
zell Bayer. Volksbot. 43 f.; Köhler Voigtland
377. 36 ) Dähnhardt Volkst. 1, 83. 3Ä ) Ascher-
son u. Graebner Synopsis der mitteleurop.
Flora 3 (1905/07), 714. 37 ) Neidhart Schwaben
55; vgl. auch Afzelius Volkssag. usw. aus
Schwedens Alt. u. neuer Zeit 3 (1892), 241;
dagegen umgekehrt: Arch. d. schlesw.-holst.
Ges. f. Gesch. 3. F. 7 (1864), 391. **) Fuchs
Kreuterbuch 1543 cap. 271; Wolff Scrutin.
amulet, medic. 1690, 137; Egerl. 26,61; Trei¬
chel Westpreußen V, 47 (die Pflanze wird dem
Vieh gegeben, daß es gesund bleibt); Reinsberg
Böhmen 312; Heyl Tirol 792 (Nigritella);
ebenso in Dänemark (DbotMon. 11, 75) und
auf den Hebriden (FL. 10, 275). 39 ) MschlesVk.
11 (1909), 200. *°) Heyl Tirol 792. 41 ) Finder
Vierlande 2, 238 = Heckscher 387. 42 ) Aus
einem alten Zauberbuch: Oberfränk. Heimat
1924, 28. tt ) Treichel Westpreußen X, 467.
44 ) John Westböhmen 87. 227. 48 ) MittnbohmExc.
27, 212. *•) Ulrich Volksbotanik 29. 47 ) Sa¬
voyen: Rtradpop. 13, 341. *®) Neue Preuß.
Prov.-Bl. 6 (1848), 229; Frischbier Preuß .
Wb. 1, 282; ebenso in Tirol am Ritten: Heyl
Tirol 792. 4Ä ) Gubernatis Plantes 1, 99.
60 ) SAVk. 19, 48, vgl. auch Finamore Cre-
denze Abruzzesi 1890, 80; Lei and Etrusc.
Rom. Remains 1892, 330. 61 ) Phytognomica
1591, 222. M ) Bergen Animal and Plant Lore
103. 63 ) Heyl Tirol 32. 64 ) Magazin f. Literatur
d. Auslandes 67 (1865), 137 f. 56 ) Meiche
Sagen 301 f. M ) ARw. 4, 310; ZfrwVk. 1, 56.
ß7 ) Hovorka und Kronfeld 1, 344.
4. Verschiedenes. Wenn man
„Kuckucksblumen“ (Orchis-Arten) ins
Haus bringt, geben die Kühe nicht mehr
viel Milch 58 ) oder die Hühner verlegen
ihre Eier 59 ). Dieser Aberglaube findet
sich auch sonst bei Frühlingsblumen
(s. d.), vgl. auch Nieswurz. Wenn einer
die Wurzel des Brändleins (Nigritella
nigra) zwischen den Händen reibt und
damit einem Küher, dem er Schaden zu¬
fügen will, den Käseladen befährt, so
soll der ganze Käs zu grund gehen (1787) 60 ).
Den Nabelbruch des Kindes heilt man,
wenn das „Dödle“ (Pate) unberufen ge¬
fundenes Kn. pflanzt 61 ). Vielleicht be¬
zieht sich darauf auch die Bemerkung von
Brunfels (Kreuterbuch 1532, 177): „Es
treiben auch die wundärtzet vnnd künst-
ler etlich ander gauckelwerk mit dissem
kraut, von welchem mir nicht gebürt
zu sagen“. Möglicherweise ist aber hier
unter dem „Kn.“ die Fetthenne (s. d.)
zu verstehen (vgl. unter 1). Soll ein
krankes Glied gesund werden, so muß man
es am Johannistag mit der „Gotteshand“
bestreichen, und zwar muß man den ersten
Strich über das Glied, den zweiten vom
Körper nach dem Ende des erkrankten
Teiles unter Anrufen der Sonne, als
Auge Gottes, ziehen. Alsdann muß das
Kraut heimlich dem Kranken in die
Kleider gesteckt werden und dort ver¬
bleiben, bis es in Staub zerfällt. Bestreicht
man jedoch irgendeinen Körperteil drei¬
mal in umgekehrter Reihenfolge und
Richtung mit der „Teufelshand“, so
erkrankt es bald 62 ). Nach einem isländi¬
schen Zauberbuch (17. Jh.) kann man
einen Dieb entdecken, wenn man „friggar¬
gras“ (wohl die auf Island häufige Pla-
tanthera hyperborea) drei Nächte im
Wasser liegen läßt und dann unter den
Kopf legt; im Schlaf wird man dann den
Dieb sehen ® 3 ); vgl. oben das Erscheinen
des „Zukünftigen“, wenn man die Jo¬
hannishand unters Kopfkissen legt. Die
braunen Flecken auf den Blättern man¬
cher Kn. (z. B. Orchis maculatus, O. lati-
1563
Knabenschaft
knacken—Knäuel
1566
folius) deutet eine verbreitete Sage als
die Blutstropfen Christi, die vom Kreuze
auf die Pflanze fielen 64 ), daher auch Volks¬
namen wie „ Herrgott stränchen“ in der
Eifel 65 ) oder „Christi Bloodsdraapen“
in Oldenburg 66 ), s. auch Knöterich.
In Siebenbürgen haben die Blüten des
Salep-Kn.s (O. morio) ihre schöne Farbe
vom Blute Christi erhalten 67 ), vgl. auch
die Bezeichnung „Herrgotts Fleisch und
Bluot“ 68 ). Nach anderer Sage haben die
Tränen der hl. Maria die Flecken auf den
Blättern veranlaßt, daher Volksnamen
wie Margendrehen (= Marientränen) im
16. Jh. 69 ), Muttergottesthränä 70 ), Fraue-
draeer 71 ). In der Schwalm sagen die
Kinder, daß der Kuckuck („Kuckucks¬
blume“) die dunklen Flecken auf den
Blättern hervorgebracht habe und singen
daher
Der Kuckuck hat geschrieben
Auf ein grünes Blatt:
Mutter gib mir Grieben
Aber nur recht satt 72 )!
Vielleicht hängt mit diesen gefleckten
Blättern der Aberglaube zusammen, daß
das Riechen an den Blumen Sommer¬
sprossen veranlasse 73 ), jedoch findet sich
dieser Glaube auch sonst bei Frühlings¬
blumen (s. d.) häufig. Aus der Länge
der Blütenähre der „Wiiblume“ (Orchis
masculus) kann man sehen, was für ein
Weinjahr wird 74 ). In der Blütengestalt
der Hummel-Orchis (Ophrys fuciflora,
Orchis arachnites) sieht man die Zeichnung
eines Totenkopfes, weshalb die Pflanze
auch „Totekopf“ 75 ), „Totechöpfli“ 76 )
genannt wird. Nach einer Sage auf der
Schwäbischen Alb erwuchs das Blümlein
aus dem Blute des Dichters Nikodemus
Fr ischlin, der auf Hohenurach gefangen
war und sich bei einem Fluchtversuch
in der Nacht vom 29./30. November 1590
in den Felsen zu Tode stürzte 77 ), vgl.
Nelke.
68 ) Köhler Voigtland 415. 69 ) Regel Thü¬
ringen 1895, 680. 60 ) Schwld. 5, 683. ® l ) Meyer
Baden 35; Schmitt Hettingen 14; Zimmer¬
mann Volksheilkunde 59. 62 ) Verh. d. Berliner
Gesellsch. f. Anthrop. 15, 80 = Pieper Volks¬
botanik 503 f. ® 3 ) ZfVk. 13, 271. * 4 ) Verh. d.
Naturw. Ver. Bremen 2 (1869/71), 263; ZfVk.
10, 213; vgl. auch Friend Flower Lore 1883,
191. * ß ) Verh. d. naturhist. Ver. d. preuß.
1564
Rheinlande und Westfalens 22 (1865), 284.
••) Huntemann Die plattdeutschen Namen usw.
1913, 38. * 7 ) Schullerus Pflanzen 169. ® 9 )
Wartmann St.Gallen 52. ••) Bock Kreuter¬
buch 1551, 296V. 70 ) Rhiner Waldstätten 28.
71 ) Eberli Thurgau 164. 72 ) Müllenhoff Natur
20. 73 ) MnböhmExc. 32, 46. 74 ) Alemannia
1915, 150. 7& ) Martin und Lienhart Elsäss.
Wb. 1, 461. 76 ) Wart mann St. Gallen 52;
Eberli Thurgau 164. 77 ) Meier Schwaben 354 f.
Literatur: H. Marz eil Die Orchideen in der
sexuellen Volkskunde. In: Geschlecht und
Gesellschaft, Dresden 14 (1926), 211—223;
Aigremont Pflanzenwelt 2, 39—45; ZfdMyth.
3, 260 f. 401. Marzell.
Knabenschaft. In vielen Teilen der
Welt haben Natur und menschlicher Ge¬
selligkeit st rieb drei mehr oder weniger
scharf voneinander abgegrenzte und in
sich geschlossene Gesellschaftsgrupp en
(Altersklassen)gebildet: Kinder, mann¬
bare Jugend und Verheiratete x ). Bei uns
werden die Kinder hauptsächlich durch
Spiel und Schule zusammengehalten, die
Verheirateten durch die Nachbarschaften,
die mannbare Jugend durch die Bur¬
schen-, Knaben- oder Bruderschaf¬
ten. Auch die Mädchen haben ihre Ver¬
bände und finden sich namentlich in der
Spinnstube und andern Arbeitsgemein¬
schaften zusammen.
Die kennzeichnenden Merkmale der
K.en sind: satzungsmäßig geord¬
nete Einrichtung, sittenrichter¬
liche Tätigkeit (namentlich auf den
Gebieten der Religion und der ge¬
schlechtlichen Sittlichkeit) und besondere
Mitwirkung und Vorrechte bei Fest¬
lichkeiten. Dabei kommen auch heute
noch allerlei Reste alten Glaubens und
Brauches zum Vorschein, wie über¬
haupt die K.en in mancher Beziehung
die Bewahrer alten Herkommens zu
sein pflegen 2 ). Sie sind es, die den
Mai bäum pflanzen, die verschiedenen
Jahresfeuer entzünden, dabei die
Scheiben schlagen und die brennenden
Räder zu Tal schicken, die Mailehen
verteilen und empfangen, das Mai¬
läuten besorgen 3 ) und die Lärmum¬
züge sowohl wie die (ebenfalls dämonen¬
scheuchenden) Katzenmusiken 4 ) veran¬
stalten. Zu den Fruchtbarkeitsriten,
die sie ausüben, gehört auch der Besuch
der Neuvermählten, wobei sie der jungen
Frau eine Puppe zeigen 5 ), zu den Rei¬
nigungsriten der oft von ihnen vollzogene
Wasserguß (Brunnentaufe) 6 ). Auch das
Umgehen und Umtanzen der Brunnen ist
wohl alte Kultübung 7 ). Über die bei
der Aufnahme in den Burschenverband
üblichen Bräuche s. hänseln. Tüne-
lingsweihe.
Eine große Arbeit über die K.en von Gian
Caduff wird wohl in absehbarer Zeit erscheinen.
x ) Schurtz Altersklassen und Männerbünde.
Berlin 1902; Usener in HessBl. i, 2070.;
Sartori Sitte 2, 188 f. 209; Hoffmann-
Krayer in SAVk. 8, 81 ff. 161 ff.; Manz
Sargans 3 ff.; Fronius Siebenbürgen 480.;
Wrede Rhein. Vkde. 164 ff. 2 ) HessBl. 1,
219 ff.; Sartori 3, 189 A. 5; Manz Sargans
27 ff. 34 ff. 3 ) Manz 34 f. 4 ) SAVk. 8, 164.
165. 172 t. 6 ) Ebd. 8, 88. 6 ) Ebd. 8, 171 f.
7 ) Ebd. 8, 175. 177. Sartori.
knacken, knallen, knarren, knistern,
krachen gelten allgemein als böse Vor¬
zeichen 1 ). Meistens sagen sie einen be¬
vorstehenden Todesfall im Hause vor¬
aus 2 ). Wo man das Geräusch zu hören
glaubt, ist für die Wirkung völlig gleich¬
gültig; besonders genannt werden die
Wände 3 ), der Stubenboden 4 ), der Deck¬
balken 5 ), der Grundpfosten des Hauses 6 ),
die Treppen 7 ), die Tür 8 ), die Möbel 9 ),
die Bettlade 10 ), das Knistern der Feder¬
kissen 11 ). Wenn beim Tischler das Holz
knackt, so weiß er, daß er bald einen
Sarg anzufertigen haben wird 12 ). In
Frankreich gilt der gleiche Glaube in
der erweiterten Form, daß kn. usw. den
baldigen Eintritt eines Ereignisses über¬
haupt Voraussage 13 ). Aus dem Olden-
burgischen wird eine Sage berichtet, nach
der bei der ersten Predigt nach dem Tode
des langjährigen Pfarrers einer Gemeinde
das Gebälk in der Kirche so gekracht habe,
daß man auf lange Zeit den Gottesdienst
in einem Privat hause abhielt, da man
allgemein den Einsturz des Gotteshauses
befürchtete 14 ).
Vgl. klopfen.
Eine kleinere Anzahl anderer aber¬
gläubischer Meinungen unbekannter Her¬
kunft hat sich außerdem noch an die
oben aufgezählten Geräusche geknüpft.
Durch ganz Deutschland gilt der Satz,
daß knarrende Stiefel noch nicht be¬
zahlt seien 15 ). In der Schweiz sagt man, so
viel Finger knacken (2, 1482), wenn sie
gezogen werden, so viele Freier habe ein
Mädchen 16 ). In Schlesien künden Knar¬
ren des Tisches kommenden Besuch 17 ),
in Westböhmen Krachen des Deck¬
balkens Wetteränderung an 18 ).
x ) Grimm Myth. 2,952. 2 ) Egerl. 3 (1899),
59; John Erzgebirge 113; ZfVk. 22 (1912),
162. 3 ) Stern Türkei 1, 395. 4 ) Höhn Tod
309. 6 ) John Westböhmen 250; ZfrheinVk. 5
(1908), 245. ®) ZfVk. 8 (1898), 290. 7 ) Zf¬
rheinVk. 5 (1908), 245. 8 ) Stern Türkei 1,
396; ZfVk. 2 (1892), 184. 9 ) Alemannia- 33
(1905), 301; Baumgarten Heimat 3, 101;
Drechsler 1, 286; Höhn Tod 309; John
Westböhmen 165; Kuhn Westfalen 2 151 § 143;
Schramek Böhmerwald 254; Strackerjan
1, 38 § 29; Wuttke 212 § 297. 10 ) Höhn Tod
309. ll ) ZfrheinVk. 5 (1908), 245. 12 ) John
Erzgebirge 117. 13 ) S 6 bi llot Folk-Lore 4,
155. 14 ) Strackerjan 2, 261 § 518c. 1B ) John
Westböhmen 251; Schramek Böhmerwald 255;
Wuttke 212 § 296. lö ) Unoth i, 185. I7 )Drechs-
ler 2, 199. 18 ) John Westböhmen 250. Tiemann.
Knäuel (Johannisblut; Scleranthus
perennis).
1. Botanisches. Niedrige Pflanze
mit schmalen, gegenständigen Blättern.
Die Blüten sind klein, weißlich-grün.
Der Kn. wächst besonders auf Sand¬
feldern, an trockenen Hügeln usw. Auf
Äckern ist der verwandte Sommer-Kn.
(Sei. annuus) häufiger r ). An den Wurzeln
des Kn.s lebt häufig die polnische Coche¬
nille (Porphyrophora polonica), eine
Schildlaus, die man vor der Einführung
der echten Cochenillelaus (Coccus cacti)
zum Rot färben benutzte. Am häufigsten
findet man diese Schildlaus um Johanni 2 ).
2. Die „roten Körner“ (= polnische
Cochenille, vgl. 1.) an den Wurzeln des
Kn.s spielen als „Johannisblut“ oder
„Christi Bluttropfen“ im Aberglauben
eine gewisse Rolle. „Am S. Johannistag
in der Mittagstunde soll man Sanct Jo¬
hannisblut sammeln, welches für viele
Dinge gut sein soll“ 3 ). Es ist ein „ein¬
fältiger Wahn“ zu glauben, daß dieses
Johannisblut nur am Johannistag und
zwar in Mittagsstunde am Kn. zu finden
sei 4 ). Die Körnlein in den Kleidern zer¬
drückt behüten das ganze Jahr hindurch
vor Krankheit und Unglücksfällen 6 ) oder
machen „fest“ 6 ). In der sog. Hexen-
1567
Knaufgebäcke, Knochengebildbrote
1568
kühle (bei Elmshorn) sieht man am Jo¬
hannistag zwischen 12 und 1 Uhr alte
Frauen ein Kraut sammeln, das an seiner
Wurzel Körner hat mit Purpursaft. Die
alten Frauen heben es in blechernen
Büchsen auf. Nur wenn in der Mittag¬
stunde gepflückt, kann es Wunder tun.
Mit dem Schlag eins ist seine Kraft vor¬
bei 7 ). In der Johannisnacht setzt sich
der böse Krebs (der Kn. heißt auch
„Krebskraut" 8 )) auf das „Johanniskraut",
und zieht man es mittag 12. Uhr aus, so
findet man an der Wurzel kleine Knoten
usw. Tut man dieses „Blut" vor der
Herzgrube ins Hemd, so ist man vor
dem Biß der Hunde sicher 9 ). Die Wenden
benutzen die Körner des „Johannisblutes"
als Orakel: sie drücken die Körner am
Hemde aus, dann entstehen Flecken.
Wenn die sich nicht auswaschen, dann
bleibt die betr. Person am Leben, waschen
sie sich aber aus, dann stirbt sie noch
dasselbe Jahr 10 ). Noch im Jahre 1902
wurde auf dem großen Exerzierplatz
bei Schwerin am 24. Juni (Johanni) von
verschiedenen Personen, die dabei streng¬
stes Stillschweigen beobachteten, „Jo¬
hanniskraut" gesucht 11 ). Bemerkens¬
wert ist, daß auch die Weiber der Tscher-
kessen (auf Erdbeere und kriechendem
Fingerkraut) „Cochenillewürmchen" sam¬
melten. Es hieß, daß diese sich an einem
bestimmten Tag aus der ganzen Gegend
an einem Strauß versammeln und daß
diejenigen, die am kasanischen Fest
(8. Juli; Johanni des gregorianischen Ka¬
lenders) in aller Frühe auf die Suche
danach gingen, einen Schatz fänden 12 ).
Vgl. auch die an Johanni unterm Beifuß
(s. d.) gefundenen Kohlen, ferner Ha¬
bichtskraut, Hartheu. Vielleicht
gehört auch die Pflanze „Christi Blut"
hierher, deren Blätter zu Weihnachten
und Ostern in den Teig des Feststutens
gebacken werden 13 ).
*) Mar zell Kräuterbuch 387. 2 ) Leunis
Synopsis d. Tierkunde 2 (1886), 477. 3 ) Rocken¬
philosophie 1707, 2 303; Keller Grab d. Abergl.
5/6, 321 f. 4 ) Schröder Apotheke 1693, 1101.
6 ) Montanus Volksfeste 147; Zincke Oecon .
Lexikon * 1, 1312; 2, 3123. Ä ) Thar¬
sander 2, 704. 7 ) Müllenhoff Sagen 222;
vgl. auch Schütze Holstein. Idiot. 1 (1800),
117 (Knaben verkaufen das ,, Johannisbloot"
in Gläsern. 8 ) DWb. 5, 2133. 9 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 285; vgl. auch Schiller Tier¬
buch 2, 26. 10 ) Schulenburg Wend. Volks¬
thum 163. 11 ) Nds. 16, 373. 12 ) Pallas Reise
durch versch. Provinzen des Russischen Reiches
1 (1776), 136. 13 ) Strackerjan 2, 71.
Marz eil.
Knaufgebäcke, Knochengebildbrote.
Der Name Knaufgebäcke stammt von
Höfler, der eine Monographie über sie
schrieb x ); das charakteristische Zei¬
chen dieser Gebäcke sind „zwei obere
und zwei untere Knäufe und eine auf¬
fallende Verdickung in der Mitte"; Höfler
stellt Taf. 2 die verschiedenen Formen
nebeneinander, dazu vgl. Fig. 22a, b, c,
der Weihnachtsgebäcke Taf. 4. Als Ur¬
form nimmt Höfler Fig. 16 an, die er 2 )
mit einer von Wilkinson 3 ) als Opfer¬
fleischstück gedeuteten ägyptischen Zeich¬
nung vergleicht, darstellend einen Schien¬
beinknochen mit Fleisch. Der Gedanke
aber, daß diese Gebäckarten Teigsub¬
stitute von Knochenopfem sind, stammt
von Rochholz, der in seinem berühmten,
für die 60er Jahre typischen Aufsatz „Das
Allerseelenbrot" Gebäcke dieser Art
deutete 4 ), wie ja auch der Name „Gebild-
brot" von ihm stammt 5 ). Während
Höfler und Rochholz aus Namen wie
Totenbeinli, Bubenschenkel usw. und
der Form auf eine ursprüngliche Substi¬
tution im Opferkult schlossen, haben wir
unter den Nachrichten über das Götter¬
essen in Mexiko eine bestimmte Angabe,
daß man im Kult Gebäcke in Knochen¬
form herstellte: Beim Fest Omacatls
buk man eine Art K. in Gestalt gekrümm¬
ter Knochen und nannte diese Omacatls
Knochen; am Morgen, nachdem man
diese Opferkuchen bereitet hatte, schlach¬
tete man einen Gefangenen mit den Em¬
blemen des Gottes; hierauf verteilte man
unter sich „Omacatls Knochen", wobei
jeder Teilnehmer ein Stück aß, um sich
gegen Hungersnot zu schützen 6 ). Parallel
geht ein Kultgebrauch, den Acosta ge¬
legentlich der Verteilung der Teigstatue
des Huitzilopochtli berichtet: Nachdem
junge Leute die Teigstatue des Gottes,
aus der dann der Priester das besonders
zubereitete Teigherz in Nachahmung einer
1569
kneifen—Knie
1570
wirklichen Opferung herausnahm, aufge¬
stellt hatten, kamen die Nonnen, die die
Statue verfertigt hatten, aus ihrem
Kloster und verteilten die Teigreste an
die Träger; diese Teigstücke hatten die
Gestalt von großen Knochen und wurden
Huitzilopochtlis Fleisch und Knochen ge¬
nannt 7 ). Höfler und Rochholz gehen
von folgenden Gebäckarten aus: Im
Engadin 8 ) und in Zürich 9 ) kennt man
ein Nachtischgebäck, die kipfförmigen
„Totenbeinli"; in der romanischen
Schweiz backt man, bes. in Graubünden,
Gebäcke in der Form von Totenbeinen
an Allerseelen 10 ); auch in Koblenz buk
man früher die Totenbeinchen u );
schon Rochholz vergleicht die hessischen
Bubenschenkel 12 ), bezeugt (1516) für
Eßlingen 13 ), auch für Mainz 14 ) (man
beachte Höflers Hinweis auf ein altes
Flußopfer!); praktisch haben die Aschaf¬
fenburger Bäcker den Namen ausgedeutet,
indem sie zu den Bubenschenkeln Mäd¬
chenschenkel erianden 15 ). Ferner
nimmt Höfler dazu die Aschaffenburger
„Därrbeencher", ein Gebäck, das am
Markustag im Wallfahrtsort Leiter ver¬
zehrt wird 16 ), ferner die Timpensemmel
in Braunschweig, an Hochzeiten in West¬
falen mit Honig (Seelenopfer bei Höfler !)
genossen 17 ); ganz unmögliche Betrach¬
tungen knüpft Höfler an das Schien-
beinl in Oberbayem, einen ganz einwand¬
freien Doppelkipf 1S ), ganz ähnlich die
Hedemarschen Totenbeinchen 19 ). Ganz
evident ist diese unwissenschaftliche Sym¬
bolik und Konstruktion, wenn Höfler die
Julkuse heranzieht (Julkalb, vgl. Gebild-
brote), die nach Form und Bedeutung mit
einem Knochenopfer gar nichts zu tun
hat 20 ), diesen Fruchtbarkeitserhalter und
Überträger 21 ), der bei den Saatriten eine
große Rolle spielt. Auch das Lucia¬
brot 22 ), die „Teufelskatze", muß nach
Form und Inhalt ausscheiden. Das Stroh-
sackel 23 ) in Regensburg, dessen Name
nach der Form ganz klar ist, beweist nur,
daß man aus Gebäcknamen allein keine
solchen Schlüsse ziehen darf. Da ist Roch¬
holz doch viel vorsichtiger. Wichtig für
die Erklärung der „Totenbeinchen" sind
die in Livorno an Allerseelen gebacke-
Bichtold-Stäubli, Aberglaube IV
nen „ossi" M ). Nach Tylor 25 ) ißt man
sie in Italien am Allerseelentag zu Ehren
der Toten, während Totenköpfe und Ge¬
rippe aus Teigmasse oder Zucker den
Kindern als Spielzeug geschenkt werden;
am giomo dei morti kommen die Seelen der
Verstorbenen und legen in der Nacht die
aus Zuckerteig hergestellten Knochen¬
bilder in die Schuhe der Kinder; diese
haben die Mütter über Nacht vor die
Türe gestellt, und die Kinder freuen sich
am Morgen über das Geschenk 26 ); da¬
bei muß man beachten, welchen Kult man
in Italien mit den Knochen der Toten
treibt 27 ). Für Böhmen erwähnt Reins¬
berg Stritzel, die am Ende gebogen und
den Menschenbeinen ähnlich sind 28 ).
l ) ZfVk. 12, 430—442, zitiert als Knauf¬
gebäcke ; vgl. ZföVk. 13, 86 ff.; Höfler Weih¬
nachten Tafel 4 Fig. 22; Ders. Ostern 43. 50.
2 ) Weihnachtsgebäcke 1 . c. 3 ) Wilkinson The
manners and customs of the ancient Egypiians
2, 28. 35. 458. 4 ) Germania n, 1—29, bes.
23; Rochholz Glaube 1, 229—335; bes. 327 ff.
6 ) Wo sind die vielzitierten „alemannischen
Gebildbrote" ? 8 ) Reuterskiöld Speise¬
sakramente 101. 7 ) Ders. 97 ff- 8 ) Rochholz
1 . c. 1, 327; Höfler Knaufgebäcke 435,
*) Schweizld. 4, 1305. 3105. 10 ) Rochholz 1 . c.;
Knaufgebäcke 435. n ) Knaufgebäcke 1 . c. 12 ) 1 .
c.; vgl. Knaufgebäcke 432 ff. 13 ) Mones Anzeiger
2, 190. 14 ) Knaufgebäcke 1 . c. 1S ) Ebd. 433.
u ) 1 . c. 17 ) 1 . c. 430. 18 ) 1 . c. 435. 19 ) ZföVk.
13. 87. 20 ) Knaufgebäcke 437 ff.; ZföVk 13,
Taf. 4 Fig. 18. 21 ) Reuterskiöld 120 ff.
a2 ) Knaufgebäcke 436 ff.; ZföVk. 13, Taf. 3
Fig. 12. 23 ) Knaufgebäcke 441; ZföVk. 13,
Taf. 4 Fig. 14. * 4 ) Knaufgebäcke 435. 26 ) Cul-
tur 2, 37. 26 ) ZföVk. 13, 86. 27 ) Roch -
holz Glaube 1, 293. 28 ) Böhmen 495.
Eckstein.
kneifen s. drücken 2, 468 t.
kneten s. drücken 2, 468 f. und
streichen.
Knie.
1. In den Weistümern wird das K.
öfters als Maß, namentlich für Brote,
verwendet l ).
, Das Sprichwort sagt von Mädchen:
Saubere K. eine Hexe, schmutzige
K. ein Schwein 2 ). Ein unter fränkisches
Mittel gegen Steinleiden fordert: Nimm
den Abschab von deinem K., grab 1 ihn
vor Sonnenaufgang stillschweigend in
die Erde, sobald er vergeht, vergeht dein
50
1571
knien
1572
Stein 3 ). In der Grafschaft Ruppin muß
man gegen Leibschmerzen den Schmutz
von den K.n schaben, ihn mit Wasser
vermischen und dasselbe einnehmen 4 ).
Wen es am K. juckt (s. d.), der ist
eifersüchtig 5 ), oder man kniet in fremder
Küche 6 ).
Wenn einer am Rochustage am K.
Schaden leidet, muß er drei Vaterunser
zum hl. Rochus beten, und der Fuß wird
sogleich gesund 7 ).
Das „bewährte Rezept“ der Ägypti¬
schen Geheimnisse des Albertus Magnus
(3» 10). ,,die Nachgeburt der Frauen ab¬
zutreiben“, beruht voraussichtlich auf
praktischer Erfahrung: „Nimm eine
Erbse groß Salz, noch so viel Muskat-
blüthe, lege dasselbe der Frau auf ihr
rechtes K., laß sie dasselbe mit dem
Munde davon nehmen, wenn sie kann,
soll sie es zerkauen und auf essen, wo nicht
mag sie es ausspeien, und zwei- oder drei¬
mal darauf Husten, wenn es noch nicht
folgen will, laß sie es auf dem linken K.
auch versuchen“. Die K.stellung war
ja bekanntlich ehemals die übliche Lage
kreißender Frauen 7 *). Bei gewissen Fu߬
schmerzen mag auch das von G. Hollen
mitgeteilte Mittel des K.küssens wirk¬
lich geholfen haben: Contra dolorem
pedum numerant cum pede lapides
muri pede sursum eleuate ad muram
et osculantur genua 8 ).
Einem fürwitzigen Lauscher steckt das
Nachtvolk ein Messer in das K., das er
ein ganzes Jahr tragen muß 9 ).
Das Falten der Hände um ein oder
beide K.e oder das Zusammendrücken
beider K.e war schon im Altertum ein
verbreiteter Zauber 10 ). Noch heute
glaubt man im englischen Sprachgebiete:
of you hug your knee (hold your knee
in clasped hands), you will hug up
trouble u ).
*) Grimm RA . 1, 141; vgl. vor allem
Meringer in WuS. 11, 114 ff. und nament¬
lich 118 ff., wo vieles Vkdl.; Güntert ib.
124 ff. 2 ) Lammert 217. 3 ) Ebd. 218.
4 ) ZfVk. 7 (1897), 291 Nr. 3. 8 ) Bergen
Superstitions 140 Nr. 1368. Ä ) Notes and
Queries, Folk Lore (1859), 91. 7 ) Zingerle
Tirol 169 Nr. 1415 (802). 7a ) Usener Sintflut
87. 8 ) ZfVk. 18 (1908), 444. 9 ) Vonbun Bei¬
träge 9. 85; ders. Sagen 36 Nr. 38. 10 ) S. o. 1,
1015; Agrippa v. Nettesh. 1, 233; SAVk. 26,
51. 52 f.; Panzer Beitrag 2, 347. n ) Bergen
Superstitions 136 Nr. 1299.
2. Auf die altgermanische K.setzung
bei der Adoption und Verlobung 12 ),
die an die Adoption durch Nachahmung
des Geburtsaktes erinnert, scheinen noch
einige Volksbräuche zurückzugehen.
Wenn sich im Altenburgischen die junge
Frau die Herrschaft in der Ehe sichern
will, muß sie bei der Hochzeitstafel ihr
Kleid über die K.e des Mannes breiten 13 ).
Die weiße Geisterjungfrau auf dem Lich¬
tenstein trat dem Schlächter mit ihrem
Fuße auf sein rechtes K. 14 ).
12 ) Grimm RA. 1, 598; Hoops Reallex. 1, 38;
Mannhardt Germ. Myth. 312 f. 13 ) Veckenstedts
ZfVk. 2 (1890), 35 Nr. 7; vgl. ebd. 2, 468 (Böh¬
merwald): der Bräutigam kniet bei der Trauung
auf den Rock der Frau; 3, 149 Nr. 17 (Posen):
Frau kniet auf Rock des Bräutigams; vgl.
Wuttke 372 § 564. 14 ) Schambach u. Müller
99 = Grässe Preußen 2, 948 Nr. 1180.
4. In England trägt man die K.scheibe
eines Schafes auf bloßer Haut gegen
Krampf 15 ).
16 ) Notes and Queries, Folk-Lore (1859), n.
Bäch told * Stäubli.
knien 4 ) ist der sinnfällige Ausdruck
der Selbsterniedrigung vor einem Mächti¬
gen, der Unterwerfung, des Schutz¬
flehens und Bittens 2 ). Es wird zur Geste
der Huldigung 3 ), der Untertänigkeit
in eigentlicher und übertragener Bedeu¬
tung: so spielt es in den höfischen Ver¬
kehr sformen des Mittelalters eine große
Rolle 4 ). Das Knien des Kindesvaters
beim Gevatterbitten in der Oberpfalz 5 )
und in Oberösterreich Ä ) wird als ein Rest
altertümlichen Zeremoniells anzusprechen
sein 7 ). Ein abgekürztes Knien ist der
Knicks und, mit Verneigung verbunden,
der Hofknicks 8 ).Im Mittelalter mußte der
Verurteilte vielfach kniend Abbitte tun •).
Das Knien im Kultus entspricht
seiner psychologischen Grundlage nach
durchaus dem profanen Knien 10 ) als
eine Ausdrucksform des Abhängigkeits¬
gefühls dem mächtigen Numen gegen¬
über und der demütigen Unterordnung,
des huldigenden Grüßens und ehrwürdigen
Anbetens, der hilfesuchenden Bitte und
der abbittenden Buße. Auch die ver¬
schiedenen Formen des Kniens (z. B.
1573
knien
1574
kniendes Sitzen im Islam, genuflexio
duplex mit beiden Knien und simplex mit
dem rechten Knie 11 ) im katholischen
Kultus) gehen auf profane Formen zu¬
rück. Wir finden kultisches Knien bei
manchen Naturvölkern, bei den Sumerern,
Babyloniern, Ägyptern, Juden, Indern,
Griechen 12 ), Römern 13 ) usw. Ob die
Germanen das religiöse Knien kannten,
ist nicht sicher 14 ); die wenigen Belege,
die dafür aus der altnordischen Literatur
angeführt werden 15 ), können schon christ¬
lich beeinflußte Sitte darstellen. Das
Christentum 16 ) hat das Knien aus
dem Judentum übernommen; während
es aber in den orientalischen Kirchen
allmählich mehr zurücktrat, hat es im
römischen Katholizismus im Lauf der
Jahrhunderte immer größere Bedeutung
bekommen. In der frühchristlichen Kir¬
che war es vor allem Ausdruck der Bu߬
gesinnung, an den Sonntagen und in der
ganzen Pentekoste, der Freudenzeit von
Ostern bis Pfingsten, kniete man daher
nicht im Gottesdienst, sondern stand
beim Gebet; eine Ausnahme machten die
genuflectentes und poenitentes 17 ). Noch
bis in die Zeit Karls des Großen schärfen
die Synoden diese Bestimmungen ein 18 ).
Für das private Gebet war schon seit
dem 2. Jh. das Knien die beliebteste
Haltung. Auf die weitere Entwicklung in
der katholischen Kirche und die die Ge¬
betshaltung genau regelnden liturgischen
Bestimmungen kann hier nicht ein ge¬
gangen werden. Innerhalb des Protestan¬
tismus spielt das Knien, abgesehen von
der anglikanischen Kirche, im Gottes¬
dienst keine große Rolle mehr. Während
man ehedem in der lutherischen Kirche
z. B. noch bei der Beichte kniete 19 ),
ist es heute meistens nur noch bei der
Konfirmation und vielerorts auch beim
Empfang des hl. Abendmahls Sitte; auch
in der reformierten Kirche kniete man
früher, z. B. noch 1675 in Zürich, bei der
Kommunion 20 ).
J ) Crawley Kneeling, Hastings 7, 745 ff.
2 ) Heiler Das Gebet 4 105; Sittl Gebärden 156.
3 ) Grimm RA. 1, 193. 4 ) Ebda. 1, 482. B )
Schönwerth Oberpfalz 1, 163. ®) Baum¬
garten Aus der Heimat 1869, 14. 7 ) Beim Ge¬
vatterbitten haben sich vielerorts sehr alter¬
tümliche Sitten erhalten, s. oben 3, 792. 8 )
Crawley a. a. O. 745 f. 9 ) Grimm RA. 2, 302.
10 ) J. Grimm Kl. Schriften 2, 459; Heiler Die
Körperhaltung beim Gebet : Mitt. Vorderasiat. Ges.
22, 168 ff. n ) Die genuflexio simplex mag aus
dem Kniebeugen bei der Huldigung in die Kirche
eingedrungen sein, jedenfalls hat die katholische
Kirche lange auf dem Beugen beider Kniee be¬
standen, ehe sie beide Genuflexionen zuließ und
ihren liturgischen Gebrauch regelte: Thalhofer
Handb. d. kath. Liturgik 2 1, 343. Die Genu¬
flexion ist besonders häufig in der irischen Litur¬
gie: R. Will Le culte 2, 444. Die Karthäuser¬
mönche berühren dabei nicht den Boden:
Crawley a. a. O. 747. l2 ) Walter Jahreshefte
d. Öst. Arch. Inst. 13 Beibl., 229 ff.; Weinreich
ARw. 17, 527 ff.; Samter Geburt 15 ff. (im Zu¬
sammenhang mit der Behandlung des Kniens
bei der Entbindung, auf das hier m. E. nicht
einzugehen ist). 13 ) Appel RVV. 7, 2, 201.
14 ) Grimm Myth. 1, 25; Meyer Religgesch.
407. l5 ) Mogkin Hoops Reallexikon 2, 130;
Eid unterm Rasen s. u. l8 ) Khuen: Wetzer
u. Welte 7, 803 f.; Leclercq Dict. d'archeol.
et de lit. 6, 1017 ff.; Thalhofer a. a. O. 1, 336 ff.;
Crawley a. a. O.; l7 ) Mhd. venie fallen :
Grimm Myth. 1, 26, 2. Aus dem Bußknien
stammt wohl auch das Bodenknien als Schul¬
strafe, noch in der Mitte des 19. Jh. in Bayern
geübt: Lammert 217. 18 ) Die Trullanische
Synode (692) bestimmt: Vom Samstagabend
bis Sonntagabend darf niemand das Knie
beugen: Hefele Conciliengeschichte 3, 341; über
das Concil zu Tours s. z. B. Alt Der christliche
Cultus 1, 161. 19 ) Alt a. a. O. 1, 160, 1; heute
noch am Bußtag beim Bußgebet im Hannover¬
schen: Heckscher Hannover 1, 229. 20 ) Will
a. a. O.
Es kann nicht unsere Aufgabe sein,
über Einzelheiten der religiösen Volks¬
kunde zu berichten, daß man z. B. im
einen Dorf des Allgäus beim Beten für
den Verstorbenen im Sterbehause kniet,
im anderen sitzt 21 ). Aber manches
gehört doch wohl in den Rahmen dieses
Hdwtbs., z. B. wenn in einem Liegnitzer
Gebetbuch aus dem Ende des 15. Jh.
empfohlen wird, am Weihnachtstag 3
Glauben kniend, danach 15 Paternoster
gehend und aber 3 Glauben kniend und
15 Paternoster gehend und noch 3 Glau¬
ben kniend zur Ehre der hl. drei Könige
zu sprechen; worum man dann bitte,
werde sicher gewährt 22 ). Verwandt ist
ein aus Gutenberg berichteter Brauch,
am Gründonnerstag drei Rosenkränze zu
beten, einen kniend, einen gehend und
einen stehend, dann könne man eine
arme Seele erlösen a3 ). In Kislegg war es
1575
knien
1576
gebräuchlich, daß die Braut während
der ganzen Hochzeitsmesse, auch während
des Evangeliums, knien blieb, damit der
Teufel keine Gewalt über sie bekomme 24 ).
In einem Gebetbuch von 1494 heißt es
von einem kurzen Gebet vom Leiden
Christi: wer dise wort spricht , off blosen
knyen vor eynem crucifix mit fier Pater¬
noster vnd Ave Maria mit andacht, der
wirtgewerth, was her bitet zeitlicher bete .. 25 ).
Eine weitere Verschärfung des Kniens ist
das Rutschen auf den Knien (vgl.
kriechen). Es kommt schon im alten Rom
vor, sogar der Triumphator Cäsar und,
nach seinem Vorbild, der Kaiser Claudius
rutschten auf den Knien die lange Treppe des
Kapitols hinauf 26 ). Die Scala santa beim
Lateran, aus dem Palaste des Pilatus in
Jerusalem von der Kaiserin Helena nach
Rom gebracht, darf, da sie Christus ge¬
gangen sein soll, nur kniend erstiegen
werden. Dieselbe Bestimmung gilt auch
für die Nachbildungen dieser Treppe,
z. B. in der Kirche auf dem Kreuzberg
bei Bonn und in der Heiligenkreuzkirche
bei Windberg 27 ). Als gottwohlgefällige
Übung und zur Buße 88 ) begegnet man dem
Knierutschen besonders an Gnadenorten.
Nur einige Beispiele: In der Wallfahrts¬
kirche St. Wolfgang am Inn bei Salzburg
rutschen die Andächtigen betend dreimal
auf den Knien um den Altar 29 ), ebenso
bei der Wallfahrt zum hl. Rasso in Graf¬
rath 30 ), zum hl. Leonhard in Inchen-
hofen 31 ). Der Mutter Gottes auf dem
Rupprechtsberg bei Dorfen werden Wall¬
fahrten gelobt mit der Erschwerung,um den
Altar zu kriechen (s.d.) oder von der unter¬
sten Stufe der Stiege (die Kirche liegt
auf einem Hügel) bis zu der Gnadenkirche
emporzukriechen 32 ). In Angerbach kro¬
chen die Wallfahrer auf bloßen Knien um
die Marienkapelle, in einem Fall wird
neunmaliges Umkriechen berichtet . In
Altötting umkreisen die Wallfahrer des
öfteren mit schweren hölzernen Büßer¬
kreuzen, die sie oft von weitem herschlep-
pen, beladen auf den Knien rutschend, den
Rosenkranz in Händen, die Kapelle in
dem gedeckten Rundgang 34 ). Im Leon¬
hardskult von Aign wird das Bild des
Heiligen von den Wallfahrern selbst oft
auf den Knien rutschend mühsam um
die Kirche getragen 35 ). Nach einer säch¬
sischen Sage machte eine Herzogin von
Meerane wegen Kindesmords eine Bu߬
fahrt zum Papste nach Rom auf den
Knien rutschend, die sie sich mit Polstern
hatte umkleiden lassen 36 ).
Auch zur feierlichen Gestaltung der Eid¬
zeremonie gehört vielfach das Knien 27 ).
Bekannt ist der nordische Schwur unter
dem Rasen, bei dem die Bundesbrüder
kniend einander Treue schwuren 38 ). Beim
schlesischen Grenzeid im 16. und Anfang
des 17. Jhdts. mußten die Bauern bar¬
fuß in einer ellentiefen Grube nieder¬
knien und, auf dem Haupt einen Rasen
haltend, schwören 39 ).
21 ) Reiser Allgäu 2, 295. 22 ) MschlesVk. 18,
38. 55. Was mittelalterliche Frömmigkeit in
solchen Gebetsübungen zu leisten vermochte,
kann eine Nachricht über eine 40tägige Andacht
der hl. Maria Oigniacensis zur hl. J ungfrau ver¬
anschaulichen : sie machte in dieser Zeit täglich
1100 Kniebeugungen, zuerst ohne Unterbrechung
600, dann las sie den ganzen Psalter stehend,
dabei sprach sie kniend zu jedem Psalm den
englischen Gruß, dann 300 Kniebeugungen mit
Geißelungen, schließlich noch 50 einfache Knie¬
beugungen (Acta Sanct. Boll. Jun. IV (1743)
643). 23 ) Reiser Allgäu 2, 113, 3. 24 ) Ebd [
2, 283, 31. 26 ) Mschles.Vk 18, 60 f. Auch an
Wallfahrtsorten verrichtet man oft die Gebete
auf bloßen Knien, s. z. B. Kriß Volkskundl.
aus bayr. Gnadenstätten 79. 87. 125 f. 26 ) Sittl
Gebärden 177 f. S. a. oben 1, 1719. Auch die
Esten knieten und krochen zur Opferstätte:
Grimm Myth. 3, 20. Von den Sorbenwenden
in der Lausitz wird erzählt: wenn einer ein
großes Verbrechen begangen hatte, mußte er
vom Flins (bei Bautzen) auf den steilen Frage¬
berg auf seinen Knien rutschen, um am Altar
des Czorneboh entsühnt zu werden: Meiche
Sagen 435, vgl. a. Kühnau Sagen 2, 519. 27 )
Kriß a. a. O. 280. 28 ) Andree-Eysn Volks¬
kundliches 13; And ree Votive 81; s. a. oben
1, 1719. 2#) Panzer Beitrag 2, 569. 30 ) Kriß
a a.O. 79. 31 ) Ebd. 87. 32 ) Ebd. 34. **)Ebd.
_ ^ n 04 v mit ■* nr. ' * /
) Panzer Beitrag 2,
198. 34 ) Ebd. 54. 35 ) Panzer Beitrag 2,
392. 36 ) Meiche Sagen 86 f. Belege für das
Knierutschen um Altar oder Kirche aus Frank¬
reich bei Sebillot Folk-Lore 4, 152. 135. 137;
aus Belgien bei J. Chalon Fetiches, idoles et
amulettes 2, 169. Dreimaliges Umkriechen einer
Heilquelle in Irland erwähnt Elworthy The
evil eye 63. 37 ) Grimm RA. 2, 556. M ) Ebda
1, 163 h., vgl. oben 2, 662 f. 3S> ) Grimm RA.
1, 166.
Nikolaus von Jauer 40 ) und Herolt 41 )
1111 * 5 * Jbdt. berichten, daß es damals
Leute gab. die beim Anblick Hpc Nah.
1577
knien
1578
monds niederknieten 42 ). Der Freischütz
kniet gegen Sonne, Mond und Gott 43 ).
Von altem Herdfeuerkult soll nach Grimm
das aus Skandinavien und Deutschland
bezeugte Knien vor dem Ofen übrig ge¬
blieben sein 44 ). Wenn man in Schweden
eldborgs skäl trank 45 ), versammelte sich
die Familie vor dem brennenden Back¬
ofen; alle bogen die Knie, aßen einen
Bissen Kuchen und tranken aus dem
Becher, was dann von Kuchen und Ge¬
tränk übrigblieb, wurde in die Flamme
geworfen. Im deutschen Kinderspiel wird
der Ofen kniend angebetet 46 ), in Mär¬
chen und Sagen wenden sich Unglück¬
liche zum Ofen und klagen ihm ihr Leid,
das sie Menschen nicht anvertrauen dür¬
fen 47 ). Es kommt jedoch auch das Motiv
in der Form vor, daß ein Mann nieder¬
kniet, zwei Finger auf einen Ziegelstein
legt und diesem das Geheimnis sagt unter
Anrufung Gottes und der Heiligen als
Zeugen 48 ). Grimm zitiert noch aus einem
Lustspiel Chr. Reuters aus dem Ende des
17. Jhdts.: „Komm, wir wollen hingehen
und vor den Ofen knien, vielleicht er¬
hören die Götter unser Gebet*'. Anima-
tistische Vorstellungen hegen jedenfalls
vor, wenn man einen Baum, von dem
man etwas abhauen muß, um Verzeihung
bittet: 1744 wurde in Bohuslän ein Mann
zu einer Kirchenbuße verurteilt, der von
einem Boträd einen Zweig abgehauen,
dann aber vor dem Baum einen Kniefall
getan und um Verzeihung gebeten hatte 48 ).
Der schleswigsche Pastor Arnkiel berichtet
(1703), daß man, wenn man einen Holun¬
derbaum unterhauen mußte, vorher mit
gebeugten Knien, entblößtem Haupte und
gefalteten Händen dieses Gebet zu tun
pflegte: „Frau Ellhorn, gib mir was von
deinem Holz, dann will ich dir von meinem
auch was geben, wann es wächst im
Walde" 49 ).
40 ) Grimm Myth. 3, 414. 41 ) MschlesVk.
21, 77. 42 ) Grimm Myth. 2, 587. In der Bre¬
tagne kniet man vor dem Neumond und spricht
das Vaterunser: Sebillot Folk-Lore 1, 62 f.,
vgl. Grimm Myth. 3,206; Knien beim Erblicken
des Abendsterns: Sebillot a. a. O. 1, 61. 43 )
Grimm Myth. 3, 20-ä M ) Ebd. 1, 523. 45 )
Ebd. 3, 482, 123; Feiroerg Jul 2, 296; Celan-
dei Folkminnen och folktankar 18, 61 ff. 44 )
Lewalter-Schläger 260 f. Nr. 1000 a. 408;
Bolte-Pollvka 2, 277. 47 ) Ebd. 2, 276. 48 )
Mannhardt 1, 60. Bei der Pyromantie kniend
dem Engel des Feuers opfern: Grimm Myth.
3, 430. 49 ) Müllenhoff Sagen 510. — Auf an¬
tikem Aberglauben beruht die Verehrung der
Verbene (s. o. 2, 733 ff.), kniendes Beten vor
einem ausgepflanzten Zweig dieser Pflanze
erwähnt Sebillot Folk-Lore 3, 477.
Wenn der fromme Bauer seine Ernte-
arbeit mit Gebet beginnt und dabei auch
die feierliche Form des Kniens mancher¬
orts üblich ist 50 ), so braucht man darin
noch keinen Wortzauber zu sehen 61 ).
Es war fromme Sitte, jedes Unternehmen
mit Gebet zu beginnen, die Formen er¬
starren allerdings vielfach 52 ), und auf
ihr Unterlassen oder mangelhafte Aus¬
führung werden wohl auch Unfälle zurück¬
geführt 53 ). Wenn aus Oberhessen be¬
richtet wird, daß vor der Heidelbeerernte
die Kinder „die ersten Stöcke kniend an¬
beten", so handelt es sich gewiß auch hier
ursprünglich um die Sitte, vor dem Beginn
der Arbeit ein Gebet zu verrichten, die,
hier kaum mehr verstanden, wie andere
altertümliche Bräuche beim Heidelbeer¬
suchen, von den Kindern weitergeübt
wird 54 ). Beim Abschluß der Getreide¬
ernte haben sich dagegen in manchen
Gegenden Bräuche erhalten, deren heid¬
nischer Ursprung zweifellos ist 65 ), bei
denen allerdings das kniende Gebet wohl
erst unter christlichem Einfluß entstan¬
den sein wird 56 ). So läßt man in Schwa¬
ben auf dem letzten Acker der Winter¬
frucht eine Handvoll Ähren stehen, die
man schon vorher bezeichnet und um¬
kreist hat. In sie steckt man einen ge¬
schmückten Maien und befestigt die
Halme daran. Alsdann knien alle Schnitter
nieder und beten fünf Vaterunser und
einen Glauben 57 ). In der Schweiz und
im südlichen Baden nennt man die letzten
drei oder neun Ähren „Glücks-
hämpfeli" 58 ) oder „Glückskom": im
Basel-Land begibt sich das ganze Ge-
schnitt zu der Stelle, wo sie stehen, kniet
nieder und betet fünf Vaterunser; hierauf
nimmt der jüngste Schnitter die Sichel
und schneidet die Ähren in den drei höch¬
sten Namen ab 59 ). Auch im alemanni¬
schen Baden findet sich diese Sitte, z, B.
in öflingen kniet Vater oder Mutter
1579
knien
knien
1582
nieder, betet ein Vaterunser und Ave und
schneidet die letzten Ähren in den drei
höchsten Namen; in Oberschwörstadt beten
beim Abschneiden der letzten 3x3 Ähren
die anderen Schnitter kniend den engli¬
schen Gruß, und im protestantischen Ort
Gersbach kniet eins beim letzten Schnitt
nieder und betet drei Vaterunser 60 ). Um
Mühlhausen im Elsaß knien alle Schnitter
nieder und beten fünf Vaterunser und
den Glauben, dann schneidet eine Jung¬
frau die letzten Halme und bindet sie
mit Ähren zum Strauß 61 ). In Nieder¬
bayern lassen die Schnitter einige Ähren
stehen, binden sie zusammen und schmük-
ken sie mit Blumen, sie knien herum und
verrichten ein Dankgebet ® 2 ). In Nieder-
pöring wird von den Burschen auf dem
Acker der letzte stehen bleibende Büschel
um einen Stock mit aus je drei abgeschnit¬
tenen Halmen geflochtenen Zöpfen so
gebunden, daß eine menschenähnliche
Figur entsteht, der „Oswald“; die Mäd¬
chen schmücken ihn mit Blumen. Dann
knien alle im Kreis herum, danken und
beten, daß das Getreide wieder gewachsen
ist und daß sie sich nicht geschnitten
haben. Dann wird um den Oswald ein
Walzer getanzt 63 ). Auch der Name des
Mahls für die Drescher nach der Ernte
„Niederfall“ (Mittelfranken) wird von
Mannhardt auf das Niederknien um den
Komdämon in der letzten Garbe zurück¬
geführt 64 ). Nach dem Mähen des Roggens
bindet man auch in Westfalen zwei Garben
mit einem Seile zu einer Puppe zusammen
und stellt sie am Ende einer Mandel auf,
dann strömen Mäher und Binderinnen zu¬
sammen und rufen jubelnd: „ De Aule,
de Aule\ (t , wobei an manchen Orten viele
Leute niederknien 65 ). Auch aus England
wird die Sitte des Kniens vor dem letzten
Korn bezeugt 66 ).
60 ) Belege bei Sartori Sitte u. Brauch 2, 75, 15;
vgl. a. Rantasalo Ackerbau 5 (FFC. 62), 42 f.
173. ßl ) oben 2, 943. 62 ) Z. B. betet in Schwa¬
ben vor dem Schneiden der Winterfrucht der
Bauer mit allen Schnittern kniend 5 Vaterunser
und den Glauben: Meier Schwaben 439. 63 )
Jahn Opfergebräuche 156 f. 64 ) HessBl. 22, 27.
65 ) oben 2, 947 ff. 68 ) In Böhmen knien die
Schnitter auf dem Felde nieder und beten, ehe
sie die Mandeln in die Scheuer bringen, ebenso
wie vor dem Beginn des Schneidens: Reins¬
berg Böhmen 350. 67 ) Meier a. a. O. “) oben
3, 884 f. 59 ) SchwVk. 4, 21, ähnlich Kiick m
Sohnrey 3 203; Jahn Opfergebräuche 176.
60 ) Meyer Baden 430. 61 ) Mannhardt 1, 203.
62 ) Panzer Beitrag 1, 242. 63 ) Ebd. 1, 241 f.
Der hl. Oswald wird vielerorts in Süddeutsch¬
land als Wetter- und Viehpatron verehrt. 64 )
Forschungen 339. 65 ) Kuhn Westfalen 2, 183.
66 ) Frazer 7, 211, 1.
Kniet bei der Trauung vor dem Altar
die Braut auf des Bräutigams Rock, so
bekommt sie die Oberherrschaft 67 ), kniet
dagegen der Bräutigam auf das Kleid
der Braut, so bleibt er der Herr 68 ). Wer
von den beiden Brautleuten früher nieder¬
kniet, stirbt zuerst 69 ). — Bei dem ersten
Kirchgang der Wöchnerin muß sie mit
dem rechten Knie zuerst niederknien, so
bleibt das Kind von Zahnschmerz ver¬
schont 70 ). — Auf dem Kalvarienberg in
Albendorf muß man beim Knien den
Kopf fest auf dem Messingknopf einer
Säule ruhen lassen, bis man fünf Vater¬
unser und den Glauben gebetet hat, dann
tut einem der Kopf nicht mehr weh 71 ). —
Wenn ein Kind nicht sterben kann, muß
die Hebamme auf der Hausschwelle
kniend ein Vaterunser beten (Ostpr.) 72 ).
Kniet man in der Christmette auf einem
Schemel aus neunerlei Holz, so kann
man alle Hexen 73 ) und Bilmesschnei¬
der 74 ) erkennen. — Wer einen Erb-
schlüssel besitzt, kann auf einen Kreuz¬
weg gehen und den Teufel zitieren, wenn
er sich dort auf den Schlüssel in einem mit
Dreikönigskreide gezogenen Kreis kniet 75 ).
Den Spruch, mit dem die Mädchen in
der Andreasnacht den Heiligen an-
rufen, daß er ihnen ihren Liebsten zeige,
müssen sie in der Regel vor ihrem Bett
kniend beten 76 ). In Böhmen knien die
Mädchen beim Baumfüttern am hl.
Abend bei den Bäumen nieder und beten
eine Weile, dann horchen sie, woher der
Hund bellt: von dorther kommt der Zu¬
künftige 77 ).
87 ) Grimm Myth. 3, 457, 661; MschlesVk. 2
H. 4, 57; 7 H. 13, 50 (polnisch). 68 ) John
Westböhmen 144. 89 ) Wuttke 372 § 564;
ZrwVk. 5, 118 (Schweiz); Knoop Hinter¬
pommern 159 Nr. 50. 70 ) Grohmann 116
Nr. 869. 71 ) Drechsler^, 310. 7a ) Wuttke
458 § 724. Auf der ScHwelle knien beim Ge¬
sellschaftsspiel: Heckscher Hannover 1, 208.
73 ) oben 3, 1901; Birlinger Volksth. 1, 467, 15;
auernfeind Aus dem Volksleben 24; BayHfte
j, 167, 31. 74 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 429.
76 ) Bauernfeind a. a. O. 28; Schönwerth
a. a. O. 3, 48. 78 ) oben 1, 398; Reinsberg
Festjahr 417; MschlesVk. 2 H. 4, 48. 77 ) John
Westböhmen 18. In Frankreich betet das Mäd¬
chen in der Mainacht am Brunnenrand kniend,
um im geschöpften Wasser den Geliebten zu
sehen: Grimm Myth. 3, 486, 29.
Auch bei andern magischen Hand¬
lungen und besonders beiBesegnungen
ist oft das Knien vorgeschrieben, z. B. soll
man, um Warzen los zu werden, vor
Sonnenaufgang mit einem Strohwisch an
einem gen Norden fließenden Wasser hin¬
knien, den Strohwisch eintauchen und
damit über die Warzen auf das Wasser
zu streichen im Namen Gottes und dann
den Strohwisch auf die Stelle legen, wo
man gekniet hat 78 ). Eine Vorschrift zum
Schneiden der Wünschelrute aus dem
15. Jhdt. verlangt K. nach den vier
Himmelsrichtungen, dabei Lesen des Jo¬
hannisevangeliums und Sprechen be¬
stimmter Gebete 79 ). Auch eine Be¬
schwörung guter "Geister aus dem
16. Jhdt. muß kniend gebetet werden 80 ).
Das Landgebot Herzog Maximilians in
Bayern verurteilt das abergläubische
Segen sprechen, wenn schon Gott und
die Heiligen darin genannt würden oder
„etliche Vaterunser etc. vor und nach
knyent gebetet werden müssen" 81 ). Wenn
man den Bruch eines Kindes mit einem
verlorenen Hufeisennagel in einen Baum
einschlägt mit einem Segensspruch, so ist
danach auf dem Erdboden vor dem Baum
kniend ein Vaterunser zu sprechen 82 ).
Einen Segen wider die Gicht, in dem man
sich an eine Fichte wendet, muß man
dreimal sprechen, indem man dreimal auf
den Knien um den Baum herumkriecht 83 ).
Gegen Zahnweh stochert man mit
einem Hufnagel in dem Zahn herum,
kniet dann auf einem Kreuzweg und
kritzelt mit dem Nagel einen Zauber¬
spruch auf den Boden, zu Haus wird der
Nagel dann in einen Balken geschlagen 84 );
oder es wird in Böhmen dem knienden
Kranken eine Schüssel voll Hafer auf
den Kopf gegeben, ein Zauberspruch
wird dabei gesprochen und dann von dem
Kranken die Schüssel mit dem Hafer
in einen Brunnen geworfen &b ). Ebenfalls
aus Böhmen stammt folgendes Rezept
gegen Fieber: Man geht vor Sonnen¬
aufgang ungewaschen, ungekämmt, schwei¬
gend und ohne sich umzusehen aufs Feld,
kniet dort mit bloßen Knien nieder, betet
mit ausgebreiteten Armen das Kreuz, drei
Vaterunser und Ave ohne Amen und
spricht dann eine Besegnung 86 ).
78 ) Drechsler 2, 287. 79 ) MschlesVk. 7
H. 14, 55 f- Ein vierblättriges Kleeblatt muß
man in der Bretagne kniend pflücken: Sebillot
Folk-Lore 3, 480. 80 ) MschlesVk. 9 H. 18, 27.
8l ) Panzer Beitrag 2, 273. Vgl. a. Alemannia
27,100. 82 ) Lammert 120. 83 ) Frischbier
Hexenspr. 63. Zum Umkriechen s. o. Sp. 1575.
84 ) Reiser Allgäu 2, 442. 85 ) Grohmann 168.
8e ) Ebd. 164.
Anachoreten und Mönche kasteiten
sich mit Knien. In der Kapuzinergruft
von Kitzingen fand man 1829 an vielen
Skeletten Kniescheibenbruchbänder, die
durch das täglich mehrstündige Knien
nötig geworden waren 87 ). Nach Eusebius
hist. eccl. 2, 23, 6 waren dem hl. Jakobus,
dem Bruder des Herrn, durch das be¬
ständige Knien im Gebet die Knie hart
geworden wie die eines Kamels, und das¬
selbe wird von Stephan von Tigerno
berichtet 80 ). St. Cuthbert betete nachts
in der See auf den Kieseln kniend mit gen
Himmel ausgestreckten Händen 8Ö ). Wie
weit man im Mittelalter mit solchen from¬
men Übungen ging, sahen wir oben an
dem Beispiel der hl. Maria von Oignies 90 ).
Merkwürdige Aushöhlungen in Steinen
erklärt sich das Volk gern als Fuß- oder
Sitzspuren von Heiligen 91 ). Auch Knie¬
spuren von Heiligen werden an vielen
Orten gezeigt 92 ), so bewahrt man in
Kremsmünster einen Stein, auf welchem
der hl. Wolfgang gekniet und Eindrücke
seiner Knie hinterlassen haben soll 93 ).
Der Stein vor dem Altar der Zähren¬
kapelle im Klostergarten von Hohen¬
berg trug die Spuren der Knie der
hl. Odilia, die hier die Seele ihres Vaters
aus dem Fegfeuer betete 94 ). Die Kapelle
Schönenbuchen ist über dem Felsen er¬
baut, auf dem der Apostel Petrus einst
gekniet hatte. Die Pilger pflegen in die
Kniespur des Heiligen zu knien 95 ), wie
man oft auch in die Heiligenfußspuren
hineinzutreten pflegt und davon sich be¬
sondere Gnaden erwartet.
1583
knistern
1584
Die Legende berichtete, daß Ochs und
Esel vor dem Christkind in der Krippe
die Knie beugten und es anbeteten 96 ).
In Schwaben glaubt man daher, daß in
der Christnacht um 12 Uhr, in der
Geburtsstunde Christi, die Tiere im Stall
auf die Knie fallen, um zu beten 97 ).
Man traut dem Tier zu, daß es die
Anwesenheit des Heiligen erkenne. Im
Jahre 1630 erschien im Kainnitzer Grund
ein Engel einem Hirten und forderte die
Menschen zur Buße auf; die Schafe fielen
vor ihm auf die vorderen Knie nieder.
An der Stelle wurde die Schäferkapelle
erbaut 98 ). Zum Erweis der Transubstan-
tiationslehre führte man früher gerne
Legenden an, nach denen Tiere vor der
Hostie niederknieten "), z. B. aus In¬
golstadt : Ein Hirt hatte, damit er immer
könne Gott verehren, in einen hohlen
Stab die Hostie getan. Einst verwechselte
er diesen mit anderen, gewöhnlichen
Stöcken und warf ihn unter das unruhige
Vieh. Siehe da: Ochsen und Kühe fallen
auf die Knie und beten an. Daselbst er¬
baute man die Salvatorkirche. Nach einer
anderen Legende begegnete einem Prie¬
ster bei einem nächtlichen Versehgang
eine Herde Esel, sie machen demütig
Platz und fallen zu beiden Seiten aufs
Knie und begleiten ihn sodann bis ans
Krankenhaus 10 °). Auch bei den Legen¬
den von den weisenden Tieren kommt
das Niederknien vor, so in der Sage von
der Errichtung des heiligen Kreuzes bei
Biberach: Sechs braune Pferde zogen den
Wagen, auf dem es lag. Der Fuhrmann
wußte nicht, wie es darauf gekommen
war. Als die Pferde an den heiligen Kreuz¬
berg kamen, hielten sie an, knieten nieder
und waren nicht weiter zu bringen, bis
das hl. Kreuz an der Stelle abgeladen
wurde 101 ).
87 ) Lammert 217. 88 ) Alt Der christl. Cultus
1, 163. 8# ) Grimm Myth. 1, 27. 90 ) Anm. 22.
91 ) s. oben 3, 240. 92 ) Günter Legenden -
Studien 28; Studien z. vergl. Lit.-Gesch. 5,
3391 Sebillot Folk-Lore 1, 372 f. 364t. 198.
• 3 ) Andree-Eysn Volkskundliches 4. ® 4 )
Hertz Elsaß 17. 95 ) Wolf Beiträge 2, 25. 98 )
Dähnhardt Natursagen 2, 13. 97 ) Cassel
Weihnachten 169. 88 ) MnböhmVfHeimatf. 48,
107 ff. ") Cassel a.a.O. LXXXVIII A.548. Bes.
berühmt und sehr oft auch bildlich dargestellt
ist das Hostienwunder des hl. Antonius von
Padua, s. B. Klein Schmidt Antonius von
Padua 69 f. 407 (Register u. Hostienwunder).
10 °) Cassel a.a.O. 168. l01 ) Panzer Beitrag
2, 174 Nr. 291. Hepding.
knistern s. knacken.
Reallexikon
der germanischen Altertumskunde
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Alkohol als Wort („Lautkörper“) /war aus dem Arabischen stammt,
seine heutige „Bedeutung“ aber durch den deutschen Ar/t Paracelsus
1526/27 erhielt (und so von anderen Sprachen übernommen wurde),
\ kann man im „Kluge“ nachlesen; auch, daß die Folgeerscheinungen
\ zu intensiven Alkoholgenusses, ein Kater, nichts mit dem Tier, wohl
, \ aber mit einem Katarrh zu tun hat und die sächsische Aussprache
I Leipziger Studenten für die Verbreitung der populären Version (Kater)
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